EIN FEUCHTER TRAUM SEEMACHT IRAN ALLES FÜR SYRIEN RECHTSEXTREME AUF PILGERFAHRT ISRAELS SCHWARZE PANTHER DIE VERGESSENE REVOLTE FRÜHLING 2024 WWW.ZENITH.ME DIE WIEDERKEHR DER PALÄSTINAFRAGE UND WARUM SIE DIE WELT ENTZWEIT ISSN 1439 9660 DEUTSCHLAND EURO 12,80 EU EURO 14,20 SCHWEIZ SFR 14,20 Die Friedrich-Ebert-Stiftung setzt sich seit Beginn der er-Jahre in der Region des Nahen Mittleren Ostens und Nordafrika für die Werte und Ideen der sozialen Demokratie ein Sie verfügt über ein Netzwerk von Auslandsbüros die Projekte in Ländern der Region umsetzen Frieden und Sicherheit ist dabei eines der Themenfelder das die Stiftung über ihr Regionalbüro in Beirut intensiv bearbeitet Nicht erst seit dem jüngsten Krieg in Gaza ist die Region stark von Krieg Konflikt und Instabilität betroffen Über konstruktive Dialogformate Publikationen Delegationsreisen und die kontinuierliche Arbeit mit Zivilgesellschaft akademischen Institutionen und politischen Entscheidungsträgern leistet die Stiftung einen Beitrag für ein besseres gegenseitiges Verständnis und zur Konfliktprävention 3 D ie Altstadt von Jerusalem in den Komplementärfarben Orange-Blaugrün: Das Werbeplakat»Visit Palestine«, für Reisen ins Mandatsgebiet Palästina von 1936, ist wohl bis heute eines der berühmtesten Souvenirs aus dem Heiligen Land. An seinen Schöpfer Franz Krausz, einen österreichischen Juden aus St. Pölten, der 1933 nach Palästina emigrierte und dort den»Verband jüdischer Werbekünstler« mitbegründete, erinnern sich hingegen nur wenige. Krausz starb 1998 in Tel Aviv. Sein Plakat machte sich später die palästinensische Nationalbewegung zu eigen. Es hängt in Wohnungen weltweit. Kein Statement gegen Israel, eher eine nostalgische Erinnerung an eine vermeintlich heile Welt, als Juden und Arabern, Israelis und Palästinensern noch mehrere Optionen offenstanden: für eine Ein- oder auch Zweistaatenlösung als Antwort auf die Palästinafrage, die sich später zum Nahostkonflikt ausweiten sollte. Lange schien es, als sei sie von der Liste der Prioritäten der internationalen Gemeinschaft verschwunden, gewiss aber nicht mehr so gewichtig angesichts globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Pandemie oder Ukrainekrieg. Dann kam der 7. Oktober 2023. Der Angriff der Hamas auf Israel und der darauffolgende Krieg in Gaza erschütterten nicht nur Israel und Palästina, sondern auch die Rolle des Westens, der bis dahin wie selbstverständlich auf globaler Bühne aufgetreten war, um die Achtung von Menschenund Völkerrecht anzumahnen. Zahlreiche westliche Staaten stellten sich nahezu bedingungslos hinter Israel und die Regierung Netanyahu – und insbesondere in Deutschland wurden Debatten zum Nahostkonflikt geführt, die sich oft um eines drehten: deutsche Befindlichkeiten. Dabei gerät vor allem aus dem Blick, wie der buchstäbliche Rest der Welt auf den Nahen Osten schaut: etwa der sogenannte globale Süden, der nicht nur den Großteil der Weltbevölkerung stellt, sondern politisch und wirtschaftlich immer wichtiger wird und seine eigene Geschichte mit dem Nahen Osten hat. Im Dossier der vorliegenden Ausgabe sind wir dieser Frage nachgegangen. Autorinnen und Autoren aus über einem Dutzend Ländern schildern, wie sich der Krieg in Gaza auf ihre Länder auswirkt und dort gesehen wird. Dazu gehören geopolitische Akteure wie China, Indien oder Südafrika, das sich mit einer Klage vor dem Internationalen Gerichtshof an die Spitze der Kritiker Israels stellte. Aber auch solche, die man sonst eher nicht mit dem Nahen Osten in Verbindung bringen würde: etwa Argentinien, wo die fünftgrößte jüdische Gemeinschaft weltweit lebt, oder Indonesien, das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt. Ein globaler Reality Check, um die eigenen Standpunkte und Ansprüche einmal abzugleichen – wobei manche Haltungen und Ergebnisse durchaus überraschen dürften. Schließlich wird die Politik ja nicht müde zu betonen, dass heute alles mit allem zusammenhängt und man die Dinge global betrachten müsse. Dieses Dossier entstand in Zusammenarbeit mit dem Programm»Frieden und Sicherheit« der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Sitz in Beirut unter Leitung von Hanna Voß und Marcus Schneider und ihrem weltweiten Netzwerk an Autorinnen und Autoren, wofür zenith herzlich Danke sagen möchte. Apropos»Visit Palestine«: Das zitierte Poster hing auch in den Wohnungen und WG-Zimmern einiger Studenten der Orientalistik in Hamburg, als sie dort vor ziemlich genau einem Vierteljahrhundert, im Sommer 1999, die erste Ausgabe unseres Magazins zenith aus der Taufe hoben. Wir feiern mit dieser Ausgabe nicht nur unser 25-jähriges Bestehen, sondern auch zehn Jahre Candid Foundation, die zenith herausgibt und verantwortet und sich mit kreativen Projekten für Dialog in und mit der Region südlich des Mittelmeers engagiert. Vor 25 Jahren hätten wir es kaum für möglich gehalten, dass uns Palästinafrage und Nahostkonflikt im Jahr 2024 immer noch in dieser Form in Atem halten würden. Aber wohl ebenso wenig, dass es uns dann überhaupt noch geben würde. Wir danken besonders Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie das möglich gemacht haben. Auf Jubiläumsalben und Selbstbeweihräucherung möchten wir nun angesichts dringenderer Themen in diesem Heft verzichten. Von business as usual kann allerdings auch keine Rede sein. 4 THEMEN FRÜHLING 2024 SEITE 44 SEITE 41 DOSSIER WE ARE THE WORLD In diesem zenith -Dossier berichten Autorinnen und Autoren aus Ländern des globalen Südens – von Argentinien über Marokko bis China – wie der Konflikt dort gesehen wird. SEITE 136 IRAN IN THE NAVY Wie stark ist die Flotte der Islamischen Republik Iran? Sie knüpft an alte Ambitionen an und ist heute an drei Meerengen so gut aufgestellt wie noch nie FUSSBALL TAGE WIE DIESE Wer jenseits von Ronaldo den Fußball Saudi-Arabiens kennenlernen will, muss tief in die Provinz reisen SEITE 110 5 SEITE 39 TSCHETSCHENIEN GANGSTA ՚ S PARADISE Ramsan Kadyrow dient sich nicht nur dem Kreml an, sondern gewinnt auch in Teilen der Diaspora an Einfluss – auch in Deutschland SEITE 120 JEMEN JENSEITS VON EDEN Für viele Jemeniten existiert ihr Land nur noch in der Erinnerung. Eine persönliche Reise durch die Gerüche des Jemen DUBAI ALLES NEU Dubai wäre gerne die glücklichste Stadt auf Erden. Aber die Metropole wächst und die Temperaturen steigen Fotos im Uhrzeigersinn von oben links: Josefin Herrmann, Telegram, Jonas Mayer, Yousra Ishaq, Robert Chatterjee, Wikimedia Commons 6 ZENITH 1/2024 INHALT FRÜHLING 2024 WIRTSCHAFT 120 Das steckt hinter der Fassade Dubai wäre gerne die glücklichste Stadt auf Erden. Aber die Metropole wächst und die Temperaturen steigen. Kann das Emirat sein Versprechen halten? DOSSIER 46 Weißer Phosphor Alle Welt redet über die Gefahr einer Ausweitung des Gaza-Kriegs in der Region. Im Libanon findet er längst statt. Eine Reportage 84 Der Nahostkonflikt in Bogotá Israel ist ein enger Waffenpartner, gleichzeitig hat Kolumbien Palästina als Staat anerkannt. Wie passt das zusammen? 50 Torah-Patriotismus Der Gaza-Krieg stellt Israels Streitkräfte vor Personalprobleme. Die Aufhebung der Wehrdienstbefreiung für die Haredim könnte diese Lücken schließen 86 Bibis Brieffreund Bolsonaro Mit der Wahl des neuen brasilianischen Präsidenten hat Israels Premier seinen wichtigsten Verbündeten in Südamerika verloren 53 Made in Gaza Zerstörung, Diebstahl, Erniedrigung: Israelische Soldaten veröffentlichen von Einsätzen verstörende Videos 88 Buenos días, Messias Präsident Javier Milei nimmt Torah-Lesekurse und ist von Israel fasziniert. Was bedeutet das für Argentiniens jüdische Gemeinschaft 56 Rendezvous mit der Wirklichkeit Die Golfstaaten erleben die erste Bewährungsprobe für ihre Führungsrolle in Nahost. Aber in einer Schlüsselfrage können sie sich nicht einigen 90 Gaza als Gelegenheit China möchte die Neugestaltung des Nahen Osten in seinem Sinne nutzen. Fragt sich nur wie 59 Rafah ist nur der der Anfang Warum immer mehr junge Ägypter die Grundlagen des Friedensvertrags mit Israel infrage stellen 92 Muslimische Gefühle Pakistan bezieht in Sachen Palästina schon länger Position als es das eigene Land gibt und zieht Parallelen zum Kaschmir-Konflikt 61 145 Kilometer Die Mehrheit der Jordanier sind Palästinenser. In der dynamischen Kunstszene von Amman gibt es derzeit nur ein Thema 94 Ein indonesisches Krankenhaus in Palästina Das bevölkerungsreichste Land der muslimischen Welt hat sich den Kampf gegen den Kolonialismus in die Verfassung geschrieben 66 Wichtiger als Palästina Marokko profitiert von der Normalisierung mit Israel. Daran ändert auch der Krieg in Gaza wenig 68 Von der Gegenwart getrennt Die Perspektive der Diaspora gerät oft aus dem Blick. Dabei kann sie Antworten auf drängende Fragen geben 70 Hier begegneten sich Welten Nie war es so schlimm um den Gazastreifen bestimmt wie in der Gegenwart. Dabei zeigt ein Blick auf die Vergangenheit, welche Zukunft das Gebiet haben könnte 96 Amerika ist dieses Mal nicht Schuld Warum Bangladesch den Nahostkonflikt durch den Spiegel der eigenen Geschichte sieht und die Reaktionen auf den Gaza-Krieg so anders ausfallen als sonst 98 Modis Gleichung Indien sieht den Nahen Osten vor allem als Achse für den eigenen wirtschaftlichen Aufstieg. Der Gaza-Krieg kommt da ungelegen 100 Zwei wie Pech und Schwefel Kaum ein Staat in der Region unterhält so lange so gute Beziehungen zu Israel wie die Türkei 74 Südafrika und die Staatsräson Warum Südafrika der Nahostkonflikt so wichtig ist und wie Juden und Muslime im Land dazu stehen 102 Gefunkt hat es nie Die Kriege in der Ukraine und in Gaza hängen miteinander zusammen. Aber nicht so, wie es oft behauptet wird 79 Recht des Stärkeren Obwohl Äthiopien mit den eigenen Konflikten zu ringen hat, machen sich die Folgen des Gaza-Kriegs auch in Ostafrikas größtem Land bemerkbar 80 »Biden würde Palästina anerkennen, selbst Trump könnte seine Haltung ändern« Stanford-Professor Abbas Milani über die israelisch-amerikanischen Beziehungen, Iran und den wachsenden Einfluss Chinas in der arabischen Welt 105 Deutschlands Ansehen steht auf dem Spiel Mit seiner Gaza-Politik hat sich die Bundesrepublik in eine Sackgasse manövriert. Höchste Zeit, sich wieder auf das zu besinnen, was ihre Soft Power einst ausgemacht hat 109 Kein und Aber Der Krieg in Gaza hat konkrete Folgen für die Arbeit deutscher Organisationen und deren Angestellte und Partner im Nahen Osten ZENITH 1/2024 RUBRIKEN 06 Inhalt/ Impressum 08 Panorama 10 Analysen 12 Hinter den Schlagzeilen 14 Profile 118 Bilanz 128 Basar 144 Literatur 146 Scholl-Latours Erben POLITIK 39 Einladung zum Paradies Ramsan Kadyrow dient sich nicht nur dem Kreml an, sondern gewinnt auch in Teilen der Diaspora an Einfluss – auch in Deutschland 41 Die Matrosen des Mahdi Wie stark ist die Flotte der Islamischen Republik Iran? Sie knüpft an alte Ambitionen an und ist heute an drei Meerengen so gut aufgestellt wie noch nie GESELLSCHAFT 20 »Wir werden bespuckt und verflucht« Bischof Koryoun Baghdasarian zur Haltung der Armenisch-Orthodoxen Kirche zum Krieg in Gaza, alltäglicher Gewalt in Jerusalem und einem Rechtsstreit 28 »Keine netten Jungs« Die israelischen»Black Panthers« veränderten das Land für immer. Nur nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatten 34 Bullerbü für Rechtsextreme Seit einigen Jahren geben sich Identitäre und AfD-Anhänger aus Deutschland im aramäischen Dorf Maalula die Klinke in die Hand. Was suchen sie dort? 110 Düfte, die nie vergehen Für viele Jemeniten existiert ihr Land nur noch in der Erinnerung. Eine persönliche Reise durch die Gerüche des Jemen 124 Der Geisterjäger von Rawalpindi Die alte Handelsstadt im pakistanischen Punjab gilt selbst bei ihren Bewohnern als uncool. Auch Touristen machen hier so gut wie niemals Halt 136 In Najran brennt die Luft Wer jenseits von Ronaldo den Fußball Saudi-Arabien kennenlernen will, muss tief in die Provinz reisen K U LT U R 24 Wir sind Helden Wie es vier libanesische Serien schaffen, die Realität im Libanon abzubilden und spannend zu erzählen 130 »Ich möchte nicht, dass sich mein Publikum wohlfühlt« Als Fotojournalist lernte Karim Ben Khelifa, sich seinen Traumata zu stellen. Heute konfrontiert er als Künstler sein Publikum mit der Realität des Krieges 7 IMPRESSUM Herausgegeben von der CANDID Foundation gGmbH Chausseestraße 11, 10115 Berlin www.candid-foundation.org berlin@candid-foundation.org Verlag& Vertrieb: Deutscher Levante Verlag GmbH Chausseestaße 11 10115 Berlin Abonnement und Versand: Bestellung von Abonnements und Einzelheften unter shop.zenith.me Abonnements und Mitgliedschaften können über das Benutzerprofil unter www.zenith.me eigenständig verwaltet werden. 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Nachdruck nur mit Genehmigung. Namentlich gezeichnete Artikel geben die Meinung der Autoren wieder, nicht unbedingt die der Redaktion. Gegründet 1999 ISSN 1439 9660 Erhältlich unter www.zenith.me und im Zeitschriftenhandel. Erhältlich in den Bahnhofsund Flughafenbuchhandlungen in Deutschland 8 ZENITH 1/2024 PANORAMA PROZESSENDE IN ÄGYPTEN IRAN STELLT GEFEUERTE ÄRZTE WIEDER EIN DREIZEHN JAHRE FÜR NICHTS DER ADERLASS HÄLT AN Im März verkündete ein Gericht die Einstellung eines Sammelverfahrens gegen fünf ägyptische Menschenrechtsorganisationen.»Fall Nummer 173« untersuchte angeblich illegale Finanzflüsse an einheimische NGOs – und hielt die Zivilgesellschaft so an der kurzen Leine. Denn seit Prozessbeginn 2011 waren die Beschuldigten mit Ausreiseverboten und Kontosperren belegt. Optimisten erkennen eine Geste seitens der ägyptischen Führung, den festgefahrenen»Nationalen Dialog« wieder in Gang zu bringen. Kritiker hingegen verweisen auf die zahlreichen weiteren Verfahren und Haftstrafen gegen ägyptische Aktivisten. Rund vierzig geschasste Mediziner sollen ihre Stellen an der »Tehran University of Medical Sciences« auf Anordnung eines iranischen Verwaltungsgerichts zurückbekommen. Das bestätigte ein Professor der Universität am 25. März. Insbesondere im Zuge der Protestwelle ab Herbst 2022 hatte die konservative Regierung von Präsident Ebrahim Raisi politischen Druck auf Irans Hochschulen ausgeübt, da viele Studierende, aber auch Lehrpersonal sich den Demonstrationen angeschlossen hatte. Die Rücknahme der Entlassungen ist wohl auch den Engpässen im Gesundheitssystem geschuldet: Rund 16.000 Ärzte – dazu viele Krankenpfleger – sollen Iran seit 2020 verlassen haben. DER SATZ »Für den Staatsaufbau war das Verständnis lokaler Sozialstrukturen unzureichend« Am 19. Februar 2024 legte die Enquete-Kommission des Bundestags ihren Bericht zum Afghanistan-Einsatz vor. Auf 350 Seiten ziehen die Fachexperten und Parlamentarier des Gremiums Bilanz zum zwanzigjährigen Engagement am Hindukusch. Sie identifizieren neben Silodenken konkurrierender Ressorts vor allem mangelhafte Landeskenntnisse der internationalen Koalition als eine der Hauptursachen für das Scheitern des Einsatzes. Gerade auf politische Machtstrukturen und Lebensrealitäten in der ländlichen Peripherie sei man nie ausreichend eingegangen. Das Legitimationsdefizit habe gerade in diesen Gebieten den Taliban den Boden bereitet. DAS DATUM 20.07.1974 Ethnische Spannungen zwischen türkischen und griechischen Zyprioten erschüttern die Mittelmeerinsel im Sommer 1974. Die griechische Junta plant die Annexion, die Türkei bekommt Wind von den Plänen und marschiert in Zypern ein. Die im August 1974 etablierte Attila-Linie trennt bis heute das EU-Mitglied Republik Zypern von Ankaras Satellitenstaat Türkische Republik Nordzypern. Foto: doma.gov.ru ZENITH 1/2024 9 DIE ZAHL 89% Gewaltzunahme gegen Zivilisten innerhalb von gerade einem Monat vermeldete die NGO»ACLED« zu Jahresbeginn für den Sudan. 8,5 Millionen Menschen haben nach einem Jahr mittlerweile ihr Zuhause verloren. Der Bürgerkrieg zwischen der sudanesischen Armee(SAF) und den»Rapid Support Forces«(RSF) trifft die Hauptstadt Khartum ebenso wie den Süden des Landes. Insbesondere die RSF sind berüchtigt für regelmäßige Plünderungen, Rachemorde und ethnische Säuberungen – und knüpfen an ihr dunkles Erbe als Dschandschawid-Miliz aus dem Darfur-Krieg an. Im Frühjahr hatte die SAF mehrere strategisch wie symbolisch bedeutsame Stellungen im Kampf um Sudans zweitgrößte Stadt Omdurman eingenommen. Auch dank neuer Waffenpartner gehen die Truppen unter General Abdul-Fattah Al-Burhan gegen die im Feld lange Zeit überlegenen RSF von Muhammad »Hemedti« Dagalo mittlerweile in die Offensive. DAS WORT ABDULMAJID TEBBOUNE FÜNF JAHRE AUF B E WÄ H R U N G Da kann man schon mal aus dem Stuhl fahren: Zwei Reporter erdreisteten sich Ende März doch tatsächlich, Algeriens Staatsoberhaupt beim Interview im Staatsfernsehen auf den Zahn zu fühlen: Warum er scheinbar ohne Not die Präsidentschaftswahlen auf September vorverlegt habe. »Dezember ist nun mal kein Wahlmonat«. Bitte schön, hier habt ihr eure Antwort! War den impertinenten Faktenfüchsen überhaupt bewusst, was sich Abdulmajid Tebboune aufbürdet? Die Wiederwahl könnte den notorischen Kettenraucher zum selben Schicksal wie jenes seines Vorgängers Abdulaziz Bouteflika verdammen. Hätten die Demonstrationen 2019 diesen nicht zum Rückzug von der Kandidatur gezwungen, wäre er bis zu seinem Tod zwei Jahre später im Amt geblieben. Im November feiert Tebboune seinen 79. Geburtstag. Eine volle Amtszeit, das wären dann fünf weitere Jahre. Schon Bouteflika hatte es meisterhaft verstanden, seine Nachfolge hinauszuzögern, um sämtliche Prätendenten aus der Regierungspartei FLN auf Abstand zu halten. Diese Taktik bedeutete aber eben auch, gegebenenfalls bis zum letzten Atemzug im Präsidentenpalast auszuhalten. Aussicht auf einen Lebensabend abseits der Politik könnte dann nur die nächste Aufstandsbewegung in Algerien versprechen. Her şey çok güzel olacak »Alles wird sehr schön werden« verspricht der Wahlslogan und beschreibt die Vision einer neuen Türkei. Als Ekrem İmamoğlu 2019 erstmals für das Oberbürgermeisteramt in Istanbul kandidierte, manifestierte der Wahlspruch die Hoffnung auf Wandel nach jahrzehntelanger politischer Dominanz durch Präsident Erdoğans AKP. Insbesondere junge Menschen griffen den Slogan auf, verbreiteten ihn in sozialen Netzwerken und stimmten ihn mit Zehntausenden auf Wahlkampfveranstaltungen an. Beim Kampf um die Wiederwahl Ende März setzte İmamoğlu wieder auf den bewährten Spruch – und mobilisierte eine Wählerschaft, die nach den Parlamentswahlen 2023 den Glauben an einen Sieg gegen die AKP fast schon verloren hatte. Redaktion: Robert Chatterjee, Philipp Peksaglam, Meryem-Lyn Oral 10 JETZT WIRD MAURETANIEN INTERESSANT Die EU will irreguläre Migration aus Afrika begrenzen. Der neuste Partner sitzt in Nouakchott VON SOPHIA HISS Sophia Hiss ist Studentin an der »Hertie School of Governance« in Berlin. Sie hat zuvor Islamwissenschaft in Freiburg und Tunis studiert. KURZ ERKLÄRT WAS IST GESCHEHEN? Am 7. März 2024 kündigte die Europäische Kommission den Start einer Migrationspartnerschaft mit Mauretanien an. Gleichzeitig sollen sogenannte»Global Gateway«-Initiativen Investitionen ins Land bringen, die Infrastruktur verbessern und Arbeitsplätze schaffen. Der Partnerschaft ging ein Besuch von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und dem spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez in Nouakchott voraus. Bei einem Treffen mit Präsident Mohamed Ould Al-Ghazouani brachten die beiden EU-Vertreter ein weiteres Abkommen auf den Weg: Mehr als 500 Millionen Euro sollen nach Mauretanien fließen, davon 200 Millionen von der EU, den Rest übernimmt Spanien. Bereits im Juni hatte die EU-Kommission einen Maßnahmenplan zur Eindämmung der »illegalen Migration« und der Schlepperaktivitäten in Nord- und Westafrika angekündigt. Der Plan sieht eine verstärkte Zusammenarbeit von Frontex mit Mauretanien sowie mit Marokko und Senegal vor. Die nun im Raum stehenden Summen bedeuten eine enorme Aufstockung der ursprünglich geplanten Unterstützung: Brüssel hatte Mauretanien bisher lediglich 12,5 Millionen Euro für den Zeitraum 2022 bis 2027 in Aussicht gestellt. WORUM GEHT ES EIGENTLICH? Nach Ägypten, Libyen, Marokko und Tunesien hat Ursula von der Leyen nun auch Mauretanien besucht. Aufgrund seiner Lage ohne direkte Grenze zur EU bisher wenig beachtet, rückt das Land nun in den Fokus. Der Grund: die steigenden Ankunftszahlen auf den zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln vor der Küste Afrikas. Dort registrierte die Regionalregierung zu Beginn des Jahres rund 12.000 Ankünfte: achtmal so viele wie im Vorjahreszeitraum, Tendenz steigend. Nach Angaben der spanischen Regierung stachen 83 Prozent der Boote von der mauretanischen Küste aus in See. Vor allem die Hafenstadt Nouadhibou, nur 700 Kilometer von der Kanareninsel El Hierro entfernt, hat sich als Abfahrtsort etabliert und die doppelt so lange Route über den Senegal ersetzt. Die seit Juli 2023 in Niger regierende Militärjunta hob im November ein mit der EU abgestimmtes Gesetz auf, das seit 2015 die Schleusung von Migranten unter Strafe gestellt hatte. Anfang 2024 kündigten Niger, Mali und Burkina Faso zudem ihren Austritt aus der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS an. Wie Präsident Kais Saied in Tunesien konnte daher auch Ould Al-Ghazouani in Mauretanien darauf vertrauen, dass sich die EU bald mit einem Angebot zur finanziellen Unterstützung melden würde. WIE GEHT ES NUN WEITER? Wie mit Tunesien wurde auch mit Mauretanien eine Partnerschaft vereinbart, deren genaue rechtliche Ausgestaltung noch offen ist. Dies könnte bis auf Weiteres so bleiben, da die EU bisher vor allem mit symbolischen Absichtserklärungen den Eindruck erweckt, etwas gegen die steigenden Ankunftszahlen in Europa zu unternehmen. Die EU steht im Umgang mit Migration vor einer Entscheidung: populistische Symbolpolitik, die auf einer krisenhaften Wahrnehmung von Migration beruht, oder eine nachhaltige Partnerschaft, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt. Im letzteren Fall sollte Mobilität eher gefördert als eingeschränkt werden, da Europa angesichts seiner demografischen Situation langfristig auf Zuwanderung angewiesen sein wird. Dabei dürfte eine verstärkte Partnerschaft mit Mauretanien zumindest im Energiesektor aus Sicht der EU besonders interessant sein: Das Land hat einen Fahrplan für die Entwicklung von Grünem Wasserstoff ausgearbeitet und bereits 2021 eine Vereinbarung getroffen, um das Projekt»Nour« umzusetzen. Mit einer Kapazität von zehn Gigawatt und Investitionen von bis zu 3,2 Milliarden Euro das größte Projekt seiner Art in Afrika. ZENITH 1/2024 WAS IST GESCHEHEN? In seiner Thronrede am 30. Juli 2022 hat sich der marokkanische König Muhammad VI. zu einer grundlegenden Reform des Familienrechts, der Moudawwana , verpflichtet. Ziel sei es nicht, den Frauen großzügige Privilegien einzuräumen, sondern die ihnen zustehenden Rechte zu geben. Wie schon 2004 setzte der König der Reform einen islamischen Rahmen:»Ich kann nicht erlauben, was Gott verboten hat, und ich kann nicht verbieten, was der Allerhöchste erlaubt hat«. Damit bezog er sich vor allem auf Regelungen, die auf dem Koran basieren. Am 26. September 2023 wies der König die Regierung an, innerhalb von sechs Monaten Reformvorschläge auszuarbeiten. Diese Frist zum 27. März 2024 wurde nicht eingehalten. Dennoch ist im Laufe des Jahres mit einem neuen Gesetz zu rechnen. WORUM GEHT ES EIGENTLICH? Die erwartete Reform wäre die erste Überarbeitung des Familiengesetzes von 2004, das damals von Frauenrechtlerinnen im In- und Ausland als soziale Revolution gefeiert wurde. Es hob unter anderem das Ehemündigkeitsalter für beide Geschlechter auf 18 Jahre an, machte die Legalisierung polygyner Ehen von Bedingungen abhängig und erlaubte Frauen, ohne Zustimmung ihres Vormunds zu heiraten. Die Freude über die Reform schlug jedoch schnell in Ernüchterung um. Frauenrechtlerinnen kritisieren unter anderem, dass Frühehen, Polygynie und Ehevormundschaft nach wie vor gängige Praxis sind. Sie fordern deshalb, das Mindestheiratsalter auf 18 Jahre festzusetzen, ohne dass der Richter in Einzelfällen Ehen unter 18 Jahren genehmigen kann. Polygynie soll demnach verboten werden. Der wohl umstrittenste Reformvorschlag: ein egalitäres Erbrecht, das Frauen und Männer gleichstellt. Die islamistische »Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung«(PJD) kritisierte, diese Forderung widerspreche den Bestimmungen des Korans, dem vom König gesetzten Rahmen und der Verfassung. 11 MAROKKO MACHT ES KEINEM RECHT König Muhammad VI. Bkeüsntedcighut neigneeuRreofpoärmiscdheesr AbgFeaomrdilnieentegreusentdzebseadnro. hOtbewMoehilnduinegDsefrteaiihlsenito: ch DnieicVhot rbweükrafnengtesginedn, MspaaroltkektodwasieVgoernhasbchewn edri.e Doch RaGbeastebllslecihbatfgtegenüber der EU in einer komfortablen Lage VON ISABELLE WERENFELS VON DÖRTHE ENGELCKE WIE GEHT ES NUN WEITER? Die Ausgestaltung der Reform ist noch unklar. Es wird jedoch erwartet, dass Eheschließungen unter 18 Jahren nicht mehr erlaubt sein werden. Auch das Sorgerecht für Kinder wird voraussichtlich reformiert, sodass geschiedene Mütter, die wieder heiraten, das Sorgerecht für ihre Kinder aus erster Ehe behalten können. Die große Unbekannte bleibt das Erbrecht. Eine völlige Gleichstellung von Mann und Frau gilt als unwahrscheinlich, da gesellschaftlich-konservative Kräfte und weite Teile der marokkanischen Gesellschaft dies als Verstoß gegen das islamische Recht und die Bestimmungen des Korans ansehen würden. Wie bereits 2004 spielt der marokkanische König eine zentrale Rolle im Reformprozess. Als »Anführer der Gläubigen« und damit höchste islamische Autorität des Landes hat er die letztendliche Deutungshoheit über das islamisch geprägte Familienrecht – und damit auch das letzte Wort. Dörthe Engelcke ist wissenschaftliche Referentin am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht und Autorin von»Reforming Family Law: Social and Political Change in Jordan and Morocco«(Cambridge, Cambridge University Press, 2019). 12 ZENITH 1/2024 HINTER DEN SCHLAGZEILEN WAS SIE VIELLEICHT NICHT MITBEKOMMEN HABEN VON ROBERT CHATTERJEE ZENITH 1/2024 13 TSCHAD DER LETZTE PARTNER FÜR PARIS Ein aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat, der sich zwei Monate vor den Wahlen Gefechte mit der Armee liefert und dabei stirbt? So lautet die offizielle Version zum Tod von Yaya Dillo Ende Februar. Oppositionsanhänger hingegen werfen dem tschadischen Interimspräsidenten Mahamat Déby vor, sich seines schärfsten Widersachers, der zugleich sein Cousin war, entledigt zu haben. Déby war seinem 2021 ermordeten Vater im Amt gefolgt, hatte Neuwahlen immer wieder hinausgezögert und seine eigene Kandidatur erst Ende 2023 per Referendum absegnen lassen. Proteste gegen seine autokratischen Ambitionen ließ der 39-Jährige zuletzt im Herbst 2022 niederschlagen. Kritik aus dem Ausland blieb aus, Déby ist nach wie vor ein gefragter Gesprächspartner. Man habe den Tod seines Herausforderers»zur Kenntnis genommen«, antwortete der Sprecher des französischen Außenministeriums schmallippig auf Journalistenanfragen. Im März gratulierte Jean-Marie Bockel dann dem tschadischen Machthaber zum»erfolgreichen demokratischen Übergang«. Kurz zuvor hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den 73-Jährigen zu seinem Afrikabeauftragten ernannt. Bockels Aufgabe: zu retten, was von»Françafrique« noch übrig ist, nachdem sich in den vergangenen Jahren vor allem die Sahelstaaten von Frankreich ab- und Russland zugewandt haben. Konkret geht es Paris im Tschad auch um die militärische Präsenz in der Region. Déby weiß um die missliche Lage der Franzosen und nutzt sie für sich. Wohl auch deshalb ist er im Januar öffentlichkeitswirksam bei Wladimir Putin vorstellig geworden. IRAK/ IRAN KONSENS IN DER KURDENFRAGE Auf die iranischen Raketenangriffe Anfang des Jahres reagierten sowohl Bagdad als auch Erbil mit Empörung. Doch kaum zwei Monate später lief die Sicherheitskooperation zwischen Iran, der Autonomen Region Kurdistan und der irakischen Zentralregierung wieder in geordneten Bahnen – stößt aber in den betroffenen Gemeinden auf Widerstand. Im März kündigten die drei Seiten an, die Grenze künftig mit Stacheldraht zu befestigen, nachdem bereits im November der Bau einer 200 Kilometer langen Grenzmauer abgeschlossen worden war. Die Anwohner befürchten erhebliche Handelseinschränkungen, tatsächlich soll als Nebeneffekt wohl auch Schmugglern das Handwerk gelegt werden. Vor allem aber richten sich die Sicherheitsabkommen gegen bewaffnete kurdisch-iranische Gruppen, die Iran als Drahtzieher der Proteste in seinen Westprovinzen sieht. Teheran profitiert nun von der Interessenüberschneidung mit seinen Nachbarn. Denn fast zeitgleich haben Erbil, Bagdad und Ankara einen Präzedenzfall geschaffen und die Arbeiterpartei Kurdistans(PKK) im Irak verboten. Da die Türkei und Iran in den vergangenen Monaten verstärkt gegen kurdische Milizen vorgegangen sind, steht die Autonome Region Kurdistan unter Druck – und der Status quo im Nordirak auf dem Prüfstand. Vor allem der iranische Ableger der PKK könnte nun ins Visier geraten: Die»Partei für ein Freies Leben in Kurdistan«(PJAK) operierte bislang in den irakischen Kandil-Bergen, ist aber sowohl den irakisch-kurdischen Parteien als auch der Islamischen Republik Iran ein Dorn im Auge und könnte als nächste auf der Verbotsliste stehen. KATAR/ INDIEN ERST DIE BEGNADIGUNG, DANN DER DEAL Details zu dem Spionageprozess, der die indisch-katarischen Beziehungen trübt, nannten die beiden Politiker auch bei ihrem Treffen im Februar nicht. Dennoch hatten Scheich Tamim Bin Hamad Al Thani und Narendra Modi etwas zu feiern: Acht indische Sicherheitsberater wurden nach monatelanger Haft in Doha freigelassen. Indischen Medienberichten zufolge waren die ehemaligen Marinesoldaten im Sommer 2022 wegen angeblichen Geheimnisverrats an Israel verhaftet und zum Tode verurteilt worden. Dabei soll es um den Kauf italienischer U-Boot-Technologie durch Katar gegangen sein. Der Fall hatte in Indien hohe Wellen geschlagen und den indischen Premierminister Modi unter Druck gesetzt, sich für die Freilassung seiner Landsleute einzusetzen. Bereits Ende 2023 hatte ein katarisches Gericht das Strafmaß reduziert. Wenige Monate später gelang der Durchbruch, den beide Seiten als Erfolg verbuchen können. Denn letztlich wollten Neu-Delhi und Doha ohnehin schnell wieder an den Verhandlungstisch zurück und ins Geschäft kommen: Indien will seine Energiequellen diversifizieren, und Katar sucht angesichts der Lage am Roten Meer nach Absatzmärkten jenseits Europas. Und so bot das bilaterale Krisentreffen die Chance, einen umfassenden Deal auszuhandeln: Die indische Petronet und Qatar Energy vereinbarten eine Partnerschaft über zwei Jahrzehnte und eine jährliche Lieferung von 7,5 Millionen Tonnen Flüssiggas nach Indien. 14 PROFIL GRÜNER REALO SOHANUR RAHMAN Er und seine Mitstreiter stoppten ein Kohlekraftwerk in Bangladesch. Inzwischen führt Sohanur Rahman die Bewegung gegen den Klimawandel an, der sein Land besonders bedroht Von Leo Wigger Foto: Leo Wigger ZENITH 1/2024 15 lima-Aktivismus muss man »Unsere Kollegen in Europa ringen um die richtige ProK auf, einer von Wasserstraßen sich leisten können – so lautet ein in Deutschland weit verbreitetes Vorurteil über»Klimakleber« und »Fridays for Future«. Dabei ist es genau umgekehrt. Auf Sohanur Rahman trifft das Vorurteil ohnehin nicht zu. Er wuchs in einfachen Verhältnissen in Barisal durchzogenen Hafenstadt im testform, bei uns geht es darum, überhaupt gehört zu werden«, sagt Rahman.»Zwei von drei Leuten sind jung. Aber im letzten Parlament war nur ein Abgeordneter unter 30.« Da müsse man schon laut sein, um überhaupt gehört zu werden. Das große Wort vom Klimaschutz habe vor Ort eine konkrete Bedeutung. Im Gespräch mit den betroffenen Gemeinden kämen vor allem zwei Forderungen immer wieder: sauberes Wasser und besserer Küstenschutz. Der wohl größte Erfolg der Gruppe: Gemeinsam mit internationalen Partnern konnte das Kohlekraftwerk»Matabari 2« verhindert werden. Das Geld für den Bau sollte aus Japan Ganges-Delta voller üppiger Vegetation und verwitterter kommen.»Deshalb haben wir uns an die japanische ÖffentBaudenkmäler. Bangladesch gehört zu den zehn Ländern, lichkeit gewandt«, berichtet Rahman.»Wir verkleideten uns die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind. Extreme als das berühmte Pokémon Pikachu.« Der kreative Protest Wetterlagen treten immer häufiger erregte nicht nur in den bangladeauf. Barisal trifft es selbst für banglaschischen Medien, sondern auch in deschische Verhältnisse besonders Fernost Aufmerksamkeit. Japan zog hart. daraufhin seine finanzielle Unterstüt2007 wütete der Zyklon Sidr zung für das Projekt zurück. Die Pläin der Heimatstadt des Aktivisten. ne wanderten in die Schublade. Rahman war damals in der siebten Inzwischen sitzt Rahman bei Klasse. Es sei das erste Mal geweKlimakonferenzen weltweit mit am sen, dass er sich Gedanken über das Tisch. Auf der Weltklimakonferenz Klima gemacht habe, erzählt er im Gespräch mit zenith . Wie viele andere habe er damals gespürt, dass sich etwas verändert, ohne zu verstehen, was genau. 2016 besuchte 2019 organisierte das von Sohanur Rahman mitgegründete Netzwerk den ersten Klimastreik COP28 in Dubai warben Rahman und seine Mitstreiter Ende 2023 für die Einführung des»Loss and Damage Fund«, der arme Länder bei der Bewältigung der Folgen des er dann die Insel Andar im Golf von Klimawandels unterstützen soll. Die Bengalen. Dort leben mehrere TauRegierung von Bangladesch schätzt, send Menschen ohne Schutz vor den dass sie umgerechnet rund 8,3 MilGezeiten. Ein einfaches Leben, ohne liarden Euro pro Jahr braucht, um klimaschädliche Emissionen. Und das 170-Millionen-Einwohner-Land doch zahlen die Menschen dort den einigermaßen auf den Klimawandel höchsten Preis für den Klimawandel. vorzubereiten. Rahman wollte das ändern. GeDoch trotz zahlreicher Treffen meinsam mit Mitstreitern gründete mit der globalen Klimaelite, darunter der Aktivist»YouthNet Global«, ein Netzwerk für Klimageauch die Klimabeauftragte der Bundesregierung, Jennifer rechtigkeit, das den Stimmen der vom Klimawandel BetrofMorgan, und der Verabschiedung des Sonderfonds für arme fenen Gehör verschaffen will und seitdem Bildungsarbeit in Länder blieb am Ende das Gefühl, dass noch zu wenig pasden betroffenen Regionen leistet. Die Gruppe nahm 2016 siert. Bei der COP29 im November im aserbaidschanischen Kontakt zu UNICEF und lokalen Universitäten auf und sprach Baku wollen die Klimavorreiter vom Golf von Bengalen nun mit Regierungsvertretern. 2019 organisierte sie den ersten für eine gerechte Ausgestaltung und schnelle Umsetzung Klimastreik des Landes. Kurz darauf erkannte das banglades»Loss and Damage Fund« kämpfen. Und noch etwas deschische Parlament den Klimawandel als globale Herausstört sie: Nach den Vereinigten Arabischen Emiraten ist mit forderung an. Aserbaidschan erneut ein Petro-Staat Gastgeber der Welt»Wir wollen das Klimathema in die Gesellschaft traklimakonferenz. gen«, sagt Rahman. Es gebe hervorragende Klimaexperten »Ihr sagt, wir sitzen alle im selben Boot. Aber das im Land, in den Intellektuellenkreisen im reichen Norden der stimmt nicht. Wir sitzen in einem sinkenden Boot und ihr Hauptstadt sei das Thema präsent, aber noch treibe es die in einem Kreuzfahrtschiff, aber ihr teilt euer Rettungsboot Jugend nicht in Massen auf die Straße. Gerade weil die Klinicht mit uns.« Sohanur Rahman fordert mehr Bewusstsein mabewegung im Land so klein ist, müssten sich die Aktivisfür die Dringlichkeit der Situation:»Niemand will auf seinen ten genau überlegen, wie sie die Öffentlichkeit mobilisieren Profit verzichten. Aber es ist meine Heimat, nicht eure, die und Bilder produzieren, die hängenbleiben. bald untergehen wird, wenn sich nichts ändert.« 16 PROFIL M it ihrem Hidschab und ihrer zierlichen Figur ist Bouchra auf dem Mount Everest. Ein Jahr später meisterte sie als ersBaibanou auf den Straßen von Rabat leicht zu übersehen. te arabische Frau die»Seven Summits Challenge«. Am liebsten erzählt die 55-Jährige von ihrer großen LeidenObwohl diese Erfolge sie in Marokko und weit darüber schaft:»Als ich den ersten Gipfel bestieg, vibrierte mein hinaus bekannt machten, blieb die Finanzierung das größte Körper. Ich spürte die absolute Freiheit« – so erinnert sich Hindernis für ihre Karriere. Erst ein Dokumentarfilm und eine Marokkos berühmteste Bergsteigerin an die Anfänge ihrer Autobiografie füllten ihre Reisekasse. Inzwischen organisiert Wanderlust, an Sommerlager mit mehrtägigen Ausflügen. Bouchra Baibanou nicht nur Touren in Marokko, sondern »Die anderen Mädchen fluchten über die langen Strecken. führt auch Gruppen auf den Kilimandscharo. Die Einnahmen Ich dagegen war ganz in meinem Element.« ermöglichten es ihr, die nächsten Kletterziele in Angriff zu Wanderer aus aller Welt finden im Königreich Marokko nehmen. 2022 bestieg sie den Annapurna(8.091 Meter), ein zahlreiche Kletterrouten. Die höchsJahr später den vierthöchsten Berg ten Gipfel des Atlasgebirges und die der Welt, den Lhotse(8.516 Meter). Täler dazwischen ziehen jedes Jahr Unterstützt wird Bouchra BaibaTausende Touristen an. 4.167 Menou bei all ihren Vorhaben von ihrem ter über dem Meer thront der Jebel Toubkal im Hohen Atlas. Der höchste Berg Nordafrikas faszinierte Bouchra Baibanou seit ihrer Jugend – und Die Wander- und Bergsteigerszene in Marokko wächst, nicht nur wegen der Mann und ihrer Familie. Jetzt will sie vor allem Frauen für den Bergsport begeistern und sie dabei unterstützen – ihre eigene Erfahrung, sich ebnete ihr den Weg in die Welt der Bergsteiger.»Professionelle Touren ausländischen Touristen über Konventionen hinwegzusetzen, soll ihr dabei helfen. gab es damals noch nicht«, erinnert Nach vielen öffentlichen Vorträsie sich. Also machte sie es sich zur gen über ihren eigenen Lebensweg Aufgabe, als Bergführerin Besucher hat sie ein Pilotprojekt ins Leben auf die Gipfel des Atlas zu führen. gerufen: Rund 100 Mädchen, vor alAuch ihre eigenen Kinder nahm sie von Anfang an mit in die lem aus Großstädten, nahmen bereits an ihrem WanderproBerge. gramm teil.»In Marokko werde ich oft nicht in erster Linie als Nach 19 Jahren als Reiseleiterin beschloss Bouchra BaiFrau wahrgenommen, sondern als erfolgreiche Sportlerin«, banou, ihren Horizont zu erweitern. Der höchste Berg Afbetont sie.»Deshalb werde ich zu Vorträgen eingeladen und rikas war ihr neues Ziel. Doch selbst der 5.895 Meter hohe habe Einfluss nicht nur auf Frauen, sondern auch auf MänKilimandscharo war nur eine Zwischenstation.»Damals habe ner.