IMPULS Intersektionaler Feminismus in der politischen Praxis – eine Vision Clara Markurt EINE GESCHICHTE, DIE WIR UNS GERNE ERZÄHLEN Vor etwa hundertzwanzig Jahren taten sich Frauen, die Suffragetten zusammen, um mit Protesten, Störaktionen und schließlich sogar Anschlägen für das Wahlrecht zu kämpfen. In dem Moment, in dem sie das Ziel endlich in zahlreichen europäischen Ländern erreichten, geriet die Welt aus den Fugen. Es folgten Krieg und Hunger – und damit der Mief des Vergessens und der enormen Retraditionalisierung der Geschlechterrollen. Erst eine Generation später brachte der Ruf nach sexueller Freiheit wieder viele Frauen auf die Straße. Woodstock wurde Verheißung und Lebensgefühl für die Jugend, die Pille ermöglichte Sexualität ohne Schwangerschaft und Alice Schwarzer schaffte es, die Massen gegen die staatlich durchgesetzten Hausfrauenehe zu mobilisieren. So nahm die zweite Welle des Feminismus ihren Lauf, bis der Konflikt um das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche 1993 durch das Machtwort des Bundesverfassungsgerichts unterbunden wurde. Seit der Jahrtausendwende wird„die Frauenbewegung“ vielfältiger, Schwarze Frauen werden mitgedacht und queere Aktivist*innen fordern Solidarität mit allen FLINTA-Personen. So kennen wir die Geschichte dieser Bewegung, so erzählen wir sie uns gerne. Aber womöglich lohnt sich doch noch ein genauerer Blick darauf aus einer anderen Perspektive: Im Jahr 2021 veröffentlichte die Journalistin Rafia Zakaria das bemerkenswerte Buch„Against White Feminism“. 1 Sie arbeitet heraus, dass die Geschichte des Feminismus, wie wir sie kennen, in Wahrheit eine rein weiße Erzählung ist. Eine Erzählung, in der bestimmte Menschen explizit nicht vorkommen, in der unreflektiert Ausschlussmechanismen produziert werden und Privilegien keine Rolle spielen. Rafia Zakaria berichtet von Ehefrauen grausamster Kolonialherren, die sich von versklavten Frauen nicht minder grausam das Leben erleichtern ließen – und das als Wohltätigkeit an diese Frauen verstanden wissen wollten. Von Suffragetten, die öffentlich verkündeten, sie würden sich lieber den Arm abhacken, als für das Wahlrecht für Schwarze Frauen zu stimmen. Oder auch von Charityclubs in den USA, in denen äusserst privilegierte, weiße Vorstadtfrauen Spenden für arme Schwarze sammelten – dann aber erstaunlich robust reagierten, wenn sich eines ihrer Hausmädchen in den Saal verirrte. Und wir alle kennen die Diskussionen, in denen manche Feministinnen mit dem Argument des Selbstschutzes gegen das Kopftuch, für die Kriminalisierung von Sexarbeit und gegen die Gleichstellung von trans* Menschen argumentieren. Kurz: Die Geschichte des Feminismus, wie wir sie uns gern erzählen, ist nicht aus jeder Perspektive eine Befreiungserzählung. Diese Geschichte ist eng mit unreflektierten Privilegien verbunden. 1 Rafia Zakaria, Against White Feminism. Wie weisser Feminismus Gleichberechtigung verhindert, München 2024. MIT FEMINISMUS ARCHETYPEN BEGREIFEN Der Begriff„Feminismus“ wird kaum noch neutral und sachlich verwendet, so sehr mutiert er zum Kampfbegriff einer gesellschaftlichen Debatte, in der alles, was nach Frauen klingt schnell in den Verdacht gerät, umerziehen zu wollen. Aber was genau steckt eigentlich dahinter? Was ist es, wovor man sich da so fürchtet? Natürlich ist der Begriff Feminismus im Detail über die Jahre mit den unterschiedlichsten Zielen verbunden gewesen. Dahinter steckt aber immer die schlichte Einsicht, dass wir in patriarchal geprägten Gesellschaften leben, in denen zwischen Geschlechtern hierarchische Unterschiede konstruiert werden. In diesen Gesellschaften wird der männliche Blick als neutral und objektiv