01.2012 Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Friedrich-Ebert-Stiftung, unser Newsletter Checkpunkt 01.12 widmet sich aus aktuellem Anlass dem Grenzübergang Rafah, der als einziger Grenzpunkt den Gazastreifen mit Ägypten verbindet. Seit der Wahl des Muslimbruders Muhammad Mursi zum neuen ägyptischen Präsidenten hoffen die Menschen im Gazastreifen auf eine Verbesserung der Versorgungslage durch eine Öffnung dieses Grenzübergangs. Hatten sich in den letzten Tagen die Anzeichen verdichtet, dass es in der Tat zu einer Erleichterung des Personen- und Warenverkehrs kommen könnte, so haben die aktuellen Ereignisse zunächst zu einer Schließung der Grenze geführt: Infolge des Anschlags auf dem Sinai am 5. August in der Nähe des Grenzübergangs Kerem Shalom am südlichen Ende der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen, bei dem 16 ägyptische Soldaten ums Leben kamen, ist das Gebiet gegenwärtig vollständig abgeriegelt. Ägypten hat den Grenzübergang Rafah geschlossen, währen die Hamas die Schließung der Tunnel veranlasst und die Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft versetzt hat. Es wird gemutmaßt, dass es sich bei den Angreifern um militante Islamisten handelte, die sowohl aus dem Gazastreifen als auch aus Ägypten stammen könnten. Nicht nur die Sicherheitslage auf dem Sinai, auch andere inner-palästinensische, israelische und internationale Faktoren beeinflussen die Öffnung des Gazastreifens nach Ägypten. Hintergründe beleuchtet der aktuelle Newsletter. Eine interessante Lektüre wünscht Ingrid Ross Direktorin des Büros der Friedrich-EbertStiftung in den Palästinensischen Gebieten Rafah – Tor zur Freiheit? Die Revolution in Ägypten und insbesondere die Wahl des Kandidaten der Muslimbrüder, Muhammad Mursis, zum ägyptischen Präsidenten haben im von der Hamas kontrollierten Gazastreifen große Hoffnungen geweckt. Die Lebensbedingungen der Bevölkerung dort sind durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der israelischen Blockadepolitik geprägt. Seit die Hamas im Jahr 2007 gewaltsam die Macht übernahm, ist der Gazastreifen international isoliert. Diese Blockade wurde auch von Ägyptens ehemaligem Präsidenten Hosni Mubarak mitgetragen. Doch seit dem Machtwechsel am Nil hegt die Bevölkerung ebenso wie die politische Führung im Gazastreifen die Hoffnung, der Grenzübergang in Rafah könne vollständig geöffnet werden und als Lebensader des Gebiets dienen. Erste Gespräche zwischen dem Chef der Hamas-Regierung in Gaza, Ismail Haniyeh, und Präsident Mursi thematisierten Möglichkeiten der Erleichterungen des Handels und Personenverkehrs. Nur wenigen Personen aus dem Gazasreifen ist es seit Beginn der Blockade gestattet, das Gebiet nach Israel zu verlassen. Der offizielle Warenverkehr mit Israel beschränkt sich seither hauptsächlich auf humanitäre Güter und Lebensmittel. Angesichts des Mangels an Waren, die für den physischen und wirtschaftlichen WiederDesign: eryfoto Seite 1 01.2012 aufbau nach der Zerstörung während des Gaza-Kriegs 2008/09 sowie das tägliche Leben benötigt werden, floriert mittler weile eine rege Tunnelwirtschaft zwischen dem Gazastreifen und Ägypten. Wie sensibel das Thema der Öffnung hin zu Ägypten ist, wurde deutlich, als in diesem Zusammenhang eine Meldung erschien, die Hamas zöge in Erwägung, den Gazastreifen zur eigenen politischen Einheit („separate entity“) zu erklären. 