eignete sich auch sehr gut zum Verlängern des echlen Kaffees, man nahm wenige der teueren Bohnen und setzte ihnen das billige Zichorienpulver zu, das ergab ein wenigstens dunkel gefärbtes und voller schmeckendes Getränk. Wie sehr man auch gegen die Zichorie als„den erbärmlichsten Kaffee-Ersatz" eiferte, sie fand sie doch in weitesten Kreisen Eingang, und zwar nicht in Deutschland allein, sondern auch in Oesterreich-Ungarn, in Frankreich und in England. Der Absatz war schlichlich so groß, daß man die Wegwarte in regelrechte Kultur nahm, weite Felder mit ihr bebaute und die veredelten Wurzeln in eigenen Fabriken verarbeitete. In Deutschland wird die Zichorie namentlich in der Provinz Sachsen , in der Mark, in Schlesien und in Thüringen angebaut. Die Aussaat findet im April und Mai statt, und als eine besonders bewährte Sorte gilt der Magdeburger Spitzkopf. Im Herbst er- folgt die Ernte; das grüne Kraut wird als Viehfutter verwendet und die Wurzeln, die etwa 159 bis 290 Gramm schwer sind, werden einer besonderen Behandlung unterworfen. Man wäscht sie zuerst in besonderen Apparaten, in zylindrischen, rotierenden Trommeln, gründlich rein. Hierauf gelangen sie in eine Schneidemaschine, von der sie ähnlich wie die Zuckerrüben in Stücke zerschnitten werden. In diesem Zustande bilden die Wurzeln natürlich eine leicht verderbliche Ware, so daß man sie sogleich in die sogenannte Zichoriendarren bringt. In diesen Trockenanlagen bleiben die Stücke zwölf bis vierzehn Stunden lang auf Drahthorden der Wirkung der offenen Feuerung ausgesetzt. Sie verlieren ihr Wasser und schrumpfen auf etwa ein Viertel ihres ursprünglichen Gewichtes zusammen. Das gewonnene Produkt ist die gedarrte Zichorie, die sich etwa ein Jahr lang hält. Sie bildet bereits einen wichtigen Handelsartikel, da die Wurzel zumeist in diesem Zu- stände an den Zichorienfabrikanten verkauft wird. Nun gilt es, die Wurzel derart zu rösten, dah sie in Farbe und Geschmack einen brauchbaren, wohlschmeckenden Aufguß liefert. Will der Fabrikant eine feinere und dementsprechend auch teuerere Ware erzeugen, so setzt er den Stücken geringe Mengen etwa 1 bis 5 Prozent, von Pflanzenfetten, wie Erdnuß- und Sesamöl zu. Die Masse kommt nun in zylindrische oder kugel- förmige Trommeln und wird nach bestimmten/ durch die Erfahrung ermittelten Vorschriften geröstet. Der Zusatz von pflanzlichen Fetten erhöht dabei das Aroma der Zichorie, gibt ihr einen Gc° schmack, der an die flüchtigen Oele des Kaffees erinnern soll; auch die Farbe des Produktes wird schöner tiefbraun und die Haltbar- leit besser. Zuletzt wird die geröstete Ware auf besonderen Mühlen gu feinem Pulver zermahlen, das in Büchsen oder Paketen in den Handel gebracht wird. Um billigere Sorten herzustellen, röstet man die Wurzelstücke vhne Zusatz von Pflanzenfett. Das so gewonnene Pulver ist sehr trocken, man läßt es also zunächst in einer von Dampf erfüllten Luft liegen, bis es 20 bis 25 Prozent Feuchtigkeit aufgenommen hat. Erst die so„beschwerte" Ware wird in Büchsen und Pakete gebracht. Im unlauteren Betriebe kennt man aber noch geringere Sorten Zichorie. Man hat der Zichorie oft übles nachgeredet, daß pe nicht immer unter eigener Flagge segelt, sondern zum Ver- fälschen des gemahlenen echten Kaffees verwendet werde. Die Fälscherzunft geht aber noch weiter, sie fälscht die Zichorie selbst. Rüben sind billiger als Zichorienwurzeln, also röstet man Rüben- stücke und mengt sie unter die echte Zichorie; ja, man ging noch weiter und setzte dem Kaffecsurrogat noch minderwertigere Stoffe, selbst gepulverten Torf hinzu. Derartige Zichorie muß allerdings den erbärmlichsten Kaffee-Ersatz bilden; dafür