Stefan Fina, Frank Osterhage, Jutta Rönsch, Karsten Rusche, Stefan Siedentop, Ralf Zimmer-Hegmann, Rainer Danielzyk Ungleiches Deutschland Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2019. Karten, Indikatoren und wissenschaftliche Handlungsempfehlungen FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN Ein Projekt der Friedrich-Ebert-Stiftung 2018 – 2020 Wachsende soziale Ungleichheit, gesellschaftliche Polarisierung, Migration und Integration, die Klimakrise, Digitalisierung und Globalisierung, die ungewisse Zukunft der Europäischen Union – Deutschland steht vor tief greifenden Herausforderungen. Auf diese muss die Soziale Demokratie überzeugende, fortschrittliche und zukunfts­ weisende Antworten geben. Mit dem Projekt„Für ein besseres Morgen“ entwickelt die Friedrich-Ebert-Stiftung Vorschläge und Positionen für sechs zentrale Politikfelder: – Demokratie – Europa – Digitalisierung – Nachhaltigkeit – Gleichstellung – Integration Gesamtkoordination Dr. Andrä Gärber leitet die Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung. Projektleitung Severin Schmidt ist Referent für Sozialpolitik in der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik. Kommunikation Johannes Damian ist Referent für strategische Kommunikation dieses Projektes im Referat Kommunikation und Grundsatzfragen. Die Autor_innen Stefan Fina ist im Rahmen einer gemeinsamen Berufung der RWTH Aachen University und des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH Dortmund(ILS) Professor für Analyse und Monitoring urbaner Räume und leitet den Bereich Geoinformation und Monitoring am ILS. Frank Osterhage ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Landes- und Stadtentwicklungs­ forschung gGmbH(ILS) und dort in der Forschungsgruppe Mobilität und Raum tätig. Jutta Rönsch ist Kartografin am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) mit Arbeitsschwerpunkten in der Visualisierung raumbezogener Daten und Prozesse. Frau Rönsch entwickelt hierfür Standards für die Karten- und Grafikgestaltung in der Stadtforschung. Karsten Rusche arbeitet als Postdoktorand am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) und ist stellvertretender Leiter des Bereichs Geoinformation und Monitoring. Stefan Siedentop ist Professor für Stadtentwicklung an der TU Dortmund und im Rahmen einer gemeinsamen Berufung Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Landes- und Stadtentwicklungs­ forschung gGmbH(ILS). Ralf Zimmer-Hegmann leitet die Stabsstelle Transfer und Transformation am Institut für Landesund Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) und ist zudem stellvertretender Leiter der Forschungsgruppe Sozialraum Stadt. Rainer Danielzyk ist Universitätsprofessor in der Abteilung Raumordnung und Regionalentwicklung im Institut für Umweltplanung der Leibniz Universität Hannover und leitet gegenwärtig die Geschäftsstelle der Akademie für Raumforschung und Landesplanung(ARL) in Hannover. Datenaufbereitung unter Mitarbeit von: Christian Gerten, Julian Schmitz und Pamela Sanwald(ILS). Für diese Publikation sind in der FES verantwortlich Dr. Philipp Fink war Referent für Klima-, Umwelt-, Energie- und Strukturpolitik in der Abteilung ­Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung und Leiter des Arbeitskreises Nachhaltige Strukturpolitik. Ab dem 1. Juli 2019 leitet er das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung für die nordischen Länder in Stockholm. Max Ostermayer ist Referent für Klima-, Umwelt-, Energie- und Strukturpolitik in der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung und Leiter des Arbeitskreises Nachhaltige Strukturpolitik. Die interaktive Disparitätenkarte und weitere Informationen finden Sie hier: www.fes.de/ungleiches-deutschland/ Stefan Fina, Frank Osterhage, Jutta Rönsch, Karsten Rusche, Stefan Siedentop, Ralf Zimmer-Hegmann, Rainer Danielzyk Ungleiches Deutschland Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2019. Karten, Indikatoren und wissenschaftliche Handlungsempfehlungen Vorwort 3 1. AKTUELLE TRENDS DER RAUMENTWICKLUNG  4 2. DEUTSCHLAND HEUTE: STARK, SOLIDE, ARM 5 3. WOHLSTAND UND ARMUT 11 4. DIMENSIONEN DER UNGLEICHHEIT 14 4.1 Wirtschaft, Beschäftigung und Arbeitsmarkt 14 4.2 Bildungs- und Lebenschancen 22 4.3 Wohlstand und Gesundheit 32 4.4 Staatliches Handeln und Partizipation 46 4.5 Binnenwanderungen 58 4.6 Der Pfad der Ungleichheit 67 5. HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN 69 5.1 Allgemeines 69 5.2 Gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken 69 5.3 „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ als Staatsziel im Grundgesetz verankern 70 5.4 Monitoring/Berichterstattung verbessern 70 5.5 Kommunale Ebene stärken 70 5.6 Regionalpolitik und Raumordnung erneuern und stärken 70 5.7 Erreichbarkeiten verbessern 71 5.8 Handlungsempfehlungen – clusterspezifisch 71 Anhang A: Dokumentation der Indikatoren 72 Anhang B: Wertebereiche der Indikatoren 74 Anhang C: Methodische Hinweise 75 Anhang D: Kartografische Umsetzung und Lesehilfe 76 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis 78 Literaturverzeichnis 80 Weiterführende Informationen und interaktive Grafiken und Karten zur Studie finden sich auch unter: www.fes.de/ungleiches-deutschland/ FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 3 Vorwort Die räumliche Ungleichheit in Deutschland hat sich weiter verfestigt. Während einige Regionen boomen, drohen andere langfristig abgehängt zu werden – trotz gutem Wachstum und hoher Beschäftigung. Das zeigt die Studie„Ungleiches Deutschland: Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2019“, die die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) im April 2019 veröffentlicht hat. Die räumliche Betrachtung veranschaulicht eindrucksvoll: Wohlstand und Zukunftschancen sind nicht gleichmäßig über das Land verteilt. Eigentlich müssten wir nicht von einem, sondern von fünf Deutschlands sprechen. Neben den dynamischen Metropolen und dem starken Umland gibt es eine solide Mit­ te, aber auch ländliche und städtische Räume im andauernden Strukturwandel, so die Analyse des Teams der ILS-Forschung aus Dortmund unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Fina und Prof. Dr. Stefan Siedentop. Die Autor_innen haben für diese umfassende Studie eine Clus­ teranalyse durchgeführt, die auf einer ganzen Reihe von Indi­ katoren beruht. Dabei wurde auch klar, dass es zu einfach wäre, nur von Gewinner- und Verliererregionen zu sprechen. Für jeden der Cluster lassen sich sowohl Risiken als auch Chancen mit Blick auf die zukünftige Entwicklung identifizieren. Zum Beispiel verfügen die dynamischen Großstädte zwar über au­ ßergewöhnliche Verdienstmöglichkeiten. Gleichzeitig weisen sie eine hohe Kinder- und Altersarmut auf. Es bestehen also bereits Tendenzen zu sozialer Segregation und die Gefahr der Verdrängung von Haushalten mit niedrigerem Einkommen. Ein weiteres Beispiel: Während weite Landstriche in Ostdeutsch­ land stark vom demografischen Wandel und Abwanderung betroffen sind, sind die Kommunen dort oft verhältnis­ mäßig gering verschuldet. Sie könnten also potenziell in zu­ kunftsrelevante Infrastrukturen und Angebote der Daseins­ vorsorge investieren. Die vorliegende Publikation ergänzt den„Disparitätenbericht 2019“ und bietet einen umfassenden Überblick über die Indi­ katoren, die den Clusteranalysen zugrunde liegen, sowie da­ rüber hinaus gehende räumliche Strukturdaten. Sie ergänzen das Bild von einem Land, das räumlich immer weiter auseinanderdriftet, um eine differenzierte Betrachtung der einzelnen Kreise. Und sie gibt zusätzliche Handlungsempfehlungen. Im Rahmen des Projekts„Für ein besseres Morgen“ will die FES auf diese Weise einen Beitrag zur Debatte um Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland leisten. JOHANNES DAMIAN Referat Kommunikation und Grundsatzfragen der Friedrich-Ebert-Stiftung PHILIPP FINK Leitung Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung für die nordischen Länder in Stockholm MAX OSTERMAYER Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung Und genau hier gilt es anzusetzen: Ungleiches muss ungleich behandelt werden – damit das Geld auch da ankommt, wo es gebraucht wird. Dies ist eine der zentralen Botschaften des „Disparitätenberichts 2019“. Dafür werden neue Instrumente der Strukturpolitik benötigt und – allem voran – eine Stärkung der Kommunen. Diese müssen mit einer optimalen technischen Infrastruktur, mit ausreichenden Finanzmitteln und mit genü­ gend Personal ausgestattet sein. Denn nur wenn der Staat in die Lage versetzt ist, all seinen Bürger_innen eine hochwerti­ ge Daseinsvorsorge zu bieten, kann Ungleichheit nachhaltig abgebaut und der Zusammenhalt in der Gesellschaft gestärkt werden. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 4 1 AKTUELLE TRENDS DER RAUMENTWICKLUNG Deutschland geht es gut. Sehr gut. So oder so ähnlich werden von außen betrachtet die sozioökonomischen Trends und Per­ spektiven in Deutschland seit vielen Jahren wahrgenommen, vor allem im Vergleich zu anderen Mitgliedstaaten der EU. Mit Blick auf die vorliegenden Ergebnisse, die im Rahmen dieser Studie am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) erarbeitet wurden, müsste man mit aller Deutlichkeit ergänzen: Deutsch­ land geht es im Durchschnitt gut, mit zunehmend ungleichen Verhältnissen: – Die Arbeitslosigkeit geht zwar zurück, die Wirtschafts­ zahlen sind positiv, die Lebenserwartung steigt. Gleich­ zeitig bestätigt sich aber die Persistenz der schwierigen Problemlagen in benachteiligten Regionen: von der kommunalen Verschuldung, schwerwiegenden Defizi­ ten im Unterhalt und Ausbau der Infrastruktur bis hin zu einer hohen Armutsgefährdung für Kinder und ältere Menschen. Das ist auch deshalb bedenklich, weil im po­ litischen Diskurs der vergangenen Jahre doch deutlich wurde, wie wichtig Themen wie Breitbandausbau, Bil­ dung oder die Konsolidierung der Kommunalfinanzen für die Zukunftsperspektiven von Regionen und ihren Einwohner_innen sind. – In den wirtschaftlich erfolgreichen Regionen werden zu­ nehmend Überlastungserscheinungen der Infrastruktur und auf dem Wohnungsmarkt zur Gefahr für den gesell­ schaftlichen Zusammenhalt. Die Trennlinie zwischen den Menschen, die eine hohe Lebensqualität für sich in An­ spruch nehmen können, und den Ausgeschlossenen, „exkludierten“ Bevölkerungsgruppen wirkt zunehmend sozial selektiv: zwischen den Regionen und ganz beson­ ders in den beliebtesten Großstädten und ihren Einzugs­ bereichen. In der Konsequenz können auch Haushalte der Mittelschicht in Bedrängnis geraten. Soziale Ab­ stiegsängste werden so zum gesellschaftlichen Problem. – Das beherrschende Thema der vergangenen Jahre, die Zuwanderung aus dem Ausland nach Deutschland, trifft auf die angespannten Wohnungsmärkte prosperieren­ der Städte. Aktuelle Wanderungsdaten zeigen, dass diese „Schwarmstädte“ weiterhin die beliebtesten Ziele von Zuwanderung sind, vor allem durch die Binnenwande­ rung junger Menschen in Ausbildung, Studium und Be­ rufsstart. Im ungleichen Wettstreit zwischen Immobilien­ branche und sozialer Wohnungspolitik schwinden die Bestände an bezahlbarem Wohnraum. Einkommensschwache Haushalte stehen vor schwierigen Perspektiven. – Eine von der internationalen Zuwanderung erhoffte Sta­ bilisierung schrumpfender ländlicher Regionen ist wei­ testgehend ausgeblieben und gelingt allenfalls dort, wo Beschäftigungsmöglichkeiten und andere Rahmenbe­ dingungen Angebote machen. Folglich ist auch der aktu­ elle Bedarf nach mehr Wohnraum in den Ballungsräumen das Ergebnis einer Strukturpolitik, die keinen Ausgleich zwischen ungleichen Arbeitsmarkt- und Lebenschancen zu leisten vermag. – Viele Problemlagen hängen voneinander ab, bedingen sich gegenseitig. Deshalb zeigt die vorliegende Studie in einer zusammenfassenden„Disparitätenkarte“ auf, wo Mehrfachbelastungen auftreten. Gunst- und Ungunstlagen werden mithilfe ausgewählter Indikatoren charakterisiert. Dabei wird deutlich, dass ländliche Räume im Osten Deutschlands, in manchen peripheren Lagen Westdeutschlands, aber auch altindustrielle Regionen weiterhin große Problemlagen und Konflikte zu bewältigen haben. Neu sind diese Erkenntnisse nicht. Die verstrichene Zeit, in der im konjunkturellen Hoch der vergangenen Jahre kein wirksa­ mes Gegensteuern gelang, stimmt daher besonders bedenk­ lich: Die allgemein prognostizierte Dämpfung der Wirtschafts­ entwicklung für die nächsten Jahre wird es nicht einfacher machen, die Weichen für eine ausgleichende Struktur- und Sozialpolitik mit Weitblick und Durchsetzungskraft zu stellen (Ernst& Young GmbH 2018, Bundesvereinigung der kommu­ nalen Spitzenverbände 2018). Die Handlungsempfehlungen dieses Berichts sind ein mahnender Auftrag an die Politik, aber auch an Akteur_innen aus Wirtschaft und Gesellschaft, ent­ sprechende Konzepte weiterzuentwickeln und umzusetzen (Ragnitz et al. 2014, Bauer et al. 2017) – aus Gründen der Gerechtigkeit, aber auch ganz pragmatisch als Rückbesinnung auf den sozialen Frieden im Land. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 5 2 DEUTSCHLAND HEUTE: STARK, SOLIDE, ARM Die Stärken und Schwächen der Raumstruktur sind vielschich­ tig und lassen sich mit einzelnen Kennziffern veranschaulichen. Sie stehen repräsentativ für verschiedene Themenbereiche. Ungleiche Entwicklungen im Land werden damit greif­ bar und für die Untersuchungsräume vergleichbar. Aber was bedeuten die einzelnen Ergebnisse in der Zusammenschau? Wo verdichten sich mehrere ungünstige Lagefaktoren zu Pro­ blemkomplexen? Auf welche Räume sollte sich Strukturpolitik künftig konzentrieren? Um diese Fragen zu beantworten, wur­ de eine Clusteranalyse mit ausgewählten repräsentativen Kennziffern(Indikatoren) durchgeführt, die der Betrachtung einzelner Themenfelder vorangestellt ist. Dabei werden die kreisfreien Städte und Landkreise in fünf Raum­typen mit ähnlichen Werteausprägungen von Indikatoren 1 überführt, die mit Expert_innen des Arbeitskreises Strukturpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgewählt wurden: 1. Anteil hoch qualifizierter Beschäftigter(Wirtschaft, Beschäftigung und Arbeitsmarkt): Bildung und Qualifika­ tion sind wesentliche Zugangsvoraussetzungen für den Arbeitsmarkt, besonders für lukrative und zukunftsorien­ tierte Beschäftigungsverhältnisse. Der Anteil der sozialver­ sicherungspflichtig Beschäftigten mit Hochschulabschluss(am Wohnort) trifft eine Aussage darüber, in wel­ chem Maße die Nachfrage nach wissensintensiver Arbeit auf dem Arbeitsmarkt auf entsprechend ausgebildete Ar­ beitskräfte trifft. Umso höher der Anteil, desto besser die aktuelle Arbeitsmarktstruktur und desto besser die Zu­ kunftsperspektiven für qualifizierte Beschäftigte und Un­ ternehmen. 2. Altersarmut, Kinderarmut(Bildungs- und Lebens­ chancen):„Armut ist keine Schande“, so das Sprichwort. Armut ist aber auf jeden Fall eine Belastung, für Kinder stellt sie zudem eine schwerwiegende Bürde für den ­späteren Bildungs- und Berufserfolg dar. In die Disparitä­ tenkarte gehen die Anteile der Leistungsempfänger_innen bei Kindern und älteren Menschen ein. Sie geben das ak­ tuelle Ausmaß von Armut in einer Untersuchungsregion und die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen der Grundsicherung wieder. 3. Lebenserwartung, Erreichbarkeit von Hausärzt_ innen, Bruttogehälter(Wohlstand und Gesundheit): Die Lebenserwartung gilt als Ergebnis einer gesunden Le­ 1 Fett gedruckt sind die Indikatorennamen und kursiv gesetzt die Themenbereiche. bensführung, die stark vom Bildungsstand, Einkommen und von der sozialen Lage abhängt. Die Erreichbarkeit von Hausärzt_innen gibt Auskunft über die medizinische Grundversorgung. Sie repräsentiert die Ausstattung einer Region mit Einrichtungen, die sich nachfrageorientiert ent­ wickeln. Die Versorgungslage wird dort zum Problem, wo sich Einrichtungen aus Wirtschaftlichkeitserwägungen zu­ rückziehen. Die mittleren Bruttogehälter am Wohnort(Me­ dian) zeigen die Einkommensmöglichkeiten durch Erwerbs­ tätigkeit auf einem Arbeitsmarkt an. Die Angabe nach dem Wohnort schärft die Aussage dieses Indikators für die Einkommen von Berufspendler_innen. 4. Kommunale Schulden, Wahlbeteiligung, Breitband­ anschluss(staatliches Handeln und Partizipation): Hohe Schuldenstände behindern Kommunen beim Unterhalt und Ausbau sowohl technischer wie sozialer Infrastruktur. Be­ troffene Bürger_innen sind entsprechenden Defiziten aus­ gesetzt, Verwaltungshandeln wird erschwert, der Hand­ lungsspielraum zur Verbesserung der Rahmenbedingungen reduziert. Geringe Wahlbeteiligungen können eine Folge­ reaktion sein, die unter anderem als Ausdruck einer Ver­ trauenskrise in staatliches Handeln gelten. Ein Beispiel für die Zusammenhänge zwischen staatlichem Handeln, der Qualität von Infrastruktur und den Teilhabemöglichkeiten der Bevölkerung ist der Breitbandausbau. Das Versprechen, Internetzugang für alle bereitzustellen, gilt als Chance für den Abbau von Disparitäten(zum Beispiel durch ortsun­ gebundene Erwerbsmöglichkeiten). 5. Gesamtwanderungssaldo(Binnenwanderungen): Das Wanderungsverhalten der Bevölkerung lässt sich mit der Bilanz aus Zuzügen und Fortzügen messen. Es gilt als Aus­ druck von Wohnstandortpräferenzen und damit als Einschätzung der Menschen zu erwünschten Lebensbe­ dingungen. Verzerrt werden diese Zahlen von der staatlich gesteuerten Flüchtlingszuwanderung im Beobachtungs­ zeitraum. Bei der Auswertung von Wanderungsdaten für diese Studie wurden deshalb Staatsangehörigkeiten mit einem hohen Anteil an Schutzsuchenden nicht berück­ sichtigt. Abbildung 1 zeigt das Ergebnis dieser Auswertung als Ge­ samtkarte. Für die Interpretation wurden die einzelnen räum­ lichen Cluster mit„sprechenden“ Namen versehen und in Ta­ belle 1 mit einer zusammenfassenden Darstellung der Indikatoren charakterisiert. Die verwendeten Symbole bewer­ ten die Ausprägung der Indikatoren als Vorteile(starker Vorteil: ; Vorteil: ) beziehungsweise Nachteile(Nachteil: ; starker FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 6 Nachteil: ) im gesamtdeutschen Vergleich, das Symbol steht für den Durchschnitt. So zeigt ein geringer Wert für Kin­ derarmut einen geringen Anteil an armutsgefährdeten Kindern an: Das ist ein Vorteil, der Pfeil zeigt nach oben. Bei kommu­ nalen Schulden ist ein hoher Wert ein Nach F t le e n i s l b , u d rg er Pfeil zeigt nach unten. Die Indikatorenmittelwerte für jeden Raumtyp stehen in grauer Textfarbe in Klammern, sodass mit den Sym­ bolen eine indikatorscharfe Einordnung der Clusterergebnisse möglich wird. Der Text greift diese Einordnung auf und ergänzt weitere charakteristische Merkmale. Kiel Abbildung 1 Die Disparitätenkarte Rostock Bremerhaven Flensburg Lübeck Flensburg Hamb K u ie r l g Kiel Schwerin Rostock Oldenburg Bremen Flensburg Lübeck Lübeck Bremerhaven Hamburg Kiel Schwerin Bremerhaven Hamburg Schwerin Rostock Rostock Oldenburg Old B e r n e bu m rg en Bremerhaven B H re a m n e n n over Osnabrück Lübeck Ha W m o b lfs u b r u g rg Schwerin Berlin Potsdam Frankfurt (Oder) Olde H nb i u ld rg esheim Bremen Braunschweig Magdeburg Münster Bielefeld Salzgitter Berlin Berli F n rankfurt Wolfsburg Potsdam (Oder) Frankfurt Hannover Wolfsburg Berlin Potsdam Frankfurt (Oder ) Hamm Osnabrück Paderb O o s r n n abrück Hannover Hannover Wolfsburg Potsdam (Oder) Osnabrück Hildesheim Braunschweig Magdeburg Bottrop Hild H e il s d h es e h i e m im Bra B un ra sc u hw n e s i c g hweig Magdeburg Magdebur g Duisburg Dortm M u ün n st d er Bielefeld Göttingen Bielefeld Salzgitter Müns B te i r elefeld Salzgitter Halle(Saale) Essen Hagen Münster Kassel Salzgitter Leipzig Krefeld Wuppertal Hamm Hamm Bottrop Paderborn Paderborn Düsseldorf Bottrop Duisburg Hamm Dortm Pa u d n er d born Göttingen Halle(Saale) Dresden Duisburg Bottrop Essen Hagen Göttingen Kassel Halle(Saale) Leipzig Duisburg Dortm Kre u feld nd Wuppertal Göttingen Erfurt Halle( Saale) Essen Hagen Dü D sse o ld r o tm rf und Kassel Jena Leipzig Dresden Aachen K Kre ö fel l d n S S E i i e s e g s g e e e n n n Krefeld Wuppertal Hagen Kassel Erfurt Jena Le C i h p e z m i n g itz Düsseldorf Aac W hen uppertal Köln S S i i e e g g e e n n Chemnitz Dresden Bonn Düsseldorf Bonn Erfurt Dresden Jena Aachen Köln S S i i e e g g e e n n Erfurt Jena Chemnitz Aachen Koblenz Köln Koblenz S S i i e e g g e e n n Chemnitz Bonn Frankfurt Wiesbaden a.M. Bonn Frankfurt Wiesbaden a.M. Mainz Darmstadt Koblenz Trier Würzburg Koblenz Mainz Dar F m ra st n ad k t furt Mannheim Trier Wiesbaden a.M. Frankfurt LudwigsWürzburg Saa W rbr i ü e c s k b en aden a.M hafe . n Heidelberg Mainz Darmstadt Heilbronn Trier Mannheim Mainz Karlsruhe Darmstadt Würzburg Trier Pforzheim Stuttgart LudwigsSaarbrücken hafen Heid M e a lnnheim berg Mannheim Reutlingen LudwigsHeilbronn Saarbrücken hafen H L e u id d e w ligsSaarbrücken Karlsruhe be h rg afen HeidelFreibu H rg ei b lb e r r o g nn Karlsruhe Heilbronn Pforzheim S K t a u rls t ru t h g e art Konstanz 0 20 km Pforzheim Stuttgart Pforzheim Stuttgart Reutlingen Erlangen Fürth Nürnberg Erlangen Regensburg Würzburg Fürth Erlangen Ingolstadt Passau Nü F r ü n rth ber E g rlangen Ulm Augsburg Fürth Nürnberg N M ü ü rn nc b h e e r R n g egensburg Regensburg Ingolstadt Regensburg Ingolstadt Ingolstadt Passau Passau Freiburg Freiburg Reutlingen Ulm Reutlin U g l e m n Augsburg dynamische Groß- und Mittelstädte mit Exklusionsgefahr Augsburg starkes(Um-)Land Ulm Deutschlands solide Mitte A M ugs ü bur n g chen München München Passau F l r ä e n ib d u lic r h g geprägte Räume in der dauerhaften Strukturkrise städtisch geprägte Regionen im andauernden Strukturwandel Stadtstaaten K B o e n rli s n t , K a H o n a n z m st b a u n rg z , Bremen(ohne Daten für kommunale Finanzen) Konstanz 0 20 km 0 20 km 0 20 km dynamische Groß- und Mittelstädte mit Exklusionsgefahr dynamische Groß d y u n n am d i M sch it e te G ls r t o ä ß d t u e n m d M it i E tt x e k ls lu tä s d io te n m sg it e E fa xk h lu r sionsgefahr starkes(Um-)Land starkes(Um-)Land starkes(Um-)Land Deutschlands solide Mitte Deutschlands soli D d e e u M tsc it h t l e ands solide Mitte ländlich geprägte Räume in der dauerhaften Strukturkrise ländlich geprägte Räume in der dauerhaften Strukturkrise ländlich g s e tä p d r t ä is g c t h e g R e ä p u rä m gt e e i R n eg d i e o r ne d n au im er a h n a d f a te u n ern S d tr e u n kt S u tr r u k k r t is u e rwandel städtisch geprägte Regionen im andauernden Strukturwandel städtisch S g ta e d p t r s ä ta g a t t e en Re Be g r i l o in n , e H n am im bu a rg n , d B a re u m er e n n d ( e o n hn S e tr D u a k t t e u n rw fü a r n k d om el munale Finanzen) Stadtstaaten Berlin, Hamburg, Bremen(ohne Daten für kommunale Finanzen) Stadtstaaten Berlin, Hamburg, Bremen(ohne Daten für kommunale Finanzen) Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Thünen-Institut, Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung, FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Bundesamt für Kartografie und Geodäsie, GeoBasis-DE/BKG 2018. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 7 Tabelle 1 Raumtypen sozioökonomischer Disparitäten in Deutschland Charakterisierung Vor- oder Nachteil räumliche Ausdehnung dynamische Groß- und Mittelstädte mit Exklusionsgefahr(78 Kreise; 22,7 Mio. Einw.) Außergewöhnliche Verdienstmöglichkeiten auf zukunftsfähigen Arbeitsmärkten, eine her­ausragende Versorgungslage an Einrichtungen und Infrastruktur sowie eine durchschnittliche Beteiligung der Bürger_innen an Wahlen zeichnen die wirtschaft­lichen Powerhäuser Deutschlands aus. Der/die durchschnittliche Einwohner_in ist besser versorgt als in den meis­ ten anderen Regionen Deutschlands, steht aber in zunehmender Konkurrenz zu den vielen Menschen, die diese Lagevorteile ebenfalls schätzen und in die Großstädte drängen. Res­ sourcenschwache Haushalte, in denen vergleichsweise viele Kinder leben, sind zunehmend von Exklusion und Verdrängung bedroht. Mehr ältere Mitbürger_innen leben in Armut als in anderen Raumtypen. Indikatoren wie die Lebenserwartung und Schulden variieren stark. Sie liegen im Mittel dieses Raumtyps nahe des deutschlandweiten Durchschnitts. HQ-Beschäftigte: (21,4%) Altersarmut: (4,3%) Kinderarmut: (18,0%) Lebenserwartung: (80,6 J.) Erreichbarkeit Hausärzt_innen: (3,5 Min.) Gehälter: (3.213 EUR) kom. Schulden: (1.585 EUR) Wahlbeteiligung: (74,4%) Breitband: (93,4%) Wanderungen: (97,6 Personen je 100 Tsd. Einw.) starkes(Um-)Land(62 Kreise; 13,7 Mio. Einw.) Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Berlin Potsdam Magdeburg Düsseldorf Wiesbaden Mainz Saarbrücken Erfurt Dresden Stuttgart München Historisch gewachsene Lagevorteile und die Nähe zu den attraktivsten Arbeitsmärkten Deutschlands machen diese Gebietskulisse in Süddeutschland, aber auch im Umland pros­ perierender Großstädte Westdeutschlands, stark. Armutsgefährdung und Schulden­last sind außerordentlich gering, Bruttogehälter, Lebenserwartung und Wahlbeteiligung deutsch­ landweit am höchsten. Kein Wunder, dass sehr viele Menschen in diese Regionen ziehen, auch wenn infrastrukturell(Breitbandanschluss, Hausärzt_innen) noch Luft nach oben ist. Die geringe Schuldenbelastung verleiht den Kommunen dieses Raumtyps vergleichsweise viel Handlungsspielraum, um die Infrastruktur zu modernisieren. Die Nähe zu großstädti­ schen Arbeitsmärkten und infrastrukturellen Angeboten ermöglicht eine hohe Lebensquali­ tät, die im Pendlerland Deutschland a­ llerdings ein hohes Maß an Mobilität voraussetzt. HQ-Beschäftigte: (15,8%) Altersarmut: (1,9%) Kinderarmut: (6,2%) Lebenserwartung: (82,0 J.) Erreichbarkeit Hausärzt_innen: (4,8 Min.) Gehälter: (3.534 EUR) kom. Schulden: (931 EUR) Wahlbeteiligung: (80,2%) Breitband: (82,3%) Wanderungen: (197,7 Personen je 100 Tsd. Einw.) Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Berlin Potsdam Magdeburg Düsseldorf Wiesbaden Mainz Saarbrücken Erfurt Dresden Stuttgart München Deutschlands solide Mitte(187 Kreise; 32,8 Mio. Einw.) Der Durchschnittscluster Deutschlands ohne besondere Abweichungen vom Bundes­mittel, mit einer Ausnahme: Der Anteil der hoch qualifizierten Beschäftigten ist hier im Bundesver­ gleich am geringsten. Die Perspektiven für die Erwerbstätigkeit der Zukunft könnten sich hier mit zunehmender Distanz zu den großstädtischen Arbeitsmärkten zum Risiko entwickeln. So zum Beispiel in Süddeutschland, wo sich dieser Raumtyp eher in den peripheren Lagen in Grenznähe zu Tschechien und Oberösterreich findet. In Westdeutschland ist er weitflächig verbreitet und umfasst ländlich und städtisch geprägte Räume, teilweise mit hohen Schul­ denlasten. In Ostdeutschland beschränkt sich die solide Mitte auf die Pendlereinzugsbereiche Berlins, deren Zukunftsperspek­tiven sich durch die hohe Strahlkraft der Hauptstadt weiter verbessern dürften. HQ-Beschäftigte: (10,2%) Altersarmut: (2,3%) Kinderarmut: (10,4%) Lebenserwartung: (80,6 J.) Erreichbarkeit Hausärzt_innen: (5,7 Min.) Gehälter: (3.183 EUR) kom. Schulden: (1.734 EUR) Wahlbeteiligung: (76,6%) Breitband: (77,1%) Wanderungen: (–17,4 Personen je 100 Tsd. Einw.) Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Berlin Potsdam Magdeburg Düsseldorf Wiesbaden Mainz Saarbrücken Erfurt Dresden Stuttgart München ländlich geprägte Räume in der dauerhaften Strukturkrise(53 Kreise; 8,1 Mio. Einw.) Die ländlichen Räume ostdeutscher Landkreise sind weiterhin stark vom demografischen Wandel betroffen, die Bevölkerung schrumpft. Ausschlaggebend dürften die vergleichs­ weise schlechten Erwerbsmöglichkeiten sein. Geringe Einkommen und ein geringer Anteil hoch qualifizierter Beschäftigter sind die Konsequenz. Zudem ent­wickeln sich infrastrukturelle Maß­nahmen nicht im erhofften Maß. Sinnbildlich dafür steht die stark unterdurchschnittliche ­Erreichbarkeit von Hausärzt_innen. Aber auch die drängende Aufgabe des Breitbandaus­ baus für den Zugang von Privathaushalten und Unternehmen zu zukunftsfähigem Internet (> 50 Mbit) kommt nicht entscheidend v­ oran. Positiv ist, dass die Kommunen kaum verschul­ det sind und durch den hohen Anteil an Frauen, die in der ehemaligen DDR durch Erwerbs­ tätigkeit Rentenansprüche erworben haben, die Altersarmut deswegen(noch) gering ausfällt. HQ-Beschäftigte: (10,5%) Altersarmut: (0,9%) Kinderarmut: (15,5%) Lebenserwartung: (79,8 J.) Erreichbarkeit Hausärzt_innen: (6,8 Min.) Gehälter: (2.464 EUR) kom. Schulden: (1.053 EUR) Wahlbeteiligung: (72,0%) Breitband: (59,0%) Wanderungen: (–213,4 Personen je 100 Tsd. Einw.) Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Berlin Potsdam Magdeburg Düsseldorf Wiesbaden Mainz Saarbrücken Erfurt Dresden Stuttgart München städtisch geprägte Regionen im andauernden Strukturwandel(22 Kreise; 5,4 Mio. Einw.) In diesem Raumtyp finden sich wenige altindustriell geprägte Kommunen im Ruhr­gebiet, im Saarland und in Rheinland-Pfalz sowie Bremen und Bremerhaven. Die Armut von Kindern und älteren Mitbürger_innen ist besonders hoch, die Versorgungslage mit Einrichtungen der Gesundheitsversorgung allerdings hervorragend. Im Mittel aller dieser Städte verlassen deutlich mehr Menschen die Region als zuziehen, die Gehälter sind durchschnittlich. Die ge­ ringe Lebenserwartung und Wahlbeteiligung deuten auf persistente Problemlagen hin, die kommunalen Haushalte sind mit einer hohen Schuldenlast nur eingeschränkt handlungsfä­ hig. P­ ositive Impulse zur Bewältigung des Strukturwandels sind in Städten dann zu erwarten, wenn finanzielle Handlungsfähigkeit hergestellt wird, die Armutsproblematik abgemildert und der Wegzug gestoppt werden kann. HQ-Beschäftigte: (13,4%) Altersarmut: (5,1%) Kinderarmut: (27,2%) Lebenserwartung: (79,5 J.) Erreichbarkeit Hausärzt_innen: (3,0 Min.) Gehälter: (3.190 EUR) kom. Schulden: (6.373 EUR) Wahlbeteiligung: (71,8%) Breitband: (93,1%) Wanderungen: (–249,5 Personen je 100 Tsd. Einw.) Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Berlin Potsdam Magdeburg Düsseldorf Wiesbaden Mainz Saarbrücken Erfurt Dresden Stuttgart München (starker Vorteil:  ; Vorteil:  ; Durchschnitt:; Nachteil:  ; starker Nachteil:  ; Abkürzungen: J.= Jahre, Tsd.= Tausend, Einw.= Einwohner_innen, kom.= kommunale, HQ= hoch qualifizierte) FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 8 RAUMTYPEN FÜR DIE STRUKTURPOLITIK Die Disparitätenkarte(Abbildung 1) zeigt, dass Deutschland im Wesentlichen in fünf Raumtypen unterteilt werden kann. Dabei ist durchaus beabsichtigt, die in unterschiedlichen Grünund Rottönen eingefärbten Raumtypen als städtisch und länd­ lich geprägte Untertypen bessergestellter beziehungsweise benachteiligter Regionen darzustellen. 1. Deutschlands solide Mitte(ockerfarben) bildet mit 32,8 Millionen Einwohner_innen(39,6 Prozent der Bevöl­ kerung Deutschlands mit insgesamt 82,8 Millionen Ein­ wohner_innen) und 187 Kreisen(46,5 Prozent der insge­ samt 402 kreisfreien Städte und Landkreise) den mit Abstand größten Raumtyp mit vornehmlich durchschnitt­ lichen Werten in den Indikatorausprägungen(siehe Tabelle 1). 2. Die bessergestellten Raumtypen der dynamischen Großund Mittelstädte mit Exklusionsgefahr und das starke(Um-)Land(grün beziehungsweise hellgrün) bilden zusammen die Wohlstandsregionen Deutschlands mit Schwerpunkten im Süden, punktuell auch in erfolgreichen Städten und Stadtregionen im Westen und Norden des Landes sowie Berlin. Hier wurde in den vergangenen Jah­ ren der Wettbewerbsvorsprung durch Investitionen in die Zukunft weiter ausgebaut, allerdings mit deutlichen Hin­ weisen auf eine zunehmende soziale Benachteiligung ein­ kommensschwacher Haushalte in größeren Städten. Dieser als Exklusionsrisiko bezeichnete Trend wird maßgeblich durch steigende Lebenshaltungskosten ausgelöst und führt zu einem erhöhten Armutsrisiko. Gleichzeitig gibt es deut­ liche Hinweise auf Wanderungsbewegungen aus den Großstädten in das wohlhabende Umland, in dem das Ar­ mutsrisiko bei Weitem nicht so ausgeprägt ist. In der Kon­ sequenz steigen auch die Lebenshaltungskosten im Um­ land. Die Mobilität der Menschen zwischen Umland und Kernstadt ist Voraussetzung für diesen Trend und belastet die Infrastruktur. In diesen beiden Raumtypen leben 36,4 Millionen Einwohner_innen(44,0 Prozent der Bevöl­ kerung Deutschlands) in 140 kreisfreien Städten und Land­ kreisen(34,8 Prozent der Kreise). 3. Die benachteiligten Raumtypen setzen sich aus den städtisch geprägten Regionen im andauernden Strukturwandel und den überwiegend ländlich geprägten Regionen in der dauerhaften Strukturkrise zusam­ men(dunkelrot beziehungsweise rosa). Die Ursachen der Strukturprobleme sind unterschiedlich: Während die städ­ tisch geprägten Regionen im Westen des Landes den Bedeutungsverlust altindustrieller Wirtschaftszweige(zum Beispiel Bergbau und Schwerindustrie) zu bewältigen ha­ ben, sind in den vornehmlich ländlich geprägten Regionen Ostdeutschlands die Nachwirkungen der deutschen Wie­ dervereinigung und des nachfolgenden Zusammenbruchs ganzer Wirtschaftszweige und Arbeitsmärkte der ehe­ maligen DDR zu spüren. Es ist trotz einiger vielverspre­ chender Ansätze in diesen beiden Raumtypen bislang nicht gelungen, für die Breite der Gesellschaft neue Per­ spektiven insbesondere auf dem Arbeitsmarkt zu entwi­ ckeln. Insgesamt leben in diesen Regionen 13,6 Millionen Menschen(16,4 Prozent der Bevölkerung Deutschlands) in 75 Kreisen(18,7 Prozent der kreisfreien Städte und Landkreise). Die Bevölkerungsentwicklung in den Raum­ typen deutet darauf hin, dass die Bevölkerung beider Raumtypen in der Summe weiter abnehmen wird. Zu­ sätzlich zur internationalen Wanderung drängt die Bevöl­ kerung dieser Räume vornehmlich in die Raumtypen der dynamischen Groß- und Mittelstädte mit Exklusionsgefahr und in das starke(Um-)Land. Die Zusammenfassung dieser Raumtypen ist gut geeignet, um die sozioökonomischen Disparitäten übergreifend in ihrer Raumwirksamkeit zu erklären und zu bewerten. Zudem kann auf dieser Grundlage weiterverfolgt werden, wie strukturpo­ litische Maßnahmen auf die Raumtypen und einzelnen Kreise wirken. Tabelle 2 zeigt in diesem Zusammenhang die aktuel­ len Bandbreiten von Indikatorausprägungen mit den Namen der kreisfreien Städte beziehungsweise Landkreise, die die minimalen und maximalen Werte der Raumtypen je Indikator einnehmen. Damit wird deutlich, welche Kreise die Ränder der Raumtypen besetzen. So ist zum Beispiel die Armutsgefähr­ dung von Kindern und älteren Mitbürger_innen ein generelles Problem von Großstädten, die Extremwerte zwischen den dynamischen Groß- und Mittelstädten mit Exklusionsgefahr und den städtisch geprägten Regionen im andauernden Struk­ turwandel liegen nicht weit auseinander(Kinderarmut: Halle an der Saale mit 31,9 Prozent beziehungsweise Gelsenkirchen mit 39,5 Prozent; Altersarmut: Frankfurt am Main mit 8,8 Pro­ zent beziehungsweise Offenbach am Main mit 8,9 Prozent). Aus dieser Betrachtung wird ebenfalls deutlich, dass die Extremwerte von Kreisen besetzt werden, die sich an der Gren­ ze zwischen zwei Raumtypen befinden. Ein solcher Grenzfall ist die Stadt Chemnitz. Insbesondere die vergleichsweise ge­ ringe kommunale Verschuldung und die geringe Altersarmut bewirken, dass Chemnitz dem Cluster der dynamischen Großund Mittelstädte zugeordnet wird, auch wenn einzelne Indi­ katoren geringere Werte im Vergleich zum Durchschnitt dieses Raumtyps aufzeigen(zum Beispiel Bruttogehälter und Breit­ bandanschluss). Tabelle 3 zeigt in diesem Zusammenhang einen Auszug aus einer Internetanwendung 2 , die für diese Studie erstellt wurde und mit WebGIS-Funktionen die Mög­ lichkeit bietet, die Indikatorausprägungen einzelner Städte und Landkreise im Vergleich zum Bundesdurchschnitt und der Mit­ telwerte des Raumtyps aufzurufen. Zur Illustration der Clus­ tereinordnung von Chemnitz wurden in der Tabelle die Wer­ te für Berlin gegenübergestellt. Es wird deutlich, dass insbesondere die vergleichsweise niedrigen Armutsquoten in Chemnitz die Vorteile Berlins 3 (zum Beispiel höherer Anteil hoch qualifizierter Beschäftigter, höhere Einkommen, bessere Breitbandversorgung, Wanderungsgewinne) kompensieren. Aus diesem Blickwinkel sind die vorgestellten Raumtypen das Ergebnis des Zusammenwirkens von Indikatorausprägungen, die sich zu regionalen Mustern der Raumentwicklung verdich­ ten lassen. Mehrere Benachteiligungen aus verschiedenen Themenbereichen führen zu räumlich vergleichbaren Bewer­ 2 Vgl. www.fes.de/ungleichesdeutschland/(4.6.2019). 