1 HamasPolitiker Mahmud Zahhar dementierte diese Nachricht umgehend und vehement. Doch die Befürchtungen sind groß, dass eine tiefere wirtschaftliche Integration des Gebietes mit Ägypten die Perspektive für eine Zwei-Staaten-Lösung weiter untergraben würde, in der die Westbank, OstJerusalem und der Gazastreifen sollten das Territorium eines palästinensischen Staates bilden. Der Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und Gaza In diesem Zusammenhang ist der Grenzübergang Rafah in den Fokus der Diskussionen geraten. Im Folgenden werden die bisherige Funktionsweise des Grenzübergangs beleuchtet und zukünftige Perspektiven diskutiert. Dabei steht fest, dass eine Erleichterung des Handels und Personenverkehrs mit Ägypten Israel nicht aus der Verantwortung als Besatzungsmacht entlassen darf. Für das Schicksal der 1,7 Millionen Menschen im Gazastreifen ist letztlich noch immer Israel verantwortlich. Die internationale Gemeinschaft darf nicht müde werden, an diese Pflicht zu appel lieren. Eröffnung infolge des Sinai-Abzugs, Erste Intifada und Oslo-Prozess Israel kontrollierte den Grenzübergang seit der Einrichtung in seiner heutigen Form infolge des im April 1982 abgeschlossenen Rückzugs des israelischen Militärs vom Sinai zunächst vollständig. Entlang der ägyptischen Grenze unterhielt die israelische Armee den sogenannten PhiladelphiKorridor, eine schmale Pufferzone in der die Soldaten den Personen- und Güterverkehr zwischen Ägypten und Gaza regulierten. Bis 1991 wurden Ausreisen in der Regel ohne größere Probleme genehmigt. Im Zuge der Ersten Intifada wurde die Praxis am Grenzübergang dann restriktiver 2 : Von nun an erfuhren Reisende erst bei Ankunft am Grenzübergang, ob sie eine Ausreiseerlaubnis erhielten oder ob man ihnen die Ausreise auf Grund von Sicherheitsbedenken ohne genauere Erklärungen verwehrte. Das Inkrafttreten des Kairo-Abkommens im Jahr 1994 im Rahmen des Oslo-Prozesses beendete die Kontrollhoheit Israels über Rafah nicht und brachte keine substantiellen Erleichterungen für Reisende mit sich. Zwar sah das Abkommen eine gemeinsame israelisch-palästinensische Verwaltung des Rafah-Grenzübergangs vor, jedoch bestand diese in der zusätzlichen Anwesenheit palästinensischer Sicherheitskräfte ohne tatsächliche eigene Kompetenzen. Die Kontrolle des Grenzübergangs lag weiterhin vollständig beim israelischen Militär. 3 Nichtsdestotrotz war der Rafah-Übergang bis September 2000 fast durchgehend geöffnet. Bis zu 1.500 Palästinenser überquerten ihn täglich in beide Richtungen. 4 Design: eryfoto Seite 2 01.2012 Der Ausbruch der Zweiten Intifada Der Ausbruch der Zweiten Intifada führte zu einem drastischen Rückgang des Personenverkehrs um mehr als die Hälfte auf durchschnittlich 600 Überquerungen pro Tag. Am 17. Januar 2001 übernahm das israelische Militär schließlich wieder die alleinige Kontrolle über den Grenzübergang und hinderte das palästinensische Grenzpersonal am Betreten des Terminals. In Folge dessen wurde Rafah in regelmäßigen Abständen vollständig geschlossen, während an den meisten Tagen die Öffnungszeiten von 24 auf sieben Stunden reduziert wurden. 5 Periodisch verbot das israelische Militär die Ausreise aller Palästinenser im Alter zwischen 16 und 35 Jahren. Dies schloss auch Personen ein, die medizinischer Behandlung bedurften. 6 Gleichzeitig verschärfte die ägyptische Regierung die Einreisebedingungen, indem sie eine allgemeine Visumpflicht für Palä stinenser einführte. Der Großteil der damals über eine Million Bewohner des Gazastreifens sah sich im Zuge dessen einer zunehmenden Abschottung ausgesetzt, da die Checkpoints nach Israel ausschließlich für eine geringe Zahl von medizinischen Notfällen und Arbeitern geöffnet waren. 