im puls e MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG MEHR VORSORGEN STATT VERSORGEN ! Ein Impuls für mehr Früherkennung und Prävention in der Gesundheitsversorgung Reparaturbetrieb vermeiden durch mehr Früherkennung und Prävention. Behandlungen konsequent am Behandlungspfad ausrichten sowie interdisziplinär und interprofessionell organisieren. Von Spanien lernen: Patient_innen in den Mittelpunkt stellen und Verhältnisprävention mit Lebensstilberatung verknüpfen. Diagnosesicherheit ist Patientensicherheit: Integrierte Gesundheitszentren schaffen wohnortnahe Angebote. Engmaschige Betreuung durch digitale Versorgungsangebote sicherstellen. AG GESUNDHEIT IM MANAGERKREIS JUNI 2024 Warum wir mehr und besser vorsorgen müssen Im internationalen Vergleich leistet sich Deutschland pro Kopf gesehen nach den USA das teuerste Gesundheitssystem. Nur die Schweiz gibt pro Kopf etwa genau so viel aus, erzielt jedoch deutlich bessere Ergebnisse. Auch im weiteren europäischen Vergleich schneidet Deutschland zunehmend schlechter ab: Obwohl Italien, Frankreich und Spanien pro Kopf weit weniger Geld ausgeben, leben die Menschen dort deutlich länger und verbringen mehr Jahre ohne gravierende gesundheitliche Einschränkungen. 1 Der medizinische Fortschritt mitsamt Digitalisierung ermöglicht bessere Behandlungsabläufe und eine patientennahe Versorgung, trotzdem nutzen wir die damit einhergehenden Möglichkeiten so gut wie nicht. Auch wenn es keine monokausale Erklärung dafür gibt, so ragen zwei Aspekte heraus, die einer näheren Betrachtung bedürfen: Erstens leistet sich Deutschland eine strikt sektorale Aufteilung in eine ambulante und stationäre Versorgung, die vergleichsweise in keinem anderen Land existiert. Dies führt zur doppelten Facharztschiene und zu strukturellen Fehlanreizen. Zweitens richten wir die Versorgung nicht konsequent am Bedarf der Patient_innen aus. Obwohl Deutschland zweifellos eines der besten Gesundheitssysteme der Welt hat, erhalten Patient_innen häufig erst dann eine adäquate Behandlung, wenn ihre Erkrankung akut verläuft oder bereits weit fortgeschritten ist. Im Ergebnis verkommt so das hoch entwickelte deutsche Gesundheitssystem zum Reparaturbetrieb, das zunehmend hohe Kosten verursacht. Selbst wenn wir Patient:innen adäquat behandeln, kümmern wir uns weder konsequent um die Vermeidung schwerer Krankheiten noch systematisch genug um eine qualitätsgesicherte Nachsorge, um das Behandlungsergebnis sicherzustellen. So verzeichnen wir beispielsweise stark steigende Infektionszahlen bei sexuell übertragbaren Krankheiten, ohne präventiv 1 Jasilionis, D., van Raalte, A.A., Klüsener, S. et al.(2023): The underwhelming German life expectancy. Eur J Epidemiol; https://doi.org/10.1007/s10654-023-00995-5. oder diagnostisch etwas dagegen zu tun. 2 Gleichzeitig warten wir in vielen chronischen Fällen solange ab, bis erneute Beschwerden oder Komplikationen auftreten und den viel zitierten Drehtüreffekt im Krankenhaus in Gang setzen. Dann startet erneut der Reparaturbetrieb bis Patient_innen eine Leberzirrhose, einen Bypass, eine Herzklappe, ein Magenband oder künstliche Hüften/ Knie bekommen, was die Kosten weiter erhöht, Invalidität, Berufsunfähigkeit oder sogar Pflegebedarf provoziert. Stattdessen brauchen wir mehr Früherkennung und Prävention, um die Menschen länger gesund zu erhalten und lange schwere Krankheitsverläufe bis hin zur Pflegebedürftigkeit verhindern zu können. Was wir besser machen und wie wir von Spanien lernen können Angesichts angespannter Budgets und immer weniger Hausund Fachärzt_innen sollten wir möglichst lange ohne schwere Krankheit leben. Das kann durch Früherkennung und Prävention auf allen Ebenen, und früh begonnen, gelingen. 