01. 2010 EDITORIAL Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Friedrich-Ebert-Stiftung, die Zukunft von Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästinensern ist ungewiss. Noch bis Anfang der Woche sah es so aus, als könne US-Sonderbeauftragter für den Nahost-Friedensprozess Mitchell in den nächsten vier Monaten„proximity talks“ in Ramallah und Jerusalem führen. Ziel seiner Bemühungen ist die Wiederaufnahme von direkten Verhandlungen vor Ablauf des begrenzten Baustopps in den Siedlungen des Westjordanlandes. Die Ankündigung weiteren Siedlungsbaus in Ost-Jerusalem während des Besuchs von US Vize-Präsident Joe Biden hat die Bemühungen Mitchells zunächst auf Eis gelegt: Die Palästinenser zogen ihre nur zögerlich und unter enormem internationalen Druck gegebene Einwilligung zu Michells„proximity talks“ zurück. Was bedeutet diese neuste Krise im Friedensprozess? Wenn keine Lösung der Konflikts in Sicht ist, schlittert die Region dann unaufhaltsam auf die nächste gewaltsame Auseinandersetzung zu? Gibt es eine dritte Intifada, die erneut zahllose Opfer auf beiden Seiten fordern wird? Nicht notwendigerweise. In den Palästinensischen Gebieten hat sich in den letzten Jahren eine Bewegung etabliert, die durch den ins Stocken geratenen Friedensprozess weiter an Popularität gewinnen könnte: Der Gewaltlose Widerstand. Der Gewaltlose Widerstand nimmt einen besonderen Stellenwert im palästinensischen Streben nach Unabhängigkeit ein und hat Potential, zur Massenbewegung anzuwachsen. International findet er aber nur selten Beachtung. Dem Thema des palästinensischen Gewaltlosen Widerstands widmet sich daher die aktuelle Ausgabe unseres Newsletters. Mit den besten Grüßen aus Jerusalem Dr. Michael Bröning Direktor des Büros der Friedrich-EbertStiftung in Ost-Jerusalem Design: eryfoto Seite 1 01. 2010 Gewaltloser Widerstand in Palästina Die Idee des Gewaltlosen Widerstandes in den Palästinensischen Gebieten ist so alt wie die Besatzung selbst. Wenn man die sogenannte„Steadfastness“, also die Beharrlichkeit der palästinensischen Bevölkerung auch unter den widrigsten Bedingungen ihre Häuser im besetzten Gebiet nicht aufzugeben, als Gewaltlosen Widerstand begreift, dann ist dieser tatsächlich die bedeutendste Form des palästinensischen Widerstandes. Hinzu kommen die Streiks und Boykotte zu Beginn der Ersten Intifada. Anstelle des Gewaltlosen Widerstands sind es jedoch die Selbstmordanschläge und gewaltsamen Ausschreitungen der Folgejahre, die das Bild des Kampfes um den palästinensischen Staat eindrücklich geprägt haben und noch heute zu weiten Teilen bestimmen. Gerade in den letzten Jahren formieren sich Gruppierungen und Organisationen in der palästinensischen Gesellschaft, die dies verändern wollen. Unter ihrer Initiative erlebt der Gewaltlose Widerstand in den besetzten Gebieten einen neuen Aufschwung: Er hat nun viele verschiedene Formen angenommen und orientiert sich stärker an Vorbildern wie Mahatma Ghandi und Martin Luther King. Mit vielen Einzelaktionen wollen die Aktivisten des Gewaltlosen Widerstands die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das Schicksal der Palästinenser in den besetzten Gebieten lenken, wie zum Beispiel mit Hilfe des Protestschiffs Dignity, mit dem Friedensaktivisten 2008 mehrmals die Seeblockade des Gazastreifens durchbrachen.(1) Einen hohen Bekanntheitsgrad haben auch die Proteste in Bil’in erlangt. Jeden Freitag demonstrieren hier Aktivisten, Dorfbewohner und internationale Politikprominenz gegen den Verlauf der Sperranlage. Mahmoud Abbas hat diese Form des Protestes in seiner Eröffnungsrede zum 6. Generalkongress der Fatah im August 2009 als neues Vorbild für den palästinensischen Widerstand gepriesen.