655 Die gesamte Gesetzgebung für Tirol war Attribut der Tiroler Selbstverwaltung, das heißt ihres Funktionärs, des gewählten Landtags. Dieser Tiroler Landtag war etwas nahezu Einzig- artiges. Auf diesem Landtag waren nicht bloß Adelige, Prälaten und Stadtmagistrate, sondern auch die Bauerngemeinden der- treten und zwar durch standesgenössische, eigene, von den Ge- meinden delegierte Vertreter. So nahm die Hauptmasse des Volkes an der Gesetzgebung Anteil. Der Landtag besaß insbesondere das Grundrecht, das überhaupt erst einem Parlament Wesensbedeutung gibt: das Budgetrecht. Seit dem Mittelalter hatte der Tiroler Landtag die Befugnis, die für Tirol nötigen Steuern zu der- willigen; der Landesherr in Wien und sein Vertreter in Innsbruck hüteten sikb, gegen den Willen der Volksvertretung Steuern auszu- schreiben. Aber mehr: der Landtag besaß in gewissem Umfang sogar das Recht der Steuererhebung und-Verwaltung: die Tiroler Steuer- beamten waren zum großen Teil nicht landesherrlich, sondern ,land- schaftlich" das heißt: Landtags beamte. Auch die geistige Kultur des Landes, die eine katholisch-kirchliche, eine Klerikerkultur gewesen ist, hatte ihre demokratiscken Züge. Gewiß unmöglich denken wir hier an die hohe Geistlichkeit. Wohl aber war die niedere Geistlichkeit, der Seelsorger des gemeinen Mannes, mit dem Volke von Tirol aufs engste verwachsen. Der Dorspriester kam ja selber aus dem Volke; und wenn er einige Jahre in Innsbruck auf geistlich" studiert hatte, dann kehrte er in sein Heimatdorf zurück, um dort die Volks- genossen in allen übersinnlichen Dingen zu belehren und mit dem letzten Mann im Dorf Sorgen des Alltags freundlich zu teilen. Rosegger hat uns solche Verhältnisse wahr­scheinlich gemacht und es ist eine Tatsache: es gibt sie. Wie man übrigens über den demokratischen Gehalt jener Kirchs denken mag: dies steht fest, daß das Volk sich mit den niederen Priestern verbunden fühlte und den populären Orden anhing und daß es ge« fährlich war, in dies Sympathieverhällnis hineinzugreifen, dem Tiroler Bauernvolk, mit Hugo Schulz zu reden, dieMedizin- männer" anzufechten. Die bayerische Regierung focht sie an und fie tat noch anderes, den Aufstand der Tiroler herbeizuführen. (Nachdruck verboten.? Die Vicve und der Luftballon, Von Dr. Th. Zell. Einen äußerst wertvollen Einblick in die Tierseele erhalten wir augenscheinlich bei solchen Umständen, wo die Tiere plötzlich ganz neuen Erscheinungen gegenüberstehen. In den letzten hundert Jahren hat es an solchen wirklich nicht gefehlt, man denke z. B. an die Eisenbahnen, namentlich an die feuerschnaubcnden Lokomotiven, fenicr an ungewöhnlich große Wagen, wie Omnibusse, Pferdebahnen usw., sodann an die pferdelosen Gefährte, wie elektrische Wagen und Automobile. Luch die Radfahrer dürfen nicht vergessen werden. Die Natur der Sache bringt es mit sich, daß mit Ausnahme der Eisenbahnen gewöhnlich nur Haustiere in direkte Berührung mit den neuen Erscheinungen geraren. Von den Haustieren wiederum sind es in erster Linie Hund und Pferd, die unsere Siraßen beleben und deshalb am leichtesten mit einem neuen Gefährt zusammen- treffen. Beide benehmen sich grundverschieden, wie es nicht anders zu erlvarten ist. Der Hund ist von Hause aus ein Raubtier und hat bei lins zu Lande eigentlich keinen Feind, den er zu fürchten hätte. Denn den Wolf haben wir ausgerottet, eben- so den Luchs, der ihm gefährlich werden könnte. Deshalb benimmt er sich überall mit einer edlen Dreistigkeit, die ihn auch gegenüber neuen Erscheinungen nicht verläßt. Weil es unserem Hund zur zweiten Natur