3 Anzumerken ist, dass Berlin über keine Vergleichswerte für kom­ munale Finanzen verfügt und deshalb in der Clusterbildung auf Grundlage einer Ähnlichkeitsprüfung der verfügbaren Werte den dynamischen Großstädten mit Exklusionsgefahr zugeordnet wurde. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 9 Tabelle 2 Bandbreiten von Indikatorwerten in den einzelnen Raumtypen Indikator Wert Anteil hoch quali­ f­izierter Beschäftigter in Prozent Minimum Maximum dynamische Groß- und Mittelstädte mit Exklusionsgefahr 6,9(Delmenhorst) 44,1(Heidelberg) Altersarmut in Prozent aller älteren Einwohner_innen Kinderarmut in Prozent aller Kinder Minimum 1,1(Gera) Maximum Minimum 8,8(Frankfurt am Main) 8,1(Ingolstadt) Maximum 31,9(Halle/Saale) starkes (Um-)Land Deutschlands solide Mitte 9,4(Berchtesgadener Land) 29,0(München, Landkreis) 0,9(Eichstätt) 2,8(Lindau/ Bodensee) 2,0(Pfaffenhofen an der Ilm) 13,0(Pinneberg) 6,0(Wittmund) 19,3(Göttingen) 0,7(MärkischOderland) 3,9(Emden) 2,5(Unterallgäu) 24,7(Salzgitter) ländlich geprägte Räume in der dauerhaften Strukturkrise 7,3(Prignitz) städtisch geprägte Regionen im andauernden Strukturwandel 7,3(Pirmasens) 14,7(Meißen) 20,1(Bochum) 0,5(Greiz) 3,2(Remscheid) 1,8(Nordwest­ mecklenburg) 7,5(Eichsfeld) 24,9(Uckermark) 8,9(Offenbach am Main) 13,5(Trier, kreisfreie­ Stadt) 39,5(Gelsenkirchen) Lebenserwartung in Jahren Erreichbarkeit von Hausärzt_ innen in Pkw-Min. Minimum Maximum Minimum Maximum 78,0(Flensburg) 83,0(München, Landkreis) 1,8(München, Landeshauptstadt) 7,0(Frankfurt/Oder) 80,9(Nürnberger Land) 83,4(Starnberg) 2,5(Main-TanusKreis) 7,7(Oberallgäu) 78,1(Emden) 82,2(Offenbach) 2,8(Solingen) 10,5(Emden) Bruttogehälter am Wohnort in EUR Minimum Maximum kommunale Schulden in EUR je Einwohner_in Minimum Maximum Wahlbeteiligung in Prozent Minimum Maximum Breitbandanschluss Haushalte in Prozent Minimum Maximum Binnenwanderungssaldo je 100 Tsd. Einwohner_innen Minimum Maximum 2.423(Gera) 4.169(Erlangen) 0(Dresden) 5.755(Mainz) 65,7(Brandenburg/ Havel) 83,9(München, Landkreis) 74(Brandenburg/ Havel) 100(Regensburg, Rosenheim) –593(Frankfurt/ Oder) 1.433(Leipzig) 2.942(Berchtes­ gadener Land) 4.126(Main-TaunusKreis) 227(Biberach) 2.641(TeltowFläming) 4.310(Wolfsburg) 21(Wolfsburg) 4.594(Hochtaunus­ kreis) 75,3(Lörrach) 7.206(Kusel) 71,3(Deggendorf) 84,4(Starnberg) 81,7(Forchheim) 58(BreisgauHochschwarzwald) 96(Hochtaunus­ kreis) –147,3(Aschaffen­ burg, Landkreis) 569(Herzogtum Lauenburg) 36(Eifelkreis Bitburg-Prüm) 98(Speyer, Franken­thal/Pfalz) –937(Göttingen, Landkreis)* 959(Havelland) 78,2(Kyffhäuser­ kreis) 81,4(Saale-Holz­ land-Kreis) 4,2(Zwickau) 77,3(Pirmasens) 80,8(Offenbach am Main) 2,0(Gelsenkirchen) 11,2(Ostprignitz Ruppin) 4,6(Pirmasens) 2.271(Vorpom­ mern-Rügen) 2.755(Pirmasens) 2.751(Oder-Spree) 3.525(Mülheim an der Ruhr) 382(Hildburg­hausen) 4.190(Dortmund) 2.367(MansfeldSüdharz) 64,4(Salzlandkreis) 9.998(Pirmasens) 67,6(Offenbach) 77,2(Sächs. Schweiz/ 77,5(Mülheim an Osterzg.) der Ruhr) 31(Jerichower Land) 80(Saarbrücken, Regionalverband) 87(Suhl) 97(Herne, Pirmasens, Gelsenkirchen) –638(Suhl) –864(Offenbach am Main) 320(Rostock, ­Landkreis) 85(Mülheim an der Ruhr) * Möglicher Sondereffekt des Grenzdurchgangslagers Friedland und der Kreisgebietsreform 2016. Quelle: eigene Darstellung. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 10 Tabelle 3 Vergleich der Indikatorausprägungen für ausgewählte Kreise mit den Mittelwerten aller Kreise(Deutschland) und den Mittelwerten des entsprechenden Raumtyps Indikator Deutschland dyn. Großund Mittelstädte mit Exklusionsgefahr 1 Chemnitz, Stadt Berlin hoch qualifiziert Beschäftigte(%) 13,5 21,4 21,1 28,4 Altersarmut(%) 2,6 4,3 1,6 6,1 Kinderarmut(%) 12,8 18,0 18,8 29,4 Lebenserwartung(J.) 80,6 80,6 80,7 80,7 Erreichbarkeit Hausärzt_ innen(Min.) Bruttogehälter (EUR) 5,1 3.148 3,5 3.213 2,9 2.654 2,1 3.100 kom. Schulden (EUR) WahlbeteiBreitband ligung(%)(%) Binnenwanderungen(je 100 Tsd. Ew.) 1.723 75,9 1.585 74,4 79,6 –1,1 93,4 97,6 814 75,1 k. A. 75,6 80,0 –32 94,0 21,2 1 Ohne die Werte für die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg, die aufgrund fehlender Daten für kommunale Schulden in der Clusterbildung nicht berücksichtigt wurden. Quelle: eigene Darstellung. tungen historisch gewachsener Lebensbedingungen und den Zukunftschancen einer Region. Diese breit angelegte Heran­ gehensweise ist hilfreich, um im politischen Raum Informati­ onsgrundlagen für strukturpolitische Maßnahmen zu disku­ tieren. Sie muss aber nicht zwingend der Wahrnehmung der Bevölkerung vor Ort entsprechen: Kleinräumige Unterschiede innerhalb der Kommunen, aber auch die Einbeziehung von Indikatoren zu Zukunftsperspektiven, die den Lebensalltag der Menschen heute womöglich noch nicht maßgeblich beein­ flussen, können abweichende Einschätzungen begründen. In diesem Zusammenhang liefert die Studie über die Betrach­ tungsmöglichkeit von Einzelindikatoren in der Internetanwen­ dung ein hohes Maß an Transparenz. Interessierte Beobach­ ter_innen können sich die Bewertungen im Einzelnen erschließen. Dennoch wurde mit Blick auf die aktuellen Un­ gleichheiten der Lebensverhältnisse, mit denen die Bevölke­ rung im Alltag konfrontiert ist, eine weitere Raumtypologie erstellt, die sich ausschließlich auf Wohlstands- und Armutsas­ pekte konzentriert. Dabei werden Armutsrisiken wie stark steigende Lebenshaltungskosten in die Betrachtung einbezo­ gen. Auf dieser Grundlage beschreibt die nachfolgende Aus­ wertung die heutigen Wohlstands- und Armutslagen in Deutschland in ihrer räumlichen Zusammenschau. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 11 3 WOHLSTAND UND ARMUT Deutschland ist gespalten, nicht nur in den Raumtypen. Die soziale Polarisierung findet sich zunehmend auch im städti­ schen Gefüge wieder, wo bevorzugte Lagen zunehmend bes­ serverdienenden Schichten vorbehalten sind und parallel Men­ schen in benachteiligten Lagen verarmen. Davon betroffen sind vor allem ältere Menschen und Kinder in Haushalten mit geringen Einkommen. Das volle Ausmaß der Armutsgefähr­ dung wird dort zum zentralen Zukunftsproblem, wo die Stei­ gerung der Lebenshaltungskosten solche Haushalte besonders hart trifft. In der aktuellen Debatte steht die Mietpreisentwick­ lung im Mittelpunkt: Umso höher die Miete in einem Raum ansteigt, umso stärker ist das Exklusionsrisiko für einkommens­ schwache Haushalte. In diesem Zusammenhang wurde eine Auswertung vorge­ nommen, die auf die Ungleichverteilung von Wohlstand und Armut abzielt. Berücksichtigt wurden die Armutsquoten für ältere Mitbürger_innen und Kinder, die Bruttogehälter am Ar­ beitsort, das verfügbare Haushaltseinkommen(das heißt alle Einnahmen eines Haushalts unter Berücksichtigung von Trans­ ferleistungen und Abzügen) sowie die Mietpreisentwicklung als Indikator für die Entwicklung der Lebenshaltungskosten. Abbildung 2 zeigt die resultierenden Raumtypen dieser Be­ trachtung: – Die in Blauviolett dargestellten Regionen sind die Problemlagen im bundesdeutschen Vergleich. In hellerem Blauviolett trifft dies auf altindustrielle Regionen im Struktur­ wandel(Ruhrgebiet, Saarland, Hafenstandorte) und zahl­ reiche Großstädte Ostdeutschlands zu. Bei vergleichsweise geringen Anstiegen der Wohnkosten ist hier Kinderar­ mut ein weit verbreitetes Problem, die Einkommen sind besonders gering. – Die außerordentlich geringe Ausprägung von Altersar­ mut in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands(dunk­ leres Blauviolett) lässt sich wiederum durch die Renten­ ansprüche insbesondere von Frauen erklären, die häufiger erwerbstätig waren als Frauen der westdeutschen Bundesländer(siehe auch die Erläuterungen im Ab­ schnitt„Wirtschaft, Beschäftigung und Arbeitsmarkt“). – In dunklerem Olivton sind die weitflächigen Wohlstands­ regionen Süddeutschlands erkennbar, ergänzt durch ein­ zelne Kreise in West- und Norddeutschland im Umland erfolgreicher Arbeitsmärkte und im Umkreis von Stand­ orten wettbewerbsfähiger Industrien. In diesen Regionen sind die durchschnittlichen Einkommen hoch bis sehr hoch, die Altersarmut und Kinderarmut relativ gering, die Wohnkosten steigen allerdings stark an(siehe Tabelle 4). – Im helleren Olivton sind wenige Kreise in Süd-, Westund Norddeutschland mit einer höheren Armutsquote für Kinder und ältere Mitbürger_innen erkennbar. Ein­ kommen und Wohnkosten fallen hier etwas geringer als in den in dunklerem Oliv eingefärbten Regionen aus. – Mittlere Bewertungen erfahren die Kreise und kreisfrei­ en Städte im Gelbbeige-Farbton: Hier sind die meisten Indikatorausprägungen durchschnittlich, mit Ausnahme einer weniger starken Kinderarmut und einem geringe­ ren Anstieg der Wohnkosten. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 12 Abbildung 2 Wohlstand und Armut in Deutschland Flensburg Flensburg Kiel Bremerhaven Bremerhaven Kiel Lübeck Lübeck Hamburg Schwerin Hamburg Rostock Schwerin Rostock Oldenburg Oldenburg Br emen Bremen Osnabrück Münster Osnabrück Bielefeld Hamm Paderborn Bottrop Duisburg Münster Dortmun B d ielefeld Essen Krefeld Hagen Wuppertal Düsseldorf Hamm Paderborn Bottrop Duisburg Aachen Köln S S i i e e g g e e n n Bo D nn ortmund Essen Hagen Krefeld Wuppertal Koblenz Düsseldorf Wiesbaden Frankfurt a.M. Aachen Köln Trier S S i i e e g g e e n n Mainz Darmstadt Hannover Wolfsburg Hildesheim Braunschweig Magdeburg Hann S o alz v git e te r r Wolfsburg Berlin Potsdam Frankfurt (Oder) Berlin Potsdam Frankfurt (Oder ) Hildesheim Göttingen Kassel Braunschweig Salzgitter Halle(Saale) Magdebur g Leipzig Erfurt Jena Göttingen Kassel Chemnitz Halle( Saale) Dresden Leipzig Würzburg Erfurt Jena Chemnitz Dresden Bonn Mannheim Saarbrücken Koblenz Wiesbaden Ludwigshafen Heidelberg Fra Ka n rls k ru f he urt a.M. Pforzheim Heilbronn Stuttgart Mainz Darmstadt Reutlingen Trier Saarbrücken 0 20 km Freiburg Mannheim Ludwigshafen Heidelberg Karlsruhe Konstanz Heilbronn Erlangen Fürth Nürnberg Regensburg Ingolstadt Ulm Würzburg Augsburg Mün Er c la h n e g n en Fürth Nürnberg Passau Regensburg Wohlstand in Deut P s fo c rz h he la im nd Stuttgart überdurchschnittlich durchschnittlich Reutlingen Ulm unterdurchschnittlich Freiburg Ingolstadt Augsburg München Passau 0 20 km Konstanz Wohlstand in Deutschland überdurchschnittlich durchschnittlich unterdurchschnittlich Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Emiprica, Geo-Basis-DE/BKG 2018. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 13 Tabelle 4 Wohlstand in Deutschland Belastung durch Altersarmut Cluster 1 Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 Cluster 5 Belastung durch Kinderarmut Bruttogehälter am Wohnort Haushaltseinkommen Symbole: starker Vorteil:  ; Vorteil:  ; Durchschnitt:; Nachteil:  ; starker Nachteil: Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. steigende Lebenshaltungskosten Diese Auswertung verdeutlicht das Wohlstandsgefälle in Deutschland in seinen Grundtendenzen: Dem weit verbreite­ ten Wohlstand in Süddeutschland stehen benachteiligte Lagen im Osten des Landes gegenüber, mit einer stabilen ländlichen Mitte in westdeutschen Regionen und um Berlin. Dieses Mus­ ter wird unterbrochen von den Verhältnissen in großstädti­ schen Lagen der westdeutschen Bundesländer, die in der Folge des industriellen Strukturwandels mit persistenten Ar­ mutsproblemen konfrontiert sind. Steigende Lebenshaltungs­ kosten, hier repräsentiert durch die Mietpreisentwicklung im Bestand, erzeugen aber auch in den wirtschaftlich erfolgrei­ chen Großstädten ein zunehmendes Armutsrisiko, das zu Ex­ klusion und Verdrängung führen kann. Die in diesem Abschnitt aufgeführten zusammenfassenden Betrachtungen machen deutlich, wo sich Einzelfaktoren zu räumlichen Mustern verdichten. Damit werden raumstruktu­ relle Unterschiede in einer generalisierenden Art und Weise deutlich, der Erklärungsgehalt der einzelnen Indikatoren aber zwangsläufig ausgeblendet. Um diesen Erklärungsgehalt und die dahinter liegenden raumstrukturellen Triebkräfte genauer zu verstehen, werden in den nachfolgenden Abschnitten In­ dikatoren im Detail beschrieben und interpretiert. Gegliedert sind diese Abschnitte nach den Themenbereichen Wirtschaft, Beschäftigung und Arbeitsmarkt, Lebens- und Bildungschan­ cen, Wohlstand und Gesundheit, staatliches Handeln und Par­ tizipation sowie Wanderungsgeschehen. Textbox 1 Methodenhinweise zu kleinräumigen Vertiefungen Die Ausmaße kleinräumiger sozialräumlicher Disparitäten gehen in dieser Studie in den Mittelwerten von kreisfreien Städten und Land­ kreisen auf. Umso größer und – im sozialräumlichen Sinne – hetero­ gener die Zuschnitte dieser Verwaltungseinheiten sind, umso stärker verbergen Durchschnittsangaben für den Raum die Streuung der vor­ kommenden Werte. Kleinräumige Vertiefungen auf der Ebene soge­ nannter Planungsräume sind dann notwendig – in Großstädten wie Berlin werden sie seit Längerem durchgeführt(Klimeczek 2018: 350). Für 447 Planungsräume werden hier kleinräumig Indikatoren zu The­ menbereichen wie dem Sozialstatus nach dem sogenannten Statusindex„Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ erfasst und mit weite­ ren Themenbereichen zu Umweltbelastungen beispielsweise und der Wohnungsmarktsituation als Planungsgrundlage ressortübergreifend genutzt. Aber auch Landkreise in suburbanen Lagen Ostdeutschlands (zum Beispiel die Umlandkommunen Leipzigs) verbergen aufgrund ih­ rer Größe und Heterogenität die Breite an sozialen Lagen, die sich in den Räumen befinden. Durch die Gebietsreformen der 2000er Jahre sind hier Verwaltungseinheiten entstanden, in denen sich sehr hetero­ gene sozialräumliche Prozesse abspielen können. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 14 4 DIMENSIONEN DER UNGLEICHHEIT 4.1  WIRTSCHAFT, BESCHÄFTIGUNG UND ARBEITSMARKT Abbildung 3 Veränderung des Bruttoinlandproduktes je Erwerbstätigen 2011–2016 in Euro Einkommen aus der Erwerbstätigkeit zu erzielen ist eine ent­ scheidende Bedingung für soziale Teilhabe, die Realisierung Kiel eigener Lebensentwürfe und die Vermeidung von Armutsri­ siken, insbesondere im Alter. Die diesbezüglichen Angebote Kiel Hamburg Schwerin der regionalen Arbeitsmärkte weisen indes gravierende Dispa­ Schwerin Hamburg ritäten auf. So konnten die Wachstumsregionen im Süden des Landes ihre bereits länger eingenommene Spitzenpo B s re i m ti e o n n Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam weiter ausbauen. Dies äußert sich in einer höheren Produkti­ Hannover vität, höheren Beschäftigungsquoten und in überdurchschnitt­ Magdeburg Berlin Potsdam lichen Arbeitsmarktangeboten in Zukunftsbranchen mit hoher Düsseldorf Erfurt Dresden Technologiekompetenz, Innovationskraft und globaler Vernet­ Düsseldorf zung. Andere Regionen fallen dagegen in der Vorhaltung gut Erfurt Dresden Wiesbaden bezahlter und zukunftssicherer Beschäftigungsmöglichkeiten Mainz zurück. Im interregionalen Wettbewerb der Wirtsc W h ie a sb f a t d s en ent­ Saarbrücken wicklung in Deutschland muss deshalb davon aus M g a e inz gangen werden, dass sich wirtschaftliche Disparitäten Saa a rb u rüc c ke h n zukünftig Stuttgart weiter verschärfen, selbst wenn sich punktuell Aufholprozes­ München se in strukturschwachen Regionen nachweisen lassen S ( tu B tt e ga r rt ­ thold/Müller 2010). 4.1.1 BRUTTOINLANDSPRODUKT VBreurättnodinelraunndgpdroeds uktes je Erwerbstätigen 2011-2016 in Euro Aussagekraft des Indikators München Veränderung des Bruttoinlandproduktes je Erwerbstätigen 2011-2016 in Euro bis u b nte is r unt 0 er 0 0 bis u b nte is r u 4 n .00 t 0 er 4 4.0 .0 00 00 bis u b nte is r u 6 n .00 t 0 er 6 6.0 .0 00 00 bis u b nte is r u 8 n .00 t 0 er 0 4.000 6.000 8.000 bis unter 0 0 bis unter 4.000 4.000 bis unter 6.000 6.000 bis unter 8.000 8.000 und mehr keine Daten Das Bruttoinlandsprodukt(BIP) ist ein Standardmaß für die 8 8.0 .0 00 00 und m u e n hr d mehr k k e e ine in D e ate D n aten wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft. Es drückt den Wert aller im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen aus und misst somit die inländische Wertschöpfung. Um eine Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; GeoBasis-DE/BKG 2018. vergleichbare Basis für die unterschiedlich großen kreisfreien Städte und Landkreise zu schaffen, wird das BIP hier in Tsd. Euro je erwerbstätiger Person ausgewiesen. Dieser Indikator Interpretation gilt als leicht zugängliches und international vergleichbares Maß für die Produktivität einer regionalen Ökonomie, auch Die deutsche Volkswirtschaft ist von erheblichen räumlichen wenn das BIP nicht immer am Arbeitsort eines Unternehmens Disparitäten der Produktivität geprägt. Die Wertespanne reicht verbucht wird. Dies trifft zum Beispiel auf Unternehmen mit von 50.309 Euro/Jahr im Erzgebirgskreis bis 170.216 Euro/Jahr Haupt- und Nebensitzen zu. Dennoch gibt das regional diffe­(BIP pro erwerbstätiger Person) in der kreisfreien Stadt Wolfs­ renzierte BIP je erwerbstätiger Person eine recht zuverlässige burg im Jahr 2016. Abbildung 4 zeigt ein gravierendes Auskunft über die räumliche Verteilung der wirtschaftlichen West-Ost-Gefälle, aber auch ein Süd-Nord-Gefälle(siehe auch Wertschöpfung und die regionalen Unterschiede der Produk­ IWH 2019). Ostdeutsche Landkreise weisen verbreitet Werte tivität. von unter 60.000 Euro aus, während für wirtschaftlich erfolg­ reiche Regionen in Süd- und teilweise auch Westdeutschland häufig Werte von über 70.000 oder gar 80.000 Euro anzu­ treffen sind. Höhere Werte über 70.000 Euro sind auch in den UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 15 Abbildung 4 Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen 2016 in Euro Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hamb H ur a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g r d g eburg Düssel D d ü o s r s f eldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesb W ad i en sbaden Mainz Mainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M e ü n nchen 0 20 km0 20 km BruttoiBnrluatntdosinplraondduskptrjoedukt je ErwerbEsrtwäteigrbesntä2t0ig16en 2016 in Euro in Euro Anzahl dAenr zKarehilsdeeimr KWreiesreteimbeWreiecrhtebereich 100 100 bis b u i n s te u rb n is t 6 e u0n r .0te0 6 r0 0. 6 0 0 0 .0 0 00 80 80 6 6 0 0 .0 . 0 0 0 0 6 0 b0i.s0 b 0u i 0n s te u rb n is t 6 e u5n r .0te0 6 r0 5. 6 0 5 0 .0 0 00 6 6 5 5 .0 . 0 0 0 0 6 0 b5i.s0 b 0u i 0n s te u rb n is t 7 e u0n r .0te0 7 r0 0. 7 0 0 0 .0 0 0600 60 7 7 0 0 .0 . 0 0 0 0 7 0 b0i.s0 b 0u i 0n s te u rb n is t 8 e u0n r .0te0 8 r0 0. 8 0 0 0 .0 0 00 8 8 0 0 .0 . 0 0 0 0 u8 0 n0d.0 u 0m n 0e d hur m nd e m h e r hr 40 40 20 20 MittelwMeirtteldweerrstetaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliesntyKpreenistypen in Euro in Euro 67.038 D67e.0u3ts8chlDanedutschland 73.720 7k3re.7is2fr0eiekGreriosfßrestieädGteroßstädte 68.551 6st8ä.d5t5i1schsetäKdretiisscehe Kreise 64.638 6lä4n.6d3lic8heläKnrdeilsicehemKitreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgesnansätzen 61.459 d61ü.n4n59besdiüednneltbeesiedelte ländlicheläKnrdeilsicehe Kreise 0 0 60.000 60.000 80.000 80.000 100.000100.000 120.000120.000 140.000140.000 160.000160.000 IndikatorIenndaikuastporräegnuanugspinräEguurnog in Euro Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 16 Umlandkreisen ostdeutscher und norddeutscher Städte zu hineinragenden Hauptverkehrsachsen. Der immer noch enor­ finden(z. B. Berlin, Leipzig und Hannover). Innerhalb dieser me Abstand der ostdeutschen Produktivität gegenüber dem beiden Gruppen haben die Stadt und der Landkreis München westdeutschen Vergleichsniveau kann somit auch mit einem sowie der Main-Taunus-Kreis nahe Frankfurt die höchsten geringeren Urbanisierungsniveau erklärt werden(Gornig 2019). Werte(mehr als 100.000 Euro pro erwerbstätiger Person), zusammen mit den Industriestandorten Wolfsburg, Ludwigs­ hafen am Rhein, Ingolstadt und Böblingen. In diesen Regionen 4.1.2 BESCHÄFTIGUNGSQUOTE ist die durchschnittliche Produktivität pro erwerbstätiger Per­ son fast doppelt so hoch wie in den Kreisen der untersten Aussagekraft des Indikators Klasse. Diese zumeist ländlichen Regionen mit Werten von weniger als 60.000 Euro pro erwerbstätiger Person befinden Die Beschäftigungsquote gibt Auskunft über das regionale sich unter anderem in zusammenhängenden Gebieten in den Arbeitsmarktangebot wie auch die Erwerbsbeteiligung der ostdeutschen Bundesländern und im östlichen Niedersachsen, erwerbsfähigen Bevölkerung. Die Aussage, wie viele sozial­ punktuell auch in Grenzlagen Bayerns(Oberpfalz) sowie in versicherungspflichtig Beschäftigte je 1.000 Einwohner_innen Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Die Ungleichheit einer Beschäftigung nachgehen, erlaubt somit Rückschlüsse beim BIP je erwerbstätiger Person wiegt schwer, da sie eng auf die Qualität eines regionalen Arbeitsmarktes, sie zeigt aber mit den Disparitäten der Einkommen zusammenhängt(siehe auch soziale Normen an. Zu berücksichtigen ist auch, dass die hierzu Abschnitt 4 dieser Studie). Beschäftigungsquote durch den Umfang der Studierenden und Beamtenbeschäftigung beeinflusst wird. In größeren Uni­ Im zeitlichen Verlauf zeigen sich aber durchaus gewisse Auf­ versitäts- und Verwaltungsstädten sind die Beschäftigungs­ holtendenzen in Regionen mit geringerer Produktivität(siehe quoten nicht selten unterdurchschnittlich. auch Küppers/Peters 2019). Landkreise und kreisfreie Städte mit Zuwächsen des BIP pro erwerbstätiger Person von über Interpretation 8.000 Euro in den Jahren 2011 bis 2016 finden sich teilweise auch in strukturschwächeren Gebieten wie Nord- und Ost­ Deutschland hat in den vergangenen Jahren einen bemer­ friesland sowie in Teilen Brandenburgs, Sachsen-Anhalts und kenswerten Beschäftigungsboom erlebt. Dies drückt sich auch Thüringens(siehe Abbildung 3). Vom starken Wirtschafts­ in der Beschäftigungsquote aus, die nahezu überall angestie­ wachstum der vergangenen Jahre konnten somit auch Regi­ gen ist. Insbesondere Frauen und ältere Arbeitnehmer_innen onen abseits der dynamischen Agglomerationen profitieren. Ob dies allerdings als Anzeichen für eine stabile regionale Konvergenz zu werten ist, muss angesichts großer demogra­ fischer Zukunftsrisiken und infrastruktureller Defizite eher be­ zweifelt werden(Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwick­ Abbildung 5 Beschäftigungsquote Frauen 2017(SV-beschäftigte Frauen je 1.000 Einwohnerinnen) in Prozent lung/Nuremberg Institute for Market Decisions 2019; siehe hierzu auch Abschnitt„Binnenwanderung“ in dieser Studie). Kiel Die Ursachen hinter den aufgezeigten regionalen Unterschie­ Kiel den bei der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit sind komplex. Hamburg Schwerin Ein wichtiger Faktor ist das regionale Vorkommen großer, Ha f m o b r u ­ rgSchwerin schungsintensiver Unternehmen, die häufig zahlreiche Zulie­ ferer im regionalen Umfeld haben und auch posit B i r v eme a n uf die Gründerkultur einer Region wirken können. Hier hab H e an n nov d er ie Magdeburg süddeutschen und – mit gewissem Abstand – westdeutschen Berlin Potsdam Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Regionen Vorteile, da hier viele Großunternehmen mit strate­ Düsseldorf Erfurt Dresden gischen Unternehmensfunktionen behe D im üsse a ld t o e rf t sind(siehe auch Erfurt IWH 2019: 9). Neben unterschiedlichen Betriebsgrößenstruk­ Dresden Wiesbaden turen liegt eine zweite Ursache in der räumlichen Verteilung Mainz Wiesbaden solcher Branchen, in denen höhere Löhne be M z ai a nz hlt werden. Wirtschaftszweige mit höheren Tariflöhnen wie die Metall­ Saarbrücken Saarbrücken branche oder die chemische Industrie sind in bestimmten Re­ Stuttgart gionen stark vertreten, in anderen Regionen jedoch kaum Stuttgart anzutreffen. Ein weiterer Hintergrund kann schließlich auch in der regionalen Verteilung urbaner Zentren gesehen werden, München München die sich in den vergangenen Jahren als wirtschaftliche Wachs­ bis unter 57 tumsmotoren erwiesen haben. Insbesondere wissensintensi­ 57 bis unter 60 ve Wertschöpfungsformen zeigen eine ausgeprägte Agglo­ merationsneigung(Geppert/Gornig 2010), was sich in weit überdurchschnittlichen Beschäftigungszuwächsen – insbeson­ dere in der Dienstleistungsökonomie – äußert. Von Agglome­ rationsvorteilen profitieren aber nicht nur Kernstädte wie Mün­ bis u b nt i e s r u 57 nter 57 57 57 bis u b nt i e s r u 60 nter 60 60 60 bis u b nt i e s r u 63 nter 63 63 63 bis u b nt i e s r u 66 nter 66 66 66 und m u e n hr d mehr 60 bis unter 63 63 bis unter 66 66 und mehr chen, Stuttgart, Köln, Frankfurt oder Hamburg, sondern auch ihr höher verdichtetes Umland sowie die in ländliche Gebiete Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; GeoBasis-DE/BKG 2018. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 17 Abbildung 6 Beschäftigungsquote 2017(SV-Beschäftigte je 1.000 Einwohner_innen) in Prozent Kiel Kiel Schwe S ri c n hwerin Hambu H r a g mburg Breme B n remen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s r s f eldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i en sbaden Mainz Mainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km 0 20 km Beschä B ft e ig sc t h e ä n f q t u ig o t t e e n 2 q 0 u 1 o 7 te 2017 (SV-Be ( s S ch V ä -B ft e ig sc t h e äftigte je 1.000 je E 1 in .0 w 00 oh E n in e w r_ o in h n n e e n r_ ) innen) in Proze in t Prozent b b is is un u te n r b t i e s 5 r u 7 nt 5 er 7 57 5 5 7 7 b b is i 5 s u 7 n u te n r b t i e s 6 r u 0 nt 6 er 0 60 6 6 0 0 b b is i 6 s u 0 n u te n r b t i e s 6 r u 3 nt 6 er 3 63 6 6 3 3 b b is i 6 s u 3 n u te n r b t i e s 6 r u 6 nt 6 er 6 66 6 6 6 6 un u d n 6 m d 6 eh m u r n e d h m r ehr Mittelw M e i r t t t e el d w e e r r s t t e a de tr stadtregiona re le g n io K n r a e l i e st n yp K e re n istypen in Proze i nt Prozent 60,1 D 6 e 0 u ,1 tschla D n e d utschland 56,6 k 5 re 6 is ,6 freie k G re r i o s ß fr s e t i ä e d G te roßstädte 60,1 s 6 tä 0 d ,1 tische stä K d re tisc e he Kreise 62,0 lä 6 n 2 d ,0 liche lä K n re d i l s ic e h m e i K t reise mit Verdichtu V n e g r s d a ic n h s t ä u t n ze g n sansätzen 60,9 d 6 ü 0 n ,9 n bes d ie ü d n e n lt b e esiedelte ländliche lä K n re d i l s ic e he Kreise Anzahl de A r n K z r a e h is l e de im r K W re e is rt e eb im ere W ic e h rtebereich 40 40 35 35 30 30 25 25 20 20 15 15 10 10 5 5 44 46 4 48 6 5 4 0 8 52 0 54 2 56 4 5 5 8 6 6 5 0 8 6 6 2 0 6 6 4 2 6 6 6 4 6 6 8 6 7 6 0 8 70 0 0 Indikatore In n d a i u k s a p to rä re g n u a n u g s i p n rä P g ro u z n e g nt in Prozent Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit;; Geo-Basis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 18 haben davon profitiert: Sie gehen deutlich häufiger einer Be­ schäftigung nach, als dies Ende der 2000er Jahre der Fall war. Abbildung 7 Patentanmeldungen 2014(Anzahl je 100.000 Einwohner_innen) Nicht übersehen werden dürfen aber die nach wie vor großen regionalen Unterschiede der Beschäftigungsquote. Abbil­ dung 6 zeigt höhere Erwerbsbeteiligungen in Baden-Würt­ Kiel Kiel temberg, Bayern, Thüringen und Sachsen. Geringe Werte wer­ den verbreitet in Nord- und Westdeutschland angetroffen H . a D mb i u e rgSchwerin Hamburg Schwerin Extrema liegen zwischen 44,2 Prozent in der kreisfreien Stadt Trier und 69,2 Prozent im Landkreis Hildburghausen Br . em W en ird die Beschäftigungsquote geschlechterspezifisch betrachte Ha t nn ( o A ver b­ bildung 5), wird die noch zu DDR-Zeiten begründete über­ Magdeburg Berlin Potsdam Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam durchschnittlich hohe Erwerbsneigung von Frauen in Ost­ deutschland deutlich. Ermöglicht wurd D e üss u eld n or d f wird dies durch Erfurt das gut ausgebaute Betreuungsangebot für Kleinkinder(siehe Düsseldorf Dresden Erfurt Dresden auch den entsprechenden Indikator im Abschnitt 5.4). Die Wiesbaden Wiesbaden geringen Erwerbsbeteiligungen in strukturschw M ä ai c nz heren Groß­ städten und Landkreisen Westdeutschlands sind dagegen Mainz Saarbrücken Saarbrücken nicht nur Ergebnis angebotsarmer Arbeitsmärkte, sondern auch Ausdruck traditioneller Familienbilder und defizitärer Stuttgart Be­ treuungsangebote. Diese Regionen schöpfen ihr Arbeitskräf­ tepotenzial nicht aus(BBSR 2012: 41). München Stuttgart München In den kreisfreien Städten sind die Beschäftigungsquoten grundsätzlich geringer. Dies lässt sich erstens damit erklären, dass in Städten häufig ein höherer Anteil verbeamteter Er­ werbstätiger und Selbstständiger arbeitet, die nicht zu den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zählen. Zweitens ist die Arbeitslosigkeit in Städten in der Regel nach wie vor höher als in suburbanen oder ländlichen Kreisen und, drittens, leben in Städten häufig überdurchschnittlich viele Studierende. Zum Ende der 2010er Jahre prägen zunehmende Disparitäten den deutschen Arbeitsmarkt: Während in vielen Regionen akuter Fachkräftemangel zu konstatieren und die„stille Reser­ ve“ des Arbeitsmarktes(vor allem Frauen und ältere Arbeit­ nehmer_innen) vielerorts ausgeschöpft ist(Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung/Nuremberg Institute for Market Decisions 2019), offenbart sich in anderen Regionen ein kon­ trastierendes Bild mit eher geringen Beschäftigungsquoten. Im sich verschärfenden Wettbewerb der Fachkräfte dürften Regionen mit wirtschaftlichen Strukturdefiziten weiter zurück­ fallen, wenn Erwerbstätige dem Ruf höher qualifizierter und besser bezahlter Beschäftigung folgen. Der Arbeitsmarkt bleibt damit der entscheidende Faktor bei der zukünftigen Entwick­ lung sozioökonomischer Disparitäten. Das demografisch be­ dingte Sinken des Erwerbstätigenpotenzials wird indes in allen Regionen Deutschlands eine zentrale Herausforderung für die regionale Wirtschafts- und Strukturpolitik darstellen. 4.1.3  WISSENSINTENSIVE INDUSTRIEN UND PATENTANMELDUNGEN Aussagekraft des Indikators Von besonderer Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit eines Arbeitsmarktes ist das Arbeitsplatzangebot in technologieaf­ finen Wachstumsbranchen, insbesondere den sogenannten wissensintensiven Industrien. Dazu zählen der Fahrzeugbau, die Elektrotechnik, der Maschinenbau und die chemische und pharmazeutische Industrie(Edler/Eickelpasch 2013). Der Indi­ bis u b nt i e s r u 57 nter 20 57 2 b 0 is u b nt i e s r u 60 nter 40 60 4 b 0 is u b nt i e s r u 63 nter 60 63 6 b 0 is u b nt i e s r u 66 nter 100 66 10 un 0 d m u e n hr d mehr bis unter 20 20 bis unter 40 40 bis unter 60 60 bis unter 100 100 und mehr Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit und DPMA(Depatisnet), Institut für deutsche Wirtschaft Köln; GeoBasis-DE/BKG 2018. kator drückt den Anteil der sozialversicherungspflichtig Be­ schäftigten in den betreffenden Branchen an allen Beschäf­ tigten aus. Er erteilt Auskunft über die Technologie- und Innovationskompetenzen eines Raumes und gibt damit auch Hinweise auf die Zukunftsfähigkeit einer regionalen Ökonomie. Interpretation Wissensintensive Industrien sind sehr ungleich über Deutsch­ land verteilt. Die Extremwerte reichen von einem Anteil von 0,4 Prozent der in den betreffenden Branchen tätigen Beschäf­ tigten in Cottbus bis 57,0 Prozent in Wolfsburg. Abbildung 8 zeigt eine starke räumliche Häufung in den süddeutschen Regionen, teils mit Werten von über 30 Prozent(so im Land­ kreis Rastatt, im Landkreis Germersheim oder in den„Auto­ städten“ Ingolstadt und Wolfsburg). Dagegen finden sich in ostdeutschen Regionen und Teilen Nord- und Westdeutsch­ lands verbreitet Werte von weniger als fünf Prozent. Dort sind technologie- und forschungsintensivere Industrien mit größe­ rer Beschäftigungswirksamkeit nur vereinzelt anzutreffen. Dies dürfte eine Erklärung für die in den vorherigen Abschnitten konstatierten Produktivitätsrückstände insbesondere in Ost­ deutschland sein. Der regionale Besatz wissensintensiver Industrien ist keine Frage von„Stadt“ oder„Land“. Der Durchschnittswert für die kreisfreien Großstädte(9,4 Prozent) liegt nur wenig über dem der dünn besiedelten ländlichen Gebiete(8,2 Prozent), aber UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 19 Abbildung 8 Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in wissensintensiven Industrien 2015 in Prozent Kiel Kiel Schwe S ri c n hwerin Hambu H r a g mburg Breme B n remen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s r s f eldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i en sbaden Mainz Mainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km 0 20 km Anteil A de n r te S i V l d B e e r s S ch V ä -B ft e ig sc t h e ä n f i t n igten in Anzahl d A er n K za re h i l se de im r K W re e is r e te i b m er W ei e ch rtebereich wissen w sin is t s e e n n s s i i v n e t n en In si d v u e s n tr I i n e d n ustrien 2015 2015 in Proze in t Prozent 40 40 b b is is un u te n r b t i e s r u 4 nter 4 4 4 4 b b is is u 4 n u te n r b t i e s r u 8 nter 8 8 30 30 8 8 b b is is u 8 n u te n r b t i e s 1 r u 2 nt 1 er 2 12 1 1 2 2 b b is i 1 s u 2 n u te n r b t i e s 1 r u 6 nt 1 er 6 16 20 20 1 1 6 6 un u d n 1 m d 6 eh m u r n e d h m r ehr 10 10 Mittelw M er it t t e el d w e e r r s t t e adt e r stadtregiona r l e e g n io K n re a i l s e t n yp K e re n istypen in Prozen in t Prozent 10,5 D 1 e 0 u ,5 tschla D n e d utschland 9,4 kre 9 is ,4 freie k G re ro is ß fr s e tä ie d G te roßstädte 12,4 st 1 ä 2 d ,4 tische st K ä r d e t ise che Kreise 10,4 lä 1 n 0 d ,4 liche l K ä r n e d is li e ch m e it Kreise mit Verdichtu V n e g r s d a i n ch sä tu tz n e g n sansätzen 8,2 dü 8 n , n 2 bes d ie ü d n e n lte besiedelte ländliche l K ä r n e d is li e che Kreise 0 0 0 4 0 8 4 1 8 2 1 1 6 2 2 1 0 6 2 2 4 0 2 2 8 4 3 2 2 8 3 3 6 2 4 3 0 6 4 4 4 0 4 4 8 4 5 4 2 8 5 5 6 2 56 Indikatore In n d a i u k s a p to rä re g n u a n u g s i p n rä P g ro u z n e g nt in Prozent Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit;; Geo-Basis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 20 unterhalb der Werte für die städtischen und stärker verdich­ teten ländlichen Räume(12,4 bzw. 10,4 Prozent). Hier drückt sich auch die Verlagerung industrieller Produktionsstandorte aus den Großstädten in vorstädtische oder ländliche Regionen aus, die seit den 1960er Jahren das Beschäftigungsangebot im produzierenden Gewerbe außerhalb der Agglomerati­ onszentren stark ausgedehnt hat. In diesem Zusammenhang interessiert auch die regionale Ver­ teilung von Patentanmeldungen. Patente können ein Hinweis auf den Erfindergeist und die Innovationskraft einer Region sein, auch wenn bekanntermaßen nicht alle Patente am Ort ihrer Entwicklung angemeldet werden. Auch hier wurden die angemeldeten Patente auf den Bevölkerungsstand bezogen, um Größeneffekte zu eliminieren. Die in Abbildung 7 darge­ stellte„Geografie der Patente“ zeigt auffallende Parallelitäten zu der räumlichen Verteilung wissensintensiver Industrien, aber auch Unterschiede. Erkennbar wird wiederum ein Süd-Nord-Ge­ fälle mit einer Häufung innovationsstarker Städte und Land­ kreise in Süddeutschland, aber auch entlang eines Korridors von Düsseldorf bis Hannover sowie im südlichen Umland von Berlin finden sich(Teil-)Regionen mit auffälligen Häufungen von Patentanmeldungen. Abbildung 7 zeigt eine Verteilung mit deutlichen Konzentrationen von Patentanmeldungen in wenigen Regionen. Die Gebietskörperschaften mit den meisten Patentanmeldungen pro 100.000 Einwohner_innen im Jahr 2014 waren der Landkreis Erlangen-Höchstadt, die Landes­ hauptstadt Stuttgart, der Bodenseekreis sowie die Städte In­ golstadt und Wolfsburg. Dagegen lassen sich in vielen nordund ostdeutschen kreisfreien Städten und Landkreisen geringe Werte dieses Indikators feststellen. In vier Gebietskörperschaf­ ten blieben Patentanmeldungen sogar gänzlich aus(Wittmund, Schwabach, Brandenburg an der Havel und Dessau-Roßlau). 