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Die Revolution in Rußland . Die neue Anleihe. Der Telegraph bringt die Nachricht, der neue Riesenpump der russischen Regierung sei perfekt. Die Nachricht kommt zwar nicht überraschend, aber viele Begleiterscheinungen der Anleihe verdienen die Beachtung eines jeden, der sich über ihre Bedeutung im inner- politischen Leben Rußlands klar werden will. Vor allem deutet sie auf eine äußerste Geldnot der Regierung hin, da die Bedingungen, an die ihre Gewährung geknüpft war, äußerst schwerer Natur sind: n o m i n e I l erhält die Regierung 2 Milliarden Franken, in Wirklichkeit aber nur 176l) Millionen Frank, da der Emissions kurs 88 Prozent beträgt; von dieser Summe bleibt ein beträchtlicher Teil im A u S l a n d e zur Tilgung der Schulden, außerdem hat sich Rußland verpflichtet, im Auslände große Bestellungen zu machen. Bei solchen für die Geldgeber außerordentlich günstigen Bedingungen ist es ja ohnehin selbstverständlich, daß das Betteln der russischen Regierüng bei den ausländischen Bankiers willige Ohren fand, trotz der genügend bekannten, finanziellen Zerrüttung Rußlands . Aber noch andere Umstände haben bei der Unterzeichnung der Anleihe mitgewirkt: Frankreich , welches den größten Teil der Summe auf- gebracht hat, ist nicht nur im Innern Rußlands stark interessiert, sondern viel schwerer fällt der Umstand ins Gewicht, daß in den Händen des französischen Publikums kleinen Rentiers, Beamten usw. sich eine Menge russischer Staatspapiere und Schuldscheine be- finden, in denen sie ihre Ersparnisse angelegt haben, so daß ein Finanzkrach Rußlands sie schwer schädigen würde. Es liegt deshalb nichts näher als der Versuch, seinemVerbündeten" wenigstens für einige Zeit auf die Beine zu helfen und damit auch sich selbst vor- läufig vor Geldverlust zu schützen. Sehr bezeichnend ist aber der innerpolitische Hintergrund, auf dem sich diese Anleihe abspielt. Ihre Unterzeichnung kaum einige Tage vor dem Zusammentritt der Duma verleiht ihr mehr wie den früheren Pumpen der Regierung den Charakter eines Kampf- mittels des alten bureaukratischen Regimes gegen die aufkeimende Volksherrschaft: die Macht des Goldes gewährt der Regierung einige Bewegungsfreiheit, gibt ihr die Möglichkeit, auch weiter ohne die Duma fertig zu werden; schon die Tatsache der Unterzeichnung der Anleihe ohne die Zu- st i m m u n g der Duma ist an und für sich eine Schmälerung ihres ohnehin kargen Budgetrechts und bedeutet einen Schlag ins Gesicht dieserVolksver- t r e t u n g". Noch niehr wird aber diese Bedeutung unterstützt durch die Veröffentlichung eines Ukascs über die künftige Aufnahmeordnung von Anleihen, die Hauptrolle wird hierin dem Finanz» k o m i t e e zugeteilt, einer Art Gcheimkommission, gebildet aus Vertretern der hohen Finanzbureaukratie nach Bestininumg des Kaisers; die Duma kann fortan nur ihrer Meinung Aus- druck geben, ob eine Anleihe nötig ist alles übrige Emissions- und Realisationsbedingungen u. a. wichtige Fragen gehen sie nichts an und gehören zur Kompetenz des Komitees, dem überhaupt die ganze Verwaltung der Finanzen zufällt. So sehen wir, wie die Duma immer mehr zum Niveau einer Berat nngs- kommissi on herabgedrückt und ihr nach und nach jede Möglich- keit der Gesetzgebung, jedes Budgetrecht entzogen wird. Zuerst kam das Gesetz über den Reichsrat, das diesem halb ständischen, halb bureaukratischen Institut den Charakter mrd die Befugnisse einer zweiten Kammer verlieh; ihm folgte das Budgetgesetz vom 2. April, das der Regierung ein unkontrolliertes Wirtschaften mit den Reichsfinanzen gestattet; und endlich als Krone des Werkes die neue Anleihe und das Finanzkonntee als Oberherr über die ganze Finanzpolitik! Stellen