A N A LY S E GLOBALE UND REGIONALE ORDNUNG EIN NEUES INDIEN FÜR EIN EUROPA IM WANDEL Impulse für eine Vertiefung der europäisch-indischen Beziehungen C. Raja Mohan August 2024 Indien ist im Indopazifik sowohl für die EU als auch für Deutschland Schlüsselpartner. Das Land entwickelt sich zum globalen Wachs­tumstreiber und Pol in einer sich neu bildenden Weltordnung. Indien und die EU benötigen belastbare Partnerschaften, um Fragen des Handels, der Verteidigung bis hin zu Fragen des Technologietransfers besser adressieren zu können. Anpassungen in ihren bisherigen Beziehungen sowie die Be-­ reitschaft, geopolitische Realitäten und historische Pfadabhängigkeiten anzuerkennen, sind nötig, um neue Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. GLOBALE UND REGIONALE ORDNUNG EIN NEUES INDIEN FÜR EIN EUROPA IM WANDEL Impulse für eine Vertiefung der europäisch-indischen Beziehungen  Inhalt VORWORT – INDIEN VERSTEHEN UND BRÜCKEN IN DIE GEMEINSAME ZUKUNFT 2 EIN NEUES INDIEN FÜR EIN EUROPA IM WANDEL 3 Zum Verständnis der Außenpolitik des neuen Indien 3 Indiens sich verändernde Haltung zu Europa 5 Die europäisch-indischen Beziehungen auf neue Füße gestellt 7 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – EIN NEUES INDIEN FÜR EIN EUROPA IM WANDEL VORWORT INDIEN VERSTEHEN UND BRÜCKEN IN DIE GEMEINSAME ZUKUNFT BAUEN Die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts markieren für Deutschland eine Zeitenwende. Diese Zeitenwende beschränkt sich nicht auf eine rhetorische Phrase oder das Sondervermögen der Bundeswehr, sondern stellt eine Epochenwende dar, die eine nachhaltige Anpassung des deutschen Wirtschaftsmodells inklusive seiner Industrie-, Handels- und Energiepolitik, der europäischen Sicherheitsarchitektur sowie die Neuauslotung der internationalen Ordnung nach sich ziehen wird. Um diesen enormen Herausforderungen auch in Zukunft gerecht zu werden, benötigt Deutschland, neben der Einbettung in NATO und EU, belastbare strategische Partnerschaften mit Schwellenländern und Wachstumsökonomien weltweit – und besonders im Indopazifik. Das Land mit dem wohl größten Potenzial dafür heißt Indien. Ob zur Lösung ebendieser Herausforderungen oder dem Erhalt einer regelbasierten Weltordnung, die deutsch-indische strategische Partnerschaft ist ein wichtiges Vehikel, um Allianzen in einer Welt der zunehmenden Fragmentierung zu bilden. Gerade aber auch im bilateralen Engagement in den Bereichen grüne Energieerzeugung, widerstandsfähige Wertschöpfungsketten, bei Forschungs- und Entwicklungsprojekten im Bereich Künstlicher Intelligenz und Quanten­ informatik oder durch über 2000 deutsche Unternehmen, die aktiv in Indien sind, nimmt das Land einen hohen Stellenwert für Deutschland ein. In Neu-Delhi wird, nach einer Periode der Blockfreiheit und einer Politik der Nichtbeteiligung an Auseinandersetzungen in der bipolaren Welt des Kalten Krieges, diese bisherige Haltung zunehmend von geostrategischen und geoökonomischen Erwägungen abgelöst, die eine Hinwendung zum Westen, einen möglichen Regionalkonflikt mit China sowie die wachsende globale Bedeutung des eigenen Landes im Zentrum tragen. Das bevölkerungsreichste Land der Erde beansprucht seinen Platz in der sich neu auslotenden globalen Ordnung. Indien versteht sich nicht nur als Stimme des sogenannten Globalen Südens, als kommende wirtschaft­ liche Großmacht, sondern auch als zentraler Akteur in einer multipolaren Welt mit einem klaren Anspruch, in allen globalen Institutionen entsprechend repräsentiert zu sein – vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bis hin zu nicht-­ westlichen Bündnissen wie BRICS. Es agiert vermehrt multivektoral, basierend auf klaren Zielen: der Erhalt der regelbasierten Ordnung, der angemessenen Repräsentation in ihren Institutionen, der Vermeidung eines Konflikts zwischen Großmächten sowie dem innerstaatlichen Wachstumsimperativ und die Durchsetzung nationaler Interessen. Die Bundesrepublik kann auf die neue indische Ambition grund­sätzlich positiv blicken: die geostrategische Konvergenz zwischen dem Westen und Neu-Delhi, das wirtschafts- und handels­politische Interesse und der Rahmen für Koopera­ tion in bi-, tri-, mini- oder multilateralen Formaten steigen allesamt an. Um dieses Momentum möglichst effektiv nutzen zu können, eignen sich Politikfelder wie Energie-, Technologie- Handels- und Wirtschaftspolitik, die Kooperation im Indopazifik sowie die Wahrnehmung indischer Positionen gegenüber China. Dies umfasst auch eine Evaluierung lange gehegter deutscher außenpolitischer Grundsätze, wie die Diskussion um eine vertiefte Sicherheits- und Rüstungskooperation mit Indien zeigt. Klare eigene Positionen sowie ein wertegeleiteter, pragmatischer Umgang sind dabei maßgebliche Faktoren für den Erfolg in der Kooperation mit Neu-Delhi. Bedeutend ist aber auch das tiefergehende Verständnis der wohl größten und komplexesten Demokratie der Welt. Das nachfolgende Papier»Ein neues Indien für ein Europa im Wandel«, verfasst von C. Raja Mohan, setzt hier an. Es entstand als Teil des Beratungsprojekts» A Decade of Transitions. Trends in Indian Foreign Policy« und möchte einen Beitrag leisten, um indische Positionen in der internationalen Politik erfolgreich zu kontextualisieren. Basierend auf Erkenntnissen aus einem Workshop, der im Februar 2024 gemeinsam vom Council for Strategic and Defense Research und der Friedrich-Ebert-Stiftung Indien veranstaltet wurde, bietet das Hintergrundpapier ein umfassendes Verständnis der außenpolitischen Übergänge und zukünftigen Ausrichtungen Indiens. Darüber hinausgehend wirft der nachfolgende Beitrag einen fokussierten Blick auf die europäischindi­sche Kooperation und gibt Handlungsempfehlungen aus einer dezidiert indischen Perspektive. Für Deutschland und Europa im Wandel wird das»neue In­ dien« nur noch an politischer und wirtschaftlicher Bedeutung und strategischer Relevanz gewinnen. Der stetige Austausch, das gegenseitige Verständnis und eine gewisse Vertrautheit der gegenseitigen Denkfiguren sowie Handlungslogiken sind Vorbedingung für eine erfolgreiche Kooperation sowie deren Ausbau. Als