BÜRO SÜDAFRIKA Publikation für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Südafrika FOKUS SÜDAFRIKA Friedrich-Ebert-Stiftung, Fokus Südafrika Ausgabe 04/08 15.10.08 Machtwechsel in Südafrika Der erste Schritt zur Präsidentschaft Jacob Zumas 2009 Der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki hat am 21. September der Parlamentssprecherin Baleka Mbete seine Rücktrittserklärung übergeben. Der zweite, demokratisch gewählte Staatschef Südafrikas war vom Nationalen Exekutivrat des African National Congress(ANC), der seit Dezember von seinem Kontrahenten Jacob Zuma geführt wird, zu dem Schritt gedrängt worden. Zum neuen Präsidenten wurde der bisherige ANC-Vizepräsident Kgalema Motlanthe gewählt. Ein Drittel des alten Kabinetts trat zurück. Im Mai kommenden Jahres stehen neue Präsidentschaftswahlen an, die Jacob Zuma aller Voraussicht nach gewinnen wird. Derzeit diskutiert Südafrika eine Aufspaltung der führenden Regierungspartei ANC in zwei Lager. „Wenn sich der African National Congress unvorhergesehener Herausforderungen stellen muss, bleibt er stets standhaft in seinen Bemühungen, die Interessen aller Einwohner Südafrikas zu fördern.(…) Wir werden keine Einschränkungen der Stabilität der demokratischen Ordnung erlauben.“ Kgalema Motlanthe, Präsident Südafrikas – In seiner Antrittsrede vom 25. September 2008 Machtwechsel in Südafrika Rückblick Um den Rücktritt Präsident Mbekis zu verstehen, bedarf es eines Blicks zurück in das Jahr 2005, als Mbeki Jacob Zuma aufgrund eines Korruptionsverdachts aus dem Amt des Vizepräsidenten entließ. Der aktuelle Machtwechsel geht auf den Konflikt zwischen dem Mbeki- und dem Zuma-Lager innerhalb des ANC zurück, die sich auch politisch wesentlich unterscheiden. Jacob Zuma wurde nach den ersten demokratischen Wahlen 1994 Mitglied der Provinzregierung in KwazuluNatal, drei Jahre später wurde er zum Vizepräsidenten des ANC gewählt und 1999 von Präsident Thabo Mbeki zu seinem Stellvertreter im höchsten Amt des Staates bestimmt. Die beiden Politiker arbeiteten gut zusammen bis Zuma im Juni 2005 unter schweren Korruptionsverdacht geriet, nachdem sein Finanzberater wegen Korruption zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde und Zuma während des Verfahrens schwer belastet wurde. Präsident Mbeki entließ seinen Stellvertreter daraufhin am 14. Juni und erklärte die bisherige Ministerin für Energie und Bodenschätze, Phumzile Mlambo-Ngcuka, zur neuen Vizepräsidentin Südafrikas. Damit setzte er sich heftiger Kritik aus, denn der Verdacht, Zuma habe im größten südafrikanischen Rüstungsgeschäft Bestechungsgelder angenommen und mit Insider-wissen gehandelt, war keinesfalls bewiesen. Das entsprechende Gerichtsverfahren stand erst noch am Anfang. Nicht ganz sechs Monate nach der Amtsenthebung wurde Zuma zusätzlich der Vergewaltigung einer befreundeten AntiAids-Aktivistin in Johannesburg beschuldigt, vor Gericht jedoch freigesprochen. Sein Amt als stellvertretender Vorsitzender des ANC ließ er daraufhin erst einmal ruhen. Thabo Mbeki und Jacob Zuma gehören innerhalb der Regierungspartei zwei unterschiedlichen Lagern an. Mbeki steht für eine eher unternehmensfreundliche, liberale Wirtschaftspolitik, die sich in den letzten Monaten scharfer Kritik ausgesetzt sah. Denn einerseits wächst die Wirtschaft um durchschnittlich vier Prozent, andererseits kommt die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit, Ungleichheit und Armut auch vierzehn Jahre nach Ende der Apartheid nur schleppend voran. Noch immer lebt ein Drittel der Südafrikaner in Armut, der Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit der Einkommensverteilung misst, gehört zu den höchsten weltweit. Millionen Menschen noch keinen Zugang zu Trinkwasser, sanitären Anlagen und Strom. Im Frühjahr explodierten die Preise für Energie und Grundnahrungsmittel, in den Elendvierteln der Großstädte kam es zu Unruhen und Gewaltakten gegen afrikanische Einwanderer. Biografie von Jacob Zuma 12. April 1942 Geburt in Inkandla, Provinz KwaZulu-Natal 1959 Eintritt in den ANC, drei Jahre später Mitglied des Umkhonto we Sizwe(„Speer der Nation“). 