4.1.4  HOCH QUALIFIZIERTE BESCHÄFTIGUNG Aussagekraft des Indikators Dieser Indikator setzt die Anzahl der hoch qualifizierten Be­ schäftigten ins Verhältnis zur Gesamtzahl der sozialversiche­ rungspflichtig Beschäftigten an deren Wohnort. Als hoch qua­ lifiziert gilt eine Person, die über einen Hochschulabschluss verfügt. Der Indikator drückt den Anteil hoch qualifizierter Beschäftigung in Prozent aus und kann Aufschluss über das Humanpotenzial einer Region geben. Mit dem Wohnortbezug wird nicht auf das Qualifikationsniveau der regionalen Indus­ trie und Dienstleistungswirtschaft abgestellt, sondern auf die Wissensaffinität der Bevölkerung eines Raumes. Interpretation Nicht überraschend zeigt Abbildung 10 eine ausgeprägte Großstadtorientierung der akademisch gebildeten Bevölke­ rung. In Städten wie Erlangen, Stuttgart, Darmstadt, München, Jena und Heidelberg verfügen über 35 Prozent der hier wohn­ haften sozialversicherungspflichtig Beschäftigten über einen Hochschulabschluss. Am anderen Ende des Spektrums finden sich periphere ländlich geprägte Landkreise wie Wittmund, Cloppenburg, Eifelkreis, Dingolfing oder Cham mit Werten von unter sieben Prozent. Im Vergleich zu den dünn besiedelten ländlichen Kreisen verfügen die kreisfreien Großstädte über Abbildung 9 Veränderung des Anteils hoch qualifiziert Beschäftigter an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 2013–2018 in Prozent Stärker als bei den wissensintensiven Industrien sind PatentKiel anmeldungen in größeren Städten konzentriert. So erreic Ki h el en die kreisfreien Städte mit 126 Patenten je 100.000 Einwoh­ Hamburg Schwerin ner_innen einen deutlich überdurchschnittlichen Wert. In länd­ Hamburg Schwerin Bremen lichen Räumen wurden 2014 dagegen nur 66(ländliche Kreise Bremen mit Verdichtungsansätzen) bzw. 37(dünn besiedelte ländliche Hannover Kreise) Patente gezählt. Dies macht deutlich, dass wissensin­ Magdeburg Berlin Potsdam Hannover Magdeburg Berlin Potsdam tensive Tätigkeiten nach wie vor stark in Großstädten anzutref­ fen sind. Bei größeren Unternehmen kann vermutet werden, Düsseldorf Erfurt Dresden dass sich die Forschungsabteilungen häu D fi ü g ssel i d n orf Städten oder gut Erfurt Dresden erreichbaren Umlandstandorten befinden, während einfachere Tätigkeiten in peripherere Zweigbetriebe ausgela W g ie e sb r a t de s n ind. Zu­ Wiesbaden Mainz dem fallen die Standortstrukturen der universitä M re ain n z und auße­ Saarbrücken runiversitären Forschung in Deutschland S s a t ar a br r ü k cken zugunsten der Großstädte aus. Insbesondere Einrichtungen der Großforschung (wie Institute der Max-Planck-Gesellschaft, der Helmh St o ut l t t ga z rt -Ge­ Stuttgart München meinschaft oder Fraunhofer-Gesellschaft) sind überproportional München häufig in wirtschaftlich starken Großstädten vertreten. bis unter 5 Zusammengenommen zeigen beide Indikatoren – die wis­ sensintensiven Industrien und die Patentanmeldungen – eine stark ungleiche Verteilung solcher Wertschöpfungsformen, denen höhere Innovationsleistungen und Zukunftschancen zugesprochen werden. Insbesondere der Osten Deutschlands, aber auch Teile Norddeutschlands bleiben hier erkennbar zu­ rück und drohen den Anschluss an eine immer stärker wis­ sensgetriebene Wirtschaftsentwicklung zu verlieren. bis b un i t s er un 5 ter 5 5 5 bis b un i t s er un 15 ter 15 15 15 bis b un i t s er un 20 ter 20 20 20 bis b un i t s er un 25 ter 25 25 25 und u m n eh d r mehr 5 bis unter 15 15 bis unter 20 20 bis unter 25 25 und mehr Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit; GeoBasis-DE/BKG 2018. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 21 Abbildung 10 Anteil der hoch qualifiziert Beschäftigten an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Wohnort 2018 in Prozent Kiel Schwerin Hamburg Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Düsseldorf Erfurt Dresden Wiesbaden Mainz Saarbrücken Stuttgart München 0 20 km Anteil der hoch qualifiziert Beschäftigten an allen SV-Beschäftigten am Wohnort 2018 in Prozent bis unter 8 8 bis unter 12 12 bis unter 16 16 bis unter 20 20 und mehr Anzahl der Kreise im Wertebereich 50 40 30 20 10 Mittelwerte der stadtregionalen Kreistypen in Prozent 13,5 Deutschland 21,8 kreisfreie Großstädte 13,7 städtische Kreise 10,6 ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen 9,3 dünn besiedelte ländliche Kreise 0 0 6 12 18 24 30 36 42 Indikatorenausprägung in Prozent Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit;; Geo-Basis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 22 einen mehr als doppelt so hohen Beschäftigtenanteil mit Hoch­ schulabschluss. Die enorme räumliche Konzentration dieser 4.2.1 ARBEITSLOSIGKEIT Gruppe kann Auswirkungen auf die zukünftige wirtschaftliche Definition und Aussage Entwicklung haben, wenn Unternehmen bei Standortentschei­ dungen noch stärker auf die Verfügbarkeit von gut ausgebil­ Die Arbeitslosenquote drückt das Verhältnis zwischen Arbeits­ deten Fachkräften setzen. losen und allen Erwerbspersonen aus. Arbeitslosigkeit ist ein zentraler Erklärungsfaktor für wirtschaftliche Strukturschwäche Im Gegensatz zu einem ausgeprägten Stadt-Land-Gefälle und individuelle Armutsgefährdung. Die Daten stammen von lässt sich bei diesem Indikator kein eindeutiges West-Ost-Ge­ der Bundesagentur für Arbeit und wurden für diesen Bericht fälle erkennen. Selbst in strukturschwachen ländlichen Ge­ für die Zeitreihe von 2011 bis 2016 ausgewertet. bieten wie Vorpommern oder der Oberlausitz werden Wer­ te im eher moderaten Bereich angetroffen. Eine Ursache liegt Interpretation vermutlich in dem langjährigen Beschäftigungsabbau in die­ sen Regionen(BBSR 2017), sodass die verbliebene„Sockel­ Aufgrund der guten wirtschaftlichen Entwicklung in Deutsch­ beschäftigung“ anteilig auch höher qualifizierte Personen land ist die Arbeitslosenquote in den vergangenen Jahren umfasst. Auffallend geringe Werte zeigen sich entlang des bundesweit deutlich gesunken. Lag sie 2011 noch bei 7,1 Pro­ Bayerischen Waldes, in der Eifel und im Hunsrück sowie ent­ zent ist sie im Jahr 2016 auf 6,7 Prozent gefallen. Aktuell wird lang der Nordseeküste. über neue Tiefststände berichtet, die Arbeitslosenquote lag im April 2019 deutschlandweit nur noch bei 4,9 Prozent. Das Die Entwicklungsraten der hoch qualifizierten Beschäftigung heißt, dass Deutschland seit Jahren eine stabile wirtschaftliche reichen von –4,5 Prozent im Landkreis Mansfeld-Südharz bis Entwicklung zu verzeichnen hat, die sich positiv auf dem Ar­ zu 36,8 Prozent in der kreisfreien Stadt Flensburg. Unter den beitsmarkt niederschlägt. In einigen Regionen Deutschlands zehn Gebietskörperschaften mit den höchsten relativen Zu­ besteht nahezu Vollbeschäftigung, in vielen Wirtschaftsberei­ wächsen bei diesem Indikator(Abbildung 9) seit 2013 ist Süd­ chen herrscht ein Mangel an Fachkräften. Dennoch ist hier die deutschland überproportional vertreten. Bayern vereint alleine positive Entwicklung nicht gleichermaßen verteilt. Gerade Per­ sieben dieser Kreise auf sich und je einer entfällt auf Schles­ sonen mit Vermittlungshemmnissen sind weiter von Arbeits­ wig-Holstein(Flensburg), Baden-Württemberg(Heilbronn) und losigkeit betroffen. Es existiert ein fester Sockel an Langzeit­ Rheinland-Pfalz(Koblenz). Hier hat der Anteil der akademisch arbeitslosigkeit, für die mit dem Teilhabechancengesetz gebildeten Beschäftigten um 30 Prozent und mehr zugenom­ men. Mit Ausnahme von Flensburg, Koblenz und Heilbronn sind keine größeren Städte unter den betreffenden Gebiets­ körperschaften. Das unterstreicht, dass höher gebildete Men­ Abbildung 11 Veränderung der Arbeitslosenquote 2011–2016 in Prozent schen keineswegs nur von Metropolen oder größeren Städten angezogen werden. Für insgesamt 15 Kreise konnten bei die­ sem Indikator negative Entwicklungen festgestellt werden. Hierbei handelt es sich ausnahmslos um ostdeutsche K K r i e el ise und – im Falle von Gera – eine kreisfreie Stadt. Von der Aka­ demisierung der Bildung und der damit einhergehenden H E am x b ­ urgSchwerin pansion der akademisch gebildeten Bevölkerung konnten Bremen diese Regionen nicht profitieren. Mit dem fortschreitenden Verlust von Humanpotenzial verbindet sich eine gravie H r a e nn n ov d er e Magdeburg Hypothek für die Zukunftsfähigkeit. Unternehmen werden sich Berlin Potsdam Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam trotz staatlicher Förderung nicht für einen Standort entschei­ Düsseldorf Erfurt Dresden den, an dem eine ausreichende Verfügb D a ü r s k se e ldo i r t f von Fachkräften Erfurt in der Zukunft nicht gewährleistet ist. Dresden Wiesbaden Mainz Wiesbaden Mainz 4.2  BILDUNGS- UND LEBENSCHANCEN Saarbrücken Saarbrücken Stuttgart Die oben beschriebenen ökonomischen Rahmenbedin Stu g tt u ga n rt gen zeigen auf, dass wirtschaftlicher Erfolg in Deutschland ungleich verläuft, insbesondere zwischen Wohlstandsregionen und Re­ gionen mit Strukturproblemen. Darüber hinaus wird ein zu­ nehmendes Armutsrisiko insbesondere in Großstädten zum Problem, von dem besonders bildungsferne Haushalte betrof­ fen sind. Zwar sind Armutsgefährdung und ungleiche Bildungs­ chancen schon länger Kernpunkte einer intensiven politischen Debatte über ungleiche Lebens- und Bildungschancen in Deutschland(OECD 2014). Wirksame Rezepte bedürfen jedoch langfristiger Anstrengungen, deren Wirkung bislang hinter den politischen Zielsetzungen zurückbleibt. München München bis b un is ter u n 15 ter –15 – 15 15 bis b un is ter un -5 ter –5 -5 –5 bis b un is ter un 5 ter 5 5 5 bis b un is ter un 15 ter 15 15 15 und u m n eh d r mehr bis unter-15 -15 bis unter-5 -5 bis unter 5 5 bis unter 15 15 und mehr Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistische Ämter des Bundes und der Länder; GeoBasis-DE/BKG 2018. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 23 Abbildung 12 Arbeitslosenquote 2016 in Prozent Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s r s f eldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesb W ad i en sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M e ü n nchen 0 20 km0 20 km ArbeitsAlorbseenitqsluoosteen2q0u1o6te 2016 in ProzeintProzent b b is is un u te n rb t i e s r 2u,n5t 2 er ,5 2,5 2, 2 5 ,5 b b is i 2 s u,5n u te n rb t i e s r 5u,n0t 5 er ,0 5,0 5, 5 0 ,0 b b is i 5 s u,0n u te n rb t i e s r u7,n5t 7 er ,5 7,5 7, 7 5 ,5 b b is i 7 s u,5n u te n rb t i e s1 r 0u, 1 n0t 0 er ,0 10,0 1 1 0, 0 0 , 0 un u d1 n 0m, d 0eh m urn e d h m r ehr Anzahl dAenr zKarehilsdeeimr KWreiesreteimbeWreiecrhtebereich 40 40 30 30 20 20 10 10 0 0 0 02 24 46 68 MittelwMeirtteldweerrstetaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliesntyKpreenistypen in ProzeintProzent 5,3 De5u,3tschlDanedutschland 6,8 kr6e,i8sfreiekGreriosfßrestieädGteroßstädte 4,7 stä4d,7tischsetäKdretiisscehe Kreise 4,6 län4d,6licheläKnrdeilsicehemKitreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgesnansätzen 5,6 dü5n,6n besdiüednneltbeesiedelte ländlicheläKnrdeilsicehe Kreise 8 10 10 12 12 14 14 16 16 IndikatorIenndaikuastporräegnuanugspinräPgruonzgenint Prozent Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit; Geo-Basis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 24 aktuell neue Ansätze zur Reduzierung diskutiert werden. Pro­ blemlagen der Arbeitslosigkeit konzentrieren sich vielfach in Abbildung 13 Veränderung der SGB-II-Quote 2012–2017* in Prozent Großstädten, ebenso wie in dünn besiedelten strukturschwa­ chen Kreisen insbesondere in Ostdeutschland, wie die Abbil­ dung 12 zeigt. Insofern lassen sich weiterhin ein typisches Kiel Ost-West- und ein Nord-Süd-Gefälle bei der Arbeitslosigkeit beobachten. Weite Teile Ostdeutschlands vermelden sehr ho Ha h mb e urgSchwerin Werte(Ausnahme: weite Teile von Sachsen, teilweise umlie­ gende Kreise von Berlin). Aber auch im Westen gibt Bre e m s en Regi­ onen mit deutlich überdurchschnittlichen Werten(zum B H e a i n s n p ove ie r l das Ruhrgebiet), während Süddeutschland(Bayern, Ba­ Magdeburg Berlin Potsdam Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam den-Württemberg) so gut wie nicht betroffen ist. Hier besteht meist durchgehend Vollbeschäftigung. Düsseldorf Erfurt Düsseldorf Dresden * Erfurt Dresden * Bei der Dynamik zeigt sich anhand der Abbildung 11, dass die Wiesbaden Arbeitslosigkeit in den meisten Regionen zurückg W e ies g ba a de n n gen ist, Mainz ohne dass sich ein einheitliches räumliches Muster ergibt. Ei­ Mainz Saarbrücken nige Regionen in Ostdeutschland(Sachs Sa e ar n brü , ck s e ü n dliches Bran­ denburg bzw. Umland von Berlin) haben sich(inhaltlich) posi­ Stuttgart tiv(Rückgang) entwickelt, während insbesondere in Süddeutschland in einigen Kreisen die Arbeitslosigkeit pro­ München Stuttgart München zentual gestiegen ist. Abbildung 11 zeigt hier in Rot negative Veränderungen, die allerdings mit Blick auf die niedrigen Wer­ bis unter-15 te in Abbildung 12 gelesen werden müssen: Wo das Aus­ gangsniveau niedrig war, führen hohe prozentuale Verände­ rungen nicht unbedingt zu einer bedenklich hohen Arbeitslosigkeit. bis b un is ter u n 15 ter –15 – 15 15 bis b un is ter un -5 ter –5 -5 –5 bis b un is ter un 5 ter 5 5 5 bis b un is ter un 15 ter 15 15 15 und u m n eh d r mehr -15 bis unter-5 -5 bis unter 5 5 bis unter 15 15 und mehr Sollte die gesamtwirtschaftliche Entwicklung anhalten, ist auch weiterhin mit einer positiven Veränderung am Arbeitsmarkt zu rechnen. Insbesondere im Bereich der schulischen und be­ ruflichen Qualifizierung von Jugendlichen und des verbesser­ ten Zugangs von Personen mit Vermittlungshemmnissen liegt aber eine zentrale politische Aufgabe. Durch den breiten Aus­ bau von Kinderbetreuungseinrichtungen muss auch der Zu­ gang von(alleinerziehenden) Frauen zum Arbeitsmarkt struk­ turell verbessert werden. Schließlich bedarf es für besonders betroffene Regionen(weite Teile Ostdeutschlands, das Ruhr­ gebiet, Küstenregionen) weiterhin gezielter strukturpolitischer Förderung zur Stärkung der Wirtschaftskraft. 4.2.2 SGB-II-EMPFÄNGER_INNEN Definition und Aussage Die SGB-II-Quote(Grundsicherung für Arbeitssuchende) be­ schreibt den Anteil der Personen in Bedarfsgemeinschaften im Verhältnis zu allen Personen unter 65 Jahren. In anderen Worten: Diese Personen sind nicht erwerbsfähig oder arbeiten aus anderen Gründen nicht. Sie beantragen und beziehen Sozialtransfers von den Jobcentern der Bundesagentur für Ar­ beit. Der Anteil der SGB-II-Empfänger_innen ist ein zentraler Indikator zur Erklärung von Armutsgefährdung. Interpretation Nach der Definition der relativen Einkommensarmut gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des Medianein­ kommens aller vergleichbaren Haushalte zur Verfügung hat. Dieser Wert lag 2016 für Singlehaushalte bei 12.765 Euro im * Lahn-Dill-Kreis: Daten 2012–2016 Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit; GeoBasis-DE/BKG 2018. Jahr, für Familienhaushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 26.807 Euro im Jahr. Demnach sind 23,5 Prozent der Bevölkerung Deutschlands armutsge­ fährdet, unter Einbeziehung staatlicher Sozialleistungen(zum Beispiel Arbeitslosenunterstützung, Wohn- und Kindergeld) sind es noch 16,5 Prozent(Statistisches Bundesamt 2018: 18, 27). Für die Untersuchung räumlicher Unterschiede muss aus Gründen der Datenverfügbarkeit auf eine enger gesteckte Variante der Armutsdefinition zurückgegriffen werden, die sich auf den Anteil der Menschen konzentriert, die Sozialleis­ tungen nach dem Sozialgesetzbuch II beziehen. Bei dieser Betrachtung wird deutlich, dass Deutschland bei einer außer­ ordentlich positiven Arbeitsmarktentwicklung einen Rückgang der Anzahl von Personen vermelden konnte, die bislang auf Grundsicherung(SGB II) angewiesen waren – deutschlandweit von 2012(6,01 Millionen) bis 2017(5,94 Millionen) um 1,3 Prozent. Die positiven Impulse der Arbeitsmarktentwicklung wirken jedoch räumlich und sozial selektiv, sie kommen längst nicht bei allen Menschen an. Die ungleiche räumliche Verteilung reicht von einer SGB-II-Quote von 1,5 Prozent in Pfaffenhofen a. d. Ilm bis zu 25,0 Prozent in Gelsenkirchen. Räumlich zeigt sich ein ähnliches Bild wie bei der Arbeitslosigkeit. In Abbildung 14 zeigt sich ein deutliches Nord-Süd-Gefälle mit starken Belas­ tungen in Ostdeutschland, aber auch in anderen Bundeslän­ dern der alten BRD mit weitgehender Ausnahme von Bayern und Baden-Württemberg. Auffallend ist die nahezu durchge­ UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 25 Abbildung 14 SGB-II-Quote 2017 in Prozent Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s r s f eldorf ** Wiesb W ad i en sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Erfurt Erfurt Dresde D n resden Stuttg S a t r u t ttgart Münch M e ü n nchen 0 20 km0 20 km SGB-II-SQGuBo-tIeI-Q20u1o7te 2017 in ProzeintProzent b b i i s s u u n n te t r e bi r s un3ter 3 3 3 3 b b i i s s u3 u n n te t r e bi r s un6ter 6 6 6 6 b b i i s s u6 u n n te t r e bi r s un9te 9 r 9 9 9 b b i i s s 9u u n n te t r e bi r s u1n2 1 te 2 r 12 1 1 2 2 u u n n d1 d m2 m ehu e rn h d r mehr * Lahn-D * illL-aKhrenis-D: Dilla-Kterenisv:oDna2te0n16von 2016 Anzahl dAenr zKarehilsdeeimr KWreiesreteimbeWreiecrhtebereich 50 50 40 40 30 30 20 20 10 10 MittelwMeirtteldweerrstetaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliesntyKpreenistypen in ProzeintProzent 8,2 De8u,2tschlDanedutschland 13,0 k1r3e,i0sfreiekGreriosfßrestieädGteroßstädte 7,7 stä7d,7tischsetäKdretiisscehe Kreise 6,1 län6d,1licheläKnrdeilsicehemKitreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgesnansätzen 7,3 dü7n,3n besdiüednneltbeesiedelte ländlicheläKnrdeilsicehe Kreise 0 0 0 02 24 46 68 180 1102 1124 1146 1168 1280 2202 2224 2246 26 IndikatorIenndaikuastporräegnuanugspinräPgruonzgenint Prozent * Lahn-Dill-Kreis: Daten von 2016 Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit; Geo-Basis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 26 hend größere Betroffenheit der Großstädte. So haben auch Städte mit geringer Arbeitslosigkeit in Süddeutschland eine im Vergleich zum Umland hohe Quote(z. B. Stuttgart, Mün­ Abbildung 15 Veränderung der Altersarmut 2011–2016(Anteil der Empfänger_ innen von Grundsicherung ab Renteneintrittsalter*) in Prozent chen). Dieser Effekt strahlt insbesondere in einigen Stadtregi­ onen deutlich ins benachbarte Umland aus. Höhere Werte finden sich demnach in der gesamten(Metropol-)Re Ki g el ion Kiel Rhein-Ruhr, wie auch anderen Agglomerationsräumen wie Hamburg Schwerin zum Beispiel der Region Hannover. Eine besonders auffällige Hamburg Schwerin Problemregion ist das Ruhrgebiet mit deutlich mehr als 20 Bremen Prozent Leistungsempfänger_innen. Berlin Hannover Magdeburg Potsdam Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Die Veränderungsraten des Indikators(vgl. Abbildung 13) von 2012 bis 2017 zeigen flächendeckend überdurchschnittliche Rückgänge der SGB-II-Quoten in Ostd Dü e sse u ld t or s f chland, die aber Erfurt Düsseldorf Dresden Erfurt Dresden insgesamt auf einem hohen Niveau verharren. Wobei die Si­ tuation in Sachsen, Thüringen und im Umland vo W n ies B ba e de r n lin güns­ tiger ist. Demgegenüber sehen wir prozentual M e ain A z nstiege der Wiesbaden Mainz Quote in Süddeutschland, allerdings zum Saa e rb i r s üc t ken auf einem sehr geringen Gesamtniveau der SGB-II-Betroffenheit. Allerdings gibt es auch sehr ungünstige Entwicklungen insbeso Stu n ttg d ar e t re in Städten mit hohen Ausgangswerten: So hat sich die Situation München Saarbrücken Stuttgart München unter anderem in Gelsenkirchen von 21,5 auf 25,0 Prozent, in Salzgitter von 13,4 auf 17,4 Prozent und im Regionalverband Saarbrücken von 14,1 auf 17,2 Prozent deutlich verschärft. Auf­ fallend ist mit Blick auf die Entwicklung zwischen Kernstadt und Umland, dass in einigen Stadtregionen die Entwicklung bis u b nt i e s r u 1 n 0 ter 10 10 1 b 0 is u b nt i e s r u 1 n 5 ter 15 15 1 b 5 is u b nt i e s r u 2 n 0 ter 20 bis unter 10 10 bis unter 15 15 bis unter 20 20 bis unter 25 im Umland ungünstiger verläuft, was auf eine„Suburbanisie­ rung von Armut“ hinweisen könnte(z. B. Hamburg, München, Berlin, Köln/Düsseldorf). 20 2 b 0 is u b nt i e s r u 2 n 5 ter 25 25 2 un 5 d m u e n hr d mehr ke k in e e i D n a e ten Daten 25 und mehr keine Daten Bei der Gesamtentwicklung der SGB-II-Bezieher_innen wird deutlich, dass gerade auch der Anteil an sogenannten Aufstocker_ innen steigt, also Personen, die nicht arbeitslos sind, aber von ihrem Arbeitseinkommen nicht leben können(„working Poor“). Zudem haben Haushalte mit Kindern und hier besonders Al­ leinerziehende deutlich mehr Schwierigkeiten, von der guten Arbeitsplatzentwicklung zu profitieren. Das verweist auch auf den zentralen Handlungsbedarf in der Armutsbekämpfung, insbesondere durch eine aktive Arbeitsmarktpolitik, Rückfüh­ rung des Niedriglohnsektors und Erhöhung des Mindestlohnes, um die Einkommenssituation von Haushalten zu verbessern. Einer verfestigten Langzeitarbeitslosigkeit muss durch einen Ausbau des öffentlichen Arbeitsmarktes begegnet werden. 4.2.3 ALTERSARMUT Definition und Aussage Der Indikator zeigt die Empfänger_innen von Grundsicherung im Alter(SGB XII) ab Renteneintrittsalter(65+) an allen Perso­ nen dieser Altersgruppe als Quote an. Die Daten stammen aus dem Regionalatlas des Statistischen Bundesamtes. Die Abhängigkeit von Leistungen der Grundsicherung ist ein deut­ licher Hinweis auf nicht auskömmliche Einkommensquellen aus eigenen Bezügen und kann als Kennwert für die Altersar­ mut analysiert werden. Altersarmut ist ein zunehmendes ge­ sellschaftliches Problem, das insbesondere zu Zukunftsängsten und sozialen Desintegrationsprozessen führt. In besonders betroffenen Regionen droht Altersarmut überdies zu einem steigenden Kostenfaktor zu werden. * enthalten auch Empfänger_innen von Grundsicherung ab 18 Jahren bei Erwerbsminderung Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit; GeoBasis-DE/BKG 2018. Auch für die Altersarmut wird, wie im nachfolgenden Beispiel der Kinderarmut, auf die Grundsicherungsstatistik für Altersarmut zurückgegriffen, da belastbare Einkommensdaten nicht vorliegen. Nicht erfasst sind Personen, die zwar bedürftig sind, aber keine Leistungen beantragen oder beziehen. Diese„ver­ schämte Altersarmut“ wird als recht hoch eingeschätzt, sodass die tatsächliche Problemlage noch höher sein könnte, als es die Zahlen wiedergeben. Die Intensität der Inanspruchnahme von Grundsicherungsleistungen im Alter dürfte auch mit noch vorhandenen Familienstrukturen als Unterstützungsnetzwer­ ke und der Erreichbarkeit von Leistungs- und Beratungsein­ richtungen zusammenhängen. Zu vermuten ist, dass im länd­ lichen Raum solche familiären Unterstützungsnetzwerke noch ausgeprägter, während Leistungs- und Beratungseinrichtungen dort schwieriger erreichbar sind. Die Werte streuen bundes­ weit von 0,5 Prozent im Landkreis Sonneberg bis 8,9 Prozent in Offenbach am Main. Insgesamt ist das Niveau der Altersarmut gegenüber der Ar­ mut insgesamt und insbesondere der Kinderarmut deutlich geringer. Allerdings ist die Altersarmut(Bezug von Grundsi­ cherung im Alter nach SGB XII) in den vergangenen Jahren deutschlandweit gestiegen, im Durchschnitt aller Stadt- und Landkreise zwar moderat von 2,3 auf 2,6 Prozent der Alters­ gruppe, in einzelnen Städten wie Offenbach und Frankfurt am Main aber durchaus auf Spitzenwerte von über acht Prozent (2011: 7,6 bzw. 7,5 Prozent). Wie die Abbildung 16 zeigt, sind UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 27 Abbildung 16 Altersarmut 2016(Anteil der Empfänger_innen von Grundsicherung ab Renteneintrittsalter*) in Prozent Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s r s f eldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesb W ad i en sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M e ü n nchen 0 20 km0 20 km AltersaArmlteurtsa2r0m16ut 2016 Anzahl dAenr zKarehilsdeeimr KWreiesreteimbeWreiecrhtebereich (Anteil d(AerntEemil pdfeärnEgmerp_fiänngeenr_voinnnen von GrundsiGchruenrudnsgichaebrung ab 70 70 RenteneRienntrtitetnsaelitnetr*it)tsalter*) in ProzeintProzent 60 60 b b is is un u te n rb t i e s r un1ter 1 1 1 1 b b is is u1n u te n rb t i e s r un2ter 2 2 2 2 b b is is u2n u te n rb t i e s r un3ter 3 3 3 3 b b is is u3n u te n rb t i e s r un4ter 4 4 4 4 un u d n m d 4eh m urn e d h m r ehr 50 50 40 40 30 30 20 20 10 10 00 00 1 12 23 34 45 MittelwMeirtteldweerrstetaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliesntyKpreenistypen in ProzeintProzent 2,63 D2e,6u3tschlDanedutschland 4,76 k4re,7i6sfreiekGreriosfßrestieädGteroßstädte 2,64 s2t,ä6d4tischsetäKdretiisscehe Kreise 1,75 lä1n,7d5licheläKnrdeilsicehemKitreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgesnansätzen 1,76 d1ü,7n6n besdiüednneltbeesiedelte ländlicheläKnrdeilsicehe Kreise 56 67 78 89 9 IndikatorIenndaikuastporräegnuanugspinräPgruonzgenint Prozent * Daten enthalten auch Empfänger_innen von Grundsicherung ab 18 Jahren bei Erwerbsminderung Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 28 die kreisfreien Großstädte bei dieser Form der Armutsgefähr­ 15 Jahren in Haushalten(Bedarfsgemeinschaften) der Grund­ dung wieder mit Abstand am stärksten betroffen. Regional sicherung für Arbeitssuchende(SGB II) unter allen Personen überdurchschnittlich betroffen sind ebenfalls die nord- und in dieser Altersgruppe. Die Daten stammen von der Bundes­ westdeutschen Bundesländer. Dort finden sich hohe Werte agentur für Arbeit. Betroffene Personen gelten als arm bezie­ auch im Umland der Städte. Demgegenüber sind die Werte hungsweise stark armutsgefährdet. Die Lebensbedingungen in Ostdeutschland gering, geringer sogar als im wirtschafts­ von Kindern und Jugendlichen sind eine entscheidende Grund­ starken Süddeutschland. lage für die Zukunftsfähigkeit von Städten und Regionen. Kin­ derarmut ist insofern ein wichtiger Indikator für benachteili­ Die Entwicklung der Indikatorwerte in Abbildung 15 von 2011 gende Lebensbedingungen und sozialräumliche Ungleichheit. nach 2016 zeigt, dass eine Steigerung der Altersarmut in na­ hezu allen Regionen stattgefunden hat, allerdings mit den Interpretation schon zuvor beschriebenen regionalen Entwicklungsunter­ schieden in der Höhe der Steigerungen. Der Durchschnittswert der in Abbildung 18 anhand des SGB-IIBezugs dargestellten Armutsgefährdungsquote von Kindern Eine steigende Altersarmut ist das Ergebnis einer Arbeitsmarkt- liegt deutschlandweit bei 12,8 Prozent. Diese Quote der Ar­ und Sozialpolitik, die zu mehr Teilzeit- und Niedriglohnbeschäf­ mutsgefährdung von Kindern ist statistisch niedriger als die tigung sowie einem sinkenden Rentenniveau geführt hat. Ver­ anhand des Haushaltseinkommens gemessene Armutsge­ schärft wird das Problem durch regionale Unterschiede in den fährdungsquote(Haushalte mit weniger als 60 Prozent des Lebenshaltungskosten. Preissteigerungen sind in hochpreisigen Medianeinkommens). Wohnungsmärkten für ältere Mitmenschen nur schwer kom­ pensierbar(„graue Wohnungsnot“, Günther 2018: 25ff.). Hinzu Die regionale Verteilung der Armutsgefährdung von Kindern kommen Benachteiligungen von Eltern, insbesondere Müttern, ist besonders markant und die Unterschiede zwischen einzel­ die für Phasen der Kinderbetreuung in ihrer Erwerbsbiografie nen Regionen sind besonders groß. Die Werte streuen von keine Rentenansprüche erwerben konnten. Politische Weichen­ 2,0 Prozent in Pfaffenhofen a. d. Ilm bis 39,5 Prozent in Gel­ stellungen wie die sogenannte Mütterrente können dies nur senkirchen. Die regionale Verteilung zeigt höhere Werte im begrenzt kompensieren. Derzeit bewirkt die höhere Frauener­ Osten und Norden Deutschlands. In Ostdeutschland ist die werbstätigkeit in Ostdeutschland, die in der ehemaligen DDR Kinderarmut auch in ländlichen Kreisen hoch, in den nord­ begründet wurde, eine geringere Altersarmut. Es ist jedoch westdeutschen Kreisen(Nordrhein-Westfalen, Großraum Handavon auszugehen, dass zukünftig eine Angleichung der Frau­ enerwerbstätigkeit zwischen den ost- und westdeutschen Bundesländern stattfindet, mit der Konsequenz, dass für künf­ tige Generationen ein Rückgang der Rentenansprüche von Frauen in Ostdeutschland aufgrund geringerer Verdienste nach Abbildung 17 Veränderung der Kinderarmut 2011–2016*(Kinder unter 15 Jahren in SGB-II-Haushalten) in Prozentpunkten der Wende erwartet wird, sodass auch dort mit einem erhöh­ ten Armutsrisiko für Rentner_innen zu rechnen ist. Aufgrund Kiel Kiel dieser Entwicklungen ist zukünftig mit einem insgesamt deut­ lich höheren Niveau der Altersarmut zu rechnen. Nach e H in am e bu r rgSchwerin Hamburg Schwerin aktuellen Berechnung(Bertelsmann 2017: 69ff.) könnte bis Mitte der 2030er Jahre der Anteil der Personen in Gru Bre n m d en siche­ rung im Alter auf sieben Prozent steigen. Bei der Armu Ha t n s no g ve e r ­ fährdungsquote nach Medianeinkommen könnte der Wert auf Magdeburg Berlin Potsdam Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam 20 Prozent steigen. D. h. jeder fünfte Mensch über 67 Jahren * * wäre demnach von Altersarmut bedroh D t üs . seldorf Erfurt Düsseldorf Dresden Erfurt Dresden Insofern besteht vorrangiger Handlungsbedarf im * Bereich der Wiesbaden Rentenpolitik. Sie muss wieder zu auskömmlichen Mainz und exis­ tenzsichernden Renten führen sowie einer Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik, die niedrige Saarbrücken Löhne und unterbrochene Erwerbsbiografien verhindert. Es gibt auch deutliche Hinweise, Stuttgart dass Zugang und Beratung zu Leistungsangeboten der Grund­ sicherung für Ältere verbessert werden können beziehungs­ weise mit der Einführung einer Grundrente bürokratische und abschreckende Bedürftigkeitsprüfungen vermieden werden. 4.2.4 KINDERARMUT Definition und Aussage München * Wiesbaden Mainz Saarbrücken Stuttgart bis un b te i r s -2 u ,5 nter –2,5 -2,5 –2 b , i 5 s un b te i r s -0 u ,5 nter –0,5 -0, – 5 0 b , i 5 s un b te i r s 0 u ,5 nter 0,5 0,5 0 b , i 5 s un b te i r s 2 u ,5 nter 2,5 2,5 2 un , d 5 me u h n r d mehr München bis unter-2,5 -2,5 bis unter-0,5 -0,5 bis unter 0,5 0,5 bis unter 2,5 2,5 und mehr Beim vorliegenden Indikator handelt es sich um die Quote der Kinderarmut: nicht erwerbsfähige Leistungsberechtigte unter * Lahn-Dill-Kreis, Kreis Anhalt-Bitterfeld: Daten von 2011–2015 Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundeagentur für Arbeit; GeoBasis-DE/BKG 2018. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 29 Abbildung 18 Kinderarmut 2016(Anteil der Kinder unter 15 Jahren in SGB-II-Haushalten an allen unter 15-Jährigen) in Prozent Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s r s f eldorf ** Wiesb W ad i en sbaden MainzMainz * * Erfurt Erfurt Dresde D n resden Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M e ü n nchen 0 20 km0 20 km KinderaKrinmduetra2r0m16ut 2016 (Anteil d(AerntKeinil ddeerr uKnintedrer unter 15 Jahre1n5 iJnahSrGeBn-iInI-HSaGuBs-hIIa-Hlteanushalten an allenaunnatellern15u-nJätehrri1g5e-nJä) hrigen) in ProzeintProzent Anzahl dAenr zKarehilsdeeimr KWreiesreteimbeWreiecrhtebereich 30 30 b b is is un u te n rb t i e s r un6ter 6 6 20 6 6 b b is is u6n u te n rb t i e s r u1n2te 1 r 2 12 1 2 2 b b is is 1u2n u te n rb t i e s r u1n8te 1 r 8 18 1 8 8 b b is is 1u8n u te n rb t i e s r u2n4te 2 r 4 24 10 2 4 4 un u d n 2m d 4eh m urn e d h m r ehr * Lahn-Dil * l-KLraehisn,-KDrielli-sKArenish, aKltre-BisitAtenrfhealdlt:-Bitterfeld: Daten vonD2a0te1n5 von 2015 0 0 20 10 0 04 48 8 12 12 16 16 20 20 24 MittelwMeirtteldweerrstetaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliesntyKpreenistypen in ProzeintProzent 12,8 D1e2u,8tschlDanedutschland 21,2 k2re1,i2sfreiekGreriosfßrestieädGteroßstädte 11,8 s1tä1d,8tischsetäKdretiisscehe Kreise 9,0 län9d,0licheläKnrdeilsicehemKitreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgesnansätzen 11,2 d1ü1n,2n besdiüednneltbeesiedelte ländlicheläKnrdeilsicehe Kreise 24 28 28 32 32 36 36 40 40 IndikatorIenndaikuastporräegnuanugspinräPgruonzgenint Prozent * Lahn-Dill-Kreis: Daten von 2016 Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 30 nover, Bremen, aber auch Saarbrücken und Rhein-Main) strahlt höhere Kinderarmut im Umfeld großer Städte auch in die Um­ landkreise aus. Übergreifend betrachtet ist Kinderarmut aller­ dings ein(groß-)städtisches Phänomen. Das gilt eben auch für Abbildung 19 Veränderung des Anteils der Schulabgänger_innen ohne Schulabschluss an allen Schulabgänger_innen 2011–2016 in Prozentpunkten die wohlhabenderen(Groß-)Städte und verweist hier auf star­ ke innerstädtische Polarisierungen. In den kreisfreien Städten Kiel ist die Kinderarmut mit im Durchschnitt über 21 Prozen K t ie d l op­ pelt so hoch wie in ländlichen bzw. suburbanen Siedlungs­ Schwerin Hamburg strukturtypen. Sehr hohe Werte von 25 bis nahezu 40 Prozent Hamburg Schwerin Bremen im Ruhrgebiet, Bremen, Berlin und in einigen ost B d re e me u n tschen Großstädten weisen darauf hin, dass hier weite Tei H l a e nn n ove d r er Berlin Bevölkerung eine Armutserfahrung durchlaufen und zudem Magdeburg Potsdam Hannover Magdeburg Berlin Potsdam auf ihrem Lebensweg auf weitere soziale Benachteiligungen treffen. Wie die Vertiefung zur sozialen Ungleichheit im Ab­ Düsseldorf Erfurt schnitt„Wohlstand und Armut“(Abbildung 2) zeigt, können Düsseldorf Dresden Erfurt Dresden räumliche Konzentrationen mehrerer sozioökonomischer Be­ nachteiligungen zu sozialen Fallen werden, die W f ie ü sb r ad B en etroffene Wiesbaden Mainz nur schwer zu überwinden sind. Mainz Saarbrücken Saarbrücken Zwar zeigen die Veränderungsraten von 2011 bis 2016(siehe Abbildung 17), dass die Armutsgefährdung von Stuttgart Kindern in den vergangenen Jahren insbesondere in den ostdeutschen Landkreisen, aber auch in vielen Großstädten(z. B. Berlin, Ham­ burg, Stuttgart, München) leicht zurückgegangen ist. In Brenn­ punktstädten der Kinderarmut(z. B. Essen, Bochum, Gelsen­ kirchen, Bremerhaven, Saarbrücken) hat sich die Situation mit Zuwachsraten über drei Prozentpunkten aber demgegenüber verschärft. Das verweist auch hier auf eine deutliche Polarisie­ rung in der Entwicklung zwischen den Städten. München Stuttgart bis u b nte is r u -5 nter –5 -5 – b 5 is u b nte is r u -1 nter –1 -1 – b 1 is u b nte is r u 1 nter 1 1 b 5 is u b nte is r u 5 nter 5 5 un 5 d m u e n hr d mehr ke k in e e i D n a e ten Daten München bis unter-5 -5 bis unter-1 -1 bis unter 1 1 bis unter 5 5 und mehr keine Daten Aufgrund der großen Disparitäten zwischen den Regionen lässt sich insofern zu Recht von den„zwei Kindheiten“ in den Lebensbedingungen von Kindern in Deutschland sprechen. Das verweist auf einen hohen Handlungsbedarf für die Ver­ besserung der Lebensverhältnisse von vielen Kindern und Jugendlichen. Dazu gehört die Einführung einer Kindergrund­ sicherung, die Kindern eine eigene, auskömmliche und sank­ tionsfreie Mindestsicherung garantiert. Letztlich muss es darum gehen, die Einkommenssituation der Familien durch den Zugang zu gut bezahlter und auskömmlicher Arbeit zu verbessern. Gerade Kinder in Haushalten von Alleinerziehen­ den sind besonders von Armut bedroht. Daher gehört der Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, der es den(al­ leinerziehenden) Elternteilen erlaubt, auskömmlich berufstä­ tig zu sein, ebenso zu einer wichtigen Aufgabe. Daneben bedürfen Kinder aus armen Haushalten der besonderen För­ derung zur Erlangung einer qualifizierten Schul- und Berufs­ ausbildung. 