6. Jahrgang OKTOBER 1928 A D Nr. 1 DIE LEHRER INTERNATIONALE T dm OFFIZIELLES ORGAN BER INTERNATIONALE DER BILDUNGSARBEITER Schulpolitische Probleme( Apletin)- Tolstoi als Pädagoge. INHALT Aus dem Leben der Internationale Im Sinne unserer Leipziger Tagung: Gewerkschaftliche Stellungnahme zur Weltlichkeit, zum Kriege und zu den gegenwärtigen Problemen, von G. Cogniot. 2 Das Generalsekretariat brandmarkt die Massregelung des Sekretärs der belgischen Sektion. 6 Verweigerung des Gewerkschaftsrechts: Peters wird mit schwerer Disziplinarstrafe belegt, von Vereco 7 Unter der Kontrolle der Massen; Die tägliche Tätigkeit des Sekretariats 9 Aus dem Wirkungskreis der Landessektionen Frankreich: Der Pariser Kongress der Föderation für weltlichen Unterricht, von J. Aulas. Spanien: Jahresversammlung des Allgemeinen Lehrervereins Die Bildungsarbeiter in der ganzen Welt Die Fragen der Schulpolitik und der Lehrerbewegung seit dem Wiener Kongress( 1923), Bericht des Gen. M. Apletin, gehalten auf dem Leipziger Kongress( 1928).( Forts. folgt) 11 14 15 Schule und Unterricht in der ganzen Welt Tolstoi als Pädagoge, von E. Medinsky 23 Die Volksschulen und die Pilsudski- Regierung, vom Korrespondenten der polnischen Gruppe der I. B. A... 26 Der Schulhaushaltplan einer deutschen Grosstadt, von R. Hartig 29 Buecherschau Der kommende Gift gaskrieg, von Dr. Gertrud Woker Ein englischer Lehrer in der Sowjetunion, von Hawkins 32 32 6. Jahrgang OKTOBER 1928 Nr. 1 DIE INTERNATIONALE DER BILDUNGSARBEITER Archiv Exemplar svorsta Stand 1828 LEO TOLSTOI- 1928 B ( siehe den Artikel unseres Mitarbeiters Medinsky, Seite 23 AIK P3 R AUS DEM INTERNATI LEBEN ONALE 1926 Im Sinne unserer Leipziger Tagung Gewerkschaftliche Stellung- ungen, die sich mit denen der herrschenden nahme zur Weltlichkeit, zum Krieg und zu den gegenwärtigen Problemen In den letzten Nummern des Bulletins hat der Generalsekretär der I. B. A. von den pädagogischen und pazifistischen Ostern in Berlin gesprochen; er hat gezeigt, dass die« Internationale Vereinigung der Lehrerverbände» sich offiziell als die blosse Wiederbelebung nach mühseligen Anstrengungen des Internationalen Komitees für Volksschulwesen ausgibt, das 1905 in Lüttich gegründet wurde und als CnuddeInternationale bekannt ist. Jeder weiss auch, dass diese Internationale sogleich beim ersten Gewehrschuss des imperialistischen Krieges nach einem rein zufälligen und untätigen Leben in das Nichts versank. Die« Internationale Vereinigung der Lehrerverbände>> scheint nicht zu klarerem Bewusstsein, zu nützlicherer Tätigkeit berufen zu sein. Sie will die« internationale pädagogische Zusammenarbeit» herstellen. Sehr gut, aber der Ausdruck« pädagogische Zusammenarbeit>> bezeichnet nur eine Form der Arbeit welchen Inhalt wird diese Arbeit haben? im Hinblick auf welche bestimmten pädagogischen Ziele wird man zusammenarbeiten? warum legt man es nicht in den Statuten genau fest? Natürlich darum, weil man sich a priori die herrschenden pädagogischen Anschau. Klasse, der Klasse der Ausbeuter und imperialistischen Mörder, decken, unverändert zu eigen macht. - - - Gegen diese Imperialisten, deren pädagogische Ideale sie übernommen hat, will die I. V. jedoch siehe den zweiten und letzten Punkt in ihrem Satzungsprogramm « den Frieden durch die Mitarbeit der Völker vorbereiten». Unglücklicherweise ist auch dieser Ausdruck nichts anderes als eine tönende Folge von sinnlosen Worten. « Den Frieden vorbereiten>> aber zu allen Zeiten gab es Leute mit gutem Willen, die den Frieden durch schöne Reden vorbereiteten die Geschichte wartete nicht auf den 25. Juni 1926, um serienweise Pazifisten voller Absichten und Träumereien zu erzeugen. Und welches Ergebnis hatten die Anstrengungen, die von dieser Menge« pazifistischer» Ideologen gemacht wurden? Nicht eine Spur von Einfluss haben sie auf den Gang der Ereignisse gehabt, der 1914-1918 zum ersten grossen imperialistischen Krieg führte, der hundertmal grausamer war als die vorhergehenden Kriege. Die heutigen« pazifistischen» Ideologen, die für die Lektion von 1914 taub sind, werden unbewusst zum Werkzeug der Bourgeoisie, und ihre Internationalen( San Franzisko und I. V.) spielen historisch nur eine objektive Rolle: die Vorbereitung des zweiten imperialistischen Krieges zu verschleiern. « Inzwischen geben sie vor, sich in der Sphäre des Religiösen, Musikalischen und Philosophischen» zu bewegen. Welche edlen Ideologen, sie halten sich wohl über der DIE LEHRER- INTERNATIONALE bescheidenen Wirklichkeit, wie sie die wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen darstellen. Und als sie so die Weltlichkeit der Schule verteidigen sollten, als sie mit der Tat die so oft in ihren Reden gepredigte Freiheit des Kindes gegen die Vergewaltigung durch den Religionsunterricht verteidigen sollten, da haben sie ihre Entscheidung « vertagt»! Und als sie auch zu ihrem Berliner Kongress die stellenlosen preussischen Junglehrer als Sekretäre beschäftigten, da haben sie sie in einer Weise ausgebeutet, wie es bisher in der Geschichte der Lehrer bewegung noch nicht vorgekommen ist, und wovon der Brief des Bundes Preussischer Junglehrer vom 15. April ein und für allemal zeugt. Unwirksamer Widerstand gegen die Kriegs vorbereitung, strafbare Schwäche bei der Verteidigung der Idee der Weltlichkeit der Schule, schamlose Ausbeutung der stellenlosen Junglehrer, das sind drei Beispiele, die eine ausreichende Idee von der sozialen, pädagogischen und gewerkschaftlichen« Arbeit» der Internationalen Vereinigung der Lehrerverbände geben. Unser proletarischer Antimilitarismus Der Kongress der Internationale der Bildungsarbeiter in Leipzig hat seinerseits seine Aufmerksamkeit auf drei Punkte gelenkt. Er beschäftigte sich mit dem imperialistischen Kriege, den pädagogischen und den gewerkschaftlichen Aufgaben. Aber seine Arbeiten waren von einem ganz anderen Geist beseelt. Zum ersten Punkte bestätigte der Kongress voll und ganz unsere proletarische antiimperialistische Stellungnahme: wie wir an den Prager Kongress über den Frieden durch die Schule( 1927) schrieben, bleiben wir mit Jaurès davon überzeugt, dass « der Kapitalismus den Krieg in sich trägt wie die Gewitterwolke das Gewitter ", und dass die pazifistische Phraseologie nur dazu dient, den mit der Kriegsvorbereitung beschäftigten Imperialismus zu stecken. Wir haben mit den bürgerlichen Pazifisten nichts gemein; nur die Aufhebung des Kapitalismus kann den Krieg aus der Welt schaffen, und daher rufen wir die gesamte Lehrerschaft zum antikapitalistischen Kampfe im Verein mit dem Proletariat auf. verDa sich der Kongress der ungeheuren Gefahr angesichts der andauernden Aufrüstung zu Wasser und zu Lande bewusst 3 war, hat er somit die Vorschläge der Vertreter der Sowjetunion an die Genfer Konferenz für eine restlose Abrüstung begrüsst. Gerade weil wir den unvermeidlichen Charakter des imperialistischen Krieges bei Aufrechterhaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung betonen, arbeiten wir an der Vorbereitung des Lehrers zu dem einzigen wirksamen Kampfe gegen den Krieg, und wir vergessen nicht, dass diese Vorbereitung der Lehrermassen zum Kampfe an der Seite des Proletariats im besonderen die Annäherung der deutschen und französischen Lehrer bedingt. Daher freuen wir uns, sagen zu können, dass unsere Leipziger Tagung in grossem Masse dazu beigetragen hat, gerade diese unserer Aufgaben bekanntzumachen mit dem Ziel, die deutschen Lehrer in unseren Reihen an der Seite ihrer französischen Kampfgenossen aufzunehmen. Für eine marxistische Pädagogik Unsere Charakteristik des imperialistischen Krieges ist nur ein Element unserer revolutionären marxistischen Anschauung; diese revolutionäre marxistische Anschauung legt uns auch die Pflicht auf, den proletarischen Klassenstandpunkt in der Erziehung zu verbreiten. Und dieser Pflicht haben wir während der ganzen Dauer unserer Pädagogischen Tage Rechnung getragen.( 1). Wir prüften zuerst die Lage des proletarischen Kindes und deckten dabei in grellem Lichte sein Elend in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung auf« als Begleiterscheinung der für den Kapitalismus charakteristischen, schamlosen Profit suche»! Wir analysierten darauf das Ziel und Wesen der Erziehung und kamen zu dem folgerichtigen Schluss, dass der Staat nicht nur die allgemeinen Zwecke der Schule festsetzt, sondern auch den ganzen Unterrichtsbetrieb, Lehrpläne, Lehrmethoden und Schulbetrieb regelt, ohne von der Auswahl und Ausbildung der Lehrer zu sprechen. « Die Schule, sagten wir, spiegelt unweigerlich die herrschenden Klassentendenzen wider, und jede tiefgehende Erneuerung der Schule bedingt eine vorhergehende und nicht weniger tiefgehende Erneuerung der Gesellschaft>>. Dieselben Schlussfolgerungen zogen wir ( 1) Die Wendung« wir» versteht sich weniger als offizielle Bezeichnung unserer Internationale( unsere « Pädagogische Tagung war kein ordentlicher Kongress und nahm keine Entschliessungen an), vielmehr als Zusammenfassung der Redner( D. R.). 4 DIE LEHRER- INTERNATIONALE für die Organisation des Schulsystems. Bei Prüfung des deutschen Schulsystems konnten wir in den kleinsten Einzelheiten sehen, in welchem Masse sich die wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen im Unterrichtswesen widerspiegeln. Und daraus leiteten wir die praktische Folgerung ab, dass die Schaffung eines Volksbildungswesens, das den Bedürfnissen der gesamten Menschheit voll und ganz entspricht, nur möglich ist bei vollständiger Zerstörung der Klassen und der klassengespaltenen Gesellschaft». Die Analyse des Problems der Disziplin führte uns zu entsprechenden Schlüssen; wir haben betont, dass das ganze soziale Milieu die Lösung dieser Frage in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung unmöglich macht. Und so haben wir die Notwendigkeit der sozialen Umgestaltung unterstrichen. Das bedeutet aber nicht, dass wir auf jede pädagogische Arbeit in Erwartung dieser Umgestaltung verzichten. Im Gegenteil, täglich wollen wir für eine Schule kämpfen, die die Keime der Zukunft in sich trägt, d.h. die zur Revolution, dem Schlüssel der Zukunft, vorbereitet. Drei Lehren haben wir aus unseren Pädagogischen Tagen gezogen. Die erste besteht in der Gewissheit, dass es für einen ehrlichen und erfahrenen Pädagogen unmöglich ist, von der kapitalistischen Gesellschaftsordnung eine befriedigende und menschliche Lösung der Hauptprobleme der Erziehung zu erwarten. Die zweite besteht in der anderen Gewissheit einzig und allein die Sowjetpädagogen können sich mit Erfolg bemühen, die Schule den Forderungen der wissenschaftlichen Pädagogik anzupassen: sie allein stellen sich wahrhaft das Ziel, alle Kinder zur Tätigkeit, zur selbsttätigen Arbeit heranzubilden; das Kind stellt dort selbst Beobachtungen an, führt Forschungen bis zu Ende durch, befasst sich mit einer Reihe von Erscheinungen, dank seines unmittelbaren Eingreifens in das Leben, vertieft seine Kenntnisse durch Verwertung bei seiner gesellschaftlich nützlichen Arbeit. Alle diese Arbeitsformen nehmen in der Schule den Vorrang ein. Sie können sich aber nur entfalten, weil die sozialen Bedingungen in der Sowjetunion dafür gegeben sind: der ganze sowjetistische Unterricht beruht auf der Selbsttätigkeit und die ganze Disziplin auf der Selbstverwaltung der Schüler, weil Initiative und Verantwortungsgefühl für den künftigen Staatsbürger erforderlich sind vom Standpunkt dieses proletarischen Staates aus, der sich nur unter der aktiven Mitwirkung der breiten Massen aufbaut und aufbauen wird. Die bürgerlichen Staaten haben dagegen ausnahmslos Bedarf an Arbeitern, die gerade genug gelernt haben, um Nutzen abzuwerfen, die aber infolge der Unzulänglichkeit ihrer Erziehung für die Ausfüllung eines leitenden Amtes unfähig gemacht und in ihrer Aktionskraft durch die in sie eingeimpften Vorurteile und die ihnen auferlegte demoralisierende Diszip in gelähmt wurden. Die dritte nützliche Lehre unserer Pädagogischen Tage ist die genauere und gewissere Kenntnis, auf welche Art und Weise wir trotz aller vom Kapitalismus aufgerichteten Hindernisse daran gehen können, künftige Kämpfer auszubilden, die fähig sind, die soziale Umgestaltung, diese Vorbed ingung für die pädagogische Umgestaltung, in Angriff zu nehmen. In bezug auf die Disziplin haben wir besonders detaillierte Vorschläge zusammengestellt, ebenso in bezug auf die Organisation der Schule ( Kampf für die Schulautonomie und Beschränkung der Rechte des kapitalistischen Staates). Wo sind die wahren« Weltlichen»>>? Aus der Pädagogischen Tagung in Leipzig kann jeder klassenbewusste Erzieher lernen, wie man wirksam gegen den ideologischen Druck der herrschenden Bourgeoisie, auf die Schule zu kämpfen hat. Unsere Gegner machen sich nur lächerlich, wenn sie behaupten, dass wir die weltliche Schule nicht verteidigen, wo sie doch nicht vertuschen können, dass sie selbst beschlossen, ihre Stellungnahme zu diesem Problem zu«< vertagen», sicherlich bis zu dem Augenblick, in dem die weltliche Schule unter der Einwirkung der religiösen Ideologie der Bourgeoisie als historisches Faktum der Vergangenheit angehören wird. Sollen wir ihren Verleumdungen den zweiten Abschnitt des vierten Teils der Leipziger Thesen über die Frage« Schule und Gesellschaft» entgegenhalten? Wir lesen an dieser Stelle:« Der Kampf der Schule gegen die Religion ist von grösster Bedeutung, da die Religion, die bisweilen unter der Flagge des autoritären Denkens segelt( bei formaler Trennung der Schule von der Kirche), die sich anhäufende Unwissenheit der Massen entlädt und sie vom Klassenkampf ablenkt». Die Betrüger, die so seelenruhig unsere Gedanken entstellen, verbergen jedoch ihr Spiel nur schlecht. Es unterliegt keinem DIE LEHRER- INTERNATIONALE Zweifel, dass unsere Weigerung, die pseudoweltliche Schule der französischen Bourgeoisie ernst zu nehmen, ihnen ein Dorn im Auge ist. Aber kein klassenbewusster Erzieher macht sich Illusionen über die wirklichen Absichten der französischen Bourgeoisie zur Zeit des sinkenden Kapitalismus in bezug auf die Weltlichkeit des Unterrichts. Ganz anders als die heutige Bourgeoisie war die französische Bourgeoisie von 1880. Muss man nochmals daran erinnern, dass die Bourgeoisie, besonders während ihrer Entwicklungsperiode, in der sie nicht unmittelbar von der proletarischen Revolution bedroht war, sich keineswegs durch einen Konservativismus kennzeichnete, wie wir ihn am Adel beobachten»>? dass sie ausser dem Individualismus,«< der sich aus dem Konkurrenzkampf ergab», als charakteristisches Merkmal den Liberalismus auf Grundlage der freien Initiative und den Rationalismus aufwies, die Frucht der wirtschaftlichen Berechnung? Das ist die Psychologie der französischen Bourgeoisie zur Zeit, wo sie die Weltlichkeit des Unterrichts einführte gegen eine Geistlichkeit, die sich ihrerseits mit den konservativen Kräften verbunden hatte, von denen man eine Hemmung der bürgerlichen Entwicklung erwarten konnte. In dieser, bereits zurückliegenden Zeit glaubte sich die Bourgeoisie, die soeben die Kommune niedergerungen hatte, für immer von der revolutionären Gefahr befreit, sah der Zukunft mit vollem Vertrauen ins Auge, schob die Hilfe der Geistlichkeit als unnütz und rückständig zum Teil beiseite, dachte nur daran, eine Schule einzurichten, die mittelmässig ausgebildete Arbeiter zur Deckung des Bedarfs an Arbeitskraft in der emporblühenden Industrie geben könne. Aber die Ideologie der Klassen steht in direktem Verhältnis zu der wechselnden Lebensform der betreffenden Klassen. Die bürgerliche weltliche Schule wird zur Epoche der Revolution von der Bourgeoisie bekämpft. Ein Studium der ihr stets anhaftenden grundlegenden Unvollkommenheiten und ihrer neuen Lage führt uns zu den vier folgenden Bemerkungen: die sogenannte weltliche Schule Frankreichs hat sich nicht von dem autoritären Denken, dem blossen Abdruck des religiösen Denkens, frei gemacht; die von der herrschenden Klasse bestimmten sozialen Beziehungen opfern in Wirklichkeit von sieben Tagen zwei für die religiöse Erziehung der Schüler an öffentlichen Schulen; die Weltlichkeit 5 der Schule ist nur eine stillschweigende und gefesselte« Neutralität»; und die formelle Weltlichkeit der Schule selbst wird nur unter dem Druck des organisierten Proletariats aufrecht erhalten. Von dem Beispiel des« weltlichen und atheistischen Frankreich» kann man leicht auf den Stand in den anderen kapitalistischen Ländern schliessen. Verweilen wir bei dem dritten Punkt. Die Weltlichkeit, die von der französischen Bourgeoisie geduldet wird, ist rein negativen und passiven Charakters, und das sollen wir nun einem Proletariat vorrühmen, welches ausschliesslich vom aktiven und erobernden materialistischen Denken beseelt wird! In der französischen« weltlichen>> Schule ist der Lehrer bei Androhung schwerer Strafen nicht berechtigt, die religiöse Lüge als« Lüge» zu bezeichnen und das sinnlose Dogma als« sinnlos». Und das alles geschieht wegen angeblicher« Neutralität», als ob man von Neutralität zwischen der Wissenschaft und der tierischen Stumpfheit sprechen könnte. Vom stummen Lehrer kommt das Kind aber zum Priester und hört in Musse aus seinem Munde die schlimmsten Ausgefallenheiten und für seine ewige Unterjochung aufs beste geeigneten Vorurteile, die ihm aber als unbestreitbare und unbestrittene Wahrheiten vorgetragen werden. Das ist die Weltlichkeit, die wir verehren sollen, in ihrer vollkommenen und unantastbaren Gestalt! Wenn wir uns weigern, an dieser schändlichen Betrügerei teilzunehmen, dann erklären uns die unwissenden oder geschickten Redner des Kongresses vom französischen Syndicat National, nach deren Intervention man schnell zum Schlussantrag übergeht, für Verräter an der Schule des Volkes! Umsonst versuchen sie, uns durch ihre Drohung ins bürgerliche Lager zu ziehen: wir werden niemals die bürgerliche weltliche Schule an sich und als ein Heil verteidigen, sondern nur insofern, als sie weniger schädlich für die Arbeiterklasse ist als die bürgerliche Bekenntnisschule. Das Ziel unserer Gegner ist lediglich, die Aufmerksamkeit der Lehrermassen von der Verstärkung der bürgerlichen klerikalen Reaktion abzulenken; für die zynische Offensive des Klerikalismus gegen die Schule in verschiedenen Ländern gibt es nur in der fernen Vergangenheit gleichwertige Beispiele, und unter dem Druck der Lehrermassen studieren unsere Zensoren somit in Form v n Berichten di Fortschritte des Klerikalismus, um darauf anstelle 6 DIE LEHRER- INTERNATIONALE eines Aufrufs zum wirksam Kampf den Fluch über unseren konsequenten Antiklerikalismus zu entladen. Gleichzeitig arbeiten sie bedingungslos mit den Gruppen der liberalen Bourgeoisie zusammen, die unter Berufung auf das Schlagwort« Kampf für die Weltlichkeit>> die Leitung des antiklerikalen Kampfes an sich zu reissen versuchen, wodurch notgedrungen dieser Kampf geschwächt würde. Die in der I. B. A. auf dem Boden des Klassenkampfes zusammengeschlossenen Lehrer werden es nicht dulden, dass die Bourgeoisie die Lehrerschaft und das gesamte Proletariat auf diese Weise täuscht, sondern sie werden den Kampf in allen seinen Formen selbst organisieren, sie werden vor allem mit äusserster Energie die Zuschüsse an klerikale Schulen bekämpfen und sich aufs engste mit den Proletarischen Freidenkern verbünden. Zwischen ihnen und den anderen, die ihren Beschluss « vertagen», werden die Lehrkräfte an weltlichen Schulen ihre Verteidiger richtig auszuwählen verstehen. Schliessen wir unsere Reihen zusammen! Unsere Leipziger Tagung hat gleich falls bewiesen, dass unsere Organisation fähig ist, die gewerkschaftlichen Interessen der Lehrerschaft zu verteidigen: nur durch die unerhörte Willkür der deutschen Regierung, die unserem Berichterstatter Apletin die Teilnahme am Kongress untersagte, wurde er verhindert, seinen sehr detaillierten Bericht über die« wesentlichen Fragen der Schulpolitik» mit Kennzeichnung der Lage in 28 Ländern der Erde mündlich zu belegen. Der Kongress hat zum mindesten einen Bericht über die(( Lage der Junglehrer und Lehramtsstudenten>> gehört, der auf Grund der aus 21 Ländern gelieferten Unterlagen verfasst wurde. Endgül tige Schlussfolgerungen in Form von prazisen Losungen für den praktischen Kampf werden für die beiden obigen Berichte vom Exekutivkomitee auf seiner Weihnachtssitzung angenommen werden. Auf derselben Exekutivkomiteesitzung werden die ersten Berichte über die Lage der Lehrerinnen und die Lage der Lehrer in den kolonialen und halbkolonialen Ländern geprüft werden. Der wirtschaftliche Druck, unter dem diese besonders schwachen Lehrerkategorien und und auch die gesamte Lehrerschaft leidet, geht Hand in Hand mit dem ideologischen Diuck der Bourgeoisie auf und die Schule: heute wird der chauvinistische und imperialistische Geist der Schule mit allen Mitteln auferlegt, und diese innere äussere Militarisierung der Schule steht in Beziehung zur Vorbereitung eines neuen imperialistischen Krieges und zur Kampagne gegen den einzigen proletarischen Staat, die Sowjetunion. Die von der Bourgeoisie in allen Ländern gegen unsere Internationale ausgeübte Unterdrückung, wie sie im einzelnen aus dem Geschäftsbericht zu unserem Leipziger Kongress hervorgeht, bezweckt, den Widerstand der Lehrer gegen die moralische und materielle Vorbereitung zum Kriege und danach den Widerstand gegen den Krieg selbst zu lähmen. Wenn die I. B. A., ihre französische, portugiesische, belgische, englische Sektion oder eine andere angegriffen, bekämpft, in verschiedener Hinsicht in ihrer Aktion als« kommunistische Organisation>> behindert werden, dann zielen alle diese Lügen und wütenden Anstrengungen unserer Gegner in Wahrheit nur danach, den imperialistischen Krieg zu begünstigen. Unter diesen Umständen wird unsere Organisation, anstatt sich im geringsten abzuschwächen, ihre inneren Bande verstärken und die klassenbewussten Lehrer der ganzen Welt zusammenschliessen zum Widerstand gegen die Bourgeoisie in der Einheit auf dem proletarischen Boden. G. COGNIOT. Der Schluss des Artikels unseres Generalsekretärs Léon Vernochet über<< Pädagogische Ostern, pazifistisch... und gewerkschaftlich» wird in der nächsten Nummer erscheinen( D. R.) Das Generalsekretariat der 1. B. A. brandmarkt die Massregelung des Sekretärs der belgischen Sektion Das Generalsekretariat der I. B. A., vereinigt im Volkshaus zu Brüssel am 29. und 30. September 1928, nahm von dem königlichen Erlass, datiert Brüssel, den 12. September 1928 Kenntnis, durch welchen Gen. Peters, Gewerkschaftssekretär der belgischen Sektion der I. B. A., stimmberechtigtes Mitglied des Exekutivkomitees der I. B. A., Kassenführer der DIE LEHRER- INTERNATIONALE Kampf- und Solidaritätskasse der I.B.A., für die Dauer eines Monates seines Amtes entsetzt wurde unter Entzug der Hälfte seines Monats gehaltes. In Anbetracht der amtlichen Begründung dieser Strafe, wie sie in erster Linie aus folgendem Auszug aus dem Erlass hervorgeht: « Auf einer öffentlichen Versammlung des Gewerkschaftskongresses im Juli d. J., in Brüssel, hielt Herr Peters, Lehrer an der Übungsschule des staatlichen Lehrerseminars in Gent, eine Rede, die von der Presse wiedergegeben wurde, und nach derem stenographischen Text, der von dem Betreffenden persönlich der Verwaltungsbehörde unmittelbar unterbreitet worden ist, es u. a. lautet: « Wir beanspruchen, uns mit Politik beschäftigen und die organisierte Arbeiterklasse unterstützen zu können, ihr zu helfen, die reaktionäre Klasse zu besiegen; wir beanspruchen, uns im Kampfe gegen die Ausbeuter und zum Wohle der Klasse der Ausgebeuteten mit allen Arbeitern vereinen zu können. Dieses Recht werden wir auch weiterhin fordern. Was haben wir festgestellt? Dass man uns in der reaktionären Presse heftig angegriffen hat. Warum? Die reaktionäre Presse hat uns angegriffen, weil sie erkannte, dass die Lehrerschaft immer mehr einsieht, dass ihr Platz in denReihen der organisierten Arbeiterklasse ist, dass sie sich innerhalb unserer Zentrale zu organisieren hat, der Zentrale, die sich auf den Boden des Klassenkampfes stellt>>; stellt das Generalsekretariat mit Entrüstung fest, dass die belgische Regierung die elementarste Ausübung des Gewerkschaftsrechts und der Meinungsfreiheit unterdrückt. Das Generalsekretariat macht die internationale Arbeiterklasse darauf aufmerksam, dass bisher noch niemals eine sogenannte demokratische Regierung einen Beamten wegen einer solchen Äusserung gemassregelt hat; betont, dass dieses Vorgehen eine weitere Verschärfung der andauernden und systematischen Unterdrückung kennzeichnet, welche von der internationalen Bourgeoisie auf die Bildungsarbeiter, ihre betreffenden Klassenkampforganisationen und die Internationale der Bildungsarbeiter ausgeübt wird; erinnert an die Auflösung der Gewerkschaften und die blutigen Verfolgungen der Lehrer in Italien, Portugal, Spanien, den Balkanländern und in allen faschistischen, kolonialen und halbkolonialen Ländern; erinnert ferner an die teilweise oder gänzliche Bestreitung der Ausübung des Gewerkschaftsrechtes für die I. B. A., ihre 7 Sektionen und verantwortlichen Vorkämpfer in den demokratischen Ländern( Frankreich, England, Luxemburg, Deutschland u.s.w.); ruft die gesamte Arbeiterklasse auf, wirksam ihre Kampfsolidarität mit den klassenbewussten Bildungsarbeitern zu bekunden; ruft die Sektionen und Mitglieder der I. B. A. auf, die Reihen ihrer Klassenkampf- und Einheitsorganisation fester zu schliessen; ruft alle Bildungsarbeiter auf, ihre tatkräftige Solidarität mit den Verfechtern der Rechte der Lehrerschaft zu bezeugen, durch Unterstützung der Solidaritäts- und Kampfkasse der I. B. A. Verweigerung des Gewerkschaftsrechts: Peters wird mit schwerer Disziplinarstrafe belegt Im letzten Bulletin haben wir die Entschliessung des Gewerkschaftskongresses im Juli in bezug auf die Meinungsfreiheit veröffentlicht. Wir gaben das Programm bekannt, das einstimmig nach der Intervention der Delegierten der Zentrale der sozialistischen Lehrerschaft gewählt wurde. Die Unterdrückung hat nicht auf sich warten lassen. Herr Vauthier, der Minister der Kunst und Wissenschaft, der von der reaktionären Presse an seine Verpflichtung erinnert wurde, gegen die mutigen Verfechter des Rechts der Lehrer auf Meinungsfreiheit zu wüten, hat die Guilottine in Bewegung gesetzt. Unser Genosse Peters ist mit einmonatlicher Entlassung unter Einbehaltung des halbes Monats gehalts bestraft worden. - Zum Vorwand diente seine Rede auf dem Gewerkschaftskongress. Wiedergegeben und mit Kommentar belegt man kann sich wurde sie von denken, auf welche Weise den Höllenhunden, die seit Monaten die Leiter der belgischen Zentrale anbellen. Als Peters vor die für ihn zuständige Disziplinarkammer für Lehrerseminare berufen wurde, konnte er ohne Mühe nachweisen, wie unlauter die katholischen und gewisse liberale Zeitungen vorgegangen sind. Da er keinen Grund hatte, sich zu verteidigen, übergab er der Disziplinarkammer einfach den stenographierten Text 8 DIE LEHRER- INTERNATIONALE seiner Rede. Und zum zweiten Male erachtete die Disziplinarkammer, dass kein Anlass vorläge, disziplinarische Massnahmen zu ergreifen. Inzwischen waren die Ferien vergangen, und ganz plötzlich ergeht der brutale Erlass, durch welchen Peters seines Amtes entsetzt wird, gerade in dem Augenblick, in dem seine Anwesenheit als Leiter der Übungsschule ausserordentlich wichtig ist. Die Liberalen, die« Verteidiger des staatlichen Unterrichtswesens», gehen auf recht eigenartige Weise daran, die öffentliche Schule zum Gedeihen zu bringen. dem liberalen Buyl, Bürgermeister von Ixelles, einem früheren Lehrer, der Patriot ist und Entlassungen wegen Meinungsdelikten verhängt, haben wir nun Herrn Vauthier, gleichfalls liberal, Minister des Herrn Jaspar, der klerikal- faschistisch ist. Damit ist das Mass voll. Nach Worauf stützt Herr Vauthier sich? Etwa auf sein berühmtes Rundschreiben, das unter der Lehrerschaft einen Sturm berechtigter Entrüstung hervorrief? Nein, nicht einmal darauf... Dieses Denkmal des Hasses und der Doppelzüngigkeit bietet ihm keine Handhabe zu der Massnahme, die er sich hat zu schulden kommen lassen. An keiner Stelle wird darin gesagt, dass die Lehrer sich nicht an die Seite der Arbeiterklasse stellen dürfen. Was finden wir denn aber als Begründung der Massnahme in dem königlichen Erlass? In der Hauptsache das folgende: << Auf einer öffentlichen Versammlung des Gewerkschaftskongresses im Juli d. J., in Brüssel, hielt Herr Peters eine Rede, in der er u. a. sagte:« Wir beanspruchen, uns mit Politik beschäftigen und die organisierte Arbeiterklasse unterstützen zu können; wir beanspruchen, uns im Kampfe gegen die Ausbeuter und zum Wohle der Klasse der Ausgebeuteten mit allen Arbeitern vereinen zu können. Dieses Recht werden wir auch weiterhin fordern!» Solche Begründung öffnet der belgischen Lehrerschaft die Augen. Im Rundschreiben Vauthier, und in noch ausführlicherer Form im vorhergegangenen Rundschreiben Destrée, wurde ausgesagt, dass die Lehrer in der Wahl einer Partei ganz freie Hand haben. Aber diese Versicherung war also durchaus heuchlerisch? Ohne Zweifel; denn in den Statuten der belgischen Arbeiterpartei, an die sich die Lehrkräfte« anzuschliessen berechtigt sind» steht nichts anderes als die im vorliegenden Falle beanstandete Formulierung: << Die Arbeiter können ihre vollständige Befreiung nur von der Aufhebung der Klassen und einer grundlegenden Umgestaltung der gegenwärtigen Gesellschaft erwarten». << In ihrem Kampfe gegen die kapitalistische Klasse müssen die Arbeiter mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln vorgehen, und besonders mit Hilfe der politischen Aktion, Förderung der freien Vereinigungen und unaufhörlicher Verbreitung der sozialistischen Grundsätze». Was sehen wir also? Alles, was die belgische Zentrale über die Absichten der vergänglichen Macht haber gesagt hat, bewahrheitet sich. Die Drohung präzisiert sich. Die Unterdrückung beginnt. Sache der belgischen Genossen ist es, den Handschuh aufzuheben. Schon kann man die Grundzüge der Aktion erkennen. Als Präludium der neuen Schlacht hat das Exekutivkomitee der Zentrale folgendes Programm angenommen: « Das Exekutivkomitee der Zentrale der sozialistischen Lehrerschaft, vereinigt im Volkshause zu Brüssel am Sonnabend, den 15. September 1928, « nimmt Kenntnis von der Strafe, die unserem Genossen Peters, dem Gewerkschaftssekretär, wegen eines Meinungsdeliktes auferlegt wurde, << und spricht seine volle Solidarität mit ihm aus; < protestiert gegen diese widerrechtliche Verletzung der freien Gedankenäusserung und der Ausübung des Gewerkschaftsrechts; « hebt hervor, dass die getroffene Massnahme in Widerspruch steht zu den Rundschreiben über die Meinungsfreiheit, da Peters niemals gegen eins dieser Rundschreiben verstossen hat; << betont seinen, festen Willen, mehr als je für die Lehrerschaft uneingeschränkte Meinungsfreiheit ausserhalb der Schule zu fordern; << ruft die Bildungsarbeiter energisch zur Solidarität auf>>. Die Gewerkschaftkommission bereitet sich auf den Kampf vor. Der Generalrat der belgischen Arbeiterpartei hat seinerseits beschlossen, die sozialistische Parlamentsvertretung mit einer Interpellation beim Minister nach Wiederbeginn der Kammer zu beauftragen. Zahlreiche politische und gewerkschaftliche Organisationen haben Protest erhoben und der Zentrale ihren Beistand versprochen. Die Zentrale weiss aber, dass sie vor allem auf sich allein zu rechnen und den Kampf kraftvoll und hartnäckig fortzu DIE LEHRER- INTERNATIONALE setzen hat. Eine öffentliche Aktion grossen Ausmasses ist gegeben. Die gewerkschaftliche Waffe, der Notfonds, muss so sehr gestärkt werden, dass die Gegner, die davon träumen, die Lehrerorganisation niederzuzwingen, für immer die Hoffnung aufgeben. Beträchtliche Summen müssen dringlichst aufgebracht werden, sodass alle bedrohten Vorkämpfer gedeckt sind. Die Zentrale der sozialistischen Lehrer9] schaft Belgiens hat sich niemals vergebens an den Kampf- und Solidaritätsgeist ihrer Mitglieder und der gesamten Lehrkräfte gewandt. Sie ist gewiss, dass auch dieses Mal jeder seine Pflicht tun und zur Solidaritätskasse beisteuern wird, dass jeder vor allem dazu beitragen wird, eine wirksame Protesterhebung der gesamten Arbeiterklasse gegen diese beispiellose Entsagung des Gewerkschaftsrechts zu organisieren. VERECO. UNTER DER KONTROLLE DER MASSEN Die tägliche Tätigkeit des Sekretariats Warme Begrüssungsschreiben der I.B.A. anlässlich ihrer Pädagogischen Tagung in Leipzig und des V. Weltkongresses sind dem Sekretariat noch kurz vor Beginn der Ferien zugegangen. Darunter auch eine Adresse des Lehrervereins von Uruguay ( Vorsitzender: Julio Cesar Marote; Sekretär Evaristo Lopez); vom Arbeiterinstitut für internationale revolutionäre Kultur, der Volkshochschule Ahuachapan, in der Republik Salvador( Sekretär: Delfin Perez und Carlos Escalante; Vorsitzender: Dr. Corado Arriaza); vom Lehrerverein der Provinz Cordoba, Argentinien( VorDIE PRAKTISCHEN VERWIRKLICHUNGEN DER I. B. A. OBIGES BILD ZEIGT DIE GRUPPE DEUTSCHER SCHÜLERINNEN MIT IHRER LEHRERIN IN DER MITTE, FÜR WELCHE DIE 1.B. A. IN PARIS FÜR DIE GROSSEN FERIEN UNTERKUNFT BESORGTE. AN IHRER SEITE SIEHT MAN EINEN SEKRETÆR DER FRANZÖSISCHEN SEKTION, DEN SEKRETÆR DER BEZIRKSGRUPPE SEINE», SOWIE EINEN SEKRETÆR DER I.B.A., UND FERNER DIE GENOSSEN, WELCHE DEN SCHÜLERINNEN KAMERADSCHAFTLICHST GASTFREUNDSCHAFT GEWEHRTEN. 2 10 DIE LEHRER- INTERNATIONALE sitzender Raul Fernandez; Sekretär: Manuel Oliva). An den Ministerpräsidenten und den Präsidenten der griechischen Kammer richtete der Generalsekretär am 22. Juni ein Protesttelegramm gegen die Vergewaltigung des Gewerkschaftsrechts bei den damaligen grossen Streiks und gegen<< die Bearbeitung eines Ausnahmegesetzes, welches Griechenland in die Finsternis des Mittelalters stürzt». Dem Kongress der Allgemeinen Vereinigung der tschechoslowakischen Lehrerverbände( SVAZ) vom 24. Juni in Brünn ging ein Begrüssungsschreiben der I.B.A. zu. Die Leitung hat die I. B. A. zum Besuch der Ausstellung in Brünn eingeladen. Eine Gruppe junger Mädchen aus dem Berliner Proletariat, Schülerinnen der Aufbauschule von Neukölln, haben zusammen mit ihrer Lehrerin, unserer Genossin Alice Rund, die grossen Ferien in Paris verbracht, und zwar bei Genossen der französischen Sektion der I.B.A. Sie nahmen am Kongress der französischen Sektion teil, sowie an einer Versammlung der Bezirksgruppe Seine und statteten dem Sekretariat der I. B. A. einen Besuch ab, in dessen Verlauf die nebenstehende Aufnahme gemacht wurde. Dem Vorsitz des Kongresses des französischen Syndicat National, der vom 4.- 6. August in Rennes tagte, ging ebenfalls ein Begrüssungsschreiben von der 1. B. A. zu, doch beging er die Kleinlichkeit, dieses Schreiben nicht vorzulesen; auf die Kongressdebatten werden wir übrigens noch im nächsten Monat zu sprechen kommen. der I. B. A. am 10. September, wo ihr reiches Quellenmaterial über die Weltlichkeit des Unterrichts zur Verfügung gestellt werden konnte. Die I. B. A. begrüsste den Kongress des spanischen Allgemeinen Gewerkschaftsbundes der am 10. September in Madrid zusammengetreten war. Die neu gewählte Exekutivkommission verpflichtete sich dagegen mit Schreiben vom 26. September, den Kampf für die Förderung aller angeschlossenen Sektionen, unter Einschluss des Lehrervereins, unserer Sektion, fortzusetzen. Das Generalsekretariat der I. B. A. hielt am 29. und 30. September eine Sitzung im Brüsseler Volkshaus ab und behandelte die folgenden Fragen: internationale gewerkschaftliche Lage; Lage; Belegsammlung und halbmonatliche Herausgabe eines<< Mitteilungsblattes für das Exekutivkomitee»; Presse der I. B. A.; Verlag des Berichts über die Pädagogische Tagung; Tagesordnung des Exekutivkomitees von Weihnachten 1928; finanzielle Fragen und Verschiedenes. Cook nahm offiziell Stellung für die Förderung der gewerkschaftlichen Lehrerbewegung in der Septembernummer unseres englischen Bulletins erlässt er als Vorsitzender des Arbeiterausschusses für Unterrichtswesen einen mitreissenden Aufruf, unter dem Titel<< Sind die Erzieher Arbeiter?» Wir zitieren daraus die folgenden Zeilen:« Ich bin ein gewerkschaftlicher Vorkämpfer. Ich habe den besten Teil meines Lebens in der Grube verbracht. Welches Recht habe ich, mich an die Erzieher zu wenden? Nun, wie jedes aktive Glied der Arbeiterbewegung bin ich an den Unterrichtsfragen aufs höchste interessiert, ich habe Kinder, und ich bin Mitglied eines Unterrichtsausschusses gewesen. Ich habe hart gerungen, um mich selbst zu bilden, und ich bin immer bereit, für das Recht des Arbeiterkindes auf uneingeschränkten Genuss der Gaben des Untereinzutreten... richts und anderer Güter zu Die Korrespondentin der Gruppe der I. B. A. in den Vereinigten Staaten, Dorothy Page, hatte am 28. August und den folgenden Tagen auf der Geschäftsstelle der I. B. A. mehrere Unterredungen mit den Sekretären der Internationale; feste Schlüsse wurden für die Arbeit gezogen. Der Kongress der mexikanischen Lehrer in Tamaulipas, der einberufen wurde, um die« Reform der Erziehung im Sinne eines besseren sozialen Zustandes» studieren, erhielt von der I. B. A. einen Gruss unter dem 13. August, welcher in dem spanischen Bulletin vom AugustDas September veröffentlicht worden ist. Komitee der Freunde der I. B. A. von Mexiko hat den Gen. Gaston Lafarge als Vertreter zum Kongress entsandt. Unsere Genossin Godden, Mitglied der englischen Sektion der I. B. A. besuchte während ihres vorübergehenden Aufenthaltes in Paris das Generalsekretariat Ich stelle den Erziehern die folgende Frage: << Seid Ihr Arbeiter?>>> Die Antwort ist eindeutig. Allerdings sind die Erzieher Arbeiter, Arbeiter von grosser Bedeutung für das Gemeinwesen. Aber die Mehrheit will das nicht zugeben. Erzieher, erkennt Eure Verpflichtungen gegenüber Eurer Werft eigenen Klasse, der Arbeiterklasse. die falsche Würde ab. Ihr werdet unserer Hilfe bedürfen. Auf, an die Seite Eures Bruders, des Arbeiters». 1926 AUS DEM WIRKUNGSKREIS - DER LANDESSEKTIONEN 3 FRANKREICH des Syndicat National in Obersavoyen, die vor einiger Zeit um ihren Anschluss an die I. B. A. gebeten hat, sandte zu unserem Der Pariser Kongress der Kongress sogar einen offiziellen Vertreter Föderation für weltlichen Unterricht Der unitarische Lehrerverband hielt seinen Jahreskongress vom 5. bis 7. August in Paris ab. Seit dem 3. August fanden Versammlungen der verschiedenen Studienvereinigungen des Verbandes statt: Junglehrergruppen, Lehrerinnengruppen zur Förderung der Frauenbewegung, Professorengruppe. Sie gestalteten sich zu wahren Vorkongressen unter Vorbereitung und Klarstellung der verschiedenen diese Kategorien interessierenden Fragen. Eine ansehnliche Zahl von Kongressteilnehmern fand sich darauf zum Hauptkongress zusammen, 500 bei der Eröffnungssitzung. Wenn man bedenkt, dass alle Teilnehmer, abgesehen von den Delegierten( 52 Verbände von insgesamt 57 waren vertreten), auf eigene Kosten reisen, dann wird man sich über die Anziehungskraft klar werden, die unsere Jahresversammlungen zu einer strahlenden Kundgebung der Lebenskraft unserer französischen Sektion erhebt und von dem grossen Einfluss zeugt, den sie zufolge ihrer ausgeprägten Klassenkampfstellung auf die Lehrermassen auszuüben verstanden hat. Das Eindringen des Verbandes in die reformistische Lehrerbewegung des an den Allgemeinen Gewerkschaftsbund angeschlossenen Syndicat National trat auch zu Tage, da eine grosse Zahl von Mitgliedern dieser Organisation aus allen Departements, in denen wir keine Bezirksgruppe haben, herbeigeeilt waren, um als Hörer am Kongress teilzunehmen. Die Bezirksgruppe als Hörer und brachte gleichzeitig auf dem Kongress des Syndicat National in Rennes einen Antrag ein, wonach der Sekretär der I. B. A. zu einer Rede eingeladen werden sollte. Allerdings hatte sie mit dem Antrag keinen Erfolg. Die Klassenkampfstellung der französischen Sektion kennzeichnete sich bereits vor Eintritt in die Debatte durch den Gruss, der an alle Opfer der internationalen und nationalen Unterdrückung gerichtet wurde, und durch die feste Willensäusserung zur Erkämpfung der Amnestie. Sie geht auch deutlich aus einem Programm hervor, das nach den brutalen Polizeimassnahmen bei der Arbeiterkundgebung von Ivry gegen den Krieg angenommen wurde, und in welchem die Ursachen und die Vorbereitungen neuer Blutbäder, sowie die Drohungen gegen die U.S.S.R. dargelegt werden, in welchem unsere französische Sektion im Einverständnis mit der I. B. A. verkündet, dass« sie entschlossen ist, mit allen Mitteln gegen die imperialistischen Manöver des internationalen Kapitalismus zu kämpfen». * ** Es war der 23. Kongress der Föderation, der ältesten aller gewerkschaftlichen Lehrerverbände der ganzen Welt, und gleichzeitig eine Feier ihres 25jährigen Bestehens. Nicht ohne Rührung sah man bei der Eröffnungsfeier, wie neben den früheren Gewerkschaftssekretären die ergrauten Vorkämpfer aus der ersten Zeit der Bewegung, die immer auf ihrem Vorposten ausharrten, auf der Tribüne Platz nahmen und unter ihnen der junge Studienrat Pons, das letzte Opfer der Unterdrückung der« Natio 12 DIE LEHRER- INTERNATIONALE nalen Union»: das tatkräftige Alter und die Zukunft voller Verheissung für die Befreiung. Unter zuversichtlicher Aufmerksamkeit erinnerte Dommanget, der Gewerkschaftssekretär, an die Entstehung der unitarischen Gewerkschaftsbewegung mit der Schaffung der« Emancipations» als Reaktion der Lehrkörper gegen die Vormundschaft der Schulleiter, dem darauf folgenden Eintritt der Lehrer in die« Bourses du Travail», den revolutionären Arbeiterheimen unserer Zeit, und dem ersten Manifest von 1905 als Antwort auf die einsetzende Bedrückung durch die Regierung. Von Jahr zu Jahr hat sich seitdem die Gewerkschaftsbewegung im Bunde mit der organisierten Arbeiterklasse gekräftigt, in ihren oft siegreichen Gewerkschaftskämpfen und in ihren pädagogischen Errungenschaften, für die am charakteristischsten die« Ecole Emancipée»( gegründet 1910) und das im letzten Jahre erschienene Geschichtslehrbuch sind. Keine Lehrerorganisation der kapitalistischen Länder kann solche Resultate aufweisen, die trotz der Schikanen, Verfolgungen, Entlassungen und Gewerkschaftsauflösungen errungen wurden, die in diesen ganzen 25 Jahren unablässig erfolgten. Die ganze Unterdrückung diente vielmehr dazu, den Willen zu stählen, neue Gluten zu entfachen, sodass dem Lehrer ein Ideal erwuchs, das allmählich die Massen durchdringt. Vernochet überbrachte den Gruss der I. B. A., deren Gründung wiederum ein Verdienst der französischen Sektion mit Unterstützung der italienischen Genossen ist. Er belegte den Einheitswillen der I. B. A. und ihrer Sektionen und verwies im besonderen auf die russische Sektion, die in Anbetracht der neuen Gewerkschaftsinternationale ihr Internationales Propagandakomitee auflöste. Er erinnerte an die« Klassenkampf»- Satzungen, deren. Stosskraft und Leuchten in allen Sprachen und in allen Ländern erscheint. Er gab Zahlen und anschauliche Merkmale der Lage des Lehrers in der Welt und der Unterdrückung, welcher er unweigerlich zum Opfer fällt, sobald er einen Schritt seiner Befreiung entgegen machen will. Bei Erörterung der Spaltungsbewegung des Amsterdamer Berufssekretariats und des Syndicat National schloss er:« Wir wollen die Massen erobern; wir müssen sie ganz und gar zu uns holen». Darauf wurden die Adressen der Landessektionen an den Kongress verlesen: der Gruss der Russen, die wie in den vergangenen Jahren die Schranken durch die bürgerlichen Regierungen geschlossen fanden und uns nur schriftliche Botschaft senden können, ferner die Grüsse der ukrainischen, belgischen und portugiesischen Genossen, die alle mit grossem Beifall aufgenommen wurden. Mit Beifall empfing man auch die deutsche Genossin mit ihren Schülerinnen, die erschienen waren, um den Gruss der deutschen Lehrer und Arbeiterjugend zu überbringen. Der Kongress hatte vor allem den Geschäftsbericht des Verbandsbüros zu prüfen, in dem es seine Tätigkeit ausführlich niedergelegt hatte. Es ging daraus die stetige Zunahme des Mitgliederstandes hervor ( 2.000 neue Mitglieder seit dem Kongress von Grenoble im Jahre 1926), die einer wirksamen Propaganda zu verdanken war: Verteilung von mehr als 260.000 Flugblättern, Schaffung der Revue« L'Université Syndicaliste», dem Organ der Professoren, Herausgabe einer Broschüre über die Föderation, öffentliche Aktion gegen die Unterdrückung und für die Gehaltsaufwertung in Form von 70 grossen Versammlungen und mehr als 130 Gewerkschaftssitzungen. Zufriedenstellende Resultate wurden für die Seminaristen erzielt, sowie für die auf lange Zeit beurlaubten Lehrer, die Entlassenen, die« auf entlegenen Stellen» amtierenden Lehrer, die Ruheständler und Schulamtsanwärter, die Lehrer in Tunis. Alle diese Fragen, und ferner Probleme wie die Koedukation, die Verantwortlichkeit der Lehrer bei Unfällen der Schüler, Schulneubauten, Aufhebung der Funktion des Schulleiters und Einsetzung des Lehrerrates, fesselten die Aufmerksamkeit der Kongressteilnehmer lange Zeit, und das Wesen der weiterzu verfolgenden oder neu zu entfaltenden Aktion wurde genau präzisiert. Parallel mit der Schaffung von Unterkommissionen und pädagogischen Gewerkschaftssektionen erfolgte ein wirksamer Kampf gegen den Chauvinismus in der Schule und für Verbreitung des neuen Geschichtsbuches. Die Bezirksgruppen sind der internationalen Arbeit durch die Schaffung von Sekretariaten in der I. B. A. näher gekommen. Wie in jedem Jahre erhob sich bei Erörterung des Punktes« Tendenzen» eine bewegte und manchmal heftige Diskussion. Durch den Schlussantrag bestätigte der Kongress mit 165 Stimmen gegen 38<< die DIE LEHRER- INTERNATIONALE gegenwärtige Orientierung der Föderation zum unitarischen Gewerkschaftsbund, der I. B. A. und der R. G. I.» Und fast einstimmig( 202 Stimmen von 206) wurde der Geschäftsleitung des Verbandsbüros Entlastung erteilt. ** Reynier erstattete darauf über die« Lehrervorbereitung» Bericht. Diese bereits auf dem Kongress in Tours angeschnittene Frage nahm einen grossen Umfang an. Auf die Tribüne stiegen nacheinander Lehrkräfte an Seminaren, oberen Volksschulen, Hochschulen, sowie Studenten und Volksschullehrer, und sie alle zeigten die wahrhaft gewerkschaftiche Struktur der Föderation auf, die alle Lehrkräfte ohne Gradunterschied in ihren Grundorganisationen zusammenfasst im Gegensatz zum Verband der Gewerkschaften für die einzelnen Schulkategorien, den das Syndicat National im Allgemeinen Gewerkschaftsbund zu gründen versucht. In Zusammenfassung der Debatten wurde in einem Antrag formuliert,« dass der Unterricht in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung aufs genaueste der Wahrung der Vorrechte der besitzenden Klasse unterstellt wird, und dass die wahre Befreiung der Lehrer ein Element der gesamten Befreiung des Proletariats ist». Solange diese Befreiung nun nicht eintritt, will der Kongress sich für die Beibehaltung der Seminare aussprechen, für kostenlosen Unterricht in den Seminaren, Verbesserung der Seminarordnung( Selbstdisziplin, Korrespondenzfreiheit u.s.w.), Verbesserung der Lehrpläne unter Anpassung an das soziale und internationale Leben, für einen sachlichen und wissenschaftlichen Unterricht ohne Verbalismus und Dogmatismus, für gründlichere Fachausbildung und gegenseitige Durchdringung der Allgemein- und Fachbildung. Der Kongress ist ferner der Ansicht, dass die Ausbildung der Lehrer unvollkommen ist, sofern sie nicht mit Arbeiterkreisen in Verbindung kommen Bourses du Travail u. s. w., und protestiert gegen die militärische Vorbereitung an den Seminaren. Die Frage der Gehälter und Zulagen beschäftigte den Kongress sehr lange, woraus zu ersehen ist, dass die Föderation die Probleme der unmittelbaren Forderungen nicht verkennt. Die Taktik der Regierung, die Beamten zu spalten, welche durch die vom Syndicat 13 National eingenommene Haltung in bezug auf die anderen Kategorien begünstigt wird, wurde hervorgehoben und auf die grosse Verantwortlichkeit des Syndicat National und des Beamtenbundes beim Misslingen der Gehaltsaufwertung verwiesen. Unter Aufrechterhaltung der Forderung des Einheitsgehaltes spricht sich der Kongress für die unmittelbare Gehaltsaufwertung aus und für Angleichung der Gehälter und Beförderungsbestimmungen der Kategorien untereinander, sowie für Streichung aller Zulagen, aus denen ein Sondernutzen erwachsen kann, unter alleiniger Beibehaltung der Familienzulagen und der Entschädigungen bei entlegenen Lehrerstellen. Schliesslich wurde ohne Debatte die Erhöhung des internationalen Beitrags mit 142 Stimmen gegen 26 angenommen. Es wurde noch das Verbandsbüro neu gewählt, was alle zwei Jahre geschieht. Da der Verband weder ein Büro noch einen ständigen Sekretär in Paris hat, betraute man die Bezirksgruppe Saone- et- Loire mit der Geschäftsführung, und nach einer recht langen Diskussion wurde ihr auch ein offizieller Vertreter in Paris beigeordnet. Durch die ruhigen und gehaltvollen Diskussionen über die gewerkschaftlichen und pädagogischen Fragen, durch die leidenschaftlichen Debatten in bezug auf die Tendenzen, wurde der Kongress zu einer Betonung der Spannkraft der Gewerkschaftsbewegung der französischen Lehrer; wiederum zeigte er, dass sein tatsächlicher Mitgliederstand bei weitem nicht ein Bild davon gibt, welche Sympathien in den Lehrermassen erweckt wurden. Die Frage der Mitgliederwerbung, der Organisation, Kulturarbeit und des praktischen Gewerkschaftskampfes muss zu den unmittelbaren Aufgaben der französischen Sektion gehören. Sie wird es verstehen, daran festzuhalten, und wird ihren hartnäckigen Kampf fortsetzen gegen die von Poincaré vorbereitete Beamtendienstordnung, worin den Beamten zwar offiziell das Gewerkschaftsrecht zugebilligt werden soll, aber gleichzeitig ganz enge Grenzen gezogen und strenge Vorschriften erteilt werden; für das Gewerkschaftsrecht und die Meinungsfreiheit; für die materiellen Forderungen und für Verwirklichung des sozialen Ideals. Jean AULAS, Verbandssekretär. 14 SPANIEN DIE LEHRER- INTERNATIONALE Jahresversammlung des Allgemeinen Lehrervereins Der Allgemeine Lehrerverein hielt am Donnerstag, den 12. Juli, im Volkshaus zu Madrid seinen Kongress ab. den Der Vorsitzende berichtete von verschiedenen Schritten der Organisation im Laufe des Jahres und von den Schwierigkeiten, unter den gegebenen Verhältnissen eine Sitzung einzuberufen. Darauf wurde der Finanzbericht angenommen. Der als Delegierter in das Exekutivkomitee des Volkshauses entsandte Genosse legte über seine Geschäftsführung Rechenschaft ab und wies nach, dass der Lehrerverein sich immer an die Seite der organisierten Arbeiter gestellt hat. Im Hinblick auf den 16. Kongress des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes, der für Anfang September vorgesehen war, wurden die Genossen Llopis und Zapata zu Delegierten erwählt. Alsdann erstattete Llopis über die internationale Tätigkeit Bericht: Begrüssungsschreiben zur Gründungsversammlung der Amerikanischen Lehrerinternationale; Bemühungen zur Herstellung der Verbindung zwischen Südamerika und Europa; Begrüssung an den Kongress der Teachers' Labour League; Teilnahme an den Pädagogischen Tagen und dem V. Kongress der I. B. A. Im Saale wurden Photographien der Tagung und der Ausstellung herumgereicht. In ganzem Umfange zeigt sich die Bedeutung der Leipziger Tagungen, welche die Aufmerksamkeit der ganzen Welt erregten. Die Einheitslinie der I.B.A. wird voll und ganz gebilligt. Der Berichterstatter erörtert darauf seine Intervention auf der Pädagogischen Tagung und gibt bekannt, dass die spanische Sektion fortan einen stimmberechtigten Vertreter im Exekutivkomitee hat. Die Versammlung nimmt einstimmig folgenden Antrag an: « Die Versammlung billigt vollkommen die Haltung des Delegierten der spanischen Sektion auf den internationalen Tagungen; « betont die Zufriedenheit des Allgemeinen Lehrervereines mit dem Ausgang der Pädagogischen Tagung, durch welche die wachsende und fortschreitende Lebenskraft der I. B. A. zu Tage tritt; << bedauert, dass die heutigen Verhältnisse es der spanischen Sektion nicht gestatten, in eine regere und ihren Wünschen entsprechende internationale Zusammenarbeit zu treten; in Erwartung des Tages, an dem eine solche Tätigkeit ermöglicht wird, bestätigt sie von neuem ihr Vertrauen in die I. B. A.». Darauf entspinnt sich eine Diskussion über die Solidaritätskasse der I. B. A. und die moralische Verpflichtung jedes Mitgliedes, den Betrag von einem Pesetos an diese Kasse abzuführen. Man spricht darauf von den Veröffentlichungen der Internationale, und die Versammlung billigt den Beschluss, Uebersetzungen in spanischer Sprache in Angriff zu nehmen und dafür zu sorgen, dass unter den Genossen für grösstmögliche Verteilung der Schriften Propaganda gemacht wird. MITGLIEDER UND ABONNENTEN, die ihren Jahresbeitrag fur 1928 noch nicht eingesandt haben, werden dringend an ihre Verpflichtungen gemahnt. Mitglieder zahlen Mk. 4.50 Abonnenten - 3- Anna Lindemann Gotha, Sonnebornerstr. 