Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 210._ Donnerstag den 28. Oktober. 1909 (Nachdruck verboten.) 201„Lolclaten fein febön l" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von Karl Fischer. Stabsarzt Bauer von der äußeren Station, ein jovial aussehender, groß und kräftig gebauter Mann, erschrak fast, tvie ihm Böhlicke als erster mit seiner Meldung entgegentrat. „Danke," antwortete der Stabsarzt.„Legen Sie ab und kommen Sie dann mit." Die Schüler der Inneren warteten noch auf Stabsarzt Renner, der kommen sollte und nicht kam. Bornemann wurde das Warten schon etwas ungemütlich, und in komischen Be» merkungen machte er seinem bedrückten Herzen Luft. Eine Viertelstunde nach der anderen verging. Elf schlug'es schon von der nahen Kasernenuhr, und er war noch immer« nicht da. Oberstabsarzt Klein war mit seiner Visite auf der ge- mischten Station fertig und kam mit seinem Gefolge, einem Assistenzarzt, dem Unteroffizier und den neuen Schülern ins Konferenzzimmer zurück. Plötzlich vernahmen die Wartenden eine gellende Stimme im Treppenhaus, aus der Bornemann und Volter den Vor» gesetzten heraushörten, der einen Fehler eines Untergebenen oder Kranken mit starken Worten rügen mußte. Bornemann, der neugierig um die Fensternischenecke ge- blickt hatte, flüsterte leise seinen Kameraden zu:«Kollegen, das ist er!" Stabsarzt Renner, noch ganz erhitzt von dem Rüffel, den er eben erteilt hatte, betrat endlich das Konferenzzimmer. Ein kleiner schmächtiger Mann. Sein Gesicht war nicht be- sonders vertrauenerweckend. Stechend blickten seine scharfen Augen hinter den Klemmergläsern hervor, die seine Haut an der Nasenwurzel zu einer runden Wulst herauspreßten. Der Klemmer hätte an seinem Nasenbein keinen Halt gehabt, so tief stand es zurück, so daß die Nase beinahe der Form einer sogenannten Ansatznase gleichkam. Unter seinem schwarzen dichten Schnurrbart traten die großen fleischigen Lippen scharf hervor. Wieder mußten die Schüler eine geraume Zeit warten. Stabsarzt Bauer kam schon aus dem Operationssaal zurück. „Endlich scheint er zu kommen," flüsterte Bornemann den anderen zu, der immer ungeduldig durch die Scheiben der Glastür gesehen hatte. Aufgeregt übersahen sich alle noch einmal ihren Anzug. Als erster meldete sich Volter. „Musketier Volter, der inneren Station zugeteilt." „Mein lieber Freund, erstens sind Sie kein Musketier mehr, sondern ein Sanitätsschüler. Zweitens möchte ich auch gerne wissen, von welchem Truppenteil Sie kommen." „Von der elften Kompagnie, Herr Stabsarzt." „So! Nun werden Sie mir morgen diese Meldung zwanzigmal auf ein Papier aufgeschrieben vorlegen.— Und Sie?" Damit wandte er sich an den nächsten, der natürlich die eventuelle Gefahr voraussah und seine Meldung nach dem Wunsche des Stabsarztes herplapperte. Nachdem der Stabsarzt sich die letzte Meldung hatte her- beten lassen, gab er jedem seine Anweisung für die Visite. „Sie tragen täglich das Waschbecken. — Sie die Seife und das Handtuch. — Sie die Instrumente und Sie die Krankenjournale. Und Sie machen die Türen auf zu den Krankenzimmern." Sergeant Jacoby, der hinter dem Stabsarzt stand, blickte krampfhaft in sein Notizbuch hinein und kaute an dm Lippen. Assistenzarzt Mendt, der als Lehrer beim Nachmittags- Unterricht fungierte, machte eine Miene, so ernsthaft und dienstlich, wie es ihm nur möglich war. Die folgende Visite glich einer Prozession. Bornemann machte es einen heimlichen Jux, immer voran zu springen und die Tür aufzureißen, um einen nach dem anderen an sich vorbeidefilieren zu lassen. Zuerst den Stabsarzt— dann den Assistenzarzt— den Stationsaufseher— und dann die Schüler. Vor jedem belegten Krankenbett machte