1963 Festnahme wegen regierungsfeindlicher Aktivitäten, Verurteilung zu zehn Jahren Haft auf Robben Island. 1977 Mitglied des Exekutivkomitees des ANC 1997 Wahl zum Vizepräsident des ANC 1999 Ernennung zum Vizepräsident Südafrikas Juni 2005 Zumas Finanzberater Schabir Shaik wird der Korruption schuldig gesprochen, die befasste Richterin sieht auch einen Verdacht gegen Jacob Zuma. Präsident Mbeki entlässt Zuma aus dem Amt des Vize-Präsidenten. Zuma lässt auch sein Amt als ANC-Vizepräsident ruhen. Oktober 2005 Verdacht der Vergewaltigung einer AIDS-Aktivistin, wenig später wird Anklage erhoben. April 2006 Das Verfahren wegen Vergewaltigung wird eingestellt. Mai 2006 Zuma wird erneut Vizepräsident des African National Congress(ANC). September 2006 Der erste Anlauf eines Korruptionsverfahrens gegen Zuma wird wegen Verfahrensfehlern der Staatsanwaltschaft eingestellt. November 2007 Die Staatsanwaltschaft beginnt ein zweites Verfahren gegen Zuma. Dezember 2007 Der ANC wählt Zuma in einer Kampfabstimmung zum neuen Vorsitzenden, Thabo Mbeki unterliegt in der Abstimmung. 12. September 2008 Richter Chris Nicholson stellt das zweite Korruptionsverfahren gegen Zuma ein. Dabei betont er die Verfahrensfehler und kritisiert die Einmischung der Exekutive. Zudem gilt Thabo Mbeki als autoritär, volksfern und starrsinnig. Seine“quiet diplomacy“ im benachbarten Simbabwe, die lange Zeit die brutale Herrschaft des Diktators Mugabe duldete und dessen manipulierte Wahlen abnickte, die umstrittene Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang, die die Nebenwirkungen anti-retroviraler Medikamente in den Vordergrund stellte und statt dessen die Ernährung mit roter Beete, Kürbis und Knoblauch zur Behandlung der HIV-Erkrankung empfahl, aber auch Mbekis zunehmende Machtanhäufung innerhalb des Präsidialamtes ließen ihn unbeliebt werden. Jacob Zuma hingegen gilt als der wichtigste ANCPolitiker aus der Volksgruppe der Zulu und vertritt den 2 Friedrich-Ebert-Stiftung, FOKUS SÜDAFRIKA 04/2008 Machtwechsel in Südafrika Biografie Thabo Mbeki 18. Juni 1942 Geburt in Idutywa, Ostkap 1956 Eintritt in den African National Congress(ANC) 1961 Exil: Studium der Volkswirtschaftslehre. 1971 Mitglied im Führungsgremium des African National Congress(ANC), darunter als Informationssekretär und später als außenpolitischer Sprecher. 1990 Rückkehr aus dem Exil: Vertreter des ANC bei den Verhandlungen mit der weißen Minderheitsregierung Südafrikas. 1994 Nach den ersten freien Wahlen: Vizepräsident in der Regierung der nationalen Einheit unter Nelson Mandela. Dezember 1997 Wahl zum Präsidenten des ANC 1999 Wahl zum Staatspräsident 2004 Wiederwahl zum Staatspräsident Dezember 2007 Mbeki unterliegt Jacob Zuma bei den Wahlen zum Vorsitzenden des ANC. September 2008 Rücktritt als Staatspräsident gewerkschaftsnahen, linken Parteiflügel. Zu seinen engs ten Alliierten gehören der größte Gewerkschaftsdachverband des Landes, der Congress of South African Trade Unions(COSATU), die Kommunistische Partei Südafrikas(South African Communist Party, SACP) und die ANC-Jugendliga(ANC-Youth League, ANC-YL). Zuma erfreut sich gerade in den unteren Schichten der südafrikanischen Bevölkerung großer Beliebtheit und nutzte die Medienaufmerksamkeit zur Steigerung seiner