Friedrich-Ebert-Stiftung wollen wir mit diesem Papier einen Beitrag hierzu leisten. Christoph P. Mohr Landesdirektor der Friedrich-Ebert-Stiftung in Indien 2 Ein neues Indien für ein Europa im Wandel EIN NEUES INDIEN FÜR EIN EUROPA IM WANDEL Die sich rasant verändernde weltpolitische Lage eröffnet neue Möglichkeiten für die Beziehungen zwischen Indien und Europa. Beide Regionen sehen sich technologischen Innovationen, dem Klimawandel, wirtschaftlichen Umwälzungen und einer sich global verändernden Sicherheitsdynamik gegenüber. Dank konstantem Wirtschaftswachstum und einer jungen Bevölkerung entwickelt sich Indien zu einem wichtigen globalen Akteur. Nach einer langen Phase der Nichtbeachtung schenkt Indien Europa im Rahmen seines Strebens nach einer multipolaren Welt nun größere Aufmerksamkeit. Zur selben Zeit ringt Europa mit internen Veränderungen und externem Druck, was den Kontinent dazu veranlasst, neue Partnerschaften für Stabilität und Einfluss zu suchen – da­runter auch mit Indien. Im vorliegenden Bericht werden die wichtigsten Tendenzen der indischen Außenpolitik der vergangenen zehn Jahre (2014–2024) analysiert und ihre Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Indien und Europa prognostiziert. Weiterhin wird untersucht, wie Indien seine Außenpolitik an die sich verändernde Dynamik in Europa anpasst und an europäischen Entscheidungsträger_innen gerichtete Empfehlungen bezüglich der gemeinsamen Herausforderungen und der Nutzung beiderseitiger Chancen auf Wachstum und globalen Einfluss formuliert. ZUM VERSTÄNDNIS DER AUSSENPOLITIK DES NEUEN INDIEN zung für das Geschäftsjahr) fast verdoppelt. Indien bleibt bis heute die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft. 1 S&P Global Ratings geht davon aus, dass Indien bis 2030 die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt sein wird. Das indische Finanzministerium will dies mit einem BIP von fünf Billionen US-Dollar in den nächsten drei Jahren erreichen. 2 In seinem Bestreben bis 2047 eine Industrienation zu werden, hat Indien ehrgeizige Programme aufgesetzt, deren Schwerpunkte auf exportgetragenem Wachstum und einer unabhängigen Entwicklung aus eigener Kraft liegen. So will Indien beispielsweise eine Nation der verarbeitenden Industrie und ein Exportzentrum werden(»Make in India«), ein vollständiges inländisches Ökosystem für Halbleiter aufbauen(»Indische Halbleiter-Mission«) und seine erste bemannte Raumfahrtmission starten(»Gaganyaan-­ Mission«). Wenn sich die derzeitigen makroökonomischen und globalen Trends fortsetzen, wird Indien nach Prognosen von Goldman Sachs Research bis zum Jahr 2075 – dann nur noch hinter China liegend – zur zweitgrößten Volkswirtschaft aufsteigen und möglicherweise gleichauf mit oder noch vor den Vereinigten Staaten rangieren 3 . Unterdessen versucht Neu-Delhi, diesen Optimismus wirksam für sich zu nutzen, um über die Rhetorik eines sich in Entwicklung und Aufstieg befindlichen Indiens hinauszukommen und sich als eigenständige Großmacht oder Machtpol zu positionieren. Hervorgehoben wird hierbei auch eine auf moralischen Wertvorstellungen und Inklusion beruhende Identität(Vishwamitra;»der Freund aller«), mit der Indien sich von China, den USA und Russland abgrenzen will. In den letzten zehn Jahren wurde die indische Außenpolitik von fünf allgemeinen und übergreifenden Veränderungen geprägt. So auffällig diese Veränderungen auch scheinen mögen, so unspezifisch sind ihre Verläufe. Zeitweilig steuerten sie aneinander vorbei und wurden durch empirische Realitäten und geopolitische Widerstände verkompliziert. Für jede_n interessierte_n Beobachter_in sind diese Übergänge indes von entscheidender Bedeutung, um die indische Per­ spektive auf die eigenen Limitierungen und Möglichkeiten in den kommenden Jahren zu verstehen. DER AUFSTIEG INDIENS In den letzten zehn Jahren hat Indiens relatives wirtschaftliches Gewicht in der Welt zugenommen. Sein Bruttoinlandsprodukt(BIP) hat sich von 1,9 Billionen US-Dollar im Jahr 2014 auf 3,7 Billionen US-Dollar im Jahr 2024(Schät1»Indien Q4 BIP Highlights: Im Vergleich zu 7,0% im Geschäftsjahr 2023 im Geschäftsjahr 2024 Wachstum von 8,2% für das reale BIP prognostiziert.« The Economic Times, Economic Times, 31. Mai 2024, m.economictimes.com/news/newsblogs/india-gdp-q4-fy24-live-update-today-rbi-annual-report-economic-growth-rate-latest-news31st-may-2024/liveblog/110577602.cms. Zugriff am 8 Aug. 2024. 2»Indien wird wohl bis 2030 drittgrößte Volkswirtschaft der Welt -S&P Global Ratings.« Reuters, 5. Dez. 2023, www.reuters.com/ world/india/india-be-worlds-third-largest-economy-by-2030-sp-global-ratings-2023-12-05/. PTI.»Indien wird wohl bis 2030 drittgrößte Volkswirtschaft der Welt mit einem BIP von 5 Billionen$ in drei Jahren: Finanzministerium.« The Hindu, 29. Jan. 2024, www.thehindu. com/business/Economy/india-to-become-third-largest-economy-with-gdp-of-5-trillion-in-three-years-finance-ministry/article67788662. ece#:~:text=India%20is%20expected%20to%20become. 3»Wie Indien zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen könnte.« Goldman Sachs Research, 2023, www.goldmansachs.com/ insights/articles/how-india-could-rise-to-the-worlds-second-biggest-economy. 3 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – EIN NEUES INDIEN FÜR EIN EUROPA IM WANDEL AUSBAU STRATEGISCHER PARTNERSCHAFTEN Die indische Vorstellung einer Grand Strategy blieb über das Jahrzehnt hinweg konstant. Vielleicht am besten brachte Außenminister S. Jaishankar diesen Ansatz 2019 zum Ausdruck:»Jetzt ist für uns die Zeit gekommen Amerika einzubinden, mit China umgehen zu können, Beziehungen zu Europa zu pflegen, Russland zu beschwichtigen, Japan ins Spiel zu bringen, unsere Nachbarschaftskreise zu erweitern und die bestehenden Sphären der Unterstützung auszubauen.