4.2.5  JUGENDLICHE OHNE SCHULABSCHLUSS Definition und Aussage Der Indikator beschreibt den Anteil der Schulabgänger_innen ohne Schulabschluss an allen Schulabgänger_innen eines Jahr­ gangs als Quote. Die Daten wurden dem Regionalatlas des Statistischen Bundesamtes entnommen. Hohe Indikatoraus­ prägungen zeigen an, dass die Zugangsmöglichkeiten von Jugendlichen zum Arbeitsmarkt und die damit verbundenen Zukunftschancen in einer Region schwieriger sind. Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; GeoBasis-DE/BKG 2018. Interpretation Ein wichtiger Schlüssel zur Überwindung von Armut lautet Bildung, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Der Anteil der Schulabgänger_innen ohne Schulabschluss zeigt deshalb die Zukunftschancen von Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt. Es ist davon auszugehen, dass die Wachstumsbranchen der Zukunft ein hohes Qualifikationsniveau erfordern(siehe auch Abbildung 11). Der Zugang zu diesem Arbeitsmarkt ist ohne Abschluss schwierig. Im Gegensatz zu den aktuellen Armutskonzentrationen in Großstädten lassen sich bei den Zahlen zu den Schulabgän­ ger_innen ohne Schulabschluss keine auffallenden Stadt-Land-Unterschiede erkennen. So ist der hohe Anteil von Schulabgänger_innen ohne Schulabschluss auch eine Problemlage strukturschwacher ländlicher Räume, insbesondere in Ostdeutschland und in einigen Teilregionen im Westen(z. B. Schleswig-Holstein, Ostfriesland, Saarland, Teile von Rhein­ land-Pfalz und Nordrhein-Westfalen). Insofern sind in den Mit­ telwerten auch keine auffallenden Unterschiede bei den regi­ onalen Kreistypen festzustellen, wie die Abbildung 20 zeigt. Auffallende Unterschiede bestehen allerdings zwischen ein­ zelnen Städten bzw. Kreisen(Werte von 1,2 Prozent eines Abschlussjahrgangs in Mainz bis 14,2 Prozent in Prignitz), wo­ bei eine nahezu flächendeckende überdurchschnittliche Be­ troffenheit in Ostdeutschland auffällt. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 31 Abbildung 20 Anteil der Schulabgänger_innen ohne Schulabschluss an allen Schulabgänger_innen 2016 in Prozent Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s r s f eldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesb W ad i en sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M e ü n nchen 0 20 km0 20 km Anteil dAenrteSiclhduelrabScghäunlgaebrg_äinnngeenr_inne A n nzahl dAenr zKarehilsdeeimr KWreiesreteimbeWreiecrhtebereich ohne SochhunleabScshchulluasbssachnluasllseann allen SchulabScghäunlgaebrg_äinnngeenr_2in0n16en 2016 in ProzeinntProzent 40 40 b b is i u s n u te n rb t i e s r u4nter 4 4 4 4 b b is i u s 4n u te n rb t i e s r u5nter 5 5 30 30 5 5 b b is i u s 5n u te n rb t i e s r u6nter 6 6 6 6 b b is i u s 6n u te n rb t i e s r u8nter 8 8 20 20 8 8 un u d n m8 d eh m urn e d h m r ehr 10 10 MittelwMeirttteeldweerrstetaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliesntyKpreenistypen in ProzeinntProzent 6,0 De6u,0tschlDanedutschland 6,2 kr6e,i2sfreiekGreriosfßrestieädGteroßstädte 5,5 st5äd,5tischsetäKdretiisscehe Kreise 6,0 län6d,0licheläKnrdeilsicehemKitreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgesnansätzen 6,5 dü6n,5n besdiüednneltbeesiedelte ländlicheläKnrdeilsicehe Kreise 0 02 2 4 4 6 6 8 8 10 10 12 12 14 14 IndikatorIenndaikuastporräegnuanugspinräPgruonzgenint Prozent Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 32 Die Bildungsforschung weist eher auf eine Geschlechterschieflage hin, denn junge Männer verlassen häufiger die Schule ohne Abschluss als Frauen. Und insbesondere für junge Män­ ner mit Migrationshintergrund und Sprachbarriere ist der feh­ lende Berufsabschluss ein zusätzliches Hindernis auf dem Weg in die Beschäftigung(Berkemeyer et al. 2017, Deutscher Caritasverband e.V. 2017). lerbeförderung begegnet. Durch den demografischen Wandel insbesondere in ländlichen Räumen hat sich die Ökonomie der Schülerbeförderung aber noch mal verändert: Weniger Kinder nutzen die Angebote und werden unter Umständen in Schulen oder Schulklassen zusammengelegt, Lehrermangel verschärft die Ausgestaltung eines qualitativ hochwertigen Schulangebots für die Primarstufe. Bezogen auf die Dynamik in der Entwicklung zeigt die Abbil­ dung 19, dass sich in der Zeit von 2011 bis 2016 die Situation in vielen Kreisen leicht verbessert hat, insbesondere in Ost­ deutschland nahezu flächendeckend und auch in großen Städ­ ten, wobei die Gesamtbetroffenheit hier überdurchschnittlich bleibt. Die Verbesserungen könnten auf gezielte Maßnahmen der Bildungspolitik zur Vermeidung von Schulabbrüchen zu­ rückzuführen sein. Trotz Fortschritten zur Vermeidung von sozial selektiven Wirkungen des deutschen Bildungssystems bleibt dieses im internationalen Vergleich gerade gegenüber benachteiligten Kindern und Jugendlichen in hohem Maße sozial ausgrenzend. Die OECD kritisiert in ihrer indikatorenba­ sierten Berichterstattung„Bildung auf einen Blick“ die unter­ durchschnittlichen Bildungsausgaben in Deutschland insbe­ sondere für die Primar- und Sekundarstufe I. Insgesamt landet Deutschland im Hinblick auf seine Bildungsausgaben(Primarbis Tertiärbereich) auf dem 28. Platz von 40 OECD-Ländern (OECD 2018: 363). Hier besteht ebenfalls zentraler Handlungsbedarf, um Dispa­ ritäten zu beseitigen: Das deutsche Bildungssystem muss auch in den Bildungserfolg der Sekundarstufe I investieren, sozial durchlässiger werden und die individuelle Förderung von so­ zial benachteiligten Kindern und Jugendlichen verstärken. 4.2.6  ERREICHBARKEIT VON GRUNDSCHULEN Definition und Aussage Der Indikator zeigt die mittlere Erreichbarkeit(Median) einer Grundschule in einer Region anhand der Pkw-Wegezeit in Minuten an, das heißt in welcher Zeit eine solche Schule mit dem Pkw erreicht werden kann. Der Indikator ist dabei ein gutes Maß für die Qualität der Infrastrukturausstattung einer Region. Die Erreichbarkeit von Grundschulen ist gerade für die Lebensqualität und die Wohnstandortentscheidungen von Familien ein wichtiger Faktor. Er gibt damit Auskunft über die Attraktivität und Zukunftsfähigkeit einer Region. Interpretation Grundschulen in Städten haben im Vergleich den Vorteil, dass die Schulstandorte vielfach auch zu Fuß, per Fahrrad und den ÖPNV erreicht werden können, während in vielen ländlichen Bereichen aufgrund unkomfortabler Leistungen der Schüler­ beförderung Eltern, die es sich erlauben können, diesen Bringund Abholdienst doch mit dem privaten Pkw organisieren. Hier wird also ein klarer Struktur- und Standortnachteil der ländlichen Räume erkennbar, da die physische Erreichbarkeit eines guten Schulangebotes – neben anderen – ein Kriterium für Wohnstandortentscheidungen von Familien ist. Der Blick auf die Karte macht diese Unterschiede auch räum­ lich sichtbar. Allerdings fällt dabei auch ein markanter Unter­ schied zwischen den ländlichen Kreisen und Räumen auf. Während insbesondere in Baden-Württemberg, aber auch in vielen Teilen anderer Bundesländer der alten BRD – vor allem im Umland von Großstädten – die Erreichbarkeit in den länd­ lichen Kreisen gar nicht so stark von den städtischen Räumen abweicht, ist sie in vielen ländlichen Räumen Ostdeutschlands besonders schlecht, sodass hier in der Erreichbarkeit von Grundschulen auch von einem Ost-West-Gegensatz zu spre­ chen ist. Allerdings ist auch in den ostdeutschen Regionen ein klarer Unterschied erkennbar: Die südlicheren Teile im Osten (Sachsen, Thüringen) bewegen sich eher auf dem Niveau ver­ gleichbarer ländlicher Regionen westdeutscher Bundesländer (Bayern, Norddeutschland), während Mecklenburg-Vorpom­ mern, Brandenburg(mit Ausnahme des Umlandes von Berlin) und das nördlichere Sachsen-Anhalt deutlich abfallen. Die ökonomischen Strukturnachteile dieser ostdeutschen Regionen werden also auch durch diesen Indikator der ungünstigeren Infrastrukturausstattung verstärkt. Handlungsbedarfe, um diese Unterschiede in der Erreichbarkeit von Grundschulen zu verbessern, betreffen in erster Linie eine ausgewogene Verbesserung oder Aufrechterhaltung von Mo­ bilitätsangeboten(Schulbusse, Fahrgemeinschaften) zu quali­ tativ gleichwertigen Angeboten des Primarstufenunterrichts im ländlichen Raum, verglichen mit Städten. In dieser Hinsicht sind die viel diskutierten Zusammenlegungen von Schulklassen und der Lehrermangel in Regionen mit sinkenden Grundschü­ lerzahlen eine große Herausforderung für die Schulverwaltung und die verantwortlichen Kultusministerien der Länder. Der Indikator ist in seiner räumlichen Verteilung ein typischer Indikator für bestehende Stadt-Land-Gegensätze in der Infra­ strukturversorgung. Wie die Karte in Abbildung 21 zeigt, ist der Unterschied schon in den Mittelwerten der stadtregiona­ len Kreistypen klar ersichtlich. In den ländlichen Regionen ist die Entfernung(Erreichbarkeit) zu den Grundschulen im Mittel doppelt so hoch wie in den Städten, die Einzugsbereiche der Grundschulen im ländlichen Raum sind entsprechend größer. Dieser Problematik wird seit vielen Jahrzehnten mit den auf Kreisebene zu organisierenden Mobilitätsangeboten der Schü­ 4.3  WOHLSTAND UND GESUNDHEIT Die in den vorangegangen Abschnitten aufgezeigten Aspek­ te machen deutlich, dass sowohl die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt wie die Lebens- und Bildungschancen in den kreisfreien Städten und Landkreisen ungleichen Vorausset­ zungen unterliegen. Darüber hinaus lassen sich Tendenzen feststellen, dass weitere Ressourcen für individuellen Wohl­ stand und Gesundheit stark unterschiedlich verteilt sind. Nicht UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 33 Abbildung 21 Mittlere Pkw-Wegezeit(Median) zur nächstgelegenen Grundschule 2016 in Minuten Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i en sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km0 20 km mittleremPitktwler-eWPekgwez-Weitegezeit Anzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich (Media(nM) ezduirannä)czhusrtgneälcehgsetgneelnegenen GrundsGchruunleds2c0h1u6le 2016 in MinuitnenMinuten 50 50 b b is is u u nt n er t b e is r 4unte 4 r 4 40 40 4 4 b b is is u4 u nt n er t b e is r 5unte 5 r 5 5 5 b b is is u5 u nt n er t b e is r 6unte 6 r 6 30 30 6 6 b b is is u6 u nt n er t b e is r 7unte 7 r 7 7 7 u u nd n m d 7e m hur e nd hr mehr 20 20 10 10 0 0 2 23 34 45 56 MittelwMeirttteeldweerrstteaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen in MinuitnenMinuten 4,3 De4u,3tschlaDnedutschland 2,7 kre2i,s7freiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte 3,8 stä3d,8tischsetäKdretiisscehe Kreise 5,1 län5d,1licheläKnredilsicehme iKtreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen 5,9 dü5n,9n besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise 67 78 89 9 10 10 IndikatoreInndaikuastporäregnuanugspinräMguinnugteinn Minuten Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Thünen Landatlas; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 34 nur in strukturschwachen Räumen, auch in erfolgreichen Groß­ städten wird eine verschärfte soziale Polarisierung sichtbar. Sozialpolitik tut sich in diesem Umfeld schwer, die starken Triebkräfte von Exklusion und Ausgrenzung benachteiligter Bevölkerungsgruppen abzufedern. Soziale Abstiegsängste werden dann zum gesellschaftlichen Problem, wenn selbst durchschnittlich verdienende Haushalte in prekäre Situationen geraten, weil das Leben zu teuer wird. 4.3.1 LEBENSERWARTUNG Definition und Aussage Die Lebenserwartung ist definiert als die durchschnittliche Zahl der zu erwartenden Lebensjahre eines Neugeborenen bei konstanten altersspezifischen Lebensverhältnissen. Sie gibt Auskunft über den Zustand und die Entwicklung gesunder Lebensführung bzw. der Absenz gesundheitsgefährdender Lebensweisen im Durchschnitt einer kreisfreien Stadt oder eines Landkreises und wird über drei Jahre aus dem Mittel der Sterbefälle der Sterbetafel angegeben. Die Varianz der Lebenserwartung wird zurückgeführt auf ein Zusammenspiel aus erfahrenem Wohlstand, gesunder Ernährung, risikoarmen Arbeitsbedingungen und einer sauberen Umwelt(Schweize­ rische Eidgenossenschaft 2019). Deren Verfügbarkeit muss von der Bevölkerung aber auch genutzt werden: Die Gesund­ heitsforschung schreibt diesbezüglich dem Sozialstatus, ins­ besondere der Bildung und den geschlechterspezifischen Voraussetzungen, eine entscheidende Rolle für die individu­ elle Nutzung von Gesundheitsressourcen und einen dadurch lebensverlängernden Lebensstil zu. Interpretation Deutschlandweit hat sich die Lebenserwartung in den ver­ gangenen Jahren kaum verändert. Für die Jahre 2015/17 be­ trug die Lebenserwartung im Landesdurchschnitt 80,64 Jah­ re. Im europaweiten Vergleich aller Länder der Europäischen Union(28 Länder) liegt Deutschland damit in einer Bandbrei­ te von 74,8 Jahren(Bulgarien) bis 83,4 Jahren(Spanien) auf dem 18. Platz(Statista 2019). Differenziert nach Geschlecht haben neugeborene Jungen eine Lebenserwartung von 78 Jahren und vier Monaten, neugeborene Mädchen von 83 Jah­ ren und zwei Monaten(Statistisches Bundesamt 2019). Der Unterschied zwischen den Geschlechtern wird häufig damit erklärt, dass Männer einen ungesünderen und gefährlicheren Lebensstil als Frauen führen, zum Beispiel häufiger und früher zu Alkohol- und Drogenmissbrauch neigen, im Straßenverkehr häufiger in tödliche Unfälle verwickelt werden und sich unge­ sünder ernähren. Die Ursachen für dieses Verhalten sind Ge­ genstand umstrittener Erklärungsansätze, zum Beispiel im Hinblick auf evolutionsbiologische Thesen zu Rollenmustern, die Männern mehr Risikobereitschaft und Frauen ein höheres Schutzbedürfnis zuschreiben. Umstritten ist dies auch deshalb, da unklar ist, welchen Einfluss Sozialisierung, Umwelt und Ge­ sundheitswesen auf eine Modifizierung dieser eh schon schlecht nachweisbaren Verhaltensmotivationen haben be­ ziehungsweise haben sollten. Zudem könnten Geschlechter­ unterschiede in der Lebenserwartung auch räumlich variieren. Ausgangspunkt dieser These ist, dass die unterschiedliche Exposition von Geschlechtern gegenüber Berufsstress auch räumlich variiert, wenn Frauen in manchen Regionen mehr in stressbelasteten Berufen arbeiten als anderswo. Dass dem so ist, lässt sich zwar nicht allein aus höheren Beschäftigungs­ quoten von Frauen in manchen Teilräumen ableiten(siehe Abbildung 5), die Vermutung liegt aber nahe. Höhere Sterbe­ raten von Männern durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen wer­ den nämlich durchaus auch damit erklärt, dass ein geschlech­ terspezifisches Ungleichgewicht durch erfahrenen Berufsstress existiert. Es ist zu vermuten, dass sich dieser Aspekt bei einer annähernden Gleichverteilung von Beschäftigungsverhältnis­ sen über die Geschlechter angleicht. Abbildung 22 kann in diesem Zusammenhang dahingehend interpretiert werden, dass sich die lebensverlängernden Wohl­ stands- und Gesundheitsbedingungen in Deutschland in den­ jenigen Räumen weiter verfestigt haben, die schon seit vielen Jahrzehnten wirtschaftlich prosperieren. Dies führt dazu, dass die Einwohner_innen in den Stadt- und Landkreisen Süd­ deutschlands im Durchschnitt länger leben. Die höchste durch­ schnittliche Lebenserwartung Deutschlands liegt im Landkreis Starnberg bei 83,4 Jahren. Dieser Wert liegt beispielsweise um sechs Lebensjahre höher als in der Stadt Pirmasens in Rhein­ land-Pfalz(77,4 Jahre). Generell lässt sich dieser Unterschied so deuten, dass die wirtschaftlich besser gestellten Städtere­ gionen(wie München und Stuttgart) und die wirtschaftlich stabilen ländlichen Regionen Süddeutschlands lebensverlän­ gernde sozioökonomische und infrastrukturelle Voraussetzun­ gen etablieren konnten, die anderswo(noch) fehlen. Die Le­ benserwartung gibt in dieser Hinsicht nicht zwingend die aktuellen Lebensverhältnisse wieder. Denn Veränderungen brauchen viele Jahre und schlagen sich unter Umständen erst generationsübergreifend nieder. Demnach drücken sich die Strukturprobleme in altindustriellen Regionen(wie zum Beispiel im Ruhrgebiet oder im ehemaligen Chemiedreieck der DDR um Bitterfeld) in niedrigen Werten aus, Problemkomplexe aus der Vergangenheit wirken hier lange nach. Bedenklich ist, dass die Lebenserwartung gerade dort niedrig ist, wo die gerings­ ten Einkommen pro erwerbstätiger Person zur Verfügung stehen. Der Nachweis ist zwar schwierig zu führen: Akzeptiert man Einkommen allerdings als entscheidende Voraussetzung für einen lebensverlängernden Lebensstil, so ist für die aktu­ elle Ungleichverteilung der Lebenser­wartung keine entschei­ dende Trendwende zu erwarten(Lauterbach et al. 2006; Lam­ pert et al. 2007). So zeigt ein räumlicher Vergleich der Bruttoeinkommen die unterschiedlichen Einkommensniveaus pro erwerbstätiger Person am Wohnort für das Jahr 2017. Zwar können bei einem Blick in die Zeitreihen Aufholtendenzen in einkommensschwachen Regionen Ostdeutschlands beobach­ tet werden. Abbildung 28 zeigt aber deutlich, dass die höhe­ ren Einkommen weiterhin den Arbeitnehmer_innen der Wirt­ schaftsmetropolen und ihrer Pendlereinzugsbereiche vorbehalten bleiben. Handlungsbedarf für politische Maßnahmen ergibt sich da­ hingehend vor allem in Regionen, in denen sich eine gesund­ heitsbelastende Armutserfahrung negativ auf die Lebenser­ wartung auswirkt. Untersuchungen des Robert-Koch-Instituts verdeutlichen, dass Personen mit„Einkommen unterhalb der Armutsrisikogrenze ein im Verhältnis zur höchsten Einkom­ mensgruppe um das 2,4- bzw. 2,7-Fache erhöhtes Mortali­ UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 35 Abbildung 22 Durchschnittliche Lebenserwartung eines Neugeborenen 2013/2014/2015 in Jahren Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s r s f eldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesb W ad i en sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M e ü n nchen 0 20 km0 20 km durchsdchunrcithtslicchhneitLtelibchenesL-ebensMittelwMeirtteldweerrstetaddet-r stadterwarteurnwgaeritnuensgNeeinuegsebNoeruegneebnorenen regionarelegnioKnraeliesntyKpreenistypen 2013/22010413/2/2010514/2015 in Jahreinn Jahren in Jahreinn Jahren 80,6 D8e0u,6tschlDanedutschland b b is i u s n u te n rb t i e s7 r u9nte 7 r 9 79 80,6 k8re0i,s6freiekGreriosfßrestieädGteroßstädte 7 7 9 9 b b is i 7u s 9n u te n rb t i e s8 r u0nte 8 r 0 80 80,9 s8tä0d,9tischsetäKdretiisscehe Kreise 8 8 0 0 b b is i 8u s 0n u te n rb t i e s 8 r u1nte 8 r 1 81 8 8 1 1 b b is i 8u s 1n u te n rb t i e s8 r u2nte 8 r 2 82 8 8 2 2 un u d n 8m2 d eh m urn e d h m r ehr 80,7 lä8n0d,7licheläKnrdeilsicehemKitreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgesnansätzen 80,1 d8ü0n,1n besdiüednneltbeesiedelte ländlicheläKnrdeilsicehe Kreise 77 77 78 78 79 79 80 80 81 81 Anzahl dAenr zKarehilsdeeimr KWreiesreteimbeWreiecrhtebereich 45 45 40 40 35 35 30 30 25 25 20 20 15 15 10 10 5 5 0 0 82 82 83 83 IndikatorIenndaikuastporräegnuanugspinräJgauhnregnin Jahren Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 36 tätsrisiko haben“(Lampert/Kroll 2014: 2). Im Zusammenhang mit den Erkenntnissen des Abschnitts„Lebens- und Bildungs­ chancen“ dieses Berichts und den darin dargestellten steigen­ den Armutsrisiken in Teilregionen Deutschlands sollte die Ar­ mutsbekämpfung deshalb auch aus gesundheitlichen Gründen ein vordringliches sozialpolitisches Ziel sein.  4.3.2 HAUSÄRZTEBESATZ Definition und Aussage Der Indikator gibt an, wie viele Hausärzt_innen je 100.000 Einwohner_innen in einer kreisfreien Stadt oder einem Land­ kreis tätig sind. Die Daten zu Kassenärzt_innen stammen ur­ sprünglich vom„wer-zu-wem“-Verlag und sind vom Bundes­ institut für Bau-, Stadt- und Raumforschung(BBSR) auf der Raumbeobachtungsplattform INKAR online auf die Einwoh­ nerzahlen des Statistischen Bundesamtes bezogen worden. Die Daten sind auf www.inkar.de frei zum Download verfüg­ bar. Auf dieser Grundlage erfasst das BBSR die ambulante kassenärztliche Versorgung mit Hausärzt_innen für die Bevöl­ kerung – hier dargestellt für das Jahr 2015. Der Indikator gibt Auskunft über die medizinische Versorgung mit Hausärzt_in­ nen. Besonders in peripheren und ländlichen Räumen werden mit diesem Wert Defizite der Gesundheitsversorgung und entsprechende Maßnahmen zur Aufrechterhaltung bezie­ hungsweise Verbesserung der Versorgungssituation messbar. Der Bezug zu Hausärzt_innen hilft dabei, den allgemeinen Trend der Subspezialisierung ärztlicher Versorgungsberufe zu berücksichtigen, sodass der Fokus auf die Qualität der ambu­ lanten Versorgung mit Leistungen der Allgemeinmedizin ge­ richtet werden kann(Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2018) 4 . Interpretation In Deutschland werden, verglichen mit anderen Ländern, ver­ gleichsweise viele Arztbesuche pro Einwohner_in registriert, deutsche Bürger_innen gehen häufiger zum Arzt/zur Ärztin. Umso wichtiger ist es für die Organisation der Gesundheits­ versorgung, die Versorgungs- und Koordinationsfunktion von Hausärzt_innen bedarfsgerecht und wohnortnah zu entwi­ ckeln. In anderen Worten: Hausärzt_innen könnten im Rahmen ihrer Tätigkeiten(Primärversorgung) den Bedarf einer Weiter­ behandlung durch Fachärzt_innen(Sekundär- bzw. Tertiärver­ sorgung) reduzieren, wenn Patient_innen die Primärversor­ gung in Anspruch nehmen(„Stärkung der Hausarztzentrierung“, siehe auch Sachverständigenrat zur Begutachtung der Ent­ wicklung im Gesundheitswesen 2018). Voraussetzung dafür ist eine qualitativ hochwertige Versorgung mit ausreichenden Behandlungszeiten, die mit zunehmender Anzahl von Pati­ ent_innen schwieriger zu leisten ist. In diesem Zusammenhang zeigt Abbildung 23 die Versor­ gungsraten für die kreisfreien Städte und Landkreise in Deutschland für das Jahr 2015. Die Werte reichen von 73 Hausärzt_innen pro 100.000 Einwohner_innen im Landkreis 4 Vgl. https://www.svr-gesundheit.de/index.php?id=506(29.4.2019). Schweinfurt bis zu einem Wert von 391 Hausärzt_innen in Freiburg im Breisgau. Die Abbildung zeigt deutlich, dass Groß­ städte eine sehr viel bessere Versorgung aufweisen als länd­ liche Regionen(durchschnittlicher Hausärztebesatz in kreis­ freien Großstädten: 222 Hausärzt_innen pro 100.000 Einwohner_innen; in dünn besiedelten ländlichen Kreisen 127 Hausärzt_innen pro 100.000 Einwohner_innen). Dieses Un­ gleichgewicht lässt sich zum Teil durch zentralörtliche Versor­ gungslogiken erklären, die den Städten einen Bedeutungs­ überschuss auch im Hinblick auf die Mitversorgung ihres Umlandes zuweist. Sie wird aber dann zum Problem, wenn schlechte Versorgungslagen im ländlichen Raum mit großen Distanzen zu den Versorgungszentren der nächstgelegenen Kreisstadt einhergehen. Die lang bekannte Debatte um das Aussterben des Berufsbildes des Landarztes/der Landärztin in Deutschland beziehungsweise die zunehmend schlechter werdenden Bedingungen für dieses Berufsbild unterstreicht die Problemlagen, die auch in der Abbildung sichtbar werden: In den peripheren Teilen Mecklenburg-Vorpommerns, Bran­ denburgs, Hessens und Bayerns ist die Versorgungslage deut­ lich schlechter als in den dicht besiedelten Regionen West­ deutschlands und den großen Agglomerationsräumen. Die Ursachen hierfür werden in der medialen Berichterstattung allerdings bislang nicht in der Form diskutiert, wie sie wissen­ schaftliche Studien nahelegen: Während medial vielfach über die hohen Belastungen von Landärzt_innen durch steigende Anforderungen der Kassenmedizin berichtet wird, sehen Au­ tor_innen wie Kaduszkiewicz et al.(2018) die Ursachen zu­ sätzlich in den Persönlichkeits- und Systemfaktoren der Aus­ bildung von Ärzt_innen. Die anspruchsvolle Ausbildung an den medizinischen Fakultäten deutscher Universitäten kon­ zentriert sich auf wenige großstädtische Standorte, steht auf­ grund der hohen Zulassungsbeschränkungen nur den Abitu­ rient_innen mit den allerbesten Bildungsabschlüssen offen, die nur in vergleichsweise geringer Anzahl den sozialen Mili­ eus ländlicher Peripherien verhaftet sind. Zudem erfahren fach­ liche Spezialisierungen in Deutschland eine höhere fachliche Anerkennung, die sich auch in den Verdienstperspektiven ausdrückt. Dies führt dazu, dass nur wenige Medizinstudent_ innen eine Präferenz für eine hausärztliche Berufsperspektive in peripheren ländlichen Lagen suchen. Vielmehr wird eine Konzentration in statushohen medizinischen Berufen in den großen Städten präferiert, die einkommensträchtig sind und als milieugerecht wahrgenommen werden. Ein Beispiel für bildungspolitische Maßnahmen, die sich an derartigen Analysen orientieren, ist das 2018 verabschiedete „Gesetz zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung in Bereichen besonderen öffentlichen Bedarfs des Landes Nord­ rhein-Westfalen“, das sogenannte Landarztgesetz. Mit dieser Maßnahme werden zehn Prozent der Studienplätze an Me­ dizinstudent_innen vergeben, die sich in Auswahlverfahren für die Ausübung des Hausarztberufes in ländlichen Regionen bewerben und verpflichten, diesen Beruf langfristig und orts­ gebunden auszuüben(Landtag Nordrhein-Westfalen, 17. Wahlperiode 2018). Es bleibt abzuwarten, inwiefern derartige Initiativen deutschlandweit Schule machen und geeignet sind, die Versorgungslage in ländlichen Regionen zu verbessern. Wahrscheinlich ist, dass dies nur ein Baustein eines Maßnah­ menbündels sein kann, das sich auch mit alternativen Konzep­ ten zur Erreichbarkeit von Hausärzt_innen beschäftigen muss. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 37 Abbildung 23 Anzahl der Hausärzt_innen je 100.000 Einwohner_innen 2015 Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i e e n sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km 0 20 km AnzahlAdnezraHhal udseärrHzta_uinsänreznt_innen Anzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich je 100.0je0010E0in.0w0o0hEninewr_oinhnneenr_innen 70 2015 2015 70 60 60 b b is i u s n u te n rb t i e s1 r u2n0t 1 e 2 r 0 120 50 50 1 1 2 2 0 0 b b is1 i 2u s 0n u te n rb t i e s1 r u4n0 1 te 4 r 0 140 1 1 4 4 0 0 b b is1 i 4u s 0n u te n rb t i e s1 r u6n0 1 te 6 r 0 160 40 40 1 1 6 6 0 0 b b is1 i 6u s 0n u te n rb t i e s2 r u0n0 2 te 0 r 0 200 30 30 2 2 0 0 0 0 un u d2 n 0m d 0eh m urn e d h m r ehr 20 20 10 10 MittelwMeirttteeldweerrstteaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen Anzahl jAen1z0a0h.l0j0e0100.000 EinwohnEeinrw_inonhenner_innen 157 De1u5t7schlaDnedutschland 222 kr2e2is2freiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte 162 stä16d2tischsetäKdretiisscehe Kreise 127 län1d27licheläKnredilsicehme iKtreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen 127 dü1n2n7 besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise 0 60 80 0 60 10800 121000 141020 161040 181060 201080 222000 242020 262040 282060 302080 323000 343020 363040 383060 403080 400 IndikatoreInndaikuastporäregnuanugsparläsgAunnzgahalls Anzahl Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 38 Der nächste Abschnitt berichtet über die ungleiche Zugäng­ lichkeit mit einem eigenen Indikator: der Erreichbarkeit von Hausärzt_innen in Pkw-Minuten. 4.3.3  ERREICHBARKEIT VON HAUSÄRZT_INNEN Definition und Aussage Die Erreichbarkeit von Hausärzt_innen wird in der vorliegen­ den Umsetzung mit Daten zu niedergelassenen Hausärzt_in­ nen des Adressdatenanbieters„wer-zu-wem“-Verlag, Stand Juli 2016, gerechnet(Allgemeinmedizin, aber auch Ärzt_innen der Inneren Medizin mit einem adäquaten Leistungsspektrum). Das Thünen-Institut hat mit einem Pkw-basierten Erreichbar­ keitsmodell diese Standorte weiterverarbeitet. Dabei wurden die Wege zwischen den Arztpraxen und den zentralen Punk­ ten von 250 mal 250 Meter großen Rasterzellen berechnet. Für die Rasterzellen, die flächendeckend für ganz Deutschland vorliegen, sind die Bevölkerungswerte bekannt, sodass eine Wegematrix pro Einwohner_in zum nächstgelegenen Arzt bzw. Ärztin erzeugt werden kann. Die Erreichbarkeit wird in einer Pkw-Fahrzeit mit einer durchschnittlichen Fahrgeschwin­ digkeit von 33 Kilometer pro Stunde über alle Straßentypen angegeben, die Wegematrix wird auf der Grundlage letztlich zu einem Durchschnittswert pro Kreis aufgerechnet. Damit wird eine bundesweit vergleichbare Erfassung der wohnort­ nahen Versorgungslage möglich, die ergänzend zum Indika­ tor des Hausärztebesatzes(siehe den vorherigen Abschnitt) Auskunft über die Qualität der medizinischen Grundversor­ gung gibt. Interpretation Insgesamt ist die Erreichbarkeitssituation von Hausärzt_innen in Deutschland nach wie vor relativ gut. Auf der Grundlage einer Gesamtauswertung des Indikators zeigt sich, dass 99 Prozent der Einwohner_innen Deutschlands einen Hausarzt oder eine Hausärztin in 15 Minuten Pkw-Fahrzeit aufsuchen können(Neumeier 2017: 134). Relativiert wird diese Aussage durch die Abhängigkeit vom motorisierten Individualverkehr. Der vom Thünen Institut definierte Schwellenwert von 15 Mi­ nuten Fahrzeit entspricht bei einer durchschnittlichen Fahrzeit von 33 Kilometer pro Stunde einer Wegedistanz von 8,25 Kilometern auf dem Straßennetz. In städtischen Räumen kann diese Distanz mit Angeboten des öffentlichen Personennah­ verkehrs(ÖPNV) in vielen Wohnlagen ersetzt werden. Schwie­ riger ist dies in Regionen mit fehlenden ÖPNV-Angeboten außerhalb der fußläufigen Einzugsbereiche. Für die Karte in Abbildung 24 ist deshalb für ländliche Regionen der dunkelblau eingefärbten Kreise von einer problematischen Erreich­ barkeit auszugehen, nur für die Kreise in Gelb mit unter zwei Minuten Fahrzeit(entspricht weniger als 1,1 Kilometer Wege­ distanz) ist die fußläufige Erreichbarkeit(im Durchschnitt und bei entsprechender körperlicher Verfassung der Patient_innen) als gut anzusehen. Das Histogramm in Abbildung 24 verdeutlicht, dass die Pro­ blemlagen der Erreichbarkeit von Hausarztpraxen im ländli­ chen Raum liegen, und zwar nicht nur in den dünn besiedel­ ten Regionen(durchschnittlich 6,9 Minuten oder 3,8 Kilometer Wegedistanz), sondern auch in den ländlichen Krei­ sen mit Verdichtungsansätzen(durchschnittlich 6,1 Minuten Fahrzeit oder 3,4 Kilometer Wegedistanz). Die Erreichbarkeit von Hausärzt_innen ist in den städtischen Kreisen(4,5 Minu­ ten Fahrzeit oder 2,5 Kilometer Wegedistanz) und den kreis­ freien Großstädten(3,1 Minuten oder 1,7 Kilometer Wegedistanz) deutlich besser, insgesamt streuen die Werte von 1,8 Minuten in der Landeshauptstadt München bis 11,2 Minuten im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Unberücksichtigt bleibt bei dieser Betrachtung, ob die nächstgelegene Hausarztpraxis tatsächlich Versorgungskapazitäten anbieten kann. Für diese Frage kann auf der Grundlage der dargestellten Indikatoren des Hausärztebesatzes und der Erreichbarkeit von Hausärzt_ innen nur eine annähernde Beschreibung erfolgen. So hat zum Beispiel der Stadtstaat Berlin eine hervorragende Erreich­ barkeit von Hausärzt_innen, für 91 Prozent der Bevölkerung liegt die nächstgelegene Hausarztpraxis lediglich 1,1 Kilome­ ter Wegedistanz entfernt(Neumeier 2017: 33). Der Hausärz­ tebesatz ist aber mit 174 Ärzt_innen pro 100.000 Einwoh­ ner_innen vergleichsweise gering. Die Stadt Bonn hat mit einer ähnlichen Erreichbarkeit von Praxen eine deutlich höhe­ re Versorgungskapazität, hier kommen 318 Hausärzt_innen auf 100.000 Einwohner_innen, das sind 55 Prozent mehr. Auffällig sind die Problemlagen in den ländlichen Regionen Nordostdeutschlands, insbesondere in Mecklenburg-Vorpom­ mern, und Brandenburgs, teilweise auch im nördlichen Sach­ sen-Anhalt. Für beide Indikatoren, den Hausärztebesatz und die Erreichbarkeit von Hausärzt_innen, zeigen sich hier im bundesweiten Vergleich die niedrigsten Werte. Hinzu kommt, dass durch den demografischen Wandel in diesen Bundes­ ländern vergleichsweise viele ältere Mitbürger_innen leben, die im Unterschied zu jüngeren Bevölkerungsgruppen gene­ rell häufigeren Bedarf an medizinischer Grundversorgung und Pflegeleistungen haben. Die oben bereits angesprochene Diskussion um den ausster­ benden Beruf des Landarztes/der Landärztin ist in den be­ troffenen Regionen lange bekannt. Konzepte zur Abhilfe be­ schränken sich nicht nur darauf, den Hausarztberuf zu stärken. Hinzu kommen alternative – zum Teil noch eher experimen­ telle – Formen der Versorgung wie„rollende Praxen“, ärztliche (Gemeinschafts-)Praxen, die nur tageweise besetzt sind, oder Innovationen in der Telemedizin(siehe auch die Ausführungen zum Indikator der Breitbandversorgung in diesem Bericht). Obwohl diese Möglichkeiten sicherlich punktuell geeignet sein können, einen Minimalstandard an ärztlichen Leistungen aufrechtzuerhalten, stimmt die Perspektive der Hausarztver­ sorgung im ländlichen Raum insgesamt doch eher pessimis­ tisch. So warnt die Kassenärztliche Bundesvereinigung davor, dass über ein Drittel der Allgemeinärzt_innen in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen wird, eine Nachbesetzung der frei werdenden Praxen wird zunehmend zum Problem (Kassenärztliche Bundesvereinigung 2017). Darüber hinaus ist die Ärzteschaft selbst eher pessimistisch. In einer Umfrage der Tageszeitung Die Welt schätzten Ärzt_innen die Perspek­ tiven der Gesundheitsversorgung schlechter ein als der Rest der Bevölkerung. Nur neun Prozent der Ärzt_innen glaubten an eine Verbesserung(restliche Bevölkerung: 22 Prozent), 40 Prozent gehen sogar von einer Verschlechterung aus(restliche Bevölkerung: 22 Prozent; Die Welt 2014). 