Ausgabe 03/06 28.04.06 Friedrich-Ebert-Stiftung, Fokus Südafrika BÜRO SÜDAFRIKA Publikation für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Südafrika FOKUS SÜDAFRIKA Mehr Wachstum und Gerechtigkeit? Die neue wirtschaftspolitische Initiative Accelerated and Shared Growth Initiative for South Africa(ASGISA) Südafrikas Wirtschaftswachstum der letzten Jahre hat nicht dazu geführt, dass Arbeitslosigkeit oder die dramatische Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen reduziert werden konnten. In seiner Rede zur Lage der Nation stellte Präsident Thabo Mbeki am 3. Februar 2006 die Accelerated and Shared Growth Initiative for South Africa(ASGISA) vor, die zum Ziel hat, wirtschaftliches Wachstum zu fördern und dieses gerechter als zuvor zu verteilen. Kann die Initiative 12 Jahre nach dem Ende der Apartheid diese hohen Erwartungen erfüllen? Wirtschaftswachstum und Verteilungs(un)gerechtigkeit „Betrachten wir zwei Kinder, die am selben Tag des Jahres 2000 in Südafrika geboren wurden: Nthabiseng ist schwarz, ihre arme Familie lebt in einer ländlichen Gegend des Landes. Pieter dagegen ist weiß, er wächst in einer wohlhabenden Familie in Kapstadt auf.(...) Die Wahrscheinlichkeit, dass Nthabiseng innerhalb der ersten drei Lebensjahre stirbt, liegt bei 7,2 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie die Pieters(3 Prozent). Während Pieter davon ausgehen kann, etwa 68 Jahre alt zu werden, sind es bei Nthabiseng gerade einmal 50 Jahre. Pieter wird außerdem 12 Jahre lang zur Schule gehen können, während Nthabiseng auf weniger als ein Jahr kommen wird.[ 1 ] Während ihres gesamten Lebens wird Nthabiseng darüber hinaus deutlich ärmer sein als Pieter.” Mit dieser bedrückenden Illustration beginnt der diesjährige Weltentwicklungsbericht der Weltbank zum Thema„Gerechtigkeit und Entwicklung”. Südafrika ist noch immer ein Paradebeispiel für die extrem ungleiche Verteilung von Vermögen, Einkommen und damit auch Lebenschancen. Unter den Ländern mit einer Einwohnerzahl von über 10 Millionen liegt der Kap-Staat in der Negativ-Hitparade der Ungleichverteilung von Vermögen nur knapp hinter Brasilien auf Platz zwei. Der Gini-Koeffizient von 0,68 als Maß für die Ungleichverteilung von Konsumausgaben bedeutet, dass die vermögendsten 10 Prozent der Bevölkerung des Landes ein etwa 70fach höheres Konsumniveau genießen als die ärmsten 10 Prozent der Bevölkerung. Ohne Zweifel ist dies gegenwärtig das drängendste Problem des Landes. Ebenso wie die extreme Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen war auch das niedrige Wirtschaftswachstum ein Erbe der Apartheid. Mit ihrer investorenfreundlichen Stabilisierungspolitik konnten die Regierungen Nelson Mandela und Thabo Mbeki in diesem Bereich in den letzten Jahren jedoch deutliche Fortschritte erzielen. Betrug das Wirtschaftswachstum in der Dekade vor 1994 durchschnittlich etwa ein Prozent pro Jahr, so wurde von 1994 bis 2004 ein durchschnittliches Wachstum von etwa drei Prozent erreicht. In den Jahren 2004 sowie 2005 überstieg die Quote sogar die vier Prozent-Marke. Mehr Wachstum und Gerechtigkeit? Angesichts des noch immer hohen Bevölkerungsanteils, der unter Arbeitslosigkeit(offiziell sind 26 Prozent der Bevölkerung arbeitslos, unter Einbeziehung der nicht mehr aktiv Arbeitsuchenden liegt die Quote jedoch bei etwa 40 Prozent) und Armut(nach den Daten des Jahres 2000 mussten 34,1 Prozent der Bevölkerung mit weniger als dem Gegenwert von zwei US-Dollar pro Tag auskommen) leidet sowie der weiterhin dramatischen Ungleichheit reichen diese bescheidenen Erfolge jedoch bei weitem nicht aus. Dessen ist sich auch Präsident Mbeki( African National Congress – ANC) bewusst. Er hat daher im Februar eine neue wirtschaftspolitische Initiative vorgestellt, die