FES Analyse: China Russland der Kündigung des ABM-Vertrages zustimmte. Dass auch das bilaterale Verhältnis keineswegs konfliktfrei ist, zeigt sich am deutlichsten in dem tiefen Misstrauen, mit dem die russische Regierung die massenhafte Migration aus dem stark bevölkerten Nordosten Chinas(ca. 105 Millionen Einwohner) in das ausgeblutete fernöstliche Sibirien(5 Millionen) verfolgt. Das legt den 11 Schluss nahe, dass die russische Entscheidung, mindestens eine der beiden geplanten Versorgungspipelines(Öl/Erdgas) aus Westsibirien gegen die Erwartungen Pekings nicht nach China, sondern in Richtung Japan zu verlegen, auch der Absicht entspringt, über das mit Japan vereinbarte Begleitpaket zur wirtschaftlichen Entwicklung Sibiriens ein Gegengewicht zu der chinesischen Expansion in der Region zu schaffen. Rollensuche im Zielkonflikt: China und die UNO Anders als„Multipolarität“, die klassische chinesische Antithese zu jeder Form von Hegemonie, haben die Begriffe Globalisierung, Interdependenz und Multilateralität erst seit Mitte der 90 Jahre Eingang in den politischen Wortschatz gefunden, und das nicht nur in der akademischen Debatte. Ihr Verlauf macht deutlich, wie sich der Kontext, in dem das Thema Globalisierung und ihre Folgen in China diskutiert wird, von einem zunächst ausschließlich ökonomisch begriffenen Phänomen schrittweise ausgeweitet und politische Antworten herausgefordert hat. Die Beobachtung der von der asiatischen Finanzkrise 1997/98 unter Chinas Nachbarn ausgelösten Kettenreaktion und die Erfahrung, ebenso wie andere Länder in erhöhtem Maße vielfältigen, zum Teil neuartigen transnationalen Gefahren(Seuchen, Drogenhandel, Cyber-Kriminalität, Verbreitung von Massenvernichtungswaffen bis hin zum internationalen Terrorismus) ausgesetzt zu sein, haben der Öffentlichkeit und der Politik dramatischer als je zuvor die eigene Verwundbarkeit und die mit der Globalisierung verbundenen wirtschaftlichen, aber auch sozialen, politischen und strategischen Risiken vor Augen geführt. Das hat die Globalisierungsdiskussion um den übergreifenden Aspekt der nationalen Sicherheit unter veränderten Bedingungen erweitert und gleichzeitig den Begriffen Interdependenz und Multilateralität in der Politik einen neuen Stellenwert gegeben:„As countries increase their interdependency and common ground on security“, so der damalige Staats- und Parteichef Jiang Zemin in einer Rede vom April 2002,„it has become difficult for any single country to realize its security objective by itself alone. Only by strengthening international cooperation can we effectively deal with the security challenge worldwide and realize universal and sustained security“(zitiert nach Xinhua vom 10.4.2002) Misst man diesen aufgeklärten Grundsatz an der politischen Praxis, sind die Widersprüche und Zielkonflikte nicht zu übersehen. Dennoch bestreiten auch die Kritiker nicht, dass sich in dem internationalen Normenverhalten der Volksrepublik ein erkennbarer Wandel vollzogen hat – und sei es auch nur deshalb, weil die chinesische Führung erkannt hat, dass die Doppelstrategie, als aktiver Teilhaber des Systems dessen Vorteile zu nutzen und gleichzeitig auf die Spielregeln Einfluss zu nehmen(im Sinne eines schwer bestimmbaren status quo plus), aus längerfristiger Perspektive der sicherste und gefahrloseste Weg zur Durchsetzung nationaler Interessen ist. Wenn China deshalb im Umgang mit internationalen Institutionen wie der UNO„selektive Multilateralität“(so der Titel einer Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik vom November 2003) angekreidet wird, beschreibt das an sich weniger einen China-spezifischen Tatbestand, sondern viel mehr das nationale Durchschnittsverhalten auf internationaler Ebene insgesamt. Vor zehn Jahren hat ein Beobachter der UNOSzene die Rolle der Volksrepublik in der Weltorganisation mit der einer„Group of One“ verglichen, die keine Freunde, sondern nur Interessen kenne. Daran gemessen hat die chinesische Diplomatie mit einigem Erfolg daran gearbeitet, das Image der Nuklearmacht mit ständigem Sitz im
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VR China - Großmacht mit Handicaps : Pekings Außenpolitik zwischen Gestaltungsanspruch und Risikobegrenzung
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