« ich zum ersten Mal von den Seven Summits gehört«, erinnert Die Wander- und Bergsteigerszene in Marokko wächst sie sich. Gemeint sind die jeweils höchsten Erhebungen aller derweil, nicht nur durch ausländische Touristen, sondern Kontinente.»Ich beschloss, sie alle zu besteigen.« auch dank der wachsenden Nachfrage der Marokkaner Bouchra Baibanou, damals 41 Jahre alt, stand nach selbst. Jedes Jahr zieht es mehr und mehr Einheimische in ihrem Entschluss vor ihrer größten Hürde: Denn solche Exdie Natur. Zu den negativen Aspekten dieser Entwicklung peditionen finanziell zu unterstützen, auf diese Idee kam gehört ein sichtbarer Mangel an Respekt für die Umwelt. Die damals niemand in ihrem Heimatland. Und so verhallte ihr am leichtesten zugänglichen Wanderwege, zu denen AgenWerben für den Alpinismus bei den marokkanischen Behörturen junge Marokkaner aus den Städten führen, sind oft den ungehört. Bouchra Baibanou nahm Kredite auf, lieh sich vermüllt:»Auch hier möchte ich ein Umdenken erreichen«, Geld von Freunden und stand 2017 als erste Nordafrikanerin sagt Bouchra Baibanou über ihr nächstes großes Ziel. Foto: privat ZENITH 1/2024 17 AUFSTIEG IM ATLAS BOUCHRA BAIBANOU Bouchra Baibanou hat die Welt von oben gesehen. Dank der Extrembergsteigerin entdecken die Marokkaner die Gipfel ihrer Heimat Von Lenka Hrabalová 18 PROFIL ARABISCH SEXY GEMACHT SAINT LEVANT Mit Schmuse- Rap hat S aint Levant den Durchbruch geschaff t. Dabei geht es dem palästinensischen Musiker eigentlich um etwas anderes Von Philipp Peksaglam Foto: www.instagram.com/saintlevant ZENITH 1/2024 19 S aint Levant kennt sein Publikum.»Die einen mögen Saint er eigentlich nicht in das gängige Schema der Branche passt. Levant, weil er gut aussieht, die anderen, weil er Araber ist Mit seinem freizügigen, globalisierten Rap überwindet er – vielleicht leben sie im Nahen Osten, vielleicht im Westen aber auch Stereotypen: Saint Levant ist kein Freiheitskämpund haben einen Migrationshintergrund«, sagte er 2023 der fer und auch kein Flüchtling. New York Times – und sprach von sich in der dritten Person. Marwan Abdelhamids Identität bleibt dennoch in PaMit an Arroganz grenzender Selbstsicherheit singt der lästina verwurzelt und in den Konflikten, die seine Heimat selbst ernannte»Loverboy Levant« im weißen Tanktop von prägen:»Ich erinnere mich an die Hitze, das Essen und an Sex, Liebe und wilden Nächten in Beirut. Der 23-Jährige, die Geräusche der Drohnen, das Knacken der Knochen«. der eigentlich Marwan Abdelhamid heißt, mischt in seinen Geboren wurde er während der Zweiten Intifada in JerusaSongs Englisch mit Französisch und Arabisch, von R&B über lem, wo seine aus Gaza stammende Familie zwischenzeitlich UK-Garage bis Rap ist alles dabei. Zuflucht gefunden hatte. Saint Levants Mutter ist franzö2022 landete er auf Tiktok mit»Very Few Friends« einen sisch-algerisch, sein Vater serbisch-palästinensisch. 2007, Hit, der ihn auf einen Schlag zum Star machte. Mittlerweinach der Machtübernahme der Hamas in Gaza, musste die le wurde der Song über 77 Millionen Familie nach Jordanien fliehen. Zu Mal auf Spotify gestreamt. Der Inhalt Hause sprachen sie Französisch, in seiner Songtexte lässt sich wohl am der Schule Englisch und beim Fußbesten als Bettgeflüster beschreiballspielen in den palästinensischen ben:»I can tell that you’re bad for Lagern Arabisch. me, habibi. I want you, you need me. T’as compris? C’est fini.« Seinen Status als Sexsymbol »Man hat mir gesagt, ich solle nicht über Gaza sprechen« Wenn er nicht gerade mit dem Projekt Saint Levant beschäftigt ist, arbeitet Marwan Abdelhamid für sein kommentiert Saint Levant selbstiroStart-up 2048, das unter anderem nisch.»Ich habe mir den Schnurrbart palästinensische Kleinunternehmer nicht ausgesucht, okay?« Ganz offen mit Geldgebern in der Diaspora zugibt er zu: Die Playboy-Persona Saint sammenbringt. Seinen Erfolg will Levant pflegt er bewusst. Und er weiß, dass er dafür gerne der Rapper nun nutzen, um musikalisch zu seinen Wurzeln belächelt wird. Doch damit scheint er kein Problem zu hazurückzukehren.»Ich bin noch nicht fertig damit, politische ben.»Früher habe ich Ohrringe getragen und mir die Nägel Musik zu machen. Diese Loverboy-Geschichte macht Spaß, lackiert. Irgendwann habe ich gemerkt: Es geht gar nicht um ist aber eher Mittel zum Zweck.« Die neue Single»Deira« mich, sondern um das, was die Leute auf mich projizieren.« wurde Ende Februar veröffentlicht und ist Gaza und dessen Marwan Abdelhamid begann seine musikalische KarKultur gewidmet.»Deira« war der Name jenes Hotels, das riere während seines Studiums der Internationalen Beziedie Baufirma seines Vaters einst in Gaza errichtete. Bereits hungen im kalifornischen Santa Barbara – mit politischem 2014 war es Ziel israelischer Luftangriffe, bei denen mehrere Hip-Hop. Seine ersten Tracks 2020 trugen Titel wie»NirvaMenschen, darunter auch Kinder, ums Leben kamen. Inzwina in Gaza« oder»Jerusalem Freestyle« und beschäftigten schen ist das Gebäude völlig zerstört. sich mit der Marginalisierung und Diskriminierung, die seine Marwan Abdelhamid versucht, die kommerzialisierte Kindheit und Jugend in Gaza prägten. Erst als Saint Levant, Loverboy-Persona mit der Entfremdung und den Traumata dem attraktiven Schmuse-Rapper, gelang ihm der Durch- der palästinensischen Lebensrealität zu versöhnen. bruch.»Ein Freund sagte zu mir: Arabisch ist im Westen so Das unterstrich er Ende November, als ihn das Magaverteufelt. Du hast die Sprache sexy gemacht.« zin GQ in Paris zum»Mann des Jahres« kürte:»Man hat mir »Man wird als Nichtamerikaner zugänglicher, aber es gesagt, ich solle nicht über Gaza sprechen. Aber ich werde verändert auch, wer überhaupt Medienaufmerksamkeit benicht schweigen.« Die nächste Bühne für seine Botschaft: Im kommen kann«, beschreibt sein Manager in der New York April gehörte Saint Levant zum handverlesenen Line-up des Times die Wirkung, die Saint Levant entfalten kann, obwohl US-Musikfestivals Coachella. 20 GESELLSCHAFT »Wir werden bespuckt und verflucht« Bischof Koryoun Baghdasarian wurde 1980 in Armenien geboren und kam 1995 nach Jerusalem. Im Jahr 2003 wurde er zum Priester geweiht. Er studierte an der Hebräischen Universität Jerusalem Pädagogik, Soziologie und Anthropologie, erwarb er einen Master in Verwaltung und internationale Beziehungen. Seit 2006 lehrt er armenische Kirchengeschichte am Armenischen Theologischen Seminar in Jerusalem und wurde im Oktober 2023 zum Bischof geweiht. Am Armenisch-Orthodoxen Patriarchat in Jerusalem ist Baghdasarian für die Immobilienverwaltung zuständig. Foto: Judith Braun und Pascal Bernhard ZENITH 1/2024 21 Das Armenisch-Orthodoxe Patriarchat in Jerusalem hat schon viel erlebt. Bischof Koryoun Baghdasarian zur Haltung seiner Kirche zum Krieg in Gaza, alltäglicher Gewalt in Jerusalem und einem Rechtsstreit, der die Existenz seiner Gemeinde bedroht INTERVIEW: JUDITH BRAUN UND PASCAL BERNHARD zenith: Die Weltöffentlichkeit blickt auf Gaza und fragt sich, ob wir Zeuge eines Völkermordes werden. Die armenische Gemeinschaft ist sich der Tragweite eines solchen Ereignisses bewusst. Koryoun Baghdasarian: Es ist nicht Aufgabe der Kirche zu definieren, ob es sich um einen Völkermord handelt oder nicht. Dafür gibt es Experten. Wir unterhalten weder eine Kirche noch ein Kloster in Gaza, deshalb fehlen uns Berichte aus erster Hand. Aber wir sehen das Leid – auf beiden Seiten. Seit dem 7. Oktober beten wir auf Weisung des armenischen Patriarchen für den Frieden: am Grab Christi, in der Geburtskirche und am Grab der Heiligen Maria. Die israelische Regierung hat den Völkermord an den Armeniern bis heute nicht anerkannt. Seit Jahren werden wir gefragt, wie sich die Armenisch-Orthodoxe Kirche dafür einsetzen kann, dass Israel das»große Verbrechen«, wie der Völkermord auf Armenisch genannt wird, anerkennt. Ich habe lange geglaubt, dass strategische Gründe und die militärpolitische Zusammenarbeit mit Aserbaidschan Israel daran hindern. Haben Sie Ihre Meinung geändert? Inzwischen glaube ich, dass Israel den Völkermord an den Armeniern nicht anerkennt, um die Singularität des Holocaust nicht infrage zu stellen. Und was tut die Kirche? Es ist nicht unsere Aufgabe zu handeln. Die moralische Verpflichtung liegt bei den Israelis, ihrer Regierung und dem israelischen Staat, den Völkermord an den Armeniern als solchen zu benennen. Eine Nation, die den Holocaust erlebt hat, hätte als erste den Völkermord an den Armeniern anerkennen müssen. Wie wirkt sich der Gaza-Krieg auf die armenische Gemeinde in Jerusalem aus? Wir leiden alle. Es kommen keine Pilger und auch sonst kaum Touristen. Die Menschen haben Angst um ihre Zukunft. Aus Solidarität mit den Christen haben wir alle Festtage abgesagt. Unter diesen Umständen können wir nicht feiern. 2021 schloss das Patriarchat einen umstrittenen Deal: Der Kuhgarten, der ein Viertel des armenischen Viertels ausmacht, soll an den israelisch-australischen Geschäftsmann Daniel Rubenstein verpachtet werden. Viele armenische Christen sehen die Zukunft ihrer Glaubensgemeinschaft bedroht. Das Geschäft wurde vor meiner Zeit abgeschlossen. Wir haben eine der führenden Anwaltskanzleien in Tel Aviv beauftragt, den Kaufvertrag zu prüfen. Am 26. Oktober 2023 haben wir ein Kündigungsschreiben an das Unternehmen geschickt und Ende Dezember Klage beim Bezirksgericht Jerusalem eingereicht. Das Gerichtsverfahren ist im Gange, und wir hoffen, dass das Geschäft am Ende annulliert wird. Und wer trägt die Verantwortung aufseiten der Kirche? Mein Vorgänger, der den Vertrag unterschrieben hat, wurde bereits entlassen und vom Priesteramt ausgeschlossen. Hat der Kuhgarten eine theologische Bedeutung? Nein. Der Kuhgarten diente in erster Linie den Mönchen, die hier über Jahrhunderte lebten, als Lebensgrundlage. Sie hielten dort ihr Vieh, daher der Name. Was würde eine Niederlage vor Gericht für die armenische Gemeinde bedeuten? Darüber wollen wir nicht nachdenken. Aber wenn wir verlieren, wird das Land nicht verkauft, sondern verpachtet. Es wird immer in armenischem Besitz bleiben – auch der Rest des Viertels ist rechtlich abgesichert. Gemeinsam mit den anderen Kirchen setzen wir uns für den Erhalt der christlichen Präsenz in der Jerusalemer Altstadt ein. Viele Palästinenser werfen den Armeniern vor, im Nahostkonflikt auf der Seite der Israelis zu stehen. Die Beziehungen zwischen Muslimen und Armeniern sind ausgezeichnet. Das waren sie schon immer. Die Armenisch-Orthodoxe Kirche ist die einzige, die seit dem 4. Jahr- 22 GESELLSCHAFT Ein Parkplatz im armenischen Viertel: Die Trümmer stammen vom November, als die Baufirma Zana Capital mit Baggern und Sicherheitskräften zur Räumung anrückte – trotz des andauernden Gerichtsverfahrens. Foto: Judith Braun und Pascal Bernhard ZENITH 1/2024 23 Das Armenisch-Orthodoxe Patriarchat in Jerusalem Der Armenisch-Orthodoxe Patriarch ist einer der drei Patriarchen von Jerusalem und das religiöse und geistliche Oberhaupt der armenischen Gemeinschaft. Einst erstreckte sich der Zuständigkeitsbereich des Patriarchen über Syrien, Libanon, Zypern und Ägypten. Heute ist die Kirche nur noch für Israel, Palästina und Jordanien zuständig. Jeden Frühling trifft sich die Generalversammlung der Bruderschaft und wählt sowohl den Patriarchen als auch den Großsakristan. hundert ununterbrochen im Heiligen Land präsent ist. Und wir sind die einzige Kirche, die in Jerusalem keine politische Agenda verfolgt. Eine politische Agenda? Als die Kreuzritter Jerusalem befreiten, vertrieben sie den griechischen Patriarchen – und der war immer mit dem byzantinischen Reich im Bunde. Aber die Armenier überlebten diese ökumenischen Feindschaften: Während der Kreuzzüge stammten alle Königinnen des Königreichs Jerusalem aus armenischen Familien. Und als Saladin seinerseits Jerusalem eroberte, löste er sofort das Lateinische Patriarchat auf. Die Armenier beschränken sich auf ihre spirituelle Agenda. Deshalb hatten wir immer gute Beziehungen zu allen Herrschern und wurden nie aus Jerusalem vertrieben. Heute werden die Christen zunehmend angefeindet. Am meisten leiden darunter die Armenier in der Jerusalemer Altstadt. Der Weg zur Klagemauer führt durch das armenische Viertel. Alle jüdischen Extremisten ziehen da durch. Es tut weh, jeden Tag angefeindet zu werden: Dafür, dass wir einen sicheren Weg zur Klagemauer bieten, werden wir bespuckt und verflucht. Wie viele Armenier leben heute noch in Israel und Palästina? In der Altstadt von Jerusalem leben 3.000 armenische Christen, ein Drittel von ihnen im Kloster. Die restlichen 5.000 Armenier konzentrieren sich vor allem in Haifa, einige Familien sind in Nazareth und in Akko zu Hause. Viele sind nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Israel gekommen, weil sie nicht nur armenische, sondern auch jüdische Wurzeln haben und damit zur Aliyah berechtigt sind. Wie viele Familien das sind, wissen wir nicht genau. Eine weitere armenische Gemeinde lebt in Bethlehem, wo die Armenisch-Orthodoxe Kirche auch religiöse Privilegien genießt. Welchen Auftrag hat die Armenisch-Orthodoxe Kirche heute in Jerusalem? Wir schützen unsere Rechte an den Heiligen Stätten und den Fortbestand unserer Glaubensgemeinschaft. Wir wollen aber auch den Pilgern die Ankunft im Heiligen Land erleichtern. Von Damaskus aus führten verschiedene Klöster und Konvente nach Jerusalem, und auch heute noch kann man von Jaffa über Ramla nach Jerusalem pilgern. Und nicht zuletzt ist das Armenisch-Orthodoxe Patriarchat ein Fürsprecher der kleinen Kirchen. In welcher Hinsicht? Als eine Art Schutzmacht, zum Beispiel für die äthiopischen, assyrischen oder koptischen Patriarchen. Sie werden als unsere Yamaq bezeichnet, ein ursprünglich türkisches Wort für»Anhänger«. Als solche räumen wir ihnen viele Rechte ein, damit sie ihre Messen an unseren Altären und zu unseren Gebetszeiten feiern können. Und wir organisieren ihre Besuche in der Altstadt. Wenn ein äthiopischer, syrischer oder koptischer Patriarch die Heilige Stadt besucht, organisieren wir seinen Einzug in die Grabes- oder die Geburtskirche. Sie alle gehören zur Familie der östlichen orthodoxen Kirchen. Als Mitglied dieser Familie kümmern wir uns um sie. Und was zeichnet das Armenisch-Orthodoxe Patriarchat von Jerusalem aus? Wir missionieren nicht. Nur Armenier können Mitglied werden. Außerdem werden alle Gebete in klassischem Armenisch gesprochen. Das Armenisch-Orthodoxe Patriarchat von Jerusalem bewahrt alle Traditionen. Seine Liturgien, Prozessionen und Trachten sind unverfälscht. Der Völkermord an den Armeniern war auch ein kultureller Genozid. 4.000 Kirchen und Klöster wurden zerstört, Priester, Mönche und Geistliche massakriert. Einzig das armenische Kloster in Jerusalem ist erhalten und bewahrt die Traditionen. 24 K U LT U R WIR SIND HELDEN Von seichter Unterhaltung ist hier nicht mehr viel zu spüren: Wie es vier libanesische Serien schaffen, die Realität im Libanon abzubilden und spannend zu erzählen VON INNA RUDOLF Die 2021 gestartete Serie»Lil Maut«(dt. »Bis zum Tod«) erzählt die Geschichte der drei Straßenkinder Sahar, Wejdan und Omar, die mit Armut und Obdachlosigkeit zu kämpfen haben. Sie heckeneinen waghalsigen Plan aus, um mit List und Tücke Geld von reichen Libanesen zu ergaunern. Foto: Shahid ZENITH 1/2024 25 A Im Mittelpunkt stehen der Protagonist Jabal Sheikh Al-Jabal, seine Familie, die Dorfgemeinschaft und ihr komplexes Verhältnis zum libanesischen Staat. In»Al-Hayba« kontrolliert die fiktive Familie die Schmuggelrouten zwischen dem Libanon und Syrien. Die Geschichte spielt vor dem Hintergrund einer anhaltenden Fehde mit dem rivalisierenden Said-Clan. Inmitten von Zwietracht und Konflikten stellt die Serie tiefgründige Fragen über das Überleben in einem Dorf, in dem das Gesetz keine Gültigkeit zu haben scheint, in dem persönliche Rachels der Gebetsruf durch die Gassen von Hamra im Wes- feldzüge das Leben bestimmen und in dem die libanesische ten Beiruts hallt, treffe ich mich mit meiner libanesischen Geschichte mit all ihren Wunden allgegenwärtig ist. Freundin und ihrer Familie zum abendlichen Fastenbrechen. Jabal verdient seinen Lebensunterhalt mit Schmuggel, Es gibt Datteln und Milch. Dann versammeln sich alle vor weigert sich aber aus moralischen Gründen, Drogen oder dem Fernseher. Denn Muslime wie Nichtmuslime wissen: Im schwere Waffen zu transportieren. In der vierten und fünfFastenmonat Ramadan werden die aufwendigsten und tieften Staffel der Serie legt sich Jabal schließlich mit mächtigen gründigsten TV-Serien des Jahres ausgestrahlt. Warlords an, die mit korrupten Politikern verbündet sind. Bei der libanesischen Serie»Al-Hayba« war ich zuSie wollen in Al-Hayba eine illegale Fabrik zur Herstellung nächst skeptisch. Wie viel Tiefgang erlaubt eine Seifenoper? der Droge Captagon errichten. Jabal beschließt, dies zu verDoch schon bald tauchte ich ein in die verschlungene Welt hindern. Im weiteren Verlauf der fünften Staffel weitet Jabal von Al-Hayba, einem fiktiven Dorf in einer Gegend, die dem seinen Kreuzzug aus und stößt schließlich auf den vom sobekannten Bekaa-Tal im Libanon ähnelt. genannten Islamischen Staat(IS) organisierten Schmuggel In dieser Serie ist der libanesische von Antiken. Staat weit weg. Die Verfechter der All diese Themen stehen in enGerechtigkeit sind hier Würdenträger, gem Zusammenhang mit den realen Stammesscheichs und Schmuggler: politischen und sicherheitspolitischen Figuren, die nicht als selbstsüchtige Kriegsherren, sondern eher als moderne Robin Hoods dargestellt werden. Wo die Grenzen zwischen Recht und Unrecht, Krisen im Libanon und in der Region. Damit greift die Serie die drängendsten Probleme des Landes auf: korrupte Die Erzählung entfaltet sich vor einem Hintergrund, in dem traditionelle Hierarchien mit modernen Idealen kollidieGerechtigkeit und Vergeltung verschwimmen Politiker und Medien, Drogenhandel und Terrorismus. »Al-Hayba« ist aber nicht die einren und die Grenzen zwischen Gut und zige TV-Serie, die vor solch komplexen Böse, Gerechtigkeit und Vergeltung Themen nicht zurückschreckt. In der verschwimmen. libanesischen Produktion»2020« etwa Ich stamme aus dem Balkan und begibt sich Kommissarin Sama auf die bin mit volkstümlichen Stoffen vertraut. Vor allem mit der Suche nach Gerechtigkeit, hin- und hergerissen zwischen Romantisierung der Selbstjustiz. Die Geschichten handeln persönlichen Rachegelüsten und familiären Verpflichtungen. oft von Heldentum, von geächteten Anführern oder WoiAlles beginnt mit einem tragischen Zwischenfall, bei dem ihr woden , die militante Freiwilligenverbände anführten. DieBruder ums Leben kommt. Dieser war ebenfalls Polizist und se Heiducken symbolisierten später auch in den offiziellen stammte aus einer wohlhabenden Familie der oberen MitGeschichtsbüchern den Widerstand der Balkanvölker gegen telschicht. die osmanische Herrschaft. Sama beschließt daraufhin, undercover einen berüchIch erinnere mich lebhaft an mein zehnjähriges Ich. tigten Drogenboss zu fassen. Dafür schlüpft sie in die RolGefesselt von Geschichten mit Protagonisten, die Mut und le von Hayat – das Klischee einer unterdrückten Frau, die hehre Prinzipien verkörperten. Die Hauptfigur in»Al-HayOpfer von Gewalt wurde und nun als Putzfrau arbeitet, um ba« bewegt sich in ähnlichen Grauzonen. Geschickt umgeht die zerstörerische Alkoholsucht ihres Bruders zu finanzieren. die Serie die Frage nach der Legitimität ihres Handelns. Sie Geschickt infiltriert Sama die Familie von Safi Al-Dib, dem betont die edlen, wenn auch nicht immer legitimen Motive Halbbruder von Yazan, der beschuldigt wird, Samas Bruder Protagonisten. So entsteht ein komplexes Wechselspiel der getötet zu haben. Dieser Safi ist auch der Bruder des zwischen Gerechtigkeit, Verantwortung und den Grenzen flüchtigen Drogendealers Al-Dib, dessen Aufenthaltsort im zwischen gesellschaftlichen Normen und individuellen ÜberZentrum der polizeilichen Ermittlungen steht. Samas Bruder zeugungen. Mein Hintergrund prägt unweigerlich meine kam ums Leben, als er Al-Dib nachspürte. Wahrnehmung dieser Romantisierung illegaler Handlungen Doch als die Kommissarin den Überlebenskampf im auf der Suche nach Gerechtigkeit. Armenviertel rund um Safis Gemüseladen miterlebt, entwiLibanesische Serien wie»Al-Hayba« spielen mit dieser ckelt sie Mitgefühl. Sie beobachtet, wie er sich um die NachRomantisierung. Die Handlung stellt die Moral und Legitibarschaft kümmert, wie er alleinerziehenden Müttern hilft. mität des libanesischen Justizsystems meisterhaft infrage. Der Kontrast zwischen Safis Wohltätigkeit und der harten 26 K U LT U R In»Al-Hayba« kontrolliert die fiktive Familie Al-Jabal die Schmuggelrouten zwischen dem Libanon und Syrien. Die Geschichte spielt vor dem Hintergrund einer anhaltenden Fehde mit dem rivalisierenden Said-Clan. Realität seines Doppellebens erzeugt beim Zuschauer einen inneren Konflikt. Die Komplexität seines Charakters entfaltet sich, während er die Fassade eines Gemüseladens aufrechterhält und so seine Drogengeschäfte verbirgt. Als Sama Safi schließlich als Drahtzieher des Drogenrings enttarnt, ist die Polizistin von seiner überzeugend vorgetragenen Rechtfertigung berührt. Er stellt sein Handeln als Reaktion auf seine Lebensumstände dar und betont den fehlenden staatlichen Schutz für seine Gemeinschaft. Er macht keinen Hehl daraus, dass er selbst eine Karriere als Drogenhändler verfolgt hat, beteuert aber, dass er seine Gewinne an die vom Staat Vergessenen und Vernachlässigten verteilt. Der emotionale Höhepunkt entwickelt sich, als schließlich auch Sama mit ihrer Doppelrolle zu kämpfen hat. Auf der einen Seite ist sie Polizistin, auf der anderen entwickelt sie eine wachsende Zuneigung zu einem Drogendealer. In einer tragischen Wendung nimmt Safi die Dinge selbst in die Hand und hinterlässt sowohl bei Sama als auch beim Publikum ein Gefühl der Sympathie für die Entscheidungen, zu denen ihn seine Lebensumstände scheinbar gezwungen haben. Wie»Al-Hayba« überzeugt auch»2020« durch seine differenzierte Erzählweise. Die Schuldfrage wird nicht als individuelle verhandelt, im Mittelpunkt steht das libanesische System und die Frage, ob es den Menschen überhaupt eine andere Wahl lässt, als das Gesetz zu brechen. Zwei der Hauptdarsteller von»2020« – Nadine Nassib Njeim und Kosai Khauli – sind auch in einer anderen sozialkritischen Serie zu sehen. Die Seifenoper»Wa Akhiran« (zu Deutsch:»Endlich«) thematisiert ebenfalls den täglichen Überlebenskampf von Randgruppen im Libanon. Im Mittelpunkt steht Yakut, gespielt von Khauli, der in Konflikt mit der Polizei gerät, die die Entführung mehrerer Frauen untersucht. Unter den Verschwundenen ist auch Yakuts Verlobte Khayal, gespielt von Njeim. Als Yakut auf ein Korruptionsnetz innerhalb der Polizei stößt, das von einem gerissenen Gangsterboss kontrolliert wird, nimmt er die Sache selbst in die Hand. Er findet heraus: Die entführten Frauen wurden gezwungen, als Prostituierte und Drogenkuriere zu arbeiten. Unter diesen Umständen beweist Khayal, die selbst eine Vergangenheit im Drogenmilieu hat, eine beeindruckende Widerstandskraft. Geschickt erschleicht sie sich das Vertrauen eines Gangsters, der, wie sich herausstellt, aus Verzweiflung und auf Geheiß des Gangsterbosses in den Drogenhandel gezwungen wurde. So entsteht eine ungewöhnliche Allianz, durch die Khayal in der Hierarchie der Schmuggler aufsteigt, Vertrauen gewinnt und sich ihren Weg an die Spitze der kriminellen Organisation bahnt. In einem parallelen Handlungsstrang greift Yakut zu drastischen Mitteln und dringt mit einer improvisierten Waffe gewaltsam in eine Bank ein. In einem fesselnden Monolog, der sowohl die Geiseln in der Bank als auch die Zuschauer erreicht, legt er die Systemfehler offen, die ihn aus seiner Sicht zu dem Überfall gezwungen haben. Eine Notlage, die wohl viele Libanesen nachvollziehen können. Vor dem Hintergrund der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise im Libanon ist die Serie ein offener Kommentar zu Vetternwirtschaft, Klientelpolitik und Korruption. Trotz oder gerade wegen ihrer Bereitschaft, ethische Grenzen zu überschreiten, haben die Bemühungen von Yaout und Khayal vorübergehend Erfolg, was zur Freilassung der Frauen und zur Verhaftung des Mafiabosses führt und schließlich in der Hochzeit des Paares gipfelt. Die bedrohlichen Geräusche herannahender Autos und entfernter Schüsse deuten jedoch auf eine ungewisse Zukunft hin und lassen den Zuschauer ahnen, dass das Glück des Paares nur von kurzer Dauer sein könnte und der Kreislauf von Korruption, Kriminalität und staatlicher Vereinnahmung in die nächste Runde geht. Wie»Al-Hayba« und »2020« endet auch»Wa Akhiran« nicht wirklich mit einem Happy End. Foto: Shahid ZENITH 1/2024 27 •» Al-Hayba «(Die Würde) lief von 2017 bis 2021 in 150 Folgen. • Die erste Staffel von» 2020 « mit 30 Folgen lief 2021. Die zweite Staffel begann während des Ramadans im März 2024. • Die 15 Folgen der Serie» Wa Akhiran « liefen während des Ramadan 2023. •» Lil Maut « lief von 2021 bis 2023 in 65 Folgen über drei Staffeln. Alle vier Serien sind auf dem Streamingdienst Shahid sowie im arabischsprachigen Angebot von Netflix zu finden. In Deutschland werden sie derzeit nicht angeboten. Die 2021 gestartete Serie»Lil Maut«(dt.»Bis zum Tod«) erzählt die Geschichte der drei Straßenkinder Sahar, Wejdan und Omar, die mit Armut und Obdachlosigkeit zu kämpfen haben. Sie hecken einen waghalsigen Plan aus, um mit List und Tücke Geld von reichen Libanesen zu ergaunern. Sahar und Wejdan wechseln sich ab, um wohlhabende Männer in die Ehe zu locken. Die eine spielt die Braut, die andere versucht, den Bräutigam zu verführen. Nachdem dieser unweigerlich der Versuchung erlegen ist, strengt seine Frau einen Prozess an und teilt den Gewinn mit dem Rest der Bande. Doch Wejdan verliebt sich in den scheinbar ehrlichen Geschäftsmann Hadi und will dem kriminellen Leben abschwören, was zu einem dramatischen Bruch im Trio führt. Wejdan sehnt sich nach einem Neuanfang, doch als ihr früheres Leben als Heiratsschwindlerin ans Licht kommt, ist sie erneut auf Sahar angewiesen, um einen Ausweg zu finden. Trotz ihrer zweifelhaften Moral ist die Figur beim Publikum sehr beliebt. Auch bei religiös konservativen Frauen, die Sahar für ihre Unbeirrbarkeit und Loyalität schätzen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden in der Serie ebenso eingehend beleuchtet wie die sozialen Verhältnisse, aus denen die Figuren stammen und die ihr Handeln maßgeblich beeinflussen. »Lil Maut« erzählt Geschichten der Verzweiflung, wie die des arbeitslosen IT-Spezialisten Mahmud, der seinen todkranken Vater retten muss. Eine ergreifende Handlung entfaltet sich um eine scheinbar verwitwete, hart arbeitende Mutter von drei Kindern, die in den gefährlichen Benzinschmuggel einsteigt. Um ihre illegalen Aktivitäten zu verschleiern, versteckt sie die Fässer in ihrem bescheidenen Haus unter dem Tisch. Aufgrund der hohen Schulden, die ihr gewalttätiger Ex-Mann hinterlassen hat, ist sie gezwungen, sich als Bauchtänzerin in einem Nachtclub ein zusätzliches Einkommen zu sichern. In einer verhängnisvollen Nacht voller Demütigungen durch betrunkene Gäste kommt es zur Tragödie. Ihre unbeaufsichtigten Kinder stoßen versehentlich eine Kerze um und lösen eine katastrophale Explosion aus. Die Mutter ist am Boden zerstört und muss zwei ihrer Kinder zu Grabe tragen. Sie kämpft mit Schuld und Verlust und muss sich mit einem System auseinandersetzen, das über ihre Lebensentscheidungen urteilt, ihr aber keine Unterstützung bietet. Die Serie nimmt deutlich Bezug auf die zahlreichen, gut dokumentierten Unfälle, die der Treibstoffschmuggel im Libanon und in Syrien nach sich zieht. Für viele Menschen im Libanon ist das Leben zu einer moralischen Gratwanderung geworden, die niemand unbeschadet übersteht. Kein Wunder also, dass sich ein breites Publikum mit den komplexen Figuren identifizieren kann, die in einem Teufelskreis aus Reue, Scham und unmöglichen Entscheidungen gefangen sind. Auf den ersten Blick wirken die Geschichten der neuen Welle libanesischer Seifenopern wie gängige Krimi- oder Drama-Stoffe, die das Publikum fesseln sollen. Und das tun sie auch. Doch selbst wer nur zufällig einschaltet, erkennt sofort den Zusammenhang zwischen den Konflikten der Figuren und der Situation vieler Libanesen. Dass die Protagonisten meist kriminell sind, bedeutet nicht, dass die Zuschauer ihnen auf diesem Weg folgen. Vielmehr spiegeln die Geschichten und die Sympathie für die Figuren die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den systemischen Problemen des Landes wider. Dr. Inna Rudolf ist Associate Partner bei der Candid Foundation sowie Senior Research Fellow am»International Center for the Study of Radicalisation«(ICSR) und Postdoctoral Research Fellow am»Center for the Study of Divided Societies«. Sie ist zudem Research Fellow beim Programm»Cross-Border Conflict Evidence, Policy and Trends«(XCEPT) am King’s College London. 28 GESELLSCHAFT ZENITH 1/2024 29 Foto: Ani Yigal / Wikimedia Commons »KEINE NETTEN JUNGS« Eine Demonstration der israelischen»Black Panthers« Anfang der 1970er-Jahre Vor fünfzig Jahren probten junge Mizrahim den Aufstand. Die israelischen»Black Panthers« veränderten das Land für immer. Nur nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatten VON IGNAZ SZLACHETA 30 GESELLSCHAFT ZENITH 1/2024 31 D er Journalist Arie Gleblum schrieb im April 1949 in der als liberal geltenden Zeitung Haaretz :»Wir haben es mit einem Volk zu tun, das an Primitivität nicht zu übertreffen ist«. Gleblum wuchs in Tel Aviv auf, wurde 1921 im polnischen Łódź geboren und wanderte 1925 mit seinen Eltern ins Mandatsgebiet Palästina aus. Er war Mitglied der Arbeiterjugend und studierte an der Amerikanischen Universität in Beirut Philosophie, Geschichte, Wirtschaft und Anglistik. Ein fast klischeehafter Vertreter der kulturellen und politischen Elite Israels kurz nach der Staatsgründung 1948. Gleblums Texte trieften vor Menschenfeindlichkeit. Sie waren das Ergebnis einer äußerst fragwürdigen»investigativen Recherche«. Die Versorgung der Neuankömmlinge war eine Mammutaufgabe für das junge Israel. Bereits im ersten Jahr nach der Staatsgründung kamen mehr als 200.000 Menschen ins Land. Der Journalist gab sich als Einwanderer aus und wollte das Leben in den notdürftig errichteten Zeltstädten dokumentieren. Das Ergebnis seiner Recherchen: Die Einwanderer aus Nordafrika – Mizrahim genannt – seien nicht nur primitiv, sondern sogar eine»Gefahr«. Auch europäische Holocaust-Überlebende waren in Gleblums Augen »Ballast«. Ein Jahr später kam der 1943 im marokkanischen Rabat geborene Reuven Abergel nach Israel.»Sie leugneten unser Judentum und unser Menschsein. Dabei behauptete die zionistische Bewegung, diesen Staat für die verfolgten Juden geschaffen zu haben«, klagt der heute 81-Jährige im Gespräch mit zenith . Abergel wuchs mit anderen marokkanischen Einwanderern in Musrara auf. Der heruntergekommene Jerusalemer Stadtteil lag bis 1967 teilweise im Niemandsland, direkt an der Grenze zum verfeindeten Jordanien. Es gab keine Schulen, keinen Strom, kein fließendes Wasser. Stattdessen durchstachen gelegentlich Kugeln jordanischer Scharfschützen die Luft. Nach dem Sechstagekrieg fanden sich die Bewohner plötzlich im neuen Zentrum Jerusalems wieder. Sie erlebten, wie Premierministerin Golda Meir entschlossen die »Einigung« der Stadt vorantrieb. Gleichzeitig wurden neue Wohnblöcke aus dem Boden gestampft, um die Einwanderer aus der Sowjetunion unterzubringen. Auf die Frage, ob sie sich als Bürger zweiter Klasse gefühlt hätten, antwortet Reuven Abergel:»Das war kein Gefühl, sondern eine Tatsache – schließlich lebte meine Familie zu zehnt in einem Zimmer ohne Strom und Wasser.« Anfang 1971 beschlossen Reuven Abergel und seine Freunde, dass sie genug hatten von Diskriminierung und Ungleichheit. Gemeinsam wollten sie für die Rechte aller Mizrahim kämpfen und gründeten die»Black Panthers«.»Eine bewusste Provokation, denn damals galt die afroamerikanische Gruppe in Israel als antisemitisch«, erklärt der Autor Assaf Elia-Shalev, der eine umfassende Geschichte der israelischen»Black Panthers« geschrieben hat. Hinter den Kulissen unterstützten engagierte Sozialarbeiter die Gruppe.»Sie wollten ihre Rolle als städtische Angestellte nicht überbetonen und gerieten so in Vergessenheit«, urteilt Asaf Elia-Shalev. Dem Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek war die Gruppe ein Dorn im Auge, weshalb er den Sozialarbeitern verbot, sich in der Presse zum Thema zu äußern. Im Frühjahr 1971 war es schließlich so weit: Die»Black Panthers« planten ihre erste Demonstration. Am 3. März sollte es um 15.30 Uhr vor dem Rathaus losgehen. In den Gassen Jerusalems verteilten sie ihr erstes Flugblatt: Genug davon, dass es keine Arbeit gibt. Genug davon, zu zehnt in einem Zimmer zu schlafen. Genug davon, neue Nachbarschaften für Einwanderer zu bestaunen. Genug davon, jeden Montag und Donnerstag Schläge und Haftstrafen zu kassieren. Genug davon, dass die Regierung Versprechen nicht erfüllt. Genug Entbehrung, Genug Diskriminierung »Wen sie mit dem Flugblatt erwischten, verhafteten sie«, erzählt der Aktivist. Tatsächlich ging der Staat nicht zimperlich mit der Gruppe um. Ministerpräsidentin Golda Meir erklärte das Problem zur Chefinnensache und zitierte kurz vor der Demonstration Bürgermeister Kollek in ihr Büro. Der versuchte, die»Black Panthers« zu diskreditieren, indem er behauptete, die radikallinke Sammelbewegung Matzpen stecke dahinter und wolle den Jugendlichen ihre Ideologie überstülpen. »Das ist historisch nicht ganz korrekt«, stellt Elia-Shalev klar. Shimshon Vigoder, einer der ersten aschkenasischen Unterstützer der»Black Panthers«, war zu diesem Zeitpunkt bereits bei Matzpen ausgetreten, sein jüngerer Bruder Meir war nie Mitglied gewesen. Die Unabhängigkeit der»Black Panthers« vom linken Spektrum betont auch der mizrahische Aktivist Sami Shalom Shetrit. Kontakte aber habe es gegeben. In ihrer Freizeit trafen sich die»Black Panthers« im Café Ta’amon und trafen auf Mitglieder der sozialistischen Organisation.»Dort tranken sie zusammen, hörten Bob Marley und die Stones, rauchten Haschisch. Hier erfuhren sie von den revolutionären Studentenbewegungen in Amerika und Frankreich«, erzählt Shetrit. Abergel beurteilt das Verhältnis kritischer. Er sieht in den linken Aschkenasim weder Helfer noch Unterstützer: »Che Guevera kam nicht mit einer Kamera, machte ein paar Fotos und ging nach Hause, um im Warmen neben seinem Flügel zu schlafen. Er hat im Dschungel gekämpft und sein Leben riskiert. Das nenne ich Hilfe.« Aber die Sozialisten von Matzpen seien keine schlechten Menschen oder gar Feinde gewesen. In der Nacht vor der Demonstration eskaliert der Konflikt mit der Staatsmacht. Mehrere Panther werden verhaftet und auf verschiedene Gefängnisse verteilt. Abergel führt die Demonstration mit einigen Hundert Teilnehmern an. In einem Video erinnert sich der Aktivist Jahrzehnte später: »Hier standen wir, und im sechsten Stock lehnte Teddy KolFoto: Fritz Cohen / GPO Foto: Fritz Cohen / GPO 1972:»Black Panthers«-Mitglied Eddi Malka unterbricht Golda Meirs Eröffnungsrede beim Weltkongress Marokkanischer Juden in Tel Aviv. 1950: Vorbereitung für das Sukkot-Fest im Aufnahmelager Ein Shemer. Viele Mizrahim lebten nach ihrer Ankunft in Israel in ärmlichen Behausungen. 32 GESELLSCHAFT lek aus dem Fenster und rauchte«. Von oben rief der BürgerZwei Tage später treffen sich Reuven Abergel und vier meister, die»Bälger« sollten vom Rasen verschwinden.»Mir weitere Panthers mit der Regierungschefin sowie Bildungsdrehte sich der Magen um. Er scherte sich nur um den Rasen, minister Yigal Alon und Sozialminister Michael Chazoni. nicht um mich.« Ebenfalls im Raum, aber ohne Wissen der Beteiligten: die Diese Ereignisse markierten den bescheidenen Beginn Polizei. Der»Black Panther« Yaakov Elbaz arbeitet als Dopder ersten sozialen Protestbewegung und außerparlamentapelagent, Deckname P-51. Die Zeitung Haaretz veröffentrischen Opposition des Landes.»Ein Meilenstein für die Prolichte 2007 Elbaz' Notizen aus dem Gespräch.»Sie wollte testkultur in Israel«, stellt der Sozialwissenschaftler Shetrit uns zeigen, wer der Boss ist«, gab Abergel damals der Zeifest. Kurz nach ihrer ersten Demonstration werden einige tung zu Protokoll. Mitglieder erneut festgenommen, als sie ein Flugblatt verteiAus den Akten geht hervor, dass Meir den gerade len. Darauf steht:»Wer hat Angst vorm schwarzen Panther?« 21-jährigen»Black Panther« Saadia Marciano mit persönli»Der israelische Inlandsgeheimdienst Shabak hat der chen Fragen geradezu löcherte. Doch als der Befragte entRegierung Angst gemacht«, meint Shetrit. Von Anfang an gegnet, er wolle lieber über die Probleme der mizrahischen hätten Polizei und Geheimdienst die Aktivisten deshalb Bevölkerung sprechen, reißt der 73-jährigen Premiermiüberwacht. Die Behörden, ist Shetrit überzeugt, waren nisterin der Geduldsfaden:»Für wen hältst du dich, für die bestens informiert: über die Kontakte zu den Sozialisten Bevölkerung sprechen zu wollen? Ich wurde gewählt – ich ebenso wie über die palästinensischen Freunde der»Black entscheide!« Panthers« in Ost-Jerusalem und den Besetzten Gebieten. Der Versuch, die»Black Panthers« zu zähmen, geht Der Shabak hätte die»Black Panthers« lieber weiter begründlich daneben. Kurz darauf verhindern sie mit einer obachtet, die Polizeiaktion hielt man für einen Fehler, meint Blockade, dass die Regierungschefin zur jüdisch-marokkaShetrit.»Erst nach den Verhaftungen merkten sie, welch nischen Mimuna-Feier zum Abschluss des Pessach-Festes in wunden Punkt sie getroffen hatten.« Die von den»Black den Jerusalemer Sacher-Park kommt, und liefern sich eine Panthers« angeprangerte UngleichSchlägerei mit der Polizei. Mitte Mai erheit war natürlich auch den Regierenscheinen zu ihrer größten Demonstraden bewusst.»Außerdem hatte man tion rund 7.000 Teilnehmer. Sie fordern die Ausschreitungen von Wadi Salib die Umbenennung des Zionsplatzes in noch gut im Gedächtnis«, ergänzt Elia-Shalev. 1959 hatten Polizisten in dem überwiegend von mizrahischen »Wie kann eine jüdische Hand einen »Platz des mizrahischen Judentums«. Während der sogenannten Nacht der Panther liefern sich die Aktivisten erEinwanderern bewohnten Viertel der Hafenstadt Haifa einen Einwohner erMolotow-Cocktail werfen?