3 Leistungserbringer – seien es Ärzt_innen, Pharmazeut_innen oder Therapeut_innen müssen miteinander kooperieren und daran gemessen werden, dass sich der Gesundheitszustand der Menschen nicht verschlechtert. Dazu muss die Versorgung stärker entlang der Patientenreise, ihrer Bedürfnisse und Lebenssituation organisiert werden. Zusammen gedacht und organisiert, können Früherkennung, Prävention und Behandlung nicht nur die Gesundheit verbessern, sondern auch Kosten sparen. Der Vergleich zu Spanien zeigt, was wir von anderen lernen können: Im Vergleich zu Deutschland investiert Spanien einen hohen Anteil seiner Gesundheitsausgaben in die Früherkennung und Vermeidung chronischer Krankheiten. So erleiden Menschen dort sehr viel später oder seltener einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Obwohl Spanien vor 15 Jahren noch Schlusslicht in Europa war, steht es heute mit den ergriffenen Maßnahmen an der Spitze hinsichtlich Lebenserwartung und in hoher Lebensqualität verbrachter Jahre. 4 Mit Hilfe einer breit angelegten Strategie und einer gesamtgesellschaftlichen Kraftanstrengung hat es Spanien binnen eines Jahrzehnts geschafft, zum Spitzenreiter bei der Herzgesundheit zu werden. 2015 lag der Anteil der Raucher_innen und stark übergewichtigen Personen weit über dem OECD-Durchschnitt. Die Ausgaben für Früherkennung und Prävention hingegen lagen 2 Das Robert-Koch-Institut warnt vor steigenden Infektionszahlen seit Anfang der 2020er bei HIV, Syphilis, Hepatitis B und C; u.a. RKI- Archiv 2023- Gemeldete HIV-Erstdiagnosen 2021-2022. 3 Dr. Peter Attia mit Bill Gifford(2024): Outlive. Wie wir länger und besser leben können als wir denken; Plädoyer für eine Medizin 3.0, S. 37-58. 4 ebd. Jasilionis, D., van Raalte, A.A., Klüsener, S. et al.(2023). deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. 2018 verabschiedete die spanische Regierung ein umfassendes Fitnessprogramm für seine Bevölkerung, das auf soziale Herkunft, Gesundheitsbildung, Aus-, Fort- und Weiterbildung der Menschen in Gesundheitsberufen sowie umfassenden Präventions- und Früherkennungsmaßnahmen abzielte. Daraus entstand eine gesamtgesellschaftliche Strategie zu besserer Herzgesundheit. Im Mittelpunkt der Strategie stand, die definierten Maßnahmen auf alle 17 Gesundheitsprovinzen in Spanien zuzuschneiden. Die Steuerung der Provinzen erfolgt über ein übergreifendes Gremium, eine Art Bund-Länderausschuss. Die Implementierung der Maßnahmen wiederum wird regional priorisiert und gesteuert. Klare Verantwortlichkeiten und Berichtslinien helfen dabei, dass alle auf Kurs bleiben. Im Kern umfasst der spanische Reformweg hin zu besserer Herzgesundheit folgendes: • Verringerung der Inzidenz und Prävalenz von kardiovaskulären Erkrankungen durch Früherkennung, Prävention, Rehabilitation und Wiederherstellung der Gesundheit • Umfassende Versorgung von Menschen mit chronisch kardiovaskulärer Erkrankung • Verbesserung der Lebensqualität und des Wohlbefindens von Patient_innen • Förderung der kardiovaskulären Gesundheit in der Bevölkerung durch die Aneignung eines gesunden Lebensstils sowie Förderung evidenzbasierter Maßnahmen • Gesundheitsförderung, Edukation, Befähigung und Beteiligung der Menschen Vorschläge für mehr Früherkennung und Prävention Deutschland gibt nicht nur pro Kopf am meisten Geld aus für Gesundheit, auch im europäischen Vergleich existieren auf 1000 Einwohner bezogen weit mehr Ärzt_innen und Pflegekräfte. Das bedeutet, richtig organisiert, könnten wir die Menschen viel besser versorgen, wenn wir nur die vorhandenen Ressourcen richtig und effizient einsetzen würden. 