Popularität – auch trotz seiner beiden Gerichtsverfahren im vergangenen Jahr und zahlreicher umstrittener Äußerungen zu den Themen AIDS, Homosexualität und Gleichberechtigung von Frauen. Der erfahrene Politiker, der einen Teil seines Lebens wie Nelson Mandela in dem Gefängnis Robben Island verbracht hat gilt als Mann des Volkes, der die Sprache der Straße spricht und durch charismatische Auftritte punktet. Seine Medienpräsenz während der beiden Strafprozesse nutzte er, um sich als Opfer einer Intrige darzustellen, die ein Teil des African National Congress um Thabo Mbeki gegen ihn führe, um ihn an der Übernahme der Präsidentschaft nach den Parlamentswahlen im Jahr 2009 zu hindern. Denn immerhin galt Zuma schon vorher als aussichtsreichster Kandidat für das höchste Amt im Staat. Nachdem beide Gerichtsverfahren gegen Zuma wegen Verfahrensfehlern(Korruption) und großen Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Hauptzeugin (Vergewaltigung) eingestellt worden waren, wurde Zuma am 15. Mai 2006 wieder im Amt des Vizepräsidenten des ANC bestätigt. Am 18. Dezember 2007 wurde er nach einer Kampfabstimmung gegen Mbeki zum neuen ANCVorsitzenden gewählt. Der Spalt zwischen der Partei unter Zuma und der Regierung unter Mbeki hatte sich damit vergrößert und ist die Ursachen für den Rücktritt Mbekis als Präsident Südafrikas. Höhepunkt des Konflikts Der Rücktritt von Präsident Mbeki war durch eine aktuelle Entscheidung des Richters des Obersten Gerichtshofs Chris Nicholson angestoßen worden. Nicholson hatte das von der südafrikanischen Staatsanwaltschaft( National Prosecuting Authority, NPA) neu aufgerollte Korruptionsverfahren gegen Jacob Zuma ein weiteres Mal wegen Verfahrensfehlern eingestellt. Zudem konstatierte der Richter in seiner Urteilsbegründung, dass von Seiten der Exekutive politischer Druck auf die Staatsanwaltschaft ausgeübt worden sei, um das zweite Verfahren gegen Zuma einzuleiten. Präsident Mbeki geriet dadurch stark unter Druck. Das von Zuma-Anhängern dominierte Führungsgremium des ANC verstand das Urteil als Anklageschrift gegen Mbeki und seine Führung. Dabei erschien ihnen der Vorwurf besonders schwerwiegend, dass der Präsident Staatsorgane genutzt haben soll, um Jacob Zuma, den Parteivorsitzenden, zu diskreditieren. Zudem hätte er das Justizsystem geschädigt. Die Mitglieder des Führungsgremiums des ANC fühlten sich durch das Urteil in ihrer Meinung bestärkt, dass eine politische„Verschwörung“ gegen Jacob Zuma statt gefunden habe, um ihn daran zu hindern, der nächste Präsident Südafrikas zu werden. Dies war ausschlaggebend für den Sturz Mbekis. Die ANC-Führung forderte ihn am 19. September zum Rücktritt auf. Mbeki folgte dem Aufruf. Das Ende der Ära Mbeki In einer 20-minütigen, sehr emotionalen Abschiedsrede im Fernsehen erklärte Mbeki am 21. September, dass er die Autorität des ANC-Führungsgremiums anerkenne, das beschlossen hatte, ihn als Präsident abzuberufen. In seiner Rede bestritt Mbeki, auf das Korruptionsverfahren gegen Jacob Zuma Einfluss genommen zu haben:„Ich möchte er neut die Position des Kabinetts zu den Rückschlüssen von Richter Chris Nicholson vortragen, dass der Präsident oder das Kabinett in die Arbeit der Staatsanwaltschaft eingegriffen hätten.(…) Dabei sage ich ganz kategorisch, dass dies nie geschehen ist und es niemals eine Einschränkung der Rechte der Staatsanwaltschaft gegeben hat, frei zu 3 Friedrich-Ebert-Stiftung, FOKUS SÜDAFRIKA 04/2008 Machtwechsel in Südafrika entscheiden, gegen wen sie ermittelt und gegen wen nicht. (…) So auch nicht im Verfahren gegen den Vorsitzenden des ANC, Genosse Jacob Zuma.(…) Generell möchte ich der Nation versichern, dass unsere Regierungen seit 1994 nie willentlich gegen Recht und Verfassung agiert haben.