« neut Schlägereien mit der Polizei, sogar ein Molotow-Cocktail fliegt. schossen – angeblich als Reaktion auf Bei einer Veranstaltung mit Pregeworfene Flaschen. Kritiker behaupmierministerin Meir versucht Shaul Ben ten, dass der Finger der Polizei am Simchon die Wogen zu glätten: Jeder Abzug gegenüber nordafrikanischen wisse um die soziale Schieflage, sagt Einwanderern besonders locker gesessen hätte. der Vertreter der»Union mizrahischer Einwanderer«, ein Jedenfalls verbreitete sich das Gerücht, der angeschosParteikollege der Regierungschefin. Er habe auch einige sene Yaakov Elkarif sei tot, wie ein Lauffeuer. Wütende der»Black Panthers« kennengelernt, und die seien eigentBewohner zerschlugen Fensterscheiben im wohlhabenden lich ganz nette Jungs.»Wie kann eine jüdische Hand einen aschkenasischen Nachbarviertel, steckten Autos in Brand Molotow-Cocktail werfen?«, entgegnet ihm Meir empört. Sie und griffen die Parteizentrale der regierenden Partei Mapai wendet sich Ben Simchon zu und sagt langsam, mit dem für an.»Die Ereignisse schockierten das junge Land zutiefst. sie typischen amerikanischen Akzent:»Mein lieber Freund, Golda Meir war damals bereits als Außenministerin Teil der das sind keine netten Jungs.« Der Satz macht die Runde Regierung, und auch der amtierende Polizeichef war an der – und die»Black Panthers« machen ihn sich zu eigen. Als Niederschlagung der Unruhen beteiligt«, erzählt Elia-Shalev. Symbol für das abgehobene aschkenasische Establishment Gleichzeitig verfolgte man in Regierungskreisen aufprangt er fortan auf Plakaten. merksam die Unruhen, die Studentenbewegungen und anZwar waren die»Black Panthers« militant in ihren Aktiotikoloniale Proteste damals in anderen Ländern auslösten. nen und der Sprache,»doch ihnen ging es darum, ein gleich»Der Geist der Revolution und des Radikalismus der späten berechtigter Teil der israelischen Gesellschaft zu werden. 1960er-Jahre, etwa in Form des Baader-Meinhof-Komplexes Anders als die eher separatistisch gesinnten Namensgeber in Deutschland, hatte Israel noch nicht erfasst«, meint der in den USA«, sagt Elia-Shalev. So beschloss die Bewegung Journalist. Aus Sicht der»Black Panthers« war dies jedoch im Vorfeld der Wahlen 1973, eine eigene Partei zu gründen. nur eine Frage der Zeit. Deshalb wandten sie sich direkt an Ihr Motto:»Werft zayin in die Wahlurne«. Der Buchstabe zaydie Premierministerin und baten um ein Treffen. Als der erste in stand auf dem Wahlzettel für die»Black Panthers«-Partei Brief unbeantwortet blieb, organisierten sie einen Hungerund ist gleichzeitig ein vulgärer Ausdruck für das männliche streik vor der Klagemauer. Und tatsächlich: Noch am selben Geschlechtsteil.»Das ist kein Zufall«, schmunzelt Sami ShaTag erklärte sich Golda Meir zu einem Gespräch bereit. lom Shetrit. Foto: Harnik Nati / GPO Foto: Saar Yaacov / GPO ZENITH 1/2024 33 1977: Charly Biton spricht auf einer Demonstration am 1. Mai in Tel Aviv. 1983: Das frühere »Black Panther«-Mitglied Biton saß fast 16 Jahre als Abgeordneter in der Knesset. Nachdem die Wahlen wegen des Anfang Oktober ausgebrochenen Jom-Kippur-Krieges vorerst verschoben werden, verpasst die Partei die damals geltende Ein-Prozent-Hürde. Der Krieg markiert das Ende der»Black Panthers«, aber auch der Ära Golda Meir. Bei den nächsten Wahlen 1977 muss Israels»Eiserne Lady« die Macht abgeben. Eine Zäsur, denn erstmals regierte nicht Mapai, sondern die erst 1973 gegründete Partei Menachem Begins. Die mizrahischen Wähler bescherten dem Likud 14 zusätzliche Mandate.»So verhalfen die ›Black Panthers‹ ungewollt der politischen Rechten zur Macht«, resümiert Shetrit. Immerhin zogen 1977 zwei ehemalige»Black Panthers«-Aktivisten in die Knesset ein. Während Saadia Marcianos Amtszeit nach zwei Jahren vorzeitig endete, verteidigte Charly Biton seinen Sitz fast 16 Jahre lang. Und zwar für die kommunistische Partei Rakach, die später in der jüdisch-arabischen sozialistischen Hadash aufging. Freiheit für Biton, der im Februar 2024 verstarb, bedeutete Freiheit für alle zwischen Jordan und Mittelmeer. Er traf als erster Abgeordneter Jassir Arafat und setzte sich schon früh für einen palästinensischen Staat ein. Rund zwei Jahrzehnte später distanzierte sich Biton in einem Zeitungsinterview von dieser Position und erklärte, es gebe keinen Partner für den Frieden. »Gut, das hat er gesagt, na und?«, entgegnet Abergel. Die Palästinenser würden sich wegen dieser Aussage nicht plötzlich in Luft auflösen.»Bis zum Sechstagekrieg dachten wir, dass nur wir ein Problem mit der zionistischen Bewegung hätten. Aber mit dem Beginn der Besatzung waren plötzlich Millionen von Menschen Teil dieser Geschichte. Wir sahen, dass die Zionisten sich ihnen gegenüber genauso verhielten wie uns gegenüber«, sagt Abergel heute.»Welcher mizrahische Aktivist würde heute so etwas wagen«, fragt Shetrit.»Die ›Black Panthers‹ waren die erste und vielleicht letzte Bewegung der Mizrahim , die ihren Kampf auf der Seite der Linken führte.« 34 GESELLSCHAFT Bullerbü für Rechtsextreme Das aramäische Dorf Maalula ist ein Wallfahrtsort für syrisch-orthodoxe Christen. Seit einigen Jahren geben sich dort auch Identitäre und AfD-Anhänger aus Deutschland die Klinke in die Hand. Was suchen sie dort? VON LISA GENZKEN Foto: Javier Martin Espartosa ZENITH 1/2024 35 M dem vom Recherchekollektiv Correctiv aufgedeckten Treffen in Potsdam teilnahm und sich dort als»gewaltbereiter Neonazi« präsentierte. Auch bei Matusseks Syrienreise war Müller dabei. Der wegen Körperverletzung vorbestrafte Müller war früher in der Jugendorganisation der NPD aktiv und ist heute Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt. Im Sommer 2017 schloss sich Müller der Aktion»Defend Europe« an, bei der IB-Aktivisten ein Schiff atthias Matussek steht mit einem Maschinengewehr im sycharterten, um Geflüchtete daran zu hindern, über das Mitrischen Qalamun-Gebirge unweit der libanesischen Grenze. telmeer nach Europa zu gelangen. Seine grauen Haare sind zerzaust, der ExSpiegel -Journalist Die»Hilfe zur Selbsthilfe« der AHA soll vor allem in lächelt auf dem Foto, das er selbst auf Facebook gepostet Maalula ankommen, rund 60 Kilometer von Damaskus enthat.»Mit Kalschnikow[ sic ] zum Ballern«, steht unter seinem fernt. Ein Wassertank, zwei Busse und Ausrüstung für Ärzte Post. Es ist September 2018, und Matussek ist in Maalula. und einen Imker will die Organisation besorgt haben. Am Eingeladen wurde der neurechte Publizist von Sebastian wichtigsten ist den Rechtsextremen aber das»Hostel HeiZeilinger, dem ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden mat«, eine blau gestrichene Herberge, nur einen Steinwurf der»Identitären Bewegung Deutschland«. Mit einer»kleinen vom orthodoxen Kloster Mar Takla(Heilige Thekla) entfernt, Reisegruppe« besuchten sie Damaskus, Latakia und eben für das Maalula berühmt ist. Maalula. In einem Reisebericht, den das Online-Magazin Das Dorf ist womöglich eine der ältesten christlichen Tichys Einblick veröffentlichte, schrieb Siedlungen der Welt. Die Einwohner Matussek später:»Willkommen in Basprechen Aramäisch, die Sprache, schar Al-Assads Syrien. Ein Horrorfilm? die Jesus gesprochen haben soll. Die Nein, eine Pilgerreise!« Al-Nusra-Front und andere RebellenNach Angaben des»Syrian Netgruppen hatten Maalula 2013 angework for Human Rights«(SNHR) wur- griffen. Die Kämpfer töteten und entden seit Beginn des Aufstands 2011 bis führten damals Einwohner, zerstörten 2017 rund 207.000 Zivilisten getötet. Der weitaus größte Teil dieser Opfer geht demnach auf das Konto der syDie Menschen im Dorf wussten nichts vom und plünderten Häuser, Kirchen, Reliquien und Ikonen. Rimon Wehbi aus Maalula lebte risch-iranisch-russischen Allianz. Die SNHR dokumentierte im Jahr von Matusseks Syrien-Reise sechs Angriffe mit politischen Hintergrund der selbsternannten Helfer 2013 im Libanon, kann sich aber noch gut an diese Zeit erinnern.»Stell dir vor, deine Freunde oder deine Familie Chemiewaffen und 5.607 willkürliche rufen dich an und sagen: Wir sind umVerhaftungen durch das Assad-Regizingelt und wissen nicht, ob wir entme. Ende 2018 war nach Angaben der kommen können oder nicht«. UnterVereinten Nationen rund ein Drittel der stützt von der libanesischen Hizbullah Bevölkerung von Ernährungsunsichererlangte die syrische Armee etwa ein heit betroffen. In einigen Regionen halbes Jahr später die Kontrolle über herrschte sogar akute und chronische Maalula zurück. Unterernährung. Seitdem sei die Bevölkerung des Dorfes drastisch geDoch Matussek ist nicht der einzige aus dem rechten schrumpft, erzählt Wehbi, der in Düsseldorf über die westund rechtsextremen Spektrum, den der Identitären-Kader aramäische Sprache, wie sie in Maalula gesprochen wird, Zeilinger in den vergangenen Jahren nach Syrien und Maalupromoviert. Heute lebten dort vor allem alte Menschen, fila eingeladen hat. In dem Bergdorf lebten vor dem Krieg nanziell unterstützt von ihren Kindern und Enkeln. Die Einzwischen 2.000 und 5.000 Menschen. Heute dürften es nur wohner würden immer ärmer, beobachtet Wehbi:»Es fehlen noch wenige Hundert sein. Was wollen Zeilingers Gäste Arbeitsplätze. Wer ein Geschäft aufmacht, gibt es schnell dort? wieder auf, weil die Kundschaft ausbleibt.« Der 44-jährige Zeilinger, der gerne in Lederhosen poDafür scheint der Ort Rechtsextreme magisch anzuziesiert, ist Aushängeschild und Vorsitzender der»Alternative hen. Seit der ersten Reise 2018, der mit Matussek, hat die Help Association«(AHA), nach eigenen Angaben»die erste AHA weitere Gesinnungsgenossen nach Maalula eingeladen. Hilfsorganisation, welche Hilfe vor Ort umsetzt und die Ur- Darunter auch Roger Beckamp. Der AfD-Bundestagsabgesachen der Migration bekämpft«. Laut Bremer Verfassungs- ordnete veröffentlichte 2022 eine Reihe von Youtube -Videos schutz handelt es sich bei der 2017 gegründeten AHA um über seine Reise in den sozialen Medien. Darin spricht er eine»als humanitärer Akt getarnte Kampagne« der rechtsetwa über den Grenzübergang zwischen Libanon und Syrien extremen»Identitären Bewegung«(IB). (»Grenzkontrolle geht doch!«) und führt durch das IdentiEin weiteres prominentes Mitglied der AHA ist Mario tären-Hostel in Maalula. Auf Nachfrage von zenith schreibt Müller. Er geriet Anfang 2024 in die Schlagzeilen, weil er an Beckamp, es sei»vor allem der westlichen Sanktionspolitik 36 GESELLSCHAFT und der militärischen Intervention geschuldet, dass es den Maalula, wie aus seinem Blog hervorgeht. Menschen dort immer noch sehr schlecht geht«. Allein im Russland wurde erst durch seine Syrien-BerichterstatMai 2022, als Beckamp mit seinen rechten Freunden Arrak tung auf Ochsenreiter aufmerksam, glaubt Anton Shektrank und durch Maalula spazierte, starben laut SNHR acht hovtsov, der in Wien zu Moskaus Netzwerken von RechtsMenschen durch Folter des Assad-Regimes. extremen in Europa forscht.»Ochsenreiter war eine Zeit Auch Jean-Pascal Hohm, der Vorsitzende der AfD Cottlang die Kontaktperson zwischen der AfD und den Russen«, bus, war im Mai 2022 dabei und filmte sich in einem Facesagt der ukrainische Politikwissenschaftler im Gespräch mit book -Video in einer Bar in Damaskus. Im Hintergrund läuft zenith . »Crazy in Love« von Beyoncé, neben ihm wippen zwei Frau- 2016 hatte der AfD-Bundestagsabgeordnete Markus en mit Cocktailgläsern im Takt. Eitel Sonnenschein in Syrien Frohnmaier zusammen mit Manuel Ochsenreiter und dem im Jahr 2022, auch wenn es nach Michael Scharfmüller geht, polnischen Aktivisten Mateusz Piskorski, der kurz darauf dem Chefredakteur von Info-Direkt , einem österreichischen wegen des Verdachts der Spionage für Russland verhaftet »Magazin für Patrioten«. Sein Fazit: Syrien sei»überall, wo wurde, ein»Deutsches Zentrum für eurasische Studien« die Regierung herrscht, wo Assad das Land zurückerobert gegründet. Ochsenreiter arbeitete zeitweise im Bundeshat, sicher.« Deshalb fordert er»Remigration«. In Lederhose tagsbüro von Frohnmaier, wurde jedoch Anfang 2019 freiund Polohemd läuft er über einen Damaszener Markt und gestellt, nachdem Vorwürfe an die Öffentlichkeit gelangt schwärmt in breitem oberösterreichischem Dialekt darüber, waren, die ihn mit einem Terroranschlag in der Ukraine in dass es Reizwäsche zu kaufen gibt. Wo Verbindung brachten. Dessous feilgeboten werden, kann es Ebenfalls als Mitarbeiter in Frohnja gar nicht so schlimm sein. maiers Büro angestellt war oder ist Die Identitären Michael Seibold Kevork Almassian. Der aus der armeund David Thomas Ratajczak vom nischen Minderheit stammende Syrer »Filmkunstkollektiv«, einer Art Werbeunterhielt seit 2012 Kontakte zu Manuagentur für Rechtsextremismus, reis- el Ochsenreiter und betreibt den Youten im Mai 2023 im Auftrag Zeilingers nach Maalula und fotografierten und In diesem Milieu gilt Assad tube -Kanal»Syriana Analysis«. Doch was wollen die Rechten in filmten für AHA. Im September war der AfD-Kreisvorsitzende in Stade, Maik Julitz, in als starker Führer, der sich gegen die Globalisten und Syrien? Die rechte Szene habe traditionell ein positives Syrien-Bild, sagt Jan Riebe.»Assad wird als starker Führer Maalula und posierte mit Zeilinger und AfD-Flagge vor dem»Hostel Heimat«. den Westen stellt gesehen, der sich gegen den Westen und die ›Globalisten‹ stellt«, meint der Julitz hatte bereits 2019 dafür geworBildungsreferent der Amadeu Antonio ben, dass Maalula Partnerstadt von Stiftung. Antiimperialismus von rechts Buxtehude wird. Bei der Ratssitzung, also. Der Flirt der Rechtsextremen mit in der der Antrag schließlich abgelehnt Syrien knüpfe an die historische»Fasziwurde, war auch Matthias Matussek nation für arabischen Antisemitismus, anwesend. Rund zwei Monate nach Antiamerikanismus und antiliberale seiner Reise nach Maalula fuhr auch Kräfte« an, sekundiert der ukrainische Julitz zum von Correctiv aufgedeckPolitologe Anton Shekhovtsov. ten»Geheimtreffen« in Potsdam und zahlte angeblich 5.000 Eine Faszination, die offenbar auch außerhalb DeutschEuro für seine Teilnahme. lands wirkt. Bereits 2005 besuchte David Duke, der langjähGernot Möring vom»Düsseldorfer Forum«, der Orgarige Führer der»Knights of the Ku Klux Klan«, Damaskus und nisator des Potsdamer Treffens, bei dem Pläne zur massenhielt im syrischen Staatsfernsehen eine antisemitische Rede. haften Deportation besprochen wurden, ist übrigens Sebas2013 besuchte eine Delegation der rechtsextremen»Allianz tian Zeilingers Schwiegervater. Eine weitere Teilnehmerin, Europäischer Nationaler Bewegungen« das Land, im selben Silke Schröder vom»Verein Deutsche Sprache«, erzählte in Jahr folgten eine polnische und eine italienische Gruppe. einem Interview freimütig, dass das»Düsseldorfer Forum« Griechische Rechtsextremisten sollen sogar an der Seite der bereits an AHA gespendet hat. Beim Aufbau von AHA wurAssad-Truppen gekämpft haben. 2015 und 2016 waren Verden die Identitären unterstützt von Manuel Ochsenreiter, er- treter der rechtsextremen»Allianz für Frieden und Freiheit« zählt Zeilinger in einem Podcast. Ochsenreiter war seit 2011 in Damaskus, unter ihnen der frühere NPD-Vorsitzende Udo Chefredakteur der rechten Zeitschrift Zuerst ! und ein GlobeVoigt. 2018 und 2019 trafen AfD-Delegationen Regimevertrotter mit angebliche guten Verbindungen nach Russland, treter in Damaskus und machten in Maalula Station. Syrien, Iran und zur Hizbullah. Ende Januar 2024 veröffentlichte die Tageszeitung Recherchen der Wochenzeitung Die Zeit zufolge arbeiWelt Briefe, die belegen, dass die AfD-Männer mit dem Astete er für die russische Gruppe Wagner und für den chinesi- sad-Regime einen Deal zur»ordentlichen Rückführung« von schen Geheimdienst. Er starb 2021 mit 45 Jahren in Moskau geflohenen Syrern schließen wollten. Einige der rechten Reian einem Herzinfarkt. Bereits 2012 besuchte Ochsenreiter segruppen trafen sich vor Ort auch mit Vertretern der»SyFoto: Facebook ZENITH 1/2024 37 rischen Sozial-Nationalistischen Partei«(SSNP). Die wurde 1932 gegründet und orientiert sich an sozialistischen Wirtschaftstheorien, rassistischen Ideologien, nationalromantischem Gedankengut und nationalsozialistischer Ästhetik. Das Parteilogo erinnert an ein Hakenkreuz, die Mitglieder träumen von einem Großsyrischen Reich und der Vernichtung Israels. SSNP-Milizen verteidigen das Regime, die Familie von Baschar Al-Assads Mutter und Cousin steht diesen Nationalsyrern nahe. Mit Männern wie dem SSNP-Vorsitzenden Ali Haidar an der Spitze der»Nationalen Versöhnungskommission« saß ein Zweig der Partei an wichtigen Schalthebeln des syrischen Machtapparats. Die Deutschen sind aber nicht die einzigen Rechten, die sich in Maalula tummeln und mit fragwürdigen Gruppen zusammenarbeiten: Die französische Online-Zeitung Médiapart enthüllte 2020, dass die von Mitgliedern der rechtsextremen französischen Partei»Rassemblement National« geführte NGO»SOS Chrétiens d'Orient«(SOSCO) Assad-Milizen unterstützen würde, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt werden. Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt deshalb seit 2022 gegen SOSCO. SOSCO hatte sich 2013 als Reaktion auf die Einnahme Maalulas durch Al-Nusra-Kämpfer und andere Rebellengruppen gegründet und war dort beim Wiederaufbau aktiv – und ähnelt auch sonst der deutschen AHA. Für den Rechtsextremismus-Experten Riebe ein weiterer Beleg dafür, wie gut die europäische Neue Rechte vernetzt ist:»Es ist davon auszugehen, dass sie Aktionen abstimmen und es kein Zufall ist, dass beide Organisationen im gleichen Dorf in Syrien landen.« Zeilinger indes bestreitet eine Zusammenarbeit. Die Menschen im Dorf wüssten nichts vom politischen Hintergrund der französischen Helfer, ist Rimon Wehbi aus Maalula überzeugt:»Sie haben wirklich geholfen, nicht mit Geld, sondern, was für uns noch wichtiger ist, mit ihrer Arbeit.« Später, erzählt Wehbi, seien immer mehr Organisationen nach Maalula gekommen, und da habe er gemerkt, dass etwas nicht stimmte:»Viele von ihnen haben Maalula für ihre eigene Agenda benutzt.« Genauer will er nicht werden. Auch Wehbi hat von AHA gehört, aber nie jemanden von der Organisation getroffen. Das Narrativ Assads, er schütze Minderheiten wie die Christen vor islamistischen Extremisten, verfängt bei europäischen Rechten, sagt Leila Al-Shami im Gespräch mit zenith . Die syrisch-britische Menschenrechtsaktivistin glaubt aber nicht, dass sich das Regime deshalb der extremen Rechten zugehörig fühlt:»Nützlich sind zunächst einmal alle Gruppen, die der Imagepflege dienen«. Reiner Opportunismus also? Die identitäre Ideologie scheint jedenfalls auch in Syrien durchaus anschlussfähig zu sein. So behauptet Zeilinger in seinem Podcast, dass die AHA in Syrien mit»Weggefährten« der»christlich-nationalen Community« zusammenarbeite. Christin Lüttich von der deutsch-syrischen Menschenrechtsorganisation» Adopt a Revolution « hält es für plausibel, dass die Identitären syrische Gesinnungsgenossen gefunden haben.»Unter libanesischen und syrischen Christen gibt es »Mit Kalschnikow[sic] zum Ballern«, steht unter dem Post von ExSpiegel -Journalist Matthias Matussek vom September 2018. Anhänger neo-faschistischer Strömungen, die faschistoides Gedankengut hegen«, sagt sie im Gespräch mit zenith . Hinzu komme der Konservatismus der christlich-orthodoxen Strömungen, der mit einer Abwertung anderer Religionen einhergehen könne:»Ein gemeinsamer Nenner mit der europäischen Rechten ist wahrscheinlich eine Art Solidarisierung gegen den Islam, eine Achse des Widerstands«. Eine wichtige Figur im Netzwerk der syrischen Rechten: Abdo Haddad. Er wird von Zeilinger als»lokaler Partner« bezeichnet und ist häufig auf Fotos mit Identitären und AfDlern zu sehen. 2019 empfing der Bundestagsabgeordnete Frank Pasemann, der an beiden Delegationsreisen der AfD nach Syrien teilnahm, Haddad in Berlin. Dieser wiederum kommentiert für russische Staatsmedien, tritt in den mit ihnen verbundenen Desinformationskanälen etwa auf Telegram auf und vertritt auch sonst Assad- und russlandfreundliche 38 GESELLSCHAFT Positionen. Interviewanfragen zu dieser Recherche beantals Strategie der Neuen Rechten, um den eigenen Rassiswortete Haddad nicht. Auch das Assad-Regime habe Maalumus zu verschleiern. Dem Konzept nach, so Riebe,»können la für sich entdeckt, sagt Christin Lüttich:»Maalula ist für verschiedene Ethnien nur auf einem bestimmten Territorium seine vielen Kirchen bekannt und wird so zum Symbolort leben und sich dort ›entfalten‹. Im Klartext: Deutschland des Regimes stilisiert.« Die Botschaft: In dieser Wiege des den Deutschen, die Türkei den Türken und Arabien den AraChristentums haben die Regierungstruppen die Islamisten bern.« besiegt. Das funktioniert wohl auch deshalb so gut, weil Man muss nicht rechts sein, um nach Syrien zu reisen – Maalula auch noch malerisch gelegen ist.»Der Ort hat etwas so wird es nach außen kommuniziert. Die Website der AHA Mythisches. Eine solche Kulisse lässt sich gut verkaufen«, wirbt für einen Reiseveranstalter. Das Portal»Reise nach Symeint Lüttich. rien« wird von Marius Kaul aus Erftstadt bei Köln betrieben. Ob zumindest das Dorf selbst von der Aufmerksamkeit In AHA-Werbevideos ist der Link zu seiner Reiseseite direkt der Ausländer profitiert, ist fraglich.»Die Geschichte liegt nach dem Logo der Identitären selbst zu sehen. Zeilinger schon einige Jahre zurück«, schreibt etwa Werner Arnold spricht von»touristischen Reisen, die wir anbieten«. vom Verein»Hilfe für das Aramäerdorf Maaloula e.V.« in eiDoch Kaul will die Leute hinter AHA nie kennengelernt ner Mail an zenith . Kaum jemand, der im Dorf geblieben sei, haben, sagt er zenith am Telefon. Mit dem rechtsextremen habe diese Menschen gesehen. Seine Bekannten in MaaluGedankengut hinter der Organisation habe er sich»nicht inla könnten sich an einen Bus erinnern, schreibt Arnold. Der tensiv beschäftigt«. In der Broschüre zu seiner Syrienreise sei aber nach kurzer Zeit samt Fahrer in den Libanon versteht eine Übernachtung im»Hostel Heimat« auf dem Proschwunden, so der Semitist von der gramm – andere Unterkünfte gebe es Universität Heidelberg. Die von AHA in Maalula nicht, argumentiert Kaul. gespendeten Bienenstöcke seien nicht In einer späteren Mail schreibt Kaul mehr da, der Zahnarzt in ein anderes dann,»dass die Verbindung[zu AHA] Dorf gezogen. Arnold glaubt, dass es ausschließlich in einer zeitlich befristeAHA»nur um ein paar spektakuläre ten, geschäftlichen Zusammenarbeit Fotos« gegangen sei. bestand, die mittlerweile nicht mehr Zeilinger hingegen schreibt zenith , »Der Blick über den besteht«. man sei stolz auf das Projekt, durch das»vor Ort in Syrien immer noch ärztliche Versorgung, Transportmöglicheigenen Tellerrand ist für die patriotische Szene Im 470.000 Einwohner zählenden Rhein-Erft-Kreis, wo der Reiseveranstalter gemeldet ist, sitzt ein Marius keiten und viele andere weitere kleine Unterstützungsleistungen das Leben ungeheuer wichtig« Kaul im AfD-Kreisvorstand. Im Gespräch mit zenith bestreitet der Reiseder Menschen trotz der aussichtsloveranstalter, in der AfD aktiv zu sein, sen Lage einigermaßen erträglich maes müsse sich um jemanden mit dem chen«. Dennoch soll das Projekt Ende gleichen Namen handeln. Zwei Tage 2024 auslaufen, da die»Infrastruktur nach diesem Gespräch verschwindet zum eigenen Gelderwerb der Einheider Name Marius Kaul von der AfD-Seimischen dank des Hostels prinzipiell te, an anderer Stelle tauchen die Initigewährleistet« sei, so Zeilinger. alen M.K. weiterhin auf. Auf seinem Rimon Wehbi hat davon gehört, dass AHA eine JugendLinkedIn -Profil macht Kaul widersprüchliche Angaben, beherberge gegründet hat – aber es kämen ohnehin nur noch hauptet etwa, in Bundes- und Landesfachausschüssen tätig wenige Touristen in sein Maalula:»Vor dem Krieg waren es zu sein. Auch dass er, wie er ebenfalls angibt, an der Uniüber 400.000 Besucher im Jahr. Jetzt ist es nicht einmal versität Bonn ein Diplom in Rechtswissenschaften erworben mehr ein Zehntel davon.« Warum also eine Herberge in hat, entspricht nicht der Wahrheit, wie ein Mitarbeiter der Maalula? Das könnte mit den Plänen von Sebastian Zeilinger Universität zenith auf Anfrage mitteilt. Mit Urlaubsfotos aus zusammenhängen: Er will ein Freiwilligenprojekt für junge Syrien wollen Rechtsextreme und AfD-Politiker erreichen, rechte Europäer ins Leben rufen. Nur gebe es»derzeit und dass Syrer aus Deutschland abgeschoben werden. Das sagt vermutlich auch die nächsten Jahre« Visaprobleme, klagt Zeilinger ganz offen: Das»Narrativ des Mainstreams« stehe Zeilinger gegenüber zenith . Er halte»den Blick über den der»Remigration diametral entgegen«. Einen solchen Vereigenen Tellerrand« für»die patriotische Szene für enorm harmlosungsversuch unternimmt etwa Matthias Matussek, ungeheuer wichtig«, sagt er in einem Interview mit Info-Diwenn er auf Facebook ein Bild von zwei Syrerinnen postet, rekt . Das»Hostel Heimat« soll demnach als Herberge für den von denen eine ein tief dekolletiertes Oberteil trägt. identitären Nachwuchs dienen. Darunter kommentiert Matussek, er habe die Frau foIn einem auf Youtube veröffentlichten Gespräch mit dem tografiert,»um die Freizügigkeit unter Assad zu dokumenIdentitären-Gründer Martin Sellner erklärt Zeilinger, er wolle tieren«. Das Image Syriens aufzupolieren, kommt natürlich einen»kulturellen Austausch auf Augenhöhe« ermöglichen auch dem Regime entgegen. Es hofft, international wieder – das passe zu seinem Konzept des»Ethnopluralismus«. Rieals Partner wahrgenommen zu werden. Europas Rechte be von der Amadeu Antonio Stiftung definiert diesen Begriff würde das freuen. ZENITH 1/2024 39 Einladung zum Paradies Ramsan Kadyrow inszeniert sich und seine Herrschaft in Tschetschenien zunehmend als islamkonform. Damit dient er sich nicht nur dem Kreml an, sondern gewinnt auch in Teilen der Diaspora an Einfluss – auch in Deutschland VON ADAM ASHAB UND CASPAR SCHLIEPHACK T schetschene zu sein: Das bedeutet seit Jahrhunderten ein schier aussichtsloser Kampf um das Überleben der eigenen Kultur, Sprache und Gruppe.»Märsch woghil! – Ich hoffe, du kommst in Freiheit« – so begrüßen sich viele Tschetschenen bis heute. Immer wieder musste die Volksgruppe sich gegen die Unterwerfungsversuche Moskaus wehren – ihnen wurden verheerende Kriege aufgezwungen, sie litten unter massiver staatlicher Verfolgung und 1944 auch unter Massendeportationen. Trotz aller Widrigkeiten ist der Wunsch nach Unabhängigkeit nie erloschen. Die Bevölkerung fand immer wieder Wege, den Widerstand gegen Russland fortzusetzen: als Solidaritäts- und Kampfgruppen innerhalb des eigenen Clans oder der Dorfgemeinschaft, als fromme muslimische Kämpfer eines Sufi-Ordens, als Anhänger und Soldaten der international nie anerkannten Tschetschenischen Republik Itschkerien oder als zunehmend salafistisch geprägte Kampfverbände im Kaukasus. Stets diente der Islam als verbindendes Element nach innen, als Abgrenzung gegenüber Russland und nicht selten als treibende Kraft des bewaffneten Widerstands. Der Kontrast zu den aktuellen Entwicklungen in Tschetschenien könnte kaum größer sein: Russland und das von Moskau eingesetzte tschetschenische Regime um Ramsan Kadyrow verbreiten seit Jahren erfolgreich ein Narrativ, das die tschetschenische Identität und den Islam zu Quellen der Loyalität gegenüber dem Kreml umdeutet. Russland wird in dieser Lesart als Schutzmacht konservativer Werte und Religionsgemeinschaften sowie als Bollwerk gegen den aggressiven, moralisch verkommenen, weil demokratischen Westen gedeutet. Im Gegenzug, so die Schlussfolgerung, schulde man Russland und seinem Präsidenten daher Loyalität und Treue. Ramsan Kadyrow nimmt dabei eine Schlüsselfunktion ein: Er besucht regelmäßig Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit und empfängt daheim einflussreiche Politiker und andere Persönlichkeiten. So fungiert er für den Kreml als Türöffner auf dem internationalen Parkett und knüpft eigene Kontakte zu Geheimdienstchefs, Kronprinzen und Ministern. In Fernsehansprachen wendet er sich auf Russisch und Tschetschenisch direkt an die Diaspora, droht Landsleuten im Ausland und anderen, die er für Feinde Russlands hält. Gleichzeitig stellt er immer wieder klar, dass alle Tschetschenen, die seine Autorität nicht infrage stellen, in ihre Heimat zurückkehren und dort unter seiner vorgeblich islamischen Herrschaft ihre Religion ausüben können. Ein Narrativ, dessen sicherheitspolitische Auswirkungen weit über die Grenzen der Russischen Föderation hinaus spürbar sind. Dank Kadyrow kann sich Russland als natürlicher Verbündeter all jener Staaten und Gemeinschaften präsentieren, die betonen, sich in besonderer Weise Werten wie Moral, Ordnung und Religion verpflichtet zu fühlen. Trotz des Angriffskrieges gegen die Ukraine und der Sanktionen des Westens erweist sich diese Strategie als erstaunlich erfolgreich. Auch in der ursprünglich überwiegend russlandkritischen tschetschenischen Diaspora verfängt dieses Narrativ und erzeugt beziehungsweise verstärkt eine pro-russische Grundhaltung – trotz eigener Verfolgungserfahrungen und trotz beziehungsweise wegen der zunehmenden Hinwendung zu sehr konservativen Islaminterpretationen. Um zu verstehen, warum der Kreml auf der internationalen Bühne ausgerechnet Ramsan Kadyrow als Kronzeugen für dieses Narrativ ins Feld führt, lohnt ein Blick in die jüngere Geschichte der nordkaukasischen Teilrepublik: Denn in Kadyrows Tschetschenien ist Russland ein Experiment gelungen, dessen Ergebnisse Putin nun weltweit nutzbar machen kann. In den 1990er-Jahren erstarkten tschetschenische Salafisten und traten in Konkurrenz zum überwiegend säkular orientierten ethno-nationalistischen Lager, das bis dahin den bewaffneten Kampf gegen Russland dominiert hatte. Nachdem russische Truppen Anfang der 2000er-Jahre die Region weitgehend wieder unter ihre Kontrolle gebracht hatten, begann der Kreml mit der Umsetzung einer Islampolitik, die auf die Schaffung von Vasallen abzielte, die Russland direkt kontrollieren konnte. Im Zentrum dieser Islampolitik stand die Schwächung und Delegitimierung aller antirussischen Kräfte auf tschetschenischer Seite bei gleichzeitiger Kooptierung des sufistischen Islams beziehungsweise seiner Vertreter. Russland wollte sich damit eine der wichtigsten Triebkräfte des Widerstands zunutze machen: den Islam. Dazu gründeten 40 POLITIK russische Stellen staatlich finanzierte religiöse Institutionen, Amerika. Solche Inhalte erreichen mittlerweile Millionen von förderten Organisationen und Ämter und schließlich jene suMenschen weltweit. fistischen Eliten, die sie unter ihre Kontrolle bringen wollten. Anfang letzten Jahres tauchte der bis dahin pro-ukrainiGegenüber dem Westen verkaufte Moskau sein brutales sche Tschetschene Husein Dschambetow in den Vereinigten Vorgehen im Nordkaukasus als Kampf gegen die aus dem Arabischen Emiraten auf und verkündete in Begleitung eines Ausland eingesickerte Ideologie des Salafismus und als Teil hochrangigen Kadyrowzy -Kommandeurs, er werde künftig des»Krieges gegen den Terror«, der damals ohnehin den für Russland kämpfen. Ein Seitenwechsel, den die tschetöffentlichen Diskurs dominierte. Gleichzeitig nutzte die russchenischen Medien zu nutzen wussten. Dschambetow wursische Regierung ihre Islampolitik im Nordkaukasus, um ihre de nach Grosny geflogen, wo er öffentlich seine Loyalität zu Beziehungen zur islamischen Welt auszubauen. So sprach Kadyrow bekundete und seinen neuen Herrscher persönlich Wladimir Putin 2003 als erstes Staatsoberhaupt eines Lantraf und unterwürfig begrüßte. In einem der Videos behaupdes ohne muslimische Bevölkerungsmehrheit auf einem Giptet der Überläufer, erst in Grosny den wahren Islam gefunfel der»Organisation für Islamische Zusammenarbeit«(OIZ) den zu haben. und behauptete, Russland sei Teil der islamischen Welt und Ein anderes Video zeigt Dschambetow zusammen mit seit jeher Heimat vieler muslimischer Volksgruppen. zwei weiteren jungen Männern, die offenbar ebenfalls aus Zwei Jahre später, 2005, wurde Russland als ständiger der Diaspora stammen und nun in Tschetschenien eine miBeobachter in die OIZ aufgenommen. Seitdem verstärkt litärische Ausbildung erhalten. An die Tschetschenen in EuMoskau seine Darstellung Tschetscheniens als angebropa gerichtet, fordert Dschambetov in diesem Video alle lich vorbildliche islamische Republik innerhalb Russlands. wehrfähigen Männer auf, ebenfalls nach Tschetschenien zu Ramsan Kadyrow wird in dieser Imagekampagne als aukommen und sich für den Kampf ausbilden zu lassen, um thentischer Führer und legitimes Oberhaupt Tschetscheniihren Teil zum Schutz der dort angeblich etablierten Scharia ens präsentiert. Kadyrow zelebriert bei jeder sich bietenden beitragen zu können. Gelegenheit die unter seiner Herrschaft Eine besorgniserregende Entgestiegene Bedeutung des Islam in wicklung, denn: Appelle wie der von Tschetschenien und huldigt im gleichen Kadyrow inszeniert sich Dschambetov richten sich an die Diaspora in Westeuropa. In Deutschland Atemzug unterwürfig Wladimir Putin. als»Wertebotschafter« trifft diese Botschaft auf eine GemeinUnter Kadyrows Herrschaft und mit russischem Geld wurde nicht nur Russlands in der schaft, die in weiten Teilen ohnehin schon extrem konservativ eingestellt ist die Hauptstadt Grosny wieder aufgeislamischen Welt und in der extremistische Vorstellungen baut, Tschetschenien erhielt auch eine auf dem Vormarsch sind. Noch sind es deutlich»islamischere« Fassade, etwa vor allem salafistische Vordenker, die in Form zahlreicher prunkvoller Moscheen, strenger Kleiunter tschetschenischen Jugendlichen die Errichtung eines dervorschriften und inszenierter öffentlicher Auftritte von »Islamischen Staates« und die Einführung der Scharia proOffiziellen und religiösen Würdenträgern. Kadyrow brüstet pagieren. Doch deren Anziehungskraft nimmt ab, je besser sich damit, dass unter ihm in Tschetschenien die Scharia es Kadyrow gelingt, sich als islamkonformer Herrscher zu herrsche und die Tschetschenen endlich in Frieden und ohne präsentieren. Einschränkungen ihre Religion ausüben könnten. Putin sei Denn hinzu kommt, dass Kadyrow über reale Macht verDank. fügt. So kann er nicht nur auf den Rückenwind des von RussBesorgniserregend ist in diesem Zusammenhang die land seit Jahren verbreiteten Narrativs eines legitimem islaRadikalität der Botschaften, die von offizieller und halboffimischen Führers zählen, er kann auch darüber entscheiden, zieller Seite in Russland verbreitet werden, insbesondere seit wer aus Ländern wie Deutschland ein- und wieder ausreisen Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine. Die in russidarf. Auf diese Weise gewinnt das Regime zunehmend an scher, tschetschenischer und inzwischen auch in arabischer Einfluss im Ausland. Sprache verbreiteten Aussagen unterscheiden sich teilweise Die russische Islampolitik im Nordkaukasus hat also dikaum noch von islamistischer und dschihadistischer Proparekte Auswirkungen auf die Entwicklungen in Deutschland. ganda. So bezeichnete der Mufti von Tschetschenien den Sie ist der Versuch, eine ehemals feindlich gesinnte Bevölrussischen Angriffskrieg als»Dschihad«. kerungsgruppe für sich und die eigenen politischen Ziele zu Dazu passend kursierten Fotos von tschetschenischen gewinnen. Soldaten beim Gemeinschaftsgebet nahe der Front und Videos mit Aufnahmen aus Mariupol, die mit einschlägiAdam Ashab ist Rechtswissenschaftler mit einem Fokus auf gen Anaschid-Gesängen unterlegt sind. Eines davon zeigt Migration, Meinungsfreiheit und Sicherheitspolitik. Er arbeitet Kadyrows Soldaten in Mariupol Anfang 2023 und fand auf als Berater in der Fachstelle Islam im Land Brandenburg. verschiedenen Social-Media-Kanälen unter anderem in arabischer Sprache Verbreitung. In dem Clip geht es um den Caspar Schliephack ist Islamwissenschaftler und Berater in angeblichen Krieg der Tschetschenen gegen den Wesder Fachstelle Islam im Land Brandenburg. Er arbeitet unter ten, gegen Ungläubige und Juden in der Ukraine, gegen anderem zu den Themen nordkaukasische Gemeinschaften kampfunwillige Araber und gegen den»großen Satan« und Islamismus. Foto: www.president.ir Foto: Wikimedia Commons ZENITH 1/2024 41 DIE MATROSEN DES MAHDI Irans Präsident Ebrahim Raisi beim Flottenbesuch im Herbst 2022 Schah Muhammad Reza Pahlavi stattet Anfang der 1970er-Jahre der iranischen Marine in Bandar Anzali einen Besuch ab. Wie stark ist die Flotte der Islamischen Republik Iran? Sie knüpft an alte Ambitionen an und ist heute an drei Meerengen so gut aufgestellt wie noch nie VON WALTER POSCH 42 POLITIK Einen schweren Rückschlag erlitt diese Entwicklung O b die Straße von Hormus im Golf, das Kaspische Meer oder 1941 durch die britisch-sowjetische Invasion des Landes. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und der Konsolidierung der zentralstaatlichen Macht Anfang der 1950er-Jahre konnte der systematische Ausbau der iranischen Marine wieder aufgenommen werden. Die USA und Großbritannien lieferten Zerstörer, Korvetten und Fregatten. Zum Teil überließen die beiden Großmächte den Iranern die Schiffe aber auch kostenlos. Mitte der 1950er-Jahre wurde neben dem Generalstab des Heeres ein eigener Admiralstab und Luftdas Rote Meer: Gewässer spielen in der iranischen Regiowaffenstab eingerichtet, die ab 1957 zum»Großen Generalnalpolitik eine zentrale Rolle – und stehen immer häufiger stab der Streitkräfte« zusammengefasst wurden. 