Ernst Ulrich von Weizsäcker Soziale Demokratie und Fortschritt Soziale Demokratie und Fortschritt Von Ernst Ulrich von Weizsäcker Einleitung und Zusammenfassung Historiker haben sich immer wieder mit der Frage der Wahrnehmung des Fortschritts beschäftigt. Ich resümiere im Folgenden, was Berufenere zu dem Thema gesagt haben und erhebe hierbei keinerlei Anspruch auf Originalität oder auch nur auf Gültigkeit meiner Darstellungsweise. Meine eigene Erfahrung bezieht sich hauptsächlich auf die jüngste Geschichte nach 1970. Klar ist, dass die moderne Bewegung der Sozialen Demokratie im 19. Jahrhundert ein fast einhellig positives Verhältnis zum Fortschritt hatte. Sie empfanden sich geradezu als Bannerträger des Fortschritts gegenüber den„Konservativen“. Mit Fortschritt war insbesondere der soziale Fortschritt gemeint. Technischer Fortschritt wurde zwiespältig wahrgenommen. Soweit er die Waren des täglichen Bedarfs billiger verfügbar machte, fand er Zustimmung. Aber die Arbeitsbedingungen in den Fabriken, die Symbole des technischen Fortschritts waren, waren so deprimierend, dass es auch weit verbreitete Technik-Gegnerschaft in der Arbeiterklasse gab. Kern des sozialen Fortschritts waren die heute noch geltenden Grundwerte der Sozialdemokratie: Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es der politisch konservativen Seite zunehmend, im Bündnis mit der Wirtschaft und der wissenschaftlichen Ökonomie, den Fortschrittsbegriff auf den technischen Fortschritt einzuengen, unter der stillschweigenden Annahme, dass technischer Fortschritt allen zu Gute komme. In der Mangelsituation der Nachkriegszeit war diese Annahme gar nicht falsch. Daraus erklärt sich gewiss auch die breite Bevölkerungszustimmung zur „Wirtschaftswunder-CDU“ in jener Zeit. Als dann aber eine gewisse Sättigung auf den Gütermärkten erreicht war, verschob sich der technische Fortschritt zunehmend auf das Wegrationalisieren von Arbeit sowie auf die Befriedigung von Luxuswünschen. Beides konnte den Vertretern der Arbeit und damit der Mehrheit der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten nicht gefallen. Es entstand alsbald eine neue Frontlinie, bei welcher insbesondere die Gewerkschaften, die das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen bremsen wollten, in die Ecke der Fortschrittsverhinderer gedrängt wurden. www.fes-online-akademie.de Seite 1 von 9
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