Stefan Fina, Frank Osterhage, Jutta Rönsch, Karsten Rusche, Stefan Siedentop, Ralf Zimmer-Hegmann, Rainer Danielzyk Ungleiches Deutschland Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2019 Hintergründe zu Trends, Indikatoren, Analysen FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN Ein Projekt der Friedrich-Ebert-Stiftung 2018–2020 Wachsende soziale Ungleichheit, gesellschaftliche Polarisierung, Migration und Integration, die Klimakrise, Digitalisierung und Globalisierung, die ungewisse Zukunft der Europäischen Union – Deutschland steht vor tief greifenden Herausforderungen. Auf diese muss die Soziale Demokratie überzeugende, fortschrittliche und zukunftsweisende Antworten geben. Mit dem Projekt„Für ein besseres Morgen“ entwickelt die Friedrich-Ebert-Stiftung Vorschläge und Positionen für sechs zentrale Politikfelder: – Demokratie – Europa – Digitalisierung – Nachhaltigkeit – Gleichstellung – Integration Gesamtkoordination Dr. Andrä Gärber leitet die Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung. Projektleitung Severin Schmidt ist Referent für Sozialpolitik in der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik. Kommunikation Johannes Damian ist Referent für strategische Kommunikation dieses Projektes im Referat Kommunikation und Grundsatzfragen. Die Autor_innen Stefan Fina ist im Rahmen einer gemeinsamen Berufung der RWTH Aachen University und des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH Dortmund(ILS) Professor für Analyse und Monitoring urbaner Räume und leitet den Bereich Geoinformation und Monitoring am ILS. Frank Osterhage ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) und dort in der Forschungsgruppe Mobilität und Raum tätig. Jutta Rönsch ist Kartografin am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) mit Arbeitsschwerpunkten in der Visualisierung raumbezogener Daten und Prozesse. Frau Rönsch entwickelt hierfür Standards für die Karten- und Grafikgestaltung in der Stadtforschung. Karsten Rusche arbeitet als Postdoktorand am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) und ist stellvertretender Leiter des Bereichs Geoinformation und Monitoring. Stefan Siedentop ist Professor für Stadtentwicklung an der TU Dortmund und im Rahmen einer gemeinsamen Berufung Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS). Ralf Zimmer-Hegmann leitet die Stabsstelle Transfer und Transformation am Institut für Landesund Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) und ist zudem stellvertretender Leiter der Forschungsgruppe Sozialraum Stadt. Rainer Danielzyk ist Universitätsprofessor in der Abteilung Raumordnung und Regionalentwicklung im Institut für Umweltplanung der Leibniz Universität Hannover und leitet gegenwärtig die Geschäftsstelle der Akademie für Raumforschung und Landesplanung(ARL) in Hannover. Datenaufbereitung unter Mitarbeit von: Christian Gerten, Julian Schmitz und Pamela Sanwald(ILS). Für diese Publikation sind in der FES verantwortlich Dr. Philipp Fink war Referent für Klima-, Umwelt-, Energie- und Strukturpolitik in der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung und Leiter des Arbeitskreises Nachhaltige Strukturpolitik. Ab dem 1. Juli 2019 leitet er das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung für die nordischen Länder in Stockholm. Max Ostermayer ist Referent für Klima-, Umwelt-, Energie- und Strukturpolitik in der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung und Leiter des Arbeitskreises Nachhaltige Strukturpolitik. Die interaktive Disparitätenkarte und weitere Informationen finden Sie hier: www.fes.de/ungleiches-deutschland/ Stefan Fina, Frank Osterhage, Jutta Rönsch, Karsten Rusche, Stefan Siedentop, Ralf Zimmer-Hegmann, Rainer Danielzyk Ungleiches Deutschland Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2019 Wissenschaftliche Kurzfassung 3 1. AKTUELLE TRENDS DER RAUMENTWICKLUNG  4 2. DEUTSCHLAND HEUTE: STARK, SOLIDE, ARM 5 2.1 Raumtypen für die Strukturpolitik 8 2.2 Wohlstand und Armut 10 3. DIMENSIONEN DER UNGLEICHHEIT 13 3.1 Wirtschaft, Beschäftigung und Arbeitsmarkt 13 3.2 Bildungs- und Lebenschancen 16 3.3 Wohlstand und Gesundheit 18 3.4 Staatliches Handeln und Partizipation 22 3.5 Binnenwanderungen 24 4. DER PFAD DER UNGLEICHHEIT 27 Anhang A: Dokumentation der Indikatoren 28 Anhang B: Wertebereiche der Indikatoren 29 Anhang C: Methodische Hinweise 30 Anhang D: Kartografische Umsetzung und Lesehilfe 31 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis 34 Literaturverzeichnis 35 Weiterführende Informationen und interaktive Grafiken und Karten zur Studie finden sich auch unter: www.fes.de/ungleiches-deutschland/ FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 3 Vorwort Die sozioökonomische Ungleichheit in Deutschland hat sich verfestigt. Das ist ein zentrales Ergebnis des Disparitäten­ berichts 2019. Mit Blick auf Wachstumsraten, Beschäftigung und Innovationen steht Deutschland zwar gerade im europäischen Vergleich gut da. Es profitieren aber längst nicht alle davon. Während einige Regionen boomen, laufen andere Gefahr, langfristig abgehängt zu werden. Der Disparitätenbericht 2019 liefert eine umfassende Bestandsaufnahme der regionalen Ungleichheit in Deutschland und gibt klare Empfehlungen an die Politik. Mit der vorliegenden Publikation liefert das Team der ILS-Forschung aus Dortmund unter der Leitung von Prof. Dr. Stefan Fina und Prof. Dr. Stefan Siedentop zusätzliche Daten, analysiert Trends und geht auf die Hintergründe zu Indikatoren und Clusteranalyse ein. Im Gegensatz zu jüngst erschienenen Studien, die sich lediglich mit einem der hier relevanten Pro­ blemfelder, wie Armut oder demografischer Wandel, beschäftigen, liegen der Clusteranalyse im Disparitätenbericht 2019 gleich mehrere Indikatoren zugrunde. Das Ergebnis ist nicht ein generalisierender Blick auf Deutschland, sondern eine Darstellung in fünf Raumtypen, die fünf Mal ein anderes Deutschland zeigen. So wird deutlich, wie stark die Lebensrealitäten in Deutschland bereits auseinandergedriftet sind: Rund 13,5 Millionen Bundesbürger_innen leben in Regionen mit schweren Strukturproblemen. In den dynamischen Boomregionen wiederum setzen steigende Lebenshaltungskosten und überlastete Infrastrukturen selbst Menschen mit mittlerem Einkommen unter Druck. Der soziale Zusammenhalt bröckelt. Besonders in einigen der von der Strukturkrise betroffenen Regionen erhält der Rechtspopulismus starken Zuspruch. Um die sich verschärfende Legitimationskrise des föderalen Systems und der demokratischen In­ stitutionen einzudämmen, muss die Politik dringend handeln. So wie der Ausgleich zwischen Bund und Ländern momentan noch organisiert ist, funktioniert er nicht mehr. neue Instrumente der Strukturpolitik benötigt. Ganz entscheidend ist schließlich die Stärkung der Kommunen. Diese müssen mit einer optimalen technischen Infrastruktur, mit ausreichenden Finanzmitteln und mit genügend Personal ausgestattet sein. Denn nur wenn der Staat in die Lage versetzt ist, all seinen Bürger_innen eine hochwertige Daseinsvorsorge zu bieten, kann Ungleichheit nachhaltig abgebaut und der Zusammenhalt in der Gesellschaft gestärkt werden. JOHANNES DAMIAN Referat Kommunikation und Grundsatzfragen der Friedrich-Ebert-Stiftung PHILIPP FINK Leitung Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung für die nordischen Länder in Stockholm MAX OSTERMAYER Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung Mit dem Projekt„Für ein besseres Morgen“ will die FriedrichEbert-Stiftung(FES) einen Beitrag zur Debatte um Demo­ kratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland leisten. Den Auftakt dazu bildet die Studie„Ungleiches Deutschland: Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2019“, gemeinsam mit der hier vorliegenden Analyse. Neben der Analyse gibt der Bericht konkrete politische Empfehlungen. Ungleiches muss ungleich behandelt werden – damit das Geld auch da ankommt, wo es gebraucht wird. Dafür werden FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 4 1 AKTUELLE TRENDS DER RAUMENTWICKLUNG Deutschland geht es gut. Sehr gut. So oder so ähnlich werden von außen betrachtet die sozioökonomischen Trends und Perspektiven in Deutschland seit vielen Jahren wahrgenommen, vor allem im Vergleich zu anderen Mitgliedstaaten der EU. Mit Blick auf die vorliegenden Ergebnisse, die im Rahmen dieser Studie am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung(ILS) erarbeitet wurden, muss man mit aller Deutlichkeit ergänzen: Deutschland geht es im Durchschnitt gut, mit zunehmend ungleichen Verhältnissen: –– Die Arbeitslosigkeit geht zwar zurück, die Wirtschaftszahlen sind positiv, die Lebenserwartung steigt. Gleichzeitig bestätigt sich aber die Persistenz der schwierigen Problemlagen in benachteiligten Regionen: von der kommunalen Verschuldung, schwerwiegenden Defiziten im Unterhalt und Ausbau der Infrastruktur bis hin zu einer hohen Armutsgefährdung für Kinder und ältere Menschen. Das ist auch deshalb bedenklich, weil im politischen Diskurs der vergangenen Jahre doch deutlich wurde, wie wichtig Themen wie Breitbandausbau, Bildung oder die Konsolidierung der Kommunalfinanzen für die Zukunftsperspektiven von Regionen und ihren Einwohner_innen sind. –– In den wirtschaftlich erfolgreichen Regionen werden zunehmend Überlastungserscheinungen der Infrastruktur und Engpässe auf dem Wohnungsmarkt zur Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Trennlinie zwischen den Menschen, die eine hohe Lebensqualität für sich in Anspruch nehmen können, und den Aus­ge­ schlossenen,„exkludierten“ Bevölkerungsgruppen, wirkt zunehmend sozial selektiv: zwischen den Regionen und ganz besonders in den beliebtesten Großstädten und ihren Einzugsbereichen. In der Konsequenz können auch Haushalte der Mittelschicht in Bedrängnis geraten. Soziale Abstiegsängste werden so zum gesellschaftlichen Pro­blem. –– Das beherrschende Thema der vergangenen Jahre, die Zuwanderung aus dem Ausland nach Deutschland, trifft auf die angespannten Wohnungsmärkte prosperierender Städte. Aktuelle Wanderungsdaten zeigen, dass diese „Schwarmstädte“ weiterhin die beliebtesten Ziele von Zuwanderung sind, vor allem durch die Binnenwanderung junger Menschen in Ausbildung, Studium und Berufsstart. Im ungleichen Wettstreit zwischen Immobilienbranche und sozialer Wohnungspolitik schwinden die Bestände an bezahlbarem Wohnraum. Einkommensschwache Haushalte stehen vor schwierigen Perspektiven. –– Eine von der internationalen Zuwanderung erhoffte Stabilisierung schrumpfender ländlicher Regionen ist weitestgehend ausgeblieben und gelingt allenfalls dort, wo Beschäftigungsmöglichkeiten und andere Rahmenbedingungen Angebote machen. Folglich ist auch der aktuelle Bedarf nach mehr Wohnraum in den Ballungsräumen das Ergebnis einer Strukturpolitik, die keinen Ausgleich zwischen ungleichen Arbeitsmarkt- und Lebenschancen zu leisten vermag. –– Viele Problemlagen hängen voneinander ab, bedingen sich gegenseitig. Deshalb zeigt die vorliegende Studie in einer zusammenfassenden„Disparitätenkarte“ auf, wo Mehrfachbelastungen auftreten. Gunst- und Ungunstlagen werden mithilfe ausgewählter Indikatoren charakterisiert. Dabei wird deutlich, dass ländliche Räume im Osten Deutschlands, in manchen peripheren Lagen Westdeutschlands, aber auch alt­industrielle Regionen weiterhin große Problemlagen und Konflikte zu bewältigen haben. Neu sind diese Erkenntnisse nicht. Die verstrichene Zeit, in der im konjunkturellen Hoch der vergangenen Jahre kein wirksames Gegensteuern gelang, stimmt daher besonders bedenklich: Die allgemein prognostizierte Dämpfung der Wirtschaftsentwicklung für die nächsten Jahre wird es nicht einfacher machen, die Weichen für eine ausgleichende Struktur- und Sozialpolitik mit Weitblick und Durchsetzungskraft zu stellen(Ernst& Young GmbH 2018; Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände 2018). Die Handlungsempfehlungen in der Langfassung dieses Berichts(erscheint voraussichtlich im Mai 2019) sind ein mahnender Auftrag an die Politik, aber auch an Akteur_innen aus Wirtschaft und Gesellschaft, entsprechende Konzepte weiterzuentwickeln und umzusetzen(Ragnitz et al. 2014; Bauer et al. 2017). Aus Gründen der Gerechtigkeit, aber auch ganz pragmatisch als Rückbesinnung auf den sozialen Frieden im Land. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 5 2 DEUTSCHLAND HEUTE: STARK, SOLIDE, ARM Die Stärken und Schwächen der Raumstruktur sind vielschichtig und lassen sich mit einzelnen Kennziffern veranschaulichen. Sie stehen repräsentativ für verschiedene Themenbereiche. Ungleiche Entwicklungen im Land werden damit greifbar und für die Untersuchungsräume vergleichbar. Aber was bedeuten die einzelnen Ergebnisse in der Zusammenschau? Wo verdichten sich mehrere ungünstige Lagefaktoren zu Problemkomplexen? Auf welche Räume sollte sich Strukturpolitik künftig konzentrieren? Um diese Fragen zu beantworten, wurde eine Clusteranalyse mit ausgewählten repräsentativen Kennziffern(Indikatoren) durchgeführt, die der Betrachtung einzelner Themenfelder vorangestellt ist. Dabei werden die kreisfreien Städte und Landkreise in fünf Raum­ typen mit ähnlichen Werteausprägungen von Indikatoren 1 überführt, die mit Expert_innen des Arbeitskreises Strukturpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgewählt wurden: 1. Anteil hoch qualifizierter Beschäftigter(Wirtschaft, Beschäftigung und Arbeitsmarkt): Bildung und Qualifikation sind wesentliche Zugangsvoraussetzungen für den Arbeitsmarkt, besonders für lukrative und zukunftsorientierte Beschäftigungsverhältnisse. Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Hochschulabschluss(am Wohnort) trifft eine Aussage darüber, in welchem Maße die Nachfrage nach wissensintensiver Arbeit auf dem Arbeitsmarkt auf entsprechend ausgebildete Arbeitskräfte trifft. Umso höher der Anteil, desto besser die aktuelle Arbeitsmarktstruktur und desto besser die Zukunftsperspektiven für qualifizierte Beschäftigte und Unternehmen. 2. Altersarmut, Kinderarmut(Bildungs- und Lebens­ chancen):„Armut ist keine Schande“, so das Sprichwort. Armut ist aber auf jeden Fall eine Belastung, für Kinder stellt sie zudem eine schwerwiegende Bürde für den ­späteren Bildungs- und Berufserfolg dar. In die Disparitätenkarte gehen die Anteile der Leistungsempfänger_innen bei Kindern und älteren Menschen ein. Sie geben das aktuelle Ausmaß von Armut in einer Untersuchungsregion und die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen der Grundsicherung wieder. 3. Lebenserwartung, Erreichbarkeit von Hausärzt_ innen, Bruttogehälter(Wohlstand und Gesundheit): Die Lebenserwartung gilt als Ergebnis einer gesunden 1 Fett gedruckt sind die Indikatorennamen und kursiv gesetzt die Themenbereiche. Lebensführung, die stark vom Bildungsstand, Einkommen und von der sozialen Lage abhängt. Die Erreichbarkeit von Hausärzt_innen gibt Auskunft über die medizinische Grundversorgung. Sie repräsentiert die Ausstattung einer Region mit Einrichtungen, die sich nachfrageorientiert ent­wickeln. Die Versorgungslage wird dort zum Problem, wo sich Einrichtungen aus Wirtschaftlichkeitserwägungen zurückziehen. Die mittleren Bruttogehälter am Wohnort(Median) zeigen die Einkommensmöglichkeiten durch Erwerbstätigkeit auf einem Arbeitsmarkt an. Die Angabe nach dem Wohnort schärft die Aussage dieses Indikators für die Einkommen von Berufspendler_innen. 4. Kommunale Schulden, Wahlbeteiligung, Breitband­ anschluss(Staatliches Handeln und Partizipation): Hohe Schuldenstände behindern Kommunen beim Unterhalt und Ausbau technischer und sozialer Infrastruktur. Be­ troffene Bürger_innen sind entsprechenden Defiziten ausgesetzt, Verwaltungshandeln wird erschwert, der Handlungsspielraum zur Verbesserung der Rahmenbedingungen reduziert. Geringe Wahlbeteiligungen können eine Folgereaktion sein, die unter anderem als Ausdruck einer Vertrauenskrise in staatliches Handeln gelten. Ein Beispiel für die Zusammenhänge zwischen staatlichem Handeln, der Qualität von Infrastruktur und den Teilhabemöglichkeiten der Bevölkerung ist der Breitbandausbau. Das Versprechen, Internetzugang für alle bereitzustellen, gilt als Chance für den Abbau von Disparitäten(zum Beispiel durch ortsungebundene Erwerbsmöglichkeiten). 5. Gesamtwanderungssaldo(Binnenwanderungen): Das Wanderungsverhalten der Bevölkerung lässt sich mit der Bilanz aus Zuzügen und Fortzügen messen. Es gilt als Ausdruck von Wohnstandortpräferenzen und damit als Einschätzung der Menschen zu erwünschten Lebens­ bedingungen. Verzerrt werden diese Zahlen von der staatlich gesteuerten Flüchtlingszuwanderung im Beobachtungszeitraum. Bei der Auswertung von Wanderungsdaten für diese Studie wurden deshalb Staatsangehörigkeiten mit einem hohen Anteil an Schutzsuchenden nicht berücksichtigt. Abbildung 1 zeigt das Ergebnis dieser Auswertung als Gesamtkarte. Für die Interpretation wurden die einzelnen räumlichen Cluster mit„sprechenden“ Namen versehen und in Tabelle 1 mit einer zusammenfassenden Darstellung der Indikatoren charakterisiert. Die verwendeten Symbole bewerten die Ausprägung der Indikatoren als Vorteile(starker Vorteil: ; Vorteil: ) beziehungsweise Nachteile(Nachteil: ; FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 6 starker Nachteil:) im gesamtdeutschen Vergleich, das Symbol steht für den Durchschnitt. So zeigt ein geringer Wert für Kinderarmut einen geringen Anteil an armutsgefährdeten Kindern an: Das ist ein Vorteil, der Pfeil zeigt nach oben. Bei kommunalen Schulden ist ein hoher Wert ein Nachteil, der Pfeil zeigt nach unten. Die Indikatormittelwerte für jeden Raumtyp stehen in grauer Textfarbe in Klammen, sodass mit den Symbolen eine indikatorscharfe Einordnung der Clusterergebnisse möglich wird. Der Text greift diese Einordnung auf und ergänzt weitere charakteristische Merkmale. Abbildung 1 Die Disparitätenkarte Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Thünen-Institut, Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung, FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Bundesamt für Kartografie und Geodäsie, GeoBasis-DE/BKG 2018. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 7 Tabelle 1 Raumtypen sozioökonomischer Disparitäten in Deutschland Charakterisierung Vor- oder Nachteil räumliche Ausdehnung dynamische Groß- und Mittelstädte mit Exklusionsgefahr(78 Kreise; 22,7 Mio. Einw.) Außergewöhnliche Verdienstmöglichkeiten auf zukunftsfähigen Arbeitsmärkten, eine herausragende Versorgungslage an Einrichtungen und Infrastruktur sowie eine durchschnittliche Beteiligung der Bürger_innen an Wahlen zeichnen die wirtschaftlichen Powerhäuser Deutschlands aus. Der/die durchschnittliche Einwohner_in ist besser versorgt als in den meisten anderen Regionen Deutschlands, steht aber in zunehmender Konkurrenz zu den vielen Menschen, die diese Lagevorteile ebenfalls schätzen und in die Großstädte drängen. Ressourcenschwache Haushalte, in denen vergleichsweise viele Kinder leben, sind zunehmend von Exklusion und Verdrängung bedroht. Mehr ältere Mitbürger_innen leben in Armut als in anderen Raumtypen. Indikatoren wie die Lebenserwartung und Schulden variieren stark. Sie liegen im Mittel dieses Raumtyps nahe des deutschlandweiten Durchschnitts. HQ-Beschäftigte: (21,4%) Altersarmut: (4,3%) Kinderarmut: (18,0%) Lebenserwartung: (80,6 J.) Erreichbarkeit Hausärzt_innen: (3,5 Min.) Gehälter: (3.213 EUR) kom. Schulden: (1.585 EUR) Wahlbeteiligung: (74,4%) Breitband: (93,4%) Wanderungen: (97,6 Personen je 100 Tsd. Einw.) starkes(Um-)Land(62 Kreise; 13,7 Mio. Einw.) Historisch gewachsene Lagevorteile und die Nähe zu den attraktivsten Arbeitsmärkten Deutschlands machen diese Gebietskulisse in Süddeutschand, aber auch im Umland prosperierender Großstädte Westdeutschlands, stark. Armutsgefährdung und Schuldenlast sind außerordentlich gering, Bruttogehälter, Lebenserwartung und Wahlbeteiligung deutschlandweit am höchsten. Kein Wunder, dass sehr viele Menschen in diese Regionen ziehen, auch wenn infrastrukturell(Breitbandanschluss, Hausärzt_innen) noch Luft nach oben ist. Die geringe Schuldenbelastung verleiht den Kommunen dieses Raumtyps vergleichsweise viel Handlungsspielraum, um die Infrastruktur zu modernisieren. Die Nähe zu großstädtischen Arbeitsmärkten und infrastrukturellen Angeboten ermöglicht eine hohe Lebensqualität, die im Pendlerland Deutschland allerdings ein hohes Maß an Mobilität voraussetzt. HQ-Beschäftigte: (15,8%) Altersarmut: (1,9%) Kinderarmut: (6,2%) Lebenserwartung: (82,0 J.) Erreichbarkeit Hausärzt_innen: (4,8 Min.) Gehälter: (3.534 EUR) kom. Schulden: (931 EUR) Wahlbeteiligung: (80,2%) Breitband: (82,3%) Wanderungen: (197,7 Personen je 100 Tsd. Einw.) Deutschlands solide Mitte(187 Kreise; 32,8 Mio. Einw.) Der Durchschnittscluster Deutschlands ohne besondere Abweichungen vom Bundesmittel, mit einer Ausnahme: Der Anteil der hoch qualifizierten Beschäftigten ist hier im Bundesvergleich am geringsten. Die Perspektiven für die Erwerbstätigkeit der Zukunft könnten sich hier mit zunehmender Distanz zu den großstädtischen Arbeitsmärkten zum Risiko entwickeln. So zum Beispiel in Süddeutschland, wo sich dieser Raumtyp eher in den peripheren Lagen in Grenznähe zu Tschechien und Oberösterreich findet. In Westdeutschland ist er weitflächig verbreitet und umfasst ländlich und städtisch geprägte Räume, teilweise mit hohen Schuldenlasten. In Ostdeutschland beschränkt sich die solide Mitte auf die Pendlereinzugsbereiche Berlins, deren Zukunftsperspektiven sich durch die hohe Strahlkraft der Hauptstadt weiter verbessern dürften. HQ-Beschäftigte: (10,2%) Altersarmut: (2,3%) Kinderarmut: (10,4%) Lebenserwartung: (80,6 J.) Erreichbarkeit Hausärzt_innen: (5,7 Min.) Gehälter: (3.183 EUR) kom. Schulden: (1.734 EUR) Wahlbeteiligung: (76,6%) Breitband: (77,1%) Wanderungen: (–17,4 Personen je 100 Tsd. Einw.) ländlich geprägte Räume in der dauerhaften Strukturkrise(53 Kreise; 8,1 Mio. Einw.) Die ländlichen Räume ostdeutscher Landkreise sind weiterhin stark vom demografischen Wandel betroffen, die Bevölkerung schrumpft. Ausschlaggebend dürften die vergleichsweise schlechten Erwerbsmöglichkeiten sein. Geringe Einkommen und ein geringer Anteil hoch qualifizierter Beschäftigter sind die Konsequenz. Zudem entwickeln sich infrastrukturelle Maßnahmen nicht im erhofften Maß. Sinnbildlich dafür steht die stark unterdurchschnittliche Erreichbarkeit von Hausärzt_innen. Aber auch die drängende Aufgabe des Breitbandausbaus für den Zugang von Privathaushalten und Unternehmen zu zukunftsfähigem Internet (> 50 Mbit) kommt nicht entscheidend voran. Positiv ist, dass die Kommunen kaum verschuldet sind und durch den hohen Anteil an Frauen, die in der ehemaligen DDR durch Erwerbstätigkeit Rentenansprüche erworben haben, die Altersarmut deswegen(noch) gering ausfällt. HQ-Beschäftigte: (10,5%) Altersarmut: (0,9%) Kinderarmut: (15,5%) Lebenserwartung: (79,8 J.) Erreichbarkeit Hausärzt_innen: (6,8 Min.) Gehälter: (2.464 EUR) kom. Schulden: (1.053 EUR) Wahlbeteiligung: (72,0%) Breitband: (59,0%) Wanderungen: (–213,4 Personen je 100 Tsd. Einw.) städtisch geprägte Regionen im andauernden Strukturwandel(22 Kreise; 5,4 Mio. Einw.) In diesem Raumtyp finden sich wenige altindustriell geprägte Kommunen im Ruhrgebiet, im Saarland und in Rheinland-Pfalz sowie Bremen und Bremerhaven. Die Armut von Kindern und älteren Mitbürger_innen ist besonders hoch, die Versorgungslage mit Einrichtungen der Gesundheitsversorgung allerdings hervorragend. Im Mittel aller dieser Städte verlassen deutlich mehr Menschen die Region als zuziehen, die Gehälter sind durchschnittlich. Die geringe Lebenserwartung und Wahlbeteiligung deuten auf persistente Problemlagen hin, die kommunalen Haushalte sind mit einer hohen Schuldenlast nur eingeschränkt handlungsfähig. Positive Impulse zur Bewältigung des Strukturwandels sind in Städten dann zu erwarten, wenn finanzielle Handlungsfähigkeit hergestellt wird, die Armutsproblematik abgemildert und der Wegzug gestoppt werden kann. HQ-Beschäftigte: (13,4%) Altersarmut: (5,1%) Kinderarmut: (27,2%) Lebenserwartung: (79,5 J.) Erreichbarkeit Hausärzt_innen: (3,0 Min.) Gehälter: (3.190 EUR) kom. Schulden: (6.373 EUR) Wahlbeteiligung: (71,8%) Breitband: (93,1%) Wanderungen: (–249,5 Personen je 100 Tsd. Einw.) (starker Vorteil:; Vorteil:; Durchschnitt:; Nachteil:; starker Nachteil:; Abkürzungen: J.= Jahre, Tsd.= Tausend, Einw.= Einwohner_innen, kom.