02. 2015 AKTUELLES AUS DER PALÄSTINENSISCHEN PRESSE Liebe Freundinnen und Freunde der Friedrich-Ebert-Stiftung. die Parlamentswahlen in Israel sind auch von den Palästinenser_innen im Westjordanland, Ost-Jerusalem und dem Gazastreifen mit großer Spannung beobachtet worden. Der überraschend klare Sieg des bisherigen Premierministers Benjamin Netanjahu(Likud) löste vor allem Erleichterung aus. Erleichterung darüber, dass „die Masken nun gefallen sind“ und Klarheit darüber herrscht, mit wem es die Palästinenser auf der israelischen Seite zu tun haben, denn Netanjahu hatte sich im Wahlkampf von der Zwei-Staaten-Lösung distanziert. Die Palästinenser sehen sich durch diese Aussage nun in ihrer Annahme bestätigt, dass die vergangenen Gespräche zwischen israelischen und palästinensischen Unterhändlern im Rahmen der Kerry-Initiative lediglich Scharade waren. Von der internationalen Gemeinschaft erwarten sie, dass der Druck auf die kommende Regierung erhöht wird, zum einen um ein Ende der Besatzung zu bewirken und zum anderen um den diskriminierenden, rassistischen Tendenzen in der israelischen Gesellschaft entgegen zu wirken. Nicht zuletzt haben die Wahlen in Israel jedoch die Palästinenser auch daran erinnert, dass auch in den Palästinensischen Gebieten gewählt werden sollte! Denn seit den Parlamentswahlen 2006 und der darauf folgenden Spaltung zwischen Hamas und Fatah bzw. dem Gazastreifen und dem Westjordanland ist der demokratische Prozess in den Palästinensischen Gebieten blockiert. Wir wünschen eine spannende Lektüre! Ihr Team der FES Ost-Jerusalem Design: ery foto Seite 1 02. 2015 Nach dem„großen Schock“... An die Illusionäre:„Alarm – Alarm!“ 03.18.2015, Amad News Ageny (links gerichtet) Hassan Asfour 1 Ja, es war eine große Überraschung. Der überlegene Sieg der Likud-Partei symbolisiert eine große Niederlage für die USA, aber auch für israelische Medien und nicht zuletzt für palästinensische und arabische Illusionäre. Der Ausgang der Wahlen war schockierend. Er hat alle Erwartungen, sogar die Netanyahus selbst, übertroffen. Netanyahu hatte seine Medienpolitik in den letzten Tagen vor der Wahl auf eine Niederlage ausgerichtet, um das bevorstehende Desaster zu verringern. Die Illusion ist beendet- Netanyahu kehrt ins Haus zurück. Die einzige erfreuliche Nachricht ist das Ergebnis der arabischen Liste, die neue Akzente auf der politischen Bühne Israels setzen kann. Das allgemeine Bild in Israel zeigt jedoch, dass Netanyahu nach wie vor der Repräsentant des rechten Lagers ist, was seine diskriminierende Politik eindeutig bestätigte. Es gibt keine Zeit für Trauer. Die Zeit zwingt die palästinensische Führung zum Handeln. Eine strategische Antwort auf die israelischen Wahlen ist gefragt. Eine Antwort, die die Grundlage für eine arabische, regionale und vielleicht internationale Positionierung legen sollte. Eine Antwort auf die Frage, wie man mit einem Land umgeht, das eine internationale Destabilisierung verursacht. Auf palästinensischer Seite besteht die Wahl nicht mehr dazwischen, der israelischen Regierung eine Chance zu geben oder auf die richtige Gelegenheit zu warten. All dies ist Vergangenheit. Was nun zu machen ist, steht außer Frage und ist schon längst bekannt. Zuallererst muss damit begonnen werden, worauf sich die Palästinenser bereits geeinigt haben. Die Palästinenser müssen erklären, dass die Übergangsphase der Oslo-Verträge, die im Jahre 1994 begann, nun zu Ende ist. Der palästinensische Staat muss gemäß der UN-Resolution 19/67 vom Jahre 2012 realisiert werden. Alle alten Vereinbarungen mit Israel, darunter die Sicherheitskooperation, müssen als Antwort auf Netanyahus Aussage bezüglich seiner Ablehnung des palästinensischen Staats eingefroren werden. Man braucht nicht lange darüber nachzudenken oder abzuwarten. Wenn die palästinensische Führung nicht das Ende der politischen Kooperation mit Israel erklärt, bedeutet das Täuschung und Betrug gegenüber der Bevölkerung. Bevor die Palästinensische Führung sich dem internationalen Strafgerichtshof und anderen Dingen zuwendet, müssen die getroffenen Entscheidungen des Zentralrates der PLO implementiert werden. Am Ende des Monates findet ein arabisches Gipfeltreffen in Kairo statt. Die Palästinenser müssen dort ihre strategischen Visionen als Antwort auf die israelischen Wahlergebnisse darstellen. Es muss Schluss sein mit der Politik der kleinen Schritte. Es müssen strategische Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die Palästinafrage wieder auf den Tisch zu bringen und um der israelischen Besatzungsmacht zu trotzen. Meine Damen und Herren, die luxuriöse Zeit ist beendet. Netanyahu hat vor den Wahlen Klartext gesprochen – es wird keinen palästinensischen Staat unter seiner Führung geben. Die Illusion ist zu Ende und auch die Dummheit muss nun ein Ende haben. 