wir diesem Rückcntwickelungsprozeß der Duma die Pläne der Regierung über den Verlauf der ersten Session entgegen möglichste Beschränkung der Redezeit, etwa zwölf Geschäftsordnungssitzungen und dann Schluß so sehen wir klarer denn je den wahren Zweck der Dumakomödie: Die Regierung brauchte Geld und inszenierte die Duma; sowie sie den ruhigen Fortgang der Wahlen sah, beeilte sie sich, mit einer regelrechten Volksvertretung prahlend, die Anleihe abzuschließen. Hat sie nun einmal diesen Zweck erreicht, klimpert ihr das heißersehnte Geld in der Tasche, so sind alle schönen Versprechen vergessen, die Duma wird mit Füßen getreten undes lebe die Selbstherrschaft!" Alles bleibt wieder beim alten! Zum VO. Geburtstag Jguaz Auers. Der Dienst der Freiheit ist ein strenger Dienst"... Genosse I g n a z Auer, der heute den 60. Geburtstag begeht, hat es erfahren. 40 Jahre Arbeiterbewegung liegen hinter ihm, und alle sind sie für ihn Jahre treuer und harter Arbeit gewesert. Im' demokratischen Arbeiterunterstützungsverein zu Passau hat sich in den 60er Jahren der eben aus der Lehre des Sattlerhand- Werks entlassene junge Jgnaz Auer die ersten Sporen verdient. Dort hat er zuerst jene Eigenschaften entwickelt, die ihn in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie als eine Persönlichkeit voller Eigenart vom Untergrunde der großen Bewegung abheben. Den gutmütig-sarkastischen Witz, die nie versagende Schlagfertigkeit. die packende zwingende Beredsamkeit. Und hier im kleinen Rahmen schon errang sich der 22jährige schnell die Anerkennung seiner organisatorischen itraft. 1868 ward er Vorsitzender des Vereins. Das Jahr 1369 sah ihn schon als sozialistischenHetzer" in großen Versammlungen zu München uno Augsburg . In Berlin wurde er 1872 Mitglied der Eisenacher und des Vereins der Mühlcndammer", wie der stachelige Witz der feindlichen Brüder, der Lassalleaner, den demokratischen Arbeiterverein wegen seines großen Prozentgehalts an jüdischen Mitgliedern getauft hatte. Es war eine Sammelstelle vielversprechender junger Parteigenossen, von denen diele das Offizierspatent in der Tasche, aber alle noch keine Truppen hinter sich hatten. Sie haben sich ihre Armee später redlich erobert, hat Genosse Bebel in einem Auer-Artikel ge- schrieben, den er vor einigen Jahren in der leider wieder eingc- gangenenHütte" veröffentlichte. Mit demselben Eifer wie auf politischem wirkte Auer auch auf gewerkschaftlichem Gebiete. Er organisierte seine Berussgenossen in Berlin . Das Jahr 1873 ist der Beginn seines offiziellen Parteidienstes. Auer trat in die Expedition des Dresdener..Volksboten" ein. Bon dieser seiner Dresdener Tätigkeit hat er vor einigen Jahren beim Jubiläum derSächsischen Arbeiter-Zeitung" eine humorvolle Schilderung gegeben, die uns die unsäglichen Schwierigkeiten, womit die Partei in ihren Jugendjahren zu kämpfen hatte, lebendig vor- führt. Auer plaudert in der Jubiläumsnummer derSächsischen Arbeiter-Zeitung": Zu jener Zeit war eS mit der Redaktion unseres Parte,- blattes gar sonderbar bestellt. Offiziell war der Genosse August Otto-Walster damit betraut, aber Freund Walster hatte Fam'lie und er war so anspruchsvoll, mit dieser, wenn auch noch so be- scheiden, so doch immerhin leben und sich satt essen zu wollen. Um dies aber zu können, mußte er arbeiten, um Geld zu der- dienen, solches war aber in der Kasse desVolksbotcn" selten, ja fast nie vorhanden. Dazu kam. daß die jungen Parteigenossen es gab auch damals schonJunge" und ich gehörte dazu überhaupt die Meinung vertraten, Bezahlung für partegenössische Tätigkeit ist nicht. So tom es, daß Walster sich nur zu oft anderwärts Brot suchen mußte, und derVolksbote" dann keinen Redakteur, dafür aber eine Kollektivredaktion