gedacht, der weibliche als subjektiv. Der männliche Charakter gilt als willensstark, neugierig, erobernd, der weibliche als einfühlsam und befriedend. In der tief verankerten, unterbewussten Vorstellung sind Männer oben und Frauen unten. Es geht um Archetypen, klar. Aber schaut man sich um, so ist doch erstaunlich, wie konkret diese unterbewussten Vorstellungen selbst heute noch prägen, was wir sehen und erleben, fühlen und besitzen: Männer sind in Entscheidungspositionen, also werden Entscheidungen und Normen männlich geprägt. Also werden Männer in Entscheidungspositionen als Norm gesehen, gegen die sich eine Frau erstmal beweisen muss. Männer sind in Entscheidungspositionen und übernehmen nur einen Bruchteil der CareArbeit, also werden im Winter die Hauptverkehrsachsen von Schnee befreit, auf denen Männer im Auto zur Arbeit fahren – aber nicht der Fußweg zur Kita. In der Werbung steht eine Frau in der Küche, weil in der Werbung eben die Frau in der Küche steht, also lernen schon junge Mädchen, dass sie einmal in der Küche stehen werden. Und wenn die Lebenserwartung bei Männern zehn Jahre unter der von Frauen liegt, so hat das viel damit zu tun, dass ein Mann der Norm nach keinen Schmerz kennt, den eigenen Körper als eine Art Maschine empfindet, die zu funktionieren hat und mit Alkohol betäubt wird, wenn etwas mal nicht läuft – anstatt sich Hilfe zu holen. Eine feministische Perspektive nimmt diese generische Einteilung der Welt nicht hin. Eine feministische Perspektive fragt nach den unterbewussten Normen und Vorstellungen, die dahinter liegen und das Leben prägen. Nach Bildern des Weiblichen und des Männlichen. Eine feministische Perspektive benennt sie und stellt sie infrage. Denn im Gegensatz zu Naturgesetzen, sind solche Normen und Vorstellungen eben nicht unveränderbar. Sie erhalten sich, indem sie mit jeder einzelnen, kleinen, individuellen Entscheidung reproduziert werden. Oder anders formuliert: Mit jeder Entscheidung, die man im Alltag trifft, hat man die Wahl: Folgt man der Norm, weil es dem eigenen Bedürfnis entspricht oder weil sie mit sozialem Konformitätsdruck einhergeht? Folgt man der Norm und signalisiert damit, dass sie guten Gewissens weiter gelten kann, bestätigt man also den Konformitätsdruck? Oder schlägt man einen anderen Weg ein, öffnet man einen neuen Pfad, von dem aus andere Menschen ihre Entscheidungen treffen können? Es ist nicht immer leicht, diesen Entscheidungsspielraum zu sehen. Aber Feminismus zeigt ihn auf. Das macht ihn aus der Perspektive Konservativer auch so unattraktiv, so gefährlich. KREUZUNGEN VON MERKMALEN Der Begriff„Intersektionalität“ leitet sich vom englischen Begriff Intersection, also Kreuzung ab und wurde maßgeblich durch die Juristin Kimberlé Crenshaw geprägt. Er widmet sich der Frage, was passiert, wenn eine Person nicht nur von einer Form der Diskriminierung betroffen ist, sondern mehrere Diskriminierungsmerkmale auf sich vereint. Crenshaw beobachtete exemplarisch am Fall„DeGraffenreid vs. General Motors“, dass die Entlassung nahezu aller Schwarzer Frauen weder als Rassismus noch als Sexismus gewertet wurde – und insofern nicht als Verstoß gegen Antidiskriminierungsgesetze. Die Begründung war so simpel wie aufschlussreich: Das Unternehmen konnte nachweisen, noch zahlreiche Schwarze Menschen(nur eben Männer) und zahlreiche Frauen(nur eben weiße) zu beschäftigen. Crenshaw stellte daraufhin die These auf, dass sich unterschiedliche Diskriminierungsmerkmale in der Wirkung gegenseitig verstärken. General Motors hat also keine diskriminierenden Entscheidungen getroffen, wenn man nur auf je ein Merkmal schaut. In der Addition der Merkmale offenbart sich jedoch eine klare