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Afghanistan - den Frieden verhandeln : Bericht der Internationalen Task Force für Afghanistan im Auftrag der Century Foundation
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LAKHDAR BRAHIMI UND THOMAS R. PICKERING| AFGHANISTAN DEN FRIEDEN VERHANDELN Bericht der Task Force Kapitel 1 Welches Ende ist in Sicht? In Afghanistan herrscht seit über 30 Jahren Krieg und die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung sehnt sich nach Frieden. Während die Verantwortung der Afgha­nen hauptsächlich darin besteht, ihre politischen Ziele nicht länger mit Mitteln der Gewalt durchzusetzen, un­terstreicht die Präsenz großer Truppenkontingente der USA und der NATO, einer UN-Hilfsmission sowie die von zahlreichen Ländern finanzierten Wiederaufbaupro ­gramme die internationale Dimension des Konflikts. Auf der Suche nach einer politischen Lösung zur Beendigung des chronischen Unfriedens muss sich die internationale Gemeinschaft nun mit vereinten Kräften ins Zeug legen. Die Konflikte, die dieses einst friedliche Land erschütter ­ten, entsprangen zwar im Inneren, waren jedoch bald mit weiträumigeren strategischen Interessen verfloch ­ten. Zuerst war es der Kalte Krieg mit der sowjetischen Militärintervention und dem daraus folgenden Auf­stand, der von den Vereinigten Staaten, Saudi Arabien und Pakistan sowie vom Iran und anderen unterstützt wurde. Nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen und damit auch dem Ausbleiben des amerikanischen Nachschubs wurde Pakistan zur einflussreichsten Kraft in Afghanistan zunächst durch die Unterstützung der Mudschaheddin-Gruppen und später der Taliban. Die­se hatten ein rivalisierendes, durch andere Staaten der Region aktiv unterstütztes Bündnis von Milizführern weitgehend besiegt, als die mörderischen Angriffe des 11. September die Situation dramatisch veränderten. Mit zunehmender Bindung an Al-Qaida traf das Taliban­Regime auf immer stärkeren Widerstand der internatio­nalen Gemeinschaft von Nichtanerkennung über Sank­tionen bis hin zur amerikanischen Intervention, durch die es nach den Angriffen von Al-Qaida am 11. September zu Fall gebracht wurde. Seit fast einem Jahrzehnt un­terstützt nun die internationale Staatengemeinschaft Afghanistans politischen, sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbau und widersetzt sich der Rückkehr der Ta­liban an die Macht in Kabul. Die internationale Unterstützung und das Engagement der Afghanen bei der Entwicklung ihres Landes haben die noch immer instabilen politischen und administrati­ven Institutionen der gegenwärtigen islamischen Repu­blik gestärkt. Andererseits macht das Wiederaufleben der Taliban in weiten Teilen des Landes deutlich, dass sie in der afghanischen Gesellschaft zweifellos eine Macht darstellen, deren Ausschluss sehr hohe Kosten zur Folge hätte. Auch wenn sich die Lage der afghanischen Bevöl­kerung in den letzten zehn Jahren verbessert hat, wartet die Mehrheit ungeduldig darauf, dass die streitenden Parteien endlich über ein Ende des Krieges verhandeln. Nach über zwanzig Jahren Bürgerkrieg, in dem keine Partei einen entscheidenden und dauerhaften Sieg er­ringen konnte, und nach fast zehnjähriger militärischer Intervention der USA und der NATO steht Afghanistan erneut an einem Scheideweg. Frieden in Afghanistan ist möglich, wenn die Afghanen aller Seiten ihre tiefen Meinungsverschiedenheiten über­winden können, wenn die internationale Gemeinschaft Stärke und Geschlossenheit zeigt und alle Beteiligten be­reit sind, aus den Fehlern und Fehlschlägen der vergan­genen zehn Jahre zu lernen. Wir haben erlebt, wie die Geschlossenheit der internationalen Gemeinschaft aus­weglose Konflikte erst begrenzt und dann gelöst hat: in Kambodscha, El Salvador, Mosambik und im ehemaligen Jugoslawien um nur einige zu nennen. In manchen Fäl­len musste die internationale Gemeinschaft sich langfristig engagieren, um den Frieden zu sichern, wie in Bosnien­Herzegowina; in anderen Fällen ist die demokratische Ent ­wicklung enttäuschend. Doch in all diesen Ländern sind die Kriege beendet und niemand möchte sie fortsetzen. Sowohl für Afghanistan als auch für die internationale Gemeinschaft kann 2011 das Jahr werden, in dem Ver­bündete und Gegner den strategischen Schluss ziehen, dass dieser Krieg mit einem Friedenskompromiss enden und daher mit entsprechenden ernsthaften Verhandlun­gen begonnen werden muss. Das drohende Patt Obwohl im vergangenen Jahr verstärkt über Friedensver­handlungen diskutiert wurde, ist der Krieg hinsichtlich seiner Intensität und der Zahl der Toten und Verwunde­ten eskaliert. Um ihre Strategie der Aufstandsbekämp­fung gründlich zu erproben und die Machtkonsolidie­rung der Taliban in weiten Teilen Südafghanistans zu behindern, haben amerikanische Befehlshaber die Trup­penverstärkung zu umfangreichen Offensiven in Marja 15