geworden ist, überall mit einem großen Mundwerk aufzutreten, deshalb kann man ihn in den Tropen nicht halten. Auch dort bellt er jede neue Gestalt an, und sei es auch ein großes Raubtier. Daß daS Pferd sich in völlig entgegengesetzter Weise benimmt. liegt daran, daß es von Hause aus ein fliehender Pflanzenfresser ist. Kleine Raubtiere, wie Wölfe und Hyänenhunde, werden allerdings von den Führern der Einhuferherde, den mutigen Hengsten, belämpft, aber den großen Katzen gegenüber, die mit Vorliebe das Fleisch von Zebras und anderen Einhufern verzehren, find sie machtlos. Hier schützt sie nur ihre Schnellfüßigkeit. Deshalb stürmen sie, die fast immer Kinder der Ebene sind, bei ungewohnten Erscheinungen iin rasenden Laufe dahin, denn in der iveiten Ebene gibt es keine Bäume und Häuser, gegen die man laufen könnte, und so besteht eine Gefahr, fich den Schädel einzurennen, unter ihren natürlichen Verhältnsffen nicht. Diese alte Weise der Rettung, das sinnlose Davonstürmen. was wir als Durchgehen" bezeichnen, hat das Pferd auch heute noch nicht aufgegeben, und namentlich bei neuen Erscheinungen von großer Gestalt besteht stets die Gefahr, daß es zur Praxis der Vorfahren zurückkehrt. Ein Hauptmittel, dieses für den Menschen so gefährliche Durchgehen zu verhindern, besteht in der Gewöhnung, indem man dem Tiere die Ueberzeugung beibringt, daß das neue Ungetüm ihm nichts zu leide tut. So hat fich auch das Wild an die Eisenbahnzüge gewöhnt, ja die Eisenbahndämme werden von wilden Kaninchen und anderem Getier bewohnt, wie ja auch in Berlin die Sperlinge in den Stadtbahnbögen brüten. Eine ganz abweichende neue Erscheinung ist der Luftballon, da er sich nicht wie die erwähnten Gesährte auf der Erde fortbewegt Wie verhalten sich die Tiere ihm gegenüber? Ein Weidmann, der zugleich Luftschiffer ist, hat kürzlich seine Beobachtungen in einer Jäger-Zeitung veröffentlicht. Ich möchte sie hier wiedergeben, indem ich zugleich die Gründe beifügen will, weshalb sich die einzelnen Tiere verschieden benehmen. Beginnen wir mit dem Hirsch. Gelegentlich einer niedrigen Fahrt über die wildreiche Schorfheide sahen der Beobachter und seine Begleiter an 130 Stück Rotwild in starken Rudeln stehen, die aber dem Lustballon keine Beachtung schenkten und sich erst in den Wald begaben, als die Luftschiffer sie mehrfach angerufen hatten. Da der Ballon sich nur in einer Höhe von etwa 180 Meter befand, so konnten die Luftschiffer deutlich erkennen, daß sich ver- schiedene Kapitalhirsche unter den Rudeln befanden. Ganz anders benahmen sich Reh und Hase. Die Rehe, mit denen der Beobachter in den Waldungen nördlich von Celle zu- sammentraf, ließen ihr bekanntes Schrecken ertönen, und dieser Angstruf pflanzte sich wie ein weitergegebenes Losungswort in einer Postenlinie fort. Noch furchtsamer jedoch zeigte sich der Hase. Gelegentlich einer Nachtfahrt im August, die bei Mondschein über die hasenreichen Felder der Provinz Sachsen dahinging, klang eS zu den Luftschiffern, die nur in geringer Höhe fuhren, wie ein unablässiges Rauschen herauf, so stoben die Herren Lampe in Angst und Schrecken durch Rüben und Kohl durcheinander. Es liegt nun die Frage nahe, warum sich das Wild so ver- schieden beim Anblick eines Luftballons benimmt und eine Antwort hierauf kann natürlich nur dann richtig erteilt werden, wenn wir uns die Feinde vergegenwärtigen, die den einzelnen Wildartenvon oben" drohen. Der Hirsch ist gegen Erscheinungen in der Luft gleichgültig. weil ihm von hier aus so gut wie keine Gefahren drohen. Die großen Raubvögel, die Adler und Seeadler, können einem