1 (ehemaliger Informationsminister, ehemaliger Minister für NGO Angelegenheiten und Mitglied des palästinensischen Verhandlungsteams während des Oslo-Friedensprozesses) Design: ery foto Seite 2 02. 2015 Palestinians are no longer bound to false peace process 19.03.2015, Arab Media Internet (liberal, unabhängig) Daoud Kuttab The Israeli electorate had a choice to make. By re-electing a leader who publicly reneged on his commitments to peace and a two-state solution, they voted against peace. What remains to see is how the Palestinians and the world will react to the end of the charade called peace process. Since the Palestinians had lost hope in the peace process, they told everyone who was willing to listen that the Israeli leaders were merely giving lip service to it as their bulldozers were gobbling up Palestinian lands. The world kept on believing in the peace process until the Israeli public forced its leader to give a statement to his own people. Now that the world knows that Israel is not a democracy to all its citizens(see Netanyahu’s racist comments about Arab citizens) and that its leaders never wanted to live up to their commitment to a Palestinian state, it must react. The vote by the Israeli public has sealed the fate of Mahmoud Abbas who had placed his bets on the peace process and the support of the international community. The 79-year-old will certainly give way to a new generation of Palestinian leaders during the upcoming seventh congress of Fateh. But in the meantime, he has been given the mandate to exert efforts to ostracise Israel internationally while suspending security cooperation. The UN’s non-member state of Palestine’s efforts to take Israel to the International Criminal Court(ICC) must now be seen as a positive non-violent act that is much kinder to Israel than what would be resistance to an occupying power. Instead of criticising Palestine, the US and other Western countries must praise Abbas’ action as a moderate peaceful alternative to various offers of resistance. Abbas’ efforts to go to the ICC have been recently approved by the Palestinian Central Council, which also approved the need to suspend security cooperation with Israel. Palestinians have for years made life easy to their occupiers by providing intelligence and security cooperation to thwart any efforts to resist the illegal occupation of their territories and the colonial settlement of their lands. Palestinians and the world will now watch the post-election Israeli relations with Washington and the rest of the international community. Will the US continue to defend Israel in the Security Council after Benjamin Netanyahu renounced the twostate solution without presenting a credible alternative? The Obama administration is still reeling from Netanyahu’s efforts to sabotage a possible deal with Iran over the latter’s nuclear plans. Now, Netanyahu renounced his commitments to recognise a Palestinian state (albeit with conditions) without offering any alternative. As veteran anchorwoman Christiane Amanpour said on CNN Tuesday, without support for a Palestinian state, the Israeli leader is offering no alternative except for an apartheid-like situation where 4 million Palestinians under Israeli military control have no political rights. The shift to the right by Israel’s presumptive prime minister has relieved Palestinians of any worry about moving seriously in the direction of internationalising the conflict. Belief that the conflict can be re solved if both parties just sit down and talk was based on the assumption that Israel is a democratic state for all its citizens and Design: ery foto Seite 3 02. 