zur schnelleren Lösung beider Probleme beitragen soll. Die Ziele dieser Initiative mit dem etwas sperrigen Titel Accelerated and Shared Growth Initiative for South Africa(ASGISA) sind: • Eine höhere durchschnittliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts(BIP) von mindestens 4,5 Prozent zwischen 2005 und 2009 sowie mindestens 6 Prozent zwischen 2010 und 2014; • Die Reduzierung von Armut und Arbeitslosigkeit um die Hälfte bis zum Jahr 2014. Die Reduzierung von Armut und Arbeitslosigkeit soll erreicht werden, indem zunächst die Bedingungen für ein stärkeres Wirtschaftswachstum geschaffen werden. Dieses soll vor allem in Sektoren stattfinden, in denen möglichst viele Arbeitsplätze geschaffen werden können. Das Drittel der südafrikanischen Haushalte, das nach Angaben der Regierung bislang nicht von den ökonomischen Erfolgen des Landes profitieren kann, soll dadurch ebenfalls in die„Mainstream Ökonomie” integriert werden – frei nach der Devise: wirtschaftliche Annäherung durch stärkeres Wirtschaftswachstum. Der Weg zu ASGISA Im Juli 2005 beauftragte Präsident Thabo Mbeki die Vize-Präsidentin Phumzile Mlambo-Ngcuka, eine Strategie für eine neue wirtschaftspolitische Initiative zu erarbeiten. Der von ihr geführten ASIGSA Task Force gehörten verschiedene Minister sowie Vertreter der Provinz- und der lokalen Regierungsebene an. Viele Ministerien wurden in die Erstellung miteinbezogen. Darüber hinaus fanden zahlreiche Konsultationen mit Vertretern der Privatwirtschaft sowie mit dem südafrikanischen 2 Friedrich-Ebert-Stiftung, FOKUS SÜDAFRIKA 03/2006 Gewerkschaftsdachverband Congress of South African Trade Unions(COSATU) statt. Mit der South African Communist Party(SACP) wurde der dritte Partner der Allianz von ANC, COSATU und SACP jedoch nicht an den Diskussionen beteiligt, auch zivilgesellschaftliche Gruppen wurden nicht konsultiert. Dagegen wurde ein hochrangiges Panel von US-amerikanischen und britischen Ökonomen eingerichtet, die der ASGISA Task Force bei der Erarbeitung sowie der Umsetzung von ASGISA beratend zur Seite standen und stehen. Phumzile Mlambo-Ngcuka Quelle: Presidency of South Africa In seinen Ursprüngen beruht ASGISA auf den Vereinbarungen des Wachstums- und Entwicklungsgipfels von 2003. Dort diskutierte die Regierung mit Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Gruppen wie Gewerkschaften, Privatwirtschaft, Frauen und Jugend über Strategien für ein stärkeres Wirtschafswachstum sowie mehr Arbeitsplätze. Zahlreiche Anregungen stammen außerdem aus der Diskussion, die seit etwa zwei Jahren in Regierungskreisen über die Definition eines so genannten„Developmental State” in Südafrika geführt werden. Ein„Developmental State” nach dem Modell Mehr Wachstum und Gerechtigkeit? der ostasiatischen„Tigerstaaten” beruht auf einer starken und kompetenten Bürokratie, die durch die gezielte Setzung von Anreizen, gezielte Eingriffe in Marktabläufe und zeitlich begrenzte protektionistische Maßnahmen eine strategische Industriepolitik durchsetzt. Eine dritte Quelle, aus der einzelne Bestandteile von ASGISA stammen, sind die Diskussionen im Industrie- und Handelsministerium über eine neue industriepolitische Strategie. Auch wenn ASGISA vermutlich bereits einige Komponenten dieser seit langer Zeit erwarteten Strategie enthält, beispielsweise die Erarbeitung von Sektorinvestitionsstrategien, ersetzt sie diese nicht. Problemanalyse und Interventionsansätze Was ist ASGISA und was beinhaltet sie? Schon bei der Vorstellung der Initiative legten Präsident Mbeki sowie die zuständige Vize-Präsidentin großen Wert darauf, dass mit ASGISA keine übertriebenen Erwartungen verknüpft werden. Beide stellten zunächst klar, was ASGISA nicht ist:“ASGISA ist keine neue politische Strategie, sie ersetzt auch nicht die Wachstums-, Beschäftigungs- und Umverteilungsstrategie(GEAR) und sie ist keine industriepolitische Strategie”, erklärte Mlambo-Ngcuka am 6. Februar bei der Vorstellung von ASGISA im Parlament.