27 Prozent der Ärz­ UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 39 Abbildung 24 Pkw-Wegezeit zur nächsten Hausärztin oder Hausarzt 2016 in Minuten Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s r s f eldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesb W ad i en sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M e ü n nchen 0 20 km0 20 km Pkw-WPekgwez-Weitegzuerzeniät czhusrtennächsten Anzahl dAenr zKarehilsdeeimr KWreiesreteimbeWreiecrhtebereich HausärHztaiunsoädrzetrinHoaduesar rHztausarzt 2016 2016 50 50 in MinuitnenMinuten b b is is u u nt n er t b e is r 4unter 4 4 40 40 4 4 b b is is u4 u nt n er t b e is r 5unter 5 5 5 5 b b is is u5 u nt n er t b e is r 6unter 6 6 30 30 6 6 b b is is u6 u nt n er t b e is r 7unter 7 7 20 20 7 7 u u nd n m d 7e m hurn e d h m r ehr 10 10 MittelwMeirttteeldweerrstetaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliesntyKpreenistypen in MinuitnenMinuten 5,1 De5u,1tschlDanedutschland 3,1 kre3i,1sfreiekGreriosfßrestieädGteroßstädte 4,5 st4äd,5tischsetäKdretiisscehe Kreise 6,1 län6d,1licheläKnrdeilsicehemKitreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgesnansätzen 6,9 dü6n,9n besdiüednneltbeesiedelte ländlicheläKnrdeilsicehe Kreise 0 1 0 1 2 2 3 3 4 4 5 5 6 6 7 7 8 8 9 9 10 10 11 11 IndikatorIenndaikuastporräegnuanugspinräMguinnugteinnMinuten Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Thünen Landatlas; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 40 teschaft erwarten keine Veränderungen(restliche Bevölke­ rung: 34 Prozent). Maßnahmen wie Umsatzgarantien, Inves­ titionshilfen und flexible Arbeitszeitmodelle, die die Niederlassung von Ärzt_innen attraktiver machen sollen, wirken bisher kaum. Stattdessen erkennt die Kassenärztliche Bundesvereinigung eine ungebrochene Fortführung des Trends zur Anstellung von Ärzt_innen in Krankenhäusern und Gemeinschaftspraxen in städtischen Kreisen. Diese Ärzt_innen fehlen dann auf dem Land. 4.3.4 BRUTTOGEHÄLTER Definition und Aussage Die Bruttogehälter sind als Median der Bruttoarbeitsentgelte pro Monat von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäf­ tigten(ohne Auszubildende) definiert. Sie sind in zwei Varian­ ten und jeweils als Zeitreihe von 2012 bis 2017 der Webseite der Bundesagentur für Arbeit entnommen: – Bruttogehälter am Arbeitsort, das heißt die durchschnitt­ lichen Werte(Median) für die kreisfreie Stadt oder den Landkreis, bei dem der Arbeitsort eines/einer sozialversi­ cherungspflichtig Beschäftigten registriert ist; – Bruttogehälter am Wohnort, an dem der/die Beschäftig­ te gemeldet ist. Die Berücksichtigung beider Varianten ermöglicht es, den Ein­ fluss von Pendlereinzugsbereichen für das Gehaltsgefüge ei­ nes Arbeitsmarktes zu analysieren: Die Einkommen von Pend­ ler_innen stellen eine Art von Finanztransfer zwischen ihren Arbeitsstätten und Wohnorten dar, der zum Beispiel über die Veranlagung der Beschäftigten zur Einkommensteuer am Wohnort eine direkte raumstrukturelle Wirkung entfaltet. Wei­ terhin verhindert der Bezug zum Median für diesen Indikator, dass extrem hohe oder niedrige Einkommen von einzelnen Beschäftigten den Durchschnitt zu diesen Ausreißern hin ver­ zerren. Der Median als Zentralwert der Werteverteilung er­ scheint deshalb geeigneter, um die Einkommensunterschiede aus Erwerbstätigkeit für Deutschland räumlich differenziert zu erfassen. Interpretation den westdeutschen Wirtschaftszentren. Die Spannbreite reicht von 2.183 Euro pro Monat in Görlitz bis 4.635 Euro pro Monat in Ingolstadt. Die Hintergründe dieser Verteilung sind vielfältig. Während für Städte wie Ingolstadt, Wolfsburg oder Böblingen der Einfluss einzelner Konzerne aus der Automobilbranche auf das hohe Gehaltsniveau unstrittig sein dürfte, sind die hohen Gehälter in München, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart und Köln das Ergebnis eines starken und global vernetzten Arbeitsmark­ tes mit hohen Verdienstmöglichkeiten in verschiedensten Bran­ chen, unter anderem der Finanzindustrie, der Internet- und Kommunikationsbranche, aber auch nach wie vor in starken Firmen des produzierenden Gewerbes. Zudem begründet die wirtschaftliche Stärke mittelständischer Unternehmen, die in Westdeutschland verbreitet auch in kleineren Städten und in ländlichen Regionen zu finden sind, mittlere Einkommensni­ veaus ab 2.500 Euro pro Monat. In Abbildung 28 zeigt das Pendant der Bruttogehälter am Arbeitsort die Verteilung der Bruttogehälter am Wohnort für 2017. Die Werte erstrecken sich von 2.194 Euro in Vorpom­ mern-Rügen bis 4.310 Euro in Wolfsburg. Deutlich sichtbar werden die Pendlereinzugsbereiche im Umland der wirt­ schaftlichen Zentren, in denen sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer_innen hohe Gehaltsniveaus erreichen. Dies ist weitflächig der Fall in der Region Stuttgart und ihrem erwei­ terten Einzugsgebiet, in dem weitere Wirtschaftszentren lie­ gen, nach Norden in einem Korridor hoher Einkommen bis in die ebenfalls starke Wirtschaftsregion Frankfurt, nach Westen auch bis Karlsruhe und Mannheim/Ludwigshafen. Es ist der Fall in der Arbeitsmarktregion München, die sich bis nach Ingolstadt erstreckt, in und um Erlangen, entlang der Rhein­ schiene von Bonn bis Düsseldorf sowie ausgeprägt in und um Wolfsburg. Weiterhin fällt hier ebenfalls die scharfe Trennlinie zwischen mittleren und niedrigen Einkommen im Vergleich der westund ostdeutschen Bundesländer auf – allerdings nicht so trenn­ scharf wie bei der Betrachtung nach Arbeitsort. Das Bild legt nahe, dass Arbeitnehmer_innen, die in ostdeutschen Kreisen leben, aber in westdeutschen Arbeitsmarktregionen arbeiten, vergleichsweise höhere Gehälter beziehen. Zudem zeigt sich die Strahlkraft der ostdeutschen Großstädte mit höheren Ein­ kommen im benachbarten Umland, zum Beispiel in Sachsen und Thüringen, besonders deutlich aber in Berlin. Die Karte in Abbildung 25 zeigt zunächst in den dunkleren Grünschattierungen die hohen Gehälter ab 3.500 Euro pro Monat, die auf den Arbeitsmärkten der süddeutschen Wirt­ schaftszentren München, Stuttgart und Frankfurt, am Rhein zwischen Bonn und Düsseldorf, in Hamburg, aber auch in Industrieregionen wie Wolfsburg oder Salzgitter verdient wer­ den. Hohe Gehälter werden ebenfalls in Erlangen, in und um Schweinfurt, in Mannheim/Ludwigshafen und in süddeutschen ländlichen Kreisen bezahlt. Am anderen Ende des Einkom­ mensspektrums fallen die weitflächig geringeren Gehälter in den ostdeutschen Bundesländern auf, die nur in und um Ber­ lin sowie den größeren Städten Sachsens, Thüringens, Sach­ sen-Anhalts und Mecklenburg-Vorpommerns übertroffen werden. Hier sind die Einkommensmöglichkeiten aus Erwerbs­ tätigkeit besser als im ländlichen Raum Ostdeutschlands, fallen aber mit Ausnahme Berlins durchgehend geringer aus als in Bei einer Betrachtung der Entwicklungen(Abbildungen 26 und 27) für beide Varianten seit 2012 zeigt sich, dass die ost­ deutschen Bundesländer sowie auch einige ländliche Regionen in Westdeutschland im Hinblick auf die Bruttogehälter zwar deutlich aufgeholt haben(Spannbreiten am Arbeitsort: von 3,7 Prozent in Dingolfing-Landau bis 20,3 Prozent im Landkreis Hildburghausen; am Wohnort: –10,8 Prozent in Helmstedt bis 32,7 Prozent in Goslar). Die aktuelle Ungleichverteilung im Jahr 2017 hat sich dadurch aber nicht maßgeblich verändert, hö­ here Steigerungsraten bei geringerem Ausgangsniveau führen nicht zwingend zu einer Angleichung. Im internationalen Vergleich mit den Ländern der europäischen Union liegt Deutschland im Mittelfeld der Einkommensun­ gleichverteilung. Allerdings wird hier angeführt, dass Verglei­ che der Wirtschaftsstruktur Deutschlands sich eher an den UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 41 Abbildung 25 Bruttogehälter(Median) am Arbeitsort 2017 in Euro Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i e e n sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km 0 20 km BruttogBeruhtätlotegre(hMäletderia(nM) edian) am ArbaemitsAorrbt e2i0ts1o7rt 2017 in Euro in Euro Anzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich 40 40 b b is i s u u nt n er t b e is r 2u.5 2 n0t . e0 5 r 0 0 2.500 2 2 .5 .5 0 0 0 b b 2i.s i 5 s 0u0 u nt n er t b e is r 3u.0 3 n0t . e0 0 r 00 3.03000 30 3 3 .0 .00 0 0 0 b b 3i.s i 0 s 0u0 u nt n er t b e is r 3u.5 3 n0t . e0 5 r 00 3.500 3 3 .5 .5 0 0 0 b b 3i.s i 5 s 0u0 u nt n er t b e is r 4u.0 4 n0t . e0 0 r 00 4.02000 20 4 4 . . 0 00 0 0 0 u u 4nd. n 00m d 0e m hur e nd hr mehr 10 10 0 0 2.000 2.000 2.500 2.500 3.000 3.000 MittelwMeirttteeldweerrstteaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen in Euro in Euro 3.063 3D.e0u6t3schlaDnedutschland 3.430 3kr.4e3is0freiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte 3.193 s3t.ä1d9t3ischsetäKdretiisscehe Kreise 2.876 l2ä.n8d7l6icheläKnredilsicehme iKtreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen 2.726 2d.ü7n2n6besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise 3.500 3.500 4.000 4.000 4.500 4.500 IndikatoreInndaikuastporäregnuanugspinräEguurnog in Euro Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 42 Abbildung 26 Veränderung der Bruttogehälter(Median) am Wohnort 2012–2017 in Prozent Abbildung 27 Veränderung der Bruttogehälter(Median) am Arbeitsort 2012–2017 in Prozent Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam baden Stuttgart Erfurt München Düsseldorf Dresden Wiesbaden Mainz Saarbrücken Stuttgart Erfurt Dresden Düsseldorf Wiesbaden Mainz Saarbrücken München Stuttgart Erfurt München Düsseldorf Dresden Wiesbaden Mainz Saarbrücken Stuttgart Erfurt München Dresden bis b un is ter un 9 ter 9 9 9 bis b un is ter un 10 ter 10 10 10 bis b un is ter un 11 ter 11 11 11 bis b un is ter un 13 ter 13 13 13 und u m n eh d r mehr bis unter 9 9 bis unter 10 10 bis unter 11 11 bis unter 13 13 und mehr bis b u i n s ter un 9 ter 9 9 9 bis b u i n s ter un 10 ter 10 10 10 bis b u i n s ter un 11 ter 11 11 11 bis b u i n s ter un 13 ter 13 13 13 und u m n e d hr mehr bis unter 9 9 bis unter 10 10 bis unter 11 11 bis unter 13 13 und mehr Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit; GeoBasis-DE/BKG 2018. Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit; GeoBasis-DE/BKG 2018. Werten der nordwesteuropäischen Staaten orientieren sollten. Dabei zeigt sich, dass Deutschland schlecht abschneidet und sich die Ungleichverteilung seit den 1990er Jahren noch mal verschärft hat(Spannagel et al. 2016: 2f.). Vorschläge zur Re­ duzierung dieser Einkommensunterschiede identifizieren Bil­ dung und den gewerkschaftlichen Organisationsgrad als Schlüssel für eine höhere Einkommensgerechtigkeit, befür­ worten aber auch weiterführende Reformen von Steuersys­ temen und Mindestlohn als aussichtsreiche Maßnahmen (Spannagel et al. 2016: 20f.). 4.3.5 VERFÜGBARES HAUSHALTSEINKOMMEN Definition und Aussage Im Unterschied zu den auf den vorherigen Seiten dargestell­ ten Einkommen aus Erwerbstätigkeit bezieht sich das verfüg­ bare Haushaltseinkommen auf den Betrag, der privaten Haus­ halten für Konsumzwecke oder zur Ersparnisbildung zur Verfügung steht. Die genaue Definition spricht vom Primäreinkommen(Arbeitsentgelt zuzüglich Einkommen aus Ver­ mögen) plus monetäre Sozialleistungen(Rente, Arbeitslosen­ hilfe, Kindergeld, sonstige Transfers). Abgezogen werden So­ zialbeiträge und sonstige laufende Transfers sowie Steuern. Nicht abgezogen werden Lebenshaltungskosten wie zum Beispiel Wohnkosten. Auf dieser Grundlage wird die Aussage der Einkommensmöglichkeiten aus Erwerbstätigkeit erweitert um eine Aussage zur räumlichen Verteilung finanzieller Spiel­ räume von Haushalten, die auch andere Einnahmequellen nutzen können. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Einkommen aus Vermögen. Die aktuellste verfügbare Daten­ grundlage für diesen Indikator stammt aus 2015, die Zeitreihe von 2010 bis 2015. Interpretation Für diesen Indikator zeigt Abbildung 30, dass die höheren verfügbaren Einkommen in Deutschland ebenfalls in Süd- und Westdeutschland verortet sind. Aufgezeigt werden aber auch weit in die Peripherie reichende höhere Haushaltseinkommen – mehr als dies bei den Gehältern aus Erwerbstätigkeit(vgl. Abbildung 24) der Fall ist. Dies trifft zum Beispiel auf die land­ schaftlich attraktiven Regionen der Voralpen und der Küste Schleswig-Holsteins zu, wo abseits der wirtschaftlich starken Arbeitsmarktregionen offensichtlich Einkommen aus anderen Quellen, zum Beispiel aus der Vermietung von Grundstücken und Wohnungen im Tourismus, generiert werden. Auffällig sind zudem die hohen Einkommen im Umland der Großstäd­ te München, Frankfurt, Hamburg und Stuttgart. Diese Beob­ achtung deckt sich teilweise mit den Erkenntnissen aus der Betrachtung von Bruttogehältern am Wohnort, bestätigt aber noch mal die Einkommensvorteile der Wohnbevölkerung im Umland der wirtschaftlichen Powerhäuser Deutschlands. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 43 Abbildung 28 Bruttogehälter(Median) am Wohnort 2017 in Euro Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i e e n sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km 0 20 km BruttogBeruhtätlotegre(hMäletderia(nM) edian) am WoahmnoWrto2h0n1o7rt 2017 in Euro in Euro Anzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich 50 50 bi b s i u s nt u e n rb t is e 2u r .n5t 2 0e0 . r 50 2 0 .500 40 40 2 2 .5 .5 00 0 0 b2i b .s5 i 0u s 0nt u e n rb t is e 3u r .n0 3 t0e0 . r 0 3.000 00 3 3 .0 .0 00 0 0 b3i b .s0 i 0u s 0nt u e n rb t is e 3u r .n5t 3 0e0 . r 5 3.500 00 30 30 3 3 .5 .5 00 0 0 b3i b .s5 i 0u s 0nt u e n rb t is e 4u r .n0 4 t0e0 . r 0 4.000 00 4.000 und mehr 20 20 4 4 .0 .0 00 00 und u m n e d hr mehr 10 10 0 0 2.500 2.500 3.000 3.000 Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit;; Geo-Basis-DE/BKG 2018. MittelwMeirttteeldweerrstteaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen in Euro in Euro 3.149 D3.e1u4t9schlaDnedutschland 3.305 3k.r3e0is5freiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte 3.288 3st.2ä8d8tischsetäKdretiisscehe Kreise 3.060 3lä.0n6d0licheläKnredilsicehme iKtreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen 2.863 2d.ü8n6n3 besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise 3.500 3.500 4.000 4.000 IndikatoreInndaikuastporäregnuanugspinräEguurnog in Euro FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 44 Abbildung 29 Veränderung des durchschnittlichen Haushaltseinkommens (Netto) 2010–2015 in Prozent Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam baden Erfurt Düsseldorf Dresden Wiesbaden Mainz Saarbrücken Erfurt Dresden Stuttgart München Stuttgart München bis b un is ter un 6 ter 6 6 6 bis b un is ter un 8 ter 8 8 8 bis b un is ter un 10 ter 10 10 10 bis b un is ter un 12 ter 12 12 12 und u m n eh d r mehr bis unter 6 6 bis unter 8 8 bis unter 10 10 bis unter 12 12 und mehr Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; GeoBasis-DE/BKG 2018. Die Spannbreiten der verfügbaren Haushaltseinkommen rei­ chen von 16.274 Euro pro Jahr in Gelsenkirchen bis 35.663 Euro pro Jahr in der Stadt Heilbronn. Heilbronn ist zugleich die einzige Kommune in Deutschland, in der seit 2010 das Haushaltseinkommen deutlich gesunken ist(–9,4 Prozent). Die höchste Steigerungsrate in diesem Zeitraum erlebte die Stadt Cottbus mit 19,7 Prozent. Die Veränderungskarte in ­Abbildung 29 zeigt in diesem Zusammenhang ein sehr ge­ mischtes Bild. Deutlich wird, dass einzelne Kreise Einkom­ mensgewinne im durchschnittlichen Haushaltseinkommen verzeichnen konnten, die nicht zwingend von der Nähe luk­ rativer Arbeitsmärkte abhängen. Eine kürzlich erschienene Studie der Hans-Böckler-Stiftung, die das Haushaltseinkom­ men für 2016 analysiert, erkennt zwar das weiterhin prägen­ de Ost-West-Gefälle im Haushaltseinkommen, vernachlässigt aber die hier sichtbaren teilräumlichen Aufholtendenzen und die unterschiedlichen Muster zwischen Einkommen aus Er­ werbstätigkeit und dem verfügbaren Haushaltseinkommen (Seils/Baumann 2019). Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass die außerordentlich gestiegenen Lebenshaltungskosten ins­ besondere in den Großstädten Deutschlands einen bedeu­ tenden Teil des verfügbaren Haushaltseinkommens beanspru­ chen und insbesondere dann für einkommensschwache Haushalte eine neue Form der Exklusionsgefahr darstellen, wenn die Einkommen nicht im gleichen Maße steigen. In diesem Zusammenhang wird in Fachkreisen vielfach beklagt, dass in Deutschland Einkommen aus Erwerbstätigkeit einer höheren Steuerlast unterliegen als Einkommen aus Vermögen. Behringer et al. benennen insbesondere die im internationa­ len Vergleich geringen Steuersätze für die Erbschafts- und Schenkungssteuer sowie die gegenüber dem Einkommens­ steuersatz von Besserverdienenden geringe Abgeltungssteu­ er von pauschal 25 Prozent für Vermögen als Ursachen (Behringer et al. 2014: 14). Bessergestellte Haushalte, die durch Vermögen Steuervorteile realisieren können, tun sich demnach auch leichter, steigende Lebenshaltungskosten zu kompen­ sieren(Becker 2016). Die nachfolgende Betrachtung der Be­ standsmieten verdeutlicht diesen Aspekt. 4.3.6 BESTANDSMIETEN Definition und Aussage Der Stand und die Entwicklung von Bestandsmieten in Euro je Quadratmeter entstammen der Preisdatenbank des Empi­ rica Instituts mit Stand Oktober 2018. Die Daten werden zu­ sammengestellt aus inserierten Angebotspreisen in Euro/m 2 und zu einem Median-Wert pro kreisfreier Stadt und Landkreis zusammengefasst. Die Aussagekraft dieser Betrachtung wird durch zahlreiche aktuelle wohnungspolitische Diskussionen gestützt: Steigende Preise auf dem Wohnungsmarkt werden in manchen Großstädten Deutschlands zum dominanten Ri­ siko für soziale Verdrängung einkommensschwächerer Haus­ halte und entkoppeln sich zunehmend von den oben genann­ ten Kennziffern der Einkommensentwicklung. Diese Entkoppelung wird mit der Betrachtung der Wohnkostenbe­ lastung aus dem Datenangebot des Mikrozensus greifbar, die die Ausgaben eines Haushaltes für Wohnen in Bezug zum verfügbaren Haushaltseinkommen setzt(Holm et al. 2018). Für eine flächendeckende Betrachtung regionaler Unterschie­ de fehlt im Mikrozensus aber die Datengrundlage, es können nur bevölkerungsreiche Gebietseinheiten mit ausreichenden Fallzahlen dargestellt werden. Aus diesem Grund findet hier eine Einzelbetrachtung von Bestandsmieten statt, die im Kon­ text der oben dargestellten Indikatorergebnisse für Bruttoge­ hälter und verfügbares Einkommen zu werten sind. Interpretation Abbildung 32 zeigt die Bestandsmieten in Euro pro Quadrat­ meter in 2018(Werte von 4,59 Euro/m 2 im Vogtlandkreis bis 15,74 Euro/m 2 in der Stadt München). Deutlich wird, dass hohe Mieten vor allem in Süddeutschland und in den wirtschaftlich erfolgreichen Großstädten Westdeutschlands sowie in Berlin und dem benachbarten Umland zu finden sind. Die niedrigs­ ten Werte liegen in den ländlichen Räumen Ostdeutschlands und den altindustriellen Städten des Ruhrgebiets und des Saarlands. Der Wegzug von Menschen führt hier zum Freiwer­ den von Wohnungsbeständen und einer entsprechenden Preisreaktion auf dem Immobilienmarkt. Die höchsten Preissteigerungen haben die Wohnungsmärkte der süddeutschen Großstädte erfahren, die sich weit ins Um­ land ausdehnen(München, Stuttgart, Frankfurt am Main). Spitzenreiter ist die bayerische Landeshauptstadt München. Mieter_innen mussten hier im Jahre 2018 durchschnittlich 5,15 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche mehr bezahlen als noch 2011. Weitere Brennpunkte sind Frankfurt, Berlin, Köln sowie UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 45 Abbildung 30 Verfügbares durchschnittliches Haushaltseinkommen(Netto) 2015 in Euro je Einwohner_in Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i e e n sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km 0 20 km verfügbvearrfeüsgdbuarrcehsscdhunrcithtlsicchhneisttliche A s nzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich HaushaHltasuesinhkaoltmsemineknom(Nmetetno)(Netto) 2015 2015 in Euro jien EEiunrwoojehnEeinrw_inohner_in 60 60 bis b un is te u rb n is t 1u e 8n. r 0te0r 1 0 8 1 .0 8. 0 00 0 500 50 1 1 8 8 .0 . 0 0 0 0 0 1b8i.s0 b u0n0 i s te u rb n is2 t u e 0n. r 0te0 2 r0 0 2 . 0 0. 0 00 0 0 40 40 2 2 0 0 .0 . 0 0 0 0 0 2b0i.s0 b u0n0 i s te u rb n is2 t u e 2n. r 0te0 2 r0 2 2 . 0 2. 0 00 0 0 2 2 2 2 .0 . 0 0 0 00 2b2i.s0 b u0n0 is te u rb n is2 t u e 4n. r 0te0 2 r0 4 2 .0 4. 0 00 0 300 30 2 2 4 4 .0 . 0 0 0 0 u 0 2n4d.0 u m0 n 0e d hurn m d e m h e r hr 20 20 10 10 0 18.000 0 18.000 22.000 22.000 MittelwMeirttteeldweerrstteaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen in Euro jien EEiunrwoojehnEeinrw_inohner_in 21.467 D21e.u4t6s7chlaDnedutschland 20.824 2kr0e.8is2fr4eiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte 22.442 2st2ä.d4t4is2chsetäKdretiisscehe Kreise 21.527 l2ä1n.d5l2ic7heläKnredilsicehme iKtreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen 20.214 d2ü0n.2n14besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise 26.000 26.000 30.000 30.000 34.000 34.000 IndikatoreInndaikuastporäregnuanugspinräEguurnogjeinEiEnuwroohjenEeirn_winohner_in Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 46 Abbildung 31 Veränderung der Bestandsmieten 2010–2018 in Euro je m 2 Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam baden Erfurt Düsseldorf Dresden Wiesbaden Mainz Saarbrücken Erfurt Dresden Stuttgart München Stuttgart München bis unt b er is u 6 nter 0,50 6 0,5 bi 0 s unt b er is u 8 nter 1,00 8 1,0 bi 0 s unt b er is 1 u 0 nter 1,50 10 1,5 bi 0 s unt b er is 1 u 2 nter 2,00 12 2, u 0 nd 0 me u hr nd mehr Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Empirica; GeoBasis-DE/BKG 2018. bis unter 0,50 0,50 bis unter 1,00 1,00 bis unter 1,50 1,50 bis unter 2,00 2,00 und mehr baulichen Vorgaben wie dem Klimaschutz und der Freiraumentwicklung. Aktuelle Studien weisen diesbezüglich darauf hin, dass in den Metropolkernen zu wenig Wohnungsbau stattfindet, während andernorts am„Bedarf vorbei gebaut“ wird, das heißt Kommunen ohne drängenden Bedarf erweitern ihren Wohnungsbestand im Zuge dieser Debatten und kon­ terkarieren damit das Nachhaltigkeitsziel der Bundesregierung zum sparsamen Umgang mit Flächenressourcen(Institut der deutschen Wirtschaft 2018). 4.4  STAATLICHES HANDELN UND PARTIZIPATION Ein Land wie Deutschland hat derzeit vergleichsweise große Spielräume, um sozioökonomische Disparitäten abzubauen und die Rahmenbedingungen für gleichwertige Lebensver­ hältnisse für weite Teile der Gesellschaft zu verbessern. Den­ noch haben sich auch im konjunkturellen Hoch der vergange­ nen Jahre sozioökonomische Disparitäten weiter verschärft. Benachteiligte Regionen und Bevölkerungsgruppen nehmen in höchst ungleichem Maße am Aufschwung teil, mit teils unsicheren Zukunftsperspektiven. So sind trotz aller struktur­ politischen Maßnahmen ökonomisch schwächere Regionen häufig einem Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Verlust von Steuereinnahmen, Überschuldung, Investitions­ rückständen und weiterer Abwanderung ausgesetzt. Geringe oder fehlende Investitionen in die öffentliche Infrastruktur ge­ fährden die Standortqualität und können den Aufholprozess schwächerer Regionen behindern. Dies wirkt sich negativ auf die dortigen Zukunftsperspektiven aus und unterminiert auf längere Sicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Universitätsstädte wie Freiburg und Münster. Die Preise ziehen auch in ostdeutschen Städten wie Jena und Dresden an. Es wird vielfach davon ausgegangen, dass die höheren Lebens­ haltungskosten zu einer sozialen Polarisierung der Stadtgesell­ schaft führen, zu Verdrängung und Exklusion. Studien zur Wohnkostenbelastung für deutsche Großstädte weisen darauf hin, dass die Anzahl der Haushalte, die einen armutsgefähr­ denden Anteil ihres Einkommens für Miete aufbringen müssen, in den angespannten Wohnungsmärkten deutlich zunimmt (Holm et al. 2018: 11). Die Wohnungsmärkte in den Städten, aber auch in den ver­ kehrlich gut erschlossenen Umlandräumen, werden für weite Teile der Bevölkerung zunehmend unerschwinglich. In Fach­ kreisen wird vielfach bedauert, dass große Bestände an staat­ lichen Wohnungen über die vergangenen Jahrzehnte privati­ siert wurden oder aus der Sozialbindung herausgefallen sind. So hatte zum Beispiel das Land Bayern von 2003 bis 2014 39 Prozent seiner Sozialwohnungen abgegeben(BT-Drucksa­ che 2017: 27). Aber auch Haushalte mit mittleren Einkommen geraten zunehmend unter Druck, wenn ihre Einnahmen nicht in gleichem Maße steigen wie die Verteuerung von Wohnraum und Lebenshaltungskosten. Die Bereitstellung von mehr Flä­ chen für den Wohnungsbau könnte die Wohnungsnot in den Großstädten sicherlich kurzfristig lindern. Tatsächlich tun sich viele Kommunen mit der Aktivierung von Flächenpotenzialen im Bestand allerdings schwer, zum Beispiel im Hinblick auf Genehmigungsverfahren und Zielkonflikte mit anderen städte­ 4.4.1  KOMMUNALE SCHULDEN UND KASSENKREDITE Aussagekraft des Indikators Die Verschuldung lässt Rückschlüsse auf die fiskalische Hand­ lungsfähigkeit einer kommunalen Gebietskörperschaft zu. Der Indikator„Kommunale Verschuldung“ quantifiziert die Ver­ schuldung der Kernhaushalte als Schulden aus Krediten in Euro je Einwohner_in. Berücksichtigt sind auch weitergeleitete Kre­ dite an Auslagerungen(Bertelsmann Stiftung 2019). Hohe Schuldenlasten können ein Anzeichen für eine strukturelle Unterdeckung eines Haushaltes sein, zum Beispiel aufgrund von hohen Soziallasten einer Stadt oder Gemeinde. Die hier verwendeten Daten sind dem„Wegweiser Kommune“ der Bertelsmann Stiftung entnommen. Interpretation Abbildung 33 verdeutlicht, dass sich die Verschuldungspro­ blematik in Teilen Westdeutschlands trotz der guten Konjunk­ tur der vergangenen Jahre nicht entspannt hat. In zahlreichen Gebietskörperschaften in Nordrhein-Westfalen, Rhein­ land-Pfalz, Hessen und im Saarland überschreitet die Verschul­ dung inzwischen Werte von 2.500 Euro je Einwohner_in. Die Extrema repräsentieren bei diesem Indikator das schuldenfreie Dresden und die Stadt Pirmasens mit einem Spitzenwert von UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 47 Abbildung 32 Bestandsmieten 2018 in Euro je m 2 Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin HambuHragmburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i e e n sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km 0 20 km BestanBdesmstiaentdensm2 2 i0e1t8en 2018 in Euro jien mEu 2 ro je m 6, 6 0 ,0 0 0 7,0 7,0 0 0 8, 8 0 ,0 0 0 9, 9 0 ,0 0 0 bis bi u s n un te te r rbi 6 s 6 , u 0 ,n0 0 t0er bis 6b,i u 0s 0 n un te te r rbis 7, u7 0 ,n0 0 t0er bis b7,i u 0s 0 n un te te r rbi 8 s 8 , u 0 ,n0 0 t0er bis 8b,i u 0s 0 n un te te r rbi 9 s 9 , u 0 ,n0 0 t0er u u n n9 d d,0m m 0 e e hu h rn r d mehr Anzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich 60 60 6,00 7,0050 50 8,0040 40 9,00 30 30 20 20 10 10 04 04 6 6 8 8 10 10 MittelwMeirttteeldweerrstteaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliestny 2 Kpreenistypen in Euro jien m Eu 2 ro je m 7,07 De7,u0t7schlaDnedutschland 8,02 k8re,0is2freiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte 7,43 st7ä,4d3tischsetäKdretiisscehe Kreise 6,69 lä6n,6d9licheläKnredilsicehme iKtreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen 6,07 d6ü,n0n7 besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise 12 12 14 14 16 16 IndikatoreInndaikuastporäregnuanugspinräEguurnogjeinmE ² uro je m ² Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Empirica; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 48 Abbildung 33 Veränderung der kommunalen Schulden je Einwohner_in 2011–2016(Summe öffentlich/nicht-öffentlicher Bereich) in Euro Abbildung 34 Veränderung der Kassenkredite je Einwohner_in 2011–2016 (Summe öffentlich/nicht-öffentlicher Bereich) in Euro Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Kiel Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam sbaden z Stuttgart Erfurt Düsseldorf Dresden Wiesbaden Mainz Saarbrücken Stuttgart München Erfurt Dresden Düsseldorf Wiesbaden Mainz Saarbrücken München Stuttgart Erfurt Düsseldorf Dresden Wiesbaden Mainz Saarbrücken Stuttgart München Erfurt München Dresden bis u b nt i e s r u -15 n 0 ter –150 -15 – 0 15 b 0 is u b nt i e s r u -5 n 0 ter –50 -5 – 0 50 bis u b nt i e s r u 5 n 0 ter 50 50 50 bis u b nt i e s r u 15 n 0 ter 150 150 15 u 0 nd m u e n hr d mehr k k ei e ne in Da e te D n aten bis unter-150 -150 bis unter-50 -50 bis unter 50 50 bis unter 150 150 und mehr keine Daten Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Wegweiser Kommune; GeoBasis-DE/BKG 2018. bis un b te is r u 10 n 0 ter –100 -10 – 0 10 b 0 is un b te is r u -2 n 5 ter –25 -2 – 5 2 b 5 is un b te is r u 2 n 5 ter 25 25 2 b 5 is un b te is r u 10 n 0 ter 100 10 1 0 0 un 0 d m u eh n r d mehr k k ei e ne in Da e te D n aten bis unter-100 -100 bis unter-25 -25 bis unter 25 25 bis unter 100 100 und mehr keine Daten Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Wegweiser Kommune; GeoBasis-DE/BKG 2018. fast 10.000 Euro je Einwohner_in. Mit Werten von über 8.500 Euro je Einwohner_in weisen neben Pirmasens auch Oberhau­ sen, Kaiserslautern und Mülheim a. d. Ruhr alarmierende Zu­ stände der Kommunalfinanzen auf. Dagegen stellen sich grö­ ßere Teile Süddeutschlands als nahezu schuldenfrei dar. In Ostdeutschland ist die Lage gemischt: Hier finden sich schul­ denarme Städte und Landkreise vor allem in Sachsen und im Berliner Umland, während strukturschwächere Gebiete in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern höhere Pro-Kopf-Verschuldungen aufweisen. Deutlich wird darüber hinaus, dass Überschuldung vor allem ein großstädtisches Pro­ blem darstellt. Für die Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin existieren zwar keine vergleichbaren Daten, da die Lan­ deshaushalte hier in die kommunalen Finanzen einfließen. Die (restlichen) kreisfreien Großstädte Deutschlands(im Mittel 1.360 Euro pro Einwohner_in) sind aber vielfach höher ver­ schuldet als die dünn besiedelten ländlichen Kreise(315 Euro pro Einwohner_in). Die Veränderungen im Zeitverlauf verdeutlichen einen enor­ men Handlungsbedarf: Während sich die Schuldenlasten in Rheinland-Pfalz und Teilen Nordrhein-Westfalens sowie Schles­ wig-Holsteins weiter verschärft haben, konnten Kommunen in großen Teilen Ostdeutschlands, im nördlichen Niedersach­ sen und in Teilen Süddeutschlands Schulden abbauen. Die günstige Konjunktur dürfte hier dazu beigetragen haben, dass die betreffenden Gebietskörperschaften ihre Finanzlage ver­ bessern konnten. Allerdings können bei schrumpfender Be­ völkerungszahl auch statistische Effekte auftreten, wenn eine gleichbleibende Schuldenlast auf weniger Einwohner_innen entfällt. Ein zweiter Indikator für die fiskalische Lage der Kommunen bezieht sich auf den Umfang von Verbindlichkeiten durch so­ genannte Kassenkredite(auch Liquiditätskredite genannt). Kassenkredite sind eine Schuldenart zur Deckung eines kurz­ fristigen Bedarfs an liquiden Mitteln. Sie werden von Kommu­ nen im Normalfall ausschließlich zur Überbrückung kurzfristi­ ger Liquiditätsengpässe aufgenommen. In Regionen mit Strukturproblemen dient diese Form des Kredits aber über seinen eigentlichen Zweck hinaus als Dauerfinanzierungsquel­ le für Haushaltsdefizite. Insbesondere in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen und im Saarland leiden zahlreiche Landkreise und kreisfreie Städte unter diesbezüglich hohen Verbindlichkeiten. Hier wurden Schulden von verbreitet über 1.000 Euro je Einwohner_in aufgehäuft, in sieben Fällen über­ steigt die Schuldenlast sogar einen Wert von 5.000 Euro. Be­ troffen sind kreisfreie Städte und Landkreise in Nord­ rhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Dagegen kamen 2016 fast 90 kommunale Gebietskörperschaften gänzlich ohne Ver­ bindlichkeiten bei Kassenkrediten aus. Für die Zukunft ist eine Entlastung der hoch verschuldeten Kommunen dringend geboten. Böttcher(2012: 66) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass über ein effektives Altschuldenmanagement hinaus auch eine Bekämpfung der UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 49 Abbildung 35 Kommunale Schulden je Einwohner_in 2016(Summe öffentlich/nicht-öffentlicher Bereich) in Euro Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i e e n sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km 0 20 km kommuknoamlemSucnhaulledeSnchulden je EinwjoehEninewr_oinhn2e01r_6in 2016 (Summe(Söufmfemntelicöhf/fentlich/ nicht-öfnfeicnhtlti-cöhfefer nBtelircehicehr )Bereich) in Euro in Euro Anzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich 100 100 bis unter 50080 80 bis unter 500 bis unter 500 5 5 00 00 bis b 50u is 0nt u er n b t is e 1u r .n0t0e 1 0r .00 1 0 .00060 60 1 1 .0 .0 00 00 b1i.s b 00u is 0nt u er n b t is e 1u r .n5t0e 1 0r .50 1 0 .500 1 1 .5 .5 00 00 b1i.s b 50u is 0nt u er n b t is e 2u r .n5t0e 2 0r .50 2 0 .50040 40 2 2 .5 . 5 00 0 0 u2nd. u 50m n 0 d ehu m r nd e m h r ehr k k e e in i e n D e a D ktee a nin t e e D n aten 20 20 00 001.000 1.0020.000 2.0030.000 3.0040.000 4.0050.000 MittelwMeirttteeldweerrstteaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen in Euro jien EEiunrwoojehnEeinrw_inohner_in 1.723 D1.e7u2t3schlaDnedutschland 2.784 k2r.e7i8sf4reiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte 1.743 s1t.ä7d4t3ischsetäKdretiisscehe Kreise 1.231 lä1n.2d3l1icheläKnredilsicehme iKtreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen 1.367 d1ü.3n6n7besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise 5.0060.000 6.0070.000 7.0080.000 8.0090.000 9.01000.000 10.000 IndikatoreInndaikuastporäregnuanugspinräEguurnogjeinEiEnuwroohjenEeirn_winohner_in Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Wegweiser Kommune; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 50 finanziellen Defizite und eine Vermeidung neuer Schulden er­ forderlich sind. Wie herausfordernd diese Aufgabe ist, verdeut­ licht Böttcher am Beispiel Nordrhein-Westfalen: Hier hätten die kreisfreien Städte zwischen 2012 und 2020 insgesamt rund Abbildung 36 Veränderung der kommunalen Sachinvestitionen je Einwohner_in 2011–2016(Summe öffentlich/nicht-öffentlicher Bereich) in Euro 11 Milliarden Euro einsparen müssen, um ihre Haushalte aus­ Kiel Kiel zugleichen. Die Abbildung 35 lässt erahnen, dass dies nicht oder nur bedingt gelungen ist bzw. gelingen konnte. Ins H b am e b ­ urgSchwerin Hamburg Schwerin sondere die hohen und teilweise noch steigenden Soziallasten (siehe Abschnitt„Bildungs- und Lebenschancen“) stel B l r e em n en dabei eine zentrale Hürde dar. Hannover Berlin Potsdam* Magdeburg Bremen Hannover Berlin Potsdam* Magdeburg 4.4.2  KOMMUNALE INVESTITIO Düs N seld E orf N Erfurt Düsseldorf Dresden Erfurt Dresden Definition und Aussage Wiesbaden Mainz Der Indikator„Kommunale Sachinvestitionen“ drückt die Sachinvestitionen und Investitionszuweisung S e aa n rbrü e ck i e n n er Kommune an Dritte in Euro je Einwohner_in aus. Dieser Wert lässt über­ Stuttgart schlägige Aussagen über die Investitionen in die kommunale Infrastruktur zu(Bertelsmann Stiftung 2019). Für interkommu­ nale Vergleiche wären aber auch die Sachinvestitionen der Auslagerungen zu berücksichtigen. Insofern sind die Interpre­ tationen zu interkommunalen Unterschieden der Investitions­ volumina vorsichtig vorzunehmen. Interpretation Die zuvor aufgezeigten regionalen Unterschiede der kommu­ nalen Verschuldung äußern sich keineswegs überraschend auch in Unterschieden der Sachinvestitionen. Hier lassen sich mit den aus dem„Wegweiser Kommune“ der Bertelsmann Stiftung(2019) für 2016 verfügbaren Daten extreme Dispari­ täten feststellen. Die Spanne reicht von 42 Euro je Einwoh­ ner_in in Bielefeld bis 1.342 Euro je Einwohner_in im nieder­ bayerischen Dingolfing-Landau. Abbildung 37 zeigt ein extremes Süd-Nord-Gefälle: In Bayern und Baden-Württem­ berg wurden 2016 verbreitet über 400 Euro, häufig sogar über 600 Euro je Einwohner_in investiert. Demgegenüber stehen in vielen nord-, west- und ostdeutschen Regionen Ausgaben von weniger als 300 Euro zu Buche. Bemerkenswert ist, dass in ländlichen Regionen tendenziell höhere Ausgaben als in städtisch geprägten Gebieten getätigt werden. So investierten die dünn besiedelten ländlichen Kreise durchschnittlich 392 Euro je Einwohner_in, während es in den kreisfreien Großstäd­ ten nur 257 Euro je Einwohner_in waren. Unter den zehn Ge­ bietskörperschaften mit den geringsten Investitionsausgaben im Jahr 2016 waren acht kreisfreie Städte. Die in vielen deutschen Kreisen und kreisfreien Städten aktu­ ell eher geringe Investitionstätigkeit gibt auch deshalb Anlass zur Sorge, weil die kommunale Infrastruktur von enormen In­ standhaltungs- und Erneuerungsdefiziten betroffen ist. Nach Daten des KfW Kommunalpanels ist der durch die Kommunen wahrgenommene Investitionsrückstand im Jahr 2018 auf knapp 160 Milliarden Euro angestiegen(KfW Bankengruppe 2018: 11). Vor allem die Schul- und Verkehrsinfrastruktur weist hohe Investitionsbedarfe auf, die in den vergangenen Jahren nicht in erforderlichem Umfang getätigt werden konnten. Die vom Deutschen Institut für Urbanistik(difu) für die KfW durch geführte Untersuchung kommt ferner zu dem Ergebnis, dass München Wiesbaden Mainz Saarbrücken Stuttgart Potsdam* bis un b te i r s -1 u 50 nter –150 -15 – 0 15 b 0 is un b te i r s u 50 nter –50 -50 bis unter 50 –50 bis unter 50 50 bis unter 150 50 bis unter 150 150 und mehr ke 1 in 5 e 0 Date u n nd mehr D D at a en te 20 n 12 2 -2 0 01 1 6 2–2016 D D at a en te 20 n 13 2 -2 0 01 1 6 3–2016 München bis unter-150 -150 bis unter-50 -50 bis unter 50 50 bis unter 150 150 und mehr keine Daten Potsdam* Daten 2012-2016 Daten 2013-2016 Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; GeoBasis-DE/BKG 2018. vor allem die demografisch wachsenden Großstädte Treiber der Entwicklung sind: Über 50 Prozent der konstatierten Zu­ wächse des Investitionsrückstandes entfielen auf Städte mit mehr als 50.000 Einwohner_innen. Unter den Bundesländern ist Nordrhein-Westfalen mit einem Anteil von 26 Prozent deut­ lich überproportional am Anstieg beteiligt. Für die Expert_in­ nen des difu sind neben den kommunalen Schuldenlasten auch begrenzte Planungs- und Umsetzungskapazitäten als ursächlich für weiter anwachsende Investitionslücken in der kommunalen Infrastruktur anzusehen(KfW Bankengruppe 2018: 27). Abbildung 36 belegt in diesem Zusammenhang die steigen­ den Spielräume für die kommunalen Investitionskapazitäten süddeutscher Kommunen. Die Daten liegen zwar nicht flä­ chendeckend vor(Lücken insbesondere in Brandenburg), die höchsten Zuwachsraten finden sich jedoch verbreitet in den Kommunen Bayerns(mit Ausnahme weniger Kommunen), Baden-Württembergs, punktuell auch in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen(Region Hannover, Vechta, Osterholz). Dort wurden die Investitionen verbreitet um 50 Euro oder mehr pro Person erhöht. In den blau eingefärbten Kommunen ging das Investitionsvolumen jedoch zurück, verbreitet zum Beispiel in Sachsen, Sachsen-Anhalt, in Thüringen, aber auch in Hessen und Rheinland-Pfalz(Werte von –477 Euro je Einwohner_in in der Stadt Coburg bis 748 Euro je Einwohner_in im bayeri­ schen Landkreis Dingolfing Landau). UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 51 Abbildung 37 Kommunale Sachinvestitionen je Einwohner_in 2016 in Euro Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i e e n sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km 0 20 km kommuknoamlemSuancahlienvSeascthitiinovneesntitionen Anzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich je EinwjoehEninewr_oinhn2e01r_6in 2016 in Euro in Euro 60 60 b b is is un u t n er t b e is r un2 2 t0e 0 0r 0 20050 50 2 2 0 0 0 0 b b is2 is 0u0n u t n er t b e is r un3 3 t0e 0 0r 0 30040 40 3 3 0 0 0 0 b b is 30 3 is 0u0n u t n er t b e is r un4 4 t0e 0 0r 0 400 30 4 4 0 0 0 0 b b is4 is 0u0n u t n er t b e is r un6 6 t0e 0 0r 0 600 6 6 0 0 0 0 un u d6 n 0m d 0e m hurn e d h m r ehr 20 20 k k e e in i e n D e a D ktee a nin t e e D n aten 10 10 0 0 0 0 100 100 200 200 300 300 400 400 500 500 600 MittelwMeirttteeldweerrstteaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen in Euro in Euro 346 D3eu4t6schlaDnedutschland 257 kr2e5is7freiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte 325 st3ä2d5tischsetäKdretiisscehe Kreise 408 lä4n0d8licheläKnredilsicehme iKt reise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen 392 dü3n9n2 besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise 600 700 700 800 800 900 900 IndikatoreInndaikuastporäregnuanugspinräEguurnog in Euro Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Wegweiser Kommune; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 52 Letztlich ist zu konstatieren, dass die dynamischen Städte und Gemeinden in ihre Zukunft investieren können, während viele strukturschwächere Gebietskörperschaften in ihrer Investiti­ Abbildung 38 Veränderung der Wahlbeteiligung 2013–2017 in Prozentpunkten onstätigkeit durch hohe Schuldenlasten und Personalengpäs­ se in der Verwaltung gehemmt sind. Die sozialen und ökono­ Kiel mischen Pfadabhängigkeiten werden auf diese We K i ie s l e persistent. So konnten Arnold et al.