Diskriminierung. Es gibt eine ganze Reihe von Diskriminierungsmerkmalen, die unsere Gesellschaft durchziehen. Merkmale, anhand derer sich ganz unbewusst der Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen entscheidet, die über Chancen auf dem Wohnungsmarkt entscheiden oder auch über Möglichkeiten, in beruflichen Netzwerken nach oben gespült zu werden. Merkmale, die strukturell mit Macht korrelieren, mit Einfluss und dem Privileg, Gehör zu finden. Das Fatale ist nur: Privilegien, spürt man nicht, wenn man mit ihnen gesegnet ist. Das eigene Nicht-Betroffensein von Diskriminierung wird als Standard gesehen, von dem es eine Abweichung gibt: Heterosexualität wird als Norm festgelegt, Queerness dagegen als Abweichung. Gesundheit ist normativ, Krankheit abweichend. Aber diese Missverständnisse sind perfide. Denn sie blenden aus, dass jeder Mensch auf einer ganz eigenen Kreuzung steht. Es zieht Grenzen ein und wertet alles jenseits der Grenze als„das Andere“ ab. Die„Rippe Adams“ eben. So werden tief verankerte Stereotype in Abgrenzung zum eigenen, vermeintlichen Standard immer wieder reproduziert. Kurz: Othering ist eine Entscheidung, aber es prägt unseren Blick auf andere Menschen fundamental und schränkt den Entfaltungsspielraum für alle immer weiter ein, die wir aus unserer Perspektive in Schubladen sortieren. So werden wir wahrscheinlich seltener eine Person mit Behinderung nach dem richtigen Weg fragen. Wir werden einer Person mit hoher Stimme weniger Autorität zuschreiben. Wir werden irritiert sein, wenn eine gebrochen Deutsch sprechende Person in einer anderen Sprache eine brillante Rede hält. Und wir werden überrascht sein, wenn 2 Kimberlé Crenshaws, Demarginalizing the Intersection of Race and Sex. A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics, in: University of Chicago Legal Forum, Volume 1989(Issue 1) Article 8, S.139-S.167. 2 eine queere Person im Hosenanzug vor uns steht und einen Vortrag über die Geopolitik in Zeiten der Neustrukturierung globaler Kräfteverhältnisse hält. Womöglich werden wir das aber gar nicht erleben, weil wir nicht auf die Idee kommen, sie als queere Person danach zu fragen. ES GIBT KEIN ANDERES, WEIL ES KEINEN STANDARD GIBT Keine Perspektive ist neutral. Jeder Mensch vereint unterschiedliche Merkmale, Erfahrungen und Vorannahmen. Es gibt kein Anderes, weil es keinen Standard gibt. Vor allem aber, weil die Markierung eines Anderen einzig und allein dem Zweck dient, eine Norm zu untermauern. Einen Maßstab, von dem das Andere nur abweicht, und deshalb niemals auf derselben Stufe stehen kann. Eine Norm im Kern ist also wertend. Ein Anspruch auf Objektivität ist im Kern abwertend. Eine Einteilung in Gruppen ist im Kern entmenschlichend und selbstüberschätzend. Und wer jetzt noch glaubt, der Kolonialismus hätte Menschen auf dem afrikanischen Kontinent ja auch etwas Gutes gebracht, der hat das Problem noch nicht verstanden. Der Begriff des„intersektionalen Feminismus“ lädt insofern zur kritischen Reflexion ein. Auch er attestiert Privilegien und Machtstrukturen, die unser Zusammenleben durchziehen. Aber er beschreibt diese Machtstrukturen in all ihrer Komplexität. Intersektionaler Feminismus geht also nicht nur davon aus, dass wir unterbewusste Bilder und Wertungen des Weiblichen und des Männlichen haben. Er erkennt vielmehr an, dass solche Zuschreibungen auch anhand zahlreicher weiterer Merkmale existieren und unser Zusammenleben prägen. Intersektionaler Feminismus möchte im noch breiteren Verständnis aufzeigen, dass wir eine Wahl haben: Folgen wir der Norm, reproduzieren wir die Vorannahme? Oder entscheiden wir uns, dem Menschen, der uns gegenübersteht zuzuhören? Entscheiden