»»->«->>» 1. fxilngr»es Jotmätte" Stiiiiirt lolbM. frtitag, II. Moder lM. 9er l|ocl)verrat$pr«zeß Liebknecht. (Telegraphischer Bericht.) Leipzig , den 10. Oktober IN?. 2. Berhandlungstag. Der über Erwarten bedeutsame und interessante Verlauf der Verhandlungen im Hochverratsprozetz Liebknecht hatke heute zu einem womöglich noch stärkerem Andrang des Publikums geführt als gestern. Punkt 9 Uhr eröffnete Senatspräsident Treplin die Sitzung und fuhr sogleicb in der Vernehmung des Angeklagten fort. Er legte ihm zunächst die Frage vor, ob er nicht in bestimmten Fällen, z. B. für den Fall einer Intervention in Rußland schon jetzt die Insurrektion empfohlen hätte. Das scheine doch in der Broschüre deutlich ausgesprochen zu sein.— Dr. Liebknecht: Das ist ein Mißverständnis, das daher rührt, daß die sozial- demokratische Terminologie für gewisse Kreise gleichsam eine Geheimschrift ist. Ich habe aller- dings die Schrift mit lebhaftem Temperament geschrieben und die Behandlung des Themas hat mich innerlich lebhaft erregt. Aber es ist dennoch keine Propagandaschrift geworden, dazu ist sie viel zu schwer verständlich. Von den 5000 Exemplaren der Schrift, die verbreitet wurden, obwohl der Reichsanwalt bald dem„Hochverrat" auf die Fersen kam, ist nur der geringste Teil in die Hände von Arbeitern gelangt. �Zch könnte das eventl. durch das Zeugnis der Verlagsangestellten beweisen.— Präs.; Ich will das gern als wahr unterstellen, die Schrift ist für den einfachen Laien- verstand allerdings etwas schwierig. Aber wie stehen Sie zu der Intervention in Rußland ? Sie war doch denkbar, da ja Preußen auch 1830 Vorkehrungen gegen den polnischen Aufftand getroffen hat.— Dr. Liebknecht: och bestreite aufs entschiedenste, die Insurrektion empfohlen zu haben. Jci, habe- lediglich untersucht, wie ein so unpopulärer Krieg wirkt, wie er die proletarische Empörung zur Gluthitze steigert. Ich habe einfach theoretisch ausgeführt, was infolge des japanischen Krieges in Rußland tatsächlich eingetreten ist.— Präs.: Sie wollen also die Entscheidung über den Kriegs- fall in die Hand dcsVolkes legen.— Dr. Liebknecht: Selbstverständlich, denn als Sozialdemokrat bin ich eben Demokrat. In anderen Ländern, England, Norwegen usw., ist das längst erreicht. Selbst Herr Bassermann hat ja durch seine bekannte Novcmberinterpellation gegen den Absolu- t i s m u s gerade in der auswärtigen Politik Front gemacht, und Herr Bassermann ist doch kein Sozialdemokrat.(Heiterkeit.) Selbst bei geringer Hoffnung auf die Entwickclungsfähigkeit der Mensch- heit kann man doch glauben, daß diese Entwickelungsphase inner- halb der bestehenden Gesellschaft erreichbar ist. Im übrigen ist das Ziel meiner politischen Tätigkeit natürlich die gänzliche Ab- schaffung der Monarchie und die Herbeiführung der vollständigen Demokratie, dazu als Sozialdemokrat auch eine grundlegende recht- liche und ökonomische Umwälzung der Gesellschaft.— Präs.: Sie sprechen soviel von einer„Logik des Blutes", an der der Mili. tarismus zugrunde gehen soll.— Liebknecht: Darunter verstehe ich die Wirkung des Blutvergießens bei innerpolitischen Konflikten auf die Volkspsyche. Es ist das eines der Gifte, die der Militarismus erzeugt.— Präs.: Was heißt das, wenn Sie sagen, der Militarismus geht zugrunde?