Torben Schwuchow Eine Frage von Demütigung und Respekt? Kämpfe um Würde in der Arbeit und ihre politischen Implikationen FES diskurs Juni 2024 Die Friedrich-Ebert-Stiftung Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) wurde 1925 gegründet und ist die traditionsreichste politische Stiftung Deutschlands. Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflichtet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demokratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozialdemokratie und den freien Gewerk schaften verbunden. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch: – politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft; – Politikberatung; – internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern; – Begabtenförderung; – das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit u. a. Archiv und Bibliothek. Die Abteilung Analyse, Planung und Beratung der Friedrich-Ebert-Stiftung Die Abteilung Analyse, Planung und Beratung der Friedrich-Ebert-Stiftung versteht sich als Zukunftsradar und Ideenschmiede der Sozialen Demokratie. Sie verknüpft Analyse und Diskussion. Die Abteilung bringt Expertise aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik zusammen. Ihr Ziel ist es, politische und gewerkschaftliche Ent scheidungsträger:innen zu aktuellen und zukünftigen Herausforderungen zu beraten und progressive Impulse in die gesellschaftspolitische Debatte einzubringen. FES diskurs FES diskurse sind umfangreiche Analysen zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Auf Grundlage von empirischen Erkenntnissen sprechen sie wissenschaftlich fundierte Hand lungsempfehlungen für die Politik aus. Über den Autor Torben Schwuchow ist Forschungsassistent am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung, wo er zu demokratietheoretischen und politik-ökonomi schen Themen arbeitet. Zuletzt veröffentlichte er 2023„Kampf um Würde in der Arbeit: Rechtspopulismus als Ausdruck eines moralischen Unrechtsempfindens“. Für diese Publikation ist in der FES verantwortlich Jan Niklas Engels, Referent für Empirische Sozial- und Trendforschung in der Abteilung Analyse, Planung und Beratung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Torben Schwuchow Eine Frage von Demütigung und Respekt? Kämpfe um Würde in der Arbeit und ihre politischen Implikationen INHALT 1 EINLEITUNG 4 2 KONZEPT ZUR EMPIRISCHEN UNTERSUCHUNG 5 DES KAMPFS UM WÜRDE IN DER ARBEIT 2.1 Unterscheidung zwischen Selbstachtung und Würde 5 2.2 Operationalisierung des Konzepts: Institutionelle Demütigungen 6 und Strategien der Gegenwehr 3 ERGEBNISSE 8 3.1 Wer leidet unter institutionellen Demütigungen in der Arbeit? 9 3.2 Wer verfügt über gute Arbeitsbedingungen? 10 3.3 Fazit 10 4 IMPLIKATIONEN AUF POLITISCHES WAHLVERHALTEN 11 4.1 Logistische Regression der AfD-Wahl 12 4.2 Logistische Regression der SPD-Wahl 12 4.3 Logistische Regression der Bündnis 90 / Die Grünen-Wahl 12 4.4 Logistische Regression der FDP-Wahl 14 5 FAZIT UND AUSBLICK 15 ANHANG 16 ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS 19 LITERATURVERZEICHNIS 20 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 3 1 EINLEITUNG In Deutschland lässt sich eine steigende Thematisierung von Klassenverhältnissen in wissenschaftlichen wie auch öffentlichen Debatten erkennen. Grund hierfür sind zum einen die Erfolge, die rechtspopulistische Parteien, wie etwa die AfD in Deutschland oder auch der Rassemblement National in Frankreich, in den arbeitenden Klassen erzielen. Das hat zu einer Reihe von Beiträgen geführt, die der Frage nachgehen, ob rechtspopulistische Parteien„die neuen Arbeiterparteien“ sind(vgl. Jörke / Nachtwey 2017) und, falls diese Beobachtung zutrifft, was zu dieser Entwicklung geführt haben könnte(vgl. Eribon 2016, mit Blick auf Deutschland stellvertretend für viele andere die Aufsätze in Becker et al. 2018). Zum anderen trägt die wieder erstarkende Auseinandersetzung mit Klassenverhältnissen im Allgemeinen sowie der Arbeiterklasse im Besonderen der nicht mehr zu leugnenden Tatsache Rechnung, dass soziale, politische und ökonomische Ungleichheiten in den liberalen Demokratien stetig zunehmen und die Demokratie existenziell bedrohen(vgl. mit Blick auf Deutschland Brülle / Spannagel 2023, zur politischen Ungleichheit Elsässer / Schäfer 2016 sowie Butterwegge 2020).1 In diesem Themenspektrum sind in jüngster Zeit auch eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten entstanden, die sich mit der Frage nach der ungleichen Verteilung von Respekt und Würde in der Klassengesellschaft beschäftigen(Sennet 2010). Der Arbeitsplatz als zentraler Aushandlungsort dieser Kämpfe um Würde ist dabei von besonderer Bedeutung (vgl. Costas 2023, Kratzer et al. 2015). Denn die kapitalistisch organisierte Lohnarbeit ist einerseits eine strukturelle Bedingung für Entwürdigungserfahrungen, gleichzeitig ist Arbeit aber ein zentraler moralischer Bezugspunkt, insbesondere auch für die Arbeiterklasse, um sich Würde und Respekt anzueignen und Gerechtigkeit einzufordern(vgl. Honneth 2012, Lamont 2000, Negt 2020). Im Folgenden möchte ich diese Thematik mit der Frage nach der Unterstützung politischer Parteien verknüpfen. Anhand einer Auswertung des von der FES zur Verfügung gestellten Datensatzes„Kartografie der Arbeiter:innenklasse“ gehe ich zwei Forschungsfragen nach: 1) Wer leidet unter welchen Missachtungserfahrungen in der Arbeit und kämpft folglich um Würde in der Arbeit? Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Frage nach Klassenzugehörigkeit sowie Klassenbewusstsein. 2) Inwieweit können diese Kämpfe um Würde in der Arbeit auch einen Erklärungsansatz für politisches Stimmverhalten liefern? Mein Vorgehen gliedert sich dabei wie folgt: Im zweiten Abschnitt werde ich ein Konzept präsentieren, mittels dessen der Kampf um Würde in der Arbeit in einer quantitativen Befragung untersucht werden kann. Im dritten Abschnitt werde ich dieses Konzept auf den Datensatz„Kartografie der Arbeiter:innenklasse“ übertragen und die erste Fragestellung untersuchen, wer unter welchen Demütigungsformen in der Arbeit leidet. Im vierten Abschnitt soll sodann die zweite Fragestellung, ob Kämpfe um Würde in der Arbeit auch einen Erklärungsansatz für politisches Stimmverhalten liefert, verhandelt werden. Ich schließe im fünften Abschnitt mit einem kurzen Fazit. 1 Dass diese Ungleichheiten zusammen mit anderen Entwicklungen bereits zu einer„Devolution“(Selk 2023) der Demokratie geführt haben könnten, wird von Wissenschaft und Öffentlichkeit derzeit mehr oder weniger erfolgreich ignoriert. 4 EINE FRAGE VON DEMÜTIGUNG UND RESPEKT?  JUNI 2024  FES diskurs 2 KONZEPT ZUR EMPIRISCHEN UNTERSUCHUNG DES KAMPFS UM WÜRDE IN DER ARBEIT 2 In der deutschsprachigen Arbeits- und Industriesoziologie gibt es bislang nur wenige Ansätze, die explizit das Thema Würde und Arbeit in den Fokus rücken. 