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fegen, als an das Wahlrecht zum Landtag und zum Reichstag. Nachoem noch ein nationalliberaler Redner sich gegen die Steuerfreiheit bis zu 1200 M. ausgesprochen hatte, wurde zunächst der sozialdemokratische Antrag mit ollen gegen die Stimme des Antragstellers und hierauf der fortschrittliche mit allen gegen die Stimmen der Fortschrittler und des Sozialdemokraten abgelehnt. Das gleiche Schicksal erfuhr der nationalliberale Antrag, für den nur die Nationalliberalen, die Fortschrittler, der Sozialdemokrat und die Freikonservativen stimmten. Das Zentrum blieb auch die- fem Antrage gegenüber bei seiner Taktik, zusammen mit den Jun- kern jedes Entgegenkommen gegen die Minderbemittelten abzu» lehnen. Ja, sogar ein weiterer sozialdemokratischer Antrag, der für die Einkommen bis zu 1ölX> M. wenigstens die Steuerzuschläge beseitigen will, fand keine Gnade vor den Augen der Kommission, die konservativ-klerikale Mehrheit stimmte bis auf einen Vertreter des Zentrums gegen ihn. Damit ist jede Steuererleich- terung für die Minderbemittelten von der Kom- Mission abgelehnt. Vorher hatte die Kommission sich über die Frage unterhalten, ob die bisherigen Zuschläge beibehalten oder in oen Tarif hinein- gearbeitet werden sollen. Von der Einarbeitung in den Tarif wollte niemand etwas wissen. Die Ansichten gingen nur darüber auseinander, einmal, ob die Zuschläge überhaupt weiter erhoben werden sollen, und zweitens, ob man die Regierung verpflichten solle, innerhalb einer bestimmten Frist eine neue Vorlage einzu- bringen. Mit grosser Mehrheit beschloß die Kommission die Bei- beHaltung der Zuschläge, und zwar soll die Erhebung der Zuschläge alS eine vorübergehende Massregel angesehen werden, die nur so lange in Geltung bleibt, bis eine Neuoronung der Tarife erfolgt sein wird. In Wirklichkeit bedeutet dieser Beschluh die Verewigung der Zuschläge, die ohne Zustimmung der Regierung nicht wieder beseitigt werden können, selbst wenn der gesamte Landtag daS ver­langen würde. siii! dem brsunschmeigiichen tiiufter- landtage. Aus Braunschweig wird uns geschrieben: Am S. d. M. ist der neue Braunschweigische Landtag wieder zusammengetreten. Er hat sich nicht etwa mit Feuereifer in die Beratung der Wahlpcchtsvorlage gestürzt, sondern plätschert noch immer in dem flachen Wasser der Etatsberatung. Dazwischen tauchen jedoch auch wieder interessante Einzelheiten auf, die grelle Schlaglichter auf die schier unglaubliche braunschweigische Misswirt- schaft werfen. So kam es wirklich wieder zu einer Prügeldebatte, freilich einer sehr einseitigen, da nur Prügelfreunde sich zum Worte melden und der Landtag überhaupt nur aus Prügelfreunden be- steht. Obwohl der.Volkefreund' erst vor kurzem wieder eine schändliche Schulkindermihhandlung feststellte, wurde dennoch im Landtage von zwei agrarischen Führern verlangt, daß unbedingt noch mehr geprügelt würde, da das Prügeln gesund seil Eine andere interessante Einzelheit förderte die Debatte über die Domänen zutage. Braunschweig besitzt grosse Domänen mit ausgezeichnetem Rüben-, Spargel- und Gemüseboden, wahre voldgruben in der fruchtbarsten Gegend Norddeutschlands. AuS diesen Domänen wird jedoch herzlich wenig gelöst, sie sind nämlich die Domänen der herrschenden Vetternclique. Die Domänen wer- den der Vetternclique so billig überlassen, daß