= kommunale, HQ= hoch qualifizierte) FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 8 2.1  RAUMTYPEN FÜR DIE STRUKTURPOLITIK Die Disparitätenkarte(Abbildung 1) zeigt, dass Deutschland in fünf Raumtypen unterteilt werden kann. Dabei ist durchaus beabsichtigt, die in unterschiedlichen Grün- und Rottönen eingefärbten Raumtypen als städtisch und ländlich geprägte Untertypen bessergestellter beziehungsweise benachteiligter Regionen darzustellen. der Bevölkerung Deutschlands) in 75 Kreisen(18,7 Prozent der kreisfreien Städte und Landkreise). Die Bevölkerungsentwicklung in den Raumtypen deutet darauf hin, dass die Bevölkerung beider Raumtypen in der Summe weiter abnehmen wird. Zusätzlich zur internationalen Wanderung drängt die Bevölkerung dieser Räume vornehmlich in die Raumtypen der dynamischen Groß- und Mittelstädte mit Exklusionsgefahr und in das starke (Um-)Land. 1. Deutschlands solide Mitte(ockerfarben) bildet mit 32,8 Millionen Einwohner_innen(39,6 Prozent der Bevölkerung Deutschlands von insgesamt 82,8 Millionen Einwohner_innen) und 187 Kreisen(46,5 Prozent der insgesamt 402 kreisfreien Städte und Landkreise) den mit Abstand größten Raumtyp mit vornehmlich durchschnittlichen Werten in den Indikatorausprägungen (siehe Tabelle 1). 2. Die bessergestellten Raumtypen der dynamischen Groß- und Mittelstädte mit Exklusionsgefahr und das starke(Um-)Land(grün beziehungsweise hellgrün) bilden zusammen die Wohlstandsregionen Deutschlands mit Schwerpunkten im Süden, punktuell auch in erfolgreichen Städten und Stadtregionen im Westen und Norden des Landes und Berlin. Hier wurde in den vergangenen Jahren der Wettbewerbsvorsprung durch Investitionen in die Zukunft weiter ausgebaut, allerdings mit deutlichen Hinweisen auf eine zunehmende soziale Benachteiligung einkommensschwacher Haushalte in größeren Städten. Dieser als Exklusionsrisiko bezeichnete Trend wird maßgeblich durch steigende Lebenshaltungskosten ausgelöst und führt zu einem erhöhten Armutsrisiko. Gleichzeitig gibt es deutliche Hinweise auf Wanderungsbewegungen aus den Großstädten in das wohlhabende Umland, in dem das Armutsrisiko bei Weitem nicht so ausgeprägt ist. In der Konsequenz steigen auch die Lebenshaltungskosten im Umland. Die Mobilität der Menschen ­zwischen Umland und Kernstadt ist Voraussetzung für diesen Trend und belastet die Infrastruktur. In diesen beiden Raumtypen leben 36,4 Millionen Einwohner_innen(44,0 Prozent der Bevölkerung Deutschlands) in 140 kreisfreien Städten und Landkreisen(34,8 Prozent der Kreise). 3. Die benachteiligten Raumtypen setzen sich aus den städtisch geprägten Regionen im andauernden Strukturwandel und den überwiegend ländlich geprägten Räumen in der dauerhaften Strukturkrise zusammen(dunkelrot beziehungsweise rosa). Die Ursachen der Strukturprobleme sind unterschiedlich: Während die städtisch geprägten Regionen im Westen des Landes den Bedeutungsverlust altindustrieller Wirtschaftszweige(z.B. Bergbau und Schwerindustrie) zu bewältigen haben, sind in den vornehmlich ländlich geprägten Regionen Ostdeutschlands die Nachwirkungen der deutschen Wiedervereinigung und des nachfolgenden Zusammenbruchs ganzer Wirtschaftszweige und Arbeitsmärkte der ehemaligen DDR zu spüren. Es ist trotz einiger vielversprechender Ansätze in diesen beiden Raumtypen bislang nicht gelungen, für die Breite der Gesellschaft neue Perspektiven insbesondere auf dem Arbeitsmarkt zu entwickeln. Insgesamt leben in diesen Regionen 13,6 Millionen Menschen(16,4 Prozent Die Zusammenfassung dieser Raumtypen ist gut geeignet, um die sozioökonomischen Disparitäten übergreifend in ihrer Raumwirksamkeit zu erklären und zu bewerten. Zudem kann auf dieser Grundlage weiterverfolgt werden, wie strukturpolitische Maßnahmen auf die Raumtypen und einzelnen Kreise wirken. Tabelle 2 zeigt in diesem Zusammenhang die aktuellen Bandbreiten von Indikatorausprägungen mit den Namen der kreisfreien Städte beziehungsweise Landkreise, die die minimalen und maximalen Werte der Raumtypen je Indikator einnehmen. Damit wird deutlich, welche Kreise die Ränder der Raumtypen besetzen. So ist zum Beispiel die Armutsgefährdung von Kindern und älteren Mitbürger_innen ein generelles Problem von Großstädten, die Extremwerte zwischen den dynamischen Groß- und Mittelstädten mit Exklusionsgefahr und den städtisch geprägten Regionen im andauernden Strukturwandel liegen nicht weit auseinander(Kinderarmut: Halle an der Saale mit 31,9 Prozent beziehungsweise Gelsenkirchen mit 39,5 Prozent; Altersarmut: Frankfurt am Main mit 8,8 beziehungsweise Offenbach am Main mit 8,9 Prozent). Aus dieser Betrachtung wird ebenfalls deutlich, dass die Ex­ tremwerte von Kreisen im Übergangscharakter zu anderen Raumtypen besetzt werden. Ein solcher Grenzfall ist die Stadt Chemnitz. Insbesondere die vergleichsweise geringe kommunale Verschuldung und die geringe Altersarmut bewirken, dass Chemnitz dem Cluster der dynamischen Groß- und ­Mittelstädte zugeordnet wird, auch wenn einzelne Indikatoren geringere Werte im Vergleich zum Durchschnitt dieses Raumtyps aufzeigen(z.B. Bruttogehälter und Breibandanschluss). Tabelle 3 zeigt in diesem Zusammenhang einen Auszug aus einer Internetanwendung 2 , die für diese Studie erstellt wurde und mit WebGIS-Funktionen die Möglichkeit bietet, die Indikatorausprägungen einzelner Städte und Landkreise im Vergleich zum Bundesdurchschnitt und der Mittelwerte des Raumtyps aufzurufen. Der für Chemnitz erläuterte Einfluss strukturpolitischer Handlungsmöglichkeiten, wie sie durch eine geringe Schuldenbelastung angezeigt wird, birgt aber auch eine Gefahr: So wertvoll diese Betrachtung für die Diskussion strukturpolitischer Maßnahmen ist, kann sie doch den Blick auf die aktuellen Ungleichheiten der Lebensverhältnisse, mit denen die Bevölkerung im Alltag konfrontiert ist, verstellen. Hier liefert die Konzentration auf Wohlstands- und Armutsaspekte im folgenden Abschnitt wertvolle Hinweise für ungleiche Lagen im gesamtdeutschen Vergleich. 2 Vgl. www.fes.de/ungleiches-deutschland/(29.4.2019). UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 9 Tabelle 2 Bandbreiten von Indikatorwerten in den einzelnen Raumtypen Indikator Wert Anteil hoch quali­ f­izierter Beschäftigter in Prozent Minimum Maximum dynamische Groß- und Mittelstädte mit Exklusionsgefahr 6,9(Delmenhorst) 44,1(Heidelberg) Altersarmut in Prozent aller älterer Einwohner_innen Kinderarmut in Prozent aller Kinder Minimum 1,1(Gera) Maximum Minimum 8,8(Frankfurt am Main) 8,1(Ingolstadt) Maximum 31,9(Halle/Saale) starkes (Um-)Land Deutschlands solide Mitte 9,4(Berchtesgadener Land) 29,0(München, Landkreis) 0,9(Eichstätt) 2,8(Lindau/ Bodensee) 2,0(Pfaffenhofen an der Ilm) 13,0(Pinneberg) 6,0(Wittmund) 19,3(Göttingen) 0,7(MärkischOderland) 3,9(Emden) 2,5(Unterallgäu) 24,7(Salzgitter) ländlich geprägte Räume in der dauerhaften Strukturkrise 7,3(Prignitz) städtisch geprägte Regionen im andauernden Strukturwandel 7,3(Pirmasens) 14,7(Meißen) 20,1(Bochum) 0,5(Greiz) 3,2(Remscheid) 1,8(Nordwest­ mecklenburg) 7,5(Eichsfeld) 24,9(Uckermark) 8,9(Offenbach am Main) 13,5(Trier, kreisfreie­ Stadt) 39,5(Gelsenkirchen) Lebenserwartung in Jahren Minimum Maximum Erreichbarkeit von Hausärzt_ innen in PkwMin. Minimum Maximum Bruttogehälter am Wohnort in EUR Minimum Maximum kommunale Schulden in EUR je Einwohner_in Minimum Maximum Wahlbeteiligung in Prozent Minimum Maximum Breitbandanschluss Haushalte in Prozent Minimum Maximum Binnenwanderungssaldo je 100 Tsd. Einwohner_innen Minimum Maximum 78,0(Flensburg) 83,0(München, Landeshauptstadt) 1,8(München, Landeshauptstadt) 7,0(Frankfurt/Oder) 2.423(Gera) 4.169(Erlangen) 0(Dresden) 5.755(Mainz) 65,7(Brandenburg/ Havel) 82,3(Münster) 74(Brandenburg/ Havel) 100(Regensburg, Rosenheim) –593(Frankfurt/ Oder) 1.433(Leipzig) 80,9(Nürnberger Land) 83,4(Starnberg) 78,1(Emden) 82,2(Offenbach) 2,5(Main-TanusKreis) 7,7(Oberallgäu) 2,8(Solingen) 10,5(Emden) 2.942(Berchtes­ gadener Land) 4.126(Main-TaunusKreis) 227(Biberach) 2.641(TeltowFläming) 4.310(Wolfsburg) 21(Wolfsburg) 78,2(Kyffhäuserkreis) 81,4(Saale-Holzland-Kreis) 4,2(Zwickau) 77,3(Pirmasens) 80,8(Offenbach am Main) 2,0(Gelsenkirchen) 11,2(Ostprignitz Ruppin) 4,6(Pirmasens) 2.271(Vorpommern-Rügen) 2.755(Pirmasens) 2.751(Oder-Spree) 3.525(Mülheim an der Ruhr) 382(Hildburg­hausen) 4.190(Dortmund) 4.594(Hochtaunus­ kreis) 75,3(Lörrach) 7.206(Kusel) 71,3(Deggendorf) 2.367(MansfeldSüdharz) 64,4(Salzlandkreis) 9.998(Pirmasens) 67,6(Offenbach) 84,4(Starnberg) 58(BreisgauHochschwarzwald) 96(Hochtaunus­ kreis) –147,3(Aschaffenburg, Landkreis) 569(Herzogtum Lauenburg) 81,7(Forchheim) 36(Eifelkreis Bitburg-Prüm) 98(Speyer, Franken­ thal/Pfalz) –937(Göttingen, Landkreis)* 959(Havelland) 77,2(Sächs. Schweiz/ 77,5(Mülheim an Osterzg.) der Ruhr) 31(Jerichower Land) 80(Saarbrücken, Regionalverband) 87(Suhl) 97(Herne, Pirmasens, Gelsenkirchen) –638(Suhl) –864(Offenbach am Main) 320(Rostock, ­Landkreis) 85(Mülheim an der Ruhr) * Möglicher Sondereffekt des Grenzdurchgangslagers Friedland und der Kreisgebietsreform 2016. Quelle: eigene Darstellung. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 10 Tabelle 3 Vergleich der Indikatorausprägungen für ausgewählte Kreise mit den Mittelwerten aller Kreise(Deutschland) und den Mittelwerten des entsprechenden Raumtyps Indikator Deutschland dyn. Großund Mittelstädte mit Exklusionsgefahr 1 Chemnitz, Stadt hoch qualifiziert Beschäftigte(%) 13,5 21,4 21,1 Altersarmut(%) 2,6 4,3 1,6 Kinderarmut(%) 12,8 18,0 18,8 Lebenserwartung(J.) 80,6 80,6 80,7 Erreichbarkeit Hausärzt_ innen(Min.) Bruttogehälter (EUR) 5,1 3.148 3,5 3.213 2,9 2.654 kom. Schulden (EUR) WahlbeteiBreitband ligung(%)(%) Binnenwanderungen(je 100 Tsd. Ew.) 1.723 75,9 1.585 74,4 79,6 –1,1 93,4 97,6 814 75,1 80,0 –32 1 ohne die Werte für die Stadtstaaten Berlin, Bremen Hamburg, die aufgrund fehlender Daten für kommunale Schulden in der Clusterbildung nicht berücksichtigt wurden. Quelle: eigene Darstellung. 2.2  WOHLSTAND UND ARMUT Deutschland ist gespalten, nicht nur in den Raumtypen. Die soziale Polarisierung findet sich zunehmend auch im städtischen Gefüge wieder, wo bevorzugte Lagen zunehmend besserverdienenden Schichten vorbehalten sind und parallel Menschen in benachteiligten Lagen verarmen. Betroffen sind vor allem ältere Menschen und Kinder in Haushalten mit geringen Einkommen. Das volle Ausmaß der Armutsgefährdung wird dort zum zentralen Zukunftsproblem, wo die Steigerung der Lebenshaltungskosten solche Haushalte besonders hart trifft. In der aktuellen Debatte steht die Mietpreis­ entwicklung im Mittelpunkt: Umso höher die Miete in einem Raum ansteigt, umso stärker ist das Exklusionssrisiko für einkommensschwache Haushalte. In diesem Zusammenhang wurde eine Auswertung vorgenommen, die auf die Ungleichverteilung von Wohlstand und Armut abzielt. Berücksichtigt wurden die Armutsquoten für ältere Mitbürger_innen und Kinder, die Bruttogehälter am Arbeitsort, das verfügbare Haushaltseinkommen(das heißt: alle Einnahmen eines Haushalts unter Berücksichtigung von Transferleistungen und Abzügen) sowie die Mietpreisentwicklung als Indikator für die Entwicklung der Lebenshaltungskosten. Abbildung 2 zeigt die resultierenden Raumtypen dieser Betrachtung. –– Die in Blauviolett dargestellten Regionen sind die Problemlagen im bundesdeutschen Vergleich. In hellerem Blauviolett trifft dies auf altindustrielle Regionen im Strukturwandel(Ruhrgebiet, Saarland, Hafenstandorte) und zahlreiche Großstädte Ostdeutschlands zu. Bei vergleichsweise geringen Anstiegen der Wohnkosten ist hier Kinderarmut ein weit verbreitetes Problem, die Einkommen sind besonders gering. –– Die außerordentlich geringe Ausprägung von Altersarmut in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands(dunkleres Blauviolett) lässt sich wiederum durch die Rentenansprüche insbesondere von Frauen erklären, die häufiger erwerbstätig waren als in den westdeutschen Bundesländern(siehe auch die Erläuterungen im Abschnitt„Wirtschaft, Beschäftigung und Arbeitsmarkt“). Tabelle 4 Wohlstand in Deutschland Cluster 1 Belastung durch Altersarmut Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 Cluster 5 Belastung durch Kinderarmut Bruttogehälter am Wohnort Haushaltseinkommen Symbole: starker Vorteil:  ; Vorteil:  ; Durchschnitt:; Nachteil:  ; starker Nachteil: Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. steigende Lebenshaltungskosten UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 11 Abbildung 2 Wohlstand und Armut in Deutschland Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, Bundesinstitut für Bau, Stadt- und Raumforschung, Empirica, Geo-Basis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 12 –– In dunklerem Ockerton sind die weitflächigen Wohlstandsregionen Süddeutschlands erkennbar, ergänzt durch einzelne Kreise in West- und Norddeutschland im Umland erfolgreicher Arbeitsmärkte und im Umkreis von Standorten wettbewerbsfähiger Industrien. In diesen Regionen sind die durchschnittlichen Einkommen hoch bis sehr hoch, die Altersarmut und Kinderarmut relativ gering, die Wohnkosten steigen allerdings stark an(siehe Tabelle 4). –– Im helleren Ockerton sind wenige Kreise in Süd-, Westund Norddeutschland mit einer höheren Armutsquote für Kinder und ältere Mitbürger_innen erkennbar. Einkommen und Wohnkosten fallen hier etwas geringer als in den in dunklerem Ocker eingefärbten Regionen aus. Mittlere Bewertungen erfahren die Kreise und kreisfreien Städte im Gelbbeige-Farbton: Hier sind die meisten Indikatorausprägungen durchschnittlich, mit Ausnahme einer weniger starken Kinderarmut und einem geringeren Anstieg der Wohnkosten. Diese Auswertung verdeutlicht das Wohlstandsgefälle in Deutschland in seinen Grundtendenzen: Dem weit verbreiteten Wohlstand in Süddeutschland stehen benachteiligte Lagen im Osten des Landes gegenüber, mit einer stabilen ländlichen Mitte in westdeutschen Regionen und um Berlin. Dieses Muster wird unterbrochen von den Verhältnissen in großstädtischen Lagen der westdeutschen Bundesländer, die in der Folge des industriellen Strukturwandels mit persistenten Armutsproblemen konfrontiert sind. Steigende Lebenshaltungskosten, hier repräsentiert durch die Mietpreis­ entwicklung im Bestand, erzeugen aber auch in den wirt­schaftlich erfolgreichen Großstädten ein zunehmendes Armutsrisiko, das zu Exklusion und Verdrängung führen kann. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 13 3 DIMENSIONEN DER UNGLEICHHEIT 3.1 WIRTSCHAFT, BESCHÄFTIGUNG UND ARBEITSMARKT Aus wirtschaftlicher Sicht treiben die Wachstumsregionen im Süden des Landes eine bereits länger anhaltende disparitäre Entwicklung weiter an und nutzen ihre heutigen Wettbewerbsvorteile zum gezielten Ausbau ihrer Lagevorteile für die Zukunft. Dazu gehört eine aktuell höhere Produktivität, die sich zum Beispiel in hohen Beschäftigungsquoten und einer hohen Wertschöpfung pro erwerbstätiger Person ausdrückt. Auch der Ausbau der Arbeitsmärkte für Zukunftsbranchen mit hoher Technologiekompetenz, Innovationskraft und zunehmender globaler Vernetzung zählt dazu. Im interregionalen Wettbewerb der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland muss deshalb davon ausgegangen werden, dass sich wirtschaftliche Disparitäten zukünftig weiter verschärfen, selbst wenn sich punktuell Aufholprozesse in strukturschwachen Regionen nachweisen lassen(Berthold/Müller 2010). durchschnittliche Produktivität pro Erwerbstätigen/Erwerbstätiger fast doppelt so hoch wie in den Kreisen der untersten Klasse. Die zumeist ländlichen Regionen mit Werten weniger als 60.000 Euro pro Erwerbstätigen/Erwerbstätiger befinden sich unter anderem in zusammenhängenden Gebieten in den ostdeutschen Bundesländern und im östlichen Niedersachsen, punktuell auch in Grenzlagen Bayerns(Oberpfalz) sowie in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Abbildung 3 Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigen/ Erwerbstätiger 2016(in Euro) Der Wettbewerbsvorteil weniger Metropolen verstärkt sich Das Bruttoinlandsprodukt pro erwerbstätiger Person(BIP, Werte von 50.309 Euro/Jahr im Erzgebirgskreis bis 178.706 Euro/ Jahr in Wolfsburg) gilt als zugängliches und international vergleichbares Maß für die aktuelle Produktivität der regionalen Ökonomie. Zwar wird das BIP nicht immer am Ort der Leistungserstellung eines Unternehmens verbucht(z.B. bei Unternehmen mit Hauptund Nebensitzen). Die Statistik des BIP pro erwerbstätiger Person gibt aber zuverlässig Auskunft über die räumliche Verteilung der wirtschaftlichen Produktivität aus Sicht der Erwerbstätigen und ihrer Wohnstandorte. Die neben stehende Karte(Abbildung 3) zeigt in diesem Zusammenhang die Pendlereinzugsbereiche der Wirtschaftsmetropolen im Süden und Westen des Landes in der höchsten Gruppe, zusammen mit einzelnen wirtschaftlich erfolgreichen Großstädten im Norden (Wolfsburg, Hamburg, mehr als 80.000 Euro pro Erwerbstätigen/Erwerbstätiger). Hohe Werte über 70.000 Euro sind auch in den Umlandkreisen ostdeutscher und norddeutscher Städe zu finden (Berlin, Leipzig, Hannover u. a.). Innerhalb dieser beiden Gruppen haben die Stadt und der Landkreis München sowie der Main-Taunus-Kreis nahe Frankfurt die höchsten Werte(mehr als 100.000 Euro pro Erwerbstätige/Erwerbstätiger), zusammen mit den Industriestandorten Wolfsburg, Ludwigshafen am Rhein, Ingolstadt und Böblingen. In diesen Regionen ist die Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; Geo-Basis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 14 Disparitäten auf dem Arbeitsmarkt Neben der Produktivität des Arbeitsmarktes gibt die Beschäftigungsquote Auskunft über das Arbeitsmarktangebot für Einwohner_innen im erwerbsfähigen Alter. Die Aussage, wie viele sozialversicherungspflichtig Beschäftigte je 1.000 Einwohner_innen einer Beschäftigung nachgehen, gibt auch gesellschaftliche Trends wieder. So wird die Erwerbsneigung von Frauen zwar durch gesellschaftliche Normen beeinflusst, durch Betreuungsangebote für Kleinkinder aber erst ermöglicht. Die Karte der Beschäftigungsquote insgesamt(Abbildung 4 links) zeigt höhere Beschäftigungsquoten in Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen und Sachsen. Die Werte liegen hier zwischen 44,2 Prozent(Stadt Trier) und 69,2 Prozent(Kreis Hildburghausen). Bei einer geschlechterspezifischen Betrachtung (Abbildung 4 rechts) wird die noch zu DDR-Zeiten begründete überdurchschnittlich hohe Erwerbsneigung von Frauen in Ostdeutschland deutlich(Werte von 43,0 Prozent in Heidelberg bis 69,9 Prozent im Landkreis Hildburghausen). Zudem zeigen sich in den Karten die geringen Erwerbsbeteiligungen in strukturschwächeren Großstädten und Landkreisen Westdeutschlands. Die höchsten Beschäftigungsquoten finden sich in ost- und süddeutschen Landkreisen(insbesondere Sachsen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg). Geringe Werte werden dagegen in wirtschaftlich schwächeren Städten(wie Trier, Gelsenkirchen oder Kiel) und Landkreisen in Westdeutschland(wie Eifelkreis Bitburg-Prüm, Landkreis Waldshut, Landkreis LüchowDannenberg) angetroffen. Diese Regionen schöpfen ihr Arbeitskräftepotenzial nicht aus(BBSR 2012: 41). In den kreisfreien Städten sind die Beschäftigungsquoten grundsätzlich geringer. Dies lässt sich erstens damit erklären, dass in Städten häufig ein höherer Anteil verbeamteter Erwerbstätiger und Selbstständiger arbeitet, der nicht zu den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zählt. Zweitens ist die Arbeitslosigkeit in Städten in der Regel nach wie vor höher als in suburbanen oder ländlichen Kreisen. Schließlich leben, drittens, in Städten häufig überdurchschnittlich viele Studierende. Von besonderer Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit eines Arbeitsmarktes ist das Jobangebot in Wachstumsbranchen, insbesondere den sogenannten wissensintensiven Industrien (Werte von 2,5 Prozent in Hildburghausen bis 28,6 Prozent in Frankfurt am Main). Dazu zählen unter anderem die chemische Industrie, die Herstellung von pharmazeutischen Erzeugnissen, der Maschinenbau und die Autoindustrie, die insbesondere in den süddeutschen Regionen stark vertreten sind, teils mit Werten von über 30 Prozent(so im Landkreis Rastatt, Landkreis Germersheim oder in den kreisfreien Städten Ingolstadt und Wolfsburg). Dagegen finden sich in ostdeutschen Regionen und Teilen Nord- und Westdeutschlands verbreitet Werte von weniger als fünf Prozent. Dort sind technologie- und forschungsintensivere Industrien mit größerer Beschäftigungswirksamkeit nur vereinzelt anzutreffen. Weiterhin zeigt der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Hochschulabschluss(siehe Abbildung 5, Werte Abbildung 4 Beschäftigungsquote insgesamt(links) und für Frauen(rechts) 2017(SV-Beschäftigte je 1.000 Einwohner_innen in Prozent) Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit; Geo-Basis-DE/BKG 2018. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 15 Abbildung 5 Anteil der hoch qualifiziert Beschäftigten 2018(in Prozent) Für eine Lesehilfe vgl. Anhang D Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit;; Geo-Basis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 16 von 6,0 Prozent im Landkreis Wittmund bis 44,1 Prozent in Heidelberg) den Bedarf an hoch qualifizierten Beschäftigungsverhältnissen mit starken Konzentrationen in den Großstädten. Im Vergleich zu den dünn besiedelten ländlichen Kreisen verfügen die kreisfreien Großstädte über einen mehr als doppelt so hohen Beschäftigtenanteil mit Hochschulabschluss. Die enorme räumliche Konzentration dieser Gruppe kann Auswirkungen auf die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung haben, wenn Unternehmen bei Standortentscheidungen noch stärker auf die Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Fachkräften achten. Im Gegensatz zu einem aus­geprägten Stadt-Land-Gefälle lässt sich bei diesem Indikator aber kein eindeutiges West-Ost-Gefälle erkennen. Selbst in strukturschwachen ländlichen Gebieten(wie in Vorpommern oder der Oberlausitz) werden Werte im moderaten Bereich angetroffen. Eine Ursache liegt vermutlich in dem langjährigen Beschäftigungsabbau in diesen Regionen(BBSR 2017), sodass die verbliebene„Sockelbeschäftigung“ anteilig auch höher qualifizierte Personen umfasst. Auffallend geringe Werte zeigen sich entlang des Bayerischen Waldes, in der E­ ifel und im Hunsrück sowie in Nord- und Ostfriesland. 3.2  BILDUNGS- UND LEBENSCHANCEN Die oben beschriebenen ökonomischen Rahmenbedingungen zeigen auf, dass wirtschaftlicher Erfolg in Deutschland ungleich verläuft, insbesondere zwischen Wohlstandsregionen und Regionen mit Strukturproblemen. Vor allem in Großstädten wird darüber hinaus ein zunehmendes Armutsrisiko zum Problem. Besonders betroffen sind bildungsferne Haushalte. Zwar sind Armutsgefährdung und ungleiche Bildungschancen schon länger Kernpunkte einer intensiven politischen Debatte über ungleiche Lebens- und Bildungschancen in Deutschland(OECD 2014). Wirksame Rezepte bedürfen jedoch langfristiger Anstrengungen, deren Erfolg bislang aber hinter den politischen Zielsetzungen zurückbleibt. Steigende Armutsgefährdung Nach der Defintion der relativen Armutsgefährdung gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens aller vergleichbaren Haushalte zur Verfügung hat. Dieser Wert lag 2016 für Singlehaushalte bei 12.765 Euro im Jahr, für Familienhaushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 26.807 Euro im Jahr. Demnach sind 23,5 Prozent der Bevölkerung Deutschlands armutsgefährdet, unter Einbeziehung staatlicher Sozialleistungen(zum Beispiel Arbeitslosenunterstützung, Wohn- und Kindergeld) sind es noch 16,5 Prozent(Statistisches Bundesamt 2018: 18 und 27). Für die Untersuchung räumlicher Unterschiede muss aus Gründen der Datenverfügbarkeit auf eine enger gesteckte Variante der Armutsdefintion zurückgegriffen werden, die sich auf den Anteil der Menschen konzentriert, der Sozialleistungen nach dem Sozialgesetzbuch II bezieht(SGB II, Werte von 1,5 Prozent in Pfaffenhofen an der Ilm bis 25,0 Prozent in Gelsenkirchen). Bei dieser Betrachtung wird deutlich, dass Deutschland bei einer außerordentlich positiven Arbeitsmarktentwicklung zwar auch einen Rückgang der Anzahl von Personen vermelden konnte, die bislang auf Grundsicherung(SGB II) angewiesen waren – deutschlandweit von 2012(6,01 Millionen) bis 2017 (5,94 Millionen) um 1,3 Prozent. Die positiven Impulse der Arbeitsmarktentwicklung wirken jedoch räumlich und sozial selektiv: Sie kommen längst nicht bei allen Menschen an. So hat sich die Situation in einigen Städten mit bereits hohen Ausgangswerten deutlich verschärft(u. a. in Gelsenkirchen: 21,5 auf 25,0 Prozent, Salzgitter: 13,4 auf 17,4 Prozent oder auch Saarbrücken: 14,1 auf 17,2 Prozent). Zudem haben Haushalte mit Kindern deutlich mehr Schwierigkeiten, von der guten Arbeitsplatzentwicklung zu profitieren. Gerade die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen sind eine entscheidende Grundlage für die Zukunftsfähigkeit von Städten und Regionen. Kinderarmut ist insofern ein wichtiger Indikator für benachteiligende Lebensbedingungen und sozialräumliche Ungleichheit. Für die Datenaufbereitung zu Abbildung 6 wurde die Armutsgefährdung anhand des Anteils von Kindern definiert, die Mitglieder eines SGB-II-Haushalts sind. Erfasst sind alle unter 15-Jäh­ rigen, die in solchen Bedarfsgemeinschaften leben, im ­Verhältnis zu allen Personen unter 15 Jahren. Der Durchschnittswert der Armutsgefährdungsquote von Kindern liegt auf dieser Datengrundlage deutschlandweit bei 12,8 Prozent, die Werte streuen von 2,0 Prozent in Pfaffenhofen an der Ilm bis 39,5 Prozent in Gelsenkirchen. Die regionale Verteilung zeigt höhere Werte im Osten und Norden Deutschlands. In Ostdeutschland ist die Kinderarmut auch in ländlichen Kreisen hoch, in den nordwestdeutschen Kreisen(Nordrhein-Westfalen, Großraum Hannover, Bremen, aber auch Saarbrücken und Rhein-Main) strahlt höhere Kinderarmut im Umfeld großer Städte auch in die Umland­kreise aus. Übergreifend betrachtet ist Kinderarmut allerdings ein (groß-)städtisches Phänomen. In den kreisfreien Städten ist die Kinderarmut mit im Durchschnitt über 21 Prozent doppelt so hoch wie in ländlichen bzw. suburbanen Siedlungsstrukturtypen. Sehr hohe Werte von 25 bis nahezu 40 Prozent im Ruhrgebiet, Bremen, Berlin und in einigen ostdeutschen Großstädten weisen darauf hin, dass hier weite Teile der Bevölkerung eine Armutserfahrung durchlaufen und zudem auf ihrem Lebensweg auf weitere soziale Benachteiligungen treffen. Wie die Vertiefung zur sozialen Ungleichheit im Abschnitt„Wohlstand und Armut“(Abbildung 2) zeigt, können räumliche Konzentrationen mehrerer sozioökonomischer Benachteiligungen zu sozialen Fallen werden, die für Betroffene nur schwer zu überwinden sind. Zwar zeigen die Veränderungsraten, dass die Armutsgefährdung von Kindern in den vergangenen Jahren insbesondere in den ostdeutschen Landkreisen zurückgegangen ist. In Brennpunktstädten der Kinderarmut(z.B. Essen, Bochum, Gelsenkirchen, Bremerhaven, Saarbrücken) hat sich die Situation mit Zuwachsraten von über drei Prozent aber sogar noch einmal verschärft. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 17 Abbildung 6 Kinderarmut: Kinder unter 15 Jahren in SGB-II-Haushalten 2016(in Prozent) Für eine Lesehilfe vgl. Anhang D Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit; Geo-Basis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 18 Abbildung 7 Anteil der Schulabgänger_innen ohne Schulabschluss 2016 (in Prozent) Wachsende Altersarmut Auch die Altersarmut ist ein Problemfeld, das kritische Entwicklungen aufweist(Abbildungen 8 und 9). Der Indikator zeigt die Empfänger_innen von Grundsicherung ab Renteneintrittsalter(65+) an allen Personen dieser Altersgruppe an. Nicht erfasst sind Personen, die zwar bedürftig sind, aber keine Leistungen beantragen oder beziehen(verschämte Altersarmut). Die Werte streuen von 0,5 Prozent im Landkreis Sonneberg bis 8,9 Prozent in Offenbach am Main. Es gibt hier deutliche Hinweise, dass Zugang und Beratung zu Leistungsangeboten der Grundsicherung für Ältere verbessert werden können. Deutschlandweit ist die Altersarmut(Bezug von Grundsicherung nach SGB XII) in den vergangenen Jahren gestiegen, im Durchschnitt aller Stadt- und Landkreise zwar moderat von 2,3 auf 2,6 Prozent der Altersgruppe, in einzelnen Städten wie Offenbach und Frankfurt am Main aber durchaus auf Spitzenwerte von über acht Prozent(2011: 7,6 bzw. 7,5 Prozent). Überdurchschnittlich betroffen sind auch Berlin sowie die kreisfreien Städte im Westen Deutschlands. In den westdeutschen und norddeutschen Städten finden sich hohe Werte auch in deren Umland. Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistisches Bundesamt; GeoBasis-DE/BKG 2018. Perspektivlosigkeit führt zu Schulabbrüchen Ein wichtiger Schlüssel zur Überwindung von Armut lautet Bildung, insbesondere für Kinder. Der Anteil der Schulabgänger_innen ohne Schulabschluss zeigt in diesem Zusammenhang die Zukunftschancen von Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt(Abbildung 7). Es ist davon auszugehen, dass die Wachstumsbranchen der Zukunft ein hohes Qualifikationsniveau erfordern(siehe auch Abbildung 5), der Zugang zu diesem Arbeitsmarkt ist ohne Abschluss schwierig. Im Gegensatz zu den aktuellen Armutskonzentrationen in Großstädten ist der hohe Anteil von Schulabgänger_innen ohne Schulabschluss(Werte von 1,2 Prozent eines Abschlussjahrgangs in Mainz bis 14,2 Prozent im Landkreis Prignitz) auch eine Problemlage strukturschwacher ländlicher Räume, insbesondere in Ostdeutschland und in einigen Teilregionen im Westen (z. B. Schleswig-Holstein, Ostfriesland, Saarland, Teile von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen). Die Bildungsforschung weist diesbezüglich auf eine Geschlechterschieflage hin, denn junge Männer verlassen häufiger die Schule ohne Abschluss als Frauen. Und insbesondere für junge Männer mit Migrationshintergrund und Sprachbarriere ist der fehlende Berufsabschluss ein zusätzliches Hindernis auf dem Weg in die Beschäftigung(Berkemeyer et al. 2017; Deutscher Caritasverband e.V. 2017). Zunächst ist eine steigende Altersarmut das Ergebnis einer Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, die zu mehr Teilzeit- und Niedriglohnbeschäftigung sowie einem sinkenden Rentenniveau geführt hat. Verschärft wird das Problem durch regionale Unterschiede in den Lebenshaltungskosten, die in hochpreisigen Wohnungsmärkten für ältere Mitmenschen nur schwer kompensierbar sind(„graue Wohnungsnot“, Günther 2018: 25ff.). Hinzu kommen Benachteiligungen von Eltern, insbesondere Müttern, die für Phasen der Kinderbetreuung in ihrer Erwerbsbiografie keine Rentenansprüche erwerben konnten. Politische Weichenstellungen wie die sogenannte Mütterrente können dieses nur begrenzt kompensieren. Derzeit bewirkt die höhere Frauenerwerbstätigkeit in Ostdeutschland, die in der ehemaligen DDR begründet wurde, eine geringere Altersarmut. Es ist jedoch davon auszugehen, dass zukünftig eine Angleichung der Frauenerwerbstätigkeit zwischen den ostdeutschen und westdeutschen Bundesländern stattfindet. Für künftige Generationen wird ein Rückgang der Rentenansprüche von Frauen in Ostdeutschland aufgrund geringerer Verdienste nach der Wende erwartet, sodass auch dort mit einem erhöhten Armutsrisiko für Rentner_innen zu rechnen ist(siehe auch Abbildung 4). 3.3 WOHLSTAND UND GESUNDHEIT Die oben aufgezeigten Aspekte machen deutlich, dass die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt und die Lebens- und Bildungschancen in den kreisfreien Städten und Landkreisen ungleichen Voraussetzungen unterliegen. Darüber hinaus lassen sich Tendenzen feststellen, dass weitere Ressourcen für individuellen Wohlstand und Gesundheit stark unterschiedlich verteilt sind. Nicht nur in strukturschwachen Räumen, auch in erfolgreichen Großstädten wird eine verschärfte soziale Polarisierung sichtbar. Sozialpolitik tut sich in diesem Umfeld schwer, die starken Triebkräfte von Exklusion und Ausgrenzung benachteiligter Bevölkerungsgruppen abzufedern. Soziale Abstiegsängste werden dann zum gesellschaftlichen Problem, UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 19 Abbildung 8 Altersarmut 2016(in Prozent) Abbildung 9 Veränderung der Altersarmut 2011–2016(in Prozent) Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistische Ämter des Bundes und der Länder; GeoBasis-DE/BKG 2018. Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Statistische Ämter des Bundes und der Länder; GeoBasis-DE/BKG 2018. wenn selbst durchschnittlich verdienende Haushalte in prekäre Situationen geraten, weil das Leben zu teuer wird. Wohlstand und Gesundheit im Spannungsfeld von Lebensqualität und Überlastung Über die vergangenen Jahre haben sich die positiven Wohlstands- und Gesundheitsbedingungen in Deutschland in genau den Räumen weiter verfestigt, die schon seit vielen Jahrzehnten wirtschaftlich prosperieren. Dies drückt sich in einer generell höheren Lebenserwartung aus, also der durchschnittlichen Zahl zu erwartender Lebensjahre eines Neugeborenen bei konstanten altersspezifischen Lebensverhältnissen. Die Varianz der Lebenserwartung lässt sich auf ein Zusammenspiel aus erfahrenem Wohlstand, gesunder Ernährung, risikoarmen Arbeitsbedingungen und einer sauberen Umwelt zurückführen. Insbesondere Bildung und geschlechterspezifische Voraussetzungen spielen eine entscheidende Rolle für die individuelle Nutzung von Gesundheitsressourcen und damit für einen Lebensstil, der die Lebenserwartung steigen lässt. Im Durchschnitt der Raumtypen variiert die Lebenserwartung in Deutschland kaum. Entscheidender ist, dass die Einwohner_innen in den Städten und Landkreisen Süddeutschlands durchgehend länger leben. Die höchste durchschnittliche Lebenserwartung Deutschlands liegt im Landkreis Starnberg bei 83,4 Jahren. Dieser Wert liegt beispielsweise um sechs Lebensjahre höher als in der Stadt Pirmasens in RheinlandPfalz(77,4 Jahre). Generell lässt sich dieser Unterschied so interpretieren, dass die wirtschaftlich schon seit Längerem besser gestellten Städteregionen(wie München und Stuttgart) und die wirtschaftlich stabilen ländlichen Regionen Süddeutschlands lebensverlängernde sozioökonomische und infrastrukturelle Voraussetzungen etablieren konnten, die anderswo(noch) fehlen. Die Lebenserwartung gibt in dieser Hinsicht aber nicht zwingend die aktuellen Lebensverhältnisse wieder. Denn Veränderungen brauchen viele Jahre und schlagen sich unter Umständen erst generationsübergreifend nieder. Demnach drücken sich die Strukturprobleme in altindustriellen Regionen(Ruhrgebiet, ehemaliges Chemiedreieck der DDR um Bitterfeld) in niedrigen Werten aus. Problemkomplexe aus der Vergangenheit wirken hier lange nach. Bedenklich ist, dass die Lebenserwartung gerade dort niedrig ist, wo die geringsten Einkommen pro Erwerbstätigen/Erwerbstätiger zur Verfügung stehen. Der Nachweis ist zwar schwierig zu führen: Akzeptiert man Einkommen allerdings als maßgebliche Voraussetzung für einen lebensverlängernden Lebensstil, ist für die aktuelle Ungleichverteilung der Lebenserwartung vorerst mit keiner entscheidenden Trendwende zu rechnen. So zeigt ein räumlicher Vergleich der Bruttoeinkommen die unterschiedlichen Einkommensniveaus pro Erwerbstätigen/Erwerbstätiger am Wohnort für das Jahr 2017, mit Unterschieden von 2.271 Euro im Landkreis Vorpommern-Rügen bis 4.310 Euro in der Stadt Wolfsburg(siehe Abbildung 11). Zwar können bei einem Blick in die Zeitreihen Aufholtendenzen in einkommensschwachen Regionen Ostdeutschlands beobachtet werden(Landkreis Vorpommern- FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 20 Abbildung 10 Lebenserwartung 2013/2014/2015(in Jahren) Abbildung 11 Bruttogehälter am Wohnort 2017(in Euro) Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung; GeoBasis-DE/BKG 2018. Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung; GeoBasis-DE/BKG 2018. Rügen: 14,9 Prozent Einkommenszuwachs seit 2012). Abbildung 11 zeigt aber deutlich, dass die höheren Einkommen weiterhin den Arbeitnehmer_innen der Wirtschaftsmetropolen und ihrer Pendlereinzugsbereiche vorbehalten bleiben. Diese Arbeitsmärkte stehen allerdings vor einer enormen Herausforderung: Der Erfolg und die Attraktivität dieser Regionen wird zunehmend durch Überlastungserscheinungen der Infrastruktur und Engpässe der Wohnungsmärkte bedroht. Der Zugang zu den lukrativen Arbeitsmärkten führt zu einer Ausdehnung von Pendlereinzugsbereichen und entsprechenden Konsequenzen für den Berufsverkehr. Berufspendler_innen sind enormen pychosozialen Lasten ausgesetzt. So stehen die Großstadtregionen in München, Stuttgart und Köln seit Jahren an der Spitze der höchsten Pendleraufkommen und Stauzeiten im Individualverkehr. Die Wohnungsmärkte in den Städten, aber auch in den attraktiven Lagen der Einzugsbereiche, werden für weite Teile der Bevölkerung zunehmend unerschwinglich. In Fachkreisen wird vielfach bedauert, dass große Bestände an staatlichen Wohnungen über die vergangenen Jahrzehnte privatisiert wurden oder aus der Sozialbindung herausgefallen sind. Das Land Bayern hatte beispielsweise von 2003 bis 2014 insgesamt 39 Prozent seiner Sozialwohnungen abgegeben(Deutscher Bundestag 2017: 27). Aber auch Haushalte mit mittleren Einkommen geraten zunehmend unter Druck, wenn ihre Einnahmen nicht in gleichem Maße steigen wie die Verteuerung von Wohnraum und Lebenshaltungskosten. Abbildung 12 zeigt in diesem Zusammenhang die Bestandsmieten in Euro pro Quadratmeter in 2018(Werte von 4,59 Euro/m 2 im Vogtlandkreis bis 15,74 Euro/m 2 in der Stadt München). Die höchsten Preissteigerungen haben die Wohnungsmärkte der süddeutschen Großstädte erfahren, die sich weit ins Umland