kann aber der ehr- liche Zichorienfabrikant nicht verantwortlich gemacht werden; er leidet darunter ebenso wie der Konsument, der einige Pfennige gu sparen glaubt, dabo« aber den Torf, den er trinkt, doch viel zu teuer bezahlt. Noch vor kurzem wurden in Deutschland gegen 19 999 Hektar Land mit Zichorienwurzeln bebaut. In etwa 199 Fabriken wurden gegen 1909 Arbeiter beschäftigt; den Wert der Fabrikate schätzte man auf 15 Millionen Mark im Jahr, und nicht unbedeutend war die Zichorienausfuhr Deutschlands . Diese Industrie hat aber ihren Höhepunkt überschritten; sie ist im Rückgang begriffen. Für den Verbrauch der Kaffeesurrogate ist der Geschmack ausschlaggebend »ind seit einiger Zeit hat sich der Geschmack der Massen geändert. Der Kaffee behauptet sich, er zwingt durch die anregenden Be- standteile, durch die das Herz und die Nerven anpeitschenden Reiz- mittel den Menschen in seinen Bann. Das milde, indifferente Kaffecsurrogat kann sich nur durch seinen Geschmack behaupten. Da ist aber in dieser Hinsicht dem einzelnen wie der Masse von Zeit zu Zeit eine Abwechselung nicht unangenehm und so hat sich in der Neuzeit der Geschmack mehr dem Gersten- und Malzkaffee zugewendet. Vielleicht wird aber der alten blauen Wegwarte noch einmal eine bessere Zukunft blühen. Sie kann ja auch zu anderem als zum Kaffeesurrogat verwendet werden. ES sagt dieser und jener, Site Zichorienwurzeln schmeckten ebenso gut wie Schwarzwurzeln. ndere haben aber entdeckt daß die geröstete Zichorienwurzcl dem Malz recht ähnlich zusammengesetzt ist. Man stellt uns also Zichorienbier in Sicht. Und wenn das nicht gehen sollte, so könnte man aus der Zichorie Spiritus gewinnen. Ein Volksmärchen erzählt, die blaue Wegwarte sei ein ver- zaubcrtes Mägdelein, das am Wegrand steht und des Ritters harrt, der einmal des Weges kommen und sie erlösen wird zu alter Herr- lichkeit, denn eine Prinzession wohl war das Mägdelein. Der Ritter des Kaffee-Ersatzes scheint nicht der echte gewesen zu sein, obwohl er viel geleistet hat. Nun, der rechte kann noch kommen. kleines f culUcton* Ein neues Mittel zur Mückenvernichtung. In keiner Zeit zuvor hat die Menschheit den Kampf gegen die Insekten mit solcher Energie betrieben wie heute. Früher erschienen sie nur als ein dem Menschen lästiger Bestandteil der Schöpfung, dessen sich der einzelne erwehrte, so gut eS eben gehen wollte. Seit aber die Wissenschaft festgestellt hat, daß die Insekten in hervorragendem Grade die Träger gefährlicher Krankheiten sind, die unter Menschen und Haus- tieren eine große Verbreitung besitzen, hat man eine scharfe Kriegs- crklärung gegen diese Sippe erlassen. Petroleum und allerhand ätzende Flüssigkeiten, sogar auch schon der elektrische Strom sind gegen die Insekten mobil gemacht worden. Besonders muß man dabei auf allerhand Pfützen und andere Ansammlungen stehenden Wassers achten, in denen sich die Larven der Stechmücken entwickeln. Diese Aufgabe sollte überall erfüllt werden, ob- gleich die Krankheiten, die durch solche Insekten über« tragen werden, nach der bisherigen Kenntnis hauptsächlich auf tropische und subtropische Gebiete beschränkt sind. Im französischen Afrika hat man jetzt ein neues Mittel gegen die Moskitos entdeckt, das sich als besonders billig empfiehlt und berufen erscheint, das teurere Petroleum zu ersetzen, mit dessen Hilfe man bisher die Mückenlarven im Wasser zu vergiften pflegte. In jenem Gebiete wächst ein Kaktus, aus dessen dicken, fleischigen Blättern sich leicht ein zähflüssiger Teig bereiten läßt. Wenn dieser auf einer Wasserfläche verteilt wird, so überzieht er sie mit einer für die Mückenlarven undurchdringlichen Schicht, so