z. B. einer der be- kanntesten Domänenpächter sich so nebenher ein Riesengut in Posen ».ankaufen konnte, aber dann nicht etwa die Domänenpacht in Braunschweig aufgab, sondern beibehielt. Ein Rittergutsbesitzer, der freiwillig Pächter bleibt! Was muh der Mann an der Pacht verdienen? Im Landtag war e» nun gerade ein agrarischer Führer, der gegen die billige Verpachtung auftrat- Die Domäne Bahrdorf z. B. ist mit 8,50 M. pro Morgen verpachtet. Der agrarische Führer der» trat nun eine Menge kleinerer Bauern, die bereit seien, LS M. pro Morgen zu zahlen und 1200 Morgen sofort in Pacht zu neh- men. Der betreffende Agrarier verpflichtete sich selbst, 20 M. zu zahlen und noch ein glänzendes Geschät zu machen. Bei 20 M. Pacht hätte der Pächter für daS Gut 42 000 M. Pacht jährlich zu zahlen, während er in Wirklichkeit nur rund 16 500 M. zahlt. Er erhält also vom Staat eine ExtraliebeSgabe von 23 500 M. Dieses Beispiel genügt wohl, um zu zeigen, wie in Braunschweig die Vetternschaft gefüttert wird! In der Nähe BraunschwcigS, direkt vor der Stadt, mit bestem Spargelboden ist die Domäne Riddagshausen mit 17 000 M. s10 M. pro Morgens verpachtet. Aus dem grossen Fischteich löst der Pächter allein schon 10 000 M. Vom Boden verpachtet er einen grossen Ttil wieder an die Konservenfabriken, die ihm 100 M. pro Morgen zahlen, während er nur 10 M. an den Staat abgibt. Das ist ein Geschäft! Der Landtag hat nun endlich auch die Regierung ersucht, von dem Domänenland Teile an die Kleinbauern direkt ab- zugeben, die Regierung hat auch in stark verklausulierter Form eine wohlwollende Erwägung zugesagt, aber gleichzeitig erklärt, dass s i e an dem bisherigen System der Domänen- Verpachtung nichts ändern werde. ES bleibt also alles beim alten? Ein anderer Mißstand ist die Jagdverpachtung oder vielmehr die NichtVerpachtung der Jagd in den Staatsforsten. Für die Jagd in den Harz - und Weserwäldern liehen sich ganz enorme Jagd- pachten erzielen. Die Regierung verzichtet jedoch auf M i l l i o- neu und überläht die Jagd den Förstern, nicht nur kostenlos. sondern sie zahlt ihnen noch Entschädigungen für den Wildabschuss! Man findet leicht den Schlüssel zu diesem Rätsel, wenn man er- fährt, dass auch die Regierungsbeamten, voran die Herren Minister, freie Jagd haben! Der Landtag muckte zwar etwas auf. ließ sich aber mit leeren Redensarten abspeisen. Ganz rührend war wieder die Fürsorge des Landtage» und der Regierung für die Pastoren. Der Kultu». und Justizminister Wolff erNärte, für die Pastoren und die Kirche dürfe nicht nur daS Notwendige, da müsse das Angemessene bewilligt werden. Es wurde denn auch mit vollen Händen gespendet. Wie da gehaust wird, zeigt z. B. eine Position von 3150 M. für Prüfung der Kandidaten der Theologie. Für diese 3150 M. sind von 5 Kon- sistorialräten ganze zwei Kandidaten geprüft worden. In manchen Jahren werden sogar nur 0 Kandidaten geprüft. Auch die ausserordentlich grosse Menge höherer Beamten in dem kleinen Herzogtum wurde zur Sprache gebracht. Da» schönste Beispiel für die BeschäftigungSIosigkeit der Regierungsbeamten ist der LandsqndikuS. den sich der Landtag extra hält und dem noch ein Assessor al» Gehilfe zugesellt ist. Diese Herren haben ein ganzes Jahr lang der Landtag tagt ein ganzes Jahr lang nicht überhaupt nichts zu tun. In dem Arbeitsjahr sind sie kaum 4 Monate beschäftigt. Seit 1008 