1971 spielte im Mittelpunkt militärischer Auseinandersetzungen. Die die Flotte im Persischen Golf eine zentrale Rolle bei der iraMachtprojektion in Richtung Indischer Ozean ist ebenso nischen Annexion der strategisch wichtigen Tunb-Inseln in wie der große Geheimdienstapparat ein Erbe des Vorgänder Straße von Hormus. gerregimes, das die Islamische Republik übernommen und In dieser Zeit begann die eigentliche Aufrüstung der ausgebaut hat. iranischen Marine, die 1979 über drei Zerstörer, je vier FreDie iranische Marine wurde von der Pahlavi-Dynastie gatten und Korvetten, zahlreiche Patrouillenboote, Minengegründet. Obwohl die militärische Seefahrt Persiens bis in räumer und-leger sowie Luftkissenboote verfügte. Hinzu die Antike zurückreicht, spielten die Marinestreitkräfte vor kamen zwölf Angriffsschiffe der Kaman-Klasse und eine der Islamisierung Irans keine herausReihe von Versorgungsschiffen. Die ragende Rolle. Erst im 16. Jahrhundert damaligen Planungen sahen zusätzversuchte der Safawiden-Schah Abbas lich einen kleinen Flugzeugträger aus der Große, eine Handelsmarine aufzuUS-amerikanischer oder britischer Probauen. Im 19. Jahrhundert unterhielten duktion sowie deutsche U-Boote vor. die Kadscharen einige Kanonenboote, Die von den USA und Großbritandie aber militärisch unbedeutend blieben. Dies lag auch daran, dass die Briten den Indischen Ozean im Allgemeinen Die Marine der Revolutionsgarde nien in den 1960er- und 1970er-Jahren aufgebaute iranische Marine sollte nicht nur das Vereinigte Königreich als»Genund den Persischen Golf im Besonderen kontrollierten, während die Russen das Kaspische Meer beherrschten. ist berüchtigt für ihre waghalsigen darm im Persischen Golf« ablösen, sondern auch den iranischen Einfluss in den Indischen Ozean ausdehnen. Der Sturz Die Geschichte der modernen iranischen Streitkräfte und damit auch der Operationen des Schahs und der lange Krieg sowie fehlende finanzielle Mittel machten dieMarine beginnt 1922, als der»Tagesbese Pläne zunichte. fehl Nr. 1« die Auflösung aller bisherigen Mit der Revolution wurde aus den Einheiten und die Neugründung einer »Seestreitkräften des Kaiserreichs »Einheitsarmee« anordnete. Sowohl Iran« die der»Islamischen Republik die Flotte im Kaspischen Meer als auch Iran«. Neu gegründet wurde dagegen die im Persischen Golf übernahmen da1985 die Marine der Revolutionsgarde, mals Schiffe aus Weltkriegsbeständen. An beiden Seefronten die ausschließlich im Persischen Golf operiert und auch als wurden die Verbände dann zur Aufstandsbekämpfung einKüstenwache fungiert. Beide Seestreitkräfte Irans verfügesetzt. Etwa 1925, als Reza Schah Pahlavi den Aufstand des gen über eigene Marineinfanterieeinheiten, Minenleger halbautonomen Emirats Muhammara in der mehrheitlich und-räumer. Im Ersten Golfkrieg erlitt die iranische Flotte arabischsprachigen Provinz Khusistan niederschlug und schwere Verluste: Eine iranische Seemine beschädigte eine dessen kleine, aber schlagkräftige Flottille der iranischen US-Fregatte auf Patrouille, was zu einer kostspieligen KonMarine angliederte. frontation mit den USA führte. Am Ende der als»Operation Ab 1926 entsandte die Armee iranische Offiziere als Praying Mantis« in die Geschichte eingegangenen AuseinanKadetten zur Marineausbildung nach Italien, gleichzeitig dersetzung am 18. April 1988 hatte Iran fünf Schiffe verloren. kamen italienische Berater ins Land. In den 1930er-Jahren In den 1990er-Jahren modernisierte Iran seine westrichtete der Generalstab ein Büro für Luftwaffe und Mariliche Flotte mit chinesischen, russischen und selbst entwine ein. Der Schwerpunkt lag bei den Luftstreitkräften, die ckelten Raketen. Kernstück waren ursprünglich vier – seit im Rahmen der Heeresfliegerei die Kavalleriedivisionen bei 1988 nur noch drei – in Großbritannien gebaute Fregatten der Aufstandsbekämpfung unterstützten. Die Marine trat der Alvand-Klasse. Im Persischen Golf liegt auch die iranidemgegenüber in den Hintergrund, wurde aber zielstrebig sche U-Boot-Flotte, deren Grundstein in den 1990er-Jahren ausgebaut. mit drei U-Booten der sowjetischen Kilo-Klasse gelegt wurZENITH 1/2024 43 de. Bis heute sind etwa 20 Mini-U-Boote der Ghadir-Klasse Schah Pahlavi und später Ayatollah Ruhollah Khomeini, aus eigener Produktion hinzugekommen, die auf nordkoresetzten diesen Kurs fort. Ihre Leistungsfähigkeit stellten anischen beziehungsweise jugoslawischen Vorbildern basiedie iranischen Werften 2010 unter Beweis, als sie vier Freren. Auch die mittelschweren U-Boote der Fateh-Klasse wer- gatten der Mudsch-Klasse aus eigener Produktion an die den von iranischen Rüstungsfirmen hergestellt. Marine auslieferten. Dass diese selbst gebauten Schiffe durchaus über ernst Die schiffstechnischen Fähigkeiten spiegeln das späzu nehmende Fähigkeiten verfügen, zeigt ein Vorfall im testens seit 2011 messbar gestiegene Ambitionsniveau der Persischen Golf im April 2023. Damals gelang es einem iranischen Marine wider. Damals liefen iranische Mariiranischen U-Boot der Fateh-Klasse, das amerikanische neschiffe erstmals chinesische, sudanesische und syrische Atom-U-Boot»Florida« zum Auftauchen und dann zu einer Häfen an. Die Präsenz im östlichen Mittelmeer erregte Kursänderung zu zwingen – und das, obwohl die»Florida« ebenso internationales Aufsehen wie Berichte über Manömit moderner Stealth-Technologie ausgestattet ist, die sie ver mit Russland und China. Die maritime Zusammenareigentlich vor anderen Schiffen verbergen soll. beit zwischen den drei Staaten hat sich seither intensiviert, Schließlich verfügt die Marine der Revolutionsgarde erreicht aber bei Weitem nicht den Umfang und die Qualiauch über eine große Zahl von Schnell- und Patrouillentät der Interoperabilität der kaiserlichen Marine mit der US booten, die mit Raketen ausgerüstet sind, sowie über eine Navy in den 1970er-Jahren. Raketenkorvette nach chinesischem Vorbild aus eigener Anfang 2023 verkündete die iranische Marine einen Produktion. Diese Schiffe spielten in den 1980er-Jahren weiteren Meilenstein: Der Zerstörer»Dena« und der Hubeine wichtige Rolle im sogenannten Tankerkrieg gegen schrauberträger»Makran« umrundeten den Globus. Damit den Irak. Damals wurde erstmals die ist Iran erstmals in seiner Geschichte Schwarmtaktik nach der Doktrin der auf allen Weltmeeren präsent und in »Guerilla auf See« angewandt: Viele der Lage, entlang der wichtigsten neukleine Schnellboote griffen an und zoralgischen Meerengen zu operieren: gen sich umgehend wieder vom Gefecht dem geostrategisch wichtigen Dreieck zurück. bestehend aus der Straße von Hormus, Bis heute ist die Marine der Reder Straße von Malakka und dem Golf volutionsgarde berüchtigt für ihre waghalsigen Operationen, bei denen Um seine von Aden. In Hormus teilt sich Iran die Seegrenze mit Oman, mit Indonesien Schnellboote direkt vor US-Flugzeugträgern und Kriegsschiffen kreuzen. In drei Fällen nahmen Marinesoldaten der Hochseetauglichkeit zu stärken, braucht Iran unterhält die Islamische Republik ausgezeichnete diplomatische Beziehungen marinediplomatischer Art, und im JeRevolutionsgarde in den vergangenen Jahren britische und US-amerikanische vor allem Ruhe men steht die Huthi-Miliz auf Teherans Seite. Soldaten wegen angeblicher GrenzverIran wird wohl zunächst die Hochletzungen gefangen. Seit die USA das seetauglichkeit seiner Flotte unter BeÖlembargo gegen Iran mit aller Härte weis stellen und dann seine Präsenz durchsetzen und den Transport iraniverstetigen wollen. Dazu braucht Teheschen Öls in internationalen Gewässern ran aber vor allem Ruhe in der Region. unterbinden, fängt die Revolutionsgar- Denn bei den Angriffen der verbündeten de ihrerseits ausländische Tanker nach Huthis auf Israel und die internationale eigenem Gutdünken ab: vor allem im Persischen Golf, also Schifffahrt kamen auch iranische Raketen zum Einsatz. Teim Befehlsbereich der Revolutionsgarde. heran muss deshalb damit rechnen, von der internationalen Das ursprüngliche Konkurrenzverhältnis zwischen Gemeinschaft dafür zur Verantwortung gezogen zu werden den beiden iranischen Marinen hat sich gewandelt, heute oder, alternativ, als durchsetzungsschwach oder verantworergänzen sich die beiden Verbände. Damit einher geht eine tungslos dazustehen. Nämlich dann, wenn der Eindruck regionale und aufgabenspezifische Spezialisierung, denn entsteht, die Huthis hätten Iran kein Mitspracherecht beim funktional handelt es sich um eine Küsten- und eine HochEinsatz ihrer Raketen eingeräumt. seeflotte. Wie stark die maritime Identität bei der RevoluIn beiden Fällen laufen die Entwicklungen im Roten tionsgarde aber nach wie vor ausgeprägt ist, zeigt sich auch Meer den Interessen der iranischen Marine zuwider, die sich an den Uniformen: Vor zwei Jahren wechselte die Gardeals rationale und verantwortungsbewusste Macht in diesem marine vom einheitlichen Grün der Revolutionsgarde zum Teil der Welt etablieren möchte. Weiß der Marine. Ähnliche Entwicklungen sind auch bei anderen Spezialeinheiten zu beobachten. Dr. Walter Posch hat Islamwissenschaft, Iranistik und TurBereits Schah Reza Pahlavi hatte den Aufbau einer kologie studiert. Momentan forscht er am Institut für FrieRüstungsindustrie und die Ausbildung entsprechender denssicherung und Konfliktmanagement der LandesverteidiFacharbeiter initiiert. Seine Nachfolger, Sohn Muhammad gungsakademie in Wien. 44 DIE WIEDERKEHR DER PALÄSTINAFRAGE ZENITH 1/2024 45 Wie der Krieg in Gaza die internationale Ordnung erschüttert und wie die Welt auf den Nahen Osten blickt L ange waren der Nahostkonflikt und die Suche nach seiner Lösung von der Agenda der Internationalen Gemeinschaft verschwunden. Dann kam der 7. Oktober 2023. In den Geschichtsbüchern könnte dieser Tag einmal als eine Art epochaler Einschnitt gelten: ein Ereignis, welches auf das globale Machtgefüge wirkt. Westliche Staaten, insbesondere die USA und Deutschland, stellten sich nach dem Hamas-Angriff und dem darauffolgenden Krieg zunächst nahezu bedingungslos hinter die Regierung Netanyahu. Aber wie nimmt der sogenannte Globale Süden die Entwicklung wahr? Und wie kommt es zu der oft großen Empathielosigkeit für die Opfer auf der jeweiligen Seite? In diesem zenith -Dossier berichten Autorinnen und Autoren aus[ber einem Dutzend Ländern – von Argentinien über Marokko bis China – wie der Konflikt dort gesehen wird. Und warum man die Palästinafrage wieder weltweit diskutiert. 46 DOSSIER Seit Jahrzehnten leben Hunderttausende Palästinenser in Lagern im Libanon. Nun fliehen auch immer mehr Libanesen vor den israelischen Angriffen im Süden des Landes. Weißer Phosphor Alle Welt redet über die Gefahr einer Ausweitung des Gaza-Kriegs in der Region. Im Libanon findet er längst statt. Eine Reportage VON HANNA VOSS Foto: Hanna Voß ZENITH 1/2024 47 E Das ruft er immer r ist der Kleinste und Jüngste von allen, aber Kassem weiß am meisten über Waffen. Über Drohnen und Panzer, er kennt die Unterschiede zwischen F14- und F16-Kampfflugzeugen und kann anhand der Wucht eines Einschlags einschätzen, wo dieser stattgefunden hat.»Ich weiß alles«, sagt er, und:»Ich habe keine Angst.« wieder, auch als sich seine Schwester arbeitet, so schwer verletzt wurde, dass ihr ein Bein amputiert werden musste. Wie Human Rights Watch und Amnesty International dokumentiert haben, setzt Israel seit Mitte Oktober immer wieder weißen Phosphor in grenznahen libanesischen Dörfern und auf anliegenden Feldern ein. Eine Chemikalie, die schwere Brände und immense Schäden für Mensch, Tier und Natur verursacht. Diese und andere Substanzen zerstörten die Lebensgrundlage Tausender libanesischer Bauern, Zehntausende Olivenbäume verbrannten, einige davon über tausend Jahre alt. Alaa nach einem vibrierenden Donnergrollen irgendwo Kassems Vater Hussein und seine Frau, die ihren Nadraußen auf dem Schoß ihres Vaters zusammenkauert. men nicht nennen will, gehören zu denen, die ihre Felder zuKassem hüpft barfuß zwischen seinen Eltern und Gerücklassen mussten. Sie wissen nicht, was aus ihnen geworschwistern umher, greift nach Barbiepuppen und Kabeln, den ist. Längst ist es zu gefährlich, dorthin zurückzukehren, die auf dem Boden liegen, aber nichts davon interessiert ihn und sei es nur, um nach monatelanger Flucht weitere Habseso sehr wie das, was seit einem halben Jahr keine zwanzig ligkeiten zu holen. Bis zu sieben Angriffe pro Tag fliegt die isKilometer entfernt passiert. raelische Armee inzwischen auf die Grenzregion, viele DörAm 8. Oktober, einen Tag nach dem mörderischen Anfer im Süden des Libanon sind verlassen und zerstört. Zivile griff der Hamas auf Israel, eröffnete die Hizbullah vom SüInfrastruktur wie Wohnhäuser und Schulen werden ebenso den des Libanon aus eine zweite Front. Sie schoss an diesem bombardiert wie Stützpunkte der Hizbullah und ihre WafTag Dutzende von Lenkraketen und Artilleriegranaten auf fenlager. Darüber hinaus hat Israel bereits Städte wie Saida, die unbewohnten, von Israel besetzten Shebaa-Farmen ab, nur 30 Kilometer von Beirut entfernt, oder Baalbek weit im die der Libanon als eigenes Staatsgebiet betrachtet. Eine Nordosten angegriffen. Solidaritätsbekundung für den Je näher Israel an Beirut und palästinensischen Verbündeten, anderen Großstädten operiert, denn als wichtigster Akteur in der desto präziser werden die Schlävon Teheran installierten Achse ge. Dann scheint die IDF genau zu des Widerstands war die Hizbullah geradezu ideologisch verpflichtet, auf die von der Hamas ausgeDie anfänglichen Scharmützel haben längst die Dimension eines wissen, welcher Hamas-Kommandeur sich wann in welchem Auto oder Haus befindet. Die Geheimlöste»Al-Aqsa-Flut« zu reagieren. Israel antwortete mit DrohKrieges angenommen dienstinformationen, über die Israel verfügt, beeindrucken Freund nenangriffen und Artilleriebeund Feind gleichermaßen. schuss auf Stellungen der HizbulIm grenznahen Süden scheint lah nahe der libanesischen Grenze dieses Prinzip nicht zu gelten. Wer zu den von Israel besetzten Goin von der Hizbullah beherrschten lanhöhen. Aus den anfänglichen Scharmützeln ist längst Gebieten lebt, muss damit rechnen, zur Zielscheibe zu werein Krieg geworden: Bis Ende März wurden mindestens 331 den. Dabei ist die»Partei Gottes« aus der Sozialstruktur des Libanesen getötet, darunter 57 Zivilisten, auch Frauen und libanesischen Südens so wenig wegzudenken wie die CSU Kinder. Heiko Wimmen ist Direktor des Libanon-Projekts aus Bayern – was wiederum keineswegs bedeutet, dass die der International Crisis Group und lebt seit 1994 im Land. Mehrheit der Bewohner im Süden die Hizbullah aktiv unterEr sagt:»Die Hizbullah hat diesen Krieg begonnen. Aber stützen würde. Völkerrechtlich sind sie durch ihren Wohnseitdem ist Israel auf der Eskalationsleiter immer ein, zwei ort nicht weniger Zivilisten als etwa die Christen in den Schritte nach oben gegangen – die Hizbullah folgt, wenn nördlichen Bergregionen des Libanon. überhaupt.« Auf die Ermordung des Hamas-Funktionärs Als Entschädigung zahlt die Hizbullah Husseins FamiSaleh Al-Arouri Anfang Januar mitten in Beirut folgte ein lie monatlich umgerechnet 85 Euro, im Ramadan das DopRaketenhagel auf den Norden Israels und den strategisch pelte. Vom libanesischen Staat, der nur noch als Farce exiswichtigen Luftwaffenstützpunkt Meron, der schwer betiert, kommen nicht einmal mehr Lippenbekenntnisse, als schädigt wurde. Doch die von Hizbullah-Chef Hassan Nashätte man mit all dem nichts zu tun. Seit 2019 befindet sich rallah einst ausgerufene Gleichung»Stadt für Stadt(Beirut das Land in der größten Wirtschaftskrise seiner Geschichte, für Tel Aviv), Zivilist für Zivilist« kommt, bis jetzt, nicht die libanesische Lira hat 95 Prozent ihres Wertes verloren, zur Anwendung. mehr als 80 Prozent der Libanesen leben unter der ArmutsDennoch: 96.000 Menschen wurden aus dem Norden grenze. Seit den Parlamentswahlen im Mai 2022 ist die ReIsraels vertrieben, 100.000 aus dem Süden des Libanon. Begierung nur noch geschäftsführend im Amt, seit dem Auszug reits am 13. Oktober tötete die israelische Armee bei einem von Michel Aoun aus dem Baabda-Palast im Oktober 2022 Luftangriff den libanesischen, klar als solchen erkennbaren hat das Land auch keinen Präsidenten mehr. Lange wurde Reuters-Journalisten Issam Abdallah, während seine Kolder Libanon als Land am Abgrund beschrieben, dabei befinlegin Christina Assi, die für die Nachrichtenagentur AFP det er sich längst im freien Fall. 48 DOSSIER Hussein winkt ab, wenn die Rede auf die Regierung Hussein erzählt, dass sein Heimatdorf Aita Al-Shaab kommt. Er glaubt, dass er und seine Familie von diesem Staat 2006 ausgelöscht wurde. Nichts sei übrig geblieben. Er nichts zu erwarten haben. Wenn überhaupt, dann helfen sich fürchtet, bei einer Rückkehr die gleiche Situation vorzudie Libanesen in der Not gegenseitig. Die Frau, die ihnen das finden. Seine Frau sagt:»Die Familien versuchen, nicht Haus in Zrarieh zur Verfügung gestellt hat, hat es geerbt und zu weit wegzuziehen. Sie wollen in der Nähe ihrer Häuser lebt selbst nicht im Libanon. Dicke Teppiche bedecken den bleiben«. Das Ehepaar berichtet, dass die Israelis von AnBoden, viel mehr gibt es nicht. fang an die zivile Infrastruktur angegriffen haben: Häuser, Katy Mroueh gehört zum Freiwilligenkomitee von ZraSchulen, Solaranlagen, sogar medizinische Einrichtungen. rieh, dem Dorf, in dem seit Mitte Oktober rund 145 FamiliBleiben sei zu gefährlich gewesen. en aus dem Süden Zuflucht gefunden haben. Es liegt direkt Für die Kinder seien die Einschläge besonders schlimm über dem Litani-Fluss, inmitten grüner Hügel mit leuchtengewesen, die beiden Älteren seien bis heute völlig verängsden Orangenbäumen, ein wenig versteckt wie das Auenland. tigt.»Wir hatten einen Alltag, ein Leben«, sagt Husseins Traditionell stark in Zrarieh ist die Kommunistische Partei, Frau. Sie selbst habe im Auftrag einer deutschen Organiauch von ihr kommt Unterstützung für die Geflüchteten. sation syrische Geflüchtete unterrichtet. Nun hat sie auch Als die ersten ankamen, haben Mroueh und andere diese Arbeit verloren. Muhammad, der älteste Sohn, wird gleich gefragt, wer helfen kann, haben sich nach Häusern online unterrichtet, doch oft funktioniert das Internet und Wohnungen erkundigt, die leer stehen, weil ihre Benicht.»Wir haben nichts mehr.« sitzer im Ausland leben. Dann suchten sie nach Matratzen, Ein paar Hundert Meter weiter sitzen zwei Familien Möbeln, Kühlschränken. Alles wurde gebraucht – und alles aus den Grenzdörfern Aytaroun und Chiyam auf Plastikbekamen sie von irgendjemandem umsonst. Auch die mestühlen zusammen. Die Erwachsenen rauchen, unterhalten dizinische Versorgung sei für die sich, die Kinder spielen mit einer Geflüchteten in Zrarieh umsonst. Katze. Nabil Haydar lebt mit seiDie öffentlichen und selbst die im ner Tochter Ward, seinem Sohn Libanon eigentlich teuren PrivatBaher und seiner Mutter Sekna schulen hätten die Kinder kostenEid auf engstem Raum. Kaum los aufgenommen.»Die SolidariLicht dringt durch die schmalen tät war von Anfang an sehr groß«, sagt Mroueh.»Wir Menschen aus dem Süden teilen ein Schicksal, »Man kann politisch gegen die Hizbullah sein und trotzdem Fenster in die Zimmer, in denen sich ihre verbliebenen Habseligkeiten an den Wänden und auf so viele Jahre mit dem Feind direkt an der Grenze. Wir halten für den Widerstand« dem Boden stapeln. Ward zeigt in verschiedene Ecken des Hauses, zusammen.« 1985 starben bei eidie»Küche«, das»Schlafzimmer«, nem israelischen Luftangriff in das»Bad« – ihr Vater ergänzt die Zrarieh rund 40 Einwohner, von Anführungszeichen mit den Fin1982 bis 2000 besetzte Israel das gern. Wafaa und Hassan Khalout Dorf. Auch einer der ersten israehaben mit ihrer Tochter monatelischen Angriffe im aktuellen Krieg traf die Außenbezirke lang aus dem Auto gelebt. von Zrarieh. Das Provisorium ist zum Alltag geworden, doch es ist Der Krieg gegen Israel von 2006 ist vielen Bewohnern schwer zu akzeptieren. Die Tage ziehen sich, die Decke ist noch in Erinnerung. Ständig hört man auch heute wieihnen längst auf den Kopf gefallen. Oft bleibt nur das Reder die Drohnen, die Bombeneinschläge, die Zerstörung. den. Dann geht es zum Beispiel darum, ob die Hizbullah sie Die Geschichten derer, die zu ihnen fliehen, sind ihre Gegegen ihren Willen in diesen Konflikt hineingezogen hat. schichten, der Schmerz ist ihr Schmerz, sagt Katy Mroueh. Doch dann ist sich die Runde einig, dass Israel für sie schon Und:»Viele waren zum ersten Mal seit 2006 wieder auf die eine Bedrohung war, bevor es die Partei Gottes überhaupt Beine gekommen, hatten ihre Häuser repariert, konnten gab, eigentlich seit 1948, wie sie sagen, ganz sicher aber seit wieder von ihrer Ernte leben. Jetzt fangen sie erneut von den 1970er-Jahren.»Nicht alle im Süden unterstützen die vorne an.« Die meisten, die hierherkommen, sind Bauern. Hizbullah politisch«, sagt jemand,»aber wir haben geseSie pflanzen Tabak, Oliven oder Weizen an. Auf der Flucht hen, wozu die Israelis fähig sind, sie haben unsere Felder haben sie nicht nur ihr Zuhause, sondern ihr ganzes Lezerstört, Journalisten und Zivilisten gezielt getötet. Solanben zurückgelassen. Landwirtschaft ist ein fragiles, emoge Israel so handelt, werden wir keinen Frieden haben.« tionales Geschäft. Erfolgreiche Ernten bedeuten mehr als Ein anderer fügt hinzu, dass die Hizbullah den BewohÜberleben, Tiere mehr als Nahrung, Olivenbäume mehr als nern des Südens Selbstbestimmung gegeben habe, vorher Ertrag. Bauer zu sein stiftet auch Identität. Wer das aufgibt, hätten sie jederzeit alles von Israel erwarten müssen. Jetzt tut das nur, weil die Alternative der Tod ist. gebe es jemanden, der sie verteidige. Als auf einmal eine Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO Drohne wie in wütender Bienenschwarm über der Gruppe haben seit Beginn des Krieges 63 Prozent der Bauern im schwirrt, sagt eine:»Man kann politisch gegen die HizbulSüden ihre Höfe verlassen. Dabei macht die Landwirtschaft lah sein und trotzdem für den Widerstand. Wir im Süden dort 80 Prozent des Bruttoinlandssprodukts aus. zahlen den höchsten Preis.« ZENITH 1/2024 49 Etwa 17 Kilometer südlich liegt die Hafenstadt Sour, Luft infiltriere und mit der Zeit immer mehr schädige. eine der ältesten durchgehend bewohnten Siedlungen der Wenn der Rauch sich verzieht, kristallisiert sich eine Welt. Heute leben im ehemaligen Tyros rund 23.000 MenTheorie heraus, vor der Experten schon seit Längerem warschen mehr als sonst, viele von ihnen in Schulen, die zu nen: dass Israels Taktik daraus bestehe, langfristige und Auffanglagern umfunktioniert wurden. Nur mit Genehmöglicherweise irreversible Schäden an der Umwelt, Landmigung darf man diese Zentren betreten, Hizbullah und wirtschaft und Wirtschaft des Südlibanon zu verursachen, Amal-Partei wachen darüber, wer mit den Menschen dort um ihn auf diese Weise dauerhaft unbewohnbar zu machen. spricht. Sie wollen genau wissen, was so nahe an der GrenIbrahim Al-Sayyed ist Bauer und Vater von elf Kindern, ze passiert, die Israelis fangen massenhaft Kommunikation der älteste Sohn ist 29, die jüngste Tochter erst wenige Mound Handydaten ab. Wenige Tage zuvor hatte die IDF den nate alt. Mit ihnen und seinen beiden Frauen lebt er in zwei ersten Angriff auf Sour seit Beginn des Krieges geflogen, umfunktionierten Klassenzimmern. Eigentlich hatte der den Hamas-Funktionär Hadi Mustafa in seinem Auto mit 52-Jährige beschlossen, nicht mehr mit westlichen Joureiner Drohne attackiert. nalisten zu sprechen, weil die dann nur schreiben würden, Im Hof einer dieser Schulen sind Wäscheleinen geer sei Mitglied der Gruppe»Schiiten gegen den Krieg«, aber spannt. Nach dem Regen am Morgen ist es feucht, Nässe das stimme nicht.»Ich bin gegen den Krieg, na und?«, sagt saugt sich in die Kleidung. Hier leben viele der Bauern, deer, hebt die Schultern, dreht die Handflächen nach oben und ren Felder Israel mit weißem Phosphor überzogen hat. Ein schaut, als warte er auf Reaktionen. Mann aus Dhayra, wo Israel am 16. Oktober Chemiebomben »Ich kann meine Familie nicht ernähren und weiß abgeworfen hat, zeigt auf seinem Handy Fotos von verbrannnicht, wie es weitergehen soll.« Es reicht nicht einmal, um ten Feldern und Früchten, von Tausenden toten Bienen, seine Kinder so zu versorgen, dass sie zur Schule gehen die er über Jahre gezüchtet und können, also hängen sie den gangepflegt hat. Auch andere Bauern zen Tag aufeinander.»Aber besberichten von toten Tieren, ganze ser gelangweilt als bombardiert«, Herden seien ausgelöscht worden. sagt Al-Sayyed. Dass sich die Lage Bis zum 6. März wurden nach Anin absehbarer Zeit bessern wird, gaben des libanesischen»Nationalen Rates für wissenschaftliche Forschung«(CNRS) 117 Phos»Wir zahlen den glaubt er nicht.»Ich sehe nicht, dass sich eine Seite beruhigt und Zugeständnisse macht.« Das ist phorbomben über dem Südlibahöchsten die große Frage, die seit dem 8. non abgeworfen. Insgesamt sollen fast zehn Millionen QuadratmePreis« Oktober alle im Libanon beschäftigt: Wie geht es weiter? Heiko ter Land verbrannt sein. Und die Wimmen, Landesdirektor der Angriffe gehen weiter. Weißer Crisis Group, ist vorsichtig optiPhosphor ist eine hochreaktive mistisch:»Noch beobachten wir chemische Verbindung, die sich eine Form strategischer Stabilität, an der Luft entzündet und beim in der sich beide Seiten an gewisse Verbrennen große Hitze entwickelt. Regeln halten. Aber innerhalb dieses Spektrums entsteht Er kann schwere Atemprobleme, akute LungenschäRaum für taktische Instabilität.« Vor allem Israel teste sie den, Augenverletzungen, Verbrennungen zweiten und dritderzeit aus.»Es funktioniert, bis es nicht mehr funktioten Grades und sogar Knochenschäden verursachen. Nach niert: Wenn die Informationen dann doch mal falsch sind Angaben der in Beirut ansässigen Organisation»Legal und in Baalbek ein Wohnhaus getroffen wird und hundert Agenda« wurden bis zum 21. November 100 Menschen mit Menschen sterben«, erklärt Wimmen.»Oder das gleiche Atembeschwerden oder Phosphorverbrennungen in Kranauf der anderen Seite, weil der Iron Dome versagt. Die kenhäuser im Südlibanon eingeliefert. Amnesty InternatioAlternative lautet: Man findet eine Verhandlungslösung.« nal und Human Rights Watch haben Israel für den Einsatz Inzwischen glauben viele Libanesen, dass Israel mit der von weißem Phosphor verurteilt, obwohl diese Waffe nicht systematischen Entvölkerung und der Zerstörung von Felper se international geächtet ist. Ursprünglich wurde sie dern im Südlibanon versucht, eine Art Pufferzone entlang eingesetzt, um Truppenbewegungen mit Rauch zu tarnen, seiner Nordgrenze zu schaffen. Ein Ödland.»Sicherheit ist auch Israel gibt an, sie zur Nebelerzeugung zu verwenden. nie ein einseitiges Konzept«, sagt Wimmen.»Nur wenn beiIsraelische Truppenbewegungen im Libanon hat es aber den Seiten etwas angeboten wird, gibt es eine Lösung.« Für bisher nicht gegeben. Hizbullah-Chef Hassan Nasrallah ist allerdings klar, dass Antoine Kallab ist stellvertretender Direktor des NaIsrael zuerst den Krieg in Gaza beenden muss. turschutzzentrums der Amerikanischen Universität Beirut. Bis dahin bleiben den Geflüchteten nur ihre ErinneEr sagt:»Weißer Phosphor hat neben dramatischen gesundrungen. Irgendwann zücken sie alle ihre Handys und zeigen heitlichen Konsequenzen einen immensen psychologischen Fotos aus ihrem früheren Leben. Häuser, Felder, Ernten. Effekt. Es geht darum, einen unsichtbaren Feind, zu kreieWas davon übrig sein wird, wenn sie zurückkehren, das ren, der über Jahre hinweg eine kontinuierliche Bedrohung wissen sie nicht. Auch nicht, wann das sein wird. Nicht eindarstellt.« Wie ein stiller Tod, der Nahrung, Wasser und mal Kassem weiß das. 50 DOSSIER TorahPatriotismus rum ist, wie 2023 im Rahmen der sogenannten Justizreform D ie seit Staatsgründung in Variationen bestehende Wehrzu sehen war, letztlich auch eine Systemfrage. Die Wehrdienstbefreiung ist für die Haredim aus zwei Gründen zentral: Erstens, weil sie befürchten, dass das Militär als Schmelztiegel und Begegnungsort ihre jungen Männer(von Frauen ist ohnehin nicht die Rede) in die israelische, zionistische Gesellschaft zwangsintegrieren soll und ihr religiöser, extrem konservativer Lebensstil mit der als sündhaft wahrgenommen Welt konfrontiert würde. Zweitens argumentieren sie, dass die Aufgabe der Haredim ohnehin dienstbefreiung für ultraorthodoxe Thorastudierende – oder anderer Natur sei: nämlich die spirituelle Verteidigung des auch Haredim – ist Ende März ausgelaufen. Es ist noch nicht jüdischen Volkes mittels Torah-Studium. Insbesondere infolganz klar, was dieses Urteil bedeuten wird, aber es scheint ge des Holocaust hat sich bei den israelischen Haredim eine sich – dieses Mal – eine grundlegende Änderung abzuzeichWeltsicht etabliert, nach der alle ultraorthodoxen Männer nen: Obwohl eine rechte Koalition regiert, gelingt es derzeit möglichst ihr Leben lang die Thora studieren sollen. nicht, Mehrheiten für eine gesetzliche Bei der Mehrheit der nicht-ultraorVerankerung der Wehrdienstbefreiung thodoxen jüdischen Israelis ruft diese zu finden. Sicht oft Unverständnis hervor. Seit Dabei spielen verschiedene Faktoren in dieser Debatte eine Rolle. Heute ist der Anteil der Langem unterstützen Umfragen zufolge stabil über 70 Prozent der BevölkeKonkret betrifft sie natürlich die Wehrhaftigkeit des Staates, insbesondere angesichts der demografischen Entvom Wehrdienst befreiten Haredim auf rung die Aufhebung der allgemeinen Wehrdienstbefreiung für Haredim. Sie argumentieren, dass es nicht zu rechtwicklung der ultraorthodoxen Gesellschaft, die derzeit knapp 15 Prozent der israelischen Staatsbürger ausrund 23 Prozent aller potenziellen Rekruten fertigen sei, dass ihre Kinder sterben, um das Land zu verteidigen, während die Ultraorthodoxen in den Religionsmacht, aber bereits 2050 rund ein Viertel der Israelis stellen soll. Dieser Trend angewachsen schulen säßen. Es handelt sich aber auch um einen identitätspolitischen wird bei den jungen Wehrpflichtigen Konflikt: Auf der einen Seite steht die teils vorweggenommen: Lag der Anteil zionistische Gesellschaft, die»Nation der ultraorthodoxen Männer an den unter Waffen«, die ihr Schicksal selbst potenziellen Rekruten in den 1970er-Jahren noch bei rund in die Hand nehmen will, auf der anderen Seite die zumin2,5 Prozent, stieg er in den 1980er-Jahren auf fünf Prozent dest nominell noch nicht-zionistische Haredim, die vor allem und in den 1990er-Jahren auf circa acht Prozent an. Heuauf Gott für ihre Sicherheit bauen. te ist der Anteil der vom Wehrdienst befreiten Haredim auf Dass trotz klarer Mehrheitsverhältnisse die Sonderrechrund 23 Prozent angewachsen. te der Haredim so lange unberührt blieben, hat eine Reihe Die seit mindestens 25 Jahren andauernde Debatte zur von Gründen. Lange Zeit waren die Ultraorthodoxen etwa Wehrdienstbefreiung erlaubt aber auch Einblicke in die isKönigsmacher zwischen dem Mitte-Links- und dem rechten raelische Gesellschaft und das Verhältnis zwischen Haredim Block in der israelischen Politik: Ihre Stimmen waren in der und Staat darüber hinaus: Sie dreht sich um identitätspoRegel für Regierungsmehrheiten nötig, daher war es kaum litische Fragen und staatsbürgerliche Pflichten, Positionen möglich, Politik gegen sie zu machen. der zionistischen Mehrheiten und dem überproportionalen Am anschaulichsten verdeutlicht eine Episode um die Einfluss der haredischen Minderheiten, die Dynamiken des Jahrtausendwende diese Konstellation: Der Oberste Geisraelischen politischen Systems und letztlich auch die Frage richtshof hatte 1998 entschieden, dass die Wehrdienstbedes Status der Judikative im israelischen Staat. Die wiedefreiung gesetzlich geregelt werden müsse und nicht nur auf Foto: IDF ZENITH 1/2024 51 Der Gaza-Krieg stellt die israelischen Streitkräfte vor Personalprobleme. Die Aufhebung der Wehrdienstbefreiung für die Haredim könnte diese Lücken schließen. Für Israels Ultraorthodoxe hätte das ebenso weitreichende Folgen wie für die Armee VON PETER LINTL Wie sehr würde die Integration der Haredim die israelischen Streitkräfte verändern? einer Weisung des Verteidigungsministers beruhen kann. Der Chef der Arbeiterpartei, Ehud Barak, startete daraufhin einen Wahlkampf mit dem Slogan»Ein Volk, eine Wehrpflicht« und der Forderung, dass auch die Haredim eingezogen werden sollten. Zwar gewann Barak die Wahlen, war aber dann auf die Stimmen der Ultraorthodoxen angewiesen. Ein Gesetzentwurf(»Tal-Gesetz«) sollte zwar einen Ersatzdienst und ultraorthodoxe Armeeeinheiten schaffen, sah aber letztlich keine Zwangsmaßnahmen vor. Die Regierung Barak scheiterte ohnehin, bevor das Gesetz verabschiedet werden konnte. Die nachfolgende, konservative Likud-Regierung unter Ariel Scharon hatte zuvor das Vorhaben heftig kritisiert und auf eine allgemeine Wehrpflicht gedrängt. Doch auch sie sah sich auf die Stimmen der ultraorthodoxen Parteien angewiesen und verabschiedete das Tal-Gesetz quasi unverändert. Diese Situation sollte sich in den nächsten zwei Jahrzehnten nicht verändern: Da die ultraorthodoxen Parteien in fast allen Regierungen saßen – seit 1977 waren sie nur rund sechs Jahre in der Opposition –, war es kaum möglich, eine strengere Gesetzgebung zu verabschieden. Im Nachgang der Verabschiedung des Tal-Gesetzes zeigte sich allerdings, dass weitere Hürden einer Umsetzung der Wehrpflicht für Ultraorthodoxe im Weg standen: Erstens wurde die Möglichkeit, Wehr- oder Ersatzdienst abzuleisten, in den ultraorthodoxen Gemeinden so gut wie nicht bekanntgemacht. Zweitens offenbarten sich massiven Mehrkosten und logistischer Aufwand der Maßnahme. Wegen der strengen Religionsausübung und ihres konservativen Lebensstils waren gesonderte Einheiten mit speziellen Stützpunkten notwendig, die unter anderem koscheres Essen mit speziellem Gütesiegel, das Verbot von Soldatinnen auf den Stütz- 52 DOSSIER punkten und weitere Besonderheiten notwendig machten. Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober der Regierung beiAuch gemeinsame Festveranstaltungen der Armee gestalgetreten ist, aber auch am Widerstand in den Reihen rechter teten sich problematisch: So verließen die ultraorthodoxen Politiker, die eine allgemeine Wehrdienstbefreiung nicht länSoldaten mehrmals einen Saal, weil Soldatinnen sangen. Vor ger mittragen wollen. Zudem ist die versuchte Entmachtung diesem Hintergrund zeigte auch die Armee keinen erhöhten der Justiz gescheitert, die aus Sicht der Haredim auch zum Eifer, diese Programme auszubauen. Ziel hatte, die Wehrdienstfrage ein für alle Mal in ihrem Sinn Dass die Wehrpflichtbefreiung allerdings weiterhin zur zu klären. Es wirkt, als ob die religiös-rechte Politik in Israel Debatte stand, lag an zivilgesellschaftlichen Akteuren, die sich derzeit übernimmt oder verhebt. auf Wehrgerechtigkeit pochten und diese vor dem Obersten Zudem haben sich zwei wichtige politische KonstellaGerichtshof auch einklagten, was dem ihm eine besondere tionen verändert: Da rechte Mehrheiten seit einigen Jahren Rolle in der Debatte einbrachte. die Norm in der Knesset sind, fällt es den Haredim zuseNachdem das Gremium 1998 forderte, eine solche hends schwerer, als Zünglein an der Waage Einfluss auf die Befreiung gesetzlich zu verankern, nahm es später Klagen Regierungspolitik zu nehmen. Stattdessen haben sie ein zur Überprüfung des Tal-Gesetzes an. 2006 entschied der Bündnis mit Netanyahu geknüpft, der sie als seine»natürliOberste Gerichtshof, dass das Gesetz in der damaligen chen Partner« bezeichnet. Aber auch die Ära Netanyahu, bei Umsetzung Wehrgerechtigkeit nicht gewährleiste, und gab aller Vorsicht, die man solchen Aussagen beimessen muss, nochmals eine fünfjährige Karenzzeit. 2012 hob er das Gescheint sich dem Ende zu nähern. In allen Umfragen liegt setz schließlich auf, was zu Neuwahlen und von 2013 bis sein Likud deutlich hinter anderen Parteien, und auch seiMärz 2015 zu einer der seltenen Koalitionen ohne Beteiline eigenen Zustimmungswerte sind massiv gefallen. Daher gung der Haredim führte. verbleiben die Haredim derzeit auch in der Regierung, trotz In dieser Zeit wurde auch eine des Urteils des Obersten Gerichtshofs. Regelung verabschiedet, nach der ab Denn anders als früher ist es vollkom2017 mindestens 60 Prozent der Hamen unklar, ob sich bald wieder eine redim Wehrdienst leisten sollten. Mit Machtoption ergeben wird. dem frühen Scheitern der dritten KaAuch für das Militär hat sich die Sibinetts unter Premier Benjamin Netanyahu und dem neuerlichen Regierungseintritt der Haredim wurde die Ultraorthodoxe Soldaten verließen mehrmals einen tuation verändert: War man lange Zeit zögerlich, was die Integration der Haredim betrifft, ergeben sich inzwischen Quote aufgehoben und auch der Umsetzungszeitraum ständig nach hinten verlegt. Nachfolgende Regierungen Saal, weil Soldatinnen sangen neue Notwendigkeiten. Nicht nur wegen des Gaza-Krieges, der die IDF an Grenzen ihrer Kapazität bringt, sonhaben den Obersten Gerichtshof imdern auch wegen der demografischen mer wieder um Aufschub für ein finales Entwicklung kann man kaum mehr auf Gesetz erfragt und diesen auch unter knapp ein Viertel der potenziell Wehranderem vor dem Hintergrund der fünf pflichtigen verzichten. Wahlen zwischen 2019 und 2022 geStand Anfang April sind alle Harewährt bekommen. dim im Alter von 18 bis 26 Jahren wehrpflichtig. Diese GeIn diesem Kontext haben die Haredim eine intensive setzesnorm wird sicher nicht mit Gewalt durchgesetzt werFeindschaft zum Obersten Gerichtshof entwickelt, der mit den, aber es scheint zum ersten Mal nicht unwahrscheinlich, Verweis auf die Prinzipien von Gleichheit und Wehrgerechdass Mehrheiten der wehrpflichtigen Haredim eingezogen tigkeit die Befreiung vom Wehrdienst immer wieder aufgewerden. Dieser Einschnitt wäre so dramatisch, dass man hoben hatte. Ab 2008 brachten die Haredim daher wiederdie Folgen noch nicht genau abschätzen kann. Klar ist allerholt einen Gesetzesvorschlag zur»Überstimmungsklausel« dings: Er würde die Ultraorthodoxen zionistischer und das ein, der vorsah, dass das Parlament Entscheidungen des Militär religiöser machen. Denn die Gesellschaft der HareObersten Gerichtshof überstimmen könnte – und damit jede dim ist zu groß geworden, um sie nicht zu integrieren – aber effektive Kontrollfunktion gegenüber dem Parlament aufheauch zu groß, als dass eine solche Integration nicht auch den ben würde. Was lange Zeit als absurde Idee erschien, wurde Rest der Gesellschaft beeinflussen würde. Das israelische zu einer der zentralen Änderungen der sogenannten JustizMilitär könnte am Anfang dieser Entwicklung stehen. reform. Heute scheint Israel in Bezug auf die Wehrdienstbefreiung vor einer Weichenstellung zu stehen: Am 1. April lief die Dr. Peter Lintl ist Politikwissenschaftler bei der Stiftung letzte Verlängerung des Obersten Gerichts für die Vorlage Wissenschaft und Politik und arbeitet zu den Schwerpunkteiner gesetzlichen Neuregelung zur Wehrpflicht für Ultraorthemen Israel, Nahostkonflikt und politische Ordnung. Im thodoxe aus. Die Regierung war nicht in der Lage, in der Februar ist von ihm erschienen:»Israelische Charedim und eigenen Koalition die nötigen Mehrheiten zu organisieren, politische Moderne. Herausforderungen einer orthodoxen um ein solches Gesetz zu verabschieden. Das liegt zum Teil Strömung in einer detraditionalisierten Welt«(Springer VS, am Widerstand der Partei vom Benny Gantz, die nach dem 2024). Foto: Screenshot Telegram ZENITH 1/2024 53 Made in Gaza Israelische Soldaten im Gazastreifen posieren mit Unterhosen und BHs, die offenbar ebenfalls aus Privatwohnungen stammen. Zerstörung, Diebstahl, Erniedrigung: Israelische Soldaten veröffentlichen verstörende Videos von Einsätzen. Steckt dahinter mehr als nur ein Mangel an Disziplin? VON PIA STECKELBACH 54 DOSSIER E in lautes Motorengeräusch, am Horizont stürzen mehrere Gebäude ein, eine Explosion in einem Viertel von Gaza-Stadt. Dann eine Stimme:»Schujaiya gibt es nicht mehr! Nahal Oz, mit Gottes Hilfe wird es bald euch gehören!