daß die Insekten- Nachkommenschaft aus Atemnot zugrunde geht. Auch das Petroleum wirkt in ähnlicher Weise, hat aber außer seinem höheren Preise noch den Nachteil, schneller zu�verdunste» und dann unwirksam zu werden, außerdem auch den, einen unangenehmen Geruch zu verbreiten. Der KaktuSleig dagegen bleibt wochenlang oder sogar bis zu einem Jahre wirksam, was insofern nicht nötig wäre, als die EntWickelung der Larven nur ungefähr zwei Wochen dauert. Vielleicht wird dieS nützliche Gewächs zum Zwecke der Mückenvertilgung noch einmal zu einem Artikel des Welthandels. Aus dem Gebiete der Chemie. Die Chemie der Blütenfarben. Pflanzcnfarbstoffe sind in der engeren Auslese von Prüfungsinitteln, womit der Chemiker unbekannten Stoffen zunächst zu Leibe rückt, um deren Zusammensetzung zu erforschen, von grundlegender Wichtigkeit. Eine der allerersten Fragen, ob der zu untersuchende Körper von saurer oder alkalischer Natur ist, wird mittels des sogenannten Lackmus- Papiers oder ähnlicher Präparate entschieden. Die mit dem violett- rötlichen Farbstoff der Lackmusflechte getränkten Papierstreifchen werden im erstercn Falle rot, im letzteren lief dunkelblau. Das mit dem Farbstoff der Cnrcuma-Rinde geiärbte, dottergelbe Prüfungs- papier nimmt in alkalischen Flüssigkeiten eine tiesbrannrote Farbe an. Aber auch die prächtigen Farben der Blumenblätter er- leiden unter dem Einfluß von Chemikalien nachhaltige Veränderungen. Die rote Rose erbleicht und wird farblos, wenn man sie dem Schlvefclwafferstoffgas aussetzt. Manche wunderliche und natur- widrige Blütensärbungen, die in den Schaufenstern unserer Blumen- lüden beivundert werden, sind durch Anilinfarbstoffe erhielt. Auch Zusätze zur Erde, aus der die Gewächse sprießen, vermögen Färb- ändcrungen hervorzurufen. Ueber die chemischen Vorgänge, die dabei stallfinden, ist im einzelnen nicht allzuviel bekannt, denn die Natur der Stoffe, denen die natürliche und gezüchtete Flora die bunte Pracht ihrer Blüren verdankt, ist nach mancher Hinsicht noch zu wenig studiert. Der in diesen Wochen verstorbene englische Naturforscher Sorby hat jahrzehntelang diesem Gebiete seine Aufmerksamkeit ge- widmet und insbesondere die von ihm erfundene spektral« mikroskopische UntersnchungSmethode zu seiner Erforschung angewendet. Was er erzielte, hat er kurz vor seinem Tode der Wochenschrift „Natnre" in zusammengefaßter Form mitgeteilt. Er hat die Blüten- sarbstoffe nach ihrem Verhalten gegen bestimmte Rcagcntien wie Schweselnatrium, Zitronensäure und schwache Alkalien in größere Gruppen einzuteilen vermocht und aus dem spektroskopischen Ver- halten einige Schlüsse allgemeiner Art gezogen. Danach scheint es, daß die Anzahl der färbenden Substanzen in den verschiedenen Blütenarten zwar eine außerordentlich große ist, daß jedoch vielen dieser Farbstoffe ein und derselbe„Kern", im chemischen Sinne, zugrunde liegt und die Variation nur durch einen damit verbundenen wechselnden Bestandteil bedingt ist. Bisweilen bringt auch eine Pflanze zwei oder drei deutlich ver- schiedene Farbstoffe hervor, die entweder einzeln oder gemischt auf- treten. In anderen Fällen wiederum gehen diese Farbstoffe leicht ineinander über und können wechselseitig sür einander eintreten. Im großen und ganzen kann man Sorbys Versuche, wie er eS Übrigens in seiner Veröffentlichung auch ausdrücklich erloäbnt. nur als'wertvollen Wegweiser an der Grenze eines noch rätselvollen Gebietes des Naturreichs bezeichnen. verantw. Redakteur: Georg �ovidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanitalt Paul Singer& Co., Berlin SVV.
Issue
25 (26/05/1908) 101
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