(2) 1. Gewaltloser Widerstand als Graswurzelbewegung Eine der Hauptorganisationsformen des Gewaltlosen Widerstandes in Palästina ist die Gründung von Volkskomitees in von der Besatzung besonders stark betroffenen Dörfern und Städten. Die Komitees bestehen aus gewählten Vertretern des Ortes, die oft schon vorher politisch aktiv sind oder eine besondere Stellung durch ihr Engagement in Parteien oder NGOs haben. Die Parteizugehörigkeit der Mitglieder spielt dabei keine Rolle, da die Volkskomitees keine bestimmte parteipolitische Richtung vertreten. Um die wachsende Anzahl von Volkskomitees miteinander zu vernetzen, bildeten sich im Laufe der Zeit Zusammenschlüsse auf Distrikt- und Gouvernerats-Ebene. Die für den Gewaltlosen Widerstand bekanntesten Orte sind Bil’in und Ni’lin.(3) Ihr Vorbild inspirierte Protestbewegungen in weiteren betroffenen Orten wie Umm Salamonah und Al Masra im Süden Bethlehems, An-Nauman in Jerusalem, Tulkarem, etc.(4) Aber auch in anderen Regionen der Westbank wird Gewaltloser Widerstand gegen die israelische Besatzung organisiert. 1.1 Freitagsdemonstrationen die Sperranlage gegen Vorbild für die Protestbewegungen sind die Ideen von Mahatma Ghandi und Martin Luther King. Der Mechanismus, der dieser Form des Widerstands zum Erfolg verhelfen soll, ist das Herstellen von internationaler Öffentlichkeit. Dabei ist die Design: eryfoto Seite 2 01. 2010 Zusammenarbeit mit israelischen und internationalen Organisationen eines der Charakteristika dieser Protestform. Meist beginnen die Demonstrationen nach dem Freitagsgebet in der Moschee. Ziel des Protestzuges ist die Sperranlage, gegen deren Verlauf sich der Protest richtet. Manchmal wird das Freitagsgebet auch direkt auf den von der Sperranlage betroffenen Feldern abgehalten.(5) Ihren Anfang nahmen diese Protestzüge 2004 in Bil’in. Vertreter verschiedener Organisationen und Parteien wurden in ein Volkskomitee gewählt und organisierten fortan Proteste,(6) Öffentlichkeitsarbeit sowie Kontakt zu israelischen und internationalen Friedensaktivisten. Durch medienwirksame Aktionen wie das Festketten an Olivenbäumen und das Abhalten von Protestkundgebungen auf Arabisch, Hebräisch und Englisch gelingt es den Organisatoren seit langem, immer wieder die notwendige Aufmerksamkeit der Medien zu erlangen. Einen wichtigen Beitrag hierzu leisten auch die Besuche bekannter palästinensischer und internationaler Persönlichkeiten. Zu ihnen gehörten in der Vergangenheit neben Parlamentsdelegationen auch die frühere Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Luisa Morgantini,(7) oder die so genannten„Ältesten“ – eine von Nelson Mandela gegründete Gruppe von ehemaligen Staatsführern, Intellektuellen, Friedens- und Menschenrechtsaktivisten, darunter Jimmy Carter, Desmond Tutu und Mary Robinson.(8) Zum fünften Jahrestag der Proteste in Bil’in nahmen schließlich auch Mitglieder des Palestinian Legislative Council(PLC) und Premierminister Salam Fayyad an den Demonstrationen teil.(9) Im September 2007 gab der Israelische Oberste Gerichtshof einer Klage des Volkskomitees Bil’in statt und ordnete eine Änderung des Verlaufs der Sperranlage an. Der Anweisung ist das israelische Militär bis heute nicht nachgekommen. Für sein Engagement im Gewaltlosen Widerstand wurde das Volkskomitee Bil’in 2008 in Berlin mit der Carl-von-Ossietzky Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte ausgezeichnet. Reaktionen Israels Die israelische Armee reagiert auf die Demonstrationen mit Tränengas- und Gummigeschossen und der Festnahme einzelner Teilnehmer. Trotz des ausdrücklichen Aufrufs zur Gewaltlosigkeit gibt es immer wieder – besonders junge – Demonstranten, die mit Steinen werfen(10) oder abgefeuerte Tränengasgeschosse zurück auf das israelische Militär schleudern.(11) Seit Beginn der Demonstrationen gab es insgesamt zwölf Todesopfer unter den Demonstranten. Meist sind es aus kurzer Distanz abgeschossene Gummigeschosse, die lebensgefährliche Verletzungen verursachen.(12) In manchen Fällen wird den Israeli Defense Forces(IDF) vorgeworfen, gezielt auf einzelne Menschen zu schießen. (13) Rani Burnat, einer der Protestteilnehmer von Bil’in, ist sich sicher, dass nur die Teilnahme von Israelis und internationalen Aktivisten die Palästinenser vor einer Eskalation der Gewalt schützt:„Die Armee fürchtet, mit Echtmunition zu schießen, wenn Juden und Fremde anwesend sind!