30 Postcheck Erfurt 3428 ( Zahlkarte liegt dieser Nummer bei) DER BILDUNGSARBETTER IN 1926 ALLER WELT Die Fragen der Schulpolitik und der Lehrerbewegung seit dem Wiener Kongress( 1926). Bericht des Gen. M. Apletin, gehalten auf dem Leipziger Kongress( 1928) Die Wirtschaftsoffensive der Bourgeoisie Die seit dem Wiener Kongress verflossenen zwanzig Monate zeichnen sich aus als eine Periode des erbitterten Klassenkampfes in allen Ländern. Es wird eine entschlossene Offensive gegen die Arbeiterklasse aufgenommen. Die Verschärfung der Klassengegensätze wird begleitet von der Erstarkung der ideologischen Offensive sowohl auf die Schule als auch die Massen der Lehrerschaft in allen«< zivilisierten» bürgerlichen, wie in den kolonialen und halbkolonialen Ländern. am Die allgemeine Offensive kommt krassesten zum Ausdruck an den schwächsten und am schlechtesten organisierten Abschnitten der Unterrichtsfront, und zwar an der jungen Lehrerschaft und den Lehrerinnen. Indem die Bourgeoisie während dieser Zeit in den zahlreichen Ländern die Ausgaben für Bildungszwecke ein wenig erhöht, ist sie daran interessiert, für den sich immer verschärfenden Kampf gegen das Proletariat die Lehrerschaft fest auf ihrer Seite zu haben. Hie und da entschloss sie sich zu einer kleinen Besserung der Lage der Lehrerschaft: das war z.B. in Frankreich, Belgien, Griechenland, Deutschland( für manche Gruppen) und in einigen Staaten Nordamerikas der Fall. In Griechenland vermochten die Lehrer ihre Gleichberechtigung mit den Beamten durchzusetzen. In der Sowjetunion stiegen die Lehrergehälter innerhalb zweier Jahre durchschnittlich um 37% für die Schulen 1. Grades, 55,5% für die Schulen 2. Grades( für 1926-1927 um 15,6% für Schulen 1. Grades und um 22,2% für Schulen 2. Grades; für 1927-1928 um 18,9% bezw. 27,3%). Die Ausgaben für Unterrichtszwecke sind im Staatsbudget um 31,6 Mill. Rub., im Lokalbudget um 98,4 Mill. Rub. gewachsen. Niedere Gehälter, Stellenlosigkeit, Junglehrerelend Die Kürzung der Ausgaben für den Volksunterricht wurde in Bulgarien( wo das Schulnetz verringert) und in Jugoslawien( wo manche Lehrerseminare geschlossen und die Teurungszulagen herabgesetzt wurden) durchgeführt. In der Tschechoslowakei wurden die Lehrergehälter gekürzt. In Italien wurden die Teurungszulagen herabgesetzt, was durchschnittlich einen Lohnabbau von 15-28% ergab. In der Schweiz wurde 1927 ein Lohnabbaugesetz beschlossen. In Portugal wurden im Mai 1927 die Lehrergehälter in den Mittelschulen um 20% gekürzt. Die Höhe der Lehrergehälter bleibt nach wie vor unzureichend. Die Lehrer der Mittelschule bekommen nur die Hälfte ihrer Vorkriegsgehälter. Sehr schwer ist die Lage der jungen Lehrer und die der jungen Wissenschaftler. Die unbedeutende Zulage hat die Lehrerschaft nicht befriedigt. Bei weitem nicht befriedigt ist mit ihren Zulagen auch die belgische Lehrerschaft, deren Gehälter hinter denen der Vorkriegszeit um 30% zurückbleiben. In Bulgarien betragen die Lehrergehälter nur die Hälfte ihrer Vorkriegshöhe. In der Bericht periode litten die Lehrer in vielen Ländern durch die verspätet e Auszahlung der Gehälter. Derartige Ver 16 DIE LEHRER- INTERNATIONALE spätungen gab es in Belgien, in Bolivien ( um 3 Monate), in Palästina( um 4 Monate), in China( um 5 und mehr Monate). Der Kampf um die Besserung der materiellen Lage bleibt nach wie vor eine der Hauptaufgaben. Bei insgesamt 28 Ländern, für die die materielle Lage der Lehrerschaft vor dem 5. Kongress der I. B. A. von uns geprüft worden ist, kann nur von 7 gesagt werden, dass befriedigende Zustände herrschen. Es sind dies die Vereinigten Staaten, England, Deutschland, Dänemark, Schweden, die Schweiz, Ägypten, obwohl die Mehrheit der Lehrerschaft auch in diesen Ländern mit ihrer Lage bei weitem nicht zufrieden ist und um deren Besserung kämpft. In 21 Ländern wie Frankreich, Belgien, Italien, Spanien, Portugal, Bulgarien, Jugoslavien, Polen, Ungarn, Norwegen, Rumänien, China u.s.w. meldet man über die materielle Lage der Lehrerschaft, dass sie« sehr schwer» oder« schlecht» ist, dass die Gehälter« niedrig»,« unzureichend>> u.s.w. sind. Eine schwere Plage der Lehrerschaft ist die Stellenlosigkeit. In Bulgarien sind 20% der Lehrer brotlos. In manchen Ländern des Deutschen Reiches zählt man sogar 27% arbeitsloser Lehrer. Hier und da wird versucht, die« gut bezahlten>> Kräfte durch die jüngeren und billigeren zu ersetzen. In England wächst die Arbeitslosigkeit unter der jungen Lehrerschaft. Von den Absolventen des vorigen Jahres blieben 12,8% erwerbslos. In London wurden für 5.000 zu besetzende Lehrstellen 29.000 Gesuche eingereicht. In Belgien erhält ein angehender Lehrer weniger als ein unqualifizierter Arbeiter. Die Absolventen der Lehrerseminare können infolge der Verringerung der Schulbudgets, der Kürzung des Schulnetzes und der Konkurrenz der klerikalen Schule oft jahrelang keine Stellung finden. Über ein pädagogisches Frauenseminar in Lüttich wurde gemeldet, dass 67% seiner Absolventinnen erwerbslos blieben, und von den Absolventen der männlichen Seminare in den Jahren 1920-1926 blieben 8% völlig arbeitslos, während 25% nur provisorische Arbeit haben. Die Mehrheit der jungen Lehrer und Lehrerinnen gerät in die Klauen der Klerikalen 1927 haben in den staatlichen( weltlichen) Lehrerschulen nur 3.915 Personen, in den klerikalen Privatschulen dagegen 7.961 Personen, also mehr als die doppelte Zahl studiert. Besonders schwer haben es die Lehramt skandidaten in Frankreich, wo sie sich vorwiegend aus den wenig bemittelten Bevölkerungschichten, wie kleine Beamte, Arbeiter und Bauern, rekrutieren. Für ein winziges Stipendium muss man zehn Jahre lang dienen( für einen Lehrer wird weniger als für einen Soldaten ausgelegt). Die angehenden jungen Lehrer sind mit verschiedener Arbeit überlastet, arbeiten bis zu 13 Stunden täglich. erhalten jämmerliche Gehälter, ernähren sich schlecht, werden schwindsüchtig. In den anderen kleineren Ländern ist die Lage nicht besser. Die Lage der Junglehrer stellt die I.B.A. und ihre Sektionen vor die ausserordentlich wichtige Aufgabe, der Organisation der Jugend, dem Kampfe für die bedeutende Verbesserung ihrer materiellen Lage, dem Kampfe gegen die Erwerbslosigkeit, besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die Unterdrückung der Lehrerin Die Lage der weiblichen Unterrichtsfunktionäre hat sich im Laufe der letzten zwei Jahre fast in keinem Lande irgendwie gebessert. Die Frauenarbeit in der Schule verdrängt immer mehr die Männerarbeit und wird in fast allen sog.« zivilisierten» Ländern vorherrschend. Von den grossen Ländern bildet nur Deutschland eine Ausnahme. Selbst in den kolonialen und halbkolonialen Ländern vergrössert sich der Anteil der Frauenarbeit im Schulwesen. Die Frage der materiellen und rechtlichen Angleichung der Frauen im Lehrberuf an die Männer bleibt aber noch immer ungelöst. Die weltlichen wie die geistlichen Mucker der verschiedenen politischen Gruppierungen und Konfessionen, die in verschiedenen Ländern in den leitenden Volksbildungsorganen sitzen, halten sich für verpflichtet, in das persönliche Leben einer Lehrerin einzugreifen. Das hochkultivierte und « demokratische» Nordamerika leistete in dieser Beziehung im verflossenen Jahre manches, was schwerlich zu überbieten ist. Um solche Fälle zu brandmarken und die Notwendigkeit eines tatkräftigeren Kampfes für die Besserung der Lage der Lehrerinnen darzutun, lohnt es sich, wenigstens eines dieser nicht seltenen Blüten der«< demokratischen>> Wirklichkeit anzuführen. Es handelt sich um einen Vertrag mit einer Lehrerin im Staate Karolina. Dieses bemerkenswerte Dokument möge wörtlich zitiert werden nach dem Text, der im Organ der Gewerkschaft Deutscher Volkslehrer und Volkslehrerinnen« Der Volkslehrer>> ( Nr. 33-34 vom Jahre 1927) angeführt ist: « Ich gelobe, das grösste Interesse an allen Teilen der Sonntagsschularbeit zu nehmen und meine Zeit, meine Dienste und mein Geld dem Wohle der Gemeinde ohne Zögern zu widmen. Ich gelobe, mich alles Tanzes, aller unpassenden Kleidung und jedes Benehmens zu enthalten, das eines Lehrers und einer jungen Dame unwürdig ist. Ich gelobe, niemals mit jungen Männern auszugehen, mit alleiniger Ausnahme, wenn das notwendig wäre, um die Sonntagsschule zu fördern. Ich gelobe, mich niemals zu verlieben, zu verloben oder heimlich zu verheiraten. Ich DIE LEHRER- INTERNATIONALE DIE LEHRERIN DER SOWJETUNION РАСПРОС DIE TENNISABTEILUNG DER LEHRERINNEN AUS DEM GOUVERNEMENT MOSKAU BEIM AUFZUG DER SPARTAKIADE AUF DEM ROTEN PLATZ. 17 18 DIE LEHRER- INTERNATIONALE gelobe, in den Schulräumen oder in meinem daneben liegenden Wohnraum zu bleiben, wenn ich nicht in der Schule oder Kirche tätig bin. Ich gelobe, nachts mindestens acht Stunden zu schlafen, mich ordentlich zu ernähren und jede Vorsichtsmassregel anzuwenden, um meine Gesundheit und meine Stimmung auf der Höhe zu erhalten, damit ich meine besten Dienste meinen Schülern widmen kann. Ich gelobe, stets daran zu denken, dass ich der Bevölkerung, die mir mein Gehalt bezahlt, tief verpflichtet bin, dass ich den Schulbehörden, die mich angestellt haben, Achtung und Verehrung schulde, dass ich jederzeit die gehorsame Dienerin der Schulbehörde und der Einwohnerschaft sein muss, und dass ich nach meinen Fähigkeiten mitwirken muss bei jeder Massnahme, die auf Verbesserung der Gemeinde, der Schüler und der Schule gerichtet ist>>. Der Frauenarbeit muss in vielen der I. B. A. angehörenden Organisationen viel mehr Aufmerksamkeit als bisher geschenkt werden. Indem Indem die Bourgeoisie die Lehrerschaft überall am Rande der Hungersnot hält, hat sie in einer ganzen Reihe von« Siegerländern» die Lehrergehälter auf die Hälfte Sie des Vorkriegsstandes herabgedrückt. versucht in manchen Ländern, mittels jämmerlicher Zulagen die Unzufriedenheit und den Kampfgeist zu bannen. sie auf die nationalistischen und chauvinistischen Gefühle spekuliert, die den Lehrern während und nach dem Kriege so eifrig eingepaukt wurden, indem sie von der hohen zivilisatorischen Rolle ihres Vaterlandes»>) Landes(« unseres schönen spricht, steigert die Bourgeoisie überall ihren ideologischen Druck auf die Schule, auf den Lehrer, und indirekt auf die proletarische und bäuerliche Familie. In der Schule wird der tollste Militarismus, die schrankenloseste imperialistische Ideologie, der wasserreinste Faschismus gepredigt. Die ideologische Offensive der Bourgeoisie verMit immer raffinierteren Mitteln sucht die Bourgeoisie, mit Hilfe der Schule und der Lehrer in der proletarischen Familie selbst Arbeiterfeinde zu züchten. Die Offensive wird in verschiedenen Formen geführt, die noch gestärkt werden durch die Einwirkung auf Kinder- und Jugendorganisationen, durch sporadische Zerschlagung oder systematische Ausrottung von proletarischen Kinder- und Jugendorganisationen. Die Hauptagenten der Offensive an dieser Front sind England, Frankreich, Vereinigte Staaten, Italien, Polen, Rumänien. Auch andere Länder bemühen sich, nicht im Hintertreffen zu bleiben. In England wurde mit Hochdruck an der Militarisierung der Schule, an der Schaffung spezieller Militärjugendformationen, Kinder Militärunterricht der am von 13 Jahren ab gearbeitet; die Kinder werden im Gewehrschiessen, im Bedienen der Maschinengewehre und Kanonen, Tanks und Flugzeuge unterwiesen. Die Schule wird mobilisiert, um die fehlende allgemeine Wehrpflicht zu ersetzen. In der Schule wird sowohl das gemeine Kanonenfutter, wie das Offizierpersonal vorbereitet. Auf die Eltern der Schüler übt die Schulverwaltung einen starken Druck aus, um den << freiwilligen Militärunterricht in einen Für den obligatorischen zu verwandeln. Militärunterricht werden grosse Mittel verausgabt. Die Konservativen schreien entsetzt, dass unsere englische Sektion« in England Anarchie durch die Demoralisierung der Jugend einzuführen strebt», dass gegen die Eindringung der kommunistischen Lehrer in die Schulen die radikalsten Massregeln getroffen werden müssen, da die « Moskauer Agenten in der britischen Schule>> seien. Die konservative Presse führte eine erbitterte Kampagne aus Anlass der Forderung der Teachers' Labour League, die militaristische Ideologie aus der Schule zu verbannen. Darin sah man die«< Zerstörung des Britischen Imperiums nach Weisungen aus Moskau». Nicht genug damit, man hat eine spezielle Lehrerorganisation« für die Bekämpfung der sozialistischen Ideologie in der Lehrerschaft» geschaffen. Am 11. März 1927 wurde ein Gesetz gegen die« aufrührerische und gotteslästerische Jugend erziehung» angenommen, das für die mündliche oder schriftliche Propaganda« der aufrührerischen, verfassungsfeindlichen und antireligiösen Ansichten>> unter den Personen unter 16 Jahren die Strafe von 4 Monaten Haft oder 50 Pfund Sterling vorsieht. Der berüchtigte Joynson Hicks schrie wutschäumend, es sei unzulässig,« dass man den Kindern in der Schule über Klassenkampf, über Lenin und die Revolution erzählt». Es wurde eine reaktionäre Kampagne gegen den gemeinsamen Unterricht beider Geschlechter geführt. Man argumentierte mit der Behauptung, dass die Jünglinge und Mädchen bis zu 21 Jahren viel glücklicher sind, wenn sie getrennt unterrichtet werden», dass eine Frau andere Kenntnisse braucht und dass« es in England viel mehr glückliche Häuser gäbe, hätten deren Hausfrauen mehr Kentnisse in der Hauswirtschaft». Der Fall der Entlassung der Lehrerin Clark wegen der Herausgabe eines StreikGeneralstreiks war blatts während des sehr charakteristisch für die politischen Verfolgungen der revolutionären Lehrerschaft in England. Und das reaktionäre DIE LEHRER- INTERNATIONALE Antigewerkschaftsgesetz, das auch die Rechte der Lehrerorganisationen berührt, zeigt, wie stark die Reaktion in England wächst. In den Vereinigten Staaten Nordamerikas bietet sich dasselbe Bild wie in England; selbst die Methoden und Formen des militärischen Unterrichts in den Schulen verschiedener Typen sind hier und dort ähnlich. Nach Feststellung Th. Dicksons, der die amerikanischen Schulbücher für Geschichte untersucht hat, schildern sie die Ereignisse des Weltkrieges« unsinnig», « verdrehen die Tatsachen»,« sind von lächerlichem Chauvinismus durchdrungen», der, wenn die Bücher nicht berichtigt werden,«< sie dem Spott der ganzen Welt preisgeben wird». Man ist zum Schluss gekommen, dass die Geschichtsbücher in dem auf den Weltkrieg bezüglichen Teile vom Armeekommando verfasst werden müssen. Offenbar wird das ihre« Objektivität» am besten garantieren. Die Fragen der Kriegsschilderung in den Schulbüchern interessieren die Leiter der Regierung lebhaft. Der Senat des Staates New York hat eine Lex Hincks angenommen, wonach beim Schulunterricht die Schilderung des Weltkrieges sehr ausführlich zu ha ten ist. Frankreich geht in bezug auf die imperialistische Ideologie und den Chauvinismus in der Schule nach wie vor in der ersten Reihe. Es genügt zu erwähnen, dass während der Berichtszeit ein Gesetz über die Militarisierung der Bevölkerung mit Einschluss der Mobilmachung der Kinder beiderlei Geschlechts für den Kriegshilfsdienst angenommen wurde, und dass im Falle des Krieges die Möglichkeit der Verwandlung der Schulen in Kriegswerkstätten vorgesehen ist. Der militärische Drill in den Schulen, der sowohl die Soldaten als auch die Reserveoffiziere vorbereiten soll, wird durch die« moralische Erziehung ergänzt, die den Kindern die Erkenntnis der höheren Güter bringen soll, die<< von unserem schönen Vaterlande erstrebt und von uns verteidigt werden». Für die Charakteristik der« demokratischen» Sitten in Frankreich mögen zwei sehr lehrreiche Beispiele angeführt werden. Eines von ihnen ist die gerichtliche Verfolgung der Lehrerin Henriette Alquier wegen des Artikels« Die Mutterschaft als soziale Funktion», in dem sie das Recht der arbeitenden Frauen auf die Vorbeugung der Schwangerschaft und auf die Fruchtabtreibung verteidigte. Der« linke>> Minister Herriot beruhigte die« öffentliche Meinung» damit, dass Henriette Alquier im Falle ihrer Freisprechung durch das Gericht« zur disziplinarischen Verantwortung gezogen werden wird». Das zweite Beispiel ist die Verurteilung des kleinen André Aubain zum Korrektionshaus wegen des Verkaufs der kommunistischen Zeitung« ohne Berechtigung zum Handel». In Lehrerkreisen hat dieses 19 heuchlerische Urteil Entrüstung hervorgerufen. In Belgien hat die über die Tätigkeit der Zentrale der sozialistischen Lehrerschaft erzürnte Bourgeoisie gegen sie eine Het ze entfesselt und bezichtigte sie der Abhängigkeit von Moskau und des Kommunismus. Die Konservativen schüchterten die Kleinbürger damit ein, dass die Mitglieder der Zentrale« unter den Kindern die bolschewistische Lehre verbreiten werden». Die Zeitung Soir wetterte besonders über die von der Zentrale an den Bildungsarbeiterverband der Sowjetunion gesandte Begrüssung aus Anlass der 10. Jahresfeier der Oktoberrevolution und fragte:« Was gedenkt der Unterrichtsminister zu tun>>? Die Zeitung erklärte, sich an die Eltern wenden zu müssen,« falls der Minister sich nicht einmischen wolle oder könne». vor ihr euer Kind dem Lehrer anvertraut, denkt daran, dass er es nicht zu einem Bolschewisten macht». La libre Belgique. sprach von Misstrauen der Bevölkerung zu den zahlreichen Schulen, in denen die Lehrer angeblich« den bolschewistischen Idealen huldigen». Um die Zeit des Kongresses der Zentrale der sozialistischen Lehrerschaft im Dezember 1927 schrie die bürgerliche Presse über die« kommunistische Seuche unter den Lehrern»; sie behauptete, dass die kommunistischen Lehrer« der Inspektion nicht unterliegen», dass die« rote Gefahr der Schule droht»; sie klagte die Lehrer des Antipatriotismus an. « BeAuf diesem Hintergrund der allgemeinen Het ze gegen die belgische Zentrale erhielt auch einen besonderen Sinn die Drohung der Bourgeoisie im Journal de la Bourse: « Wir denken, dass das belgische Bürgertum weiss, was es zu tun hat»; zu denken gibt ebenfalls die Antwort des Unterrichtsministers auf die Parlament sanfrage der Konservativen während der Erörterung des Unterrichtsbudgets in der Kammer, in welcher Anfrage darauf hingewiesen wurde, dass es unter den Lehrern viele Bolschewisten gibt. Der Minister phantasierte über die Moskauer Umtriebe und versicherte den Deputierten, dass« eine von uns noch nicht anerkannte Grossmacht ganz deutliche Versuche dazu macht, die Staatsordnung anderer Länder zu untergraben. Soweit diese Versuche die Lehrer berührt haben, muss man auf sie reagieren ( Es sei bei Gelegenheit daran erinnert, dass die Faschisten, die offenbar von der Meinung des Ministers im voraus unterrichtet waren, mit der Zerstörung der Woks- Ausstellung reagierten; Woks die Gesellschaft für Pflege der kulturellen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Auslande, in Brüssel). Das nach dieser Debatte erlassene ministerielle Rundschreiben verlangt den Ausschluss« jeder politischen Propaganda» aus der Schule und und weist die Lehrer an, den Schülern 40 DIE LEHRER- INTERNATIONALE bei jeder Gelegenheit« die Regel der Moral, das Pflichtbewusstsein, die Vaterlandsliebe, die Achtung vor den nationalen Institutionen, die Anhänglichkeit an die verfassungsmässigen Freiheiten einzuflössen». Diese bürgerliche Politik scheint also etwas vollkommen« Unpolitisches>> zu sein. Man droht dem Lehrer, der all dies, was als« staatsbürgerliche Erziehung>> bezeichnet wird, nicht beobachtet, ihn als * für seine Stellung ungeeignet zu erklären. Es genügt, daran zu erinnern, von welchem chauvinistischen Geist viele Schulbücher getragen sind, um den Sinn der« Neutralität der Ministerialreden zu verstehen, besonders wenn man bedenkt, dass der Minister den Lehrern auch ihr Verhalten ausserhalb der Schule vorschreibt: « Ein Lehrer, der ausserhalb der Schule die Gefühle der Familienväter verletzt, muss seine Autorität in ihren Augen verlieren. Ein Lehrer, der öffentlich, in Wort oder Schrift, unsere Staatsordnung angreift, seine Sympathien für eine unsere soziale Ordnung verneinende Lehre ausdrückt, für die Gewalt und für den den nationalen Gedanken zerstörenden Internationalismus eintritt, kann nicht gleichzeitig Diener des Staates und Propagandist sein muss eins von beiden wählen». - er Der Apolitismus» des Ministers drückt sich auch in den Geschichtslehrplänen aus, in denen gesagt wird, dass man« schöne Erzählungen aus der Geschichte des Weltkrieges» lesen und dabei die moralischen und patriotischen Aufgaben der Gegenwart und die grossen Beispiele der Vergangenheit betonen muss. Derselbe Geist herrscht in den nationalistischen Kinderorganisationen, in dem militärischen Unterricht in der Schule. In Italien fährt der Faschismus mit seinem Druck auf die Schule und die Lehrer fort. Der Generalsekretär der Faschistenpartei Turati verlangte auf dem Kongress der Lehrervereinigung im Sommer 1927 die Neuerziehung der Jugend im Geiste des Faschismus. Er rief zur« Kühnheit>>. auf, zu Opfern für das Wohl des Vaterlandes und zum Ausbau der straffen faschistischen Disziplin. Er forderte die Umerziehung der Lehrer in der faschistischen Lehrervereinigung und verlangte von den Lehrern, sie sollten« mit dem Beispiel der Gesinnungstreue, des Gehorsames, der Geduld und des Schweigens>> vorangehen. Die Geschichtsbücher erklären im chauvinistischen Rausch, dass Italien das erste Land in der Welt ist, dass« alles Grosse, Schöne, Erhabene von den Italienern geschaffen wurde», dass« Italien im Weltkriege die Zivilisation gerettet hat». Neben der faschistischen Propaganda in der Schule wird viel in dieser Beziehung durch die Kinder- und Jugendorganisationen, durch die Teilnahme der Kinder an den faschistischen Kundgebungen und Feiern geleistet. Die Lehrer werden durch einen Ministerialerlass angehalten, die restlose Einreihung der Kinder in die faschistischen Organisationen zu betreiben und die Eltern in diesem Sinne zu beeinflussen. Die Arbeit in dieser Richtung wird jährlich in den Personalakten der Lehrer verzeichnet werden. Charakteristisch war die Erklärung des Direktors der Volksschulen in Sizilien, der sagte:« Unsere Aufgabe ist, in Sizilien Wir die neuen Zustände einzuführen. werden faschistisch handeln. Wir werden nötigenfalls das ungehorsame Element grausam erledigen und die Schule militarisieren. Jeder Schüler wird zu einem faschistischen Soldaten. Die Partei will die Lehrerschaft als Kampfkraft für die Durchführung der faschistischen Ideen mobilisieren». Wer nicht ein Lobredner des Faschismus sein will, wird von der Regierung entlassen. Das Popolo d'Italia vom 31. Dezember 1927 meldete die Entlassung aller Professoren, die mit dem Faschismus nicht sympathisieren und vor allem derjenigen, die seinerzeit den Aufruf aus Anlass der Ermordung Matteottis unterzeichnet haben. In Bulgarien befindet sich die Schule wie die Lehrer unter der strengsten Aufsicht. Die Lehrer werden systematisch bespitzelt und sind terrorisiert. Dem Lehrerbund droht die Einnahme durch die Faschisten. In Jugoslavien gingen massenhafte Versetzungen vor. Die Pribitschewitsch- Regierung versetzte 500 kroatische Lehrer, und sein Nachfolger Raditsch versetzte 60 serbische Lehrer. man In Schweden wurde in der Presse und in der Schule eine Kampagne für den Krieg gegen die Sowjetunion geführt: spricht von den Verträgen, von der angeblich von den diplomatischen Sowjetvertretern organisierten Spionage. In vielen Provinzen war es die Schulverwaltung, die diesen Klatsch verbreitete, auch unterstützte sie die chauvinistische Propaganda in den Organisationen. Den anwesenden Hörern des Lehrerseminars erklärte man, dass die Politik in der Schule unzulässig sei. In der Schweiz haben aie Volksschullehrer des Genfer Kantons eine Resolution angenommen, die die völlige Abrüstung, die Abschaffung des Militärbudgets und der stehenden Armee in der Schweiz verlangte. Sie haben die Absich. ausgesprochen, unter der Lehrerschaft in der ganzen Schweiz die antimilitaristische Kampagne zu entfalten. Der Rat des Genfer Kantons verurteilte die Lehrer wegen ihrer« verfassungswidrigen» Aktion, die den guten Beziehungen zwischen der Schule und der Bevölkerung Abbruch tun könne, und erinnerte daran, dass die Lehrerschaft durch Mässigung und ihren Patriotismus den Eltern Ver DIE LEHRER- INTERNATIONALE trauen einflössen sollte( Neue Züricher Zeitung vom 27. Dezember 1927). In Ungarn wurden im Prozesse der unabhängigen Arbeiterpartei unter anderen auch drei Lehrer Hofmann, Roth und Kiss vor Gericht gestellt. Die sozialistischen Lehrer sind in der Mehrheit entlassen oder aus dem Lande ausgewiesen. In Polen wird eine grossangelegte Arbeit an der Militarisierung der Schule getrieben. 1925 wurde am Unterrichtsministerium der « Oberste Landesrat für Kriegserziehung und-vorbereitung» gegründet. Seit 1926 wurde der Rat als« aussenmilitärisch»> umbenannt und seine Leitung wurde in den Händen des Kriegsministers konzentriert. An den lokalen Organen dieses Rates nehmen neben dem militärischen Vertreter auch die Vertreter der Schulbezirke, der Schulinspektion und der Lehrer der verschiedenen Schultypen teil. Nach der Machteroberung durch Pilsudski im Mai 1926 geht die Militarisierung im beschleunigten Tempo vor sich. In den Mittelschulen werden 50.000 Schüler militärisch geschult. Der<< Polnische Pfadfinderverband», zählt 70.000 Mitglieder. Die Regierung sieht die sich militärisch ausbildende Jugend als ihre Stütze an und will sie zu künftigen Reserveoffizieren ausbilden. Die soziale Zusammensetzung der Jugend in der Mittel- und der höheren Schule die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Schichten und die Intellektuellen begünstigen deren Erziehung im nationalistisch- militärischen Geiste. Die militärische Schulung wird nicht nur im Winter getrieben, im Sommer wird die Ausbildung in den Lagern weitergeführt. In den Lehrerseminaren werden die Lehrer zu ländlichen militärischen Instruktoren ausgebildet. Auch die Schulräte der Mittelschulen kommandieren die Pädagogen für spezielle Lagerkurse ab, um sie zu Leitern der Schultruppen zu machen. Ein Major des Generalstabes empfiehlt sehr eifrig, die Absolventen der Lehrerseminare in die Offiziersschulen überzuleiten und sie erst als ausgebildete Reserveoffiziere zum Lehrberuf zuzulassen. Selbst in den Mädchenschulen werden Abteilungen für militärische Ausbildung organisiert. Von den 3.000 militarisierten Frauen bilden die Lehrerinnen die Mehrheit. Zahlreiche reaktionäre Organisationen, wie die Liga zum Schutz der öffentlichen Moral, der christlich- nationale Lehrerverband, der Verband der geistlichen Religionslehrer in den Schulen, die nationalen und christlichen Frauenorganisationen, der christliche Studentenbund u.s.w. u.s. W. insbesondere etwa 20 Organisationen haben sich zum Kampfe gegen den Kommunismus unter der Schuljugend und den Schulmeistern vereinigt. - Alle diese stockreaktionären Organisationen, die« mit der grössten Sorge über 21 der körperlichen und geistigen Gesundheit der Jugend in Polen» wachen, wandten sich an den Unterrichtsminister im Kabinett Pilsudskis, Dobrucki, mit der Forderung, mit allen Mitteln den Kampf gegen den Kommunismus in der Schule aufzunehmen. Ihre Denkschrift schlägt vor,«< alle Leiter der unteren und mittleren Schulen zu verpflichten, mit unermüdlicher Wachsamkeit die Schuljugend und die Lehrerschaft im Auge zu behalten und aus ihrer Mitte unbedingt alle Elemente auszuschliessen, die im Verdacht stehen, die kommunistischen Losungen zu verbreiten. Dieses« Aktionsprogramm» bedeutet die Einführung eines Systems der Verfolgung, der Spionage und des Dennunziantentums in der Schule; es bedeutet die Auferstehung der abscheulichen Methoden der zaristischen Schule. Eine grosse Militärisierungsarbeit wird bei den Nachbarn der Sowjetunion getrieben. In Estland wird im laufenden Jahre der militärische Unterricht für 100.000 Schüler eingeführt. In Lettland wird laut Beschluss des Ministerkabinetts vom 28. Januar 1926 die ganze Schuljugend militärisch ausgebildet. In Finnland liegt die Leitung der militärischen Ausbildung der Jugend unter 17 Jahren in der Hand der antirevolutionären Schutzkorpsorganisation. Auch die weibliche Jugend auf dem Lande wird militarisiert. Auf dem Lande werden die Lehrer und Lehrerinnen weit möglichst zur Leitung herangezogen. In Rumänien hat die sogenannte«<< kōrperliche Erziehung von der 1. Klasse der Volksschule an einen ausgeprägt militärischen Charakter. In der letzten Zeit werden die Hochschulen militarisiert; sie liefern die Offiziere. In Rumänien werden die Lehrer entlassen, wenn sie antipatriotische Propaganda " reiben oder die Teilnahme an nationalen Feierlichkeiten ablehnen. Begründet wird die Entlassung als Verletzung der Dienstpflicht. In den nichtrumänischen Orten verloren die Lehrer ihre Stellung auch einfach wegen ihrer Unkenntnis der rumänischen Sprache. Die Lehrerorganisationen( die rumänische, ungarische, deutsche) sind zerschlagen. Den Berufsverbänden der Lehrer verbietet man jede Verbindung mit den Arbeiter- und Angestelltenorganisationen. In Portugal wurde die Sektion der I.B.A. << wegen ihrer Verbindung mit der Moskauer Internationale» aufgelöst, ihre Führer darunter auch der Vorsitzende des Verbandes der Volksschullehrer, wurden verhaftet. Unter sehr schweren Verhältnissen leben die Lehrer in Spanien unter der Diktatur Primo de Riveras. In Griechenland wurden viele Lehrer wegen ihrer linken Ansichten» entlassen. Die Regierung verfolgt die Gewerkschafts 22 DIE LEHRER- INTERNATIONALE bewegung im ganzen Lande. Der Zentralvorstand des Lehrerverbandes wurde aufgelöst und ein neuer ernannt. Die fortschrittlich gesonnenen Studenten werden aus der Universität entfernt, oder zu schriftlichen Erklärungen gezwungen, dass sie mit dem Kommunismus nicht sympathisieren. Die Studenten müssen erklären, ob sie an die unbefleckte Empfängnis glauben und ob sie nicht gedenken, die Geschichte auf Grund der materialistischen Auffassung zu lehren. Die Bourgeoisie wendet sich besonders scharf gegen die revolutionäre Lehrerbewegung, die mit der internationalen Klassenorganisation der Lehrer, der I. B. A., in Verbindung steht. Hier werden alt bewährte Methoden Beschuldigungen wegen der Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei, wegen des Stehens im Solde Moskaus und der Unterordnung unter Moskauer Befehle angewandt. - In dieser Kampagne gegen die Sektion der I. B. A., die gar nicht kommunistisch ist, spiegelt sich der allgemeine Kampf gegen die Kommunisten wieder Eine rührende Einheitsfront von den faschistischen Diktatoren und dem englischen Minister des Inneren Joynson Hicks bis herab zu den Führern vom Schlage Mac Donalds hat sich bildet. ( Forts.). ABONNEMENTSERKLÄRUNG ( Für Nichtmitglieder der I. B. A) Unterzeichneter abonniert hiermit die« LEHRER- INTERNATIONALE», offizielles Organ der Internationale der Bildungsarbeiter. Anbei die Summe von 3- Gmk. für ein Jahresabonnement Name Vorname. Beruf Wohnort Strasse und Hausnummer. Leserliche Unterschrift Diese Abonnementserklärung ist auszufüllen und mit dem Abonnementsbetrag zu senden für DEUTSCHLAND an Anna Lindemann, Sonnebornerstr. 30, Gotha. POSTSCHECK Erfurt 3428. Andere Länder deutscher Sprache: Generalsekretariat der I.B.A., 8, Avenue Mathurin- Moreau, Paris( XIX.). كاملا 味 H SCHULE UND UNTERRICHT IN ALLER WELT Tolstoi als Pädagoge Früher, vor der Revolution, war es in Russland wie in anderen Ländern üblich, bei Gedächtnisfeiern nur von den Eigenschaften der in Frage kommenden Persönlichkeit zu sprechen, und der gute Ton verlangte, dass sie so viel wie möglich idealisiert wurde. Derart gehaltene Rückblicke ergaben bestenfalls eine einseitige Aufzählung der positiven Leistungen des Gefeierten. Man entwarf von ihm ein falsches Bild und erzielte andererseits keine Analyse, sei es in bezug auf die von ihm verfochtenen Klasseninteressen, sei es in bezug auf seine Entwicklung und Ideen, von denen nicht nachgewiesen wurde, was inzwischen überholt, was noch lebensfähig und verwendbar war. Umso grösser der Betroffene war, umso nutzloser war ein derartiges Unternehmen. Weil vor allem Tolstoi keine Lobrede nötig hat, muss ganz besonders von ihm ein richtiges Bild gegeben werden, das wirkliche Bild seiner Entwicklung, seines Tastens und seiner Widersprüche, und ganz besonders bei ihm ist eine marxistische Ideenanalyse von Interesse. Als Pädagoge hat Tolstoi vier aufeinander folgende Entwicklungsperioden durchlaufen ( und nicht drei, wie man gewöhnlich glaubt). Der Philanthrop Tolstoi Die erste Periode, die wir die philanthropische nennen können, fällt in die Jahre 1850-1860. In diesem Jahrzehnt zerfiel unter dem Druck der emporschnellenden kapitalistischen Wirtschaftsweise die halbnatürliche Wirtschaft. Der von der Leibeigenschaft lebende Grossadel stand in einer empfindlichen Krise; seine langjährige Kultur brach zusammen. Die besten Vertreter 1926 dieses kultivierten Adelstandes bekamen die Krise ihrer Gesellschaftsklasse mit äusserster Schärfe zu verspüren. 1850-1860 gehörte Leo Tolstoi zu dieser Klasse. Um sein Dasein als« Barin>> zu rechtfertigen, sucht er sich Beschäftigung: er verwaltet seine Güter, interessiert sich dafür sehr und träumt davon, der patriarchalische Wohltäter seiner Bauern zu werden und ihre Interessen mit denen der Junker in Einklang zu bringen. Die idyllischen Träume des jungen Tolstoi, die sich hart und schmerzlich an der Wirklichkeit stiessen,<< zerfielen in Stücke», wie Tolstois Biograph Birukov sagt. E In pädagogischer Hinsicht haben wir aus dieser Periode des Philanthropentums glänzende Beispiele: die Einrichtung der Schule für Bauernkinder im Jahre 1859 in Yasnaia Poliana und Umgegend, sowie seinen Versuch, mit begütert en Personen ( 100 Rubel Beitrag) eine Gesellschaft für Unterrichtswesen zu gründen, die sich nach seiner Absicht mit dem Aufbau von Volksschulen, ihrer Beaufsichtigung u.s.w. beschäftigen sollte. In diesen Rahmen fügt sich auch ein Brief Tolstois an Fet( 1860), in welchem er sagt:« Nicht wir sollen uns bilden, sondern Marfutka und Taraska sollen wir von unserem Wissen etwas abgeben». Es zeigt sich hier ein offener Gegensatz zwischen<< uns»( d.h. die herrschende Klasse) und den Bauern. Diesen Bauern sollen die Vertreter der herrschenden Klasse zum allerwenigsten etwas von ihrem Wissensschatz übermitteln. Bei seinem Versuch, eine Gesellschaft für Unterrichtswesen zu gründen, hegt er auch nicht den leisesten Zweifel in bezug auf das Recht der herrschenden Klasse, das Volk zu erziehen, ihm Schulen einzurichten und sie sogar zu überwachen, durchweg Gedankengänge, die leidenschaftlich beTolstoi später SO kämpfen sollte. 24 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Der Apostel der freien Erziehung Der Kapitalismus entwickelte sich in Russland aber immer mehr. Die Krise des Grossadels verschärfte sich weiter, und man kann mit zunel.mender Deutlichkeit sehen, dass das Philanthropentum die Interessen des« Barin» mit denen des Bauern nicht versöhnen kann. Von dieser Zeit an war Tolstoi die Beute eines grausamen seelischen Dramas, das seinen Höhepunkt im Jahre 1862 erreichte: Er ist enttäuscht( wie er es selbst im« Bekenntnis>> sagt) von den Idealen der Geistesaristokratie, vom Fortschritt, von der Zivilisation u. s. W. Und eine Frage drängt sich ihm auf und foltert ihn, die Frage nach dem Ziel seines Lebens. Seine Auslandsreise von 1860-1861 spielte in diesem seelischen Umschwung eine wichtige Rolle. Die Entwicklung der kapitalistischen Verhältnisse, die Tolstoi seit je verneinte, machte sich im Ausland mit besonderer Wucht fühlbar. Tolstoi lehnte sich unter heftiger Kritik gegen den bürgerlichen Fortschritt auf, gegen die bürgerliche Wissenschaft, die Kunst und die bürgerliche Pädagogik. Das ist seine zweite pädagogische Periode( man betrachtet sie gewöhnlich als die erste); sie umfasst das Ende von 1861 und das Jahr 1862. In diesem Abschnitt kritisiert er die bürgerliche Schule und predigt die freie Erziehung. Während die westeuropäische Pädagogik bereits sicher auf bürgerlicher Bahn fortschritt, ihre Grundlage gefestigt hatte und sich nur noch damit befasste, die Details und Methoden sorgfältig auszuarbeiten, erschütterte der sich auflehnende Tolstoi die Fundamente der bürgerlichen Pädagogik selbst. In einer Artikelserie erhob er eine beredte und heftige Anklage gegen die bürgerliche Schule er wies nach, dass die herrschenden Klassen dem Volke mit Gewalt ihre Kultur auferlegen, dass es der Schule an Leben fehlt und sie das Leben des Kindes tötet, sowie seine schöpferischen Kräfte erstickt; er wies nach, dass die derzeitigen Methoden Sachunterricht, phonetische Methode beim Leseunterricht in scholastische Verfahren umgewandelt worden waren. Aber die Auflehnung gegen das vom Kapitalismus erzeugte Erziehungswesen ist nur ein Akt der Zerstörung. Dieser Akt muss durch positive Ideale ergänzt werden: die freie Erziehung sollte ein solches Ideal darstellen. Tolstoi kam dazu auf dem Wege der Verneinung. Er hatte das bestehende bürgerliche Erziehungswesen abgelehnt und leitete danach einen Beweis daraus ab zu gunsten eines verschwommenen, anarchistischen Ideals von freier Erziehung. Etwas später, in seinem bekannten Artikel<< Sollen wir die Bauernkinder schreiben lehren oder sollen sie uns schreiben lehren?» ( September 1862), stützt Tolstoi den Gedanken der freien Erziehung mit einem positiven Fundament, der Idealisierung des Kindes:« Das normale Kind kommt zur Welt und befriedigt vollauf die Forderung absoluter Harmonie in bezug auf die Wahrheit, die Schönheit und das Gute, das wir in uns tragen»... Er sagt weiter, dass jede Stunde, jeder Schritt des Lebens diese Harmonie unabwendbar zerstören, und dann ruft er aus:« Unser Ideal ist hinter uns und nicht vorne». Woher kommt diese leidenschaftliche Idealisierung des Kindes? Übersehen wir nicht, dass der Schlussatz eine tiefe Enttäuschung enthält: es scheint, als ob Tolstoi in seiner Auflehnung gegen die sich entwickelnden kapitalistischen Verhältnisse dem Gesellschaftsleben der Erwachsenen, die ihn nicht befriedigen, zu entrinnen strebt, um sich in die Welt der noch nicht vom Leben fortgerissenen Kinder zurückzuziehen. Unter diesen Kindern findet er Ruhe, ihnen widmet er sich ganz in seiner Schule von Yasnaia Poliana. In diesem Abschnitt ist nicht nur das von Tolstoi gehegte Ideal der freien Erziehung verschwommen, sondern er bleibt sich auch nicht immer selbst getreu. In seinem Artikel« Vom öffentlichen Unterricht»( 1862) legt er dar, dass der Religionsunterricht der Gewalt gleichzusetzen ist, dass er aber« unzweifelhaft dem Volke eingeimpft werden muss, und dass einzig und allein in diesem Falle die Gewalt berechtigt ist». In dem Artikel« Erziehung und Unterricht», gleichfalls aus dem Jahre 1862, hat Tolstoi nicht seine geläuterte Religion im Auge, sondern die Doktrin der Kirche. Wenn die Religion die einzig berechtigte Grundlage der Erziehung ist, und wenn diese Grundlage nach seinem eigenen Geständnis die Gewalt verkörpert, dann erhält der Gedanke der freien Erziehung von Tolstoi einen Riss, um nicht mehr zu sagen. In der Schule von Yasnaia Poliana wurde« Biblische Geschichte>> in einer Art und Weise gelehrt, wie sie Tolstoi später( 1899) als das schlimmste Verbrechen geisseln sollte, ja sogar als Mord und Vergewaltigung des Kindes. DIE LEHRER- INTERNATIONALE 25 Der Ideologe des patriarchalischen Bauerntums 1870-1880 fand Tolstoi diejenige Gesellschaftsgruppe, mit der er durch seinen Hass gegen den Kapitalismus und das Bedauern des alten patriarchalischen Lebens innerlich verbunden war: die patriarchalische Bauernschaft, die vom Kapitalismus gleichfalls ernstlich zersetzt wurde. Wieder vollzieht sich ein Umschwung in seinen pädagogischen Ideen( dritte Periode). Er ist der Idealisierung des Kindes schon fern, er erkennt, dass die Volksschule so eingerichtet sein muss, dass sie nicht auf den Interessen des Schülers beruht, sondern auf den Bedürfnissen ihrer Eltern. Ganz natürlicherweise verbleibt für die Idealisierung des Kindes kein Raum mehr; denn das Ideal des Wahren, Guten und Schönen im patriarchalischen Kreise ist nicht das Kind, sondern das Haupt der Familie. Der Ausspruch:« Unser Ideal ist hinter uns und nicht vorne», findet jetzt nicht mehr auf das Leben des Einzelnen seine Anwendung, sondern auf das Gesellschaftsleben. Dieser bäuerliche« Praktizismus» drückt sich in der Predigt Tolstois zu gunsten von kleinen Bauernschulen mit billigen Lehrkräften aus( ein alter Soldat oder sogar eine fromme, alte Frau), in denen nur Russisch, Lektüre von alt slavischen heiligen Schriften und Rechnen getrieben wird. Dieser gleiche Praktizismus nötigt Tolstoi, in konkreter Weise mit allen Einzelheiten ( was ihm früher SO sehr abging!) die schulischen Organisationsfragen und ganz besonders die Lehrmethoden durchzuarbeiten. Jetzt verfasst Tolstoi sein Abc- Buch und sein Rechenbuch. Die sich an die Fibel anschliessenden Lesebücher zeugen von einer unübertrefflichen, bewundernswerten Sprache: Einfachheit, ausserordentliche Bündigkeit, für Kinder leicht fasslicher Stil, ohne den geringsten Versuch, die Kindersprache nachzubilden. Der Artikel« Vom öffentlichen Unterricht», in dem die primitive Schule mit Schreiben und Lesen gepredigt wurde, erntete fast von der ganzen fortschrittlichen Presse in der Zeit von 1870-1880 vielen Tadel und erweckte dagegen in der reaktionären Presse ein sympathisches Echo. Aber selbst die Gegner Tolstois( z.B. Bunakov) erkarrten trotz ihrer Ablehnung seiner konkreten Schlussfolgerungen, dass dieser Artikel sie gezwungen hatte, die Bedürfnisse und Wünsche der Bauern eingehender zu studieren. Die Schlussfolgerungen sind zweifellos falsch, aber der Leit gedanke des Artikels weicht nicht davon ab, dass die Schule für die Bedürfnisse des Volkes eingerichtet sein muss, und dass das Volk selbst darüber zu verfügen hat. Vierte Periode Tolstoi hatte verstanden, dass er sich nicht mit dem Bauerntum verschmelzen konnte, und so zieht er sich während der letzten Periode in die Welt des inneren religiösen Suchens zurück. Leidenschaftlich, heftig kritisiert er die eingeführte Religion und schafft sich eine eigene Religion. Zu dieser Zeit sind seine pädagogischen Ausführungen reich an Aufrufen zur religiösen Erziehung. Während der vierten Periode gibt er eine ganze Reihe seiner Meinungen von 1860-1870 auf; anstatt kleine Schulen, lediglich mit Lese- und Rechenunterricht, zu preisen, spricht er von erweiterten Studien( Unterricht einer Anzahl von Fächern allgemein bildender Art). Tolstoi hat in der russischen Pädagogik eine sehr grosse historische Rolle gespielt: 1890-1900 und auch in den darauf folgenden Jahren, als das soziale Denken sich unter dem Einfluss des wirtschaftlichen Aufschwunges belebte, die Schule aber von einer schrecklichen Reaktion umkrampft wurde, war der Gedanke der freien Erziehung in weitem Masse volkstümlich geworden. Die Ideen Tolstois aus den Jahren 18601870, des Tolstoi, der fortan von dem Glorienschein eines grossen Schriftstellers und kämpfenden Gegners der Kirche und des Staates umgeben war, wurden zum Banner der fortschrittlichen Pädagogik. Was für uns den Wert des Pädagogen Tolstoi ausmacht, das ist die tiefe Liebe und die tiefe Achtung, die ihm das Kind einflösst, das ist seine Forderung einer schöpferischen Schule, das ist sein Feingefühl im Umgang mit den Kindern, sein Entdeckungsdrang und seine Begeisterung auf pädagogischem Gebiete. Er forderte, dass die Einrichtung der Schule auf der Erfahrung beruhen solle, und dass die Schule zu einem pädagogischen Laboratorium würde. Als erster hat er in seiner Schule von Yasnaia Poliana den Gedarken der Versuchsschule zur Ausführung gebracht. In seinen Beschreibungen der Schule Yasnaia Poliara( z.B. die Rückkehr der Kinder mit Tolstoi, quer durch den Wald, beim Hein weg aus der Schule), sowie in seinem Artikel« Wer soll schreiben lernen?> 26 DIE LEHRER- INTERNATIONALE hat er uns Muster an pädagogischer Poesie überliefert, deren Kenntnis für jeden Pädagogen unerlässlich ist, Muster von Freundschaftsbeziehungen zu den Kindern und bewundernswert tief eindringenden Beobachtungen an den schöpferischen Kräften des Kindes. Seine Kritik der glänzenden, auskristallisierten bürgerlichen Schule zielt nicht auf Einzelheiten ab, sondern auf das Fundament selbst, auf das Fundament des bürgerlichen Erziehungssystems. Durch die ihr innewohnende Kraft( in der letzten Periode) fällt vor allem die Kritik ins Auge, die er gegen den Religionsunterricht in den Schulen richtet. Die pädagogischen Ideen Tolstois sind also für jeden Erzieher von sehr grossem Werte. E. MEDINSKY. Die Volksschulen und die Pilsudski- Regierung Die Verschmelzung des Unterrichts- und Kultusministeriums kennzeichnet gut die Klerikalisierung des Unterrichtswesens, wie sie durch die Vormai- Regierungen( vor der « Revolution>>> von 1926) und durch die Nachmai- Regierung vollzogen wurde. Die Pilsudski- Regierung hat die Schule weiter durch das Rundschreiben vom 9. Dezember 1926 klerikalisiert, das von Bartel unterzeichnet war, dem damaligen Leiter des Unterrichts- und Kultusministeriums. Die Klerikalisierung Ein Paragraph des Artikels 112 der Verfassung lautet:« Man kann niemand dazu zwingen, an den religiösen Kundgebungen teilzunehmen, es sei denn, dass die Eltern oder der Vormund es wünschen». Ganz im Gegensatz zur Verfassung schreibt das Zirkular von Bartel den Lehrern aber vor, die Jugend zur Teilnahme an den<< religiösen Feiern, der Beichte und Kommunion, dreimal jährlich»>, zu zwingen. Charakteristisch ist dieses Rundschreiben auch im Hinblick auf die Unterdrückung der nicht katholischen Kinder, die gehalten werden, dem« gemeinsamen Gebet Anfang und zu Schluss der Schulstunden>> zu beizuwohnen. Durch das Rundschreiben wird der Ruhetag der Lehrer aufgehoben; denn es wird ihnen angeordnet, die Kinder zur Kirche zu begleiten, und zwar an allen << Sonn- und Festtagen und zu Beginn und Ende des Schuljahres». Hierdurch widerlegt das Rundschreiben schon im voraus den Artikel 36 der am lichen Lehrerdienstordnung vom 1. Juli 1928, nach welcher nur in« Sonderfällen» Sonntagsarbeit für den Lehrer in Frage kommt. Ausserdem sichert das Rundschreiben den mit der Schulaufsicht betrauten Geistlichen die höchste Gewalt zu. Es werden dadurch sogar im Budget für höhere Schulen << gewisse Beträge für religiöse Bedürfnisse>> vorgesehen. In Paragraph 9 heisst es ferner, dass« ein Teil des Gesangunterrichts mit Unterweisung in Kirchenliedern auszufüllen>> ist. Der Gesanglehrer hat sich mit dem<< beaufsichtigenden Geistlichen>> ins Benehmen zu setzen: haben wir es also nicht mit einem Gesetz für die Oberhoheit der Kirche über die Schule zu tun? Die Klassenpolitik Ein charakteristischer Zug der PilsudskiRegierung ist aber nicht nur die Verbreitung der Unwissenheit in der Schule mit Hilfe des Einflusses der Geistlichkeit, sondern auch die Versperrung des Zuganges zu den höheren Schulen für die Kinder des Proletariats." Im Prinzip gibt es in Polen eine siebenklassige Volksschule und ein Das Pensum achtklassiges Gymnasium. der 5., 6. und 7. Volksschulklasse sollte mit dem der 1., 2. und 3. Klasse des Gymnasiums übereinstimmen, da die Schüler dieser Klassen gleichaltrig sind: 12, 13 und 14 Jahre. Um jedoch den Kindern des Proletariats den Zugang zur höheren Schule zu unterbinden, ist das Pensum verschieden. Nach Abgang von der siebenten Volksschulklasse muss zur Aufnahme in der vierten Gymnasialklasse eine Prüfung abgelegt werden, die meistens nicht bestanden werden kann, weil« gewisse» Kenntnisse fehlen, die sich die Schüler der 1., 2. und 3. Gymnasialklasse aneignen konnten. Die Volksschüler müssen also zu der Aufnahmeprüfung besonders vorbereitet werden, aber ein Arbeiter kann keine Privatstunden bezahlen! Ein« fortschrittlicher» Teil der polnischen Bourgeoisie, der wohl weiss, dass das proletarische Kind dem Bürgerkinde gegenüber immer benachteiligt sein wird, forderte die Erhöhung der Anzahl der Volksschulen mit vollem Unterricht in 7 Klassen und die Aufhebung der 1., 2. DIE LEHRER- INTERNATIONALE und 3. Gymnasialklasse. Die Regierung Pilsudski veröffentlichte auch einen Gesetzentwurf, durch welchen in gewissem Masse den Wünschen dieses Teils der Bourgeoisie Rechnung getragen wurde. Entwurf blieb aber auf dem Papier stehen. Nur das Konkordat mit Rom wurde in Polen unverzüglich durchgebracht. Der Zu beachten ist, dass die Regierungsnovelle über die Organisation des Schulwesens nicht von dem Geist des Unterrichts spricht, sondern nur von der Struktur der Schule. Ebenso wenig wird das Problem der Lehrerbildung gelöst; denn die alten Lehrerseminare bleiben bestehen, und für die Zukunft wird nur die Reorganisation der pädagogischen Ausbildung vorgesehen. Hervorzuheben ist auch die Haltung der Pilsudski- Regierung und ihrer Vorgänger im Hinblick auf die Unterordnung der Schule unter die Staatsmacht.<< Die Verordnung des Präsidenten der Republik vom 19. Januar 1928 über die Einrichtung und die Zuständigkeit der allgemeinen Verwaltungsbehörden» unterstellt die Leitung der Schulen, die Schulaufsichtsbeamten und Kuratoren restlos den Starosten und Wojewoden. Schulbauten, die Hebung der Schulen auf eine höhere Stufe, die Erhöhung des Budgets, der ausserschulische Unterricht, das alles kann durch einen übelgesonnenen Starosten oder Wojewoden verhindert werden. Kraft dieses Gesetzes sind der Starost und der Wojewode ermächtigt,«< die allgemeine Aufsicht über die persönlichen Angelegenheiten der Staatsbeamten auszuüben». Bei Anstellung eines Beamten( Lehrer, Schulleiter)« muss das Gutachten des betreffenden Wojewoden eingeholt werden>>. So geschieht es oft, dass ein pädagogisch Geeigneter aus politischen Gründen nicht angestellt wird. Wer bereits einen Posten als Staatsbeamter ausfüllt, kann gemäss Artikel 18 des Gesetzes aus<< unpolitischen» Gründen entlassen werden. Versetzungen und Entlassungen sind unter diesen Umständen tägliche Erscheinungen. Ein Beweis dafür ist die Versetzung von zehn Lehrern während der Parlamentswahlen. Einige Zahlen Wie gestaltet sich nun für das Jahr 1928 der Haushaltsplan der Republik im allgemeinen und das Budget des Unterrichtsund Kultusministeriums im besonderen? Für die Armee ist eine Summe ausgeworfen, die über 30% mehr beträgt als 27 die allgemeinen Ausgaben( 744.965.787 Zloty- 1 Dollar 8,89 Zloty), während das Unterrichts- und Kultusbudget nur 15% davon ausmacht( 372.976.373 Zloty). Im Vergleich zum vergangenen Jahre wurde der Wehretat um 22% erhöht, das Unterrichts- und Kultusbudget jedoch nur um 13%. Nicht zu vergessen ist dabei, dass diese Erhöhung sich nicht auf die Massenschulen, die Volksschulen bezieht; denn die bewilligten 10.000.000 Zloty sind für die körperliche Ertüchtigung und die militärische Ausbildung bestimmt. Die militärische Ausbildung erfolgt aber in den höheren Schulen. Von dem für das Unterrichts- und Kultusministerium vorgesehenen Betrag sind ferner die hohen Summen abzuziehen, die ausgeworfen sind: 1.) für den Kult, 2.) für Körperkultur und militärische Ausbildung, 3.) als Deckung der an Beamte und Angestellte, die nicht im Schuldienst tätig sind, bewilligten Zulage für eventuelle Ausgaben durch den Unterricht ihrer Kinder in Privatschulen. Warum sind derartige Zulagen( z.B. für das Militär) in dem Budget des Unterrichts- und Kultusministeriums eingeschlossen? Weil der Wehretat so << niedrig» wie möglich aussehen soll. Das bescheidene Budget des Unterrichts- und Kultusministeriums wird andererseits zum Teil durch eigene Einnahmen gedeckt. Sie belaufen sich auf 6.474.000 Zloty; die Einnahmen des Kriegsministeriums mit seinem gewaltigen Budget betragen aber nur 3.776.000 Zloty. Und ausserdem finden wir in der Rubrik b) des Haushaltsplans:« Unternehmungen>> militärische Unternehmungen mit einem Debit saldo: die Waffenfabrik mit 14.000.000 Zloty, die staatliche Pulverfabrik mit 5.000.000 Zloty. Und zur gleichen Zeit mussten wir feststellen, dass im Jahre 1927-1928 626.400 Kinder die Volksschule nicht besuchten, trotz des Schulzwanges, und im kommenden Jahre werden 665.000 Kinder nicht zur Schule gehen, sofern nicht die Anzahl der Lehrkräfte und der Schulgebäude erhöht wird. 73 Lehrer für 670.000 Schüler! Der Minister Dobrucki sagte am 7. Mai d. J. im Parlament:« Unsere grösste Sorge erwächst uns aus dem Lehrermangel; denn die Lehrer verlassen die Schule, um zur Wirtschaft überzugehen»( Verschafft uns, bessere Lebensbedingungen!). Wir werden die gesetzgebende Behörde um Abhilfe für diese Lage bitten, aber für den Augenblick 28 DIE LEHRER- INTERNATIONALE legen wir ihr lediglich nahe, 73 weitere Lehrkräfte anzustellen>>. Für 664.925 Kinder 73 Lehrer! 