“ Zeitgleich hat Thabo Mbeki ein gerichtliches Verfahren eingeleitet, worin er gegen diese Aussagen von Richter Nicholson, Einspruch erhebt. Die Folgen Genau ein Drittel des Kabinetts von Thabo Mbeki trat aus Solidarität mit ihm zurück, obwohl dieser für Kontinuität warb. Dabei schwappte Ende September eine Welle der Panik über Südafrika, da Listen mit verschiedenen Namen der zurücktretenden Minister zirkulierten. Besonders das Gerücht um den Rücktritt von Finanzminister Trevor Manuel, der international hohes Ansehen genießt und für Stabilität steht, verunsicherte die Bevölkerung und die internationale Gemeinschaft. Der Eindruck, die Regierungspartei ANC habe die Lage nicht unter Kontrolle, breitete sich aus und veranlasste ANC-Generalsekretär Gwede Mantashe möglichst viele Kabinettsmitglieder zur Fortsetzung ihrer Arbeit aufzurufen, um einen reibungslosen Übergang bis zu den Wahlen 2009 zu ermöglichen. Mit Mbeki trat auch der Premier von Gauteng, der den Regierungssitz Pretoria und die Wirtschaftsmetropole Johannesburg umfassenden, wichtigsten Provinz des Landes, Mbhasiwa Shilowa, am 29. September zurück. Er bezeichnete die Entscheidung des ANC National Executive Committees als unfair und ungerecht, wies jedoch Gerüchte zurück, er wäre ebenfalls zum Rücktritt aufgefordert worden oder dass von einer geplanten Trennung des ANC wisse. Die überraschenden Neuigkeiten ließen kurzfristig die Kurse an der Johannesburger Börse einbrechen und führten zu einer Schwächung der südafrikanischen Währung Rand (ZAR). Nach der Ankündigung des Finanzministers Trevor Manuel auch im neuen Kabinett zur Verfügung zu stehen, erholten sich die Kurse jedoch wieder. Auch das Verbleiben des Zentralbankgouverneurs Tito Mboweni in seinem Amt beruhigte die Lage. Die Öffentlichkeit reagierte mit gemischten Gefühlen auf Thabo Mbekis Rücktritt. Ein Teil der Bevölkerung und der Medien äußerten, dass dieser lange überfällig sei. Seit dem Verlust des ANC-Vorsitzes im Dezember letzten Jahres sei Mbeki ohnehin eine„lame duck“ gewesen und wichtige Reformpläne seien ins Stocken geraten. Weite Teile der Bevölkerung und der Medien kritisierten jedoch die Art und Weise, wie Mbeki abberufen wurde und deuteten dies als eine Revanche der Zuma-Anhänger. Zudem hatte sich der Ton zwischen beiden Lagern in der letzten Zeit heftig verändert. So ließen sich der Generalsekretär von COSATU, Zwelinzima Vavi, und der Vorsitzende der ANC-Jugendliga, Julius Malema, gar dazu hinreißen, zu sagen:„We are prepared to kill for Jacob Zuma.“ Kritische Stimmen äußerten, dass der die Partei ANC mit der Abberufung Mbekis ihre parteipolitischen Interessen über die Interessen der Nation gestellt habe- ein Vorwurf der in dem von einer Partei dominierten Südafrika viel wiegt. Der Übergangspräsident: Kgalema Motlanthe Die Bestimmung des Nachfolgers von Thabo Mbeki bedurfte einer Sondersitzung des Parlaments am 25. September 2008. Dort wurde Kgalema Motlanthe, bisheriger Vize-Präsident des ANC, zum neuen Präsidenten Südafrikas gewählt. Motlanthe wird von der Öffentlichkeit und innerhalb der Regierungspartei wegen seines ruhigen und verlässlichen Charakters sehr geschätzt, er gilt als moderat und wird voraussichtlich bis zu den Wahlen im Mai 2009 regieren. Seine Präsidentschaft soll einen sanften Übergang von Thabo Mbeki zu Jacob Zuma ermöglichen. In seiner ersten Rede dankte er Thabo Mbeki für dessen Verdienste:„Wir waren privilegiert, Sie in den letzten neun Jahren als unseren Präsidenten zu haben. Ihre Arbeit für unser Land war enorm, ihr Beitrag zum Aufbau unserer Nation unermesslich.