hat der LandshndiiuS nur ein einziges juristisches Gutachten abgegeben. Sonst beschränkt sich sein« Arbeit darauf, di« abgegebenen Stimmen zu zählen, also auf die Tätigkeit eines Schriftführers. Er gehört aber zu den höchst besoldeten Beamten! Dem Verlangen des Landtage?, die Zahl der hohen Beamten- stellen einzuschränken, setzte die Regierung ein bestimmtesN e i n" entgegen und der Landtag duckte wie immer! Wann endlich die Wahlreform zur Beratung kommt, loht sich jetzt noch nicht absehen. ver Krieg. Die Friedensverhandlungen. Konstantinopel , 20. März. Der englische Botschafter hat dem Minister des Aeusseren Asfim Bei gestern einen Besuch ab» gestattet. Der Besuch soll, wie Tanin berichtet, bezweckt haben, die Pforte über die italienischen Vorschläge zu son- d i e r e n. Nach dem Besuche berieten die Minister des Aeusseren, des Krieges und des Innern über die Erklärungen des englischen Botschafters. Tanin findet den Schlutzpassus des italienischen Aide- memoire, in welchem Italien sich bereit erklärt, die Gegenvorschläge zu prüfen, welche die Mächte machen würden, um das Prestige und die Ehre der Türkei zu wahren, bedeutungsvoll und befriedigend. Die türkischen Blätter beschäftigen sich eingehend mit den russischen Truppenkonzentrierungen. Tanin weist die Behauptung zurück, die Türkei bedrohe Rußland , und versichert, die türkischen Truppenbestände würden keine Erhöhung erfahren. Vom tripolitauischen Kriegsschauplätze. Rom , 20. März. Wie vom 18. März gemeldet wird, näherten sich feindliche Abteilungen den italienischen Linien, wur- den aber durch Artilleriefeuer unter Verlusten zurückgetrieben, während die Italiener keine Verluste hatten- Tripolis , 20. März. Die italienischen Luftschiffe kreuzten gestern über den feindlichen Lagern bei Suani und Be- naden, und warfen gegen dreißig Bomben herab, die mit sichtbarem Erfolg explodierten, trotzdem die Araber bei Annäherung der Luftschisse nach allen Richtungen flüchteten. In der Stadt finden sich immer mehr flüchtige Araber ein, teilweise mit Waffen und Munition, vielfach mit ihrem Vieh. Benghasi, 20. März. Einem Flieger gelang ei gestern, über dem feindlichen Lager mit Erfolg einige Bomben herabzu- werfen. Er befand sich in 700 Meter Höh« und bildete daS Ziel feindlichen Gewehr- und SchrappnellfeuerS, ohne jedoch getroffen zu werden. Kairo , 20. März.(Meldung der Agence HavaS.) Nachrichten aus guter Quelle, die direkt aus Tripolis stammen, stellen kate- gorisch in Abrede, dass die Türken in der Schlacht bei Benghasi eine große Niederlage erlitten hatten und daß mehr als 1000 Mann gefallen seien. Dex Kampf sei lediglich ein Gefecht gewesen, in dem die Türken und Araber SO Tote und Verwundete gehabt hätten. Eine Interpellation im Unterhaus über die Kriegslage. London , 20. März. Unterhaus. In Erwiderung auf eine Anfrage sagte Parlamentsuntersekretär Aeland : Staatssekretär Grey hat keine Mitteilung von einem Abkommen zwischen der italienischen und russischen Regierung de» züglich der Weitersührung des türkisch-italieni- schen Krieges erhalten. Auf eine weitere Anfrage erklärte er, Staatssekretär Grey habe auch keine Mitteilung von der italieni - schen Regierung darüber, dass sie beabsichtige, den K r i e g S s ch a u- platz auszudehnen, und er könne nicht sagen, waS ihre Ab- sichten in dieser Beziehung seien. Wenn eine Nation Krieg führe, müsse