9.108 Kinder pro Lehrer! Dagegen steigt die Zahl der Geistlichen die auch vom Staat unterhalten werden beträchtlich für das Schuljahr 1927-1928 haben wir 490 Geistliche mehr. - - Im Jahre 1927 hatten wir als Folge des Krieges die geringste Zahl von schulpflichtigen Kindern, aber die kommenden Jahre werden immer mehr Schüler zählen, bis die Zahl 6.071.193 im Jahre 1939-1940 erreicht wird. Gemäss dem Regierungsbericht müssten demnach jedes Jahr bis zum Jahre 1939-40 durchschnittlich 8.000 Lehrer ausgebildet werden. Es beträgt aber die Zahl der jährlich ausgebildeten Lehrkräfte im allgemeinen nur 4.500, wogegen 4.000 Lehrer den Schuldienst verlassen ( gemäss den Angaben des Ministers Dobrucki in seiner Parlament srede vom 7. Mai). 500 Lehrer verbleiben also jedes Jahr ausser den 73 für die neuzuschaffenden Stellen, von denen wir für das Jahr 1928-1929 bereits gesprochen haben! Die Schülerzahl wird sich, wie gesagt, 1940 auf 6.071.193 belaufen. Um alle diese Kinder in Schulen unterzubringen, müssten 91.365 neue Klassenzimmer vor 1940 und 70.023 Lehrerdienstwohnungen gebaut werden. Verteilt man die hierfür aufzuwendende Summe auf zwölf Jahre, dann sieht man, dass 314.614.000 Zloty jährlich gebraucht werden, während die Regierung gerade 5.000.000 Zloty vorgesehen hatte, welche Summe dann auf 20.000.000 Zloty erhöht wurde, dank der Intervention der Linken. Für Schulhygiene( die Tuberkulose greift weit um sich) wurden 147.000 Zloty für alle Schulen der grossen Republik bewilligt. Eine einfache Landkarte kostet 40 Zloty, man bewilligt jeder Schule aber nur 20 Zloty für Lehrmittel. Und nur das Staatsbudget ist zur Deckung der anzuschaffenden Lehrmittel zuständig. Die Regierung gegen die Lehrkräfte Die Regierung Pilsudski schikanierte die Lehrer zuerst mit dem sogenannten« praktischen» Examen( Verordnung des Präsidenten der Republik vom 6. März 1928). Jeder Lehrer, dem an seiner Stellung liegt, muss nach zwei Dienstjahren eine Befähigungsprüfung ablegen, in Ergänzung des Abgangszeugnisses vom Seminar. Anstatt die Lehrerbildung zu reformieren, überhäuft man die Lehrer mit Prüfunger, und die Aufwendungen für ihre Ausbildung können umso mehr herabgedrückt werden. « Die Regierung<< empfiehlt» den Lehrern auch,<< sich nicht in die politischen Kämpfe der Parteien zu verwickeln» unter Hinweis auf die Gefahr, mit den Eltern der Schüler in Meinungskonflikte zu geraten». Sagen wir besser, dass der Lehrer nicht das Recht hat, seine politische Meinung auszudrücken: « Eine Überschreitung dieser Bestimmung, lautet es in dem Rundschreiben Dobrucki, kann nicht geduldet werden und müsste bedauerliche Folgen nach sich ziehen>>. Und dabei heisst es in Artikel 104 der Verfassung deutlich, dass« jeder Bürger das Recht hat, seine Gedanken und seine Meinung frei auszudrücken, wenn er dadurch nicht gegen die gesetzlichen Vorschriften verstösst>>. Die meisten Lehrer verdienen 200 Zloty im Monat, was gerade ausreicht, um sich bescheiden zu nähren, eine Wohnung und Heizung zu haben. Woher soll man da das sonst noch fehlende Geld nehmen? Man verlangt von uns, dass wir die Kulturträger bis in die äussersten, dunklen Provinzen sind, aber haben wir die Mittel, um uns nur ein einziges Buch zu kaufen? Die Regierung hält mit der Gehaltserhöhung nicht Wort: der Volkstag hat die genannten Gehälter endgültig um 15% erhöht, ohne zu berücksichtigen, dass das Anfangsgehalt eines deutschen Lehrers 400 Zloty beträgt! Wir zahlen für unsere Wohnung 15 bis 40 Zloty, die Wohnungszulage beläuft sich aber nur auf 5,55 Zloty. Die Pilsudski- Regierung versichert, dass sie keinen« Kredit» habe, um unsere Gehälter zu erhöhen. Als es sich aber darum handelte, die Offiziere im Jahre 1926 aufzubessern, um das Heer für die Sache der Anstifter des« Staatsstreiches» zu gewinnen, da sprach man kaum von<< Kredit>>. als es sich darum handelte, die Geistlichkeit um 22,5% im vorigen März zu erhöhen, da sprach man ebenso wenig von« Kredit»>. Und Die verheirateten Lehrer sind oft genötigt, ihre Kinder in eine Privatschule zu schicken, weil es nur sehr wenige staatliche höhere Schulen gibt, und sie müssen bis zu 76 Zloty monatlich für die Erziehung der Kinder aufbringer. Die Regierung gewährt aber als Erziehungsbeihilfe nur 30 Zloty. Schliesslich ist im Rundschreiben des Ministers Dobrucki vom 20. November 1927 festgelegt, dass der Lehrer nur eine beschränkte Anzahl von Privatstunden geben darf, ohne von den Ämtern in privaten oder städtischen Einrichtungen zu sprecher. DIE LEHRER- INTERNATIONALE Noch einige Bemerkungen zur Politik der Regierung während der Volkstagswahlen im Monat März: um der Regierungsliste durch eine schamlose Propaganda den Sieg zu sichern, nahm man die Lehrer zwei Monate lang aus dem Schuldienst und zu gleicher Zeit versetzte man politisch tätige Lehrer, deren Meinung von der Liste 1 abwich. Aufzustellende Forderungen Wir müssen verlangen: 1.) Einen Bericht über die Abänderung. der Verfassung( Herbsttagung des Volkstags), die Streichung des Artikels 114 der Verfassung, d.h. die Verkündung der Trennung von Kirche und Staat( Aufhebung des Konkordats und des Religionsunterrichts in der Schule). 2.) Die Schulreform auf Grundlage einer siebenklassigen Volksschule und eines fünfklassigen Gymnasiums. 3.) Die Reform der Lehrerbildung durch Aufhebung der Seminare und Schaffung von Pädagogischen Akademien im Verlauf von zwei Jahren im Anschluss an die Universität. 4.) Ausbau des Berufsschulnetzes. 5.) Schaffung von Kindergärten( zuerst in den Industriezentren für das Proletariat). 6.) Bau der erforderlichen Anzahl von Volksschulgebäuden. 7.) Erhöhung der Lehrkräfte im Verhältnis zum Bedürfnis. 8.) Einführung des Esperanto- Unterrichts. 9.) Widerruf des klerikalen Rundschreibens Bartel vom 9. Dezember 1926. 10.) Widerruf des Rundschreibens Dobrucki vom 29. August 1927, durch das die Bürgerrechte der, Lehrer eingeschränkt werden. 11.) Aufhebung der Unterstellung der Schule unter die Verwaltungsbehörden. 12.) Gründung von Schulen für die nationalen Minderheiten, auf welche Frage wir noch zu sprechen kommen werden. 13.) Widerruf des Gesetzes Grabski vom 22. Dezember 1925, damit die Klassenfrequenz im ersten Jahre auf 60 statt 80 herabgesetzt werden kann, im zweiten Schuljahre auf 100 statt 120, und im dritten Schuljahre auf 150 statt 170. 14.) Gehaltserböhung um 35% unter Berücksichtigung der amtlichen Statistik. 15.) Zahlung einer Wohnungszulage, die den tatsächlichen Mieten entspricht. 16.) Zahlung einer Erziehungsbeihilfe für 29 29 die Kinder in Privatschulen in Übereinstimmung mit den tatsächlichen Kosten. 17.) Einhaltung des Artikels 119 der Verfassung, welcher lautet:« Der Unterricht in staatlichen und städtischen Schulen ist unentgeltlich»>. Im Gegensatz zur Verfassung fordert die Regierung Grabski von den Studenten so hohe Einschreibegebühren, dass die Armen sie nicht bezahlen können und auf das Studium verzichten müssen. 18.) Ein Gesetz für den ausserschulischen Unterricht der Erwachsenen, der in einem Lande mit 50% Analphabeten erforderlich ist. Die Mehrausgaben sind aus dem Grossgrundbesitz der Bourgeoisie zu decken. Dieses umfangreiche Gebiet werden wir übrigens noch besonders behandeln. Der Korrespondent der polnischen Gruppe der I. B. A. Der Schulhaushaltplan einer deutschen Grosstadt Haushaltpläne sind Spiegelbilder der Gesellschaft. Es gibt wohl keine bessere Möglichkeit, unbezweifelbar das Mass des Interesses festzustellen, das die kapitalistische Gesellschaftsordnung für Bildung und Erziehung des heranwachsenden Geschlechtes aufbringt, als die häufig nüchtern wirkenden, aber ungeheuer aufschlussreichen Zahlen solcher Pläne. Wir werden deshalb versuchen, den Schulhaushaltplan von Leipzig unter diesen Gesichtspunkten zu behandeln. Wir geben zuerst einen Überblick über die zur Beurteilung wichtigen Voraussetzungen. Leipzig hat nach den statistischen Monatsberichten der Stadt vom Mai 1928 eine Einwohnerzahl von 690.000, worauf insgesamt 99.582 Schüler entfallen, die in ca. 99 Gebäuden untergebracht sind und von 2.974 Lehrkräften bei 3.483 Klassen betreut werden. Eine genaue Verteilung der Schüler nach Schulkategorien ergibt folgendes Bild: a) Volksschulen: 56.362 Schüler in 1.851 Klassen. b) Berufsschulen 24.791 Schüler in 906 Klassen. 30 DIE LEHRER- INTERNATIONALE c) Höhere Berufsschulen: 7.081 Schüler in 341 Klassen. d) Höhere Schulen: 11.348 Schüler in 385 Klassen. Der Klassendurchschnitt ist hiernach: bei Volksschulen 30,4, bei Berufsschulen 27,3, bei höheren Berufsschulen 20,7, bei höheren Schulen 29,7. Alle Kinder besuchen vom 6. Lebensjahr ab die Volksschule 8 Jahre lang, alsdann 3 Jahre die Berufsschule. Damit ist die Schulpflicht erfüllt. Soll ein Kind jedoch mit einer höheren Bildung ausgestattet werden, so besucht es nach den ersten vier Jahren der Volksschule die höhere Schule, entweder eine sechsstufige oder, wenn sich Hochschulstudium anschliessen soll, eine neunstufige höhere Lehranstalt mit wissenschaftlichem Charakter. Anstelle der allgemeinen Berufsschule mit durchschnittlich 10 Wochenstunden, kann man nach 8 Volksschuljahren eine höhere Berufsschule besuchen, also einen Lehrgang mit technischem Charakter haben. Als Erweiterung der Volksschule ist ein 9. und 10. Schuljahr eingerichtet. Anstelle des dreijährigen Besuchs der allgemeinen Berufsschule kann der Besuch einer sogenannten Vollklasse treten mit vollem Wochenunterricht im ersten und 12 Stunden in 10 Monaten des zweiten Jahres. Solche Klassen bestehen jedoch nur in beschränkter Anzahl, für das 9. und 10. Volksschuljahr nur sechs. Wie steht es nun mit dem Besuch der einzelnen Schultypen? Die Volksschulen besuchen die Kinder des Proletariats, weil hier kein Schulgeld erhoben wird und teilweise Lernmittelfreiheit besteht. Die Ebenso bei den Berufsschulen. höheren Schulen sind ausgesprochene Standesschulen. Sie werden von nicht mehr als 10% aus proletarischen Schichten besucht, da die 120 Mark jährliches Schulgeld und die erhöhten Ausgaben für Lernmittel nicht aufgebracht werden können. Erziehungsbeihilfen sind an die Zensur 2b gebunden, d.h. nur solche Schüler erhalten sie, die bessere Zensuren als 2b haben, während die Kinder der Besitzenden die höhere Schule auch besuchen können, wenn sie schlechtere haben( das sind bei allen höheren Schulen 45,5%). Erziehungsbeihilfen, Lernmittelfreiheit erhalten an allen höheren Schulen auf 18.000 Schüler nur 1.686. 002 Zahlen und Vergleiche Der gesamte Haushaltplan bilanziert mit 202.874.200 Mark Einnahmen und ebenso hohen Ausgaben. Für die Schulen belaufen sich die Einnahmen auf 4.691.900 Mark und die Ausgaben auf 16.942.300 Mark, sodass ein Zuschuss von 12.250.400 Mark zu leisten ist, ohne die Besoldung zu berücksichtigen, die zu Zweidrittel vom Staat getragen wird. Die Ausgaben für Schulen stellen also 1/12 oder 8,3% der Gesamtausgaben dar. Der Prozentsatz sollte mindestens 25% sein, wie einmal der Oberbürgermeister von Berlin, Böss, als Schulanteil an den Gesamtausgaben für erforderlich gehalten hat. Für ganz Deutschland ist der Finanzbedarf an Volks- und Fortbildungsschulen seit 1913-1914 von 10,7 auf 8,8% gefallen. Andererseits beträgt der Finanzbedarf der Wehrmacht, Polizei und Kriegslasten 30,8% im Rechnungsjahr 1925-1926, in dem für Bildungswesen auch nur 8,8% aufgewandt wurden. Während die Steigerung des gesamten Zuschussbedarfs von 1913-1914 bis 19251926 in Reich, Ländern und Gemeinden 114,99% beträgt, stellt sie sich beim Bildungswesen nur auf 85,14%. Kehren wir zu Leipzig zurück zu den Gesamtausgaben für Schulen hat Leipzig einen Zuschuss von 17.250.000 Mark zu leisten. Das ist ein Anteil von 28% am Gesamt zuschuss von 61.395.000 Mark. Im Jahre 1913-1914 war jedoch der Anteil des Zuschusses für Schulen am Gesamtzuschuss 32,1%, sodass Leipzig im Verhältnis zur Gesamt steigerung des Zuschussbedarfes um 4,1% im Rückstand ist. Das Schulwesen ist also im Vergleich mit den übrigen Verwaltungszweigen zurückgeblieben. Im Durchschnitt aller Gemeinden fiel der Zuschussbedarf für Volks- und Fortbildungswesen im Verhältnis zum Gesamtzuschussbedarf in der Zeit von 1913-1914 bis 1925-1926 von 25,1 auf 13,3%. In Leipzig fiel er auf 16,6%, Besoldungsanteil einbegriffen. Bei den höheren Schulen fiel er im allgemeinen von 7% auf 5,7%, in Leipzig jedoch stieg er auf 12%. Bei Volksschulen haben wir also ein Fallen von 8,5%, bei höheren Schulen ein Steigen von 5%. In ganz Sachsen wendet man für den einzelnen Volksschüler 90 Mark auf, den Schüler der höheren Lehranstalten 435 M. Die entsprechenden Ziffern für Leipzig sind 140,49 Mark und 469,20 Mark, Besoldungsanteil eingerechnet. tle DIE LEHRER- INTERNATIONALE 31 Vergleichen wir die Aufwendungen für jeden Schüler im einzelnen: Volks- Höhere schulen Schulen Unterhaltung der Schulgrundstücke 5,00 6,20 Instandsetzung der Einrichtung 0,84 1,43 Lehrmittel und Lehrerbüchereien 1,10 5,20 Schülerbüchereien 0,50 2,00 Marsch- und Wandertage 0,41 0,90 Ausbesserung und Erneuerung der Haus- und Schulgeräte Ankauf von Lehrmitteln 1,35 5,50 0,54 3,40 Zieht man in Betracht, dass das Steueraufkommen nach dem Steuerausweis 1926 zu 22,8% nur von den Besitzenden aufgebracht wird, so sieht man umso deutlicher, dass die Klasse der Besitzlosen von den Besitzenden gezwungen wird, deren Schulen und damit die Ausbildungsstätten der eigenen Bedrücker zu tragen. Und dennoch hat die Leipziger Stadtverordnung eine Arbeitermehrheit! Forderungen der Proletarischen Elternräte 1.) Beschleunigung der Schulbauten und Modernisierung derselben, um den Charakter von Schulkasernen zu vermeiden. 2.) Instandsetzung aller Schulgebäude ( Sauberkeit, Beleuchtung, Heizung, Waschund Trinkgelegenheiten, Brausebäder u.s.w.) 3.) Ausbau und Umstellung der Schulspeisung nach den Forderungen moderner Ernährungsweise Umfrage nach den sozialen und gesundheitlichen Verhältnissen der Schulkinder Ausbau des Schularztsystems für Volksschulen, Kindergärten, Kindertagesheime und Kinderhorte Einrichtung von Waldschulheimen für je fünf Schulen u.s.w., u.s. W... 4.) Beschleunigung aller Schuleinrichtungen, die im Sinne der Arbeitsschule liegen. 5.) Ausbau der sonstigen Schuleinrichtungen, wie Sonderunterricht der zurückgebliebenen Kinder. 6.) Kampf für die Einheitsschule mit der Möglichkeit des Aufstieges aller Befähigten vom Kindergarten bis zur Hochschule bei materieller Sicherstellung der Kinder; Abbau aller Privatschulen; Aufstockung eines 9. und 10. Schuljahres auf die achtjährige Volksschule, unter gleichzeitigem Abbau der drei unteren Klassen der Mittelschulen und übriger zur« mittleren Reife>> führender Lehranstalten und unter Umgestaltung der sechsstufigen Mittelschulen zu Volksoberschulen und der sechs oberen Klassen der neunstufigen Lehranstalten zu Aufbauschulen; Komplexmethode; Fortfall jedes Religionsunterrichts; Heranziehung der Kinder und Jugend und ihrer Organisationen zur Schulverwaltung und Schulleitung. Diese Forderungen sind der Niederschlag der sowohl von der Lehrerschaft als auch von der Elternschaft geäusserten Wünsche. Rudolf HARTIG. ( Leipzig). Was denkt Dewey von den pädagogischen Anstrengungen in der U. S. S. R.? Prof. Dewey, der Leiter der Delegation amerikanischer Erzieher, welche kürzlich die Sowjetunion besuchte, erklärte bei einer Unterredung:« Es ist meine interessanteste Reise gewesen... Wir sind über die Arbeit Ihrer Erzieher erstaunt... Ohne Zweifel sind noch einige Verbesserungen angebracht, doch ist das Fundament für die Volkserziehung in Wahrheit gelegt worden... Die weiteren Erfolge hängen ausschliesslich von der Zeit und den zur Verfügung stehenden Mitteln ab». Dewey empfahl weiter das sowjetistische System der Selbstverwaltung als bestes unter allen von ihm bisher studierten. Er lobte gleichfalls die von den Sowjetgelehrten vollbrachte pädagogische Forschungsarbeit und die Auswertung der Ergebnisse dieser Forschungen. BUECHERSCHAU Der kommende Giftgaskrieg, und ihrer in rasendem Tempo fortschreitenvon Dr. Gertrud Woker Frau Dr. Woker, Vorstand des chemikalisch- biologischen Laboratoriums der Uniden Technik zu machen und die Jugend darüber zu unterrichten. Das Buch ist im Verlage von Ernst Oldenburg, Leipzig, erschienen. Preis 3.50 Mark. versität zu Bern, bearbeitet die Frage des« Ein englischer Lehrer in der Gift gases und seine Wirkungen seit dem Momente, wo die Zivilisation der Menschheit diese Waffe in die Hand gab. Dank ihrer Stellung hatte sie die beste Gelegenheit, die Probleme des Gaskrieges zu studieren, und aus ihrem Buche geht hervor, dass sie diese Gelegenheit auch gut ausnutzte. Sie blieb aber nicht beim Studieren stehen. Als Wissenschaftler und als Mensch ( und zwar mit Feingefühl und Begabung) nahm sie bald Stellung zum Problem. vertrat den Standpunkt der entschiedenen Ablehnung. Sie lehnte nicht nur die Waffe als solche ab, sondern auch die Gesellschaftsordnung, die sich solcher Mittel zur Lösung ihrer inneren Konflikte bedient. Sie Dr. Gertrud Woker fasste in dem Buche Der kommende Giftgaskrieg ihre persönlichen Erlebnisse und Feststellungen während des jahrelangen Studiums zusammen. Das Buch gibt sehr wertvolles Material und ist wie eine weit hallende Warnung. Und nicht sie allein erhebt die warnende Stimme. Das Problem des kommenden Gift gaskrieges ist eine der aktuellsten Fragen geworden und wird von verschiedenster Seite erörtert, von Fachleuten, Pazifisten, Politikern und auch von Dichtern und Schriftstellern. Das Buch von Dr. Gertrud Woker gehört aber zu den besten Werken dieser Richtung. Sie beleuchtet den Fragenkomplex des Giftgaskrieges vom chemisch- biologischen Standpunkt in sehr gründlicher Weise, und zwar sowohl als Soziolog mit weitem Blickfeld, als auch als Schriftsteller mit packenden, lebendigen Worten. Wäre es nicht eine zu grausame Lektüre, so könnte man in der Schule einzelne Seiten der Beschreibung der Gift gaswirkung als Lesestück verwenden. Für den Lehrer selbst jedoch ist es unerlässlich, dieses Werk zu kennen, um sich eine wahre Vorstellung von der heutigen bürgerlichen Zivilisation Sowjetunion>> von Hawkins In der Septembernummer unseres englischen Bulletins veröffentlichten wir einen Artikel von Hawkins, in dem er seine Erinnerungen an Russland niederlegt. Im Sommer 1926 weilte Hawkins in der U.S.S.R und in diesem Jahre wiederum sechs Monate. In zwei Sätzen kann man seine Gedanken zusammenfassen:« Ich hatte einen überwältigenden Eindruck von der Lebenskraft und Organisation, von der Macht und Wirksamkeit des russischen Schulsystems und der Einheitlichkeit seiner Ziele und Bestrebungen. Ein Vergleich mit England führt notgedrungen zu falschen Schlüssen; denn unanwendbar sind die bürgerlichen Wendungen, die bürgerlichen Definitionen und die bürgerliche Wertskala.» Der Verfasser geht ein auf die wissenschaftlichen Methoden der Pädagogik; Schutz von Mutter und Kind; Begeisterung und führende Rolle der Erzieher; Selbstorganisation; die enge und dauernde Verbindung zwischen der Unterrichtsanstalt und dem natürlichen, sozialen, arbeitenden Milieu; ästhetische Erziehung; Unterricht der Erwachsenen; die pädagogische Aufgabe der Roten Armee, der Presse, des Theaters, Kinos, Radios, Sports usw... Hawkins schliesst:« Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion, die letztere mit ihrem Kollektivismus und Kommunismus und die erstere mit ihrem Kapitalismus und Individualismus, marschieren an der Spitze der feindlichen pädagogischen Kräfte in der Welt. Für die Arbeiter drückt sich damit nur ideologisch der Klassenkampf aus, in dem sich alle Arbeiter gegen ihren gemeinsamen Ausbeuter vereinigen müssen.» Le Gérant: L. VERNOCHET IMP. UNION, 13, RUE MÉCHAIN, PARIS Wie ist in der SOWJETUNION und in den KAPITALISTISCHEN LAENDERN die materielle, moralische und rechtliche Lage des PROLETARISCHEN KINDES Was soll unser ZIEL DER ERZIEHUNG sein Wie ist über die kapitalistische und sowjetistische SCHULORGANISATION zu denken Welcher Ansicht soll man über die LEHRPLAENE und LEHRMETHODEN sein Und wie hat die DISZIPLIN UNTER DEN SCHUELERN auszusehen EINE ANTWORT AUF ALLE DIESE FRAGEN FINDEN SIE IN DER BROSCHUERE PROLETARISCHE PAEDAGOGIK Thesen, Berichte und Diskussion der LEIPZIGER PAEDAGOGISCHEN TAGUNG Ostern 1928, veröffentlicht von der I. B. A., Paris Bestellen Sie gleichzeitig: PROGRAMMES OFFICIELS de l'Enseignement dans la République des Soviets. Fr. 3 PISTRAK: Les Problèmes fondamentaux de l'École du Travail. Fr. 5 FA DGB- BV Bücherei A/ K P 3131 6 6. Jahrgang NOVEMBER 1928 Nr. 2 DIE LENBER INTERNATIONALE J.JOAIS.96 OFFIZIELLES ORGAN BER INTERNATIONALE DER BILDUNGSARBEITER Zehnter Jahrestag- Das Martyrium der Minderheitsschule INHALT Aus dem Leben der Internationale Nach zehn Jahren. Auf! gegen den wieder drohenden imperialistischen Krieg von G. Cogniot. . Pädagogische Ostern, pazifistisch... und gewerkschaftlich( Schluss): Von Wien nach Rennes über La Roche- sur- Foron, von L. Vernochet. Schule und Unterricht in der ganzen Welt Die Sprachenfrage im Unterricht als soziales und pädagogisches Problem, vom pädagogischen Sekretär. Dämmerung im Elsass, von Kämpfer. Die Sprachenfrage in Belgien, von A. Peters. • Die Bildungsarbeiter in der ganzen Welt Die Fragen der Schulpolitik und der Lehrerbewegung seit dem Wiener Kongress( 1926), Bericht des Gen. M. Apletin, gehalten auf dem Leipziger Kongress( 1928).( Fortsetzung).. 2 18 20 26 28 6. Jahrgang NOVEMBER 1928 Nr. 2 DIE INTERNATIONALE DER BILDUNGSARBEITER 8, AVENUE MATHURIN- MOREAU- PARIS( XIXe) Vor zehn Jahren trug die bürgerliche Republik in Deutschland den Sieg davon. Heute bereitet der triumphierende Imperialismus den neuen Krieg vor. 1 91 9 6 11 00 8 28 DGB Archiv Exemplar Bundes Stand AIKP 313 DEM DER LEBEN RNATI ONALE AUS NIE NACH ZEHN JAHREN 1926 Auf! gegen den wieder drohenden imperialistischen Krieg! Der erste imperialistische Krieg in Reparationen; 850 Milliarden Defizit in Zahlen Zehn Jahre sind verflossen seit dem Waffenstillstand an der Westfront des imperialistischen Krieges, der Hauptfront. Zehn Jahre sind verflossen seit dem 11. November 1918, als die Arbeiter der ganzen kapitalistischen Welt, durch feierliche Versprechen genarrt, voller Freude aufjubelten bei dem Gedanken, dass das Ende des « grossen Krieges» den Anfang einer endgültigen Friedenszeit bedeute. Die Arbeiter kehrten in die Fabrik zurück, die Bauern zum Pflug, die Lehrer in die Schule. Entwaffnet! Vor vier Jahren waren sie hinausgezogen; die aus Mitteleuropa zur Verteidigung der Zivilisation gegen den zaristischen Absolutismus, und die aus Westeuropa zur Verteidigung der Kultur gegen den preussischen Militarismus. So lauteten wenigstens die schönen betrügerischen Losungen. Seit dem Tage, an dem sie zurückkehrten, konnten sie aber nur eine Bilanz des materiellen Ruins und des intellektuellen, moralischen und sozialen Rückschritts ziehen. Heute, am 10. Jahrestage des Friedens, ist man jedoch noch dabei, von der Einberufung internationaler Konferenzen zu sprechen zwecks endlicher Ausarbeitung eines Liquidationsentwurfs für das dem Kriege folgende interimperialistische Feilschen. Aber die solidarischen Völker wissen recht gut, was sie der Krieg gekostet hat: 575 Milliarden Goldmark für unmittelbare Kriegskosten; 70 Milliarden für die verwüsteten Gebiete; 25 Milliarden als verschleuderte der Produktion, unter Ausschluss der Sowjetunion; 17 Milliarden endlich als Schuld an die Vereinigten Staaten; das macht insgesamt 1.537 Milliarden Goldmark, und noch ungerechnet der Pensionskosten für die Invaliden, und nur ausschliesslich für Europa! Obige Zahlen errechnete der berühmte Statistiker Wladimir Woytinski. Er verzichtete darauf, den durch Verlust von Menschenleben entstandenen Schaden geldlich zu erfassen. Er nennt uns aber das Endergebnis: 10 Millionen Tote; 20 Millionen Verwundete, worauf im Jahre 1923 nach Schätzung der deutschen Regierung ungefähr 7 Millionen pensionierte Invaliden entfallen: 7 Millionen Schwerverwundete, die für immer und ewig in ihren Fleische die frischen Spuren des Krieges tragen. Das Problem des Warenmarktes im Jahre 1928 Umsonst all diese Opfer, umsonst all diese Leiden! Wir erinnern an die betreffende Stelle in dem Aufruf, den die Exekutive unserer Internationale vor einigen Monaten an die proletarischen ehemaligen Frontkämpfer sandte:« Durch den imperialistischen Krieg von 1914 ist es weder gelungen, die Wirtschaftsprobleme zu lösen, die die Weltkrise erzeugten, noch die neuen Widersprüche auszuschalten, die zum Teil sogar als Folge der Friedensregelung auftauchten». 1926 hatte das kapitalistische Europa ungefähr das Niveau der Vorkriegsproduk DIE LEHRER- INTERNATIONALE tion erreicht: 1927 verbuchte es eine Erhöhung um 5%. Seit 1927 besteht das Problem des Warenmarktes genau so wie 1914. Viele Veränderungen sind eingetreten: der Krieg von 1914 brach im wesentlichen aus im Hinblick auf eine neue Teilung der Warenmärkte und eine Regelung der Beherrschung der Seewege zwischen dem deutschen und englischen Imperialismus. 1928, wo das kapitalistische Europa dieselbe Produktionsstufe erreicht hat, befindet sich in einer Weltlage, die in wirtschaftlicher und politischer Beziehung von der Lage im Jahre 1914 grundverschieden ist. es 1914 waren die Vereinigten Staaten das Ueberseeland, das die meisten Menschen, Waren und Kapitalien aus Europa absorbierte. Heute weisen die Vereinigten Staaten infolge ihrer schnellen industriellen Entwicklung die Einwanderer aus Agrareuropa ab und schalten so viel wie möglich die Manufakturwaren des industriellen Europa aus( Fordney- Tarif). Weiter sind sie sogar die Weltbankiers geworden und gefährliche Warenexporteure. Als letztere gewinnen sie immer festeren Boden unter ihrem Druck sind die Aufträge an die englische Industrie um 160 Millionen Dollar gegenüber 1913 zurückgegangen, und zwar trotz der technischen Vervollkommnung der englischen Industrie während Krieges; im gleichen Zeitraum verliert Kontinentaleuropa 288 Millionen Dollar. Bisher konnte es dank seiner Geldentwertung Auslandslieferungen leisten, die unter den tatsächlichen Gestehungskosten lagen. Aber heute haben wir in allen kontinentalen Staaten die Stabilisation; die Preise haben die Tendenz, sich den Weltmarktpreisen anzupassen; die Exportprämie kommt in Fortfall. des Die verhängnisvolle Folge davon ist ein Mangel an Kapital, Arbeitslosigkeit; Beschränkung der Lebensmitteleinfuhr, Teuerung; Rationalisierung zwecks Verbilligung der Erzeugnisse, da der Warenabsatz durch die Konkurrenz immer mehr beschnitten wird. Nicht nur die Vereinigten Staaten, auch Kanada, Südafrika und Australien bauen ihre Industrie aus und schliessen ihren Markt. In den kolonialen und halbkolonialen Ländern lodert oder grollt der Aufstand. Diese Feststellungen machte ein Fachmann, Delaisi, auf dem 26. internationalen Friedenskongress, der Ende Juni in Warschau stattfand. Delaisi setzte viel genauer die Ursachen für die Krise auseinander als die Möglichkeiten einer Lösung. Er kommt 3 vor lediglich zum Schluss, dass das industrielle Europa seine Produkte im Agrareuropa absetzen muss, d.h. in Irland, Portugal, Süditalien, den Balkanländern und allem in der Sowjetunion. Da haben wir des Pudels Kern! Leider bricht der Redner kurz aber beschränkt sich darauf, die Finanzierung Agrareuropas durch die Vereinigten Staaten vorzuschlagen, sowie die Organisation der « Europäischen Wirtschaftsunion im Rahmen des Völkerbundes»>, was vor allem eine Atmosphäre der Ruhe und des Friedens voraussetzt, weil die amerikanischen Kredite immer eine Vertrauensfrage sein werden. Die bedrohte Sowjetunion Das heisst mit anderen Worten, dass die Sowjetunion sich« friedlich»>,<< pazifistisch»> in die wirtschaftliche, rechtliche und soziale Ordnung des kapitalistischen Europa wieder aufnehmen lässt, und die Fachleute bürgen dafür, dass die Vereinigten Staaten einen Bruchteil von ihrem Gold verleihen, mit dem sie nichts anzufangen wissen. Also Frieden in Sklaverei für ein Almosen! Der« Weltfriedenskongress»>> tagte in der Hauptstadt eines Staates und unter dem Schutz einer Regierung, wo das Budget 1928-29 um mehr als 30% für militärische Ausgaben gegenüber dem Vorjahre erhöht wurde, wo ein dauernder Konflikt mit dem Nachbarlande, Litauen, geschürt wird, wo die Drohungen und diplomatischen Spannungen zur Sowjetunion ein Dauerzustand sind. Zweck des Kongresses war ganz einfach, den« pazifistischen» Nimbus des polnischen Faschismus ein wenig zu heben. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Kongressteilnehmer nur in versteckter Redeweise von der Wiederaufnahme der Sowjetunion in die kapitalistische Ordnung sprechen konnten. Zum Unglück für die Pazifisten à la Pilsudski und die Oekonomisten der Wallstreet schreitet die Organisation der unabhängigen sozialistischen Wirtschaftsweise in der Sowjetunion stetig vor( Investierung von 3.126 Millionen Rubel für das kommende Wirtschaftsjahr, d.h. 26% Erhöhung gegenüber dem Vorjahre). Anschauungsunterricht, schlagender Beweis, Ermutigung aller Proletariate zum Sozialismus! Sicherer Untergang für alle kapitalistischen Staaten, ihr Todfeind! Verständlich ist unter diesen Umständen, dass die kapitalistischen Staaten mit England an der Spitze durch Pressekampagnen, Bruch der diplomatischen Beziehun 4 DIE LEHRER- INTERNATIONALE gen( Arcos- Angelegenheit im Mai 1926), wiederholte Attentate usw. dauernd versucht haben, den Krieg gegen die U. S. S. R. vom Stabe zu brechen. Mit Hilfe Poincarés hat Chamberlain zuerst erfolgreich Polen und Rumänien in ein gespanntes Verhältnis zur benachbarten Arbeiter- und Bauernrepublik gebracht, und jetzt macht die englische und französische Diplomatie die grössten Anstrengungen, um Rumänien, Jugoslavien, Bulgarien, Griechenland und die Türkei zu einer Einheitsfront zusammenzuschliessen, die wiederum gegen die Sowjetunion gerichtet ist man erinnere sich bloss an die englisch- französischen Schritte in Sofia zugunsten der Annäherung an Belgrad, sowie an die zahlreichen Balkanabkommen, die Venizelos, der Agent der imperialistischen Grossstaaten, schloss. Das anglo- amerikanische Duell. Das gemeinsame Interesse der imperialistischen Staaten am Untergange der Sowjetunion drängt ihre eigenen Konflikte in den Hintergrund, ohne sie aber abzuschwächen. Bei dem gegenwärtigen Stand der kapitalistischen Wirtschaftsweise tragen die unlöslichen Widersprüche der imperialistischen Staaten dazu bei, dass sich die« friedlichen Konkurrenten» wiederum in bis zu den Zähnen bewaffnete Gegner verwandeln. Der imperialistische Krieg von 1914-1918 konnte nur durchgehalten werden, weil die Regierungen wiederholt und feierlich versprachen, die Geheimdiplomatie zu unterdrücken. Aber die Völkerfresser haben wissentlich gelogen; die Geheimdiplomatie hat sich als wesentlicher Bestandteil der kapitalistischen Ordnung erwiesen. Von neuem messen sich in Europa die Mächtegruppen die franco- slavische mit Franreich und Belgien einerseits und der kleinen Entente andererseits( Polen, Tschechoslowakei, Rumänien, Jugoslavien); die Gruppe der faschistischen Staaten( Italien, Spanien, Ungarn, Albanien, Bulgarien); die alldeutsche Gruppe( Anschluss Oesterreichs an Deutschland) usw... Ausserhalb Europas laufen alle Widersprüche in dem Todesduell des englischen und Yankee- Imperialismus zusammen. Der offene Krieg zwischen den beiden Rivalen drückt sich klar und deutlich in ihrem erbitterten Wirtschaftskampf aus: in Südamerika drängt der amerikanische Imperialismus immer mehr den englischen Einfluss zurück; der Kampf um die Petroleumherrschaft führt bis Asien; das Baumwollschlachtfeld erstreckt sich bis nach Abessinien; auch um die Wirtschaftskontrolle Chinas streiten sich die beiden Mächte. Der zweite imperialistische Krieg wird zwischen dem englischen und amerikanischen Kapitalismus ausgetragen werden. Das Zuspitzen dieser Krise, d.h. der normale Gang der kapitalistischen Ordnung, würde sich in einem noch schnelleren Tempo abspielen, wenn nicht daneben, im Gegensatz zum Kapitalismus, auf einem Sechstel der Erde, ein Fremdkörper vorhanden wäre, ein Störungsfaktor, ein mächtiger Keim, aus dem der Feind hervorgehen soll, die neue sozialistische Gesellschaft sordnung, - ihrerseits die normale Folge der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die ihren eigenen Totengräber produziert». Die mit Blut befleckten Kolonien. weiter Zu gleicher Zeit muss der Imperialismus dem Aufstand der unterdrückt en Völker entgegentreten. In Rom In Rom verweigerten die Sklaven besit zer den aufrührerischen Sklaven, sie als Feinde zu betrachten, und genau so versucht der Imperialismus, die Meinung zu verbreiten, dass Kolonialkriege keine wirklichen Kriege sind. In Wahrheit übertreffen diese Konflikte bereits die grössten Kämpfe in der Geschichte an Ausdehnung. Hunderte von Millionen erheben sich: in Marokko, wo der« Frieden» ungewiss ist, obgleich gegen Abd- el- Krim ein längerer Feldzug geführt wurde, der über eine Milliarde und 6.000 Soldaten auf insgesamt 40.000 kostete, und zwar in der kurzen Zeitspanne vom 19. April bis zum 24 Juli 1925; in Syrien, wo auf die Beschiessung der offenen Stadt Damaskus der Terror folgte; in Aegypten; in Britisch-, Französisch- und NiederländischIndien; in China, wo die militärische Intervention gegen die Revolution seit 4 Jahren ganz unverhohlen erfolgt. Gegen die halbkolonisierten Völker richtet der Kapitalismus verdoppelt seine Zwangs- und Unterdrückungspolitik Wallstreet erdrückt Südamerika unter der Last von faschistischen Tyrannen, seinen Lakaien; dieselben Petroleumkönige unterjochen Mexiko und Nicaragua; Ende 1927 zwangen sie die Republik Panama zu einem Abkommen, wo in Artikel 11 festgelegt ist, dass die Republik ihre gesamte Wehrmacht und alle Transportmittel den Vereinigten Staaten zur Verfügung stellen muss, sobald diese Krieg führen; derselbe Imperialismus sandte auch zu den Philippinen eine DIE LEHRER- INTERNATIONALE Kommission, um zu untersuchen, ob die Inseln geneigt sind, in vollständiger Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten in wirtschaftlicher, politischer und strategischer Beziehung zu verbleiben, in welchem Falle man die Frage ihrer« Unabhängigkeit» prüfen würde. Kanonen und Munition! Fieberhaft sind die diplomatischen Intrigen, und fieberhaft wird das Wettrüsten getrieben. Die Mächte der alten Entente ( Grossbritannien, Frankreich, Belgien, Italien, Rumänien, Serbi n, Griechenland), die 1913 insgesamt 1.438.000 Mann unter Waffen hatten, haben heute ein Heer von 1.617.700 Soldaten. Die neuen Staatengebilde( in militärischer Reihenfolge: Polen, Tschechoslowakei, Finnland, Littauen Lettland, Estland) haben Armeen geschaffen, deren Gesamtstärke 511.900 Mann beträgt. Selbst die früheren neutralen Länder, die notgedrungen in den zweiten imperialistischen Krieg hineingezogen würden, haben ihre Streitkräfte von 246.000 auf 421.000 Mann erhöhen müssen, und Spanien im besonderen hat sein Heer fast verdreifacht; nur Schweden und Dänemark reduzierten die Wehrmacht. Deutschland und Bulgarien sind gezwungen worden, die Armee bedeutend herabzusetzen; ersteres von 791.000 Mann auf 117.300, letzteres von 60.000 auf 20.000. Aber die so zusammengeschmolzenen Heere haben noch einen ansehnlichen militärischen Wert, da sie zu Stammtruppen wurden und verbesserte technische Mittel erhalten. Die Erhöhung der militärischen Ausgaben pro Kopf Bewohner wird besonders fühlbar bei den jungen imperialistischen Staaten in Uebersee: Japan wandte in Mark 7,2 im Jahre 1913 auf und 12,5 im Jahre 1927; die Vereinigten Staaten kommen von 10,3 auf 24,8. Und von besonderer Bedeutung ist dieses Anwachsen des Militarismus in Amerika. Untersuchen wir, welchen Prozentsatz die Ausgaben für die Liquidation des ersten imperialistischen Krieges und für die Vorbereitung des zweiten im Verhältnis zum Gesamt budget ausmachen. Dieser Prozentsatz beträgt in England 66,3; in den Vereinigten Staaten 64; in Deutschland 63,8; in Frankreich 52,6; in Belgien 51; in Italien 46,4. Für die vier europäischen Staaten der alten Entente ergibt sich im Durchschnitt 58% sechs Zehntel des Budgels entfallen auf den Krieg! Wieviel kann : 5 da für kulturelle und soziale Zwecke übrig bleiben? In Bulgarien ist der Prozent satz für die rein militärischen Aufwendungen noch viel höher. In Ausserachtlassung der Unterhaltungskosten für die 30.000 Wrangelianer und der Unterstützung an« Sportvereine» und Offiziersvereinigungen beträgt das Budget für Wehrmacht und Polizei 3.633 Millionen Lewa, das sind 57% des Gesamt budgets, wogegen nur 610 Millionen Lewa für das öffentliche Unterrichtswesen aufgebracht werden. Von Jahr zu Jahr steigen die militärischen Ausgaben. In Deutschland erhöhen sie sich von 450 Millionen Mark im Jahre 1924 auf 750 Millionen im Jahre 1927. Der polnische Wehretat, der ein Drittel des Gesamtbudgets ausmacht, erhöhte sich um 150 Millionen Zloty gegenüber dem Vorjahre. In der Tschechoslowakei stieg der Prozentsatz des Wehretats im Verhältnis zum Gesamt budget von 11,13 im Jahre 1923 auf 17,98 im Jahre 1928. Belgien hat einen sofortigen Kostenaufwand von 600 Millionen für Befestigungen, industrielle Mobilisation und Stärkung der Armee vorgesehen. Der totale Krieg. Und dennoch wird der neue Stand der Kriegsgefahr schlecht gekennzeichnet durch die quantitative Entwicklung des Militarismus. Das Wesen des Krieges ändert sich gleichfalls. Der nächste Krieg wird ein totaler Krieg sein;- ein chemischer, bakteriologischer, elektrotechnischer Krieg. - In Frankreich nahm die Kammer das Gesetz über die Einziehung aller Männer und aller Frauen an. Alle, Weisse und farbige Untertanen, Greise und Kinder werden mobilisiert werden. Man wird für den Krieg auch alle Produktionsquellen requirieren, alle Organisationen und selbst die Gewerkschaften, die gesamte Arbeit der Intellektuellen(« um den Mut des Landes zu sichern», heisst es im Text), usw... An diesem Vorschlag des Sozialisten PaulBoncour nahm der Senat am 17. Februar nur zwei Abänderungen vor einerseits schloss er von der allgemeinen Mobilisation... die Deputierten und Senatoren aus; andererseits wagte er nicht, das amtliche Aufgebot der Frauen aufrechtzuerhalten. In Deutschland und Italien erregte das französische Gesetz für den totalen Krieg eine ernste Kritik. Aber alle anderen imperialistischen Staaten halten für den Kriegsfall ähnliche Gesetzentwürfe bereit. Und der Präsident Coolidge erklärte am 8 6 DIE LEHRER- INTERNATIONALE 11. November 1926, dass die Vereinigten Staaten im Falle eines Konflikts nie dagewesene Einziehungsmassnahmen ergreifen würden, die sich nicht nur auf alle Personen, sondern auch auf alle Sachwerte zu strecken hätten. erGegen Ende des letzten Krieges beschäftigte England bereits 3 Millionen Frauen in den Fabriken für Heereslieferungen, und Frankreich 1.500.000. In bezug auf die kriegerische Vorbereitung der Jugend und die Militarisierung der Schule gab Genosse Apletin bereits in seinem Bericht zu unserem Leipziger Kongress eine Menge charakteristischer Einzelheiten für die hauptsächlichen Staaten Europas. Aber diese Beschlagnahme der Kinder und Schüler geht auch ausserhalb Europas vor sich. In Südrhodesia will man ein Gesetz durchbringen, wonach die militärische Unterweisung in den Schulen bereits vom 12. Lebensjahre ab erfolgen soll. In Australien, Neuseeland und Kanada beginnt die militärische Ausbildung gleichfalls mit 12 Jahren. Das spielt sich im britischen Reich ab. Wenden wir uns zu seinem mächtigen Gegner, Amerika. Militärischer Drill herrscht in fast allen Unterrichtsanstalten, insbesondere zur Heranbildung von Reserveoffizieren. Oft ist die militärische Ausbildung verbindlich, und noch kürzlich wurden Studenten aus der Universität zu Minnesota ausgeschlossen, weil sie sich der militärischen Vorbildung enthalten wollten. Unter Umgehung der Kontrolle des Kongresses schliesst die Regierung im Hinblick auf den kommenden Krieg schon Verträge ab, durch welche den grossen kapitalistischen Firmen ungeheure Profite zugesichert werden. Somit ist es erklärlich, dass sie grosse Summen Vorschüsse bewilligen für die militaristische Propaganda durch Film und Presse und für die Pfadfinderorganisationen. - Wissenschaft und Barbarei. besser Im Verein mit dem Tankkrieg und insbesondere dem Luftkrieg wird der chemische Krieg in Zukunft die Hauptrolle spielen; denn er ist am wirksamsten und am billigsten. Ausserdem hat der italienische General De Marinis 1925 in Genf festgestellt, dass im internationalen Recht noch keine Klausel für das Verbot von Gift gasen vorgesehen ist! Auch die Sachverständigen des Völkerbundes haben uns diesbezüglich gewarnt:« Im Verlauf des letzten Krieges haben wir nichts beobachtet, was mit den Perspektiven zu vergleichen wäre, die jetzt für die Zerstörung von Industriezentren und das Abschlachten der Zivilbevölkerung bestehen>>. In seinem Buch über << Den Zukunft skrieg» zitiert Irwin das Urteil eines amerikanischen Sachverständigen über das Gas Lewisite, wovon zwölf grosse Bomben schon genügen. um alles Leben in einer Stadt wie Chicago oder Berlin zu zerstören. Und der Brigadegeneral Fries berichtete vor der Kommission für Flugzeugwesen der Vertreterkammer im Jahre 1925, dass dieses Gas fortan von einem anderen noch übertroffen wird; es sei bei weitem schrecklicher und 50mal wirksamer als die Kriegsgase. Hand in Hand mit dem chemischen Krieg wird eifrig der bakteriologische Krieg vorbereitet. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde dieser Umstand von Baldwin im Unterhaus( 15. Februar 1927) betont. Am 19. März 1927 unterbreitete die amerikanische Regierung der Vorbereitungskommision für die Abrüstungskonferenz einen Bericht über den Gebrauch von Giften oder Bakterien im Felde, worin erklärt wurde, dass jede diesbezügliche Vereinbarung undurchführbar sei, weil dadurch << im weitesten Sinne des Wortes allen chemischen und medizinischen Forschungen ein Ende gesetzt würde»! Man kann diese Behauptung durch die Bemerkung berichtigen, dass in den Vereinigten Staaten der Landesverein für chemische Verteidigung» eine Vereinigung für ausschliesslich Fabrikanten von chemischen Produkten ist und nicht eine Gewerkschaft von Professoren oder Aerzten! Neben den chemischen und bakteriologischen Verfahren werden in weitem Masse die mörderischsten Formen der Elektrotechnik verwandt werden. Die Forschungen auf diesem Gebiete sind eben nur am leichtesten zu verschleiern und auch am wichtigsten. Das ist ein Grund mehr für das sie umgebende Geheimnis. Jedenfalls haben die Erfindungen der Engländer Matthews und Wall und des Deutschen Conrad bereits erschreckende Perspektiven eröffnet. Im künftigen Kriege wird die Physik dem Dienste Imperialismus nicht geringere leisten als die Chemie. [[ Die Heuchelei des bürgerlichen] Pazifismus Die Vorbereitung des Militärmaterials" Menschenmaterial und Waffen wird noch von - der moralischen Kriegsvorbereitung übertroffen. Die moralische Vorbereitung besteht in geschickter Vertuschung der DIE LEHRER- INTERNATIONALE direkten und indirekten Kriegsvorbereitung mit Hilfe von Verbreitung der Anschauung, dass die Welt wirklich in eine für die Geschichte ganz neue Aera der internationalen Politik eingetreten ist, die sich im Walten des Friedens dank dem Völkerbunde und seinen tausend Trabanten charakterisiert, sowie in der plötzlichen Bekehrung zu den pazifistischen Ideen bei allem, was man bisher in der Welt an Banditen zählte Finanzleute, Staatsmänner, Generäle usw... Der Völkerbund spielt mit den von ihm unterhaltenen, beschützten und beeinflussten Organisationen eine so grosse Rolle in der Lehrerbewegung, dass es erforderlich ist, an dieser Stelle nochmals eine kurze Analyse seines Wesens und seiner Funktionen zu geben. In erster Linie ist die falsche Meinung verbreitet, dass der Völkerbundspakt den Krieg ausschliesst. Wie verhält es sich in Wahrheit? Er gestattet den Krieg als Hilfeleistung für die Opfer eines ungesetzlichen Angriffs, und weiter bildet er ein Loblied auf eine ganze Reihe von Einzelfällen: wenn der Rat nicht zu einer einstimmigen Schlussfolgerung kommt( Artikel 15,§ 7); wenn eine Partei unter Billigung des Rats behauptet, dass die Differenzen eine Frage berühren für die das internationale Recht die alleinige Zuständigkeit der betreffenden Partei vorsieht ( Artikel 15,§ 8); wenn es sich um Kolonien handelt( Marokko, Syrien usw...). So kommt es, dass geeichte Spezialisten wie Larnaude oder Schmitt sagen konnten, der Völkerbundspakt erteile dem Kriegsrecht ausdrücklich die Weihe, und zwar eine neue Weihe, und führe bisher unbekannte Kriegsformen ein; wenn der Konflikt erst einmal ausgebrochen ist, dann gestattet er keinem Staat mehr, neutral zu bleiben. Aus dieser Aufzählung neuer Kriegsgefahren erklärt sich die Begründung Baldwins für das Nicht abrüsten Englands zwecks Verwirklichung eines Friedens im Sinne des Völkerbundes! Um das Gesetz für den«< totalen Krieg» in der französischen Kammer durchzubringen, betonte auch Paul- Boncour, dass diese restlose Mobilmachung gegebenenfalls in den Dienst des Völkerbundes gestellt werden würde. Braucht man danach noch zu erwähnen, welches Versagen oder welche Ent äusserung des Völkerbundes anlässlich der imperialistischen Militärintervention in China zu Tage trat, anlässlich der griechisch- italienischen Angelegenheit, der Mossul- Frage, des italienisch- albanischen Vertrages, der 7 Beschlagnahme Panamas und Mexikos, zweier Völkerbundsmitglieder, durch die Vereinigten Staaten...? Erforderlicher ist aber ein Hinweis auf die beiden kürzlichen Formen der Marktschreierei vom Frieden die Abrüstungsverhandlungen und den Kellogg- Pakt. Was die Abrüstung anbetrifft, so ist noch allen frisch im Gedächtnis, wie sehr die Flottenkonferenz versagte, die letzten Sommer von den Vereinigten Staaten, England und Japan in Genf abgehalten wurde. Die Amerikaner erschienen auf dieser Konferenz lediglich, um dem englischen Imperialismus ein Ultimatum zu überreichen. Die Antwort darauf erfolgte in Form des gefährlichen Flottenabkommens zwischen Frankreich und England; dadurch macht Frankreich Grossbritannien die nötigen Konzessionen in bezug auf die Beschränkung der grossen Kreuzer und Unterseebote( woran es Amerika mangelt), weil es dagegen die uneingeschränkte Anerkennung der ausgebildeten französischen Reservisten erringt. In dem geheimen Rundschreiben an die Gesandtschaft in Tokio, Rom und Washington, das unglücklicherweise ent hüllt und veröffentlicht wurde, hat der Generalsekretär des französischen Aussenministeriums keineswegs den wahren Charakter dieses französischenglischen« Kompromisses» verheimlicht. Uebrigens konnte der Delegierte der Sowjetunion Litwinoff auf einer Tagung der Abrüstungskommission feststellen, dass der Rat des Völkerbundes selbst sich auf 38 Tagungen mit der Abrüstung beschäftigt hat, dass wenigstens 14 Kommissionen und andere Einrichtungen des Völkerbundes diesem Problem mehr als 120 Tagungen ( und nicht Sitzungen) widmeten, und dass die Vollsitzungen des Völkerbundes diesbezüglich 111 Entschliessungen aufstellten. Welche grosse Arbeit, und dennoch wurde nicht eine einzige Kanone, nicht ein einziges Gewehr zerstört! Die Teilnahme der sowjetistischen Delegierten an der letzten Vorbereitungskonferenz hat die kapitalistische Welt aufs tiefste bestürzt. Es zeigte sich dabei, dass kein imperialistischer Staat in Wahrheit abrüsten will. Der Kellogg- Pakt läuft auf ein Parieren des dem Kapitalismus in Genf beigebrachten Schlages hinaus. Auf nichts anderes. Der Kellogg- Pakt hätte nur in einem Falle ernst genommen werden können, wenn ihm nämlich ein rücksichtsloses Abrüsten unmittelbar gefolgt wäre. 8 DIE LEHRER- INTERNATIONALE In Davon sind wir aber weit entfernt. der Zusatznote vom 23. Juni hat die amerikanische Regierung ausführlich dargelegt, dass das Völkerbundsstatut, der Locarnovertrag, die Abkommen zwischen Frankreich und einer Reihe von Mächten( Polen, Rumänien usw...) unter die Beziehungen fallen, die im Kellogg- Pakt erwähnt sind. Sollte sich also aus diesen Beziehungen ein Krieg ergeben, so würde es sich nicht um einen nationalpolitischen Krieg handeln, der allein im Kellogg- Pakt verboten ist, sondern es wäre ein Krieg, veranlasst durch internationale Beziehungen, wie sie der Pakt verbucht und zu verteidigen strebt. Andererseits bilden die gleichfalls zugelassenen englischen Vorbehalte sozusagen eine neue Monroe- Doktrin; denn es wird festgelegt, dass Grossbritannien aus dem Pakt eine ganze Reihe von Gebieten ausschliesst, deren Wohlergehen und Schutz von ganz besonderem vitalem Interesse für den Frieden und die, Sicherheit Grossbritanniens ist>>. In klaren Worten will das besagen der Pakt sollte im Geiste der englischen Unterzeichner dem Krieg in China dienen, in verschiedenen Zonen des imperialistischen Einflusses, gegen die Sowjetunion. Die englische Regierung ging noch weiter; sie hat versichert, dass jede Nation in jedem Augenblick das Recht hat zu entscheiden, ob die Umstände von ihr die Zuflucht zum berechtigten Verteidigungskriege erforde n: diese Auslegung wurde angenommen, und sie ist ganz dazu angetan, um die zähesten Illusionen ein für alle Mal zu nichte zu machen. Der Kellogg- Pakt war nichts weiter als eine erneute grobe List der Urheber des Krieges. Im Gegensatz zum Völkerbund geht der Kellogg- Pakt nicht so weit, Sanktionen vorzusehen. Selbst wenn man an ihn glauben sollte, müsste man wohl zugeben, dass er lediglich die abstrakteste Form eines Wunsches ist. Zum Frieden durch den Sozialismus Wir sahen die europäische und Weltwirtschaftslage, wie sie sich in den inneren Widersprüchen der kapitalistischen Ordnung ausdrückt, nebst ihrem unüberbrückbaren Gegensatz zur sowjetistischen Ordnung; wir sahen die ungeheure Entwicklung der Heere und Kriegsvorbereitungen; wir sahen die Jahrmarktsmittel der bürgerlichen Pazifisten in ihrer ganzen leeren Eitelkeit. Und aus all dem geht heute, zehn Jahre nach Beerdigung des ersten Weltkrieges, hervor, wie gross die Gefahr eines zweiten Weltkrieges ist. Heute, zehn Jahre nach dem Ausbruch der törichsten Hoffnungen, steht zwingend vor uns allen der marxistische Gedanke, dass keine Aenderung am Kapitalismus in ihm die Kriegskräfte zu töten vermag, die sein inneres Wesen selbst ausmachen. an Unsere Internationale hat zu wiederholten Malen ihre diesbezügliche Ueberzeugung bekundet: in ihren Statuten, in ihren Kongressbeschlüssen, in dem offenen Brief ihres einstimmigen Exekutivkomitees den Prager Kongress« Der Friede durch die Schule>>. Unsere Internationale verachtet weder den Kampf gegen die chauvinistischen Bücher, noch irgend eine andere Form des Widerstandes gegen die moralische Vorbereitung zum Kriege. Aber sie entlarvt die Lehrerorganisationen, die um den Völkerbund kreisen und zur Aufgabe haben, die offizielle Aktion der bürgerlichen Regierungen zu stützen und bei den Lehrern die Illusion zu verbreiten, dass der gute Wille allein zur Sicherung des Friedens genügt, dass dieser gute Wille vorhanden ist, und dass der Friede von Tag zu Tag Alle diese Versuche sind gewisser wird. durchsichtig: der heutige Imperialismus braucht die Maske des Pazifismus, um den Krieg vorzubereiten, den die Massen seit 1914 kennen und verabscheuen. Die Lehrerschaft war vor der Geschichte und vor der Arbeiterklasse, zu der sie gehört, zum Teil verantwortlich für die moralische Vorbereitung des ersten imperialistischen Krieges. Für den zweiten wird sie nicht verantwortlich sein. Die Lehrerschaft vergisst nicht, dass nur wenig von den Versprechen für Schulreform, Einheitsschule, Gleichberechtigung für Unterricht und Kulturentwicklung gehalten wurde, mit denen man in der Zeit von 19141918 verschwenderisch umging. Die Lehrer haben die Pflicht, nicht zuzulassen, dass die Steuern der Proletarier- und Bauernmassen für Todeswerke verschleudert werden, zum Schaden der Schule und Kultur. Sie haben auch die Pflicht, die Kultur gegen die schreckliche Barbarei des modernen Krieges zu verteidigen. Sie werden bei dieser doppelten Aufgabe nicht versagen. Am 10. Jahrestages eines unsicheren Friedens, der einer fieberdurchwühlten Nachtwache in Waffen gleicht, werden die Lehrer des Volkes unseren Ruf hören: DIE LEHRER- INTERNATIONALE Schliesst die Reihen, um die Bourgeoisie zu nötigen, die Militärkosten zu vermindern und ihre Versprechungen für das Unterrichtswesen zu halten! Schliesst die Reihen, um die Schulen und Kulturi echte der nationalen Minderheiten zu unterstützen, sowie die kolonialen Völker, die von den imperialistischen Siegerstaaten unterdrückt werden! Schliesst die Reihen gegen das Eindringen der chauvinistischen Ideologie und der pseudo- pazifistischen Ideologie in die Schule; gegen die Verherrlichung 9 des Krieges und die Verherrlichung des Völkerbundes; gegen die Propaganda für die politischen Ideen der Bourgeoisie in der Schule; um der Bourgeoisie die Neutralitätsma ke abzureissen und der lügnerischen Devise ihres Unterrichts dessen wahren Inhalt gegenüberzustellen! Schliesst die Reihen gegen die kapitalistische Ordnung, die Ursache des Krieges, in der festen Ueberzeugung, dass es gegen den Krieg keinen wirksamen Kampf gibt ausser dem Klassenkampf! G. COGNIOT. Pädagogische Ostern, pazifistisch... und gewerkschaftlich ( Schluss) Von Wien nach Rennes über La Roche- sur- Foron Einstimmig im Denken und Wollen! - - Unsere beiden Artikel( Bulletin der I.B.A., Nr. 9 und 10, Juni und Juli 1928) über das Wesen der internationalen pädagogischen und pazifistischen Tagung der Internationalen Vereinigung der Lehrerverbände in Berlin wir hatten die Unterlagen dazu aufmerksam und ausgiebig studiert haben bis heute keinen Protest und keine Berichtigung zur Folge gehabt. Ist es ungerechtfertigt zu denken, dass unser hewährter Wille, im Bulletin der I. B. A. nur streng genaue Informationen ohne jegliche Polemik zu geben, das Schweigen erklärt, das die Genossen und Kollegen bewahren, denen die Verantwortung für die« pädagogischen und pazifistischen Ostern>> fällt? Gibt es für dieses Schweigen nicht zwingendere Gründe? Sollte unsere Haltung nicht auf die übergreifen, die sie ablehnten? zuAngeblich ist der Hinweis auf die Gewerkschaftseinheit, selbst im klassenmässigen Sinne, manchmal ein mystisches Leitmotiv und Verhalten zum Gespött der anderen; aber für die I. B. A. ist es Daseinsberechtigung, mit gutem. Vorbedacht gekannt und geschätzt zu werden. Wenn man täglich und wirksam darauf hinarbeitet, nacheinander die ehrlichen Genossen von der Notwendigkeit der Gewerkschaftseinheit zu überzeugen, die Spaltung unter den wenigen gewerkschaftlich Organisierten von den insgesamt 5 Millionen Bildungsarbeitern der Welt zu bekämpfen, dann leistet man durchaus keine theoretische Arbeit, keinen rituellen Akt, sondern für alle verantwortlichen Stellen unserer Internationale ist das der Anfang und das Ende ihrer ganzen Aktion. Daher hat unser letzter Kongress beschlossen und damit haben wir den tiefen Sinn unserer Kongressbeschlüsse( Leipzig, Ostern 1928)-<< in bezug auf die Einheit -- eine zielbewusste Linie im reinen Geiste unserer Statuten zu verfolgen und die Aktion insbesondere auf die Volksschullehrer einzustellen»( 1). Daher haben wir nach unserem V. Kongress und vor dem Kongress von Rennes in dem Aufruf an die Lehrerschaft aller Länder( 2) hervorgehoben, dass die von der I. B. A. erzielten Resultate zeitlich genommen noch nicht den Erwartungen entsprechen, dass sie aber« unter den ausserordentlich schwierigen Bedingungen einer zunehmenden Reaktion>> wurden. errungen Daher wiederholten wir in diesem Aufruf, dass die I. B. A. immer mehr Anhänger gewinnt in einer der Haupt sektionen der reformistischen Lehrervereinigung, im französischen Syndicat National». Daher heben wir unter den unbestreitbaren Sympathiebezeugungen unserer französischen Genossen die noch nicht an die I. B. A. angeschlossen sind nur die : beiden folgenden Tatsachen hervor - a) 37 Stimmen gegen 101 erklärten sich ( 1) Maibulletin 1928, Nr. 8, S. 34. ( 2) Julibulletin 1928, Nr. 10, S. 2. 