wir uns, ihm grundsätzlich Expertise zuzuschreiben? Erkennen wir an, dass auch wir eine ganz eigene Perspektive auf die Welt haben, die durch unsere Erfahrungen geprägt ist? Fassen wir also zusammen: Unsere Erfahrungen in der Welt prägen fundamental unsere Perspektive. Können wir uns frei und sicher entfalten und die Gesellschaft unterstützt uns dabei, das Beste aus uns herauszuholen? Dann liegt es nahe anzunehmen, diese Freiheit ist der Standard. Also richten wir uns ohne Hemmung in dieser Freiheit ein und treffen Entscheidungen, die zu treffen wir die Autorität zugeschrieben bekommen. Wir gehen davon aus, dass doch alle dieselben Chancen haben und Menschen die„Anders“ sind irgendwie selbst dafür verantwortlich, wenn sie nicht in Entscheidungspositionen sind. Womöglich fällt uns aber gar nicht auf, dass sie nicht dort sind, weil alles andere eine Überraschung wäre. Wir gehen davon aus, dass eben Menschen„wie wir“ in Entscheidungspositionen sind. Und so treffen wir auch völlig selbstverständlich Entscheidungen, die sich nach unseren Erfahrungen richtig anfühlen. Wir formen die Welt nach unserem Ebenbild. So fühlt es sich für die uns Nachfolgenden ebenso selbstverständlich an, aufgrund der durch uns geprägten Normen mit der größten Leichtigkeit in Entscheidungspositionen zu geraten und dort unter sich zu sein. Oder aber, wir durchbrechen diesen Kreislauf aktiv und räumen aktiv Raum in Entscheidungspositionen ein, von dem aus Menschen mit anderen Erfahrungen Entscheidungen treffen können. Menschen, die nicht voller Leichtigkeit nach oben gelangen können, weil wir sie ganz selbstverständlich als Abweichung gedacht haben. Menschen, die die Welt aus der Brille von Diskriminierungserfahrungen zu betrachten gelernt haben. Menschen, die jeden Tag in kleinen und großen Situationen zu spüren bekommen, dass sie mit bestimmten Privilegien nicht gesegnet sind. Menschen, die garantiert andere Entscheidungen treffen würden, wenn sie die Welt nach ihrem Ebenbild formen dürften. Womöglich sehr viel menschlichere, inklusivere. Die Voraussetzung dafür ist einzig Demut. Demut vor den eigenen Privilegien. Demut vor der Vielfalt der Erfahrungen. Demut vor einem Gegenüber. INTERSEKTIONALITÄT IN DER POLITISCHEN PRAXIS Ich möchte diese eher theoretischen Gedanken gerne anhand dreier konkreter Politikfelder veranschaulichen: Stadtplanung zieht allgemein Menschen mit großen Visionen an. Menschen, die eine Vorstellung von der besseren Stadt, der besseren Welt, dem besseren Menschen haben. Menschen, die den Anspruch haben, zu gestalten. Davon möchte ich gerne eine Person vorstellen, die die Stadtplanung im Nachkriegseuropa womöglich so entscheidend geprägt hat, wie kaum jemand sonst: Le Corbusier. Der Universal-Gestalter machte vor ziemlich genau einhundert Jahren mit dem so radikalen wie futurischen Konzept der„zeitgenössischen Stadt“ von sich reden. Darin entwarf er minutiös, wie eine Stadt für drei Millionen Einwohner*innen so effizient wie möglich gestaltet sein könnte. Er entwarf im Detail, wie eine Wohnung gestaltet sein müsste, wie sie im Quartier um eine Grünfläche angeordnet sein müsste, um ein exakt zu bezifferndes Maß an Ausblick zu gewährleisten. Le Corbusier entwarf Quartiere mit unterschiedlich breiten Straßen, je nach Position und Frequentiertheit im Gesamtgefüge. Er entwarf Bahnlinie unterschiedlicher Taktung, die an bestimmten Knotenpunkten auf unterschiedlichen unterirdischen Ebenen fahren sollten. Und vor allem ordnete er seine ganze zeitgenössische Stadt nach Funktionen: Außen, zum Rand hin die Wohnviertel, in denen die Frauen den Haushalt erledigen und die Kinder erziehen sollten, im Zentrum exakt 24 Bürohochhäuser mit Büros nach exakt festgelegtem Muster für die„Insassen“, die Männer, die arbeiteten und das Geld für die Familie verdienten. Das Konzept der zeitgenössischen Stadt stellte er unter den Titel „Freiheit durch Ordnung“. Le Corbusier hatte eine sehr klare Vision, und er war so überzeugt von seiner Vision, dass er den Vorschlag unterbreitete, dafür weite Teile des historischen Pariser Stadtzentrums abzureisen und durch„geordnete“, brutalistische Gebäude und Verkehrswege und Plätze zu ersetzen. 