« Nahal Oz ist ein israelischer Kibbuz in der Nähe, die Stimme gehört einem israelischen Soldaten. Es ist Dezember 2023, und in den sozialen Medien kursieren mehrere Videos, in denen Soldaten diese Explosion bejubeln. Drei dieser Clips wurden bei der Anhörung vor dem Internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen als Beweismittel vorgelegt und abgespielt. Südafrika wirft Israel in seiner Klage Verstöße gegen die Völkermordkonvention vor und bezieht sich dabei auch auf das Verhalten der Truppen in Gaza. Videos von israelischen Soldaten sind auf Instagram, Telegram, X und Tiktok leicht zu finden. Oft sollen sie wohl lustig wirken. Ein Clip zeigt einen Soldaten, der an eine Haustür klopft. Der Mann hinter der Kamera kommentiert: Jahren ein großes Problem«, findet er. Palästinenser würden nur im Kontext von Konflikt und Gewalt gesehen. Am 7. Oktober 2023 hatte die Hamas in Israel mehr rund 1200 Kinder, Frauen und Männer ermordet und mehr als 240 Geiseln genommen. Oren Ziv zeigt Verständnis für das Trauma nach diesem Ereignis. Nicht aber für die Rache, die er in den Videos der Soldaten erkennt. Der israelische Journalist konzentriert sich in seinen Artikeln auf die Plünderungen, die in vielen Videos dokumentiert sind. Ein Beispiel: Ein Soldat wird dabei gefilmt, wie er eine silberne Halskette mit dem Unendlichkeitszeichen als Anhänger hochhält. Mit gekünsteltem arabischem Akzent sagt er»Made in Gaza« und tut so, als prüfe er die Echtheit. Sein Kamerad hinter der Kamera wendet sich an die Freundin des Soldaten, für die das Video bestimmt ist: »Schau mal, was er für dich mitbringt!« Darüber hinaus bedienen sich die Soldaten in vielen Clips an Gegenständen aus Privatwohnungen in Gaza. Dabei handele es sich offenbar nicht unbedingt um die Häuser von Hamas-Funktionären, sondern von Zivilisten, analysiert Oren Ziv. Er habe mit Soldaten hinter den Videos gesproDrei solcher Videos wurden im Zuge der Anhörung vor dem Internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen vorgespielt »Ich glaube, es ist niemand zu Hause. Woher ich das weiß?« Die Kamera schwenkt und man sieht, dass die Tür das Einzige ist, was von dem ansonsten zerbombten Gebäude übrig geblieben ist. Ein weiteres Video, das ebenfalls häufig in den sozialen Medien geteilt wurde, stammt von Guy Hochman. Der in Israel bekannte Stand-up-Comedian diente als Reservist in Gaza. Eines seiner Videos zeigt eine Fahrt in einem Jeep über eine Sandpiste. Hochman ruft:»Seht euch den Strand an, seht euch die Promenade an. Das ist alles israelisches Gebiet!« Ein anderes Armeefahrzeug taucht auf. Hochman jubelt:»Unsere Champions! Das israelische Volk ist stolz auf euch, liebt euch! Ihr seid Helden, passt auf euch auf und fickt sie!« Der Fotojournalist Oren Ziv berichtete bereits im Februar über das Phänomen dieser von Soldaten in Gaza gedrehten Videos, er schreibt für das israelisch-palästinensische Kollektiv+972 Magazine.»Die Wahrnehmung der Palästinenser als Nicht-Menschen, auch im Westjordanland, ist seit Soldatinnen beim Selfie an der Nordgrenze zum Gazastreifen. Der Schnappschuss des AP-Fotografen Tsafrir Abrayov ging um die Welt. chen. Einige hätten sich als politisch links bezeichnet. Für Ziv ein Indiz für die Normalisierung von Fehlverhalten in der israelischen Armee. Ein anderes Beispiel: Ein Video zeigt einen Soldaten in einem teilweise zerstörten Kiosk in Jabaliya im Norden des Gazastreifens. Er hält eine Schneekugel hoch und scherzt: »Eine Spieluhr für 250 Schekel«. Kurz darauf wirft er sie an die Wand, man hört das Glas zerspringen. Er dreht sich zum Regal neben sich, nimmt den nächsten Gegenstand heraus und zertrümmert ihn. Puppen, Schulhefte und bunte Aufkleber fliegen durch die Luft. Unterlegt ist das Video mit einer Version des Liedes»Am Israel Chai«. Ein beliebtes religiös-nationalistisches Lied, in dem es heißt:»Gott wacht über uns, wer kann uns schaden? Denn wir haben kein anderes Land, das Volk Israel lebt«. Religion ist ein präsentes Element im Gaza-Krieg, meint Nir Avishai Cohen. Er war von Oktober bis Ende DeFoto: Tsafrif Abrayov / AP Foto: privat ZENITH 1/2024 55 zember als Reservist im Einsatz. Aus Überzeugung, seine Heimat verteidigen zu wollen, war er unmittelbar nach dem 7. Oktober von einem Auslandsaufenthalt in den USA zurückgekehrt. Er war zu diesem Zeitpunkt in der Grenzregion im Süden Israels stationiert, wurde aber nicht im Gazastreifen selbst eingesetzt. Cohen hat vor einigen Jahren das Buch»Love Israel, support Palestine« geschrieben, in dem er die illegale militärische Besetzung des Westjordanlandes durch Israel anprangert. Auch die Gaza-Operation hat er anfangs unterstützt. »Nach dem 7. Oktober gab es keine Alternative«, meint er. Doch schnell habe er den Eindruck gewonnen, dass viele seiner Kameraden einen Religionskrieg zwischen Judentum und Islam führten und die Zivilisten in Gaza kollektiv für den Terroranschlag der Hamas verantwortlich machten. Als besonders entwürdigend empfindet Cohen Clips, in denen Soldaten mit Frauenunterwäsche posieren. In einem dieser Videos geht ein Soldat durch ein Schlafzimmer in einem Haus im Gazastreifen und präsentiert die Dessous, die er in den Schränken gefunden hat. »Ich habe immer gesagt, dass Araberinnen die größten weiter, dass diese Videos von palästinensischen Accounts genutzt würden, um die Identität der Soldaten preiszugeben und ihnen mit Strafverfolgung zu drohen. Das würde sie letztlich in Gefahr bringen. Und was sagt die israelische Armee selbst dazu? Eine der führenden Militäranwältinnen, Yifat Tomer-Yerushalmi, forderte in einem Brief vom Februar,»inakzeptables Verhalten, das von den Werten und Protokollen der Truppe abweicht«, zu benennen – und bezog sich dabei auf die Zerstörung und den Diebstahl von zivilem Eigentum in Gaza. Eigentlich sollten Soldaten ihre privaten Handys im Einsatz gar nicht benutzen. Das betont auch Armeesprecher Daniel Hagari. Es sei verboten zu filmen, wenn es nicht zur Mission gehöre. Nir Cohen und Oren Ziv glauben, dass solche Anweisungen vor allem unter Reservisten schwer durchzusetzen sind. Auf Nachfrage erklärt die israelische Armee, dass sie gegen die Urheber von Videos in sozialen Netzwerken disziplinarisch vorgeht, wenn der Verdacht auf eine Straftat besteht. Die Militärpolizei, die für diese Strafverfolgung zuständig ist, habe in einigen der untersuchten Fälle unangemessenes Verhalten festgestellt und handele entsprechend. Daneben bedienen sich Soldaten in vielen Clips an Gegenständen aus privaten Wohnungen in Gaza Nir Avishai Cohen war von Oktober bis Ende Dezember als Reservist im Einsatz und meint: Jeder Soldat, der Videos veröffentlicht, in denen er stiehlt, Zerstörung bejubelt oder palästinensische Zivilisten beleidigt, sollte aus der Armee ausgeschlossen werden. Schlampen sind«, scherzt er. Auf anderen Fotos posieren Soldaten mit Unterhosen und BHs, die offenbar ebenfalls aus Privatwohnungen stammen. Cohen meint: Jeder Soldat, der Videos veröffentlicht, in denen er stiehlt, Zerstörung bejubelt oder palästinensische Zivilisten beleidigt, sollte aus der Armee ausgeschlossen werden. Er hält solche Videos für einen»moralischen Bankrott« – sowohl für das Militär als auch für die israelische Bevölkerung. Denn solche Inhalte würden von vielen Nutzern bejubelt und geteilt. Israelische Medien berichten derweil kaum über die Videos aus Gaza. Ein Artikel auf der Website des Nachrichtensenders Keshet 12 sieht in den Clips vor allem ein Imageproblem:»Der Gebrauch von privaten Mobiltelefonen im Herzen des Kampfes in Gaza fügt der israelischen Hasbara enormen Schaden zu«, heißt es dort. Hasbara bedeutet auf Hebräisch»Erklärung«, meint aber Öffentlichkeitsarbeit für Israel. Der Autor des Artikels, Milàn Czerny, schreibt Dennoch werden Videos dieser Art weiterhin veröffentlicht. Dass die Mehrheit der Israelis kein Problem mit den Clips zu haben scheint, hängt für Nir Cohen mit den Bildern zusammen, die in den heimischen Medien aus Gaza gezeigt werden. Das Leid der Zivilisten in Gaza oder das Ausmaß der Hungerkatastrophe würden im Fernsehen kaum dargestellt. Stattdessen werden Luftaufnahmen von zerstörten Häuserblocks gezeigt. Oder Material, das vom Militär selbst zur Verfügung gestellt wird. Diese Bilder zeigen oft, wie die Armee Waffenlager und Infrastruktur der Hamas aushebt oder gefährliche Nahkämpfe in dicht besiedelten Gebieten führt. Cohen sieht einen großen Unterschied zwischen dem,»was die Welt über das Leiden in Gaza weiß, und der Gleichgültigkeit, mit der viele Israelis die Situation betrachten«. Er glaubt, dass ein Ende der Kämpfe nur durch die internationale Gemeinschaft erreicht werden kann. Cohen sagt, er würde sich für die Videos schämen – aber sie könnten dazu beitragen, den Druck auf Israel zu erhöhen, um den Krieg zu beenden. 56 DOSSIER Die Gaza-Diplomatie und die Golfstaaten: Im Januar konferierte der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman(MBS) zum wiederholten Male mit US-Außenminister Antony Blinken. Rendezvous mit der Wirklichkeit Die Golfstaaten erleben die erste Bewährungsprobe für ihre Führungsrolle in Nahost. Aber in einer Schlüsselfrage können sie sich nicht einigen VON SEBASTIAN SONS Foto: US State Department ZENITH 1/2024 57 D ie Regierungen der arabischen Golfmonarchien zeigten sich nach dem verheerenden Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober und der anschließenden israelischen Militäraktion im Gazastreifen schockiert, empört und bestürzt. Sie befinden sich aus unterschiedlichen Gründen Saudi-Arabien befindet sich ebenfalls in einer delikaten Lage: Vor dem 7. Oktober hatte das saudische Königreich Gespräche mit der israelischen Regierung über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen geführt. Diese Gespräche wurden jedoch nach Beginn des Gaza-Krieges auf Eis gelegt. Saudi-Arabien durchläuft einen umfassenden sozioökonomischen Transformationsprozess und baut seine öl-basierte Wirtschaft um. Investitionen in Projekte wie die Smart City»The Line« am Roten Meer, in Sport, Unterhaltung oder in einem Dilemma, hatten doch die meisten Herrscher am Tourismus sollen das Königreich als attraktiven WirtschaftsGolf in den letzten Jahren eine mehr oder weniger formelle standort positionieren, dringend benötigtes Kapital ins Land Annäherung und konziliant-pragmatische Beziehungen zu holen und Arbeitsplätze für junge Saudis schaffen. Israel gesucht – oft aus Gründen der wirtschaftlichen ZuKronprinz Muhammad Bin Salman(MBS) muss in diesammenarbeit. sen Bereichen Erfolge erzielen und braucht dafür regionaMit der Eskalation der Gewalt im Nahostkonflikt ist jele Stabilität. Der Gaza-Krieg gefährdet dies jedoch, sodass doch die traditionelle Sympathie für die palästinensische Saudi-Arabien seit dem Frühjahr den rhetorischen Druck Sache wieder massiv zutage getreten und dominiert die öfauf Netanyahu erhöht, seine Solidarität mit der palästinenfentliche Debatte in der arabischen Welt. Dies setzt die Herr- sischen Sache betont und auf einen Waffenstillstand sowie scher am Golf unter Druck, für die die Solidarität mit Paläseine Zweistaatenlösung drängt. Insbesondere die 2002 vom tina zuletzt in den politischen Hintergrund getreten und zu damaligen saudischen König initiierte Arabische Friedenseiner Art traditioneller Folklore verkommen zu sein schien. initiative wird von Saudi-Arabien als Lösungsansatz für eine So müssen die wichtigsten Golfmonarchien nach dem 7. Oklangfristige Deeskalation ins Spiel gebracht. tober ihren Kurs gegenüber Israel Dabei hat MBS einen Trumpf und den Palästinensern anpassen. in der Hand: Er kann die Aussicht Israel wurde insbesondere auf eine Normalisierung mit Israel von den Vereinigten Arabischen nutzen, um Zugeständnisse von Emiraten(VAE) als potenzieller israelischer und US-amerikaniPartner im Kampf gegen den regischer Seite zu erzwingen. Gelingt onalen Rivalen Iran und als potenter Wirtschaftspartner gesehen. Gerade vor diesem Hintergrund Abu Dhabi will dem Eindruck vorbeugen, Netanyahu einen ihm ein solcher Coup, könnte er sich als Friedensbringer stilisieren und sein internationales Ansehen stellt der Gaza-Krieg für die VAE Freifahrtschein auszustellen festigen. Allerdings: Der bisherige ein Problem dar, schließlich konnKurs, mit Israel einen pragmatiten die Abraham-Abkommen nicht schen Modus Operandi zu finden, zu einer langfristigen Lösung des der im Gegenzug SicherheitsgaNahostkonflikts beitragen – im Gerantien der USA beinhaltet, muss genteil. modifiziert werden. Ohne eine Die emiratische Führung reernsthafte Lösung der Palästinaagiert auf dieses Dilemma mit einer Mischung aus rheto- frage droht Saudi-Arabien seine Glaubwürdigkeit als Anwalt rischem Druck und interessengeleitetem Pragmatismus. der palästinensischen Sache zu verlieren. Riad hat dies erGegenüber Israel schlägt sie einen härteren Ton an, forderkannt und schlägt einen härteren Ton gegenüber Israel an. te bereits im Dezember 2023 im UN-Sicherheitsrat einen Gleichzeitig hält Saudi-Arabien auch nach dem 7. OkWaffenstillstand. In den VAE wird bereits von einem»kaltober die Kommunikationskanäle zum regionalen Rivalen ten Frieden« gegenüber Israel gesprochen. Damit will Abu Iran aufrecht, wie die Gespräche zwischen MBS und dem Dhabi dem Eindruck vorbeugen, Israels Ministerpräsident iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi zeigen. Die WiederaufBenjamin Netanyahu mit den Abraham-Abkommen einen nahme diplomatischer Beziehungen mit der Islamischen ReFreibrief für sein militärisches Vorgehen in Gaza ausgestellt publik im März 2023 wird in Riad als taktische Annäherung zu haben. gesehen, um Konflikte wie im Jemen zu bewältigen. Trotz Dennoch fühlen sich die VAE dem Abkommen weiterhin iranischer Unterstützung für die Hamas in Gaza oder die verpflichtet, da es ein langfristiges Kooperationsprojekt und Hizbullah im Libanon will Saudi-Arabien dieses Ziel nicht geTeil der emiratischen»Economy First«-Strategie ist. Gleichfährden und eine weitere Eskalation durch Iran verhindern. zeitig sehen die VAE die Krise auch als Chance: So beteiligen Katar wiederum hat sich in den Verhandlungen um die sie sich gemeinsam mit den USA, der EU und GroßbritanFreilassung der israelischen Geiseln unersetzlich gemacht. nien an den Hilfslieferungen auf dem Seeweg von Zypern Als einziger staatlicher Akteur am Golf unterhält die katarinach Gaza. Damit wollen sie ihrer Rolle als Strippenzieher sche Führung enge Beziehungen zu Teilen der Hamas; seit und verlässlicher Partner der internationalen Gemeinschaft 2017 residiert der Führer der Hamas-Auslandsfraktion, Isgerecht werden, indem sie auf strategische Langfristigkeit mail Haniyeh, in Doha. Gegenüber Israel verfolgte die katastatt auf kurzfristigen Aktionismus setzen. rische Führung zeitweise einen konzilianten Kurs, lehnt aber 58 DOSSIER eine Normalisierung kategorisch ab. Die Beziehungen Katars zur Hamas kommen der langjährigen Strategie des Landes zugute, als Dialogplattform zu fungieren, in Krisen zu vermitteln und Kontakte zu problematischen Akteuren zu pflegen. Dieser Kurs hat Katar zu einem wichtigen Partner für die USA und Europa gemacht – ein Ziel, dem die katarische Politik des»Wir reden mit allen« dient. Nach dem 7. Oktober geriet diese Politik jedoch immer wieder in die Kritik, da Katar gerade seine Nähe zu radikal-islamistischen Gruppen wie der Hamas vorgeworfen wurde. Vor allem deren finanzielle Unterstützung rückte in den Mittelpunkt der Vorwürfe: Insgesamt soll Katar seit 2007 umgerechnet rund 1,9 Milliarden Euro nach Gaza geschleust haben. Der Vorwurf: Viel davon sei an die Hamas geflossen. Vertreter Katars argumentieren, die Unterstützung sei stets mit Wissen der USA und unter Kontrolle Israels erfolgt. Zudem wird der katarischen Führung vorgeworfen, durch ihre Nähe zur Hamas von den Angriffsplänen im Vorfeld gewusst zu haben. Auch dies wird von katarischer Seite vehement bestritten. Darüber hinaus droht Katar ein Konflikt mit den VAE über die zukünftige Rolle der Hamas: Während sich Katar eine weitere Zusammenarbeit mit einer geschwächten Hamas vorstellen kann, kommt dies für die VAE nicht infrage. Dort werden islamistische Gruppierungen als fundamentale Bedrohung der eigenen Legitimität angesehen. So bewerteten in einer Umfrage vom Winter 2023 nur 37 Prozent der Befragten in den Emiraten die Hamas als positiv, in Saudi-Arabien waren es 40 Prozent, in Katar 61 Prozent. Deshalb wird sich auch Doha die Frage stellen müssen, ob die Kosten-Nutzen-Rechnung in Bezug auf die Hamas künftig anders ausfallen muss. In einem Nachkriegsszenario könnte daher auch die katarische Unterstützung für die Hamas zurückgehen, um weitere Reputationsschäden zu vermeiden. Eine einheitliche Position der Golfstaaten erscheint derzeit unwahrscheinlich. Eine solche wäre aber notwendig, um eine nachhaltige Deeskalation herbeizuführen. Schließlich geht es den Herrschern am Golf – bei aller emotionalen Solidarität mit der palästinensischen Sache – auch um sicherheitspolitisches und wirtschaftliches Kalkül. Vor allem Saudi-Arabien muss verschiedene Interessen unter einen Hut bringen. Immerhin verfügt das Königreich als traditionelle Führungsmacht und»Hüter der beiden Heiligen Stätten« Mekka und Medina über die politische und kulturelle Autorität, einen golfarabischen Kurs auszubalancieren und zu moderieren. Erste Versuche einer gemeinsamen Positionierung werden unternommen: So hat der Golfkooperationsrat(GCC), dem neben Saudi-Arabien, den VAE und Katar auch Oman, Kuwait und Bahrain angehören, im März erstmals in seiner 43-jährigen Geschichte eine gemeinsame Vision für die regionale Sicherheit verfasst. Darin wird explizit die Schaffung einer Zweistaatenlösung auf Basis der Arabischen Friedensinitiative gefordert. Dieser Ansatz soll die golfarabische Einheit stärken und trägt die Handschrift Saudi-Arabiens. Die Frage des Wiederaufbaus von Gaza ist jedoch bislang ungelöst. Hier lehnen die Golfstaaten bisher unisono eine Beteiligung ab, da sie die Verantwortung für die Zerstörung allein bei Israel sehen. Sie wollen auf jeden Fall vermeiden, zum Steigbügelhalter israelischer Interessen zu werden, indem sie den kostspieligen Wiederaufbau Gazas maßgeblich finanzieren. Die Golfstaaten haben in der Vergangenheit eine wichtige, aber auch ambivalente Rolle bei der finanziellen Unterstützung Gazas gespielt. Nicht nur aus Katar flossen große Summen, auch die VAE, Saudi-Arabien oder Kuwait engagierten sich in Form von humanitärer und finanzieller Hilfe. So sagten die Emirate im Februar 14 Millionen Euro für das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten(UNRWA) zu. Im März folgten Katar mit 23 Millionen Euro und Saudi-Arabien mit 37 Millionen Euro. Viel relevanter sind jedoch die bilateralen Unterstützungsleistungen, die auch ein Instrument der politischen Machtprojektion sind. Allein Saudi-Arabien soll zwischen 2000 und 2018 insgesamt 5,5 Milliarden Euro an Hilfsleistungen zur Verfügung gestellt haben, wovon nur ein kleiner Teil an UNRWA floss. Den Golfstaaten geht es darum, mit humanitärer Hilfe Marktzugänge zu sichern, politische Allianzen zu schmieden und regionale Stabilität nach eigener Definition zu wahren. Reine Geldgeschenke in Form von Einlagen in die Zentralbanken strategisch wichtiger Empfängerstaaten oder zinslose Kredite verlieren daher zunehmend an Bedeutung. Stattdessen werden Finanzhilfen heute häufig an wirtschaftliche Zugeständnisse geknüpft. Dieser Trend könnte auch das zukünftige Geberverhalten gegenüber Palästina und anderen Empfängerländern bestimmen. Das zeigt das Beispiel der VAE: Im Februar sagten die Emirate Ägypten 32 Milliarden Euro zu, die das krisengeschüttelte Land am Nil dringend benötigt. Im Gegenzug darf Abu Dhabi die strategisch wichtige Region Ras Al-Hekma an der Mittelmeerküste westlich von Alexandria für eigene Tourismus- und Hafenprojekte erschließen. Diese Hilfe für Ägypten sichert den Emiraten wirtschaftlichen Einfluss und erweitert ihr maritimes Netzwerk. Sie sehen sich seit Jahren als Supermacht der Weltmeere und sind an Häfen im Roten Meer, im Mittelmeer und am Horn von Afrika beteiligt. Die durch den Gaza-Krieg verschärfte Notlage Ägyptens kommt den maritim-wirtschaftlichen Interessen Abu Dhabis zugute. Trotz dieser unterschiedlichen Ansätze im Umgang mit dem Gaza-Krieg wollen alle Staaten am Golf die Eskalation stoppen. Sie stehen mehr denn je in der Verantwortung, ihren Solidaritätsbekundungen mit Palästina Taten folgen zu lassen, und müssen daher geschlossen auftreten – ein schwieriges Unterfangen. Da sie aber an regionaler Stabilität interessiert sind, um ihre wirtschaftliche Transformation voranzutreiben und ihre Investitionen zu sichern, könnte am Ende durchaus eine regional abgestimmte Politik stehen. Dr. Sebastian Sons ist promovierter Islamwissenschaftler und arbeitet am Forschungsinstitut CARPO zu den arabischen Golfmonarchien. Sein aktuelles Buch»Die neuen Herrscher am Golf und ihr Streben nach globalem Einfluss« ist 2023 im Dietz-Verlag erschienen. Foto: Screenshot Sky News ZENITH 1/2024 59 RAFAH IST NUR DER ANFANG Die Wut über den Gaza-Krieg mobilisiert die ägyptische Gesellschaft. Nun stellen immer mehr junge Ägypter die Grundlagen des Friedensvertrags mit Israel infrage VON NOHA EL-MIKAWY Eine lange Schlange von Lastwagen mit Hilfslieferungen wartet auf der ägyptischen Seite der Grenze zu Gaza auf eine Einreisegenehmigung. E s gibt nur wenige glaubwürdige Meinungsumfragen unter Ägyptern, die mit Sicherheit Aufschluss über ihre Haltung zum Gazastreifen geben. Beobachter sind sich jedoch einig, dass die ägyptische Öffentlichkeit ein zweites Erwachen erlebt. Vor zwölf Jahren weckte der Arabische Frühling das Interesse junger Ägypter an der Politik im eigenen Land. Seit Oktober 2023 sind sich viele Ägypter der regionalen und globalen Politik viel bewusster als zuvor. Die Stimmung am Nil ist geprägt von Empörung, Enttäuschung und einem trotzigen Respekt vor dem Begriff»Widerstand«. Seit Beginn des Gaza-Krieges sympathisieren vor allem junge Ägypter mit den Palästinensern dort. Spenden- und Freiwilligenkampagnen für humanitäre Hilfe haben deutlich zugenommen. So hat die ägyptische Ärztekammer ein Rettungs- und Hilfstraining für junge Ärzte organisiert, die sich freiwillig für die medizinische Versorgung der Palästinenser gemeldet haben. Die Solidarität geht weit über die humanitäre Situation hinaus. Sie ist Ausdruck einer Wiederannäherung an die palästinensische Sache – und fällt zusammen mit einem moralischen Glaubwürdigkeitsverlust des Westens von historischem Ausmaß. Die Sympathie für die Menschen in Gaza und Palästina im Allgemeinen hat die Zivilgesellschaft nach 60 DOSSIER Jahren der verordneten Inaktivität seit 2013 wiederbelebt. gang zu medizinischer Behandlung in Ägypten erhalten. Neben Studentendemonstrationen an verschiedenen Uni- Ein Drahtseilakt für die Regierung. Schließlich stellen immer versitäten finden wöchentliche Solidaritätskundgebungen mehr Bürger die Bestimmungen des Camp-David-Abkomin der Al-Azhar-Moschee nach den Freitagspredigten statt. mens infrage, das entmilitarisierte Zonen an der Grenze In den Wochen nach Beginn des Krieges im Gazastreizwischen Ägypten und Gaza vorsieht und den israelischen fen boykottierten immer mehr Ägypter Produkte westlicher Sicherheitskräften eine unverhältnismäßig große Kontrolle Unternehmen, die beispielsweise in Siedlungen in den Beüber den Grenzverkehr einräumt. setzten Gebieten tätig sind. Betroffen waren unter anderem Drittens wird so deutlich wie schon lange nicht mehr Starbucks, Pepsi und Coca-Cola. Die Nachfrage nach eindie Doppelmoral des Westens kritisiert, wenn es um den heimischen Ersatzprodukten stieg rasant. So meldete der Schutz der Menschenrechte und die Einhaltung des Völkerägyptische Mineralwasserhersteller Spiro Spathis seit dem 7. rechts in Palästina geht. Vor allem im NGO-Sektor, in dem Oktober einen Anstieg der Verkaufszahlen um 500 Prozent. sich viele junge Ägypter engagieren, sitzt die Enttäuschung Der Stimmungsumschwung in der ägyptischen Öffenttief. Früher orientierten sich viele dieser Organisationen an lichkeit hat drei vermeintlich etablierte Annahmen in Bezug westlichen Menschenrechtsstandards und erhielten finanauf den Nahostkonflikt erschüttert. zielle Unterstützung für ihren Kampf um die Wahrung von Erstens bezeichnen die ägypMenschenrechten in Ägypten. tischen Staatsmedien die Hamas Dieses Verhältnis ist nachnicht mehr als Terrororganisation, haltig gestört. So kündigte die sondern als»palästinensischen renommierte MenschenrechtsorWiderstand«. Dieses neue offiziganisation»Egyptian Initiative for elle Narrativ stößt eher bei älteren Personal Rights«(EIPR) im DeÄgyptern auf Zustimmung, wähzember an, künftig nicht mehr mit rend die Solidarität der jüngeren staatlichen deutschen Geldgebern Generation eher den Palästinensern selbst als ihren politischen Der Stimmungsumschwung zusammenzuarbeiten, nachdem die Bundesregierung die FördeRepräsentanten gilt. Der Kontrast zum Gaza-Krieg 2014 könnte in der Berichterstattung nicht größer sein. Damals fiein der ägyptischen Öffentlichkeit erschütterte drei etablierte Annahmen rung der Frauenrechts-NGO»Center For Egyptian Women's Legal Assistance«(CEWLA) eingestellt hatte. len die Solidaritätsbekundungen Wie viele Jugendliche weltmit den Palästinensern zurückhalweit meiden auch junge Ägypter tend aus, nicht zuletzt aufgrund staatliche Sender und konsumievon Medienkampagnen, die die ren Inhalte vor allem über soziale Hamas als Komplizin von TerrorakMedien. Dies gilt auch für Nachten in Ägypten darstellten. Heute richten über den Gaza-Krieg. Das genießen Kommentatoren in die- Ausmaß der Zerstörung und des ser Frage einen für ägyptische menschlichen Leids erlebten viele Verhältnisse ungewöhnlich großen Ägypter dadurch noch unmittelbaSpielraum und üben scharfe Kritik an Israel. Ein Zugeständrer und ungefilterter als in früheren Kriegen. nis der Regierung an die allgemeine Stimmung in der ägypDiese neue Medienrealität stellt die Politik vor Heraustischen Öffentlichkeit. forderungen. Denn der emotionale Aufruhr erschwert diploZweitens spielt der 1979 unterzeichnete Friedensvermatische Friedensinitiativen. Wie viele Araber haben auch trag zwischen Ägypten und Israel für die heutige Jugend die Ägypter die Hoffnung auf eine Zweistaatenlösung vereigentlich keine Rolle, da er lange vor ihrer Geburt geschlosloren. Der Westen wird nicht mehr als vertrauenswürdiger sen wurde. Erst der 7. Oktober katapultierte die Grundlagen Vermittler wahrgenommen. Ohne einen echten Versuch, der ägyptisch-israelischen Beziehungen ins Bewusstsein der den Krieg zu beenden und sich für einen gerechten und jungen Generation. Denn schließlich wurden mehr als 1,5 dauerhaften Frieden zwischen Israel und einem unabhängiMillionen Palästinenser in den südlichen Gazastreifen an der gen, souveränen palästinensischen Staat einzusetzen, werägyptischen Grenze vertrieben. Es herrscht Konsens darüden Stabilität und Wohlstand im Nahen Osten nur schwer zu ber, dass Ägypten seine Grenzen nicht öffnen und Palästierreichen sein. Und auch der Westen wird seinen enormen nenser aus dem Gazastreifen in den Sinai einreisen lassen moralischen Glaubwürdigkeitsverlust im globalen Süden darf, da dies einer zweiten Nakba gleichkäme. nicht wieder wettmachen können. Das bedeutet nicht, dass junge Ägypter der humanitären Katastrophe an der Grenze nur mit Blick auf das eigene Land gegenüberstehen. So forderte der ägyptische Journalistenverband die Behörden auf, mehr zu tun, um den Noha El-Mikawy ist Dekanin der»School of Global Affairs Grenzübergang Rafah offen zu halten, damit Hilfsgüter geand Public Policy«(GAPP) an der American University in liefert werden können und verwundete Palästinenser ZuCairo(AUC). ZENITH 1/2024 61 145 Kilometer Auch die Street-Art-Szene in der jordanischen Hauptstadt widmet sich seit dem Herbst vor allem einem Thema: Gaza. Die Mehrheit der Jordanier sind Palästinenser. In der dynamischen Kunstszene von Amman gibt es derzeit nur ein Thema TEXT: ANNA DOTTI, FOTOS: LAILA SIEBER 62 DOSSIER Zaid Alshurbaji erinnert sich noch genau an diese Zeit: Er war zu Hause, hörte auf seinem Smartphone die Nachricht vom Angriff der Hamas – und verfolgte in den Stunden und Tagen danach wie gebannt die Bilder und Nachrichten.»Ich war an mein Handy gefesselt«, erinnert er sich. ZENITH 1/2024 63 E ine Frauengestalt in schwarz-grauen Schattierungen. Sie trägt etwas auf dem Kopf, vielleicht ein Gepäckstück? Vielleicht ein Kind? Oder vielmehr das, was von seinem Körper übrig geblieben ist. Die Frau ist auf dem Bildschirm von Zaid Alshurbajis Laptop zu sehen. Fotos von Körpern, die von Bomben zerfetzt wurden, sieht er in diesen Tagen oft. Zaid Alshurbaji sitzt auf einem Hocker an einem großen, hellen Holztisch. Aus den Boxen kommt leiser Bossa Nova, es riecht nach Kaffee. Auf dem Laptop vor ihm: sein neuestes Werk, noch nicht ganz fertig. Der freischaffende Künstler betrachtet es durch gelb getönte Brillengläser, die die Farben der Frauenfigur leicht ins Sepiabraun verschieben. Durch diese Brille sehe er die Welt wie durch die Kamera von Quentin Tarantino, sagt Alshurbaji, und das gefalle ihm. Er wird unterbrochen, eine Frau und ein Mann kommen an seinen Tisch. Der Mann trägt einen Kapuzenpulli mit der Aufschrift»Dali«. So heißt das Café im Zentrum der jordanischen Hauptstadt Amman, in dem sich Hipster, Musiker und Kreative treffen. Der Mann und Alshurbaji kennen sich, sie sehen sich fast täglich. Beide arbeiten oft im Dali, Alshurbaji als Künstler, der andere als Kellner. Die Frau aber kennt der Enddreißiger noch nicht, der Kellner will sie einander vorstellen. Denn sie bereitet eine Kunstausstellung vor. Um Spenden zu sammeln, für Gaza. Nur 145 Kilometer liegen zwischen Gaza und Amman – weniger als zwischen Berlin und Dresden. Ohne Grenzkontrollen und Blockaden könnte man die Strecke mit dem Auto in drei Stunden zurücklegen. Doch nicht nur geografisch liegen die beiden Städte nahe beieinander: Für viele Jordanier ist der Nahostkonflikt Teil ihrer Familiengeschichte. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung stammt entweder selbst aus Palästina oder hat Eltern oder Großeltern, die dort geboren wurden. Zaid Alshurbajis Großmutter kam als Kind mit ihrer Familie aus Jaffa, heute ein Stadtteil von Tel Aviv. Im Zuge der Nakba verloren seine Vorfahren 1948 ihre Heimat. Das arabische Wort für»Katastrophe« und»Unglück« bezeichnet die Flucht und Vertreibung von rund 700.000 Palästinensern nach der Gründung des Staates Israel. Alshurbaji war noch nie in Palästina, dafür bräuchte er ein israelisches Visum. Doch das beantragt er nicht, mit der Besatzung wolle er nichts zu tun haben, sagt er. Die Chancen seien ohnehin gering: Israel lehne solche Anträge von Palästinensern oft ab. Seit dem Terroranschlag vom 7. Oktober und dem darauffolgenden Krieg ist die Möglichkeit eines Heimatbesuchs ohnehin in weite Ferne gerückt. Alshurbaji erinnert sich noch genau an diese Zeit: Er war zu Hause, hörte auf seinem 64 DOSSIER ZENITH 1/2024 65 Dina Halaseh ist Kuratorin der Ausstellung»We are all for Gaza« in Amman und verkauft Kunstwerke aus Gaza, ohne dafür eine Provision zu nehmen. Smartphone die Nachricht vom Angriff der Hamas – und ver- der Opfer liegt zu diesem Zeitpunkt bei über 32.000. Das folgte in den Stunden und Tagen danach wie gebannt die Kunstwerk heißt»Just a Number – nur eine Zahl«. Bilder und Nachrichten.»Ich war an mein Handy gefesselt«, Auch Alshurbajis bekanntestes Kunstwerk hat mit dem erinnert er sich. Er wollte mehr wissen, wollte verstehen, Krieg in Gaza zu tun. Auf seinem Instagram -Account hat der fragte sich: Was passiert jetzt? Künstler einige Beiträge gepostet, darunter dieses Video: Die Der Krieg hat Zaid Alshurbaji aufgewühlt, er schläft Kamera ist auf einen Baum gerichtet, an dem ein in der Mitte schlecht, Albträume plagen ihn, erzählt er. Trotzdem macht durchgeschnittenes DIN-A4-Blatt hängt. Im oberen Teil ist er sich gleich nach dem Aufstehen an die Arbeit – sonst die israelische Flagge zu sehen, darauf die Frage: Unterstütwüsste er nicht, wohin mit zen Sie Israel? Im unteren Teil seiner Unruhe. Er müsse ethängen fünf Papierstreifen, was tun, etwas schaffen. Und die man abreißen kann. Ähnmit diesem Drang ist er nicht lich einer Wohnungsanzeige. allein. Mit Israels Militärkampagne in Folge des 7. Oktober Erst kam der Schock, Nur auf den Streifen steht: Ich unterstütze Israel. kam erst der Schock, dann die Aktion. Aktivisten halten dann die Aktion Das Video läuft. Eine Hand reißt den ersten Streifen Vorträge über die politische ab, darunter die Leiche eines Situation in Kulturzentren, GaBabys und die Botschaft von lerien spenden einen Teil ihrer Alshurbaji: Du hast ein Kind Einnahmen für Gaza. Ausstelin Gaza getötet. Ein weiterer lungen werden verschoben, um stattdessen Fotos und ViStreifen, eine weitere Botschaft: Du hast ein Krankenhaus deos aus Palästina zu zeigen. Israels Bomben haben auch in Gaza bombardiert und alle getötet. Du hast einen Vater Ammans Kunstszene aufgerüttelt. und seine Tochter getötet. Und so weiter. Insgesamt fünf Einen Monat nach Kriegsbeginn steht Zaid Alshurbatödliche Botschaften. Sobald die Hand die Streifen abreißt, ji im Park vor der Galerie der Feinen Künste im Zentrum färben sich die Fingerspitzen blutrot. von Amman. An der Säule neben sich hat er eine PapierDas Video hat mittlerweile über 46.000 Likes. Menschen rolle angebracht. Darauf: eine Porträtskizze des im Herbst aus verschiedenen Ländern haben sich bei ihm gemeldet, 2023 verstorbenen US-Schauspielers Matthew Perry. Unter um das interaktive Kunstwerk zu teilen: Zusammen mit dem seinem Geburts- und Todesdatum steht:»Wir haben einen Video veröffentlichte Alshurbaji auch einen Link mit einer guten Freund verloren. Gaza hat all diese Freunde verloren.« Anleitung zum Nachmachen. Spontan wurden ÜbersetzunFreunde auf Englisch, also»Friends«, genauso aufgeschriegen der englischen Originalversion angefertigt, mittlerweiben wie der Titel der bekannten Comedy-Serie, mit der le gibt es das Werk in 16 Sprachen – von Chinesisch über Perry in den 1990er-Jahren bekannt wurde. Schwedisch bis Deutsch. Es folgen die Namen aller Opfer der israelischen Bom- Heute ist Alshurbaji auf Arbeitssuche, mit seiner Kunst bardierungen, die das palästinensische Gesundheitsministekonnte er in den letzten Monaten nicht genug verdienen. rium in Gaza bis dahin bekannt gegeben hatte. Die PapierTrotzdem ist er stolz auf das Video: Es habe seinen Zweck rolle liegt ausgebreitet auf dem Boden, teils gefaltet, teils als Konzeptkunstwerk erfüllt und eine Art kulturelle Beweübereinandergestapelt. Fünfzehn Meter ist sie lang. Die Zahl gung ausgelöst. Der Krieg hat Zaid Alshurbaji aufgewühlt, er schläft schlecht, Albträume plagen ihn, erzählt er. Trotzdem macht er sich gleich nach dem Aufstehen an die Arbeit – sonst wüsste er nicht, wohin mit seiner Unruhe. Die Papierrolle liegt ausgebreitet auf dem Boden, teils gefaltet, teils übereinandergestapelt. Die Zahl der Opfer liegt zu diesem Zeitpunkt bei über 32.000. Das Kunstwerk heißt »Just a Number – nur eine Zahl«. 66 DOSSIER Wichtiger als Palästina Ende 2020 trat Marokko den Abraham-Abkommen zur Normalisierung der Beziehungen mit Israel bei. D ie Ankündigung kam überraschend: Am 20. März erteilte Israel die Genehmigung, 40 Tonnen Lebensmittel nach Gaza duchzulassen, während Hunderte Tonnen weiterer Hilfsgüter in Lastwagen an der ägyptischen Grenze vergeblich auf die israelische Einfuhrgenehmigung warteten. Absender der einzigen Lieferung, die passieren durfte: Marokko. Je sichtbarer Tod und Zerstörung im Gaza-Krieg wurden, desto größer wurde der Druck auf das Königreich und seine politische Führung. Ende 2020 begründete Marokko seinen Beitritt zu den Abraham-Abkommen damit, sich so effektiver für die Belange der Palästinenser einsetzen zu können. Zudem verwies Rabat auf die reiche Geschichte des Judentums in Nordafrika als Argument für eine kulturelle Affinität und damit bessere Verbindung zu Israel. Schließlich kämen viele Mizrahim aus Marokko. Eine romantisierende Sicht, die die meisten Marokkaner nicht teilen. Sie vermuten vielmehr, dass zwei andere Gründe für die Normalisierung der Beziehungen ausschlaggebend waren: die wirtschaftlichen Vorteile der Zusammenarbeit mit Israel und die Anerkennung der Souveränität Marokkos über die Westsahara durch die US-Regierung. Kurzum: Die Normalisierungspolitik brachte Marokko handfeste Vorteile. Zum Beispiel im für Marokko so wichtigen Tourismus: Nach dem Beitritt zu den Abraham-Abkommen sorgten Direktflüge aus Israel für einen regelrechten Ansturm. Bilaterale Kooperationsabkommen in Bereichen wie Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und – angesichts der Spannungen Foto: David Azagury, U.S. Embassy Jerusalem ZENITH 1/2024 67 Marokko profitiert von der Normalisierung mit Israel. Daran ändert auch der Krieg in Gaza wenig VON INTISSAR FAKIR mit Algerien besonders wichtig – Rüstung und Sicherheit von 1961 bis 1999) bemühte sich um positive, wenn auch festigten das neue Verhältnis auf beiden Seiten. verdeckte Beziehungen zu Israel. Gleichzeitig hielten sich die Fortschritte bei der EinflussAls die Regierung Ende 2020 beschloss, die Beziehunnahme auf den Nahostkonflikt in Grenzen. Im Sommer 2022 gen zu Israel offiziell zu normalisieren, wähnte sie sich hinlobten Washington und Jerusalem die Beteiligung Marokkos sichtlich der öffentlichen Reaktionen auf der sicheren Seite. an den Verhandlungen über die dauerhafte Öffnung des isDies umso mehr, als sie ein hinreichend überzeugendes Narraelisch-jordanischen Grenzübergangs an der Allenby-Brü- rativ der besonderen Beziehungen zur jüdischen Gemeincke. Es blieb die einzige Erfolgsmeldung. Dies ist weniger schaft marokkanischer Herkunft entwickelt hatte, das vor ein Beleg für das Scheitern marokkanischer Außenpolitik als allem die zwischenmenschliche Dimension betonte und so vielmehr Ausdruck der dahinterstehenden Interessen: Ma- verfing. rokko geht es bei der Normalisierung mit Israel eindeutig Auch die sichtbaren Fortschritte in der Westsahara-Fraund in erster Linie um eigene nationale Projekte. ge nach jahrzehntelangem Stillstand fanden breite UnterSo hat die Verteidigungskooperation mit Israel die milistützung in der Bevölkerung. Und doch: Die Kluft zwischen tärischen Kräfteverhältnisse in der Region erheblich veränRegierung und Bevölkerung wächst seit dem Gaza-Krieg. dert und dem Königreich zum Aufbau einer schlagkräftigen Auch wenn die Solidarität mit Palästina nicht mehr so zenLuftwaffe verholfen. In diesem tral ist wie etwa in den 1960erBereich konnte Rabat bisher nicht und 1970er-Jahren, wächst sie mit Algerien mithalten. Die Anzweifellos auch in Marokko. Nicht schaffung israelischer Drohnen und Flugabwehrsysteme fiel mit einer erneuten Konfrontation mit Die reiche Geschichte des Judentums in Nordafrika dient als zuletzt deshalb, weil die Kritik an Israel nicht antisemitisch motiviert ist, sondern sich an konkreder Polisario zusammen, nachdem der Westsahara-Konflikt jahrzehntelang eingefroren war. Zuvor hatArgument für einen besseren Draht zu Israel ten Missständen entzündet, etwa am Umgang mit der arabischen Bevölkerung, an der Blockade te Marokko vergeblich versucht, des Gazastreifens, an Menschenseine Position durch bilaterales rechtsverletzungen und immer Engagement durchzusetzen. Erst häufiger an der entmenschlichendie US-Regierung unter Donald Trump eröffnete diese Opden Rhetorik rechtsextremer israelischer Politiker. tion; eine regionalpolitische Entscheidung, die Washington Forderungen aus der Bevölkerung, die Beziehungen zu unter Joe Biden beibehielt. Israel abzubrechen, konnte die Regierung bisher ignorieren. Dabei offenbarte der amerikanische ParadigmenwechDabei kann sich Rabat auch darauf berufen, dass bisher kein sel einen Widerspruch: Auf dem Papier erkennt Washington arabischer Staat, der diplomatische Beziehungen zu Israel die Souveränität Marokkos über die Westsahara an, bekennt unterhält, diesen Schritt vollzogen hat. sich aber gleichzeitig zu einer politischen Lösung im Rahmen Umso wichtiger sind öffentlichkeitswirksame Aktionen der Vereinten Nationen. Doch genau dieser politische Prowie die Hilfslieferungen nach Gaza. Möglicherweise wird das zess läuft angesichts der neuen geopolitischen Realitäten Königreich auch versuchen, sich in die regionalen Verhandins Leere. Zudem haben die veränderte US-Politik und vor lungen über eine Nachkriegsordnung einzubringen. Da Maallem die neue Allianz Marokkos mit Israel einen weiteren rokko im Nahostkonflikt ohnehin stets einen pragmatischen Keil zwischen Marokko und Algerien getrieben. All dies sind Ansatz verfolgt hat, bei dem die eigenen nationalen InteBegleiterscheinungen, die Marokko in Kauf nimmt. ressen im Vordergrund standen, wird das Königreich seine Auf Regierungsebene beruht Marokkos Haltung im Beziehungen zu Israel auch in Zukunft nicht grundsätzlich Nahostkonflikt nicht auf dem populistischen Erbe etwa des infrage stellen. Panarabismus. Zwar tritt Rabat seit Langem für eine Zweistaatenlösung ein. Marokko gehört aber nicht zu jenen Staaten in Nordafrika, die die PLO nennenswert unterstützten. Intissar Fakir ist Senior Fellow und Programmdirektorin für Diese stand ideologisch ohnehin Algerien näher und sympaNordafrika und den Sahel beim US-Thinktank»Middle East thisierte mit der Polisario. Schon König Hassan II.