10 DIE LEHRER- INTERNATIONALE auf dem Pariser Kongress des S. N. von 1927 für die I. B. A. b) 1928 richtete die Bezirksgruppe des S. N. Obersavoyen die Bitte um Anschluss an die I. B. A. Daher stellen wir ganz ruhig unseren früheren Feststellungen die kürzliche Mitteilung der Presseberichte des I. G. B. nach dem Kongress von Rennes gegenüber: es « Mit voller Einstimmigkeit, heisst in den Presseberichten( 1), einstimmig im Denken und Wollen wurde die Zulassung eines Vertreters der kommunistischen Lehrerinternationale( sic) zwecks Darlegung der Ziele und Bestrebungen dieser Organisation abgeschlagen.»> Wenn sie auch sonst kein Verdienst hat, so ist diese Mitteilung doch klar und genau. Uebrigens erscheint sie unter einer etwas sonderbaren Rubrik:< Die französischen Lehrer im Kampfe gegen den Kapitalismus!» Muss man nicht beim Lesen einer so klaren und genauen Mitteilung denken, dass man es hier mit einer eigenartigen Kampfweise gegen den Kapitalismus zu tun hat; denn es wurde ja verweigert, die Darlegung der Ziele und Anstrengungen der Bekämpfer des Kapitalismus anzuhören! Das ist wirklich eine seltsame Einstimmigkeit im Denken und Wollen! Einstimmig gegen eine Idee, einstimmig ablehnend bis man zur Diskussion genötigt sein wird, weil man sie nicht ohne Gefahr auf die Dauer umgehen kann! Der Wert einer solchen Einstimmigkeitskund gebung lässt sich an der Diskretion messen, die von den Betreffenden an den Tag gelegt wird! Wir in der I. B. A. haben keine Veranlassung, diesen Zwischenfall auf dem Kongress tot zuschweigen, kennzeichnet er doch eine wichtige Stunde in unserer Aktion und den Anfang eines neuen Abschnittes unserer Aktion. Daher geben wir in Erwartung anderer Beweise, anderer fühlbarer Resultate unserer Aktion, nur die beiden obigen Belege in genauer Fassung, weil sie die Richtigkeit unserer Gewerkschaftslinie, nicht unserer Prinzipien, belegen. Daher wollen wir unsere Genossen und Leser, die Leser unserer vier Monatsbulletins, unserer ausserordentlichen und Pressebulletins in der ganzen Welt, nicht eines elementaren Beitrags berauben zu der nüchternen und tönenden Mitteilung der Presseberichte des I. G. B. Reiht man diese Mitteilung in eine Tatsachenfolge ein, dann kann sie nur gewinnen, und wir brauchen wohl nicht zu sagen, dass wir diese Tatsachen streng offiziellen Berichten entnehmen, den Berichten vom Generalrat des, Internationalen Berufssekre( 1) Presseberichte des I. G. B., Nr. 32, 22.8.28. tariats in Wien, von der Generalversammlung der Bezirksgruppe Obersavoyen des S. N. in La Roche- sur- Foron und vom Kongress des S. N. in Rennes. Von Leipzig( 9.- 14. April 1928) nach Wien( 10. und 11. April 1928) Die Beziehungen des I. B. L. zur I. B.A. die Daseinsfrage des I. B. L. In der diesjährigen Osterwoche tagten in drei deutschen Städten drei Lehrerkongresse: In Berlin der pädagogische und pazifistische Kongress der Internationalen Vereinigung der Lehrerverbände, in Wien das Internationale Berufssekretariat, gegründet im August- November 1926, als erstes Zeichen seiner öffentlichen Tätigkeit... und ausschliesslich für Mitglieder. Während die Internationale Vereinigung und das Internationale Berufssekretariat in der Osterwoche Erörterungen pflogen, trat die I. B. A. zu ihrem V. Kongress mit vorangehender Pädagogischer Tagung in Leipzig zusammen. Die christlichen Kirchenfeste legen in der Welt die Daten unserer Kongresse und Ferien fest, zum wenigsten für die Bildungsarbeiter in Europa, Amerika und den Kolonien; die I.B.A. nimmt sich in der Geschichte unserer Bewegung unter anderem das Recht zu erklären, dass sie die erste gewerkschaftliche Bildungsarbeiterorganisation ist und bleibt, die vor ein internationales Forum pädagogische Hauptforderungen stellte, die spezifisch übereinstimmen mit den Idealen der um ihre Befreiung kämpfenden Arbeiterklasse. In Herr Cnudde, einer der Väter des Gedankens der pazifistischen Internationale, wurde keineswegs gezwungen, sich neben einen << boche>> zu setzen! Wenn er sich mit anderen über den revolutionären Sinn der öffentlichen Kundgebung. die unserer Pädagogischen Tagung vorausging, täuschen könnte, dann ist das ganz natürlich. unseren Statuten lautet es:« Nur die soziale Revolution ist fähig, gleichzeitig mit der Befreiung der werktätigen Massen eine freie Schule und einen freien Lehrer zu schaffen. Nur die werktälige Klasse besitzt ein tatsächliches und dauerndes Interesse an der Erneuerung der gesamten Erziehung und Bildung.>> Und wenn sich ein Leipziger Lehrer und der Beauftragte einer Gewerkschaftsinternationale mit solchen Statuten brüderlich und spontan umarmen unter dem begeisterten Beifall der ganzen Versammlung, dann ist das nicht eine Umarmung wie zwischen zwei Frontkämpfern nach fast zehn Jahren des Krieges der kapitalistischen Zivilisation gegen die nicht weniger spezifisch kapitalistische Kultur, nein, dann war, ist und bleibt es für uns ein Zeichen, dass unsere Genossen, die die Vorhut des Deutschen Lehrervereins bilden, fortan ihre Kämpfe so wie wir an nur DIE LEHRER- INTERNATIONALE 11 der Seite der Arbeiterklasse und klassenbewusst führen werden. Die I. B. A. war in Deutschland Gast des Leipziger Lehrervereins. Und wir haben allen unseren Gästen gesagt, was wir immer wieder wiederholen:« Keine Spaltung in Euren Reihen! In den Massen muss die Richtigkeit unserer Prinzipien zur Geltung gebracht werden.» In Rennes fragte unser Genosse Machy sich ob das Urteil unseres Genossen Helmuth von Bracken nicht begründet sei, ob nicht bei unseren Genossen zwischen den beiden Internationalen, denen das Syndicat National angehört, etwas Konfusion erwüchse.» Er fragte sich auch,« ob nicht eines Tages Deutschland und England, beides Länder mit so ausgedehnter Gewerkschaftsbewegung, aufhören werden, nur Skelette von Lehrerbest änden in ihrer Arbeiterzentrale zu haben.>> Wir teilen die Besorgnis, die Beunruhigung dieses Genossen; sind wir aber nicht berechtigt zu erklären, dass unser Gedanke und unsere Aktion in Leipzig wie auch sonst ohne Prahlerei, aber auch ohne Heimlicht uerei definiert wurde. An den<< gewerkschaftlichen Ostern» der I.B.A. und an der« Pädagogischen Tagung» der I. B. A. nahmen alle Bildungsarbeiter der Welt teil, die es konnten und wollten; denn die I. B. A. hat es sich zur Regel gemacht, ausser den faschistischen Organisationen alle Bildungsarbeiter zu unseren Arbeiten aufzufordern, alle Bildungsarbeit erorganisationen, und ebenso hat sie es sich zur Regel gemacht, diese Arbeiten der Kontrolle der ganzen Arbeiterklasse zu unterstellen. Jeder hat Kenntnis genommen vom Telegramm des I. G. B.( 2. April) und vom Telegramm der R. G. I.( 13. April) in Beantwortung der Einladung der I. B. A. Zwei Lehrergewerkschaften, die nicht zur I.B.A. gehören, hatten ihre brüderlichen Delegierten nach Leipzig geschickt der Bond van Nederlandsche Onderwijzers und die Gewerkschaft deutscher Volkslehrer. Dagegen ereignete es sich auf der Pariser Sitzung des ständigen Ausschusses des S. N. am 5. und 6. April nicht ganz eine Woche vor der Wiener Tagung des Generalrats des Internationalen Berufssekretariats dass auch zu diesem Zeitpunkt noch der Vorschlag für Ueberraschend gehalten wurde, den Anschluss an die I. B. A. zu prüfen ( Antrag auf dem Pariser Kongress des S. N., 4.- 6. August 1927!) - - Der Ausschuss betrachtete die Frage als gelöst durch die Konferenz der Geschäftsstelle des I. G. B. und des Internationalen Berufssekretariats( Paris, 29. Juli 1927). Weil also unsere Genossen vom Geschäftsausschuss des S. N. Ueberraschung empfanden, und weil die Frage der Beziehungen des S. N. und Berufssekretariats mit der I. B. A. gelöst worden ist, gaben unsere Genossen vom Geschäftsausschuss des S. N. auf die Einladung der I. B. A. zu ihrer Pädagogischen Tagung und zu ihrem V. Kongress keine andere Antwort, als dass sie ruhig und einfach zur Tagesordnung übergingen! Eine recht einfache Lösung, welche einfältige Nichtigkeit, welch Ableugnen des Umstandes, dass auf der Tagesordnung des Generalrats des Berufssekretariats(§ 3) die Frage der Beziehungen zur I. B. A. stand und die Frage einer eventuellen Konferenz mit den Vertretern unserer Internationale. Wir könnten mit der Uhr in der Hand sagen, wie lange die Debatte über diesen Punkt der Tagesordnung dauerte, Genossen vom Berufssekretariat; wir bleiben noch hinter der Wahrheit zurück, wenn wir feststellen, dass mehr als 50% der Euch zur Verfügung stehenden Zeit für das Studium und die Erörterung dieses Punktes aufgewandt wurden. Genossen vom Geschäftsausschuss des S. N., man löst die Frage der Gewerkschaftseinheit nicht durch Uebergehen zur Tagesordnung, wie Ihr es in Paris gemacht habt, und man löst sie nicht, Genosse Lebaillif, durch den Ruf: Zur Geschäftsordnung! wie es in Wien geschah. Dass man die Diskussion der Beziehungen zur I. B. A., die sich für jede Lehrergewerkschaft tagtäglich dringender gestaltet, als Gift bezeichnet, Genosse Lebaillif, das kann doch wirklich nur ein Ausbruch schlechter Laune sein. Unser Genosse Thijssen, der allerdings mit Ihnen bedauert, dass in Wien für diese Diskussion so viel Zeit geopfert werden musste, hat unserer Meinung nach recht, wenn er sagt, dass es unmöglich sei, solche Frage zu umgehen, weil sie eine Daseinsfrage ist. Und das war doch sicher auch ihre Meinung, Genosse Lebaillif, wie sie es wohl auch heute noch ist als Sie mir anboten, mit Ihrer Unterstützung in Caen oder an einem anderen Ort eine Versammlung zu veranstalten zur Information und Diskussion, woraus unsere Genossen bisweilen, unsere gewerkschaftliche Aktion auf jeden Fall Nutzen ziehen könnten. Es scheint uns, als ob die Delegierten des S. N. in Wien die Aktion der I. B. A. nur im Landesmasstab ihrer eigenen Kämpfe mit der französischen Sektion der I. B. A. betrachten. Es ist wahr, unser Genosse Roussel muss oft daran erinnern, dass es schon eine harte Aufgabe ist, die grossen Lehrermassen im Landesmasstab zur gewerkschaftlichen Tätigkeit anzuspornen. Bei verschiedenen Anlässen, in Moskau( IV. Kongress der R.G.I.) und auch in La Roche- sur- Foron( Generalversammlung der Bezirksgruppe des S.N. in Obersavoyen) hielt ich darauf, Genosse Thijssen, immer wieder zu sagen, was auch nach Ihren eigenen Ausführungen zutrifft: wie wenig Lehrer in der Welt doch zum Klassenbewusstsein gekommen sind, wie wenig den Weg zu ihren Klassenge 12 DIE LEHRER- INTERNATIONALE nossen gefunden haben. Vor der sozialen Revolution, die allein unsere Klasse befreien wird, und das sagen Sie auch, steht kaum eine Million Lehrer auf dem Klassenboden. Und es bekümmert Sie gerade ebenfalls uns dass in den meisten Ländern die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter niemals daran gedacht haben, dass die Lehrer in ihren Reihen sein müssten». Diese Bemerkung machten Sie auf dem Kongress des I. G. B. im August 1927, und Sie machten sie auch in Wien, im April 1928. Mit Recht waren Sie da besorgt festzustellen, ob in der Welt« Aussicht bestände für den Anschluss an eine Lehrerorganisation oder den Anschluss der Lehrerorganisation an die Arbeiterbewegung, mit anderen Worten, ob es Mitgliedermöglichkeiten für das Berufssekretariat gäbe», und Sie mussten sich selbst eingestehen, dass keine Aussicht für die kommenden Jahre besteht». Läuft Dagegen möchten wir sagen, Genosse Thijssen, dass wir weniger betroffen davon sind, mit Ihnen und vielen anderen feststellen zu müssen, wie wenig revolutionär die Lehrer sind, die von der herrschenden Klasse erzogen wurden wie sollte es überhaupt anders sein? und dass wir nicht erschüttert sind durch den Schluss, den Sie für Ihre Aktion ziehen. Eure. Gewerkschaft saktion nicht auf folgendes hinaus?« Es gibt wenig, zu wenig gewerkschaftliche Lehrer, und aus Sorge um die formelle Disziplin wollen wir uns in die gewerkschaftliche Spaltung fügen; weil sie in der ganzen Welt besteht wollen wir sie durch eine Spaltung unter uns weihen.» Diese Folgerung überwältigt uns... Da Sie aber die Diskussion Ihrer Beziehungen zur I. R. A. für eine Daseinsfrage halten, so werden die zwingenden Gründe für den Kampf um die materielle und moralische Lage der Bildungsarbeiter und die Befreiung unserer Klasse, sowie die tägliche Zuspitzung der Bedingungen für diesen Kampf Sie wohl zu dem logischen Schluss führen, der schon durch Ihre wiederholten Bemerkungen über die Geistesrichtung der Lehrer und durch Ihre Bewertung der Debatte auf dem Wiener Kongress angedeutet wird. Vom Träumen in Paris zum Erwachen in Wien! Unsere Genossen Lebaillif und ohne Zweifel Thijssen sind auf die Aktion und den Kampf eingestellt. Umso besser! Das ist die berechtigste und notwendigste Einstellung der Welt. Sollte unser Urteil gewagt sein, so werden wir dank der Unterstützung, die uns Genosse Lebaillif angeboten hat, recht oft Gelegenheit haben, es abzúändern. Auf dem Pariser Kongress des S. N. ( August 1927) schien uns dagegen Genosse Klein zum Träumen aufg legt! Während der Diskussion(!) über die pazifistische Internationale( I. V.)« träumte er in seiner Ecke». Er rief in seiner Erinnerung den ganzen Krieg wach, seine ergraute Mutter, die langen blutigen Etappen, quer duich Litauen, Polen, Weissrussland; er sah deutlich seinen deutschen Genossen wieder, den Lehrer, der noch am Morgen bei dem Gedanken an seine vier Kinder tief bewegt war und am Abend mit granatendurchwühltem Bauch aufgefunden wurde. Unser Genosse Klein liess an seinem geistigen Auge die unabsehbare Menge der zwanzigjährigen Kinder vorüberziehen, die auf dem Altar des Imperialismus, auf dem barbarischen Altar des Kapitalismus geopfert wurden! Auf dem dreifachen Altar des Imperialismus, Kapitalism us und Krieges verschmilzt im Geiste unseres Genossen Klein unvergesslich die Vision des bescheidenen Hotels Fleissig, der grünen Kanäle der Heerengracht und des fortan historischen Datums des 25. Juni 1926. Im Verlauf der Geschichte können wir einige berühmte Eide finden. Zum Eid von Grütli muss in Zukunft der Eid vom Hotel Fleissig hinzugefügt werden! Unser Genosse Klein hat gesehen, wie am selben Tische der Genosse Roussel, die Vertreter des S. N., die Vertreter der deutschen Lehrer, der sympathische Wolff, die englischen Vertreter, kurz die Vertreter aller Lehrerorganisationen Europas, die Hand erhoben zum Eide:« Im Namen der Lehrer unseres Landes schwören wir, dass wir alles tun werden, alles, was in unserer Macht steht, um die Wiederholung solcher Dinge zu vermeiden!>> Der ganze Kongress zollte verzückten Beifall und sch'oss sich aufs tiefste bewegt dem Eid vom Hotel Fleissig an!.. Es ist gefährlich, wie Sie wissen, Genosse Klein, eine Aktion auf das zerbrechliche Fundament eines Traums und eines Eides zu stützen! Dieser sentimentalen und literarischen Heraufbeschwörung des Krieges, dem von Euch geführten Kampfe gegen den Krieg, stellen wir den im gleichen Bulletin erscheinenden Artikel gegenüber, in dem wir ohne Prahlerei und ohne Heimlicht uerei unsere Auffassung vom Kampfe gegen den Krieg niederlegen. Im Traum erblickte Genosse Klein die Klasse einer Dorfschule in Thüringen, im Herzen Deutschlands! Er sah, wie die Kinder sich erhoben, um Beethovens Hymne von der Freude zu singen. Zu gleicher Stunde erblickte er im Herzen Frankreichs eine Klasse, die auf der Schiefertafel denselben Satz schrieb:« Alle Menschen sind Brüder!» Diese pathetische Heraufbeschwörung der Leiden des Krieges, die Hymne auf die Verbrüderung der Völker. Ihren leiden_ schaftlichen Aufruf zur Versöhnung der DIE LEHRER- INTERNATIONALE Völker, Genosse Klein, konnten Sie wohl nicht anders beschliessen, als durch die Aufforderung, Ihren Bericht über die pazifistische Internationale zu billigen! Zwanzig Monate lang hat man sich in dieser pazifistischen Internationale an Ihren Traum erinnert, an den Eid vom Hotel Fleissig. Zwanzig Monate später, im April 1928, scheint uns Genosse Klein nicht mehr recht aufgelegt zum Träumen, sondern gewillt, den Pariser Traum durch eine Wiener Ueberprüfung des Pazifismus der Führer des Deutschen Lehrervereins zu ersetzen. Der sympathische» Genosse Wolff, der Vorsitzende des Deutschen Lehrervereins, hat nicht zuletzt Kenntnis genommen von der brutalen Ueberprüfung der pazifistischen und antigewerkschaftlichen Aktion des offiziellen Organs des Deutschen Lehrervereins. In unserem Artikel über die Pazifistischen Ostern( 1) haben wir das wesentliche Urteil des Genossen Klein niedergelegt. Dadurch wird der Leitung des Deutschen Lehrerverein, unter Einschluss des« sympathischen» Vorsitzenden Wolff, ganz formell Antipazifismus vorgeworfen. Dieses Urteil, das im« Volkslehrer» vom 22. April 1928 erschien, wurde im Verlauf der Wiener Debatte über die Internationale Vereinigung im einzelnen behandelt. Seit diesem Zeitpunkt studiert Genosse Klein die vom Genossen Helmuth von Bracken erbetenen Akten, um sich über den« Bericht des Genossen H. von Bracken, welchen er für sehr wichtig hält, ein rein sachliches Urteil bilden zu können». Wir werden geduldig darauf warten, dass Genosse Klein eines Tages an irgend einer Stelle die Schlussfolgerungen seines Aktenstudiums veröffentlicht; denn wir wissen nur allzu gut, dass es Sühneopfer für das Verbrechen des Klassengegners geben wird, auf dem« Altar des Imperialismus, Kapitalismus und des Krieges», und zwar solange, bis das Proletariat das Kriege gebährende System nebst seinen Altären gestürzt haben wird! Vielleicht hat Genosse Klein aus dem Munde eines gewissen Staatsoberhaupts, eines Jüngers des« Krieges», d. h. für seine Klasse, hören können, welche rauhen Worte für demokratische Ohren gesprochen werden können:« Zwischen Euch und uns gibt es nur eine Frage der Kraft!» Wir drücken keine andere Ansicht aus, wenn wir immer wieder sagen( 2):« Nicht das Kind, nicht der Lehrer werden der Welt den Frieden geben, sondern die bewaffnete Faust des Arbeiters.» Unser Verdienst, unser einziges Verdienst, Genosse Klein, ist, nicht zu träumen. Deshalb brauchen wir nicht von Zeit zu ( 1) Julibulletin 1928, Nr. 10, S. 7. ( 2) Maibulletin 1927, Nr. 5, S. 9. 13 Zeit die unumgängliche brutale Wirklichkeit in Gegenüberstellung zu bringen zu vertraulichen Bestrebungen, die wir zum allerwenigsten für naiv halten!... Keine internationale Organisation ohne internationale Disziplin! Ein« einstimmiger» Antrag im statu quo! In diesem durch den Krieg geborenen Lande, in der Missgeburt, wie man in Wien sagt, wurde unser Genosse Lassnigg genötigt, sich mehrmals wie der Genosse H. von Bracken zur Zeit der Schieber, in die materielle und moralische Lage der« deutschen Lehrer>>> zu versenken. Das graue Elend von gestern und heute treibt die österreichischen Proletarier zum<< Anschluss», richtet die Genossen Lassnigg und H. von Bracken mit ihrer proletarischen Gewerkschaftsaktion gegen die« neutrale>> Internationale und bringt sie dazu, das Syndicat National eindringlich zu bitten, aus dieser antipazifistischen und antigewerkschaftlichen Internationale auszutreten. Der Generalrat des Berufssekretariats fasste diesbezüglich keinen« Beschluss>>. Er verlieh der dringlichen Bitte der Genossen Lassnigg und H. von Bracken den Charakter eines Wunsches! Und über diesen Wunsch stimmte man ab; das Ergebnis der Abstimmung zeigt nach der Veröffentlichung des S. N. insbesondere, dass Genosse Zoretti durchaus nicht die Ansicht des Genossen Lebaillif teilt, und auch nicht die Ansicht der Genossen Dumas und Lapierre, die für ihre pazifistische Internationale väterliche Gefühle hegen! Daraus erklärt sich, dass sie in ihrem Bericht über die Internationale Vereinigung( 1) sagen oder durchblicken liessen, dass dieser Wunsch, über den abgestimmt wurde, von untergeordneten Besorgnissen ausgeht! « Die vorgebrachten Gründe beruhen ausschliesslich, so sagen sie, auf einem inneren Konflikt zwischen zwei deutschen Organisationen, von denen die eine an das Berufssekretariat angeschlossen ist und die andere an die Internationale Vereinigung.» Das ist ohne Zweifel eine Erklärung! Das Unglück ist nur, dass diese Erklärung nichts erklärt, weil sie sich darauf beschränkt, das Bestehen eines inneren Konflikts zu verkünden, ohne aussagen zu wollen oder aussagen zu können, worin denn eigentlich dieser innere Konflikt besteht! Diese Klarstellung ist jedoch erfolgt. Unsere Genossen H. von Bracken und Lassnigg haben das Wesen dieses Konflikts dargelegt. Genosse Klein, der die Leitung des Deutschen Lehrervereins gut kennt und auch schon seine heutige Landesorganisation etwas kennen sollte, hat nun die ( 1) Bulletin des S. N., Nr. 87 vom 15.- 31. Juli 1928, S. 6. 14 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Aufgabe, die beim Genossen H. von Bracken angeforderten Akten weiter zu studieren. Dieses Studium wird durch irgend eine Schlussfolgerung abzuschliessen sein. Unsere deutschen Genossen und alle Bildungsarbeiter der Welt können sicher sein, dass wir das Bulletin der I. B. A. einem Träumer verschlossen, einem Studierenden und Folgernden aber weit offen halten. Die Tragweite des Wunsches und der Abstimmung in bezug auf die internationalen Beziehungen des Syndicat National wächst über den eigentlichen Anlass weit hinaus. Die Genossen Lassnigg und H. von Bracken haben zweifellos den Anstoss dafür gegeben, dass Genossen mit löblichen, aber dunkel verworrenen Absichten jetzt dieser nackten Wahrheit ins Gesicht sehen. Keine Gewerkschaftsorganisation ist lebensfähig und aktionsfähig, wenn sich darin jeder nach Belieben, recht und schlecht niederlassen kann wie in einer Karawanserei Keine Bildungsarbeiterorganisation ! ist ihrer Namens würdig, wenn sie nicht vor allem Sorge getragen hat, das erstrebte. Ziel und die dafür anzuwendenden Mittel klarzulegen! Vor mehr als einem Jahr( 1), als wir uns an die« Genossen, die noch nicht der I.B.A. angeschlossen sind», wandten, brauchten wir nicht erst das Wesen der I. B. A. zu erläutern!( Unsere Statuten und die in ihrer Einleitung aufgestellten Grundsätze genügen dafür), jedoch bemühten wir uns, einen möglichst genauen Beitrag zur Gewerkschaftsaktion im Geiste dieser Statuten und unserer Kongressrichtlinien zu geben, einen Beitrag zu unserer Aktion, die in erster Linie von unserem Exekutivkomitee und in letzter Instanz von unseren Kongressen kontrolliert wird. Wenn man bei unserer Aktion von verlockendem Geschwätz gesprochen hat, dann fragen wir darauf immer wieder vergeblich, wann und wo es denn in der I. B. A. vorgekommen ist, dass geträumt oder wahrgesagt wurde! Weniger als die Kritik unserer Genossen fürchten wir eben die heimliche Umgehung oder Uebergehung unseres Gedankens. Wenn sich die Genossen mit klassenbewusster Aktion fragen, warum wir uns bemühen, ihre Tätigkeit zu verfolgen und genau zu kennen, dann sollten sie daran denken, dass wir einerseits auf ihre Kritik Wert legen und andererseits nicht nachlassen können, ehe wir nicht jedes Missverständnis aus der Welt geschafft haben, ehe wir nicht dem Klassengegner die Lieblingswaffe, unsere Spaltung, aus der Hand gerungen haben! Keine Spaltung kann andauern, keine Scheidung auf die Spitze getrieben werden, wenn die eine Partei entschlossen ist, ohne Milderung und ohne Uebertreibung die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts ( 1) Junibulletin 1927, Nr. 6, S. 2. als die Wahrheit. In ihrer für uns alle verständlichen, bei uns leider nicht gebräuchlichen, derben Sprache sagen unsere Arbeitergenossen mit Recht, dass es notwendig ist, grobe Wäsche und feine Wäsche von einander zu scheiden. Mit ihnen und allen denen, die« das Bewusstsein ihres Unglücks» haben, wollen wir von jeder Klassenorganisation, von jeder Organisation, die auf dem Klassenkampf fusst, fordern, dass sie niemals ihren Klassencharakter verlieren darf! Dem Genossen P. Machy mag es« seltsam» scheinen, dass Deutschland,« das Land mit so ausgedehnter Gewerkschaftsbewegung nur Skelette von gewerkschaftlichen Lehrerbeständen» hat. Seltsam erscheinen kann ihm das aber einzig und allein, weil er sich mit der Erklärung der Genossen Dumas und Lapierre im Sinne des« inneren Konflikts» abfindet. Weniger seltsam würde dem Genossen Machy die schwache Gewerkschaftsbewegung, im besonderen in Deutschland, scheinen, wenn er sich an die Erklärung hielte, die sich aus der Debatte über den Anschluss des Syndicat National an die Internationale Vereinigung ergibt, sobald man alle Umstände berücksichtigt, die von den Genossen H. von Bracken, Klein und Lassnigg vorgebracht wurden, und wir glauben, dass diese Genossen in der deutschen Frage über Land und Leute genügend unterrichtet sind. Wie die betroffenen Organisationen dem Wunsch des Generalrats des Internationalen Berufssekretariats in bezug auf den wirklichen Anschluss an die Internationale Vereinigung Folge leisten oder Folge leisten werden, das ist eine Frage der internationalen Disziplin, das ist eine Frage um Tod und Leben, eine Daseinsfrage in erster Linie für die Organisation, die an einem gewissen Junitage im Hotel Fleissig erstand, während der Geist von Locarno durch ganz Europa wehte! So hat« Europa» seit zwei Jahren ihre pazifistische Organisation, aber der YankeeImperialismus hat sich schon viel früher mit einer ihm ganz eigenen Organisation versehen, in der die National Union of Teachers( der grosse englische Lehrerverein mit seinen rund 120.000 Mitgliedern) nur die zweite Rolle spielt. In Berlin wurde << eine Kommission beauftragt, die Möglichkeiten und Bedingungen für eine eventuelle Zusammenarbeit mit dem« Weltverband der Erziehungsvereine» zu prüfen und bestimmte Vorschläge dafür zu machen»( 1). Die zu Tode verwundete Internationale Vereinigung, die in ihren lebenden Werken getroffen wurde durch den« Wunsch»>, über den in Wien abgestimmt wurde, müsste unserer Meinung nach wie eine kleine Marionettenfigur grüssen und verschwinden oder sich der unerbittlichen ( 1) Bulletin des S. N., Nr. 83, 15.- 31. Mai 1928 DIE LEHRER- INTERNATIONALE , Logik unterwerfen, durch die sie immer weiter nach rechts gezogen, an die Ideologie der herrschenden Klasse geschmiedet wird! Nur zwei Organisationen des Berufssekretariats werden durch den Wunsch der Genossen Lassnigg und H. von Bracken betroffen das Syndicat National, das sich der Internationalen Vereinigung angeschlossen hat, und der Bond van Nederlandsche Onderwijzers, der sich auf seinem kommenden Kongress im Dezember zur Frage des Anschlusses an die Internationale Vereinigung zu äussern hat. Wir möchten die Genossen Dumas und Lapierre nötigenfalls darauf aufmerksam machen, dass ihrem Bericht über die Internationale Vereinigung( 1) ein Irrtum unterlaufen ist. Bis heute ist der Bond van Nederlandsche Onderwijzers der Internationalen Vereinigung noch nicht beigetreten; bei dem künftig historischen 26. Juni 1926 kann es sich also nur um eine Beitragserklärung handeln, die in Wirklichkeit dem Kongress zukommt! Wir haben ferner im Bode, dem offiziellen Organ des holländischen Bond gelesen und sicher auch die obigen Genossen dass gerade dem Genossen Thijssen vorgeworfen wird, er habe für das zeitweise Verbleiben dieser oder jener Organisation in der Internationalen Vereinigung eine Lösung vorgeschlagen, zu der er nur nach vollzogenem Beitritt des Bond berechtigt gewesen wäre. Im nächsten Dezember werden unsere holländischen Genossen auf ihrem Kongress so handeln, wie sie es für recht befinden. Unabhängig von der Wiener Debatte und dem dort zur Abstimmung gelangten Wunsch wird ihre Souveränität sich dann natürlich uneingeschränkt auswirken. Die Genossen Posthumus, Thijssen und erfahrenen Vorkämpfer mögen um Gottes willen nicht denken, dass diese biedere Bemerkung oder auch die folgenden für sie bestimmt seien. Wir haben nur alle diejenigen im Auge, die unseren Klassenorganisationen noch nicht oder schlecht angeschlossen sind. Es gibt eine grosse Zahl solch rein platonischer, passiver Anhänger, und ihnen möchten wir nochmals einige banale Ausführungen, über die Disziplin, die Vorbedingung für jede gemeinsame Arbeit, unterbreiten! Der Beitritt einer Landesorganisation in eine internationale Organisation hat nur insoweit Wert, als er in voller Klarheit und Sachkenntnis erfolgte, und zwar auf einem Landeskongress im Anschluss an eïne Debatte, die der betreffenden Frage würdig ist. Danach schaltet die Souveränität der Landesorganisation aus, um der Souveränität der internationalen Organisation Platz zu machen. Somit herrscht bedingungslos die internationale Disziplin. Und wer sich gegen diese Disziplin auflehnt, scheidet gleichzeiig aus dem internationalen Gewerkschaftsleben aus. ( 1) Bulletin des S. N., Nr. 87, 15.- 31. Juli 1928. 15 Während der bald zehnjährigen Tätigkeit unserer Internationale mussten wir manchmal daran erinnern, dass der Anschluss an die I.B.A. die Beachtung der drei Anschlussbedingungen unserer Statuten und insbesondere die Beachtung des Artikel 10,§ c, erfordert: Anerkennung der internationalen Disziplin und ihre Befolgung. Es sei uns ferne, unsere Genossen auf Herz und Nieren untersuchen zu wollen; wir beschränken uns auf eine kritische Ueberprüfung unserer Tätigkeit und sagen darüber hinaus, dass wir es für richtig hielten, die Verantwortung abzulehnen, die Instanzen der I.B.A. mit einer unüberlegten, mehr sentimentalen als gewerkschaftlichen Anschlusserklärung zu befassen. Auf den ersten Anlauf hin sind unsere Genossen nicht so geneigt wie unsere Arbeitergenossen zuzugeben, dass jeder Beschluss einer Gewerkschaftsversammlung zwingend ist. Um nun auf das Recht der unumschränkten Erörterung, unabhängig von dem Beitritt in eine internationale Organisation, zurückzukommen, so ist im Sonderfalle des Internationalen Berufssekretariats, mit seiner ausschliesslichen Bestimmung für Lehrerorganisationen des I.G.B. und dem sich daraus ergebenden Mindest mass an lebenspendender internationaler Disziplin zu sagen, dass unsere Genossen Dumas und Lapierre dieses Recht der unumschränkten Erörterung der internationalen Beziehungen für das Syndicat National in Anspruch nehmen und entsprechend auch für jede Organisation des Berufssekretariats. Mögen unsere Genossen vom Syndicat National solche Forderung stellen, wenn sie es können; wir werden deshalb nicht weniger eindringlich erklären, dass diese Auffassung eher nationalistisch als gewerkschaftlich ist, und dass eine internationale Gewerkschaftsorganisation, deren Landessektionen sich je nach Gutdünken binden, guten Grund hat, ihre Tagungen... auf der Abtei von Thélème abzuhalten! Mit der gleichen Gemütsruhe halten wir uns für berechtigt, zu denken, dass diese sonderbare Auffassung von der Gewerkschaftsdisziplin nicht die Zustimmung unseres Genossen Thijssen finden dessen Ablehnung von unmittelbaren Beziehungen vor allem auf der ausschliesslichen Sorge um eine formelle Disziplin zu seiner eigenen Gewerkschaftsinternationale beruht. kann, Was das Büro und der Generalrat des Berufssekretariats denkt, ignorieren wir noch. Das Büro des Berufssekretariats ( Gen. Lebaillif, Posthumus und Klein) trat am 5. und 6. August in Rennes zusammen, in einem Volkshaus, wo zum ersten Mal seit seinem Bestehen das Syndicat National tagte, wie Gen. Roussel selbst hervorhob. Unter anderem hat das Büro des Berufssekretariats am 5. und 6. August davon « Akt genommen, dass der Kongress des S. N. in Rennes beschloss, Mitglied der pazifistischen Internationale zu bleiben». 16 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Der Volkslehrer, das offizielle Organ der Gewerkschaft deutscher Volkslehrer, versieht diesen Beschluss am 9. September 1928 mit kurzem und me ancholischem Kommentar: « Unsere französischen Kollegen haben ihre Illusionen über die pazifistiche Lehrer- Internationale noch nicht aufgegeben... Die Zeit wird sie schon eines besseren belehren.>> Wir in der I. B. A. bemühen uns, zur Wirkung der Zeit beizutragen, sowohl durch das Bulletin der I. B. A., als auch durch die ganze Aktion der I. B. A. Das Büro des Berufssekretariats, das in Rennes von dem Beschluss des Syndicat National« Akt nahm», wird Ende Dezember in Amsterdam tagen. Ende Dezember halten auch unsere Genossen vom Bond van Nederlandsche Onderwijzers und unsere belgische Sektion ihren Jahreskongress ab. Keiner kann daran zweifeln, dass sich in Brüssel und in Amsterdam der Wille zur klassenbewussten Gewerkschaftseinheit in wachsendem Masse festigen wird, weil dieser Gedanke, der auf einem französischen Lehrerkongress erstand, seit zehn Jahren rund um die Erde gezogen ist, und weil nichts die vormarschierende Wahrheit aufhalten kann! Heirat ist Selbstmord! In Wien herrschte nur über einen Punkt Einstimmigkeit, in dem Entschluss nämlich, die Frage der Beziehungen zwischen dem Internationalen Berufssekretariat und der I. B. A. in der Schwebe zu lassen». Einstimmig nahm man den diesbezüglichen Antrag unseres Genossen H. Clément an und ging zur Tagesordnung über. Die Sitzung nimmt ihren Verlauf, und unsere Arbeit auch. Zur Information bemerken wir, dass immer die gleichen Genossen die I. B. A. bekämpfen und darauf bestehen,« die Mittel und Wege einer Zusammenarbeit mit der I. B. A.», mit unserer gewerkschaftlichen Klassenkampfinternationale, nicht studieren zu wollen, während sie zu gleicher Zeit ihre Sympathie der pseudopazifistischen und antigewerkschaftlichen Internationale reservieren! Diese Ansicht der Genossen H. von Bracken, Klein und Lassnigg machen wir uns zu eigen, und wir brauchen wohl nicht zu wiederholen, dass wir sie nur auf die verantwortliche Leitung des Deutschen Lehrervereins und der National Union of Teachers beziehen. Für den Genossen Lebaillif ist eine Art Heirat mit der I. B. A. unter den gegenwärtigen Bedingungen die Gewissheit unheilvoller Folgen und des Selbstmordes des Berufssekretariats»; wir halten es für gut, ihm dagegen die etwas mehr als zwei Jahre alte Erklärung vor Augen zu führen, die auch das Verdienst hat, in Wien und einstimmig aufgestellt worden zu sein: « Der IV. Kongress der I. B. A. bedauert aufrichtig den letzten Versuch des I. G. B., eine neue Internationale der Bildungsarbeiter zu schaffen; betont von neuem seinen festen Willen, die gewerkschaftliche Einheit zu wahren; richtet einen dringenden Appel an alle Bildungsarbeiter der Welt, sich der I.B.A. anzuschliessen.» In der kurzen Geschichte unserer Internationale bedeutet unser IV. Kongress den Kongress der Einheit! Wird man morgen vom Generalrat des Berufssekretariats, seiner ersten Zusammenkunft, sagen, dass er der Generalrat des statu quo ist? Eine Wendung wie Heirat und Selbstmord ist nur eine Metapher! Klar, genau und wirkend ist, dass einstimmig, und zwecks Ausschaltung einer Diskussion über die Beziehungen zur I.B.A., der Beitritt unserer luxemburgischen Sektion zum Berufssekretariat nur unter vier Bedingungen erfolgte, und in der dritten Be ingung ist festgelegt, dass man sich im Schosse des Berufssekretariats in allernächster Zukunft über die Art und Weise der Zusammenarbeit mit der I. B. A. schlüssig werden solle. Gern geben wir zu, dass es vielleicht nicht von unseren Amsterdamer Genossen abhing, dass sie fast zwei Jahre lang keine erste Tagung des Generalrats ermöglichen konnten. Niemals haben wir die verschiedenartigen Schwierigkeiten verkannt, die auf einer ernsthaften internationalen Tätigkeit lasten. Mit Recht dürfen wir wohl aber hoffen, dass nicht wieder eine so lange Zeit verstreichen wird, um unsere Genossen vom Berufssekretariat zur Tagung zusammenzuführen, worauf sie im Sinne der luxemburgischen Bedingung zur Prüfung der Art und Weise der Zusammenarbeit mit der I. B. A.» übergehen könnten. Wer das Ziel will, will auch die Mittel! Jedem, der sich auf die Arbeiterklasse beruft, erwächst aus den Bedingungen unserer Gewerkschaftskämpfe die unumgängliche Verpflichtung,« die Einstimmigkeit im revolutionären Denken und Wollen» anzustreben. Sollte Genosse Lebaillif« die Prüfung der Art und Weise der Zusammenarbeit mit der I. B. A.» nicht etwa ganz unbewusst mit dem Selbstmord gedanken verbinden, weil er nämlich den Gedanken eines verbindlichen Kontraktes verwirft? Kann er andererseits aber einen Kontrakt haben mit daraus folgender wirksamer Zusammenarbeit und Kampf um ein revolutionäres Ziel, um die Befreiung unserer Klasse, wenn die eine der kontraktschliessenden Parteien volle Freiheit für die internationalen Beziehungen behalten will? Das hiesse geben und zurücknehmen! In einer Kampfinternationale gibt es keine« gefährlichen Verbindungen», sondern klare Grundsätze, klare und unbedingte Beitrittsbedingungen. Die Bildungsarbeiter sind daran gewöhnt, offen zu sprechen und der Wahrheit frei ins Antlitz zu schauen. DIE LEHRER- INTERNATIONALE 17 Das Sammeln der Gewerkschaftskräfte auf dem Klassenboden bleibt Endziel! - Die ganz nackte Wahrheit hätten wir Genosse Posthumus und der Beauftragte der I. B. A. herausgeschält, wenn die verantwortlichen Genossen im Syndicat National es nicht auf sich genommen hätten, eine Mitteilung, eine Diskussion etwas hinauszuzögern; das geschieht allerdings so nebenbei, aber leider nicht zum Nutzen der Beteiligten. Genosse Posthumus erachtet es für notwendig, so schnell wie möglich mit der « Prüfung der Art und Weise der Zusammenarbeit mit der I. B. A.» zu beginnen. Worte wie Heirat, Selbstmord, sind, wie gesagt, blosse Metapher! Wenn Posthumus aber sagt:« Bei Durchsicht des Programms der I. B. A. findet man nichts, womit wir uns nicht einverstanden erklären könnten», dann sind das klare Worte, dann ist das die Sprache von heute und morgen für alle Genossen, die sich auf den Boden des Klassenkampfes stellen. Wer sich daher weigert, das Programm der I. B. A. durchzugehen, wer sich weigert, selbst ihre Statuten und Aktion kennen zu lernen, der trägt schon eine schwere Verantwortung. Wer sich aber weigert, unseren Gewerkschaftsorganisationen die ihnen zustehenden Mitteilungen und Informationsmöglichkeiten zu geben, der trägt eine noch viel schwerere Verantwortung. Er läuft sicherlich Gefahr, dass ihm eines Tages und mit Recht vorgeworfen wird, er habe die Interessen unserer Klasse verraten. Anklagen ist eins! Beweisen etwas anderes An dieser Stelle könnten wir den Bericht über das Wesen der pazifistischen und gewerkschaftlichen pädagogischen Ostern im Jahre des Heils 1928 schliessen; mit Recht können unsere Genossen aber einige ergänzende Mitteilungen erwarten, wodurch sie aufgeklärt werden könnten. : Für heute genügen zwei Angaben erstmals sollen unsere Genossen, die Delegierten des Syndicat National auf dem Kongress von Rennes( August 1928), erfahren, dass wir durchaus nicht davon unterrichtet waren, dass Genosse Posthumus den Vorsitz ihres Kongresses führen würde; zweitens sollen sie wissen, dass wir recht gut verstehen, warum der ihnen gesandte Gruss der I. B. A. nicht verlesen wurde. Unserem Genossen Posthumus drücken wir vorerst unser lebhaftes Bedauern aus; wir tun es auch in bezug auf die Delegierten der 72.000 Genossen, die erst heute erfahren, dass sie wieder einmal darum genarrt wurden, unterrichtet zu sein und ihren Vorsit zenden über Worte aus seinem Munde zu befragen. Genosse Posthumus hatte seitdem das Recht und die Möglichkeit zu erklären, ob wir zum Verräter an seinem Gedanken wurden oder ob wir den Interessen unserer Klasse dienen, indem wir hiermit einen kurzen aber getreuen Auszug aus seinem langen Bericht auf der Nachmittagssitzung am 10. April d.J. in Wien wiedergeben: « Ich habe immer gehofft, sagte er, « dass wir auf diese oder jene Weise zu einer « Verständigung mit der Pariser Inter« nationale kommen würden, was umso « wichtiger ist, als Luxemburg und Belgien « der Pariser Internationale treu zu bleiben « scheinen. Wir dürfen nicht vergessen, « dass die Pariser Internationale als erste « gegründet wurde, dass sie bereits eine « grosse Tätigkeit entfaltete, und dass es «< eher auf uns ankommt, den ersten Schritt « zu machen. Sie wurde zu einer Zeit « gegründet, als der I. G. B.( und auch unser « Bond) noch dabei war, die Lehrer zum « internationalen Zusammenschluss zu brin«< gen. Schon damals hatte die Pariser « Internationale ihren Weg gefunden. Sie « schloss sich weder an Amsterdam an noch « an Moskau. Sie bewahrt diese Stellung, « auch heute noch. Es genügt sicherlich << nicht, diese Haltung ein kommunistisches « Manöver zu nennen. Das müsste man « erst beweisen. Können wir es aber nicht « tun, dann müssen wir anerkennen, dass « beide internationale Organisationen le« bensberechtigt sind und auch das Recht << haben, die organisierten Lehrer zusammen« zufassen. Gibt man dies alles zu, SO « kann es auch nicht mehr schwer erschei«< nen, unser Berufssekretariat, das jünger «< ist, die ersten Schritte zur Annäherung « machen zu sehen.>> Diese Sätze haben wir den langen Ausführungen des Genossen Posthumus entnommen. Er nahm an unserem II. Kongress( 8., 10. und 11. August 1924) teil, im Brüsseler Volkshaus, welchen wir stets den Kongress der Organisation und Einheit genannt haben. Und er beteiligte sich auch an unseren Diskussionen über unsere Statuten, durch welche die Lehrerint ernationale der Nachkriegsjahre zur I. B. A. mit folgenden Grundsätzen wurde: a) Klassenkampf für die Befreiung der Arbeiterklasse; b) Kampf gegen den Imperialismus und seine kriegerischen Gefahren, sowie gegen den Weltfaschismus; c) Anerkennung der internationalen Disziplin und ihre Befolgung. Und diesem unserem Genossen Posthumus unterbreiten wir heute die Schlussfolgerung unserer Artikelserie über die pazifistischen und gewerkschaftlichen pädagogischen Ostern: « Letzten Endes muss es wohl trotz allem möglich sein, alle Genossen zusammenzufassen, die das Prinzip des Klassenkampfes annehmen.»> Paris, d. 20. 11. 28. L. VERNOCHET. INANS SCHULE UND UNTERRICHT IN ALLER WELT Die Sprachenfrage im Unter1926 es im Bulletin Nr. 8 des I. B. E., in Erwartung des zusammengestellten Berichts von der richt als soziales und pädago- internationalen Kommission, die von der gisches Problem Die Artikelserie dieses Bulletins kann natürlich nicht als eine vollständige internationale Enquete über den Gegenstand betrachtet werden, doch zeigt sich an Hand einiger typischer Beispiele, dass die Sprachenfrage, wie sie sich in verschiedenen Ländern ergibt, in politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen wurzelt. Es geht daraus auch hervor, dass die Staten, welche << sprachliche Minderheiten» unterdrücken, sich der Schule bedienen als eins der wirksamsten Werkzeuge für die Erfüllung ihrer Ziele. Man kann daher das pädagogische Problem, das sich aus der Frage der Unterrichtssprache ergibt, nicht anders ins Auge fassen als mit bezug auf die gegebenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse. Es hat keinen Zweck, ein Problem zu prüfen und sich vor den tiefen Ursachen desselben zu verschliessen. Das wäre ein Verzicht auf das Streben nach einer wahren Lösung und ein bewusstes Einkapseln in den trügerischen Bereich der Quacksal berei. * ** Im vergangenen April fand in Luxemburg eine Internationale Konferenz über das Zweisprachenproblem statt, veranstaltet vom Internationalen Büro für Erziehung in Genf. « Mit Ausserachtlassung der historischen, geographischen und sprachlichen Fragen des Zweisprachenproblems- und mit dem festen Entschluss, auch nicht einmal die politische Seite desselben zu streifen, konzentrierten die Teilnehmer ihre Aufmerksamkeit auf den rein unterrichtlichen Teil» So heisst Konferenz eingesetzt wurde. Gehen wir den kurzen Bericht im Bulletin des I. B. E. durch und sehen wir, welche Tatsachen darin am lehrreichsten sind. Man hat festgestellt, dass es mehrere Arten von Zweisprachigkeit gibt: 1.) Bilinguismus oder häuslicher Multilinguismus, sobald das Kind zu Hause zwei oder mehrere Sprachen hört. 2.) Sozialer Bilinguismus, sobald das Kind sich beim Verlassen des Elternhauses in eine fremdsprachige Umgebung versetzt sieht. 