« 4 In den letzten zehn Jahren blieb die Abschreckung von Terroranschlägen, die von pakistanischem Boden ausgehen sollen, ein prioritäres Ziel Indiens. Außerdem ist die Frage zum Umgang mit dem Aufstieg Chinas nach den gewaltsamen Zusammenstößen entlang der Grenze, der so genannten Line of Actual Control(LAC), im Jahr 2020 immer wichtiger geworden. Letzteres hat Indien dazu veranlasst, seine Aufmerksamkeit auf den indopazifischen Raum zu lenken sowie bestehende Verbindungen auszubauen und zu vertiefen, um dem wachsenden chinesischen Einfluss entgegenzuwirken. Durch den quadrilateralen Sicherheitsdialog(Quad) hat Indien mit gleichgesinnten regionalen Partnern erfolgreich pragmatische und regelmäßige Kooperationsformen wirksam etabliert. Da sich Indiens Verständnis des indopazifischen Raums auf den Nahen Osten (Westasien) und Ostafrika erstreckt, hat Neu-Delhi seine strategischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den Golfstaaten und Israel erfolgreich ausgebaut. Dieser bedeutende Wandel in Indiens diplomatischer Position in der Region wird am besten durch die vorbehaltlose Unterstützung des Wirtschaftskorridors Indien-Naher Osten-Europa( India-Middle East-Europe Economic Corridor; IMEC) und seine Mitgliedschaft in der I2U2 veranschaulicht – einer Gruppierung, die auch die USA, Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate zu ihren Mitgliedern zählt. Zudem hat Indien Afrika zum Kernstück seiner Diplomatie gemacht und bei seiner Öffnung hin zum Globalen Süden in den Mittelpunkt gestellt – was sich vor allem in Indiens erfolgreichen Bemühungen zeigt, der Afrikanischen Union im Jahr 2023 die Mitgliedschaft in der G20 zu sichern. AUF DEM WEG HIN ZU EINER RE-GLOBALISIERUNG UND ENTWICKLUNG AUS EIGENER KRAFT Die u. a. durch den Ukraine-Krieg und die Corona-Pandemie hervorgerufenen geopolitischen und wirtschaftlichen Ungewissheiten, verbunden mit verstärktem Protektionismus im Westen und einer zunehmend unsicheren Handelsordnung im Rahmen der Welthandelsorganisation haben die Vorstellung verstärkt, dass Indien»auf sich allein gestellt« sei. Die darauf entwickelten Antworten sind mehr Eigenständigkeit und Autarkie. Neu-­Delhi startete das Production Linked Incentive-­ Programme mit einem Kapitalaufwand von mehr als 26 Mrd. US-Dollar, um in kritischen Sektoren wie der Elektronikindus4 S Jaishankar.»INDIA WAY: Strategies for an Uncertain World.« Harper­collins Indien, 2020. trie Produktionsketten im Land aufzubauen 5 . Die Abkehr der Regierungspartei Bharatiya Janata Party(BJP) von Frei­ handelsabkommen in Asien hatte sich schon zuvor abgezeichnet, aber die verfahrene Grenzsituation mit China an der LAC sowie die Besorgnis über chinesische Investitionen und Importabhängigkeiten(bei einem Handelsdefizit zwischen Indien und China von mehr als 85 Mrd. US-Dollar im Geschäftsjahr 2024) haben Indiens Rückzug aus regionalen Handelsabkommen, wie der Regional Comprehensive Economic Partnership(RCEP) und dem Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership(CPTPP), noch beschleunigt. Um seinem wirtschaftlichen Isolationismus entgegenzuwirken, unterzeichnete Neu-­Delhi stattdessen Freihandelsabkommen mit wichtigen Volks­wirtschaften wie Australien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Europäischen Freihandelsassoziation(EFTA). Mit der EU wurden nach einer neunjährigen Unterbrechung wieder Freihandelsgespräche aufgenommen. Parallel dazu konzentrierte sich Indien auf den Bedarf an ausländischen Direktinvestitionen im Land und machte sich seine strategischen Partnerschaften im Westen zunutze, um durch innovative Mechanismen, wie der Initiative on Critical and Emerging Technology(iCET) zwischen Indien und den USA und dem Handels- und Technologierat EU-Indien, bei der übergeordneten technologischen Zusammenarbeit zu punkten. VON KONTINENTALEN SACKGASSEN ZU MARITIMEN CHANCEN Indiens Augenmerk auf landseitige Bedrohungen in Bezug auf Pakistan und China und seine historisch nach innen gerichtete Wirtschaft haben das Land möglicherweise daran gehindert, die Chancen seiner vorteilhaften Meeresgeografie und die daraus sich ergebende notwendige Gefahrenabwehr im Seeverkehr in vollem Umfang zu erkennen. Als in den letzten Jahrzehnten Indiens Gesamthandel jedoch drastisch anstieg – von 95 Mrd. US-Dollar im Geschäftsjahr 2002 über 830 Mrd. US-Dollar im Geschäftsjahr 2011 auf 1.670 Mrd. US-Dollar im Geschäftsjahr 2023 –, hat sich ein wesentlich stärkeres Bewusstsein für seinen maritimen Bereich herausgebildet 6 . Gleichzeitig fügte die verstärkte Marinepräsenz Chinas im Indischen Ozean früheren früheren maritimen Interessen Indiens eine sicherheitspolitische Dimension hinzu. Infolgedessen konzentrierte sich Neu-­Delhi mit Blick auf nicht-traditionelle Sicherheitsfragen und Ma­ ritime Domain Awareness auf eine stärkere sowohl bilaterale als auch multilaterale Zusammenarbeit(z. B. im Rahmen des Quads) mit Seemächten wie den USA, Frankreich und Großbritannien. Indiens Engagement im indopazifischen 5»Ministerium für Handel& Industrie spricht von Investitionen in Höhe von 1,23 Billionen Rupien durch den PLI-Plan bis März 2024.« Business Standard, 31. Juli 2024, www.business-standard.com/ markets/capital-market-news/ministry-of-commerce-industrysays-investment-of-rs-1-23-lakh-crore-attracted-under-pli-scheme-­tillmarch-2024-124073100483_1.html. Zugriff am 8. Aug. 2024. 6 ›Indiens globale Handelsdynamik: Ein Überblick über 20 Jahre‹, Indiastat, 2022, www.indiastat.com/Socio-Economic-Voices/IndiaGlobal-Trade-Dynamics-20-Years-Overview#:~:text=Dynamics%20 of%20India. Zugriff am 8 Aug. 2024. 