(regierte Institute«. 68 DOSSIER Von der Gegenwart getrennt I ch habe meine Familie in der zweiten Nacht des Ramadan 2024 verloren. Auch wenn die Resolutionen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen sie nicht zurückbringen, so rücken sie doch ihr Leben und das Leben Tausender anderer, die unter diesem Krieg gelitten haben, in den Mittelpunkt. Der Verlust meiner Lieben in einer Zeit, die eigentlich zu Frieden und Besinnung aufruft, ist Teil einer Realität, die niemanden verschont. Die Tatsache, dass ich sie vor ihrem Tod zehn Jahre lang nicht gesehen habe, macht meinen Verlust noch tragischer. Gleichzeitig fassen diese Umstände die Essenz der palästinensischen Diaspora-Erfahrung und unserer Sicht auf den Gaza-Krieg zusammen. Das letzte Mal war ich 2014 in Gaza. Meine Heimat ist ein verschwommener Traum, eine verklärte Erinnerung. Ich entsinne mich, wie ich mit meiner Familie am Strand war und ein kleines Loch in den Sand grub, um eine Wassermelone vor der Sonne zu schützen. Mein Onkel zeigte auf den Horizont, auf die Schiffe der israelischen Küstenwache. Selbst am Wasser fühlte sich Gaza wie ein Gefängnis an. Dieser Zustand war Normalität für alle, die dort aufwuchsen. Freiheit ist ein Wort, das in den Raum geworfen wird und für die Menschen in Gaza keine Bedeutung hat. Mit Ausnahme des Himmels: Auch deshalb ist Drachensteigen so beliebt, vor allem bei Kindern. Den zweiten Teil meiner Kindheit habe ich am Golf verbracht. Ich erinnere mich lebhaft an die Geschichten, die in meiner Familie erzählt wurden: über das Leben in Gaza, über Vertreibung und Verlust. Kurz: über die Grundlagen unserer Identität, die sich über mehrere Generationen erstrecken. Diese Erzählungen haben meine Kindheit geprägt und mir ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Land gegeben, das ich nur aus meiner Kindheit kenne, mit dem ich mich aber immer verbunden gefühlt habe. Die Wirkung dieser Erzählungen geht über die persönliche Identität hinaus; sie beeinflussen die kollektive Psyche unserer Gemeinschaft und fördern eine Widerstandsfähigkeit, die uns Palästinenser über Kontinente und Generationen hinweg verbindet. Was uns trennt, ist die politische Gegenwart der Teilung der palästinensischen Gebiete. Die soziale Dynamik im Westjordanland und in Gaza führte schon vor dem Krieg zu Spannungen, ganz zu schweigen von der politischen Konkurrenz zwischen Hamas und Fatah. In der Diaspora wird dieser Teil unserer Identität romantisiert, was für uns eine andere Realität schafft als die vor Ort. Palästinenser zu sein bedeutet, mit einer imaginären Identität aufzuwachsen, die auf einer jahrhundertealten Kultur, einem Erbe und einem Volk basiert. Das Recht, Palästinenser zu sein, ist mit dem Recht verbunden, einen Pass zu besitzen. Ein weiteres Dilemma, mit dem viele Palästinenser zu kämpfen haben: Je mehr Menschen den Gazastreifen verlassen, desto brisanter werden die Folgen der erneut erEin Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Land, das ich nur aus dem Kleinkindalter kannte ZENITH 1/2024 69 Im Gaza-Krieg zeigen sich viele Palästinenser solidarisch und engagieren sich. Die Perspektive der Diaspora gerät oft aus dem Blick. Dabei kann sie Antworten auf drängende Fragen geben VON MOHAMMED USROF zwungenen Migration. Dies betrifft Palästinenser und Nichtpalästinenser, Individuen und Staaten gleichermaßen. Staaten wie Katar haben zwar große Anstrengungen unternommen, um verletzte Palästinenser in Sicherheit zu bringen. Doch die große Mehrheit hat nicht so viel Glück. Der Grenzübergang Rafah bleibt für die meisten geschlossen. Jede Aktion Israels an der Grenze im Süden des Gazastreifens würde jedoch die ägyptisch-israelischen Beziehungen belasten und die roten Linien in den bilateralen Beziehungen aufzeigen. So wie die Palästinenser in Ägypten keinen Einfluss auf die Situation an der Grenze haben, haben die Palästinenser in der Diaspora generell keinen Einfluss auf die palästinensische Politik. Diese Machtlosigkeit macht ohnmächtig. Dennoch nähren die Geschichten meiner Familie über die Widerstandskraft meines Volkes meine Hoffnung auf eine Zukunft, in der unsere Stimmen gehört und unsere Rechte durchgesetzt werden. Als Teil der Diaspora versucht man, sich in die internationale palästinensische Gemeinschaft zu integrieren und gleichzeitig die Verbindung zur Heimat aufrechtzuerhalten. Es ist jedoch wichtig, sich daran zu erinnern, was beide verbindet: Jahrzehnte andauernder Kolonisierung, Besatzung und Apartheid, die der Grund dafür sind, dass wir getrennt sind. Aktivismus und Lobbyarbeit gehören zu den wichtigsten Instrumenten des Widerstands, sind aber nicht überall eine Option. In den Golfmonarchien zum Beispiel ist die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Das macht es der Diaspora dort manchmal schwer, ihre Stimme zu erheben. Auch wenn der Gaza-Krieg die Normalisierungsbemühungen der arabischen Welt mit Israel auf eine harte Probe stellt, gehen viele Palästinenser davon aus, dass er weitergeht. Daraus entsteht eine Hilflosigkeit, die ich auch in meinem Umfeld spüre. Wenn wir über die Zukunft sprechen, geht es oft um den Verlust und nicht um das, was noch gewonnen werden kann. Selbst wenn die Besatzung beendet würde, blieben wichtige Fragen offen. Sollte die Hamas als politischer VerSelbst wenn die Besatzung ein Ende finden würde, bleiben wichtige Fragen ungeklärt treter des Gazastreifens abgesetzt werden, würde Katar an Einfluss verlieren, und andere arabische Staaten würden die Gelegenheit nutzen, das Machtvakuum auszufüllen. Die Sensibilität des Themas ist angesichts der vielen Opfer des Krieges nach wie vor hoch. Irgendwann müssen aber auch die schwierigen Zukunftsfragen auf die Tagesordnung. Als Palästinenser aus Gaza, der am Golf lebt, verfolge ich die Vorschläge zur Lösung des Konflikts mit einer Mischung aus Skepsis und Hoffnung. Mein persönlicher Werdegang ist geprägt von Erzählungen über Resilienz im Angesicht von Widerständen. Das bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass innovative und mutige Ansätze entscheidend sind, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, der die Region seit Langem plagt. Mohammed Usrof wurde in Gaza geboren und lebt heute in Doha. Er gehört zum Gründungsteam der»Climate Alliance for Palestine«(CAP), die sich nach der Weltklimakonferenz COP28 in Dubai konstituierte, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Plattform Slow Factory und arbeitet mit verschiedenen Organisationen zusammen, um die Evakuierten aus dem Gazastreifen zu unterstützen. 70 DOSSIER Hier begegneten sich Welten Nie war es so schlimm um den Gazastreifen bestimmt wie in der Gegenwart. Dabei zeigt ein Blick auf die reichhaltige Vergangenheit, welche Zukunft das Gebiet am Mittelmeer haben könnte VON ASIEM EL DIFRAOUI Foto: Le pays d’Israël. Collection de cent vues prises d’après nature dans la Syrie et la Palestine Lithographie Nr. 71 »Ghuzzeh – Gaza«(1857) aus dem Album»Ansichten des Heiligen Landes« des niederländischen Landschaftsmalers Charles William Meredith van de Velde ZENITH 1/2024 71 A m Morgen des 7. Oktober 2023 veröffentlicht die wichtigste Tageszeitung Frankreichs, Le Monde, einen Artikel über die Rehabilitierung des Wadi Gaza, eines Flusslaufs, der nach starken Regenfällen Wasser in das größte Feuchtgebiet der Enklave führt. Es soll zu einem ökologischen Korridor werden. Das Becken wurde gereinigt, sauberes Klärwasser zugeführt, heimische Flora und Fauna wieder angesiedelt. Das Wadi entspringt ein paar hundert Kilometer östlich zwischen der Negev-Wüste und den Hügeln von Hebron. Über Jahrtausende war der Fluss eine Quelle für den zeitweise großen Reichtum der Stadt. Dass der Artikel am Tag des Massakers der Hamas an 1.200 Israelis erschien, war natürlich eine dramatische Koinzidenz. Der Autor, Samuel Forey, ein Bekannter von mir, wollte»Positives und Menschliches« aus Gaza berichten. Es war vermutlich der schlechtmöglichste Zeitpunkt. Aber sein Artikel ist wichtig. Gaza und seine Jahrtausende alte Geschichte sind dagegen weniger bekannt. Gaza war niemals ein geografisch isolierter Streifen, sondern ein wichtiges kulturelles und wirtschaftliches Zentrum. In der größten Oase der Region war Wasser nicht die einzige Quelle des Reichtums. Gaza war seit Jahrtausenden eine Brücke zwischen Asien und Afrika, die die Levante mit Ägypten und Nordafrika verband. Als Horus-Weg wurde die Verbindung in pharaonischer Zeit und in osmanischer als Weg des Sultans bezeichnet. Zudem war es mit seinem Hafen die Verbindung nach Europa für Handelskarawanen von der Arabischen Halbinsel. Und natürlich war Gaza somit auch ein umkämpfter Ort, ein Ort von Weltgeschichte. Ursprünglich von den Kanaanäern und auch dem»Seevolk« der Philister bewohnt, kämpften hier bereits Pharaonen gegen Assyrer und Babylonier. 530 vor Christus nahm der Perserkönig Kyros der Große die befestigte Stadt ein. Sein Nachfolger eroberte von hier aus Ägypten. Ein Jahrhundert später beschrieb der griechische Historiker Herodot, dass Gaza von einem König der Araber regiert wurde, vermutlich einem Vasallen der Perser. Drei Monate belagerte Alexander der Große die Stadt im Jahr 332 v. Chr. und wurde in den Kämpfen vermutlich verletzt, bis er mit überlegenem Kriegsgerät die Stadt einnahm und viele Männer töten ließ. Wie der französische Historiker Jean-Pierre Filiu scheibt, füllten die Plünderungen Gazas zehn Schiffe, bestimmt für Makedonien. Gemäß des Historikers Plutarch schickte Alexander seinem Hauslehrer Leonidas allein zehn Tonnen Weihrauch und zwei Tonnen Myrrhe. Der Weg für die Eroberung Ägyptens war frei. Gaza entwickelte sich zu einem Zentrum des Hellenismus. Im Jahre 63 vor Christus wurde Gaza unter Caesars Rivalen Pompeius Teil der römischen Provinz Judäa. Auf die Römer folgten die Byzantiner im 4. Jahrhundert. Den Reichtum dieser Zeit bezeugen spektakuläre Mosaiken. Das Chris- 72 DOSSIER tentum breitete sich aus und zeitgleich mit Ägypten wurden hier die ersten bedeutsamen Klöster gegründet, etwa das des heiligen Hilarion. Der Mönch stammte aus einer wohlhabenden Familie in Gaza, studierte griechische Philosophie in Alexandria und wurde zum Gründer der ersten Einsiedlergemeinschaft in Palästina. Sein Kloster wurde zu einem der bedeutsamsten in der Region. Gaza war seit dem 4. Jahrhundert nicht nur als Wallfahrtsort bekannt, sein Ruhm stammte auch aus einer anderen Quelle, dem Vinum Gazetum , dem Wein aus Gaza. Er wurde vom dortigen Hafen rings ums Mittelmeer exportiert, berühmt und gepriesen, etwa im 6. Jahrhundert von dem damals führenden europäischen Gelehrten und Bischof Gregor von Tours. Ein zeitgenössischer Pilger beschrieb Gaza wie folgt:»eine wunderbare Stadt, herrlich, seine Einwohner sind sehr respektvoll, zeichnen sich in jeder Hinsicht durch ihre Freundlichkeit und Liebe für Menschen aus fremden Gegenden aus.« 637 fiel Gaza in die Hände des legendären muslimischen Generals und Eroberers Ägyptens, Amr Ibn Al-As. Die byzantinische Garnison wurde getötet, aber die Bevölkerung verschont. In der Folge konvertierten viele Christen Gayas zum Islam. Die kleinere jüdische Gemeinde, die seit der hellenistischen Periode in Gaza und auch in der Stadt Rafah präsent war, zahlte die Schutzsteuer und wurde somit nicht weiter behelligt. Gaza wurde übrigens nie im Konsens der jüdischen Gelehrten als Teil von Eretz Israel betrachtet, dem gemäß des Talmud biblischen Land von Israel. Die jüdische Gemeinschaft blühte unter muslimischer Herrschaft bis zu den Kreuzzügen auf. Mehrmals wechselten die Herrscher der Stadt zwischen Muslimen und Christen, mehrmals wurde sie zerstört, bis der Heerführer Saladin, der Gründer der ayyubidischen Dynastie, sie 1187 endgültig zurückeroberte. Gaza erlebte vor allem unter den Osmanen, die sie 1516 in ihr Reich eingliederten, eine erneute Renaissance. Durch Nathan von Gaza wurde der Ort im 17. Jahrhundert zu einem Zentrum für jüdischen Mystizismus und Ursprung der größten modernen jüdischen messianischen Bewegung, des Sabbatianismus. Gaza als geostrategischer Knotenpunkt blieb auch in den folgenden Jahrhunderten umkämpft. Napoleon nahm die Stadt ein, um nach seinem Ägyptenfeldzug von dort nach Syrien vorzudringen. Großbritannien und das Osmanische Reich führten im Ersten Weltkrieg hier erbitterte Kämpfe. Auch unter britischem Mandat nach der Niederlage des Sultans blieb Gaza weiter Brücke und Drehkreuz. Vom Bahnhof Gaza konnte man nach Alexandria, Kairo, Jerusalem, Beirut und sogar vermutlich noch mit dem Zug nach Istanbul reisen. Nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 kontrollierte Ägypten die Stadt und sein Umland. Der Begriff Gazastreifen entstand zu eben jener Zeit. 200.000 Flüchtlinge suchten infolge der Nakba hier Schutz. Die Bevölkerung verdreifachte sich dadurch. Die vermutlich schlimmsten Jahrzehnte in der Jahrtausende alten Geschichte des Ortes und der Gegend brachen an. Gaza wurde von seinem natürlichen Hinterland und dem Rest Palästinas mehr und mehr isoliert. Sattelitenaufnahmen lassen das Ausmaß der Zerstörung im nördlichen Gazastreifen erkennen. Foto: Maxar Foto: Carole Raddato / Flickr ZENITH 1/2024 73 Teil eines Bodenmosaiks aus dem 6. Jahrhundert, das einen Mann zeigt, der ein mit Amphoren beladenes Kamel führt. Aber es gab auch Hoffnungsschimmer. Israel eroberte Gaza 1967, aber 26 Jahre später unterzeichneten die PLO und Israel das Oslo-Abkommen, das zunächst Jericho im Westjordanland und Gaza unter die Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde stellte. Gaza wurde zu ihrem ersten Provinz-Hauptquartier, wo die erste Sitzung des palästinensischen Nationalrats stattfand. 1998 wurde in Anwesenheit von US-Präsident Bill Clinton und Jassir Arafat der Internationale Flughafen von Gaza eröffnet. 700.000 Passagiere sollten jährlich befördert und Gaza wieder an die Welt angebunden werden. Aber dieser Traum und der vom Frieden war von kurzer Dauer. Der Flugverkehr wurde während der ersten Intifada 2001 eingestellt, anschließend wurde der Tower von den Israelis bombardiert und die Start- und Landebahnen mit Bulldozern zerstört. 2005 räumte Israel unilateral alle Siedlungen im Gazastreifen, ohne das mit der Palästinensischen Autonomiebehörde zu koordinieren. 2006, kurz darauf, gewann Hamas bei den Parlamentswahlen der Palästinensischen Autonomiegebiete die absolute Mehrheit. Es brach ein bewaffneter Konflikt mit der PLO aus, woraufhin Hamas begann, Gaza alleine zu regieren. Es folgte eine Spirale aus Gewalt und Gegengewalt zwischen Hamas und Israel, die in dem barbarischen Massaker der Hamas am 7. Oktober und der anschließenden Zerstörung Gazas mit bislang über 30.000 Toten auf palästinensischer Seite neue Höhepunkte des Grauen erreicht. Warum diese lange historische Herleitung? In Zeiten der Verzweiflung, immensen Trauer und Hoffnungslosigkeit, in Zeiten, in denen die Region so isoliert ist und dort vermutlich mehr Menschen sterben als jemals zuvor, ist ein Blick auf Geschichte wichtig. Sie kann Mut machen. Man kann trotz aller Konflikte, die sie in sich trägt, Visionen aus ihr schöpfen, weil sich an gewissen Gegebenheiten eben nichts ändert. Das Wadi Gaza existiert noch und Gaza ist geografisch immer noch strategischer Knotenpunkt, der wieder zur Brücke zwischen Afrika, Asien, Europa und Arabien werden kann. Und das ist auch kein naiver Traum, selbst wenn es Jahrzehnte dauern wird, um die Wunden auf beiden Seiten zu heilen. Dazu braucht man eine Vision. Vor Gaza liegen große Erdgas- und Erdölreserven im Mittelmeer, über deren Ausbeutung sich Israelis, Palästinenser und Ägypter fast schon geeinigt hätten. Die Bevölkerung ist relativ gut ausgebildet. Und die Golfstaaten, allen voran Saudi-Arabien, könnten Milliarden für den Wiederaufbau Gazas investieren – falls Palästinenser und Israelis es schaffen, endlich eine politische Lösung zu finden. Aussöhnung und Verzeihen gehören zu den schwierigsten und langwierigsten Herausforderungen für Menschen und ihre Gesellschaften. Aber auch hier existieren historische Beispiele – das friedliche Ende der Apartheid in Südafrika, oder eines, das uns im Herzen Europas betrifft: die Transformation der deutsch-französischen Erbfeindschaft in eine Freundschaft. Dr. Asiem El Difraoui ist Politikwissenschaftler. Als Mitgründer der Candid Foundation ist er seit 2015 einer der Herausgeber von zenith . 74 DOSSIER Südafrika und die Staatsräson Die Republik am Kap stellt sich an die Spitze der Kritiker Israels und klagt sogar vor dem Internationalen Gerichtshof. Warum Südafrika der Nahostkonflikt so wichtig ist und wie Juden und Muslime im Land dazu stehen TEXT UND FOTOS: JOSEFIN HERRMANN Palästina-Solidarität im von vielen Muslimen bewohnten Stadtteil Bo Kap. ZENITH 1/2024 75 A m Eingang des Bürogebäudes hängt ein Schild, das auf die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen hinweist. Im Konferenzraum läuft die Klimaanlage.»Wenn Israel niest, bekommt die jüdische Diaspora einen Schnupfen«, sagt Daniel Bloch. Gegenüber dem Sitz des»Cape South African Jewish Board of Deputies«, dem Bloch vorsteht, liegen das »Cape Town Holocaust and Genocide Centre«, das Jüdische Museum und die Große Synagoge der ältesten jüdischen Gemeinde Südafrikas, die auf das Jahr 1841 zurückgeht. Auf der Hauptstraße des Kapstädter Stadtteils Gardens patrouillieren Soldaten. Sie tragen schwere Stiefel, das Gewehr mit beiden Händen fest umklammert. Palmen wiegen sich im Wind. Dahinter erhebt sich der Tafelberg. Die Erschütterung des 7. Oktober erreichte auch Südafrika. Seitdem lebt ein Teil der jüdischen Minderheit des Landes in Angst. Rund 60 Millionen Menschen hat das südlichste Land Afrikas, 85 Prozent von ihnen sind Christen. Nur 0,08 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Juden. Die muslimische Bevölkerung macht dagegen heute knapp 1,6 Prozent aus. Mit Blick auf den Gaza-Konflikt solidarisieren sich die Muslime des Landes vor allem mit den Palästinensern. Doch wie kommt es, dass der Nahostkonflikt ausgerechnet in Südafrika eine so große Rolle spielt? Als im 17. Jahrhundert die ersten muslimischen Sklaven aus verschiedenen Teilen der Welt – unter anderem aus dem heutigen Indien, Indonesien, Malaysia und anderen Orten Südostasiens – ins Land gebracht wurden, brachten sie den Islam mit. Israel und Südafrika hingegen unterhielten während der rassistischen Apartheid enge Beziehungen, vor allem in den Bereichen Handel und Militär. Beziehungen, die aufgrund der damaligen internationalen Isolation Südafrikas umstritten waren. Heute vergleichen Kritiker Israels die Politik der Rassentrennung mit der Politik in den besetzten palästinensischen Gebieten, etwa der Siedlungspolitik im Westjordanland, und sehen in der Zusammenarbeit beider Länder eine Unterstützung des Unterdrückungssystems. Die Regierungspartei African National Congress(ANC) unterhielt schon zu Zeiten des Widerstands enge Beziehungen zur Palästinensischen Befreiungsorganisation(PLO). Unterstützung erhielt das damalige Apartheidregime aus Israel. Diese historischen Verbindungen haben dazu geführt, dass Südafrika heute das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen aktiv verurteilt. Südafrika habe eine der israelfeindlichsten Regierungen überhaupt, so Bloch. Die BDS-Bewegung ist in Südafrika und vor allem in Kapstadt weit verbreitet, das war schon vor dem Anschlag am 7. Oktober so. BDS steht für Boykott, Desinvestition und Sanktionen. Sie setzt sich dafür ein, die internationale Unterstützung für die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel zu beenden und Druck auf Israel auszuüben. Der Terroranschlag hat die israelfeindliche Stimmung weiter angeheizt. Doch obwohl es in Südafrika eine sehr aggressive Anti-Israel-Bewegung gibt, ist die Zahl 76 DOSSIER antisemitischer Vorfälle in Südafrika immer noch eine der rung im Gazastreifen eine sofortige Feuerpause. niedrigsten der Welt. Auch die Spannungen zwischen Israel und den USA Bloch betont derweil das Recht Israels auf Selbstvertei- wachsen. Der wichtigste diplomatische und militärische Verdigung:»Wenn jemand damit droht, seine Angehörigen zu bündete des jüdischen Staats, der Israel noch zu Beginn des töten, und dies wiederholt tut, wird man sich nicht einfach Krieges den Rücken stärkte, wechselt nun den Kurs: Mit eizurücklehnen und sagen: ›Okay, wir warten auf den nächsten ner völkerrechtlich bindenden Resolution hat der UN-WeltAngriff.‹ Israel hat das Recht, sich als Staat, als Nation zu versicherheitsrat – fast sechs Monate nach Kriegsbeginn – erstteidigen.« Israel versuche, den Verlust von Menschenleben mals eine»sofortige Waffenruhe« im Gazastreifen gefordert. zu begrenzen, meint Bloch und betont, dass die israelische Das mächtigste Gremium der Vereinten Nationen verlangt Regierung der Bevölkerung im Gazastreifen drei Wochen außerdem die umgehende und bedingungslose Freilassung Zeit für die Evakuierung gegeben habe. aller von der islamistischen Hamas festgehaltenen Geiseln. Über Gaza seien Flugblätter abgeworfen und in arabiDie Vetomacht USA enthielt sich bei der Abstimmung scher Sprache Nachrichten veröffentlicht worden, die dazu am 25. März – und ermöglichte damit die Annahme. Es ist aufriefen, sich in den Süden des Gazastreifens zu begezwar fraglich, ob oder inwieweit die Resolution Einfluss auf ben.»Wenn man sich die Opferzahlen anschaut, die Verdie Entscheidungen zum weiteren Kriegsverlauf haben wird. luste an zivilem Leben, dann sind sie niedriger als in den Eines wird aber immer deutlicher: Der internationale Druck meisten anderen Kriegen und Konflikten auf der Welt«, auf Israel wächst. sagt Bloch und verweist auf die Einschätzung von MiliFeinstein zieht Vergleiche zwischen der Apartheid in tärexperten.»Der Verlust von Zivilisten ist in jedem Fall Südafrika und der Situation in Israel, wie sie von namhaftragisch, egal ob es einer oder 20 oder 30.000 sind.« Er ist ten Persönlichkeiten wie Nelson Mandela und Erzbischof sich sicher: Israel tut, was es kann, um Schaden zu begrenDesmond Tutu geäußert wurden. Beide betrachtet er als zen – und um die israelischen Geiseln politische Mentoren, außerdem hätten zu befreien, die von der Hamas im sie Israel einen Apartheidstaat genannt. Gazastreifen festgehalten werden. Wenn Israel wirklich einen Völkermord begehen wollte, wäre es in wenigen MiDie muslimische Bevölkerung macht Die südafrikanische Apartheid sei zwar brutal gewesen, sagt Feinstein, aber aufgrund der Notwendigkeit billiger nuten fertig, ist er überzeugt. Ganz anders sieht das Andrew Feinstein:»Was in Gaza passiert, ist ein heute etwa knapp 1,6 Prozent der schwarzer Arbeitskräfte, die man für die Aufrechterhaltung der Wirtschaft brauchte, eher zurückhaltend. Die MiGenozid, der vor unseren Augen stattfindet«, sagt der jüdische Südafrikaner Gesamtbevölkerung aus litäraktion Israels im Gazastreifen sei brutaler. und Politiker im Zoom-Interview in Das Völkerrecht definiert Völkerseinem Londoner Büro. Alle westlichen mord als jede Handlung,»die in der Regierungen – Deutschland, Großbritannien, die USA, die Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassiEU – würden dies zulassen, indem sie Waffen lieferten, sche oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise mit denen Israel unschuldige Palästinenser töte.»Ich frazu zerstören«. Feinstein sagt, was die Hamas am 7. Oktoge mich: Was ist mit der Welt passiert? Haben wir unsere ber versucht habe, sei kein Völkermord gewesen. Auch er Menschlichkeit verloren? spricht von Selbstverteidigung und will die Hamas nicht in Feinstein zog 1994 als Abgeordneter des ANC unter Schutz nehmen. Die Reaktion Israels auf das Massaker vom Nelson Mandela in das erste demokratisch gewählte Parla- 7. Oktober sei jedoch unverhältnismäßig.Er sieht Parallelen ment Südafrikas ein. Heute lebt er in Großbritannien und zwischen dem bewaffneten Kampf des ANC in Südafrika in ist Mitglied der Labour Party, deren Basis traditionell ebenden 1960er-Jahren und der aktuellen politischen Dynamik falls propalästinensisch eingestellt ist. Mit seiner Organiim Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen sation»Shadow World Investigations« recherchiert er auch Konflikt. Der ANC sei gezwungen gewesen, zum bewaffnezu kriminellen Strukturen in der Rüstungsindustrie. Seiner ten Widerstand überzugehen, da der Apartheidstaat immer Meinung nach könnte der Gaza-Krieg innerhalb weniger aggressiver vorgegangen sei und andere Gruppen wie der Tage beendet werden, wenn der Westen seine WaffenliePanafrikanische Kongress bereits militante Maßnahmen ferungen an Israel einstellen würde. Feinstein spricht von ergriffen hätten, denen der ANC hätte entgegentreten müseiner Komplizenschaft von Regierungen und Politikern, die sen, um seine Führungsposition im Kampf gegen die Untervon den Waffenverkäufen profitieren würden. drückung zu behaupten. Eine Einschätzung, die offensichtlich auch andere ReIn diesem Zusammenhang deutet Feinstein an, dass gierungen teilen. Am 20. März kündigt die kanadische Audie Hamas gezwungen gewesen sein könnte, auf israelische ßenministerin, Mélanie Joly, an, ihr Land werde keine WafMaßnahmen wie die Aneignung von Land, den Ausbau illefen mehr nach Israel liefern. Einen Tag später verschärfte galer Siedlungen und die Auswirkungen der Blockade auf das auch EU-Ratspräsident Charles Michel beim EU-Gipfel in palästinensische Leben zu reagieren. Es sei absurd, findet er, Brüssel seinen Ton gegenüber Israel – die EU-Staaten for- die Hamas als Terrororganisation einzustufen, Israel aber dern angesichts der dramatischen Notlage der Zivilbevölkenicht als Terrorstaat zu bezeichnen. ZENITH 1/2024 77 Feinstein kritisiert Deutschland dafür, dass es keine terstützen, werden sich wehren«, sagt er mit Nachdruck. härtere Haltung gegen das Vorgehen Israels einnehme. Hät»Aber wir werden nicht schweigen. Die Wahrheit muss ans te er die Möglichkeit, mit Bundeskanzler Olaf Scholz persönLicht.« lich zu sprechen, würde er die deutsche Staatsräson kritisieAm 29. Dezember 2023 erschien die südafrikanische ren und ihm von den Erfahrungen seiner Eltern erzählen. Regierung vor dem IGH in Den Haag, um Israel wegen seines Von seiner jüdischen Mutter, die sich während des NationalVorgehens in Gaza zu verklagen. In der 84-seitigen Klagesozialismus in Wien in einem Kohlenkeller versteckt und so schrift beschreibt Südafrika die Gewalt gegen die Palästiüberlebt habe. nenser im Gazastreifen als Taten, die den Charakter eines »Ich als Jude, als Sohn eines Holocaust-Überlebenden, Völkermordes hätten. Israel töte Palästinenser, füge ihnen als jemand, der in Auschwitz gesprochen hat, wo meine »schweren psychischen und physischen Schaden zu und Mutter Dutzende von Familienmitgliedern durch den deutschafft Lebensbedingungen, die auf ihre physische Zerstöschen Völkermord an den Juden verloren hat«, beginnt er. rung abzielen«. »Ich würde Scholz sagen: Bitte ziehen Sie nicht die falschen Scheich Alexander vertritt offensiv eine von den Fakten Lehren aus der deutschen Geschichte. Das berechtigt Sie widerlegte Haltung: Er ist der Meinung, dass das Massaker nicht, den Staat Israel zu unterstützen, der Völkermord an am 7. Oktober in Israel nicht von der islamistischen Hamas den Palästinensern begeht.« Deutschland müsse vielmehr verübt wurde, sondern von den Israelis. Die Hamas filmte dafür sorgen, dass der Völkermord in Gaza so schnell wie sich jedoch selbst bei ihren Taten und teilte die Videos in möglich beendet werde. den sozialen Medien. Die Plattform X wurde von den grauDie Entscheidung des höchsten UN-Gerichts, dass samen Inhalten regelrecht überschwemmt. Außerdem gibt Israel bei seinem Militäreinsatz im Gazastreifen die Paes Zeugenaussagen von Menschen, die sich versteckt hiellästinenser besser schützen muss, hat weltweit gemischte ten und die Gräueltaten gehört und gesehen haben. Auch Reaktionen ausgelöst. Propalästinensi- die Aussagen der inzwischen befreiten sche Staaten und Südafrika als Kläger Geiseln bestätigen dies. begrüßten das Urteil. Israel und die USA reagierten erwartungsgemäß eher zurückhaltend. Der IGH hatte zwar keiFeinstein zieht Vergleiche zwischen der Fünf Monate nach dem Terrorangriff der Hamas haben auch die Vereinten Nationen in einem Bericht die ne Waffenruhe angeordnet. Die Richter stellten aber fest, dass im Gazastreifen die Gefahr eines Völkermordes besteApartheid in Südafrika und der Situation Vorwürfe sexualisierter Gewalt während des Massakers als glaubwürdig eingestuft. Es gebe»gute Gründe für he. Urteile des Hauptrechtsprechungsorgans der Vereinten Nationen sind in Israel die Annahme«, dass es an mindestens drei Orten zu sexuellen Übergriffen endgültig. Sie können nicht mehr angeund Gruppenvergewaltigungen gekomfochten werden. Das Gericht kann sie men sei, heißt es in dem Bericht. Zudem jedoch nicht vollstrecken. Der IGH lehnte auch den Antrag gebe es überzeugende Informationen, dass sexualisierte Südafrikas ab, Sofortmaßnahmen zum Schutz von Rafah zu Gewalt auch gegen entführte Geiseln eingesetzt worden sei verhängen. und dass dies im Gaza-Streifen derzeit fortgesetzt werden »Wir sind stolz darauf, dass Südafrika das einzige Land könnte. der Welt ist, das Israel vor den Internationalen Gerichtshof Für Scheich Alexander war der 7. Oktober eine reigebracht hat«, sagt Scheich Abduragmaan Alexander, Imam ne Vergeltungsaktion.»Unser Kampf und unsere Position der Masjidul-Quds-Moschee, und lächelt. Draußen weht die richten sich gegen den Zionismus, der unserer Meinung palästinensische Flagge auf Halbmast vor einem strahlend nach gleichbedeutend ist mit Apartheid, Rassismus und blauen Himmel. Unterdrückung, was sich seit der Gründung der israeliGatesville, wo die Moschee steht, gehört zum Vorort schen Regierung gezeigt hat. Es geht also nicht um den 7. Athlone in den Cape Flats, knapp eine halbe Stunde vom Oktober. Für ihn ist das, was an diesem Tag geschah, eine Zentrum Kapstadts entfernt. Bandenkriminalität ist hier Folge der Geschichte.»Was ist mit der Zeit seit 1948, als die an der Tagesordnung, Drogenmissbrauch auch. Das Viertel israelische Regierung oder das israelische Volk in das Land ist multikulturell. Hier leben verschiedene ethnische Grupnamens Palästina eindrang und es besetzte?« Der Imam pen. Darunter Malaien, Inder, Xhosa und sogenannte Coist überzeugt, dass Israel Gaza besetzen will. Die Absicht, loureds mit europäischen, afrikanischen und südostasiatidie israelische Armee(IDF) nach Gaza zu schicken, seien schen Wurzeln. Neben Moscheen gibt es auch Kirchen und die fossilen Ressourcen im Gazastreifen selbst, an denen Tempel. Die Masjidul-Quds-Moschee setzt sich seit ihrer man sich bereichern wolle. Vor der Küste sollen fast 30 Gründung vor 35 Jahren vehement für eine Verbesserung Milliarden Kubikmeter Gas lagern. Die wirtschaftlichen der Situation in den palästinensischen Gebieten ein. Interessen der Israelis hätten zum Krieg geführt. Der Plan »Es ist an der Zeit, dass Israel für seine Verbrechen zur sei, die Palästinenser, den Gazastreifen und die BevölkeRechenschaft gezogen wird«, sagt Scheich Alexander ruhig, rung völlig auszulöschen, um das Gebiet zu besetzen und die Hände im Schoß gefaltet. Er weiß, dass diese Forderung als Teil eines Groß-Israels einzugliedern, ist sich Scheich auf Widerstand stoßen wird.»Die Mächte, die Israel unAlexander sicher. Anfang Februar 2024 hält Südafrikas 78 DOSSIER Der Tafelberg thront über der südafrikanische Metropole Kapstadt.»Wir sind nicht antijüdisch. Wir sind antizionistisch«, sagt Scheich Abduragmaan Alexander, Imam der Masjidul-Quds-Moschee. Außenministerin Naledi Pandor eine Rede in der Masjidul-Quds-Moschee, um sich an die muslimische Gemeinde in Gatesville zu wenden. Pandor unterstützt die Klage Südafrikas gegen Israel und spricht von einem»Verbrechen gegen die Menschlichkeit«. Doch die Außenministerin geht noch weiter: IDF-Soldaten mit doppelter Staatsbürgerschaft – einer südafrikanischen und einer israelischen – würden bei der Einreise nach Südafrika sofort verhaftet, kündigt sie wenig später an. »Wir sind nicht antijüdisch. Wir sind antizionistisch.« Der Zionismus sei das Krebsgeschwür, betont Imam Alexander. Eine Meinung, die ihm, wenig überraschend, heftigen Gegenwind aus der jüdischen Gemeinde eingebracht hat. Immerhin in einem Punkt scheinen sich Bloch, Feinstein und Imam Alexander einig: Die Hamas-Geiseln müssen sofort freigelassen werden. Doch was soll nach dem Krieg mit Gaza geschehen? In Blochs Augen sollten sich alle, die an einer Demokratie und einem friedlichen Leben für die Palästinenser interessiert sind, am Aufbau des Gazastreifens beteiligen. Auch die arabischen Staaten. Scheich Alexander plädiert dafür, dass sich Juden, Muslime und Christen an einen Tisch setzen und verhandeln, wenn ihnen das Wohl der Welt am Herzen liegt. Es brauche Frieden. Der Gazastreifen müsse wieder aufgebaut werden – bezahlt von denen, die ihn zerstört haben, so Feinstein. Die Familien, die durch die israelischen Angriffe nicht völlig ausgelöscht worden seien, müssten in ihre Häuser zurückkehren und ihr Leben wieder aufbauen können.»Das muss geschehen, damit es eine vernünftige Möglichkeit für einen palästinensischen Staat gibt oder eine noch idealere Lösung, wie sie zum Beispiel Nelson Mandela und Erzbischof Desmond Tutu einmal gefordert haben: nämlich einen einzigen demokratischen Staat im heutigen Israel und Palästina.« Man müsse sich nur Südafrika und die Parteien anschauen, die sich über 350 Jahre bis acht Jahre vor den ersten demokratischen Wahlen bis aufs Blut bekämpft hätten – und wo das Land heute stehe. Nach der ersten Entscheidung des IGH dürfte sich das Verfahren über Monate und Jahre hinziehen. Israel habe so die Chance gehabt, sich der Welt zu erklären, sagt Bloch und scheint damit der Klage seines Heimatlandes Südafrika etwas Positives abgewinnen zu können.Das »South African Jewish Board of Deputies« versuche, der internationalen Gemeinschaft zu erklären, dass es nicht Südafrika sei, das sich gegen Israel stelle oder die Hamas unterstütze. Es sei eine Minderheit in der Regierungspartei, sogar innerhalb des ANC:»Ich denke, die Minderheit sind die Radikalen, die die Hamas unterstützen, eine Terrororganisation, deren Mission es ist, ein ganzes Land zu zerstören und Juden zu töten. Und das ist es, was wir in Südafrika vorfinden«. Besorgt zeigte sich Bloch allerdings über die Haltung des südafrikanischen Präsidenten.»Cyril Ramaphosa hat eine emotionale Verbindung zum palästinensischen Volk. Aber ich möchte glauben, dass er als Mensch das Töten von Menschen nicht unterstützt. Indem er die Hamas unterstützt, toleriert er das aber.« ZENITH 1/2024 79 Recht des Stärkeren Obwohl Äthiopien mit den eigenen Konflikten zu ringen hat, machen sich die Folgen des Gaza-Kriegs auch in Ostafrikas größtem Land bemerkbar – und das nicht nur wegen der Versorgungskrise am Roten Meer VON MAYA MISIKIR D ie Nähe Äthiopiens zum Nahen Osten und zu den Golfstaaten verknüpft die Außenpolitik immer eng mit diesen Regionen. Auch der Gaza-Krieg schlägt hier Wellen, wenngleich Äthiopien derzeit vor allem mit den Kriegsherden auf dem eigenen Staatsgebiet beschäftigt ist. Seit November 2020 sind in der nördlichen Region Tigray Hunderttausende Menschen gestorben, Millionen wurden vertrieben. Ein zwischen der Zentralregierung und den Streitkräften der Tigray unterzeichnetes Friedensabkommen beendete den Krieg zwei Jahre später. Seitdem eskalierten die Spannungen zwischen anderen bewaffneten Gruppen in verschiedenen Teilen des Landes. In der Amhara-Region haben die Kämpfe im August 2023 begonnen. Friedensgespräche zwischen bewaffneten Gruppen in der äthiopischen Region Oromia sind zweimal gescheitert. Die Kämpfe in der Region haben sich in den letzten Monaten verschärft, begleitet von Menschenrechtsverletzungen, außergerichtlichen Hinrichtungen und illegalen Inhaftierungen. »Die Auswirkungen des Krieges in Gaza sind hier unserer eigenen Krisen zum Trotz dennoch direkt zu spüren«, gibt Moussa Adem Oumer zu bedenken. Er ist Vorsitzender der»Afar People’s Party« und Teil des 64-köpfigen überparteilichen Ausschusses, der nach Konsens in außenpolitischen Fragen unter den zerstrittenen politischen Lagern sucht.»Insbesondere die Drosselung des Rohstoffhandels im Roten Meer lässt Lebenshaltungskosten und die Inflation steigen.