aus- gewachsenen Hirsch nichts anhaben. Der Luchs ist bei uns so gut wie ausgerottet, und wo er noch vorkommt, bevorzugt er entschieden das Reh, schon weil er es leichter überwältigen kann. Die Wild- katze konimt als Feind des Hirsches nicht in Betracht. Luchs und Wildkatze lauern auf Bäumen auf das vorübergehende Wild und springen ihm an die Kehle, sind also Gefahren, dievon oben" drohen. Ganz anders sind die Gefahren, die Reh und Hasen bedrohen. Rehkitze greift bereits der Bussard und Habicht an, und Adler und Seeadler würden sich unter Umständen gewiß an ein erwachsenes Reh wagen. Der Luchs ist. wie wir schon erwähnten, der grimmigste Feind des Rehs, und da kürzlich sogar, wie ein glaubwürdiger Weid- mann in einer Jäger-Zeitung berichtete, ein großer Wiesel einer Ricke an den Hals sprang, so dürfte die Wildkatze nicht nur Reh« kälbern, deren Feind auch der Marder ist. sondern auch ausgewachsene» Rehen gefährlich werden. Am schlimmsten liegt die Sache für den Hasen. Denn dem aus- gewachsenen Lampe stellen Wildkatze und Marder, ferner die großen Raubvögel und Raben, den noch nicht ausgewachsenen außerdem Krähen, Elstern und anderes Gesindel auS der Vogelwelt nach. Mit Recht sagen daher die Gebrüder Müller, daß das Leben des Hasen eine fast ununterbrochene Kette der Drangsal, der Not und des Leidens sei. Weil der Hase weiß, daß er jederzeit von einem Heer von Feinden umlagert ist, deshalb erklärt sich seine sprichwörtlich gewordene Furcht. Wir lächeln darüber, ohne dem annen Kerl an- geben zu können, wie er denn beispielsweise sich gegen einen Fuchs verteidigen soll. Weil seine Furcht berechtigt ist, so erschrickt er auch vor jedem neuen Gegenstand, da er sich mit gutem Grunde sagt: Etwas Gutes wird das Neue schwerlich für mich sein. So erzählt der bekannte Naturforscher Lenz, daß es lächerlich aussieht, wenn man in den Stall eines Hasen mit einem weißen Bogen Papier oder sonst einem ähnlichen Dinge eintritt. Der Hase gerät ganz aus der Fassung und springt wie verrückt meterhoch an den Wänden in die Höhe. Der Hirsch hat also unter heutigen Verhältnissen weder für sich noch sür seine Nachkommenschaft einen Feind, dervon oben" kommen könnte, deshalb bleibt er dem Luftballon gegenüber gleichgültig. Das bedeutend ängstlichere Reh hat dagegen wenigstens für seine Kleinen verschiedene Feinde, die von oben kommen köimten, deshalb traut es dem Frieden nicht, sondern stoßt Angstrufe auS. Lampe hat mit Recht die größte Angst, denn einmal drohen ihm auch heute noch Feinde, die von oben kommen, sodann hat er guten Grund, allen neuen Erscheinungen gegenüber mißtrauisch zu sein. Wie nun benimmt sich der Erzfeind des Hasen, unser R e i n e k e, gegen den Luftballon? Unser Beobachter teilt darüber folgendes mit: Ein Füchslein war auf einer Waldblöße wohl in tiefe Be- trachtungen über das Wann und Wie des nächsten Hasenbratens versunken und so erschrocken, als ihn der Luftschiffer anrief, daß er nach allen Seiten hin- und herschnürte, ohne den Weg in den rettenden Hochwald zu finden. Der Beobachter meint, daß man hieraus er- sehen könne, wie selbst solche Schlaumeier einmal bei unvorher- gesehenen Fällen den Kopf verlieren können. Ueber die Schlauheit des Fuchses sind bekanntlich die Ansichten sehr geteilt. Eine Reihe von Handlungen, die ihm als Dummheit ausgelegt werden, so die Furcht vor bloßen Lappen, beruhe» wahr- scheinlich auf seinem schwachen Gesicht. Jedenfalls hat Reineke de- gründeten Anlaß, stets auf seiner Hut zu sein, denn er genießt nicht, wie das übrige Wild, Schonzeit, sondern wird unablässig, besonders