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Öffentlich-rechtlicher Rundfunk im Wandel : Herausforderungen und Perspektiven : ein Blick nach Österreich
Entstehung
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der ORF die Informationsnutzung über alle Ausspielkanäle hinweg(Gadringer et al. 2025) 2 . Im Unterhaltungsbereich steht er in Konkurrenz zu deutschen Privatsendern wie RTL, VOX, ProSieben und SAT.1 umgekehrt fehlt der ORF auf dem deutschen Markt aufgrund der Verschlüsselung. Digitalisierung 2002 nahm der volldigitale Fernseh-Newsroom den Betrieb auf; die Digitalisierung war 2007 abgeschlossen. 2009 star ­tete die ORF-TVthek, zehn Jahre später die Radiothek. ­Lange Zeit waren die meisten der dort abrufbaren Sendun ­gen nur sieben Tage verfügbar, ehe die Novellierung des ORF-Gesetzes 2023 eine Verlängerung der Abrufdauer der Inhalte in der Mediathek erlaubte und einige andere un ­zeitgemäße digitale Beschränkungen aufhob(wenn auch zugleich neue Beschränkungen für orf.at festschrieb). Das 2013 vom VfGH aufgehobene Facebook-Verbot wurde ge ­folgt von neuen Einschränkungen: 2018 untersagte die Me ­dienbehörde zunächst einen YouTube-Kanal derZeit im Bild, der erst 2024 nach großen Erfolgen auf Instagram und TikTok mit mehr als 1 Million Follower:innen reali ­siert werden konnte. Ebenfalls 2024 starteten das Kinder­Streamingangebot ORF KIDS und die neue Plattform ORF ON als Nachfolgerin der TVthek. Der multimediale Newsroom des neuen ORF-Mediencampus, der Redaktio ­nen aus TV, Radio, Online und Social Media bündelt, nahm im Juni 2022 den Betrieb auf. Ein direkter Vergleich von Marktanteilen mit denen privater Streamingplattformen ist nur eingeschränkt mög ­lich, da es hierfür keine unmittelbar vergleichbare Daten­basis gibt. Zwar erhebt die Rundfunk und Telekom Regulie ­rungs-GmbH Marktanteile einzelner Streamingangebote (u. a. Netflix, YouTube, WhatsApp), für einzelne TV-Sender liegen jedoch ausschließlich Daten zur Nutzung der Media ­theken vor. Ein Vergleich zwischen linearem Fernsehen und Streaming kann daher nur indirekt erfolgen. Aus verschiede ­nen Studien lässt sich jedoch rekonstruieren, wo und in wel ­chem Umfang gestreamt wird: Für das werberelevante Pub ­likum ab 14 bzw. ab zwölf Jahren und unter 50 Jahren ent ­fielen im Februar 2025 auf Netflix rund 10,7 Prozent der gesamten Videonutzungszeit des Vortags(gestern), auf YouTube etwa 7,1 Prozent. Im selben Zeitraum erreichte ORF 1 im Werbepublikum ab zwölf und unter 50 Jahren ­begünstigt durch die Ski-WM in Saalbach-Hinterglemm ­einen Spitzenwert von 14,0 Prozent der gesamten Fernseh ­nutzungszeit des Vortags, während ORF 2 im Zeitraum der Regierungsverhandlungen auf 12,3 Prozent kam. Damit sind ORF 1 und ORF 2 die einzigen Fernsehsender, die in dieser Zielgruppe Marktanteile von über zehn Prozent erreichen. Insgesamt entfällt auf das Fernsehen in dieser ­Altersgruppe ein Anteil von 51,4 Prozent an der gesamten Videonutzung in diesem Wert sind Livestreams und ­Mediatheken­angebote bereits enthalten(RTR; AGTT; ­diemedien.at 2025). Gesellschaftliche und politische Diskurse Grundsätzlich sind zwei öffentliche Diskurse zu unterschei ­den, die kaum Berührungspunkte haben: Auf der einen ­Seite gibt es einen seriösen Diskurs, dem es um eine nach ­haltige Sicherung der unternehmenspolitischen und journa ­listischen Unabhängigkeit wie auch davon nicht zu tren ­nen der wirtschaftlichen Grundlagen des ORF in einem high-choice media environment im Interesse der demo ­kratischen Gesellschaftsordnung geht(Van Aelst et al. 2017). Er umfasst auch kontrovers diskutierte Fragen im Sinne eines demokratischen Interessensausgleichs etwa Kriterien staatlicher Unterstützung oder regulatorische Ein ­griffe in den Markt und wird von Branchenvertreter:innen, Qualitätsmedien, zivilgesellschaftlichen Akteur:innen und der Wissenschaft getragen. Seit 2014 spiegelt sich dieser Diskurs auch in den Jahresberichten desMedia Pluralism Monitor wider. Davon zu unterscheiden ist ein diffamierender, auf die Unterminierung unabhängiger journalistischer Arbeit und letztlich auf die Zerstörung öffentlich-rechtlicher Me ­dienstrukturen zielender Diskurs, wie er auch in Österreich immer wieder von extremen politischen Kräften und eini ­gen wenigen Boulevardmedien angeheizt wird. In Zeiten sinkenden Vertrauens in die Leistungsfähigkeit demokra­tischer Institutionen kann ein solcher Diskurs unter be ­stimmten Rahmenbedingungen Resonanz finden; syste­matische wissenschaftliche Untersuchungen dazu liegen jedoch nicht vor. Repräsentativität durch Diversifizierung Dem öffentlich-rechtlichen Auftrag, sichan der Vielfalt der Interessen aller Hörer und Seher zu orientieren und sie ausgewogen zu berücksichtigen(§ 4 Abs. 2 ORF-Gesetz), versucht der ORF nicht nur inhaltlich, sondern auch struk ­turell zu entsprechen. Bereits 1967 führte dies zur Einrich ­tung eigenständiger regionaler Radioprogramme durch die neun Landesstudios, die bis heute als zentraler Pfeiler ei ­nes pluralen regionalen Angebots gelten(Beaufort/Toman ­cok 2024). Die spätere Regionalisierung des Fernsehens blieb hingegen auf das Vorabendprogramm beschränkt. Im Rahmen einer themen- und zielgruppenspezifi ­schen Diversifizierung wurde 1979 neben Ö1, Ö Regional (heute: Ö2) und dem jugendorientierten, im deutschspra ­chigen Raum innovativen Ö3 eine vierte Radiofrequenz ­eingerichtet: das teilweise englischsprachigeBlue Danube Radio, das später durch FM4 erfolgreich vor allem bei jüngeren Zielgruppen ersetzt wurde. Das seit 1955 ­aus­gestrahlte Kurzwellenprogramm für Hörer:innen im Ausland wurde nach 2010 schrittweise reduziert und 2024 ­eingestellt. 1997 startete der ORF mit Radio 1476 ein Informa­tions- und Experimentalprogramm, das Schüler:innen, 2 Die Frage lautete:Welche der folgenden Kanäle haben Sie innerhalb der letzten Woche verwendet, um online auf Nachrichten zuzugreifen? Die Anteilswerte beziehen sich auf häufige und gelegentliche Nutzung. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa Österreich 5