Nr. 19.
Erscheint täglich außer Montags. Abonnements Prets für Berlin : Bierteljährlich 3,30 Mt., monatlich 1,10 Mt, wöchentlich 28 Pfg frei in's Haus. Einzelne Nummer 5 Pig. Sonntags- Nummer mit illuftr. Sonntags: Beilage ,, Neue Welt" 10 Pfg. Poft- Abonnement: 3,30 Mt.pro Quartal. Unter Kreuz band : Deutschland u. DesterreichUngarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3 Mr.pr.Monat. Eingetr. in der Post- Beitungs- Preisliste für 1892 unter Nr. 6652.
Vorwärts
9. Jahrg.
Insertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 Pfg Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr Abends, an Sonnund Festtagen bis 9 Uhr Vornittags geöffnet.
Fern sprech- Anschluß: Amt VI, Nr. 4106.
Redaktion: Beuth- Straße 2.
The harlot's progress. ( Der Weg der Dirne.)
Unwillkürlich werden wir an das Bild erinnert, welches Hogarth in den sechs Platten" von dem Weg der Buhlerin entwirft, wenn wir die Vorgänge auf wirthschaftlichem Gebiet betrachten.
Sonnabend, den 23. Januar 1892.
•
Expedition: Beuth- Straße 3.
das Sehvermögen der Herren bedenklich gestört zu haben, hielten sie zum Schaden der heimischen Industrie künstlich denn noch immer bemerken sie nicht, daß die Waffen, die für übernatürliche Preise, und jetzt, da sich zynische und freche den Wucher mit dem Jnlands- Konsum geschmiedet waren, Gaunerei an ihren Urhebern zu rächen beginnt, und das sich bereits gegen ihre Erzeuger kehren. letzte Mittel der Kartellweisheit, die Preisschleuderei nach Troy aller künstlichen Machinationen, trotz einer 15 bis dem Auslande, versagt, denkt man sich wieder aus der 20 prozentigen Produktionseinschränkung, wird von unauf- Arbeiterhaut Riemen zu schneiden. Das ,, Echo de la haltsamen Preisabschlägen berichtet. Dieses lasterhafte Gebahren des Kapitalismus birgt bourse"( Börsen- Echo") meldet, daß deutsche Kohlen die die Vorbedingungen zu seiner Vernichtung in sich. Wie die Hogarth schildert dort, wie die Buhlerin erst ihre Um- Preise des französischen Produkts konstant unter starkem Dirne schließlich in ihrer eigenen Verpestung untergeht, so gebung und ihren Anhang verpestet, dann aber, nachdem Druck halten, und in einem Inserat der Kölnischen Zeitung " wird auch der Kapitalismus an seinen eigenen Sünden fie Alles um sich herum mit Sumpfatmosphäre vergiftet finden wir Anerbietungen eines Kohlengroßhändlers von verenden. bat, in dieser Umgebung selber zu Grunde geht. 10-15 pŒt. unter offiziellen Syndikatspreisen. Die Rolle, die hier der Buhlerin für das gesellschaft- Wenn man aber daraus auf eine Nothlage" der liche Leben zugeschrieben wird, spielen bei uns für das Kohlenindustrie schließen wollte, so wäre solch ein Schluß wirthschaftliche Gebiet die Bereicherer des National- irrig. wohlstandes", die Praktiker des Syndikats- Schwindels. Für die Harpener Bergbaugesellschaft
=
Auch sie sind, nachdem sie das Wirthschaftsleben um 3. B., welche mit einem Kapitale von 36 Millionen Mark sich herum, und bis tief in das Innere des Landes arbeitet, schätzte man an der Börse die Dividende des hinein, durchseucht haben, auf dem Punkt, in ihre laufenden Geschäftsjahres auf 12 pCt. und den Jahres igene Grube zu fallen. gewinn auf 8 Millionen Mark, die Dividenden Vor Monaten schon haben wir darauf hingewiesen, der Hibernia und Dannenbaum Gesellaß die Syndikatswirthschaft sich in voller Auflösung befinde. schaften auf 14 p Ct. resp. 10 pCt. Die größten Wer jetzt noch daran zweifelt, der braucht nur die neueste Bechen also sind es