Pressespiegel Juli 2010 1. Syrisch-libanesische Annäherungen und das Hariri-Tribunal Das Internationale Tribunal zur Aufklärung des Mordes an Rafik al ‐ Hariri sieht die Verantwortung offensichtlich immer deutlicher bei der von Syrien unterstützten Hisbollah. His ‐ bollah ‐ Führer Hassan Nasrallah beschuldigte daraufhin das Tribunal in mehreren Fernsehansprachen der Manipulation der Fakten im Interesse Israels und drohte mit der Gefahr einer Spaltung des Libanon. Die von Nasrallah vorgebrach ‐ ten Argumente wurden von der syrischen Presse ausführlich und unkritisch wiedergegeben. Währenddessen reiste der libanesische Ministerpräsident Saad al ‐ Hariri in Begleitung von dreizehn Ministern zum vierten Mal seit seinem Amts ‐ antritt vor acht Monaten zu offiziellen Gesprächen nach Damaskus. Gegenstand der Gespräche mit dem syrischen Präsidenten Bashar al ‐ Assad waren eine Ausweitung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und eine Verdoppelung des Handelsvolumens. Insgesamt achtzehn Kooperationsab ‐ kommen und Verständigungsnoten wurden unterzeichnet ( Teshreen/ al ‐ Thawra/ al ‐ Baath/ al ‐ Watan 19.07.2010). Der syrische Präsident erwähnte auch die Akte der vermiss ‐ ten libanesischen Häftlinge und regte an, die Arbeit des zuständigen Komitees zu aktivieren. Zur Sprache kamen weiterhin die Festlegung der gemeinsamen Grenze und die Auslieferung verurteilter Personen( Syria News 20.07.2010). Es wird weiter gewettet, aber bis wann? „Wieder einmal ist der Libanon Zielscheibe der ameri ‐ kanisch ‐ zionistischen Pläne geworden. Hisbollah ‐ Mitglieder sollen für den Mordanschlag auf den ehe ‐ maligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri verantwortlich gemacht werden. Am 25. Mai 2000 er ‐ folgte dank der Hisbollah die Befreiung des Südliba ‐ non von israelischer Besatzung. Auch den zweiten Libanonkrieg gegen die Militärmacht Israel hat die Hisbollah im August 2006 gewonnen. Die wachsende Stärke der Hisbollah ist den Zionisten ein Dorn im Auge, daher werden Versuche unternommen, die His ‐ bollah zu entwaffnen und den libanesischen Wider ‐ stand auszulöschen. Die Zionisten versuchen, eine ethnische Spaltung im Libanon zu provozieren und Chaos zu schaffen, um das politische Gleichgewicht zu stören und Zwietracht zwischen den religiösen Grup ‐ pen zu säen. Um dies zu vereiteln, müssen die Libane ‐ sen an einer nationalen Einheit festhalten.“ Abdullah Khaled, Teshreen 26.07.2010 Al-Hariri: New Stage in Syrian-Lebanese Relations “Lebanese Prime Minister Saad al ‐ Hariri said on Sat ‐ urday that his four successful visits to Damascus led to opening a new chapter with the Syrian leadership and with President Bashar al ‐ Assad. In a speech during the Future Movement founding convention, al ‐ Hariri said that the new stage in Syrian ‐ Lebanese relations – which is based on honesty, fraternity and respecting each country ʹ s independence – wouldn ʹ t have been possible without the positive stance of President al ‐ Assad and the Syrian government, which helped to continue mov ‐ ing in the right direction and end a stage that should not continue.‘We are witnessing a new stage that will benefit Lebanon and restore Lebanese ‐ Syrian relations to the way they should be… Syria opened its doors to all the Lebanese, and we must open our minds, hearts and doors,’ al ‐ Hariri said.(…) Al ‐ Hariri said that his recent visit to Syria contributed to realizing the two countries ʹ desire to push these relations in the right direction, affirming that he and all faithful Lebanese 2 Pressespiegel Juli 2010 are looking forward to activating Lebanon ʹ s role in bolstering Arab solidarity and strengthening the results of the greater Arab reconciliation launched by Custo ‐ dian of the Two Holy Mosques King Abdullah Bin Abdulaziz Al Saud of Saudi Arabia during the Kuwait summit.(…) He concluded by affirming that the issue of the assassination of Rafik al ‐ Hariri will not become a cause for a crisis or sectarian strife in Lebanon, saying that there is no room for these fears.” SANA 25.07.2010 2. Niqab-Verbot an Schulen und Universitäten Das syrische Erziehungs ‐ und das Hochschulministerium haben das Tragen des Gesichtsschleiers( niqab) an syrischen Schulen und Universitäten verboten. Da es keine offizielle Erklärung der Ministerien gab, kam das Thema in der Presse erst zur Sprache, als Betroffene sich mit der Bitte um Unter ‐ stützung an Frauen ‐ und Menschenrechtsorganisationen wandten. Die Verbote und die darauffolgenden erregten Diskussionen blieben in den staatlichen Medien unerwähnt, was von der Haltung der Regierung zeugt, eine interne Islam ‐ Debatte möglichst zu vermeiden. Nach Angaben der„Syrischen Liga zur Verteidigung der Menschenrechte“ wurden durch eine mündliche Verfügung des Erziehungsministers Ali Saad etwa 1.200 Lehrerinnen, die den niqab tragen, vom Schuldienst suspendiert und in die Verwaltung versetzt. Die Organisation kritisierte diese Entscheidung mit dem Argument, kein Artikel des Arbeits ‐ rechtes verbiete Frauen, am Arbeitsplatz voll verschleiert zu sein und nannte sie eine Menschenrechtsverletzung. Die Aktivisten des„Syrian Women Observatory“ hingegen befürworteten hingegen den Beschluss, da