3 Eine Schwierigkeit besteht darin, die Faktoren zu bestimmen, die eine würdevolle Arbeit garantieren bzw. diese bedrohen. Wie Andrew Sayer schreibt, sind diese Faktoren von der sozialen Position der Beschäftigten am Arbeitsplatz und nicht von den individuellen Identitätsmerkmalen der Beschäftigten abhängig(vgl. Sayer 2011). Denn streng genommen respektiert kein Arbeitsvertrag die Lohnarbeiter:innen als einzigartige, menschliche Individuen. Vielmehr dient der Kauf der Arbeitskraft immer einer bestimmten Funktion, die jederzeit austauschbar ist und potenziell von einem anderen Menschen(oder einer Maschine) erledigt werden kann. Dabei lassen sich aber eklatante soziale Unterschiede beobachten. Denn nach Sayer führe die„Existenz von Ungleichheiten und ungleicher Ausbeutungssituation am Arbeitsplatz dazu, dass es einigen leichter fällt, ihre Würde zu bewahren, als anderen“(Sayer 2011: 209, Übers. d. A.). Anders als in universalistischen Definitionen von Würde, scheint Sayer hier von einem relationalen Würdebegriff auszugehen. Demnach ist die Würde der Menschen in der Arbeit bedroht, diese Bedrohung ist aber entlang bestehender Ungleichheiten strukturiert. Es bietet sich daher für eine Untersuchung dieser ungleichen Verteilung von Würde in der Arbeit an, eine Würdekonzeption zu verwenden, die diese potenzielle Bedrohung sowie den Kampf um bzw. die Verteidigung von Würde in den Fokus rückt. Ein solches Konzept liefert Avishai Margalits philosophische Abhandlung über eine„Politik der Würde“(vgl. Margalit 2012). 2.1  UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN SELBSTACHTUNG UND WÜRDE Für Margalits Verständnis von Würde ist seine Unterscheidung zwischen Würde und Selbstachtung zentral. Denn die Würde des Menschen ist für Margalit die nach außen getragene positive Selbstachtung: „Selbstachtung erweist sich negativ, Würde positiv. Anders gesagt: Selbstachtung offenbart sich gewöhnlich dann, wenn die Ehre eines Menschen verletzt, wenn er gedemütigt wird. Wie er sich unter solchen Umständen verhält, ist ein Indikator für seine Selbstachtung. Ein Mensch, der Würde besitzt, bekundet hingegen seine Selbstachtung durch positive Handlungen, die mehr als bloße Reaktionen auf Provokationen sind; auf diese Weise signalisiert er, dass er wie ein Löwe kämpfen wird, falls jemand versuchen sollte, ihm seine Selbstachtung zu nehmen.“ (Margalit 2012: 61) Selbstachtung hat jeder Mensch nach Margalit qua seines Menschseins. Denn im Gegensatz zum Selbstwertgefühl („self-esteem“) beruht Selbstachtung(„self-respect“) nicht auf Leistung, sondern auf Zugehörigkeit. Allerdings können Menschen diese Selbstachtung auch ablegen oder durch Gewalt verlieren. Letzterem widmet sich Margalit besonders eindringlich. Wie in dem Zitat bereits anklingt, ist es für Margalit keineswegs gesichert, dass Menschen die 2 Dieser Abschnitt stützt sich auf Schwuchow(2023). 3 Kratzer et al. konnten jedoch herausfinden, dass der Anspruch auf Würde und Respekt in der Arbeit einer von fünf zentralen Gerechtigkeits ansprüchen an Arbeit von Erwerbstätigen in Deutschland ist. Ihr Befund zeigt, dass Würde in der Arbeit von vielen zunehmend als gefährdet wahrgenommen wird(vgl. Kratzer et al. 2015: 103–111). Für eine weitere Untersuchung von Arbeitskämpfen um Würde vgl. zudem Costas (2023). Zum sozialphilosophischen Zusammenhang zwischen Arbeit und Würde vgl. Negt(2020). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 5 Selbstachtung anderer Menschen achten. Vielmehr geht er in seinen Überlegungen davon aus, dass Menschen sich gegenseitig eine Vielzahl an Demütigungen zufügen können. Unter Demütigung versteht Margalit wiederum„alle Verhaltensformen und Verhältnisse, die einer Person einen rationalen Grund geben, sich in ihrer Selbstachtung verletzt zu sehen“(Margalit: 21). Nach Margalit existieren drei Formen der institutionellen Demütigung 4 , die jedoch eng miteinander verbunden sind: Menschen können gedemütigt werden, indem sie als Bürger:innen zweiter Klasse behandelt werden; sie können, zweitens, gedemütigt werden, wenn sie aus der Gemeinschaft der Menschen ausgeschlossen werden, indem sie z. B. als„Untermenschen“ behandelt werden; und drittens können sich Menschen bei Handlungen gedemütigt fühlen, die zum Verlust der Selbstkontrolle führen oder diesen verdeutlichen(vgl. Margalit: 149). Für den Philosophen steht fest, dass sich diese Formen der Demütigung nicht nur in systematisch grausamen und erniedrigenden Regimen, sondern auch in modernen Demokratien finden lassen. Nach dieser Unterscheidung Margalits zwischen Selbstachtung und Würde gliedert sich eine Untersuchung der ungleichen Verteilung von Würde in Arbeit in zwei Schritte. In einem ersten Schritt muss demnach nach den drei genannten Formen institutioneller Demütigung gefragt werden, die die Menschen in ihrer Selbstachtung verletzen. Die Würde zeigt sich dann erst im zweiten Schritt in der Art und Weise, wie Menschen auf diese institutionellen Demütigungen reagieren. Diese beiden Aspekte sollen nun auf den Arbeitskontext übertragen und dabei den Konstrukten jeweils passende Operationalisierungen aus dem Datensatz„Kartografie der Arbeiter:innenklasse“ zugeordnet werden. 2.2  OPERATIONALISIERUNG DES KONZEPTS: INSTITUTIONELLE DEMÜTIGUNGEN UND STRATEGIEN DER GEGENWEHR Von den drei genannten institutionellen Demütigungsformen lassen sich mit dem vorhandenen Datensatz zwei operationalisieren. Der Kontrollverlust kann über die drei Items„Ich fühle mich bei der Arbeit selten gehetzt und unter Zeitdruck“ 5 ,„Meine Arbeit bringt mich selten an die Grenzen meiner körperlichen Belastbarkeit“ sowie„Meine Arbeit bringt mich selten an die Grenzen meiner mentalen Belastbarkeit“ operationalisiert werden. Für die Bedrohung einer Behandlung als Bürger:in zweiter Klasse eignet sich zudem das Item„Ich bekomme genug Respekt für meine Arbeit“. Für die dritte Demütigungsform, den Ausschluss aus der Gemeinschaft der Menschen, lassen sich keine passenden Operationalisierungen im Datensatz auffinden. Mit diesen hier beschriebenen Items kann der erste Schritt einer Untersuchung der Würde in der Arbeit, die Frage nach der institutionellen Demütigung, bearbeitet werden. Margalits Würdekonzeption setzt nun aber voraus, dass man zusätzlich auch die Strategien der Gegenwehr untersuchen muss, auf die Erwerbstätige zurückgreifen können, sollten sie sich in ihrer Selbstachtung bedroht fühlen. Ein Erforschen dieses Kampfes um Würde in der Arbeit ist jedoch schwierig, da dieser nicht selten im Konflikt mit den offiziellen Vorschriften der Arbeitgeber:innen steht und von den Beschäftigten in einer Befragung oder einem Interview kaum preisgegeben werden würde. Die bislang einzige systematische Untersuchung des Kampfs um Würde in der Arbeit stützt sich daher nicht auf Interviews, sondern auf sekundäranalytische Auswertungen von Arbeitsplatzethnografien. So konnte der Soziologe Randy Hodson in einer Auswertung dieser