3 Aber an diesem extremen Beispiel zeigt sich deutlich: Solche Visionäre vergessen gelegentlich, dass in ihren Städten Menschen 3 Hans Ulrich Reck, Design/Theorie, Bd. 1: Essays 1982 bis 2020, Basel 2021. 3 leben müssen. Dass Menschen lebendig sind. Die Frage der Demut lässt sich hier also mit der ganz konkreten, ganz wunderbar anschaulichen Frage der Perspektive übersetzen: Spiele ich Gott und entwickle meine Vision? Ja setze ich meine Vision in die Welt, im Zweifel über menschliches Leben hinweg? Oder höre ich zu? Frage ich, was Menschen brauchen, um in ihrer Umwelt möglichst lebendig sein zu können? Im Übrigen wird Le Corbusier nicht ganz grundlos gelegentlich ein Nähe zu faschistischen Ideologieelementen vorgeworfen. Ich war im Sommer für einige Tage in Kopenhagen und war schwer beeindruckt vom Lebensgefühl in dieser Stadt. Von einem Hafen, dessen Wasser so sauber ist, dass schwimmende Menschen das Stadtbild prägen. Von Fassaden, die interessant sind und dem Auge Abwechslung bieten. Von Straßenzügen, auf denen Autos schlicht verboten sind und glücklich aussehende Menschen auf ihren Fahrrädern vorüberfahren. Von der Frage umgetrieben, warum mir in Deutschland keine Stadt mit einer auch nur annähernd so hohen Lebensqualität bekannt ist, stieß ich dann auf ein brillantes Beispiel für kluge Entscheidungen: Eine Brachfläche, die zu einem lebenswerten Ort umgestaltet werden sollte, wobei sich natürlich die Frage stellte, was das eigentlich bedeutet,„lebenswert“. Um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, zogen Mitarbeitende der Stadtverwaltung also zu dieser Fläche aus und fragten Menschen, die dort saßen und gemeinsam tranken, nach ihrer Vorstellung von einer lebenswerten Fläche. Weil, und diese so simple, wie brillante Einsicht scheint mir der Kern einer intersektional feministischen Perspektive zu sein, wer könnte denn besser Entscheidungen für einen lebenswerten Park treffen als die Menschen, die die meiste Zeit dort verbringen? Auch wenn das Alkoholiker*innen sind? Es geht immer wieder um Demut und um die Frage, wem Expertise zugeschrieben wird. Es geht um die Frage, wer in Entscheidungsprozessen Gehör findet – und wer nicht. Der Park in Kopenhagen ist am Ende tatsächlich ein Ort geworden, an dem sich Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten gerne und viel aufhalten. Ein Ort mit enormer Lebensqualität. Die Fragen nach Zugängen, Expertise-Zuschreibungen und Privilegien sind im Bereich der Gesundheitspolitik besonders eklatant. Wir alle kennen den Ausspruch der„Götter in Weiß“, und tatsächlich wird medizinischem Personal eine schier grenzenlose Expertise zugeschrieben. Mit einem entsprechend privilegierten Blick gehen einige Mediziner*innen auch durch die Welt. Sie glauben an einen Normkörper, an den Standard – und an davon abweichende Zustände der„Krankheit“. Dabei vergessen sie nur gelegentlich, dass Körper sehr unterschiedlich funktionieren können und manchmal auch Menschen mit ihrer Selbstwahrnehmung etwas über ihren Körper aussagen können, das sich nicht mit Lehrbuchwissen deckt. Schlaganfall wird bei Frauen signifikant seltener behandelt mit tödlichen Folgen, weil er sich anders äußert, als bei Männern und deshalb oft unbemerkt bleibt. Das Hautkrebsrisiko und die Schmerztoleranz bei Schwarzen werden auch heute noch eklatant falsch eingeschätzt. Und intergeschlechtliche Menschen werden bis heute im Säuglingsalter operiert, um die Genitalien der gesellschaftlichen Norm von männlich oder weiblich anzugleichen. 