hatte. Was auf die Redattionsstube kam und schreiben oder--- schnewev Petersburg , 18. April. In der hiesigen Baltischen Schiffs- bauanstatt ist von der Polizei eine Bombenniederlage entdeckt worden. Mukdcn, 16. April. Alle Juden sind aus Wladiwostok ausgewiesen worden; zur Erledigung ihrer Geschäfte wurde ihnen eine dreitägige Frist bewilligt. Die russischen Behörden machen bekannt, daß künftighin niemand ohne militärischen Erlaubnisschein nach Wladilvostok reisen darf. politiscke CUbcrficbt. Berlin , den 18. April. Auslandspolitik mit Zuckerbrot und Peitsche. Es scheint mehr und mehr bei uns Sitte werden zu sollen, die Methode der inneren Politik, die mit Zuckerbrot und Peitsche arbeitet, auch auf die äußere Politik zu übertragen. Während man die eine Nation heute mit Aufmerksamkeiten überschüttet und ihr ungewöhnliche Liebenswürdigkeiten geradezu aufdrängt, glaubt man eine andere Nation förmlich mit dem Korporalstock rcgalieren zu dürfen. So überhäufte und überhäuft man die Vereinigten Staaten mit den ausgesuchtesten, zuweilen geradezu seltsamen Aufmerksamkeiten, während man England, Frankreich und zuletzt Italien gegenüber in der letzten Zeit nicht einmal die Formen internationaler Rücksicht be- obachtete, die die Nationen untereinander selbst in gespannten Situationen zu beobachten pflegen. So war die Tanger -Reise des Kaisers und die dabei gehaltene marokkanische Programmrede eine diplomatische Kriegserklärung an Frankreich und England, eine Kriegserklärung von einer Schroffheit, die bis dahin ganz unerhört war. Und die Art, wie dann durch das Goluchowski- Telegramm Italien ein Rüffel erteilt wurde, überbot fast noch die Tanger -Reise. Daß sich die Politik des Zuckerbrotes und der Peitsche in der inneren deutschen Politik bewährt habe, wird selbst der enthusiastische Lobredner des neuen Kurses nicht behaupten können. Das deutsche Proletariat hat sich in dem Gefühle, Anrechte auf solidere Gerichte zu haben, durch die faden Süßigkeiten ebenso wenig ködern lassen, wie es vor der Peitsche kuschte. Und denselben Mißerfolg wird auch die in gleich naivem und impressionistischem Stile gehaltene Aus- lanbspolitik haben. Das zeitweilige intemationale Zusammengehen der Nationen be- ruht auf der zeitweiligen Gemeinschaft der Interessen. Existieren wiche Interessengemeinschaften, so ist jede übertriebene Liebcns- Würdigkeit zwischen den Verbündeten überflüssig. Existiert sie aber nicht, so vermag auch das exaltierteste Liebeswcrben einer Nation die andere Nation nicht zu einem zuverlässigen Bundesgenossen zu machen. Amerikas weltpolitisches Interesse läuft darauf hinauS, keine europäische Macht allzu übermächtig werden»nd keine europäische Kombination entstehen zu lassen, die Amerika bedrohlich werden könnte. Amerika kann es also ganz angenehm sein, wenn die europäischen Mächte sich gegenseitig im Schach halten. Es wird bei etwaigen Konflikten als Neutraler die Rolle des lachenden Dritten spielen, aber im Ernstfalle schwerlich jemals Partei ergreifen. An dieser durch Amerikas Interessen gebotenen Haltung wird auch die über- triebenste Umschmeichelung durch Deutschland nicht daS geringste ändern. Andererseits ist es genau so naiv anzunehmen, durch Drohungen Gefühle internationaler Zuneigung erwecken zu können. Italien Ichloß sich dem Dreibund an, weil es durch ihn seine Interessen am besten gewahrt glaubte. Aber Italien hat auch alles Interesse daran, sich mit Frankreich auf möglichst guten Fuß zu stellen, so daß es eine ganz unbillige Zumutung war, von ihm zu verlangen, sich bei dem ohnehin so nebensächlichen und an den Haaren herbei- gezogenen Marokkokonflikt blindlings für Deutschland ins Zeug zu legen und Frankreich vor den Kopf zustoßen. Wenn jetzt