ausdehnen(München, Stuttgart, Frankfurt am Main). Spitzenreiter ist die bayerische Landeshauptstadt München. Mieter_innen mussten hier im Jahre 2018 durchschnittlich 5,15 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche mehr bezahlen als noch 2011. Weitere Brennpunkte sind Frankfurt, Berlin, Köln sowie Universitätsstädte wie Freiburg und Münster. Die Preise ziehen auch in ostdeutschen Städten wie Jena und Dresden an. Es wird vielfach davon ausgegangen, dass die höheren Lebenshaltungskosten zu einer sozialen Polarisierung der Stadtgesellschaft führen, zu Verdrängung und Exklusion. Studien zur Wohnkostenbelastung für deutsche Großstädte weisen darauf hin, dass die Anzahl der Haushalte, die einen armutsgefährdenden Anteil ihres Einkommens für Miete aufbringen müssen, in den angespannten Wohnungsmärkten deutlich zunimmt(Holm et al. 2018: 11). UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 21 Abbildung 12 Bestandsmieten 2018(in Euro/m 2 ) Für eine Lesehilfe vgl. Anhang D Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Empirica; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 22 3.4 STAATLICHES HANDELN UND PARTIZIPATION Deutschland hat derzeit vergleichsweise große Spielräume, um sozioökonomische Disparitäten abzubauen und die Rahmenbedingungen gleichwertiger Lebensverhältnisse für weite Teile der Gesellschaft zu verbessern. Doch im konjunkturellen Hoch der vergangenen Jahre haben sich sozioökonomische Disparitäten eher weiter verfestigt. Benachteiligte Regionen und Bevölkerungsgruppen nehmen in höchst ungleichem Maße am Aufschwung teil, mit teils unsicheren Zukunftsperspektiven. Trotz aller strukturpolitischen Maßnahmen sind ökonomisch schwächere Regionen häufig einem Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Verlust von Steuereinnahmen, Überschuldung, Investitionsrückständen und weiterer Abwanderung ausgesetzt. Geringe oder fehlende Investitionen in die öffentliche Infrastruktur gefährden die Standortqualität und können den Aufholprozess schwächerer Regionen behindern. Dies wirkt sich negativ auf die dortigen Zukunftsperspektiven aus und unterminiert auf längere Sicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kommunale Schulden und Investitionen Abbildung 13 verdeutlicht, dass trotz guter Konjunkturzahlen die Verschuldungsproblematik in Teilen Westdeutschlands ein alarmierendes Ausmaß angenommen hat. In zahlreichen Gebietskörperschaften in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen überschreitet die Verschuldung Werte von 2.500 Euro je Einwohner_in(Werte von keiner Verschuldung in Dresden bis 9.998 Euro je Einwohner_in in Pirmasens). Neben Pirmasens haben auch Oberhausen, Kaiserslautern und Mülheim an der Ruhr Werte von über 8.500 Euro je Einwohner_in. Dagegen stellen sich größere Teile Süddeutschlands als nahezu schuldenfrei dar. In Ostdeutschland ist die Lage gemischt: Hier finden sich schuldenarme Städte und Landkreise vor allem in Sachsen und im Berliner Umland, während strukturschwächere Gebiete in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern höhere Pro-Kopf-Verschuldungen aufweisen. Deutlich wird darüber hinaus, dass Überschuldung vor allem ein großstädtisches Problem darstellt. Für die Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin existieren zwar leider keine vergleichbaren Daten, da die Landeshaushalte hier in die kommunalen Finanzen einfließen. Die(restlichen) kreisfreien Großstädte Deutschlands(1.360 Euro pro Einwohner_in) sind aber vielfach höher verschuldet als die dünn besiedelten ländlichen Kreise(315 Euro pro Einwohner_in). Die Veränderungen im Zeitverlauf verdeutlichen den Handlungsbedarf: Während sich die Schuldenlasten in Rheinland-Pfalz und Teilen Nordrhein-Westfalens sowie Schleswig-Holsteins weiter verschärft haben, konnten Kommunen in großen Teilen Ostdeutschlands, im nördlichen Niedersachsen und in Teilen Süddeutschlands Schulden abbauen. Die günstige Konjunktur dürfte hier dazu beigetragen haben, dass die betreffenden Gebietskörperschaften ihre Finanzlage verbessern konnten. Allerdings können bei schrumpfender Bevölkerungszahl auch statistische Effekte auftreten, wenn eine gleichbleibende Schuldenlast auf weniger Einwohner_ innen entfällt. Abbildung 13 Kommunale Schulden 2016(in Euro je Einwohner_in) Abbildung 14 Sachinvestitionen 2016(in Euro je Einwohner_in) Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung; GeoBasis-DE/BKG 2018. Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung; GeoBasis-DE/BKG 2018. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 23 Abbildung 15 Breitbandversorgung(Anzahl der Haushalte mit Breitbandzugang von 50 Mbit und mehr) 2018(in Prozent) Für eine Lesehilfe vgl. Anhang D Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 24 Keineswegs überraschend zeigen sich deutliche Zusammenhänge zwischen der Verschuldungssituation und den kommunalen Investitionen, welche hier ebenfalls pro Einwohner_ in dargestellt werden(Werte von 42 Euro je Einwohner_in in Bielefeld bis 1.342 Euro je Einwohner_in im niederbayerischen Landkreis Dingolfing-Landau). Abbildung 14 zeigt ein extremes Süd-Nord-Gefälle: In Bayern und Baden-Württemberg wurden verbreitet über 400 Euro, häufig sogar über 600 Euro je Einwohner_in investiert. Demgegenüber stehen Ausgaben von weniger als 300 Euro in vielen nord-, west- und ostdeutschen Regionen. Bemerkenswert ist, dass in ländlichen Regionen tendenziell höhere Ausgaben als in städtisch geprägten Gebieten getätigt werden(dünn besiedelte ländliche Kreise: durchschnittlich 392 Euro je Einwohner_in; kreisfreie Großstädte: 257 Euro je Einwohner_in). Somit können die dynamischen Regionen in ihre Zukunft investieren. Die sozialen und ökonomischen Pfadabhängigkeiten werden vertieft. Die Bedeutung von Zukunftsperspektiven für den gesellschaftlichen Zusammenhalt Neben fiskalischen Aspekten staatlichen Handelns spielt die Teilhabe der Bevölkerung an politischen und zivilgesellschaftlichen Prozessen eine wichtige Rolle für die Auswirkungen sozioökonomischer Disparitäten auf die Gesellschaft. Der Zusammenhang zwischen sozialen Abstiegsängsten und einer verminderten Bereitschaft zu politischer Teilhabe ist vielfach belegt(Böhnke 2011: 21) und drückt sich zum Beispiel in der Wahlbeteiligung aus. Insgesamt ist die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2017(76,2 Prozent) gegenüber der Wahl 2013(71,5 Prozent) zwar – auch im internationalen Vergleich – gestiegen, bleibt jedoch in wirtschaftlich strukturschwachen beziehungsweise in Räumen mit Strukturbrüchen unterdurchschnittlich. Eine höhere Wahlbeteiligung findet sich in den Räumen mit höheren Einkommen und hohem Bildungsstand, vornehmlich in wohlsituierten ländlichen Räumen und den Einzugsbereichen der Wirtschaftszentren Süddeutschlands. Dazu kommt für die Bundestagswahl 2017 der sogenannte AfD-Effekt: Damit ist die Mobilisierung zusätzlicher Wählerpotenziale aufgrund der politischen Polarisierung gemeint. Neben der Wahlbeteiligung ist in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zunehmend vom Zugang zu digitalen Angeboten und den Chancen der Digitalisierung abhängig, die zudem ortsungebundene Erwerbsperspektiven verspricht. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass staatliche Infrastrukturmaßnahmen zum Breitbandausbau eine räumliche Selektivität aufweisen, die Regionen mit aktuellen sozioökonomischen Problemlagen beim Zugang zu diesen Angeboten weiter benachteiligt(siehe Abbildung 15). Insbesondere in der Ausstattung mit zukunftsfähigen Breitbandraten von 50 Mbit und mehr sind ländliche Regionen in Ostdeutschland, Niedersachsen, in den östlichen Grenzlagen Bayerns, im westlichen Rheinland-Pfalz, an der schleswig-holsteinischen Küste sowie im östlichen Hessen bei Weitem noch nicht in gleichem Maße digital handlungsfähig wie Haushalte in Großstädten mit Versorgungsraten von 95 Prozent und mehr. In dieser Hinsicht waren die vielfach angekündigten Ziele der Bundesregierung(flächendeckendes Internet für alle) eher kontraproduktiv, die tatsächlichen Umsetzungsleistungen entsprechen nicht der erzeugten Erwartungshaltung. Die ungleichen Teilhabemöglichkeiten am digitalen Zeitalter schaden dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und dem Vertrauen in die Zukunftsperspektiven einer Region. 3.5 BINNENWANDERUNGEN Abwanderung als„Abstimmung mit den Füßen“ Die Bevölkerung Deutschlands wächst seit Beginn der 2010er Jahre wieder, von 80,3 Millionen Einwohner_innen im Zensusjahr 2011 auf 82,8 Millionen Einwohner_innen im Jahr 2017(plus 3,07 Prozent). Der im Zuge des demografischen Wandels in den 2000er Jahren befürchtete Bevölkerungsverlust wird zumindest in der nationalen Bilanz derzeit mehr als ausgeglichen. Hinter diesen Zahlen steckt jedoch weiterhin der ungebrochene Rückgang der Bevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit, von 73,99 auf 73,11 Millionen Einwohner_innen im selben Zeitraum(minus 1,18 Prozent), sowie eine langsame, aber stetige Binnenmigration von Menschen aus den benachteiligten Lagen des Landes in die Wohlstandsregionen mit Zukunftsperspektiven. In diesem Zusammenhang gilt der Wanderungssaldo, das heißt die Differenz aus Zuzug und Fortzug in und aus einer Region, als Indikator für die regionale Lebensqualität(Werte von –864 pro 100.000 Einwohner_innen in Offenbach am Main bis 1.433 pro 100.000 Einwohner_innen in Leipzig) 3 . Überwiegen die Fortzüge stark, so wird das als sichtbares Zeichen für Defizite in der Lebensqualität interpretiert: Die Menschen sind unzufrieden und sehen woanders bessere Zukunftsperspektiven(z. B. Hahne/Stielike 2013: 20ff.). Die Ursachen für Umzüge über Kreisgrenzen sind vielfältig: Wohnsitzwechsel innerhalb einer Region haben meist wohnungs- und wohn­umfeldbezogene Gründe, zum Arbeitsplatz kann weiterhin gependelt werden. Fernwanderungen dagegen gelten häufig der Ausbildung, dem Berufseinstieg oder dem Arbeitswechsel. Darüber hinaus dürften zunehmend auch die Annehmlichkeiten einer Region als Wohnstandort eine Rolle spielen. Im Rahmen der vorliegenden Studie wurde der Wanderungssaldo(Zuzüge minus Fortzüge) mit einem speziellen Forschungsdatensatz für die Bevölkerung insgesamt und für verschiedene Altersgruppen ermittelt. Wanderungsdaten der vergangenen Jahre bilden durch die Verteilung geflüchteter Menschen und Asylsuchender nur eingeschränkt die Umzüge ab, auf die der Indikator abzielt. Deshalb wurden sogenannte Mikrodaten aus der Wanderungsstatistik am Forschungsdatenzentrum in Düsseldorf ausgewertet, mit denen sich ausschließlich Wohnortwechsel innerhalb der Grenzen des Bundesgebiets(ohne Staatsangehörigkeiten, die einen hohen Anteil an Schutzsuchenden aufweisen) ermitteln las3 Tatsächlich hat der Landkreis Göttingen den negativsten Wert(siehe auch Tabelle 2). Aufgrund des Sondereffekts des Grenzdurchgangslagers Friedberg und der Kreisgebietsreform 2016(Fusion des Landkreises Göttingen mit dem Landkreis Osterode am Harz) wird dieser Wert hier nicht aufgeführt. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 25 Abbildung 16 Binnenwanderungssaldo der Bevölkerung insgesamt 2013/2014/2015(je 100.000 Einwohner_innen)* * Unter Ausschluss von Staatsangehörigkeiten, die einen hohen Anteil an Schutzsuchenden aufweisen Für eine Lesehilfe vgl. Anhang D Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Wanderungsstatistik, 2013-2015, eigene Berechnungen; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 26 sen. Um bestehende Schwankungen bei dieser sogenannten Binnenmigration auszugleichen, wurde ein Mittelwert für die drei Betrachtungsjahre 2013, 2014 und 2015 gebildet. Wanderungsverluste in ländlich geprägten Regionen in der dauerhaften Strukturkrise und städtisch geprägten Regionen im andauernden Strukturwandel Die Karte mit dem resultierenden Binnenwanderungssaldo über die vergangenen Jahre der Bevölkerung insgesamt, also für alle Altersgruppen, muss mit zwei wesentlichen räumlichen Prozessen erklärt werden(siehe Abbildung 16): Prägend ist zum einen der Zuzug insbesondere von jungen Menschen in die Ballungsräume auf Kosten peripherer ländlicher Regionen, zum anderen ziehen aus den Stadtkernen – vermutlich in einer späteren Lebensphase – viele Menschen ins Stadtumland. Im Ergebnis dieser Wanderungsströme ergibt sich ein heterogenes Bild, das nicht leicht zu interpretieren ist (Milbert/Sturm 2017: 141ff.). genommenen Nachteilen urbanen Wohnens(„Stadtstress“) entspringen. Dies gilt insbesondere für die hochpreisigen Immobilienmärkte, die mit einem gut ausgebauten Verkehrsnetz die Anbindung an die Innenstadt gewährleisten. Die Karte mit dem Wanderungssaldo für die Altersgruppen der unter 18-Jährigen und der 30- bis 49-Jährigen macht diesen Trend der„Wohnsuburbanisierung“ deutlich(siehe Abbildung 17). Betroffen sind Kernstädte wie etwa München, Würzburg oder Kiel, in denen es immer schwieriger wird, bezahlbaren und den Bedürfnissen entsprechenden Wohnraum zu finden. Ein sprunghafter Anstieg der Fortzüge ins Umland kann erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen. Die Zunahme des Pendleraufkommens erhöht tagtäglich die Auslastung der Verkehrssysteme in den Großstädten in bislang ungekannter Art und Weise, eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Aber natürlich müssen auch Infrastrukturen wie Kitas und Grundschulen im Umland entsprechend ausgebaut werden. Bestätigt werden kann, dass die seit Langem vom Wegzug betroffenen Gebiete der inneren und äußeren Peripherie weitere Wanderungsverluste zu verkrafen haben. Dies gilt besonders für die kreisfreien Städte und Landkreise, die sich in größerer Entfernung zu den großen Metropolen(Berlin, Hamburg, München) und anderen prosperierenden Agglomerationen(Stuttgart, Rhein-Neckar, Rhein-Main, Rheinschiene) befinden. Im demografischen Wandel erfahren die betroffenen Regionen der ostdeutschen Bundesländer, im Grenzbereich von Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen und in abgeschwächter Form in einigen anderen Teilen des Bundesgebiets so zusätzliche Bevölkerungsverluste. Sicherlich gibt es eindrucksvolle Beispiele für vielversprechende Konzepte zum Umgang mit Bevölkerungsverlusten, zudem zeigen viele Unternehmer_innen ländlicher Räume Innovationskraft und entwickeln neue Geschäftsmodelle, die die Strukturen stärken(„Hidden Champions“). In der Breite fehlen aber doch die Köpfe für die Entwicklung robuster Arbeitsmärkte, wenn sich der Wegzug verstetigt. Zu befürchten sind bei massiven Wanderungsverlusten dann Wirkketten aus Leerstand auf dem Immobilienmarkt und fehlenden Investitionen, die entweder zurückgehalten oder woanders getätigt werden. Angebote der Daseinsvorsorge(ärztliche Versorgung, Dienstleistungen, Lebensmittel usw.) treffen damit auf zunehmend schlechtere wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Vor ähnlichen Herausforderungen stehen einige Städte in altindustriellen Regionen, die seit längerer Zeit einen tief greifenden Strukturwandel durchlaufen und momentan keine große Anziehungskraft entfalten können(z.B. Duisburg, Gelsenkirchen, Bremerhaven). Somit sind Wanderungsverluste keineswegs ein Phänomen, das ausschließlich ländliche Räume betrifft. Abbildung 17 Binnenwanderungssaldo Familien 2013/2014/2015 (je 100.000 Einwohner_innen) Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Wanderungsstatistik, 2013–2015, eigene Berechnungen; GeoBasis-DE/BKG 2018. Neue Welle der Suburbanisierung? In der jüngeren Vergangenheit ziehen darüber hinaus Teile der Bevölkerung wieder verstärkt aus den Kernstädten ins Stadtumland. Die Motivation dazu dürfte vielfach den Wohnraum- und Wohnumfeldansprüchen von Menschen im Familiengründungsalter, anderen Kostenfaktoren und wahr- UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 27 4 DER PFAD DER UNGLEICHHEIT Die Auswertungen für diese Studie machen deutlich, dass sich die Triebfedern der Ungleichheit nicht von selbst regulieren, ganz im Gegenteil: Die Wechselwirkungen zwischen Vorteilen und Benachteiligungen erhärten sich im Zeitverlauf zu Raumstrukturen, die sich ohne externe Impulse weiter verstetigen. –– Die Ergebnisse für den Themenbereich Wirtschaft, Beschäftigung und Arbeitsmarkt weisen auf gravierende räumliche Disparitäten für die wirtschaftlichen Perspektiven hin. Problematisch sind die pfadabhängigen Entwicklungen in altindustriell geprägten Regionen West- und Ostdeutschlands. Die Kernstädte in größeren Metropolregionen und ihr engeres Umland haben einen Wettbewerbsvorsprung, der sich in einer starken Position auf dem Arbeitsmarkt und im Besatz technologie- und innovationsorientierter Unternehmen ausdrückt. Vom Strukturwandel geprägte Regionen(Ruhrgebiet, Saarland) und dünner besiedelte ländliche Räume in Nord- und Ostdeutschland fallen eher zurück. In einigen Regionen sind durchaus dynamische Aufholprozesse erkennbar: Beispiele sind das Berliner Umland, die thüringische Städtereihe oder Teile Süd- und Ostwestfalens. Von einer generellen Abkopplung ländlicher Räume von der gesamträumlichen Entwicklung kann somit keine Rede sein(Küpper/Peters 2019). –– Für den Bereich Bildung und Lebenschancen stehen Gesellschaft und Politik vor besonderen Herausforderungen. Großstädte sind besonders von Armutsgefährdung betroffen, in einem Spannungsfeld, das derzeit aufgrund steigender Preise für den Lebensunterhalt zunehmend soziale Exklusion befördert und damit den Anstrengungen von Bildungs- und Sozialpolitik zuwiderläuft. Das Ziel, Jugendliche für zukunftsfeste Beschäftigung auszubilden, ist ein allgemein anerkannter Schlüssel zur Vermeidung der Armutsfalle. Neben der proaktiven Beratung von Behörden für Leistungsberechtigte ist es für junge Menschen von besonderer Bedeutung, dass Politik, Schule, Jugendamt, Arbeitsamt, Wohlfahrtspflege und Wirtschaft ihre Anstrengungen koordinieren. –– Impulse für eine Gleichwertigkeit von Wohlstand und Gesundheit in Deutschland sind besonders voraussetzungsvoll. Die Entwicklungen vollziehen sich hier über viele Jahre, im Hinblick auf die Lebenserwartung möglicherweise sogar Jahrzehnte. Aktuell lässt sich feststellen, dass die historisch begründeten Benachteiligungen altindustrieller Standorte und ostdeutscher Regionen weiter bestehen, auch wenn sich über die vergangenen Jahre leichte Aufholtendenzen zumindest beim Einkommen feststellen lassen. Zu beobachten bleibt, inwiefern sich disparitäre Entwicklungen in den überhitzten Wohnungsmärkten der Wirtschaftsmetropolen und Universitätsstädte weiter zuspitzen. Wohlstand und Gesundheit laufen Gefahr, damit zum exklusiven Gut besserverdienender Haushalte zu werden. –– Staatliches Handeln kann diesen Herausforderungen nicht gerecht werden, wenn die kommunalen Haushalte in größeren Teilen Westdeutschlands und punktuell auch in Ostdeutschland trotz guter Konjunktur weiter hoch verschuldet sind. Ein Kernanliegen der Bundes- und Landespoltik muss es deshalb künftig sein, kommunale Investitionspolitik besser zu fördern. Dazu gehören neben dem Abtragen von Schulden auch adäquate Ressourcen für effizientes Verwaltungshandeln, um den Zugang zu Födermitteln von Bund und Ländern zu verbessern. Neben Investitionen in die Infrastruktur und wirtschaftlichen Lagefaktoren wird damit auch einem Auseinanderdriften der Gesellschaft nach sozialer Lage gegengesteuert und Partizipation ermöglicht. Das Beispiel des mangelnden Zugangs zum leistungsfähigen Internet in benachteiligten Regionen zeigt, dass hier weitere Anstrengungen dringend erforderlich sind. –– Die Trends der Binnenwanderungen machen deutlich, dass Abwanderung und Entleerung auf der einen sowie Zuwanderung und Überlastung auf der anderen Seite räumliche Disparitäten verstärken. Zwar fallen die Salden im internationalen Vergleich eher moderat aus. Tatsächlich ist die Umverteilung von Bevölkerung hierzulande aber ein durchaus stetiger Prozess. Die Frage des politischen Umgangs mit anhaltenden Wanderungsverlusten ist höchst umstritten. Mitunter wird dazu aufgefordert, „sterbende Gemeinden zu begleiten“(Simons/Weiden 2016: 46ff.). Andere Stimmen rufen dagegen zu einer Versachlichung auf und warnen vor einer Stigmatisierung der Räume mit hohen Wanderungsverlusten mit Schlagwörtern wie„Landflucht“(Beetz 2016: 118f.). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 28 Anhang A Dokumentation der Indikatoren Die nachfolgende Tabelle zeigt die in der Studie genutzten Indikatoren im Überblick. Für alle farblich hinterlegten Einträge liegen Zeitreihen zu den Daten von vier oder mehr Jahren vor dem angegebenen Jahr vor, die für die Textinterpretationen ausgewertet wurden. Für Indikatoren, die mit 1, 2, oder 3 gekennzeichnet sind, wurden verschiedene Varianten ausgewertet. Die Erkenntnisse nicht dargestellter Varianten fließen teilweise in die Textinterpretationen ein. # Name Clusteranalysen Quelle Zeitraum Abb. 1 Die Disparitätenkarte Abb. 2 Wohlstand und Armut in Deutschland Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Thünen-Institut, Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung und dort gesammelter Rohdaten, FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Empirica 2013, 2014, 2015, 2016, 2017, 2018 2016, 2017, 2018 Wirtschaft, Beschäftigung und Arbeitsmarkt Abb. 3 Abb. 4 Bruttoinlandsprodukt pro erwerbstätiger Person 1 Beschäftigungsquote 2 Statistisches Bundesamt Bundesagentur für Arbeit 2016 2017 Abb. 5 Anteil der hoch qualifiziert Beschäftigten Bildungs- und Lebenschancen Bundesagentur für Arbeit 2018 Abb. 6 Kinderarmut: Kinder unter 15 Jahren in SGB-II-Haushalten Abb. 7 Anteil der Schulabgänger_innen ohne Schulabschluss Abb. 8/9 Altersarmut:(Personen in) Grund­ sicherung im Alter(SGB XII) Wohlstand und Gesundheit Bundesagentur für Arbeit Statistisches Bundesamt Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2016 2016 2016 Abb. 10 Lebenserwartung Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2013, 2014, 2015 Abb. 11 Bruttogehälter am Wohnort Bundesagentur für Arbeit 2017 Abb. 12 Bestandsmieten Empirica 2018 Staatliches Handeln und Partizipation Abb. 13 Kommunale Schulden Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung 2016 Abb. 14 Sachinvestitionen Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung 2016 Abb. 15 Breitbandversorgung Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur 2018 Wanderungen Abb. 16 Abb. 17 Binnenwanderungssaldo der Bevölkerung insgesamt Binnenwanderungssaldo Familien FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Wanderungs­ statistik, 2013-2015& Statistisches Bundesamt 2013, 2014, 2015 2013, 2014, 2015 1 nach Erwerbstätigen, nach Einwohner_innen; 2 insgesamt, Frauen, Männer; 3 nach Wohnort, nach Arbeitsort UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 29 Anhang B Wertebereiche der Indikatoren Indikator Jahr Wertebereich von … bis Beschäftigtenquote insgesamt 2017 Beschäftigtenquote Frauen 2017 Beschäftigtenquote Männer 2017 unternehmensbezogene Dienstleistungen 2015 Bruttoinlandsprodukt Erwerbstätige 2016 Anteil hoch qualifzierter Beschäftigter 2018 Leistungsbezug SGB II 2017 Altersarmut 2016 Kinderarmut 2016 Schüler_innen ohne Schulabschluss 2016 Lebenserwartung Erreichbarkeit von Hausärzt_innen 2013/ 2015 2016 Bruttogehälter am Wohnort 2017 verfügbares Haushaltseinkommen 2015 Bestandsmieten 2018 kommunale Schulden 2016 Kassenkredite 2016 Sachinvestitionen 2016 Wahlbeteiligung 2017 Breitbandversorgung(> 50 MBit) 2018 Binnenwanderungssaldo insgesamt Binnenwanderungssaldo Familien 2013/ 2014/ 2015 2013/ 2014/ 2015 Quelle: eigene Darstellung 44,2%(Trier) bis 69,2%(Hildburghausen) 43,0%(Heidelberg) bis 69,9%(Hildburghausen) 43,4%(Trier) bis 73,2%(Ingolstadt) 2,5%(Hildburghausen) bis 28,6%(Frankfurt am Main) 50.309 EUR(Erzgebirgskreis) bis 178.706 EUR(Wolfsburg) 6,0%(Wittmund) bis 44,1%(Heidelberg) 1,5%(Pfaffenhofen an der Ilm) bis 25,0%(Gelsenkirchen) 0,5%(Sonneberg) bis 8,9%(Offenbach am Main) 2,0%(Pfaffenhofen an der Ilm) bis 39,5%(Gelsenkirchen) 1,2%(Mainz) bis 14,2%(Prignitz) 77,3 Jahre(Pirmasens) bis 83,3 Jahre(Starnberg) 1,8 Minuten(München, Landeshauptstadt) bis 11,2 Minuten(Ostprignitz-Ruppin) 2.271 EUR/Monat(Vorpommern-Rügen) bis 4.310 EUR/Monat(Wolfsburg) 16.274 EUR/Jahr(Gelsenkirchen) bis 35.663 EUR/Jahr(Heilbronn) 4,59 EUR/m 2 (Vogtlandkreis) bis 15,74 EUR/m 2 (München, Landeshauptstadt) 0 EUR/Einwohner_in(Dresden) bis 9.998 EUR/Einwohner_in(Pirmasens) 0 EUR/Einwohner_in(Leipzig und andere) bis 8.439 EUR/Einwohner_in(Pirmasens) 42 EUR/Einwohner_in(Bielefeld) bis 1.342 EUR/Einwohner_in(Dingolfing-Landau) 64,1%(Bremerhaven) bis 84,4%(Starnberg) 31%(Jerichower Land) bis 100%(Regensburg, Rosenheim) –864 pro 100.000 Einwohner_innen(Offenbach am Main) bis 1.433 pro 100.000 Einwohner_innen(Leipzig) –2.423 je 100.000 Einwohner_innen(Würzburg) bis 2.177(Potsdam-Mittelmark, Landkreis) FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 30 Anhang C Methodische Hinweise Die