« Aber es gehe nicht nur um wirtschaftliche Folgen, sondern auch um die humanitäre Lage. Partei für die Konfliktparteien in Nahost zu ergreifen, davor scheuen sich die meisten politischen Lager in Äthiopien.»Wir müssen dennoch in der Lage sein, hier eine einheitliche Position zu formulieren«, findet Oumer. Die humanitäre Lage bereitet auch Tiruneh Gamta große Sorgen.»Der Nahe Osten war ein Drehkreuz der Supermächte. Hier stellten sie ihre Macht zur Schau«, sagt die Generalsekretärin der Oppositionspartei»Föderaler Oromo-Kongress«(OFC).»Nun beobachten wir, wie Länder, die angeblich Menschenrechte unterstützen, sie in Wirklichkeit missachten«, urteilt die Politikerin. Die Notwendigkeit, auch in außenpolitischen Feldern mehr Stellung zu beziehen, artikulieren seit Beginn des Gaza-Kriegs auch in Äthiopien immer mehr Parteien.»Da klafft eine Lücke in unserer politischen Kultur«, findet Tegegn Wolde von der Sidama-Befreiungsbewegung. Seine Partei hat ihren Sitz in der südäthiopischen Region Sidama, die 2020 nach einem Referendum über den Status als Bundesstaat gegründet wurde.»Als Politiker stehen wir in der Pflicht, uns zu informieren und zu Themen Stellung zu beziehen, insbesondere wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht«, findet der Politiker. Nicht völkerrechtliche Prinzipien, sondern das Recht des Stärkeren gelte auf der Weltbühne – wer noch etwas anderes behaupte, mache sich etwas vor, sagt ein Sicherheitsexperte in Addis Abeba, der nicht namentlich genannt werden möchte.»Da wurde eine Fassade aufrechterhalten: die eines auf Menschenrechten und Demokratie basierenden Ordnungssystems, für das sich bestimmte Länder einsetzen würden.« Dabei führt er die unterschiedlichen Maßnahmen westlicher Staaten im Tigray-Krieg auf der einen und im Ukraine-Krieg auf der anderen Seite ins Feld.»Die internationale Ordnung funktioniert, wenn ihr Folge geleistet wird, wenn Druck aufgebaut werden kann«, ist der Experte überzeugt. »Im Moment reagiert Israel auf nichts davon«, und kann der Schieflage doch etwas Positives abgewinnen.»Jetzt bietet sich die Gelegenheit für diejenigen, die diese Weltordnung verändern wollen.« Maya Misikir ist freischaffende Journalistin und berichtet unter anderem für Voice of America ( VOA ) aus Addis Abeba. 80 DOSSIER ZENITH 1/2024 81 »Biden würde Palästina anerkennen, selbst Trump könnte seine Haltung ändern« Der Historiker und Stanford-Professor Abbas Milani über die globalen Folgen des Krieges in Gaza, die israelisch-amerikanischen Beziehungen, Iran und den wachsenden Einfluss Chinas in der arabischen Welt INTERVIEW: DANIEL GERLACH Foto: dge Abbas Malekzadeh Milani , geboren 1949 in Teheran, ist Historiker, Schriftsteller und Inhaber der Stiftungsprofessur»Hamid and Christina Moghadam for Iranian Studies« der Global Studies Division der Universität Stanford. Er leitet zudem das Iran Democracy Project der Hoover Institution, eines der Universität angeschlossenen Think-Tanks unter Führung der ehemaligen US-Außenministerin Condoleezza Rice. zenith -Chefredakteur Daniel Gerlach traf Milani in seinem Büro in Palo Alto, Kalifornien. zenith: Professor Milani, das bisher unverbrüchliche Verhältnis zwischen Israel und den USA scheint belastet. Selten zuvor hat es so deutliche, öffentlich ausgetragene Konflikte gegeben wie zuletzt zwischen Benjamin Netanyahu und Joe Biden. Manche Beobachter sehen gar einen Wendepunkt. Gibt es Ihrer Meinung nach eine Zeit vor und eine nach dem 7. Oktober 2023 in den Beziehungen? Abbas Milani: Ich denke schon. Die Politik von Israels Ministerpräsident Netanyahu in den letzten fünf Monaten macht es unvergleichbar schwer für die USA, Israel zu verteidigen, was Biden und seine Vorgänger im Grunde immer getan haben. Es geht so nicht weiter: international, aber auch innenpolitisch, also an der Heimatfront. Man kann keine Taten gutheißen, die unzweideutig illegal sind. Und das ist bei einigen Aktionen Israels in Gaza der Fall. Früher schien das innenpolitische Kalkül zu Israel in den USA relativ klar. Es gab eine bedeutende, zum Teil gut organisierte und mitunter finanzkräftige jüdische Wählerschaft. Außerdem viele gläubige, zum Teil evangelikale Christen, die pro-israelisch sind. Heute sieht sich die Biden-Administration mit einer stärkeren Solidarität für die Palästinenser konfrontiert, auch in der eigenen Partei. Und vergessen Sie nicht, dass auch die jüdische Community in den USA gespalten ist in der Frage der Unterstützung für Israel beziehungsweise für die Politik Netanyahus. Hören Sie sich die Stimmen führender jüdischer Persönlichkeiten und Intellektueller in Amerika an. Wenn Chuck Schumer … … einer der ranghöchsten demokratischen Politiker, der selbst Jude ist und im März den Rücktritt der Regierung Netanyahu gefordert hat … … sagt,»genug ist genug«, dann heißt das schon was. Dann ist das Zeichen eines Wandels. Es gibt andere jüdische Gruppen wie etwa»J Street«, die die bedingungslose Unterstützung Israels schon lange kritisieren. Dazu kommt heute auch eine viel selbstbewusstere und einflussreichere palästinensische und arabische Community in den USA. Schließlich den linken Flügel innerhalb der Demokraten, der viel Israel-kritischer ist. Ich persönlich finde übrigens vieles von dem, was aus diesem Lager kommt, ziemlich daneben. Manches liest sich sogar wie eine Unterstützung der Hamas. Aber fest steht: Amerika kann auf Dauer nicht mehr eine Politik unterstützen, die de facto dazu führt, dass Millionen Menschen nicht in Freiheit und Wahrnehmung ihrer Rechte leben können. Wie steht es mit anderen gesellschaftlichen Gruppen in Amerika, die keinen biografischen Bezug zur Nahost-Region haben. Etwa Afro-Amerikaner? Man sieht Anzeichen dafür, dass auch afro-amerikanische Wähler die israelische Politik in Gaza sehr kritisch sehen. Es gibt durchaus historisch enge Beziehungen zwischen der Bürgerrechtsbewegung und Teilen der jüdischen Gemeinschaft, insbesondere linken jüdischen Politikern bei den Demokraten. Und glauben Sie nicht, dass sich die sehr erfolgreiche und jahrelange Lobbyarbeit Netanyahus in Washington, insbesondere im Kongress, in dieser schwierigen 82 DOSSIER Stunde auszahlen wird? Na ja. Ich habe einige Freunde in Israel, mit denen ich regelmäßig spreche. Und selbst die sagen mir: Netanyahu hat den überparteilichen Konsens zwischen Demokraten und Republikanern für die israelische Sache zerstört. Seine Allianz mit Donald Trump … … als der noch nicht einmal sein Amt als Präsident angetreten hatte … … sein Besuch mit Rede im Kongress seinerzeit ohne Billigung von Barack Obama, die Idee, dass er nun womöglich, ohne Einladung von Joe Biden, sich wiederholt – viele Demokraten registrieren das. Diejenigen, die vorher unentschlossen waren, nehmen zunehmend eine kritische Haltung ein. Netanyahu und Biden können sich nicht ausstehen. Aber»Bibi« kennt die Dynamiken in der US-amerikanischen Politik gut. Ging seine Strategie bisher nicht auf? Er demütigt Biden, der liefert aber trotzdem Waffen. Die Folgen sind trotzdem zu Israels Nachteil: Schauen wir auf öffentliche Äußerungen der USA oder nun sogar die Enthaltung bei der Resolution zur Waffenruhe im UN-Sicherheitsrat. Andererseits hofft Netanyahu nun auf eine zweite Trump-Administration. Und da Biden jetzt auch noch Wahlkampf führen muss, hat er weniger Optionen. Warum sollte Saudi-Arabien in dieser Lage darauf eingehen? Annäherung mit einer rechtsextremen Regierung in Jerusalem? Hat Kronprinz Muhammad Bin Salman(MBS) denn nicht viel mehr Optionen? Richtig. Saudi-Arabien tanzt nicht nach Amerikas Pfeife. Man hat auch die Angebote aus China. Und MBS spielt beide Seiten ganz geschickt gegeneinander aus. Dennoch haben die USA die Hoffnung nicht aufgegeben. Sicherheitsberater Jake Sullivan und Außenminister Antony Blinken waren Anfang April abermals in Riad, um die Saudis zu einem Deal mit Netanyahus Israel zu bewegen. Ist das naiv? Es wäre dann naiv, wenn man davon ausginge, dass diese israelische Koalition überleben wird. Mit dieser Regierung werden die Saudis keinen Deal vereinbaren. Aber ich denke, dass Saudi-Arabien auch längst die strategische Entscheidung getroffen hat, die Beziehungen mit Israel zu normalisieren. Und wenn Israels Regierung weniger auf sich selbst und ihre Machtinteressen konzentriert wäre, hätte das längst passieren können. Sollte Biden eine zweite Amtszeit bekommen: Glauben Sie, dass er Palästina als Staat anerkennen würde? Ja ich denke, er würde er das tun. Und sogar Trump könnte seine bisherige Haltung ändern. Trump hat sich Anfang April sehr negativ über den Krieg in Gaza geäußert und gefordert, dass der schnellstmöglich beendet werden solle. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, ein aussichtsreicher Kandidat auf einen hochrangigen Beraterposten in einer Trump-Regierung, erklärte neulich, der Gazastreifen sei so doch ein schönes»Grundstück am Wasser«, wenn man die Bevölkerung von dort vertreibt. Man muss davon ausgehen, dass das nicht sarkastisch gemeint war. Aber Trump würde sich, wenn er noch einmal die Chance bekommt, stärker auf die Seite Saudi-Arabiens stellen. Da gibt es für ihn und seine Familie das meiste Geld zu verdienen. Und seine Außenpolitik schaut auf tiefe Taschen. Das heißt, er würde seine evangelikalen Wähler und die konservativen jüdischen Unterstützer bei den Republikanern verraten? Natürlich. Kein Spitzenpolitiker ist so von persönlichen Interessen getrieben wie Trump. Und er ist sehr clever, wenn es darum geht, die Stimmung in der Öffentlichkeit auszuloten. Abgesehen davon gibt es immer noch einen Konsens in Amerika, dass Israel ein strategischer Verbündeter in der Region ist und bleiben sollte. Und die Idee, dass man eine Allianz zwischen Saudi-Arabien und Israel befördern muss, genießt überparteilich Unterstützung. »Netanyahu hat den überparteilichen Konsens in den USA zu Israel zerstört« Setzt Saudi-Arabien damit nicht seine Rolle als arabische und islamische Führungsmacht aufs Spiel? Die palästinensische Sache ist kein Dealbreaker mehr in der Region. Die Zeit ist vorbei, da es für eine Normalisierung in der Region erst eine Lösung der Palästinafrage geben musste, was ich persönlich übrigens für wichtig halte. Haben der 7. Oktober und der Krieg in Gaza das nicht wieder verändert? Seitdem redet doch die halbe Welt über die Zweistaatenlösung. Ich denke ja. Trotz aller Proteste und Solidarität weltweit mit den Palästinensern: Ich finde es eher bemerkenswert, wie wenig die furchtbaren Bilder aus Gaza am Ende die arabische oder gar die iranische Straße bewegt haben. Ich hätte gedacht, dass die Reaktionen noch viel heftiger ausfallen. Die muslimische Welt, aber auch ein Großteil des sogenannten globalen Südens werfen dem Westen mit seiner Unterstützung für Israel Doppelstandards vor. Die gibt es ja auch. Über 30.000 Tote in Gaza und die hefZENITH 1/2024 83 tigste Reaktion aus Europa kam erst, als ausländische Nothelfer ums Leben gekommen sind. Warum ist das Leben eines Palästinensers billiger als das eines Europäers? Doppelstandards gibt es aber auf beiden Seiten. Warum ist das Töten von 1.400 Israelis am 7. Oktober kein Thema in Teilen der dekolonisierten Welt? Warum gab es in diesen Ländern kaum Proteste gegen Russlands und Irans Kriegführung in Syrien? »Natürlich gibt es Doppelstandards. Auf beiden Seiten« Und wer profitiert von dieser Stimmung auf der geopolitischen Bühne? Das russische Regime ist zu inkompetent, um auf Dauer strategisch Kapital daraus zu schlagen. Nicht so die Chinesen. Ihnen nutzt es, weil sie so mit der Idee aufräumen können, dass Demokratie die Lösung für die Probleme der Menschheit ist. Ihr Narrativ: Die Moderne ist gescheitert. Demokratie ist Heuchelei. Sie schafft keine Gleichheit, keine wirtschaftliche Entwicklung und – seht her – nicht einmal die Achtung der Menschenrechte. Wer sind diese also Demokratien, die uns über unseren Umgang mit den Muslimen in China belehren wollen? Ist sich die Biden-Administration Ihrer Meinung der Folgen der Entwicklung für das globale Machtgefüge insbesondere im Nahen Osten bewusst? Natürlich sind die wachsende Rolle Chinas und ein neuer Kalter Krieg dort Thema. Auch der robustere Umgang mit den Chinesen. Aber ich sehe nicht, dass man die Folgen dieses Krieges vollumfänglich verstanden hat. Das Ganze geht ja einher mit einer nie dagewesenen Entwicklung des digitalen Zeitalters, in der China bald über einen Vorsprung verfügen wird: die technologischen Methoden Künstlicher Intelligenz für Intrusion, Spionage, Sabotage von Information bringen einen paradigmatischen Wandel, der historisch vielleicht nur mit dem Zeitalter der Renaissance vergleichbar wäre. Wo steht der Nahe Osten in dieser neuen Renaissance? Verschiedene Staaten verhandeln das auf ihre Weise. Ich glaube, die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich darin gut eingerichtet, Saudi-Arabien zieht nach, wenn auch nicht mit der gleichen Cleverness. Die Israelis waren in einer guten Position, einer der größten Gewinner des digitalen Zeitalters in der Region zu sein. Wenn sie Gaza und die politische Krise schnell in den Griff bekommen, können sie das immer noch. Im Übrigen noch eine Sache zu Gaza: Nie zuvor wurde in diesem Maße KI im Krieg eingesetzt, mit furchtbaren Konsequenzen. Wie steht es mit Iran? Wie sehen Sie Zukunft der Islamischen Republik in dieser Entwicklung? Die derzeitige Konstellation kann nicht lange fortbestehen. Aus ökonomischen Gründen. Auch wenn Iran das einzige Land auf der Welt ist, das seit über vierzig Jahren eine zweistellige Inflation und eine zweistellige Arbeitslosigkeit aushält. Das grenzt an ein Wirtschaftswunder. Aber es geht dem Ende entgegen. Dafür müsste ja mindestens eine Säule des bestehenden Regimes wegbrechen. Wer geht als erster von Bord? Meiner Vermutung nach die Revolutionsgarde, die rund 50 Prozent der Wirtschaft in Iran beherrscht. Deren Interessen überragen alle ideologischen Werte. Man hört immer wieder von Kommandeuren der Revolutionsgarde, die das System heftig kritisieren. Aber das System der Islamischen Republik ist ja deren einzige Existenzberechtigung. Warum sollten sie also gegen die Herrschaft des Rechtsgelehrten putschen? Kein Putsch. Eine Option ist eine sanfte Landung für eine Variante des Regimes. Und zwar mit der Hilfe der iranischen Diaspora. Die einzige Lösung, um eine Zerstörung des Landes oder einen Bürgerkrieg zu vermeiden, ist eine Koalition derer, die die Interessen Irans im Blick haben – keine politische Ideologie oder religiösen Sektarismus. Ein Teil der Garde sieht, dass der Status Quo nicht zu halten ist. Auch viele Reformer, wobei ich nicht diejenigen Reformer meine, die das bestehende System erhalten wollen. Unter Khamenei wird es einen solchen Wandel nicht geben, aber danach. Und wie sehen Sie die Rolle der Diaspora dabei? Ich meine nicht die politische Opposition, sondern die iranische Diaspora, die weltweit rund eine Trillion US-Dollar an Vermögenswerten kontrolliert. China hat gezeigt, dass es das iranische Bedürfnis nach Investitionen nicht erfüllen wird. Obwohl die Iraner den Chinesen einen Deal angeboten haben wie keinen zweiten. Inklusive eines eigenen Hafens am Golf. Der Westen investiert nicht, Saudi-Arabien auch nicht. Also bleibt die Diaspora. Die ist mit Iran nach wie vor eng verbunden, kulturell und emotional. Allerdings. Unter Khamenei wird sie nicht zurückkommen. Aber wenn man ihr Sicherheit und die richtigen Rahmenbedingungen bietet, dann schon. 84 DOSSIER DER NAHOSTKONFLIKT IN BOGOTÁ Israel ist ein enger Waffenpartner, gleichzeitig hat Kolumbien Palästina als Staat anerkannt. Wie das zusammenpasst und warum die Debatte so polarisiert ist wie die kolumbianische Gesellschaft selbst VON MAURICIO JARAMILLO JASSIR K olumbiens Außenpolitik ist stark von der jeweiligen Regierung abhängig – eine natürliche Folge des Präsidialsystems. Es ist üblich, dass sich alle vier Jahre einschneidende Veränderungen ergeben, etwa in der Haltung gegenüber den Nachbarländern, den Ansätzen zur Befriedung von Konflikten, der Drogenbekämpfung oder der Bedeutung multilateraler Organisationen. Die Verfassung gibt zwar allgemeine Richtlinien vor, die darauf abzielen, den Beziehungen zu Lateinamerika und der Karibik Priorität einzuräumen(Artikel 277), aber nicht alle Präsidenten haben sich unbedingt daran gehalten. Jüngstes und konkretes Beispiel: Iván Duque(2018–2022), der sich etwa von Dialogformaten wie der»Union Südamerikanischer Nationen«(Unasur) und der»Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten«(Celac) distanzierte. Gleichzeitig ist Außenpolitik kein relevantes Wahlkampfthema und hat für viele Kolumbianer keine Priorität. Im Gegensatz zu Themen wie Arbeit, Sicherheit oder Gesundheit. Außenpolitik wird kaum in der Breite diskutiert, die Öffentlichkeit fordert selten Rechenschaft ein. Außenpolitik gilt als Expertengebiet, die Positionen Kolumbiens auf der internationalen Bühne sind den meisten Menschen kaum bekannt. Allerdings verschieben sich Wahrnehmung und Reaktion vor allem wegen der Reichweitenstärke sozialer Medien zuletzt zunehmend. Die kolumbianische Außenpolitik gegenüber Israel und Palästina ist durch eine Reihe von Meilensteinen gekennzeichnet. Der erste war die Ablehnung der Resolution 181 der Generalversammlung der Vereinten Nationen, mit der der Staat Israel gegründet wurde. Die kolumbianische Regierung war damals der Ansicht, dass ohne die Zustimmung der arabischen Länder die Stabilität in der Region nicht gewährleistet werden könne. Es ging nicht darum, sich der Gründung Israels zu widersetzen – das Land wurde von Kolumbien nach der Gründung umgehend anerkannt –, vielmehr wollte Bogotá auf die Notwendigkeit eines regionalen Konsenses aufmerksam machen. Seither bemüht sich Kolumbien um ausgewogene Beziehungen sowohl zu den arabischen Staaten als auch zu Israel. 1995 besuchte Regierungschef Ernesto Samper Pizano (1994–1998) in seiner Funktion als Präsident der Bewegung der Blockfreien Staaten(NAM) erstmals offiziell die Besetzten Gebiete. Er unterstützte ausdrücklich die Aushandlung des Oslo-Abkommens und die entstehende Palästinensische Autonomiebehörde. Zwei weitere Meilensteine der jüngeren kolumbianischen Nahostpolitik erscheinen auf den ersten Blick widersprüchlich, haben sich aber in der Praxis als kompatibel erwiesen. Dies ist zum einen die militärisch-strategische Annäherung an Israel und zum anderen die überraschende Anerkennung des palästinensischen Staates. Die strategische Annäherung an Israel zeigt sich in der Beschaffung von dort entwickelten Galil-Sturmgewehren(als Ersatz für die deutschen G3-Schnellfeuergewehre) und Kfir-Kampfflugzeugen für die kolumbianische Luftwaffe. Der Rüstungsdeal führte zu einer Vertiefung der Beziehungen zu Tel Aviv, das in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren zu einem bevorzugten Partner Bogotás bei den größten Militäroffensiven gegen verschiedene Guerillagruppen wurde. Die Intensivierung der bilateralen Beziehungen gipfelte 2013 in der Unterzeichnung eines Freihandelsabkommens. Die Anerkennung von Palästina als souveräner Staat kam spektakulär und überraschend. Während der Regierungen von Juan Manuel Santos(2010–2014, 2014–2018) hatte Kolumbien die Aufnahme eines palästinensischen Staates in die Vereinten Nationen nicht unterstützt. Im Jahr 2011 enthielt sich das Land als nichtständiges Mitglied des Sicherheitsrats seiner Stimme, und ein Jahr später stimmte Bogotá in der Generalversammlung ebenso, als die Aufwertung Palästinas als Beobachterstaat auf der Agenda stand. Santos argumentierte, dass jegliche Anerkennung Palästinas aus Verhandlungen mit Israel und nicht einseitig durch die UN erfolgen sollte. Überraschenderweise unterzeichnete er vier Tage vor seinem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt am 3. August 2018 dann doch die Anerkennung Palästinas als Staat. Warum hat die kolumbianische Regierung ihre Haltung geändert? Die damalige Außenministerin María Angela Holguín fand klare Worte:»Bisher haben wir geglaubt, dass die Anerkennung durch Verhandlungen erfolgen würde, aber in den letzten Jahren gab es keine Fortschritte«. Auch die Verabschiedung des umstrittenen Nationalstaatsgesetzes habe zu einem Paradigmenwechsel beigetragen – und die Situation im Gazastreifen:»Die arabisch-israelische Bevölkerung droht durch das neue Gesetz diskriminiert zu werden. Diese ZENITH 1/2024 85 Entwicklungen und die humanitäre Krise in Gaza haben uns solche Vorurteile gegenüber der arabischen – und in gerindavon überzeugt, dass die Anerkennung des palästinensigerem Maße der muslimischen – Bevölkerung vervielfacht. schen Staates wichtig ist«, erklärte Holguín schon vor fast Inmitten dieser Polarisierung, die durch den Gaza-Krieg sechs Jahren. noch verschärft wurde, haben auch die kolumbianischen MeSeit dem Amtsantritt von Gustavo Petro im Jahr 2022 dien nicht immer die beste Figur gemacht – sei es aufgrund haben sich die Beziehungen zu Palästina vertieft. Erstmals mangelnder Sachkenntnis oder bestimmter ideologischer hat Kolumbien eine unterstützende Haltung eingenommen Ausrichtungen. In ihrer Ausgabe vom 21. November 2023 und das Vorgehen Israels in Gaza scharf verurteilt. Die welttitelte El Tiempo , die auflagenstärkste Zeitung des Landes, weite Kontroverse über die humanitäre Krise dort spiegelt dass»5.600[palästinensische] Kinder in Gaza gestorben« sich auch in der notorisch polarisierten kolumbianischen Geseien. Viele Leser reagierten empört und empfanden die sellschaft wider. Die Positionen zum Nahostkonflikt decken Wortwahl als Verharmlosung, die nicht benenne, wer den sich grob mit den politischen Überzeugungen von vier verTod der Kinder verursacht habe. In der Sendung vom 2. schiedenen Lagern: den Gemeinschaften der Nachkommen November veröffentlichte eine der populärsten Nachrichvon Libanesen, Syrern und Palästinensern, den Progressitensendungen,»Noticias Caracol«, einen Bericht mit einer ven, der jüdischen Gemeinschaft und den Konservativen. Infografik, in der von»1.400 ermordeten Israelis und 8.800 Kolumbianer mit palästinensischen Wurzeln und AnhänToten« die Rede war, wobei sich die zweite Zahl auf palästiger des progressiven Lagers verurteilen aktiv das Vorgehen nensische Opfer bezog. Israels, mobilisieren auf Demonstrationen und in sozialen Mitte Oktober führte die Zeitschrift Semana ein InterNetzwerken und warnen vor dem, was sie als Völkermord view mit dem israelischen Botschafter Gali Dagan. Es hanbezeichnen. Damit einher geht häufig eine Kritik am Zionisdelt sich um ein Medium mit großer Reichweite, das für seimus: Es soll deutlich gemacht werden, dass die Verurteilung ne gründlichen Recherchen bekannt ist, in letzter Zeit aber des israelischen Vorgehens sich nicht zwangsläufig gegen einen ultrakonservativen Kurs eingeschlagen hat, der auf die jüdische Gemeinschaft richtet. Nicht selten dient der An- Kosten der journalistischen Sorgfalt geht. Der Interviewer tizionismus jedoch dazu, offen oder verstellt dann auch keine einzige Frage zu deckt antisemitische Überzeugungen zu den Menschenrechtsverletzungen der verbreiten. In sozialen Netzwerken ist israelischen Armee. Der konservaties üblich, auf Meinungsäußerungen von Juden schnell mit einer Zuordnung der religiösen Identität zu reagieren. Oft geIsrael gilt hier als Staat eines überlegenen Volkes, ve Fernsehsender RCN fragte in einem Interview mit dem palästinensischen Botschafter immer wieder nach der Verrät das Thema der Debatte in den Hintergrund, und der Austausch endet in antisemitischen Ausfällen. während palästinensische Araber als gewaltbereite bindung zwischen der Palästinensischen Autonomiebehörde und der Hamas, obwohl der Diplomat deutlich machte, Eine ähnliche Radikalisierung ist im konservativen Lager zu beobachten. Vorurteile gegenüber Arabern und Mus»Wilde« verunglimpft werden dass die Hamas nicht seine Gemeinschaft repräsentiere. Die kolumbianischen Medien verfülimen flankieren argumentativ die ent- gen kaum über das nötige Fachwissen schiedene Verteidigung der israelischen oder die Kapazitäten, um die unterOffensive nach den Terroranschlägen schiedlichen Positionen zu Israels Recht vom 7. Oktober. Israel gilt hier als Staat auf Selbstverteidigung oder zu den Voreines überlegenen, zivilisierten und entwicklungswilligen würfen des Völkermords, der Apartheid und der ethnischen Volkes, während die palästinensischen Araber als gewaltbeSäuberung angemessen zu beleuchten. Wenn überhaupt, reite»Wilde« verunglimpft werden. So behauptet der konanalysieren sie konkrete Ereignisse wie die Klage Südafrikas servative kolumbianische Publizist Diego Santos, dass»Aravor dem Internationalen Gerichtshof. ber dazu erzogen werden, Juden oder Israelis zu hassen«. Auch die aggressive Haltung der kolumbianischen ReNatürlich werden solche Aussagen der Komplexität der aragierung bei der Verurteilung des Völkermords hat die öffentbischen Welt nicht gerecht. Aber auch in Kolumbien finden liche Wahrnehmung beeinflusst. Die Befürworter von Gustasolche Argumentationen schnell Verbreitung, die sich einer vo Petro neigen dazu, in der Palästinafrage ein Statement vereinfachenden Logik bedienen. des globalen Südens gegenüber dem Westen und seinem So veröffentlichte der renommierte kolumbianische (post-)kolonialen Erbe zu sehen. Seine Gegner hingegen Wirtschaftswissenschaftler Francisco Thoumi auf dem anwerfen ihm Antisemitismus und sogar eine Verharmlosung gesehenen akademischen Portal Razón Pública einen Text, des islamistischen Terrorismus vor. Angesichts solcher Polain dem er behauptet:»Die Juden hatten und haben eine risierungen wird der Raum für Dialog und Information über enorme Fähigkeit, sich zu organisieren und die Unterstütden Nahostkonflikt in Kolumbien immer enger. zung der Weltmächte zu gewinnen, was man von den Palästinensern nicht sagen kann. Die Juden sind globalisiert und kosmopolitisch, während die Palästinenser vielleicht andere Mauricio Jaramillo Jassir ist Professor an der Fakultät für inQualitäten haben, die ihnen aber nicht helfen, die Situation ternationale, politische und urbane Studien der Universidad erfolgreich zu meistern«. Mit der Krise in Gaza haben sich del Rosario in Bogotá. 86 DOSSIER B irobilesisfofnreaurond Mit der Wahl des neuen brasilianischen Präsidenten hat Israels Premier seinen wichtigsten Verbündeten in Südamerika verloren. Während Amtsinhaber Lula für die Palästinenser Partei ergreift, sucht sein Vorgänger Trost bei Netanyahu Luiz Inácio Lula da Silva während eines Besuchs im Zentrum der palästinischen Gemeinde in Brasilien im Jahr 2022 Brasiliens Ex-Präsident Jair Bolsonaro während eines Treffens mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu im Jahr 2019 VON JAMIL CHADE I m März 2024 hat Benjamin Netanyahu den Rechtspopulisten und früheren brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro nach Israel eingeladen. Dies geschah nur einen Tag, nachdem Bolsonaro seine Anhänger zu Massenprotesten aufgerufen hatte, in der Hoffnung, sich so einer Anklage wegen versuchten Staatsstreichs nach seiner Wahlniederlage zu entziehen. Der ehemalige brasilianische Präsident ist außerdem wegen der Fälschung seines Impfpasses angeklagt und wegen anderer Vergehen bis 2030 von der Ausübung politischer Ämter ausgeschlossen. Es ist kein Zufall, dass sich Netanyahu ausgerechnet bei Bolsonaro bedankt und in seiner Einladung betont, dass die gemeinsame Freundschaft»in Zeiten der Krise und des Krieges noch wichtiger« sei. Der israelische Premierminister schreibt weiter, dass er»gute Erinnerungen« an seine Reise nach Brasilien habe und dass Bolsonaros»wahre Freundschaft zu Israel« während seiner Präsidentschaft »in Worten und Taten deutlich zum Ausdruck« gekommen sei. Doch in Netanyahus Brief ging es nicht nur um das Bündnis zweier Regierungschefs. Der Brief ist auch eine indirekte Botschaft an Bolsonaros Nachfolger und Konkurrenten: Luiz Inácio Lula da Silva.»Erst gestern haben Sie Ihre Solidarität mit dem Volk und dem Staat Israel demonstriert, als Sie bei einer Kundgebung in São Paulo stolz die israelische Flagge schwenkten«, schreibt Netanyahu, um den amtierenden Präsidenten Brasiliens sogleich zu rügen: In Foto: Alan Santos/PR Foto: FEPAL ZENITH 1/2024 87 Bolsonaros Auftritt habe der israelische Premier»eine klare zuletzt in Reaktion auf die US-Vetos gegen Feuerpausen Zurückweisung der empörenden Anschuldigungen bezügin Gaza drängt Brasilien etwa auf eine Reform des UN-Silich der IDF-Operationen in Gaza« erkannt, die sein Nach- cherheitsrats. Progressive Gruppen, Gewerkschaften und folger geäußert habe. Menschenrechtsorganisationen begrüßen Lulas Initiativen, Was war geschehen? Lula hatte den Ton gegenüber der gleichzeitig werden sie aber auch heftig und kontrovers disisraelischen Regierung verschärft und ihr vorgeworfen, in kutiert. Gaza einen Völkermord zu fördern. Dabei verglich er die Lulas Vorgänger Jair Bolsonaro droht nicht nur das poSituation auch mit Nazi-Deutschland. Tel Aviv forderte dalitische Aus, sondern auch eine langjährige Haftstrafe. Der raufhin eine Entschuldigung von Lula und erklärte den braabgewählte Rechtspopulist sucht deshalb händeringend silianischen Präsidenten bis auf weiteres zur Persona non nach Fürsprechern. Und er findet sie unter anderem in der grata. jüdischen Gemeinde des Landes. Den Gaza-Krieg nutzt BolDie Debatte um den Gaza-Konflikt ist also auch in Brasonaro aber auch, um sich die Unterstützung der mächtigen silien angekommen und beeinflusst mittlerweile sogar die evangelikalen Bewegung zu sichern. In deren Welt- und angespannte Innenpolitik des Landes. Lula, der neue PräsiGlaubensbild spielen Jerusalem und als dessen Verkörpedent des Landes, vertritt die traditionelle Position Brasiliens rung der Staat Israel eine zentrale Rolle – ähnlich wie in den und unterstützt die palästinensische Sache. Eine Position, USA. Aus Sicht der evangelikalen Pfingstbewegung ist ein die das Land seit 50 Jahren einnimmt und die sich auch wäh- Vorgehen gegen Israel ein Verrat an Gott. rend der Militärdiktatur(1964–1985) nicht änderte. So ist es kein Zufall, dass Israel und dessen PremiermiIn seiner ersten Amtszeit als Präsident vor zwei Jahrnister Netanyahu eine wichtige Rolle in Bolsonaros letztzehnten leitete Lula eine beispiellose Annäherung an die lich gescheiterter Außenpolitik gespielt haben. Netanyahu arabische Welt ein und besuchte als erster brasilianischer war als 2019 einer der wenigen ausländischen Staats- und Staatschef die Besetzten Gebiete. Unter seiner Führung be- Regierungschefs bei Bolsonaros Amtseinführung zu Gast. teiligte sich Brasilien an der Finanzierung des UN-HilfsIm Laufe der folgenden vier Jahre empfing er mehrere brawerks für die Palästinenser(UN- silianische Delegationen in Israel. RWA) und wurde als einziger lateinamerikanischer Staat MitFür Lula ist der Nahe Am brasilianischen Nationalfeiertag, dem 7. September 2022, verglied der UNRWA-Beratungskommission. Für Lula eröffnete dieses Engagement die Möglichkeit, BraOsten Schauplatz einer neuen Weltordnung kündete die damalige First Lady Michele Bolsonaro mit Nachdruck:»Gott segne Israel.« silien im Nahen Osten diplomatiEntsprechend änderte sich sches Gewicht zu verleihen. auch das Abstimmungsverhalten Im Rahmen des brasilianischen Vorsitzes im SicherBrasiliens bei den Vereinten Nationen. Der rechtspopulistiheitsrat der Vereinten Nationen koordinierte die Regierung sche Ex-Präsident versuchte 2019 sogar, die brasilianische Lula im Oktober 2023 außerdem die Verabschiedung einer Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, was Resolution, die einen humanitären Waffenstillstand forder- sowohl gegen UN-Resolutionen als auch gegen internatiote. Der Text fand breite Unterstützung und wurde nur von nales Recht verstoßen hätte. Eine weiterer Versuch Bolsoden USA abgelehnt. Die Zahl der Toten in Gaza wurde zu naros, seine Popularität unter Brasiliens Evangelikalen zu diesem Zeitpunkt auf 3.200 geschätzt. steigern. Brasilien gehört zu den wichtigsten Unterstützern der Letztlich scheiterten die Botschaftspläne an der fehPalästinensischen Autonomiebehörde in ihrem Bemühen, lenden Finanzierung für Umzug und Neubau. Die Verlegung Palästina als Vollmitglied mit Stimmrecht in die Vereinten hätte jedoch bedeutet, dass Brasilien Jerusalem als HauptNationen aufzunehmen. Diese Solidarität trägt Lula auch stadt Israels anerkennt. Mehrere arabische Regierungen nach außen: Im Februar pflanzte er öffentlichkeitswirksam warnten damals vor den Folgen, insbesondere mit Blick auf einen Olivenbaum vor der palästinensischen Botschaft in die große Fleischindustrie Brasiliens, für die der Nahe Osten der Hauptstadt Brasília. Im März 2024 wurde Lula zudem ein wichtiger Absatzmarkt ist. Bolsonaro, der seine politiehrenamtlicher Berater der Jassir-Arafat-Stiftung. sche Karriere auch den Landwirten und der Agrarindustrie Aus Lulas Sicht ist der Nahe Osten nur einer von mehverdankt, musste den Jerusalem-Plan schließlich verwerfen. reren Schauplätzen einer entstehenden neuen Weltordnung. In dieser Zeit war Netanyahu einer der gefragtesten GeAusdrücklich beschränkt sich der brasilianische Präsident sprächspartner der extremen Rechten weltweit. Dabei ging bei der Verteidigung der palästinensischen Sache nicht auf es um weit mehr als Bündnispolitik. Netanyahus Nähe zu die territoriale Zukunft der Besetzten Gebiete. Seine BotPolitikern wie Bolsonaro war und ist Ausdruck einer Werschaft an den Westen: Die koloniale Logik hat sich erschöpft, tegemeinschaft. Deren zentrale Koordinaten: offene Ablehdas Völkerrecht muss gelten. Lula positioniert Brasilien danung der Ausweitung von Menschenrechten, Gleichberechmit als Vertreter der Entwicklungsländer gegenüber dem tigung und der Aufnahme von Geflüchteten. globalen Norden und als Fürsprecher ausgegrenzter und bedrohter Völker weltweit. Jamil Chade ist Journalist und arbeitet seit fast zwanzig JahSein Ziel: Brasilien soll am Tisch sitzen, wenn die gloren als Auslandskorrespondent für verschiedene brasilianibale Ordnung des 21. Jahrhunderts verhandelt wird. Nicht sche Zeitungen und Fernsehsender. 88 DOSSIER Buenos días, Messias Javier Milei an der Klagemauer während seines Besuchs zum Amtsantritt im Februar 2024 Das erste Bild, das Milei nach seiner Wahl zum argentinischen Präsidenten auf seinem Instagram -Kanal veröffentlichte, zeigt ihn neben seinem verstorbenem Mastiff Conan und dessen vier Klonen. D israelische Invasion im er israelisch-palästinensische Konflikt diente in Argentinien immer dazu, unterschiedliche politische Positionen auf die internationale Ebene zu übertragen. So haben der Hamas-Angriff am 7. Oktober und die anschließende Gazastreifen nicht nur die wichtigen jüdischen und arabischen Minderheiten in Argentinien weiter polarisiert, sondern auch die Agenda des gerade erst im Dezember gewählten Präsidenten Javier Milei mitbestimmt. Für seine erste Auslandsreise wählte Milei – wie bereits sein Vorgänger Alberto Fernández – Israel. Kaum war er am Ben-Gurion-Flughafen aus der Maschine gestiegen, sprach er sich beim Empfang durch Außenminister Israel Katz für die Verlegung der argentinischen Botschaft nach Jerusalem aus. Allerdings soll der ausgewählte Ort in Westjerusalem liegen, dem Teil mit einer jüdischen Mehrheit, der auch die Knesset beherbergt. Nur fünf Staaten unterhalten ihre Botschaft in Jerusalem: Honduras, Guatemala, Kosovo, Papua-Neuguinea und die Vereinigten Staaten. Mit den oben genannten Ausnahmen befinden sich die übrigen Botschaften in Tel Aviv oder Herzlia – so bislang auch die diplomatische Vertretung Argentiniens. Obwohl diese Verlautbarungen als die pro-israelischste Haltung eines argentinischen Staatsoberhaupts gesehen werden können, unterstreichen sie eher eine kontinuierliche Politik der Nähe zu Israel. Ein Kurs, den die letzten drei Amtsinhaber Mauricio Macri, Alberto Fernández und Javier Milei allesamt teilen. Die Kehrtwende im vergangenen Jahrzehnt soll sich vor allem von der Ära Cristina Kirchner (2007–2015) abgrenzen. In die Amtszeit der Peronistin fiel die Unterzeichnung einer umstrittenen Absichtserklärung mit Iran – ein Tiefpunkt im Verhältnis zu Israel. Die Befürworter dieser Kooperation hatten damals argumentiert, dass die Vereinbarung zwischen dem argentinischen und dem iranischen Außenminister darauf abzielte, die Verurteilung iranischer Bürger wegen Terroranschlägen in Argentinien voranzutreiben. Die Gegner befürchteten genau das Gegenteil: dass solche Ermittlungen in den Aktenschränken verschwinden sollten. Diese gesamte politisch-religiöse Situation steht im Zusammenhang mit dem bevorstehenden 30. Jahrestag des Terroranschlags auf die argentinisch-jüdische Organisation »Asociación Mutual Israelita Argentina«(AMIA) vom 18. Juli 1994, bei dem 85 Menschen ums Leben kamen. Wie auch beim Anschlag auf die israelische Botschaft im Jahr 1992 bleiben die Ermittlungen bis heute echte Aufklärung schuldig. Trotz Anklage und Haftbefehlen ist immer noch nicht mit Sicherheit geklärt, ob und in welchem Maße etwa die Hizbullah und Iran in den größten Terroranschlag der argentinischen Geschichte involviert waren. Auch darüber hinaus verbindet Israel und Argentinien eine lange, komplizierte Geschichte. Obwohl sich Buenos Aires 1947 bei der Abstimmung über den UN-Teilungsplan Foto: Casa Rosada / Wikimedia Commons Foto: Instagram Foto: GPO ZENITH 1/2024 89 Präsident Javier Milei nimmt Torah-Lesekurse und ist von Israel fasziniert. Was bedeutet das für Argentiniens jüdische Gemeinschaft, die fünftgrößte der Welt? VON EZEQUIEL KOPEL Israels Präsident empfängt Javier Milei Anfang des Jahres. enthielt, entsandte man als eines der ersten Länder eine diplomatische Delegation in den entstehenden jüdischen Staat. Die erste Regierung von Juan Domingo Perón, der bereits 1947 die Gründung eines jüdischen politischen Zweigs des Peronismus gefördert hatte, beschloss damals, argentinische Diplomaten jüdischer Herkunft nach Israel zu entsenden. Bereits in der Verfassung von 1949 hatte der Peronismus das Verbot von Diskriminierung aufgrund der Religionszugehörigkeit in der Verfassung verankert. Die Beziehungen zu Israel blieben ausgezeichnet – bis Präsident Perón 1955 durch einen Militärputsch gestürzt wurde. Später sah sich die gestürzte peronistische Regierung dem Vorwurf ausgesetzt, einen geheimen Fluchtplan für Kriegsverbrecher aus dem Dritten Reich entwickelt zu haben. Ein nachweislich Perón oder seinem Kabinett zuzuordnender Befehl ist aber nie zutage getreten. Ohnehin reisten die meisten der untergetauchten NS-Kriegsverbrecher unter falschem Namen ein und versuchten, nicht viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Als Mossad-Agenten während der Präsidentschaft von Alberto Frondrizi im Jahr 1960 Adolf Eichmann entführten, konnten die Israelis kaum glauben, dass einer der Architekten des Holocaust in einer derart heruntergekommenen Bruchbude in einem Vorort von Buenos Aires gehaust hatte. Mileis Ausrichtung auf Israel vervollständigt auch einen Ansatz des argentinischen Präsidenten gegenüber dem Judentum, der einige Jahre zurückreicht. Der an einer traditionellen katholischen Schule ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler war eigener Aussage nach nie religiös gewesen, bis er 2017 nach dem Tod seines Hundes Conan eine tiefe persönliche Krise durchlitt. Der Journalist Juan González berichtet in seiner Milei-Biografie»El Loco«, zu Deutsch:»Der Verrückte«, über den Zusammenhang zwischen Politik, Religion und dem verstorbenen englischen Mastiff, den Milei hat klonen lassen und durch den er glaubt, mit Gott kommunizieren zu können. Im Juni 2021 begann Milei, Torah-Lesekurse bei Shimon Axel Wahnish, dem Oberrabbiner der marokkanisch-jüdischen Gemeinde in Argentinien, zu besuchen. Wahnish wurde auch als nächster argentinischer Botschafter in Israel ausgewählt, obwohl er über keinerlei Erfahrung im diplomatischen Dienst verfügt. Sobald er zum Präsidenten gewählt wurde, unternahm Milei seine erste Reise mit religiösem Hintergrund: Er flog nach New York ans Grab von Rabbi Menachem Mendel Schneerson(1902–1994). Der»Rebbe« der chassidischen Chabad-Bewegung war Zeit seines Lebens davon überzeugt, dass die Übergabe aller von Israel eroberten Gebiete – selbst, wenn sie verhandelt werden sollte – verboten sei. Denn die Rückgabe würde gegen das jüdische Religionsgesetz verstoßen und das Leben aller Juden im»Eretz Israel« gefährden. Milei drückte auch seinen Wunsch aus, zum Judentum zu konvertieren(obwohl er bei der Vereidigung seinen Schwur mit der Hand auf dem Neuen Testament ablegte). Solche vollmundigen Ankündigungen sind Teil von Mileis Politikstil. Mit den Vorschriften des Judentums scheint sich Milei indes nur oberflächlich beschäftigt zu haben. Die Legislaturperiode des argentinischen Parlaments eröffnete er etwa am Schabbat, dem traditionellen jüdischen Ruhetag. Lautstarke Unterstützung der Besatzungspolitik der gegenwärtigen israelischen Regierung gehört dagegen eher zu seinem politischen Repertoire. Mileis Herangehensweise an die argentinische jüdische Gemeinschaft(die fünftgrößte der Welt) ist unter den eigenen Anhängern, aber auch seinen politischen Gegnern umstritten. Die Angst eines Teils der jüdischen Gemeinschaft beruht auf der Sorge, dass die argentinische Gesellschaft etwa die drastische Sparpolitik, die Milei angekündigt hat, mit dem Judentum oder ihrer örtlichen jüdischen Gemeinschaft in Verbindung bringen könnte, was sie letztendlich der Gefahr antisemitischer Übergriffe aussetzt. Ezequiel Kopel ist 1978 in Buenos Aires geboren und studierte Journalismus, Fotografie und Film. Er lebte mehr als ein Jahrzehnt im Nahen Osten und schreibt unter anderem für Publikationen wie Le Monde Diplomatique , Nueva Sociedad und Panamá Revista . 