Hlnlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 126. Mittwoch, den 3. Juli. 1912 lNachdruck seri>sl«n.» 2] Der Mttiber. Von Ludwig T h o m ct. Die Asamin gab viel und doch nicht alles verloren: sie wartete etliche Zeit, bis nach ihrer Meinung die Trauer wieder obenauf schwamm. Dann kriegte sie den Wittiber nochmal am Aermel. ».Ja Herrgott...1" >,GehI Muaßt it a so seil I sag nix mehr von an Geld!" t.Du kriagst scho koans." '-..Dös san mi arma Leut g'wohnt. Aba, paß auf. den brauna Rock von ihr und den Spensa kunnt'st ma do scho geb'n." Wos für an brauna Spensa?" fragte mit einmal Ursula, und fragte es sehr scharf. I ho do mit dir it g'red't." Na, aba an Vata that'st o'betteln und schämst di gor it." Dös is it bettelt, bal mi fragt!" Dei Frag'n kenn i scho. und schama thuast di du gor it. Möcht sie's G'wand vo da Muatta!" Was»vaar's nacha, bal mi an Spensa kriagat? Hascht du it gnua Sach? Is dös it da Brauch, daß mi an Verwandt'n was gibt? Da möcht i scho von Betteln sag'n und's Mäu recht aufreiß'n, als wenn sie koan Schwesta net g'wen waar von mi und's Bet'n net aa braucha kunnt!" Die Asamin deckte ihren Rückzug tapfer und gut, wie ein jeder sagen mußte, aber sie mußte eben doch zunickweichen und von allen Angriffen abstehen. Sie saß wieder am untern Ende des Tisches und blieb von den flinken Augen der Ursula bewacht, so daß kein lautes Gespräch mehr für sie eine neue Gelegenheit gab. Und jetz geh i," sagte der Schormayer bald darauf und stand auf. I geh mit dir, Vata." rief der Lenz. Na, du bleibst do, und de andern aa. I find alloa' hoam, und koan Unterhaltung brauch i net. S' Good beinand!" Er schwankte etwas und hatte in Kümmernis und Nach- denken mehr Bier getrunken, als mancher Fröhliche ertragen könnte: aber die Türe erreichte er doch in einer mäßigen Bogenlinie. Die Trauerversammlung rief ihm Grüße nach und hielt eine Zeitlang Betrachtungen ab über die Schormayerin und ihr schnelles Sterben und über den Tod im allgemeinen. Es is wirkst hart für eahm," sagte die Fischerbäuerin, -..und bal mi's recht sagt, is er z' alt zu'n no mal Heireth'n und z' jung zu'n Aufhör'n." Die Schneiderin rückte näher zu ihr und wisperte leise, daß es die Mannsbilder nicht hören sollten:Ueberhaupts sag i dös: bei dem Alter is besser, wenn da Mo z'erscht stirbt, weil si inseroans leichter in d' Ruah gibt." Da hoscht amal recht, und des sell is no allemal wahr g'wen, wia ma sagt: bal inser Herrgott an Hanswurst'n Hamm will, laßt er oan mit fufz'g Jahr Wittiber wer'n." Die Fischerin sah die Schneiderin bedeutsam an, und sie nickten mit den Köpfen und waren sich einig darüber. 2. Kapitel. Der Schormayer trat tiefe Löcher in die weiche Dorsgasse, wie er jebt an dem trübseligen Herbstnachmittage heimging. aber er achtete nicht auf den glucksenden Lehm, der ihm an den Stiefeln hängen blieb. Wenn er vom Wege abkam und beinahe knietief in den Schmutz trat, fluchte er still und lenkte in die Mitte der Straße ein, aber bald zog es ihn wieder links oder rechts an einen Zaun, und er blieb stehen und brummte vor sich hin: .Nix mehr is: gar nir mehr." Himmelherrgott!" sagte er, wenn ein Windstoß in die Obstbäume fuhr und ihm kalte Regentropfen ins Gesicht ' schleuderte. Ein Hund riß an der Kette und bellte ihm heiser nach: beim Finkenzellcr öffnete die alte Mariann ein Fenster und rief ihm zu:Derfst ma's it übel ham, daß i net bei da Leich' g'wen bi: i hon an Wehdam in die Haren (Schmerz in den Beinen) und kimm it bei da Tür außi. I waar ihr so viel gern ganga, und derfst ma's g'wiß glaab'n, i bi ganz vokemma, wia'n i dös g'hört Hab. und weil sie gar so.. Der Schormayer hörte sie nicht: er bog scharf um die Hausecke und war nun bald, unverständliche Worte murmelnd, an der Einfahrt seines Hofes. Die Spuren vieler Tritte waren noch sichtbar; sie liefen mitten über den geräumigen Platz bis zur Haustüre, und bei ihrem Anblick raffte der Schormayer seine Gedanken wieder fester zusammen. s«.