4 Ein neues Indien für ein Europa im Wandel Raum, das sich in der Indo-Pacific Oceans Initiative(IPOI) offenbart, steht im Einklang mit allgemeineren geopolitischen Trends und konvergierenden Interessen seiner strategischen Partnerschaften. Durch den verstärkten Ausbau der maritimen Fähigkeiten und Verbindungen im Meeresraum hat Neu-Delhi zudem versucht, sich als aufstrebende Großmacht zu profilieren, was vielleicht am besten durch die Entscheidung veranschaulicht wird, drei Flugzeugträger zur Machtprojektion einzusetzen. NEUE PRAXIS Im letzten Jahrzehnt hat Indien seine Diplomatie neu ausgerichtet und den Schwerpunkt auf eine stärkere Personalisierung, Durchsetzungsvermögen, Risikobereitschaft und Diversifizierung der Einflussmöglichkeiten gelegt. Indiens Selbstsicherheit und Durchsetzungskraft, die sich im eigenen Land großer Beliebtheit erfreuen, zeigten sich darin, wie es seine Haltung gegenüber westlicher Kritik an Russlands Einmarsch in der Ukraine verteidigte. Indien ist außerdem deutlich weniger als zuvor geneigt, internationale Kommentierung von Angelegenheiten zu akzeptieren, die als rein innerstaatlich gesehen werden, wie z. B. die Menschenrechtssituation oder Darstellungen eines Demokratieverfalls. Doch Neu-Delhi lässt sich von Auseinandersetzungen um Menschenrechtsfragen nicht von seinen Bemühungen abhalten, die Beziehungen zu den USA und Europa zu stärken. Weiterhin beginnt Indien gerade erst, seine hochgelobte (und einflussreiche) Diaspora-Gemeinschaft systematisch als politisches Instrument zur Förderung seiner außenpolitischen Ziele einzusetzen. Die tatkräftige Unterstützung der Diaspora für die groß angelegte und öffentlichkeitswirksame»Howdy Modi«-Veranstaltung 7 sowie ihre offenkundige Unterstützung für einen Sieg Trumps bei den Wahlen 2020 8 sind eine neue Entwicklung, die nicht ohne Risiko ist. Die Einbindung der Diaspora ist ein zweischneidiges Schwert, da sie das Risiko birgt, innenpolitische Themen aufs internationale Tapet zu heben, wie z. B. Indiens anhaltende Schwierigkeiten mit Kanada im Falle Khalistans. Ein Großteil der indischen Diaspora im Westen konzentriert sich auf den angelsächsische Raum, aber auch in Kontinentaleuropa wächst diese. Angesichts der kontroversen Debatte über die europäische Einwanderungspolitik sind Indien und Europa gut beraten, Risiken zu erkennen und die damit verbundenen Herausforderungen zu bewältigen, bevor sie sich zuspitzen und die positiven Chancen von Diaspora-Kontakten zunichtemachen. 7 Kapur, Devesh,»Der indische Premierminister und Trump sprachen anlässlich einer Kundgebung in Houston. Wer deutete was an?« The Washington Post, 29. Sept. 2019, www.washingtonpost.com/politics/2019/09/29/prime-minister-modi-india-donald-trump-addressed-huge-houston-rally-who-was-signaling-what/. 8»Der indische Premierminister und Trump sprachen anlässlich einer Kundgebung in Houston. Wer deutete was an?« The Washington Post, 29 Sept. 2019, www.washingtonpost.com/politics/2019/09/29/ prime-minister-modi-india-donald-trump-addressed-huge-houston-­ rally-who-was-signaling-what/. Genauso wie die indische Außenpolitik flexibler, anpassungsfähig und ergebnisorientiert wird, hat Premierminister Modi zunehmend eine personalisierte Vorgehensweise gewählt, um Widersprüche in den bilateralen Beziehungen und der internationalen Politik zu begegnen. Mit dem Amtsantritt einer neuen Koalitionsregierung in Delhi könnte die indische Außenpolitik um neue Elemente ergänzt werden und Anpassungen erfahren. Die Betonung der»Kontinuität« durch die neue Regierung deutet auf das Vertrauen in den derzeitigen Kurs der indischen Außenpolitik hin. Gleichzeitig ist sich Neu-Delhi aber auch darüber bewusst, dass der Weltfrieden und die globale Stabilität in den kommenden Jahren auf eine harte Probe gestellt werden und dass Indien offen für etwaige noch nie dagewesene Herausforderungen, aber auch Chancen bleiben muss. INDIENS SICH VERÄNDERNDE HALTUNG ZU EUROPA Eine der maßgeblichen Änderungen in der indischen Außenpolitik in den zehn Jahren seit 2014 ist die bewusste Aufwertung Europas, einschließlich des Vereinigten Königreichs, hin zu einer Region, die höhere strategische Priorität genießt. Diese verstärkte Aufmerksamkeit für Europa war schon lange überfällig. Die tektonischen Verschiebungen in den Beziehungen zwischen den Großmächten haben Indien und Europa zu einer erneuten gegenseitigen Annäherung gezwungen. Während Europa es Indien ermöglicht, seine Rüstungsimporte zu diversifizieren, kann Indien wiederum Europa helfen, seinen Außenhandel auf mehrere Säulen zu stellen. In diesem Prozess vergrößern beide Seiten den Einfluss des jeweils Anderen gegenüber weiteren Mächten und sorgen für mehr Flexibilität in einer sich zunehmend spaltenden Weltordnung. Indien erkennt zunehmend an, dass Europa ein Kontinent unterschiedlicher Regionen ist. Während es noch lernt, auf dem Brüsseler Parkett zu agieren, baut Delhi seine Kontakte zu den nordischen und baltischen Staaten, der Visegrad-Gruppe und der EuroMed-Region aus. Als die Regierung Narendra Modis im Mai 2014 ihr Amt antrat, waren die Beziehungen zu Europa wegen des Scheiterns der Freihandelsgespräche, des Ausbleibens jährlicher Gipfeltreffen und einer größeren Auseinandersetzung mit Italien als wichtiges europäisches Land festgefahren. 9 In ihrer ersten Amtszeit hat die Modi-Regierung das Problem entschlossen gelöst. Der Wandel in Neu-Delhis bilateralen Beziehungen zu Rom ist sinnbildlich für das weitreichen­ dere und zielgerichtetere Engagement Indiens in Eu­ropa. Besonders zur Geltung kam dies in dem Ausmaß des hochrangigen Austauschs zwischen Indien und Europa. Während seiner Amtszeit als Premierminister reiste Modi 27 Mal 9 Italienische Marinesoldaten waren nach Schüssen vor der Küste Keralas Anfang 2012 festgenommen worden, da auch indische Staatsangehörige in den Zwischenfall involviert waren.»Kurz erklärt: Worum geht es beim Fall der italienischen Marinesoldaten?« The Indian Express, 10. Apr. 2021, indianexpress.com/article/explained/explained-what-is-the-italian-marines-case-7266450/. 5 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – EIN NEUES INDIEN FÜR EIN EUROPA IM WANDEL nach Europa und empfing 37 europäische Staats- und Regierungschefs. Seit er 2019 Außenminister geworden war, reiste Außenminister S. Jaishankar 29 Mal nach Europa und empfing 36 seiner europäischen Amtskolleginnen und-kollegen in Neu-Delhi. Durch die Fokussierung auf die Beilegung seit langem bestehender Irritationen mit bilateralen Partnern des Westens und einem anhaltenden hochrangigem Austausch wurden die Beziehungen Indiens mit Europa in verschiedenen Bereichen, u. a. auf dem Gebiet der Wirtschaft und Sicherheit, in beispielloser Weise vorangetrieben. Der intensivierte Ausbau der bilateralen Beziehungen ist in drei großen Bereichen zu beobachten: Geopolitik, Wirtschaft und Technologie. Im Bereich der Geopolitik hat Indien seine historischen Vorbehalte gegenüber einer Zusammenarbeit mit den»europäischen Kolonialmächten« zur Gestaltung der regionalen Sicherheit abgelegt. In dem Versuch, die durch den Aufstieg Chinas hervorgerufenen strukturellen Veränderungen im asiatischen Kräfteverhältnis zu meistern, ist Neu-Delhi nun bereit, sich mit den europäischen Mächten aus einer veränderten postkolonialen Per­spektive auf Fragen der regionalen Sicherheit einzulassen. Im Gegensatz zu Chinas Devise»Asien den Asiaten« hat Delhi verschiedentlich seine Vision einer inklusiveren regionalen Ordnung betont, die auch den ehemaligen Kolonialmächten sowie den USA eine Rolle zuschreibt. 