“ Zudem sprach sich Motlanthe für politische Kontinuität aus. In Anspielung auf das wohl wichtigste Manifest des African National Congress betonte er, Präsident aller Südafrikaner sein zu wollen:„Der ANC hat eine lange politische Tradition. Während sich die äußeren Umstände verändert haben und wir neue Strategien wählten, blieb die Orientierung des ANC in den letzten fünfzig Jahren jedoch immer dieselbe. Unsere Vision, wie sie in der Freedom Charta verankert ist, bleibt Kern unserer Arbeit.(…) Im Geiste des Aufbaus eines vereinigten, demokratischen, nicht-rassistischen, nicht-sexistischen und ökonomisch erfolgreichen Südafrikas hoffe ich auf eine konstruktive Zusammenarbeit mit allen Parteien.“ Motlanthe betonte, dass seine Regierung an dem Ziel, der Halbierung der Armut- und Arbeitslosigkeit in Südafrikas bis 2014, festhalten wolle:„Diese Regierung hat zum Ziel, erkennbare Fortschritte bei der Versorgung von Millionen von Menschen mit Unterkünften, Elektrizität, Wasser und sanitären Einrichtungen(…) zu machen. Wir werden den Zugang der armen Südafrikaner zu Gesundheit, Bildung und sozialer Sicherheit verbessern.“ Damit entsprach er vor allem den Forderungen der Anhänger Jacob Zumas. Auf die Umstände des Machtwechsels ging der neue Prä4 Friedrich-Ebert-Stiftung, FOKUS SÜDAFRIKA 04/2008 Machtwechsel in Südafrika sident mit keinem Wort ein. In seinem neuen Kabinett ist besonders hervorzuheben, dass Finanzminister Trevor Manuel und Außenministerin Nkosazana Dlamini-Zuma weiterhin ihre Regierungsämter bekleiden. Damit deutet sich in Fragen der Wirtschafts-, Finanz- und Außenpolitik erst einmal kein großer Bruch an. Nennenswerte Veränderungen sind die Neubesetzung des Verteidigungsministeriums mit Charles Nqakula, des Justizministeriums mit Enver Surty und des Gesundheitsministeriums mit Barbara Hogan, deren Vorgängerin Manto Tshabalala-Msimang insbesondere wegen ihrer verfehlten AIDS-Politik hoch umstritten war. Insgesamt führt jedoch die Mehrzahl der Kabinettsmitglieder unter Thabo Mbeki ihre Tätigkeit in der MotlantheRegierung fort. Fazit Die verfassungsrechtliche Ordnung in Südafrika wurde durch den Abgang Thabo Mbekis nicht bedroht. Der gesamte Machtwechsel wurde innerhalb der verfassungsrechtlichen Ordnung geregelt. Im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Staaten ist eine Sorge um die Stabilität der Demokratie in Südafrika diesbezüglich unbegründet. Allerdings lassen sich die Art und Weise der Abberufung Thabo Mbekis sowie der ungünstige Zeitpunkt, da im Mai 2009 ohnehin Wahlen anstehen, deutlich kritisieren. Zwar wird ein geschwächter und in den letzten Monaten zunehmend in die Kritik geratener Präsident, der zuletzt durch die fremdenfeindlichen Ausschreitungen, die steigenden Lebenshaltungskosten und ausbleibenden Erfolge in der Bekämpfung von AIDS unter Druck kam, abgelöst. Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass der Übergangspräsident Kgalema Motlanthe in den kommenden Monaten noch große Reformprojekte anstoßen und durchsetzen können wird. Es gibt Gerüchte über eine mögliche Spaltung des ANC und die Gründung einer neuen Partei durch Anhänger von Mbeki, Konservativen, wirtschaftsfreundlichen Mitgliedern des ANC, sowie Gegnern Jacob Zumas. Die derzeitige ANCFührung versichert jedoch, dass die Partei weiter die Heimat für alle Südafrikaner bleiben werde und dass ein geschlossenes Auftreten des ANC für einen Sieg bei den Parlamentswahlen im nächsten Jahr unabdingbar sei. Der ehemalige Verteidigungsminister Mosiuoa Lekota hat seiner Partei allerdings ein Ultimatum gestellt. Sollte die ANC-Führung sich nicht auf ihre ursprünglichen Werte zurückbesinnen, wird er die Bildung einer Splitterpartei vorantreiben, die im nächsten Jahr gegen den ANC antreten würde. Lekota