FES-Analyse: Iran 3 Die historische Dimension In kaum einem anderen Land ist die Diskrepanz zwischen der Tragweite dessen, was im Land vorgeht, und seiner Stellung im internationalen System sowie dem geringen Wissen über das Land in Politik, Medien und Öffentlichkeit so ausgeprägt wie im Falle Irans. Dass dies insbesondere in Bezug auf die politische Konstellation im Raum zwischen Afghanistan und Libanon/Palästina sowie auf die weitere Entwicklung der Atomfrage geradezu eine Fahrlässigkeit bedeutet, hat sich bereits mehrfach angedeutet und könnte sich künftig politisch bestätigen. Die von populistischen Medien verbreitete Einschätzung Irans als „Mullahstaat“ und seines jetzigen Präsidenten als den „Irren von Teheran“ lässt sich emotional und vor dem Hintergrund unserer eigenen Wertordnung und Geschichte vielleicht nachvollziehen. Sie entspricht jedoch nicht der Wirklichkeit eines Staatswesens, das aus einer wirkungsmächtigen Revolution hervorgegangen ist, die in ihrer langfristigen geschichtlichen Wirkung ebenso schwierig zu bewerten ist, wie es die Französische Revolution 27 Jahre nach ihrem Ausbruch war. Jeder Versuch, die Logik zu verstehen, die die Entwicklung im Inneren und das Verhalten der Führung nach außen bestimmt, muss dies – das war unter der Pahlavi-Dynastie nicht anders – in einer geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Perspektive tun. Der Besucher der Ruinen von Persepolis, einer der Hauptstädte des altpersischen Achämeniden-Reiches(559370 v. Chr.), macht zwei auffallende Beobachtungen: Noch immer stehen die rostenden Eisenstangen jener Zelte dort, in denen Schah Muhammad Reza Pahlavi 1971 das 2500-jährige Jubiläum der Begründung der iranischen Königstradition feiern ließ. Die andere Beobachtung gilt jenen zahllosen iranischen Jugendlichen – weiblichen wie männlichen – die tagtäglich aus dem ganzen Land nach Persepolis gebracht werden, um die Ruinen des alten Kaiserreichs zu besichtigen. Auch die islamische Revolution vermochte es also nicht, die Bedeutung der altiranischen Tradition in der Selbstidentifikation einer nachrevolutionären Jugend zu mindern. Dabei sind iranische Jugendliche unablässig einer Propaganda ausgesetzt, die den Islam zum konstitutiven Teil für Politik, Gesellschaft und Kultur Irans in der Gegenwart stilisiert. Eine dritte Beobachtung führt zu den Gräbern der großen persischen Dichter: des Epikers Ferdousi(934-1020), des Sängers der großen altpersischen mythischen und geschichtlichen Königstradition im nordostiranischen Tus, und der Spruchdichter und Lyriker Saadi(11841283) und Hafes(1326-1389). Auch an deren Gräbern in Schiraz reißen die Ströme der Menschen nicht ab, die die Gräber besuchen, berühren, an ihnen Verse rezitieren und damit auch persönliche Wünsche verbinden – viele von ihnen sind junge Paare. Dies zeigt an, dass die großen persischen Dichter im täglichen Leben der meisten Perser ebenso gegenwärtig und lebendig sind wie die Geschichte. Ein Verständnis Irans und der Iraner muss diese tiefe Verwurzelung im geschichtlich und kulturell Eigenen stets mitsehen. Auch den Islam, der mit der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert nach Iran gebracht wurde, haben sich die Iraner„angeeignet“. Dabei war die Art und Weise, in der der Islam„eingeführt“ wurde – verbunden mit einer militärischen Niederlage gegen Araber, für die viele Perser bis heute unverhohlene Missachtung hegen(das gilt mutatis mutandis auch für die Turkvölker in Zentralasien) – demütigend. Andererseits stieß die monotheistische Botschaft auf hohe Akzeptanz. Die alten Perser hatten die von Alexander dem Großen im vierten Jahrhundert v. Chr. ebenfalls nach einer demütigenden Eroberung ins Land gebrachte hellenische Kultur in einem jahrhundertelangen Prozess„iranisiert“. Nun geschah Ähnliches mit dem Islam und der aus ihm erwachsenen Kultur. Nicht nur leisteten Iraner einen unschätzbaren Beitrag zur Entfaltung der Wissenschaften in arabischer und persischer Sprache. Es entwickelte sich jedoch schon früh eine eigenständige iranische Ausprägung auf nahezu allen Gebieten der„islamischen“ Kultur, insbesondere auf den Gebieten der Dichtung, Malerei, Architektur und der dekorativen Kunst. Eine in der Wissenschaft häufig und kontrovers diskutierte Frage ist, ob die systematische Durchsetzung der schiitischen Richtung im Islam zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein letzter konsequenter Schritt war, um Iran dauerhaft eine eigenständige Identität im islamischen Kontext zu verleihen. Es lassen sich Verbindungslinien von Elementen des schiitisch-islamischen Glaubens, insbesondere der Verehrung der Abkömmlinge des Propheten Muhammad, der Imame, zu altiranischen Traditionen von Glauben und Herrschaft ziehen. Für die weitere historische Entwicklung
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Die widerspruchsvolle "Republik" - Iran auf dem Weg zu einer regionalen Vormacht?
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