5 Mit anderen Worten: Wir müssen die Versorgung vom Kopf auf die Füße stellen, die Menschen frühzeitig aufklären, durchchecken und ihnen dabei helfen, ein langfristig gesünderes Leben zu führen. Das Bundesgesundheitsministerium hat die Zeichen der Zeit erkannt und beabsichtigt mit dem sogenannten„GesundesHerz-Gesetz“ einen Teil des spanischen Wegs zu adaptieren, um die Krankheitslast von Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich zu senken. Der Gesetzesentwurf ist sehr viel versprechend. 6 5 Wissenschaftlichen Instituts der AOK(WIdO)(2023: Krankenhausreport des WIdO. Managerkreis Impulse – Juni 2024 S 2 Durch Früherkennung und Prävention sollen Menschen mit Risikofaktoren auf eine koronare Herzkrankheit, was die Hauptursache für Herzinfarkte und Schlaganfall ist, nicht nur erkannt, sondern auch frühzeitig behandelt und betreut werden, auf dass sich ihr Zustand nicht verschlechtert. Was bei der Herzgesundheit ein guter Anfang ist, sollte generell zur Richtschnur in der Gesundheitspolitik werden und möglichst alle maßgeblichen chronischen„Volkskrankheiten“ umfassen, die verantwortlich sind für eine hohe Krankheitslast und Sterblichkeit. 7 In diesem Sinne schlagen wir folgende Reformunkte vor: 1. Patient_innen in den Mittelpunkt stellen: Jede Krankenbehandlung sollte sich am medizinischen Behandlungspfad und somit am aktuellen Stand der Wissenschaft ausrichten und dabei alle relevanten Leistungserbringer berücksichtigen. 2. Lebensstilberatung: Chronische Erkrankungen nisten sich früh ein oder folgen auf vermeidbare Infektionen. Daher muss Kindern und Jugendlichen der Zusammenhang aus Bewegung, Ernährung und einer gesunden Lebensführung frühzeitig vermittelt werden. Jugendliche und Erwachsene hingegen müssen über die Gefahren, Testangebote und Präventionsmöglichkeiten von Infektionskrankheiten frühzeitig aufgeklärt werden. 3. Risikofaktoren erkennen: Kinder und Jugendliche sollten bereits zum Zeitpunkt der letzten U-Untersuchung, Erwachsene zu den regelhaften Gesundheits-Check-ups auf Risikofaktoren für chronische Erkrankungen untersucht werden und Hilfestellung für eine gesunde Lebensführung erhalten. 4. Versorgungsdreiklang: Früherkennung, Prävention und Sekundärprävention sollten eng miteinander verzahnt werden, um schwere Krankheitsverläufe zu verhindern. 5. Diagnosesicherheit statt Therapiewildwuchs: Menschen werden oft zu spät und nicht adäquat behandelt. Aus Kostengründen reduzieren wir eine wirkungsvolle Abklärungsdiagnostik auf ein Minimum, wodurch Risikofaktoren nicht erkannt werden, Präventionsmaßnahmen unterbleiben und Therapien zu spät oder ungenau greifen. 6. Rehabilitation vor Pflege: Menschen müssen vor Pflegebedürftigkeit bewahrt werden, weshalb ambulante und stationäre Reha-Maßnahmen konsequenter miteinander sowie dem intendierten Behandlungserfolg verzahnt werden müssen. 7. Dezentrale Versorgungsstrukturen schaffen: Um die Kooperation zu fördern, bedarf es regionaler und am Schweregrad der Behandlung ausgerichteter integrierter Versorgungs- bzw. Gesundheitszentren, die mit regionalen Aufklärungsangeboten verzahnt werden. 8. Patient_innen beteiligen: Patient_innen müssen bei Verdacht oder einem Befund auf eine chronische Erkrankung geschult und an ihrer Behandlung beteiligt werden. Für eine bessere Erreichbarkeit und höhere Akzeptanz sollten es auch digitale Schulungen geben. 9. Digitalisierung konsequent nutzen: Menschen mit Verdacht auf eine chronische Erkrankung und vor allem bereits chronisch erkrankte Menschen brauchen eine engmaschige Betreuung, die zwingend auch digital erfolgen darf. Hierfür müssen die digitale Infrastruktur ebenso wie digitale Gesundheitsangebote ausgebaut werden. 