wurde darauf hin Biografie Kgalema Motlanthe 1949 1967 1992 1997 Dezember 2007 Juli 2008 September 2008 Geburt in der Nähe von Bela Bela, Provinz Transvaal(heute Limpopo) Erste Inhaftierung aufgrund seines politischen Aktivismus für den African National Congress(ANC). Nach dem Aufstand in Soweto wurde der 28-Jährige zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe verurteilt, die er bis 1987 auf der Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt verbrachte. Generalsekretär für die National Union of Mineworkers(NUM) und Gewerkschaftler im Congress of South African Trade Unions(Cosatu). Wahl zum ANC-Generalsekretär Wahl zum stellvertret. Parteivorsitzenden des ANC Berufung als Minister ohne Portfolio in das Kabinett von Staatspräsident Mbeki Nach dem offiziellen Rücktritt Mbekis und elf Ministern am 25. September 2008 Vereidigung zum neuen Präsidenten Südafrikas. nahe gelegt, seine Mitgliedschaft im ANC erst einmal ruhen zu lassen, was einem Rausschmiss nahe kommt und damit die Chancen auf die Entstehung einer neuen Partei steigert. Wie die Veränderungen in der Regierung und innerhalb des ANC sich auf die Wahlen im kommenden Frühjahr auswirken werden, ist im Moment noch nicht absehbar. Bis jetzt hat der ANC seinen Willen zu einem verfassungskonformen Wechsel gezeigt, was dem Wähler Vertrauen in Sicherheit und Stabilität einer ANC-Regierung gibt. Analysten konstatieren zwar eine zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Partei, jedoch ist davon auszugehen, dass sich diese weniger in Stimmen für eine andere Partei als vielmehr in Wahlabstinenz ausdrücken wird. Für die schwarze Bevölkerung bietet sich noch immer keine wirkliche Alternative zu der aus der Befreiungsbewegung hervorgegangenen Regierungspartei, die derzeit über eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament verfügt. Die südafrikanische Staatsanwaltschaft plant das Verfahren gegen Jacob Zuma ein drittes Mal zu eröffnen. Wie die Chancen auf eine Verurteilung Zumas stehen, ist allerdings vollkommen unklar. Diese Frage wird auch beeinflussen, ob Jacob Zuma im nächsten Jahr als Präsi dentschaftskandidat der ANC ins Rennen geht, oder ob bei erfolgreicher Arbeit von Übergangspräsident Kgalema Motlanthe dieser Zuma seinen Platz als Favorit streitig machen könnte. 5 Friedrich-Ebert-Stiftung, FOKUS SÜDAFRIKA 04/2008 Machtwechsel in Südafrika Impressum FOKUS SÜDAFRIKA erscheint in loser Reihenfolge und wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung Büro Südafrika herausgegeben und redaktionell gestaltet. Im Rahmen ihres Arbeitsschwerpunktes Entwicklungszusammenarbeit unterstützt die Friedrich-EbertStiftung von Johannesburg aus den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Transformationsprozess in Südafrika mit dem Ziel, Demokratie und soziale Gerechtigkeit zu stärken. Ziel des FES Fokus Südafrika sind aktuelle Hintergrundberichte und Analysen der politischen, wir­t­­s­­­­ chaft­l­­ichen und gesellschaftlichen Entwicklung in Südafrika. FOKUS SÜDAFRIKA wird kostenlos herausgegeben. Alle Ausgaben können auf unserer Homepage eingesehen werden: www.fes.org.za. Anzeige Oliver Tambo Luli Callinicos Bey th o e nd Engeli Mountains Redaktion: Dr. Werner Rechmann, Jérôme Cholet V.i.S.d.P.G.: Dr. Werner Rechmann Gestaltung: Andreas Dorner Friedrich-Ebert Stiftung Büro Südafrika 34 Bompas Road, Dunkeld West Johannesburg, Südafrika P.O.Box 412664, Craighall 2024 Tel:+27(0) 11-341 0270 Fax:+27(0) 11-341 0271 E-Mail: fokus@fessa.co.za Web: www.fes.org.za ISBN –86486-642-9 Cape Town- New Africa Books 2004, 672 p. Supported by the Friedrich Ebert Foundation- South Africa Office 6 Friedrich-Ebert-Stiftung, FOKUS SÜDAFRIKA 04/2008