gerade, welche die fettesten Ausbeuten Schöpfung der Kartellpatrioten zu betrachten, die Ver- für ihre Aktionäre herausschinden, und auch bei erheblicher inigung der Kohlenverkaufs- Vereine der verschiedenen Preisermäßigung noch folossalen Unternehmergewinn herausReviere zu einer General Vereinigung, das Zuschlagen würden. Daß auf schwindelhafter Grundlage ammenschweißen der schon bestehenden Synditate lokalen errichtete Bechen allerdings beim Nachgeben der Preise ihren Charakters zu einem einzigen Riesensyuditat. Gewinn oft ganz darangeben würden, soll nicht bestritten Wie sämmtliche Handlungen der Kohlenbarone erkennen werden. Aber, gerade das ist ja einer der stärksten Gründe laffen, daß diese Herren glauben, das ganze deutsche Volk gegen den Kartellunfug, daß man die schwindelhaften sei nur ihreiwegen, zu ihren persönlichen Bereicherungs- Elemente auf Kosten der Kohlenverbraucher großzieht und zwecken, da, so auch ihre neueste Kartellschöpfung, die Dort- mästet. Die alten, soliden Bechen , die etwa drei Viertel der munder Zechenvereinigung von Syndikaten, die dem Produktion ausmachen dürften, können getrost einen erhebegoistischen, vaterlandsschädlichen Vorgehen der Kohlen- lichen Preisabschlag ohne Schaden an ihrem Unternehmerpotentaten erst eigentlich die Krone aufsetzt. gewinn ertragen. Dieses einen Viertels wegen aber setzt man Anstatt der natürlichen Entwickelung der kohlen- die Welt in Aufruhr und entblödet sich nicht, davon zu verbrauchenden Industrien zu folgen, und ihre Thätigkeit reden, den Arbeitern die Löhne zu verkürzen. in Uebereinstimmung mit dem Gedeihen der übrigen In- Allen Ernstes wird nämlich davon gesprochen, daß duftrien zu bringen, glauben diese Unterwühler des Volts- die Unternehmer bei weiteren Preisabschlägen die Arbeiterwohlstandes mit ihren künstlichen, unhaltbaren Schiebungen löhne verkürzen werden, sowohl in Deutschland wie in die unnatürlich hohen Preise für die Inlandskonsumenten Frankreich .
C
aufrecht erhalten, glauben sie durch ihre Zechenvereinigung In Desterreich stellte die Alpine Montan Gesellschaft dem Zurückgehen der Preise vorbeugen zu können. Die sogar die Forderung an die Regierung, den Streit der Thoren merken gar nicht, daß sie, nachdem ihre Umgebung Kohlenarbeiter mit Gewalt zu beseitigen, unter Androhung mit dem tödtlichen Gift infizirt ist, an der entwickelten der gänzlichen Fördereinstellung. Fäulniß selbst erstiden. Sie merken den Teufel nicht, obwohl Die Begehrlichkeit der Kohlenbarone fennt eben keine er sie schon am Kragen hat. Grenze. Als die Preise in's Fabelhafte stiegen, erhöhte Allein, sofern es sich nur um die Kräftevergeudung man die Arbeiterlöhne noch nicht um soviel, als das der Unternehmer handelt, könnte uns die Sache gleichgiltig Aequivalent für die gleichzeitige Lebensmitteltheuerung laffen. Die Kohlen- Magnaten aber verlangen vom Staate ausmachte. Und nun, da die Preise infolge des habgierigen und wie wir sehen mit Erfolg- Eisenbahn Ausnahme- Experimentirens der Kohlenindustriellen etwas nachzulassen tarife, um auf Grund solcher einen ruinösen Konkurrenz- drohen, soll es wieder der Arbeiter sein, auf dessen Kosien tampf der fremdländischen Eisen- Fabriken und anderer Aus- man fette Einkünfte erzielen will. land: Industrien gegen Deutschland entfeffeln zu können. Erft rafften die Kohleninteressenten zusammen, was sie Die wilde Gier nach hohem Profit scheint nun aber auch erhaschen konnten, und der Arbeiter ging leer aus; dann
Feuilleton.