10 Deutlich wird dies auch in der Veränderung der bilateralen Beziehungen Indiens zu Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien unter Premierminister Modi. Deutschland hat sich zu einem wichtigen eigenständigen Kooperationspartner im Bereich der Sicherheit und Verteidigung entwickelt und ist mittlerweile auch Indiens größter Handelspartner. 11 Die umfassende Migrations- und Mobilitätspartnerschaft hat das Reisen zu Forschungs-, Stu­dien- und Arbeitszwecken erleichtert und die zwischenmenschlichen Beziehungen gestärkt. 12 Die deutsche Un­terstützung im Bereich der erneuerbaren Energien umfasst Pläne für ein Zentrum für grünen Wasserstoff in Indien und unterstreicht so das Engagement für nachhaltige Energielösungen. Auch die Zusammenarbeit im Rüstungsbereich wurde mit Gesprächen über den Bau moderner dieselelektrischer U-Boote 10»Bemerkungen des Außenministers Dr. S. Jaishankar anlässlich der Einweihung des Asia Society Policy Institute.« Außenministerium, 29. August 2022, https://www.mea.gov.in/Speeches-Statements.­ htm?dtl/35662/. 11»Deutschland unterstützt die Verhandlungen zu U-Booten mit Indien vollumfänglich und will Neu-Delhi Alternativen zur militärischen Zusammenarbeit bieten: Deutscher Gesandter.« The Economic Times, 9. Apr. 2024, economictimes.indiatimes.com/news/ defence/germany-fully-backs-submarine-negotiations-with-india-wants-to-offer-military-cooperation-alternatives-to-new-delhi-german-envoy/articleshow/109161107.cms?from=mdr. Zugriff am 28. Juni 2024. 12»Unterzeichnung eines Abkommens zwischen der Regierung der Republik Inden und der deutschen Bundesregierung zu einer umfassenden Migrations- und Mobilitätspartnerschaft« Außenministerium, 5. Dezember 2022, https://www.mea.gov.in/press-releases. htm?dtl/35945/Signing_of_Agreement_between_the_Government_ of_the_Republic_of_India_and_the_Government_of_the_Federal_ Republic_of_Germany_on_a_Comprehensive_Migratio. vertieft. 13 Neun wichtige Abkommen wurden während der 6. zwischenstaatlichen Konsultationen zwischen Indien und Deutschland 2023 unterzeichnet. 14 Hervorzuheben ist die Partnerschaft für grüne und nachhaltige Entwicklung, gemäß der Deutschland bis 2030 zehn Milliarden Euro an Entwicklungshilfe zusagt. 15 Weitere Vereinbarungen betreffen gemeinsame Programme in Drittländern und spezielle Schulungen für indische Führungskräfte, wobei der Schwerpunkt auf umfassender Entwicklung und strategischer Zusammenarbeit liegt. Initiativen wie die Gemeinsame Erklärung zur Wiederherstellung von Waldlandschaften und die deutsch-indische Arbeitsgruppe für grünen Wasserstoff unterstreichen die starke Fokussierung auf Klimaschutzmaßnahmen. 16 Diese Vereinbarungen und Initiativen spiegeln eine vielschichtige Kooperation wider, die Indien und Deutschland als wichtige Partner bei der Bewältigung globaler Herausforderungen und der Förderung des gemeinsamen Wachstums in Stellung bringen. Auf wirtschaftlicher Ebene haben Indien und die EU 2022 ihre Handelsgespräche wieder aufgenommen, nachdem Brüs­sel sie 2013 ausgesetzt hatte. Im März 2024 unterzeichnete Indien ein Handels- und Investitionsabkommen mit der Europäischen Freihandelsassoziation(EFTA), das die Möglichkeiten für eine Neugestaltung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Indien und Europa aufzeigt. 17 Ein Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU wird – sofern erfolgreich abgeschlossen – der wichtigste Entwicklungsschritt in den Beziehungen sein. Allerdings klaffen die Positionen und Präferenzen beider Seiten noch weit auseinander, was zum Teil auf die gegensätzlichen sozialen und entwicklungspolitischen Bedingungen in beiden Gesellschaften zurückzuführen ist. Indien würde ein eher»flaches« Stufenkonzept bevorzugen, das auf Dienstleistungen, Waren und die Mobilität von indischen Fachkräften und Investitionen ausgerichtet ist. Auf der anderen Seite hat Europa einen sehr viel ehrgeizigeren»tiefgreifenden« Ansatz gewählt, der auf der Angleichung der Rahmenbedingungen in den Bereichen Investitionen, Wettbewerb und geistige Eigentumsrechte beruht. Letztendlich müssen 13 Peri, Dinakar.»Laufende Feldauswertung der Angebote für großes U-Bootgeschäft der Marine; Bundesregierung prüft Einstieg bei TKMS.« The Hindu, 5. Mai 2024, www.thehindu.com/news/national/ field-evaluation-of-bids-for-navys-mega-submarine-deal-underwaygerman-govt-to-acquire-stake-in-tkms/article68142895.ece. Zugriff am 28. Juni 2024. 14»Gemeinsame Erklärung: 6. zwischenstaatliche Konsultationen zwischen Indien und Deutschland« Außenministerium, 2. Mai 2022, https://www.mea.gov.in/bilateral-documents.htm?dtl/35251/Joint_ Statement_6th_IndiaGermany_InterGovernmental_Consultations. 15 Asit Ranjan Mishra.»Deutschland stellt bis 2030 zehn Milliarden Euro für ökologische Projekte in Indien bereit.« Business Standard, 2. Mai 2022, www.business-standard.com/article/economy-policy/germany-commits-10-billion-euros-for-green-projects-in-india-by-2030-122050201117_1.html. Zugriff am 28. Juni 2024. 16»Gemeinsame Absichtserklärung zur Wiederherstellung von Waldlandschaften zwischen Indien und Deutschland virtuell unterzeichnet.« Pib.gov.in, 2022, pib.gov.in/PressReleaseIframePage.­ aspx?PRID=1822121. Zugriff am 28. Juni 2024. 17»Partnerschaftliches Handels- und Wirtschaftsabkommen zwischen Indien und der EFTA.« Pib.gov.in, pib.gov.in/PressReleaseIframePage. aspx?PRID=2013169. 