Italien dafür gerüffelt wird italienische Blätter erblickten in der Verheißung des Goluchowski-Telegramms, daß Deutsch- land Oesterreich gegenüber sich gleichfalls alsbrillanter Sekundant" erweisen werde, sogar eine bedrohliche Anspielung auf die Unterstützung einer österreichischen Offensivpolitik im Adriatischen Meere so wird da? das Band zwischen Italien und Deutschland nicht um die Dicke eines SpinnwebfadenS verstärken. Im Gegen- teil, Italien muß unter solchen Umständen gerade bemüht sein, anderweitig Anschluß zu suchen, waS bei der Veränderung der politischen Konstellation auch keineswegs unmöglich wäre. Ist doch schon jetzt von einem englisch - französisch- italienischen Dreibund die Rede. konnte, wurde in Tätigkeit gesetzt, um Manuskript zu schaffen. Diese so gelieferten Geistcsprodukte sahen freilich manches Mal auch danach aus, aber unser Lescpublikum war nicht verwöhnt; nur kräftig mußte die Speise sein und daran dafür sorgte unsere Jugend und Begeisterung für die Sache ließen wir es nicht fehlen. Allerdings war auch, außer Walster, noch ein Journalist unter uns. Freilich stand er damals noch am Setz- kästen und hantierte noch mit dem Winkelhaken. Aber er hatte einen Vorzug, worin es ihm sobald keiner gleich tut. Max Kegel brauchte kein Manuskript er setzte den Leitartikel aus dem Kopfe. So ging es in der Woche. Am Sonntag aber zogen wir kolonnenweise hinaus in die Dörfer des 4. und 6. Wahlkreises und suchten und fanden in Arbeiter- und Baucrndörfcrn neue Anhänger und Abonnenten für denVolksboten". Die jüngeren Genossen mögen daraus ersehen, daß auch die Landagitation keine Errungenschaft der Neuzeit, sondern schon eine alte Einrichtung in der Partei ist. Es blieb so. bis die liebe Obrigkeit sie hat sich auch damals unserer Partei schon liebevoll an- genommen demTreiben ein Ziel setzte". Genosse Walster wurde wegenMücke"-Beleidigung auf mehrere Monate im Ge- fängnis zu Döbeln einquartiert. Ich aber hatte eine alte Schuld von 30 Talern, zu denen mich die Krcisgerichts-Deputation in Alt-Landsberg wegenVerächtlichmachung" verknurrt hatte, zu berichtigen. Da ich aber nicht 30 Groschen, viel weniger Taler hatte, um sie dem Fiskus in den Rachen zu stecken, so mußte ich zehn Tage brummen. Die Folge davon war, daß ichals be- strafte Person" aus Dresden und wenn ich nicht irre auch aus dem Königreich Sachsen auf ein Jahr ausgewiesen wurde. Damit war es mit meiner Redaktionstätigkeit zu Ende." Die Parteibeamtcnschaft wurde also unterbrochen. Auer griff in Berlin wieder zum Handwerksgerät. Aber noch im selben Jahre wählte ihn der Hamburger Ausschutz der Eisenacher ins Partei- sekretariat, das durch den Tod Korks verwaist war. Der Einigungskongreß zu Gotha vom Mai 1875, der die Eisenacher und Lassellaner verschmolz zu der einen sozialdemokratischen Partei an der Vorbereitung der Einigung hatte Auer erheblichen Anteil bestellte ihn neben Derossi zum Sekretär der neuen Organisation. 1877 eroberte er das Mandat des sächsischen Reichstagswahlkreises Rcichcnbach-Auerbach.' Er verlor es wieder 1878 in der Hetze der Attentatswahlcn. Es war das Vorspiel zu Schlimmerem. Das Soziali st engesetz krallte die Würgefinger, und neben vielen anderen büßte auch Auer seine Existenz ein. Im Jahre 1877 war er neben Most in die Redaktion derBerliner Freien Presse" ein- getreten. Das Ausnahmegesetz erdrosselte sie und jagte 67 Genossen von der Stätte ihre Arbeit unter ihnen war auch Auer. Ver- geblich waren seine Versuche� sich in der Redaktion derHamburger Gerichtszeitung", die im Dietzschen Verlag an Stelle des ver- botenenHamburg -Altonaer Volksblattes" erschien, erst in Ham- bürg selbst, dann, nachdem auch von hier die Ausweisungsukase er- gangen, in Harburg eine neue