“ (14) Verschiedene Konzepte wurden entwickelt, um gewalttätige Aktionen durch friedliche zu ersetzten. So werden z.B. Spiegel verwendet, um die Soldaten zu blenden.(15) Seit Juni 2009 gehen die israelischen Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten in Bil’in nicht nur während des Protestmarsches vor, sondern führen auch nächtliche Razzien durch, in denen sie Häuser von Demonstranten durchsuchen und führende Aktivisten verhaften.(16) Im letzten Jahr wurden mehrere prominente Aktivisten, darunter der Koordinator der„Stop Design: eryfoto Seite 3 01. 2010 the Wall Campaign“, Jamal Juma, verhaftet und in zum Teil mehrmonatiger Administrativhaft gehalten.(17) Zuletzt wurde am 10. Dezember 2009 Abdallah Abu Rahmeh, einer der führenden Köpfe des Komitees in Bil’in, sowie im Januar elf weitere Aktivisten und Einwohner von Ni’lin in Administrativhaft genommen.(18) Nach Aussage der Präsidentin der Internationalen Liga für Menschenrechte, Fanny-Michaela Reisin, haben die Versuche, die Proteste gewaltsam zu unterbinden, unter der Regierung Netanjahu zugenommen.(19) Die israelische Armee begründet ihr Vorgehen damit, dass die Demonstranten nicht nur mit Steinen werden, sondern Soldaten auch mit Molotow-Cocktails und brennenden Reifen angreifen. Hiermit haben die Demonstranten nach Armeeangaben seit 2008 ca. 170 Soldaten verletzt und an der Sperranlage einen Schaden von insgesamt 60.000 USD verursacht.(20) Salah Khawaja, einer der Mitorganisatoren des Widerstandes in Ni’lin und Mitglied der palästinensischen Partei Al-Mubadara, sieht trotz allem keine Alternative zum Gewaltlosen Widerstand. Er hofft, dass dieser eines Tages auch auf nationaler Ebene praktiziert wird. Bis dahin ist es nach der Ansicht von Khawaja allerdings noch ein weiter Weg:„Es ist wesentlich schwieriger Menschen davon zu überzeugen, an einem friedlichen Protest teilzunehmen als man denkt. Dafür braucht es viel Zeit und Aufklärungsarbeit.“(21) 1.2 Volkskomitees im Jordantal Im Jordantal im Osten der Westbank richten sich die Proteste gegen Hauszerstörungen oder fehlende Baugenehmigungen, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit sowie Verbote, das eigene landwirtschaftlich genutzte Land zu betreten.(22) Gerade in der Nähe von Siedlungen und Außenposten machen Siedlergewalt und israelische Sicherheitsmaßnahmen den Palästinensern das Leben schwer. Checkpoints verhindern, dass Kinder in die Schule kommen oder Kranke das nächste Krankenhaus erreichen. Hier organisieren Volkskomitees nicht nur Demonstrationen, sondern leiten auch Verfahren vor israelischen Gerichten in die Wege.(23) In Jiftlik wurde mit Unterstützung des Volkskomitees eine Zeltschule errichtet, nachdem wegen zahlreicher Straßen- und Ausgangssperren viele Kinder nicht mehr regelmäßig zur Schule gehen konnten. Nach zwei Jahren Protest erhielt die Dorfgemeinschaft nun die Genehmigung der israelischen Behörden, ein Schulgebäude zu bauen.(24) 1.3 Gewaltloser Widerstand in Jerusalem Auch in Jerusalem findet Gewaltloser Wi derstand statt, zum Beispiel in Wadi Hilwah im Stadtteil Silwan. Das Stadtviertel ist zum einen durch eine große Anzahl von„Demolition Orders“(Anordnung zum Abriss eines Hauses) bedroht,(25) zum anderen durch archäologische Ausgrabungen, mit denen die israelische Siedlergruppe Elad(kurz für El Ir David,„Zur Stadt Davids“) Teile der historischen Stadt Davids aus dem 10. und 11. Jahrhundert v. Chr. zu Tage zu legen hofft.(26) Um der schrittweisen Zerstörung der Struktur des Stadtteils entgegenzuwirken, wurde ein Gemeinschaftszentrum gegründet, in dem Workshops zum Gewaltlosern Widerstand angeboten werden.(27) Daneben wurde ein Informationszentrum eingerichtet, das Touristen über die Auswirkungen der archäologischen Grabungen auf die Gebäudestruktur informiert.(28) Design: eryfoto Seite 4 01. 