(2015: 1.031) zeigen, dass Schwerin Hamburg die regionalen Unterschiede bei den Investitionsausgaben über die Zeit weitgehend konstant sind. Unter den Kommunen, Bremen die schon zu Beginn der 2000er Jahre deutschlandweit zum in­ Hannover vestitionsärmsten Viertel gehört haben, fanden sich über 80 Magdeburg Berlin Potsdam Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Prozent auch im Jahr 2014 in der unteren Hälfte der Verteilung wieder. Die Studie kommt ferner zu dem Ergebnis, dass die Düsseldorf Erfurt Dresden Investitionstätigkeit positiv mit der Steuerk Dü r s a se f ld t or u f nd negativ mit Erfurt Dresden den Sozialausgaben und der Verschuldung korreliert. Hier wer­ Wiesbaden den Rückkopplungsmechanismen sichtbar, denn d Wi i e e sba w den eniger Mainz attraktiven und wettbewerbsfähigen Kommunen Ma d inz rohen auf­ Saarbrücken grund geringer Infrastrukturinvestitionen we Sa i a t r e br r üc z ke u n rückzufallen. Arnold et al.(2015: 1.031) resümieren, dass auf diese Weise Stuttgart die großen Disparitäten in der Infrastruktur und der St S a tu n ttg d ar o t rt­ München qualität„zementiert“ würden und den Verlierern„wichtige München Voraussetzungen für zukünftige Wirtschaftsleistungen“ fehlten. bis unter 2,5 Abhilfe kann längerfristig nur durch eine Sanierung der Kom­ munalfinanzen und Entlastungen bei den Sozialausgaben erwartet werden. Die Lösung der Altschuldenproblematik wäre ein wichtiger Schritt, um die betroffenen Kommunen auch in die Lage zu versetzen, leistungsfähige Verwaltungen aufzubauen. Eine angemessene Personalausstattung ist eine zentrale Voraussetzung, staatliche Förderungen zu nutzen und auf diese Weise wichtige Impulse für die Standortstär­ kung zu setzen. bis u b n i t s er un 2, t 5 er 2,5 2, 2 5 ,5 bis u b n i t s er un 5, t 0 er 5,0 5 5 ,0 ,0 bis u b n i t s er un 7, t 5 er 7,5 7, 7 5 ,5 bis u b n i t s er u 1 n 0, t 0 er 10,0 1 1 0, 0 0 ,0 und m u e n h d r mehr ke k in e e in Da e ten Daten 2,5 bis unter 5,0 5,0 bis unter 7,5 7,5 bis unter 10,0 10,0 und mehr keine Daten Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; GeoBasis-DE/BKG 2018. Die Bedeutung von Zukunftsperspektiven für den gesellschaftlichen Zusammenhalt Interpretation Neben fiskalischen Aspekten staatlichen Handelns spielt die Teilhabe der Bevölkerung an politischen und zivilgesellschaft­ lichen Prozessen eine wichtige Rolle für die Auswirkungen sozioökonomischer Disparitäten auf die Gesellschaft. Exemplarisch hierfür stehen die nachfolgend beschriebenen Indi­ katoren zur Wahlbeteiligung, Betreuungsquote von Kleinkin­ dern und zum Breitbandanschluss. 4.4.3 WAHLBETEILIGUNG Definition und Aussage Die Wahlbeteiligung ist definiert als der Anteil der Wähler_in­ nen an den Wahlberechtigten bei der Bundestagswahl, die eine gültige oder ungültige Erst- oder Zweitstimme abgegeben haben. Diese Zahl wird ins Verhältnis gesetzt zu allen Wahl­ berechtigten einer kreisfreien Stadt oder eines Landkreises. Die Aussagekraft des Indikators ist leicht verständlich: Er gibt Auskunft über den Zustand und die Entwicklung der politi­ schen Partizipationsbereitschaft der Bevölkerung am Beispiel von Bundestagswahlen. Der Zusammenhang zwischen sozialen Abstiegsängsten und einer verminderten Bereitschaft zu politischer Teilhabe ist viel­ fach belegt(Böhnke 2011: 21) und drückt sich zum Beispiel in der Wahlbeteiligung(Werte von 64,1 Prozent in Bremerhaven bis 84,4 Prozent im Landkreis Starnberg) aus. Insgesamt ist die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2017(76,2 Pro­ zent) gegenüber der Wahl 2013(71,5 Prozent) zwar – im Ge­ gensatz zu anderen Ländern – gestiegen, bleibt jedoch in wirtschaftlich strukturschwachen beziehungsweise in Räumen mit Strukturbrüchen unterdurchschnittlich. Eine höhere Wahl­ beteiligung findet sich in Räumen mit höheren Einkommen und hohem Bildungsstand, vornehmlich in wohlsituierten länd­ lichen Räumen und den Einzugsbereichen der Wirtschaftszen­ tren Süddeutschlands. Verzerrt werden die Ergebnisse der Bundestagswahl 2017 durch den sogenannten AfD-Effekt: Damit ist die Mobilisierung zusätzlicher Wählerpotenziale auf­ grund der politischen Polarisierung gemeint, mit der vielerorts ein Anstieg der Wahlbeteiligung für Deutschland erklärt wird. Dabei muss aber davon ausgegangen werden, dass nicht nur die neu auf der politischen Bühne erschienenen Angebote der Alternative für Deutschland(AfD) Wähler_innen, sondern auch die Gegenbewegungen anderer Lager des politischen Spek­ trums einen Teil bisheriger Nichtwähler_innen mobilisieren konnten. Vehrkamp und Wegschnaider weisen darauf hin, dass der„Mobilisierungserfolg in den sozial prekären Nichtwähler­ UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 53 Abbildung 39 Anteil der Wähler_innen an den Wahlberechtigten bei der Bundestagswahl 2017 in Prozent Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i e e n sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km 0 20 km Anteil dAenrteWilädhelerrW_inähnleenr_ainnnen an den WadhelnbeWreachhlbtiegrteecnhbtiegitednerbei der BundesBtuangdswesathalg2sw01a7hl 2017 in ProzeinntProzent b b is i u s n u te n rb t i e s7 r u2n,5 7 te 2 r ,5 72,5 7 7 2 2 ,5 ,5 b b i7s2 i u s ,5n u te n rb t i e s7 r u5n,0 7 te 5 r ,0 75,0 7 7 5 5 ,0 ,0 b b i7s5 i u s ,0n u te n rb t i e s7 r u7n,5t 7 er 7,5 77,5 7 7 7 7 ,5 ,5 b b is7 i 7u s ,5n u te n rb t i e s8 r u0n,0 8 te 0 r ,0 80,0 8 8 0 0 ,0 ,0 un u d80 n m, d 0eh m urn e d h m r ehr MittelwMeirttteeldweerrstteaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen in ProzeinntProzent 75,8 D7e5u,8tschlaDnedutschland 74,4 k7re4i,s4freiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte 76,7 s7tä6d,7tischsetäKdretiisscehe Kreise 76,6 lä7n6d,6licheläKnredilsicehme iKtreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen 74,8 d7ü4n,8n besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise Anzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich 50 50 40 40 30 30 20 20 10 10 64 6466 6668 6870 7072 7274 7476 7678 7880 8082 8284 840 0 IndikatoreInndaikuastporäregnuanugspinräPgruonzegnint Prozent Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 54 hochburgen die soziale Spaltung der Wahlbeteiligung spürbar [verringert].[…] Der Grund dafür ist, dass die Wahlbeteiligung in den sozial prekären Stimmbezirken mit der niedrigsten Wahl­ Abbildung 40 Veränderung der Betreuungsquote von Kleinkindern (unter 3 Jahren) 2011–2016 in Prozentpunkten beteiligung mehr als doppelt so stark angestiegen ist wie in den wirtschaftlich starken Stimmbezirken mit der höchsten Kiel Wahlbeteiligung“(Vehrkamp/Wegschnaider 2017: 10, z Kie it l iert nach Liebig 2019: 52ff.). Dieselben Autoren kommen zu dem Schwerin Hamburg Schluss, dass die etablierten Parteien in ihren klassischen Wäh­ lermilieus weniger stark mobilisieren konnten, in der Summe Bremen profitierte die AfD. Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam Die Interpretation des Indikators im Hinblick auf Partizipations­ bereitschaft ist aber deswegen nicht falsch, ganz im Gegenteil: Düsseldorf Erfurt Dresden Wenn bisherige Nichtwähler_innen pl D ö ü t ss z eld li o c rf h wählen gehen, Erfurt Dresden ist diese Form der Beteiligung durchaus Ausdruck eines Mit­ Wiesbaden bestimmungswillens. Die„Mitte-Studie“ der Fried W ri ie c sb h ad e E n bert-Stif­ tung kommt in diesem Zusammenhang zwar z M u ain d z em Schluss, Mainz Saarbrücken dass sich im Vergleich zwischen ost- und Sa w arb e rü s ck t e d n eutschen Bun­ desländern im Osten vermehrt antidemokratische Einstellun­ Stuttgart gen finden, die erfolgreich von der AfD gebunden Stut w tga e rt rden München (Zick et al. 2019: 280). Dieser Effekt kann jedoch nicht beziffert München werden. Die Veränderung der Wahlbeteiligung in Abbildung 38 zeigt zudem starke regionale Differenzierungen: Tatsächlich hatten zwischen 2013 und 2017 Wahlkreise im Südosten Deutschlands, insbesondere in Bayern und Thüringen, die höchsten Zuwachsraten zu verzeichnen. Die niedrigsten, aber auch die höchsten Veränderungsraten liegen in Thüringen(von Gera –1,2 Prozent bis Schmalkalden-Meiningen 20,5 Prozent), in anderen Bundesländern Ostdeutschlands war die Verände­ bis u b n i t s er u 3 nter 3 3 3 bis u b n i t s er u 5 nter 5 5 5 bis u b n i t s er u 7 nter 7 7 7 bis u b n i t s er u 10 nter 10 10 10 und u m n eh d r mehr bis unter 3 3 bis unter 5 5 bis unter 7 7 bis unter 10 10 und mehr rungsrate nur leicht überdurchschnittlich. Aus diesem Blickwin­ kel ist eine gestiegene Unzufriedenheit von bisherigen Nicht­ wähler_innen mit den politischen Verhältnissen in diesen Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Betreuungsatlas 2016 der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik; GeoBasis-DE/BKG 2018. Regionen wahrscheinlich. Ausdrücklich sei davor gewarnt, die Ursachen dafür ausschließlich als Bewertung der regionalen Lebensumstände zu verstehen. Vielmehr dürften sie auch als Eine gute Kinderbetreuungsquote ist eine wichtige Voraus­ Reaktion auf die bundespolitischen Entscheidungen zum Um­ setzung für eine positive wirtschaftliche Entwicklung und die gang mit der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 sowie spezifischen Zukunftsfähigkeit einer Region. politisch-kulturellen regionalen Bedingungen zur Einflussnah­ me antidemokratischer und rechtspopulistischer Strömungen Interpretation und Einstellungen zu verstehen sein. Bedingt durch die gesellschaftspolitisch unterschiedlichen Fa­ 4.4.4  BETREUUNGSQUOTE VON ­KLEINKINDERN milienbilder in Ost- und Westdeutschland werden heute noch Unterschiede in der Versorgungsquote von Kleinkindern sicht­ bar(von 10,8 Prozent in Duisburg bis 61,4 Prozent im Landkreis Wittenberg). Während die alte BRD dem konservativen Fami­ Definition und Aussage lienbild und der Rollenverteilung zwischen berufstätigem Mann und erziehender Hausfrau folgte, bestand in der ehe­ Der Indikator zeigt die Betreuungsquote von Kleinkindern un­ maligen DDR formelle Gleichberechtigung zwischen den Ge­ ter drei Jahren in den Regionen an, also den Anteil von Kindern schlechtern, sodass Frauen in der Regel auch berufstätig wa­ dieser Altersgruppe in einer Betreuungseinrichtung gegenüber ren. Das konnte nur durch eine nahezu flächendeckende allen Kindern dieser Altersgruppe. Der Indikator ist ein gutes öffentliche Kinderbetreuung gewährleistet werden, die inso­ Maß für die Quantität und tatsächliche Nutzung von Einrich­ fern erster staatlicher Auftrag war. Neben der Bedeutung für tungen der Kinderbetreuung in einer Region. Höhere Werte Gleichberechtigung und Wirtschaftsentwicklung(Arbeitskräf­ deuten darauf hin, dass Familien hier Beschäftigungsmöglich­ tebedarf) spielte gewiss auch die erwünschte breite ideolo­ keiten nutzen. Niedrige Werte geben Auskunft darüber, wo gische Einwirkungsmöglichkeit auf die Heranwachsenden möglicherweise Angebote fehlen oder Eltern aus anderen durch das sozialistische System eine Rolle. Gleichwohl wirken Gründen auf Erwerbsbeteiligung und das damit verbundene diese inhaltlichen Unterschiede in der Bedeutung von öffent­ Einkommen verzichten. Der Indikator ist damit ein wichtiger licher Kinderbetreuung bis heute nach. (Wohn-)Standortfaktor für Familien, insbesondere auch für die Erwerbsbeteiligung von Alleinerziehenden – mittelbar auch Anhand der Abbildung 41 zeigt sich in allen Regionen West­ für die Deckung des Arbeitskräftebedarfs von Unternehmen. deutschlands(alte Bundesländer) eine schlechtere Versorgung UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 55 Abbildung 41 Betreuungsquote von Kleinkindern(unter 3 Jahren) 2016 in Prozent Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i en sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km0 20 km BetreuuBnetgrsequuuontgesvqounote von Anzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich KleinkinKdleeinrnki(nudnetrenr (3uJnathere3n)Jahren) 2016 2016 in ProzeintProzent 25 25 b bi i s s u u nt n er t b e is r u2n 2 0te 0 r 20 20 20 2 2 0 0 b bi i s s 2u0 u nt n er t b e is r u2n 2 5te 5 r 25 2 2 5 5 b bi i s s 2u5 u nt n er t b e is r u3n 3 0te 0 r 30 15 15 3 3 0 0 b bi i s s 3u0 u nt n er t b e is r u4n 4 0te 0 r 40 10 10 4 4 0 0 u u nd n 4 d m0e m hur e nd hr mehr 5 5 0 0 10 1015 1520 2025 2530 MittelwMeirttteeldweerrstteadet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen in ProzeintProzent 28,4 D2e8u,4tschlaDnedutschland 26,9 k2re6i,s9freiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte 25,5 s2tä5d,5tischsetäKdretiscehe Kreise 30,0 lä3n0d,0licheläKnredilsicehme iKtreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen 33,3 d3ü3n,3n besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise 3035 3540 4045 4550 5055 5560 60 IndikatoreInndaikuastporäregnuanugspinräPgruonzegnint Prozent Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Betreuungsatlas 2016 der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 56 als in den Regionen Ostdeutschlands(neue Bundesländer). In Westdeutschland wird die bessere Versorgungssituation in den größeren Städten gegenüber dem Umland und den länd­ Abbildung 42 Veränderung der Versorgungsquote mit Breitband­ anschlüssen(50 Mbit/s) 2014–2018 in Prozent lichen Räumen deutlich, wo möglicherweise das in ländliche­ ren Regionen noch dominantere traditionelle Familienbild eine Rolle spielt. In Ostdeutschland sind die Betreuungsquoten Kiel dagegen auch im ländlichen Raum hoch. Der Vergleich Kiel von Mittelwerten der Kreistypen in Abbildung 41 verbirgt diese Schwerin Hamburg Dichotomie zwischen west- und ostdeutschen Raumspezifika der Kinderbetreuung. Anzumerken ist, dass das ra B s re a m n en te Be­ völkerungswachstum in den Ballungsräumen zu Engpässen Hannover im Betreuungsangebot führt. Obwohl in vielen Kommunen Magdeburg Berlin Potsdam Hamburg Schwerin Bremen Hannover Magdeburg Berlin Potsdam inzwischen auch durch die finanzielle Unterstützung des Bun­ des erhebliche Investitionen in die Schaffung von Kinderbe­ Düsseldorf Erfurt treuungseinrichtungen erfolgen, fehlen oftmals aufgrund der Düsseldorf Dresden Erfurt Dresden schlechten Bezahlung die entsprechenden Fachkräfte. Auffal­ lend ist die sehr schlechte Versorgungssituation W in iesb w ade e n iten Tei­ Wiesbaden Mainz len Nordrhein-Westfalens und Bayerns(mit Mainz Ausnahme von Saarbrücken Nordbayern und des Großraums Münche Saa n rb ) r , üc w ken ährend sich die Situation im Südwesten(Rheinland-Pfalz, Teile von Ba­ den-Württemberg, Saarland, Hessen) und auch Stuttgart im Norden Stuttgart München (Schleswig-Holstein) etwas günstiger darstellt. München In der Abbildung 40, die die Veränderung der Betreuungsquo­ te von Kleinkindern von 2011 nach 2016 darstellt, wird auch das veränderte Familienbild in ganz Deutschland und die po­ litische Herausforderung deutlich(–4,2 Prozent im Landkreis Freyung-Grafenau bis 14,5 Prozent in Amberg). Flächendeckend steigen die Kinderbetreuungsquoten in nahezu allen Regionen zum Teil deutlich, allerdings nicht deutlich genug. Denn inzwischen ist in ganz Deutschland die Notwendigkeit eines breiten Ausbaus von Kinderbetreuungseinrichtungen mit Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit, die Wirtschafts­ entwicklung(Fachkräftebedarf) und die Armutsprävention (Verbesserung von Bildungschancen und Einkommenssituati­ on von Familien) nahezu unbestritten. Überall werden Betreu­ ungseinrichtungen gebaut, und nahezu in allen Regionen ver­ bessert sich die Betreuungsquote. Der Ausbau der frühkindlichen Erziehung gilt als zentrale politische Herausfor­ derung. Doch bleiben die Entwicklungen immer noch deutlich hinter den Bedarfen zurück. Insofern bestehen die Herausforderungen in diesem Bereich unverändert fort: Die Kommunen müssen beim Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen klare Prioritäten setzen und weiterhin von Bund und Ländern finanziell unterstützt werden. Insbesondere dem Fachkräftemangel bei Erzieher_innen ist durch eine bessere Bezahlung und Attraktivitätssteigerung des Berufes zu begegnen. 4.4.5 BREITBANDVERSORGUNG Definition und Aussage Der Anschluss von Haushalten an die Breitbandversorgung für leistungsfähiges Internet ist hier definiert als die prozentu­ ale Versorgungsquote, das heißt als Anteil der Haushalte mit einer Breitbandverfügbarkeit von 30 beziehungsweise 50 Mbit pro Sekunde an allen Haushalten. Die Daten wurden vom bis u b n i te s r u 1 n 0 ter 10 10 10 bis u b n i te s r u 2 n 0 ter 20 20 20 bis u b n i te s r u 3 n 0 ter 30 30 30 bis u b n i te s r u 4 n 0 ter 40 40 40 und u m n eh d r mehr bis unter 10 10 bis unter 20 20 bis unter 30 30 bis unter 40 40 und mehr Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur; GeoBasis-DE/BKG 2018. Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur für alle kreisfreien Städte und Landkreise zugeliefert, mit Zeitstän­ den von 2012 bis 2018. In diesem Zeitraum haben sich die Ansprüche an leistungsfähiges Internet drastisch erhöht. Lei­ tungen mit weniger als 16 Mbit pro Sekunde sind heute nicht mehr in der Lage, multimediale Inhalte aus dem Internet stö­ rungsfrei zu laden. Übertragungsraten von 30 Mbit pro Se­ kunde sind für manche Zwecke auch nicht mehr ideal, insbe­ sondere für geschäftliche Leitungen, aber auch für anspruchsvollere private Anwendungen. Zukunftsfähiges In­ ternet wird deshalb für diesen Bericht als eine Versorgung ab einer Leistungsstärke von 50 Mbit pro Sekunde definiert. Interpretation In der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts wird die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zunehmend vom Zugang zu digitalen Angeboten und den Chancen der Digitalisierung bestimmt, die zudem ortsungebundene Erwerbsperspektiven verspricht. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass staatliche Infrastrukturmaßnahmen zum Breitbandausbau eine räumliche Selektivität aufweisen, die Regionen mit aktu­ ellen sozioökonomischen Problemlagen beim Zugang zu die­ sen Angeboten weiter benachteiligt(siehe Abbildung 43 und 44). Bei einer Betrachtung der Versorgungsquoten aller Haus­ halte mit 30 Mbit pro Sekunde und mehr(von 43 Prozent im UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 57 Abbildung 43 Digitalisierung – Versorgungsquote mit Breitbandanschlüssen(30 Mbit/s) 2018 in Prozent Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i en sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km0 20 km DigitaliDsiiegriutanlgisi–erung – VersorgVuenrsgosrqguuontgesmquitoBteremit-it Breitbandanbsacnhdlüasnssecnhl(ü3s0seMnb(i3t/0s)Mbit/s) 2018 2018 in ProzeintProzent b bi i s s u u nt n er t b e is r 7u0n 7 te 0 r 70 7 7 0 0 b bi i s s 7u0 u nt n er t b e is r 8u0n 8 te 0 r 80 8 8 0 0 b bi i s s 8u0 u nt n er t b e is r 9u0n 9 te 0 r 90 9 9 0 0 b bi i s s 9u0 u nt n er t b e is r 9u5n 9 te 5 r 95 9 9 5 u u nd n 9 d m5e m hur e nd hr mehr MittelwMeirttteeldweerrstteadet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen in ProzeintProzent 86,0 D8e6u,0tschlaDnedutschland 95,7 k9re5i,s7freiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte 89,6 s8tä9d,6tischsetäKdretiscehe Kreise 80,2 lä8n0d,2licheläKnredilsicehme iKt reise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen 77,8 d7ü7n,8n besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise Anzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich 30 30 25 25 20 20 15 15 10 10 5 5 0 0 30 30 40 40 50 50 60 60 70 70 80 80 90 90 100 100 IndikatoreInndaikuastporäregnuanugspinräPgruonzegnint Prozent Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 58 Landkreis Jerichower Land bis 100 Prozent in den Städten Regensburg, Köln, Rosenheim und Straubing) zeigt sich deut­ lich die Großstadtzentrierung der höchsten Versorgungsquo­ ten. Die geringsten Versorgungsquoten liegen in den meisten ländlichen Räumen Sachsen-Anhalts, teilweise in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Bei der Betrachtung der Ausstattung mit zukunftsfähigen Breit­ bandraten von 50 Mbit pro Sekunde und mehr(von 31 Prozent im Landkreis Jerichower Land bis 100 Prozent in den Städten Regensburg und Rosenheim) und mehr weitet sich das Bild einer Benachteiligung ländlicher Räume weiter aus: Große Tei­ le der ländlichen Räume in Ostdeutschland, Niedersachsen, den östlichen Grenzlagen Bayerns, im westlichen Rhein­ land-Pfalz, an der schleswig-holsteinischen Küste sowie im östlichen Hessen sind bei Weitem noch nicht in gleichem Maße digital handlungsfähig wie Haushalte in Großstädten mit Ver­ sorgungsraten von 95 Prozent und mehr. Politische Einschätzungen, die die Notwendigkeit einer Voll­ versorgung in der Fläche aufgrund hoher Kosten infrage stel­ len, stehen dem breiten Konsens wissenschaftlicher Studien zu deren Relevanz entgegen. So belegen beispielsweise Kem­ permann und Millack(2018) die Bedeutung der Digitalisierung als Standortfaktor mit einer Analyse des Forschungsstandes und kommen zu dem Ergebnis, dass Informations- und Kom­ munikationstechnologien einen positiven Einfluss auf Wachs­ tum und Produktivität haben(Kempermann/Millack 2018: 50). Zukunftstechnologien, die für Automatisierungsprozesse der Industrie 4.0 für Unternehmen künftig zum entscheidenden Standortfaktor werden, erfordern Digitalisierungsfortschritte (mittelfristig sicherlich auch im Hinblick auf 5G-Netzwerke) und bestimmen die Standortattraktivität einer Region. Die Au­ toren der Studie sehen die Digitalisierung als eine wesentliche regionale Entwicklungsmöglichkeit, die dem Fachkräftemangel in ländlichen Räumen entgegensteuern könnte(siehe auch Abschnitt„Wirtschaft, Beschäftigung und Arbeitsmarkt“). Nachteile wie lange Wege werden ausgeglichen, das Leben und Arbeiten auf dem Land attraktiver. Positive Auswirkungen werden auch auf die soziale Teilhabe und die Einführung innovativer, multimodaler Mobilitätskon­ zepte mit elektrifizierten und autonomen Fahrzeugen erwar­ tet. Zudem könnten digitale Angebote in ländlichen Räumen den Zugang zur medizinischen Grundversorgung(Telemedi­ zin) und dem Verwaltungswesen(eGovernment) sichern (Kempermann/Millack 2018). Das Institut der deutschen Wirt­ schaft(IW), in dessen Auftrag die Studie von Kempermann und Millack(2018) durchgeführt wurde, verweist im soge­ nannten IW Regionalranking diesbezüglich auf die Chancen und Risiken der Digitalisierung für die Peripherie. Neue Ge­ schäftsmodelle können nur dort entstehen, wo die Digitali­ sierung als Querschnittstechnologie gezielt gefördert wird. Risiken sind dort zu verorten, wo die Breitbandinfrastruktur oder das Fehlen von Fachkräften die digitale Transformation verhindern(Kempermann/Millack 2018: 60). Die auf den Kar­ ten in Abbildung 43 und 44 ersichtlichen Defizite werden auch im internationalen Vergleich bestätigt: Der Anteil der Glasfaseranschlüsse – die hohe Breitbandübertragungsleis­ tungen erst ermöglichen – an allen Anschlüssen in Deutsch­ land lag 2017 lediglich bei 1,8 Prozent. Die Spitzenreiter Japan und Südkorea sind mit fast 75 Prozent um ein Vielfaches besser aufgestellt(OECD 2017, zitiert nach Kempermann/ Millack 2018: 60). In dieser Hinsicht waren die vielfach angekündigten Ziele der Bundesregierung(flächendeckendes und leistungsfähiges Internet für alle) eher kontraproduktiv, die tatsächlichen Um­ setzungsleistungen entsprechen nicht der erzeugten Erwar­ tungshaltung. Die ungleichen Teilhabemöglichkeiten am digitalen Zeitalter schaden dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und dem Vertrauen in die Zukunftsperspektiven einer Region. Diskussionen und Rechtsstreite um die einzusetzende Technik und die Kosteneffizienz, wie zum Beispiel die Leistungsfähig­ keit bestehender Verkabelungen auf der„letzten Meile“ zwi­ schen Verteilstationen und Kund_innen über das sogenannte Vectoring, behindern den koordinierten Ausbau. Expert_innen fordern vielfach Investitionen in eine vollständige Glasfaser­ strecke bis zu den Kund_innen(„fibre first“), Technologiekon­ zerne setzen dagegen auf die kostengünstige Variante der Modernisierung von Koaxial- oder Kupferkabeln als Über­ gangslösung. Duso et al.(2018) beschreiben in diesem Zu­ sammenhang, dass die für die Übergangslösungen mit Vec­ toring sprechende geringe Nachfrage nach Breitband in manchen Regionen keine Begründung für eine Zurückhaltung von Investitionen sein kann. Die Bereitstellung der entspre­ chenden Breitbandpotenziale sollte sich nicht auf heutige Nachfragekriterien beschränken, sondern die Anforderungen von Zukunftstechnologien fest im Blick haben. Untersuchungen zum Effekt von Förderprogrammen in den ländlichen Räumen Nordrhein-Westfalens zeigen diesbezüglich beispielhaft, dass Unternehmen und Haushalte diese Potenziale bei gezielten Investitionsstrategien früher aufgreifen(Duso et al. 2018: 530). 4.5 BINNENWANDERUNGEN 4.5.1  BINNENWANDERUNGSSALDO DER ­BEVÖLKERUNG INSGESAMT Definition und Aussage Der Binnenwanderungssaldo ist definiert als die Differenz aus Zuzügen und Fortzügen je 100.000 Einwohner_innen. Um Schwankungen über einzelne Jahre auszugleichen, werden Mittelwerte der Jahre 2013, 2014 und 2015 verwendet. Für diese Jahre ist ein verzerrender Effekt durch die hohen Zahlen an staatlich gelenkten Wanderungen von Schutzsuchenden und Asylbewerber_innen bekannt. Um diesen Effekt zu mini­ mieren, wurden Staatsangehörigkeiten mit einem hohen An­ teil an Schutzsuchenden ausgeschlossen. Im Kontext einer Untersuchung zu regionalen Unterschieden bei den Lebensverhältnissen stellt der Wanderungssaldo einen besonderen Indikator dar. Er zielt nicht auf einen bestimmten thematischen Teilaspekt ab, sondern weist zusammenfassen­ den Charakter auf. In ihm kommt zum Ausdruck, wie die Men­ schen die Gesamtsituation und die Perspektiven in einem Raum wahrnehmen und welche Konsequenzen sie daraus ziehen. Es erfolgt gewissermaßen eine„Abstimmung mit den Füßen“. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 59 Abbildung 44 Digitalisierung – Versorgungsquote mit Breitbandanschlüssen(50 Mbit/s) 2018 in Prozent Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hamb H ur a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g r d g eburg Düssel D d ü o s r s f eldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesb W ad ies n baden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M e ü n nchen 0 20 k0m 20 km DigitalDisiegrituanligsie–rung – VersorgVuernsgosrqguuontgesqmuitotBeremiti-t Breitbandanbsacnhdlüasnssecnhl(ü5s0seMnb(i5t0/s)Mbit/s) 2018 2018 in ProzeintProzent b bi i s s u u nt n er t b e is r 7u0n 7 te 0 r 70 7 7 0 0 b bi i s s 7u0 u nt n er t b e is r 8u0n 8 te 0 r 80 8 8 0 0 b bi i s s 8u0 u nt n er t b e is r 9u0n 9 te 0 r 90 9 9 0 0 b bi i s s 9u0 u nt n er t b e is r 9u5n 9 te 5 r 95 9 9 5 u u nd n 9 d m5e m hurn e d h m r ehr MittelwMeirttelwdeerrtsetaddetrstadtregionarelegnioKnraeliesntyKpreenistypen in ProzeintProzent 79,6 D7e9u,6tschlDanedutschland 93,7 k9r3ei,7sfreiekGreriosfßrestieädGteroßstädte 84,4 s8t4äd,4tischsetäKdretisiscehe Kreise 71,6 lä7n1d,6licheläKnrdeilsicehemKitreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgesnansätzen 67,6 d6ü7n,6n besdiüendneltbeesiedelte ländlicheläKnrdeilsicehe Kreise Anzahl dAenr zKarehilsdeeirmKWreiesreteimbeWreiecrhtebereich 20 20 16 16 12 12 8 8 4 4 0 0 30 30 40 40 50 50 60 60 70 70 80 80 90 90 100 100 IndikatorIenndaikuastporräegnuanugspinräPgruonzgenint Prozent Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 60 Interpretation Die Bevölkerung Deutschlands wächst seit Beginn der 2010er Jahre wieder, von 80,3 Millionen Einwohner_innen im Zensus­ jahr 2011 auf 82,8 Millionen Einwohner_innen im Jahr 2017 (plus 3,1 Prozent). Der im Zuge des demografischen Wandels in den 2000er Jahren befürchtete Bevölkerungsverlust ist zu­ mindest in der nationalen Bilanz derzeit mehr als ausgeglichen. Hinter diesen Zahlen steckt jedoch weiterhin der ungebroche­ ne Rückgang der Bevölkerung mit deutscher Staatsangehö­ rigkeit, von 74,0 Millionen auf 73,1 Millionen Einwohner_innen im selben Zeitraum(–1,2 Prozent), sowie eine langsame, aber stetige Binnenmigration von Menschen aus den benachteilig­ ten Lagen des Landes in die Wohlstandsregionen mit Zukunfts­ perspektiven. In diesem Zusammenhang gilt der Wanderungssaldo, das heißt die Differenz aus Zuzug und Fortzug in und aus einer Region, als Indikator für die regionale Lebensqualität. Überwiegen die Fortzüge über einen längeren Zeitraum stark, so wird das als sichtbares Zeichen für Defizite in der Lebensqualität interpre­ tiert: Die Menschen sind unzufrieden und sehen woanders bessere Perspektiven(z. B. Hahne/Stielike 2013: 20ff.). Die Ur­ sachen für Wanderungen sind vielfältig. Wohnsitzwechsel in­ nerhalb einer Region haben meist wohnungs- und wohnum­ feldbezogene Gründe, zum Arbeitsplatz kann weiterhin gependelt werden. Fernwanderungen dagegen gelten häufig der Ausbildung, dem Berufseinstieg oder dem Arbeitsplatz­ wechsel. schiene) befinden. Im demografischen Wandel erfahren die betroffenen Regionen der ostdeutschen Bundesländer im Grenzbereich von Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-West­ falen und in abgeschwächter Form in einigen anderen Teilen des Bundesgebiets so zusätzliche Bevölkerungsverluste. Si­ cherlich gibt es eindrucksvolle Beispiele für vielversprechende Konzepte zum Umgang mit Bevölkerungsverlusten, zudem zeigen viele Unternehmer_innen ländlicher Räume Innovati­ onskraft und entwickeln neue Geschäftsmodelle, die die Struk­ turen stärken(Hidden Champions). In der Breite fehlen aber doch die Köpfe für die Entwicklung robuster Arbeitsmärkte, wenn sich der Wegzug verstetigt. Zu befürchten sind bei mas­ siven Wanderungsverlusten dann Wirkketten aus Leerstand auf dem Immobilienmarkt und fehlenden Investitionen, die entweder zurückgehalten oder woanders getätigt werden. Angebote der Daseinsvorsorge(ärztliche Versorgung, Dienst­ leistungen, Lebensmittel usw.) treffen damit auf zunehmend schlechtere wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Vor ähnli­ chen Herausforderungen stehen einige Städte in altindustri­ ellen Regionen, die schon über einen längeren Zeitraum einen tief greifenden Strukturwandel durchlaufen und momentan keine große Anziehungskraft entfalten können(z. B. Duisburg, Gelsenkirchen, Wilhelmshaven). Somit sind Wanderungsver­ luste keineswegs ein Phänomen, das ausschließlich ländliche Räume betrifft. 