vorliegende Studie beruht auf einer Auswertung repräsentativer Indikatoren für unterschiedliche Themenfelder. Indikatoren sind bei diesem gängigen Ansatz der Raumbeobachtung von reinen regionalstatistischen Variablen(z. B. Bevölkerungsstand oder Fläche einer Kommune) zu unterscheiden. Sie haben eine Zeigerwirkung für einen bestimmten Sachverhalt, liefern im Hinblick auf gesellschaftliche und politische Zielsetzungen aussagekräftige Bewertungen von Zuständen und Trends. Ein Beispiel ist der politische Anspruch, in Deutschland möglichst flächendeckend den Zugang zu Breitbandinternet zu ermöglichen. Dieses Ziel wird mit einem Indikator gemessen, der die Anzahl der Haushalte in den Untersuchungsgebieten(hier: kreisfreie Städte und Landkreise) mit Zugang zu hohen Übertragungsraten wiedergibt. Die dargestellten Trends und Werte sind für den Vergleich von Mittelwerten in den 401 kreisfreien Städten und Landkreisen in Deutschland gut geeignet und tragen zu einem besseren Verständnis der Geografie sozioökonomischer Disparitäten bei. Das ist Thema dieses Berichts, dahingehend werden die Kartenbilder interpretiert. Dahinter verbirgt sich aber häufig eine auseinanderdriftende Spaltung innerhalb einzelner Kreise. Diese werden in den auf den Karten dargestellten Mittelwerten nicht unmittelbar sichtbar, in den Texten aber angesprochen. Für das bessere Verständnis der Kartenbilder findet sich in Anhang D eine Lesehilfe. Die Auswahl der Indikatoren für die Clusteranalyse erfolgte mit dem Anspruch, die verschiedenen Themenfelder des Berichts abzudecken, ohne die Interpretationsfähigkeit der Ergebisse zu verkomplizieren. Aus Erfahrungen mit der Raum­ analyse weiß man nämlich, dass Clusteranalysen mit einem zu breiten Set an Indikatoren, die möglicherweise noch auf ähnliche Sachverhalte abzielen, nur noch schwierig zu erklären sind. Folgende methodische Hinweise sind in der Interpretation zu berücksichtigen: –– Die eingesetzten Indikatoren werden auf Mittelwerte (arithmetischer Mittelwert, Median) oder vergleichbare Bezugsgrößen(z. B. Wanderungssaldo pro 100.000 Einwohner_innen, durchschnittliche Erreichbarkeit in Fahrzeitminuten) normiert. Das heißt, die Ergebnisse hängen nicht von der Größe oder Bevölkerungszahl ab. Diese Vorgehensweise ist Voraussetzung für die Vergleichbarkeit von Indikatorausprägungen über unterschiedlich groß geschnittene Untersuchungseinheiten mit unterschiedlicher Bevölkerungszahl. –– Die Interpretation von Stadt-Umland-Beziehungen zwischen kreisfreien Städten und ihren umliegenden Landkreisen können durch die unterschiedliche Größe der Gebietseinheiten beeinflusst werden. So erstrecken sich aufgrund von Gebietsreformen manche Umlandkreise ostdeutscher Großstädte weit in das Umland, die Indikatoren geben dann im Mittel Werte aus suburbanen und ins Ländliche übergehende raumstrukturelle Effekte wieder. –– Aufgrund der unzulässigen Vergleichbarkeit kommunaler Schulden zwischen den Landeshaushalten der Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen und den kommunalen Haushalten der kreisfreien Städte und Landkreise konnte dieser Indikator für die genannten Städte nicht berücksichtigt werden. Die Zuordnung zu Raumtypen auf der Disparitätenkarte macht diese methodische Abweichung mit einer Schraffur deutlich. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 31 Anhang D Kartografische Umsetzung und Lesehilfe Die großformatigen A4-Karten des vorliegenden Berichts folgen einer Farblogik, die sich auf die Einheiten der dargestellten Indikatorwerte bezieht. Folgende Farbverläufe werden unterschieden: – gelb-rot: Prozentwerte – gelb-grün: fiskalisch(Euro-Werte) – gelb-blau: verschiedene Zeiteinheiten – blau-rot: Binnenwanderungen in Einwohner_innen – Zeitreihenentwicklung: immer blau-grau-rot Zudem ermöglichen Diagramme unter den großformatigen Karten einen Vergleich von Indikatorausprägungen mit den Mittelwerten des Raumtyps, dem eine kreisfreie Stadt oder ein Landkreis zugordnet ist. Die Raumtypen nutzen die Definition der siedlungsstrukturellen Kreistypen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung(BBSR). Die Definition stammt aus dem Jahre 2011 und wird auf den Gebietsstand 2015 der Kreisgrenzen angewandt, die vom Bundesamt für Kartografie und Geodäsie herausgegeben werden. Sinn und Zweck dieses Vergleichs ist die Erfassung von Abweichungen einzelner Lagen vom Mittelwert des Raumtyps – einem mitunter wertvollen methodischen Ansatz zur Ermittlung geografischer Besonderheiten in der Raumanalyse. Abbildung D-1 Siedlungsstukturelle Kreistypen in Deutschland 2015 Abbildung D-1 zeigt die siedlungsstrukturellen Kreistypen Deutschlands mit den kreisfreien Städten in kräftigem Orange, den städtisch geprägten Regionen in hellerem Orange, den ländlichen Kreisen mit Verdichtungsansätzen in hellem Grün sowie die dünn besiedelten ländlichen Kreise in dunklerem Grün. Grundlage für diese Einteilung des BBSR sind die Lagemerkmale(1) Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten, (2) Einwohnerdichte der Kreisregion und(3) Einwohnerdichte der Kreisregion ohne Berücksichtigung der Groß- und Mittelstädte. Hierfür hat das BBSR folgende Schwellenwerte festgelegt(BBSR o. J.): 1. Kreisfreie Großstädte: kreisfreie Städte mit mind. 100.000 Einwohner_innen. 2. Städtische Kreise: Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten von mind. 50 Prozent und einer Einwohnerdichte von mind. 150 Einwohner_innen/km 2 ; sowie Kreise mit einer Einwohnerdichte ohne Groß- und Mittelstädte von mind. 150 Einwohner_innen/km 2 . 3. Ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen: Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten von mind. 50 Prozent, aber einer Einwohnerdichte unter 150 Einwohner_innen/km 2 , sowie Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten unter 50 Prozent und mit einer Einwohnerdichte ohne Großund Mittelstädte von mind. 100 Einwohner_innen/km 2 . 4. Dünn besiedelte ländliche Kreise: Kreise mit einem Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten unter 50 Prozent und einer Einwohnerdichte ohne Großund Mittelstädte unter 100 Einwohner_innen/km 2 . Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, 2013–2015, eigene Berechnungen; GeoBasis-DE/BKG 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 32 Die unter den großformatigen Karten dargestellten Diagramme ermöglichen die Einordnung eines Indikatorwerts in die Streuung aller in Deutschland auftretenden Werte(X-Achse), die im Histogramm auf der Y-Achse als Häufigkeit(das heißt, wie viele Kreise haben einen Indikatorwert innerhalb einer bestimmten Klasse) aufgetragen sind. Damit wird eine Bewertungsmöglichkeit gegeben, die über eine rein geografische Betrachtung hinausgeht: Ist der Wert eines Kreises über dem Mittel des vergleichbaren Raumtyps, so ist die Entwicklung dort überdurchschnittlich; liegt er darunter, ist die Entwicklung unterdurchschnittlich. Die Abbildung D-2 erläutert diese Vergleichsweise mit Signaturen, die je nach Raumtyp dick gestrichelt(Mittelwert für Deutschland), durchgezogen (Mittelwert für kreisfreie Großstädte), mit einer Abfolge längerer unterbrochener Linien(städtische Kreise), kürzerer unterbrochener Linien(ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen) oder schmal gestrichelt(dünn besiedelte ländliche Räume) symbolisiert sind. Abbildung D-2 Lesehilfe mit Vergleichsmöglichkeit zu siedlungsstrukturellen Kreistypen Quelle: eigene Darstellung; Datengrundlage: BBSR 2019. UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 33 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – FÜR EIN BESSERES MORGEN 34 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis 6 Abbildung 1 Die Disparitätenkarte 11 Abbildung 2 Wohlstand und Armut in Deutschland 13 Abbildung 3 Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigen/ Erwerbstätiger 2016 14 Abbildung 4 Beschäftigungsquote insgesamt(links) und für Frauen(rechts) 2017 15 Abbildung 5 Anteil der hoch qualifiziert Beschäftigten 2018 17 Abbildung 6 Kinderarmut: Kinder unter 15 Jahren in SBG-II-Haushalten 2016 18 Abbildung 7 Anteil der Schulabgänger_innen ohne Schulabschluss 2016 19 Abbildung 8 Altersarmut 2016 19 Abbildung 9 Veränderung der Altersarmut 2011–2016 20 Abbildung 10 Lebenserwartung 2013/2014/2015 20 Abbildung 11 Bruttogehälter am Wohnort 2017 21 Abbildung 12 Bestandsmieten 2018 22 Abbildung 13 Kommunale Schulden 2016 22 Abbildung 14 Sachinvestitionen 2016 23 Abbildung 15 Breitbandversorgung(Anzahl der Haushalte mit Breitbandzugang von 50 Mbit und mehr) 2018 25 Abbildung 16 Binnenwanderungssaldo der Bevölkerung insgesamt 2013/2014/2015 26 Abbildung 17 Binnenwanderungssaldo Familien 31 Abbildung D-1 Siedlungsstukturelle Kreistypen in Deutschland 32 Abbildung D-2 Lesehilfe mit Vergleichsmöglichkeit zu siedlungsstrukturellen Kreistypen 7 Tabelle 1 Raumtypen sozioökonomischer Disparitäten in Deutschland 9 Tabelle 2 Bandbreiten von Indikatorwerten in den einzelnen Raumtypen 10 Tabelle 3 Vergleich der Indikatorausprägungen für ausgewählte Kreise mit den Mittelwerten aller Kreise(Deutschland) und den Mittelwerten des entsprechenden Raumtyps 10 Tabelle 4 Wohlstand in Deutschland 28 Tabelle Anhang A Dokumentation der Indikatoren 29 Tabelle Anhang B Wertebereiche der Indikatoren UNGLEICHES DEUTSCHLAND – SOZIOÖKONOMISCHER DISPARITÄTENBERICHT 2019 35 Literaturverzeichnis Albrech, Joachim; Fink, Philipp; Tiemann, Heinrich 2016: Ungleiches Deutschland: Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2015, Friedrich-EbertStiftung, Bonn, https://library.fes.de/pdf-files/wiso/12390.pdf(16.3.2019). 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Archiv und Bibliothek IMPRESSUM © 2019 Friedrich-Ebert-Stiftung Godesbeger Allee 149, 53175 Bonn Bestellung/Kontakt: BeMo@fes.de Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ISBN: 978-3-96250-342-0 Titelmotiv:© dpa/Britta Pedersen Gestaltungskonzept: www.bergsee-blau.de Umsetzung/Layout: www.stetzer.net Druck: www.bub-bonn.de Gedruckt auf RecyStar Polar(100 Prozent Recyclingpapier, ausgezeichnet mit dem Blauen Engel). Ungleiches Deutschland Sinkende Arbeitslosigkeit, innovative Industrien und Wachstumsraten, von denen die meisten europäischen Nachbarn nur träumen können – Deutschland steht im internationalen Vergleich gut da. Nur, längst nicht alle profitieren vom wirtschaftlichen Wachstum. Der Disparitätenbericht 2019 zeigt vielmehr: Die sozioökonomische Ungleichheit in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren verfestigt. Und nicht nur das: Während einzelne Städte boomen, drohen ganze Regionen langfristig abgehängt zu werden. Mit der vorliegenden Publikation liefert das Team der ILS-Forschung aus Dortmund zusätzliche Analysen zu Trends, Ergänzungen zu den Indikatoren und weitere Hintergründe zum Disparitätenbericht 2019. Die interaktive Disparitätenkarte und weitere Informationen finden Sie hier: www.fes.de/ungleiches-deutschland/ Die Autor_innen Stefan Fina ist im Rahmen einer gemeinsamen Berufung der RWTH Aachen University und des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH Dortmund(ILS) Professor für Analyse und Monitoring urbaner Räume und leitet den Bereich Geoinformation und Monitoring am ILS. Frank Osterhage ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) und dort in der Forschungsgruppe Mobilität und Raum tätig. Jutta Rönsch ist Kartografin am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) mit Arbeitsschwerpunkten in der Visualisierung raumbezogener Daten und Prozesse. Frau Rönsch entwickelt hierfür Standards für die Karten- und Grafikgestaltung in der Stadtforschung. Karsten Rusche arbeitet als Postdoktorand am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) und ist stellvertretender Leiter des Bereichs Geoinformation und Monitoring. Stefan Siedentop ist Professor für Stadtentwicklung an der TU Dortmund und im Rahmen einer gemeinsamen Berufung Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS). Ralf Zimmer-Hegmann leitet die Stabsstelle Transfer und Transformation am Institut für Landesund Stadtentwicklungsforschung gGmbH(ILS) und ist zudem stellvertretender Leiter der Forschungsgruppe Sozialraum Stadt. Rainer Danielzyk ist Universitätsprofessor in der Abteilung Raumordnung und Regionalentwicklung im Institut für Umweltplanung der Leibniz Universität Hannover und leitet gegenwärtig die Geschäftsstelle der Akademie für Raumforschung und Landesplanung(ARL) in Hannover.