3.) Schulischer Bilinguismus, sobald das Kind den Schulunterricht in einer Sprache geniesst, die weder die Sprache des Elternhauses noch die seiner Aussenwelt ist. << Wenn einige dieser Formen des Bilinguismus, heisst es im Bericht weiter, als unvermeidlich anzusehen sind, so erscheinen andere dagegen künstlich, sozusagen pathologisch: man könnte ihnen ein Ende setzen. Man sah davon ab, sich in das Bereich der Empfehlungen zu wagen, ehe die Studien dieses Tatsachenkomplexes weiter vorgeschritten sind». Die Auswirkungen des Bilinguismus auf das Kind sind jedenfalls eingehender studiert worden, besonders von Dr. Decroly. Der belgische Gelehrte« neigt zur Annahme, so liest man im Bericht, dass sie bei jedem Individuum verschieden sind». Bei gewissen sprachbegabten Kindern könnte der Bilinguismus ihre Fähigkeiten anfeuern. Bei den anderen hätte er bestimmte schwere Störungen zur Folge, wie Bewegungsstörungen( allgemeine Ungeschicktheit, Stottern, selbst Schielen), Störungen der Geisteskräfte im allgemeinen und Zurückbleiben in den schulischen Leistungen. DIE LEHRER- INTERNATIONALE Zusammenfassend wurde beschlossen, eine internationale Erhebung unter den Eltern und Lehrern anzustellen und die Arbeiten der experimentellen Pädagogik zu studieren. * ** Wir stellen also fest, dass die Kongressisten sich vor allem für. den« schulischen Bilinguismus» interessierten. Das ist logisch. Und auch wir wenden vor allem ihm unsere Aufmerksamkeit zu, werden davon doch alle verkannten und bedrückten Völker betroffen und hauptsächlich die armen Bevölkerungsschichten: das Proletariat und die Bauernschaft. In Beachtung ihrer Interessen identifizieren sich die wohlhabenden Klassen mit den Bedrückern, wie wir der Einfachheit halber sagen wollen; sie passen sich recht schnell an die von letzteren geschaffenen Bedingungen an. Aber die armen Bevölkerungsschichten erhalten ihre Traditionen und ihre Sprache. Dabei bleibt ihnen eine wahre Kultur verschlossen, die sich im Masstabe der schnellen Entwicklung der modernen intellektuellen, technischen und sozialen Zivilisation entwickelt. Die Störungen, die Dr. Decroly in so vorsichtiger und zugleich so genauer Weise aufzeigt, sind ernst genug, um schliessen zu können, dass nur der Gebrauch der Muttersprache eine so umfassende Entwicklung ermöglicht. Der Beweis ist erbracht, dass die Kinder der« sprachlichen Minderheiten» schon von der Volksschule an, wo ihnen der Unterricht gewöhnlich nur spärlich zugemessen wird, mit den Schwierigkeiten einer neuen Sprache zu kämpfen haben. Hält man sich nur an die am deutlichsten und am häufigsten nachgewiesene Störung, die aus diesem System erwächst, nämlich das Zurückbleiben in den Schulleistungen, dann sieht man, dass hier die Ursache zu suchen ist für die winzige Anzahl von Begabten, die zur höheren Schule vordringen, wenn es hoch kommt zur Universität, und dies noch in der Voraussetzung, dass die materiellen Mittel der Eltern es gestatten. Wir leugnen gewiss nicht, dass das Problem sehr verquickt ist und dass es für die einzelnen Länder und Sprachen Sonderfälle gibt. Aber der Komplex vergrössert sich eigenartigerweise, sobald man die historische, geographische und sprachliche Seite ausschaltet, vor allem aber die politische. Wir sind gespannt, aus einem ausführlicheren Bericht zu ersehen, wie die Kongressteilnehmer Lu19 xemburgs bei Uebergehen dieser Faktoren zwischen den Formen des Bilinguismus unterscheiden konnten, zwischen den unvermeidlichen und den pathologischen, also zu heilenden, zu beseitigenden. Wie gesagt, könnte man die Schwierigkeiten nur lösen unter Berücksichtigung dieser Faktoren, die wir historische, geographische, sprachliche und politische Ursachen nennen; denn nur nach bewusstem Erfassen dieser Ursachen werden die Völker sich ihrer Lage bewusst werden und der dagegen anzuwendenden Heilmittel, was auf ihre Befreiung hinausläuft. Wenn die<< unterrichtlichen Fragen» von den Bildungsarbeitern auch sicherlich nicht vernachlässigt werden können, so tritt es für uns doch deutlich genug zu Tage, dass die wahre Lösung von den Völkern selbst herbeigeführt wird, im Kampfe gegen ihre Bedrücker. Und dieser Kampf wird ein Teil des Klassenkampfes in den Ländern mit nationalen Minderheiten sein, weil die Volksmassen, wie bereits ausgeführt, am ersten an einer Lösung der sprachlichen Probleme interessiert sind ihre intellektuelle Befreiung hängt mit ihrer wirtschaftlichen Befreiung zusammen. Und weil die schulische, die pädagogische Seite des Problems der sprachlichen Minderheiten ein wesentlicher Bestandteil der Kulturbewegung ist, hängt auch sie mit dem sozialen Problem zusammen. Die vom I. B. E. cinzuleitenden Erhebungen bei den Eltern und Lehrern, die Arbeiten der experimentellen Pädagogik zwecks Studiums der Auswirkungen des Bilinguismus auf die Kinder, dieses alles interessiert uns folglich sehr. In beiden Fällen werden sicher erhellende Tatsachen zusammengestellt und die Leitsätze von Dr. Decroly gestützt werden, um so den ganzen Ernst dieser Auswirkungen zu zeigen. Nach allem glauben wir schon jetzt, ganz allgemein die Losung aufstellen zu können: die Muttersprache muss Unterrichtssprache sein. Vergessen wir aber nicht, dass diese pädagogische Forderung nur in dem Masse verwirklicht werden kann, in welchem die betreffenden Völkergruppen sich derselben voll bewusst werden. Und auch für diesen Teil des grossen Kampfes für die Volks befreiung sagen wir wiederum gemeinsamer Kampf der Bildungsarbeiter und der proletarischen Massen aller Länder! Der pädagogische Sekretär. 20 20 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Dämmerung im Elsass Elsass- Lothringen ist nicht auf der offiziellen Liste der nationalen Minderheiten eingetragen, die der Vormundschaft des Völkerbundes( 1) unterstellt sind. Sein Minderheitscharakter geht jedoch auch deutlich aus der Lage der dortigen Lehrerschaft und des Unterrichts hervor. Die Lehrerschaft leidet unter einer Verschlechterung der 1914 genossenen Lage; ferner ist sie im Hinblick auf die<< innerfranzösischen» Kollegen zurückgesetzt; schliesslich unterliegt sie in gewerkschaftlicher und nationaler Beziehung einem wahren Polizeiterror. Was den Unterricht anbetrifft, so hat die französische Bourgeoisie voller Reue über ihre weltliche Vergangenheit sorgfältig das vom alten Regime übernommene rückschrittliche Element aufrecht erhalten, d.h. die klerikale Herrschaft. Ausserdem übt der Siegerimperialismus eine unerbittliche Verfolgung der Muttersprache aus, was in letzter Linie auf eine Verfolgung der Landeskultur und vor allem der Volkskultur hinausläuft. Niedrige Gehälter, ungeheure Steuern Vor dem Kriege bezog der elsässische Lehrer nach 24 Dienstjahren ein Jahresgehalt von 2.700 M. und erhielt ausserdem in den zweisprachigen Gebieten( Mosel) eine sogenannte« Sprachenzulage» 200 M., wodurch sich sein Gehalt also auf von 2.900 M. erhöhte. Lassen wir die Sprachenzulage beiseite und halten wir uns nur an das offizielle Gehalt von 2.700 M. Dagegen ist aber zu beachten, dass zu diesem Grundgehalt noch planmässige Zulagen hinzukamen: ein Colmaer Lehrer bezog z.B. noch 500 M. Wohnungsgeld und 900 M. Ortszulage, also insgesamt 4.100 M. Was verdienen wir heute? Der elsasslot hringische Lehrer erhält vom Staat 9.000 bis 16.000 Franken( 1.500 bis rund 2.670 M.) mit Anspruch auf das Höchst gehalt vom 52. Lebensjahr ab. So scheinen wir durch die heutigen Staatsleistungen das ungefähre Vorkriegsniveau einzunehmen, aber das ist blosser Schein, weil die Kaufkraft des Geldes stark gesunken und auch nach der Stabilisierung in stetem Sinken begriffen ist... Gehaltlich werden die elsässer Lehrer natürlich in gleicher Weise behandelt wie die Lehrer Innerfrankreichs. Die Gehälter der französischen Lehrer betrugen vor dem Kriege 1.100 bis 2.200 Franken( 880 bis ( 1) Wir bemerken, dass übrigens der Leiter der Minderheitenabteilung im Völkerbund ein gewisser Agwer de Carcer ist, der von Spanien für den Posten bestimmt wurde, obgleich Spanien die katalonische Minderheit bedrückt...( D. R.). 1.840 M.), doch wurden sie allgemein als ungenügend bezeichnet, und die Kommission Hébrard von Villeneuve bestimmte im Jahre 1919, dass das Mindestgehalt eines Beamten 1914 hätte 1.800 Franken( 1.440 M.) betragen müssen. So ist es gekommen, dass die Lehrergehälter des cadre général( Staatsbeamte mit allgemeinen Bürgerrechten) nur zu dem Stabilisierungskoeffizienten des Beamtenmindestgehaltes aufgewertet wurden, ohne Rücksicht auf den Rang des Lehrers und die tatsächlichen Lebenshaltungskosten. Eins steht aber fest: der elsässer Lehrer erleidet heute einen fühlbaren Verlust bei den Zulagen. Vor dem Kriege zahlte Colmar als Wohnungsgeld 500 M. an Lehrer und 350 M. an ledige Lehrerinnen. Die Ortszulage belief sich auf 200 bis 900 M. für Lehrer und auf 150 bis 450 M. für unverheiratete Lehrerinnen. Heute beträgt das Wohnungsgeld für Unverheiratete nur 1.000 Franken, eine angemessene Wohnung kostet aber reichlich das Doppelte! Die Stadt hat nur an Wohnungsgeld für die Geistlichen und Lehrer an höheren Schulen gedacht. Die Geistlichen erhalten dreimal so viel wie die Volksschullehrer. Auch die Ortszulage der Colmaer Lehrer ist entwertet. Nur die Steuern sind angewachsen: der Umrechnungskoeffizient für Gehalts- und Lohnsteuer macht mehr als 1.041% aus, stellt sich aber nur auf 615% für die Gewerbesteuer und auf 67% für die Grundsteuer. In Strassburg liegen die Verhältnisse nicht besser. Vor den Wahlen, am 2. April 1928, beschloss der Magistrat, das Wohnungsgeld um 10% zu erhöhen, mit Wirkung vom 1. Januar 1928. Diese Erhöhung beträgt aber nur 240 Franken jährlich für verheiratete Lehrer, 150 Franken für unverheiratete und 120 Franken für Lehrerinnen! 66 Centimes täglich für verheiratete Lehrer und 33 Centimes für Lehrerinnen. Das ist alles, was eine Stadtverwaltung mit Arbeitèrmehrheit den Volksschullehrkräften bewilligt hat. Und gerade der Leiter der dortigen Bezirksgruppe des Syndicat National hat in seiner Eigenschaft als Stadtsekretär die Ortszulage der Lehrer auf 1.320 Franken pro Jahr erhöht, als ob man in Strassburg auch nur für 110 Franken monatlich eine einfache Zweizimmerwohnung finden könnte! In Metz erhält der verheiratete Lehrer 1.560 Franken Wohnungsgeld; auch damit kann er unmöglich eine einigermassen zusagende Wohnung mieten. Der Magistrat weiss das ganz genau, hat er doch auf eine Anfrage geantwortet, dass die Miete für eine Vierzimmerwohnung 3.600 Franken beträgt. Andererseits beläuft sich die Lohnsteuer aber auf den erdrückenden Betrag von 800 Franken. Von Bedeutung ist auch, dass der Lehrer in Metz vor dem DIE LEHRER- INTERNATIONALE Kriege 4.400 M. verdienen konnte, das sind 26.400 Papierfranken. Heute steht das sozialistische Strassburg nicht hinter dem klerikalen Metz zurück, was die Ausbeutung der Lehrer anbetrifft: Die Nachteile des" cadre local" Neben der schlechten Besoldung sehen sich die Beamten noch als cadre local( unter einem besonderen Rechtsstatut) betrachtet. Seit langer Zeit ist dieser cadre local im Hinblick auf den cadre général stark benachteiligt. Man darf nicht vergessen, dass der französische Staat 9 Jahre brauchte, um einzusehen, dass ein Lehrer des cadre local nicht niedriger einzuschätzen ist als ein Lehrer des cadre général. Erst durch das Gesetz vom 1. Januar 1928 wurde vom Parlament beschlossen, dass ohne Unterschied, sowohl für den cadre local als auch für den cadre général, 16% vom Gehalt zu zahlen sind als Sprachenzulage für << die Schwierigkeiten, die sich aus der Zweisprachigkeit und den besonderen Be_ dingungen» in Elsass- Lothringen ergeben Bis dahin betrug diese Sprachenzulage nur 8% für den cadre local der durchweg genötigt ist, zwei Sprachen zu sprechen, und für den cadre général machte sie schon vorher 16% aus. Warum diese Vergünstigung? Ohne Zweifel, weil letztere Beamte, wie man sagte, nicht deutsch konnten, also nur eine Sprache beherrschten! Als das Parlament andererseits am 9. Dezember 1927 das Gesetz Dessein annahm, wodurch den Beamten, öffentlichen Angestellten und vom Staat beschäftigten Arbeitern, die an der Front gewesen waren, eine Dienstaltererhöhung bewilligt wurde, da trug das Parlament Sorge, dass dieses Gesetz nicht für die elsässischen Beamten in Frage käme, die ja ihrer Wehrpflicht in der deutschen Armee Genüge getan hatten. Diese Unterscheidung kommt übrigens der Ungesetzlichkeit sehr nahe; denn nach Artikel 3 unseres Statuts vom 22. Juli 1923 ist ausdrücklich festgelegt, dass<< die Beamten des cadre local durch die Einverleibung allen allgemeinen Gesetzen unterworfen werden, die bei den innerfranzösischen Kollegen in Anwendung kommen.»> Will man nicht von Ungesetzlichkeit sprechen, so liegt doch zum allerwenigsten die Nichteinhaltung eines gegebenen Versprechens vor, und man hat noch keine Gelegenheit gefunden, auf diesen Wortbruch zurückzukommen, nicht einmal bei Bewilligung der Zusatzkredite. Man sieht also, wie man im Elsass neben den Beamten, die aus Innerfrankreich kamen, eine benachteiligte Kategorie bestehen lässt, die sich aus den einheimischen Beamten zusammensetzt. Und sie müssen sich noch glücklich schätzen, im Dienst belassen worden zu sein! Entlassungen, Versetzungen, Deportation 21 Jenseits der Vogesen werden die Staatsbeamten in eigenartiger Unwissenheit über die Lebensbedingungen ihrer Brüder im Elsass gehalten. Es ist aber eine Tatsache, dass der Lehrer Rossé am 16. Mai abends vor dem Colmaer Gerichtshof vorgebracht hat, die Schulverwaltung habe 1919 die Absicht gehabt, 2.000 bis 3.000 Lehrer zu entlassen. Und am 18. Mai, als der Schulinspektor Bourgoin ihn als Belastungszeuge unvorsichtigerweise fragte, worauf er seine Behauptung stütze, da hielt ihm unser Genosse statt weiterer Antwort das betreffende Dokument hin,« ein vertrauliches und geheimes Dokument des Kriegsministers, der damals erster Verwaltungsbeamter der besetzten elsässischen Gebiete war»: Bourgoin konnte die Echtheit des Dokuments nicht bestreiten und beschränkte sich auf die Behauptung, dass« man niemals die Absicht gehabt habe, die diesbezüglichen Beschlüsse in Kraft treten zu lassen.» Was man aber nicht in grossem Masstabe machen wollte, haben die Säuberungskommissionen im einzelnen vollbracht Zur Zeit, als Millerand hier als Hoher Kommissar eintraf, wurden die Einwohner gemäss der willkürlichen Entscheidung irgend eines Beamten oder auch auf Grund einer blossen Angeberei in redliche Bürger und Verdächtige auf Listen eingeteilt, und Zehntausende wurden ohne Rücksicht auf den ihnen verursachten Schaden ausgewiesen, weil sie sich der Heirat mit einer Deutschen schuldig machten, eines Aufenthaltes in Deutschland usw... oder des blossen Verdachtes, irgendeine Vorliebe für Deutschland zu haben, gewisse Verbindungen mit Deutschland zu unterhalten. 1920, nach dem Streik der Post- und Eisenbahnbeamten, versprach der Minister Jourdain feierlich den Delegierten im Beisein von vielen Zeugen, dass man« keine Sanktion für Streiks» ergreifen werde. Dieses Versprechen wurde wie so viele andere nicht gehalten. : Ende Juli erfuhr man im Elsass von der Versetzung des Genossen Wolff in Waldenheim und Klein von Wartzenhausen. Der inspecteur d'académie Hourticq kann nicht verbergen, dass die Verwaltung mit der Angabe von« dienstlichen Gründen» eine schreiende Unwahrheit begeht. Vergeblich protestierten die beiden Gemeinderäte einstimmig diese Gemeinden haben bei den gesetzgebenden Wahlen« schlecht gewählt», die Lehrer werden als Sündenbock dienen, und der democrati che Deputierte Frey wird Genugtuung haben! Ebenso begibt es sich in Willgottheim und anderen Orten. Hier werden die Lehrer gemassregelt, weil sie gegen den Regierungskandidaten in einer Wahlversammlung aufgetreten sind, und dort, weil sie gezögert an 22 DIE LEHRER- INTERNATIONALE haben, einen kommunistischen Anschlagzettel abzureissen( auf ungesetzliche Weise) oder auch, weil sie ihre Sympathie mit dem Schulprogramm der Kommunist en ausdrückten. Man bedient sich des Reichsgesetzes vom 31. März 1873. Seit langem wurden die Führer der gewerkschaftlichen Bewegung gemassregelt. Man klagte die Führer des Autonomismus an, um auf diese Weise die kampffähigen Organisationen zu zerschlagen. Der Vorsit zende der Berufsgruppe( Groupement Professionnel) Unterelsass, Rossé, der bereits am 4. August 1926 des Amtes entsetzt wurde, ist wegen Beeinträchtigung der Staatskredite angeklagt worden, weil er für die Lehrer eine Unterstützungskasse gründete( Sapart- Angelegenheit). Als er am 30. November 1927 von den Lehrern des cadre local in Oberelsass mit erdrückender Mehrheit in den Departements- Schulrat gewählt wurde, erklärte man ihn als unwählbar und nahm ihn fest. Dagegen gab man bekannt, dass der Kandidat Herrmann( vom Syndicat National) gewählt sei, der 81 Stimmen bei 515 Wählern erhalten hatte, und er nahm den Platz eines Staatsgefangenen an. Trotz der Unterdrückung erhielt der Kandidat der Berufsgruppe am 4. März bei den Wahlen der Lehrer für das Departementsbureau der Kriegswaisen( Office Départemental des Pupilles de la Nation) in Unterelsass 87% der abgegebenen Stimmen, und die Kandidatin 99%! Am 21. Juni wurde Rossé zum Vorsitzer den der Berufsgruppe Unterelsass wiedergewählt, aber am 24. Juni verurteilte ihn der Colmaer Gerichtshof unter dem Schutze von Gendarmen, die die Strassen von der herbeigeströmten Menge säuberten, und unter dem Schutze der Feuerwehrleute, die bereit waren, den Saal unter Wasser zu setzen. Das Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis und 5 Jahre Aufenthaltsverbot. Auch vier Mitangeklagte wurden verurteilt. Begrürdet wurde das Urteil mit<< staatsgefährlichem Anschlag», obgleich nach dem Geständnis des Vorsitzenden der Liga für Menschenrechte, eines wüter den Geg ners der elsässischen Selbst är digkeit, der Beweis für das Delikt nicht erbracht worden war. Trotzdem wird die einheimische Gewerkschaftsbewegung im Elsass nicht gebrochen werden, und die 3.000 gewerkschaftlich organisierten Lehrer des cadre local werden ihren Mann stehen. Eher wird man sie deportieren, als unterwerfen. - Es ist kein Hirngespinst, an Deportation zu denken. In einer Pariser Zeitung und schlimm ist, das diese Zeitung für gut unterrichtet gilt in Schulangelegenheiten, hat Jean Piot im Hinblick auf das« Assimilieren der Beamten des cadre local» vorgeschlagen, sie ohne Schikane, ohne Bedrückung», aber ohne ihre Einwilligung,« ins Innere Frankreichs zu - schicken, um sich mit den dortigen Verhältnissen vertraut zu machen, usw.» Es ist wirklich eigenartig, wie man im Elsass gesagt hat, dass dieser Journalist des Œuvre so wenig auf dem laufenden in den hiesigen Angelegenheiten ist, dass er nichts davon weiss, dass den elsässischen Lehrern, die für ein Jahr ins Innere gehen möchten, ständig die erbetene« Aufenthaltsentschädigung» abgeschlagen wurde. Noch eigenartiger ist es, dass dieser entschlossene Verbanner der Lehrerschaft selbst den Lehrberuf ausgeübt hat, ehe er Journalist wurde, und wie eine so autoritäre Lösung sich mit einem sogenannt fortschrittlichen Geist vereinen lässt, einem erprobten Gegner des Zwanges und Obskurantismus. Frankreich wahrt ängstlich die Bekenntnisschule * Man versichert sogar, dass Herr Piot ein eifriger Antiklerikaler ist. Aber gerade das Elsass beginnt an einen Antiklerikalismus gewöhnt zu werden, der lärmerd aber harmles ist und als bequeme Rechtfertigung für den rasenden Chauvinismus der sogenannten linken französischen Bourgeoisie dient. Dieser Chauvinismus würde sich in seiner ganzen abscheulichen Grösse zeigen, wenn der Kampf z. B. ausschliesslich gegen die Muttersprache als solche geführt würde. Die« liberale» Bourgeoisie Frankreichs hat es jedoch meist er haft verstanden, das historische Moment auszunutzen, wonach die Sprachenfrage im Elsass immer durch die Frage des auf deutsch erteilten Religionsunterrichts aufgerollt wird. einem rein chronologischen Zusammenhang konnte man sehr günstig auf einen logischen Zusammenhang schliessem: so triumphiert die Verwirrurg, so erhält man eine Zusammensetzung oder besser eine Dauermischung aus dem nationalistischen und antiklerikalen Gedanken. Es gibt im Elsass Klerikale, die sich in ihrem religiösen Kampf der nationalen Forderungen bedienen, es gibt aber auch die Masse der liberalen Bürger, welche die Idee der Weltlichkeit ihrem Chauvinismus dienst bar machen. Wenn man aber unterrichtet ist, dann täuscht man sich darin schwerlich. Zum Beispiel hat die Kandidatin des Syndicat National für den Departement srat Oberelsass mit der Losung« für die weltliche Schule und die französische Idee» 27 Stimmen erhalten, wogegen 620 Stimmen auf die Kandidatin der Berufsgruppe entfielen! Man kann sich kaum denken, dass« die französische Idee» der« weltlichen Schule>> nicht geschadet haben sollte. Man kann sich kaum denken dass es nur 27 weltlich eingestellte Lehrerinnen auf insgesamt 647 geben sollte. Kann man aber hier von harmlosem Antiklerikalismus sprechen? Sollte alles Lärmen, die ganze Presse DIE LEHRER- INTERNATIONALE kampagne des Inneren gegen die elsässische Bekenntnisschule zu keinem anderen praktischen Resultat geführt haben? Wir befinden uns vor folgender Sachlage: Frankreich hat in Elsass- Lothringen weder das Gesetz von der Trennung zwischen Staat und Kirche durchgeführt, noch die Gesetze für den weltlichen Unterricht. Die Klerikalen haben ihren beiden Hauptleitsätzen zum Siege verholfen Aufrechterhaltung des Konkordats und Aufrechterhaltung der Bekenntnisschule. Noch immer ist das Gesetz Falloux in Kraft, ein Gesetz der Reaktion, angenommen von der französischen Bourgeoisie nach dem Arbeiteraufstand vom Juni 1848. Nicht gültig ist es natürlich in der darin enthaltenen Verfügung über die Freiheit des Unterrichts; denn durch das deutsche Gesetz vom 13. Februar 1873 wurde das ganze Volksschulwesen unter die Leitung des Staates gestellt. Gültig ist es aber noch in seinen Festlegungen über den bekenntnismässigen Charakter des öffentlichen Unterrichts. So umfasst der Volksschulunterricht noch immer die gesetzliche religiöse Unterweisung. Gemeinden, in denen verschiedene Religionsbekenntnisse ausgeübt werden, müssen jedem Bekenntnis einen besonderen Kult sichern. Und noch immer kann die Simultanschule nur« in Anbetracht der Umstände und provisorisch>> eingerichtet werden. Das Gesetz Falloux wurde durch die Verordnung vom 4. Januar 1874 erläutert. Auch diese Verordnung ist noch in Kraft. Auf Grund der Verordnung liegt den Lehrern der biblische Geschicht sunterricht ob und die Erleichterung des Katechismusunterrichts. Im Prinzip ist mit letzterem der Ortsgeistliche beauftragt. Die Lehrer sind verpflichtet, mit den Kindern geeignete Kirchenlieder zu üben, ihnen die Bedeutung der Kirchenfeste zu erklären usw... Diese Verordnung legt auch für alle Schulen mit gemischtem Bekenntnis fest, dass der Religionsunterricht von den Lehrern nur den Kindern ihres Bekenntnisses erteilt wird. Unterrichtet an einer solchen Schule nur ein Lehrer, so übernimmt der Geistliche den gesamten Religionsunterricht der Kinder des anderen Bekenntnisses. Weitere Verschlechterungen sind auf eine Verordnung des General- Gouverneurs Bismarck- Bohlen vom 18. April 1871 zurückzuführen. In Artikel 13 wird hier der Schulzwang auf den Religionsunterricht ausgedehnt. Eltern, Vormunde usw., die sich gegen die Verordnung vergehen, sind einer Geldstrafe( bis zu 10 Franken) ausgesetzt und der Gefängnisstrafe( bis zu einer Woche). Die Bekenntnisschule kennzeichnet sich ferner durch den Umstand, dass auch ausserhalb des Religionsunterrichts im Sinne des eingeführten Religionsbekenntnisses unterrichtet werden muss. Im selben 23 ausGeiste sind auch die Schulbücher zuwählen, und zu Beginn und Schluss des Unterrichts muss gebetet werden. Natürlich ist auch die Lehrerbildungsanstalt konfessionell. Die noch gültige Verordnung vom 4. Januar 1874 schreibt vor, dass Religion bei der Aufnahme und beim Abgang Prüfungsfach ist. Im kat holischen Lehrerseminar müssen die Seminaristen viermal jährlich zur Beichte gehen; morgens und abends, sowie bei den Mahlzeiten beten; dreimal wöchentlich dem Religionsunterricht beiwchnen; die Anfangsgründe des Orgelspielens erlernen. Hervorgehoben muss noch die grosse Rolle werden, welche die Religionsgeselischaften im öffentlichen Unterricht spielen. 1.400 Schwestern unterrichten in Mädchenschulen. Mehrere Knabenschulen sind ganz in den Händen der« Brüder vom Christlichen Glauben». Diese Laienbrüder und Laienschwestern bilden einen Lehrerstand zweiten Ranges, billige Lehrkräfte, die vom Staat nur die Hälfte des Durchschnittsgehaltes eines ordentlichen Lehrers erhalten. Daraus erklärt sich, dass es fast keinen öffentlichen Volksschulunterricht im Elsass gibt. Gegen diese Umkrampfung des Klerikalismus ist nichts unternommen worden. Die bürgerliche Republik hat den Klerikalismus im Gegenteil sorgsam gepflegt. Minister Herriot ist noch nicht über das Stadium des Zauderns hinausgekommen. Nur auf ausdrücklichen Wunsch der Stadtverwaltung wurden einige Schulen simultan, und zwar nur in 6 Gemeinden( Strassburg, Colmar, Graffenstaden, Schiltigheim, Hüningen und Gebweiler). Und bis zum Jahre 1925 wurde sogar die Erlaubnis zur Einrichtung von Simultanschulen von den Präfekten, den Agenten der Staatsgewalt, verweigert! Diese Lage ist umso bedenklicher, als die im Elsass eroberten Stellungen dem Klerikalismus als Ausgangspunkt dienen für den Angriff auf die Schulen im übrigen Frankreich. Dieses Eingeständnis finden wir in der katholischen Revue« Studien»> vom 20. Juni. Es wird darin gesagt, dass das « Elsass und Lothringen sich vor der Idee der Weltlichkeit erst dann wahrhaft geborgen fühlen werden, wenn Frankreich selbst davon befreit ist». In Wirklichkeit kämpft das liberale Bürgertum im Elsass ebenso wenig für die Einrichtung der weltlichen Schule wie der Staat. Auf die Einstellung dieser angeblichen Bekämpfer des Klerikalismus kann man aus der seltsamen Haltung schliessen, die diesbezüglich der Vorsitzende der Liga für Menschenrechte, Prof. Basch, in einem Artikel vom Juni d. J. eingenommen hat. Prof. Basch beschränkt sich darauf, zu bedauern, dass Poincaré« feierlich>>, vorbehaltlos und bedingungslos versichert habe, das Elsass würde sein Unterrichts- und 24 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Religionsstatut solange behalten, wie es will». Prof. Basch wirft die Frage auf, warum Poincaré nicht an eine ganz einfache Lösung gedacht hat, die Endziel einer gesunden französischen Politik im Elsass sein müsste. Diese Lösung könnte man«< Verweltlichung durch Ueberzeugung»> benennen, und sie bestände ganz einfach in der Herausgabe von deutschen Zeitungen im Elsass und in Rundreisen von Rednern, die den Dialekt beherrschen. Auf diese Weise könnte man dem Elsass« den Sinn und die Tragweite der weltlichen Schule und den Sinn und die Tragweite der Schulneutralität» vor Augen führen. Man kann sich wirklich kaum eine durchgreifendere Kampfmethode gegen den Klerikalismus vorstellen! Welche Haltung nimmt die Lehrerschaft ein? Die Berufsgruppe steht unter der Führung von überzeugten Anhängern der Bekenntnisschule Die Bezirksgruppe des Syndicat National benutzt die weltliche Schule nur als Deckmantel für die nationalistische Idee. Man ist aber bereit, die weltliche Schule aufzugeben oder sogar zu verraten, sobald sie die Mitgliederwerbung beeinträchtigt. Man darf nämlich nicht vergessen, auf welche Weise die Lehrer des Bezirks Hagenau zu einem Vortrag des Vorsitzenden der Bezirksgruppe, Naegelen, und des Generalsekretärs, Klein( jetzt 2. Sekretär des Amsterdamer Berufssekretariats), am 19. Januar in Hagenau eingeladen wurden. In der Einladung las man folgenden charakteristischen Satz:« Glaubt nicht, dass wir Euch bitten werden, Apostel der weltlichen Schule in Euren Dörfern zu werden; glaubt nicht, dass wir Leute ohne Religion sind, dass wir unsere Kinder nicht mehr beten lehren wollen.>> Die Leser dieser Einladung konrten nicht umhin, voller Melancholie an den Kongress desselben Syndicat National im Jahre 1926 in Strassburg zu denken. Das erklärte Ziel des Kongresses war die Förderung der weltlichen Schule im Elsass... Die Sprachenfrage, eine Klassenfrage Ernst hatte Kämpfe führt man gunsten des Nationalismus. nur zu Die Frage der Muttersprache bildet die Grundlage der ganzen elsass- lothringischen Bewegung. 83% der Bevölkerung des Elsass schreibt und spricht deutsch. Man behauptet, dass der Elsässer Dialekt spricht und nicht deutsch. Das ist aber ein Scherz, wie Prof. Basch so ausgezeichnet bemerkt. Uebrigens gibt Basch zu gleicher Zeit zu, dass« der Kernpunkt aller Schwierigkeiten nicht so sehr die Sprachenfrage ist, wohl aber das religiöse Problem»>. Basch will dazu beitragen, die wahre Natur der: elsässischen Bewegung zu verschleiern. Sieht man vom lothingischen Gebiet mit der überwiegend französischen Sprache ab, dann muss man feststellen, dass die unteren und mittleren Bevölkerungsschichten nur deutsch sprechen. Deutsch ist Muttersprache, die natürliche Sprache der Familie, der Strasse, der Schule, der Presse, des Theaters. Nur die Bourgeoisie kann französisch, weil sie französisch als zweite Sprache auf der höheren Schule lernte. Als logische Folge dieser Lage wurde die Beherrschung der französischen Sprache im Elsass zu einem Klassenmerkmal der Bourgeoisie. So kommt es auch, dass im Elsass nur ein Volksschulproblem besteht und kein Problem der höheren und Hochschulen. Früher, vor dem Eintritt in die imperialistische Aera, hat der französische Staat nie daran gedacht, die deutsche Sprache aus dem Elsass zu verbannen oder ihr auch nur den Vorrang zu nehmen. Goethe versichert, dass diese Achtung des französischen Staates vor der elsässischen Muttersprache der erste Anlass gewesen ist für die Annäherung der Elsässer an Frankreich im 18. Jahrhundert. Schon im 17. Jahrhundert hatte Ludwig XIV. den Beamten Befehl gegeben, die besonderen Merkmale der Elsässer ausnahmslos zu achten. Zu gunsten des Elsass hatte er eine ganz einzig dastehende Abweichung von der Aufhebung des Edikts von Nantes gemacht. Als erster versuchte Napoleon III. ernstlich, für die französische Sprache im Elsass einzuschreiten. Er stiess auf lebhaften Widerstand. Um 1860 verfügte der Bischof von Metz, Dupont des Loges, keine Kinder zur ersten Kommunion zuzulassen, die nicht auf deutsch die Fragen des Katechismus beantworten könnten. 1867 fand der Abt Cazeaux mit der Broschüre« Zum Beibehalten der deutschen Sprache im Elsass»( Strassburg, 1867) grossen Widerhall. Verzehnfacht wurden die Bemühungen Napoleons III. seit 1918 durch die imperialistische Republik. Von heute auf morgen erklärte der siegreiche Imperialismus, französisch sei die Sprache der Schule, der Gerichte, der Verwaltung, der Beamten und sogar eines Eisenbahners, wenn er ein Urlaubsgesuch schreiben will. Deutsch wurde als Fremdsprache bezeichnet. Auf dieses juristische Argument berief sich der Minister Ende 1927 und verschaffte sich dadurch eine rechtliche Unterlage für das Verbot der autonomistischen und kommunistischen Zeitungen. Nichts von alle dem konnte der Bourgeoisie lästig fallen. Ein Teil der elsässer Bourgeoisie kehrte aus dem Inneren Frankreichs in den Munitionswagen des Siegers zurück. Nach Frankreich waren sie 1871 ausgewandert, weil die Geschäftsverbindungen oder Aussichten auf höhere Posten in der Verwaltung und Armee sie dorthin zogen. Diese entwurzelte Bourgeoisie hatte Zeit genug gehabt, um ihre Muttersprache zum Nutzen des Französischen zu vergessen. DIE LEHRER- INTERNATIONALE Das Grossbürgertum aber, das diesseits der Vogesen verblieben war, sprach nicht nur französisch, sondern fühlte sich auch künftighin mit dem französischen Imperialismus in wirtschaftlicher und politischer Beziehung verknüpft. Das Grossbürgertum konnte den Chauvinismus nur begrüssen. In der Zeit von 1913 bis 1927 hat sich der Verkehr im Strassburger Hafen verdoppelt. Von 1918 bis 1928 arbeitete die elsässische Industrie mit vollem Ertrag, und daher ist das Grossbürgertum dem erobernden Imperialismus verfallen und besonders dem Feldzug gegen die deutsche Sprache. Wirtschaftlich fühlt sich das Grossbürgertum von der französischen Herrschaft befriedigt; politisch begünstigt es alle geeigneten Massnahmen zur Konsolidierung des Imperialismus und zur Stärkung des Zusammenhalts, der ihm für die Vorbereitung neuer Kriege nötig ist; technisch hat es die erforderliche Zeit, um seinen Kindern die Beherrschung der französischen Sprache zu ermöglichen. Die gegenwärtige Klassenspaltung im Elsass ist nur die logische Fortsetzung der bereits seit 1870 keimenden Absonderung, als nämlich die Grossindustriellen und Grosskaufleute« vollständig gewonnen waren nicht nur für den französischen Geist, sondern auch für die französische Sprache», wogegen die Arbeiter und Bauern festhielten an der deutschen Sprache und an der deutschen Kultur. es Kein Pädagoge kann behaupten, dass in Anbetracht der eng begrenzten Volksschulzeit und in Anbetracht des zu den überladenen französischen Lehrplänen hinzukommenden Religionsunterrichts möglich sei, zwei Sprachen in der elsässischen Volksschule zu lehren, wie einige es voller Unbefugtheit oder Heuchelei fordern. Um z. B. zu vermeiden, was Poincaré« vorübergehende Vorfälle» nennt, und was Prof. Basch als« Missverständnisse» bezeichnet, will letzterer alle Kinder« fliessend und korrekt» französisch und vom ersten Schuljahr ab auch ernsthaft» Schriftdeutsch lehren! Und dabei hat Basch doch anerkannt, dass deutsch die einzige Sprache des elsässischen Volkes ist! Im Gegensatz dazu bezeichnet der Generalsekretär derselben Organisation, Guernut, als Eigenart des Elsass die Zweisprachigkeit». Unter diesen Umständen kann er ohne Schwierigkeit folgenden Schluss ziehen:« Es sei ferne von uns, diese Eigenart des elsässischen Wesens zerstören zu wollen; denken wir nur daran, sie zu fördern.» Die Wortführer der liberalen Bourgeoisie propagieren also den Gedanken, französisch und deutsch an der Volksschule zu unterrichten. Der französische Imperialismus 25 braucht diese Kategorie liberaler Bürger, um seine Gewalt politik zu verhüllen und im Angesichte der Welt und des Elsass im besonderen zu beteuern, dass die Gedankenfreiheit eine feststehende Tatsache ist. Der französische Imperialismus nimmt ihre Ratschläge aber niemals ernst, und er hat entschieden, die kleinen Proletarier und Bauern des Elsass nur die französische Sprache zu lehren. Vor einem Jahr hat der Strassburger Rektor Charléty gerade 3 Stunden auf insgesamt 30 für die deutsche Sprache in den Volksschulen bewilligt, und das zum grossen Aergernis der Chauvinisten! Die pädagogischen Resultate werden so gut ausfallen, wie es eben möglich ist. Der Plan, in einer anderen Sprache als der Muttersprache zu unterrichten, ist durchführbar; jedoch können die Kinder keine Sprache mehr angemessen erlernen. Es ist eine unbestrittene pädagogische Wahrheit, dass« der Vorrang des Deutschen wenigstens in den ersten Schuljahren für die reine Pädagogik erforderlich ist So schreibt E. Glay, der Führer der reformistischen Lehrer, in der« Revue des Volksschulunterrichts». Das Unglück ist nur, dass der Klassenstaat nichts von reiner Pädagogik wissen will. Die Lehrer selbst haben bewundernswerte Anstrengungen gemacht, um sich genügend auszubilden für den Unterricht einer Sprache, die vielen bis 1918 gänzlich unbekannt war. Es kann ihnen dabei aber nicht voller Erfolg beschieden sein. Das Elsass unterscheidet sich von den anderen französischen Provinzen durch den gut geregelten Schulbesuch. Man hat gesagt, dass der französische Imperialismus hier ganze Generationen von Analphabeten schaffen will. Und man kann sich wirklich diese Frage stellen. Das Grossbürgertum ist mit dem französischen Imperialismus verbündet. Unter der Herrschaft dieses Imperialismus mussten Bauern( Weinbauer, Tabakpflanzer, Hopfen- und Rübenbauer) es mit eigenen Augen erleben, wie ihre Felder geopfert wurden; die Arbeiter gehören zu den am schlechtesten Bezahlten in ganz Frankreich, die Eisenbahner wurden durch eine überstürzte Angleichung benachteiligt; die Beamten wurden noch mehr betroffen als alle anderen; das elsässische Volk verliert seine Sprache und Kultur. Dämmerung herrscht im Elsass. Morgendämmerung oder Abenddämmerung? Das hängt noch von seiner Energie ab. Die Internationale muss versichern, dass sie sich auf die Seite der elsässischen Lehrer stellen wird, wenn diese selbst zur Arbeiterklasse ihres Landes halten. KAEMPFER. 26 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Die Sprachenfrage in Belgien In Belgien bietet die Sprachenfrage Anlass zu ausserordentlich viel Kontroversen, und trotzdem ist sie jenseits der Grenzen recht wenig bekannt, noch wird sie verstanden. Warum? Weil fast die ganze Presse, vor allem die reaktionäre Presse französischer Sprache diesbezüglich die grösste Verwirrung herrschen lassen will. Der heftige Streit um die vlämische Frage, der diesbezüglich geführte, hartnäckige Kampf sind auf die ungleiche Behandlung der Vlämen und Wallonen zurückzuführen. Untersuchen wir einmal die Lage in Flandern vor dem Kriege und auch noch nach dem Kriege auf dem Gebiete des Unterrichts. In den Volksschulen vieler Städte und Gemeinden war französisch als zweite Sprache obligatorisch, und zwar von der untersten Schulklasse an, d. h. für die sechsjährigen Kinder. Nun, wenn man das Studium einer fremden Sprache im frühesten Schulalter verlangt, wo den Kindern auch die Anfangsgründe der Muttersprache beigebracht werden, dann treibt man pädagogische Ketzerei. Dann belastet man die Lehrer mit einer schweren, erdrückenden Aufgabe, deren Resultate fast null sind. In den höheren Schulen wurde den zwölf und dreizehnjährigen Kindern der gesamte Unterricht ganz plötzlich auf französisch erteilt, und nur wenige Wochenstunden waren der vlämischen Sprache gewidmet. Das gereichte natürlich der Bildung des Kindes zum Nachteil; denn es konnte sich nicht naturwissenschaftliche, geschichtliche oder erdkundliche Kenntnisse aneignen, die in einer fremden Sprache erklärt wurden. Schlimmer verhielt es sich noch auf der Mittelstufe der höheren Schulen, wo gleichzeitig vier Sprachen unterrichtet wurden und alle Fächer auf französisch. Für den Besuch der Lehrerbildungsanstalten war die ungenügend bekannte Muttersprache die Prüfungssprache; französisch war nicht obligatorisch. Aber gleich vom ersten Seminarjahr an wurde französisch Unterrichtssprache. Es gab in Flandern keine höheren Lehrerinnenbildungsanstalten zur Vorbereitung für den Unterricht an höheren Mädchenschulen. Dieses Studium erfolgte im wallonischen Gebiet. Bei der Prüfung wurden von den Vlämen drei Sprachen verlangt nebst einer wahlfreien Fremdsprache, von den Wallonen jedoch nur zwei Sprachen und eine dritte wahlfrei. In Belgien bestehen vier Universitäten, von denen zwei staatlich und zwei nicht staatlich sind. In allen vier Universitäten lehrte man in französischer Sprache, und es gab keinen einzigen vlämischen Kursus. Entsprechend war die Lage aber nicht im wallonischen Gebiet. Dort war französisch die gegebene Unterrichtssprache, und vlämisch wurde nur so nebenbei gelehrt als zweite Sprache. Im Heer hatte man dieselbe Sachlage. Alles wurde in französischer Sprache erteilt: Instruktionsstunde, Verordnungen, Kommandos, Sanität swesen usw... Die Mehrheit der Soldaten sprach aber durchweg vlämisch. war die Auch im Verwaltungsdienst gleiche Feststellung zu machen. Für einen Vlämen war die Beherrschung beider Sprachen bei der Prüfung erforderlich, für einen Wallonen aber nur die Kenntnis der französischen Sprache. Will das besagen, dass Flandern zweisprachig ist? Sicherlich nicht! Die Arbeiterklasse spricht nicht französisch; denn sie kann es nicht. Man darf nämlich nicht vergessen, dass der Schulzwang in Belgien erst nach dem Kriege eingeführt wurde, und dass die meisten vlämischen Arbeiter schon mit acht, neun oder zehn Jahren von der Schule abgingen! So kann man ohne Zaudern versichern, dass das Sprachproblem eine Klassenfrage ist wie alles, was das Leben der Proletarier angeht. Die vlämische Bourgeoisie will sich von der Arbeiterklasse durch die Umgar gssprache unterscheiden. Sie will sich nicht erniedrigen, die Sprache der Arbeiter zu sprechen. Das ist eine Art Snobismus, doch dient sie damit auch ihren Interessen. Die gebildete Elite bleibt auf diese Weise den Arbeitern ganz fern, koste es auch das Opfer der Kinder des Volkes. Die Bourgeoisie richtet sich nach dem Grundsatz:« Seien sie doch unwissend, um besser beherrscht werden zu können!» Auch versucht sie dadurch, die Arbeiterklasse zu spalten, kennt sie doch die Schwäche/ so mancher, die Bourgeoisie trotz allem« nachzuäffen», und ihre Ansicht, dass es ein Zeichen der höheren Entwicklungsstufe, des Fortschritts und der besseren Bildung ist, wenn man französisch radebricht auf Kosten der Muttersprache. Dieser bedauerliche Zug ist wirklich festzustellen. Die bürgerliche Presse kann sich nicht genug tun mit dem Hinweis, dass vlämisch keine Weltsprache ist, französisch hingegen unerlässlich für die Saisonarbeit jenseits DIE LEHRER- INTERNATIONALE der Grenze. Die Presse verschweigt, dass diese Tausende von Saisonarbeitern gerade darum gezwungen sind, ihr Brot in der Fremde zu verdienen, weil das kapitalistische System in Wahrheit ein System der Unordnung und unfähig ist, die Arbeit derart zu organisieren, dass jeder die ihm zufallende Arbeit unter guten Bedingungen ausführen kann. Ausserdem ist der beigebrachte Beweis gar nicht richtig. Seit vielen Jahren gehen vlämische Arbeiter nach Frankreich, um dort alljährlich bei der Ernte zu helfen. Sie können nicht französisch oder nur einige Brocken, aber die französischen Ausbeuter empfangen sie voller Freude, weil sie gute und einträgliche Arbeiter sind. Sie fragen nicht, welche Sprache sie sprechen; sie wissen jedoch, dass sie ungenügend organisiert sind und reichlich ausgebeutet werden können durch niedrige Löhne, lange Arbeitszeit, schlechte Lebensbedingungen, gesundheitsschädliche Vorrichtungen usw. 27 Sind die Anhänger des Vlämischen nun aber, wie man es vortäuschen will, Gegner des Französischen? Durchaus nicht, ebenso wenig wie sie Gegner eines sonstigen Sprachstudiums sind. Sie wissen, dass es sehr nutzbringend ist, mehrere Sprachen zu können, dass man vor allem aber seine Muttersprache beherrschen muss. In der Muttersprache kann man am besten ausdrücken, was man denkt und empfindet. Der seit Jahren geführte Kampf hat bisher schon einige Ergebnisse gezeitigt. Es ist aber noch viel zu tun, um gleiches Recht für Vlämen und Wallonen zu schaffen. Wenn der Tag kommen wird, an dem die vlämischen und wallonischen Arbeitermassen in diesem Kampf vereint vorgehen, dann werden sie einen Schritt vorwärts riats. gemacht haben zur Beireiung des ProletaA. PETERS. ABONNEMENTSERKLÄRUNG ( Für Nichtmitglieder der 1. B. A) Unterzeichneter abonniert hiermit die« LEHRER- INTERNATIONALE», offizielles Organ der Internationale der Bildungsarbeiter. Anbei die Summe von 3- Gmk. für ein Jahresabonnement Name Vorname Beruf Wohnort Strasse und Hausnummer Leserliche Unterschrift Diese Abonnementserklärung ist auszufüllen und mit dem Abonnementsbetrag zu senden für DEUTSCHLAND an Anna Lindemann, Sonnebornerstr. 30, Gotha. POSTSCHECK Erfurt 3428. Andere Länder deutscher Sprache: Generalsekretariat der I.B.A., 8, Avenue Mathurin- Moreau, Paris( XIX). DER HIDUNGSARBEITER ки IN ALLER WELT Die Fragen der Schulpolitik und der Lehrerbewegung seit dem Wiener Kongress( 1926) Bericht des Gen. M. Apletin, gehalten auf dem Leipziger Kongress( 1928) ( Fortsetzung) Generäle und Kuomintang gegen die chinesischen Lehrer Besonders schwer ist die Lage der Lehrerschaft in China. Da Machtwechsel in den verschiedenen Provinzen Chinas ziemlich häufig sind, wirkt das auch auf den Kurs in der Schule zurück. Die Zivil- und Militärbehörden mischen sich im Interesse der heirschenden Gruppe und in ihrem eigenen oft ins Schulleben ein. Der Wechsel der herrschenden Gruppe zieht sehr oft auch einen Wechsel in der Schulverwaltung nach sich, was den moralischen Wert der Lehrer nicht gerade erhöht; denn durch die Einschüchterung von oben werden sie zu Kriechern. Oft wurde auch die Erzieherarbeit ganz unvorgebildeten Personen anvertraut. Das System» der Steuereinziehung durch jedes militärische Oberhaupt der Provinz hat zur Folge, dass es gegenwärtig Bezirke gibt, in denen die Bauernschaft trotz ihrer entsetzlichen Armut bereits für zehn Jahre im voraus Steuern gezahlt hat. Die lokalen Finanzen sind dadurch vollständig zerrüttet, die Lehrer erhalten kein Gebalt, die Schulen sind jämmerlich eingerichtet und die pädagogische Arbeit geht zu Grurde. An der revolutionären Bewegung in China nahmen ausser den Arbeitern und Bauern auch die Lehrer teil. Die Lehrerschaft trat in die Bauernverbände cin und half der Bauernbewegung sehr ausgiebig. Die besonderen Beziehungen zwischen der Regierung und der Kuomintang- Partei, die nach$ 1 der Verfassung der« Nationalregierung» die Regierung offiziell ausübt, fanden auch in der Schularbeit ihren Ausdruck und führten zum Wechsel in den Lehrkörpern, und zwar oft in sehr grossen Dimensionen. Um die Stellung der« linken» Kuomirtangleute, die im Sommer 1927 den konterrevolutionären Umsturz, in Hankau vollzogen haben, zu Lehrern und Schü- lern zu charakterisieren, wollen wir einige Beschlüsse der Provinzregierung von Hupeh im August 1927, d. h. nach dem Umsturz, anführen. zu Auf der ordentlichen Sitzung vom 26. August beschloss die Provinzregierung von Hupeh unter anderem, alle höheren Instanzen anzuweisen, insgeheim die Beamten beaufsichtigen zu lassen. In alle Schulen, die noch nicht militärisch besetzt waren, sollten Truppen abkommandiert und diesem Zwecke alle Studenten und Angstellten verjagt werden mit Ausnahme des Rektors, der Büro- und Wirtschaftsangestellten, sowie mancher Arbeiter und Reinemacher. In allen Lehranstalten und Fabriken wurden die Studenten, Arbeiter und Angestellten verpflichtet, sich zu je fünf in Gruppen zusammenzuschliessen, und jede Gruppe war aufs strengste verantwortlich für das Verhalten der Einzelmitglieder. Diese Tatsachen sind bestimmt keine « Verleumdung>> gegen die konterrevolutionären« linken» Kuomintangleute, weil sie ihrem eigenen Organ, dem« HankauMingojibao» entnommen sind. Im Leitartikel eines anderen halbmonatlichen Organs des Wuhan- Min- Bao», unter dem Titel« Die Partei und der Volksunterricht» wird über die Beseitigung der << Mängel» der Schule folgendes gesagt: << Die von den Kommunisten der Arbeiterund Bauernbewegung versetzten Wunden DIE LEHRER- INTERNATIONALE sind nicht sehr tief, viel grösser ist dagegen der Schade, den die Schuljugend davongetragen hat. Eine Abhilfe bringen können nur die strengsten und entschlossensten Massnahmen. Alle Lehrer und Schüler, die zu stark durchseucht und hartnäckig sind, müssen davongejagt werden, ähn ich wie wir es mit allen kommunistischen Elementen in der Partei getan haben. All dies hat aber nur eine beschränkte Wirkung; wir brauchen radikalere Mittel. Zu diesen Mitteln gehören Propaganda und Organisation. Was die Propaganda anbetrifft, so schlagen wir vor, die Zahl der Vorlesungen über Sozialismus, Klassenkampf und andere kommunistische Theorien zu beschränken und die drei Grundsätze Sun Yat Sens eingehender zu studieren. Sehr wichtig ist auch die Buchauswahl bei der Kritik des Kommunismus; z.B. a) der Kommunismus kann dem Lande nicht Ordnung und Frieden gewähren, wie es unsere drei Grundsätze machen; b) der Kommunismus eignet sich nicht für die Lebensbedingungen in China; c) der Kommunismus kann sich nicht in internationalem Ausmasse entwickeln Der Artikelschreiber ist ferner der Meinung, dass alle Studenten einer bestimmten Altersgrenze in die Partei eintreten müssten. Alle Studentenvereinigungen müssten der alleinigen Parteileitung unterstellt werden; die Lernenden sollten nach Abgang von der Lehranstalt der Partei mitteilen, wohin sie sich begeben, und wo sie zu leben gedenken. Alle aus der Partei und aus der Schule ausgeschlossenen Studenten müssten streng überwacht werden. In bezug auf die Volksbewegung müssten die Lehrer nach den Parteiinstruktionen und die Studenten nach den Belehrungen ihrer Professoren handeln. Alle sich zwischen Studenten und Professoren ergebenden Streitfragen wären nicht von den Studenten- und Professorenkomitees, sondern von der Partei zu schlichten. Ausserhalb der Lehranstalt hätten die Studenten sich streng nach den Vorschriften der Parteidisziplin zu richten. Wenn Aussenst ehende ein Ueberschreiten dieser Vorschriften bemerken, werden die Studenten von der Partei streng bestraft. Diese grundsätzlichen Richtlinien haben in der weiteren Arbeit der Kuomintang ihre<< vertiefte>> Anwendung gefunden. In der ersten Hälfte des Monats September beschloss der Volksbildungsausschuss von Wuhan, vor Beginn der Schularbeit die ganze Lehrerschaft durch eine Sonderkommission prüfen zu lassen, die allein das Recht habe, die Lehrer neu anzustellen. Die Leiter aller Schulen wurden angewiesen, auf die umst ürzlerische Tätigkeit der Schüler ihr besonderes Augenmerk zu richten und gegen nachweisbare Verbreitung von kommunistischer Literatur und sonstige Propaganda, sowie gegen die Besucher von Geheimversammlungen mit strengen Massnahmen vorzugehen. Wir bemerken, dass 29 nicht nur in Kanton und Schanghai, sordern auch in Hankau und anderen Staaten selbst minderjährige Schüler wegen Anklebens von kommunistischen Aufrufen hingerichtet worden sind. Neben der Kampagne gegen die Schüler wurde auch ein entschlossener Kampf gegen die Lehrer geführt. Nach einer amtlichen Bekanntgabe hätte die Regierung keine Garantie, dass die Lehrer nicht mit den Kommunisten sympathisierten, sodass sie eine Reorganisierung der Schulen für notwendig hielte.« Reorganisieren>> bedeutet in der Kuomintang- Sprache verjagen. Die Konterrevolutinäre erklärten, dass die im Dienst stehenden Lehrer von der vorhergehenden, kommunistisch beeinflussten Regierung eigens angestellt worden wären. Demnach hätte sie seinerzeit " offenbar alle Gegner des Kommunismus entlassen». Die jetzige Regierung beschloss daher, mit allen Lehrern das Dienstverhältnis zu lösen. Die Regierung stand vor der Aufgabe, die Schule fest er in die Hand zu nehmen, und der Volksbildungsausschuss der Nankinger Regierung, die sich der Wuhaner Regierung immer mehr näherte, beschloss, das System der Kollegial verwaltung in den Schulen abzuschaffen und eine individuelle Verwaltung einzuführen. Es wurde kund getan, dass Lehranstalten mit kollegialer Verwaltung von der Regierung nicht anerkannt würden. Unterdrückung und Elend in Nordchina Die schulpolitische Reaktion beschränkte sich nicht auf das Nankinger und Wuhaner Gebiet, sondern wütete auch im Norden, insbesondere in Peking. Tschan- Tso- Lin führte eine« Reform» der Hochschulbildung in Peking durch. Kein Wunder, wenn diese Reform zu einer Massenflucht der Professoren führte. Die Regierung liess die Studenten streng überwachen. Der Unterrichtsminister Liu- Tsche traf verschiedene Massnahmen zur Einführung einer strengeren Disziplin in den Hochschulen. Die Studenten wurden der bolschewistischen Sympathien und Verschwörungen beschuldigt. Sie wurden haufenweise verhaftet. Durch besondere Ministerialerlasse wurden alle Studentenorganisationen aufgelöst, auch ihre Neugründung verboten,« weil sie den Studenten zuviel Zeit rauben». Es wurden Körperstrafen für Studenten wieder eingeführt. Der Bambusstock nahm im Kabinett des Unterrichtsministers wieder den Ehrenplatz ein. « Die Studenten müssen unpolitisch sein»>, das war die Losung des Unterrichtsministers. Derselbe« fortschrittliche» Unterricht sminister verbot den Gebrauch der lokalen Mundart in der Schule. Das ist eine ganz reaktionäre Massnahme. Die Regierung Tschan- Tso- Lins ist mit den Pekinger 30 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Hochschulen sehr unzufrieden, da sie nach ihrer Meinung von eigennützigen Politikern geleitet werden. Sie ist aber auch mit den anderen Schulen unzufrieden, weil hier« die Lehrer grösstenteils nur um einer Portion Reis willen ohne genügende Vorbereitung an die Arbeit gingen>> und mit Nebenarbeit überlastet wären. Im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg ist die Schularbeit in verschiedenen Provinzen sehr erschwert. Die finanziellen Schwierigkeiten versetzen Schule und Lehrer in eine unerhört missliche Lage. Der Lehrer ist durch die Not gezwungen, sich vor seinen Vorgesetzten zu erniedrigen, und büsst jegliche Autorität ein. Es ist daher kein Wunder, wenn die Lehrer ihren Beruf nur ungern ausüben und ihn bei erster Gelegenheit verlassen. Der Analphabetismus aber ist ein drohendes Hindernis für die Weiterentwicklung Chinas. Nur die siegreiche Arbeiter- und Bauernrevolution wird die Ketten der feudal- kapitalistischen Welt sprengen, nur sie allein kann auch der Volksbildung zum schnellen Fortschritt verhelfen. Das Fehlen gewerkschaftlicher Lehrerorganisationen ist ein mächtiges Hindernis im Kampf der Lehrer für die Revolution, für die Schule, für die Besserung ihrer materiellen Lage, für die internationale Aktion der Bildungsarbeiter. Die klerikale Offensive Aus oben Dargelegtem lässt sich mit Recht der Schluss ziehen, dass der ideologische Druck der Bourgeoisie auf die Schule wächst, dass die Bourgeoisie eifrig die Schuljugend zum Krieg vorbereitet, dass die militärische Offensive nach zwei Richtungen hin Kampf gegen die kommunistische Gefahr und Krieg gegen Sowjetrussland in England, Amerika, Frankreich, Belgien, Portugal, der Schweiz, Jugoslavien, u.s.w. geführt wird. Als eine besonders grosse Macht hat sich in dieser reaktionären Offensive in vielen bürgerlichen Ländern der Klerikalismus gezeigt, dessen heimtückisches Auftreten an Verhältnisse vor hundert Jahren erinnert. Der Klerikalismus ist gegenwärtig eine der Hauptkräfte im Angriff gegen die Schule. Er kämpft sowohl für die Zurückdrängung der weltlichen Schule, als auch für die ideologische Beherrschung der Schule überhaupt. In England wird den religiösen Fragen bekanntlich selbst von den Führern der Arbeiterpartei grosse Beachtung geschenkt. Viele Pfaffen gehören der Arbeiterpartei an und identifizieren in ihren Predigten das Christentum mit dem Sozialismus. Die Religion beeinflusst nicht nur die Schule, sondern auch die politische und gewerkschaftliche Bewegung. Es ist wohlbekannt, dass Macdonald, Ben Turner, Lansbury und andere oft religiöse Reden halten und die Versuche antireligiöser Propaganda in der Arbeiterbewegung bekämpfen. Die Forderung der Teachers' Labour League nach Verbannung des Religionsunterricht aus der öffentlichen Schule wurde von der konservativen Presse mit Entrüstung aufgenommen. Der klerikale Geist herrscht in der Schule. Die Führer der Berufsorganisationen sabotieren mit allen Kräften jede antireligiöse Aktion. Bezeichnend war z. B. die Erklärung des Vorsitzenden der National Union of Teachers im Exekutivkomitee der Internationalen Vereinigung der Lehrerverbände anlässlich des tschechischen Antrages zum Schutz der weltlichen Schule. Er konnte keine bessere Antwort finden, als dass ein solches Vorgehen« verfrüht>> wäre. In Frankreich, wo der Klerikalismus trotz der Redereien Herriots vom Schutz der weltlichen Schule seinen Siegeszug fortsetzt, macht er sich besonders auf dem Lande fühlbar. Die französische Sektion der I. B. A. trat in vielen Meetings gegen die klerikale Offensive auf. In Belgien haben die Klerikalen vom Staate riesige Subventionen erhalten und ihre Schulen sehr bevölkert. Im Jahre 1927 ( L'Ind pendance Belge vom 31. Januar 1928) besassen 200 Gemeinden keine einzige Staatsschule. In anderen 2000 Gemeinden befand sich die Mädchenerziehung in der Hand von Lehrkräften, die in katholischen Seminaren ausgebildet waren. In den Vorschulen waren von 215000 Kindern bereits 149000 in den Händen der Klerikalen. 