2010 2. Unterstützung des Widerstandes durch NGOs 2.1 Boykottbewegung Die„Boycott, Divestment and Sanctions” Kampagne(BDS) begann 2005 mit einem öffentlichen, von über 170 palästinensische Organisationen unterzeichneten Boykottaufruf gegen israelische Produkte. Beteiligt sind nicht nur Organisationen in den besetzten Gebieten, auch Organisationen von Palästinensern im Ausland und zahlreiche israelische Organisationen wie das Israeli Committee Against House Demolitions(ICAHD), Anarchists Against the Wall, die Shministim, Combatans for Peace und viele weitere unterstützen die Aktion.(29) Die Kampagne professionalisierte sich zusehends, als der Boykottaufruf auf Unterstützung in der palästinensischen Gesellschaft traf. Im November 2007 fand die erste Konferenz zum Thema statt und das BDS National Committee wurde gegründet, das seither die Kampagne koordiniert und zudem versucht, internationale Unterstützung für den Boykott zu erlangen. Hauptsächliches Ziel der Kampagne ist es, Israel durch Absatzeinbußen zu einem Ende der Besatzung zu bewegen. Die BDS-Organisatoren ziehen hierbei den Vergleich mit dem südafrikanischen Apartheidregime,(30) das erfolgreich durch einen Boykott geschwächt wurde.(31) Gleichzeitig sollen über den Kauf lokaler Produkte der heimische Markt gestärkt (32) und Arbeitsplätze in den Palästinensischen Gebieten geschaffen werden.(33) Mit ihrer„Global Edition“ versucht die BDS Kampagne Druck auf Firmen und Institutionen in aller Welt auszuüben, die ihrer Meinung nach die Besatzung unterstützen. Hierzu zählen Universitäten, deren Dozenten mit dem in der Westbank-Siedlung Ariel gelegenen University Center of Samaria(34) kooperieren oder Firmen, die am Bau von Siedlungen, Sperranlage oder der umstrittenen Jerusalemer Straβenbahn, mit der die Siedlungsgebiete an die Innenstadt angeschlossen werden sollen, beteiligt sind.(35) Internationale Aufmerksamkeit erlangte die Kampagne durch die Forderung nach einem akademischen Boykott israelischer Universitäten. Dem Aufruf folgte 2005 die britische Association of University Teachers(AUT) und löste damit eine weltweite Debatte aus. Nach großen Protesten wurde der Boykott wenig später beendet.(36) Die Idee bleibt in Großbritannien jedoch weiter präsent: Die British Trade Union entschied sich 2009 ebenfalls für einen Boykott israelischer Produkte, der bislang nicht eingestellt wurde.(37) 2.2„Stop the Wall Campaign” Insgesamt 54 Volkskomitees sowie diverse palästinensische NGOs und Gewerkschaften sind in der„Stop the Wall Campaign“ organisiert. Sie schafft eine Verbindung zwischen den verschiedenen lokalen Protestbewegungen auf nationaler Ebene. „Stop the Wall“ wurde im Jahr 2002 als Reaktion auf die Forderung des Palestinian Environmental NGOs Network(PENGON) nach einer auf breiter Basis organisierten Kampagne gegen den Bau der Sperranlage gegründet.(38) Heute unterstützt die Kampagne weit mehr als nur den Widerstand gegen die Sperranlage und zählt unter anderem zu den Befürwortern der BDS-Kampagne.(39) Die Arbeit der Kampagne besteht zum einen in der Unterstützung der Volkskomitees bei ihrer Arbeit vor Ort, vor allem aber in der Unterstützung ihrer Öffentlichkeitsarbeit über die Herausgabe von Infomaterial über die Auswirkungen der Sperranlage und über den Gewaltlosen Widerstand. (40) Die Zuständigkeit für Logistik und Ausstattung rotiert jährlich unter den MitDesign: eryfoto Seite 5 01. 2010 gliedsorganisationen.(41) 3. Parteien 3.1 Al-Mubadara Al-Mubadara, die Palästinensische Nationale Initiative, ist die einzige Partei Palästinas, die den Gewaltlosen Widerstand offiziell in ihr Parteiprogramm(42) aufge nommen hat. Viele ihrer Mitglieder sind in den verschiedenen lokalen Protestaktionen und Bewegungen aktiv.(43) Zudem ist die Partei Mitglied in dem neu gegründeten „Arab Non-Violent Resistance Network“, in dem Organisationen aus dem Irak, Libanon, Syrien, Jordanien und Palästina vertreten sind.(44) Al-Mubadara möchte auf nationaler Ebene eine ideelle und politische Führungsrolle in der Bewegung des Gewaltlosen Widerstands einnehmen.