der Gesichts ‐ schleier ein Element der Frauenunterdrückung sei. Das Verbot der Vollverschleierung an Universitäten wurde eben ‐ falls mündlich von Hochschulminister Ghiath Barakat aus ‐ gesprochen( Syria News 18.07.2010) und zum ersten Mal offiziell in einem Interview mit Kultusminister Riadh Naa ‐ san Agha bestätigt und begründet, wobei dieser jeden Bezug zur religiösen und politischen Bedeutung des niqab vermied und ausschließlich praktische Gründe für das Verbot nannte ( Syria News 29.07.2010). Der Großmufti Syriens, Ahmad Hassoun, wurde mit der Aussage zitiert, es handele sich bei dem Gesichtsschleier um eine dem Islam fremde Tradition. Er wolle eine Reise durch Syrien machen, um die Menschen über diesen Sachverhalt aufzuklären ( Damaspost 29.07.2010). Once Again About the"Niqab": Defenders of Human Rights Wake Up! “We say once again that the niqab is an abolition of human personality and does not count at all as perso ‐ nal freedom upon wearing it at the work place, regard ‐ less of the kind of work. Work is by all means a kind of communication with others, and no communication among people without a face. Wearing the niqab at home, or in the street, is their own business, whether she was forced to do that(directly or indirectly) or not. But to enter any workplace with a niqab, this is not her right, because it is my right to see the face of the person I deal with regardless of his/her own convictions. Igno ‐ ring the fact that the niqab is explicit violence against women, and fundamentalist extremism is part of the thoughts and perceptions associated with it, is an ap ‐ proach like the ostrich ʹ s.(…) Syrian Women Observa ‐ tory reiterates and assures that it is defending every thought, perception and behavior that helps to end violence and discrimination, regardless of its source. If it is issued by the government, we will support it as we were against the government in many of the actions and decisions that violate the right of Syrian women. Our only criterion is clear and explicit which is to work for a society free from violence and discrimination, and not to exploit this work in order to serve other aims, as some people do.” Bassam Al ‐ Kadi, Syrian Woman Observatory 11.07.2010 (www.nesasy.org) Der Kulturminister: Wir verbieten den Niqab nicht im öffentlichen Leben „Kulturminister Riyadh Naasan Agha sagte in einem Interview mit einem der arabischen Nachrichtensen ‐ der, die syrische Regierung habe kein Verbot des niqab im öffentlichen Leben erlassen, und erklärte den Hin ‐ tergrund der Entscheidung, den niqab im Erziehungs ‐ wesen zu verbieten. Der Kulturminister sagte(…) ‚die pädagogische Meinung besagt, dass es zum Unterrich ‐ ten nicht nur der Stimme bedarf, sondern auch des Gesichtsausdrucks. Das Ministerium hat die Vollver ‐ schleierten zu Verwaltungsaufgaben versetzt, wo sie Pressespiegel Juli 2010 3 keinen Menschen gegenübertreten müssen und so ihre Würde bewahren können.‘ Im letzten Monat hatten die Medien die Nachricht von der Entscheidung verbreitet, Dutzende vollverschleierter Lehrerinnen aus den Schu ‐ len zu Verwaltungsaufgaben zu versetzten. Naasan Agha fügte hinzu, ‚auch aus Sicherheitsgründen muss bekannt sein, wer die Universität betritt und sich unter den Studenten und Studentinnen bewegt, es könnten sich auch feindliche oder kriminelle Elemente unter dem niqab verstecken.‘ Er versicherte, ‚die Regierung hat keine Entscheidung zum Verbot des niqab im öf ‐ fentlichen Leben gefasst, die Menschen sind frei, sich zu kleiden, wie sie möchten‘.“ Syria News 29.07.2010(www.syria ‐ news.com) Syrian Realpolitik “Why would Syria ban the niqab when we are the strongest allies of Iran, Hezbullah, Hamas and a more Islamic Turkey? Not only that, but the number of women this would have actually affected was, to my knowledge, negligent and hardly worth the fuss. No, the timing which came with the French decision to do a ban was no coincidence. I think this whole exercise was a PR exercise which complements Syria ʹ s regional strategy of positioning itself as the one the West can talk to. Syria will be the conduit to Iran, to Lebanon nd the Palestinians. From an economic perspective it gives Syria that air of being ʺ moderate ʺ and this isn ʹ t bad if it wants to do business with Europe or its Arab allies. Syria intends to become the gateway to the real Middle East. Domestically it ʹ s perfect. Syrians aren ʹ t really niqab fans and it isn ʹ t as prevalent as some would like to think. Those affected by it are not important or in ‐ fluential enough to kick up a fuss. Religious people are safe in the knowledge that the niqab is not a religious obligation, Syrian secular people can rest assured the country is not becoming a Saudi Arabia and everybody can start to ʺ debate ʺ and feel clever with arguments for and against this wise decision made by the powers that be. A completely artificial debate is generated, which can be a good thing. It is good to distract stupid people with something; it lets decision makers focus on the real issues without interruption. Politics is beautiful sometimes, and I do think that the Syrians are masters of it.” Maysaloon, 27.07.2010 (www.maysaloon.blogspot.com