— Liebknecht: Ich wollte damit auf die Widersprüche hinweisen, die innerhalb des Mili- tarismus bestehen. Einmal gebraucht der Militarismus Prole- tarier, die die zum Gehorsam erforderlichen Eigenschaften haben. also Proletarier, die von ihm abhängig sind, andererseits gebraucht er auch kluge und aufgeklärte Soldaten, denn nur solche sind imstande, den Kapitalismus zu schützen und die Waffen zu führen. Auf diese innere Dialektik des Militarismus wollte ich hingedeutet haben.—' Präs.: Sie bleiben also dabei, daß gewisse innere Widersprüche zu einer Zersetzung des Militarismus führxn müssen? — Liebknecht: Ja.— Präs.: An einer anderch, Stelle er- klären Sie Ihre kleine Anhängerschaft in der Partei damit, daß es ein Unterschied sei, einen sozialdemokratischen Stimmzettel abzugeben oder mit seiner Person Gefahren auf sich zu nehmen. Sie beanspruchen also für sich eine gewisse Skepsis?— Liebknecht: Das will ich damit durchaus nicht gesagt haben.— Präs.: Sie meinen weiter, daß namentlich die Reserve und Land- wehr Ihrer Agitation zugänglich sein wird.—Liebknecht: Ich glaube allerdings, daß die Angehörigen der Arbeiterklasse immer mehr vom Klassenbewußtsein durchdrungen werden. Ich betone hierbei ausdrücklich, daß ich mit meiner ganzen antimili- taristischen Agitation nur die Soldaten über ihre eventl. Verwendung zum verfassungswidrigen Staatsstreich gegen den inneren Feind a u fk l ä r e n w i l l.— P r ä s. Die Anklage behauptet, daß Sie nicht nur theoretische Erörterungen gepflogen haben, sondern auch bemüht waren, Ihre Ideen zu aktueller Realität zu bringen. In diesem Sinne faßt die Anklage vor allem Ihre Propaganda für die Organisation der Jugend auf. Was haben Sie dazu zu sagen?— Liebknecht: Ich habe als Sozialdemokrat selbstverständlich das Interesse, sozialdemo- kratische Ideen zu verbreiten. Zu dieser aufklärenden Tätigkeit gehört auch die Aufklärung über den Militarismus, die wichtigste Begleiterscheinung des Kapitalismus. Da bisher die Sozialdemo- kratie wenig für die Aufklärung der Jugend getan hat, hielt ich es für erforderlich, gerade unter der Jugend propagandistisch tätig zu sein. Damit will ich aber in keiner Weise der Kasernenagitation dasWort r e d e n.— P r ä s.: Dann bringe ich zur Verlesung den Artikel der„Jungen Garde", betitelt „Rekrutenabschied", der von Ihnen verfaßt ist. Es heißt darin:„Das Vaterland ruft, so schallt es in den Schulen, tönt es von den Kanzeln. Bisher wäret Jbr freie Männer, Ihr jungen Proletarier, zetzt seid Ihr jedem Oß�zier und Unteroffizier auf Gnade und Ungnade aus- geliefert. Gehorchen müßt Ihr, selbst wenn man etwas Straf- bares von Euch verlangt! Bisher durftet Ihr lesen und schreiben, was Ihr wolltet. Jetzt ist es auch damit vorbei. Ihr dürft keine Versammlungen mehr besuchen, nichts mehr lesen und schreiben, was nicht kontrolliert wird. Schwere Strafen.riskiert, wer andere als staatserhaltende Schriften liest. Bisher hattet Ihr wenigstens einigermaßen Euren Lohn. Jetzt müßt Ihr für 20 Pf. täglich arbeiten nach dem Liede:„Präsentiert dem König, 22 Pfennig sind zu wenig!" Wer Euch mit Peitschen schlug, und war es selbst Euer Arbeitgeber, Ihr durstet Euch wehren und bliebt straflos. Jetzt müßt Ihr die größte Schmach, die ehrvcrletzendste Kränkung erdulden. Jhl- dürft den Dienst nicht verlassen, Ihr habt nicht das Recht der