Ethnografien vier zentrale Strategien identifizieren, auf die Beschäftigte zurückgreifen, um ihre Selbstachtung in der Arbeit zu verteidigen:„Resistance, citizenship and pride in work, the creation of independent meaning systems, and the development of social relations at work“(Hodson 2001: 4f.). Die erste Strategie, um sich gegen Bedrohungen der Würde am Arbeitsplatz zu wehren, ist nach Hodson der Widerstand(„resistance“). Dieser richtet sich vor allem gegen den Machtmissbrauch der Arbeitgeber:innen. Formen des Widerstands sind zum Beispiel Sabotageaktionen, Streiks oder der Dienst nach Vorschrift. Diese Widerstandsformen sind in empirischen Untersuchungen nur schwer zu ermitteln, da sie nicht selten am Rande der Legalität angesiedelt sind und wohl kaum von Menschen freiwillig preisgegeben werden. Insofern lässt sich für diese Strategie der Gegenwehr im Datensatz keine passende Operationalisierung finden. Während die Strategie des Widerstands nicht selten auf eine offene Konfrontation mit den Vorgesetzten hinausläuft, bedient die zweite Strategie(„citizenship and pride in work“), das fundamentale Bedürfnis vieler Erwerbstätiger, sich mit ihrer Arbeit zu identifizieren und stolz auf sie zu sein(vgl. Hodson 2001: 44f.). Das Fehlen von Stolz ist auf der anderen Seite Hodson zufolge ein Zeichen unwürdiger Arbeitsbedingungen. Diese Strategie der Gegenwehr kann mit dem Item„Ich bin stolz auf meine Arbeitsleistung“ passend operationalisiert werden. Neben dem Stolz, den alltäglichen widrigen Umständen und Herausforderungen der Arbeit zu trotzen und diese mittels eigener Anstrengung und Erfahrung zu bewältigen, spielt für viele Erwerbstätige für die Identifikation mit ihrer Arbeit deren gesellschaftlicher Nutzen eine zentrale Rolle. Wie Untersuchungen über das Sinnerleben in der Arbeit zeigen, ist für viele Beschäftigte – insbesondere in der sogenannten Einfacharbeit – das Wissen um den gesellschaftlichen Bezug ihrer Arbeit ein wichtiger Antrieb(vgl. Hürtgen 2017: 222). Die Betonung der„beruflichen Würde“(Hürtgen 4 Margalits Essay ist auf das Ziel einer„anständigen Gesellschaft“ ausgerichtet, in der es keine institutionellen Demütigungen mehr gibt. Dieser Blick auf Institutionen macht seine Überlegungen für eine Übertragung auf Teilbereiche der Gesellschaft, etwa die Arbeitswelt, so anschlussreich. 5 Alle Items wurden mit einer fünfstufigen Likert-Skala abgefragt. Wo nötig, habe ich die Items rekodiert. 6 EINE FRAGE VON DEMÜTIGUNG UND RESPEKT?  JUNI 2024  FES diskurs Operationalisierung der theoretischen Konzepte Tab.1 institutionelle Demütigungen Strategien zur Verteidigung der Würde Behandlung als Bürger:in zweiter Klasse: • „Ich bekomme genug Respekt für meine Arbeitsleistung.“ Kontrollverlust: •„Ich fühle mich selten gehetzt und unter Zeitdruck.“ •„Meine Arbeit bringt mich selten an die Grenzen meiner körperlichen Belastbarkeit.“ •„Meine Arbeit bringt mich selten an die Grenzen meiner • mentalen Belastbarkeit.“ •„Ich bin stolz auf meine Arbeitsleistung.“ •„Meine Arbeit ist wichtig für die Gesellschaft.“ •„Ich kann mich in meinen Job persönlich entfalten.“ •„Ich arbeite gerne mit meinen Kolleg:innen • zusammen.“ QUELLE: FES-Datensatz„ Kartografie der Arbeiter:innenklasse“; eigene Darstellung. 2017), in der die Beschäftigten sich mit ihrer Arbeit identifizieren, weil sie als Beitrag für die Gesellschaft verstanden wird, kann als eine weitere Strategie betrachtet werden, mit der sich Beschäftigte gegen institutionelle Demütigungen in der Arbeit wehren. Auch diese Strategie kann im Datensatz über das Item„Meine Arbeit ist wichtig für die Gesellschaft“ passend operationalisiert werden. Die dritte Würdestrategie, die Hodson aus den Arbeitsplatzethnografien herausfiltert, betrifft nicht direkt die konkreten Arbeitsabläufe oder den Umgang mit den hierarchischen Strukturen in der Arbeitswelt, sondern die Etablierung autonomer und sinnstiftender Rituale(„creation of independent meaning systems“), die unabhängig vom eigentlichen Arbeitsprozess bestehen können. Diese Rituale dienen vor allem dem Zweck, den Arbeitsort oder den Arbeitsablauf selbst kontrollieren und gestalten zu können (vgl. Hodson 2001: 46f.). Dazu zählt er u. a. die persönliche Gestaltung des Arbeitsplatzes(z. B. durch das Aufhängen / Aufstellen von Bildern), die Durchführung bestimmter Pausenrituale oder die Etablierung eigener Arbeitsabläufe (vgl. Hodson 2001). Als Operationalisierung dieser Strategie der Gegenwehr bietet sich das Item„Ich kann mich in meinem Job persönlich entfalten“ an. Als vierte und letzte Strategie, die Würde in der Arbeit zu verteidigen, hebt Hodson schließlich die Beziehung zu den Kolleg:innen („coworker relations“) hervor. Dazu gehört vor allem die Existenz einer informellen Gruppensolidarität, mit der sich Beschäftigte gegen Vorgesetzte, aber auch gegen andere Beschäftigungsgruppen eines Betriebs sowie Angriffe vonseiten der Kundschaft verteidigen können(vgl. Hodson 2001, 48). Für diese Strategie findet sich im Datensatz das Item „Ich arbeite gerne mit meinen Kolleg:innen zusammen“. Anhand dieser Operationalisierung der Konzepte, die in der Tabelle 1 noch einmal zusammengefasst sind, soll im Folgenden die Fragestellung untersucht werden, wer unter welchen institutionellen Demütigungen in der Arbeit leidet und wer auf(welche) Strategien der Gegenwehr zurückgreifen kann. Diese Fragestellung soll mittels einer explorativen Clusteranalyse 6 beantwortet werden. 6 Das Ziel einer Clusteranalyse ist es, die Untersuchungsobjekte(Teilnehmende des Fragebogens) hinsichtlich spezifischer Eigenschaften (Items zu Demütigung und Würde in der Arbeit) in Gruppen(Clustern) zu unterteilen. Diese Cluster sollen in sich möglichst homogen sein und sich voneinander möglichst unterscheiden. Das Clusterverfahren ist ein mehrstufiges exploratives Verfahren. Zur genauen Beschreibung der Vorgehensweise vgl. Backhaus et al.(2018). Nachfolgend wurde das Ward-Verfahren genutzt. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 7 3 ERGEBNISSE Die Clusteranalyse über die ausgewählten Items hat eine Aufteilung in fünf Cluster ergeben. Um die einzelnen Cluster zu beschreiben, ist es sinnvoll, die charakteristischen Merkmalsausprägungen der verwendeten Items in den jeweiligen Clustern genauer anzuschauen(vgl. Abbildung 1). Beim Blick auf das Ergebnis der Clusteranalyse lässt sich zunächst festhalten, dass die Items nach Strategien der Gegenwehr in allen fünf Clustern positiv beantwortet worden sind. Unterschiede ergeben sich damit vor allem beim Blick auf die Operationalisierungen der institutionellen Demütigungen. Das erste Cluster(in der Abbildung oben links) zeichnet sich dadurch aus, dass die Items zur Operationalisierung der institutionellen Demütigungen hier im Vergleich zur Gesamtverteilung sowie den anderen Clustern negativ beantwortet sind. Das heißt, in diesem Cluster wurden Erwerbstätige zusammengefasst, die unter Kontrollverlust(Zeitdruck, körperliche und mentale Arbeitsbelastung) und der Behandlung als Bürger:in zweiter Klasse(fehlender Respekt) leiden. Im zweiten Cluster(in der Mitte oben) sehen wir, dass alle Items überdurchschnittlich positiv beantwortet worden sind. Das bedeutet, dass es in diesem Cluster keine institutionellen Demütigungen in der Arbeit gibt. Das dritte Cluster(oben rechts) sticht durch ein Charakteristikum heraus: Die Frage nach Respekt wurde in dieser Gruppe am negativsten beantwortet. Das vierte Cluster(unten links) unterscheidet sich kaum von der Gesamtverteilung, lediglich die Frage nach der Selbstentfaltung im Job ist eher überdurchschnittlich stark vorhanden Ergebnis der Clusteranalyse Abb.1 beide inst. Demütigungen (N: 818) keine inst. Demütigungen (N: 585) Bürger:in zweiter Klasse (N: 341) 0 12 3 4 5 Selbstentfaltung (N: 424) schwache Würdestrategien (N: 804) Total 012 3 4 5 Ich bin stolz auf meine Arbeitsleistung. Ich bekomme genug Respekt für meine Arbeit. Arbeit selten gehetzt und unter Zeitdruck. Arbeit führt selten an Grenzen mentaler Belastbarkeit. Meine Arbeit ist wichtig für die Gesellschaft. Ich arbeite gerne mit meinen Kolleg:innen zusammen. Arbeit führt selten an Grenzen körperl. Belastbarkeit. Ich kann mich in meinem Job persönlich entfalten. QUELLE: FES-Datensatz„Kartografie der Arbeiter:innenklasse“; eigene Darstellung. 8 EINE FRAGE VON DEMÜTIGUNG UND RESPEKT?  JUNI 2024  FES diskurs und auch der Respekt für die Arbeitsleistung ist hier besonders stark ausgeprägt. Das fünfte Cluster(Mitte unten) unterscheidet sich schließlich von allen anderen Clustern sowie der Gesamtverteilung dadurch, dass die Items zur Messung der Strategien der Gegenwehr hier zwar ebenfalls eher positiv beantwortet sind. Allerdings deutlich schwächer als in den anderen Clustern. Um nun zu ermitteln, wer unter welchen Demütigungsformen in der Arbeit leidet und um Würde in der Arbeit kämpfen muss, sollen die Cluster hinsichtlich ihrer subjektiven und ihrer objektiven Klassenzugehörigkeit nach Oesch(2006) 7 sowie ihres Klassenbewusstseins 8 näher beschrieben werden. Zusätzlich werden der(höchste) Schulabschluss, die finanzielle Situation und die politische Präferenz untersucht. Blicken wir zunächst auf die beiden Cluster, die unter institutionellen Demütigungen in der Arbeit leiden, sowie das Cluster, in dem die Strategien der Gegenwehr schwach ausgeprägt sind. Cluster„Bürger:in zweiter Klasse“(N: 343) Diejenigen, die insbesondere unter fehlendem Respekt für ihre Arbeitsleistung leiden, setzen sich ca. zu 50 Prozent aus Erwerbspersonen zusammen, die sich der Arbeiterklasse zugehörig fühlen. Das entspricht dem Ergebnis der Gesamtverteilung, die Klassenzugehörigkeit ist hier also nicht überrepräsentiert. In diesem Cluster sind Lower-GradeService-Kräfte deutlich überrepräsentiert. Im Gesamtdatensatz sind es 25 Prozent, hier 32 Prozent. In diesem Cluster sind auch diejenigen, die ein mittleres Klassenbewusstsein erreichen, leicht überrepräsentiert(41 Prozent). Die finanzielle Situation ist im Vergleich zum vorangegangenen Cluster etwas besser und entspricht dem Durchschnitt: 50 Prozent dieses Clusters geben an, zur Not auch sechs Monate von Ersparnissen leben zu können. Mit Blick auf politische Präferenzen ist festzuhalten, dass in diesem Cluster diejenigen, die nicht wissen, welche Partei sie wählen sollen, sehr stark vertreten sind(20 Prozent). Auch die SPD würde in diesem Cluster ihr bestes Ergebnis erzielen (15 Prozent). 3.1  WER LEIDET UNTER INSTITUTIONELLEN DEMÜTIGUNGEN IN DER ARBEIT? Cluster„beide institutionellen Demütigungen“ (N: 823) Erwerbstätige, die unter Kontrollverlust sowie einer Behandlung als Bürger:in zweiter Klasse in der Arbeit leiden, fühlen sich überdurchschnittlich stark der Arbeiterklasse zugehörig(60 Prozent), das sind fast zehn Prozentpunkte mehr als im Gesamtdurchschnitt des Datensatzes. Diese starke subjektive Zugehörigkeit bestätigt sich auch mit Blick auf die objektive Klassenzuordnung nach Oesch(5erModell). Lower-Grade-Service-Kräfte sowie Skilled Workers sind in diesem Cluster leicht überrepräsentiert. Auch das Klassenbewusstsein ist hier überdurchschnittlich stark: 41 Prozent erreichen ein hohes Klassenbewusstsein, im Gesamtdatensatz waren das„nur“ 34 Prozent. Weitere Merkmale sind, dass eine Mehrheit dieses Cluster angibt, einen Haupt- oder Realschulabschluss als höchsten Schulabschluss zu besitzen(zusammen fast 60 Prozent) und die finanzielle Situation schlecht ist. So geben 54 Prozent an, keine Ersparnisse zu besitzen. Das sind zehn Prozent mehr, als dies in der Gesamtverteilung angeben wird. Mit Blick auf politische Präferenzen lässt sich festhalten, dass die AfD in diesem Cluster die meisten Stimmen bekommen würde(ca. 20 Prozent), das sind sechs Prozent mehr als in der Gesamtverteilung. Cluster„schwache Würdestrategien“(N: 808) Dem Cluster, in dem die Strategien der Gegenwehr insgesamt schwächer ausgeprägt sind, fühlt sich eine knappe Mehrheit der Arbeiterklasse zugehörig(51 Prozent Ja, 43 Prozent Nein). Mit Blick auf Oeschs Erwerbsklassenmodell fällt auf, dass in diesem Cluster nahezu die Gesamtverteilung abgebildet wird: Das Klassenbewusstsein ist zwar nicht so stark ausgeprägt wie in den anderen beiden Clustern, doch auch hier überwiegt ein mittleres / hohes Klassenbewusstsein. Auffällig ist, dass in diesem Cluster Menschen mit Realschulschulabschluss deutlich überrepräsentiert sind(37 Prozent), das sind sieben Prozentpunkte mehr als in der Gesamtverteilung. Doch auch Abitur und Hochschulabschlüsse sind in dieser Gruppe leicht überdurchschnittlich vertreten. Die finanzielle Situation ist allerdings etwas schlechter als in der Gesamtverteilung. Eine knappe Mehrheit kann nicht auf Ersparnisse zurückgreifen. Stärkste Parteien dieses Cluster sind neben der AfD (17 Prozent), die CDU / CSU(16 Prozent) sowie die Angabe „weiß nicht“(18 Prozent). Im Unterschied zu diesen drei hier beschriebenen Clustern setzen sich die weiteren Gruppen aus Erwerbstätigen zusammen, die keinen institutionellen Demütigungen in der Arbeit ausgesetzt sind und über Strategien der Gegenwehr in der Arbeit verfügen. Auch diese sollen hier kurz hinsichtlich prägnanter Merkmalsausprägungen beschrieben werden. 7 Bei dem Klassenmodell nach Oesch handelt es sich um eine Aufteilung in 16 Klassen. Der Einfachheit halber wird im Folgenden auf eine Zusammenfassung des Modells in fünf Klassen zurückgegriffen. Diese fünf Klassen lauten: Higher-Grade Service Class(obere Dienstklasse), Lower-Grade Service Class(untere Dienstklasse), Small Business Owners(Kleingewerbetreibende), Skilled Workers(Facharbeiter:innen) und Unskilled Workers(ungelernte Arbeiter:innen). Die deutschen Übersetzungen stammen aus Lux et al.(2021). 8 Das Klassenbewusstsein wurde in Anlehnung an die Arbeiten von Erbslöh et al.