6 Ein neues Indien für ein Europa im Wandel beide Seiten diese beiden gegensätzlichen Ansätze zum beiderseitigen Nutzen ausbalancieren. Die stetige Ausweitung der bilateralen Zusammenarbeit hat die erheblichen Unterschiede zwischen Indien und Europa nicht beseitigen können. Diese Divergenz hat sich nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine im Februar 2022 noch verschärft. Viele europäische Staats- und Regierungschefs übten scharfe Kritik an Indiens Zurückhaltung, Mos­ kaus Angriff zu kritisieren sowie an Neu-Delhis Unwille, für die territoriale Souveränität der Ukraine einzutreten. Weiterer Kritikpunkt war die Bereitschaft Indiens, zu einem Zeitpunkt als der Westen versuchte, Moskau in der Weltwirtschaft zu isolieren, große Mengen Öl aus Russland zu kaufen. 18 Indien hingegen ist besorgt über die vermeintlichen Sorglosigkeit Europas gegenüber Pekings Expansionismus in Asien und Chinas Ansprüche gegenüber seinen Nachbarn. Jeweils von ihrer Warte aus gesehen, überrascht es nicht, dass Indien und Europa die Herausforderungen, die Russland und China darstellen, unterschiedlich einschätzen. Die Bewältigung dieser Divergenz wird eine wichtige Aufgabe für beide Seiten in der nahen Zukunft sein. DIE EUROPÄISCH-INDISCHEN BEZIEHUNGEN AUF NEUE FÜSSE ­GESTELLT Indien und die EU werden oft als zwei»Unionen der Vielfalt« bezeichnet, die beide einen wichtigen Beitrag zur Wahrung eines multipolaren Machtgleichgewichts in Asien und zur Aufrechterhaltung einer regelbasierten internationalen Ordnung leisten, die auf dem Schutz der Gebietshoheit und der Staatssouveränität beruht. Wie Premierminister Modi erklärte, hat Europa die Möglichkeit, eine entscheidende Rolle dabei zu spielen, Indien bei der Verwirklichung seines Ziels zu unterstützen, bis 2047 ein Industriestaat zu werden. Andererseits kann Indien zum weiteren Wachstum und zur anhaltenden Dynamik Europas beitragen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Indien und Europa ihren Beziehungen jedoch eine neue Grundlage verleihen, die mit den neuen Realitäten und sich bietenden Möglichkeiten in Einklang steht. ens zu Russland und China bieten interessante Möglichkeiten für eine strategische Zusammenarbeit zwischen Indien und Deutschland sowie Indien und Europa. Die Suche nach einem solchen neuen Rahmen könnte mit der Einsicht beginnen, dass der Krieg in der Ukraine eine Chance für eine umfassende Überarbeitung der Beziehungen bietet. Obgleich dieser Konflikt die Unstimmig­keiten zwischen Indien und Europa noch verschärft hat, hat er beide Seiten auch dazu gezwungen, sich in einem neuen Licht zu betrachten und mehr Verständnis füreinander aufzubringen. Fünf zentrale bzw. umfassende Themen stehen dabei im Vordergrund. DIE ZENTRALE ROLLE AMERIKAS Ganz anders als zu Zeiten des Kalten Kriegs verfügt Neu-­ Delhi heute über eine solide Partnerschaft mit Washington. Dies schafft ein günstigeres Umfeld für die Beziehungen zwischen Indien und Europa. Obwohl beide Seiten Bedenken bezüglich eines möglichen Richtungswechsels in der US-amerikanischen Innenpolitik haben, erkennen beide die zentrale Rolle der USA bei der Gestaltung des Kräftegleichgewichts in Europa und Asien an. Sowohl Europa als auch Indien sind sich bewusst, dass die weitere Einbindung Amerikas von entscheidender Bedeutung für ihre Sicherheit ist, insbesondere jetzt, da die Vertiefung der Partnerschaft zwischen Russland und China scheinbar keine Grenzen kennt. Beide erkennen jedoch klar den Wert strategischer Autonomie und sind sich darüber im Klaren, dass sie sich nicht unbegrenzt auf die Gewogenheit der US-amerikanischen Steuerzahler_innen bzw. die internationale Verantwortung der außenpolitischen Elite verlassen können. Noch während der Entwicklung ihrer jeweils eigenen Kapazitäten müssen Indien und Europa auf die zwingende Notwendigkeit reagieren, ihre Beziehungen untereinander zu vertiefen. Eine strategische Partnerschaft zwischen Europa und Indien würde sich dabei auf drei Säulen stützen: eine fortlaufende bilaterale und sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit den USA, größere individuelle Beiträge zu regionaler Stabilität und Wohlstand sowie eine verstärkte bilaterale Zusammenarbeit zwischen Europa und Indien. Dies gilt auch für Indien und Deutschland, die dritt- und fünft­ größten Volkswirtschaften der Welt und zentrale Akteure in Asien bzw. Europa. Sowohl Indien als auch Deutschland wurden in der Vergangenheit jedoch als»zögerliche Mächte« bezeichnet, die sich bei regionalen und globalen Fragen scheuen, eine Führungsrolle zu übernehmen. Dies beginnt sich zu ändern, da Neu-Delhi und Berlin mit neuen geopolitischen Herausforderungen konfrontiert sind, die sie aus ihren politischen Komfortzonen drängen. Die Auswirkungen der geopolitischen Ansprüche Chinas und Russlands sowie die potenziellen Gefahren eines amerikanischen Isolationismus verlangen von beiden, mehr Verantwortung für die Sicherheit und den Wohlstand Europas und Asiens zu übernehmen. Die besonderen historischen Beziehungen Deutschlands und Indi18»Streit um russische Energiesanktionen überschattet Gipfel zwischen Indien und der EU.« POLITICO, 16. Mai 2023, www.politico.eu/article/ eu-india-summit-russia-oil-sanctions-subrahmanyam-jaishankar/. INDIEN UND DIE EUROPÄISCHE SICHERHEIT Für Europa ist es schwer nachvollziehbar, dass Indien mit der Verurteilung Russlands dreisten Verletzung der ukrainischen Souveränität zögert und keine klaren Worte für Präsident Putin findet, der der Ukraine die Staatlichkeit abspricht. Die mangelnde Bereitschaft Neu-Delhis erklärt sich durch verschiedene Faktoren: Die historische Erinnerung an die sowjetische Unterstützung der indisch-asiatischen Befreiung vom europäischen Kolonialismus, Moskaus Rolle bei der Verhinderung der Einmischung der USA und Großbritanniens in Kaschmir unter der Ägide der VN, seine frühere Politik der Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts mit China in Asien und seine Entwicklung zu einem zuverlässigen Lieferanten moderner Waffen. Obwohl die Vergangenheit die Beziehungen Indiens zu Russland prägt, ist sich Indien bewusst, dass seine Zukunft im Westen liegt, und steuert allmählich auf ein»kontrolliertes Auslaufenlassen« seiner Beziehungen mit Russland zu. 7 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – EIN