(45) Die Präsenz des Al-Mubadara Generalsekretärs Mustafa Barghouti in internationalen Medien kann dabei der Wahrnehmung der palästinensischen Proteste über die Landesgrenzen hinweg dienen. Die Arbeit der Partei bezieht sich auf diesem Gebiet vor allem auf die Verbreitung der Idee des Gewaltlosen Widerstands durch politische Arbeit; eigene Protestveranstaltungen werden eher selten organisiert. Daneben unterstützt Al-Mubadara die BDS-Kampagne durch Informationsmaterial.(46) Gewaltloser Widerstand im Verständnis der Al-Mubadara schließt nicht nur öffentlichkeitswirksame Protestaktionen mit ein, sondern auch die Weigerung,„das eigene Haus“, also die Heimat zu verlassen. In Reaktion auf Checkpoints und Straβensperren, die Bewegungsfreiheit und Zugang der Palästinenser zu Gesundheitsund Bildungseinrichtungen einschränken, unterstützt Al-Mubadara eine alternative Versorgung der Bevölkerung durch mobile Krankenstationen oder Schulen in Zelten und Privaträumen.(47) Diese Form des Widerstandes liefert nicht nur einen konstruktiven Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation der Bevölkerung, sie soll auch deren Zusammenhalt fördern und gibt Gelegenheit, breitere Bevölkerungsgruppen für den Gewaltlosen Widerstand zu gewinnen. Dr. Mustafa Barghouti, Generalsekretär der Al-Mubadara, nennt vier Punkte, die er für Voraussetzungen einer erfolgreichen Strategie des Gewaltlosen Widerstands hält: 1. die Formierung des Gewaltlosen Widerstandes als Massenbewegung 2. die Unterstützung der Bevölkerung im Alltagsleben, um ihr Kraft und Ausdauer im Widerstand zu geben 3. eine große internationale Solidaritätsbewegung 4. eine geeinte Führung.(48) Neben der moralischen Ablehnung von Gewalt und der Hoffnung auf größere Effektivität des Gewaltlosen Widerstandes sieht Barghouti in dieser Form des Widerstandes den Vorteil, dass er als Grasswurzelbewegung nicht nur von politischen oder bewaffneten Eliten, sondern von allen Bewohnern Palästinas mitgetragen werden kann.(49) Den Gewaltlosen Widerstand versteht er damit auch als eine Form der Emanzipation der Bevölkerung und als einen Beitrag zur Demokratisierung der palästinensischen Gesellschaft. Die Al-Mubadara ist aber trotz ihres großen Engagements und der Prominenz ihres Generalsekretärs noch weit entfernt davon, die politische Führung des Gewaltlosen Widerstandes zu übernehmen. Aufgrund seiner Graswurzel-Organisationsform lässt sich der Gewaltlose Widerstand schwer durch eine einzelne Organisation oder Partei zu einer gemeinsamen Position vereinen. Design: eryfoto Seite 6 01. 2010 3.2 Fatah An den verschiedenen Protestaktionen und Volkskomitees sind auf lokaler Ebene auch Fatahanhänger beteiligt. Die Fatah als Partei hat jedoch keine offizielle Position zum Gewaltlosen Widerstand und somit auch kein konkretes Konzept zu dessen Förderung. Allerdings wurde auf dem 6. Generalkongress der Fatah im August 2009 in Bethlehem deutlich, dass die Bedeutung des Gewaltlosen Widerstandes auch für die Fatah wächst. Mahmoud Abbas betonte, dass das Völkerrecht dem palästinensischen Volk ein Widerstandsrecht zuspreche und die Fatah sich darum neben dem Weg der Verhandlungen auch völkerrechtlich legitimierten Widerstand vorbehalte. Als Beispiel für einen solchen Widerstand nannte Abbas explizit den Gewaltlosen Widerstand in Bil’in und verwies auf die große internationale und israelische Unterstützung, die Bil’in hierfür erhält.(50) Abbas’ Würdigung des Rechts der Palästinenser auf Widerstand ist dabei kein ausdrückliches Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit. Den bewaffneten Widerstand will Abbas nicht explizit ausschlieβen,(51) und eine völlige Abkehr vom bewaffneten Widerstand ist der Fatah als Massenbewegung, die auch radikale Anhänger mit einbeziehen muss, seiner Ansicht nach nur unter Hinnahme einer Spaltung der Bewegung in zwei Lager möglich. Andererseits will die Fatah die wachsende Bewegung des Gewaltlosen Widerstands nicht völlig an die Opposition verlieren. Schließlich ist die Fatah hauptsächlich eine Befreiungsbewegung und sieht sich, wie Abbas auch in seiner Rede betonte, als„Wächter über das palästinensische Volk auf seinem Weg zu Freiheit und Unabhängigkeit“.