Erwiderung auf der Stelle. Selbst das Recht der Not- wehr wird Euch bestritten. Man wird Euch eine glitzernde Uni- form anziehen und Euch mit Musik über die Straße führen. Seid Ihr Kinder, daß man Euch solchen Firlefanz bieten darf? Ihr sollt im Kriegsfall das Vaterland schützen. Denkt an unsere Ko- lonien, denkt cm Marokko ! Was hat das mit dem Schutz des Vaterlandes zu tun? Die Kolonialpolitit nützt dem Vaterlande nichts, sondern nur den Großkapitalisten. In den Kasernen wird man Euch nicht vom äußeren, sondern auch vom inneren Feind sprechen. Der innere Feind, das ist Euer Vater, Eure Mutter, Eure Brüder und Schwestern, das sind alle, die nicht zum Groß- kapitalismus gehören. Darauf sollt Ihr schießen. Die Augen werden Euch ausgehen, wenn Ihr alles wißt. Was ist denn das für ein Vaterland, daß Euch Eure Freunde zu Feinden macht, daß Euch Euer KichstpS nimmt? Mit dem Vaterlands habt Ihr I nichts zu tun. Das einige deutsche Vaterland ist nur die Vcr- i trctung einer bestimmten �Klasse des deutschen Volkes, das Euch und Eure Gesinnungsgenossen von Kindesbeinen an ausbeutet und unterdrückt. Ihr sollt keine Berührung mit Brüdern und Schwe- stern mehr haben. Deshalb schafft man Euch fort von der Heimat. damit Ihr durch Euer Solidaritätsgefühl nicht in Eurem Wirken gestört werdet." Dieser Artikel ist doch speziell an die Rekruten gerichtet? Liebknecht: Es handelt sich um einen Artikel, der Bezug hat auf die auch von sozialdemokratischer Seite alljährlich veranstalteten Rekrutenabschiedsfciern. Es kann aber keine Rede davon sein, daß ich etwa damit die Soldaten zum Unge- horsam auffordern wollte., Präs.: Ich bringe nunmehr eine Stelle aus dem Herveschen Buch„Leur Patrie" zur Verlesung, in der erörtert wird, was die Sozialdemokratie im Falle eines Krieges tun soll. Ich weiß, daß Sie ein Gegner der Herveschen Ansichten sind, aber ich verlese diesen Artikel, um gewissermaßen eine Parallele zu ziehen zwischen Ihrer Agitation in Deutschland und der- Herveschen in Frankreich . In dem Artikel heißt es:„Was sollten wir im Falle eines Krieges tun? Das einfachste wäre, zunächst zu gehorchen, die Waffen au- zunehmen und dann im gegebenen Augenblick den Dienst zu ver- weigern. Aber das ist schwer durchzuführen, denn auch die Herr- schenden Klassen werden Vorsichtsmaßregeln treffen und erst kurz vor der Schlacht die Patronen ausliefern. Leichter ist ein an- deres Mittel, das sich mit zwei Worten bezeichnen läßt: Fahnen- flucht der Kameraden und Streik der Reservisten."— Lieb knecht : Mit diesem Buche habe rch nichts zu tun, für die Herveschen Ansichten bin ich in keiner Weise verantwortlich, ich bin im Gegenteil ein entschiedener Bekämpfer seiner Anschau- ungen.— Präs.: In Ihrer Broschüre sagen Sie, daß die all- gemeine Anerkennung des Grundgedankens Ihres in Mannheim abgelehnten Antrages nur eine Frage der Zeit, und voraussichtlich sehr kurzer Zeit sei.— Liebknecht : Diese kurze Zeit bezieht sich natürlich nur auf die Einleitung einer antimilitaristischen Agitation, nicht einer antimilitaristischen Aktion.