NEUES INDIEN FÜR EIN EUROPA IM WANDEL Während Europa den besonderen Kontext von Neu-Delhis Beziehungen zu Moskau verstehen muss, sollte Indien sich der Geschichte der imperialen Expansion Russlands in Europa und der anhaltenden Ängste bewusst sein, die so in den kleineren Ländern an der westlichen Peripherie Europas hervorgerufen werden. Gleichermaßen muss Neu-­ Delhi die einzigartige Dynamik, die die deutsch-russischen Beziehungen in der Nachkriegszeit bestimmt, und die vielfältigen europäischen Denkansätze zur Zukunft der russischen Frage erfassen. Die Entwicklung eines besseren Verständnisses für die Geschichte und die aktuelle Dynamik der europäischen Geopolitik darf keine abstrakte Frage für die indische Grand Strategy sein. Es geht um die Rückbesinnung auf Indiens historischen Beitrag zur europäischen Sicherheit. Indische Truppen spielten im Ersten und Zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle. Im Zuge seines Aufstiegs kann Indien die europäische Sicherheit nicht mehr nur durch die russische Brille betrachten, sondern muss sich stärker in die europäischen Sicherheitsinstitutionen einbringen. Schließlich betrachtet Moskau Asien auch nicht durch eine indische Brille. EUROPA UND DIE ASIATISCHE SICHERHEIT Indien mag einen blinden Fleck haben, wenn es um das Russland-Problem geht, aber aus indischer Perspektive zögert Europa in ähnlicher Weise, den chinesischen Ansprüchen in Asien und den umliegenden Gewässern entgegenzutreten. Wie im Falle Indiens gibt es auch für das Unvermögen Europas, auf die chinesische Herausforderung zu rea­gieren, plausible Erklärungen. Vier Jahrzehnte intensiver wirtschaftlicher Zusammenarbeit haben China zu einem bedeutenden Markt für die europäische Industrie gemacht. Es wird nicht einfach sein, diese Beziehung zu entflechten. China hat in den letzten Jahrzehnten sehr viel und mehr als jedes andere asiatische Land in die diplomatischen Bemühungen um Europa investiert, was Peking ein erhebliches politisches Wohlwollen eingebracht hat. Trotz der Macht des chinesischen Marktes und der im Laufe der Zeit aufgebauten politischen Beziehungen hat Europa begonnen, seine China-Politik zu überdenken. Mit Unterstützung der USA erwägt Europa zudem, sein sicherheitspolitisches Profil in Asien und dem indopazifischen Raum zu schärfen. Skeptiker_innen verweisen auf die Bedeutung der Ukraine und bezweifeln, dass Europa in der Lage ist, das asiatische Kräftegleichgewicht militärisch entscheidend zu verändern. Europas normative Macht, sein di­ plomatisches Gewicht und seine militärisch-industriellen Fähigkeiten werden jedoch aus der Sicht Indiens einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Chinas Expansionismus in Asien zu bremsen. Indien würde eine größere Rolle Europas in Asien in Anbetracht der Herausforderung durch Pekings alternative Vorstellung der globalen Ordnung begrüßen. EURASIEN UND SEINE GEWÄSSER Europas Engagement gegenüber der asiatischen Geopolitik und Indiens Engagement für die europäische Sicherheit sind eine dringend erforderliche Antwort auf die wachsende chinesisch-russische Kontinentalachse. Zu lange wurden der europäische und der asiatische Schauplatz als getrennt voneinander betrachtet, obwohl während der Kolonialzeit eine dynamische wirtschaftliche und militärische Interaktion zwischen Europa und Asien bestand. Auch wenn die koloniale Vergangenheit einen negativen Schatten auf diese Geschichte wirft, ist es wichtig, die Verflechtungen zwischen diesen Regionen anzuerkennen. Heute können Europa und Asien erneut vereint auf der Grundlage von gegenseitigem Respekt und beiderseitigem Nutzen zusammenarbeiten. Wir sehen den wachsenden Einfluss Asiens auf die europäische Geopolitik. Abgesehen von Chinas wachsendem Einfluss hat sich Südkorea zu einem relevanten Rüstungslieferanten für Polen und die Ukraine entwickelt. Auch Nordkorea und der Iran haben sich zu wichtigen Akteuren im Ukraine-Konflikt entwickelt. Die sogenannten AP4 – Australien, Japan, Neuseeland und Südkorea – werden seit 2022 regelmäßig zu den NATO-Gipfeltreffen eingeladen. Europa kann eine entscheidende Rolle bei der Stärkung der einzelstaatlichen Kapazitäten der asiatischen Länder spielen, indem es ihnen hilft, Chinas Ambitionen in der Region auszugleichen und ihre Souveränität zu stärken. Dies gilt insbesondere für Indien, das sich im Himalaya mit China konfrontiert sieht und seine historische Abhängigkeit von russischen Rüstungsgütern verringern will. Frankreich und andere europäische Staaten haben lange Zeit Waffen an Indien verkauft. Heute bietet sich die Gelegenheit, einen bedeutenden europäischen Beitrag zur Modernisierung des indischen Rüstungsindustriestandorts zu leisten. Auch Indien trägt zu den europäischen Bemühungen bei, die Produktion von dringend benötigtem, aber knappen Kriegsgerät anzukurbeln. Der im April 2022 angekündigte Handelsund Technologierat(Trade and Technology Council, TTC) könnte das Hauptinstrument zur Förderung der Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Spitzentechnologie zwischen beiden Seiten werden. Indiens großer Talentpool an Ingenieur_innen könnte eine wesentliche Rolle bei der Wiederbelebung des Technologiesektors in Europa spielen, der sich gegenüber den USA im Rückstand befindet. Angesichts der Herausforderungen durch die Zuwanderungskrise brauchen Indien und Europa einen klaren Rahmen, um die legale Einwanderung von Fachkräften zu fördern und gleichzeitig gegen die illegale Zuwanderung vorzugehen. Heute ist der westliche Indische Ozean, einschließlich Afrika und dem Nahen Osten, reif für eine stärkere regionale Sicherheitszusammenarbeit zwischen Indien und Europa. Die auf dem G20-Gipfel in Delhi im September 2023 angekündigte Initiative des Wirtschaftskorridors Indien-Nahost-Europa(IMEC) öffnet neuen Konnektivitätsinitiativen zwischen Indien und Europa über den Nahen Osten die Tür. Zudem werden kleine Schritte unternommen, um gemeinsame Projekte zwischen Indien und europäischen Staaten in Afrika zu entwickeln. All diese Entwicklungen deuten da­ rauf hin, dass sich die Vorstellung von räumlichen und strategischen Zusammenhängen und Verbindungen zwischen Indien, Europa und den dazwischen liegenden Regionen verändert. 