7 Erst das Ende der Intifada und der Abzug israelischer Siedler aus Gaza im Jahr 2005 brachte eine Lockerung der Reiserestriktionen mit sich. Das Agreement on Movement and Access Festgehalten wurden die angestrebten Reiseerleichterungen im Agreement on Movement and Access(AMA), das Israel und die Palästinensische Autonomiebehörde(PA) unter Vermittlung der USA aushandelten und am 15. November 2005 unterzeichneten. Das von der damaligen US-Außenministerin Condoleezza Rice proklamierte Ziel des AMA, den Rafah-Checkpoint unter ägyptisch-palästinensische Kontrolle zu stellen, 8 konnte indes durch das Abkommen nicht erreicht werden. Zwar wurde die physische Präsenz des israelischen Militärs am Rafah-Übergang beendet, es behielt jedoch indirekt über die Koordinierung mit den PA-Grenzschützern weiterhin die Kontrolle über die Vergabe von Einund Ausreisegenehmigungen und war befugt, nach eigenem Ermessen die vorübergehende Schließung des Grenzübergangs anzuordnen. 9 Durch eine neu installierte Videoüberwachungsanlage konnte sich das israelische Militär zudem jederzeit einen umfassenden Überblick der Situation am Grenzübergang verschaffen. Straße im Niemandsland zwischen Kerem Shalom und Rafah Um die Implementierung des AMA zu unterstützen, wurde die European Union Border Assistance Mission(EUBAM) in Rafah eingerichtet. Das Mandat der europäischen Grenzschützer beschränkte sich auf die Observierung des Grenzverkehrs und beinhaltete keinerlei Mitspracherechte bezüglich der Öffnung und Schließung sowie der Erteilung von Ein- und Ausreisegenehmigungen. In dieser Phase(November 2005 bis Juni 2007) stieg die Anzahl der Grenzüberquerungen in Rafah wieder auf durchschnittlich 1.500 Personen täglich. 10 Für den Güterverkehr hingegen wurde Rafah gemäß des AMA geschlossen. 11 Von nun an beschränkte sich der Import und Export von Waren ganz auf die fünf Grenzübergänge mit Israel, was im Ergebnis zu einer vollständigen Kontrolle Israels über die Wirtschaft des Küstenstreifens führte. Design: eryfoto Seite 3 01.2012 Hamas-Herrschaft und Gaza-Blockade Ab 2006 verschlechterte sich die Situation in Rafah mit Blick auf die Reisefreiheit erneut erheblich. Rund fünf Monate nach dem Sieg der islamistischen Hamas in den freien und fairen Parlamentswahlen zu Beginn des Jahres, verschleppten palästinensische Extremisten den israelischen Soldaten Gilad Schalit in den Gazastreifen. Während der elfeinhalb Monate nach der Schalit-Entführung am 25. Juni 2006 war der Rafah-Grenzübergang an 265 Tagen vollständig geschlossen. 12 Tunnelbereich im Grenzgebiet Infolge der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen suspendierte Israel das AMA am 9. Juni 2007 offiziell, da es sich bei der Hamas nicht um eine Vertragspartei des Abkommens handele. Die Arbeit der EUBAM ist seither aufgrund von Sicherheitsbedenken ausgesetzt. Im September desselben Jahres erklärte die israelische Regierung den Gazastreifen dann zum„feindlichen Gebiet“. 13 Dieser Schritt markiert den Beginn der bis heute anhaltenden umfassenden Blockade des Küstenstreifens, von dem zunächst auch der Rafah-Grenzübergang betroffen war und die zu einem weitgehenden wirtschaftlichen Zusammenbruch sowie einer kritischen humanitären Situation in Gaza führte. Mitgetragen wurde die Blockadepolitik vom ehemaligen ägyptischen Diktator Hosni Mubarak, der die Muslimbruderschaft im eigenen Land als Gefahr für seine Macht ansah und im Einklang mit der internationalen Gemeinschaft die Hamas-Regierung als illegitim betrachtete. Er verlegte die ägyptische Botschaft von Gaza nach Ramallah und hielt den Rafah-Grenzübergang von ägyptischer Seite geschlossen. 