— Präs.: Wie Sie sich zur Frage der Kasernenagitation gestellt haben wollen und wie Sic wünschen, daß man sie gestellt ansieht, haben Sie in Nr. 157 des„V o r w ä r t s" in einer Erklärung dargelegt. Darin be- streiten Sie, indem Sie gegen Vollmar polemisieren, daß drei Anträge von Ihnen für eine Kasernenagitation abgelehnt seien und erklären, Sie wollten nur eine spezialisierte Agitation gegen den Militarismus. Wörtlich heißt es dann weites:„Vollmar sagte, Liebknechts Broschüre und seine Ansichten hätten auszuscheiden, nachdem das Versahren wegen Hochverrats gegen ihn eingeleitet ist. Ich betone demgegenüber, daß ich eine solche Rücksichtnahme aufs höchste bedauern und schlecht- hin zurückweisen würde, da ich meine, daß diese Aktion der Klaffen- justiz im Kampfe gegen den Kapitalismus verschärfend wirken dürfte." Es kommt hier das Wort Klassenjustiz vor. Was verstehen Sie darunter? Liebknecht: Unter Klassenjustiz verstehe ich die gesellschaft- liche Erscheinung, wonach nur Angehörige einer bestimmten Anzahl von Bevölkerungsschichten in der Regel das Richteramt ausüben, und infolgedessen, wenn sie über Angehörige anderer Schichten der Bevölkerung zu befinden haben, selbst bei größter Mühe nicht imstande sind, objektiv zu urteilen. Wir sprechen von einer Klassenjustiz gegen die Sozialdemokratie, weil Sozialdemokraten nicht Richter sind und weil sich der Sozial- demokrat von Feinden seiner Partei verurteilen lassen muß.— Präs.: Würden Sie glauben, daß es Gerichtshöfe gibt, die aus Sozialdemokraten zusammengesetzt sind und dann über andere Klassen objektiv Recht sprechen werden?— Liebknecht: Für mich besteht kein Zweifel, daß, wenn eine andere Klaffe als die heutige judizieren würde, diese eine ihr feindliche Klasse ebenso verstehen könnte, wie die Sozialdemokratie heute der Regel nach nicht verstanden wird.— Präs.: Sie wollen also Gerichtshöfe, aus allen Klassen zusammengesetzt?— Liebknecht: Jawohl. — Präs.: Meinen Sie nicht, daß auch jetzt schon Richter Sozial- demokraten sind?— Liebknecht: Ja. aber doch nur in ganz vereinzelten Fällen als Schöffen oder Geschworene.— Präs.: Ist es richtig, daß v. Vollmar Ihnen eine Kasernenagitation vor- geworfen hat?— Liebknecht: Die Protokolle der Parteitage beweisen, daß ich von Anfang an die Kasernenagitation von einer antimilitaristischen Propaganda ausgeschlossen habe.— Präs.: Sie behaupten also, daß der Vorwurf der Kasernenagitation Ihnen von Ihren Genossen zu Unrecht gemacht wurde?— Liebknecht: So direkt ist er mir ja nicht gemacht worden.— Präs.: Vollmar hat aber ausdrücklich von der„kindischen Revolutions- spielerei in der Kaserne" gesprochen.— Es gelangt dann Vollmars Rede in der Stuttgarter Militärkommission zur Verlesung. Be- kanntlich führt er darin aus, daß die Aufklärungsarbeit gewissen Leuten zu langsam gehe und daß sie deshalb auf Mittel sinnen, sie zu beschleunigen. Liebknechts Agitation müsse ganz aus der Debatte ausscheiden, seit das Reichsgericht gegen ihn das Verfahren wegen Hochverrats eröffnet habe. Militärstreik und Insurrektion seien jedenfalls, so schließt Vollmar, unter dem Widerspruch der Hervcisten, töricht und unsinnig.�— Präs.: Vollmar polemisiert in dieser Rede auch gegen Jaures . Ist Ihnen bekannt. daß Jaures sich neuerdings zum Herveismus bekennt? — Liebknecht (lachend): Das ist ganz gewiß nicht der Fall. Aus welcher Quelle schöpfen Sie denn das? Eine sozialdemokratische Zeitung ist es doch sicherlich nicht.— Präs.: Das war ja nur so nebenbei bemerkt. Wir kommen jetzt auf Vollmars Rede in Essen.