„Mit ASGISA verfolgen wir [die Regierung] nicht die Absicht, alle Bereiche eines umfassenden Entwicklungsplanes abzudecken”, so Präsident Mbeki am 3. Februar in seiner Rede zur Lage der Nation vor dem Parlament.“ Der Präsident konkretisierte, dass die Initiative vielmehr aus„einer begrenzten Anzahl von Interventionen” bestehe,„die als Katalysatoren für beschleunigtes und geteiltes Wachstum sowie Entwicklung wirken sollen.” Dieser Logik entsprechend wurde zur Entwicklung von ASGISA zunächst eine wachstumsdiagnostische Analyse durchgeführt: Was sind die Faktoren, die ein stärkeres Wirtschaftswachstum in Südafrika bislang verhindern? • Währung: Trotz deutlicher Verbesserungen in den letzten Jahren wird der südafrikanische Rand als noch immer zu volatil für Investoren sowie als gegenwärtig überbewertet angesehen; • Logistik: Die Nutzungskosten des nationalen Logistiksystems sind hoch, die Effizienz gering und die Kapazitäten sind begrenzt. Dies macht sich in einem 3 Friedrich-Ebert-Stiftung, FOKUS SÜDAFRIKA 03/2006 Land mit großen Distanzen und in großer Entfernung zu Import- und Exportmärkten in den Bereichen Transport und Kommunikation besonders bemerkbar. • Fachkräfte: Eines der schwerwiegendsten Vermächtnisse des Apartheidsystems ist das diskriminierende und minderwertige Bildungs- und Ausbildungssystem für die Mehrheit der Bevölkerung. Der südafrikanischen Wirtschaft fehlen daher in vielen Bereichen gut ausgebildete und erfahrene Fachkräfte. • Investitionen: Noch immer bestehen hohe Eintrittsbarrieren sowie Wettbewerbseinschränkungen für Investoren. Zudem sind die Möglichkeiten für neue Investitionen begrenzt. • Aufsichts- und Genehmigungsauflagen: Die gegenwärtigen Aufsichts- und Genehmigungsauflagen sind zu umfassend und nicht aufeinander abgestimmt und stellen vor allem für kleine und mittlere Unternehmen eine große Belastung dar. • Öffentliche Verwaltung: In der öffentlichen Verwaltung existieren Mängel in den Bereichen Kapazitäten und Koordination, die wirtschaftliches Wachstum behindern. Darüber hinaus werden Entscheidungen bei der Entwicklung und Umsetzung politischer Programme oft hinausgezögert. Nachdem diese Barrieren für ein stärkeres Wirtschaftswachstum identifiziert waren, wurde nach Interventionsansätzen gesucht, mit denen diese behoben werden können. Diese Interventionsansätze bilden den Kern von ASGISA. Sie bestehen aus: • Infrastrukturprogrammen; • Sektorinvestitionsstrategien; • Fachkräfte- und Ausbildungsinitiativen; • Interventionen in der„zweiten Ökonomie”; • Makroökonomischen Interventionen; • Reformen in der Öffentlichen Verwaltung. a) Infrastrukturprogramme Der öffentliche Investitionshaushalt wird mit 370 Milliarden Rand(etwa 50 Milliarden Euro) über drei Jahre bis März 2008 deutlich erhöht. Etwa 40 Prozent davon sollen von den staatlichen Unternehmen Eskom(Elektrizität) sowie Transnet(Bahnverkehr) zur Instandsetzung und Ausweitung der jeweiligen InfraMehr Wachstum und Gerechtigkeit? struktur ausgegeben werden. Weitere öffentliche Investitionen sollen in den Ausbau des Straßensystems, vor allem in unterversorgten Gegenden, sowie in das Wasser- und Abwassersystem, in den Bereich Häuserbau und in den Bildungs- und Gesundheitsbereich fließen. Außerdem sind Ausgaben zur Verringerung von Telekommunikations- und Internetkosten sowie für den Ausbau der Infrastruktur für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 vorgesehen. b) Sektorinvestitionsstrategien Während im Industrie- und Handelsministerium an einer umfassenden industriepolitischen Strategie gearbeitet