KeiEett itn5 in Sem nächsten: Tagen eine Adresse entwerfen und unterfertigen, die die Wünsche von Oesterreichs wehr- fähiger Jugend an die höchste Stelle leitet. Was bis dahin oder nachher geschehen wag, laßt Euch, lieber Vater, keine Sorge s�n. Ein großes Werk soll von reinen Händen begonnen, aber auch von kräftigen verteidigt werden, wenn es nottut. Und wisset das eine: In Wien ist jeder mit uns! Die Gewalt aber hat keine anderen Freunde mehr als jene Greise, deren zitternde Hände nicht mehr fest- halten können, was ihr Starrsinn nicht lassen will. Sorget Euch also, was immer Ihr auch hören möget— Nicht um mich. Hört vielmehr auf den, der Euch diesen Brief zu Gehör dringen wird und ein führendes Mitglied des Bundes ist. der gegenwärtig Oesterreichs ganze Jugend umschlingt: Euch allen aber als einer der wenigen bekannt, ist. die Eure dürftigen Rechte bisher gegen Willkür und Gewalt verteidigt. Legt sie auch diesmal in seine Hände und vor allem: Wirket und schweigt! Euer Sohn." Ruhig, ohne einen besonderen Ton aus eines dieser mehr als besonderen Worte zu legen, war der„Schriftensteller von Schönbach" zu Ende gekommen. Nun faltete er den Bogen wieder zusammen— fein, säuberlich, wie er es von seinen Eingaben her gewohnt war. „Hernocher— san Sö derselbige?" nahm der Ortsrichter bedächtig das Wort. Gras Pernau lächelte.„Da ich Euch den Brief zu Gehör gebracht... Namen nennt man nicht gerne..." »Je, jo," hustete der alte Glück, von der Ofenbank her..... Dös wird irht a wunderliche Zeit." „Z'weg'we denn a wunderliche?" meinte Hilmer kritisch. Obwohl er die vorsichtige Art der Bauen: kannte, ärgerte es ihn doch, daß sie dem„Schriftensteller" nicht sofort ihr Ver- trauen aussprachen. Auch seine väterliche Eitelkeit war ver- letzt. Der Brief, den sein„Student" geschrieben, war doch auch„a Wartl' wert". Da saßen sie aber, machten lange Hälse und warteten noch immer, daß einer zuerst losplatzte. Der alte Glück erhob sich. Der älteste der Gemeinde und schwer gichtbrüchig, ging er schon seit Jahren am Stock. Wie er aber nun plötzlich auf den Schreiber zukam, schien sein Gang mit einemmal so leicht, über seine welken Züge ein solch rätselhafter Glanz ausgegossen, daß ihn die anderen fast scheu ansahen und lautlos rechts und links Platz machten. „Wunderli gnua, sollt' i moana," sprach er mit bewegter Stimme.„Wann i denk', daß's olleweil die„Herrn" wor'n, die auf uns'rumtreten san.... Und do steht irtzt oaner, der selber dazuag'hört und sogt:„I will Enk hels'n, Leut'ln, weil i a Mensch bin wia ös... nit weniger und nit— mehr. ... Nocher Monner," er wandte sich und ließ einen großen Blick über jung und alt dahin gehen...„nocher muaß dös a merkwürdige Zeit san. dö irtzt onbrech'n tuat! Do is mein' Hand, Gros Pernau !" Und schon drängten sich die anderen heran und taten Mann für Mann wie er.„Gelt's God! Gelt's God, Gros Pernau !" Von jungen Lippen klang es, von welken: von Lippen, die noch lächeln konnten, und von solchen, die der Trotz und die Bitterkeit des Lebens schon lange stumm und starr gemacht. Wie der Frühlingswind,� der draußen über die Erde dahin- fuhr, ging es auch über diese Seelen hin, daß sie plötzlich weich wurden und schmolzen, und all ihre Hoffnung, all ihren Dank und ihr ganzes Vertrauen in dem einen Worte hingaben: „Gelt's God!" Als letzter kam Jüry heran. Ohne ein Wort drückte er Pernaus Hand, hielt sie fest und lang in der seinen, wollte sprechen und mußte doch immer wieder nach Atem ringen. „No jo," sagte sein Hintermann leise zu dem anderen: .'s iiberkimmt'n holt." Endlich löste sich auch Jürys Zunge:„Herr Gros." keuchte er....„Sö— Sö hätt'n a mir amol gern g'holf'n. Und i hätt' a m'r gern hels'n toss'n von Eahna. Aber dozumol wor„d' Herrschaft" no stirker als mir Zwoa. No stirkcr ols 'leicht Sö selber moanan... Seine Stimme ver- dunkelte sich. Ein jäher Blick Pernaus ging über ihn. So ein Blick. dem etwa? von der Lichtstärke eines Blitzes innewohnte, die überall hinfindet, auch ins Dunkelste. Lang, lang schon hatte der„Schriftensteller von Schönbach" sich seine Gedanken über den rätselhaften Tod der Annaliese gemacht, wohl ebenso lange darüber nachgesonnen wie der Pfarrer von Lorowitz. Aber die gerichtliche Kommission und der Arzt und die Leichenrede des guten Cyrill Weiß, den er um seiner schönen Menschlichkeit willen achteke. haittN seinen Verdacht wieder eingelullt. Nun wor ihm mit einemmal. als sähe er alles! Und seine Hand legte sich fest und innig um die zitternde Rechte Jürys, als er sagte:„Nun kommt aber die Zeit. Jilly-Vctter, da Ihr nie- manden mehr brauchen werdet, der Euch hilft..