4 Medizinische Forschung und Leitlinien werden von Menschen entworfen, die an Standards glauben, die das eigene Erleben für den Standard halten und die in der Regel im Kreis der hoch Privilegierten unter sich sind. Sie tut sich enorm schwer damit, Menschen Expertise zuzuschreiben, die„nur“ Erfahrungswissen mit ihrem eigenen Körper haben. Ich würde sogar sagen: Medizin ist bis heute im wahrsten Sinne des Wortes menschenscheu und orientiert sich lieber an den schönen Modellen der Lehrbücher.„Freiheit durch Ordnung“ eben. Dass sie dabei aber genau wie die Stadtplanung nicht selten am Menschen vorbei Entscheidungen trifft, zeigte vor einigen Jahren anekdotisch die Weltgesundheitsorganisation: Sie gab eine Empfehlung für HIV-positive Menschen heraus, die ein Kind stillen. Dabei wollte sie der Erkenntnis Rechnung tragen, dass beim Säugen ein geringfügiges Verletzungsrisiko an der Brust besteht, wodurch möglicherweise HIV auf den Säugling übertragen werden könnte. Also, so die Empfehlung der WHO, wäre es sinnvoll, lieber auf Ersatznahrung umzusteigen und das Kind in einem solchen Fall nicht selbst zu stillen. Die Folge dieser auf den ersten Blick einleuchtenden Empfehlung war jedoch katastrophal: Insbesondere in Gegenden der Welt, in denen HIV verbreitet ist, ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser für Ersatznahrung eingeschränkt – was bei der WHO offensichtlich niemand mitgedacht hatte. Also starben in der Folge erheblich mehr Säuglinge aufgrund verunreinigten Trinkwassers, als je beim Stillen mit HIV infiziert worden wären. 5 Um das also deutlich zu sagen: Dass in Entscheidungspositionen vor allem hoch privilegierte Menschen unter sich sind und sie so die Möglichkeit bekommen, die Welt einzig nach ihrem Ebenbild zu gestalten, ist kein triviales Problem. Es entscheidet im Zweifel über Leben und Tod, ob Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen auf Augenhöhe am Entscheidungstisch sitzen – oder eben nicht. Und natürlich macht es auch im Zusammenhang mit der vieldiskutierten feministischen Außen- und Entwicklungspolitik einen erheblichen Unterschied: Denn während traditionelle,„realistische“ Außenpolitik vor allem von Staaten als handelnden Akteuren und Machtbalancen ausgeht, stellt eine feministische Sicht die Menschen in den Vordergrund. Menschen, die auf völlig unterschiedliche Weise von Außen- und Entwicklungspolitik betroffen sind – je nachdem, wo sie intersektional verortet sind. 4 Caroline Criado-Perez, Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert, München 2021. 5 UNICEF zum Weltwassertag am 22. März, Köln 2015, online unter www.unicef.de. 4 Erst mit diesem Analyserahmen wird deutlich, dass Frauen und queere Menschen überproportional stark unter Kriegen leiden, weil sie immer wieder zu Opfern von sexualisierter„Kriegsführung“ und Säuberungen werden. Oder, dass physische Folgen des Klimawandels weit überproportional ärmere Bevölkerungsteile treffen. Dass Abkommen und Friedensverträge oft nicht mit vielfältigen Menschen verhandelt und deshalb oft auch nur zugunsten der ohnehin privilegiertesten Menschen ausgestaltet sind. Dass solche Verträge also auch deutlich stabileren Frieden bringen, wenn Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen auf Augenhöhe mit am Verhandlungstisch saßen. Feministische Außen- und Entwicklungspolitik legt die