wird, sollen im Rahmen von ASGISA Sektorinvestitionsstrategien vorbereitet werden, die der Privatwirtschaft Anreize für zusätzliche Investitionen bieten. Zwei Sektoren gilt hierbei besondere Aufmerksamkeit: dem Auslagern von Unternehmensprozessen, dem sogenannten Business Process Outsourcing(BPO), sowie dem Tourismus. Während der Tourismussektor Südafrikas schon seit mehreren Jahren ein wichtiger Devisenbringer ist, ist BPO ein für Afrika neuer Bereich. Asiatische Länder, allen voran Indien, haben sich mit der kostengünstigen Übernahme der Buchhaltung oder der Erstellung von Zahlungsforderungen von Unternehmen oder Behörden aus Hochlohnländern sowie der Einrichtung von Call Centres eine ergiebige Devisenquelle erschlossen. Auch wenn bis jetzt erst etwa 5000 Jobs in diesem Bereich in Südafrika existieren, geht die Regierung davon aus, dass bis zum Jahr 2009 etwa 100.000 zusätzliche direkte und indirekte Jobs entstehen könnten. Beiden Sektoren ist gemein, dass sie weltweit wachsend und sehr arbeitsintensiv sind. Darüber hinaus lassen sich in beiden Bereichen Black Economic Empowerment(BEE), also die besondere Förderung und stärkere wirtschaftliche Beteiligung vormals benachteiligter Bevölkerungsgruppen, sowie die Förderung von kleinen Unternehmen vergleichsweise leicht umsetzen. Abgesehen von BPO und Tourismus wurden weitere Sektoren identifiziert, die zukünftig stärker gefördert werden sollen: Biokraftstoffe, Chemikalien, Metallverarbeitung, Kreative Industrien(Kunsthandwerk, Film und Fernsehen, Musik), Bekleidung und Textil sowie langlebige Gebrauchsgüter. 4 Friedrich-Ebert-Stiftung, FOKUS SÜDAFRIKA 03/2006 c) Fachkräfte- und Ausbildungsinitiativen Dieser Bereich ist von besonderer Bedeutung für ASGISA, wie die Vize-Präsidentin und ASGISA-Beauftragte Mlambo-Ngcuka betonte:„Wenn wir im Bereich human resources und der Entwicklung von Fachwissen versagen, wird ASGISA ein Fehlschlag.” Neben mittelfristig wirksamen Maßnahmen, um die Schulausbildung insbesondere in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften zu stärken, liegt der Schwerpunkt auf kurzfristig wirksamen Initiativen. Zur Behebung des akuten Mangels an Ingenieuren, erfahrenen Managern und Technikern wurde die Joint Initiative for Priority Skills Acquisition(JIPSA) ins Leben gerufen. Ein Team aus Ministern, führenden Vertretern der Privatwirtschaft, Gewerkschaften und Bildungsund Ausbildungsexperten soll für zunächst 18 Monate die Schwächen des gegenwärtigen Bildungs- und Ausbildungssystems benennen und aktuell dringend benötigte Fachkenntnisse identifizieren sowie kurzfristige Strategien zur Befriedigung dieses Bedarfs entwickeln. Neben speziellen Trainingsprogrammen beinhaltet dies den Versuch der Repatriierung von im Ausland lebenden Südafrikaner sowie die Anwerbung hoch qualifizierter Ausländer. d) Interventionen in der„zweiten Ökonomie” Die sogenannte„zweite Ökonomie” beinhaltet die meist informellen ökonomischen Aktivitäten der armen Bevölkerung Südafrikas, deren Ursprung in der systematischen Diskriminierung zu Apartheidzeiten liegt. Die deutliche Erhöhung der öffentlichen Investitionen – insbesondere des Erweiterten Öffentlichen Beschäftigungsprogramms( Extended Public Works Programme) – soll so gestaltet werden, dass kleine Firmen und vormals benachteiligte Bevölkerungsgruppen in besonderem Maße davon profitieren. Spezielle Maßnahmen sind für Frauen und Jugendliche vorgesehen, darunter vor allem der Zugang zu Mikrokrediten, Unterstützung bei der Führung von Kleinunternehmen sowie Weiterbildungen. Zudem sollen die Aufsichts- und Genehmigungsauflagen, die sich auf kleine und mittelgroße Unternehmen beziehen, überarbeitet werden. Alle Sektorinvestitionsstrategien sollen darüber hinaus Bestandteile enthalten, die speziell auf