— Liebknecht: Ich will nur bemerken, daß Vollmar, der ja nicht mein Gegner, sondern mein Genosse ist, die in Stuttgart gegen mich erhobenen Vorwürfe in einer persön- lichen Bemerkung am nächsten Tage zurücknahm.— Präs.: Vollmar führte also auf dem Essener Parteitag aus, daß es sehr schwer sei, über Liebknecht zu sprechen, weil jedes Wort um- gedeutelt werden könne. Aber jedenfalls zeige Ihr Fall, wie schwer es bei der antimilitaristischen Agitation sei, Torheiten zu ver- meiden. Man sei da sehr leicht gezwungen, offen vorzugehen und zu sagen, was man eigentlich wolle. Die Politiker und Juristen könnten sich wohl aus der Verlegenheit ziehen, aber die einfachen Rekruten nicht. Wenn, wie in Mannheim vorgeschlagen, die Rekruten mit einem Trauerflor in die Kaserne gingen, würden sie ja ein angenehmes Leben beim Militär haben.— Liebknecht: Ich stellte sofort in einem Zwischenruf fest, daß ich nie dazu geraten habe.— Präs.: Ganz recht. Vollmar erklärt weiter die von Ihnen betretene Bahn für vollkommen verkehrt und höchst gefährlich. Den zulässigen Antimilitarismus habe die deutsche Sozialdemokratie stets betrieben, die spezifisch antimilita- ristische Agitation aber begegne beim ersten Schritt den größten Schwierigkeiten. Man solle die Bildung der Jugend vertiefen, damit sie sich auch im Äaffenrock als Bürger fühle.— Liebknecht: Ich habe mich darauf sofort in Essen ausführlich aus- gelassen und ausgeführt, daß auch ich die Kasernenagitation ver- werfe und nur eine spezifische antimilitaristische Propaganda wünsche. Der Trauerflor war nicht ein Vorschlag, sondern nur eine rethorische Floskel. Ein Redner sagte in Mannheim , die Rekruten sollten lieber statt mit bunten Bändern geschmückt mit dem Trauerflor in die Kaserne gehen. Ich erklärte das selbst für mißverständlich und mahnte zur größten Vorsicht in der anti- militaristischen Agitation. Ich führte weiter aus, daß davon ab- gesehen in Deutschland der denkbar beste Boden für sie sei. Ich zog dann meinen Antrag zurück, weil ich es für besser hielt,?lnti- Militarismus zu treiben als darüber zu reden.— Präs.: Dann wgr noch ein Antrag Dortmund zur Agitgtion unter den Rekruten. — Liebknecht; Den habe ich nicht untcrstiitit.— Präs.: Nach Ihrem„Nekrutcnabschied" sollte nian das erwarten.— Lieb' kn echt: Das hat nichts miteinander zu tun.— Präs.: Sie sind doch aber mit Ihren Anträgen und Reden in Gegensatz be- sonders zu Bebel und Vollmar getreten. Worauf kv-uht dieser Gegensatz?— Was meinen und wollen Sie denn nun pssinv?— Liebknecht: Das habe ich in meiner Schrift aufs deutliches gesagt und nehme kein Wort davon zurück. Ich will keine Kasernen agitation, aber ich will mit allem Nachdruck Aufklärung der Jugend, die später in die Kaserne einrückt, in antimilitaristischcm Sinns. — Präs.: Das wollen doch aber Vollmar und Bebel genau so.— Warum machen Sie ihnen denn Opposition? ' Liebknecht : Sie halten manche Formen meiner Agitation nicht für zweckmäßg, sind wohl auch infolge Mißverständ- nissen über meine Ziele verkehrter Anschauung gewesen. Im übrigen ist es mehr eine Nuance als ein wirklicher Unterschied.— Präs.: Wichtig ist dann noch die Resolution des französischen Parteitages von Limoges , die für den Fall eines Krieges selbst die Insurrektion für geboten hält. Diese Resolution haben Sie in Ihren Grundzügen als gut und brauchbar bezeichnet.