Schwachstellen offen, die durch eine rein privilegierte Interpretation und Prägung der Politik entstehen. Und nein, die Lösung kann natürlich nicht sein, deshalb einfach ein paar mehr privilegierte, weiße, heterosexuelle cis Frauen im diplomatischen Dienst auf Positionen zu setzen, auf denen bisher nur privilegierte, weiße, heterosexuelle cis Männer saßen. Abgesehen davon, dass das Auswärtige Amt mit 20 % allgemein den geringsten Frauenanteil in der gesamten Bundesregierung hat. Es braucht einen grundlegenden Kulturwandel, der Expertisezuschreibung breiter verteilt und intersektionale Diskriminierung nicht mehr reproduziert. Ein intersektionaler Blick muss vielmehr als Reflexions- und Analyserahmen herangezogen werden, der verdeutlicht, wo Expertise einseitig zugeschrieben wird. Welche Perspektiven unterrepräsentiert sind und für eine kluge Entscheidung am Tisch fehlen. WARUM ALSO SIND DIE BEHARRUNGSKRÄFTE SO STARK? Damit stellt sich natürlich die Frage, warum die Beharrungskräfte auf diesem Gebiet so stark sind. Und vor allem: Was können wir tun, um gegenzusteuern und in ganz kleinen Entscheidungen neue Pfade einzuschlagen? Die Frage nach dem Warum lässt sich schnell beantworten: Menschen mit Privilegien sind in Entscheidungspositionen und sie sind unter ihresgleichen. Sie sind sich dessen nicht zwangsläufig bewusst, sie spüren nur, dass sie sich verstanden fühlen. Also werden ähnliche Menschen befördert und eingestellt, und so bildet sich ein Biotop mit lauter Gleichen, Gleichprivilegierten. Interessant ist also vor allem die Frage, wie wir dieses Phänomen aktiv durchbrechen können. Dafür möchte ich zunächst noch einmal auf eine Reflexionsleistung hinweisen, die ich zu Beginn schon erwähnt habe: Es gibt keine„objektive“ Position, es gibt keinen Standard. Jeder einzelne Mensch ist eine Kreuzung, auf der unterschiedliche Diskriminierungsmerkmale in unterschiedlicher Ausprägung zusammenkommen. Jeder Mensch ist in unterschiedlichen Kontexten mit unterschiedlichen Privilegien gesegnet. Die grundlegende Voraussetzung ist also eine Haltung der Demut und der Reflexion der eigenen Position. Also die bekannte Aufforderung„check your privileges!“. 6 ZUHÖREN UND HANDELN SCHAFFT PLATZ IN ENGEN RÄUME Und wenn man dieses Verständnis einmal entwickelt hat, dann stellt sich auch ein Verständnis für Räume ein. Dann entwickelt sich ein Blick dafür, welche Perspektiven überproportional in Diskursen und Entscheidungsfindungsprozessen vertreten – und welche unterrepräsentiert sind. Dann bekommt man ein Gespür dafür, welche Verdrängungsmechanismen stattfinden, wenn beispielsweise hoch privilegierte schwule cis Männer unter dem Deckmantel der„Diversität“ weit überproportional viel Raum einnehmen. Und dann kann man beginnen, diese ganz kleinen, individuellen Entscheidungen des Alltags aktiv zu nutzen, um transformativ zu gestalten. Dann kann man sich aktiv Menschen zuwenden, die am Rande stehen. Dann kann man im Rahmen seiner Möglichkeiten dazu beitragen, Räume psychologisch sicher zu gestalten, nicht auf Menschen einzugehen, die überproportional viel Raum einnehmen und sie unterbrechen, wenn sie sich zu sehr ausbreiten. Dann kann man seine Privilegien nutzen, um für andere Menschen Türen zu öffnen, aktiv Räume zu erweitern und unterrepräsentierte Menschen zu empowern, diese Räume einzunehmen. Sich selbst zurückziehen, sich in Demut gegenüber der anderen Perspektive üben. Zuhören. Ich möchte dazu abschließend noch ein letztes Beispiel geben: Malta hatte bis vor wenigen Jahren eine ausgesprochen konservative, traditionelle Gesetzeslage. Joanne Cassar, eine trans* Frau wollte das so nicht hinnehmen. Sie hatte ihren amtlichen Geschlechtseintrag schon Jahre zuvor geändert und durfte dennoch ihren Partner nicht heiraten – weil, so die offizielle Begründung, gleichgeschlechtliche Ehen ja verboten waren. Sie klagte sich über viele Jahre durch die Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, wurde bekannt und viel diskutiert. Aber die Gesellschaft war damals tiefreligiös und skeptisch gegenüber allem„nicht-traditionellen“, Joanne Cassar wurde belächelt und beleidigt, wurde immer wieder öffentlich als„Freak“ dargestellt und bedroht. 