sie selber auf ihre eigene Verantwortung hin ihre Opera. tionen bestimmen, und die neutralen Mächte müßten sich ihre AktionSfreiheit vorbehalten für den Fall, dass ihre eigenen Jnter- essen in Mitleidenschaft gezogen würden. politilcbe Qebcrlicbt. Berlin , den 20. März 1912. Das Gesundheitsamt. Aus dem Reichstag . A>. März. Die gestrige Nacht- sitzung brachte Anstrengungen und Aufregungen. Aber heute ging der Reichstag mit neuem Mut an die Arbeit, an eine Arbeit, die schwierig und fast riesengroß erscheinen mag: das KapitelGesundheitsamt" zu überwinden, zu dem sich etwa 20 Redner gemeldet hatten. Die Abgeordneten durften in- dessen frohgemut sein, weil ihnen für diesen Tag eine Wieder- holung der gestrigen Ueberschicht nicht drohte. Zu Beginn gab eS noch etwas wie eine Fortsetzung der Debatte, mit der die Nachtsitzung geschlossen hatte. Verschie- dene Redner behandelten noch einmal den allerdings uner- hörten Fall der zwei jüdischen Medizinalpraktikanten, bei dem sich die neuerliche Schneidigkeit des Herrn Dr. Delbrück so ausgezeichnet blamiert hatte. Ter Antisemiterich Dr. Burckbardt fand alles gut und schön, während sogar der einstweilige Besieger von K o r e l l, der ganz Rechtsnational- liberale Dr. Becker, sich gegen solche Mißstände wandte. Der Fortschrittler Dr. B l u n ck kam noch einmal gegen Abend auf die Angelegenheit zurück, aber der Staatssekretär ließ sich nicht mehr aus der kühlen Reserve hervorlocken, die er nur einmal unvorsichtig verlassen hatte. Auch Graf Posadowsky brachte heute durchaus ge- rechte Beschwerden vor über die Schädigung der Flüsse durch Kalisalze. Er mußte sich aber von unserem Genossen Brey den naheliegenden Vorhalt machen lassen, daß er in seiner Ministerzeit sich solckie Sorgen nicht gemacht hat. Genosse Brey begründete unsere Resolution, die ver- langt, daß Arbeitervertreter bei den Erhebungen über den Gesimdheitsschutz in der chemischen Industrie hinzugezogen werden. Unter Berufung auf ein reichhaltiges Zahlen- Material widerlegte er die unvollständigen und vielfach be- wüßt einseitigen Statistiken, mit denen das Unternehmertum namentlich in der Farbenindustrie ihre Ungefährlichkeit nach- weisen möchte. Außerdem hatte unser Genosse den Tisch des Hauses mit bildlichen Darstellungen geschinückt, die auf die zahlreichen Abgeordneten, welche sie in Augenschein nahmen, erschütternd wirken mußten Bilder, die allerdings seine Behauptung vollends ergänzten, daß Deutschland im Schutze der Giftarbeitcr hintenan steht. Man konnte es der lalzmen Erwiderung des Ministerial- direktors Dr. Caspar schon aus weiter Ferne anhören, daß die Regierung nichts tun will.Die Regierung widmet ihre Aufmerksamkeit..die Regierung erläßt Verordnun- gen..es sind mustergültige Einrichtungen so wollte er beruhigen. Und gegen unsere Resolution polemi- sierte er mit der unglaublichen Bemerkung, es sei schwer, Arbeiter zu finden, die für die Erhebungen geeignet seien! Das stebt etwa auf der Höhe der sozialpolitischen Argumente, die neulich Herr Rogalla v. Bieberstein offenbart hatte. Der nächste Redner, Herr Hepp von den Nationallibe- ralen, eröffnete wieder die Fleischdebatte. Dieser merk- würdige Liberale äußerte sich indessen auch nicht viel anders, als es der erste beste Bündler getan hätte. Er freut sich, daß die deutsche Landwirtschaft den deutschen Fleischbedarf an- nähernd decken