(1987) mittels eines Summenindex ermittelt. Der Index setzt sich aus folgenden Items zusammen:„Arbeitnehmer in unserer Gesellschaft brauchen Gewerkschaften, um ihre Interessen durchzusetzen“, „Große Konzerne haben bei Weitem zu viel Macht in Deutschland“,„Stellen Sie sich einen langen Streik vor, in dem um Löhne und Arbeitsbe dingungen gekämpft wird und der sich massiv auf das tägliche Leben in Deutschland auswirkt. Welches Ergebnis würden Sie sich wünschen?“. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 9 3.2  WER VERFÜGT ÜBER GUTE ARBEITSBEDINGUNGEN? 3.3 FAZIT Cluster„keine institutionellen Bedrohungen“ (N: 585) Anders als in allen bisher beschriebenen Clustern fühlt sich eine Mehrheit dieses Clusters nicht der Arbeiterklasse zugehörig. Mit 55 Prozent wurde eine Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse in diesem Cluster deutlich überdurchschnittlich verneint. In diesem Cluster sind Higher-GradeService-Kräfte deutlich über- und Skilled Workers deutlich unterrepräsentiert. Die Higher-Grade-Service-Kräfte sind in diesem Cluster sogar mit 34 Prozent stärkste Fraktion. Interessanter Weise sind in diesem Cluster aber auch Unskilled Workers leicht überdurchschnittlich vertreten. Das ist ein sehr überraschendes Ergebnis. Mit Blick auf den höchsten Schulabschluss lässt sich erkennen, dass Abiturient:innen sowie Menschen mit Hochschulabschluss in dieser Gruppe zusammen fast 50 Prozent ausmachen. Gerade Hauptschüler:innen sind in diesem Cluster dagegen deutlich unterrepräsentiert. Auch in der Frage des Klassenbewusstseins zeigt sich ein signifikanter Unterschied zu der Gesamtverteilung sowie den anderen Clustern. Diejenigen mit hohem Klassenbewusstsein sind in diesem Cluster deutlich unterrepräsentiert(25 Prozent). Das sind zehn Prozent weniger als im Gesamtdurchschnitt und fast 16 Prozent weniger als im Cluster„beide institutionellen Demütigungen“. In diesem Cluster kann eine deutliche Mehrheit auf Ersparnisse zurückgreifen. Mit 59 Prozent ist auch diese Antwort in dieser Gruppe deutlich überrepräsentiert. Beim Blick auf die politischen Präferenzen lässt sich festhalten, dass in dieser Gruppe CDU / CSU(20 Prozent) sowie Bündnis 90 / Die Grünen(13 Prozent) die stärksten Parteien sind. Cluster„Selbstentfaltung“(N: 423) Ein ähnliches Bild ergibt sich auch beim Blick auf das Cluster„Selbstentfaltung“. Auch hier sind Higher-GradeService-Kräfte deutlich überrepräsentiert und bilden die stärkste Berufsklasse. Gleiches gilt für Menschen mit Hochschulabschluss. Interessanter Weise fühlt sich aber auch in diesem Cluster noch eine knappe Mehrheit(49 Prozent) der Arbeiterklasse zugehörig(46 Prozent verneinen die Frage, fünf Prozent antworten mit„weiß nicht“). Mit Blick auf das Klassenbewusstsein lässt sich also keine große Differenz zur Gesamtverteilung erkennen. Einzig diejenigen, die mit teils / teils abschneiden, sind in diesem Cluster leicht überrepräsentiert. Allerdings überwiegt hier auch die Gruppe derjenigen mit mittlerem / hohem Klassenbewusstsein. Diejenigen, die auf Ersparnisse zurückgreifen können, sind in diesem Cluster in der Mehrheit und stärker vertreten als in den anderen Clustern(57 Prozent). Bündnis 90 / Die Grünen würden in diesem Cluster mit 18 Prozent der Stimmen ihr deutlich bestes Ergebnis erzielen. Auch die FDP erzielt in diesem Cluster ein leicht überdurchschnittliches Ergebnis(sieben Prozent). Die deskriptive Beschreibung der Cluster ergibt bei einigen Merkmalen eine deutliche Zweiteilung: Diejenigen, die unter institutionellen Demütigungen(Kontrollverlust und / oder Behandlung als Bürger:in zweiter Klasse) leiden, sind vor allem Skilled Workers sowie Lower-Grade-ServiceKräfte. Dagegen sind in den beiden Clustern, die keine institutionellen Demütigungen fürchten müssen, HigherGrade-Service-Kräfte am stärksten und Skilled Workers am schwächsten vertreten. In dem Cluster„schwache Würdestrategien“ lässt sich keine Auffälligkeit beobachten, allerdings sind auch hier genauso wie in der Gesamtverteilung die Lower-Grade-Service-Kräfte sowie Skilled Workers in der Mehrzahl gegenüber den Higher-Grade-Service-Kräften. Auch der Blick auf die Schulbildung lässt diesen Dualismus erkennen: Während Real- und Hauptschulabschlüsse in Gruppen, die unter institutionellen Demütigungen und schwachen Würdestrategien in der Arbeit leiden, die Mehrheit ausmachen, kippt dieses Verhältnis in den Gruppen, die keine institutionellen Demütigungen haben, in die andere Richtung. Hier sind Abitur und Hochschulabschlüsse deutlich überrepräsentiert. Ähnliche Tendenzen lassen sich auch in Bezug auf das Klassenbewusstsein sowie die Klassenzugehörigkeit erkennen: Diejenigen, die um Würde in der Arbeit kämpfen müssen, zeigen ein höheres Klassenbewusstsein sowie eine stärkere subjektiv empfundene Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse im Unterschied zu denjenigen, die über gute Arbeitsbedingungen verfügen und keinen institutionellen Demütigungen ausgesetzt sind. Interessanter Weise befindet sich das Klassenbewusstsein sowie die Frage der Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse aber in allen Clustern auf einem sehr hohen Niveau. Hier wäre es sicherlich interessant, detaillierte Unterschiede in den jeweiligen Clustern zu untersuchen. Mit Blick auf die Wahlabsichten zeigt sich, dass die AfD insbesondere unter denjenigen erfolgreich ist, die unter beiden institutionellen Demütigungen in der Arbeit leiden, sowie in der Gruppe, die über vergleichsweise schlechte Würdestrategien in der Arbeit verfügt. Das könnte ein Hinweis dafür sein, dass die Wahl der AfD auch ein Ausdruck des Protests bzw. des Kampfes um Würde in der Arbeit ist(vgl. Schwuchow 2023). Andere Parteien wie Bündnis 90 / Die Grünen oder CDU / CSU erzielen dagegen ihre besten Ergebnisse unter denjenigen, die verhältnismäßig gute Arbeitsbedingungen haben. Die SPD erzielt ihr bestes Ergebnis in der Gruppe, die über fehlenden Respekt in der Arbeit klagt. Um diesem Zusammenhang weiter nachzugehen, soll im letzten Abschnitt dieser Untersuchung nach dem Einfluss auf politische Wahlabsichten gefragt werden. 10 EINE FRAGE VON DEMÜTIGUNG UND RESPEKT?  