2013 wurde dann überraschend eine neue, eine sozialdemokratische Regierung gewählt und trat an, um einiges anders zu machen. Am zweiten Tag der Amtszeit rief der neue Premierminister bei Joanne Cassar an: Er schäme sich für die bisherige Gesetzeslage. Er werde sie noch am selben Tag per Dekret ändern, sodass sie ihren Partner heiraten könne. Die neue Regierung werde für sämtliche Gerichtskosten aufkommen. Und er wolle sich im Namen der gesamten Bevölkerung für ihren Mut bedanken, diesen Kampf zum Wohle der Gesellschaft auf sich genommen zu haben. Der Premierminister stellte sich klar hinter Joanne Cassar und damit hinter marginalisierte Menschen. Er zeichnete sie mit einem Orden aus. Er nutzte seine Privilegien, um neue Pfade zu eröffnen. Und die neue maltesische Regierung beließ es nicht bei 6 Vgl. Frederike Beier; Lisa Yashodhara Haller; Lea Haneberg(Hg.), Materializing Feminism. Positionierungen zu Ökonomie, Staat und Identität, Münster 2018. 5 diesem Anruf. Sie schuf kurzerhand ein Gremium beim Justizministerium, in das sie Vertreter*innen aller großer queerer Organisationen setzte. Der Auftrag: Diese Menschen sollten die Gesetze schreiben, die die queere Community im Sinne zur freien Entfaltung im Land brauchte. Also schrieben sie, die Regierung verabschiedete eines der Gesetze nach dem anderen, und so schob sich Malta im Laufe weniger Jahre auf der trans* rights map nach ganz vorne. Die so simple, wie brillante Erklärung der Regierung dazu war wieder einmal: Wer soll denn besser wissen, welche Gesetze queere Menschen brauchen, als queere Menschen? Als Joanne Cassar übrigens einige Jahre später eine Bühne in Malta betrat, vor ihr eine gigantische, ansteigende Fläche voller Menschen, da brandete tosender Applaus von hunderttausenden auf. Sie wurde gefeiert wie ein Popstar, die gesellschaftliche Stimmung hatte sich radikal verändert. 7 Es kann also weit mehr bewirken, als man gemeinhin denkt, mit einer kleinen, unüblichen Entscheidung einen neuen Pfad zu ebnen. Dieser Impuls entstand als Vortrag zum Anlass des FES Genderfachtags 2023. AUTORIN Clara Markurt hat Politikwissenschaft und Kommunikations- und Medienwissenschaften studiert. Sie ist Expertin für feministische Außen- und Rechtspolitik, und engagiert sich im Bundesvorstand der SPDqueer. Hauptamtlich arbeitet sie als Referentin für die AG Queer in der SPD-Bundestagsfraktion. IMPRESSUM Autorin: Clara Markurt Herausgeberinnen: Dr. Stefanie Elies(Referatsleiterin DGI) und Prof. Dr. Ursula Bitzegeio(Fachreferentin DGI) i. A. der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin Verantwortlich: Referat Demokratie, Gesellschaft& Innovation (DGI), Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin ↗ www.fes.de/dgi Gestaltung& Satz: Typografie/im/Kontext Berlin © Friedrich-Ebert-Stiftung, Mai 2024 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e. V.. Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nichtgestattet. Publikationen der Friedrich-EbertStiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. 7 Joanne Cassar loses transsexual marriage case, in: Times of Malta vom 23.5.2011, online unter www.timesofmalta.com/article/joanne-cassar-loses. 6