(52) Ob die Fatah in Zukunft eine bedeutendere Rolle im Gewaltlosen Widerstand einnehmen wird, bleibt abzuwarten. Auf ein zukünftig stärkeres Engagement deutet der kürzlich gefasste Beschluss der Fatah, bei jeder Freitagsdemonstration mit einem Mitglied des Zentralkomitees vertreten zu sein. 4. Fazit Der palästinensische Gewaltlose Widerstand kennt zwei Formen. Die eine ist die lange gepflegte„Steadfastness“, die oft außerhalb Palästinas nicht als Mittel des Widerstands verstanden wird. Die Unterstützung der unter der Besatzung leidenden Bevölkerung als Element des Gewaltlosen Widerstands findet zwar weitgehend unbeachtet von Massenmedien statt, ist aber ein äußerst effektiver und bedeutender Aspekt des Widerstands, weil er die Situation der Palästinenser konkret verbessert. Die zweite Form des Gewaltlosen Widerstandes besteht aus öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Demonstrationen im Rahmen einer Graswurzelbewegung. Der Erfolg dieser zweiten Form misst sich an der internationalen Medienpräsenz und dem Kooperationsgrad mit israelischen und internationalen Aktivisten. Die prinzipielle Gewaltlosigkeit, zu der sich die Widerstands-Aktivisten bekennen, birgt ein hohes Erfolgpotenzial, wenn sie kompromisslos umgesetzt wird, weil sie dann mit der Sicherheitslogik des israelischen Militärs bricht. Die Antwort der IDF auf gewaltfreie Demonstrationen in Form von Tränengas und Gummigeschossen zeichnet ein Bild, das in der weiteren internationalen Gemeinschaft auf Unverständnis trifft und Sympathien mit den Demonstranten weckt. Der israelische Sicherheitsapparat scheint sich dieser Gefahr bewusst und hat in den letzten Wochen und Monaten die Schrauben im Umgang mit palästinensischen und internationalen Aktivisten merklich angezogen. Mehrere Verhaftungen und Ausweisungen haben harsche Kritik bei internationalen Design: eryfoto Seite 7 01. 2010 Medien und diplomatischen Vertretungen vor Ort am Vorgehen der israelischen Regierung geerntet. Die Reaktionen in der israelischen Öffentlichkeit sind dagegen verhalten, da der Gewaltfreie Widerstand der Palästinenser auβerhalb des Lagers linker Friedensaktivisten kaum bekannt ist. Langfristig wird Israel trotzdem zu einem Umdenken im Umgang mit dem Gewaltlosen Widerstand kommen müssen, denn auch wenn der Gewaltlose Widerstand bislang nicht zu einer Massenbewegung geworden ist, so hat er doch das Potenzial, die Bemühungen der Palästinenser im Streben nach einem eigenen Staat zu bündeln. Endnoten (1) Barak Ravid: Protest boat arrives in Gaza, despite Israel‘s vow to block it. Haaretz 29.10.08 http://www.haaretz.com/ hasen/spages/1032525.html aufgerufen am 04.03.2010 Zeina Karam: Gaza Protest Boat Sails Into Lebanon. Associated Press 30.12.2008 http://www.washingtontimes.com/ news/2008/dec/30/gaza-protest-boatsails-lebanon/ aufgerufen am 04.03.2010 (2) Richard Boudreaux: Mahmoud Abbas opens Fatah’s first congress in 20 years. LA Times 05.082009 http://www.latimes. com/news/nationworld/world/la-fg-palestinians-fatah5-2009aug05,0,2595116. story aufgerufen am 04.03.2010 (3) Palestine Monitor fact sheet: Non-violent resistance. http://www.palestinemonitor.org/spip/spip.php?article49 aufgerufen am 04.03.2010 (4) Kirsten Sutherland:„Successful Palestine National Initiative(PNI) Conference Affirms Popular Non-Violent Resistance as National Strategy to End Israeli Occupation and Apartheid“. http://www.innatenonviolence.org/ readings/2008_03.shtml aufgerufen am 04.03.2010 (5) Rory McCarthy: We have no alternative than peaceful protest. The Guardian 08.12.2008 http://www. guardian.co.uk/world/2008/jul/08/israelandthepalestinians.middleeast aufgerufen am 04.03.2010 (6) Philipp Holtmann:„Wir brauchen den friedlichen Widerstand“ Neue Rheinische Zeitung 09.12.2008 http://www.nrhz.de/flyer/beitrag. php?id=13238 aufgerufen am 04.03.2010 (7) Rebecca Hillauer: Gewaltloser palästinensischer Widerstand. Deutsche Welle 07.09.2009 http://www.dw-world.de/dw/ article/0,,4643124,00.html aufgerufen am 04.03.2010 (8) Ethan Bronner: In Village, Palestinians See Model for Their Cause. New York Times 27.08.2009 http:// www.nytimes.com/2009/08/28/world/ middleeast/28bilin.html?