JUNI 2024  FES diskurs 4 IMPLIKATIONEN AUF POLITISCHES WAHLVERHALTEN Hat der Kampf um Würde in der Arbeit auch einen Einfluss auf politisches Stimmverhalten? Im vorherigen Abschnitt konnte diese Frage bereits anhand erster deskriptiver Statistiken beantwortet werden. Es hat sich gezeigt, dass Erwerbstätige, die unter institutionellen Demütigungen in der Arbeit und fehlenden Strategien der Gegenwehr leiden, überdurchschnittlich AfD wählen würden. Auch diejenigen, die nicht wissen, welcher Partei sie ihre Stimme geben würden, sind hier stark vertreten. Die SPD schneidet zudem gut bei denjenigen ab, die unter fehlendem Respekt bzw. einer Behandlung als Bürger:in zweiter Klasse in der Arbeit leiden. Auf der anderen Seite ist unter denjenigen mit(sehr) guten Arbeitsbedingungen die Tendenz am höchsten, CDU / CSU, Bündnis 90 / Die Grünen oder die FDP zu wählen. Um diesen Zusammenhang nun genauer zu untersuchen, soll im Folgenden eine logistische Regressionsanalyse unter Ausgabe von Average-Marginal-Effekten 9 durchgeführt werden. Neben den fünf Clustern(Referenzkategorie: keine institutionellen Demütigungen) werden in die Regressionsanalyse folgende weitere erklärende Variablen mitaufgenommen: Logistische Regression der AfD-Wahl beide inst. Demütigungen Bürger:in zweiter Klasse Selbstentfaltung schwache Würdestrategien Hauptschule Realschule Abitur Wahrscheinlichkeit der AfD-Wahl Abb.2 noch in der Schule unter 1.500 1.500–2.100 2.100–2.850 Frauen Migration Umverteilung Abstiegssorgen EU –.2 –.1 0.1.2.3 Anmerkung: Durchschnittliche marginale Effekte mit 90% Konfidenzintervall; N: 690; R²: 49. QUELLE: FES-Datensatz„ Kartografie der Arbeiter:innenklasse“; eigene Darstellung. 9 „Durchschnittliche marginale Effekte sind ein Maß der absoluten Veränderung der Wahrscheinlichkeit, dass ein über die Outcome-Variabel gemessenes Ereignis zutrifft“(Lengfeld / Dilger 2018: 190, FN16). Bei der kategorialen abhängigen Variabel des AfD-Wahlpotenzials bedeutet der AME, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer AfD-Wahl in einer Gruppe um durchschnittlich X Prozentpunkte von der jeweiligen Referenz gruppe unterscheidet. Bei metrischen Variablen ist der AME als Veränderung der Wahrscheinlichkeit des AfD-Wahlpotenzials um durchschnitt lich x-Prozentpunkte, pro weitere Einheit der unabhängigen Variable, zu interpretieren. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 11 Geschlecht(als Dummy-Variable männlich / weiblich), der Schulabschluss(Hauptschule, Realschule, Abitur, Referenzkategorie: Fachholschulabschluss), das monatliche Nettohaushaltseinkommen(unter 1.500 Euro, 1.500–2.100 Euro, 2.100–2.850 Euro, Referenzkategorie: über 2.850 Euro) sowie Einstellungen zu Migration(als Dummy-Variable Nein / Ja –„Es ist bereichernd für das kulturelle Leben in Deutschland, wenn Migrant:innen hinzukommen“), zu staatlichen Umverteilungsprogrammen(Dummy-Variable Nein / Ja –„Der Staat sollte Maßnahmen ergreifen, um mehr als bislang Einkommensunterschiede zu verringern“), Abstiegssorgen(Dummy-Variable Nein / Ja –„Die Gesellschaft verändert sich so schnell, dass ich Angst habe, abgehängt zu werden“) und zur EU(Dummy-Variable Nein / Ja –„Die Mitgliedschaft in der EU bringt Deutschland mehr Vorteile als Nachteile“). Das Ergebnis der Regression ist in Abbildung 2 ausgewiesen. Statistisch signifikant sind alle Merkmale, die die vertikale rote Linie nicht überschreiten. Aufgrund des derzeitigen Umfragehochs wurde zunächst die AfD-Wahl, anschließend die Wahl der drei Regierungsparteien SPD, Bündnis 90 / Die Grünen sowie FDP untersucht. 4.2  LOGISTISCHE REGRESSION DER SPD-WAHL Beim Blick auf die Prädikatoren der SPD-Wahl zeigen sich deutliche Unterschiede. So wählen diejenigen, die unter beiden institutionellen Demütigungen in der Arbeit leiden, seltener die SPD als diejenigen mit sehr guten Arbeitsbedingungen. Das bedeutet umgekehrt, dass die SPD vor allem unter denjenigen mit sehr guten Arbeitsbedingungen statistisch häufiger gewählt wird(Differenz liegt bei neun Prozent). Allerdings scheint es hier Unterschiede zu geben, denn diejenigen, die vor allem über Selbstentfaltung am Arbeitsplatz verfügen, wählen wiederum seltener die SPD. Realschüler:innen zeigen eine leicht signifikante größere Wahrscheinlichkeit der SPD-Wahl. Gegenüber Menschen mit Hochschulabschluss liegt die Wahrscheinlichkeit hier um sieben Prozentpunkte höher. Eine Befürwortung von staatlicher Umverteilung sowie der EU beeinflussen die SPD-Wahl ebenfalls positiv. Insgesamt fällt aber auf, dass die Modellgüte(R 2 : 9) sehr niedrig ist. Die in dem Modell aufgenommenen Variablen können die SPD-Wahl daher insgesamt nicht zufriedenstellend erklären. 4.1  LOGISTISCHE REGRESSION DER AFD-WAHL 4.3  LOGISTISCHE REGRESSION DER BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN-WAHL Mit Blick auf die vorangegangene Clusteranalyse zeigt sich in dieser Regressionsanalyse, dass das Cluster„schwache Würdestrategien“ einen erklärenden Einfluss auf die Wahlabsicht der AfD hat. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit der AfD-Wahl unter denjenigen, die schwache Strategien der Gegenwehr in der Arbeit besitzen, um sieben Prozentpunkte höher als unter denjenigen, die unter keinen institutionellen Demütigungen in der Arbeit leiden. Ebenfalls signifikant ist, dass eine ablehnende Haltung gegenüber Migration sowie der EU die Wahrscheinlichkeit der AfDWahl erhöhen. In der Migrationskritik liegt der Unterschied bei 17 Prozentpunkten gegenüber denjenigen, die Migration begrüßen. Im Falle der kritischen Haltung gegenüber der Mitgliedschaft Deutschlands in der EU ist die Wahrscheinlichkeit, AfD zu wählen gegenüber denen, die diese Mitgliedschaft begrüßen, sogar um 19 Prozentpunkte höher. Auch Menschen mit Abstiegssorgen wählen statisch häufiger die AfD als Menschen ohne Abstiegssorgen, der Unterschied beträgt dabei sechs Prozentpunkte. Ebenfalls signifikant ist die Angabe derjenigen, die sich noch in der Schule(mit dem Ziel Abitur) befinden. Allerdings weist dieser Wert einen sehr hohen Standardfehler auf, sodass er hier nicht weiter berücksichtigt werden muss. Die Modellgüte dieser Regression wird mit einem Pseudo R 2 Wert von 49 ausgewiesen. 10 Anders als bei der AfD und der SPD zeigen die Cluster keinerlei statistische Relevanz in der Untersuchung der Wahl von Bündnis 90 / Die Grünen. Dafür erklärt der Bildungsabschluss sowie das Haushaltseinkommen diese Wahlentscheidung. Gegenüber Realschüler:innen zeigen Hochschulabsolvent:innen eine um 16 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit der Wahl für Bündnis 90 / Die Grünen. Ähnliches lässt sich beim Einkommen feststellen: Gegenüber der untersten Einkommensklasse(unter 1.500 Euro) zeigt die oberste Einkommensklasse eine um 24 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, Bündnis 90 / Die Grünen zu wählen. Im starken Kontrast zu den AfD-Wähler:innen steigt zudem mit Zustimmung zur Migration und EU die Wahrscheinlichkeit der Wahlabsicht für Bündnis 90 / Die Grünen. Auf der anderen Seite wählen Menschen ohne Abstiegssorgen Bündnis 90 / Die Grünen statistisch häufiger als Menschen mit Abstiegssorgen. Ein im Hinblick auf aktuelle Debatten sicherlich interessanter Befund ist zudem, dass genauso wie in der Wahluntersuchung der SPD eine Zustimmung zu staatlicher Umverteilung die Wahrscheinlichkeit der Wahl von Bündnis 90 / Die Grünen erhöht. Die Modellgüte liegt bei R 2 29. 10 R² erklärt den Anteil der Varianz der abhängigen Variable(hier der AfD-Wahl), die durch die unabhängigen Variablen erklärt werden kann. Das heißt, in diesem Modell können ca. 50 Prozent der Varianz der AfD-Wahlentscheidung erklärt werden. 12 EINE FRAGE VON DEMÜTIGUNG UND RESPEKT?  