- Da Hamm s' as raustrag'n. Ah mei! Ah was!" Er faßte zögernd nach der Türklinke, als vom Kuhstall herüber eine helle Weiberstimme klang. Bauer!" Was is?" Schaugst it eina? D' Schellerin hat a Kaibi(Kalb) kriagt?" Was nacha?" A Stierkaibi." Die Stalldirne klapperte auf ihren Holzpantoffeln mit hoch aufgeschlagenen Röcken näher heran. Vor a Stund is's kemma, und hat gar it viel ziahg'n braucha, und i ho mir z'erscht denkt, i schick umi zu'n Wirt, aba nacha is an Tristl sei Knecht da g'wen, und nacha..." Ja, ja! Is scho recht.. Er trat ins Haus und schlug die Türe hinter sich zu. Im Flötz(Flur) stand noch der weißgedeckte Tisch, und darauf ein Kruzifix, auch war ein süßlicher Dust von Weih- rauch zu merken, und so blieb der Schormayer nachdenklich stehen und schaute die Stiege hinauf, über die sie vor wenigen Stunden seine Bäuerin heruntergetragen hatten.> Er zog den Mantel nicht aus und hing den Hut nicht an den Nagel: wie er war. ging er mit schmutzigen Stiefeln in die Stube und setzte sich auf die Ofenbank. Es wurde schon Abend, und die Fenster schauten wie große Augen in die dämmerige Stube herein: eine Uhr tickte laut und aufdringlich, als daS einzige Ding, was hier zu ver- nehmen war, und ihr Schlag und die Stille und dunkle Winkel erinnerten den Schormayer an seine Verlassenheit. Er dachte wohl nicht viel dariiber nach und malte sich keine wehmütigen Bilder vor, aber er spürte die Einsamkeit, wie er sich so vornüber beugte und auf den Boden sah. Da waren einige weiße Flecken: und wie er nachdachte, woher sie kämen, trat ihm lebhaft und deutlich die traurigste Stunde seines Lebens vor Augen. Das waren Tropfen von Wachskerzen, und da herinnen waren die Weiber versammelt, als der Pfarrer die Leiche aus» segnete. Er hörte die Hammerschlägc, die von oben herunter tönten, als sie den Sarg zumachten, und dann schwere Tritte auf der Stiege, und das Schleifen der Totentruhe, und die tiefen Stimmen der betenden Männer und die hellen der Weiber, und dann wieder durch die Stille eine fette Sing- stimme, der eine andere erwiderte mit fremden Worten, die er oft und oft gehört, aber heute sich erst gemerkt hatte: Roquicwat in pa-lia-ce! Ä-ha-men!" Eine zitternde, verschnörkelte Stimme, und dann das Klirren des Wcihrauchfasses, und gleich darauf ein weißer, beizender Rauch, der viele zum Husten brachte. Und ein Flüstern unter den Männern, die den Sarg aufhoben, und wieder viele dumpfe Tritte,'und schreiende Stimmen durcheinander. Vater unsa, der du bischt in dem Himmel, geheiligt werde dein Name...". Der Bauer fuhr zusammen, weil die Stubentüre aufging. Wos geit's(Was gibt's)?" I bin's," sagte die Stalldirnc, die auf Strumpfsocken hereinkam. Was willst?" I ho ma denkt, ob's d' as Kaibi net o'schaugst, well 's gar so fei' is." Morg'n nacho."« Und d' Kuah is aa guat bemand: gar it viel ei brocha. So?", Ganz leicht is ganga: i hätt an Tristl Knecht schier gar it braucht: aba no, mi woaß net." Der Bauer gab keine Antwort.