internationale Geber als akzeptierter Ansprechpartner dienen würde, scheint vom Tisch. Karzai hat sich nie für die Schaffung dieses Postens, welcher seine Macht schmälern würde, erwärmen können und die Debatte ausgesessen. Die Chancen und Risiken einer Loya Jirga Von vielen Seiten wird ein breiter Konsultationsprozess gefordert, der über die weitere Entwicklung Afghanistans und das geeignetste politische System berät. Nach seiner Vereidigung sprach sich auch Karzai für eine Loya Jirga zur Versöhnung mit den Aufständischen im Land aus, ohne auf Details einzugehen. Die Verfassung sieht das Instrument einer großen Ratsversammlung, Loya Jirga, als „höchste Manifestation des Willens des afghanischen Volkes“ vor. Ein grundlegendes Problem der afghanischen Regierungsform besteht darin, dass der Präsident weitreichende Machtbefugnisse hat. So ernennt er z.B. nicht nur die Minister(die allerdings vom Parlament bestätigt werden müssen) sondern auch die Gouverneure und Wahlkommissare. Es könnte die Chance bestehen, durch eine verfassungsgemäße Loya Jirga wichtige Änderungen der Verfassung anzustoßen. Abdullahs im Wahlkampf verkündeten Ziele könnten dabei Agendapunkte sein: Von einer präsidialen zu einer parlamentarischen Demokratie zu wechseln, die Befugnisse der Zentralregierung einzuschränken(insbesondere im Hinblick auf die Besetzung von Regierungsposten auf Provinz- und Distriktebene) und das einfache, nicht-übertragbare Stimmrecht (single, non transferable vote) durch eine Mischung aus Mehrheits- und Verhältniswahlrecht zu ersetzen. So wünschenswert einige dieser Reformen sein mögen, die Regierung Karzai wird an ihrer Machteinschränkung wenig Interesse haben. Und es gibt eine weitere Hürde: In einer verfassungsgemäßen Loya Jirga sitzen neben den Vertreter des Unter- und Oberhauses auch die Vorsitzenden der Provinzräte und der Distrikträte letztere sind noch nicht gewählt worden. Hinzu kommt die Gefahr, dass die Verfassung weit geöffnet würde- für alle Arten von Änderungen und dies in einem langwierigen Prozess. Kritiker einer verfassungsgemäßen Loya Jirga unterstreichen daher, dass viele wichtige Gesetzesänderungen auch ohne dieses Gremium vollzogen werden können. Doch viele Gesetzesnovellierungen stecken fest, so z.B. das Wahlgesetz, das Statut der Wahlbeobachtungskommission und das Parteiengesetz. Die Novellierung des Wahlgesetzes von 2005 hängt im Parlament fest. Die strittigen Punkte sind die Anzahl der Sitze für die Kuchi, ein Normadenvolk, und die Verteilung der Wahlzentren. Viele internationale Beobachter betrachten die im Entwurf enthaltene“Afghanisierung” der ECC( Electoral Complaints Commission) , also die Abschaffung der internationalen Kommissare in diesem Gremium, mit großer Sorge. Wenn ein breit angelegter Diskurs innerhalb der Verfassung nicht möglich ist, muss überlegt werden, wie dieser außerhalb der Verfassung gewährleistet werden kann. Solch ein Vorgehen könnte sich an den Loya Jirgas von 2002 und 2003 orientieren und erfordert einen langen vorausgehenden Konsultationsprozess auf lokaler Ebene. Einem außerverfassungsgemäßen Prozedere ist jedoch entgegenzuhalten, dass ein auf Jirgas und Shuras aufbauender Prozess die gewählten Organe Parlament und Provinzräte weiter marginalisieren würde. Und wieder ein Wahljahr: 2010- Parlament und Distrikte? 2010 soll es Parlamentswahlen geben. Derzeit ist das Datum ungeklärt, laut Gesetz sollen sie im Mai 2010 stattfinden. Viele Beobachter bezweifeln, dass dieser zeitliche Rahmen eingehalten werden kann, ein Datum im Herbst gilt als wahrscheinlicher. Klarheit über den zeitlichen Rahmen und ein baldmöglichster Beginn der Vorbereitung der Wahlen sind unabdingbar. Da 2009 alle Akteure mit den Präsidentschafts- und Provinzratswahlen beschäftigt waren, gibt es bisher nur eine minimale Vorbereitung, die Geberbereitschaft ist nach den Wahlen 2009 gering. Ob sich Struktur und Wahrnehmung der IEC im kommenden Jahr ändern werden, ist mehr als fraglich. Wichtig ist es jetzt, darauf zu achten, dass bei der IEC ein massiver Aufbau von - 5-
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Ein Wahldebakel und seine Konsequenzen : Afghanistan zu Beginn der zweiten Amtszeit Kazal
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