der Zug Halt, Was die Schüler in den Händen trugen, mußten sie absetzm, um bei der Untersuchung den Kranken halten zu können. Mit den Fingern kam Stabsarzt Renner mit den Kranken kaum in Berührung. War es aber doch geschehen, so beeilte sich jeder Schüler sein vorher abgesetztes Utensil zu holen und dem Stabsarzt zur Benützung hinzureichen. Beim Waschen der Hände betrachtete er gewöhnlich die Anzüge und Frisuren der Schüler. Alles mußte nach seinem Geschmack sein, selbst die Haartrachten. Die Kranken mußten sich mit großer Präzision seinem persönlichen Regiment fügen. Ausgenommen waren natür- lich die Schwerkranken. Vermißte er bei einem Leichtkranken die nötige Sauberkeit, wurde auf seine Fragen nicht schnell genug geantwortet, und lag man nicht vorschriftsmäßig im Bett, auf dem Rücken, Arme über der Bettdecke, am Körper längs angelegt, konnte es leicht passieren, daß er zur Be» köstigung dritte Form blank als Strafe zudiktierte. Das war die Kost, die aus drei Suppen, früh, mittags und abends, und einem kleinen Weißbrot bestand. Diese Form war cigcnt- lich nur für die Schwerkranken bestimmt, denen sie mit allen möglichen Zulagen, Brot, Butter, Schinken, Eier, Bier, Wein, verabfolgt wurde. Schnell gings mit der Visite durch Stube fünfundachtzig. Nur nach dem Allgemeinbefinden wurde gefragt und von einigen der Inhalt des Speiglases angesehen. In diesem Räume lagen die Tuberkulosekranken, wie die Schüler erfahren hatten. Mitleidig betrachteten sie ihre schwindsüchtigen Kameraden. Wie lange wirds wohl bei jedem einzelnen noch dauern? dachte Volter. Gräßliches Los, beim Militär krank zu sein — und vielleicht zu sterben! Die Tuberkulosen bekamen zu essen, was sie haben wollten und wonach sie Appetit verspürten. Der Ton des Stabsarztes war ihnen gegenüber viel nachsichtiger und Wohl- wollender als gegen die anderen Kranken. Volter merkte Stabsarzt Renner einen gewissen Zwang an, wie er in diesem Zimmer sprach. Es schien ihm, als ob er beim Reden die Zähne nicht auseinanderbringen wollte. Der macht den Mund nicht weit auf, flüsterte Borne, mann Volter zu,„damit ihm die Bazillen nicht hineinfliegen." Sobald der Stabsarzt das Zimmer verlassen hatte, ging er eiligst zum nächsten Spucknapf. Die Stube, in der Weiner lag, war die nächste, der die Visite galt. Volter war unruhig gespannt darauf. Was wird wohl der Stabsarzt über ihn sagen? Vielleicht erfährst du, was ihm fehlt. „Also erzählen Sie nochmal, wie Sie krank geworden sind," frug der Stabsarzt Weiner, als er an dessen Bett kam. „Am Tage vorher, wie ich mich krank meldete, war mir schon so übel zumute— hatte immer Kopfschmerz und Schwindel.— Herr Oberstabsarzt Frenzel schickte mich aber wieder zum Dienst,— und auf dem Marsche bin ich dann zusammengebrochen.— Was dann mit mir geschah, weiß ich nicht. Ich kam erst wieder zu mir, als ich hier im Lazarett lag." „Es wird schon nicht so schlimm gewesen sein, als Sie sich krank meldeten. Sonst hätte Sie der Oberstabsarzt nicht wieder zum Dienst geschickt." „Doch, Herr Stabsarzt, ich konnte mich kaum auf den Füßen halten.— Aber die Untersuchung ging sehr schnell—" „Reden Sie doch nicht!" rief der Stabsarzt laut.„Was wissen Siel" „Ich habe mich nicht einmal dabei ausgezogen." „Halten Sie Ihren Mund! Und reden Sie. wenn Sie gefragt werden." Traurig fiel Weiners Blick auf Volter, der, hinter dem Stabsarzt stehend, hochrot im Gesicht vor innerer Erregung. zugehört hatte. „Was, hat er Fieber?— Sehen Sie mal nach, Jacoby." Der Sergeant nahm die Fiebertafel. „Achtunddreißig, Herr Stabsarzt." „Richten Sie sich auf! Ich will Sie untersuchen."
Issue
26 (28/10/1909) 210
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