62% aller Schülerinnen besuchten die klerika.en Schulen. Die Katholiken führen ganz offen eine Hetzpropaganda gegen alles Nichtkatholische und gegen die Sozialisten. Es ist kennzeichnend, dass der Vorsitzende der« Unterrichtsliga» auf der Jahresversammlung von 1927 auf das Thema« Die klerikale Offensive gegen die Schule» eingehen musste. Und das alles geschah, nachdem die Klerikalen mit Hilfe der Liberalen und der sozialistischen Mirister unter der Losung« Rettet das Vaterland» mehr erreicht hatten, als sie es sich vor ein paar Jahrzehnten träumen liessen. In Italien wurde die Schule nach der faschistischen Reform der Volksbildung vollkommen der Kirche ausgeliefert; der ganze Unterricht ist vom Klerikalismus durchdrungen. Die Geistlichkeit kontrolliert die religiösen Erziehungsmethoden der Lehrer. Man staunt, wenn man sieht, wie Ferrières in der Ere nouvelle dieser Verpfaffung des italienischen Unterrichts eine positive Seite abzugewinnen versteht. In der Tschechoslowakei hat die Regierung die Zuschüsse für katholische Schulen erhöht und die Aufsicht der Geistlichkeit über den Religionsunterricht in der Schule gesetzlich sanktioniert. Sehr gross ist die Macht des Klerikalismus in den Schulen Spaniens, Polens und aller anderen bürgerlichen Länder. DIE LEHRER- INTERNATIONALE Der Klerikalismus ist, wie gesagt, in die Arbeiterbewegung eingedrungen und grosse Arbeiterscharen in seinen Reihen. Ist das schon in der Arbeiterklasse eine Massenerscheinung, so bietet die Lehrerschaft einen noch viel günstigeren Boden für die klerikale Beeinflussung. Um ihren Einfluss auf die Schulen und die Lehrerschaft noch zu erweitern, gründen die Klerikalen ihre Lehrerverbände. Der Siegesmarsch in der deutschen Schule Besonders üppig entwickelte sich die klerikale Offensive in Deutschland, wo der Gesetzentwurf über die Bekenntnisschule wieder in den Vordergrund getreten ist. Die Klerikalen führen schon seit zwei Jahren einen entschlossenen Feldzug gegen die deutsche Schule. Der Gesetzentwurf von 1925 erlitt dasselbe Schicksal wie sein Vorgänger und hatte nicht einmal das Glück, im Reichstag erörtert zu werden. Im Sommer 1927 wurde in Deutschland der Entwurf eines neuen Schulgesetzes von der Regierung eingebracht. Diesmal waren es das Zentrum und die Deutschnationalen, die für das neue Schulgesetz eintraten. Der Gesetzentwurf stützt sich auf den Paragraphen 146 der Weimarer Verfassung, der im Jahre 1919 als Kompromissvorschlag des damaligen Blocks des Zentrum, der Demokraten und der Sozialdemokraten angenommen wurde. Nach den Worten, dass« für die Aufnahme eines Kindes in eine bestimmte Schule seine Anlage und Neigung, nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung oder das Religionsbekenntnis seiner Eltern massgebend» sind, wird dort gesagt, dass « indes auf Antrag von Erziehungsberechtigten Volksschulen ihres Bekenntnisses oder ihrer Weltanschauung einzurichten» sind,<< soweit hierdurch ein geordneter Schulbetrieb auch im Sinne des Abs. I nicht beeinträchtigt wird.» Dieser Zusatz hebt gerade das auf, was kurz vorher in der Verfassung zugesichert wurde. Der Gesetzentwurf sah drei Arten von Schulen vor: 1. Die Gemeinschaftsschule, auf christlicher, religiöser Grundlage. Geschichte, Sprachen, Naturwissenschaften werden hier in christlich- religiösem Sinne unterrichtet. Es wird dort gesagt, dass im Verlaufe des Unterrichts die auf christlicher Grundlage entstandenen deutschen Kulturwerte zur Geltung gebracht werden müssen. Als Lehrer kommen für diese Schulen nur Christen in Betracht. Religionsunterricht besteht in allen Klassen. 2. Die Bekenntnisschule für die Kinder einer bestimmten Religionsgemeinschaft. Diese Schule muss sich in Lehrplan und Methoden dem Religionsbekenntnis anpassen, in dem die Kinder erzogen werden sollen. 31 Ein deutscher Lehrer schreibt in einer Charakteristik dieses Schultypus: « Da die Klerikalen die mittelalterliche Ideologie nicht aufgegeben haben, sollen aus dem Unterricht die modernen wissenschaftlichen Errungenschaften, die Entwicklungslehre usw. verbannt werden, kurz alles, was der Kirchenlehre widerspricht.» Der vorjährige Darwinprozess in Amerika konnte als eine harmlose Posse erscheinen im Vergleich zu dem, was der deutschen Schule zugedacht ist. Sie sollte nach den grossen Bekenntnissen und zahlreichen kleinen religiösen Sekten zerschlagen werden. Der Lehrplan wäre von der Kirche diktiert worden. Das« Beaufsichtigungsrecht», das nach dem Gesetzentwurf in diesen Schulen den Kirchen zugestanden wird, müsste tatsächlich zum Kontrollrecht werden. Die Kirche könnte mit der Schule nach ihrem Belieben umspringen, umso mehr als der Staat auf Grund der Verfassung kein Recht auf Einmischung in die kirchlichen Angelegemheiten hat. Der Gesetzentwurf wollte die Schule verpflichten, alle religiösen Gebräuche der betreffenden Konfessionen zu beobachten und die Kirchenfeste zu feiern. Schulaufsichtsbeamte und Lehrer sollten dem entsprechenden Religionsbekenntnis angehören. 3. Die weltliche Schule für die Kinder der konfessionslosen Eltern oder solcher Eltern, die für ihre Kinder keinen Religionsunterricht wünschen. Die weitsichtigen Verfasser des Gesetzentwurfes wollen aber auch hier nicht vollständig auf das kirchliche Element verzichten. Sie lassen den Unterricht in<< Religionsgeschichte» zu. In richtiger Form serviert, würde diese« Geschichte» zweifellos« die auf christlicher Grundlage entstandenen Werte zur Geltung bringen>> und ihr Verblödungswerk vollziehen. Der militärische Drill und die Körperstrafen, die auch in dieser« weltlichen Schule» beibehalten werden, würden nötigenfalls zur Durchsetzung der christlichen Werte mit helfen. Aber auch diese sozusagen freie Schule könnte nach den Berechnungen der deutschen Genossen nur 2% der Kinder umfassen. Im Falle der Annahme des Gesetzentwurfes würde in ganz Deutschland eine Zersplitterung der Schulen einsetzen, die alle Greuel vorhergehender deutscher Schulgesetze in Schatten stellen würde. Die fortschrittliche Lehrerschaft bekämpfte dieses schwarze Schulgesetz. Dieser Kampf sammelte die besten Elemente der Lehrerschaft zu einer Einheitsfront. Das Proletariat und die Lehrerschaft hatten auch Erfolg und brachten den Gesetzentwurf zu Fall. Das durchgefallene Gesetz wird aber nur dann wirklich im Schutt des Mittelalters begraben sein, wenn das Proletariat seine Kräfte sammelt, wenn die Bourgeoisie und ihre Helfershelfer in der Tat den Druck der 32 DIE LEHRER- INTERNATIONALE proletarischen Kraft empfinden. Bei der Aktion der Freunde der IBA in Deutschland muss der Kampf gegen die klerikale und reaktionäre Offensive eines der Hauptmittel sein zur Sammlung der deutschen Arbeit erschaft auf der proletarischen Klassenbasis. Was eine Verwirklichung der klerikalen Wünsche Deutschland bringen würde, kann man schon an Bayern sehen. Das zeigen die Selbstmord versuche der Lehrer; man denke an den katholischen Lehrer, der eine Protestantin heiraten wollte. Er wurde entlassen und so lange gehetzt, bis er freiwillig in den Tod ging. Das lehren die Entlassungen anderer Lehrer z. B. weil zwei Töchter eines Lehrers Protestant en geheiratet haben, weil ein anderer einer Freimaurerloge angehörte und ein dritter eine Broschüre veröffentlichte, die die Katholiken unangenehm berührte. Der Unterrichtsminister stand in diesen Fällen vollständig auf dem Standpunkt der katholischen Kirche. Alle diese Tatsachen, die die Erstarkung der Klerikalen zeigen, stellen die IBA und ihre Sektionen und Gruppen vor die hochwichtige Aufgabe, die fortschrittlichsten Kader der Lehrerschaft für den Kampf gegen diese Form der bürgerlichen Offensive zu organisieren. In diesem Kampfe muss eine nähere Verbindung mit den proletarischen Freidenkerorganisationen gesucht werden. Der Kampf ist hart und schwierig. Er erfordert eine grosse Geschlossenheit und ist besonders in den Ländern erschwert, in denen der Klerikalismus sich in der Arbeiterbewegung selbst eingenistet hat. Unter der Losung« Kampf für die weltliche Schule» versuchen manche Gruppen des liberalen Bürgertums die Leitung der antiklerikalen Aktion in die Hand zu bekommen. Die Lehrerschaft, die die Klassenpositionen des Proletariats hält, muss den Betrug der Lehrermassen durch die Bourgeoisie verhindern und den Kampf gegen den Klerikalismus auf der proletarischen Klassenbasis organisieren. Das Eindringen des Völkerbundes in die«< neutrale» Schule Ausser der Verleumdung, den Parteiausschlüssen, Entlassungen, Verhaftungen, werden gegen die vorgeschrittensten Lehrer feinere Mittel angewandt, die manche Kreise der Lehrerschaft betören können, und dazu gehören die pazıfistischen Organisationen, das Gerede von der moralischen Abrüstung durch die Schule, von « Wegen zum friedlichen Zusammenleben der Nationen» mit Hilfe der Schule. den Diese Formen der Verkleisterung der Klassengegensätze der kapitalistischen Gesellschaft, die für die Lehrerbewegung so etwas wie ein« positives» Programm abgeben sollen, werden ergänzt durch die Propaganda vom Wesen und den Aufgaben des Völkerbundes sowohl auf wirtschaftlichem, als auch auf politischem Gebiete. Der Völkerbund trat anfangs mit dem Vorschlag, seine Ziele zu propagieren, nur vorsichtig auf( die internationalen Kongresse in Edinburgh und Belgrad, 1925). Seit dem Sommer 1927 handelt er schon offen. Die Propaganda der Völkerbundsidee in der Schule wurde im Juli 1927 in Genf durch eine Sonderkommission bearbeitet. Man beschloss, am Völkerbunde ein Auskunftsbüro für pazifistische Erziehung zu gründen. Propagandisten sollten Rundreisen in den einzelnen Ländern unternehmen. Als Propagandamittel sind Bühnenaufführungen, literarisch- musikalische Abende, Briefwechsel, Druckschrift enaustausch, Exkursionen, Kongresse, Studienaustausch vorgesehen. Die Arbeit hat schon begonnen. In Holland halten die Schulinspektoren und Lehrer Vorträge über das Thema « Völkerbund». Völkerbundsunterricht wird auch im Lehrplan der Seminare und Universitäten vorgesehen. In den Mittelschulen wird er der Geschichtsstunde zugewiesen und durch ein Examen abgeschlossen. Ein spezieller Abschnitt darüber wurde in den Schulbüchern eingefügt. In der Universität gehört dieses Thema in das Gebiet des Völkerrechts und wird für viele Arbeiten als Thema aufgegeben. In Preussen hat der Unterrichtsminister Becker durch ein Rundschreiben die Schulen angewiesen, die Schüler über Völkerbund zu belehren. Es wird ein Handbuch für die Lehrer veröffentlicht. Die Hauptarbeit leistet die pädagogische Kommission der Deutschen Gesellschaft für die Mitarbeit im Völkerbund. Früher wurde der Völkerbund in den deutschen Schulen als Werkzeug der französischen Gewalt politik, als Organ der deutschfeindlichen Koalition hingestellt! In England wird beabsichtigt, in den Schulen und durch die Schulen eine bestimmte Völkerbundpropaganda durchzuführen. Man wird entsprechende Vorträge halten, Filmvorführungen fördern, Literatur verbreiten usw. Man will die Teilnahme sämtlicher Volksbildungsorgane an der Kampagne für den Völkerbundsunterricht sichern. Diese Aktion soll nicht nur Kenntnisse vermitteln, sondern auch einen Gesinnungswechsel herbeiführen. So soll sich der britische Staatsbürger zum Weltbürger erweitert fühlen. Ferner soll eine Aenderung in der Zielsetzung» erfolgen. Es soll nämlich nicht nur das Glück der Nation, sondern das der ganzen Menschheit angestrebt werden. Am 8. Juni 1927 wurde in England eine Sonderkonferenz der Vertreter der lokalen Volksbildungsorgane einberufen, die die Massnahmen zur Aufklärung der Kinder über Ziele und Tätigkeit des Völkerbundes begrüsste. Das englische, schottische und nordirische Unterrichtsministerium legte DIE LENRER- INTERNATIONALE Wert darauf, den Bericht über die Konferenz den Ortsbehörden zu unterbreiten. Die IBA und ihre Sektionen, die gegen den Imperialismus und die imperialistischen Kriege kämpfen, müssen die Gefahr dieser pseudopazifistischen Versuche sehr beachten; denn sie dienen dazu, die Lehrerschaft vom wirklichen, Hand in Hand mit dem Proletariat geführten Kampfe gegen den Kapitalismus abzubringen. Beschlagnahme der Lehrerorganisationen durch den Imperialismus Die inneren Gegensätze der imperialistischen Grossmächte finden in den letzten Jahren in der Schaffung internationaler Lehrerorganisationen ihren Ausdruck. Neben der Internationale von San Franzisko, die als pazifistische Organisation im Interesse und mil Unterstützung der amerikanischen Bourgeoisie arbeitet und ihr Augenmerk vorwiegend dem Orient zuwendet, entstand die europäische Lehrerinternationale, die unter Führung des französischen Syndicat National steht. Diese neue Organisation, die mit Friedensphrasen die Vorbereitung zum neuen Kriege zu vertuschen hat, ist in den Jahren 1926-27 enstanden. Ihre Schaffung wurde geheim vorbereitet. Sie wurde am 25. Juni 1926 gegründet auf einer geheimen Sitzung der Vertreter des deutschen Lehrervereins, des französischen Syndicat National und des holländischen Lehrerbundes. Am 25. September fand eine Beratung statt unter Teilnahme eines Vertreters der Internationale von San Franzisko und der englischen National Union of Teachers. Die bestehende pazifistische Internationale von San Franzisko befriedigte die Anwesenden nicht. Die ihr angeschlossenen Engländer traten für den Anschluss an sie ein. Die Konferenz lehnte ihren Vorschlag aber ab mit dem Bemerken, dass San Franzisko nicht nur Lehrer, sondern auch die Freunde des Unterrichtes und verschiedene volksbildnerisch tätige Personen vereinigt. Die neue Internationale hat sich anfänglich<< engere pazifistische Aufgaben> gesetzt. Der erste Paragraph der Statuten, welche die Konferenz aufstellte, formuliert die Aufgaben der Internationalen Vereinigung der Lehrerverbände als« pädagogische Zusammenarbeit und Arbeit für den Pazifismus». Die Gründer der neuen Internationale sahen ihren Unterschied von anderen Internationalen darin, dass sie« die Anerkennung irgendwelcher politischer oder sozialer Prinzipien nicht fordert>>. Sie versuchten, den anderen einzureden, dass eine unentbehrliche Voraussetzung des Friedens die Erziehung der Kinder im Geiste der Völkerverständigung ist. So machten sie der neuen Vereinigung zur Aufgabe die Hebung des allgemeinen Niveaus der Volksbildung, Verbesserung der pädagogischen Methoden und der Vorbereitung der Lehrer. Irgendwelche gewerkschaftlichen Aufgaben stellt sich die Internationale nicht. Es ist charakteristisch, dass der Deutsche Lehrerverein sich zum Anschluss an die I. V. erst nach langwierigen Verhandlungen mit den Franzosen über die unbedingte<< Neutralität>> dieser Organisation entschlossen hat. Das Hauptziel der Führer des Deutschen Lehrervereins war dabei die Annäherung an Frankreich. Es war kennzeichnend, dass sie als Muster für diese Annäherung das Beispiel der franko- deutschen Industriekonzerne anführten. Am 17. November erklärte die englische National Union of Teachers, die die ausschlaggebende Rolle in der Internationale von San Franzisko nicht zu erobern vermochte, ihren Beitritt zur neuen Internationale, ohne deshalb aus der Internationale von San Franzisko auszutreten. Die pädagogische Zusammenarbeit, von der im ersten Paragraphen der Statuten die Rede ist, denkt sich die Internationale Vereinigung der Lehrerverbände in Form von Austausch der pädagogischen Erfahrungen, Ausflügen, pädagogischen Konferenzen und Herausgabe entsprechender Literatur. Die Aufgabe der« Friedensvorbereitung durch die Zusammenarbeit der Völker» glaubt sie vor allem durch Revision der Schulbücher und Entfernung der chauvinistischen Bücher aus der Schule erreichen zu können. L. Dumas, der Generalsekretär der Internationale, versichert in einem seiner Artikel ganz treuherzig, dass uns nach dieser Leistung unsere Kinder und Schüler» nicht mehr mit dem Vorwurf kommen könnten: Was habt Ihr zur Verhinderung des Krieges getan?> ( Forts. folgt) Le Gérant: L. VERNOCHET IMP. UNION, 13, RUE MÉCHAIN, PARIS FA DGB- BV Bücherei 4/ K P 3131 6. Jahrgang DEZEMBER 1928 Nr. 3 DIE LEHRER INTERNATIONALE DGB Archiv Exempler Bunde Stand MIK- P475/ 6 dm J.JORIS.26 OFFIZIELLES OREAN DER INTERNATIONALE DER BILDUNGSARBEITER Nach zehn Jahren republikanischer Schulpolitik INHALT Aus dem Leben der Internationale Die Komödie der Friedenskongresse von 1928, von G. Cogniot.. Unter der Kontrolle der Massen: Sieben Mitteilungen des Sekretariats.. 2 8 Internationale Arbeiterbewegung Eine grosse Idee lebt fort. Die Gewerkschaftszentralen Skandinaviens und der U. S. S. R. arbeiten an der Gewerkschaftseinheit, von P. A. 9 Die Weltoffensive der Textil- und Metallindustriellen, von P. A.... 11 13 0 Die Bildungsarbeiter in der ganzen Welt Die Fragen der Schulpolitik und der Lehrerbewegung seit dem Wiener Kongress( 1926), Bericht des Gen. M. Apletin, gehalten auf dem Leipziger Kongress( 1928).( Schluss). a Schule und Unterricht in der ganzen Welt 9 Nach zehn Jahren republikanischer Schulpolitik, von F. A.. Die ukrainische Schule in Polen, von einem Ukrainen. Die Politik der Bojarden und die Rumänisierung der Schule, von V. Dembo 9 17 20 22 0 Die Minderheitsschule unter dem zaristischen Joch und dem Sowjetsystem.. 9 0 Wir eröffnen eine Erhebung über den Unterricht in zweisprachigen Ländern, von R. Daniel. Zum Internationalen Geschichtskongress( Oslo, August 1928): 26 28 1. Die polnischen, deutschen und italienischen Geschichtsbücher; 29 2. Gegen den Krieg, für die Abrüstung!. 9 0 31 6. Jahrgang DEZEMBER 1928 Nr. 3 DIE INTERNATIONALE DER BILDUNGSARBEITER 8, AVENUE MATHURIN- MOREAU- PARIS( XIXe) Erscheint in Kürze PROLETARISCHE PÄDAGOGIK Preis: 1.75 M. DGB Archiv Exemplar svorsta Bundes Teilansichten von der Pädagogischen Ausstellung Bericht von der Pädagogischen Tagung der I. B. A. in Leipzig, 9.- 12. April Die Sammlung enthält die Leipziger Berichte, Thesen und Debatten. Sie zeigt, dass die proletarische Pädagogik der alten bürgerlichen Pädagogik bei weitem überlegen ist; denn sie braucht ihre Ziele nicht zu verbergen und kann deshalb in harmonischer und streng wissenschaftlicher Form eine Pädagogik ausbauen, die zu einer wahrhaft normativen Lehre wird». INHALT I. Die Lage des proletarischen Kindes. II. Das Ziel der Erzeihung. III. Die Organisation des Schulsystems. IV. Die Lehrpläne und Lehrmethoden. V. Die Disziplin unter den Schülern. Französische Ausgabe, 136 Seiten, Preis 5 Franken zu beziehen vom Sekretariat der I. B. A., Paris. Bestellungen werden schon je zt erbeten unter Einsendung von 1.85 M. auf Postscheckkonto Erfurt 3428 Anna Lindemann, Gotha AUS DEM DER LEBEN INTERNATIONAL 1926. Die Komödie der Friedenskongresse von 1928 Seit langem bekämpfen wir die beschauliche Ansicht:« Krieg ist Torheit>>... Er ist tm Gegenteil eine Abart von Handelstransaktionen und Spekulationen. H. BARBUSSE. 1927 hat man das Jahr der Friedenskongresse genannt; 1928 wird ohne Zweifel das Jahr des Kellogg- Paktes bleiben. Aber der Triumph des Friedens durch die Staatskanzleien will nicht besagen, dass die Taschenspieler des Friedens durch die Schule, durch das Genossenschaftswesen und das Kino von einer oft glücklichen Konkurrenz mit den Staatsmännern abgesehen hätten. Die Tätigkeit der Kongressfriedensstifter hat durchaus nicht nachgelassen: diplomatischer Bluff und Versammlungsbluff haben sich wundersam ergänzt. Der Frieden durch das Sonntagsblatt Eine Woche vor der offiziellen Galafeier des Friedens in Paris wurde in Köln die Erste Internationale christliche Pressekonferenz eröffnet. Am Abend fand eine öffentliche Kundgebung in der Messehalle statt, worauf der Erzbischof Söderblom von Upsala, der Primas der schwedischen Evangelischen Kirche, über« Das Apostolat der Presse» sprach. Einen grossen Platz reservierte er in seiner Rede natürlich der Verdammung der« Kriegssünden», der Verhetzung der Völker zum Blutbad und der gemeinsamen Pflicht von Kirche und Presse, die Wiederkehr einer Zeit der Vergiftung der Geister zu verhindern. Nach dem Erzbischof stieg ein Minister auf die Tribüne, der holländische Arbeitsminister Prof. Dr. Slotemaker de Bruine. Er sprach von der« Pflicht des Dienstes an der Verständigung unter den Völkern und Konfessionen>>. Bei diesem rührenden Konzert der Erzbischöfe, der kapitalistischen Presse und der Minister, bei dieser Hymne auf den Frieden fehlte nur noch ein General. Der Frieden durch die Advokaten Noch nie wurde dem Frieden so sehr der Hof gemacht wie in dieser historischen Woche. Am 20. hatte er die Huldigung des holländischen Ministers in Köln entgegengenommen, und am 21. flog er nach Stockholm, um dort den Treueid einer anderen Excellenz in Empfang zu nehmen. Am 21. begann in Stockholm nämlich der Kongress des Instituts der Rechte, der im Aussenministerium tagte. Herr Loefgren hiess die Delegierten willkommen. Wie die Dinge gegenwärtig in der Welt liegen, sagte er, wird es von Tag zu Tag notwendiger, ein neues Völkerrecht zu schaffen. Wollen die Völker den endgültigen Frieden erringen, dann müssen sie sich einer allgemein gültigen Ordnung auf Basis der Gerechtigkeit unterwerfen. Um so weit zu kommen, um diese universelle Ordnung herzustellen, ist in der Hauptsache das bestehende Völkerrecht zu kodifizieren und die Rechtspraxis so weise zu lenken, dass sich das internationale Herkommen ganz von selbst herausb ldet. Nebenbeigesagt hätten die gelehrten Juristen schon genug mit dem Staatsrecht zu tun und nicht nur mit dem Völkerrecht. Durch die meisten kapitalistischen Verfassungen wird dem Staatsoberhaupt das Recht zur Kriegserklärung eingeräumt. Wie könnte man nun in Zukunft zugeben, DIE LEHRER- INTERNATIONALE dass ein Staat den Krieg erklärt, wenn man in Betracht zieht, wie der französische Professor G. Scelle sagt, dass es sich dabei not gedrungen um einen Angriffsakt handelt, der dem Kellogg- Pakt offen zuwiderläuft. In der französischen Verfassung ist noch ausdrücklich fest gelegt, dass der Präsident ermächtigt ist, Geheimverträge usw... zu zeichnen. Daher fordern einige Naive, dass die Landesgesetzgebungen mit dem Kellogg- Pakt und dem Völkerbundspakt in Uebereinstimmung gebracht werden sollen. Natürlich hört keiner auf sie: der Kellogg- Pakt hat nur Propagandawert, und niemals wird man seinet willen positive Festlegungen abändern, die von ganz anderer Bedeutung sind und in jedem Lande die Vorrechte der Exekutivgewalt definieren. Pazifismus der Kaserne... Der Frieden fesselte auch noch die Aufmerksamkeit der Interparlamentarischen Konferenz zu Berlin, der Sitzung der Völkerbundskommission für geistige Zusammenarbeit und des Berliner Film kongresses. Wenigstens versichert ein Teil der deutschen pädagogischen Presse bei Bericht erstattung über diese Ereignisse mit vollem Ernst, dass dadurch wieder ein Schritt vorwärts zur endgü igen Völkerversöhnung gemacht worden sei. Der Frieden ist jetzt schon so selbst sicher, dass er die Lächerlichkeit nicht mehr fürchtet. Darum hielt er seinen 26 Weltkongress beim Marschall Pilsudski in Warschau ab, vom 26. bis 29 Juni. Den Abschluss der Versammlung bildete ein Ausflug. Voi her rollten sich verschiedene Empfänge bei der Regierung ab und ein gut Teil offizielle Reden. So hörte man z.B. den Viceminister Wysocki versichern, dass der polnische Pazifismus bereits aus dem XIV. Jah hundert datiert. Der frühere Minister Thugutt hatte dagegen in seiner Begrüssungsrede ausdrücklich zu verstehen gegeben, dass nur Patrioten in der Versammlung etwas zu suchen hätten. Wegen angeblichen Mangels an« absolut sicheren» Informationen hat der 26. Kongress einen Antrag abgewiesen, worin die Balkanstaaten und der Völkerbund demütig gebeten wurden,« geeignete Vorkehrungen zu treffen, damit man im Namen der Menschheit hoffen könne, der unerträglichen Lage der Balkanminderheiten ein Ende zu setzen>>. Jedenfalls trat der Kongress über diesen Antrag in Diskussion, aber er war innerlich und äusserlich nicht - 3 frei genug, um auch nur ein schwaches Echo von den Klagen der Minderheiten in Polen aufzunehmen! Als einziger brachte ein Delegierter der katholischen Jugendgruppe Deutschlands den Mut auf, von der Unterdrückung der Minderheiten und revolutionären Arbeiter in Polen zu sprechen, und Dr. Stoecker verwies auf die muster hafte Lage der Minderheiten in der Sowjetunion. In der Abrüstungsfrage kam man erst nach sehr harten Kän pfen so weit, dass der Kongress die Genfer Vorschläge der Sowjetunion als geeignete Grundlage erklärte. Die Amnestieentschliessung wurde vom Vorsitzenden abgewiesen, aus Rücksicht auf den polnischen Gast. Lesen wir im Organ der Internationale ehemaliger Front kän pfer nach, wie sich der Schluss der Erörterungen gestaltete:« Der Vorsitzende hat sich geweigert, den Antrag über die Amnestie der Versammlung zu unterbreiten; darauf wurde dem Delegierten der katholischen Jugendgruppen. Deutschlands das Wort erteilt. Unter allgemeiner Aufmerksamkeit stellte er fest, dass der Kongress versäumt habe, von den Kriegsursachen zu sprechen( Ui ruhe im Saal), dass alle Entschliessungen von der Sorge getragen wären, den wahren Grund des Krieges zu um gehen, nämlich die kapitalistische Wirtschaftsordnung( Zwischenruf des Vorsitzenden): eben darum hat es der Kongress vermieden, die Abrüstungsfrage und Milit är dienst verweigerung zu erörtern( Drchung des Vorsitzenden, dem Redner das Wort zu entziehen, Tumult, der Vorsitzende beschimpft den Redner, den er einen grünen Jungen nennt, der noch viel zu lernen hat, Protest, endlich geu ährt man dem Redner noch zwei Minuten); eben darum hat es der Kongress vermieden, feste Stellung zu nehmen zur Frage der Minderheiten und der Amnestie». des Ladentisches Nicht nur Warschau, auch Prag empfing seine Pazifisten. In Prag tagten Anfang Oktober die Delegierten der« Vereinigungen für den Völker bund»; ihre Wahl war ebenso glücklich wie die Auswahl zum 26. Friedenskongress in Warschau. Hoffen kann man allerdings, dass einige Delegierte ihren Aufenthalt genügend verlängern konnten, um der Kundgebung der tschechoslowakischen Legionäre beizuwchnen, anlässlich des 10. Jahrestages des« Washingtoner Abkommens», des Geburtsscheins der Republik. Bei dieser Gelegenheit hätten sie DIE LEHRER- INTERNATIONALE vorhören können, wie sonderbar Benes sich über die Abrüstung äusserte. Durch die Festlegungen vom 18. Oktober 1918 war die Schaffung blosser Heimwehren gesehen und der Gedanke an eine tschechoslowakische Armee ganz ausgeschlossen worden. Um nun den Wortbruch zu verschleiern, um die jetzigen ungeheuren Rüstungen im Dienste des französischen Imperialismus zu rechtfertigen, nahm der Minister Zuflucht zur« weisen und vorsichtigen» Politik des Völkerbundes. Die Imperialisten benutzen die Genfer Einrichtung. wirklich zu einer sehr schönen Beweisführung! Die Prager Konferenz der Internationalen Union der Vereinigungen für den Völkerbund bedeutet einen Wendepunkt für die Tätigkeit der Union. Bisher befasste sie sich mit der Friedensfrage nur in politischer Beziehung. Im Hinblick auf die Entwicklung der Wirtschaftsabteilung des Völkerbundes geht sie nunmehr aber auch auf dieses Gebiet über, und der Prager Kongress hatte zur Aufgabe, die von den verschiedenen Ländern unternommenen Schritte nachzuprüfen, durch welche die Beschlüsse der Genfer Wirtschaftskonferenz des Vorjahres durchgeführt worden wären. Allgemein gesprochen befasste man sich mit der Frage des Wirtschaftsfriedens. Als letzter Punkt war auf der Tagesordnung angesetzt« Prüfung der Wirtschaftsund Finanztendenzen, durch welche günstige Bedingungen für den Frieden geschaffen werden können>>>. Die Kongressteilneh ner kamen zu dem Schluss, dass<< die Wirtschaftsabrüstung für alle Völker freie und gleiche Ausübung der Produktionstätigkeit und einen leichten Warenverkehr erfordere, allgemeiner die Beachtung der Rechts- und Moralregeln, die in jeder dieses Namens würdigen Gesellschaft die in lividuellen Beziehungen beherrschen müssen.». Die zahlreich vertretenen Genossenschaftler legten dar, dass die Gefahren des Imperialismus durch die Konsumgenossenschaften, die landwirtschaftlichen Genossenschaften und Genossenschaftsbanken unterdrückt werden könnten. Auf den utopischen Charakter dieser Wirtschaftsabrüstung» wollen wir nicht lange eingehen; eine endgültige Bewertung der Fähigkeit des Genossenschaftswesens zur Abschaffung des Kapitalismus finden wir auf Seite 77 unserer französischen Veröffentlichung:« Die grundlegenden Probleme der Arbeitsschule»>, WO Pistrak Lenin zitiert:« Worin besteht die phantastische Natur der Pläne der alten Genossenschaftler seit Robert Owen? Darin, dass sie von einer friedlichen Umgestaltung der modernen Gesellschaft durch den Sozialismus träumen, ohne einen so grundlegenden Umstand zu berücksichtigen wie den Klassenkampf, die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse, den Sturz der Herrschaft der Ausbeuterklasse. Und deshalb sind wir im Recht, wir in diesem Genossenschaftssozialismus durchweg Phantastik, Romantik finden, selbst wenn seine Träume ganz alltäglich sind: man will durch einfache Genossenschaften die Klassenfeinde in Klassenmitarbeiter verwandeln und den Klassenkampf in Klassenfrieden!» : wenn muss meiWenn man auch von der Sinnlosigkeit der Theorie absieht, so man doch darauf achten, in wie rein imperialistischer Weise die Frage aufgeworfen wurde. Bei Prüfung der Vorschläge selbst der am besten gesonnenen Utopisten kommt man stens zu ein und derselben Bemerkung. Deshalb braucht man aber nicht die Charakteristik des Prager Kongresses zu unterschlagen der Prager Kongress will durch die Verständigung die Widersprüche ausschalten, durch welche die imperialistischen Mächte in bezug auf die Rohstoffe (« Produktionstätigkeit») und in bezug auf die Weltverkehrswege und Absatzgebiete(« Warenverkehr») gespalten werden. Die viel gepriesene Verständigung entwirft der Kongress aber nach dem Muster der« gerechten» und« moralischen» individuellen Beziehungen, die in der modernen kapitalistischen Gesellschaft herrschen. Diese Beziehungen der Individuen oder besser der von den Individuen gebildeten Klassen sind nun aber unbestreitbar Beziehungen der Ausbeutung und Unterdrükkung. Daraus folgt, dass der vom Prager Kongress herbeigesehnte Frieden in der Voraussetzung, dass dieser wundertätige Frieden möglich ist( eine ganz sinnlose Voraussetzung) ein wahrer imperialistischer Frieden wäre, ein« Friedenssystem», in dessen Rahmen die vereinten Grossmächte seelenruhig die kolonialen und halbkolonialen Völker aussaugen könnten, genau so wie die Kapitalisten in jedem Staat die Arbeiter ausbeuten unter dem Vorwand, den Widerstand um des sozialen« Friedens» willen zu erdrosseln! - Man muss unter diesen Umständen bedauern, dass die Beschlüsse des Prager Oktoberkongresses bei einem Teil der Arbeiterpresse Widerhall fanden. ... DIE LEHRER- INTERNATIONALE und der Kanzel Nach Ende August hatte in Prag bereits der Welt kongress für Friede und Freundschaft durch die Kirchen statt gefunden. viert ägiger Diskussion wurde eine Entschliessung angenommen, wonach die Kirchen ihren sittlichen Einfluss in die Wagschale werfen sollen, um die Anstrengungen des Völkerbundes und der Regierungen für die Abrüstung zu unterstützen! Natürlich liess der Kongress einen unangebrachten Antrag auf vollständige Abrüstung fallen. An der Aufrichtigkeit des Kongresses wird man aber nicht mehr zweifeln können, sobald man sich vergegenwärtigt, aus was für Vertretern er sich in der Hauptsache zusammensetzte Vertreter der angelsächsischen Geistlichkeit, die mit zu den schein heiligsten zählt; Vertreter der Missionskirchen des fernen Ostens, den ergebenen Mitarbeitern des Kolonialismus; Vertreter des deutschen Protestantismus, der sich keine Geleger heit ent gehen lässt, um seine Uebereinstimmung mit der kaiserlichen Tradition und dem imperialistischen Gedanken zu bekräftigen. Und nun hört einmal, wie die guten Apostel predigen, dass der Weltfriede nur durch die Intervention der sittlichen Kräfte hergestellt werden kann, die sie natürlich zu verkörpern behaupten. Der Frieden durch die Jugend Das sind einige der glänzendsten Kundgebungen für den Frieden von 1928. Aus Platzmangel übergehe ich die anderen, die mit zu den besten gehören, wie z.B. der 8. Ir terratior ale Demokratische Friedenskongress, der in Genf und Bierville( 13. bis 23. September) tagte und zum Zweck hatte, die Demokratische Internationale unter Leitung der Sozialkatholiken der« Jungen Republik» Frankreichs, im Dienste des Völkerbundes, zu organisieren. Aber das grosse Ereignis der Saison verdient besondere Aufmerksamkeit: der Weltfriedenskongress der Jugend in Eerde bei Ommen ( Holland) vom 17. bis 26. August. Vorangegangen waren ihm der Kongress von Bierville( Frankreich) von 1926 und der Kongress auf der Freusburg( Deutschland) von 1927. In Eerde kamen 450 Delegierte aus 31 Ländern zusammen, darunter 104 Deutsche, 78 Yankees, 61 Engländer, 97 Holländer, 24 Franzosen. Man sieht auf den ersten Blick, dass die Delegationen der grossen imperialistischen Länder von überwiegender Bedeutung waren. Kolo5 waren niale und halbkoloniale Länder äusserst mittelmässig vertreten. Südamerika hatte gar keinen Delegierten; spanisch war keine offizielle Kongresssprache. Der Unterricht dagegen war würdig vertreten: alle Delegationen bestanden zu einem erfreulichen Prozentsatz aus Professoren. Die Volksschullehrer waren weniger zahlreich zugegen. Das Internationale Büro für Erziehung hatte Claparède entsandt. Aus Deutschland waren vertreten der Bund Entschiedener Schulreformer, der Bund der freien Schulgemeinschaften, der Verband katholischer Junglehrer, der katholische Lehrerinnenverein, der Bund pazifistischer Studenten. Selbstverständlich hatten die Lehrer-, Schüler- und Studentenvereinigungen für den Völkerbund nicht zu erscheinen versäumt. : Für politische Fragen hatte jede Organisation ihren Sprecher, von der Kommunistischen Jugend bis zu den Revolutionären(?) Faschisten Frankreichs und der völkischen und grossdeutschen Jugend Deutschlands. Das Kleinbürgertum, das voller Schrecken daran denkt, welches Urheil ihm ein künftiger Krieg bringen würde, nahm durch die betreffenden Organisationen einen grossen Platz ein, doch spielten sie nicht die ihrer Masse entsprechende Rolle; es win melte von mehr oder minder spiritualistischen und mystischen Organisationen, die von der ideologischen Zersetzung des Mittelstandes zeugen Theosophen, Vegetarier, Rationalisten, Quäkerfreur de usw... usw... Im Vordergrunde bewegten sich jedoch weniger harmlose Organisationen, die nur schwer verbergen konnten, dass sie den verschiedenen imperialistischen Mächten als Werkzeug dienen. Auf der Voi bereit ungsversammlung in Köln, Anfang Juni, hatten die holländischen Pazifisten offen erklärt, dass sie eine Kritik am Imperialismus in Niederländisch- Indien nicht gestatten würden. Die mit den organisatorischen Fragen betrauten Engländer beabsichtigten augenscheinlich, ihrer spezifischen Rolle des jungen englischen Bürgers Genüge zu tun durch Aufrichtung einer Einheitsfront der Jugend gegen die Sowjetunion. Die Leitung der französischen Delegation lag in Händen der Weltlichen und Republikanischen Jugend vereinigung, die im allgemeinen, wie bekannt, mittelmässig jung ist, weltlich aus Kult der Vergangenheit, republikanisch mit Umsicht, regierungsfreundlich von Natur usw... Das übrigens verfehlte Ziel war, einen Welt bund der Jugend für den Frieden zu schaffen, was selbst bürgerliche 6 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Delegierte als politisches Manöver bezeichneten. Der Deutsche Erich Obst schrieb: « Wir können uns nicht dazu missbrauchen lassen, als Söldner zur Verteidigung des englischen Empire( etwa gegen Russland) herangezogen zu werden....». Eine offizielle Mitteilung des Vorbereitungskomitees hatte bekannt gegeben: « Besondere Vorbereitungen sind getroffen für die Erteilung von Pässen und Sichtvermerken», und ferner:« Sollten sich bei Einholung des holländischen Visums Schwierigkeiten ergeben, so wird um sofortige Verständigung des holländischen Sekretariates gebeten». In Tatsache versuchte das Vorbereitungskomitee vor allem aber, jegliche Vertretung der kommunistischen Jugendorganisationen durch einen äusserst groben Brief vom 30. Mai zu unterbinden. Dann verweigerten die deutsche und holländische Regierung das Einreisevisum, wenigstens für die Mitglieder der kommunistischen Delegation. Hinzuzufügen ist noch, dass nicht geleugnet wurde, der Kongress habe amtliche Subsidien, besonders deutsche, erhalten... Die Klassenfront Die Versammlung wurde in fünf Arbeitsgemeinschaften eingeteilt: Politik, Wirtschaft, Rassen und Minderheiten, Erziehung, Moral und Religion. Die grosse Lehre des Kongresses ist, dass bei allen möglichen Fragen der proletarische und bürgerliche Standpunkt hart und unausgleichbar aufeinander platzte. Der Kongress von Eerde hat wieder einmal bewiesen, dass der Arbeiterpazifismus und der bürgerliche Pseudopazifismus nichts mit einander gemein haben: nur darin liegt seine Bedeutung, nur darin gipfelt das einzig denkbare Interesse eines Studiums seiner « Arbeiten» durch Klassenkampforganisationen. Die soziale und wirtschaftliche Arbeitsgemeinschaft verfügte u.a. über einen französischen Bericht, der mit der klassischen Geschicklichkeit eines Taschenspielers das Klassenproblem durch Aufschneiderei vom Frieden ganz glatt von der Bildfläche verschwinden lässt:« Will man den Frieden sicherstellen, dann darf man nicht so anfangen, dass man das gegenwärtige Fundament der Gesellschaft in Frage stellt; durch ein solches Vorgehen würde man die Frage ganz unnötig komplizieren und ganz bestimmt den Krieg heraufbeschwören; in dem bestehenden Rah men kann man mit Hilfe der bereits geschaffenen Elemente In vielmehr das internationale Wirtschaftsleben auf neuer Grundlage aufziehen». Theoretisch erkannte die Arbeitsgemeinschaft an, dass man sich zwecks Verwirklichung des Friedens« bemühen müsse, eine neue Wirtschaftsordnung aufzubauen, in der es keine Parasiten gäbe... Der heutige Imperialismus muss verschwinden>>. bezug auf die Methoden und konkrete Definition der Ansichten konnte die Arbeitsgemeinschaft aber nur feststellen, dass unter ihren Mitgliedern unüberbrückbare Klassengegensätze beständen; ir Bericht bildet eine lange Reihe von unvereinbarlichen Vorschlägen; die kommunistischen, sozialistischen und anarchistischen Vorschläge erscheinen unter Punkt 8, 9 und 10. Was die politische Arbeitsgemeinschaft anbetrifft, so legte der englische Vorantrag fest, dass« der Völkerbund trotz der ihm gezogenen Grenzen das Organ einer politischen Weltunion zu werden verspreche»>, ein Organ, das fähig wäre, die Kontrolle und Verteilung der Weltquellen sicherzustellen. Trotz dieser glänzenden Hoffnungen gelang es der politischen Arbeitsgemeinschaft nicht einmal, einen gemeinsamen Bericht auszuarbeiten. Die kompakte und entschiedene Arbeiterminderheit schrieb:« Die imperialistischen Staaten geben sich in der ganzen Welt einem Wettrüsten hin. Es wäre also Verrat an der Arbeiterklasse, wollte man zur heutigen Stunde von Abrüstung sprechen. Die Abschaffung der Rüstungen und des Krieges kann nur ein Ergebnis der Abschaffung des Kapitalismus sein. Die einzig wirksame Massnahme besteht in der Unterstützung des Proletariats im Kampfe gegen die Bourgeoisie». Die bürgerliche Mehrheit verkündete nur die theoretische Notwendigkeit der Abrüstung und spaltete sich darauf: die direkten Vertreter der Regierungsideen verfassten einen Antrag, in welchem die Sicherheit, das Schiedsgericht, der KelloggPakt, die Revision der Verträge, die internationale Polizei, die Förderung des Völkerbundes empfohlen wurden, und... einstweilige Sonderabkommen. Andere Bürgerliche forderten dagegen die Abschaffung der Sonderverträge, die Aufstellung einer Skala für die allgemeine und progressive Abrüstung durch eine Weltkonferenz und die Annahme der sowjetistischen Vorschläge, die von Litwinoff in Genf niedergelegt wurden. Für die Arbeitsgemeinschaft für Erziehung lag auch ein englischer Vorantrag vor; natürlich übertrieb er die Friedenspropaganda durch die Schule, durch Radio DIE LEHRER- INTERNATIONALE und die Laterna magica. Die Gruppe versicherte ohne mit der Wimper zu zucken, dass die psychologischen Tendenzen der Jugend den Weltfrieden bestimmen werden: << Die pädagogische Seite der Friedensarbeit ist vielleicht das Wesentliche; denn die Wahl zwischen Krieg und Frieden wird notgedrungen durch das Verständnis der jungen Generation bestimmt werden und durch ihre Haltung gegenüber den Gewaltmethoden in sozialen und internationalen Angelegenheiten( man beachte die Verbindung der beiden)... sowie durch ihre Haltung gegenüber der Buntscheckigkeit der modernen Zivilisation>>. Im Verlauf der Sitzung liess sich aber die wesentliche Pädagogik, die Klassenpädagogik nicht umgehen: « Tiefe Meinungsverschiedenheiten ergaben sich im Hinblick auf die Schulneutralität. Für die sozialistische und kommunistische Gruppe ist die Schulneutralität eine Unmöglichkeit. Jede Erziehung, zum mindesten an öffentlichen Schulen, ist eine Erziehung für den Staat, und der Staat ist der Ausdruck einer Klassenherrschaft... Die sich unmittelbar ergebende Aufgabe besteht also in der Abänderung der sozialen und wirtschaftlichen Ordnung>>. Der bürgerliche Teil der Arbeitsgemeinschaft fand keine andere Entgegnung als Betrachtungen über den Altruismus, der den Menschen als« Gliedern der grossen Menschheitsfamilie» angeboren ist. Eine zweite Gruppe verschloss sich nicht vor den Klassen, wollte aber die Zusammenarbeit der Klassen durch die Einheitsschule verwirklichen. Verweisen wir sie auf die Ansicht Lenins über die Anmassungen der Genossenschaften. Zusammenfassend erkannte die Arbeitsgemeinschaft an, dass sie nur Informationsarbeit leisten könne. Unsere Aufgaben Die Schlussfolgerung der Arbeitsgemeinschaft für Erziehung hätte die Schlussfolgerung des ganzen Kongresses sein können sein einziges Ergebnis war eine informatorische Arbeit: Information der zögernden und gut gesinnten Kleinbürger, die nicht gegen den Krieg zu kämpfen verstehen, die voller Einfalt die laufenden Phra7 sen über den guten Willen der Staaten hinnehmen, über das allmächtige Schiedsgericht, die Auswahl der Landesvertreter im Völkerbund durch die Völker selbst usw... die aber jetzt in Eerde das eiserne Wort des Proletariats gehört haben. Dieses Wort müssen wir unaufhörlich wiederholen. Ueberall versucht man, es zu ersticken; überall geht man mit grossem Kraftaufwand daran, durch Appelle an den ewigen Altruismus des abstrakten Menschen oder an den guten Willen des über den Klassen stehenden Staates( die beide illusorisch sind) die einzig richtige Einstellung für den Kampf gegen den Krieg zurückzudrängen, das ist der offene und unerschütterliche Kampf gegen den Kapitalismus, Seite an Seite mit dem Proletariat. Die imperialistischen Grossmächte begünstigen meistens und dulden immer die selbst kühn erscheinenden Formen des Kampfes gegen den Krieg im allgemeinen; Pazifismus ist ihre offizielle Doktrin geworden. Unser kurzer Ueberblick über die pazifistischen Kongresse von 1928 hat b wiesen, dass alle, Parlamentarier, Geistlichkeit, bürgerliche Jugend, usw... eine Einheitsfront mit den Regierungen aufrichten, die in Wahrheit gegen den proletarischen Antimilitarismus gerichtet ist; ihr angeblicher Kampf gegen den Krieg ist nur ein Ablenken. Wir wissen, dass sich eine bestimmte Zahl mutiger und aufrichtiger Pazifisten( man sehe die kürzliche Gründung der Gesellschaft für den Frieden durch die Wahrheit in Frankreich!) und auch ein grosser Teil der Lehrerschaft fangen lassen vom wortereichen, mühelosen und schmerzlosen Pazifismus, der das Paradies auf Erden ohne revolutionären Umsturz verheisst. Eine Aufgabe aller Vorkämpfer, aller Mitglieder der I. B. A. muss daher sein, neben der har näckigen Bekämpfung des offiziellen Pazifismus zu einer unermüdlichen und genauen Aufklärungsarbeit bei den Kollegen überzugehen, um ihnen zu beweisen, dass der Sieg des Sozialismus der einzige Weg ist für die Ausschaltung des Krieges und die Sicherstellung des Friedens. G. COGNIOT. 8 DIE LEHRER- INTERNATIONALE UNTER DER KONTROLLE DER MASSEN Sieben Mitteilungen des Sekretariats T Die Lehrerschaft und Schulen von Guadeloupe haben mit der gesamten Bevölkerung und den Einrichtungen des Landes schwer durch den Zyklon vom 12. Oktober gelitten. Er war noch heftiger und länger als der Wirbelsturm vom Jahre 1891. Die Hilfeleistung erwies sich als gänzlich ungenügend. Selbst die Presse des Mutterlandes hat zugeben müssen, dass der Vertreter der Regierung sich von der unversehrten Stadt BasseTerre erst fünf Tage nach dem Unwetter in das zerstörte Pointe- à- Pitre begab, dass man in den amtlichen Mitteilungen streng zwischen europäischen und einheimischen Opfern unterschied, dass die von der Regierung bewilligten 100 Millionen nur ungefähr ein Sechstel des direkten Schadens ausmachen. Unter diesen Umständen hielt es das Sekretariat für seine unmittelbare Pflicht, den am härtesten betroffenen Kollegen eine finanzielle Beihilfe zu senden, durch Vermittlung des Korrespondenten der guadeloupischen Gruppe der I. B. A. Die Solidarität der französischen und belgischen Lehrer innerhalb der I. B. A. entwickelt sich kräftig anlässlich der Vergewaltigung des Gewerkschaftsrechts durch das demokratische Belgien in der Person des Sekretärs unserer Sektion. Wir erwähnen die Entschliessung der Lehrerversammlung des Departement Indre- et- Loire vom 18. Oktober in Tours, die an das belgische Konsulat gerichtet ist. Wir erwähnen ferner die Telegramme des Verbandsbüros der französischen Sektion an den Landesausschuss der belgischen Zentrale und an den Minister für Kunst und Wissenschaft in Brüssel, datiert vom 28. Oktober, und schliesslich die Entschliessung der Generalversammlung der Bezirksgruppe Seine vom 8. November, gerichtet an die belgische Botschaft.. Gegen die faschistische Diktatur in Chile, die seit Anfang September eine Menge Lehrer entliess,« die Führung und Fähigkeiten» der übrigen Lehrkräfte« der Aufsicht der Polizeikommissare» unterstellte, die Lehramtsstudenten gefangen setzte und die Polizei in den geschlossenen Seminaren einquartierte, den Kriegsminister zum Unterrichtsminister ernannte und den Allgemeinen Lehrerverein trotz seiner Zuvorkommenheit auflöste, erhob das Sekretariat einen energischen Protest, der von den Komitees der Freunde der I. B. A. in Lateinamerika verbreitet wird. In Tulcan( Ecuador) ist eine Gruppe der Freunde der I. B. A. in Bildung begriffen. Unter dem 4. September teilt man uns sogar mit, dass die Vorbereitungsarbeiten für die gewerkschaftliche Organisation bereits gut vorgeschritten sind. Die Gründung einer Sektion der I. B. A. in Brasilien, wo keine Lehrergewerkschaft besteht, wird gemäss Mitteilung vom 9. September von dem Komitee der Freunde der I. B. A. in Rio de Janeiro tatkräftig in Aussicht genommen. Dem Kongress der allindischen Lehrervereinigung, der in den ersten Tagen vorigen Monats in Bombay tagte, sandte das Sekretariat ein Begrüssungsschreiben der I. B. A. Es warnt unsere Genossen besonders vor der imperialistischen Tätigkeit der Internationale von San Franzisko. 66 Die dritte Nummer unseres polnischen Bulletins ist erschienen. Es ist darin enthalten der in unseren Monatsbulletins veröffentlichte Aufruf an die Lehrerschaft vom Juli d. J., der Leitartikel unserer Oktoberbulletins und ein Auszug aus dem Junglehrerbericht. Ausserdem enthält es einen polnischen Teil. Er setzt sich zusammen aus dem bereits im Monatsbulletin veröffentlichten Artikel über die Volksschulen und die Pilsudski- Regierung", sowie aus einer Antwort des Redaktionssekretärs an das Zentralorgan des polnischen Lehrervereins. Dieser Verein, die polnische Sektion der I. V., hatte nämlich in Nummer 27/28 des« Glos Nauczycielski» einen langen Artikel veröffentlicht unter dem Titel« Die Kommunisten greifen unseren Verein an». Der Artikel soll angeblich auf eine Studie antworten, die in Nummer 2 unseres polnischen Bulletins über<< Die Tätigkeit der Leitung des polnischen Lehrervereins» erschien. In Wahrheit beantwortet der Artikel keineswegs die von uns vorgebrachte Kritik; er ist nur ein Gemenge von Ungenauigkeiten über unsere Internationale. Ein einziges Beispiel möge das beweisen:< 1919... beschloss man, eine neue Lehrerinternationale zu gründen, obgleich die demokratische Organisation Amsterdams bereits bestand>>. Jeder weiss, dass die genannte Organisation 1926 entstand!« Keine Polemik, sondern Tatsachen!» das war der Leitgedanke für unsere Antwort an Glos. - 1926 INTERNATIONALE ARBEITERBEWEGUNG Eine grosse Idee lebt fort Die Gewerkschaftszentralen Skandinaviens und der U.S.S.R. arbeiten an der Gewerkschaftseinheit Nach dem Abbruch der Beziehungen zwischen den englischen Gewerkschaften und der Gewerkschaftszentrale der Sowjetunion haben nunmehr die norwegischen und finnischen Gewerkschaften die Initiative zu einer internationalen Aktion für die Gewerkschaftseinheit ergriffen. Der norwegische und finnische Allgemeine Gewerkschaftsbund bekundete bereits den Wunsch zur Zusammenarbeit mit dem anglo- russischen Komitee zur Zeit, als dieses in Funktion war oder zum wenigsten existierte. So hatten die norwegischen und finnischen Arbeiter, die ihren Brüdern in Schweden und Dänemark in der Gewerkschaftsbewegung von jeher weit voraus sind, schon früh erkannt, dass die Arbeiterklasse eine grosse, einheitliche und kampffähige internationale Organisation hinter sich haben muss, wenn sie im Kampfe gegen die Einheitsfront des Welt kapitals zum allerwenigsten die eroberten Stellungen halten will. Aus verschiedenen Gründen hatte das anglo- russische Komitee das Anerbieten um Zusammenarbeit seinerzeit abgelehnt. Auf dem letzten Kongress des norwegischen Gewerkschaftsbundes, also vor fast einem Jahr, nahm die grosse Mehrheit der vertretenen Gewerkschaften eine Entschliessung an, in welcher der Gewerkschaftssekretär aufgefordert wurde, sofort mit den Gewerkschaftszentralen Finiands und Sowjetrusslands in Kontakt zu treten zum Zwecke einer Konferenz der drei Gewerkschaftsorganisationen: darauf sollten die Bedingungen für eine Zusammenarbeit im Hinblick auf die Verteidigung der wirtschaftlichen und politischen Interessen der drei beteiligten Landesorganisationen festgelegt werden; ferner sollten die Mittel und Wege zur Aktion für die Wiederherstellung der Gewerkschaftseinheit durch eine internationale Konferenz geprüft werden, zu der man den Amsterdamer I. G. B. und die Moskauer R. G. I. einladen wollte. Dieser Entschliessung zufolge richtete die norwegische und die finnische Zentrale am 20. März ein Schreiben an den I. G. B. und die R. G. I. mit der Bitte,« auf dem Boden der Freiheit und der Kameradschaftlichkeit» zur Einberufung einer Konferenz beizutragen, die sich aus Vertretern des I. G. B., der R. G. I., der norwegischen Zentrale, der finnischen Zentrale und anderen, zur Entsendung von Delegierten geneigten Gewerkschaft sorganisationen zusammensetze. Zur Diskussion war vorgeschlagen: die vollständige Vereinheitlichung der internationalen Gewerkschaftsbewegung». Bisher hörte man nur von der Antwort der R. G. I., welche diese Initiative billigte und anregte, zur vorgesehenen Konferenz den mexikanischen Gewerkschaftsbund ( Crom) einzuladen, sowie den indischen Gewerkschaftsbund, den Gewerkschaftsrat von Australasien usw.