— L i c b» k n e ch t: Aber doch nur insoweit, als ich in ihren Grundzügcn in trefflicher Weise meine Stellung zum Militarismus charakteri- siert sah. Das heißt doch noch nicht, daß ich mich damit auch auf die Insurrektion festgelegt hätte.— Präs.: Als der Abg. Bebel in Mannheim gegen Sie polemisierte und darauf verwies, daß die Verhältnisse in Frankreich ganz anders als hier lägen, haben Sie den Zwischenruf gemacht:„Aber ganz vortrefflich I" Die An- klage folgert daraus, daß Sie Ihrerseits im Gegensatz zu Bebel mit der deutschen Jugendorganisation dasselbe erreichen wollen wie Herve mit der Jugendorganisation in Frankreich.— Liebknecht: Dieser Zwischenruf sollte weiter nichts bedeuten, als daß mir die stark spezialisierte antimilita» r i st i s ch e Agitation in Frankreich vortrefflich erscheint.— Präs.: Die„Leipziger Volkszeitung ", gegen deren Authentizität Sie gewiß nichts einwenden werden, ist der Auffassung, daß die in Limoges angenommene Resolution Jaures-Vaillant, mit deren Grundzüge Sie sich einverstanden erklärten, sich im wesentlichen mit der Resolution Herve deckt. Das ist im wesentlichen auch die Auffassung der Anklage.— Liebknecht: Diese Auffassung der „Leipziger Volkszeitung " will ich mir durchaus nicht zu eigen machen.— Präs.: Schließlich bringe ich einen Artikel aus der „V o s s i s ch e n Zeitung" zur Verlesung. Die..Vossische Zeitung" brachte eine Rede Herväs, entnommen der Herveschen Zeitung„Le Travailleur de Donne". Herve sagt da: Bebel ist von uns abgefallen. Bebel ist alt, Bebel ist müde. Aber in der deutschen sozialdemokratischen Partei gibt es eine Minderheit von Jungen, die AntiMilitaristen sind wie ich selbst. Lassen wir uns nicht entmutigen, verdoppeln wir im Gegenteil unsere Bemühungen. Liebknecht und ich genügen, um die deutsche oder französische Vaterlandsliebe einzudämmen." Ich kann natürlich nicht beweisen, daß Herve das gesagt hat. Wie weit jedoch Wert auf eine solche Aeußerung zu legen ist, wird sich finden.— Liebknecht: Ich bin überrascht, daß dieser Artikel der„Vossischcn Zeitung" hier zur Sprache kommt. Die„Vossische Zeitung" ist bekannt wegen ihrer äußerst feindlichen Haltung gegen die Sozialdemokratie. Wie kann ich da verantwortlich ge- macht werden für diese Aeußerung, die irgend ein Korrespondent dieses Blattes aus irgend einer Rede Herväs über mich meldet. Eine solche Aeußerung ist geeignet, nach außen Unklarheiten zu schaffen. Ich werde hier fortgesetzt mit Herve in Verbindung gebracht. Dagegen muß ich mich wehren, denn ich habe mit ihm nichts zu tun. Solch blödsinnige Berichte bürgerlicher Blätter weise ich zurück. Ich müßte sonst beantragen, Herve als Zeugen zu laden. Durch solche Artikel wird eine nicht faßbare Stimmung gegen mich erzengt. Präs.: Von Stimmung machen gegen Sie ist hier keine Rede. Der Senat wird entscheiden, wieweit den Artikeln aus der „Vossischen Zeitung" Wert beizulegen ist..— Verteidiger Rechts- anwalt Hezel: Seit wann befindet sich die„Vossische Zeitung" bei den Akten?— Präs.: Seit dem 24. Juni 1907.— Verteidiger Rechtsanwalt Haase: Mir ist die betreffende Nummer bisher nicht zu Gesicht gekommen, und die Verteidigung ist in der Tat überrascht worden.— Präs.: Wenn die Herren sie nicht finden, so ist das ihre Sache. Ich wiederhole, daß diese Schriftstücke seit Juni niemals aus den Akten gekommen sind.