Madbrud verboten.)
9
gerathen bin? Haben Sie keine Furcht deshalb; der Kredit eines deutschen Schriftstellers ist so leicht nicht zu erschüttern. Im Gegentheil komme ich mir recht vornehm vor, daß man eine Unterschrift von mir auf dem Wechsel respektirt hat."
Aber das Gerede der Leute...?"
Politische Lebersicht.
Berlin , den 22. Januar. Ueber die Bismarck'schen Landräthe fällt Bismarc in den Hamburger Nachrichten", in denen er davor warnt, Beamte zu Abgeordnete zu wählen, folgendes Urtheil:
er
Früher war es Tradition in zahlreichen Wählerschaften Preußens, daß es nüßlich sei, Beamte und namentlich den Landrath in die Kammer zu wählen, weil dieser ohnehin in der Lage sei, Einfluß auf den Kreis und für die Kreiseingesessenen auszuüben, aber auch die Bedürfnisse des Kreises genau tenne und an ihrer Befriedigung interefjirt sei.( Der wahre Grund war wohl der, daß der Landrath die Machts mittel zur Beeinflussung der Wähler in der Hand hatte.) Neuerdings ist die Stellung des Landraths in Preußen jedoch eine völlig andere geworden. Wer in früheren Zeiten( vor Bismarck ) Landrath wurde, der wurde es mit dem Gedanken, in dieser Stellung alt zu werden und sie bis an sein Lebensende als Kreiseingesessener zu verwalten. Er war deshalb geneigt, als Abgeordneter die Interessen seines Kreises, wenn er glaubte, daß die Regierung fie schädigte, zu vertheidigen. Heutzutage ist es umgekehrt; der Landrath wird in der Regel Die Regierungsinteressen dem Kreise gegenüber wahrnehmen. Die jezigen Landräthe sind junge Assessoren oder ähnliche Beamte; sie betrachten den Landrathsposten als eine Stufe ihrer Karrière. Um lettere zu fördern, sind sie in der Ver suchung, nach oben hin sich dienstbar, strebend zu erweisen nnd sich ein Verdienst daraus zu machen, die Intentionen der Regierung mit Energie und Erfolg zu fördern, ohne sich immer flar darüber zu werden, ob das Ergebniß für das Wohlbefinden der Kreiseingesessenen nüßlich ist. Zwischen der Bezirksregierung und dem Landrath besiand früher eine Scheidelinie, jenseits deren vom Landrath eine Vertretung der Kreisinteressen bei Prüfung der Regierungsmaßregeln erwartet werden konnte. Gegenwärtig ist der Landrathsposten der staatlichen Bureaufratie vollständig einverleibt, und der Landrath, der nicht geneigt ist, in seinem Kreise zu bleiben, bis er emeritirt wird, wird nur im Falle eines höchst unabhängigen Charakters fich dazu verstehen, im Parlamente dem ihm vorgesezten Minister, von dem seine weitere Beförderung zum Ober- Regierungsrath, Präsidenten oder Ministerial- Hilfsarbeiter abhängt, offen und mit der Schärfe entgegenzutreten, welche allein in der parlamentarischen Arena Eindruck macht."
Hier gesteht also Bismarck selbst ein, wie torrumpirend auf das Beamtenthum eingewirkt hat.
sehen und zu hören, was auch für Unsereinen von großem Interesse sein würde".