10. Delegations- und Substitutionsprinzipien öffnen: Um das volle Potenzial im Bereich der Früherkennung und Prävention zu nutzen, müssen verschiedene Gesundheitsberufe wie Pharmazeut_innen, Betriebsärzt_innen, Therapeut_innen, Fach- und Pflegekräfte zusammenarbeiten, um Menschen auf allen Ebenen der Behandlungspfade zu betreuen. Fazit Deutschland ist Spitzenreiter in der medizinischen Versorgung kranker Menschen. Insbesondere auf der letzten Wegstrecke wird für die Behandlung chronischer Erkrankungen sehr viel Geld ausgegeben, ohne den Gesundheitszustand der Menschen nennenswert zu verbessern. Früherkennung und Prävention genießen nach wie vor keinen hohen Stellenwert. Noch immer orientieren sich Behandlungs- und Versorgungspfade an der Akutbehandlung, sind indikationsbezogen und viel zu selten interdisziplinär und interprofessionell organisiert. Da die Kosten und die Behandlungsbedürftigkeit von Menschen mit chronischen Erkrankungen mit steigender Lebenserwartung und dem Grad ihrer Erkrankung zunehmen, braucht es eine systematische Stärkung von Früherkennung und Prävention, insbesondere in den vier großen Volkskrankheiten. 6 Referentenentwurf des Bundesministeriums für Gesundheit. Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Herzgesundheit(Gesundes-Herz-Gesetz), Bearbeitungsstand 14.06.2024. 7 Die vier chronischen Volkskrankheiten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Demenz und Adipositas/Diabetes werden auch die„Apokalyptischen Reiter“ genannt, weil daran die meisten Menschen versterben. Wissenschaftlich ist erwiesen, dass sie sich stetig über Jahrzehnte aufbauen. Es kommt folglich darauf an, den Zeitpunkt eines schweren Verlaufs oder eines schwerwiegenden Ereignisses so weit wie möglich in der Lebensspanne nach hinten zu verschieben. Vgl. hierzu Dr. Peter Attia mit Bill Gifford(2024): Outlive. Wie wir länger und besser leben können als wir denken. Menschen mit Risikofaktoren für chronische Erkrankungen müssen frühzeitig erkannt und behandelt werden. Dadurch kann langes Leid verhindert und viele Menschen länger gesund erhalten werden. Menschen und Patient_innen rücken damit vermehrt in den Mittelpunkt und weniger die singulären Leistungen der Krankenbehandlung an sich. Spanien hat gezeigt, was Früherkennung und Prävention bewirken können. Deutschland kann davon lernen und die Gesundheit der ganzen Bevölkerung verbessern. Managerkreis Impulse – Juni 2024 S 3 Über die Autoren: Birgit Dziuk ist Landesgeschäftsführerin der BARMER in Thüringen. Dr. Holger Friedrich ist geschäftsführender Gesellschafter der Strategie- und Prozessberatung Pathways Public Health GmbH. Pathways initiiert und begleitet sämtliche Entscheidungsprozesse, die zu Marktzugang und Kostenerstattung medizinischer Leistungen führen sowie neue Versorgungskonzepte erproben. In der Reihe Managerkreis Impulse zuletzt erschienen: im puls e MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG VORFAHRT FÜR DIE GÜTER! Wirtschaftsverkehr in urbanen Räumen neu denken Ein urbanes Konzept für den Güterund Lieferverkehr muss als Teil eines integrierten Verkehrskonzeptes die Raumplanung in urbanen Räumen einbeziehen. Auch wenn der Problemdruck durch städtischen Güter- und Lieferverkehr groß ist, gibt es keine universell gültigen Konzepte, ihm zu begegnen. Dem Güter- und Lieferverkehr muss in den Städten Vorrang vor dem motorisierten Individualverkehr eingeräumt werden. Der motorisierten Individualverkehr muss reduziert werden, um den begrenzten öffentlichen Raum stadtverträglicher und effektiver nutzen zu können. Die heutigen Nahverkehrspläne müssen zu einem kommunalen Verkehrsplan weiterentwickelt werden, der auch Teile der Stadtplanung enthält. Wirtschaftsverkehr 1 in urbanen Räumen Im Folgenden soll der Fokus auf den urbanen, gewerblichen Wirtschaftsverkehr(in diesem Falle Güterverkehr) in der