Position zu gründen. Der kleine Belagerungszustand folgte dem zähen Kämpfer, dieGerichts- zeitung" verfiel dem Verbot. Jgnaz Auer stand abermals vor dem NiM> Jl » Bchlperin fand er als Gehülfe in der Altmöbelhandlung Andererseits freilich wird man auch sowohl in Oesterreich wie in Italien das GoluchowSki-Telegramm nicht überschätzen. Man weiß ja seit dem Krüger-Telegramm, daß höfische Kundgebungen nicht immer wörtlich genonnncn werden dürfen. Und Fürst Bülow erklärte ja erst vor wenigen Tagen im Reichstage, daß Deutschland trotz der Tanger -Reise und-Rede wegen Marokkos niemals zu den äußersten Mitteln gegriffen haben würde. Auch in Deutschland sprechen schließlich trotz aller impulsiven Kundgebungen die großen wirtschaftlichen Interessen das entscheidende Wort. Deshalb soll natürlich der Schaden, der durch unsere eigen- artige Auslandspolitik angerichtet worden ist und angerichtet werden kann, nicht gering veranschlagt werden. Umsoweniger, als durch Deutschlands Isolierung dem Volke immer unerträglichere Militär- und Marinelastcn aufgebürdet werden. Ein einziges Telegramm kann so dem Volke hunderte von Millionen kosten! Wiederbeginn der rnssisch-borussischen Ausweisungsschmach. Wer sich je in dem Kinder-, richtiger Köhlerglauben gewiegt haben sollte, die preußisch-dcutsche Reaktion sei unter dem Erdbeben des russisch -japanischen Krieges und dem Gewitter der russischen Revolution über die feige Knutenschmach der Jahre 1902/1904 hinaus- gewachsen, findet prompt sein Damaskus . Am 14. April d. I. vor vier Tagen ist der neue russische Milliardenpump abgeschloffen. Am 14. April am gleichen Tage noch weist die Abteilung VII (die politische Abteilung) des Berliner Polizeipräsidiums zwanzig oder noch mehr russische Studenten und Studentinnen aus. Der Kredit des Zaren ist hergestellt es lebe der Zar. Der russische Fußtritt von Algeciras ist vergeffen. Bülow machte Miene aufzumucken seine in dieser Beziehung ihm sicherlich wohl- tätige Erkrankung im Reichstag verhinderte, Gott sei Dank I wird er jetzt sagen, die offizielle Absage an den Zarismus. Der Zar ist wieder mächtig er hat Geld l Die russische Revolu- tion ist so wähnt man vorüber oder dem Ende geweiht denn der Zar hat Kredit. Bor Schwachen Falstafftapferkeit, vor Starken Bauchrutschen. Das ist seit je die Ouintessenz der Bülow- scheu Politik. Rußland hat Kredit kusch Bülow! Sei tapfer gegen die Schwachen und Wehrlosen I Zeig Dich Untertan Deiner russischen Obrigkeit. Zwanzig russische Studenten und Studentinnen I Weshalb?Als lästige Ausländer I" Weshalb lästig? Schweigen I Kein Wort der Begründung; jede Begründung schroff abgelehnt! 20 Existenzen schwer getroffen, zum Teil vernichtet. Mehrere der Ausgewiesenen sind lange Jahre in Berlin und hier fest eingewurzelt. Auch ganze Familien sind unter den Ausgewiesenen. Einige stehen mitten im Examen. Eine ausgewiesene Ehefrau ist, wie wir hören, in hoch- schwangerem Zustande. Tut nichts. ES gilt Lakei spielen und das heißt: brutal nach unten sein. Der Minister des Innern soll hinter der Schmach stehen; und hinter ihm natürlich der preußische Ministerpräsident und deutsche Reichskanzler Fürst Bülow . Die polirische Abteilung hat die Ausweisungen verfügt politische Gründe haben also die erbärnrliche Maßregel diktiert, die gerade dadurch doppelt erbärmlich ist. Und keiner der Ausgewiesenen hat sich etivaS zuschulden koinmen lassen, keiner hat je Konflikte mit der Polizei oder den Gerichten gehabt. Und dafür die grau- same administrative, jeder Rechtsgarantie entbehrende Strafe der Ausweisung I Das deirtsche Volk, die deutsche Intelligenz, alles, was auf Kulturehre hält, jeder, der sich seines Vaterlandes schämt, wenn es sich zum Kosaken-Sticfelputzer erniedrigt, muß