14 Anfang 2008 wurde ein Teil der Grenzbefestigungsanlagen in Rafah von militanten Palästinensern zerstört. In der Folge überquerten rund 350.000 Anwohner des Gazastreifens die Grenze, um sich auf der ägyptischen Seite mit Nahrungsmitteln, Treibstoff und anderen Gütern einzudecken, die aufgrund der Blockade in Gaza knapp geworden oder nicht mehr vorhanden waren. Es dauerte mehrere Tage, bis die Situation wieder unter Kontrolle war. 15 Zwar hatte dieses Ereignis nur eine sehr kurzfristige Verbesserung der Verfügbarkeit von Waren in Gaza zur Folge, die Blockade wurde jedoch auch zunehmend durch eine florierende Tunnelwirtschaft untergra ben: Hunderte unterirdische Gänge verbinden Gaza im Grenzgebiet nahe Rafah mit ägyptischem Gebiet. Bis heute gelangen auf diese Weise Waren in den weitgehend abgeschotteten Küstenstreifen. Die Tunnelwirtschaft stellt einen bedeutenden Bestandteil der Ökonomie Gazas dar, von der indes nur eine kleine Schicht der Gesellschaft im Gazastreifen profitiert. Spätestens seit dem Krieg von 2008/2009 (Operation Cast Lead) überwacht die Defacto Regierung die Arbeit in den Tunneln. So werden bspw. Quantität und Qualität der Waren von Hamas-Sicherheitskräften kontrolliert und Zollgebühren auf die importierten Güter erhoben. Relative Lockerung der Blockade Am 30. Mai 2010 unternahm ein internationaler Hilfskonvoi den Versuch, die isDesign: eryfoto Seite 4 01.2012 raelische Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen. Als die israelische Marine die so genannten Gaza Freedom Flotilla in internationalen Gewässern aufbrachte und das Flaggschiff Mavi Marmara stürmte, fanden bei den folgenden Auseinandersetzungen insgesamt neun Aktivisten den Tod. Heftige internationale Kritik an der unverhältnismäßigen Anwendung von Gewalt und eine Verschlechterung der diplomatischen Beziehungen zur Türkei(bei allen Todesopfern handelte es sich um türkische Staatsangehörige), waren die Folge. Schnell geriet vor dem Hintergrund des Vorfalls auch die anhaltende Blockade des Gazastreifens in die Kritik. In Reaktion auf den wachsenden internationalen Druck kündigte die israelische Regierung eine Lockerung der Blockade an. Die tatsächlichen Auswirkungen auf den Güterverkehr waren jedoch kaum signifikant. Auch Ägypten sah sich infolge der Stürmung der Mavi Marmara im Handlungszwang und öffnete vorübergehend den Rafah-Grenzübergang. Weitaus größere Auswirkungen auf die Situation in Rafah hatte indes der Sturz Hosni Mubaraks im Februar 2011. Seit Mai 2011 ist der Rafah Grenzübergang offiziell acht Stunden am Tag geöffnet. Durchschnittlich überquerten ihn in beiden Richtungen im ersten Halbjahr 2012 rund 30.000 Personen pro Monat. 16 Zwar mag dieser Wert hoch klingen, er liegt jedoch deutlich unter der Zeit der AMA-Implementation. Zudem benötigten Palästinenser unter 40 Jahren weiterhin ein Visum. Bei Transitreisen kam es nach der Landung in Kairo vielfach zu einer Internierung und umgehenden Abschiebung von palästinensischen Reisenden über den Rafah-Grenzübergang nach Gaza. Die aktuelle Grenzsituation bei Rafah Der Sieg des Muslimbruders Muhammad Mursis in den ägyptischen Präsidentschaftswahlen Ende Juni 2012 schürte im Gazastreifen Hoffnungen auf einen substantiellen Politikwechsel Ägyptens gegenüber seinen palästinensischen Nachbarn. Die Treffen Mursis mit Hamas-Exilführer Khaled Mashal am 20. Juli und mit dem Premierminister der De-facto Regierung in Gaza, Ismail Haniyyah, am 28. Juli deuten darauf hin, dass Mursi in Rafah Erleichterungen für palästinensische Reisende einführen möchte. Haniyyah erklärte nach seinem Gespräch mit dem ägyptischen Präsidenten, man habe sich darauf geeinigt, die Öffnungszeiten des Grenzübergangs auf täglich zwölf Stunden zu verlängern und den Personenverkehr auf 1.500 anzuheben. Zudem sollen Palästinenser bei Transitreisen über ägyptische Flughäfen nicht länger interniert und auf direktem Wege abgeschoben werden, sondern 72-stündige Visa erhalten. 