kann, ohne bedenken zu wollen, daß diese an- gebliche Leistungsfähigkeit nur möglich ist, wenn der Bedarf durch die maßlose Preissteigerung ungeheuer gesenkt worden ist. Der Fortschrittler F i s ch b e ck, der nachher zu Worte kam, legte Wert darauf, gerade den Unterkonsum von Fleisch in der Arbeiterbevölkerung zu unterstreichen. Diesen Tat- fachen gegenüber versuchte der Präsident des Reichsgesund- heitsamts vergeblich eine Rettung der überagrarischen Politik, indem er beispielsweise den Fleischmangel im Volke leugnen wollte. Uebrigens machte auch späterhin der Fortschrittler L e u b e die Regierung auf ihre groben Fehler nachdrücklich aufmerksam. Zwischendurch zog sich die W e i n d e b a t t e, in der von allen Seiten etwa die gleiche Auffassung geäußert wurde. Vom Zentrum sprachen die Abgg. Baümann, Pauly und Schwarz, der zweite nicht ohne Schwierigkeiten mit dem Vizepräsidenten und mit seinem Manuskript: von den Fortschrittlern der Freiburger Professor v. Schulze- Gaevernitz , während Genosse Brey in der Einleitung seiner Rede kurz die Stellung unserer Partei skizziert hatte. So geht die Debatte unermüdlich weiter. Erst gegen 7 Uhr wird über die Resolution abgestimmt, wobei auch die von unserer Fraktion eingebrachte über die Hinzuziehung von Arbeitern bei den Erhebungen mit großer Mehrheit gegen die RechA angenoinmen wird. Auch die sozial- demokratische Fleischresolution wird mit den sozialdemokratischen, fortschrittlichen und einigen national- liberalen Stimmen gegen Rechte und Zentrum nach einigen Bedenken des Bureaus für angenommen erklärt. Dann wird Schluß gemacht. Morgen wird mit dem Patentamt begonnen._ Ter Kultusetat im Abgeordnetenhause. Nach den erregten Debatten der letzten Tage herrscht wieder etwas Ruhe im Abgeordnetenhause. Auf wie lange, kann freilich niemand voraussagen, denn es wird immer gewisser, dass bestimmte Abgeordnete es darauf absehen, die Sozialdemokraten durch fort- gesetzte Angriffe zu provozieren. Am Mittwoch, Ivo die durch die Besprechung der Bergarbeiter- Interpellationen unterbrochene Beratung des KuliuSetatS fortgesetzt wurde, war es der Abg. Hess vom Zentrum, der die Gelegenheit an den Haaren herbeizog, eine törichte und alberne Attacke gegen die Sozial- demokratie zu reiten. Was er sich in seiner Rede über das Elementar- Unterrichtswesen leistete, übertrifft an Dreistigkeit manche», was wir in dem Dreiklassenparlament erlebt haben. Und dabei ist Herr Hess nickt etwa ein parlamentarischer Neuling, der sich der Tragweite seiner Worte nicht bewuht ist, auch nicht ein Hitzkopf, dem die Zunge durchgeht. Nein, olle«. WaS er in breiter Selbstgefälligkeit vortrug, war wohl überlegt und auf die Wirkung nach aussen berechnet. Inhalt- lich war seine Rede, auf die am Donnerstag die Antwort von unier« Seite erfolgen wird, allerdings völlig wertlos. Vorher hatte beim Kapitel»Evangelischer Ober« kirchenrat" unser Genosse H offmann, gestützt auf ein reich- haltiges Material, die Terrainspekulationen der Berliner Kirchen- gemeinden gegeisselt. Auch die»Spekulation auf Leichen", wie sie jetzt in Verlin im Gange ist, d. h. die Absicht, die Leichen der Armen der politischen Gemeinde zur Bestattung zu uberlassen, die Leichen der Reichen aber, bei denen die Bestattung Geld einbringt, für die Kirckengemeinden zu reservieren, kritisierte unser Redner mit feinem SarkasmuS und