_r=1 aufgerufen am 04.03.2010 (9) Fourth Anniversary of Bil’in’s Struggle against the Wall Homepage des Bil’in popular committee http://www.bilin-village. org/english/articles/testimonies/FourthAnniversary-of-Bilin-s-Struggle-againstthe-Wall aufgerufen am 04.03.2010 (10) Heather Sharp: Bilin marks five years of West Bank barrier protest. BBC News 19.02.2010 http://news.bbc.co.uk/2/hi/8523221.stm aufgerufen am 04.03.2010 (11) Interview mit Salah Khawaja in Ramallah am 26.10.2009 (12) Stop the Wall Campaign: Bil’in tears down the Wall as protests spread across the West Bank. 21.02.2010 http://stopthewall.org/latestnews/2181.shtml aufgerufen am 04.03.2010 (13) IDF filmed aiming tear gas at AlJazeera reporter in West Bank. Haaretz 05.09.2009 http://www.haaretz.com/hasen/spages/1112501.html aufgerufen am 04.03.2010 Design: eryfoto Seite 8 01. 2010 (14) zitiert nach: Philipp Holtmann:„Wir brauchen den friedlichen Widerstand“ Neue Rheinische Zeitung 09.12.2008 http:// www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13238 aufgerufen am 04.03.2010 (15) Rory McCarthy„We have no alternative than peaceful protest” The Guardian 08.07.2008 http://www.guardian.co.uk/world/2008/ jul/08/israelandthepalestinians.middleeast aufgerufen am 04.03.2010 (16) B’tselem:„August 2009: Night arrests in Bil‘in” http://www.btselem.org/ english/separation_barrier/20090818_ night_arrests_in_bilin.asp aufgerufen am 04.03.2010 (17) Amnesty International:„Palestinian activist Jamal Juma’ freed“ http://www.amnesty.org/en/news-andupdates/news/palestinian-activist-jamaljuma%27-freed-20100113 aufgerufen am04.03.2010 (18) Bil’in Village:„Support Bil’in amidst the ongoing Israeli arrest and intimidation campaign” http://www.bilin-village.org/english/activities-and-support/Support-Bilin-amidstthe-ongoing-Israeli-arrest-and-intimidation-campaign aufgerufen am 04.03.2010 (19) Rebecca Hillauer: Gewaltloser palästinensischer Widerstand. Deutsche Welle 07.09.2009 http://www.dw-world.de/dw/ article/0,,4643124,00.html aufgerufen am 04.03.2010 (20) Ethan Bronner: In Village, Palestinians See Model for Their Cause. New York Times 27.09.2009 http:// www.nytimes.com/2009/08/28/world/ middleeast/28bilin.html?_r=1 aufgerufen am 04.03.2010 (21) Salah Khawaja zitiert nach: Rory McCarthy:„We have no alternative than peaceful protest.” The Guardian 08.07.2008 http://www.guardian.co.uk/world/2008/ jul/08/israelandthepalestinians.middleeast aufgerufen am 04.03.2010 (22) International Womens Peace Service:„Continued nonviolent resistance in the Jordan Valley.” House report No. 124 22.07.2008 http://www.iwps-pal.org/en/articles/ article.php?id=1176 aufgerufen am 04.03.2010 (23) The Palestine Monitor 29.12.2007 http://www.palestinemonitor.org/spip/ spip.php?article222 aufgerufen am 04.03.2010 (24) Ebd. (25) Dr. Mustafa Barghouthi MP:„What we, Palestinians, need.” Palestinian National Initiative 20.08.2009 http://www.almubadara.org/new/edetails.php?id=5981 aufgerufen am 04.03.2010 (26) Einen ausführlichen Bericht zur Lage in Silwan gibt die israelische NGO Ir Amim: http://www.ir-amim.org.il/Eng/_Uploads/ dbsAttachedFiles/Silwanreporteng.pdf aufgerufen am 09.03.2010 (27) Homepage des Gemeinschaftszentrums Silwan: http://www.madaasilwan. org/index.php aufgerufen am 04.03.2010 (28) Homepage Wadi Hilwah Information Center: http://silwanic.net/ aufgerufen am 04.03.2010 (29) Homepage des BDS movement: http:// www.bdsmovement.net/?q=node/126 aufgerufen am 04.03.2010 (30) Ebd. (31) Kathleen C. Schwartzman:„Can Boycotts Transform Political Systems? The Cases of Cuba and South Africa” Latin American Politics and Society, 2001, S. 134 (32) Dr. Mustafa Barghouthi MP:„What we, Palestinians, need.” Palestinian National Initiative 20.08.2009 http://www.almubadara.org/new/edetails.php?id=5981 aufgerufen am 04.03.2010 (33) Interview mit Salah Khawaja in Ramallah am 26.10.2009 (34) Homepage des Ariel University CenDesign: eryfoto Seite 9 01. 