8 Ein neues Indien für ein Europa im Wandel KOALITIONEN VON GLEICHGESINNTEN Der Multilateralismus ist für die Europäische Union die Leit­ idee, die die leidvolle Geschichte von umkämpften Souveränitäten auf dem alten Kontinent überwunden hat. Von allen bedeutenden globalen Akteuren ist die EU die aktivste Verfechterin des Multilateralismus, der in den Jahrzehnten nach dem Kalten Krieg profunde und breit gefächerte Dimensionen erreicht hat. Gleichwohl zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die nach dem Kalten Krieg entstandene, multilaterale wirtschaftliche, politische und sicherheitspolitische Ordnung unter Druck steht. Innenpolitische Entwicklungen in den USA und China und deren wirtschaftlicher Wettstreit haben die Zukunft der Welthandelsorganisation in ein düsteres Licht gerückt. Die Gebietsausdehnung Russlands sowie Grenzkonflikte zwischen China und seinen Anrainerstaaten, die aus indischer Sicht das Grundprinzip der Charta der Vereinten Nationen, die territoriale Souveränität, missachten, führten dazu, dass der VN-Sicherheitsrat bei der Bewältigung globaler Sicherheitsbedrohungen weniger effektiv ist. Wie Europa war auch Indien seit seiner Unabhängigkeit ein großer Verfechter des Multilateralismus. Doch die Erfordernisse des Aufbaus einer indischen Nation und der postmoderne Multilateralismus Europas sind oft aufeinandergeprallt. Es gab zwar Beispiele der Zusammenarbeit, wie z. B. zwischen Indien und Deutschland, bei den Bemühungen einer Erweiterung des VN-Sicherheitsrats, doch diese Anstrengungen blieben ohne Erfolg, und es ist unwahrscheinlich, dass die Großmächte eine Einigung über eine so grundlegende Umgestaltung erzielen werden. mium des Westens« Legitimität zu verleihen. Für Neu-Delhi ist es wichtiger, durch diese Koalitionen von Gleichgesinnten ein unmittelbares Mitspracherecht bei der Gestaltung der globalen Ordnung zu erlangen, als auf den Tag zu warten, an dem Indien ständiges Mitglied des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen wird. Zusammengenommen bilden diese fünf Themen eine tragfähige neue Basis für die Kontakte und Beziehungen zwischen einem neuen Indien und einem sich wandelnden Europa. Indessen könnten Indien und Europa ihre Energie besser darauf verwenden, gleichgesinnte Koalitionen zur Bewäl­ tigung globaler Herausforderungen aufzubauen. Auch wenn diese Institutionen einen»echten Multilateralismus« nicht ersetzen können, so können sie doch als wertvolle Instrumente dienen, bis wir Wege finden, die Rivalität der Großmächte zu beenden und die zentrale Bedeutung multilateraler Institutionen wiederherzustellen. Die USA haben sich zunehmend diesen Koalitionen und minilateralen Institutionen zugewandt. Indien, das traditionell sehr zurückhaltend beim Beitritt zu solchen Organisationen ist, beteiligt sich nun an vielen von ihnen unter Führung der USA. Neben dem Quad, der sich auf die indopazifische Ordnung konzentriert, ist Indien nun auch Teil der Partnerschaft für die Sicherheit der Versorgung mit Mineralien(MSP), des Artemis-Abkommens und der Globalen Partnerschaft für künstliche Intelligenz(GPAI), die allesamt auf eine Verstärkung der multilateralen Zusammenarbeit ausgerichtet sind, um Bedrohungen zu bekämpfen, die durch zukunftsträchtige Technologiebereiche, wie die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette für kritische mineralische Rohstoffe, den Weltraum und künstliche Intelligenz ausgehen können. Europa ist in allen drei oben genannten Gruppen Mitglied. Daneben wird Indien regelmäßig zu den jährlichen Gipfel­ treffen der G7 eingeladen. Obwohl die Kluft in globalen Fragen zwischen Indien und den übrigen G7-Staaten groß ist, wird die Einbindung Indiens in die Gipfeltreffen den USA und Europa helfen, diesem mutmaßlichen globalen»Leitungsgre9 IMPRESSUM ÜBER DEN AUTOR IMPRESSUM C. Raja Mohan ist Berater des Council for Strategic and Defense Research(CSDR) und leitet das CSDR-Programm für Geopolitik und internationale Sicherheit. Er ist Gastprofessor am Institute of South Asian Studies(ISAS) der National University of Singapore und war zuvor Direktor des ISAS. Mohan war Gründungsdirektor von Carnegie India in Delhi, dem sechsten internationalen Zentrum der Carnegie Endowment for Peace. Darüber hinaus ist Mohan mit mehreren indischen Denkfabriken verbunden, darunter dem I nstitute of Defense Studies and Analyses, der Observer Research Foundation und dem Center for Policy Research in Neu-Delhi. Mohan war Professor für Südasienkunde an der Jawaharlal Nehru University in Neu-Delhi und an der Rajaratnam School of International Studies in Singapur. Er war Mitglied des Nationalen Sicherheitsbeirats Indiens. Von 2009 bis 2010 hatte er den Henry A. Kissinger-Lehrstuhl für Außenpolitik und internationale Beziehungen am Kluge Center der US Library of Congress in Washington, D.C. inne. Von 1995 bis 2005 leitete er das indische Kapitel der Pugwash-Konferenzen für Wissenschaft und Weltgeschehen. Mohan hat zahlreiche Publikationen zu Indiens Außen- und Sicherheitspolitik, asiatischer Geopolitik und der globalen Steuerung fortgeschrittener Technologien veröffentlicht. Er ist Kolumnist für Foreign Policy und den Indian Express. Herausgeberin: Friedrich-Ebert-Stiftung e. V. Godesberger Allee 149| 53175 Bonn| Deutschland E-Mail: info@fes.de Herausgebende Abteilung: Abteilung für Internationale Zusammenarbeit Referat Asien und Pazifik Verantwortlich: Martin Mader, Indien Desk, Referat Asien und Pazifik Tel.:+49-30-269-35-7450| Fax:+49-30-269-35-9250 https://www.fes.de/referat-asien-und-pazifik Bestellungen/ Kontakt: Meike.Adam@fes.de ISBN 978-3-98628-585-2 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der FriedrichEbert-Stiftung(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. www.fes.de/bibliothek/fes-publikationen EIN NEUES INDIEN FÜR EIN EUROPA IM WANDEL Impulse für eine Vertiefung der europäisch-indischen Beziehungen Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie hier: https://www.fes.de/referat-asien-und-pazifik