( Juli). 食 Inzwischen traten auf einer Konferenz in Kopenhagen die Delegierten der norwegischen, finnischen und sowjetistischen Zentrale zusammen. Nach einer Diskussion 10 DIE LEHRER- INTERNATIONALE von mehreren Tagen legte man ein unitarisches Aktionsprogramm fest. Diese Aktion fand in den Reihen der skandinavischen Arbeiter grosse Unterstützung. Mehrere Verbände( Bergarbeiter, Holzarbeiter und Angestellte Schwedens; chemische Industrie und Ackerbau Norwegens) schlossen mit den Bruderorganisationen der Sowjetunion vertraglich ein Bündnis. Die Sache der Einheit stiess aber auf grosse Hindernisse. Seit dem Osloer KonGewerkschaftsdes norwegischen gress bundes versuchten die Delegierten des schwedischen und dänischen Gewerkschaftsbundes, die unitarische Aktion zu durchkreuzen, indem sie erklärten, dass ihre Zentralen sich im Falle eines Bündnisses mit den Russen in einer schwierigen Lage in bezug auf die zwischenskandinavischen Beziehungen befinden würden, weil sie an die Politik ihrer Amsterdamer Internationale gebunden wären. Später, als es ihnen misslungen war, die beiden anderen skandinavischen Gewerkschaftsorganisationen in Opposition zur Einheit zu bringen, gaben die Schweden und Dänen den Norwegern und Finnen bekannt, dass sie« ihr Bündnis durch die Beschlüsse der Kopenhagener Konferenz kompromittiert» sähen. Die unitarische Aktion erlitt einen noch schmerzlicheren Schlag durch die willkürliche Verhaftung und Verurteilung der Führer der finnischen Gewerkschaftsbewegung, insbesondere Arvo Tuominen, Generalsekretär des Gewerkschaftsbundes. Unter dem berühmten Vorwand des« Anschlags gegen die Sicherheit des Staates», in Wirklichkeit aber wegen der regen Wirksamkeit des Gewerkschaftsbundes und der Verdoppelung seiner Mitgliederzahl im Laufe der letzten Jahre, legte man Tuominen und seine Freunde in Fesseln. Ihre Vertreter sind für die internationale Aktion weniger tätig. Andererseits haben die Drohungen Stockholms und Kopenhagens die unitarische Haltung gewisser norwegischer Führer erschüttert; sie bemühen sich jetzt, eine weniger ausgeprägte Stellungnahme zu zeigen. Auf einer Versammlung der Trondheimer Gewerkschaften versuchten Tranmael und H. Olsen, eine Entschliessung durchzubringen, in welcher trotz aller Billigung der Leitsätze der Kopenhagener Konferenz der Wunsch ausgedrückt würde, vor allem die guten Beziehungen zwischen den einzelnen skandinavischen Gewerkschaften zu wahren... Es ist ihnen misslungen! Die Arbeiter nehmen die unitarischen Bestrebungen ernst, und sie haben ihre Führer durch Bestätigung des Osloer Kongressbeschlusses in die Minderheit gesetzt: die Gewerkschaftseinheit geht einen schwierigen Weg, aber sie ist im Gange. Ohne Zweifel wird die grosse Idee von den skandinavischen Ländern bald auf die Arbeiterschaft in der ganzen P. A Welt übergreifen. Am 8. August 1928 wurde bekannt gegeben, dass der Holzarbeiterverband der Sowjetunion und Grossbritanniens übereingekommen sei, ein anglo- russisches Einheitskomitee zu gründen. Als Hauptaufgabe wurde diesem Komitee die gegenseitige materielle und moralische Unterstützung im Falle von Streiks oder Aussperrung gesetzt. Die Beteiligten verpflichteten sich, die Sabotage der Streiks und das Schlagwort vom Burgfrieden energisch zu bekämpfen, wie auch die Vorbereitung neuer imperialistischer Kriege. Die Gründungsversammlung solle im Laufe der Herbstmonate einberufen werden und ein konkretes Programm für die sofortige Aktion aufstellen. MONDE für Hervorragendes internationales Informationsblatt Literatur, Kunst, Wissenschaft und soziale Fragen MITARBEITER SIND DIE BESTEN GELEHRTEN, KÜNSTLER UND SCHRIFTSTELLER ALLER LÄNDER Erscheint jeden Sonnabend in einem Umfang von zwölf oder sechzehn Seiten Preis pro Nummer: EIN FRANK Kostenloser Versand von Probenummern erfolgt durch: MONDE: 144, rue Montmartre, Paris DIE LEHRER- INTERNATIONALE Die Weltoffensive der Textilund Metallindustriellen « Das Unternehmertum befindet sich seit Kriegsende bei der Vertretung seiner Belange fast immer in der Defensive; es wird zu prüfen sein, ob es durch die Entwicklung der Verhältnisse nicht gezwungen wird, die bisherige Haltung zu ändern. Wir stecken ohnedies zu sehr im Kollektivismus und müssen dem Individualismus wieder mehr Spielraum geben!» So sprach Herr Reusch im Juni auf einer Versammlung der Metallindustriellen in Düsseldorf. Wer ist Herr Reusch? Das ist der Generaldirektor des Gute Hoffnungshütte Konzerns und im wesentlichen der Leiter des Haniel- Konzerns. Er kontrolliert ein Dutzend grosser Lokalzeitungen nationalistischliberaler Richtung, die eine gemeinsame Auflage von 500.000 Exemplaren erreichen. Er erfreut sich bei den Schwerindustriellen einer allgemein anerkannten Autorität. Er ist also berechtigt, in ihrem Namen zu sprechen. Und wie wir sehen, hat er nicht mit der Erklärung gezögert, dass das Unternehmertum ungeduldig die Stunde der grossen Offensive erwarte. Herr Reusch und seine Freunde brauchten ihre Ungeduld nicht lange zu zügeln. Als es sich darum handelte, zum November den Tarifvertrag der Metallarbeiter zu erneuern und ihn den gegenwärtigen Verhältn ssen( Lebenshaltungskosten usw.) anzupassen, erkannte die Schlichterkammer die Notwendigkeit einer Lohnerhöhung von 4 bis 5% an. In dem Augenblick wurde die ersehnte Offensive im Ruhrgebiet entfesselt und griff auch schnell auf die anderen Metallindustriegebiete über: die ganze Provinz Westfalen, Hannover, Halle- Merseburg. Die Unternehmer lehnten den Schiedsspruch ab und verkündeten die Aussperrung. In wenigen Tagen lagen 225.000 Metallarbeiter auf der Strasse: bald wuchs ihre Zahl um weitere Hunderttausend der angrenzenden oder solidarischen Industrien. Wie Herr Reusch durchblicken liess, handelt es sich in diesem Riesenkampf durchaus nicht um rein wirtschaftliche Fragen. Es ist vielmehr eine Frage der Kraft, eine Frage der Gewalt, was die Ruhrmagnaten zur Kriegserklärung an die Arbeiter trieb. Natürlich wollten sie im Verlauf der Verhandlungen an Hand von Zahlen ihr 11 grosses Elend beweisen, doch wurden diese Klagen bald durch authentischere Statistiken widerlegt. Die Berliner Börse hat den ersten Gegenbeweis erbracht; sie wies nach, dass die Metallaktien bis zum Tage der Aussperrung zu den einträglichsten zählten. Sie wurden zum fünffachen Wert und noch darüber notiert. Die Entwicklung der Produktion wird schon durch folgende Zahlen genügend charakterisiert: Die Rohstahlproduktion des KlöcknerKonzerns betrug im Jahre 1925 rund 487.000 Tonnen und stieg auf rund 885.000 Tonnen im Jahre 1927. Selbstverständlich mag man sich fragen, zu welchem Preise diese Steigerung erfolgte. Eine Antwort findet man in der Statistik der Unfallversicherung seit 1923 stiegen die Unfälle in der Metallindustrie von Münster, Köln, Duisburg und Düsseldorf im Jahresdurchschnitt von 33.000 auf 110.000; 1913 ertfielen gewöhnlich auf 100 Arbeiter jährlich 368 Krankheitstage, und heute, im zweiten Jahre der Rationalisierung, zählt man 723! Und dennoch sind die Unternehmer nicht zufrieden. Selbst auf dem Wege eines erb tterten Kampfes wollen sie sich die Möglichkeit sichern, zu einer noch intensiveren, noch unbarmherzigeren Ausbeutung überzugehen! Herr Reusch sagte auf der Düsseldorfer Versammlung auch: « Die Wirtschaft ist keine Wohlfahrtseinrichtung. Das Kapital muss einen angemessenen Nutzen abwerfen.>> Dieser Nutzen soll durch die Eroberung der politischen Macht in noch gesteigertem Masse sichergestellt werden. Die Unternehmer wollen einen Beweis ihrer Kraft geben, ehe sie in den Kampf um die Regierung eintreten. Sie haben dort schon ihre offiziösen Vertreter( Stresemann), das genügt ihnen aber nicht. Sie wollen die grosse Koalition, unter der Bedingung, dass sie ohne<< soziale» Zugeständnisse an die Arbeiter erfolgt. Die Reichsregierung befindet sich in einer unerquicklichen Lage: besteht sie doch zum grossen Teil aus Vertretern dieser Kapitalisten, und sollte sie ihnen doch von Amtswegen den Schiedsspruch aufzwingen. Der erste Rückzug ist aber schon vollzogen: Das Kabinett Hermann Müller hat den Innenminister Severing beauftragt, die Rolle des bevollmächtigten Vermittlers zu übernehmen. Für den Standpunkt der Arbeiter sind seine ersten Erklärungen wenig beruhigend. Doch grollt in den Arbeitermassen immer drohender der Protest und der Widerstand, 12 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Die kapitalistische Offensive beschränkt sich nicht auf die Schwerindustrie. Unlängst gingen die Textilarbeiter aus einer grossen Schlacht hervor, weil die Unternehmer ihnen niedrigere Löhne zuteilen wollten, und zwar in allen Ländern der Erde. In Indien währte der Bombayer Streik sechs Monate und endete mit einem glänzenden Erfolg der Arbeiter. In Polen kämpften 100.000 Textilarbeiter in Lodz wochenlang gegen die Unternehmer und ihre Verbündeten der Regierung; trotz grosser Hindernisse und trotz des Ueberlaufens gewisser Führer errangen sie einen Sieg, der allerdings mehr moralischer als materieller Natur war. In Frankreich brach im Oktober im Norden der Streik aus für die Lohnerhöhung und gegen die Rationalisierung. Dieses Mal war er erfolglos. Aber noch halten 10.000 Arbeiter in einer Ecke des Departements heldenhaft stand, die Arbeiter des Roten Halluin. In Deutschland wächst sich die Schlacht zu furchtbaren Dimensionen aus: 500.000 Textilarbeiter aus Sachsen, Westfalen, Mitteldeutschland, Hannover und Brandenburg erhoben sich der Löhne und des Manteltarifs wegen. Nach einer kurzen Periode der Baisse war die Konjunktur wieder gestiegen. Aber auch die Textilindustriellen wollen eben ihre Macht durch den Kampf vor Augen führen. Den 5. 12.28. P. A. ABONNEMENTSERKLÄRUNG ( Für Nichtmitglieder der 1. B. A) Unterzeichneter abonniert hiermit die« LEHRER- INTERNATIONALE», offizielles Organ der Internationale der Bildungsarbeiter. Anbei die Summe von 3- Gmk. für ein Jahresabonnement Name Vorname Beruf Wohnort. Strasse und Hausnummer... Leserliche Unterschrift Diese Abonnementserklärung ist auszufüllen und mit dem Abonnementsbetrag zu senden für DEUTSCHLAND an Anna Lindemann, Sonnebornerstr. 30, Gotha. POSTSCHECK Erfurt 3428. Andere Länder deutscher Sprache: Generalsekretariat der I.B.A., 8, Avenue Mathurin- Moreau, Paris( XIX). DER BILDUNGSARBEITER IN きい 1926 ALLER WELT Die Fragen der Schulpolitik und der Lehrerbewegung seit dem Wiener Kongress( 1926) Bericht des Gen. M. Apletin, gehalten auf dem Leipziger Kongress( 1928) ( Schluss) Die pädagogischen Internationalen der Imperialismen Das Jahr 1927, das sich durch seine riesigen« Friedenstaten» in Form von ge steigerten Rüstungen, erweiterten Armeen, verstärkten Kriegsschiffen und anderen Kriegsmitteln auszeichnete, war ganz besonders fruchtbar in bezug auf die Quantität und« Qualität» der pazifistischen Lehrerkongresse und Lehrerkorferenzen. Das Internationale Büro für Erziehung berief seine Konferenz zum 16.- 20. April nach Prag ein. Die Internationale Vereinigung der Lehrerverbände trat im selben Monat in London zusammen. Der Kongress der Internationale von San Franzisko tagte im August in Toronto( Kanada). Das Internationale Büro für Erziehung glaubt so stark an die Wirkung der pazifistischen Erziehung, dass es über Geschichte und Literatur hinaus nicht nur der Erdkunde und Naturwissenschaft, sondern auch den alten Sprachen magische pazifistische Eigenschaften zuschreibt! Die Beschlüsse dieser Kongresse und Konferenzen bringen immer dieselben pazifistischen Redensarten, bringen Beteuerungen, dass das friedliche Zusammenleben der Völker durch Schulerziehung, Revision der Schulbücher, besonders der Geschichtsbücher, erreicht werden kann. Nur leicht variieren die diesbezüglichen Entschliessungen. Qualitativ sind sie alle gleichwerlig. Der ganze pazifistische Redeschwall verrät nur zu deutlich die Stimme des Herrn: Die Prager Konferenz bekräftigte, dass beim Studium des Völkerbundes betont werden müsse, seine Aufgabe bestehe in der Herstellung des« Friedens auf politischem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiete». Die unpolitische» Plattform der Organisation läuft also auf die offene Unterstützung der Völkerbundspolitik hinaus. Die Internationale von San Franzisko ist vor allem das Werkzeug der amerikanischen Bourgeoisie. Nicht umsonst bezeichnete der Kapitalist Raphael Herman Amerika auf dem Torontoer Kongress als Muster des« friedlichen Zusammenlebens der Völker«, unter besonderer Berufung auf die Kanadapolitik der Vereinigten Staaten. Nicht umsonst fiel auf dem Kongress auch nicht ein einziges Wort über die« friedlichen Absichten und Taten» Nordamerikas in bezug auf Südamerika, die Philippinen und China. Die europäische Lehrerinternationale ist, wie ihre Schöpfer selbst eingestehen, eine ( unpolitische!) Nachbildung der deutschfranzösischen Verständigungspolitik, der Politik der Stahltrusts und anderen Konzerne. Jede dieser Internationalen hat ihren Herrn, und alle haben sie ihren gemeinsamen Herrn, den Weltimperialismus. Die Internationale von San Franzisko tagte in San Franzisko, Edinburg und Toronto. Für den Herbst 1928 wird eine panasiatische Lehrerkonferenz in Indien ( also wieder einem englischen Dominion) geplant. Die Führung der Internationale liegt in der Hand der Amerikaner. Die Engländer möchten gern die europäischen Lehrerverbände in die Internationale von 14 DIE LEHRER- INTERNATIONALE San Franzisko hineinziehen, um den Einfluss der Vereinigten Staaten zu schwächen und die Führung selbst in die Hand zu nehmen. Der Frieden auf dem Kongress von Toronto Die pazifistische Internationale von San Franzisko befasst sich mit dem Studium des Völkerbundes, des Haager Schiedsgerichts und deren Bedeutung für die« pazifistische Erziehung». Man hörte von ihr bisher aber keinen konkreten Vorschlag für den Kampf gegen den Krieg. Auf ihrem letzten Kongress im August 1927 in Toronto tagten neben den Lehrern die Abgesandten des Unterrichtsministeriums. Die Unterrichtsministerien zahlreicher Länder hatten in der Tat ihre Vertreter entsandt, und in den Plenarsitzungen ergriffen sie das Wort. Es sprachen die Vertreter der Unterrichtsministerien von Japan, Ungarn, Bulgarien, Indien, Persien und Mexiko. Der Torontoer Kongress ergoss sich über die Methoden der Schlichtung von Konflikten» und die« Mittel zum friedlichen Zusammenleben»>. Aufgeworfen wurden diese Fragen immer wieder vom steinreichen Raphael Herman; für den besten Entwurf einer pazifistischen Erziehung setzte er eine Prämie aus Als Muster für das friedliche Zusammenleben führte er die Vereinigten Staaten an, die<< an der kanadischen Grenze keine Befestigungen haben». Herman hat Verständnis für die Bestrebungen der Völker zur Entwicklung ihrer Eigenart und Kultur. Als« Internationalist» und« Pazifist» ist er jedoch dafür, dass diese Bestrebungen durch« Internationalismus» gedämpft werden. Er ist ein eifriger Verfechter des Internationalismus, und über die tatsächlichen Beziehungen der Vereinigten Staaten zu den Philippinen und Nicaragua, zu China und Mexiko, zu allen südamerikanischen. Staaten hat auf dem Kongress richts verlauten lassen. Statt dessen dozierte er über die Notwendigkeit, in der Schule die Mittel zum friedlichen Zusammenleben mit den Nachbarn definieren. Die grössten Hoffnungen setzt er dabei auf den Geschicht sunterricht. er zu Der Vorsitzende der vom Edinburger Kongress der Internationale eingesetzten Kommission erstattete in Toronto ganz ernsthaft Bericht. Die Hauptinspektorin der Schulen von Los Angeles, Susanne Durway, beklagte sich jedoch offen darüber, dass die Lehrer nicht festzustellen vermögen, was denn eigentlich im internationalen Masstab für die Schlichtung von Konflikten getan werde». Aus den Interventionen zu dieser Frage geht hervor, dass << die Lehrer weniger Wert auf den Krieg legen müssten als auf die friedliche Lösung der Konflikte>>. Der amerikanische Pädagoge Thomas Johnes aus New York liess sich sogar zu der Erklärung hinreissen, der Kampf Mexikos gegen die Vereinigten Staaten entspringe nicht der Habgier des amerikanischen Imperialismus, sondern einfach der<< falschen pädagogischen Auffassung» von der Lösung strittiger Fragen. Den Hauptschuldigen sah er natürlich in Mexiko und dem mexikanischen Volk, das keine Möglichkeit zur kulturellen Entwicklung hat» und deshalb Amerika verdächtigt und fürchtet. Er verlangte das Eindringen des« internationalen Solidaritätsgeists» in« Politik, Wirtschaft, Pädagogik, Kultur und Religion»>. Wohlverstanden haben dabei die kultivierten Länder( wie die Vereinigten Staaten) über die unkultivierten( wie Mexiko) die Vormundschaft auszuüben. Die Aber wie herrlich guckt hier durch den Phrasenschwall des« Pazifismus» das wahre Wesen der ganzen Komödie hervor! Pazifisten verfochten auf einmal den Gedanken von der« Notwendigkeit der Verteidigungsvorkehrungen»(!). Nur für die Annahme einer Entschliessung über die militärische Unterweisung brachte der Kongress den Mut auf. Für die erforderlichen Rüstungen und den patriotischen Sport Der englische Pädagoge Sansbury, der besser als die anderen das rasende Tempo der Kriegsrüstungen in England zu bemerken schien, erklärte, dass die Rüstungen eine neue Kriegsgefahr heraufbeschwören, und dass<< die militärische Ausbildung der Schuljugend in England, Amerika und anderen Ländern die Anschauung begünstige, Konflikte könnten auf kriegerischem Wege beigelegt werden». Im Sinne der vorgelegten Entschliessung erwächst den Pädagogen die Pflicht, sich um die« Einschränkung der Rüstungen in kürzester Frist» zu bemühen, erwächst ihnen die« Aufgabe», in Zukunft(!) alle « unnötigen Kriegsvorbereitungen zu vereiteln. Der militärischen Ausbildung gedachte die Entschliessung nur in zwei sehr vorsichtigen und harmlosen Paragraphen. So will man z.B. danach streben,« die systematische(!) militärische Ausbildung der Jugend unter 18 Jahren in den öffentlichen Schulen zu vermeiden», und die militärische Vorbildung_wahlfrei zu gestalten. Es war auch die Rede davon, die militärische Ausbildung durch Turnunterricht und Sport zu ersetzen, damit die Jugend eine<< richtigere und erweiterte Vorstellung vom wahren Sinn des Patriotismus und der Bürgerpflichten bekomme>>. An Stelle der militärischen Ausbildung also wahrhaft patriotischen Sport»! Aber den Verfechtern des friedlichen Zusammenlebens schien auch diese Entschliessung unannehmbar. Sie wurde ebenso wenig angenommen wie der Protest gegen DIE LEHRER- INTERNATIONALE die<< unnötigen Rüstungen», sondern bis zum nächsten Kongress vertagt. Die Torontoer Ausflügler und erst recht die Führer des Weltverbandes der Erziehungsvereine haben eben keine Eile. Sie können ruhig zwei Jahre warten( der nächste Kongress ist für den Sommer 1929 anberaumt). Ihre Beschlüsse sind der beste Beweis dafür, dass dieser ganze Pazifismus nur leeres Geschwätz ist, innerhalb der von den imperialistischen Herren gezogenen Grenzen. Die Komödie vom Wort pazifismus ging somit zu Ende, die Schauspieler traten für zwei Jahre in die Kulissen zurück. Inzwischen kann der Kampf gegen den Krieg warten, unsomehr als der Krieg bald ausbrechen kann. « Anschauungs»-Pazifismus Und wie entbenrlich waren auch die Kannegiessereien des ehemaligen« chinesischen Vertreters» Dr. P. Wellington Kuo ( früherer Direktor des Christlichen Pädagogischen Instituts in Nanking, jetzt in New York tätig). Er erging sich über das Thema« Die Erziehung als Mittel zur Aufrichtung des Friedens und der Eintracht unter den Völkern». Gerade der chinesische Professor P. W. Kuo sollte die Methoden des triedlichen Zusammenlebens<< der Völker>> kennen, lautete doch die Aufschrift am Schanghaier Parktor unlängst:« Für Chinesen und Hunde Zugang verboten»! Es ist unsinnig und verbrecherisch gegenüber dem chinesischen Volk, wie Kuo sich bemüht, den Lehrern blauen Dunst vorzumachen. Er will versuchen,« das pazifistische Bewusstsein zu wecken durch den Unterricht in Erdkunde, Völkerrecht(!), Geschichte, Literatur, Sport und lebende Sprachen, durch Vorträge und Anschauungsunterricht( wo wird wohl auch<< pazifistischer» Anschauungsunterricht<< besser>> erteilt als in China?), durch Projektionen, Lehreraustausch und Herausgabe eines Mitteilungsblattes über die neuen Methoden der pazifistischen Propaganda». Gegen den Geschichtsunterricht wurde schüchtern eingewandt, dass er zu viel Nachdruck auf die Kriege lege und die Arbeiter- und Frauenbewegung übergehe. Man empfahl eine Geschichte auf Basis der Wahrheit. Aber die Referentin Laura Ulrich( Vereinigte Staaten) riet, den Schülern klarzumachen, dass die zivilisierten Länder zur Austragung von Konflikten immer seltener zu kriegerischen Massnahmen greifen»>>. Aus den Kongressunterlagen ist leider nicht zu ersehen, welche Beispiele( England oder Amerika?) die Referentin zur Stützung ihrer Aussage anführte. Der Kongress setzte eine Sonderkommission ein zur Prüfung der Geschichts bücher( und Erdkundebücher) und zur 15 Streichung der darin enthaltenen unrichtigen und ungeeigneten Stellen. Jedoch ging der Kongress nicht darauf ein, in welcher Weise diese Berichtigungen vorgenommen werden könnten. Um die Redner aus Ländern in eventueller Opposition( China, Mexiko, Indien) auf das richtige Geleise zu bringen, übertrug man den Bericht zum Thema« Schule und Gesellschaft» der Tochter des ehemaligen chinesischen Präsidenten, Grace Lee; den Bericht für Mexiko übertrug man dagegen dem stellvertretenden Unterrichtsminister Saenz und den für Indien Bakharat Goghat, der versicherte, Indien wünsche die Industrialisierung nicht. Zur Kennzeichnung der auf dem Kongress vertretenen Richtungen muss hervorgehoben werden, dass neben der Rolle der Arbeiterbewegung für die Förderung des Schulwesens auch die Rolle der Grossindustriellen betont wurde. Unter den Referenten über die Arbeiterbildung fand man auch den Vertreter der Vereinigung der christlichen Arbeiterjugend, Wilson ( Kanada). Bei Erörterung der Mängel in ihrer Tätigkeit begannen die Führer mit der Suche nach Geld.« Her mit 10 Millionen Dollar!» An der Lösung dieses Problems arbeitet die Leitung der San Franziskoer Internationale mit Unterstützung von Raphael Herman und der Firma Hamblin und Brown( New York). Nach dem Mitteilungsblatt des Weltverbandes zählte er 1925 nur 7 angeschlossene Organisationen, heute aber 33. Man beachte, dass sich unter den Neuangeschlossenen das Internationale Büro für Erziehung befindet, das bekanntlich mit dem Internationalen Arbeitsamt vom Völkerbund in Verbindung steht, sowie die Allindische Vereinigung der Lehrerverbände mit etwa 5.000 Mitgliedern und der amerikanische Nationale Lehrer- und Elternkongress. Man nimmt eben, was man bekommen kanr. Es wurde die Einberufung einer panasiatischen Lehrerkonferenz in Indien im Herbst 1928 erörtert, doch vergisst die Internationale auch Europa nicht: der nächste Kongress wird in Genf stattfinden. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sie unterwegs die Internationale Vereinigung der Lehrerverbände treffen würde, und wenn es unter Mitwirkung des Internationalen Büros für Erziehung, das der San Franziskoer Internationale angeschlossen ist, zu einer Heirat der beiden Internationalen käme. Was tun? Wir haben oben die« Arbeit» der pazifistischen Internationalisten für das<< friedliche Zusammenleben der Völker» ausführlich geschildert. Die vorher angeführten Tatsachen über die militaristischimperialistische Aktion in den Schulen 16 DIE LEHRER- INTERNATIONALE zeigen, in welcher Weise das Friedensprogramm der irregeführten Pazifisten und der bewussten Schwindler verwirklicht wird. Die I. B. A. steht nunmehr vor der Aufgabe, die pazifistischen Illusionen zu zerschlagen, die Friedensträumereien des Kleinbürgertums zu entlarven und den Glauben an die Unerschütterlichkeit des Kapitalismus, dieses Grundübel auch des aufrichtigsten Pazifisten, zu beseitigen. Die pazifistischen Lehrerinternationalen festigen die Bourgeoisie und verdecken die Ursachen des Krieges. Wenn es auch aufrichtige Pazifisten gibt und sie den Imperialisten kleine Unbequemlichkeiten bereiten, so werden sie doch in Wirklichkeit zu ihren Helfershelfern. Die« pazifistischen» Redereien auf den Lehrerkongressen sind für die Imperialisten der beste Deckmantel; sie haben nicht mehr Wert als die verschiedenen<< Abrüstungs»- »-Konferenzen. Die I. B. A. und ihre Mitglieder setzen dem bürgerlichen Pazifismus den proletarischen Antiimperialismus entgegen, der sich auf den unerlässlichen Sturz der Bourgeoisie und auf den Sieg der proletarischen Weltrevolution stützt. Zu diesem Zwecke erstreben wir die festere Verbindung mit der Arbeiterbewegung und den engeren Zusammenschluss unserer eigenen Reihen voller Einmütigkeit und Kampfeswillen. risch diktiert uns die gegenwärtige Lage eine Erweiterung unseres Einflusses auf die der I. B. A. noch nicht angeschlossenen Organisationen, auf Basis der Einheit gegen die Spaltung; gebieterisch diktiert sie uns ferner die Arbeit unter den Unorganisierten. Das Amsterdamer Berufssekretariat, das als GebieteTrugbild einer gewerkschaftlichen Lehrerinternationale fungiert, arbeitet unter der Führung der Leiter des französischen Syndicat National, das auch in der europäischen pazifistischen Lehrerinternationale die führende Rolle spielt. So wird indirekt eine« Einheitsfront» geschaffen, der sich auch die San Franziskoer Internationale anzuschliessen gedenkt. Unter der verstärkten Offensive der Reaktion arbeiten die Sektionen der I.B.A. am Zusammenschluss der zersplitterten Kräfte der Lehrerschaft. Die französische Sektion der I. B. A. kämpft für die Einheit bei Verfechtung der praktischen Forderungen, bei der Aktion für Gehaltserhöhung, gegen die Lehrerverfolgungen, gegen den Militarismus und Chauvinismus, gegen den Klerikalismus. Sie vermochte gewisse Erfolge zu erzielen. Schon Anfang 1927 wirkten 30 Ortsgruppen des Syndicat National für die Annäherung an unsere Sektion, deren Mitgliederzahl ständig wuchs. Die Abstimmung auf dem Kongress des Syndicat National über den Anschluss an die I. B. A.( 37 Stimmen gegen 101) bestätigt diese Feststellung. Die Anhänger der I. B. A. im Syndicat National rechnen nicht mehr nach Einzelren sondern nach Gruppen Ende 1927 wandte sich eine ganze Bezirksgruppe des Syndicat National( Departement Obersavoyen) an die I. B. A. und bat um Aufnahme. Die belgische Zentrale der sozialistischen Lehrerschaft war einem harten Druck ausgesetzt, vermochte jedoch andere Lehrerorganisationen für gemeinsame Aktionen zu gewinnen. Die Zentrale protestierte gegen die Gründung des Amsterdamer Berufssekretariats und lehnte auf ihrem Kongress im Dezember 1926 den Beitritt in das Berufssekretariat ab. Gestärkt und zahlenmässig erweitert ging die Zentrale aus dem Kampf hervor. Die luxemburgische Sektion der I. B. A. beschloss im November 1926 nach Erörterung der internationalen Beziehungen im Zusammenhang mit der Bildung des Berufssekretariats, der I. B. A. treu zu bleiben; sie drückte den Wunsch aus, innerhalb des Berufssekretariats im Sinne der Einheit zu wirker. Als in England die allgemeine Rechtsschwenkung der Gewerkschaftsführer einsetzte, spaltete sich die Teachers' Labour League; nach ihrer quantitativen Schwächung wurde sie aus der Arbeiterpartei ausgeschlossen. Die grösste Geschlossenheit unserer Reihen und die Arbeit am Zusammenschluss der Massen für die praktischen Tagesforderungen unter Hochhaltung unserer Endziele wird auch weiterhin die Kampffähigkeit unserer Organisation sichern. Die bürgerlichen Lehrerorganisationen versuchen, der Einheitsinitiative der revolutionären Lehrer zuvorzukommen: seit eineinhalb Jahren werden vom Lehrerverein von England und Wales ernste Anstrengungen gemacht, alle bestehenden englischen Lehrerorganisationen zusammenzuschliessen. Das französische Syndicat National strebt danach, Volksschullehrer und Lehrer an höheren Schulen zu vereinigen. In Spanien schlug man die Verschmelzung der beiden Lehrerverbände vor. In Bulgarien, wo nach der Auflösung des Verbandes der Lehrer und Volksbildungsangestellten, der Sektion der I. B. A., die Mitglieder gezwungen wurden, dem reformistischen Lehrerverein beizutreten, wurde die Vereinigung mit dem Verband der Klassenlehrer erwogen. Andererseits besteht die Gefahr, dass in Bulgarien die Einheit» durch Beschlagnahme der Lehrerorganisation durch die Faschisten verwirklicht wird. Unsere Hauptaufgabe bleibt nach wie vor der Kampf gegen die Spaltung, der Kampf für die Einheit auf der proletarischen Klassenbasis, der Kampf für die Kampfeseinheit. SCHULE UND UNTERRICHT IN ALLER WELT Nach zehn Jahren republikanischer Schulpolitik wenigen Paradeschulen Um eine systematische, halbwegs gründliche Darstellung der deutschen Schule nach zehn Jahren bürgerlich- demokratischer Republik zu geben, müsste man eine Artikelreihe schreiben. Das wäre nachzuholen. Diesmal muss es mit Streiflichtern sein Bewenden haben. Illusion und Wirklichkeit Deutschland steht bekanntlich im Zeichen der Stabilisierung und Rationalisierung seiner Wirtschaft. Der gesamte Betrieb, und auch der Schulbetrieb, sind wieder äusserlich flott im Gange, die Auszehrung nach Krieg und Inflation scheint überwunden. Ueberwunden aber ist auch jenes stürmische, leidenschaftliche Ringen um neue Formen und Wege des Unterrichts und der Erziehung, um die Schule selbst, wie wir es in den Jahren nach dem Umsturz erlebten. Triumphierend stellt die Bourgeoisie und die ihr dienstbare Intelligenz fest, dass die Wellen der Revolution nur die Stufen zum Schulhause benetzt haben. An der Gesamtstruktur, an der Innenund Aussenarchitektur hat sich nichts Wesentliches im proletarischen Sinne geändert. Fremde können sich leicht täuschen. Man führt sie zu einem der grossen und schönen Schulneubauten, die in Bauform und Formgebung allerdings gegenüber den ekelhaften Schilkasernen der kaiserlichen Aera einen erheblichen Fortschritt bedeuten. Man zeigt ihnen insbesondere die modernen Einrichtungen für Turnen und Naturwissenschaften. Sport und Technik 1926 Es erobern auch die Schule. Niemals aber war vielleicht der Abstand dieser ganz zur ungeheuren Mehrzahl der Schulen, vor allem in den kleinen Gemeinden, grösser als heute. gibt im Innern Berlins Schulen von erschreckender Enge und Düsterheit, mit Hōfen und Zimmern wie Käfige, mit Klosetts, die nur vom Schulwart zentral durchgespült werden können, und selbstverständlich ohne Bad und Aula. Noch hat immer nur eine von fünf Volksschulen Alt- Berlins Badeeinrichtung. In der Provinz, namentlich auf dem Lande, sieht es noch trauriger aus, das zeigten die Debatten im preussischen Landtag über die Volksschullasten. Die gesamte Schulbautätigkeit stockt. Es gibt noch immer in Preussen Tausende von Klassen mit 60 und mehr Schülern. Da soll mal einer Arbeitsunterricht treiben! Und mehr als 15.000 Junglehrer sind gleichzeitig stellenlos eine pädagogische Reservearmee der bürgerlich- kapitalistischen Republik. - Die ungeheuren Wirtschaftskämpfe, die gegenwärtig Deutschland erschüttern, bekräftigen, was jeder Kundige weiss: wie labil diese Stabilisierung der deutschen Wirtschaft ist, selbst mit Unternehmerauge angeschaut. Die in Krieg und Inflation verkümmerte Proletarierjugend zeigt noch immer nach amtlicher Statistik im Durchschnitt von Stadt und Land fast 17% Unterernährte. Die kleine Zahl von gewerblicher Schulkinderarbeit nach den Berichten der Gewerbeaufichtsbeamten darf nicht über den Umfang der Kinderarbeit täuschen. Nicht erfasst sind die zahllosen Fälle versteckter Heimarbeit, gewerbsmässiger Hilfe im elterlichen Betrieb, von Botengängen, Kinderwarten, Kegelsetzen usw. Gewiss hat die Ferienverschickung und die schulärztliche Beobachtung der Schulkinder Fortschritte gemacht. Aber selbst in 18 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Berlin ist noch nicht einmal erreicht, dass jedes Kind auch nur einmal im Jahre von der Reichsuntersuchung erfasst wird; es kommen immer noch 6.000 Kinder auf einen Schularzt, und dieser hat nur zu untersuchen, nicht zu behandeln. Die Einheitsschule ist ferner denn je In den ersten Jahren der Republik sind weniger als 60 verschiedene Einheitspläne aufgetaucht. Nach 10 Jahren muss festgestellt werden, dass die Einheitsschule ferner als je ist. Die vierjährige Grundschule, noch zu Gunsten besonders« Begabter» recht bürgerlich durchlöchert, das ist alles.( Auf der« grossen» Reichsschulkonferenz vom Jahre 1920 erschien es der Linken noch als bedauerlicher Kompromiss, dass sich die Reformer auf die Forderung der sechsjährigen Grundschule einigten!) Darüber erhebt sich das bunte, für keinen Laien mehr zu durchschauende Gewirr von mehr als 30 Typen höherer Lehranstalten, die Mittelschulen( mit und die vielen und Fachschulen - einer Fremdsprache) Formen der Berufsnicht gerechnet. Die Republik hat den ganzen Kram des<< höheren» Schulwesens konserviert mit ein paar zahlenmässig belanglosen Anbauten für begabte ältere Volksschüler. Das sind die viel gerühmten« Aufbauschulen>> - in Berdurch die NeuHamlin 4 Anstalten unter 160! Volksschüler noch nach 7 Schuljahren zur Universitätsreife geführt werden. erdings bauen einige Grosstädte burg, Stettin, Breslau einzelne Volksschulen durch zwei Oberklassen aus, um auch Volksschüler der sogenannten« mittleren Reife»( soziale Frauenberufe, technische höhere Fachschulen, Handelsschulen usw.) zuzuführen. Das bedeutet aber Degradierung der achtklassigen Volksschule zur Erhaltung des Bildungsprivilegs der Bourgeoisie, ergänzt durch« Begabtenauslese»>, die die besten Köpfe des Proletariats der Bourgeoisie zuführt. Den Klassencharakter des gesamten Systems aber beleuchten die folgenden Angaben: Aufwand des Staates für einen Volksschüler 105 Mark; höheren Scl üler 445 Mark; Studenten über 1.700 Mark. Die Zahl der Söhne von Arbeitern auf den deutschen Hochschulen ist seit der Vorkriegszeit nur um Bruchteile eines Prozents gestiegen. 1925 waren ganze 6,2% der Schüler höherer Lehranstalten Söhne von Arbeitern. Nimmt man die Kinder von Arbeitern und unteren Beamten auf höheren Schulen zusammen, so entspricht ihre Zahl ziemlich genau der Zahl der Kinder von Fabrikbesitzern, Direktoren von Aktiengesellschaften und Banken! Zu diesen Kennzeichen des republikanischen Schulwesens passt es trefflich, dass auch in der neuen Besoldungsordnung des Reiches und der Länder die Volksschullehrer zwei volle Stufen hinter den Studienräten rangieren und ihre Ausbildung nicht auf den allgemeinen Hochschulen, sondern auf besonderen Pädagogischen Akademien erfolgt. Arbeitsunterricht? Schuldemokratie? In diesen grundlegenden Beziehungen zeigt sich also die Schule der Republik durchaus kapitalistisch bestimmt. Immerhin aber ist das neue Deutschland eine parlamentarische Demokratie, und das erfordert gewisse Veränderungen und Anpassungen an die neue Situation. Dahin gehören die schon berührten HühnerleiterAusbauten für<< begabte» Volksschüler, dahin gehören vor allem« Arbeitsunterricht>> und gewisse Formen der<< Schuldemokratie»<>. Es gibt heute in ganz Deutschland niemand mehr, der nicht auf Arbeitsunterricht schwört. Man hat eben den Begriff<< Arbeitsunterricht»,« Arbeitsschule» so verwässert, dass nichts übrig geblieben ist als einmal ein bischen Handfertigkeitsund Werkunterricht, der dem übrigen Unterricht als besonderes Fach äusserlich ang hängt wird, und zweitens die pädagogische, in jedem Fach anzuwendende Methode des« Erarbeitens>> der Unterrichtsergebnisse. Es fehlt die Maschine, es fehlt die Verbindung mit der Produktion, es fehlt sogar meist die organische Verbindung des Werkunterrichts mit dem übrigen Unterricht.« Produktionsschule» im Sinne der russischen Pädagogik gibt es nicht. Reformer mögen sich damit trösten, dass heute im allgemeinen an Stelle der alten Methoden des Lernens und der blossen Anschauung das Arbeiten mit dem Stoff gefordert wird. Unverändert ist mit Ausnahme des Gesamtunterrichts der Aufnahmeklasse der öde Betrieb der 50- Minuten- Stunden geblieben, mit seinem zermürbenden Fächerwechsel. Das Proletariat ist bereits grundsätzlich über diese Schul- und Unterrichtsform hinausgewachsen und fordert die produktive Arbeit als wichstigstes Unterrichts- und Erziehungsprinzip. Diesen Durchbruch zur - DIE LEHRER- INTERNATIONALE Produktionsschule kann natürlich die bürgerliche Schule nicht machen. Es ist daher auch ausserordentlich charakteristisch, dass das Berufs- und Fachschulwesen in den meisten deutschen Ländern und im Reichsmasstabe überhaupt noch nicht gesetzlich geregelt ist, und dass sich das Grosskapital in den Werkschulen der Grossbetriebe kapitalistische Produktionsschulen schafft, völlig unabhängig vom Staate, mit Tendenz zur Züchtung eines fabrikhörigen und spezialtechnisch ausgebildeten Arbeiternachwuchses. Und nun die Schuldemokratie. Eine Debatte, die vor kurzem im preussischen Landtag vor sich ging, hat die Lage schlagend beleuchtet. Der Minister verteidigte eine Gruppe republikanisch gesinnter höherer Schüler, die als Gegendemonstration gegen eine nach ihrer Meinung unrepublikanische Schulverfassungsfeier eine eigene Feier in Scene gesetzt hatten. Die Vertreter des alten wilhelminischen Kasernendrills stiessen mit den« modernen» Schulmännern zusammen, deren Ideal das Parlament ist. Die viel gerühmte Schulgemeinde, die übrigens nur an sehr wenigen Schulen besteht, ist in Wahrheit nichts als die Anpassung der Schuldisziplin an die bürgerlich- parlamentarischen Formen. Die Prügelstrafe zu verbieten, hat aber deshalb die Republik doch nicht für opportun gehalten. Derselbe demokratische Minister aber, der hier die republikanischen Schüler gegen reaktionäre Lehrer deckte, verurteilte es aufs schärfste, dass der Sozialistische Schülerbund ein überaus zahmes Flugblatt am Verfassungstage verteilt hatte. Gleichzeitig werden von den Schulbehörden die Namen und die Wohnung derjenigen, Schüler durch Rundfragen festgestellt, die während der Sommerferien an dem Kinderlager« Woroschilow» des kommunistischen Verbandes Junger Pioniere teilgenommen haben. An keine kommunistische Organisation dürfen nach ministerieller Anordnung Schulräume vergeben werden, während sie allen übrigen Parteien offen stehen. Nimmt man hinzu, dass diese demokratische Regierung die Schule unter Androhung von polizeilichen Strafmandaten und Verweisung von der Anstalt zur Teilnahme an der Verfassungsfeier zwingt, so ist es klar, dass diese Demokratie genau an der Grenze halt macht, wo die « Staatsraison>>> es vorschreibt. Die Kaiserbilder und grösstenteils auch die Kriegsbilder sind verschwunden; dafür prangen an den Wänden der Aulen neuerdings in holder Eintracht die Bilder Eberts und 19 Hindenburgs. Mit dem Völkerbund- Pazifismus verträgt sich eine ständig zunehmende Kolonialpropaganda in den Schulen. Namentlich die weltlichen Schulen entwickeln sich zu Trägern des<< republikanischen Staatsgedankens»; nur einige wenige noch bekennen sich zur Erziehung zum Klassenkampf was in der Praxis nicht - mehr bedeutet, als dass sie bis zu einem gewissen Grade die Klassengegensätze und die Klassenziele des Proletariats im Unterricht berücksichtigen. Die Elternvertretung Elternbeiräte ist vollends fast ausnahmslos zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgesunken. - Vom Kompromiss zum Konkordat Besonders kompliziert wird die Situation der deutschen Schule durch den Kampf der Kirche um den entscheidenden Einfluss. Die republikanische Verfassung hat die Macht namentlich der katholischen Kirche Bekanntlich gewaltig gestärkt. hatte die deutsche Sozialdemokratie nach dem Novemberumsturz nur das eine Bestreben,<< Ruhe und Ordnung» wiederherzustellen, das heisst die revolutionäre Vorhut des Proletariats niederzuschlagen. Die illegal durch einen revolutionären Akt in die Welt getretene Republik erhielt in Weimar ihre legale bürgerliche Taufe, wobei die klerikale Partei, das Zentrum, entscheidend mitwirkte. Den Preis dafür liess sich die Kirche zahlen im sogenannten « Weimarer Kompromiss»( Artikel 146 und 149 der Reichsverfassung): Keine Trennung von Kirche und Staat, Kirche und Schule; gesetzliche Festlegung der Konfessionsschule und des Religionsunterrichts als ordentliches Lehrfach der ( mit Ausnahme der weltlichen); Zerschlagung der Volksschule nach Bekenntnissen und Weltanschauungen, je nach dem Willen der Elternschaft der Gemeinde; in Konsequenz hiervon Konfessionalisierung auch der Pädagogischen Akademien. Schlagend wird die Unfruchtbarkeit dieses Verfassungsflickwerks, sein unmöglicher Kompromisscharakter dadurch bewiesen, dass in zehn Jahren kein Reichsschulgesetz zustande gekommen ist, das die Weltanschauungsfrage regelt. Nicht weniger als 13 Regierungsentwürfe sind gescheitert. Und trotzdem halten die Regierungsparteien einschliesslich der Sozialdemokratie an diesem Weimarer Kompromiss unentwegt fest. Das Proletariat wird aber verwiesen auf den Weg der Gründung e nzelner weltlicher Schulen, eine glatte Preisgabe Schulen 20 DIE LEHRER- INTERNATIONALE des Kampfes um die Weltlichkeit des gesamten Schulwesens. Die Resultate dieser nur in Norddeutschland vorhandenen, hier aber ziemlich starken Bewegung sind aussergewöhnlich dürftig: Preussen zählt 0,8% weltliche Volksschulen! Die Lehrer dieser Schulen gehören zudem in ihrer grossen Mehrzahl der Kirche an!( leider verrät man schamhaft die Zahl nicht, es sind aber sicher 70 und mehr vom Hundert). Neben der rücksichtslosen Ausnutzung des Weimarer Kompromisses betreibt aber die Kirche auch den Abschluss von Konkordaten mit den einzelnen Ländern. So hat sie im Jahre 1925 durch das Bayrische Konkordat die Hand auf das bayrische Schulwesen von der Volksschule bis zur Hochschule gelegt und übt dort auch die Kontrolle über den gesamten Schulbetrieb aus. Die Reichsregierung hat bescheinigt, dass diese Preisgabe der Staatshoheit über die Schule sich mit der Weimarer Verfassung durchaus verträgt. Nunmehr steht der Abschluss eines Konkordats mit Preussen dicht bevor( dann soll Baden folgen!), und soviel ist aus den geheim geführten Verhandlungen bekannt geworden, dass eine Garantie des Weimarer Kompromisses und der Konfessionsschule in diesen yölkerrechtlichen Vertrag aufgenommen werden soll. Aber auch ohne Schulbestimmungen würden die durch ein Konkordat der Kirche zufallenden rechtlichen und finanziellen Privilegien die Macht des Klerikalismus in gefährlichster Weise steigern. Die Verantwortung liegt bei der sozialdemokratischen Partei. Zehn Lehrjahre für das Proletariat genau Die deutsche Schule krankt wie der gesamte deutsche Volks- und Staatskörper an der 1918-19 im Keime erstickten Revolution. Die äussere Stabilisierung auch des Schulwesens bedeutet nur die Ueberwindung der Inflationsnöte. Mit der Wiederbefestigung des Kapitalismus ist auch eine Befestigung der bürgerlichen Ideologie in den Schulen erfolgt in immer stärkerem Masse in Form der Anerkennung der parlamentarischen Republik. Die grossen Ideen der« Arbeit und Gemeinschaft» sind im Arbeitsunterricht, wie er im Durchschnitt gehandhabt wird, und in der Schülervertretung geradezu karrikiert. Der« einheitliche Schulaufbau» ist nicht geschaffen. Dagegen hat die Kirche ihre Macht über die Schule erneut befestigt und gesteigert. Die Ideologie des revolutionären Proletariats und die sozialistischen Unterrichts- und Erziehungsformen und Stoffe sp e'en kaum sporadisch eine Rolle, auch nicht an den weltlichen Schulen. Zehn Jahre republikanischer Schulpolitik haben die Illusionen gründlich zerstört, als sei die bürgerliche Republik der Baugrund für die proletarische weltliche Einheits- und Arbeitsschule. Die Interessenten dieser Illusionen und der entsprechenden Politik haben es leider bisher zu verhindern verstanden, dass das Proletariat in seiner Mehrzahl aus dieser Erkenntnis die politischen Konsequenzen zieht. Doch nähern wir uns, wenn nicht alle Zeichen trügen, einer neuen revolutionären Vorwärtsbewegung der Arbeiterklasse, die auch für den Kampf um die Schule einen neuen Abschnitt eröffnet. F. A. Die ukrainische Schule in Polen Zu den herzzerreissenden und schadenbringenden Ungerechtigkeiten, denen die nationalen Minderheiten in Polen ausgesetzt sind( 1), zählt die Verfolgung der Minderheitsschulen. Ich sage« schadenbringend», weil Unterdrückung des Unterrichts und der Erziehung der Kinder direkt der kommenden Generation und dem künftigen Volke schadet. Als Polen nach dem« grossen>> imperialistischen Kriege« wiederauferstand» und ein ansehnlicher Staat wurde( 388.328 qkm mit 27.193.000 Einwohnern), wurde es leider von nationalem Grössenwahn befallen. « Polen den Polen», das ist der heiligste Wahlspruch des guten polnischen Patrioter, und in diesem Geist bemüht sich die polnische Regierung das ganze Volk zu erziehen, vor allem aber die Schulkinder. Die Minderheitsschulen, die den Kindern Freiheitssinn und Liebe für ihr kleines Volk einflössen könnten, werden verfolgt und unterdrückt. Eine kurze Statistik genügt, um von der Lage der polnischen Schulen ein ungefähres Bild zu entwerfen. ( 1) In diesem Artikel werde ich nicht die allgemeinen Formen des weissen Terrors in Polen berücksichtigen. DIE LEHRER- INTERNATIONALE 1924 zählte man in Polen insgesamt: Volksschulen. Gymnasien, Lyzeen, Berufsschulen. Hochschulen. 27.414 762 16 28.192 Um nun die besondere Lage der ukrainischen Schulen in Polen zu verstehen, muss man sich folgende statistische Zahlen vergegenwärtigen. Die Ukrainen bewohnen in Polen eine Bodenfläche von 130.000 qkm( 1), das ist ungefähr ein Anteil von 40% am gesamten Polen. Auf diese Bodenfläche verteilen sich 8.000.000 ukrainische Einwohner, also 30% der Gesamt bevölkerung der Republik. Für das ukrainische Gebiet ergibt sich ein Prozent satz von 74,5. In den Gegenden mit dichter ukrainischer Bevölkerung bilden sie nicht eine Minderheit, sondern die Mehrheit. Sehen wir nun zu, wieviel Schulen es für die ukrainischen Kinder in der polnischen Republik gibt. Ostgalizien. Wolhynien( 2) Ukrainische Volksschulen 1912 1922 1925 2.612 1.904 453 267 0 In der Gegend von Kholm, Polisien, Podlaske und in Ost galizien ist es gemäss dem 1924 vom Sejm angenommenen Gesetz verboten, Schulen mit ukrainischer Sprache zu gründen. Ostgalizien. Wolhynien. Polnische Volksschulen 1912 1922 1925 1.537 2.247 3.324 556 700 Im Verhältnis zu den beiden Nationalitäten besitzen die Ukrainen in Ost galizien ( 74% der Gesamt bevölkerung) nur 15% Volksschulen, und die Polen( 12% der Gesamt bevölkerung)( 3), 85%! Gehen wir nunmehr zu den höheren Schulen, den Berufsschulen und den Hochschulen über. 1925 hatten die Ukrainen nur 10 höhere Lehranstalten und Berufsschulen; dagegen zählte man 764 polnische ( 1) Gemäss der.amtlichen polnischen Statistik. In Wahrheit hewohnen die Ukrainen eine Bodenfläche von 150.000 bis 170.000 qkm. ( 2) Vor 1917 gab es in Wolhynien nur russische Schulen. ( 3) In Ostgalizien wohnen auch Deutsche Juden. und 21 Gymnasien und Lyzeen und 850 Berufsschulen( 1). An Hochschulen und' Universitäten zählt man in Polen 17, aber die Ukrainen haben nicht eine einzige Hochschule trotz ihres langen und hartnäckigen Kampfes um eine Universität. Im Bulletin der Internationale der Bildungsarbeiter kann unmöglich eine Klarstellung des Verhältnisses zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volke gegeben werden; jedoch zeigen die obigen statistischen Zahlen, dass die heutige polnische Regierung die Tendenz hat, die ukrainische Nation und Kultur zu unterdrücken und ausszutilgen. Die gesetzlichen Verfügungen, durch welche der ukrainischen Nation freie Entwicklung zugesichert werden sollte, werden ausser acht gelassen oder aufgehoben. ( Vertrag von Versailles und Riga, 1919 und 1920). Ungeachtet dieser Verträge ringt die ukrainische Schule in Polen lange und schrecklich mit dem Tode. Die polnische Regierung denkt nicht daran, die erwähnten Verpflichtungen einzuhalten. 1924 gingen im Sejm Gesetze über die Sprache und die Schule durch, deren Zweck es ist, die bestehenden ukrainischen Schulen zu polonisieren. Vor Annahme dieser Gesetze gab es in Polen fast 3.000 ukrainische Volksschulen, und jetzt verble ben nur noch 677! Diese Austilgungspolitik der ukrainischen Kultur nährt naturgemäss den Nationalhass und Rachegeist bei den nationalen Minderheiten.( 2) Und überall begegnen wir dem Verbrechen an den Kindern der Minderheiten. Selbst das Wort« ukrainisch» wurde aus den Schulbüchern entfernt und durch die Provinzbezeichnung« ruthenisch» ersetzt. 1922 veröffentlichte die ukrainische Schulleitung ein Buch unter dem Titel« Erstes Lesebuch für ukrainische Kinder».. Dieses Buch wurde später umgearbeitet; im Titel wurden die Worte« für ukrainische Kinder» wurden gestrichen. Gleichzeitig einige Stücke unterdrückt, deren Lektüre für die Sicherheit des polnischen Staates gefährlich erschien. Wissenschaftshalber geben wir nachstehend ein kleines, als« gefährlich» bezeichnetes Gedicht in Uebersetzung wieder. ( 1) Alle Statistiken sind amtlich, entnommen aus den Werke« Das Schulwesen in Galizien( Szkolnictrow w Malopolsce), von S. Lehnerte, 1926. ( 2 Am 19. Oktober 1926 wurde der Schulkurator Sobinski ermordet, der dieses Gesetz zur Ausführung brachte. 22 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Die Muttersprache Muttersprache, Mutterwort! Wer Dich vergessen könnte, Hätte kein Herz in der Brust, Sondern einen Stein. Ach, Kinder, achtet Eure Muttersprache Und sprecht immer Wie Eure Mutter, Eure geliebte Mutter. Im hutigen Polen befindet sich die ukrainische Schule in einer verzweifelten Lage. Und daneben sieht die ukrainische Minderheit an der sowjetistischen Ukraine, welchen schnellen Aufschwung und welche blühende Entwicklung die Schulen und die Kultur des Volkes ihrer Sprache nehmen. Diese Tatsache flösst dem gemarterten Volke Hoffnung auf die Zukunft ein, die Hoffnung, dass die ukrainischen und polnischen Arbeiter bald einen Staat aufrichten werden, in dem ähnliche Schändlichkeiten ausgeschlossen und durch Gerechtigkeit und Entwicklungsfreiheit für die Völker ersetzt werden. Ein Ukraine. und Die Politik der Bojarden und die Rumänisierung der Schule « Eher will ich meine Demission einreichen, als dass ich den ungarischen Schulen die gleichen Rechte bewillige wie den staatlichen Schulen». So sprach Angelescu, der rumänische Unterrichtsminister. Kürzlich berichteten darüber alle Zeitungen Rumäniens. Es handelte sich um die ungarischen Schulen in Transylvanien. In krassester Willkür entzog ihnen die rumänische Regierung nicht nur jegliche Subventionen sondern auch alle Rechte, die die öffentlichen oder staatlich anerkannten Schulen geniessen. Damit sind die ungarischen Schulen Rumäniens in die Acht getan. Erklärlich ist, dass dieses Vorgehen sowohl die Entrüstung der Lehrer und Schüler der ungarischen Schulen als auch der ganzen ungarischen Bevölkerung und der anderen Minderheiten erregte. Nach dem Kriege hat Rumänien 17 Millionen Einwohner, wovon 7 Millionen auf die verschiedenen Minderheiten entfallen( 1 1/2 Millionen Ungarn, 1 1/4 Millionen Moldauer, 800.000 Deutsche, 1 Million Ukrainen, 200.000 Russen, 250.000 Bulgaren, 800.000 Juden, 100.000 Türken, 100.000 Serben usw.) Und alle Minderheiten sind Gegenstand der rumänischen Bedrükkungspolitik. Die kulturelle Unterdrückung In Altrumänien herrscht ein schrecklicher Analphabetismus. In Bessarabien stösst man auch in b trächtlichem Masse auf dieses traurige Erbteil der Politik der russischen Zaren. In den anderen annektierten Provinzen, die vor dem Kriege zu Oesterreich- Ungarn gehörten, ist das Kulturniveau etwas gehobener( Transylvanien, Bukowina, Banat). Die Unterrichtskredite bilden nur einen winzigen Teil des Staatshaushaltplans und sind durchaus ungenügend. Die Staatsmittel werden von der Armee, Polizei, Gendarmerie und den höheren Beamten verschlungen; für Krankenhäuser und Schulen bleibt fast nichts übrig. Die Regierung möchte, dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung unwissend bleibt. Kann ein Arbeiter oder Bauer esen, dann wird er sofort als staatsfeindlich verdächtigt. Auf jeden Fall hat man bei den grossen politischen Prozessen Arbeiter und Bauern zu Gefängnisstrafe verurteilt unter Berufung auf ein Beweismaterial, das zu ganz harmlosen, erlaubten Büchern aus dem Besitz der Angeklagten zusammenschrumpfte. Es gibt sehr wenig Volksschulen in Rumänien. Und zu den höheren Schulen und Universitäten ist der Zugang recht schwierig infolge des zu hohen Schulgeldes, des Examenwesens usw. Demgemäss sind in den höheren Schulen nur die Söhne der Bürger, der wohlhabenden und« loyalen>> Kleinbürger oder reichen Bauern anzutreffen, und die Universitäten sind sozusagen ein Vorrecht der Aristokratie. Für die Prüfungen sind die Ergebnisse des Abituriums ausserordentlich charakteristisch. 