17 Anfang August warnte der Hamas-Politiker Ahmad Yousef indes vor zu hohen Erwartungen an Ägypten. Kairo habe selbst große Herausforderungen im eigenen Land zu bewältigen. Zudem liege die Verantwortung für konkrete Änderungen der Praxis in Rafah bei den Fachleuten in den zuständigen Ministerien und Sicherheitsdiensten. 18 Diese werden nach wie vor vom alten Regime dominiert und halten mit Blick auf Rafah an dessen Politik fest. Gewünscht wird in Führungskreisen Gazas zudem ein möglichst ungehinderter Handel mit Ägypten. Dies würde die anhaltende Blockade durch Israel brechen und eine bessere Versorgung des Küstenstreifens ermöglichen. Zudem erhielte die Wirtschaft in Gaza eine Chance, sich zu erholen, sollten Exporte in großem Umfang möglich werden. Die Hamas-Regierung forciert derzeit den Ausbau Rafahs. So wurden zwei neue Abfertigungshallen für Personen erbaut. Auch die Zufahrtsstraße Design: eryfoto Seite 5 01.2012 wird derzeit saniert, um für einen gesteigerten Warenverkehr bereit zu sein. Die Zukunft Rafahs – Ein Ausblick Eine Öffnung des Rafah-Grenzüberganges würde zur dringend notwendigen Verbesserung der wirtschaftlichen Lage im Gazastreifen beitragen. Auch auf ägyptischer Seite besteht zumindest an einer Steigerung des Handelsvolumens durchaus Interesse. Zwar ist derzeit rund ein Drittel der Bevölkerung des Küstenstreifens arbeitslos und 80 Prozent der Gazaner sind auf internationale Hilfsleistungen angewiesen. 19 Nichtsdestotrotz ist in Gaza durchaus Kaufkraft vorhanden, die der ägyptischen Wirtschaft zugutekommen könnte. Eingangshalle zur palästinensischen Seite des Überganges Rafah Die Öffnung Rafahs ist allerdings ein Balanceakt auf schmalem Grat. Der Gazastreifen gilt aufgrund der anhaltenden israelischen Kontrolle über Luftraum, Seegebiet und den Großteil der Grenzen nach wie vor als besetztes Gebiet. Israel bestreitet dies und seit dem israelischen Disengagement von 2005 erhält man beim Verlassen Israels in Richtung Gaza einen offiziellen Ausreisestempel. Vor diesem Hintergrund steht zu befürchten, dass Israel versucht sein könnte, sich seiner völkerrechtlichen Verpflichtungen 20 zu entledigen, indem die Verantwortung für Gaza de facto an Ägypten„delegiert“ wird. Dieser Pflicht kommt Israel indes schon seit langem nicht mehr nach. Im Gegenteil: Die Blockadepolitik trifft gerade die Zivilbevölkerung besonders hart. Das Argument der Entbindung Israels von seinen völkerrechtlichen Pflichten mag vor die sem Hintergrund theoretisch oder in den Augen der Bevölkerung Gazas gar zynisch erscheinen. Langfristig könnte die alleinige Versorgung Gazas durch Ägypten über den RafahGrenzübergang jedoch den Gegnern einer Zwei-Staaten-Lösung in die Hände spielen. Denn in neokonservativen und rechten Kreisen der USA und Israels werden immmer wieder Szenarien diskutiert, in deren Rahmen eine Drei-Staaten-Lösung des Nahostkonflikts herbeigeführt wer den soll: der Gazastreifen wird vollständig unter ägyptische Verwaltung gestellt und in jenen Teilen des Westjordanlandes, die nicht für israelische Siedlungen und Militärpräsenz vorgesehen sind, übernimmt Jordanien die administrativen Aufgaben. Zudem ist fraglich, ob Rafah aus rein logistischen Gründen als einziger Grenzübergang für den mittlerweile 1,7 Millionen Einwohner zählenden Gazastreifen ausreichen kann. Sollte die Steigerung des Personenverkehrs auf 1.500 pro Tag tatsächlich realisiert werden, so würde dies bedeuten, dass ein Gazaner im Durchschnitt nur einmal alle dreieinhalb Jahre den Küstenstreifen verlassen dürfte. 