— Oberreichs« anwalt: Ich bitte, genau festzustellen, wie der Angeklagte sich nach dem Eröffnungsbeschluß benommen hat. Es ist das notwendig zu seiner Charakteristik. Am 22. Juli wurde die Anklage erhoben und am 27. sprach der Angeklagte hier in einer Volksversammlung über Antimilitarismus.— Liebknecht: Die Versammlung war vorher festgesetzt. Die Anklage konnte mich nicht im mindesten veranlassen, meine antimilitaristische Pro- paganda innerhalb der gesetzlichen Grenzen ein- zustellen. Die Versammlung hatte auch keine weiteren Kon- scqncnzen.— Oberreichsanwalt: Dann hat der Angeklagte im August in Stuttgart über„meinen Hochverratsprozeß" ge- sprachen. Nach dem stenographischen Bericht des„Vorwärts" sagte er, dieser Prozeß habe zum Ziel, jede Kritik am'Militarismus zu unterdrücken, und an ihm solle ein Exemprl statuiert werden.— Liebknecht: Das ist meine Auffassung, die ich noch später darlegen werde. Oberreichsanwalt: Und dann hielt der Angeklagte wiederum in Stuttgart auf der internationalen Jugendkonferenz ein Referat über den Antimilitarismus. — Präs.: Darauf werde ich noch zurückkommen. Ich möchte nänilich zunächst den Zeugen Bebel hören.— Liebknecht: Ich bin mit meiner Aeußerung zur Anklage noch nicht fertig. Ich habe mich noch nicht zu dem Moment der Gewaltsamkeit geäußert, das die Anklage mir unterstellt. Ich möchte bitten, mich vor jeder weiteren Beweis- aufnähme im Zusaminenhang darüber sprechen zu lassen.— Präs.: Vielleicht erübrigt die Vernehmung des Zeugen Bebel Ihre Aus- lassungen in dieser Beziehung.— Vert. Haase: Ich möchte doch bitten, erst den Angeklagten zu hören. Nach seinen Aus- lassungen werden wir Fragen an den Zeugen Bebel zu richten oder sie uns zu ersparen haben.— Präs.: Ich habe kein Bedenken, dem lebhaften Wunsche der Verteidigung nachzugeben.— Lieb- knecht: Die Anklage des Hochverrats beruht auf der Annahme der Gewalt, die der Hochverräter anwenden will. Worin in meiner Schrift die Gewaltsamkeit empfohlen sein so«, ist mir bis jetzt dunkel geblieben. Gerade in diesem Punkte sind fünf verschiedene Variationen der Anklage. Ich muß mich daher überhaupt darüber äußern, ob die Sozialdemokratie Neigung zu Gewalttötigkeiten hat. Das Gegenteil ist richtig. Die Sozialdemokratie ist die einzige Partei, die auf historischem Boden steht, die einzige Partei, die die Vergangenheit nicht leugnet und deshalb nicht den Unsinn behauptet. daß, was besteht, bestehen bleiben müsse. Wir haben vielmehr aus der Geschichte gelernt, daß das, was besteht, auch zugrunde gehen muß. Die Sozialdemokratie glaubt die richtige Entwickelung der Eigentumsform dahin erkannt zu haben, daß das Proletariat einen größeren Anteil erlangen muß an den Produkten der Industrie, an den Werten des Handels usw. Die Vergesellschaftung erscheint ihr als notwendige Konsequenz der Menschheitsentwickelung. Sie will, daß diese Entwickelung sich vollzieht, indem sie jede Gewalt- tätigkeit vermeidet. Allerdings ist bisher bei den grundlegenden Umwälzungen der Weltgeschichte stets Gewalt angewendet worden. Also ist es hier nicht sehr wahrscheinlich, daß die sozialistische Umwälzung fried« lich herbeigeführt werden kann? Die Sozialdemokratie
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