Stadt gerichtet werden. Dieses Segment weist eine extrem hohe Dynamik auf. Die Dynamik macht sich sowohl im hohen Sendungsvolumen(insbesondere bei den Kurier- und Express-Diensten) bemerkbar als auch bei den Strukturveränderungen innerhalb dieses Marktes. Dazu gehören neue Akteure im Markt, neue Fahrzeuge, neue Antriebe, veränderte Konsumentenerwartungen etc. Die Ballungsräume sind in besonderem Maße von dieser Dynamik betroffen. Flächenkonkurrenz – Umverteilung von Fläche in der Stadt Der öffentliche Straßenraum wird nicht nur vom Verkehr in Anspruch genommen, sondern er ist gleichzeitig Aufenthaltsort für Menschen. Er dient der Begegnung und ist entscheidend für die urbane Lebensqualität. Die Flächen in den Städten und Agglomerationsräumen sind jedoch knapp: der Wirtschaftsverkehr konkurriert mit Zu-Fuß-Gehenden, dem motorisierten Individualverkehr, dem Radverkehr und E-Scootern um den vorhandenen Platz. Sie alle erheben Anspruch auf den nur begrenzt zur Verfügung stehenden Raum. Dabei rückt das Thema der Lebens- und Aufenthaltsqualität innerhalb der Städte zunehmend in den Blick der gesellschaftspolitischen Diskussion. Da der städtische Lieferverkehr in den vergangenen Jahren sichtbar zugenommen hat, gerät er verstärkt in die Diskussion und wird oft als störend wahrgenommen. STEFAN HEIMLICH UND JÜRGEN NIEMANN JANUAR 2024 1 Der Wirtschaftsverkehr in Deutschland lässt sich in drei unterschiedliche Segmente einteilen. 1. Güterverkehr. Dieser gliedert sich in den Gewerblichen Güterverkehr und in den Werkverkehr. Güterverkehr entsteht durch den Transport von Gütern oder Waren. Damit sind Versorgungstransporte von Unternehmen, Organisationen und Haushalten ebenso gemeint wie Entsorgungstransporte von Reststoffen und Abfällen. Dem urbanen Wirtschaftsverkehr steht der Long Haul- oder Fernverkehr gegenüber. 2. Personenwirtschaftsverkehr. Dieser wird in Service- und Dienstleistungsverkehr sowie Geschäfts- und Dienstverkehr untergliedert, beispielsweise Medien- und anderer Vertrieb, Ärzt_innen, Architekt_innen, Anwälte sowie Handwerkerverkehre. 3. Der Personenbeförderungsverkehr umfasst alle Leistungen des ÖPNVs und die der Taxiunternehmen. Vorfahrt für die Güter! Wirtschaftsverkehr in urbanen Räumen neu denken, Stefan Heimlich und Jürgen Niemann, Januar 2024. im puls e MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG DIE ZEITENWENDE BRAUCHT EINE NACHHALTIGE FINANZIERUNG DER STAATSAUSGABEN Ein privilegierter ‚Zukunftshaushalt‘ ermöglicht die zukunftsgerichtete Finanzierung der notwendigen Staatsausgaben und die zusätzliche Mobilisierung privater Investitionen. Die Schuldenbremse sollte nicht abgeschafft, aber reformiert werden. Die Möglichkeiten des Kapitalmarkts und seiner europäischen Integration sollten genutzt werden. Wir brauchen ein fiskalisch auskömmliches, sozial gerechtes, wirtschaftlich tragbares und ökologisch nachhaltiges Steuersystem. Ein parlamentarisches Haushaltsbüro und eine ‚Zukunftskommission öffentliche Finanzen‘ setzen neue Akzente. DR. CHRISTIAN KASTROP UND WEITERE MITGLIEDER DER AG FINANZEN NOVEMBER 2023 I. Empfehlungen für eine langfristig nachhaltige Haushaltsfinanzierung zentraler Zukunftsausgaben In den letzten Jahren haben sich die Herausforderungen an die öffentlichen Finanzen multipliziert. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht – im Gegenteil. Welche möglichen Ergänzungen oder weiteren Optionen sollten wir in Zukunft verfolgen und entwickeln? Es gilt dabei sowohl die heutigen Notwendigkeiten als auch die bereits in naher Zukunft anfallenden und die längerfristig drohenden zusätzlichen Herausforderungen einer nachhaltigen(!) Finanzierung der Staatstätigkeit in den Blick zu nehmen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und die jeweils weitere Ausarbeitung dieser Vorschläge sollten insbesondere folgende Aspekte weiter entwickelt und geprüft werden: 1.