beissendem Spott. Was er sonst über das Gebaren der Kirche vortrug, die Maßregelungen von Geistlichen, die schroffe Einziehung der Kirchensteuern, die zunehmend« Unduldsamkeit, all das beweist, wie notwendig die Trennung der Kirche vom Staat ist. Donnerstag: Fortsetzung._ Zur Ministerkrise. Die Regierungskrise hat noch zu keiner Entscheidung ge- führt, und es läßt sich auch noch keineswegs ersehen, welche von den beiden miteinander kämpfenden Cliquen die andere niederzwingen wird, die Partei Bethmann-Kiderlen-Waechter oder die Partei Tirpitz-Heeringen. Hat die erste der ge- nannten Cliquen den größten Teil der diplomatischen Kreise für sich, so verfügt die andere hauptsächlich über die Unter- stützung des Hofes und der Generäle und der Einfluß dieser letzteren Faktoren ist nicht zu unterschätzen. So er- scheint es nicht ausgeschlossen, daß doch endlich Herr v. Beth- mann Hollweg, nachdem er so manchen seiner Mitarbeiter gegangen" hat, gehen muß, und der Herr Admiral v. Tirpitz oder eine Persönlichkeit, die seinen Direktiven folgt, in das Reichskanzlerpalais einzieht, während Herr v. Kiderlen- Waechter den Botschafter Marschall v. Bieberstein in Konstan- tinopel ablöst. Vorgearbeitet hat die Tirpitz-Gruppe schon seit langem mit unleugbarem Geschick, war es doch die dieser Gruppe nahestehende militärische und flottentolle Presse, die im vorigen Jahre während der sich an den Marokkokonflikt anschließenden politischen Debatte am heftigsten die sogen. schwachmütigeFriedenpolitik" der Bethmann Hollweg und Kiderlen-Waechter bekämpft hat. DieNationalztg.". die sich in letzter Zeit als gut unter- richtet erwiesen hat über die schönen Boxerkämpfer innerhalb der Regierung, gibt über die Reibungen zwischen dem Aus- wärtigen Amt und dem Reichsmarineamt folgende Dar- stellung: In der Presse wird vielfach über Unstimmigkeiten zwischen dem Reichsmarinramt und dem Auswärtigen Amte gesprochen. Demgegenüber muss an eine Aeusserung des Freiherrn v. Hertling erinnert werden, in der er im vorigen Jahre als Zentrumsredner zur Marokkofrage deutlich auf den Missstand hingewiesen hat. der durch die Existenz eines besonderen Pretzbureaus im Reichsmarineamt entstanden ist. Wenn überhaupt von Unstimmigkeiten zwischen den genannten Aemtern gesprochen wer. den� kann, so liegt der Grund hierfür ausschliesslich in der Tätig. keit'des genannten Pressbureaus. In dem Augenblicke, in dem die berufenen Stellen mit der englischen Regierung, speziell mit Herrn Haldanc, über eine Verständigung verhandelten, hat das Press- bureau des Reichsmarineamts, um Stimmung für die Flottennovelle zu machen, die Redak- tionen der deutschen Blätter mit englandfcind- lichen Flugblättern und Broschüren über- schwemmt. Es dürfte ein gefährliches Vorgehen sein, um Stimmung für deutsche Defensivmassregcln zu machen, die bereits für notwendig erkannt sind, gegen eine bestimmte Macht zu hetzen. Es zeigt dies auch wenig Vertrauen in das Verständnis des deutschen Volkes und seiner gewählten Vertreter. Diese werden sich ihr Urteil auch ohne solche Machenschaften bilden und sich den als richtig erkannten Verstärkungen unserer Verteidigungsmittel zur See nicht wider- setzen. Wenn seitens deS Auswärtigen Amtes derartigen Treibe- reien energischer Widerstand entgegengesetzt wird, so ist dies nur zu billigen. Es ist zu erhoffen, daß die Parteien auch nach dem