gegen diesen neuesten Russenkurs, gegen diese Wiederholung der Schnorrer« und Ver- schwörer-Schande aus dem März 1904 mit aller Macht protestieren. Das deutsche Proletariat wird seine Schuldigkeit tun. die Ehre Deutsch- lands vor der Welt zu retten. Wird nicht nur ein Freischärler des deutschen Bürgertums de» Kampf aufnehmen? »» Deutfcbea Reich. Sonderbar! höchst sonderbar! Während Mossesche Gemütsmenschen es für recht und billig halten. daß Deutschland die durch den Aus- einer Schwiegermutter notdürftigen Unterschlupf. In diese Jahre zer Not und der Ausweisungen aber fällt seine zweite Wahl zum Reichstagsabgeordneten. Der sächsische Wahlkreis Glauchau -Merane fiel ihm 1880 in der Nachwahl zu. Zweimal noch, 1881 und 1887. verlor er ihn wieder. Seit 1890 aber ist der Kreis unverlierbarev Besitzstand der Partei geworden. Auer hat mit zu den eifrigsten, unerschrockensten Kämpfern unter dem Ausnahmegesetz gehört. An allen Kongressen der Partei hat er teilgenommen; mit Bebel, Vollmar, Frohme, Viereck, Heinzel, Müller-Darmstadt und Ulrich-Offenbach wurde er als einer der von der Polizei abgefangenen Delegierten vom Kopenhagener Kongreß am 4. August 1836 vom Freiberger Landgericht wegen geheimer Verbindung zu ungesetzlichen Zwecken" verurteilt und mit 9 Monaten Gefängnis belegt, die er zu Zwickau verbüßte. In München , wohin er Mitte der 80er Jahre verzogen, mußte er 1888 abermals einen großen GeheimbundSprozeß mitbcstehen, der wesent- lich infolge des meisterhaften O�ericrcns Auers trotz aller Machen- schaften des Mcineidmichels. wie der Münchencr Polizeikommissar Gehret mit Recht genannt worden ist, mit dem Freispruch endete. Die Geschichte dieser schmachvollen Periode der Lockspitzelei und der Geheimbundsprozesse hat Genosse Auer in einer Broschüre ge- schrieben, die 1800 in Zürich unter dem TitelNach 10 Jahren" erschien. Sie ist ein Spiegel der Schmach, die die bürgerliche Ordnung in jenen ersten 10 Jahren des Schandgesetzes auf sich ge- laden hat, ein wertvoller Beitrag zur Geschichte der Partei, ein Dokument ihres Heldenzcitalters. Der erste Parteitag, der nach dem Fall des Ausnahmegesetzes wieder auf deutschem Boden tagen konnte, hat Jgnaz Auer wieder zum Sekretär der Partei berufen. Was er als solcher, als Agitator und Reichstagsabgeordneter für die Partei geleistet hat, das brauchen wir hier nicht im einzelnen anzuführen. Auf fast allen Parteitagen ist seine kluge Rede gehört worden, hat sein kaustischer Humor die Kämpfe gemildert. Und wenn auch in den inneren Auseinandersetzungen, die die Partei seit Jahren bewegen, wir und viele Genossen mit manchen seiner Wege nicht einverstanden waren. keinen wird es in der deutschen Sozialdemokratie geben, der nicht überzeugt ist. daß alle«, was Genosse Auer getan hat. geschehen ist aus dem ticfinnersten Bestreben das Beste der Partei zu fördern. Keinen, der nicht wünschen möchte, daß er an der Schwelle des 7. Jahrzehnts mit gleichem Rechte von sich sagen dürfte, daß er alle Zeit mit allen Fasern seines Seins für die Partei gearbeitet und ihr Wohl über das seine gestellt hat, wie es Jgnaz Auer von sich sagen darf. Der Dienst der Freiheit ist ein strenger Dienst..- Jgnaz Auer hat es erfahren. Not und Verfolgung und Mühsal sind ihm in überreichem Maße zu teil geworden. Der tapfere Kampf, den er gefochten, hat ihm schwere Wunden gebracht. Noch immer ver- bieten ihm die Nachwehen langwieriger schwerer Krankheit, in der Ocffentlichkeit so für die Partei zu wirken, wie früher. Wir wissen keinen besseren Glückwunsch zum 60. Geburtstag als den, daß die Genesung in Bälde zur vollständigen Wiederherstellung der alten Kraft führen möge. Und in diesem Wunsche ist mit uns ditz ganze deutsche Sozialdemokratie einig,