„Offizielle“ Aufgabe der schwarzen Null und somit volles Ausschöpfen der Spielräume des strukturellen Defizits von 0,35% des BIP und Ermöglichung der Ausschöpfung der fehlenden 0,15%, um die vollen 0,5% zu nutzen. 1 So sieht es auch der im Rahmen der Implementierung der Schuldenbremse geschaffene Stabilitätsrat. Ebenso käme eine Überprüfung und realitätsnähere Anpassungen der Berechnungsverfahren der Schuldenbremse in Betracht, so das„Dezernat Zukunft“ 2 . 2. Priorisierung eines„Zukunftshaushaltes“ als neuen, zusätzlichen Teil des Bundeshaushalts unter Nutzung der bestehenden Möglichkeiten für zweckgebundene Haushaltsinstrumente. Dazu gehören Investitionen, insbesondere aber auch wachstums- und nachhaltigkeitswirksame konsumtive Ausgaben, wie für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Personal, Patente und andere„Intangibles“. Diese Ausgaben(gruppen) werden bei der Haushaltsaufstellung erfasst und anhand der Vorgaben einer Nachhaltigkeitsregel privilegiert, um so die Staatsausgaben zunehmend auf mehr Qualität, Nachhaltigkeit und hohe Produktivität auszurichten(Quelle: OECD:„Investing in Climate, Investing in Growth“). 3 1 Die Schuldenbremse erklärt – Dezernat Zukunft, https://www.fes.de/lnk/576 2 FAQs zu Staatsfinanzen und-verschuldung – Dezernat Zukunft, https://www.fes.de/lnk/577 3 Investing in Climate, Investing in Growth| en| OECD, https://www.fes.de/lnk/575 Die Zeitenwende braucht eine nachhaltige Finanzierung der Staatsausgaben, Dr. Christian Kastrop, November 2023. Impressum: © Friedrich-Ebert-Stiftung| Herausgeberin: FriedrichEbert-Stiftung e.V.| Godesberger Allee 149| 53175 Bonn| Deutschland Verantwortlich: Managerkreis der Friedrich-EbertStiftung| Hiroshimastraße 17| 10785 Berlin www.managerkreis.de| ISBN: 978-3-98628-504-3| Juni 2024 Inhaltliche Verantwortung: Marei John-Ohnesorg | Redaktion: Marei John-Ohnesorg und Agnieszka Schauff| Kontakt: managerkreis@fes.de, 030 26 935 7051 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Eine gewerbliche Nutzung der von der FriedrichEbert-Stiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. im puls e MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG FAQ KRANKENHAUSREFORM – Warum wir eine Krankenhausreform brauchen und wie sie ausgestaltet sein sollte Handreichung für die Politik Eine Krankenhausreform ist unerlässlich, um einen weiteren kalten Strukturwandel zu vermeiden. Für komplexe, schwierige Behandlungen sollten etwas weitere Fahrtwege in Kauf genommen werden. Eine Reform der ambulanten Notfallversorgung entlastet die Krankenhausambulanzen. Mehr Zeit für Behandlung und Pflege durch Abbau des Kostendrucks und hoher Bürokratie Transparenzverzeichnisse liefern öffentlich zugängliche, belastbare Informationen über die Qualität der Behandlung. AG GESUNDHEIT IM MANAGERKREIS SEPTEMBER 2023 Alle Bürgerinnen und Bürger haben bundesweit den gleichen Anspruch auf eine qualitativ ausreichende Versorgung im Krankenhaus. Dies gilt auch für Menschen, die in strukturschwachen Regionen leben. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, ist eine Reform der Gesundheitsversorgung in Deutschland unausweichlich. Die Bundesregierung geht mit der geplanten Krankenhausreform gemeinsam mit den für Krankenhausplanung zuständigen Bundesländern große Schritte in die richtige Richtung. Die wichtigsten Punkte der Reform werden in diesem Papier erklärt. Warum brauchen wir überhaupt eine Krankenhausreform? Warum kann nicht alles einfach so bleiben, wie es ist? Das deutsche Gesundheitswesen steht vor großen Herausforderungen. Einer alternden Gesellschaft mit steigendem Behandlungs- und Pflegebedarf stehen eine sinkende Zahl an Pflegefachkräften und ein relativer Mangel an ärztlichen Fachkräften entgegen. Hinzu kommt eine Flucht von Pflegefachkräften aus dem Beruf wegen schlechter Arbeitsbedingungen, die das Problem weiter verschärft. Gleichzeitig gibt es momentan in Deutschland ein im internationalen Vergleich zu großes Angebot an Krankenhausbetten. Diese Betten können schon jetzt nicht mehr alle mit den vorhandenen Fachkräften und einem Anspruch an eine angemessene Behandlungsqualität betrieben werden. Deshalb braucht es eine Krankenhausreform, die das Personal dort einsetzt, wo es gebraucht wird und die durch unabhängige externe Prüfungen sicherstellt, dass die Qualität stimmt. Es besteht zunehmender Handlungsdruck. Politischer Konsens ist, dass eine solche Krankenhausstrukturreform dringend notwendig ist, um eine qualitativ angemessene Versorgung auch in Zukunft sicherstellen zu können. FAQ Krankenhausreform – Warum wir eine Krankenhausreform brauchen und wie sie ausgestaltet sein sollte, AG Gesundheit im Managerkreis, September 2023. MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG JUNI 2023 Das Finanzierungsschachbrett für den Verkehr: Gedanken zu einer Angebots- und Investitionsoffensive AG Verkehr und Mobilität im Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung • Wo wir stehen: Das Deutschland-Ticket ist erfolgreich eingeführt; der Konsens zu Infrastrukturinvestitionen in Bahn und Schiene steht; der Absatz von Elektroautos steigt. • Jetzt ist es an der Zeit, neue Wege für die Finanzierung nachhaltigen Verkehrs im System zu erschließen und Prioritäten zu setzen. • Wir schlagen angesichts von Mittelkonkurrenz und Umsetzungsdefiziten im föderalen Aufbau ein„Finanzierungsschachbrett“ vor. • Ziel ist die Erschließung von zusätzlichen konsumtiven 15-20 Mrd. Euro ab 2030 für die Erreichung der Klimaziele und eine wirksame Umsetzungsorganisation. 1. Aktueller Stand und zunehmende Mobilitätsbedürfnisse Die Verkehrsinfrastruktur von Straße und Schiene 1 leidet unter Substanzverlust, weist Engpässe und Missing Links auf (im rein nationalen aber auch im EU-Binnenmarkt-Kontext). 1 In diesem Papier thematisieren wir nur die Straßen- und Schienenverkehrswege als diejenigen Verkehrsträger, deren Optimierung den höchsten Beitrag zur Verkehrswende leisten kann. Der Inlandsflugund Binnenschifffahrtsverkehr bleibt ausgeklammert. Die dort erforderlichen Investitionen/Förderprogramme in alternative Antriebe und Wasserstraßen bleiben hier unberücksichtigt. In 2020 wurde z. B. ein 2,5 Mrd.-Euro-Paket als Konjunkturprogramm zum Ausbau und zur Erneuerung von Wasserwegen aufgelegt. Häufig fehlt eine intermodale Verknüpfung der Netze. Zusätzliche Herausforderungen ergeben sich aus einem für die Verkehrswende nicht ausreichenden Angebot sowie höheren Betriebskosten aufgrund des Übergangs zu nachhaltigen Antrieben und automatischen Bedienformen. Die Klimaziele im Verkehrssektor werden bei Weitem verfehlt. Schon diese Qualifizierung macht deutlich, dass es um unsere„Lebensadern” bei gleichzeitig zunehmenden Mobilitätsbedürfnissen schlecht bestellt ist. Welche Konsequenzen es hat, wenn nichts passiert? Es entstehen höhere volkswirtschaftliche Kosten für den Wirtschaftsstandort Deutschland durch ein unzuverlässiges Verkehrssystem gerade für Güterverkehre auf Straße und Schiene. Hinzu kommt die Beeinträchtigung Das Finanzierungsschachbrett für den Verkehr: Gedanken zu einer Angebotsund Investitionsoffensive, AG Verkehr und Mobilität im Managerkreis, Juni 2023. Alle Veröffentlichungen der Reihe Managerkreis Impulse finden Sie unter: https://www.managerkreis.de/publikationen