2010 ter of Samaria: http://www.ariel.ac.il/ site/portals/english/ aufgerufen am 10.03.2010 (35) Homepage des BDS Movement: http://www.bdsmovement.net/ aufgerufen am 04.03.2010 (36)„Academics back Israeli boycotts” BBC news 22.04.2005 http://news.bbc. co.uk/2/hi/uk_news/education/4472169. stm aufgerufen am 04.03.2010 (37) Jonny Paul:„British trade unions to boycott Israeli goods” Jerusalem Post 18.09.2009 http://www.jpost.com/International/Article.aspx?id=155331 aufgerufen am 04.03.2010 (38) Homepage der Stop the Wall Campaign: The Campaign: Introduction. http://stopthewall.org/news/1.shtml aufgerufen am 04.03.2010 (39) Homepage der Stop the Wall Campaign: Boycott Section. http://stopthewall.org/news/boycot.shtml aufgerufen am 04.03.2010 (40) Anm. http://www.stopthewall.org auf Arabisch, Englisch, Spanisch, Deutsch aufgerufen am 04.03.2010 (41) Dieses Jahr zuständig für die Kampagne sind: Popular Committees of Jenin, Tulkarem, Qalqiliya, Ramallah, NorthWest Jerusalem, East Jerusalem, Bethlehem, Jordan Valley; Union of Health Work Committees(UHWC), Union of Palestinian Medical Relief Committees(UPMRC), Palestinian Association for Cultural Exchange (PACE), Union of Agricultural Work Committees(UAWC), Palestinian Farmers Union, Palestinian Agricultural Relief Committees(PARC), Palestinian Hydrology Group(PHG), Ma’an Development Center (MA’AN), YMCA/YWCA, Jerusalem Center for Legal Aid, Land Research Center (LRC). (42) Parteiprogramm der Palästinensischen Nationalen Initiative(Al-Mubadara) http://www.almubadara.org/new_web/ articles/bPNIdoc.htm aufgerufen am 10.03.2010 Bsp für Gewaltfreien Widerstand nennt Dr. Mustafa Barghouthi auch in What we, Palestinians, need. Palestinian National Initiative 20.08.2009 http://www.almubadara.org/new/ edetails.php?id=5981 aufgerufen am 10.03.2010 (43) Bsp zu finden in: Al Mubadara lea ders arrested during non-violent demonstration. The Palestine Monitor 12.08.2009 http://www.palestinemonitor.org/spip/ spip.php?article634 aufgerufen am 04.03.2010; Rory McCarthy ‚We have no alternative than peaceful protest‘ … The Guardian 08.07.2008 http://www. guardian.co.uk/world/2008/jul/08/israelandthepalestinians.middleeast aufgerufen am 04.03.2010 (44) Successful PNI Conference Affirms Popular Non-Violent Resistance as National Strategy The Palestine Monitor 29.12.2007 http:// w w w. p a l e s t i n e m o n i t o r. o r g/ s p i p/ s p i p. php?article222 aufgerufen am 04.03.2010 (45) Kirsten Sutherland:“Successful Palestine National Initiative(PNI) Conference Affirms Popular Non-Violent Resistance as National Strategy to End Israeli Occupation and Apartheid” http://www.innatenonviolence.org/ readings/2008_03.shtml aufgerufen am 04.03.2010 (46) Interview mit Salah Khawaja in Ramallah 26.10.2009 (47) Ebd. (48) Ignacio Ramonet:« Un entretien avec le leader palestinien Moustapha Barghouti - Pour une résistance de masse non-violente contre Israël» Le Monde diplomatique 09.05.2008 http://www.monde-diplomatique.fr/ carnet/2008-05-09-Moustapha-Barghouti aufgerufen am 04.03.2010 (49) Dr. Mustafa Barghouthi MP: What we, Design: eryfoto Seite 10 Palestinians, need. Palestinian National Initiative 20.08.2009 http://www.almubadara.org/new/edetails.php?id=5981 aufgerufen am 10.03.2010 (50) Bethlehem hosts Fatah first confe rence in the homeland: President Abbas: “We seek to achieve peace…but resistance will remain one of our options.” Übersetzung eines Artikels aus al-Hayat al-Jadida durch das Jerusalem Media and Communication Centre(JMCC) im Nachrichtenüberblick„Daily“ vom 5. August (51) Richard Boudreaux:“Mahmoud Abbas opens Fatah’s first congress in 20 years” LA Times 05.08.2009 http://www.latimes. com/news/nationworld/world/la-fg-palestinians-fatah5-2009aug05,0,2595116. story aufgerufen am 04.03.2010 (52) Bethlehem hosts Fatah first confe rence in the homeland: President Abbas: “We seek to achieve peace…but resistance will remain one of our options.” Übersetzung eines Artikels aus al-Hayat al-Jadida durch das Jerusalem Media and Communication Centre(JMCC) im Nachrichtenüberblick„Daily“ vom 5. August 01. 2010 Design: eryfoto Seite 11