- 826 Nun?" Sechzig!- Er sah sie lange au, Arme Mutter!" Aber sie lachte laut mit ihrer tiefen, rauhen Stimme. O mein! So lang ich noch gesund bin! Kei'm Jungen geb ich was nach. Und gilt's ich wett Hab ich als uoch mehr Kurasch als Du und noch drei!" Der Feldweg führte sie bald nach Gause. Im Dorfe sagten sie, die Kaiserklar wäre wieder zehn Jahre jünger gewsrdeu.Weiß kein Teufel, das ist ein Luder." 23. Aus der Fülle seiner Erfahrungen, seines Leidens und Ringens hatte Philips ? fem Buch geschrieben. Es war der Schwung der Heimatliebs, es war die Tiefe des Heimfindens darin. Und nun ging es gegen den Herbst. Die Zeit kehrte wieder, die melancholisch macht. Philipp brachte sie die Er- innerung seines Wegganges. Tie Bäume wurden kahl, die Wingerts färbten sich gelb, und in den ausgesetzten Lagen ließen die Reben schon das Laich fallen. Man würde früh herbsten dieses Jcchr. Ter Nebel drückte schon die Trauben. und sie hatten diesen matten, von einem leisen Gold getönten . Hauch, der eine dünne Heult und einen süßen Saft verrät. Am Morgen war die Welt zu. mit Nebel ummauert. Mäh- lich wurden die Hügel wieder klar, wenn die Sonne die Zchbel mauern ausloste. Tann blinkten die Hügel und lachten in der Buntheit ihrer Herbstfarben. Fern woher glitt ein Schweigen. Philipp saß in seinen!: Stäbchen und träumte und sann. War ihm bange? Es: war ihm bange vor einem Frost, der zu frühe fällt. Er macht! alles kahl und die Trauben kommen nicht zu ihrer Reife. War nicht ein Glück wo für ihn in der Welt? Hinte.r dm Hügeln, hinter den Nebeln und konnte es nicht klar und hell und blinkend werden im wachsenden Tag, in der steigen- den Sonne? Er wagte es nun nicht zu rnssn. Er hatte den Mut dazu verlernt in der langen Zeit des Ringens und Harrens und Harrcnlassens. Und vielleicht hatte das Leben es'hni genommen, oder vielleicht hatte der Tod es ihm ge- mäht vor der Zeit. Er dachte an den zurückgekomnrenen Brief, der Weiks Tod gemeldet. Er zitterte: Und er hatte keine Ruhe mehr. Er wollt? schreibe». Und wie er vor dem weißen Bogen saß, fiel ihm so viel zu sagen ein, daß ihn, eigentlich nichts einfiel. Das Papier blieb leer und irritierte ihn iu seinem weißen Glänze. Dann faßte er sich und nahm sich zu einer Konzentration zusammen. Es nrnßte doch nun sein und sich eine Art finden lasten. Sein Herz hing daran wie an einem Letzten, mit einer stillen Weichheit und einer ganz verschwiege- neu und verschlossenen Heiterkeit. Er hatte sie darin fest- gehalten, er hatte sie vor« dem groben Leben und vor den Menschen behütet. Nun war sie, als müsie er sie vor sich selbst behüten. Sie wagte sich nicht hervor, sie toagre nicht frei zu werden in beglückendem Ergreifen, in selbstischem Genuß, der nicht nach Vergangenheit, nach Leid und Unrecht . fragte, in den? keine Neue war und kein Gewissen, das be schnitt und fesselte. Wenn es ein Glück war. und wenn er es haben sollte,, so mußte es ein freies sein, ganz in der Kraft seiner selbst, ganz in dem vollen Bewußtsein seiner Berech- tigung. Hier hatte seine Seele eine Schwäche behalten, hier war sie gebunden. Und er meinte nachgeben zu müssen,.die Hände fallen zu lassen und gleiten zu lassen, was gleiten wollte, anch wenn es ihm entglitt. So prüfte sich sein Verlangen und Fühlen, ohne daß er sich darüber klar wurde. Wenn die eine Hand schon gesunken war, die andere war noch erhoben es streckte sich der Arm und er sank nicht. In der Nacht, da draußen der Regen siel, fanden sich die Worte ein. Er schrieb:, Ich bin hier in meinem Heimatdorfe, bei meiner Mutter. Komm! Du findest mich, wie Du mich sind«? tolltest nach unterer Abmachung. Oder wie ich rrtir's in den Jahren eingebildet habe, wie Du mich finden solltest. Komm« gleich! Es war zu lange gewartet, um länger warten zu können." Und er schrieb die Adresse, deren Bild ihm jahrelang vor Augen geschwebt hatte: Mademoiselle Melanie Güßfeld, Paris , poste restar�g, bnreau des postes No. 96(Grand- Hotel). In der Morgenfrühe trug er den Brief zur Bahn. Er ging zu dem Zuge) mit dem er früher nach Mainz in die Schule gefahren war. Die beiden Lichtungen des Zuges kamen aus dem Nebel heran. Er warf den Brief in den Kasten des Postwagens.