4.5.2  SALDO BEI DEN BILDUNGS­ WANDERUNGEN Grundlage der Auswertungen für die vorliegende Studie ist die Wanderungsstatistik, die eine Vollerhebung aller Wande­ rungen über Gemeindegrenzen in Deutschland bietet. Der von den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder zur Verfügung gestellte Forschungsdatensatz wurde genutzt, um den Wanderungssaldo(Zuzüge minus Fortzüge) für die Bevölkerung insgesamt und für verschiedene Altersgruppen zu ermitteln. Gegenstand der Betrachtung sind die Binnen­ wanderungen innerhalb der Grenzen des Bundesgebiets. Bei den Berechnungen wurden, wie erwähnt, Staatsangehörig­ keiten ausgeschlossen, die einen hohen Anteil an Schutzsu­ chenden aufweisen. Damit soll dem Umstand Rechnung getragen werden, dass die Verteilung geflüchteter Menschen und Asylsuchender das Wanderungsgeschehen in Deutsch­ land in den vergangenen Jahren stark beeinflusst hat. Um bestehende Schwankungen bei den Wanderungen auszu­ gleichen, wurde ein Mittelwert für die drei Betrachtungsjah­ re 2013, 2014 und 2015 gebildet. Zudem wurden die ermit­ telten Werte in Bezug zur Bevölkerungszahl insgesamt bzw. der betrachteten Altersgruppe gesetzt, sodass eine Vergleich­ barkeit zwischen den unterschiedlich großen Untersuchungs­ einheiten gegeben ist. Beim Blick auf den Saldo über alle Altersgruppen kann bestä­ tigt werden, dass die bereits seit längerer Zeit vom Wegzug betroffenen Gebiete der inneren und äußeren Peripherie wei­ tere Wanderungsverluste zu verkraften haben(Abbildung 45). Dies gilt besonders für die kreisfreien Städte und Landkreise, die sich in größerer Entfernung zu den großen Metropolen (Berlin, Hamburg, München) und anderen prosperierenden Agglomerationen(Stuttgart, Rhein-Neckar, Rhein-Main, Rhein­ Definition und Aussage Der Binnenwanderungssaldo wird hier eingegrenzt auf die Differenz von Zuzügen und Fortzügen in der Altersgruppe der 18- bis unter 25-Jährigen je 100.000 Einwohner_innen dieser Altersgruppe. Ansonsten entsprechen die Grundlagendaten der oben angegebenen Definition des Binnenwanderungs­ saldos insgesamt. Ereignisse im Lebenslauf sind häufig Auslöser für Wanderungs­ bewegungen. In der Altersgruppe der 18- bis unter 25-Jährigen sind der Beginn einer Ausbildung oder die Aufnahme eines Studiums besonders bedeutsam. Der Saldo bei den Wande­ rungen dieser Altersgruppe(Kurzbezeichnung: Bildungswan­ derungen) gibt Hinweise dazu, inwieweit in einer Region Zu­ gang zu Hochschulen und anderen Ausbildungsangeboten in einem für junge Menschen attraktiven Umfeld besteht. Interpretation Bei den 18- bis unter 25-Jährigen handelt es sich um eine besonders mobile Altersgruppe. Viele junge Menschen ver­ lassen nach der Schulzeit ihr Elternhaus, um an einem anderen Ort in einen neuen Lebensabschnitt zu starten. Häufig ist der Beginn einer Ausbildung oder die Aufnahme eines Studiums der Anlass für diese Standortentscheidung, weshalb von Bil­ dungswanderungen gesprochen wird. Beim Binnenwanderungssaldo zeigt sich für diese Altersgrup­ pe ein markantes räumliches Muster(Abbildung 46). Fast flä­ chendeckenden Wanderungsverlusten vieler Kreise stehen UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 61 Abbildung 45 Binnenwanderungssaldo insgesamt(Zuzüge – Fortzüge) Mittelwerte der Jahre 2013, 2014, 2015 je 100.000 Einwohner_innen* Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i e e n sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km 0 20 km BinnenBwinannednewruanngdsesaruldnogssaldo Anzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich insgesainmstg(eZsuazmütg(eZu–zFüogretz–ügFeo)rtzüge) MittelwMertitetedlwereJratehrdeer Jahre 2013, 2021041,32, 0210514, 2015 30 je 100.0j0e010Ei0n.w00o0hnEeinrw_inonhenner_innen 30 bis b u is nt u er n b-i t 3s e 0u r 0nte – r 3 -3 0 0 0 0 – 30 3 0 0 0 b-is3 b 0u is 0nt u er n b-i t 1s e 5u r 0nte – r 1 -1 5 5 0 0 – 15 1 0 50 b-is b 15u is 0nt u er n bi t se 5u r 0nter –5 -5 0 0 – -5 5 0 0 bis b -5u is 0nt u er n bi t s e 5u r 0nter 5 5 0 0 5 5 0 0 bis b 5u is 0nt u er n bi t 1s e 5u r 0nter 1 1 5 5 0 0 1 1 5 5 0 0 bis b 15u is 0nt u er n bi t 3s e 0u r 0nter 3 3 0 0 0 0 3 3 0 0 0 0 und3 u 0m n 0e d hur m nd e m hr ehr 20 20 10 10 0 0 -1.000 -1.000 -500 -500 0 0 MittelwMeirttteeldweerrstteaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen je 100.0j0e010Ei0n.w00o0hnEeinrw_inonhenner_innen -1,1 De-u1t,1schlaDnedutschland -22,5 k-r2e2is,5freiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte 27,3 stä2d7,t3ischsetäKdretiisscehe Kreise 9,7 län9d,l7icheläKnredilsicehme iKtreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen -43,8 d-4ü3nn,8besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise 500 500 1.000 1.000 1.500 1.500 je 100.00je0 1E0in0w.0o0h0nEeirn_winonhenner_innen * Unter Ausschluss von Staatsangehörigkeiten, die einen hohen Anteil an Schutzsuchenden aufweisen. Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Wanderungsstatistik, 2013–2015, eigene Berechnungen; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 62 teilweise extrem hohe Wanderungsgewinne von städtischen Zentren und vor allem Hochschulstandorten unterschiedlicher Größe gegenüber. Bezogen auf die Bevölkerungszahl in dieser Altersgruppe können Osnabrück(11.025 je 100.000 Einwoh­ ner_innen), Münster(10.842 je 100.000 Einwohner_innen) und Leipzig(10.263 je 100.000 Einwohner_innen) in der Bilanz das größte Plus verbuchen. Positiv fallen die Werte vor allem für kreisfreie Städte mittlerer Größe aus, die einen gewissen räum­ lichen Abstand zu anderen bedeutsamen Hochschulstandor­ ten aufweisen und somit über einen großen Einzugsbereich verfügen. Die Hochschulen wirken hier wie ein„Staubsauger“, der die Schulabsolvent_innen aus dem näheren und weiteren Umfeld anzieht. Am anderen Ende des Wertebereichs sind ländliche Regionen und suburbane Räume zu finden, in denen keine nennenswerten Einrichtungen des tertiären Bildungsbe­ reichs angesiedelt sind. Hierzu gehören Landkreise sowohl in Ostdeutschland wie Spree-Neiße(–7.224 je 100.000 Ein­ wohner_innen) und Elbe-Elster(–6.496 je 100.000 Einwoh­ ner_innen) als auch in Westdeutschland wie Plön(–6.381 je 100.000 Einwohner_innen) und Lüchow-Dannenberg(–6.329 je 100.000 Einwohner_innen). Dass es Heranwachsende in die Städte zieht, ist kein neues Phänomen. Schon die Entstehung von Städten ist eng mit solchen Wanderungsbewegungen verbunden. Diese Tendenz hat sich jedoch in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit deutlich verstärkt. Als wesentlicher Treiber der Entwicklung ist der Trend zur Akademisierung anzuführen. Nach den Zahlen aus der Hochschulstatistik ist der Anteil der jungen Menschen, der ein Studium aufnimmt, seit Anfang der 2000er Jahre von 33 auf zwischenzeitlich 58 Prozent angestiegen(Statistisches Bundesamt 2018). Eine solche Veränderung ist mit beträchtli­ chen Konsequenzen für das Wanderungsgeschehen verbun­ den, da es zu signifikanten Verschiebungen bei den Migrati­ onsströmen zwischen unterschiedlichen Raumtypen kommt. Denn trotz einiger Neugründungen von Hochschulstandorten befindet sich der Großteil der Studienplätze in Deutschland nach wie vor in den Zentren des Landes. Einen etwas anderen Erklärungsansatz für die zunehmenden Wanderungsgewinne der großen Städte bei dieser Altersgruppe liefert die „Schwarmstadt“-These(Simons/Weiden 2016b). Als Ausgangs­ punkt wird hierbei der demografische Wandel herangezogen, der mit einer abnehmenden Zahl an jüngeren Menschen ein­ hergeht. Es wird auf den vorherrschenden Wunsch hingewie­ sen, trotz dieser Abnahme viele Gleichaltrige und altersspezi­ fische Infrastrukturen in der Nähe zu haben. Aus diesem Grund – so die Vermutung – ist zu beobachten, dass sich junge Er­ wachsene in bestimmten Städten häufig in ausgewählten Quartieren sammeln. Auf der anderen Seite kann es in dünn besiedelten Räumen zur Herausbildung einer regelrechten „Abwanderungskultur“(Leibert/Wiest 2014) kommen. In die­ ser Situation wird die Entscheidung für einen Fortzug von jungen Menschen kaum noch hinterfragt, sondern als Selbst­ verständlichkeit angesehen. Sie wird vielfach als notwendig erachtet, um einen erfolgreichen Bildungs- und Berufsweg einschlagen zu können. Die seit einiger Zeit angestiegene Abwanderung in der Al­ tersgruppe der 18- bis unter 25-Jährigen in Richtung der ur­ banen Regionen trägt wesentlich dazu bei, dass die Entwick­ lungen auf den Wohnungsmärkten in Deutschland gegenläufige Tendenzen aufweisen. Die Nachfrage nach klei­ neren und nicht zu teuren Wohnungen ist in vielen Hochschul­ städten stark angestiegen. Bei der Suche nach geeignetem Wohnraum treten die Studierenden häufig in Konkurrenz zu anderen Bevölkerungsgruppen, die aufgrund einer unterdurch­ schnittlichen Zahlungskraft auf eher preisgünstige Angebote angewiesen sind. 4.5.3  SALDO BEI DEN BERUFSEINSTIEGS­ WANDERUNGEN Definition und Aussage Der Binnenwanderungssaldo wird hier eingegrenzt auf die Differenz von Zuzügen und Fortzügen in der Altersgruppe der 25- bis unter 30-Jährigen je 100.000 Einwohner_innen dieser Altersgruppe. Ansonsten entsprechen die Grundlagendaten der oben angegebenen Definition des Binnenwanderungs­ saldos insgesamt. In der Phase des Berufseinstiegs kommt es oft zu einer Wan­ derung über eine größere Distanz. Für die Altersgruppe der 25- bis unter 30-Jährigen(Kurzbezeichnung: Berufseinstiegs­ wanderungen) sind Regionen besonders attraktiv, in denen einerseits ein interessantes Arbeitsplatzangebot besteht und die andererseits urbane Lebensqualität mit naturräumlichen Potenzialen verbinden. Der Saldo bei den Wanderungen ist ein Anhaltspunkt dafür, inwieweit Räume ein solches Gesamt­ paket bieten. Interpretation Auch der Abschluss von Ausbildung oder Studium bedeutet den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Besonders häufig kommt es zu Fernwanderungen über eine größere Distanz, deren Ziel sich in einer anderen Region im Bundes­ gebiet befindet. Die Wanderungen werden nach dem domi­ nierenden Anlass in dieser Altersgruppe als Berufseinstiegs­ wanderungen bezeichnet. Bei einem Blick auf die Karte mit den Salden bei den Be­ rufseinstiegswanderungen fällt zunächst einmal auf, dass die Raumeinheiten mit einer negativen Bilanz überwiegen(Ab­ bildung 47). Die vier unterschiedlichen siedlungsstrukturellen Kreistypen(kreisfreie Großstädte, städtische Kreise, ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen, dünn besiedelte ländliche Kreise) weisen im Mittel ähnliche Werte auf. Innerhalb des jeweiligen Typs gehen die für die einzelnen kreisfreien Städ­ te und Kreise berechneten Zahlen jedoch weit auseinander. Die höchsten Wanderungsgewinne konzentrieren sich auf prosperierende Großstädte und Metropolräume. Als Beispie­ le können die Städte Frankfurt am Main(4.215 je 100.000 Einwohner_innen) und Düsseldorf(4.128 je 100.000 Einwoh­ ner_innen) genannt werden. Bemerkenswert sind die hohen Gewinne der Stadt Leipzig(3.999 je 100.000 Einwohner_in­ nen), da dort bereits in der Altersgruppe der Bildungswan­ derungen ein starkes Plus verbucht werden konnte. Darüber hinaus weisen einige Kreise nennenswerte Wanderungsge­ winne auf, die sich zumeist in räumlicher Nähe zu mindestens einer größeren Kernstadt befinden(z. B. Landkreis Lörrach: UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 63 Abbildung 46 Saldo Bildungswanderungen(Zuzüge – Fortzüge) Mittelwerte der Jahre 2013, 2014, 2015 je 100.000 Einwohner_innen der A­ ltersgruppe„18- bis unter 25-Jährige“ Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg Breme B n remen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s r s f eldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i e e n sbaden Mainz Mainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M e ü n nchen 0 20 km 0 20 km Saldo B S i a ld ld u o ng B s il w du an n d g e sw ru a n n g d e e n rungen Anzahl d A er nz K a re h i l s d e e im r K W re e is r e te i b m er W ei e c r h tebereich (Zuzüg ( e Zu – z F ü o g r e tz – üg F e o ) rtzüge) Mittelw M ert it e te d lw er e J r a te hr d e er Jahre 2013, 20 2 1 0 4 1 , 3 2 , 0 2 1 0 5 14, 2015 80 80 je 100.0 j 0 e 0 10 E 0 in .0 w 0 o 0 hn Ei e n r w _i o nn h e n n er d _i e n r nen der Altersgru A p lt p e e rs „ g 1 r 8 u p b p i e s u „1 n 8 te r b 2 is 5 u -J n ä t h e r r ig 2 e 5 “ -Jährige“ bis unter bis -5 u .0 nt 0 e 0 r-5.000 60 60 bis unter –5.000 -5.000 -5 b . i 0 s 0 u 0 nter bis -3 u .0 nt 0 e 0 r-3.000 –5.000 bis unter –3.000 40 -3.000 bis unter-1.000 40 -3.000 bis unter-1.000 –3.000 bis unter –1.000 -1.000 -1 b . i 0 s 0 u 0 nter bis 1 u .0 nt 0 e 0 r 1.000 –1.000 bis unter 1.000 20 1.000 bis unter 3.000 20 1.000 bis unter 3.000 1.000 bis unter 3.000 3.000 3 b . i 0 s 0 u 0 nter bis 5 u .0 nt 0 e 0 r 5.000 3.000 bis unter 5.000 5.0 5 0 . 0 00 u 0 5 n . d 00 m u 0 e n h d u r n m d m e e h h r r 0-8.000 0-8.0 -6 0 .0 0 00 -6.0 -4 0 .0 0 00 -4.0 -2 0 . 0 000 Mittelw M e i r t t t e el d w e e r r s t t e a d d e tr stadtregiona re le g n io K n r a e l i e st n y K p r e e n istypen je 100.0 j 0 e 0 10 E 0 in .0 w 0 o 0 hn Ei e n r w _i o nn h e n n er_innen dieser A d lt ie e s rs e g r r A up lte p r e sgruppe -1.135 D -1 e .1 u 3 ts 5 chla D n e d utschland 4.044 k 4 re .0 is 4 f 4 reie k G re r i o sf ß re st ie äd G te roßstädte -1.343 s -1 tä .3 d 4 ti 3 sch s e tä K d re ti i s s c e he Kreise -3.011 l ä 3 n .0 d 1 li 1 che lä K n re d i l s ic e h m e i K t reise mit Verdichtu V n e g rd sa ic n h s t ä u t n z g e s n ansätzen -3.048 d 3 ü .0 n 4 n 8 bes d ie ü d n e n lt b e esiedelte ländliche lä K n re d i l s ic e he Kreise -2.000 0 0 2.000 2.0 4 0 .0 0 00 4.00 6 0 .000 6.0 8 0 .0 0 00 8.0 1 0 0 0 .000 10 1 .0 2 0 .0 0 00 12.000 Indikator I e n n d a ik u a s t p o r r ä e g n u a n u g sp je rä 1 g 0 u 0 n .0 g 0 je 0 1 E 0 in 0 w .0 o 0 h 0 n E e i r n _ w in o n h e n n e d r_ ie in se n r e A n l d te ie rs s g e r r u A p l p te e rsgruppe Für eine Lesehilfe vgl. Anhang D Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit;; Geo-Basis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 64 2.301 je 100.000 Einwohner_innen). Die stärksten Verluste bei den Berufseinstiegswanderungen erfahren bedeutsame Hochschulstandorte kleiner und mittlerer Größe. Hier kann gewissermaßen von einem Echo-Effekt gesprochen werden. Denn hohe Gewinne bei der Altersgruppe der Bildungswan­ derungen ziehen in vielen Fällen erhebliche Verluste in der darauffolgenden Phase des Berufseinstiegs nach sich. Die Städte und Regionen sind nur bedingt in der Lage, den vielen gut ausgebildeten Hochschulabsolvent_innen vor Ort adäquate Jobangebote zu bieten. Abwanderungen in dieser Al­ tersgruppe sind die Folge und können beispielsweise in Bay­ reuth(–6.804 je 100.000 Einwohner_innen) oder Würzburg (–5.815 je 100.000 Einwohner_innen) beobachtet werden. Diese Befunde machen deutlich, dass die Zusammenhänge zwischen dem Wanderungsgeschehen in den verschiedenen Altersgruppen berücksichtigt werden müssen. Darüber hinaus stößt man bei der Diskussion über die Ursachen für die räum­ lichen Unterschiede bei den Berufseinstiegswanderungen auf eine der großen Fragen der Regionalökonomie: Ziehen Men­ schen dorthin, wo sie Arbeitsplätze finden? Oder siedeln sich Unternehmen dort an, wo sie ein geeignetes Arbeitskräftepo­ tenzial vermuten? Lange Zeit dominierte die Sichtweise, wo­ nach das Arbeitsplatzangebot der auslösende Faktor und somit ausschlaggebend für die Zuwanderung in eine Region ist. Mit dem Aufstieg der Wissensökonomie haben sich die Einschätzungen verändert. Nach der Theorie der kreativen Klasse(Florida 2004) haben hoch qualifizierte und talentierte Menschen die Möglichkeit zu entscheiden, wo sie gern woh­ nen möchten. Unabhängig von einem konkreten Jobangebot könnten sie einen Wohnstandort in einer Region wählen, die eine attraktive Kombination von kulturellen und landschaftli­ chen Annehmlichkeiten – städtischen und ländlichen Vorzügen – bietet. Forschungsarbeiten für verschiedene europäische Staaten weisen jedoch darauf hin, dass auch für die Standortentscheidungen der sogenannten kreativen Klasse harte Fak­ toren und vor allem persönliche Verbindungen sowie die Ei­ genschaften des konkreten Stadtviertels eine wichtige Rolle spielen(Martin-Brelot et al. 2010). Weiterhin wird festgehalten, dass weiche Faktoren(vor allem Vielfalt der Freizeit- und Kul­ turangebote, Nähe zu Naturräumen) wichtiger sind, um Men­ schen in einer Stadt zu halten, als sie in eine bestimmte Ge­ gend zu locken. Die vorherrschende Ausrichtung auf eine kleinere Zahl an Städten und Regionen bei den Berufseinstiegswanderungen kann dazu führen, dass die Schere bei der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland in Zukunft weiter auseinander­ geht. Der Zugang zu gut ausgebildeten Arbeitskräften wird bereits seit einiger Zeit als ein kritischer Faktor für die Pers­ pektiven vieler Unternehmen diskutiert. Aktuell wird der Fach­ kräftemangel von der Unternehmerschaft als größtes Ent­ wicklungshemmnis und Geschäftsrisiko angesehen(DIHK 2019: 14). Beim Werben um knappe Fachkräfte droht ange­ sichts der vorliegenden Wanderungsdaten insbesondere den Regionen das Nachsehen, die bereits heute mit Strukturpro­ blemen zu kämpfen haben. 4.5.4  SALDO BEI DEN FAMILIEN­ WANDERUNGEN Definition und Aussage Der Binnenwanderungssaldo wird hier eingegrenzt auf die Differenz von Zuzügen und Fortzügen in den Altersgruppen der 30- bis unter 50-Jährigen sowie der unter 18-Jährigen je 100.000 Einwohner_innen dieser Altersgruppen. Ansonsten entsprechen die Grundlagendaten der oben angegebenen Definition des Binnenwanderungssaldos insgesamt. In der Phase der Familiengründung und des Familienwachs­ tums kommt es oft zu einer Anpassung der Wohnsituation an veränderte Bedürfnisse. Der Saldo bei den Wanderungen der Altersgruppen der 30- bis unter 50-Jährigen und der unter 18-Jährigen(Kurzbezeichnung: Familienwanderungen) gibt Auskunft darüber, inwieweit an einem Ort größere Wohnun­ gen zu einem bezahlbaren Preis in einem kindergerechten Umfeld verfügbar sind. Interpretation Verbunden mit der Vergrößerung des Haushalts empfinden junge Familien die bisherige Wohnung häufig als nicht mehr passend. Auch verändern sich die Anforderungen an das Wohnumfeld, die als besonders wichtig bewertet werden. In der Folge kommt es oft zu einer Anpassung der Wohnsituation, die mit einer Wanderung innerhalb einer Wohnungsmarktre­ gion verbunden ist. Zentrale Bezugspunkte des alltäglichen Lebens – wie zum Beispiel die Arbeitsplätze der Haushalts­ mitglieder – bleiben hierbei vielfach bestehen. Im Gegensatz zu den anderen Altersgruppen zeigt die Karte mit den Salden bei den Familienwanderungen relativ weit verbreitete Wanderungsgewinne(Abbildung 48). Insbeson­ dere das nähere und weitere Umland um große und mittlere Großstädte hat eine positive Wanderungsbilanz. Die höchsten Werte erzielen Umlandkreise, die sich in der Nähe mindestens einer großen Kernstadt befinden und selbst eine eher geringe Bevölkerungsdichte aufweisen. Diese Konstellation ist in der Nachbarschaft zu Berlin gegeben: So profitieren u. a. die Land­ kreise Potsdam-Mittelmark(2.177 je 100.000 Einwohner_in­ nen), Havelland(2.075 je 100.000 Einwohner_innen), Mär­ kisch-Oderland(1.760 je 100.000 Einwohner_innen), Barnim (1.675 je 100.000 Einwohner_innen) und Oberhavel(1.561 je 100.000 Einwohner_innen) von Stadt-Umland-Wanderungen aus der Bundeshauptstadt – und teilweise zusätzlich auch aus der Landeshauptstadt Potsdam. Kreise mit besonders hohen Wanderungsgewinnen finden sich zudem in der Nähe von Hamburg und München. Die stärksten Verluste sind dort ge­ geben, wo der Wohnungsmarkt der Kernstädte besonders angespannt und bezahlbarer Wohnraum besonders knapp ist. Betroffen sind Städte wie Würzburg(–2.423 je 100.000 Ein­ wohner_innen), Kiel(–1.966 je 100.000 Einwohner_innen), Erlangen(–1.901 je 100.000 Einwohner_innen) oder München (–1.658 je 100.000 Einwohner_innen), in denen es für Famili­ en in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden ist, geeignete Wohnungen zu finden. Weiterhin ist es erwäh­ nenswert, dass einige ländliche Kreise abseits der Agglome­ rationsräume auch bei den Familienwanderungen leichte Wan­ UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 65 Abbildung 47 Saldo Berufseinstiegswanderungen(Zuzüge – Fortzüge) Mittelwerte der Jahre 2013, 2014, 2015 je 100.000 Einwohner_innen der Altersgruppe„25- bis unter 30-Jährige“* Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s rf seldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i e e n sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M en ünchen 0 20 km 0 20 km Saldo BSearludfoseBienrsutifesgesinwsatinedgeswruanngdeenrungen (Zuzüg(eZu–zFüogretz–ügFeo)rtzüge) MittelwMertitetedlwereJratehrdeer Jahre 2013, 2021041,32, 0210514, 2015 je 100.0j0e010Ei0n.w00o0hnEeinrw_inonhennerd_einrnen der AltersgruApltpeers„g2r5u-pbpies „u2n5terb3is0u-Jnätherrig3e0“-Jährige“ bis unterbis-1u.5n0te0r -1.500 bis unter –1.500 -1.500 -1b.i5s0u0nterbis u-7n5te0r-750 –1.500 bis unter –750 -750 b-i7s5u0nterbis u-2n5te0r-250 –750 bis unter –250 -250 b-i2s5u0nterbis u2n5te0r 250 –250 bis unter 250 25 25 0 0 bi2s b 5u i 0 s nt u er n b t is e u r 7n5te0r 750 750 75 75 0 0 bi7s b 5u i 0 s nt u er n b t is e 1u r .5n0te0r 1.5 1 0 .5 0 00 1 1 . 5 5 0 0 0 0 u1n.d5 u 0m n 0 d ehu m rnd e m hr ehr MittelwMeirttteeldweerrstteaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen je 100.0j0e010Ei0n.w00o0hnEeinrw_inonhenner_innen dieser AdltieesrsegrrAupltepresgruppe -503 D-5e0u3tschlaDnedutschland -339 k-r3e3is9freiekGreriosfßrsetiäedGteroßstädte -455 s-t4ä5d5tischsetäKdretiisscehe Kreise -445 lä-4n4d5licheläKnredilsicehme iKt reise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgensansätzen -766 d-ü7n6n6 besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise Anzahl dAernKzarehilsedeimr KWreeisreteibmerWeiechrtebereich 40 40 30 30 20 20 10 10 -6.000 -6-.50.00000-5-.40.00000-4-.30.00000 0 0 -3-.20.00000-2-.10.00000-1.0000 1.0000 1.20.00000 2.30.00000 3.40.00000 4.000 IndikatoreInndaikuastporäregnuanugspjerä1g0u0n.0g0je0 1E0in0w.0o0h0nEeirn_winonhennedr_ieinsenreAnltdeierssgerruAplpteersgruppe * Unter Ausschluss von Staatsangehörigkeiten, die einen hohen Anteil an Schutzsuchenden aufweisen. Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Wanderungsstatistik, 2013-2015, eigene Berechnungen; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 66 derungsverluste hinnehmen müssen oder nur eine leicht positive Bilanz aufweisen. Die teils deutlichen Verluste, die bei den anderen Altersgruppen ermittelt wurden, können somit nicht kompensiert werden. Dies ist zudem ein Hinweis darauf, dass die Rückwanderung von ehemals abgewanderten jungen Menschen nicht im erhofften Umfang eintritt. Hinsichtlich möglicher Erklärungsansätze für die skizzierten räumlichen Muster kann auf Lebenszykluskonzepte aus der Wanderungsforschung zurückgegriffen werden. Nach diesen Konzepten galten Familien lange Zeit als die klassischen Trä­ ger der Wohnsuburbanisierung, die ein kindergerechtes Um­ feld suchen und in großer Zahl aus den Kernstädten in das nahegelegene Umland ziehen. Zwischenzeitlich sprachen die Zahlen zwar dafür, dass sich diese Tendenz mit der zuneh­ menden Erwerbstätigkeit von Frauen und Müttern abschwächt (Häußermann 2009; Dittrich-Wesbuer et al. 2013). In den ver­ gangenen Jahren haben die Stadt-Umland-Wanderungen jedoch gerade bei den Altersgruppen der Familienwanderun­ gen in vielen Stadtregionen wieder an Fahrt aufgenommen. Somit sorgen vor allem Familien dafür, dass sich eine neue Welle der Suburbanisierung abzeichnet. Dies dürfte in erster Linie an den in vielen Kernstädten stark angestiegenen Wohn­ kosten liegen. Möglicherweise werden aber auch andere Nachteile urbanen Wohnens wieder stärker wahrgenommen. Hierzu gehören aktuell Engpässe beim Angebot von Kita-Plät­ zen oder die Unzufriedenheit mit der Situation an öffentlichen Schulen. Ein sprunghafter Anstieg der Fortzüge ins Umland kann er­ hebliche Konsequenzen nach sich ziehen. Die Zunahme des Pendleraufkommens erhöht tagtäglich die Auslastung der Verkehrssysteme in den Großstädten in bislang ungekannter Art und Weise – eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Aber natürlich müssen auch Infrastrukturen wie Kitas und Grund­ schulen im Umland entsprechend ausgebaut werden. Hierbei ist in immer mehr Stadtregionen eine„Wachstumsmüdigkeit“ unter den Umlandgemeinden zu beobachten. Die Bereitschaft, Wohnraum im großen Umfang für neu zugezogene Bürger_in­ nen zu schaffen, ist gesunken. Gründe hierfür sind die Kosten für den Bau und den Unterhalt von neuen Infrastrukturen so­ wie die eingeschränkte Akzeptanz für die Ausweisung neuer Wohngebiete. Im Ergebnis kann sich die Lage auf dem bereits angespannten Wohnungsmarkt in einer Stadtregion weiter verschärfen. 4.6  DER PFAD DER UNGLEICHHEIT Die Auswertungen der einzelnen Indikatoren dieser Studie zeigen ungleiche Zustände und Entwicklungen in Deutschland auf. In den Interpretationen wurde Wert darauf gelegt, aus den Erkenntnissen konkrete Handlungsbedarfe zu formulieren und zu begründen. Die politischen Debatten zu den Optionen einer Regulierung ungleicher Entwicklungen greifen selbstver­ ständlich sehr viel weiter. So spielen sicherlich fiskalische Ge­ sichtspunkte eine entscheidende Rolle, ebenso die Einbettung bundesdeutscher Strukturpolitik in den europäischen und in­ ternationalen Kontext. Dennoch bleibt das grundgesetzlich verankerte Ziel zur Wahrung gleichwertiger Lebensverhältnis­ se oberstes Ziel strukturpolitischer Maßnahmen. Fehlende oder nicht bindende Standards und Orientierungs­ werte(zum Beispiel zur Mindestausstattung mit technischer und sozialer Infrastruktur) ermöglichen bislang einen Interpre­ tationsspielraum, der im politischen Spektrum der Parteien und ihrer gesellschaftlichen Repräsentanz einen beständigen Aushandlungsprozess für die Bedeutung gleichwertiger Le­ bensverhältnisse nach sich zieht. Dieser Interpretationsspiel­ raum sollte jedoch nicht von der immer deutlicher werdenden Erkenntnis ablenken, dass Strukturpolitik Angebote schaffen muss und Standortfaktoren unterschiedlicher Couleur sich eben nicht nachfrageorientiert selbst regulieren. Ein Beispiel hierfür ist der Breitbandausbau: Würden hier nur Angebote nach einer Bewertung der heutigen Nachfrage gemacht, wür­ den wegweisende Möglichkeiten der Digitalisierung zur Stär­ kung auch peripherer Arbeitsmarktpotenziale verspielt. Insofern steht am Ende dieser Studie die Erkenntnis, dass sich Wechselwirkungen zwischen Vorteilen und Benachteiligungen im Zeitverlauf zu Raumstrukturen erhärten, die sich ohne ex­ terne Impulse weiter verstetigen. Die wesentlichen Handlungs­ bedarfe aus den betrachteten Themenbereichen sind deswe­ gen hier noch mal zusammengefasst: – Die Ergebnisse für den Themenbereich Wirtschaft, Beschäftigung und Arbeitsmarkt weisen auf gravierende räumliche Disparitäten für die wirtschaftlichen Perspekti­ ven hin. Problematisch sind die pfadabhängigen Entwick­ lungen in altindustriell geprägten Regionen West- und Ostdeutschlands. Die Kernstädte in größeren Metropol­ regionen und ihr engeres Umland haben einen Wettbe­ werbsvorsprung, der sich in einer starken Position auf dem Arbeitsmarkt und im Besatz technologie- und inno­ vationsorientierter Unternehmen ausdrückt. Vom Struk­ turwandel geprägte Regionen(Ruhrgebiet, Saarland) und dünner besiedelte ländliche Räume in Nord- und Ostdeutschland fallen eher zurück. In einigen Regionen sind durchaus dynamische Aufholprozesse erkennbar: Beispiele sind das Berliner Umland, die thüringische Städ­ tereihe oder Teile Süd- und Ostwestfalens. Von einer ge­ nerellen Abkopplung ländlicher Räume von der gesamträumlichen Entwicklung kann somit keine Rede sein (Küpper/Peters 2019). – Für den Bereich Bildung und Lebenschancen stehen Ge­ sellschaft und Politik vor besonderen Herausforderun­ gen. Großstädte sind besonders von Armutsgefährdung betroffen, in einem Spannungsfeld, das derzeit aufgrund steigender Preise für den Lebensunterhalt zunehmend soziale Exklusion befördert und damit den Anstrengun­ gen von Bildungs- und Sozialpolitik zuwiderläuft. Das Ziel, Jugendliche für zukunftsfeste Beschäftigung auszu­ bilden, ist ein allgemein anerkannter Schlüssel zur Ver­ meidung der Armutsfalle. Neben der proaktiven Bera­ tung von Behörden für Leistungsberechtigte ist es für junge Menschen von besonderer Bedeutung, dass Poli­ tik, Schule, Jugendamt, Arbeitsamt, Wohlfahrtspflege und Wirtschaft ihre Anstrengungen koordinieren. – Impulse für eine Gleichwertigkeit von Wohlstand und Gesundheit in Deutschland sind besonders vorausset­ zungsvoll. Die Entwicklungen vollziehen sich hier über viele Jahre, im Hinblick auf die Lebenserwartung mögli­ cherweise sogar Jahrzehnte. Aktuell lässt sich feststellen, UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 67 Abbildung 48 Saldo Familienwanderungen(Zuzüge – Fortzüge) Mittelwerte der Jahre 2013, 2014, 2015 je 100.000 Einwohner_innen der Altersgruppe„30- bis unter 50-Jährige“* Kiel Kiel Schwe S r c in hwerin Hambu H r a g mburg BremeBnremen Hanno H v a e n r nover Berlin Berlin Potsda P m otsdam Magde M b a u g rg deburg Düssel D d ü o s r s f eldorf Erfurt Erfurt Dresde D n resden Wiesba W d i e e n sbaden MainzMainz Saarbr S ü a c a k r e b n rücken Stuttg S a t r u t ttgart Münch M e ü n nchen 0 20 km 0 20 km Saldo FSaamldiloieFnawmainliednewruanngdeenrungen (Zuzüg(eZu–zFüogretz–ügFeo)rtzüge) MittelwMertitetedlwereJratehrdeer Jahre 2013, 2021041,32, 0210514, 2015 je 100.0j0e010E0in.0w0o0hnEienrw_ionnhennerd_ienrnen der AltersgruApltpeers„g3r0uppbeis„u3n0terb5is0u-Jnätherrig5e0“-Jährige“ bis unterbis-1u.0nt0e0r -1.000 bis unter –1.000 -1.000 -1b.i0s0u0nterbis u-n1t0e0r-100 –1.000 bis unter –100 -1 – 0 1 0 00 b-i1s0u b 0n i t s er u bi n s t u e n1 r t0e0r 100 100 10 1 0 00 bi1s0u b 0n i t s er u bi n s t u e 3n r t0e0r 300 300 30 3 0 00 bi3s0u b 0n i t s er u bi n s t u e 5n r t0e0r 500 500 50 5 0 00 bi5s0u b 0n i t s er u bi n s t 1u e .0n r t0e0r 1 1 .0 .0 0 00 0 1 1 .0 . 0 0 0 00 u1n.d00m u 0 n eh d urn m d m eh eh r r MittelwMeirttteeldweerrstteaddet-r stadtregionarelegnioKnraeliestnyKpreenistypen je 100.0j0e010E0in.0w0o0hnEienrw_ionnhenner_innen dieser AdltieesrsegrrAupltepresgruppe 114 De11u4tschlaDnedutschland -801 k-r8e0is1freiekGreriosfßrestieädGteroßstädte 241 st2ä4d1tischsetäKdretiisscehe Kreise 433 lä4n3d3licheläKnredilsicehme iKtreise mit VerdichtuVnegrdsaicnhstäutnzgesnansätzen 308 d3ü0nn8 besdieüdnenltbeesiedelte ländlicheläKnredilsicehe Kreise Anzahl dAernzKarehilsdeeimr KWreeisreteibmerWeiecrhtebereich 40 40 30 30 20 20 10 10 -2.000 -2.000 -1.000 -1.000 0 0 1.000 1.000 0 0 2.000 2.000 IndikatorIenndaikuastporräegnuanugspjerä1g0u0n.0g0je0 1E0in0w.0o0h0nEeirn_winonhennedr_ieinsenreAnldteierssgerruAplpteersgruppe * Unter Ausschluss von Staatsangehörigkeiten, die einen hohen Anteil an Schutzsuchenden aufweisen. Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Wanderungsstatistik, 2013-2015, eigene Berechnungen; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 68 dass die historisch begründeten Benachteiligungen altin­ dustrieller Standorte und ostdeutscher Regionen weiter bestehen, auch wenn sich über die vergangenen Jahre leichte Aufholtendenzen zumindest beim Einkommen feststellen lassen. Zu beobachten bleibt, inwiefern sich disparitäre Entwicklungen in den überhitzten Woh­ nungsmärkten der Wirtschaftsmetropolen und Universi­ tätsstädte weiter zuspitzen. Wohlstand und Gesundheit laufen Gefahr, damit zum exklusiven Gut besserverdie­ nender Haushalte zu werden. – Staatliches Handeln kann diesen Herausforderungen nicht gerecht werden, wenn die kommunalen Haushalte in größeren Teilen Westdeutschlands und punktuell auch in Ostdeutschland trotz guter Konjunktur weiter hoch verschuldet sind. Ein Kernanliegen der Bundes- und Landespolitik muss es deshalb künftig sein, kommunale Investitionspolitik besser zu fördern. Dazu gehören ne­ ben dem Abtragen von Schulden auch adäquate Res­ sourcen für effizientes Verwaltungshandeln, um den Zugang zu Fördermitteln von Bund und Ländern zu ver­ bessern. Neben Investitionen in die Infrastruktur und wirtschaftlichen Lagefaktoren wird damit auch einem Auseinanderdriften der Gesellschaft nach sozialer Lage gegengesteuert, Partizipation ermöglicht. Das Beispiel des mangelnden Zugangs zum leistungsfähigen Internet in benachteiligten Regionen zeigt, dass hier weitere An­ strengungen dringend erforderlich sind. – Die Trends der Binnenwanderungen zeigen, dass Ab­ wanderung und Entleerung auf der einen sowie Zuwan­ derung und Überlastung auf der anderen Seite räumli­ che Disparitäten verstärken. Zwar fallen die Salden im internationalen Vergleich eher moderat aus. Tatsächlich ist die Umverteilung von Bevölkerung hierzulande aber ein durchaus stetiger Prozess. Die Frage des politischen Umgangs mit stetigen Wanderungsverlusten ist höchst umstritten. Mitunter wird dazu aufgefordert,„sterbende Gemeinden zu begleiten“(Simons/Weiden 2016a: 46ff.). Andere Stimmen rufen dagegen zu einer Versachlichung auf und warnen vor einer Stigmatisierung der Räume mit hohen Wanderungsverlusten mit Schlagwörtern wie „Landflucht“(Beetz 2016: 118f.). Diese Erkenntnisse führen zu einer Formulierung von Hand­ lungsempfehlungen, die die aktuell diskutierten Optionen von Strukturpolitik zur(Wieder-)Herstellung gleichwertiger Lebens­ verhältnisse im Lichte dieser Studienergebnisse diskutiert. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 69 5 HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN 5.1 ALLGEMEINES Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Einkommen und öffentliche Haus­ halte haben sich in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit eindeutig überdurchschnittlich entwickelt, insbesondere im Vergleich zu anderen Staaten Europas. Diese allgemeine Aus­ sage gilt allerdings nicht flächendeckend, sondern ist teilräum­ lich zu differenzieren. So gibt es sowohl hinsichtlich einzelner Teilbereiche wie auch in der zusammenfassenden Betrachtung erhebliche Differenzierungen, die sich nicht durch einfache Erklärungen wie etwa„dynamische Städte vs. abgehängtes Land“ oder„wachsender Westen vs. schrumpfender Osten“ beschreiben und erklären lassen. Es gibt sehr dynamische wie auch vom tief greifenden Strukturwandel betroffene schrump­ fende Städte, prosperierende ländliche Regionen wie auch strukturschwache, von Entleerung und Infrastrukturabbau ge­ kennzeichnete ländliche Räume. Auch in Ostdeutschland gibt es keineswegs nur strukturschwache, von hoher Arbeitslosig­ keit und Abwanderung betroffene Regionen, sondern auch sich sehr dynamisch entwickelnde Städte. Daher muss staat­ liches Handeln mehr als bisher auf die teilräumlichen Beson­ derheiten und Problemstellungen eingehen. Zugleich ist an dieser Stelle der Hinweis wichtig, dass nicht nur der hier im Vordergrund stehende Umgang mit teilräumlich unterschiedlichen Entwicklungen bedeutsam ist, auch die spe­ zifische Situation einzelner sozialer Gruppen und die Gefahr von Exklusion in Teilräumen erfordern staatliches Handeln. So ist gerade in den besonders dynamischen Stadtregionen zu beobachten, wie einkommensschwache Haushalte durch die angespannte Lage auf den Immobilienmärkten verschärft Be­ nachteiligung erleben. Zudem führt die dynamische Entwick­ lung in Stadtregionen zu zunehmenden Umweltproblemen (z. B. wachsende Belastung durch Feinstaub und Lärm), was ebenfalls staatliches Handeln erfordert. Diese Sachverhalte seien hier ausdrücklich erwähnt, auch wenn sie hier nicht im Vordergrund stehen können. Zudem sei darauf hingewiesen, dass gerade in Zeiten allge­ mein wachsenden Wohlstands der Eindruck – real berechtigt oder vermeintlich – daran nicht teilzuhaben, zur wachsenden Zustimmung zu Rechtspopulismus und Nationalismus führt. Das bedroht den gesellschaftlichen Zusammenhalt und ver­ langt ebenfalls Antworten des Staates. Die vorangehenden Kapitel haben an Hand von Indikatoren für einzelne Teilbereiche wie auch mithilfe der Clusteranalyse in der Zusammenschau eindrucksvoll dargelegt, wie teilräum­ lich differenziert sich Deutschland entwickelt. Dabei ist es nicht entscheidend, ob insgesamt eher von Konvergenz oder einer Zunahme der Disparitäten gesprochen werden kann. Wichtig ist, dass es teilräumlich sehr schwierige und sich zum Teil ver­ schärfende benachteiligende Lagen gibt. Diese Analysen schaf­ fen, auch in Zusammenschau etwa mit den Raumordnungs­ berichten des BBSR und dem Landatlas des Thünen-Instituts, eine gute Grundlage, Förder- und Entwicklungsstrategien künftig besser auf die regionalspezifischen Herausforderungen abzustimmen. Die Bedeutung der räumlich disparitären Entwicklung für den künftigen gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland scheint in Politik und Öffentlichkeit grundsätzlich erkannt. Die Einrichtung einer Regierungskommission„Gleichwertige Le­ bensverhältnisse“ von Bund und Ländern sowie eine Vielzahl von Studien, Veranstaltungen, Forderungskatalogen usw. sig­ nalisieren eine wachsende Aufmerksamkeit und politische Bedeutung der Thematik„gleichwertiger Lebensverhältnisse“ in Deutschland. Vor diesem Hintergrund verstehen sich dieser Bericht und die im Folgenden formulierten Handlungsemp­ fehlungen als Beitrag zu der Debatte. 5.2  GESELLSCHAFTLICHEN ZUSAMMENHALT STÄRKEN Teilräumliche Differenzierung und insbesondere die im räum­ lichen Kontext zu sehende Verschärfung von Benachteiligung bedrohen den gesellschaftlichen Zusammenhalt, gerade in Zeiten allgemein wachsenden Wohlstands. Das gilt – und das sei hier ausdrücklich noch einmal betont – nicht nur für die häufig im Mittelpunkt stehenden Problemlagen in peripheren, dünn besiedelten, von Abwanderung und Strukturschwäche gekennzeichneten ländlichen Räumen, sondern trifft beispiels­ weise auch auf früher von industriellen Monostrukturen ge­ prägte Städte zu, die den Strukturwandel(noch) nicht erfolg­ reich bewältigt haben. Und selbst in prosperierenden Stadtregionen bedeutet die Dynamik für manche sozialen Gruppen und Haushalte etwa durch angespannte Wohnungs­ märkte eine Verschärfung ihrer sozialen Situation. Diese Ent­ wicklungen bestärken Teile der Bevölkerung in dem Eindruck, nicht am Wohlstand und an wesentlichen politischen und so­ zialen Prozessen teilzuhaben. Daher sind auf spezifische örtli­ che Problemlagen und spezifische soziale Gruppen/Lebensla­ gen ausgerichtete Maßnahmen der Förderung gesellschaftlicher FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 70 Teilhabe geboten. Darauf müssen Bildungspolitik, der Ausbau sozialer Infrastrukturen, aber auch die Städtebauförderung noch stärker als bisher ausgerichtet werden.