JUNI 2024  FES diskurs Logistische Regression der SPD-Wahl Abb.3 beide inst. Demütigungen Bürger:in zweiter Klasse Selbstentfaltung schwache Gegenwehrstrategien Hauptschule Realschule Abitur anderer Abschluss Wahrscheinlichkeit der SPD-Wahl unter 1.500 1.500–2.100 2.100–2.850 Frauen Migration Umverteilung Abstiegssorgen EU –.2 0.2.4 .6 .8 Anmerkung: Durchschnittliche marginale Effekte mit 90% Konfidenzintervall; N: 692, R²: 9. QUELLE: FES-Datensatz„ Kartografie der Arbeiter:innenklasse“; eigene Darstellung. Logistische Regression Wahl Bündnis 90/ Die Grünen beide inst. Demütigungen Bürger:in zweiter Klasse Selbstentfaltung schwache Würdestrategien Hauptschule Realschule Abitur Wahrscheinlichkeit der Wahl von Bündnis 90/Die Grünen Abb.4 unter 1.500 1.500–2.100 2.100–2.850 Frauen Migration Umverteilung Abstiegssorgen EU –.4 –.2 0.2.4 Anmerkung: Durchschnittliche marginale Effekte mit 90% Konfidenzintervall; N: 688, R²: 29. QUELLE: FES-Datensatz„ Kartografie der Arbeiter:innenklasse“; eigene Darstellung. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 13 Logistische Regression FDP-Wahl Abb.5 beide inst. Demütigungen Bürger:in zweiter Klasse Selbstentfaltung schwache Würdestrategien Hauptschule Realschule Abitur Wahrscheinlichkeit der FDP-Wahl noch in Schulbildung(Haupt-/Realschule) noch in Schulbildung(Abitur) unter 1.500 1.500–2.100 2.100–2.850 Frauen Migration Umverteilung Abstiegssorgen EU –.5 0.5 1 Anmerkung: Durchschnittliche marginale Effekte mit 90% Konfidenzintervall; N: 692, R²: 17. QUELLE: FES-Datensatz„ Kartografie der Arbeiter:innenklasse“; eigene Darstellung. 4.4  LOGISTISCHE REGRESSION DER FDP-WAHL Abschließend soll noch ein Blick auf die Faktoren geworfen werden, die die FDP-Wahl erklären. Hier ist auffällig, dass die Ablehnung von staatlicher Umverteilung, die Befürwortung der EU sowie Abstiegssorgen die Wahl der FDP erklären können. Gerade im Hinblick auf die Abstiegssorgen ist dieser Befund sicherlich überraschend. Es könnte als ein Hinweis gedeutet werden, dass diese Sorgen mittlerweile auch eine relativ gut situierte(obere) Mittelklasse erreichen, die als Stammklientel der FDP gilt. Auf der anderen Seite gab es jedoch auch nach der Bundestagswahl 2021 Hinweise darauf, dass die FDP teilweise auch bei sozial Schwächeren verhältnismäßig gut abschneiden konnte. Die Modellgüte liegt bei 17. 14 EINE FRAGE VON DEMÜTIGUNG UND RESPEKT?  JUNI 2024  FES diskurs 5 FAZIT UND AUSBLICK Zwei Fragestellungen sollten in dieser Untersuchung beantwortet werden: 1) Wer leidet unter welchen Missachtungserfahrungen in der Arbeit und muss um Würde in der Arbeit kämpfen? 2) Welche Implikationen hat der Kampf um Würde in der Arbeit auf politische Wahlabsichten? Um diese Fragestellungen zu bearbeiten, wurde zunächst unter Rückgriff auf Avishai Margalits Würdedefinition ein Konzept präsentiert, um den Kampf um Würde in der Arbeit in einer quantitativen Untersuchung zu erforschen. Die passenden Operationalisierungen aus dem Datensatz„Kartografie der Arbeiter:innenklasse“ wurden den jeweiligen Konzepten zugeordnet. Anschließend wurde zur Beantwortung der ersten Fragestellung eine explorative Clusteranalyse durchgeführt. Die Ergebnisse einer deskriptiven Analyse der Cluster ergaben, dass diejenigen, die unter Berücksichtigung der subjektiven und objektiven Kriterien der Arbeiterklasse am stärksten zugehörig sind, auch am stärksten unter institutionellen Demütigungen in der Arbeit leiden und um Würde in der Arbeit kämpfen müssen. Es zeigt sich also ein Zusammenhang zwischen Klassenzugehörigkeit und Entwürdigungserfahrungen in der Arbeit. Dieser Zusammenhang, der aufgrund des explorativen Charakters des Clusterverfahrens weitere statistische Untersuchungen erfordert, weist daraufhin, dass Klassenkonzeptionen gut daran täten, die Frage von Macht, Ausbeutung und Entwürdigung am Arbeitsplatz(wieder) stärker zu berücksichtigen(vgl. Wright 2000). Eine solche Perspektive könnte die weit verbreitete Deutung einer Fragmentierung oder gar Auflösung der Arbeiterklasse korrigieren: Die Demütigungserfahrungen und die Kämpfe um Würde in der Arbeit scheinen vielmehr ein verbindendes Klassenelement zu sein(bzw. auf der anderen Seite würdewahrende Arbeitsverhältnisse der oberen Klassen), auch wenn sich daraus kein kollektives politisches Bewusstsein ableiten oder beobachten lässt. Im letzten Abschnitt wurde die zweite Fragestellung, ob Kämpfe um Würde in der Arbeit auch einen Einfluss auf politisches Stimmverhalten haben, anhand einer logistischen Regressionsanalyse der AfD-, SPD-, Bündnis 90 / Die Grünen- sowie der FDP-Wahl untersucht. Diese Untersuchung hat ergeben, dass der Kampf um Würde einen robusten Einfluss auf die AfD-Wahl zeigt. Mangelnde Strategien der Gegenwehr in der Arbeit können also durchaus ein erklärender Faktor der AfD-Wahlabsicht sein. Grund hierfür könnte die Tatsache sein, dass aufgrund fehlender Strategien der Gegenwehr am Arbeitsplatz, der Kampf um Würde in der Arbeit auf andere Instanzen ausgegliedert wird. In der Wahl einer rechtspopulistischen Partei äußert sich möglicherweise demnach auch der Protest gegen die Entwürdigungserfahrungen in der Arbeit(Hövermann 2023, Schwuchow 2023). Diese Erklärung schließt andere Erklärungen der AfD-Wahl nicht aus. Wie in der Regressionsanalyse deutlich wird, sind vor allem ablehnende Haltungen gegenüber der EU, Abstiegssorgen sowie Kritik an der Migration zentrale Gründe für die AfD-Wahl. Quasi spiegelverkehrt gestalten sich die Erklärungsfaktoren für die Wahl von Bündnis 90 / Die Grünen. Hier sind keine Abstiegssorgen sowie eine Befürwortung von Migration, Umverteilungsprojekten und der EU ausschlaggebende Faktoren. Zudem zeigt sich, dass hohe Einkommen und Bildungsabschlüsse ebenfalls die Wahrscheinlichkeit der Wahl von Bündnis 90 / Die Grünen deutlich erhöhen. Beim Blick auf die SPD konnte festgehalten werden, dass gute Arbeitsbedingungen(keine institutionellen Demütigungen) die Wahrscheinlichkeit einer Stimmabgabe für die SPD erhöhen. Ebenso wie bei Bündnis 90 / Die Grünen steigt mit der Befürwortung staatlicher Umverteilung sowie der EU die Wahrscheinlichkeit einer Stimmabgabe für die SPD. Allerdings muss hier die niedrige Modellgüte beachtet werden. Die SPD-Wahl konnte mit dem Modell insgesamt nicht gut erklärt werden. Zum Schluss wurde noch die FDP-Wahl untersucht. Hier konnte zunächst eine deutliche Differenz zur SPD und Bündnis 90 /Die Grünen festgestellt werden: Denn die FDP-Wahl wird von einer ablehnenden Haltung gegenüber Umverteilungsmaßnahmen begünstigt. Allerdings konnte ebenfalls festgehalten werden, dass ähnlich wie bei der AfD mit steigenden Abstiegssorgen auch die Wahrscheinlichkeit einer Stimmabgabe für die FDP steigt. Der Blick auf den Kampf um Würde in der Arbeit kann in den hier vorgestellten Modellen einzig die Wahrscheinlichkeit einer AfD-Wahl erklären. Dieser Befund deckt sich mit anderen Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass fehlender Stolz in der Arbeit und schlechte Arbeitsbedingungen ein Merkmal der AfD-Wählerschaft sind(vgl. Hövermann 2023, Kiess et al. 2023, Schwuchow 2023). Das ist für linke Parteien sicherlich eine Herausforderung wie auch eine mögliche Chance, um verloren gegangene Stimmen zurückzugewinnen. Bedenkenswert ist aus sozialdemokratischer Sicht zudem der Befund, dass Abstiegssorgen eine AfD- und FDP-Wahl erklären. Auch wenn unklar ist, was diese Sorgen begünstigen und wer genau diese äußert, könnte es doch eine Aufgabe linker Parteien sein, auch diejenigen zu erreichen, die von Umverteilungsprojekten(die ein Teil der Wählerschaft der SPD sowie von Bündnis 90 / Die Grünen durchaus begrüßt) profitieren würden und derzeit von Abstiegssorgen geplagt werden. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 15 ANHANG 11 Zugehörigkeit der Arbeiter:innenklasse Anh.1 60 57 50 40 35 30 50 43 51 43 55 42 49 46 Angaben in Prozent 50 44 20 10 8 8 6 6 4 0 Cluster„beide inst. Cluster„Bürger:in Cluster„schwache Cluster„keine Cluster Demütigungen“ zweiter Klasse“ Würdestrategien“ Bedrohung“„Selbstentfaltung“ (N: 823)(N: 343) (N: 808)(N: 585)(N: 423) eher Ja eher Nein weiß nicht 7 Gesamt (N: 5061) QUELLE: FES-Datensatz„ Kartografie der Arbeiter:innenklasse“; eigene Darstellung. Oesch 5er Modell Anh.2 40 35 35 30 27 25 23 20 32 32 22 32 26 26 33 24 24 34 28 22 Angaben in Prozent 32 26 25 15 14 10 10 9 11 10 11 5 5 5 5 5 6 5 0 Cluster„beide inst. Cluster„Bürger:in Cluster„schwache Cluster„keine Cluster Demütigungen“ zweiter Klasse“ Würdestrategien“ Bedrohung“„Selbstentfaltung“ (N: 758)(N: 317) (N: 727)(N: 540)(N: 400) Gesamt (N: 4215) Higher-Grade Service Class Lower-Grade Service Class Small Business Owners Skilled Workers Unskilled Workers QUELLE: FES-Datensatz„ Kartografie der Arbeiter:innenklasse“; eigene Darstellung. 11 Die Größenordnungen können im Anhang variieren. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass in einigen Fällen(der Frage nach Klassenbewusst sein und Erwerbsklasse) fehlende Werte nicht berücksichtigt worden sind. 16 EINE FRAGE VON DEMÜTIGUNG UND RESPEKT?  JUNI 2024  FES diskurs Klassenbewusstsein Anh.3 45 41 41 41 Angaben in Prozent 40 37 37 38 35 33 32 32 34 32 30 29 28 25 23 26 25 24 21 20 15 10 5 3 4 4 4 3 3 0 2 1 1 1 0 0 Cluster„beide inst. Cluster„Bürger:in Cluster„schwache Cluster„keine Cluster Gesamt Demütigungen“ zweiter Klasse“ Würdestrategien“ Bedrohung“„Selbstentfaltung“(N: 4732) (N: 749)(N: 322) (N: 761)(N: 549)(N: 403) kein Klassenbewusstsein wenig Klassenbewusstsein teils/ teils mittleres Klassenbewusstsein hohes Klassenbewusstsein QUELLE: FES-Datensatz„ Kartografie der Arbeiter:innenklasse“; eigene Darstellung. Schulabschluss Anh.4 40 36 35 30 28 25 22 20 15 13 10 33 30 24 13 37 26 19 17 30 31 19 17 Angaben in Prozent 31 32 30 30 19 16 22 15 5 1 1 1 1 1 0 Cluster„beide inst. Cluster„Bürger:in Cluster„schwache Cluster„keine Cluster Demütigungen“ zweiter Klasse“ Würdestrategien“ Bedrohung“„Selbstentfaltung“ (N: 823)(N: 343) (N: 808)(N: 585)(N: 423) 1 Gesamt (N: 5057) Hauptschule Realschule Abitur Hochschulabschluss anderer Abschluss QUELLE: FES-Datensatz„ Kartografie der Arbeiter:innenklasse“; eigene Darstellung. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 17 In meinem Haushalt können wir mehr als sechs Monate von Ersparnissen leben Anh.5 70 60 54 50 40 40 50 44 49 47 59 38 57 39 Angaben in Prozent 50 45 30 20 10 6 6 5 4 4 0 Cluster„beide inst. Cluster„Bürger:in Cluster„schwache Cluster„keine Cluster Demütigungen“ zweiter Klasse“ Würdestrategien“ Bedrohung“„Selbstentfaltung“ (N: 823)(N: 343) (N: 808)(N: 585)(N: 423) 5 Gesamt (N: 5061) trifft nicht zu trifft zu weiß nicht QUELLE: FES-Datensatz„ Kartografie der Arbeiter:innenklasse“; eigene Darstellung. Parteiwahl Anh.6 25 Angaben in Prozent 20 20 20 20 18 18 18 18 17 17 17 17 16 16 16 15 15 15 15 14 14 13 13 12 12 11 11 11 10 10 10 9 8 8 7 7 7 7 6 6 6 6 6 6 5 5 5 5 5 5 5 5 4 4 3 3 3 3 2 2 2 2 2 1 0 Cluster„beide inst. Cluster„Bürger:in Cluster„schwache Cluster„keine Cluster Demütigungen“ zweiter Klasse“ Würdestrategien“ Bedrohung“„Selbstentfaltung“ (N: 823)(N: 343) (N: 808)(N: 585)(N: 423) Gesamt (N: 5061) CDU/CSU SPD würde nicht wählen Bündnis 90/ Die Grünen würde ungültig wählen AfD FDP Die Linke weiß nicht andere Partei QUELLE: FES-Datensatz„ Kartografie der Arbeiter:innenklasse“; eigene Darstellung. 18 EINE FRAGE VON DEMÜTIGUNG UND RESPEKT?  JUNI 2024  FES diskurs ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS 8 Abbildung 1 Ergebnis der Clusteranalyse 11 Abbildung 2 Logistische Regression der AfD-Wahl 13 Abbildung 3 Logistische Regression der SPD-Wahl 13 Abbildung 4 Logistische Regression Wahl Bündnis 90 / Die Grünen 14 Abbildung 5 Logistische Regression FDP-Wahl 7 Tabelle 1 Operationalisierung der theoretischen Konzepte FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 19 LITERATURVERZEICHNIS Backhaus, Klaus; Erichson, Bernd; Plinke, Wulff; Weiber, Rolf 2018: Multivariate Analysemethoden: Eine anwendungsorientierte Einführung, 15. 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Die elektorale Krise der Sozialdemokratie und der Aufstieg der radikalen Rechten Studie 2021 Volltexte und weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung unter www.fes.de/publikationen Impressum © 2024 Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeberin: Abteilung Analyse, Planung und Beratung Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin, Deutschland www.fes.de Bestellungen / Kontakt: apb-publikation@fes.de ISBN: 978-3-98628-520-3 Titelbild: Anne Lehmann| Graphic Recording, www.annelehmann.de Gestaltungskonzept: www.leitwerk.com Umsetzung / Satz: SCHUMACHER Brand+ Interaction Design GmbH, www.schumacher-design.de Lektorat: Sönke Hallmann Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-S­ tiftung. Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Der dieser Studie zu Grunde liegende Datensatz wird nach Abschluss der Auswertungen, sofern vertragliche Regelungen oder interne Richtlinien der Friedrich-Ebert-Stiftung dem nicht entgegenstehen, im Archiv der sozialen Demokratie veröffent licht. Forschungsdaten veröffentlichen wir unter https://collections.fes.de/ Diese Studie erscheint im Rahmen des Projekts„Kartografie der Arbeiter:innenklasse“ der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) und geht zwei Forschungsfragen nach: 1) Wer leidet unter welchen Missachtungserfahrungen in der Arbeit und kämpft folglich um Würde in der Arbeit? Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Frage nach Klassenzugehörigkeit sowie Klassenbewusstsein. 2) Inwieweit können diese Kämpfe um Würde in der Arbeit auch einen Erklärungsansatz für politisches Stimmverhalten liefern? Der Beitrag ergänzt aktuelle Debatten über den Zusammenhang zwischen Arbeit, Würde und Demokratie. ISBN: 978-3-98628-520-3