die Bedürfnisse der „zweiten Ökonomie” ausgerichtet sind. Mehr Wachstum und Gerechtigkeit? e) Makroökonomische Interventionen Die Volatilität des südafrikanischen Rand soll reduziert sowie eine koordinierte Fiskal- und Monetärpolitik praktiziert werden, die innerhalb des Inflationskorridors Wirtschaftswachstum unterstützt. Zudem sollen die Haushaltsplanung und das Ausgabenmanagement verbessert werden. f) Reformen in der Öffentlichen Verwaltung Die gravierenden Mängel der öffentlichen Verwaltung auf lokaler Ebene werden bereits durch existierende Regierungsprogramme adressiert(beispielsweise Project Consolidate). Im Rahmen von ASGISA soll die Arbeit der staatlichen Entwicklungsfinanzierungseinrichtungen überprüft und gegebenenfalls angepasst werden. Für Investoren soll eine zentrale Anlaufstelle für Verwaltungsabläufe eingerichtet werden. Eine weitere Neuerung ist die Einführung eines Analysesystems für die Auswirkungen von Regulierungen( Regulatory Impact Analysis – RIA). Nach britischem Vorbild sollen damit unbeabsichtigte negative Auswirkungen von neuen Gesetzen und Verordnungen für Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen verhindert werden. Auch das System für die Planung und Verwaltung der Landnutzung soll überprüft und verbessert werden. Die Umsetzung von ASGISA soll regelmäßig durch das ASGISA Task Team sowie durch das parlamentarische Komitee für Investitionen und Beschäftigung und den Expertenpanel ausländischer Ökonomen evaluiert werden, um gegebenenfalls Anpassungen vornehmen zu können. Kritische Unterstützung: Reaktionen zu ASGISA In der Entwicklung von ASGISA wurden außerhalb des Regierungsapparates nur Vertreter der Privatwirtschaft sowie des Gewerkschaftsdachverbandes COSATU einbezogen. Privatwirtschaftliche Akteure reagierten vorwiegend positiv auf die Initiative, zeigten sich aber skeptisch, was die Kapazitäten der Regierung zur Umsetzung angeht. COSATU unterstützt ASGISA im Grundsatz, fordert aber eine umfassendere und langfris5 Friedrich-Ebert-Stiftung, FOKUS SÜDAFRIKA 03/2006 tigere wirtschaftspolitische Strategie. In einer detaillierten und kritischen Stellungnahme zu ASGISA kommt der Gewerkschaftsdachverband zu der Schlussfolgerung, dass„die einzelnen Bestandteile von ASGISA insgesamt nicht ausreichen, um die erwünschte Transformation der Wirtschaft zu erreichen.” Um die bestehende Armut und Ungleichheit wirkungsvoll angehen zu können, müsse der Staat erheblich stärker intervenieren als in ASGISA vorgesehen. Der zweite Allianzpartner SACP begrüßte ASGISA und betrachtet die darin vorgesehene stärker intervenierende Rolle des Staates als willkommene Abkehr von der vorherigen als neoliberal empfundenen Wirtschaftspolitik. Kritisch wird gesehen, dass Wachstum eindeutig im Vordergrund steht und dass HIV/AIDS nicht als wachstumshemmender Faktor berücksichtigt wurde. Die größte Oppositionspartei Democratic Alliance(DA) reagierte grundsätzlich positiv, stellte jedoch die vorgesehene stärkere Rolle des Staates in Frage. Wenn auch die einzelnen Akteure ihre jeweiligen Kritikpunkte an ASGISA haben, so wird die Initiative dennoch grundsätzlich unterstützt. Eine stärkere Akzeptanz wird davon abhängen, ob es der Regierung gelingt, die ersten Maßnahmen der Initiative zügig und erfolgreich umzusetzen. ASGISA als Schritt auf dem Weg zu einem„Developmental State” Als Bündel einzelner wirtschaftspolitischer Maßnahmen ist ASGISA keine neue wirtschaftspolitische Strategie und auch nicht die lange erwartete industriepolitische Strategie. Die Initiative ist daher kein Paradigmenwechsel, deutet aber dennoch eine Verschiebung der Akzente in der Wirtschaftspolitik Südafrikas an. Zwar wird Wirtschaftswachstum nach wie vor als Königsweg zur Armutsbekämpfung gesehen, doch wird diese Politik