"
" Darauf können Sie sich verlassen. Aber man muß etwas abgeftumpft werden, sonst verträgt man's nicht," er widerte Kiemer. Entweder man muß kein Herz oder keinen Verstand haben, um Pflichten, wie der unseren, obzuliegen " Das Gerede der Leute? Lieber Freund, lernen Sie ohne die Lust zum Leben zu verlieren. Und da man sich von mir ein wenig Lebensphilosophie. In einer Welt, wo den Verstand nicht abgewöhnen kann, so muß man es mit der Faullenzer reich wird, blos dadurch, daß er seine dem Herzen versuchen." " Und Ihnen ist das wohl so leidlich gelungen?" Binsen nicht ganz verbraucht, und der fleißige Arbeiter trotz aller Arbeit arm bleibt; in einer Gesellschaft, in" Was wollen Sie? Es macht sich das so nach Mein Name ist Riemer: Sie werden denselben wahr- welcher der reiche Schuft geachtet und geehrt wird, während und nach. Ich hatte ursprünglich viel Milleiden, zumal scheinlich schon gehört haben, ebenso gut wie den meines der von unverschuldetem Unglück betroffene Ehrenmann sich ver- ich in Denen, die ich in Haft bringen sollte, meine LeidensKollegen Schneider. Man nennt und vielfach gleich mit achtet sieht; wo es eine Schande ist, wenn man seine Schul- gefährten fah." bem zusammengesetzten Namen Riemenschneider, obwohl ich den nicht bezahlen kann, und es einem Fabrikanten zur Sie sind selbst in Wechselhaft gewesen?" Ihnen versichern kann, daß bei Unsereinem nicht viel von Ehre angerechnet wird, wenn er die Arbeitskraft von Es war der Aufang meiner jetzigen Karriere. Früher
ber Schriftsteller so nebenhin. Mit wem habe ich denn die Ehre?" fragte nunmehr
Riemenschneiden die Rede sein kann, trotzdem wir gewisser- Tausenden ausbeutet, um Dillionär zu werden; wo man war ich Tuchmacher und als die große amerikanische Krisis maßen unsere Haut zu Markte tragen. Ja, wir müssen den Menschen nach dem Gelde schätzt und vor dem Reichen eintrat, da fiel das große Handlungshaus Schmidt u. Hund, sogar tüchtig auf den Strümpfen sein, um nicht den Hunger- den Hut zieht, wenn man auch nichts von ihm hat; in einer mit dem ich in Geschäftsverbindung stand. Nun, das werriemen enger schnüren zu müssen. Doch, wir sind hier zu solchen Welt, Herr Riemer, läßt der denkende Mensch den den Sie ja wissen, wenn so ein großes Geschäft stürzt, da einer guten Reſtauration gekommen, wo Sie ein treffliches gewöhnlichen gedankenlosen Haufen reden und räjouniren reißt es gewöhnlich ein paar Dußend kleinere Leute mit in Bier und schmackhaftes Essen bekommen werden. Gehen Sie nur nach Herzenslust und giebt darauf gerade so viel feinen Ruin. Für Unsereinen ist das schlimm, denn man immer voran, wir werden uns um Sie nicht bekümmern; und Acht, wie auf das Spiel der Mücken im Lichte verliert gewöhnlich außer seiner Habe auch noch seinen ehr wenn Sie fortgehen wollen, so geben Sie nur einen Wink, der Sonne." Gie waren bei diesen Worten in den Restaurations Krisis voraussicht, weiß sich gewöhnlich noch etwas zu lichen Namen. Der Juhaber des großen Geschäfts, der die indem Sie den Hut aufsetzen, und wir brechen dann etwas garten getreten, wo der Gefangene und seine Wächter an retten, wirft sich damit auf ein neues, nicht selten auch wieder auf das alte Feld und bleibt ein geachteter Mann; einem und demselben Tische Plaz nahmen. Sie haben übrigens da ein ziemlich abwechslungs ja, wenn er dreimal bankrott gemacht und beim vierten nolles Leben, meine Herren," bemerkte der junge Schrift Geschäfte Erfolg hat, so zieht man mit um so höherer Achtung vor steller, nachdem er durch einen kräftigen Bug aus dem herbei- ihm den Hut. Unsereiner aber, der ganz unverschuldet um das zitirten Gerstensafte die erste nothwendige Stärkung zu Seinige gekommen ist, läuft als bankrotter und mittellofer Ich glaube, Sie bekommen Bieles zu Kaufmann, sagen wir als Lump von Thür au Thür, um
früher auf."
Lokal gehen und mir Gesellschaft leisten?" Warum wollen Eie denn nicht gleich mit mir in das Rollege, wir sind sehr gekannt von den Leuten." " Ich fürchte, es tönnte Sie geniren. Ich und mein Ach so! Und Sie meinen, es tönnte meinen Kredit erschüttern, wenn die Leute merken, daß ich in Wechselhaft sich genommen.