2015 thus cannot accept to politically disenfranchise another people, and that the state of Israel accepts to replace the occupation with an independent Palestinian state. Both these assumptions have been wiped by Netanyahu and, therefore, Palestinians are no longer bound by the need to continue to pretend that the conflict can be solved simply through direct PalestinianIsraeli engagement. The role and the responsibility of the international community to resolve a conflict that all agree has poisoned the air in the Middle East is now of great importance. It is no longer acceptable that international instruments such as the UN Security Council and the ICC are in favour of Israel. No one country should be allowed to be above international law. Israel should now lose the long-lasting support of world powers, which protected it from international justice. Glückwünsche an die israelische Demokratie 18.03.2015, Falestin Zeitung(Hamas nahestehend) Dr. Fayez Abu Shamallah Die Israelis haben das Recht, auf ihre Demokratie und die freie Wahl ihres Ministerpräsidenten stolz zu sein. Sie haben auch das Recht, ihre Präsidenten abzusetzen und ihre Ministerien aufzulösen, wenn diese ihren Aufgaben nicht ordentlich nachgehen. Sie haben das Recht, ohne Angst vor irgendwelchen Entscheidungsträgern ihre Stimmen zu erheben. Ihre Streitigkeiten werden gemäß dem Gesetz gelöst. Denn in Israel gilt das Gesetz für alle, alle sind dem Gesetz verpflichtet. Aber wir, die Palästinenser, wir haben kein Recht stolz zu sein. Unser Gesetz ist für hochrangige Entscheidungsträger nicht bindend und nur eine Nebensache. Wir haben kein Recht, unseren Präsidenten frei zu wählen, weil unser Präsident das Vertrauen der Arabischen Liga genießt. Wir haben auch kein Recht, Parlamentarier zu wählen, damit diese Gesetze verabschieden und uns repräsentieren können. Unser Präsident hat die palästinensische Legislative von der politischen Karte ausradiert und den palästinensischen Legislativrat seiner Funktion enthoben. Einige denken, dass die Israelis uns lediglich durch Rüstung und finanzielle Res sourcen überlegen seien. Allerdings haben diese Menschen vergessen, dass die Basis der israelischen Überlegenheit in ihren demokratischen Prozessen liegt. Die Israelis machen aus ihren Präsidenten und Ministerpräsidenten keine Heiligen. Die Israelis werden vom Gesetz regiert. Daher lautet die wichtigste Frage für uns: Wie können die Palästinenser, die in keiner Demokratie leben, einen echten demokratischen Staat entwickeln? Wie können wir unsere Ziele erreichen, wenn unser System von einer diktatorischen und korrupten Führung geleitet wird? Unser politisches System wird von der Entscheidung eines Einzelnen geprägt. Wir, die Palästinenser, werden Sklaven bleiben, solange unsere Führung unantastbar ist und wir die Meinung anderer nicht respektieren. Wir brauchen eine Revolution gegen uns selbst. Wir müssen die veraltete, eigensinnige und schräge Denkweise zerschlagen. Die Loyalität zur Partei, jedoch nicht die zu nationalen Interessen, prägt unsere Arbeit seit vielen Jahren. Der Likud gewann die Wahlen, da er die nationalen Fragen in den Vordergrund Design: ery foto Seite 4 02. 2015 stellte. Die israelische Gesellschaft stand hinter Netanyahu, weil er sich Obama entgegengestellt hat. Der größte Verlierer war Abbas, denn er machte die gesamte Palästinafrage von den Ergebnissen der israelischen Wahlen abhängig. Er wartete auf den Sieg des zionistischen Lagers, um wieder sinnlose Verhandlungen beginnen zu können. Nun aber hat er es wieder mit Netanyahu zu tun, der Klartext gesprochen hat: Es wird keinen palästinensischen Staat geben, keine Teilung für Jerusalem, keinen Rückzug aus den Siedlungen und nur eine auf Gegenseitigkeit beruhende Sicherheitskooperation. Nun, was wird unsere palästinensische Führung angesichts der israelischen Wahlergebnisse machen? Ein einbalsamiertes Palästinensisches Parlament... und Israel hat drei Mal gewählt 03.18.2015, Maan News Ageny Dr. Nasser Al-lahham, Chef Editor of Maan News Ageny Während Israel innerhalb von neun Jahren drei Mal seine Parlamentsmitglieder gewählt hat, hat es auf palästinensischer Seite in diesem Zeitraum keine Parlamentswahlen gegeben und das Parlament hat seit Mitte 2007 nicht mehr getagt. Erstaunlicherweise haben die Palästinenser die israelischen Wahlen fieberhaft verfolgt und die palästinensische und arabische Presse hat unermüdlich darüber berichtet. Der Sieg Netanjahus ist aus psychologischer Sicht inakzeptabel. Netanjahu ist ein Teufel, den wir alle kennen. Herzog ist auch ein Teufel, ihn aber kennen wir noch nicht. Das Sprichwort sagt:„Ein