vorsichtig durch strategische Interventionen von staatlicher Seite ergänzt. ASGISA kann somit als ein Schritt auf dem Weg Südafrikas zu einem„Developmental State” gesehen werden. Die genaue Ausgestaltung dessen wird sich jedoch erst in der neuen industriepolitische Strategie zeigen, die Ende des Jahres vorgelegt werden soll. Die Aussichten von ASGISA, zu mehr Wachstum und Gerechtigkeit beitragen zu können, müssen in diesem Kontext beurteilt werden. Die Mehr Wachstum und Gerechtigkeit? Initiative setzt Akzente und beinhaltet einzelne wichtige Maßnahmen, die das Wirtschaftswachstum fördern können. Für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum das mehr Arbeitsplätze schafft, den Armen stärker zugute kommt und damit die strukturellen Ungerechtigkeiten Südafrikas schrittweise beseitigt, ist jedoch eine umfassendere Strategie notwendig. Auch die Bezüge zu BEE müssten darin deutlicher herausgearbeitet werden, als dies in ASGISA der Fall ist. ASGISA allein wird nicht dafür sorgen, dass die Generationen nach Nthabiseng und Pieter im neuen Südafrika gleiche Lebenschancen haben werden. Anmerkungen 1 Dieser von der Weltbank verwendete Wert setzt sich aus disaggregierten Daten des Jahres 2000 zusammen, die folgende Faktoren berücksichtigen: Provinz, Geschlecht, Bevölkerungsgruppe, ländlicher oder städtischer Wohnort, Konsumausgaben und Bildungsniveau der Mutter. Aufgrund starker Investitionen im ländlichen Bildungssektor stimmt diese Projektion nicht mehr mit der gegenwärtigen Situation überein. Deutliche Ungleichheiten bestehen aber nach wie vor. Vorherige Ausgaben Fokus Südafrika 01/2006 Südafrika 2006- Zur Lage der Nation, 28.02.2006 Fokus Südafrika 02/2006 Kommunalwahlen in Südafrika, 21.03.2006 Nächste Ausgabe Fokus Südafrika 04/06 „And the Oscar goes to... Tsotsi!“- Durchbruch des südafrikanischen Films? 6 Friedrich-Ebert-Stiftung, FOKUS SÜDAFRIKA 03/2006 Mehr Wachstum und Gerechtigkeit? „There are always trade-offs[between accelerating and sharing], but here we know that faster growth is required to meet our social objectives and, as we meet our povertyreduction targets, markets will expand and growth will be enhanced. We know from the experience of other countries that reducing extreme inequalities has a long-term positive effect on economic growth. Properly managed these two thrusts can be mutually reinforcing. We aim to make it so.” Deputy President Phumzile Mlambo-Ngcuka Quelle: Presidency of South Africa Impressum FOKUS SÜDAFRIKA erscheint in loser Reihenfolge und wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung Büro Südafrika herausgegeben und redaktionell gestaltet. Im Rahmen ihres Arbeitsschwerpunktes Entwicklungszusammenarbeit unterstützt die Friedrich-Ebert-Stiftung von Johannesburg aus den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Transformationsprozess in Südafrika mit dem Ziel, Demokratie und soziale Gerechtigkeit im größten Land des südlichen Afrika zu stärken. Ziel von FES Fokus Südafrika sind aktuelle Hintergrundberichte und Analysen der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung in Südafrika. FOKUS SÜDAFRIKA wird kostenlos herausgegeben. Alle Ausgaben können auf unserer Homepage eingesehen werden: www.fessa.co.za Anzeige Luli Callinicos(Ed.) Oliver Tambo Beyond the Engeli Mountains Redaktion: Dr. Werner Rechmann, Michael Roll V.i.S.d.P.G.: Dr. Werner Rechmann Gestaltung: Andreas Dorner Friedrich-Ebert Stiftung 34 Bompas Road, Dunkeld West Johannesburg, Südafrika P.O.Box 412664, Craighall 2024 Phone:+27(0) 11-341 0270 Fax:+27(0) 11-341 0271 Email: fessa@fessa.co.za ISBN –86486-642-9 Cape Town- New Africa Books 2004 , 672 p. Supported by the Friedrich Ebert Foundation- South Africa Office 7 Friedrich-Ebert-Stiftung, FOKUS SÜDAFRIKA 03/2006