1928 bestanden von insgesamt 6.700 Kandidaten nur 2.900 das Abiturium, d. h. 43%. Diese bedauernswerten Resultate zeigen die ganzen Mängel der rumänischen höheren Schule auf. Sie würden den optimistischsten Minister der Erde betrüben, aber auf Angelescu haben sie nicht den geringsten Eindruck gemacht. Bei Veröffentlichung dieser Zahlen erklärte er zu den Journalisten, dass die Resultate ausserordentlich zufriedenstellend seien, und dass DIE LEHRER- INTERNATIONALE er die Aufhebung des Prüfungswesens für « ein Verbrechen an der rumänischen Kultur» halte. Unschwer entdeckt man den wahren Sinn dieser Aeusserung des Ministers. Man braucht ihr z. B. nur einen Artikel des Professor Traian Dimitriu im« Adeverul» gegenüberzuhalten. Er setzt darin auseinander, aus welchen Gründen die liberale Partei( die herrschende) das gegenwärtige Prüfungswesen einführte und beibehalten will. Wie er sagt, musste man« zu einer Auslese der Intellektuellen nach nationalen Gesichtspunkten übergehen». Prof. Dimitriu verheimlicht keineswegs, dass die Prüfungen in Rumänien nur« eine andere Form der nationalen Beschränkungen» darstellen. Er erklärt, dass man zwei- oder dreimal soviel Kandidaten der nationalen Minderheiten zurückgestellt hat als Prüflinge, die das Glück haben, zur« herrschenden Nationalität» zu gehören. In diesem Sinne, so erfahren wir von Dimitriu, haben die Prüfungskommissionen den Zweck der Prüfungen aufgefasst. Die Lage der deutschen Schule in Rumänien Die meisten in Rumänien lebenden Deutschen bewohnen die annektierten Provinzen Transylvanien und Banat( 300.000 Schwaben); jedoch wohnen auch 80.000 Deutsche in der Bukowina und ebenso viel in Bessarabien. In Betracht zu ziehen ist, dass Deutschland und Rumänien seit Jahren um politische und wirtschaftliche Fragen miteinander feilschen. Die rumänischen Politiker versuchen, von Deutschland alle möglichen Konzessionen zu erhalten. Als Trumpf haben sie Hunderttausende deutscher « Geiseln» in der Hand. Bald bemühen sie sich zu beweisen, dass die Deutschen sich unter ihrer Herrschaft in ausgezeichneten Verhältnissen befinden, bald drohen sie der öffentlichen Meinung in Deutschland mit Repressalien, sofern die deutsche Regierung zu hartnäckig auftritt. Im Grunde ist die Lage der deutschen Schule noch günstig. Trotzdem schreibt der Korrespondent der « Deutschen Allgemeinen Zeitung»( 25.7.28), dass er auf seiner Rundreise durch Transylvanien und Banat« viele Klagen über die Schulpolitik der rumänischen Regierung>> gehört hat. Alle Minderheiten, sagt er, beklagen sich über die gegenwärtigen Zustände, doch ist seiner Meinung nach die deutsche katholische Schule am schlimmsten dran. Er irrt sich darin; denn die ukrainische 23 23 Schule wird noch weniger begünstigt als die deutsche. Man kann jedenfalls sagen, dass die deutschen Schulen in Banat nicht zu beneiden sind. In Rumänien erfreut sich die Kirche vielfacher Vorrechte, die Bekenntnisschulen werden privilegiert. Durch die Gesetzgebung werden somit den Bekenntnisschulen der nationalen Minderheiten Rechte zugesprochen, deren ihre weltlichen Schulen beraubt bleiben. So ist es z. B. gestattet, an Bekenntnisschulen in der Muttersprache zu unterrichten, aber nicht an privaten weltlichen Schulen( es gibt keine staatlichen Minderheitsschulen). Unter diesen Umständen wurden die Banatdeutschen bei der Regierung vorstellig, um ihre Schulen als Bekenntnisschulen anerkannt zu haben. Aber Angelescu besteht darauf, sie als weltliche, nicht privilegierte Schulen zu führen. Die Deutschen in Transylvanien haben für ihre Bekenntnisschulen die Autonomie durchgedrückt. Das ist der letzte Schimmer ihrer früheren Kulturautonomie. Der Berichterstatter vom« Hamburgischen Korrespondent»( 29.8.28) schreibt, dass die Deutschen diese« Schulfreiheit» auch in Banat, in der Bukowina und in Bessarabien erobern müssen. Dazu ist zu sagen, dass die Lage der deutschen Schule in Bessarabien sich bei weitem verschlechtert hat, seit die reichen deutschen Bauern, die von der Wirtschaftspolitik der Regierung ruiniert wurden, davon abgesehen haben, eifrige Anhänger der rumänischen Herrschaft zu sein, welche Haltung sie bei der Annektion eingenommen hatten. Die zerstörte ukrainische Schule Wie gesagt, ist das Schicksal der ukrainischen Schule bei weitem schlimmer als das der deutschen. Hier brauchten die rumänischen Nationalisten sich nicht zu genieren, waren sie doch nicht durch aussenpolitische Kombinationen gebunden wie bei den Deutschen. So erreichte die nationalistische Schulpolitik ihren Höhepunkt, und vor allem in der Bukowina. Dort machen die Ukrainen 39% der Bevölkerung aus( 900.000 Einwohner insgesamt). Unter der österreichischen Herrschaft hatte die ukrainische Schule sich bedeutend entwickelt. Aber seit der Annektion war sie andauernden Verfolgungen ausgesetzt: « Es gibt keine Ukrainen, es gibt nur... ukrainisierte Rumänen. Folglich kommt es darauf an, ihnen ihre Muttersprache, das Rumänische, zurückzugeben!» So lautete die Losung. 24 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Man begann beim höheren Schulwesen. Zwei ukrainische Gymnasien( in Kitzman und Vyjnitza) wurden rumänisiert, ebenfalls das Gymnasium in Czernowicz. Allerdings nennt sich letzteres noch« ukrainisches Gymnasium», aber man unterrichtet nicht mehr in ukrainischer Sprache; ukrainisch ist Wahlfach, und Schüler, die ihre Muttersprache lernen möchten, sind den Schikanen der Verwaltung unterworfen. Parallel dazu hat man alsdann das Hochschulwesen« umgestaltet», um schliesslich zu den Volksschulen überzugehen. Welche Trophäen brachte der« Kulturkreuzzug» in der Bukowina wohl ein? Nun, die Aufhebung von 200 ukrainischen Volksschulen, 2 Lehrerbildungsanstalten, 3 Gymnasien und 4 Lehrstühlen an der Universität zu Czernowicz. Die Mehrheit der ukrainischen Lehrer wurde aufs Pflaster geworfen. Wer sich bereit erklärte, auf rumänisch zu unterrichten, wurde nach Altrumänien versetzt. Man behielt in der Bukowina nur die eifrigsten Renegaten, die zur Verfolgung ihrer Landsleute bereit waren. Und alle freigeworder en Stellen wurden mit Lehrern aus Altrumänien besetzt. Selbstverständlich muss man feststellen, dass das pädagogische Niveau der Schule gesunken ist! Die ukrainischen Kinder verstehen nichts von alle dem, was man sie lehrt. Es ist ihnen sogar untersagt, in der Schule ukrainisch zu sprechen. Die Unterdrückung der ukrainischen Schule löste bei den Bauern eine grosse Protest bewegung aus. Die Bevölkerung wurde bei der Schulverwaltung inständigst vorstellig, damit der Unterricht wieder auf ukrainisch erfolgen solle. Die Landgemeinden unterbreiteten dem Ministerium Bittschriften. Der Minister schwieg dazu lange. Endlich bewilligte er für Gemeinden<< mit dichter ukrainischer Bevölkerung» einen ukrainischen Kursus von zwei Wochenstunden. Jetzt kommt es darauf an, die amtliche Statistik zu widerlegen, wonach kaum Gemeinden mit« dichter» ukrainischer Bevölkerung vorhanden sind. Und das ist eine harte Aufgabe. In der gleichen Lage wie die Ukrainen befinden sich die Bulgaren der Dobrudscha und Bessarabiens, und im allgemeinen alle Minderheiten in Rumänien. Der Unterricht in Bessarabien In Bessarabien wurde die Schule in noch gewaltsamerer Weise rumänisiert als in der Bukowina. Zwar muss zugegeben werden, dass man in Bessarabien keine ukrainische Schule unterdrücken konnte, schon aus dem einfachen Grunde, dass sie auch unter der zaristischen Herrschaft nicht bestanden hatte. Aber russisch verstanden die Ukrainen wenigstens. Rumänisch, die jetzige Unterrichtssprache, verstehen die Kinder kaum. Die Bevölkerung der Moldau hat beim Tausch wenig gewonnen. Unter der Zarenherrschaft wurde auf russisch unterrichtet, also in einer für das Volk unverständlichen Sprache. Gegenwärtig unterrichtet man auf rumänisch, was die Moldauer nur halbwegs verstehen. Die Lehrerschaft erhob sich gegen die Rumänisierung: da nannte man sie« umstürzlerisch», und in den ersten Jahren nach der Besetzung wurden viele Lehrer ins Gefängnis geworfen. Sie wurden durch Lehrer aus Altrumänien ersetzt, denen Gehaltserhöhungen, Sonderrechte usw. gewährt wurden. Trotz dieser Anstellungen war die rumänische Regierung bei all ihrer Verantwortlichkeit für den<< politischen Streik» nicht in der Lage, eine genügende Anzahl von Lehrern aufzutreiben: an qualifizierten intellektuellen Arbeitern mangelt es in Rumänien, einem der rückständigsten und unkultiviertesten Länder Europas. Das Schulnetz ist in Bessarabien sehr mangelhaft. Trotzdem herrscht eine schreckliche Lehrerkrise. 1926 waren 1.500 Stellen unbesetzt; 1927 zählte man in vier Distrikten( Bessarabien ist in neun Distrikte eingeteilt) 907 freie Stellen, sodass man für das ganze Land auf die doppelte Anzahl schliessen kann. Nichtsdestoweniger wurden 2 Lehrerseminare( Khotin und Bendery) geschlossen, weil die Absolventen nicht « loyal» genug erschienen. Und das bei der jahrelangen Rumänisierung. Im Gegensatz dazu gründete man in Kischinew eine Militärschule und theologische Fakultät: die rumänische Regierung hat grösseren Bedarf an Offizieren und Priestern als an Lehrern! 1928 wurde das Technikum von Soroky aufgehoben und eine Kampagne gegen die bessarabische höhere Schule begonnen. Eine ganze Reihe von Gymnasien wurden geschlossen, besonders in Landbezirken, wo sie von der Bevölkerung eingerichtet und unterhalten wurden. Auch in Städten, in denen es nicht gelungen war,« den russischen Geist» zu verbannen, wurden die Gymnasien geschlossen. Man gab amtlich bekannt, dass das klassische Studium von keinem Nutzen für die Landbevölkerung ist sie braucht landwirtschaftliche Elementarschulen und höhere Schulen. Man schliesst aber die Gym: DIE LEHRER- INTERNATIONALE nasien, ohne landwirtschaftliche Schulen zu gründen! Es wurde ein Gesetz angenommen, nach welchem nur die rumänischen Staatsangehörigen zum Unterrichten ermächtigt sind. Gleichzeitig wachte man darüber, dass die Naturalisierungsakten der meisten Lehrkräfte nicht berücksichtigt würden. Zu diesem Zwecke bearbeitete man sie einfach nicht. Man muss folgern, dass die bessarabischen Lehrer jeglichen Rechts beraubt sind. Die Verwaltung kontrolliert ihre<< Loyalität» und ihre<«< Anhänglichkeit an die rumänische Kultur» mit Hilfe von unzähligen und unerwarteten Prüfungen. Viele Lehrer fallen durch. Um das pädagogische Niveau der Lehrerschaft zu heben, tut man aber nichts, und die Lehrer sind weit davon entfernt, beruflich auf der Höhe zu sein. Dauernd wird der Lehrer vom Dorfgendarm umlauert. Zur Gehaltszahlung muss er zehn Kilometer weit wandern. Im Hauptort erhält er aber nur eine Zahlungsanweisung sein Geld bekommt er beim Steuereinnehmer des Dorfes. Letzterer ist oft grob und böse und plündert die Bauern aus. Oft demütigt er die Lehrer, ehe er ihnen ihr Hungergehalt auszahlt. Die Bezirksverwaltung möchte den Lehrer zum Sündenbock machen; sie hetzt die Bauern gegen ihn auf. Auf der Lehrerversammlung in Kischinew. im September 1928, forderte der Unterpräfekt Kastano die Lehrer auf, bei den Bauern für regelmässiges Zahlen der Steuern Propaganda zu machen. Man bedenke, dass das Land ausgehungert ist; mehrere Jahre brachten Missernte, und die Regierung gewährt nicht die geringste Unterstützung. Mehrere Lehrer wagten es, den Vorschlag des Präfekten zu erörtern. Der Lehrer Albu bat den Präfekten, die Lehrer nicht in Agenten des Fiskus zu verwandeln, vielmehr die Steuereinnehmer im Zaum zu halten: um den Hass der Bauern von ihrer eigenen Person abzulenken, erzählen sie ihnen, dass die ganzen Steuererhebungen für Schule und Lehrer ausgegeben werden. In Wahrheit erhalten weder die Schulen noch die Lehrer eine ansehnliche Summe. Die Präfekten nehmen immer Kürzungen am Schulbudget vor unter dem Vorwand, dass die Steuern nicht regelmässig eingehen. Man täuscht sich andererseits, wenn man glaubt, dass die moralische Lage der Lehrer in Altrumänien besser ist als in den annektierten Provinzen. Die Geschichte des Lehrers Bachtur von Braila( Altrumänien), die kürzlich durch die Presse bekannt gege25 ben wurde, ist für den tatsächlichen Stand der Dinge recht bezeichnend. Im September 1928 gelang es Bachtur nach vielfachem Verdruss, der Brailaer Zeitung einen Brief zuzustellen. Diesen Brief hatte er in einer Irrenanstalt geschrieben, und man konnte daraus ersehen, dass der Unterzeichnete, der mit Gewalt bei den Irren eingesperrt wurde, durchaus bei Verstand war! Man stellte dann klar, dass er auf Wunsch des zuständigen Schulaufsichtsbeamten in die Anstalt gebracht worden war. Sein Wahn bestand in nichts anderem, als dass er das ihm seit drei Monaten zahlbare Gehalt hartnäckig, aber vergeblich, angefordert hatte. Ein Lehrer, der sein knappes Gehalt reklamiert, ist also verrückt! Die Verwaltung kann sich alles erlauben. Der Lehrer ist in Rumänien geächtet! Am sowjetistischen Ufer des Dnjestr Es ist sehr lehrreich, die rumänische Schule und insbesondere die Schule in Bessarabien mit der Schule der Autonomen Sozialistischen Sowjet republik der Moldau zu vergleichen. Diese kleine Republik liegt am linken Enjest rufer. Der Dnjestr trennt sie von Bessarabien. Sie hat 700.000 Einwohner und wurde im Jahre 1924 auf Wunsch des Volkes gegründet. Sie bildet einen Teil der sowjetistischen Ukraine. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist moldauischer Nationalität. Im Laufe dieser vier Jahre des sozialistischen Aufbaus hat man bedeutende Resultate erzielt, besonders auf dem Gebiete des Unterrichts. Die Arbeitsbedingungen sind verwickelt; mehrere Nationalitäten leben Seite an Seite, das Kulturniveau ist sehr niedrig, und besonders bei den Moldauern. Früher gab es nicht einmal eine moldauische Fibel und nur eine Handvoll. moldauischer Lehrer. Aber jetzt sind bereits 100 moldauische Schulen in Betrieb, moldauische Lehrerbildungsanstalten wurden gegründet, und zum ersten Mal seit dem Bestehen des moldauischen Volkes wurden Lehrbücher in der Landessprache abgefasst. 44% des Budgets der Republik werden für kulturelle und soziale Bedürfnisse verwandt. Im Durchschnitt betragen die Jahresaufwendungen für das Unterrichtswesen 3.50 Rubel pro Kopf, während die Grundsteuer nur 1.70 Rubel pro Kopf ausmacht. Auf diese Weise wendet die Regierung für die Schule doppelt so viel auf, als sie durch direkte Steuern vereinnahmt. Von Jahr zu Jahr erhöht sich das Unterrichtsbudget. 1924/25 belief es sich auf 880.000 26 DIE LEHRER- INTERNATIONALE Rubel, 1926/27 auf 1.896.000 Rubel. Auch die Unterrichtsmethoden werden vervollkommnet. 1924/25 war im Budget für eine Volksschule der Betrag von 820 Rubeln ausgeworfen, 1926/27 bereits 1.610 Rubel. Für die siebenklassigen Schulen stellen sich die entsprechenden Beträge auf 3.675 Rubel für das Jahr 1924 und 7.662 Rubel für das Jahr 1926. Die materielle und moralische Lage der Lehrerschaft verbessert sich beständig, aber die Regierung ist mit den erhaltenen Resultaten unzufrieden und unternimmt erneute Anstrengungen, um die Lebensbedingungen der Lehrer zu verbessern. Der Dnjestr trennt zwei Welten. Auf dem rechten Ufer haben wir die kapitalistische Welt die annektierten Gebiete werden von dem raubgierigen Rumänien gemartert; dieses Rumänien soll die« östliche Kultur>> vor dem Einfall der« bolschewistischen Barbaren» wahren. Auf dem anderen Ufer haben wir das Land der proletarischen Diktatur, das Land der Arbeiter und Bauern. Die charakteristischen Merkmale für die Lage der Schule und des Lehrers diesseits und jenseits des Dnjestr sprechen für sich selbst, und es ist nicht schwer zu entscheiden, welcher dieser beiden Welten die Barbarei innewohnt! V. DEMBO. Die Minderheitsschule unter dem zaristischen Joch und dem Sowjetsystem Nachstehend findet man die hauptsäch lichsten Texte zu dieser Frage: die klaren und eingehenden juristischen Dokumente charakterisieren am besten das revolutionäre Werk, das auf eine unerhörte Unterdrückung folgte. In einem Kaiserlichen Ukas vom Jahre 1863 liest man:« Niemals hat die ukrainische Sprache bestanden, und sie wird auch nie leben. Diese Mundart des gemeinen Volkes ist nichts anderes als russisch, das durch den polnischen Einfluss entstellt wurde.»> In den Statuten des Unterrichtsministeriums von 1870 war festgelegt:« Der Endzweck für den Unterricht der nichtrussischen Bevölkerung ist ohne Zweifel ihre Russifizierung und Verschmelzung mit dem russischen Volke.>> Durch einen« vertraulichen» Ukas wurden aufs strengste untersagt alle Kundgebungen der ukrainischen und weissrussischen Nationalkultur: Literatur, Konzerte, Schauspiel usw. Selbst die Ausdrücke« Ukraine» und « ukrainisch» mussten sorgsam vermieden werden. Kein Buch, nicht einmal die Bibel, durfte auf ukrainisch oder weissrussisch veröffentlich werden. Am 31. März 1906 unterzeichnete Nikolaus II. ein Gesetz, dem wir folgende Stelle entnehmen:« Um den nichtrussischen Kindern das Erlernen der russischen Sprache zu erleichtern, können die Schul- und Lesebücher in ihrer Muttersprache, aber in russischen Buchstaben, abgefasst werden.» Die Einstellung des Adelstandes ersieht man aus einer Rede Kuschelews auf dem VII. Kongress der Delegierten des Adels: « Unsere öffentliche Schule muss russisch, national und patriotisch sein. Die öffentliche Schule soll keinen nichtrussischen Charakter tragen. Die russische Sprache muss in ihr bedingungslos vorherrschen; es darf nur auf russisch unterrichtet werden. Russland wird von vielen Nationalitäten bewohnt; sollen wir deshalb den nationalen Separatismus aller dieser Völkerschaften begünstigen? Wir Adligen müssen erklären, dass die Schule russisch bleiben wird, und dass Russland den Russen gehört.» Und wie stellte sich die Schulbehörde zu dieser Frage? Auf der Konferenz über die Minderheitsschule von 1912 sagte der Kurator von Orenburg, Wladimirow: « Die Schule für Nichtrussen hat nicht nur zum Ziel, das Kulturniveau dieser Völker zu heben, sondern auch ihre Russifizierung zu fördern, ihren Anschluss an das herrschende Volk, an das russische Volk. Wenn diese Resultate ausbleiben, dann hat es gar keinen Sinn, Geld für solche Schulen auszugeben.» Ein Rundschreiben aus dem Jahre 1864 verbot unter Androhung schwerer Strafen den polnischen Sprachunterricht und die Verbreitung polnischer Schulbücher. Die armenische Bevölkerung hatte gegen das Gesetz von 1884 protestiert, weil dadurch ihre Schulautonomie aufgehoben wurde. Daraufhin erliess der Unterrichtsminister Delianow den Befehl, alle armenischen Schulen zu schliessen. Bis zum Jahre 1884 standen den Juden die höheren Schulen und Universitäten offen. Danach wurde für sie der« numerus clausus>> eingeführt; er betrug in den Westprovinzen 10%, in den anderen 5%, in Moskau und Petersburg 3%. * * DIE LEHRER- INTERNATIONALE In Gegensatz dazu steht die von Lenin und Stalin unterzeichnete« Erklärung der Rechte der Völker», veröffentlicht am 2. November 1917: « Gemäss dem Willen des I. und II. Kongresses der Sowjets beschliesst der Rat der Volkskommissäre, dass seine Einstellung zu den nationalen Problemen von folgenden Grundsätzen bestimmt werden wird: 1.) Gleichheit und Souveränität der Völker Russlands. 2.) Freies Selbst bestimmungsrecht für die Völker Russlands, einschliesslich der Abtrennung und Bildung unabhängiger Staaten. 3.) Aufhebung aller Vorrechte und Beschränkungen nationalen oder konfessionellen Charakters. 4.) Freie Entwicklung der nationalen Minderheiten und ethnischen Gruppen in Russland.>> Am 31. Oktober veröffentlichte der Rat der Volkskommissäre folgende Entschliessung zur Minderheitsschule: 1.) Alle Nationalitäten der Sozialistischen Föderativen Republik von Sowjetrussland sind berechtigt, den Unterricht in ihrer Landessprache zu erteilen, und zwar in den Schulen beider Stufen und an den Hochschulen. 2.) Minderheitsschulen werden an Orten eingerichtet, wo eine genügende Zahl Minderheitsschüler vorhanden ist. Das gesetzliche Mindest mass für die Schulfrequenz sind 25 Schüler der gleichen Altersstufe. 3.) Zur Förderung der kulturellen Annäherung und Klassensolidarität der Arbeiter der verschiedenen Nationalitäten ist das Studium der vorherrschenden Sprache für die betreffenden Gebiete verbindlich. 4.) Die Minderheitsschulen werden als öffentliche Schulen geführt, und das Gesetz für die einheitliche Arbeitsschule wird in ihnen bedingungslos durchgeführt werden.>> Für sich sprechen auch die Beschlüsse der russischen Kommunistischen Partei. So beschloss der 10. Parteikongress: « Die Partei betrachtet als eine ihrer wesentlichen Aufgaben die Unterstützung der nichtrussischen werktätigen Massen, damit sie das Niveau der Zentralbevölkerung erreichen.>> Der 13. Parteikongress nahm folgende Entschliessung an: 27 « Es muss durchgeführt werden, dass die Veröffentlichungen der nationalen Verlagshäuser nicht auf russisch herausgegeben werden, und dass in der Muttersprache erscheinen gute Schulbücher, billige Broschüren für die Arbeiter und Bauern, eine leninistische Volksbibliothek, und Zwar sollen diese Veröffentlichungen den breiten Bevölkerungsmassen zugänglich sein.» Zum Schluss geben wir noch die Entschliessung des 13. Panrussischen Sowjetkongresses wieder: 1.) Der Sowjetkongress erkennt die Notwendigkeit einer intensiveren Förderung des Minderheitsschulnetzes, und zwar nicht nur durch Einführung der Muttersprache anstelle des Russischen in den bereits bestehenden Schulen, sondern auch durch Gründung neuer Schulen und durch Gründung von Schulinternaten in den nomadischen oder halbnomadischen Gebieten. 2.) Zwecks Ausbildung von Kulturarbeitern nichtrussischer Nationalität ist die wirksamere Durchführung folgender Massnahmen erforderlich: a) Entwicklung des Netzes an höheren Minderheitsschulen. b) Entwicklung des Netzes an elementaren Minderheitsschulen und Berufsschulen, entsprechend den spezifischen Bedürfnissen der betreffenden Gebiete; c) Sicheren Zugang zu den Arbeiterfakultäten und Hochschulen für die nicht russische Jugend; d) Beschleunigte Herausgabe von Werken in den verschiedenen Landessprachen, insbesondere Begünstigung der wissenschaftlichen Ortsvereinigungen. 3.) Der Kongress stellt fest, dass der Kampf gegen den Analphabetismus unter den nichtrussischen Nationalitäten verschärft werden muss. 4.) Der Kongress stellt fest, dass die wichtige politische Aufklärungsarbeit unter den nichtrussischen Nationalitäten in den Randgebieten noch nicht in ihrem vollen Werte eingeschätzt wird. Auf diesem Gebiete muss energischer gearbeitet werden. Insbesondere muss ein definitiver Plan ausgearbeitet werden für die Einsetzung der Landessprachen anstelle der russischen Sprache in den öffentlichen Unterrichtsanstalten gewisser Gegenden. 5.) Den autonomen Republiken sind Unterstützungen zu gewähren.» 28 DIE LEHRER- INTERNATIONALE 3. Wir eröffnen eine Erhebung gegebenenfalls zu beheben oder abzuschwächen. über den Unterricht in zweisprachigen Ländern Aus den vorangehenden Artikeln ergibt sich, dass wir die Notwendigkeit unserer Erhebung nicht zu begründen brauchen. Durch den imperialistischen Krieg sind Verhältnisse geschaffen worden, die die Frage der Zweisprachigkeit zu einer ganz aktuellen gestalten. Wird ein Kind in einer anderen Sprache als der Muttersprache unterrichtet, dann ist es zu andauernder Uebersetzungstätigkeit gezwungen. Oft ist eine Uebersetzung aber nicht möglich, sodass das Kind den Kontakt mit dem Lehrer verliert. Ferner muss der Muttersprache das Gemütsmoment zuerkannt werden, da sie Sprache der Eltern, Spielgenossen, Umgebung und häuslichen Arbeit ist. Das In Frankreich kann man diese Wirkung leicht feststellen, z. B. in den Schulen des Departements Finistère, wo die Muttersprache der Kinder bretonisch ist, der Unterricht aber auf französisch erteilt wird. Besser kann man diese Beobachtung noch im Elsass machen. In einer Bittschrift der Einwohner von Forbach an Napoleon III. konnte man bereits lesen:« Unsere Kinder werden beim Verlassen der Schule weder französisch noch deutsch können. hat auch der Abgeordnete Béron in der Kammer wiederholt:« Die Jugend( Elsass) geht von der Schule ab mit schlechten Kenntnissen der französischen Sprache und kann auch deutsch weder richtig sprechen noch richtig schreiben. Sie wird schnell zu Halbanalphabeten. Wir ziehen das Unterrichtssystem vor, das sich auf die Muttersprache stützt: deutsch in den Gegenden deutscher Sprache, französisch in den Gegenden französischer Sprache.» Das will also besagen, dass die Muttersprache zugleich Unterrichtssprache sein soll. Und gerade dieses Moment soll unsere Erhebung belegen. Ziel unserer Erhebung 1. Die Ursachen der Zweisprachigkeit. 2. Die mit der Zweisprachigkeit verbundenen Schwierigkeiten. Mittel und Wege, um diese Schwierigkeiten 4. Resultate, die gegebenenfalls bei Bekämpfung, dieser Schwierigkeiten erzielt wurden. Vorgeschlagene Methoden Je ein Berichterstatter für jede nationale Minderheit oder zweisprachige Gegend. Beispiel für Frankreich: elsässisches Gebiet, vlämisches, bretonisches, baskisches, usw... Die Lage in der ganzen Welt 1. Viele Staaten umschliessen ethnische Minderheiten, die ihre spezifischen Eigenschaften bewahrt haben. 2. Einige Staaten umfassen weniger ausge prägte Minderheiten, die im Begriff sind, im Volksganzen aufzugehen, aber ihre Sprache erhalten haben ( Bretagne in Irankreich). 3. Für die Kolcnien wird in der I. B. A. eine Sonderkommission geschaffen werden. Einige Erläuterungen 1. Wird in den amtlichen Lehrplänen ein Unterschied gemacht zwischen dem Unterricht in einsprachigen und zweisprachigen Gegenden? 2. Sollen wir die Lehrpläne, sofern sie in beiden Gegenden die gleichen sind, in beiden Fällen auch auf die gleiche Weise behandeln? Zum Beispiel beim: a) Sprachunterricht; b) Leseunterricht. Wenden Sie ausschliesslich die direkte Methode an? Stützen Sie sich bejahendenfalls auf die Muttersprache der Schüler? Führen Sie den Unterricht unter a und b getrennt oder parallei? Oder verbinden Sie die beiden Fächer eng mit einander? Soll man von Anfang an( d. h. im Prinzip im 6. Lebensjahr) das Studium der verschiedenen Unterrichtsfächer in Angriff nehmen? Wäre nicht vielmehr eine angemessene rationelle Anpassung an die lage in den zweisprachigen Ländern geboten? Zum Beispiel: a) Förderung der Tätigkeit des Kindes, des kindlichen Spiels; Bevorzugung der Sinneserziehung, Zusammenstellung wichtiger Sinnesübungen zur Erlernung der Sprache. b) Förderung des Sprechens beim Kinde, um zur zeichnerischen Darstellung der Sprache überzugehen. c) Förderung des Lesens. d) Und endlich Förderung des Schreibens. Muss man nicht den Leseunterricht aufschieben, um dem Kinde Zeit zu lassen, sich die unerlässlichen Anfangsgründe der Sprache anzueignen? 3. 4. für Zu studieren wäre auch das Rechnen. 7urückbleiben im Lernen. Grundlagen Vergleich, Tests, Versuche, die auf diesem Gebiete in Betracht kommen. einen 5. Besteht eine Bewegung im Hinblick auf das Ersetzen der offiziellen Sprache durch die Muttersprache? Eine gleichgerichtete pädagogische Bewegung? Eine allgemeine erziehliche Bewegung? Fine politische Bewegung? Muss man vom Standpunkt der nationalen Minderheiten aus für die Einführung einer internationalen Sprache wirken? Usw. usw... Wir erbitten die Mitarbeit aller. Wir bitten um Antwort, selbst wenn sie kurz ausfällt. Der zuständige Genosse, R. Daniel, in Trégunc. Finistère( Frankreich). DIE LEHRER- INTERNATIONALE Zum internationalen Geschichtskongress ( Oslo, August 1928) 29 I. Die polnischen, deutschen und italienischen Geschichtsbücher( 1) Der Unterrichtsabteilung des Osloer Kongresses wurden Berichte verschiedener Länder vorgelegt. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Berichte aus Polen, Deutschland und Italien. Aus dem polnischen Bericht, gehalten von Anna Pogoska, ist vor allem der Abschnitt über die Minderheitsschulen hervorzuheben. Wir erfahren, dass diese Schulen kein Geschichtsbuch in der Muttersprache haben. Der von der Berichterstatterin diesbezüglich gegebene Kommentar ist recht interessant: wenn die Weissrussen kein Geschichtsbuch haben, SO liegt das eben daran,« dass die weissrussische Sprache noch nicht endgültig festliegt, und dass die Intellektuellen dieses Volkes auf zu niedriger Kulturstufe stehen>>. Pogoska versichert, dass der polnische Staat viel Interesse für die Bildung der weissrussischen Sprache aufbringt und sogar Kurse eingerichtet hat, damit die Lehrer ihre Muttersprache studieren können. Der Fall der Ukrainen wird noch einfacher hingestellt wohl ist die Gründung von ukrainischen Schulen gesetzlich gestattet, aber die Ukrainen wollen sie nicht schaffen! Anscheinend hält dieses Volks nicht auf seine Sprache: es liegt daher auf der Hand, dass Geschichte, wie auch Erdkunde und andere Fächer, in polnischer Sprache gelehrt werden. Danach macht Pogoska aber eine Bemerkung, wodurch die Dinge klargestellt werden.« Es gibt keine ukrainischen Schulbücher oder eben sie haben nicht die amtliche Genehmigung gefunden». Den wahren Sachverhalt ersieht man aus dem Artikel der vorliegenden Bulletinnummer, in welchem die schreckliche Unterdrückung der ukrainischen Schule in Polen beschrieben wird. In den jü lischen oder polnisch- jüdischen Schulen sind die Geschichtsbücher in polnischer Sprache geschrieben. Pogoska stellt fest, dass die vor 1922 herausgegebenen Geschichtsbücher den Stempel eines« verstiegenen Patriotismus» tragen. Gegenwärtig sind acht Geschichtsbücher am meisten verbreitet. Darin findet man folgende Behauptungen die Nachbarstaa( 1) Uebersetzt aus dem Französischen. ten bedrohen Polen; man muss mit diesen Staaten in Frieden leben und mit ihnen Verträge schliessen. In einem Geschichtsbuch wird die deutsche Gefahr unterstrichen, in einem anderen in noch brutalerer Weise unter der Erklärung, dass Polen nur auf seine eigene Kraft bauen kann. In dem Geschichtsbuch von Gsowski wird die zivilisatorische Mission Polens verherrlicht; Polen hat Europa vor den Barbaren bewahrt und niemals die nationalen Minderheiten unterdrückt. Lewitski gibt in seinem Lehrbuch lang und breit die Geschichte der Ukraine wieder; er spricht ausführlich von den russischen, deutschen und österreichischen Greueltaten in Polen während des Krieges. In einem Lehrbuch der allgemeinen Geschichte wird Wilson zum Befreier der unterdrückten Völker erhoben und die Grosszügigkeit der Vereinigten Staaten bei Teilung der Beute in Versailles gelobt, als sie nichts für sich in Anspruch genommen haben. Recht charakteristisch ist auch, dass Nanke in seinem Geschichtslehrbuch erklärt, der Vertrag über die nationalen Minderheiten sei Polen mit Gewalt auferlegt worden. In einem anderen Geschichtsbuch werden die Juden als « sch marotzerhafte Elemente» bezeichnet. An den Minderheitsschulen ist das Geschichtsbuch von Pawlowski in Gebrauch; es ist ganz besonders interessant. Der Verfasser erklärt zu Beginn, dass Polen den Minderheiten niemals die polnische Nationalität aufzwingen wollte. Es ist jedoch zu hoffen, fährt er fort, dass diese ethnischen Gruppen eines Tages selbst erklären werden, sie seien polnischer Nationalität. Nach Pawlowski sollten die Minderheiten also ihre eigene Nationalität abschwören! Beachten wir auch, dass die Kongresse der Geschichtsprofessoren von 1925 und 1927 gegen den tendenziösen Unterricht protestiert haben, zu gleicher Zeit aber erklärten, dass Geschichte von grosser Bedeutung für die staatsbürgerliche Erziehung ist. Ganz unerwartet ist die Schlussfolgerung der Berichterstatterin Pogoska. Nachdem sie soviel Belege für den chauvinistischen Charakter des polnischen Geschichtsunterrichts gegeben hat, versichert sie, dass die öffentliche Meinung für den Frieden günstig eingestellt ist. Zum Beweis zitiert sie lediglich den Ausspruch Pilsudskis:« die polnische Armee ist nicht eine militaristische Streit kraft, sondern ein Teil der Zivilbevölkerung». 30 ** DIE LEHRER- INTERNATIONALE Der Bericht über die deutschen Lehrbücher ist eine Lobrede auf die deutsche Schule. Sie will in erster Linie<< gute Deutsche heranbilden» und bezweckt nach dem Referenten durch ihr ganzes Erziehungssystem und insbesondere durch den Geschichtsunterricht,«< der Sache des Friedens zu dienen>>. Und gerade<< die wahre Vaterlandsliebe wird uns zur Humanität führen». Der Berichterstatter versichert, dass den Religionsbüchern kein Vorwurf gemacht werden kann; für ihn verfolgen sie einzig und allein das Ziel,« mit Gott bekannt zu machen» und die Toleranz zu predigen. Die Lesebücher mit ihrer Stoffülle zur Aneignung der Kultur und des deutschen Geistes können ihrem Inhalt nach durchaus nicht die Entwicklung des menschlichen Solidaritätsgefühls hemmen. Er erkennt an, dass in den Lesebüchern nationalistische Stellen zu finden sind, die« einen hohen literarischen Wert» haben; jedoch üben diese Stellen keinen verderblichen Einfluss aus, auch begünstigen sie nicht die chauvinistischen Gefühle, weil sich dicht daneben Lesest ücke ganz entgegengesetzten Inhaltes befinden. Wenn der Berichterstatter auch nicht Wert darauf legt, diesen Chauvinismus« von hohem literarischem Wert» abzuschaffen, so muss er doch zugeben, dass die pazifistischen Erzieher diese Lesestücke in der Klasse übergehen. Als Nebenbeweis gibt der Referent auch die deutsche Gesetzgebung an, wonach seiner Meinung kein Chauvinismus in der Schule geduldet wird. Er zitiert die Verfassung, worin erklärt wird, dass das Geschichtsstudium« im Geiste der deutschen Nation und der Verbrüderung der Völker» zu erfolgen hat. Unparteilichkeit, Sachlichkeit wären also vorgesehen worden. Auch scheint eine« unparteiliche», eine << sachliche» Kontrolle der Lehrbücher zu bestehen. Darauf versichert der Berichterstatter, dass die<< wahre, unparteiische Wissenschaft»>, wie sie an den Universität en gelehrt wird, die Geistesrichtung der künftigen Erzieher lenkt. Tapferkeit, Kraft und nationale Würde, welche Eigenschaften durch die deutsche Schule gefördert werden sollen, haben im Sinne des Berichterstatters nichts mit einem militaristischen und imperialistischen Unterricht zu tun.« Deutschland hat ein Recht darauf, frei zu atmen und seine Ketten zu brechen», so lautet die Antwort des Referenten auf die Kritik der deutschen Schule. Er versichert, dass die deutschen Lehrbücher kriegerische Leidenschaften und Rachegefühle nicht anfachen könnten,<<< ass die Geschichtsbücher der brutalen Gewalt das internationale Recht gegenüberstellen, und dass die Verbrüderung der Völker und der Sieg der Menschlichkeit die Vorbedingung für den Fortschritt sind». Er sagt, dass in den deutschen Lehrbüchern wenig von den früheren Kriegen die Rede ist; dagegen sei stets hervorgehoben, welche Gefahr mit einem jeden Kriege verbunden ist, und dass die Deutschen nicht kriegsliebend sind. Als Beleg für diese Behauptungen verweist der Referent auf die Texte in den Lehrbüchern, in denen die politischen Fehler der deutschen Regierung seit Bismarck behandelt werden, sowie der Abscheu, den die Deutschen vor dem Kriege haben.. Er erinnert auch an den Völkerbund, den « Ritter des Friedens>>, sowie an den Ministerialerlass über Völkerbundskunde, welchem in den Geschichtsbüchern Rechnung getragen wird. Allerdings sieht sich der Berichterstatter genötigt einzuräumen, dass der Völkerbund negative Seiten hat und zu keinen praktischen Ergebnissen führt. Der Referent stellt ein ganzes Programm von Forderungen auf.« Solange man nicht zur Abrüstung übergehen wird, solange nicht die Rechte der kleinen Nationalitäten gewahrt sein werden, solange die Kolonien nicht Deutschland zurückgegeben werden, solange der Völkerbund dulden wird, dass die Lüge von der deutschen Schuld in den ausländischen Lehrbüchern steht, solange wird Deutschland den Völkerbund nicht verherrlichen können». Dieser Bericht erinnert ganz eigenartig an die Rede des preussischen Ministers Becker auf dem Berliner Kongress der Internationalen Vereinigung der Lehrerverbände über den « internationalen Geist in der nationalen Erziehung», über den Völkerbund und seine Ziele. Becker versicherte, dass der Völkerbund den Höhepunkt der internationalen Solidarität darstellt! In Italien überwacht eine Sonderkommission am Unterrichtsministerium die Schulbücher. 1924 drückte diese Kommission ihre Unzufriedenheit aus die Lehrbücher sprechen in zu bündiger Form von der italienischen Marine und den Heldentaten der italienischen Marinesoldaten während des letzten Krieges. 1926 erklärte die Kommission, dass im Geschicht sunterricht der nationale Faktor betont werden müsse, da sie sonst jeden Geschichtsunterricht für sinnlos halte. Sie unterstrich die Begeisterung für« italienisches Wesen»>, kritisierte die Lesebücher, welche nicht << die Vaterlandsliebe und den glühenden Kult des nationalen Ruhms» in volles Licht rückten, sondern von<< falschem Geist als Anbahnung des Sozialismus» und sogar pazifistischem Geist» durchtränkt wären. Die Kommission kritisierte den Pazifismus, als« Feigheit, beruhend auf dem DIE LEHRER- INTERNATIONALE Nützlichkeitsprinzip, voller orientalischer Religiosität, Protestantismus, bedauerlichem Rationalismus und verworfenem Materialismus». Sie kritisierte die Verfasser, die das Vaterland und das Erwecken des Nationalgefühls vergessen. Vor allem entrüstete sich die Kommission, weil die Verfasser der Lehrbücher es vermeiden, von Faschismus zu sprechen, und sich darauf beschränken, das Bild Mussolinis und des Königs wiederzugeben oder verschwommene Phrasen zu Ehren der Regierung zu konstruieren. Die Kommission charakterisiert die Sachlage mit folgenden Worten:« Die Schulreform bezweckt das Aufblühen des italienischen Nationalgefühls». 1927 hatte die Kommission ganz andere Bemerkungen zu machen. Sie forderte von den Verfassern, sich strengstens nach den Lehrplänen zu richten, 31 Internationalen Vereinigung der Lehrerverbände unterstützen, die Bestrebungen der bürgerlichen Unterrichtsminister und der pazifistischen Führer des französischen Syndicat National, insofern es sich darum handelt, die Lehrerschaft zu verdummen unter grossem Aufwand von pazifistischen Phrasen über das hohe Verdienst» des Völkerbundes, der Verkörperung der« internationalen Solidarität>>. Die Einheitsfront der pazifistischen Reaktion ist in Bildung begriffen. Sache der Klassenkampflehrer ist es, ihr die Idee des Klassenkampfes auf Basis des proletarischen Antiimperialismus entgegenzusetzen! worin« eine ernste Lebensanschauung, Dis- II. Gegen den Krieg, für ziplin und Opfer für das Vaterland» gefordert werden. Das Wir möchten daran erinnern, dass zu diesen Opfern auch die Kürzung der Lehrergehälter gehört. Die Kommission verlangte Erziehung der Jugend zu Begeisterung, Heldenmut, Festhalten am Glauben der Vorfahren und Achtung vor der bürgerlichen und geistlichen Obrigkeit. faschistische Vaterland will« neue Menschen», aber viele Lehrbücher sind nicht von der faschistischen Ideologie durchdrungen. Auch wünschte die Kommission packendere Berichte aus den<< grossen Epochen der italienischen Geschichte»>, eine« gerechte Beurteilung» des« grossen>> Krieges und« der Märtyrer der faschistischen Sache». Nur drei Lehrbücher stellten die Kommission voll und ganz zufrieden, und aus diesen veröffentlichte sie faschistisch gehaltene Auszüge. ** An dieser Stelle werden wir nicht von den Berichten über die englischen und sonstigen Lehrbücher sprechen; sie verdienten, besonders geprüft zu werden. Gehen wir nur kurz auf den Bericht von Kalgren( Stockholm) ein über« Die Geschichtsbücher und die verschiedenen nationalen und internationalem Tendenzen». Er erklärte, dass die Berichte auf Vorarbeiten der kirchlichen Vertreter in den einzelnen Ländern beruhten; er versicherte, dass die Kirche auf die internationale Unterstützung ihrer Anstrengungen rechnet. In dem Abschnitt über Belgien verglich der Redner den Katholizismus mit dem Völkerbund. Daraus erklärt sich manches. Der Katholizismus, sagte er, ist der Völkerbund der Mystik. Aus den Berichten für den Osloer Kongress ergibt sich einwandfrei, dass die Vertreter der verschiedenen religiösen Kulte ganz offen die Bestrebungen der Internationale von San Franziko und der die Abrüstung! Ein anderer Osloer Berichterstatter, Sigmund Hest, verzeichnete als positive Tatsache die Entwicklung des Geschichtsunterrichts, in dem das Wortwissen und die Geschichtszahlen angeblich nicht mehr vorherrschen zum Nutzen einer« Anpassung an den Zeitgeist»; andererseits warnte er die« Neuerer» davor, sich in der Erforschung der Ursachen und Wirkungen der geschichtlichen Ereignisse zu verlieren: man darf die Geschichte nicht in ein« philosophisches Kolleg» verwandeln. Hest fürchtet.<< die Verarmung» der Geschichte; er billigt nicht, dass man ihr die grossen Ereignisse, die grossen Männer nimmt. Er wirft dieser Methode zu grossen Rationalismus vor und besteht auf der erzählenden Geschichtsform:< als grosses Heldengedicht». Danach erklärt er, die Geschichte würde den Erziehern nützlich sein< im Dienste der Sache des Friedens» und den Gelehrten« in der Erforschung der Wahrheit». Sehr unzufrieden ist der Referent mit der<< neuen Art» von sozial- ökonomischer Forschung und mit dem Interesse, das die Historiker für den Klassenkampf aufbringen. Die Aussicht auf den Unterricht<< vom heiligen Hass» erschreckt ihn; er ist für eine« unparteiische, besonnene und abgeklärte» Geschichte. Anscheinend hören diese reinen und unparteiischen Historiker nicht das Stampfen der Militärstiefel bei der Kriegsvorbereitung in den Schulen! Das Hirn ist durch die Militarisierung der Schule vergiftet; man fälscht die Tatsachen, man geizt weder mit Lügen noch mit Verleumdungen über die U. S. S. R. und die revolutionären Arbeiter. man bemüht sich um die Verdunkelung des Bewusstseins der Arbeiterjugend, um die Schürung des Nationalhasses, weil man 32 DIE LEHRER- INTERNATIONALE ohne diese Mittel die Massen schwerlich in einen neuen Krieg ziehen könnte. Das alles sticht in die Augen, hindert die« Reinen»>, die<< Unparteiischen» aber nicht, sich gegen die sozial- ökonomischen Forschungen zu wenden, gegen die Erforschung des Klassenkampfes. Die pazifistischen Redensarten über die besten Mittel zur Aufrechterhaltung des Friedens», über die pazifistischen Einrichtungen, wie Völkerbund, Internationale Vereinigung der Lehrerverbände, Weltverband der Erzielungsvereine, über pazifistische Erziehungspläne, Revision der Schulbücher, im treuen Verein mit beglaubigten Lobreden auf den Kellogg- Pakt; das alles dient nur dazu, durch die Schuljugend hindurch das Bewusstsein der Familie zu verdrehen. Und es wäre wirklich zu billig, wenn man glauben wollte, ein revolutionärer Lehrer habe<< die neutrale Einstellung» nur zu kritisieren. Die einzig wirksame Waffe für den Weltfrieden ist der revolutionäre Klassenkampf des Proletariats. Mit Recht kann der Schüler vom revolutionären Lehrer verlangen, ihm diesen Kampf nicht zu verheimlichen, ihm die nackte Wahrheit zu zeigen. Und besonders heute, wo eine neue Kriegsgefahr von Tag zu Tag drohender wird, kann der Schüler von uns mit Recht erwarten, dass wir ihn über die Ereignisse auf dem laufenden halten. Das Kind muss erfahren, dass der Krieg eine unumgängliche Folge der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist; das Kind muss die Rückwirkung der Weltwirtschaftskonflikte auf die internationale Politik verstehen. Unerlässlich ist es, dass es den Sinn der pazifistischen Manöver und Geheimverträge erfasst. Die Kinder müssen die schrecklichen Opfer an Toten, Verwundeten und Verstümmelten von 19141918 kennen. Wir haben in der I. B. A. bereits erklärt, dass wir mit dem Vorschlag der Genfer Sowjetdelegation für vollständige Abrüstung solidarisch sind. Heute müssen wir die Lehrerschaft aufrufen, ihre Stimme zu gunsten der endgültigen Abrüstung und gegen die Vorbereitung eines neuen Krieges zu erheben. Man muss sich immer wieder vor Augen halten, dass die Bourgeoisie bei der Kriegsvorbereitung nur nach neuen Mitteln sucht zur Sicherstellung der inneren« Ruhe und Ordnung». Sie strebt nach Zügelung der Gewerkschaften; sie will ihnen den Kampfgeist rauben. Mittels neuer Statuten für die Beamten will sie sich einen gefügigen Apparat, ein knechtisches Personal schaffen. Diesen Druck verspüren wir in Belgien, Frankreich usw... Die Sektionen der I. B. A. sollen aie Lehrerschaft aufrufen, Stellung zu nehmen gegen diese Versuche, die Lehrer zu knebeln, sie zu stummen Dienern herabzudrücken. Le Gérant: L. VERNOCHET WAIIACIAL Es ist höchste Zeit, dass die Lehrer und Schüler sich der Sachlage bewusst werden. Man muss ihnen verständlich machen, dass die Kriegsvorbereitungen in erster Linie auf die U. S. S. F. R. abzielen. Sie sollten sich in grösserem Masse für das Leben der U. S. S. R. interessieren. Auf diese Weise kann man vereiteln, dass durch Verleumdungen zwischen dem Land der Sowjets und den übrigen Ländern der Welt eine unübersteigliche Schranke errichtet wird. Bei jeder Gelegenheit müssen wir von der pazifistischen Betrügerei sprechen, die pazifistische Lüge enthüllen, die ganze Propaganda für den Völkerbund. Die Bourgeoisie mobilisiert alle Kräfte, um die Lehrerschaft in die« neutrale Zone» der bürgerlichen Ideologie zurückzudrängen. Sie weiss ganz genau, dass sie nach Gewinnung der Kinder auch die Eltern beeinflussen kann. Sie weiss auch, dass sich der Einfluss der Kinder verschärfen wird, sobald die Lehrerorganisationen festere Bande mit der Arbeiterklasse knüpfen. Bei jeder Gelegenheit werden die I. B. A., ihre Sektionen und Gruppen die Kredite für Rüstungen und Militarismus bekämpfen. Ziel unseres Kampfes wird sein, den Imperialisten die materielle Möglichkeit zu nehmen, einen neuen Krieg zu entfesseln. Wir wissen, welche kostbaren Dienste die Transportarbeiter, die Arbeiter der chemischen Fabriken, die Grubenarbeiter und Metallarbeiter in dieser Beziehung zu leisten vermögen. Wir werdem aber nie vergessen, dass auch wir dieser grossen Sache dienen können durch energische Bekämpfung der Kriegsgefahren. Wir haben erklärt, dass wir vorbehaltlos dem Sowjetvorschlag für vollständige Abrüstung zustimmen. Ebenso werden wir die Herabsetzung der Wehrmacht und der Militärdienstpflicht unterstützen. Wir wenden uns nachdrücklich gegen die Angriffsverträge, die von den Grossmächten unter dem Deckmantel pazifistischer Phrasen geschlossen werden. Wir sind überzeugt, dass der Kellogg- Pakt keineswegs die Gefahr neuer Kriege ausschaltet. Dieser Pakt, der zu den raffiniertesten imperialistischen Manövern zählt, bietet uns keinerlei Sicherung, er wird die internationalen Konflikte nicht vernindern, wie er bisher weder das französisch- englische Militärabkommen verhinderte, noch das antisowjetistische Bündnis zwischen Polen und Rumänien oder die imperialistischen Handstreiche in China. Unsere Klassenstellungen müssen wir geschlossen halten! Unsere Reihen müssen wir zusammerschweisser! Schliessen wir uns entschlossen dem Proletariat an, das für die Authebung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung kämpft. Das wird die beste und sicherste Kampfweise gegen den Krieg und für die Abrüstung sein. IMP. UNION 13, RUE MÉCHAIN, PARIS Einleitung zu den Statuten der Internationale der Bildungsarbeiter ART. 1. In allen Ländern, in denen der Kapitalismus herrscht, hat er Wissen und Bildung in eine Ware verwandelt, die nur wenigen zugänglich ist. Dadurch sind die erwerbstätigen Massen aus den Reihen der Personen automatisch ausgeschlossen, die sich diejenigen Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen können, die für die Organisierung und Leitung der Wirtschaft, des Staates und des Bildungswesens erforderlich sind. ART. 2. Die Schule der kapitalistischen Gesellschaft dient ausschliesslich den Interessen der besitzenden und herrschenden Klassen, und zwar dient sie einerseits zur Erziehung einer isolierten Schicht privilegierter Herren, andererseits zur Umwandlung der ungeheuren Mehrheit des Volkes in eine geistig geknechtete Masse und in ein blindes Werkzeug des Kapitalismus. ART. 3. Die Lehrerschaft vermag bei einer solchen Ordnung nicht nur keine Trägerin einer höheren Kultur für die gesamte heranwachsende Jugend zu sein, sondern gerät auch selbst in eine geistige Abhängigkeit von der Bourgeoisie und verwandelt sich in bürokratische Beamte und schlecht bezahlte Dresseure im Dienste des Kapitals und seines Staates. ART. 4. Die Befreiung der Lehrer aus ihrer in materieller Beziehung unsicheren, in kultureller Beziehung unzulänglichen Lage ist organisch verbunden mit der Befreiung der Massenschule aus der Verknechtung durch den Kapitalismus und mit ihrer Umgestaltung zu einer echten Pflanzstätte der Kultur für die gesamte erwerbstätige Menschheit. Nur die soziale Revolution ist fähig, gleichzeitig mit der Befreiung der werktätigen Massen eine freie Schule und einen freien Lehrer zu schaffen. Nur die werktätige Klasse besitzt ein tatsächliches und dauerndes Interesse an der Erneuerung der gesamten Erziehung und Bildung. ART. 5. Somit kann der Kampf der Lehrer für die materielle und kulturelle Sicherstellung nicht mit Erfolg in der Form eines Kampfes des Lehrerstandes um gewisse Privilegien innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft geführt werden. Er kann nur ein aktiver Kampf für die soziale Umwälzung sein, Schulter an Schulter mit der klassenbewussten Arbeiterklasse. Der ART. 6. Folglich kann der Kampf der Lehrer nicht nur um wirtschaftliche Vorteile und für die engen Interessen des Berufs geführt werden. Er muss gleichzeitig auch ein Kampf gegen die kapitalistische Ideologie in der Schule sein, besonders gegen die chauvinistische und imperialistische Verhimmelung des Krieges, gegen die Klerikalisierung der Schule und für die Solidarität der Erwerbstätigen aller Rassen und Völkerschaften. Kampf der Lehrer muss mit dem Kampf für eine durchgreifende, radikale Schulreform verbunden sein. die den erwerbstätigen Massen alle Bildungsanstalten unentgeltlich zugänglich macht. Er muss ein Kampf für die Anwendung der besten wissenschaftlichen Erziehungsmethoden und für die genügende Ernährung und Gesundung aller Kinder im Schulalter sein. 9 2 5 6 10 11 13 14 15 16 17 Centimetres Inches Color chart Sachverständigen- Zubehör.de Grey # 9D9E9E # D9DADA Black # 5B5B5B # 000000 Blue Cyan Green Yellow Red Magenta White # C9C9FF # 0000FF. # C0E5FC # 009FFF # 759675 # 008800 # FFFFC7 # FFFF00 # FFC9C9 # FF0000 # FFC9FF # FF00FF #FFFFFF Centimetres Inches 2 5 9 10 11 12 13 14 15 16 17 Einleitung zu den Statuten C Y M Sachverständigen- Zubehör.de 10 11 12 13 14 10 18% 0% Grayscale 0 1 2 3 4 100% 4 5 5 6 6 7 7 8 8 9 9 50% FA