21 Der Rafah-Grenzübergang erscheint vor diesem Hintergrund weniger als Tor zur Freiheit, sondern vielmehr als Nadelöhr zur Außenwelt. Ähnlich stellt sich die Situation mit Blick auf die Möglichkeiten der Abfertigung von Warenlieferungen in Rafah dar. Eine Öffnung, Rafahs – so sie denn erfolgen sollte – muss aus diesem Grund von einer erneuten internationalen Initia tive flankiert werden, die auf ein umgehendes Ende der moralisch verwerflichen und politisch gescheiterten Blockadepolitik zielt. Design: eryfoto Seite 6 01.2012 Quellen 1 Vgl.: Maannews. 2012. Zahhar: Hamas will not separate Gaza from the West Bank. Online abrufbar unter: http://www.maannews.net/eng/ViewDetails. aspx?ID=506656. 2 Vgl.: Gisha – Legal Center for Freedom of Movement. 2009. Rafah Crossing – Who holds the keys? S. 16. Online abrufbar unter: http://www.info-palestine. net/IMG/pdf/Rafah_Report_Eng.pdf. 3 Vgl.: ibid. S. 18-19. 4 Vgl.: Al Mezan Center for Human Rights. 2003. A Special Report on Israel’s Restrictions on Palestinian Right of Movement at Rafah Crossing. S. 7. Online abrufbar unter: http://www.mezan.org/document/ Rafah_crossing_en.pdf. 5 Vgl.: Gisha. 2009. Rafah Crossing. S. 19. 6 Vgl.: OCHA. 2005. The Gaza Strip – Access Report. Online abrufbar unter: http://unispal.un.org/ UNISPAL.NSF/0/D50AE98BA3F7C41685256FF600510D0A 7 Während noch im Sommer 2000 durchschnittlich 26 000 Palästinenser täglich nach Israel reisten, sank diese Zahl nach Ausbrauch der Intifada auf 900 Personen. Vgl.: Gisha. 2009. Rafah Crossing. S. 31. 8 Vgl.: UNISPAL. 2005. Rice Announces Israel, Palestinian Agreement on Movement, Access. Online abrufbar unter: http://unispal.un.org/UNISPAL.NSF/0/ C73B42AA9C864783852570BA0064EF7E. 9 Vgl.: Gisha. 2009. Rafah Crossing. S. 23-24. 10 Vgl.: EUBAM Rafah. 2010. About EUBAM. Online abrufbar unter: http://www.eubam-rafah.eu/ node/2296. 11 Vgl.: Gisha. 2009. Rafah Crossing. S. 26-27. 12 Vgl.: Gisha. 2009. Rafah Crossing. S. 29. 13 Vgl.: Haaretz. 2007. Cabinet declares Gaza ‚hostile territory‘. Online abrufbar unter: http://www.haaretz. com/print-edition/news/cabinet-declares-gaza-hostile-territory-1.229665. 14 Vgl.: Gisha. 2009. Rafah Crossing. S. 125. 15 Vgl.: BBC News. 2008. Gazans flood through Egypt border. Online abrufbar unter: http://news.bbc. co.uk/2/hi/middle_east/7204029.stm. 16 Vgl.: Gisha – Legal Center for Freedom of Movement. 2012. Movement of People Through RafahCrossing. Online abrufbar unter: http://www.gisha. org/graph.asp?lang_id=en&p_id=1235. 17 Vgl.: Jerusalem Post. 2012. Hamas invites Egypt‘s Mursi to visit Gaza. Online abrufbar unter: http:// www.jpost.com/MiddleEast/Article.aspx?id=279218. 18 Vgl.: Maannews. 2012. Hamas Leader downplays expectations for Egypt. Online abrufbar unter: http://www.maannews.net/eng/ViewDetails. aspx?ID=509065. 19 OCHA. 2012. Five Years of Blockade: The Humanitarian Situation in the Gaza Strip. Online abrufbar unter: http://www.ochaopt.org/documents/ocha_opt_ gaza_blockade_factsheet_june_2012_english.pdf. 20 Gemäß der IV. Genfer Konvention ist die Besatzungsmacht für das Wohlergehen der Zivilbevölkerung im besetzten Gebiet verantwortlich. Vgl.: Convention(IV) relative to the Protection of Civilian Persons in Time of War. Geneva, 12. August 1949. 21 Angenommen sind hier 27 Arbeitstage pro Monat und eine gleichbleibende Bevölkerungszahl. Prognosen gehen jedoch von einem Anwachsen der Bevölkerung auf bis zu zwei Millionen bis zum Jahr 2015 aus. Vgl.: PASSIA. 2009. Palestine Facts – Population. Online abrufbar unter: http://www.passia.org/palestine_facts/pdf/pdf2009/Population.pdf. Design: eryfoto Seite 7