Teufel, den Du kennst, ist besser als ein Teufel, den Du nicht kennst“. Gerade deshalb, und im Gegenteil zur politischen Elite, ist es der palästinensischen Gesellschaft gleich, ob Netanjahu zum vierten Mal die Regierung leitet oder nicht. Wer Abbas in den letzten Tagen traf, weiß, dass er von einem möglichen Sieg der Koalition HerzogLivni nicht begeistert war. Abbas zweifelte daran, dass Herzog fähig sein könnte, den Konflikt zu lösen. Allerdings hätte Herzog die internationale Isolation Israels auf Kosten der Palästinenser verhindern können. Auch andere palästinensische Fraktionen, darunter Hamas, erklärten, dass es keinen Unterschied zwischen dem zionistischen und dem rechten Lager gebe. Was wird Netanjahu machen? Viel wichtiger ist, was wir machen werden. Zuallererst müssen die Entscheidungen des PLOZentralrates implementiert werden, allen voran die Vorbereitung für die Parlamentsund Präsidentschaftswahlen. Im dem Falle, dass Wahlen sich als nicht durchführbar erweisen, müssen sich die palästinensischen Fraktionen auf Listen nach dem Modell der arabischen Liste in den israelischen Wahlen einigen. Die arabische Liste in Israel wurde von allen palästinensischen Fraktionen gelobt. Wenn das Exekutivkomitee der PLO erklären würde, eine national-islamische Liste für das palästinensische Parlament zu gestalten, könnte dies innerhalb eines Monates durchgesetzt werden. So ein Parlament würde das Volk repräsentieren und die Führung legitimieren, und aktiven Rückhalt zur Befreiung des Landes bieten. Nochmal Netanjahu 18.03.2015, Sama News Ageny(liberal unabhängig) Mustafa Ibrahim Alle israelischen Parteien sprachen vom Sieg. Der einzige Sieger jedoch ist Benjamin Netanjahu, der den Wahlkampf eher in seinem persönlichen Namen als in dem Design: ery foto Seite 5 02. 2015 seiner Partei führte. In seiner Siegesrede legte er die Richtung seiner nächsten Regierung fest. In Israel ist das Bild klarer geworden, und wir können sagen, dass er seine Ansichten ohne Konkurrenz verkaufen wird. Durch den starken Verlust der rechtsnationalen Parteien von Naftali Bennett und Avigdor Lieberman kann Netanjahu seine Politik nun ohne starken Druck durchsetzen. Netanjahu sprach nicht von einer großen Koalition, sondern von einer starken rechten Regierung, die er wohl problemlos bilden kann. Die Position seines Kontrahenten Yitzhak Herzog(Labour) ist trotz des höheren Stimmenanteils im Vergleich zur letzten Periode sehr schwierig geworden. Denn obwohl das Zionistische Lager dieselben Ergebnisse wie im Jahre 1992 während der Ära Rabins erreichte, spricht man in Israel vom Wiederaufstieg des rechten Lagers. Die Stimmen des rechten Lagers bewegten sich innerhalb des eigenen, aber wanderten nicht zum zionistischen Lager. Die Parteien„Jüdisches Heim” und„Israel Beitenu“ verloren Stimmen an Likud und an die neugegründete, von Likud abgespaltenen Partei„Kulanu“. Parteivorsitzender Moshe Kahlon, der sich im Wahlkampf auf die sozialen Fragen konzentrierte, signalisierte seine Bereitschaft zur Teilnahme an einer konservativen Koalition, wenn er das Finanzministerium erhalten würde. Nun hat man verstanden, was Netanjahu in seiner Rede in Bar Ilan 2009 eigentlich meinte. Netanyahu wollte sagen:„Es wird keine Zweistaatenlösung geben“. Das bedeutet, dass die nächste israelische Regierung wieder aus Vertretern des radikalen Lagers bestehen und als Fortsetzung der jetzigen und vorherigen Regierung agieren wird. Mit anderen Worten: Es wird mehr Siedlungsbau geben, mehr diskriminierende Gesetze werden erlassen werden, die Spaltung zwischen dem Westjordanland und dem Gazastreifen wird vertieft werden und es werden neue kriegerische Auseinandersetzungen mit dem Gazastreifen geführt werden. Netanjahu ist der„neue alte Herr“. Er wird Israel sozial und wirtschaftlich regieren, jedoch ohne langfristigen politischen Horizont. Eine solche Regierung wird instabil sein und nicht auf Dauer bestehen können: Weder die Palästinenser noch die Weltgemeinschaft werden tatenlos zuschauen. QUELLEN Amad News Ageny www.amad.ps/ar/ Arab Media Internet Network www.amin.org/Eindex.php Felesteen Zeitung, Gaza Ta g e s z e i t u n g www.felesteen.ps Maan News Agency, Bethlehem Internetzeitung www.maannews.net Sama News, Gaza Internetzeitung, unabhängig www.samanews.com Zusammengestellt von Dr. Usama Antar, Friedrich-Ebert-Stiftung, Gaza Design: ery foto Seite 6