Politikinfo Agrarwende in Europa – Folgen für die Entwicklungsländer Der Nitrofen-Skandal zeigt, dass auch die ökologische Landwirtschaft nicht vor Krisen gefeit ist. Zum einen ist sie Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Der Ausbau der regulierenden und kontrollierenden Institutionen hat nicht mit den zweistelligen Wachstumsraten der Branche mithalten können. Zum anderen blieb das Wachstum der ökologischen Landwirtschaft an die Strukturen und Organisationen der konventionellen Landwirtschaft gebunden und teilt damit deren Skandalund Krisenanfälligkeit. Die Förderung der ökologischen Landwirtschaft ist Teil der„Agrarwende“, mit der die deutsche Bundesregierung auf die notorischen Lebensmittelkrisen der letzten Jahre – Stichwort: BSE – antwortete. Der Kern dieses nicht in allen Details ausformulierten Projekts ist: Die Landwirtschaft soll nicht mehr einseitig auf Produktions- und Produktivitätssteigerungen hin ausgerichtet sein, sondern verstärkt die Belange des Verbraucher-, Umwelt- und Tierschutzes berücksichtigen. Mit der Agrarwende realisierte die Politik, dass die immer wieder ausbrechenden Lebensmittelkrisen keine isolierten Skandale oder die Folge verbrecherischer Machenschaften sind, sondern ein systemisches Risiko der konventionellen chemisch-veterinären Landwirtschaft. Agrarwende und europäische Agrarpolitik Gegen die Politik der Agrarwende wird eingewandt, dass die Landwirtschaft wie keine andere Wirtschaftsbranche auf europäischer Ebene reguliert wird, dass mit Deutschland aber nur eins von 15 Ländern eine Wende für notwendig hält. Die Dynamik und die Krisen der europäischen Landwirtschaft verdanken sich nicht dem Wirken eines freien Marktes, sondern einer spezif ischen Form der Regulierung auf europäischer Ebene, die Produktions- und Produktivitätssteigerungen be lohnt, gleichzeitig aber die potentiellen Korrekturmechanismen des Marktes außer Kraft setzt. Ziel der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik ist die Garantie eines„angemessenen Einkommens“ für die Bauern. Dieses Ziel wird zum einen mit der Beschränkung und Verteuerung von Importen, zum andern mit der Garantie einkommenssichernder Produzentenpreise (von der Nachfrage unabhängige Interventionspreise) angestrebt. Die se Politik erzeugt systematisch Überschüsse, Butterberge und Milchseen, die zu hohen Kosten vernichtet, gelagert oder unter Einsatz von Subventionen auf Drittmärkte exportiert werden. Sie ist nicht nur von hohen Kosten begleitet, sondern in dreierlei Hinsicht auch für die Lebensmittelkrisen mit verantwortlich, denn erstens arbeiten die europäischen Agrarbetriebe unter Wettbewerbs- und Kostendruck, die zu ständigen, unter Umständen riskanten Produkt- und Prozessinnovationen(ein schließlich minderwertiger Materialmischungen) zwingen; zweitens haben die Konsumenten nur geringe Möglichkeiten, das Angebot durch Kaufentsche idungen zu beeinflussen; und drittens wird der Marktzugang von Agrarprodukten, die unter ökologisch günstigeren Umständen außerhalb der EU erzeugt wurden, behindert(Beispiel: argentin isches Rindfleisch). Eine Kombination aus Wettbewerbsbeschränkungen(Importquoten) und Wettbewerb ermöglicht es den europäischen Erzeugern – und zwingt sie dazu –, ihre„natürlichen“ Standortnachteile durch den Einsatz von Technik (unter anderem Chemie und Medikamenten) auszugle ichen. Einer Agrarwende kommt aber entgegen, dass die europäische Agrarpolitik selber auf Dauer nicht tragfähig ist und daher halbherzigen, in ihrer Summe aber sichtbaren Reformen unterzogen wurde. Erstens ist die europäische Agrarpolitik nicht mit der freihändlerischen Grundphilosophie der Europäischen Integration vereinbar. Die Agrarmärkte der Industrielä nder – vor allem der EU – sind die letzten großen Reservate des Protektionismus, und eine Politik, die die Entwicklungsländer zur Öffnung ihrer Märkte zu zwingen sucht, gleichzeitig aber einen riesigen Markt
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