„Heimat“ kann nur dort entstehen, wo die Teilhabe und Mitgestaltung aller dort lebenden Menschen gewährleistet ist. Das ist bei der Förderung öffentlicher Infrastruktur und der Gestaltung poli­ tischer Prozesse zu berücksichtigen. 5.3 „GLEICHWERTIGKEIT DER LEBENS­VERHÄLTNISSE“ ALS STAATSZIEL IM GRUNDGESETZ VERANKERN Zwar wird die„Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“ durchaus im Grundgesetz(z.B. Art. 72(2) GG) angesprochen, allerdings lässt sich aus der jetzigen Form der Erwähnung nach herrschender juristischer Lehre keine Grundlage für struktur­ politisches Handeln generieren. Daher sollten, analog zum Vorgehen in einigen Ländern(z. B. Bayern),„gleichwertige Lebensverhältnisse“ als inhaltlich bestimmtes Staatsziel, das heißt als Vorgabe für das Handeln der staatlichen Organe, in das Grundgesetz aufgenommen werden. 5.4 MONITORING/BERICHTERSTATTUNG VERBESSERN Förderansätze können hier unterstützend wirken, schaffen aber keine kontinuierliche Grundlage. Notwendig ist vielmehr eine angemessene Personal- und Finanzausstattung der kom­ munalen Ebene(dabei sei nur am Rande angeführt, dass ge­ rade auch für die Einwerbung von Fördermitteln qualifiziertes Personal auf kommunaler Ebene erforderlich ist.) Daher muss im Interesse gleichwertiger Lebensverhältnisse die Stärkung der kommunalen Handlungsfähigkeit im Hinblick auf ihr All­ tagshandeln und unabhängig von spezifischen Förderpolitiken ein herausragendes Ziel der Politik von Bund und Ländern sein. Die Systeme des kommunalen Finanzausgleichs in den Ländern und die Gestaltung und Verteilung der Steuereinnahmen müs­ sen die Stärkung der Handlungsfähigkeit aller Kommunen, gerade auch der strukturschwachen, besonders im Blick haben. Die Kommunen in strukturschwachen Regionen sind vielfach in einer sich selbst verstärkenden„Abwärtsspirale“ gefangen: Wirtschaftlicher Strukturwandel führt zu hoher Arbeitslosigkeit, Abwanderungen und Sozialtransfers, wodurch die Verschul­ dung der Kommunen steigt und die Handlungsfähigkeit sinkt, was wiederum ihre Attraktivität für Unternehmen und Haus­ halte mindert. Um dieser„Peripherisierung“ entgegenzuwirken, ist von Bund und Ländern ihre Entschuldung durch gemein­ same Maßnahmen zu unterstützen und insbesondere das Konnexitätsprinzip konsequent, gerade bei Sozialleistungen, anzuwenden. Angesichts der überaus großen politischen Bedeutung der Leitvorstellung„Gleichwertige Lebensverhältnisse“ muss es ein darauf ausgerichtetes kontinuierliches Monitoring geben. Die vielfältig vorhandenen Datenbestände und insbesondere auch die jetzt schon(eher unregelmäßig) erscheinenden Berichte, wie etwa die Raumordnungsberichte des BBSR, der Landatlas des Thünen-Instituts, Berichterstattungen der amtlichen Sta­ tistik usw., sind zu einem Monitoringsystem auszubauen und zu integrieren, das in regelmäßigen Abständen Berichte über die teilräumliche Differenzierung der Lebenssituationen in Deutschland für einzelne Themenbereiche wie auch in der Zusammenschau vorlegt. Angesichts der Komplexität der The­ matik ist hierfür, wie in anderen Handlungsfeldern auch(z. B. Armut/Reichtum, Familienlagen, Migration, gesamtwirtschaft­ liche Entwicklung usw.), ein kooperativer Verbund von For­ schungsinstituten, amtlicher Statistik, Stiftungen usw. ein­ zurichten, der kontinuierlich oder in wiederkehrenden Vergabeverfahren und entsprechender Berichterstattung be­ auftragt wird. Dabei sind für die Teilräume die Formen der Benachteiligung und Gefährdung von Teilhabe sozialgrup­ penspezifisch herauszuarbeiten. 5.5  KOMMUNALE EBENE STÄRKEN Für viele Handlungsfelder der Daseinsvorsorge und der öf­ fentlichen Infrastruktur sind die Kommunen in Deutschland verantwortlich. Damit ist ihre Handlungsfähigkeit eine wesent­ liche Voraussetzung für die Schaffung gleichwertiger Lebens­ verhältnisse. Nach vielen Jahren der Privatisierung und der Einschränkung öffentlicher Leistungen ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass Lebensqualität wie Wettbewerbsfä­ higkeit der Städte und Regionen in hohem Maße von einer gut ausgebauten öffentlichen Infrastruktur abhängig sind. Neben den genannten Einzelmaßnahmen wäre eine bundes­ weite grundlegende Reform des kommunalen Finanzsystems ein seit Langem geforderter, aber immer noch aktueller Ansatz, die kommunale Handlungsfähigkeit dauerhaft zu stärken. Daher muss dieses Thema auf der politischen Tagesordnung bleiben. 5.6  REGIONALPOLITIK UND RAUM­ ORDNUNG ERNEUERN UND STÄRKEN Es gibt eine kaum noch überschaubare Fülle von Einzelmaß­ nahmen der Regionalpolitik der EU, von Bund und Ländern sowie eine überaus große Anzahl von Modellvorhaben und Einzelprojekten der Ressorts für Raumordnung und Landes­ entwicklung, ländliche Entwicklung, Stadtentwicklung usw. in Bund und Ländern. Demgegenüber mangelt es an einer Inte­ gration und Verstetigung von Ansätzen, deren Grundlage zu­ nächst einmal eine„Querauswertung“ der Erfahrungen mit den vielfältigen Einzelmaßnahmen sein sollte. Da die Handlungsfähigkeit der relevanten Akteure in den Re­ gionen sehr unterschiedlich – und in den strukturschwachen vielfach auch schwächer – ausgeprägt ist, wäre es sinnvoll, förderpolitische Ansätze zu regionalisieren, beispielsweise je nach Ausmaß der regionalen Strukturschwäche, wie sie im Monitoring ermittelt wurde(siehe oben), und unterschiedliche Fördersätze vorzusehen(Regionalisierung der Förderpolitik). Das geschieht bisweilen heute schon, ist aber konsequenter und einheitlicher auszuarbeiten. Gute Regionalpolitik ist mehr als finanzielle Förderung. Sie muss auch Akteure aktivieren, Netzwerke initiieren und Ver­ knüpfungen endogener Potenziale mit exogenen Anregungen ermöglichen. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 71 Dringend geboten zur Integration der schon vorhandenen viel­ fältigen Ansätze und zur besseren Abstimmung zwischen Bund und Ländern ist eine neue Gemeinschaftsaufgabe„Regionale Daseinsvorsorge“. Ein Ansatz sollte dabei sein, die flächende­ ckende Erarbeitung von Regionalkonzepten für Daseinsvorsor­ ge mit klaren Aussagen zur Verantwortung der beteiligten Akteure(Vorbild sollten die Konzepte aus dem entsprechenden Modellvorhaben der Raumordnung sein) zu unterstützen. Die­ se könnten auch ggf. Grundlage für Zielvereinbarungen zwi­ schen(Planungs-)Regionen und jeweiligem Land über die wei­ tere Entwicklung der Infrastrukturen der Daseinsvorsorge sein. Bei der Organisation von Infrastrukturen der Daseinsvorsorge ist nicht(!!) aus Spargründen, sondern um passgenaue und ortsspezifische Lösungen zu ermöglichen, verstärkt das zivil­ gesellschaftliche Engagement zu unterstützen, wobei die grundlegende(finanzielle) Verantwortung der öffentlichen Hand gewahrt bleiben muss. Zur qualitativen Verbesserung der Daseinsvorsorge insbeson­ dere in dünn besiedelten Regionen sind die Chancen der Di­ gitalisierung zu nutzen. In Zukunft wird es immer mehr nicht nur auf die quantitative Tragfähigkeit von Infrastrukturen, son­ dern auch auf die qualitative Differenzierung und das Leis­ tungsspektrum etwa in Bereichen wie Gesundheit und Bildung ankommen(z. B. Telemedizin, E-Learning). Behördenstandorte und insbesondere Bildungs- und For­ schungseinrichtungen(Fachhochschulen!) sind, wo sinnvoll möglich, stärker als bisher zu dezentralisieren. Das hätte viel­ fältige positive Effekte: In strukturschwachen Regionen würden hochwertige Arbeitsplätze geschaffen, zugleich würde die regionale Nachfrage belebt und die kulturelle Vielfalt gefördert. Zudem würden Qualifikations- und Arbeitskraftpotenziale in Zeiten des Fachkräftemangels zusätzlich erschlossen. Auch würde dadurch der Druck auf die Immobilienmärkte in den prosperierenden Stadtregionen zumindest etwas vermindert. „Raumpioniere“, das heißt kleine und oft sehr individuelle Initiativen zur Belebung von Orten, sind durch voraussetzungs­ arme Förderansätze und die unbürokratische Bereitstellung kleiner Beträge zu unterstützen. Denn diese sorgen oft in schwierigen Situationen unkonventionell für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Lebensfähigkeit von Orten und Regionen. 5.7  ERREICHBARKEITEN VERBESSERN Ein elementares Thema, gerade angesichts der Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung in vielen Regionen, ist es, die Erreichbarkeiten in allen Teilen Deutschlands zu verbessern, da das die grundlegende Basis für die Verwirklichung von Gleichwertigkeit ist. Das betrifft sowohl Verkehrsinfrastruktu­ ren für Personen- und Güterverkehr wie auch und gerade telekommunikative Infrastrukturen(Breitband usw.), um die Chancen und Notwendigkeiten der Digitalisierung in jeder Hinsicht(für Daseinsvorsorge, aber auch für wirtschaftliche Aktivitäten von kleinen und mittleren Unternehmen in ländlich strukturierten Regionen) zu sichern. Das gilt genauso aber auch für die Stadtregionen, in denen ÖPNV und Netzabde­ ckung außerhalb der Kernstädte oft sehr unzureichend sind. 5.8  HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN – CLUSTERSPEZIFISCH Tabelle 5 Handlungsempfehlungen für die einzelnen Raumtypen der Disparitätenkarte dynamische Groß- und Mittelstädte mit Exklusionsgefahr – der sozialen und sozialräumlichen Polarisierung, insbesondere durch angespannte Wohnungsmärkte und hohe Lebenshaltungskos­ ten, daher spezifische, auf benachteiligte soziale Gruppen und auf be­ nachteiligte Quartiere ausgerichtete gezielte Förderansätze(Beispiel: bessere Ausstattung und umfassendes Selbstverständnis von Grund­ schulen in benachteiligten Quartieren als Community-Center im Sinne von„Ungleiches ungleich behandeln“) – des nicht gewinnorientierten Anteils am Wohnungs­ markt(kommunaler Wohnungsbau, Wohnungsbaugenossenschaften usw.) zur Dämpfung der Preisentwicklung und Wohnungsversorgung benachteiligter Gruppen starkes(Um-)Land – der Nahmobilität, insbesondere des ÖPNV und des Fahrradverkehrs – proaktiver Umgang mit alternden Einfamilienhausgebieten – Sanierung von Großwohnanlagen – zunehmender Alterung: wo nötig, stärkere Ausrichtung der sozialen Infrastruktur auf alternde Bevölkerung Deutschlands solide Mitte – der Bildungsinfrastruktur zur Förderung von Qualifikationen angesichts fortschreitender Digitalisierung – verstärkter Breitbandausbau ländlich geprägte Räume in dauerhafter Strukturkrise – der öffentlichen Infrastrukturen, insbesondere in den Be­ reichen Bildung und Gesundheit, auch durch bessere Nutzung der ­Telekommunikation – eines Mindeststandards von Nahmobilität durch flexible Formen des ÖPNV und Nutzung der Telekommunikation – zur aktiven Gestaltung dieser Räume: Ausbau der Breitbandinfrastruktur – zur aktiven Gestaltung dieser Räume: Unterstützung des zivilgesellschaftlichen Engagements – Orientierung der öffentlichen Infrastruktur auf alternde ­Bevölkerung, zugleich aber auch Attraktivitätssteigerung, um Bleiben bzw. Rückkehr jüngerer Bevölkerungsgruppen zu motivieren städtisch geprägte Räume im andauernden Strukturwandel – Förderung von Bildung und Qualifikation, um Exklusion von ganzen Bevölkerungsgruppen zu vermeiden und die Wettbe­ werbsfähigkeit der Unternehmen zu verbessern – langfristig angelegtes Quartiersmanagement in benach­ teiligten Quartieren, um sozialräumlicher Polarisierung entgegenzu­ wirken FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 72 Anhang A Dokumentation der Indikatoren Die nachfolgende Tabelle zeigt die in der Studie genutzten Indikatoren im Überblick. Für alle farblich hinterlegten Einträ­ ge liegen Zeitreihen zu den Daten von vier oder mehr Jahren vor dem angegebenen Jahr vor, die für die Textinterpretatio­ nen ausgewertet wurden. Für Indikatoren, die mit 1, 2, oder 3 gekennzeichnet sind, wurden verschiedene Varianten aus­ gewertet. Die Erkenntnisse nicht dargestellter Varianten flie­ ßen teilweise in die Textinterpretationen ein. # Name Clusteranalysen Quelle Zeitraum Abb. 1 Die Disparitätenkarte Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Thünen-Institut, Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung und dort gesammelte Rohdaten 2015, 2016, 2017, 2018 Abb. 2 Wohlstand und Armut in Deutschland Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Empirica 2016, 2017, 2018 Wirtschaft, Beschäftigung und Arbeitsmarkt Abb. 3, Abb. 4 Abb. 5, Abb. 6 Abb. 7 Bruttoinlandsprodukt pro erwerbstätiger Person 1 Beschäftigungsquote 2 Patentanmeldungen Statistisches Bundesamt Bundesagentur für Arbeit Bundesagentur für Arbeit und DPMA(Depatisnet), Institut für deutsche Wirtschaft Köln 2016 2017 2014 Abb. 8 SvB-Beschäftigte in wissens­ intensiven Industrien Abb. 9, Abb. 10 Anteil der hoch qualifiziert Beschäftigten Bildungs- und Lebenschancen Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung Bundesagentur für Arbeit 2015 2018 Abb. 11, Abb. 12 Abb. 13 Abb. 14 Abb. 15, Abb. 16 Abb. 17, Abb. 18 Abb. 19, Abb. 20 Abb. 21 Arbeitslosenquote Bundesagentur für Arbeit Leistungsbezug SGB II Bundesagentur für Arbeit Altersarmut Statistische Ämter des Bundes und der Länder Kinderarmut: Kinder unter 15 Jahren in SBG-II-Haushalten Schüler_innen ohne Schulabschluss Bundesagentur für Arbeit Statistisches Bundesamt Erreichbarkeit von Grundschulen Landatlas des Thünen-Instituts für Ländliche Räume 2016 2017 2016 2016 2016 2016 Wohlstand und Gesundheit Abb. 22 Lebenserwartung Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2013, 2014, 2015 Abb. 23 Hausärztebesatz Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2015 Abb. 24 Erreichbarkeit von Hausärzt_innen Landatlas des Thünen-Instituts für Ländliche Räume 2016 Abb. 25 – 28 Abb. 29 – 30 Abb. 12 Bruttogehälter 3 Verfügbares Haushaltseinkommen Bestandsmieten Bundesagentur für Arbeit Statistisches Bundesamt Empirica 2017 2015 2018 UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 73 # Name Staatliches Handeln und Partizipation Quelle Zeitraum Abb. 33, Abb. 35 Kommunale Schulden Abb. 34 Kommunale Kassenkredite Abb. 36, Abb. 37 Sachinvestitionen Abb. 38, Abb. 39 Wahlbeteiligung Abb. 40, Abb. 41 Betreuungsquote von Kleinkindern Abb. 42, Abb. 44 Breitbandversorgung 4 Wanderungen Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung 2016 Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung 2016 2016 Statistisches Bundesamt 2017 Betreuungsatlas 2016 der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfe­ 2016 statistik Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur 2018 Abb. 45 Binnenwanderungssaldo der Bevölkerung insgesamt Abb. 46 Abb. 47 Saldo bei den Bildungswanderungen Saldo bei den Berufseinstiegs­ wanderungen FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Wanderungs­ statistik, 2013-2015& Statistisches Bundesamt 2013, 2014, 2015 Abb. 48 Saldo bei den Familienwanderungen 1 nach Erwerbstätigen, nach Einwohner_innen; 2 insgesamt, Frauen, Männer; 3 nach Wohnort, nach Arbeitsort; 4 nach Übertragungsraten(30 Mbit, 50 Mbit). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 74 Anhang B Wertebereiche der Indikatoren Indikator Jahr Wertebereich von … bis Bruttoinlandsprodukt Erwerbstätige 2016 50.309 EUR(Erzgebirgskreis) bis 178.706 EUR(Wolfsburg) Beschäftigtenquote insgesamt 2017 44,2%(Trier) bis 69,2%(Hildburghausen) Beschäftigtenquote Frauen 2017 43%(Heidelberg, Stadtkreis) bis 69,9%(Hildburghausen) Beschäftigtenquote Männer 2017 43,4%(Trier) bis 73,2%(Ingolstadt) Patentanmeldungen SvB-Beschäftigte in wissensintensiven Industrien Anteil hoch qualifiziert Beschäftigter 2014 2015 2018 0 Anmeldungen/100.000 Einwohner_innen(u. a. Wittmund) bis 3.794,7 Anmeldungen/100.000 Einwohner_innen(Erlangen-Höchstadt) 0,4%(Cottbus) bis 57,0%(Wolfsburg) 6,0%(Wittmund) bis 44,1%(Heidelberg) Arbeitslosenquote 2016 1,4%(Erding) bis 16,6%(Uckermark) Leistungsbezug SGB II 2017 1,5%(Pfaffenhofen a. d. Ilm) bis 25,0%(Gelsenkirchen) Altersarmut 2016 0,5%(u.a. Sonneberg) bis 8,9%(Offenbach am Main) Kinderarmut 2016 2,0%(Pfaffenhofen a. d. Ilm) bis 39,5%(Gelsenkirchen) Schüler_innen ohne Schulabschluss 2016 1,2%(Mainz) bis 14,2%(Prignitz) Erreichbarkeit von Grundschulen 2016 1,8 Minuten(Herne) bis 9,6 Minuten(Ostprignitz-Ruppin) Lebenserwartung 2013/15 77,3 Jahre(Pirmasens) bis 83,3 Jahre(Starnberg) Hausärztebesatz Erreichbarkeit von Hausärzt_innen 2015 2016 73,2 Hausärzt_innen pro 100.000 Einwohner_innen(Schweinfurt) bis 391,4 Hausärzt_ innen pro 100.000 Einwohner_innen(Freiburg im Breisgau) 1,8 Minuten(München, Stadt) bis 11,2 Minuten(Ostprignitz-Ruppin) Bruttogehälter am Arbeitsort 2017 2.182 EUR/Monat(Görlitz) bis 4.634 EUR/Monat(Ingolstadt) Bruttogehälter am Wohnort 2017 2.271 EUR/Monat(Vorpommern-Rügen) bis 4.310 EUR/Monat(Wolfsburg) verfügbares Haushaltseinkommen 2015 16.274 EUR/Jahr(Gelsenkirchen) bis 35.663 EUR/Jahr(Heilbronn) Bestandsmieten 2018 4,59 EUR/m²(Vogtlandkreis) bis 15,74 EUR/m²(München, Stadt) kommunale Schulden 2016 0 EUR/Einwohner_in(Dresden) bis 9.998 EUR/Einwohner_in(Pirmasens)* kommunale Kassenkredite 2016 0 EUR/Einwohner_in(u. a. Ingolstadt) bis 8.439 EUR/Einwohner_in(Pirmasens)* Sachinvestitionen 2016 42 EUR/Einwohner_in(Bielefeld) bis 1.342 EUR/Einwohner_in(Dingolfing-Landau)* Wahlbeteiligung 2017 64,1%(Bremerhaven) bis 84,4%(Starnberg) Betreuungsquote von Kleinkindern 2016 10,8%(Duisburg) bis 61,4%(Wittenberg) Breitbandanschluss(> 50 Mbit/s) 2018 31%(Jerichower Land) bis 100%(Regensburg, Rosenheim) Binnenwanderungssaldo insgesamt Saldo von Bildungswanderungen Saldo von Berufseinstiegswanderungen Saldo von Familienwanderungen 2013/ 2014/ 2015 –864 pro 100.000 Einwohner_innen(Offenbach am Main) bis 1.433 pro 100.000 Einwohner_innen(Leipzig)** –7.224 pro 100.000 Einwohner_innen(Altersgruppe)(Spree-Neiße Landkreis) bis 11.024 pro 100.000 Einwohner_innen(Altersgruppe)(Osnabrück) –6.804 pro 100.000 Einwohner_innen(Bayreuth) bis 4.214 pro 100.000 Einwohner_innen (Altersgruppe)(Frankfurt am Main) –2.423 pro 100.000 Einwohner_innen(Altersgruppe)(Würzburg) bis 2.177 pro 100.000 Einwohner_innen(Altersgruppe)(Potsdam-Mittelmark)  * ohne die Stadtstaaten Berlin, Bremen, Hamburg;** unter Ausschluss des 2016 reformierten Landkreises Göttingen Quelle: eigene Darstellung UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 75 Anhang C Methodische Hinweise Die vorliegende Studie beruht auf einer Auswertung reprä­ sentativer Indikatoren für unterschiedliche Themenfelder. In­ dikatoren sind bei diesem gängigen Ansatz der Raumbeob­ achtung von reinen regionalstatistischen Variablen(z. B. Bevölkerungsstand oder Fläche einer Kommune) zu unter­ scheiden. Sie haben eine Zeigerwirkung für einen bestimmten Sachverhalt, liefern im Hinblick auf gesellschaftliche und poli­ tische Zielsetzungen aussagekräftige Bewertungen von Zu­ ständen und Trends. Ein Beispiel ist der politische Anspruch, in Deutschland möglichst flächendeckend den Zugang zu Breitbandinternet zu ermöglichen. Dieses Ziel wird mit einem Indikator gemessen, der die Anzahl der Haushalte in den Un­ tersuchungsgebieten(hier: kreisfreie Städte und Landkreise) mit Zugang zu hohen Übertragungsraten wiedergibt. Die dargestellten Trends und Werte sind für den Vergleich von Mittelwerten in den 401 kreisfreien Städten und Landkreisen in Deutschland gut geeignet und tragen zu einem besseren Verständnis der Geografie sozioökonomischer Disparitäten bei. Das ist Thema dieses Berichts, dahingehend werden die Kartenbilder interpretiert. Dahinter verbirgt sich aber häufig eine auseinanderdriftende Spaltung innerhalb einzelner Krei­ se. Diese werden in den auf den Karten dargestellten Mittel­ werten nicht unmittelbar sichtbar, in den Texten aber ange­ sprochen. Für das bessere Verständnis der Kartenbilder findet sich in Anhang D eine Lesehilfe. Die Auswahl der Indikatoren für die Clusteranalyse erfolgte mit dem Anspruch, die verschiedenen Themenfelder des Berichts abzudecken, ohne die Interpretationsfähigkeit der Ergebnisse zu verkomplizieren. Aus Erfahrungen mit der Raum­analyse weiß man nämlich, dass Clusteranalysen mit einem zu breiten Set an Indikatoren, die möglicherweise noch auf ähnliche Sachver­ halte abzielen, nur noch schwierig zu erklären sind. Folgende methodische Hinweise sind in der Interpretati­ on zu berücksichtigen: – Die eingesetzten Indikatoren werden auf Mittelwerte (arithmetischer Mittelwert, Median) oder vergleichbare Bezugsgrößen(z. B. Wanderungssaldo pro 100.000 Ein­ wohner_innen, durchschnittliche Erreichbarkeit in Fahr­ zeitminuten) normiert. Das heißt, dass die Ergebnisse nicht von der Größe oder Bevölkerungszahl abhängen. Diese Vorgehensweise ist Voraussetzung für die Ver­ gleichbarkeit von Indikatorausprägungen über unter­ schiedlich groß geschnittene Untersuchungseinheiten mit unterschiedlicher Bevölkerungszahl. – Die Interpretation von Stadt-Umland-Beziehungen zwischen kreisfreien Städten und ihren umliegenden Land­ kreisen können durch die unterschiedliche Größe der Gebietseinheiten beeinflusst werden. So erstrecken sich aufgrund von Gebietsreformen manche Umlandkreise ostdeutscher Großstädte weit in das Umland. Die Indi­ katoren geben dann im Mittel Werte aus suburbanen und ins Ländliche übergehende raumstrukturelle Effekte wieder. – Aufgrund der unzulässigen Vergleichbarkeit kommunaler Schulden zwischen den Landeshaushalten der Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen und den kommunalen Haushalten der kreisfreien Städte und Landkreise konnte dieser Indikator für die genannten Städte nicht berücksichtigt werden. Die Zuordnung zu Raumtypen auf der Disparitätenkarte macht diese methodische Abweichung mit einer Schraffur deutlich. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 76 Anhang D Kartografische Umsetzung und Lesehilfe Die großformatigen A4-Karten des vorliegenden Berichts fol­ gen einer Farblogik, die sich auf die Einheiten der dargestellten Indikatorwerte bezieht. Folgende Farbverläufe werden unter­ schieden: – gelb-rot: Prozentwerte – gelb-grün: fiskalisch(Euro-Werte) – gelb-blau: verschiedene Zeiteinheiten – blau-rot: Binnenwanderungen in Einwohner_innen – Zeitreihenentwicklung: immer blau-grau-rot Zudem ermöglichen Diagramme unter den großformatigen Karten einen Vergleich von Indikatorausprägungen mit den Mittelwerten des Raumtyps, dem eine kreisfreie Stadt oder ein Landkreis zugeordnet ist. Die Raumtypen nutzen die Definition der siedlungsstrukturellen Kreistypen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung(BBSR). Die Defini­tion stammt aus dem Jahre 2011 und wird auf den Gebietsstand 2015 der Kreisgrenzen angewandt, die vom Bundesamt für Kartografie und Geodäsie herausgegeben werden. Sinn und Zweck dieses Vergleichs ist die Erfassung von Abweichungen einzelner Lagen vom Mittelwert des Raumtyps – einem mitunter wertvollen methodischen Ansatz zur Ermittlung geografischer Besonder­ heiten in der Raum­analyse. Abbildung D-1 Siedlungsstukturelle Kre K is ie t l ypen in Deutschland 2015 Hamburg Schwerin Kiel Bremen Hamburg Schwerin Hannover Berlin Düsseldorf Bremen Hannover Magdeburg Berlin Magdeburg Erfurt Dresden Düsseldorf Frankfurt Frankfurt Erfurt Dresden Saarbrücken Saarbrücken S S t t u u t t t tg g a a r r t t Mün M ch ü en nchen Abbildung D-1 zeigt die siedlungsstrukturellen Kreistypen Deutschlands mit den kreisfreien Städten in kräftigem Orange, den städtisch geprägten Regionen in hellerem Orange, den ländlichen Kreisen mit Verdichtungsansätzen in hellem Grün sowie die dünn besiedelten ländlichen Kreise in dunklerem Grün. Grundlage für diese Einteilung des BBSR sind die Lage­ merkmale(1) Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten, (2) Einwohnerdichte der Kreisregion und(3) Einwohnerdich­ te der Kreisregion ohne Berücksichtigung der Groß- und Mit­ telstädte. Hierfür hat das BBSR folgende Schwellenwerte fest­ gelegt 5 : 1. Kreisfreie Großstädte: kreisfreie Städte mit mind. 100.000 Einwohner_innen. 2. Städtische Kreise: Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten von mind. 50 Prozent und einer Einwohnerdichte von mind. 150 Einwohner_innen/km 2 ; sowie Kreise mit einer Einwohnerdichte ohne Groß- und Mittelstädte von mind. 150 Einwohner_innen/km 2 . 3. Ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen: Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten von mind. 50 Prozent, aber einer Einwohnerdichte unter 150 Einwohner_innen/km 2 , sowie Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten unter 50 Prozent und mit einer Einwohnerdichte ohne Großund Mittelstädte von mind. 100 Einwohner_innen/km 2 . 4. Dünn besiedelte ländliche Kreise: Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten unter 50 Prozent und einer Einwohnerdichte ohne Großund Mittelstädte unter 100 Einwohner_innen/km 2 . Siedlungsstrukturelle Kreistypen 2015 Siedlung kr s ei s sf t r r ei u e k G t ro u ßs r t e äd ll t e e Kreistypen 2015 städtische Kreise kreisfreie Großstädte ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen städ d t ü is n c n h b e es K ie r d e e is lt e e ländliche Kreise ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen dünn besiedelte ländliche Kreise Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: BBSR; GeoBasis-DE/BKG 2018. 5 Vgl. https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Raumbeobachtung/Rau­ mabgrenzungen/Kreistypen4/kreistypen.html(17.3.2019). UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 77 Die unter den großformatigen Karten dargestellten Diagram­ me ermöglichen die Einordnung eines Indikatorwerts in die Streuung aller in Deutschland auftretenden Werte(X-Achse), die im Histogramm auf der Y-Achse als Häufigkeit(das heißt, wie viele Kreise haben einen Indikatorwert innerhalb einer bestimmten Klasse) aufgetragen sind. Damit wird eine Be­ wertungsmöglichkeit gegeben, die über eine rein geografi­ sche Betrachtung hinausgeht: Ist der Wert eines Kreises über dem Mittel des vergleichbaren Raumtyps, so ist die Entwick­ lung dort überdurchschnittlich; liegt er darunter, ist die Ent­ wicklung unterdurchschnittlich. Die Abbildung D-2 erläutert diese Vergleichsweise mit Signaturen, die je nach Raumtyp dick gestrichelt(Mittelwert für Deutschland), durchgezogen (Mittelwert für kreisfreie Großstädte), mit einer Abfolge län­ gerer unterbrochener Linien(städtische Kreise), kürzerer un­ terbrochener Linien(ländliche Kreise mit Verdichtungsansät­ zen) oder schmal gestrichelt(dünn besiedelte ländliche Räume) symbolisiert sind. Abbildung D-2 Lesehilfe mit Vergleichsmöglichkeit zu siedlungsstrukturellen Kreistypen Siedlungsstrukturelle Kreistypen 2015 (Deutschland) kreisfreie Großstädte Mittelwerte in den Histogrammen MW MW Anzahl der Kreise im Wertebereich 30 25 städtische Kreise MW 20 15 ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen MW 10 dünn besiedelte ländliche Kreise MW 5 Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: BBSR; GeoBasis-DE/BKG 2018. 0 0 5 10 15 20 25 30 Indikatorenausprägung in... FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 78 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis 6 Abbildung 1 Die Disparitätenkarte 12 Abbildung 2 Wohlstand und Armut in Deutschland 14 Abbildung 3 Veränderung des Bruttoinlandproduktes je Erwerbstätigen 2011–2016 15 Abbildung 4 Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen 2016 16 Abbildung 5 Beschäftigungsquote Frauen 2017(SV-beschäftigte Frauen je 1.000 Einwohnerinnen) 17 Abbildung 6 Beschäftigungsquote 2017(SV-Beschäftigte je 1.000 Ein­ wohner_innen) 18 Abbildung 7 Patentanmeldungen 2014 19 Abbildung 8 Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in ­wissensintensiven Industrien 2015 20 Abbildung 9 Veränderung des Anteils hoch qualifiziert Beschäftigter an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 2013–2018 21 Abbildung 10 Anteil der hoch qualifiziert Beschäftigten an allen sozialv­ er­ sicherungspflichtig Beschäftigten am Wohnort 2018 22 Abbildung 11 Veränderung der Arbeitslosenquote 2011–2016 23 Abbildung 12 Arbeitslosenquote 2016 24 Abbildung 13 Veränderung der SGB-II-Quote 2012–2017 25 Abbildung 14 SGB-II‑Quote 2017 26 Abbildung 15 Veränderung der Altersarmut 2011–2016 27 Abbildung 16 Altersarmut 2016 28 Abbildung 17 Veränderung der Kinderarmut 2011–2016 29 Abbildung 18 Kinderarmut 2016 30 Abbildung 19 Veränderung des Anteils der Schulabgänger_innen ohne Schulabschluss an allen Schulabgänger_innen 2011–2016 31 Abbildung 20 Anteil der Schulabgänger_innen ohne Schulabschluss an allen Schulabgänger_innen 2016 33 Abbildung 21 Mittlere Pkw-Wegezeit(Median) zur nächstgelegenen ­Grundschule 2016 35 Abbildung 22 Durchschnittliche Lebenserwartung eines Neugeborenen 2013/2014/2015 37 Abbildung 23 Anzahl der Hausärzt_innen je 100.000 Einwohner_innen 2015 39 Abbildung 24 Pkw-Wegezeit zur nächsten Hausärztin oder Hausarzt 2016 41 Abbildung 25 Bruttogehälter(Median) am Arbeitsort 2017 42 Abbildung 26 Veränderung der Bruttogehälter(Median) am Wohnort 2012–2017 42 Abbildung 27 Veränderung der Bruttogehälter(Median) am Arbeitsort 2012–2017 43 Abbildung 28 Bruttogehälter(Median) am Wohnort 2017 44 Abbildung 29 Veränderung des durchschnittlichen Haushaltseinkommens (Netto) 2010–2015 45 Abbildung 30 Verfügbares durchschnittliches Haushaltseinkommen(Netto) 2015 46 Abbildung 31 Veränderung der Bestandsmieten 2010–2018 47 Abbildung 32 Bestandsmieten 2018 48 Abbildung 33 Veränderung der kommunalen Schulden je Einwohner_in 2011–2016 48 Abbildung 34 Veränderung der Kassenkredite je Einwohner_in 2011–2016 49 Abbildung 35 Kommunale Schulden je Einwohner_in 2016 50 Abbildung 36 Veränderung der kommunalen Sachinvestitionen je ­Einwohner_in 2011–2016 51 Abbildung 37 Kommunale Sachinvestitionen je Einwohner_in 2016 52 Abbildung 38 Veränderung der Wahlbeteiligung 2013–2017 53 Abbildung 39 Anteil der Wähler_innen an den Wahlberechtigten bei der Bundestagswahl 2017 54 Abbildung 40 Veränderung der Betreuungsquote von Kleinkindern (unter 3 Jahren) 2011–2016 55 Abbildung 41 Betreuungsquote von Kleinkindern(unter 3 Jahren) 2016 56 Abbildung 42 Veränderung der Versorgungsquote mit Breitband­ anschlüssen(50 Mbit/s) 2014–2018 57 Abbildung 43 Digitalisierung – Versorgungsquote mit Breitbandanschlüssen (30 Mbit/s) 2018 59 Abbildung 44 Digitalisierung – Versorgungsquote mit Breitbandanschlüssen (50 Mbit/s) 2018 UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHE DISPARITÄTEN 2019 79 61 Abbildung 45 Binnenwanderungssaldo insgesamt(Zuzüge – Fortzüge) ­Mittelwerte der Jahre 2013, 2014, 2015 je 100.000 Einwohner_innen* 63 Abbildung 46 Saldo Bildungswanderungen(Zuzüge – Fortzüge) Mittelwerte der Jahre 2013, 2014, 2015 je 100.000 Einwohner_innen der A­ ltersgruppe„18- bis unter 25-Jährige“ 65 Abbildung 47 Saldo Berufseinstiegswanderungen(Zuzüge – Fortzüge) ­Mittelwerte der Jahre 2013, 2014, 2015 je 100.000 Einwohner_ innen der Altersgruppe„25- bis unter 30-Jährige“* 67 Abbildung 48 Saldo Familienwanderungen(Zuzüge – Fortzüge) Mittelwerte der Jahre 2013, 2014, 2015 je 100.000 Einwohner_innen der Altersgruppe„30- bis unter 50-Jährige“* 76 Abbildung D-1 Siedlungsstrukturelle Kreistypen in Deutschland 77 Abbildung D-2 Lesehilfe mit Vergleichsmöglichkeit zu siedlungsstrukturellen Kreistypen 7 Tabelle 1 Raumtypen sozioökonomischer Disparitäten in Deutschland 9 Tabelle 2 Bandbreiten von Indikatorwerten in den einzelnen Raumtypen 10 Tabelle 3 Vergleich der Indikatorausprägungen für ausgewählte Kreise mit den Mittelwerten aller Kreise(Deutschland) und den Mittelwerten des entsprechenden Raumtyps 13 Tabelle 4 Wohlstand in Deutschland 71 Tabelle 5 Handlungsempfehlungen für die einzelnen Raumtypen der Disparitätenkarte FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 80 Literaturverzeichnis Arnold, Felix; Freier, Ronny; Geissler, René; Schrauth, Philipp 2015: Große regionale Disparitäten bei den kommunalen Investitionen, DIWWochenbericht 82(43), S. 1.031–1.040. 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Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflichtet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demo­ kratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften verbunden. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch: – politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft – Politikberatung – internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern – Begabtenförderung – das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit u. a. Archiv und Bibliothek IMPRESSUM © 2019 Friedrich-Ebert-Stiftung Godesbeger Allee 149, 53175 Bonn Bestellung/Kontakt: BeMo@fes.de Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ISBN: 978-3-96250-501-1 Titelmotiv:© dpa/Britta Pedersen Gestaltungskonzept: www.bergsee-blau.de Umsetzung/Layout: www.stetzer.net Druck: Druckerei Brandt GmbH, Bonn Gedruckt auf RecyStar Polar(100 Prozent Recyclingpapier, ausgezeichnet mit dem Blauen Engel). Ungleiches Deutschland Sinkende Arbeitslosigkeit, innovative Industrien und Wachstumsraten, von denen die meisten europäischen Nachbarn nur träumen können – Deutschland steht im internationalen Vergleich gut da. Nur, längst nicht alle profitieren vom wirtschaft­ lichen Wachstum. Der Disparitätenbericht 2019 zeigt vielmehr: Die sozioökonomische Ungleichheit in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren verfestigt. Und nicht nur das: Während einzelne Städte boomen, drohen ganze Regionen langfristig abgehängt zu werden. Mit der vorliegenden Publikation liefert das Team der ILS-Forschung aus Dortmund zusätzliche Analysen zu Trends, Ergänzungen zu den Indikatoren und weitere ­Hintergründe zum Disparitätenbericht 2019. Die interaktive Disparitätenkarte und weitere Informationen finden Sie hier: www.fes.de/ungleiches-deutschland/ Die Autor_innen Stefan Fina ist im Rahmen einer gemeinsamen Berufung der RWTH Aachen University und des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH Dortmund(ILS) Professor für Analyse und Monitoring urbaner Räume und leitet den Bereich Geoinformation und Monitoring am ILS. Frank Osterhage ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Landes- und Stadtentwicklungs­ forschung gGmbH(ILS) und dort in der Forschungsgruppe Mobilität und Raum tätig. Jutta Rönsch ist Kartografin am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) mit Arbeitsschwerpunkten in der Visualisierung raumbezogener Daten und Prozesse. Frau Rönsch entwickelt hierfür Standards für die Karten- und Grafikgestaltung in der Stadtforschung. Karsten Rusche arbeitet als Postdoktorand am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) und ist stellvertretender Leiter des Bereichs Geoinformation und Monitoring. Stefan Siedentop ist Professor für Stadtentwicklung an der TU Dortmund und im Rahmen einer gemeinsamen Berufung Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Landes- und Stadtentwicklungs­ forschung gGmbH(ILS). Ralf Zimmer-Hegmann leitet die Stabsstelle Transfer und Transformation am Institut für Landesund Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) und ist zudem stellvertretender Leiter der Forschungsgruppe Sozialraum Stadt. Rainer Danielzyk ist Universitätsprofessor in der Abteilung Raumordnung und Regionalentwicklung im Institut für Umweltplanung der Leibniz Universität Hannover und leitet gegenwärtig die Geschäftsstelle der Akademie für Raumforschung und Landesplanung(ARL) in Hannover.