* (Fortsetzung folgt. x 16] Die fannlie Krage» Bon Johann S kj o I d b o r g. Autovisierke. Urb Ersetzung von Laura Heidt. War eS nun nicht gut-, daß wir halbpart machten, Türen?" Ich hob es nicht bereut. Ter Berg, da» ist ein Bauern» freund. Ob das wohl auch angehen kann, den Großen all der- gleichen an den Kopf zu werfen?" O jal Du sollst mir sehen, das wird noch besser werden. Paß nur auf, es kommen andere Zeiten jetzt." Türen lächelte ein bißchen wehmütig, und das stand seinem Antlitz mit den weichen Zügen so. gut. Jürgen wollte gerade noch etwas sagen, doch mit halbgeöff- ucicnt Munde blieb er lauschend eine Weile stehen und auch die audereu blickten nach der Tür. Aber es zeigte sich nichts; alles blieb still. Die kleine, in einem turmartigcn Hulzgehänse steckende Stuben- uhr eilte hastig, vorwärts mit ihren: Tick-Tack! Knick Knackt ganz nervös im Vergleich zu dem brngsamen Gehwerk der alten Jütlmider Uhr, die nun im Abuahmezimmer hing, Jürgen trat aus der Kanstür heraus und schritt nach der einen Hausecke hin. wo er barhäuptig Ausschau hielt, während ihm der Wind das Haar zerwühlte. Er beugte sich vornüber und ließ den Blick am Boden entlang schweifen. Aber cS war nichts, weder z» hören noch zu sehen. Dann ging er wieder hinein. Sären Knak saß da, als würge er an etwas, das er gern hervorbringen mochte und nicht konnte? Sowohl Jürgen als Marie empfanden das. Sie ahnten nichts Gutes! Conen saß da stützte die Ellenbogen auf die Knie und sah vor sich nieder. Es herrschte eine peinliche Still«, nur unterbrochen von dem nagenden Geräusch der Mäuse auf. dem Boden. Endlich sagte Jürgen, wobei er Sören scharf beobachtete:Ob wohl gar keine Leute kommen werden?" Ich glaube es fast nicht, nach allem, was ich gehört habe." Die letzten Worte sprach er sehr leise. Jürgen forschte nicht weiter. Und- Sören Knak ging bald daraus. Marie ließ den Strickstrumyf sinken und blickte hililos aus die leeren Bänke. Jürgen saß da mit gestütztem Haupt, blaß, mit ticsschmerzlichem Zug um die Mundwinkel und einem Blick, als starre er in den Strom, an der Stelle, wo sein Kind unterging. Schließlich- legten sie Hand an und trugen gemeinsam die Bretter hinaus. XV. Rio sah man ZlnderS Krage außerhalb seines Abnahniczimmers. Von drinnen aber�hielt er scharf Ausguck. Das. waS er nicht vom Zimtner aus im Süden oder von der Küche aus im Nordeir beob- achten konnte, da» erspähte er von einem Bodenfenster aus. Und Tag für Tag saß er auf seinem Posten Hücker den Scheiben. Er verfolgte Jürgen» Tun ganK genau; sei es. daß er im Felde oder zur Stadt war. Es gab Zeiten, wo Jürgen sich mit verdoppelten Kräften über die Arbeit hermachte. Dann wieder trieb er scheinbar unlustig umher, ohne irgend rjprns anzupacken. Seine Arbeitslust schien sehr ungleich zu sein. Das waren dann wohl die Grillen und Rücken, die er uicht fahren lassen wollte,, dachte Anders. Uud dann hatte er das stetige, zähe Weiterschreiten der Ochsen noch nickt gelernt, was doch auch für die kleinen Häusler der Eanddünen das einzig Mögliche war. Und wie die Zeit so allmählich unter diesen Berbältnisson weiterschritt, tonnis Anders deutlich beobachten, daß die Felder nach und nach verfielen. Oft stand er da und starrte hinaus auf das Land und sehnte sich nach der Erde wie nach einem lebenden Wesen. Und ein Per» langen erwachte in ihm nach dem Tust des HeuS und der Gräser und nach dem Laut wiederkäuender Tier«, daß er fast krank wurde. AlL das Frühjahr kam. schritt er, den Blick zum Fenster hinaus- sendend, unaufhörlich hin und her, gleich einem Tier im Käfig, immer ein paar Sckritte vorwärts und ein paar Schritte rück- wärts, oft einen halben Tag lang. Kjeftsn beobachtet« ihn voll Sorge; ihr schien er immer mehr in sich zwsammenzn kriechen, als ob innerlich etwas nicht in Ordnung- sei. Da fragte sie:Hast Tu Leib weh, Vater?" Leivweh!" wiederholte er hohnisch, und das war seine ganze Antwort. Aber Anders schloß seine Tür nicht auf und schritt nicht hin- aus ins Frühjahr. Gr hielt sich innerhalb seiner vier Wände und verlangte sein Ausgedinge bis auf das letzte Körncheu. Die einzige Tageszeit, wo er ruhiger ward, war die Stunde der Zeitungslekture, wenn er dieVoUszeitung" lab. die anch ihm jetzt