« das gleich« Recht für alle ist auch die Hilfe für alle!" Wieder sah ihn Jüry an, doch sein Mund blieb stumm« Nur das Haupt schüttelte er leise, während er unter die anderen zurücktrat. Er kannte eine, der auch das nicht mehr helfen konnte. Nur... wenn Gottes Zorn jetzt über die kam. die so lange geherrscht und gefrevelt— dann war Gottes! Zorn auch mit seiner Rache. Das wußte er jetzt! „Wos'toan m'r olso z'nachst?" kragte der Ortsrichte? in das Schweigen hinein. (Fortsetzung folgt.) Im Hagelödnerjocb.� Von Franz R e h b e i n. Gleich nach den Haupterntewochen nahm ich Arbeit bei der Dreschmaschine an. Zwar drückt man sich als verheirateter Tage» löhner. sonst herzlich gern von dieser Arbeit; doch da nach der Ernte der Tagelohn sofort wieder ganz rapide fällt, zog ich es vor, lieber die Unannehmlichkeiten der Drescharbeit aus mich zu nehmen, als ins Ungewisse nach halbwegs lohnender Feldarbeit zu suchen. Denn eine solche Dreschkampagne dauert regelmäßig bis in den Spätherbst hinein, auch hat man am Wochenschluß immerhin ein paar Mark mehr verdient, wie bei der gewöhnlichen Hofarbeit. Wie freilich dieser Mehrverdienst herausgeschunden wird, davon kann sich eigentlich nur der einen Begriff machen, der in Nord- dithmarschen selbst einmal an der Dreschmaschine tätig war. Es besteht dort das System der Lohndrescherei im Umher» ziehen. Nicht jeder Hof hat seine Maschine, wie die Grohgüter, auch gibt es keine Genossenschaftsmaschinen, wie anderswo. Die Drcschmaschinenbesitzer sind vielmehr selbständige Unternehmer, die sich eine eigene Maschine entweder gegen Bar oder auf Abzahlung anschaffen. Sie nehmen sich auch selbständig die nötigen Mann« schaften an und ziehen nun mit ihrem bemannten Geschütz von Hof zu Hof, mit dessen Bauern der Drusch vereinbart war. Ge» droschen wird im Stundenlohn. Zur Bedienung einer Dampf- dreschmaschine— um solche handelt eS sich hier ausschließlich— sind etwa 25— 30 Mann erforderlich; und zwar für die Lokomo- bile: ein Heizer und ein Wasserträger, für die Maschine: zwei Ein- leger, zwei Bandschneider, ein Kafsträger, ein Losbinder, fünf Strohbindcr und zwei bis drei Kornträger; der Rest verteilt sich auf die Garbenzuschmeißer, die Strohträger und die Hümpcl- mannschafrcn. Binder, Strohträger, Zuschmeißer und Hümpel- leute wechseln sich täglich kolonnenweise ab, mit Ausnahme des Diemen- oder Hümpcllegers, der ständig auf seinem Posten bleibt. Wird mit Selbstbinder oder mechanischem Strohtransporteur ge- arbeitet, so verringert sich dementsprechend die Zahl der Leute. Die Oberaufsicht über das Ganze führt der Maschinenmeister, der in der Regel auch gleichzeitig Besitzer der Maschine ist. Je nach der geleisteten Stundenzahl erhält der Maschinenmeister für sich und seine Leute den Lohn vom Bauern und zahlt ihn in acht- oder vierzehntägigen Perioden wieder an die Leute auS; soviel Stunden, so viel Lohn. Verköstigt werden die Mannschaften ebenfalls von den Bauern. Die Höhe des Stundenlohnes richtet sich, wie bei allen Gelegen» heiten, so auch hier nach dem Angebot von Arbcitskrästen. In der ersten Zeit, wenn auf den Höfen noch viel Leute beim Einsahren gebraucht werden, steigt der Lohn wohl auf 30 bis 35 Pfennige � Als vierter Band der Arbciter-Biographien hat Paul Göhre soeben bei Eugen DiederichS in Jena das Leben eines Landarbeiters von dem verstorbenen Genossen Franz Reh- bein erscheinen lassen. Zum ersten Male schildert hier ein deutscher Landarbeiter sein Leben und seine Arbeit. Von Kindesbeinen an ist er mit der Fron der Landarbeit vertraut worden, er hat auf hintcrpommerschen Gütern und als Sachsengänger begonnen, ist früh nach Schleswig.Holstein als Hütejunge gekommen und hat die ganze„Karriere" durchgemacht vom Dienstjungen zum Dienst- knecht und Großknecht. Dann macht er sich frei und wird Tage- löhner, heiratet und verliert schließlich im rüstigsten Alter den rechten Arm in der Dreschmaschine. Damit endigt das Buch, das außerdem eine treffsichere Schilderung seiner Soldatenjahre in Metz gibt, die eine einzige Anklage gegen die militärische.Er» ziehung" sind. Die weiteren Schicksale des Autors, der als Krüppel in der Stadt sein Auskommen suchen mußte und sich vom Aus- träger der Volkszeitung in Kiel zum Journalisten emporarbeitete. erzählt Göhre in der Einleitung. Das frisch und anschaulich ge- schriebene Buch, das als Erzählung und Schilderung weit über dem Durchschnitt der Memoirenliteratur steht, ist ein soziales Dokument von größtem Werte. Mitten aus der großen Klasse der Land- Proletarier heraus ist hier zum ersten Male einer erstanden, der Not und Drang der vielen Namenlosen hat lebendig werden lassen. Als Leseprobe geben wir einen Abschnitt aus dem Kapitel: .Im Tagclöhncrjoch.",
Issue
28 (07/11/1911) 216
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