90 DOSSIER 2023 empfing China Mahmud Abbas zum Staatsbesuch in Beijing. Gaza als Gelegenheit China möchte die Neugestaltung des Nahen Osten in seinem Sinne nutzen. Fragt sich nur wie VON HONGDA FAN D er chinesische Außenminister sprach am 13. Oktober zum ersten Mal öffentlich über den Gaza-Krieg. Wang Yi forderte einen schnellstmöglichen Waffenstillstand und betonte, sein Land stünde in diesem Konflikt auf der Seite des Friedens und des Völkerrechts. Die Gründung eines unabhängigen palästinensischen Staates sei dafür grundlegend. Israels Regierung rief China in Reaktion dazu auf, die Hamas für ihre Terroranschläge zu verurteilen, und mahnte an, dass nun nicht der richtige Zeitpunkt sei, um über eine Zwei-Staaten-Lösung zu sprechen. Tatsächlich ist man in Israel überzeugt, dass China im Nahostkonflikt die palästinensische Seite bevorzugt. Der israelische Thinktank»Institute for National Security Studies« (INSS) hob in seiner Beurteilung von Chinas Reaktion auf den 7. Oktober hervor, wie ungewöhnlich deutlich Beijing das Recht auf Rückkehr der Palästinenser betont hatte. Tatsächlich ist die Palästinafrage von Anfang an ein Hindernis in den Beziehungen zwischen China und Israel. Zwar erkannte Israel als erstes Land im Nahen Osten die Volksrepublik bereits im Januar 1950 an, vier Monate nach deren Ausrufung. Allerdings war der jüdische Staat zu dieser Zeit der Feind aller arabischer Nachbarstaaten, auf deren guten Willen Beijing damals angewiesen war. Folglich ließ man die israelischen Avancen unbeantwortet. Unter Mao Tse-tung und insbesondere seit dem Suez-Krieg 1956 positionierte sich China sogar gegen Israel, in Beijing war man damals der Auffassung, Israel sei der Aggressor und ein Werkzeug des US-Imperialismus. Erst nach dem Ende des Kalten Kriegs und der teilweise Öffnung Chinas ab den 1990er-Jahren besserte sich das Verhältnis der beiden Staaten zueinander. Seit 1992 unterhalten China und Israel vollwertige diplomatische Beziehungen, seitdem sieht die Volksrepublik sich auch als Vermittler im Nahostkonflikt. Unter US-Präsident Donald Trump wurde der Ton hingegen erneut rauer: Aus Chinas Sicht torpedierte Washington eine Zwei-Staaten-Lösung, gleichzeitig verschlechterten sich die chinesisch-amerikanischen Beziehungen. Israels harsche Rhetorik gegenüber der Volksrepublik nach den Anschlägen vom 7. Oktober ist Ausdruck einer Unzufriedenheit, die sich über die letzten Jahre aufgebaut hat. Besonders kritisch sehen die Israelis Chinas Haltung gegenüber der Hamas. Chinesische Diplomaten machen keinen Hehl aus ihren Verbindungen zu der Gruppe. Erst am 19. März 2024 verbreitete das Außenministerium eine Meldung über ein Treffen des chinesischen Botschafters mit Hamas-Führer Ismail Haniyeh in Katar. Beijing vertritt die Position, dass das Völkerrecht den Palästinensern den bewaffneten Widerstand gegen die Besatzung erlaubt. Aus Sicht Chinas ist der 7. Oktober die Folge der illegalen Besetzung palästinensischen Landes. Mit Foto: Wikimedia Commons ZENITH 1/2024 91 anderen Worten: Der Anschlag ist kein singuläres Ereignis, zifischen Raum erhöht den Druck auf China, das im Gegensondern ein Glied in einer langen Kette palästinensisch-iszug seine Beziehungen zu den Ländern des Nahen Ostens raelischer Konflikte. Für Beijing hat die Umsetzung der vertieft. Für Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate Zwei-Staaten-Lösung daher Priorität. Die Hamas wurde von und Saudi-Arabien, die strategische Autonomie anstreben, China nach dem Anschlag weder klar verurteilt noch wurde ein attraktives Angebot. In Zukunft erhofft sich die Volkssie als Terrororganisation eingestuft. republik gerade von solchen Ländern diplomatische UnterEine fragwürdige Entscheidung. So hätte Beijing den stützung auf internationaler Ebene. Anschlag vom 7. Oktober ohne Weiteres verurteilen können. Gleichzeitig kann China mit seiner Positionierung im GaDenn an der chinesischen Position im Nahostkonflikt hätza-Krieg auch der westlichen Kritik am Umgang mit muslite sich dadurch nicht viel geändert – tatsächlich stützt die mischen Minderheiten im eigenen Land kontern.»Millionen Entwicklung des Gaza-Kriegs Beijings Haltung wohl eher. Muslime in Gaza, nicht in Xinjiang, erleiden Hunger, DeporInzwischen drängen sowohl die Vereinigten Staaten als auch tation und Tötungen. Die USA müssen die Doppelmoral in die Europäische Union wieder auf die Zwei-Staaten-Lösung. Menschenrechtsfragen aufgeben«, sagte der Sprecher des Beijing kann hier auf die Konsistenz der eigenen Positioniechinesischen Außenministeriums am 13. März 2024. Weiter rung verweisen. heißt es in dem Statement:»Die Amerikaner sollten keine Tatsächlich schaut China seit der Machtübernahme leeren Worte zum Ramadan abgeben, sondern konkrete von Präsident Xi Jinping im Jahr 2013 zunehmend auf den Maßnahmen ergreifen, um das Leben der Muslime in Gaza Nahostkonflikt. Protokollarische Gesten bestätigen diesen zu retten.« Trend: Das Glückwunschtelegramm anlässlich des»InterTatsächlich steigt auch in der Region die Erwartung, nationalen Tags der Solidarität mit dem palästinensischen dass China nach der vermittelten Annäherung zwischen Volk« etwa versandte stets der Premierminister. Eine AufSaudi-Arabien und Iran sich auch in anderen Fragen eingabe, die mittlerweile das Staatsoberhaupt Xi Jinping überbringt. Als ständiges Mitglied des Sicherheitsrats der Vernommen hat. einten Nationen und zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt Beijing offizielle Haltung im hat das Land das Potenzial, bei der Nahostkonflikt scheint seit der Lösungsfindung im Nahostkonflikt Machtübernahme von Xi zuneheine konstruktive Rolle einzunehmend den Forderungen der Paläsmen. tinensischen Autonomiebehörde Dabei ist klar: Chinas Gestalanzugleichen. So spricht sich Beijing etwa für die Gründung eines unabhängigen palästinensischen Eine Verurteilung der Hamas war von Präsident Xi nicht zu hören tungsmacht im Nahen Osten hat Grenzen, entscheidenden Einfluss haben Beijings Diplomaten weder Staates auf der Grundlage der in Israel noch in Palästina. Trotz Grenzen von 1967 und Ostjerusaengerer Kooperation insbesonlem als Hauptstadt aus. dere bei Infrastrukturprojekten in Dabei geht es China aber den vergangenen Jahren ist das nicht um die Sache selbst, auch Verhältnis zum jüdischen Staat auf wenn ein wachsendes Interesse an der Region eine wichtige politischer Ebene getrübt. Und auf Palästina hat die VolksreRolle spielt. Aus chinesischer Sicht ist der anhaltende Nahpublik auch nicht mehr Einfluss als etwa Ägypten, Katar oder ostkonflikt eine Bedrohung für Sicherheit und Stabilität. Aus Saudi-Arabien. Auch die geografische Distanz zum Konflikt ähnlichen Motiven ergriff Beijing im vergangenen Jahr auch spielt eine Rolle. Nach wie vor ist China kaum in der Lage, als Mittler zwischen Iran und Saudi-Arabien die Initiative. Ein große politische Projekte jenseits seines Orbits anzugehen. diplomatischer Coup, der der Sicherung von Handelsrouten Tatsächlich hat es Beijing bisher versäumt, seit Beginn des dient und der chinesischen Außenpolitik gehörig SelbstbeGaza-Kriegs seinen Außenminister oder auch nur seine Stellwusstsein verliehen hat. vertreter nach Israel und Palästina zu entsenden. Ein wichtiger Punkt, denn der Nahostkonflikt ist auch Insgesamt betrachtet ist Chinas Position mit Blick auf eine diplomatische Front, an der China sich vor der Weltöfden Nahostkonflikt durchaus mehrheitsfähig. Eigene Intefentlichkeit profilieren will und um Unterstützung eigener ressen und ein Verantwortungsgefühl als Großmacht werUN-Resolutionen wirbt. China gilt zusammen mit den USA den die Volksrepublik sicherlich dazu veranlassen, sich weials einflussreichstes Land der Welt. Die aktive Auseinanderterhin aktiv einzubringen. In der Praxis zeigten die Monate setzung mit dem Nahostkonflikt soll Beijings Bereitschaft seit Ausbruch des Gaza-Kriegs jedoch, dass kein Land albezeugen, auf globaler Ebene Verantwortung zu übernehlein in der Lage ist, den Nahostkonflikt zu befrieden. Um men. die Notwendigkeit multinationaler Zusammenarbeit wissen Zugleich ist China angesichts geopolitischer Verschieauch die außenpolitischen Planer in Beijing. bungen zunehmend auf den Nahen Osten angewiesen. Die USA und einige ihrer Verbündeten tun sich zunehmend zuProf. Hongda Fan ist Lehrbeauftragter am Nahost-Institut sammen, um Beijings Einfluss einzudämmen – eine Allianz, der Shanghai International Studies University. Zudem ist er in die auch immer mehr Staaten in Südostasien eingebunden Gastwissenschaftler an der University of California in Berwerden. Washingtons strategischer Fokus auf den indo-pakeley. 92 DOSSIER Muslimische Gefühle Wachablöse am Mausoleum des Staatsgründers Jinnah in Karachi. Pakistan bezieht in Sachen Palästina schon länger Position als es das eigene Land gibt und zieht Parallelen zum Kaschmir-Konflikt VON EJAZ HAIDER Foto: dge ZENITH 1/2024 93 E ine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup vom 22. November 2023 ergab, dass mehr als 90 Prozent der Pakistaner mit den Palästinensern in Gaza sympathisieren. 66 Prozent waren Form des westlichen Kolonialismus. So forderte AIML-Präsident Maulana Hasrat Mohani am 30. Dezember 1921 die Engländer auf,»das Mandat über Mesopotamien und Palästina aufzugeben«. Nicht nur für ihn stand die Palästinafrage in direktem Zusammenhang mit der britisch-französischen Aufteilung des Nahen Ostens gemäß dem Sykes-Picot-Pakt von 1916, »zuversichtlich, dass die Padem ein Jahr später die Balfour-Deklaration folgte. lästinenser ihre Ziele erreichen können«, während 67 ProDie Palästinafrage tauchte in den Resolutionen der AIML zent der US-Regierung»sehr kritisch« gegenüberstanden immer wieder auf. So auch während des arabisch-jüdischen und der Meinung waren,»dass die USA eine negative Rolle Krieges(1936–1939), den Jinnah am 26. Dezember 1938 als im aktuellen Krieg spielen«. 31 Prozent glauben auch, dass »dringendes Problem, mit dem wir uns befassen müssen« Pakistan nicht genug unternimmt, um den Palästinensern bezeichnete. Er fügte hinzu, dass»muslimische Gefühle in zu helfen. dieser Angelegenheit geweckt wurden«, und kündigte sogar Diese Haltung wird von vielen Parteien und zivilgesellan,»keine Opfer zu scheuen, um den Arabern zu helfen«. Auf schaftlichen Organisationen in derselben Sitzung verabschiedete Pakistan geteilt – auch wenn das die AIML eine Resolution, in der sie Land zu Beginn des Gaza-Krieges die»ungerechte Balfour-Erklärung vor allem mit sich selbst beschäfund die daraus resultierende Untigt war. Pakistan schloss sich zwar terdrückungspolitik der britischen formell der Forderung nach einem Regierung« anprangerte. Waffenstillstand und Friedensver- Trotz des historischen Erhandlungen an, de facto war das bes in der Palästinafrage ist das Mandat der Übergangsregierung diplomatische Engagement Pazu diesem Zeitpunkt jedoch bekistans im Nahostkonflikt zurückgrenzt und vor allem auf die Vorbereitung der Wahlen im Februar 2024 ausgerichtet. Schon Gründungsvater Jinnah verurteilte den Teilungsplan gegangen. Als zunächst Organisationen wie die Arabische Liga und später vor allem die Golfstaaten Im Gegensatz zur innenpoli- die Führung übernahmen, schloss tischen Instabilität und Polarisiesich Pakistan meist aus der zweirung ist die pakistanische Position ten diplomatischen Reihe den Initiim Nahostkonflikt sehr konsistent. ativen der neuen Führungsmächte Pakistans Gründervater Muhamin der Region an. mad Ali Jinnah schickte seinen In der Palästinapolitik folgt Außenminister Sir Zafrullah Khan Pakistan diesen Leitlinien im Prin1947 während der Debatte um die zip bis heute. Allerdings hat IslaTeilung Palästinas zu den Vereinmabad seine Politik der völligen ten Nationen und erklärte, dass Nichtanerkennung Israels im Zuge »die westlichen Mächte mit Gewalt einen Keil ins Herz des der Osloer Verträge zugunsten einer Zwei-Staaten-Lösung Nahen Ostens treiben«. leicht modifiziert. Dieser Position haben sich die wichtigsten Als die Palästinafrage am 25. Oktober 1947 in der UN-GeParteien über alle Lager hinweg angeschlossen, darunter neralversammlung debattiert wurde, zitierte die staatliche die»Pakistan Tehreek-e-Insaf«(PTI), die»Pakistan Muslim Zeitung The Pakistan Times Jinnah mit den Worten, der TeiLeague«(ML) sowie die»Pakistan People's Party«(PPP). lungsplan sei ein Desaster und»weder historisch, politisch Gerade in diesen Aspekten ergeben sich aus pakistanischer noch moralisch zu verteidigen«. Jinnah warnte vor einem Sicht Parallelen zu einem Konflikt im eigenen Orbit: dem »beispiellosen Konflikt zwischen den Arabern und jener Selbstbestimmungsrecht der muslimischen Kaschmiris, die Macht, die den Teilungsplan durchsetzen wird«. nach pakistanischer Lesart unter indischer Besatzung leben. Tatsächlich reicht Pakistans Herangehensweise an den Nahostkonflikt in die Zeit vor der Staatsgründung zurück und spiegelt den Ansatz der»All India Muslim League« Ejaz Haider lebt in Lahore und kommentiert seit über zwei (AIML) wider, die die Interessen der Muslime in Britisch-InJahrzehnten die Außenpolitik seines Landes für verschiedene dien vertrat. Aus ihrer Sicht war der Zionismus eine weitere pakistanische Zeitungen und Fernsehsender. 94 DOSSIER Freitagsgebet in der Istiqlal-Moschee von Jakarta, der größten in Südostasien Ein indonesisches Krankenhaus in Palästina Das bevölkerungsreichste Land der muslimischen Welt hat sich den Kampf gegen den Kolonialismus in die Verfassung geschrieben und unterstützt die palästinensische Sache nicht nur mit Worten VON PIETER PANDIE A nfang November 2023 versammeln sich zwei Millionen Indonesier, gekleidet in weiße Gewänder und die Kuffiya, am Nationaldenkmal in Jakarta zu einer Solidaritäts-Kundgebung für Palästina.»Gott ist groß« und»Freies Palästina« gehören zu den gängigsten Slogans der Demonstration. Mehrere prominente Persönlichkeiten betreten die Bühne: Außenministerin Retno Marsudi trägt ein eigens verfasstes Gedicht vor, Religionsminister Yaqut Cholil Qoumas hält ebenso eine Rede wie der oppositionelle Präsidentschaftskandidat Anies Baswedan. Der Ulema-Rat, Indonesiens oberste islamische Körperschaft, hat die Kundgebung anberaumt. Das Spektrum der Teilnehmenden reicht von religiösen Führern über Aktivisten bis hin zu Regierungsbeamten. Einige reisen eigens für die Teilnahme aus verschiedenen Städten auf der Insel Java an. Im Vergleich zu Staaten im Nahen Osten wie Katar und Ägypten fehlt es Indonesien an der geografischen Nähe oder dem diplomatischen Einfluss, der für Vermittleraktivitäten in Gaza erforderlich ist. Dennoch sind die Themen Nahostkonflikt und Palästina bedeutsam, sowohl für die indonesische Regierung wie auch den Großteil der Bevölkerung. Das hat auch historische Gründe. Foto: dge ZENITH 1/2024 95 Schon der erste Präsident des sich die Bewegung der BlockfreiLandes machte Indonesiens Halen Länder 1955 im indonesischen tung deutlich:»Solange die FreiBandung.»Aktiv« wiederum soll heit Palästinas den Palästinensern auf Indonesiens Beitrag zur globanoch nicht zurückgegeben wurde, len Friedensschaffung hinweisen. wird Indonesien der Besatzung Mit der Unterstützung Palästinas durch Israel trotzen«, sagte Sukarno(1901–1970) im Jahr 1962. Nationalismus und folgt Indonesien nicht nur der in seiner Verfassung verankerten Indonesien war im Laufe seiner Geschichte mit erheblichen politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen konfrontiert, doch die Antikolonialismus sind in der indonesischen Verfassung verankert Gegnerschaft zum Kolonialismus, sondern auch dem Bekenntnis zu Frieden und Gerechtigkeit in seinen internationalen Beziehungen. Solidarität mit Palästina stand nie Außenministerin Retno Marzur Debatte. sudi nutzt dafür verschiedene Erstens sind Weltanschauung internationale Foren, etwa die und Identität in Indonesien, wie »Organisation für Islamische Zuin vielen Ländern des globalen sammenarbeit«(OIZ) oder auch Südens, maßgeblich von der Koden Internationalen Gerichtshof lonialgeschichte geprägt. Nationa(IGH). Indonesien hat im Januar lismus und Antikolonialismus sind etwa beim IGH Klage gegen die in der indonesischen Verfassung verankert, in der es heißt: Besatzung in den Palästinensischen Gebieten eingereicht. »Unabhängigkeit ist das unveräußerliche Recht aller NatiAußerdem versucht die Regierung, sich über humanionen, daher muss jeglicher Kolonialismus auf dieser Welt täre und medizinische Unterstützung einzubringen. Indoneabgeschafft werden, da er nicht im Einklang mit Menschlichsien hat seit 2020 über 20 Ländern Hilfe geleistet und etwa keit und Gerechtigkeit steht.« Indonesische Offizielle zitieren 2.700 UN-Friedenstruppen in verschiedene globale Kondiese Passage in ihrer Verfassung regelmäßig, wenn sie über fliktgebiete entsandt. Damit ist man der sechstgrößte Geber Palästina sprechen, und sehen die Ursache des Nahostkonvon Militär- und Polizeipersonal der UN-Friedenstruppen. flikts in der israelischen Besatzung. Zentral für das indonesische Engagement im Nahostkonflikt Die Mehrheit der frühen Intellektuellen, Religionsgewar das»Indonesische Krankenhaus« in Bait Lahia im Norlehrten und politischen Denker Indonesiens bediente sich in den des Gazastreifen. irgendeiner Form nationalistischer und antikolonialistischer Dessen gewaltsame Räumung und Umwandlung in eine Rhetorik, da sie ein ähnliches Ziel verfolgten: Widerstand, temporäre Basis der israelischen Armee Ende November gegen die Niederländer, die Japaner und dann wieder die löste in der indonesischen Öffentlichkeit einen Sturm der Niederländer. Entrüstung aus. Dieser Widerstand ging nach der UnabhängigkeitserAuch die Solidarität als Glaubensgenossen spielt hier klärung Indonesiens im Jahr 1945 weiter, da sich das Land eine Rolle. Als Nation mit der größten muslimischen Bebis 1949 weiterhin niederländivölkerung der Welt ist es nicht scher Souveränitätsansprüche verwunderlich, dass religiöse Orerwehren musste. Diese Zeit war ganisationen die Wahrnehmunnicht nur geprägt vom bewaffnegen über Palästina mitgestalten, ten Kampf, sondern ebenso von die wiederum auch das nationale politischer Konsolidierung sowie politische Narrativ prägen. Der diplomatischer Mobilisierung. DieEinfluss dieser Gruppen reicht tief se Bemühungen unterscheiden in die indonesische Gesellschaft. sich aus indonesischer Sicht also nicht wesentlich vom palästinensischen Kampf um Freiheit und AnZentral für das indonesische Engagement im Nahostkonflikt Insbesondere Bruderschaften wie »Nahdlatul Ulama« unterstützen die palästinensische Unabhängigerkennung. Die Kolonialgeschichte hat auch Indonesiens Außenpolitik war das»Indonesische Krankenhaus« in Bait Lahia keit bereits seit 1938, während die »Muhammadiyah« bereits seit den 1960er-Jahren den Palästinensern geprägt und findet ihren Aushumanitäre Hilfe leistet. druck in der Doktrin, die unter der Bezeichnung»Bebas Aktif«, zu Pieter Pandie ist wissenschaftliDeutsch»Frei und Aktiv«, bekannt cher Mitarbeiter beim indonesiist.»Frei« bezieht sich auf die auschen Thinktank»Centre for Straßenpolitische Positionierung Indotegic and International Studies« nesiens. Immerhin konstituierte (CSIS). 96 DOSSIER Amerika ist dieses Mal nicht Schuld Hat Israel vor knapp einem halben Jahrhundert eine historische Chance verpasst? Warum Bangladesch den Nahostkonflikt durch den Spiegel der eigenen Geschichte sieht und die Reaktionen auf den Gaza-Krieg so anders ausfallen als sonst VON ALI RIAZ B angladesch ist eines der 28 Mitgliedsländer der Vereinten Nationen, das den Staat Israel nicht anerkennt und diplomatische Beziehungen zu Palästina unterhält. Um die bangladeschische Perspektive auf den israelischen Angriff auf Gaza und den Nahostkonflikt zu verstehen, muss man sie mit Blick auf die Beziehungen Bangladeschs zu Palästina und Israel seit der Unabhängigkeit im Jahr 1971 kontextualisieren. Während des Unabhängigkeitskrieges im Jahr 1971 sandten der damalige amtierende Präsident Bangladeschs, Syed Nazrul Islam, und sein Außenminister Mushtaq Ahmed einen Brief mit der Bitte um Anerkennung des Staates Bangladesch, der seit der Teilung Britisch-Indiens Teil von Pakistan gewesen war. Aus einem im israelischen Staatsarchiv verfügbaren Dokument geht hervor, dass die Anfrage am 28. April 1971 eintraf – das israelische Außenministerium jedoch keine Antwort folgen ließ. In der Presse hieß es damals, dass indirekte informelle Kontakte zwischen der damaligen Exilregierung von Bangladesch und israelischen Beamten geknüpft worden waren und Israel»militärische Hilfe und Anerkennung« anbot, was die bangladeschischen Amtskollegen ablehnten. Israel erkannte das Land am 7. Februar 1972 an, wenige Wochen nach Kriegsende. Die Regierung von Bangladesch hat diese diplomatische Geste bis heute nicht angenommen. Die Solidarität mit dem palästinensischen Kampf spielte in den frühen Tagen der Außenpolitik Bangladeschs eine herausragende Rolle. Regelmäßig verglichen politische Führer aller Couleur den palästinensischen Kampf für einen unabhängigen Staat mit jenem Bangladeschs. Anfang 1974 wurde in Dhaka ein PLO-Büro eingerichtet. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich immer wieder bangladeschische Freiwillige dem palästinensischen Widerstand angeschlossen. Die Affinität zu Palästina ist so stark, dass jegliche Unterstützung Israels in Bangladesch als Tabu gilt. Der Reisepass war lange Zeit mit der Klausel versehen, dass es Bürgern verboten ist, in drei Länder zu reisen – Israel, Südafrika und Taiwan. Nach dem Ende der Apartheid galt diese Regelung für Südafrika nicht mehr. Taiwan wurde Anfang der 2000er-Jahre stillschweigend von der Liste gestrichen. Ende 2020 entfernte die Regierung die Passklausel, die Reisen nach Israel verbot. Das löste im Land eine Debatte darüber aus, ob Bangladesch bereit sei, Israel anzuerkennen. Einige Analysen betonten die wirtschaftlichen Vorteile, andere lehnten den Vorschlag energisch ab und bezeichneten eine solche Maßnahme als»unmoralisch«. ZENITH 1/2024 97 Es war offensichtlich, dass das Thedie internationale Gemeinschaft die ma Israel nach wie vor emotionalisiert Palästinenser im Stich gelassen hätte, – und daher auch innenpolitische Releenthielt die Kritik am Gaza-Krieg nun vanz bekam. 2016 behauptete Premierkeine explizite Schuldzuweisung an ministerin Sheikh Hasina, dass sich die oppositionelle Bangladesh Nationalist Aus einem im israelischen den USA, etwa beim Thema Waffenlieferungen oder AbstimmungsverParty(BNP) mit dem israelischen Geheimdienst Mossad verschworen hätte, um ihre Regierung zu stürzen. Der VorStaatsarchiv verfügbaren Dokument geht hervor, halten auf UN-Ebene. Die zurückhaltenden Reaktionen auf die US-Politik sind auf Oppositionsseite auch innenwurf basierte auf einem Pressebericht, wonach Aslam Chowdhury, der stellvertretende Generalsekretär der BNP, dass die Anfrage am 28. April 1971 eintraf politisch begründet. Der im Exil lebende amtierende Vorsitzende der BNP, Tariq Rahman, während eines Besuchs in Indien den twitterte am 12. Oktober:»Nach der drusisch-israelischen Likud-Politiker beispiellosen Eskalation des Konflikts Mendi Safadi traf. Obwohl Aslam darzwischen Palästina und Israel verurauf beharrte, dass das Treffen zufällig teile ich alle Formen von Gewalt und zustande gekommen war, wurde er ver- fordere eine sofortige diplomatische haftet und wegen Volksverhetzung angeklagt. Trotz dieser Intervention der Vereinten Nationen, um dem Blutvergießen Strafmaßnahmen gegen einen BNP-Führer kaufte die Regieein Ende zu setzen.« Vertreter der Regierungspartei Awami rung von Bangladesch wenige Jahre später ÜberwachungsLeague beanstandeten daraufhin die vergleichsweise zuausrüstung von einem israelischen Unternehmen. rückhaltenden Reaktionen der größten Oppositionspartei Über den Krieg in Gaza wurde in den bangladeschi- BNP. schen Medien umfassend berichtet. Nachdem Israel ein Tatsächlich hatte Bangladesch während der RegieKrankenhaus in Gaza bombardiert hatte, veröffentlichte das rungszeit von Sheikh Hasinas größter Rivalin Khaleda Zia Außenministerium eine scharf formulierte Erklärung, in der von der BNP(1991–1996, 2001–2006) im Nahostkonflikt es hieß, Israel habe»Verbrechen gegen die Menschlichkeit« unverbrüchlich auf Seiten Palästinas gestanden. Auch desbegangen. Am 18. Februar 2024 verwendete die Premiermiwegen fällt ins Auge, dass die Erklärung der BNP weit hinter nisterin in ihrer Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz den früheren, deutlicher formulierten Reaktionen zurückden Begriff»Völkermord«, um Israels Militäroperation zu blieb. Beispielsweise hatte die Partei im Jahr 2021 den dabeschreiben. Darüber hinaus signalisierte Bangladesch am maligen israelischen Angriff auf Gaza als»barbarisch und 13. Januar 2024 seine Unterstützung für den Antrag Südeine schwere Verletzung der Menschenrechte« verurteilt. afrikas, ein Verfahren gegen Israel vor dem Internationalen Der Grund für den deutlichen Unterschied in der ReakGerichtshof(IGH) einzuleiten. tion der BNP zwischen 2021 und 2024: Bangladesch erlebt Auch die Oppositionsparteien des Landes haben Erkläseit 2011 gravierende Rückschritte in Sachen Demokratie. rungen abgegeben und Kundgebungen organisiert. Der ProDie Oppositionsparteien in Bangladesch hofften insbesontest beschränkte sich nicht auf Islamisten, sondern umfasste dere im Vorfeld der umstrittenen Wahlen Anfang 2024 auf auch zentristische und linke Parteien. Sie monieren, dass die Rückendeckung aus Washington und Druck auf die RegieRegierung nicht ausreichend kritisch gegenüber Israel sei. rung von Sheikh Hasina. Auf einer Demonstration in der ersten Woche nach Beginn Die historische Unterstützung für das palästinensische des Konflikts hieß es etwa, die Hamas-Aktion vom 7. OkVolk bleibt in allen Gesellschaftsschichten und unabhängig tober sei»Selbstverteidigung« gewesen von den politischen Überzeugungen und Israel begehe»Kriegsverbrechen«. ungebrochen. Ob die Unterstützung In diesen Reaktionen fehlte eine Erwähauch auf die Hamas als Organisatinung der Geiselnahmen der Hamas. on ausgeweitet wird, ist eine offene Mit Ausnahme der linken politischen Frage. Denn die wahllosen Tötungen Parteien wurde im Vergleich zu den Vorjahren deutlich weniger Unmut gegenDie zurückhaltenden von Zivilisten in Gaza durch das israelische Militär unter völliger Misüber den Vereinigten Staaten wegen deren Unterstützung Israels geäußert. Früher verurteilten etablierte politische Reaktionen auf die US-Politik sind auf sachtung des Völkerrechts haben die Hamas auch in Bangladesch mitunter zum Synonym für die palästinensiParteien wie die Bangladesh Awami LeOppositionsseite auch sche Sache an sich gemacht. ague(BAL) und die Bangladesh Nationalist Party(BNP) den jüdischen Staat innenpolitisch begründet zwar, betonten zugleich aber, wie die Ali Riaz ist Professor für Politikwisjahrelange Unterstützung der USA das senschaft an der Illinois State Uniisraelische Vorgehen erst ermutige. versity und Präsident des AmeriObwohl Premierministerin Sheikh can Institute of Bangladesh Studies Hasina wiederholt darauf beharrte, dass (AIBS). 98 DOSSIER Modis Gleichung Indien sieht den Nahen Osten vor allem als Achse für den eigenen wirtschaftlichen Aufstieg. Der Gaza-Krieg kommt da ungelegen VON KABIR TANEJA A m 28. März 2024 führte Indien den ersten Testflug seines einheimischen Kampfflugzeugs HAL Tejas MK1A durch. Die indische Luftwaffe hat 83 dieser Jets in Auftrag gegeben, um ihre veralteten MiG-21 aus der Sowjetzeit zu ersetzen, die jahrzehntelang das Rückgrat ihrer Kampfflotte bildeten. Zwei der wichtigsten Komponenten der Jets, das Radar und die Störsender, stammen aus Israel – Ausdruck einer Kooperation, die in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Den Tweet des indischen Premierministers Narendra Modi, der kurz nach dem Anschlag am 7. Oktober den Terroranschlag der Hamas verurteilte, werteten viele Beobachter als Änderung der historischen Positionierung Indiens, da Neu-Delhi lange Solidarität mit der palästinensischen Sache als antikolonialen Kampf um Selbstbestimmung an den Tag gelegt hatte. Wenig später erklärte das indische Außenministerium, dass das Bekenntnis zur Zweistaatenlösung ebenso wichtiger Teil der indischen Position im Nahostkonflikt sei. Dabei tariert Neu-Delhi sei der Formalisierung der Beziehungen zu Israel 1991 seine geostrategischen Interessen neu aus, insbesondere in kritischen Bereichen wie Verteidigung. Allerdings erkennt Indien auch seit 1988 den Staat Palästina an und eröffnete bereits 1996 eine diplomatische Vertretung in Palästina, die 2003 von Gaza-Stadt nach Ramallah verlegt wurde. Indiens eigene strategische Interessen und Herausforderungen in seiner Nachbarschaft, sowohl in Bezug auf Pakistan als auch zunehmend China, haben einen erheblichen Einfluss auf seine Ansichten zur Situation in Gaza. Indiens Konflikte mit Pakistan reichen bis ins Jahr 1971 zurück, also vor Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Tel Aviv. Damals hatte die israelische Premierministerin Golda Meir zugestimmt, Indien mit Kleinwaffen und Munition zu versorgen. 28 Jahre später lieferte Israel erneut technisches Knowhow, als sich Indien im 50 Tage währenden Kargil-Krieg in Kaschmir abermals Gefechte mit Pakistan lieferte. Lange war Russland Hauptlieferant, doch Neu-Delhi will seinen Rüstungsimport diversifizieren – seit den Grenzkonflikten mit China im Jahr 2020 stellt sich diese Frage noch dringlicher. Indien wiederum ist mittlerweile Israels wichtigster Exportmarkt für Rüstungsgüter. Neben dieser strategischen Annäherung haben sich politische und ideologische Affinitäten entwickelt. Sowohl die israelisch-jüdischen konservativen Kreise als auch die indische Bharaitya Janata Party(BJP) und ihre hindu-ethnonationalistische Positionierung erkennen hier Gemeinsamkeiten. Diese Nähe schlägt sich im freundschaftlichen Verhältnis ihrer wichtigsten Vertreter nieder: Israels Premierminister Benjamin Netanyahu nutzte Bilder vom Treffen mit seinem Amtskollegen Narendra Modi sogar im Wahlkampf. Im Juli 2017 besuchte Modi als erster indischer Regierungschef überhaupt Israel. Jahrzehntelang hatte solch ein diplomatischer Schritt innenpolitisch negative Folgen gehabt. Modi dagegen stärkte sogar sein Image innerhalb der indischen Rechten und Mitte. Sein Kurs stößt nicht nur bei Religiös-Konservativen auf Zustimmung, sondern auch bei der eigentlich säkularen Wählerschaft der Kongress-Partei. Die arabische Welt schenkte der Entwicklung der Beziehungen Indiens zu Israel lange kaum Beachtung. Dies lag daran, dass Neu-Delhi in Sachen Diplomatie ein Gleichgewicht bewahrte, indem es sich nicht in die regionale Dynamik einmischte oder offen Partei ergriff. Tatsächlich sind auch die ZENITH 1/2024 99 indisch-arabischen Beziehungen das Herzstück von Modis Vereinten Nationen für einen Waffenstillstand in Gaza und Außenpolitik. Gerade die in den letzten Jahren vertieften erhielt dafür Beifall von Israel. Doch im November votierte Verbindungen zu Machtzentren wie Saudi-Arabien und den Neu-Delhi für eine UN-Resolution, die Israels SiedlungsakVereinigten Arabischen Emiraten(VAE) riefen durchaus tivität im Westjordanland verurteilte. Während viele diese Verwunderung hervor: Warum versteht sich eine Regierung Abstimmungen im Zusammenhang mit umfassenden Narrader Hindu-Nationalisten so prächtig mit ihren Partnern in tiven rund um den unmittelbaren Konflikt sehen, stellen sie der islamischen Welt? Und das gerade in Zeiten, in denen doch ein gewisses Maß an diplomatischer Kontinuität dar. sich die indische Regierung immer häufiger dem Vorwurf Im Gegensatz zu vielen anderen Staaten hat Indien seine ausgesetzt sieht, die einheimische muslimische Bevölkerung Zahlungen an das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Pavon immerhin 205 Millionen Menschen systematisch zu dislästina(UNRWA) etwa nie eingestellt. Im April enthielt sich kriminieren? Neu-Delhi auch bei einer Abstimmung im MenschenrechtsTatsächlich hat sich Indiens Hinwendung zur arabischen rat der Vereinten Nationen(UNHRC) über einen WaffenstillWelt seit den frühen 2000er-Jahren langsam abgezeichnet. stand in Gaza und ein Waffenembargo gegen Israel. Einerseits angetrieben vom wirtschaftlichen WachstumsDie eindeutige Verurteilung des Hamas-Angriffs auf Isschub ab 1991, andererseits von der Verlagerung der Welt- rael auf Führungsebene entsprach Indiens eigenen Kerninhandelswege Richtung Asien. Seit 2014 hat Modi die VAE teressen und seiner politischen Positionierung. Indien trägt sieben Mal besucht und im Februar sogar den ersten Hin- häufiger als früher das Thema Terrorismusbekämpfung bei du-Tempel in Abu Dhabi eingeweiht. Indien betrachtet den den Vereinten Nationen vor. Im Oktober 2022 hatte etwa der Golf auch immer häufiger als Absatzmarkt für einheimische Anti-Terror-Ausschuss des Sicherheitsrats erstmals in Indien Produkte. Das Freihandelsabkommen zwischen Indien und getagt. Allerdings richten sich an Indien als wichtige Stimme den VAE wurde in einer Rekordzeit von des globalen Südens auch Erwartunweniger als 90 Tagen ausgehandelt gen, wenn es um die Entwicklung von und unterzeichnet. Es soll das bilateEreignissen wie in Gaza geht. Die Kluft rale Handelsvolumen bis 2030 auf 100 zwischen außenpolitischem PragmatisMilliarden US-Dollar steigern. Indiens mus und einer noch nicht ausgereiften Blick reicht aber auch über den Golf Idee einer multipolaren Ordnung stellt hinaus. 2018 stattete Modi Ramallah einen Besuch ab und bekräftigte seine Unterstützung für einen unabhängigen Warum versteht sich eine Regierung der Hindu-Natiodie traditionell risikoscheue indische Diplomatie vor Herausforderungen. Anti-Kriegs-Proteste hat Indien palästinensischen Staat. Die Abraham-Abkommen zur Normalisierung der Beziehungen zwischen nalisten so prächtig mit der islamischen Welt? dagegen kaum erlebt. Selbst die linken Parteien, die die Palästinafrage in der Vergangenheit viel offensiver nach einer Gruppe arabischer Staaten unter außen trugen, konnten mit dem Thema der Führung der Vereinigten Arabinicht mobilisieren. In den Monaten vor schen Emirate und Israel im Jahr 2020 den Wahlen im Frühjahr sind vielen Inhat theoretisch eine seit langem bestedern innenpolitische Themen wichtiger hende Bruchlinie zwischen der arabials eine weitere Runde in einem auch schen Welt und dem jüdischen Staat geografisch weit entfernten Konflikt. überwunden. Es erleichtert zudem Ländern wie Indien, in Auch die Tatsache, dass Staaten in der arabischen Welt und der Region freier über wirtschaftliche Zusammenarbeit zu darüber hinaus ihre eigenen Interessen in den Vordergrund verhandeln. Die Gründung der Gruppierung Indien-Israzu stellen scheinen, entmutigt wohl die muslimische Minderel-VAE-USA, kurz I2U2, ist konkreter Ausdruck dieses Wan- heit in Indien, auf die Straße zu gehen. dels. Ihr erster Gipfel auf Führungsebene fand im Juli 2022 Indiens Interessen in der Golfregion werden heute durch statt. Im September 2023 gaben Saudi-Arabien, die VAE, wirtschaftliche Zusammenarbeit bestimmt. Die indische die Europäische Union, Deutschland, Frankreich, Italien, Außenpolitik hat trotz Veränderungen in den Regierungen die USA und Indien am Rande des G20-Gipfels in Neu-Delund ihren Ideologien über die Jahrzehnte hinweg ein Maß hi die Einrichtung des neuen multinationalen India-Middle an Beständigkeit bewahrt, das von Eigeninteressen geleitet East-Europe Economic Corridor(IMEC) bekannt. ist. Getreu diesem Grundsatz wird Indiens Sicht auf den GaEinige Monate nach Beginn des Gaza-Krieges plagen za-Krieg in gewisser Weise traditionell ausfallen: Neu-Delhi Verzögerungen und Störungen viele dieser Infrastrukturruft zu Dialog auf und bekennt sich zur Zweistaatenlösung, und Handelsprojekte. Während grundlegende Vereinbarunund nimmt zugleich Haltungen ein, die den eigenen Interesgen wie die Abraham-Abkommen die Krise bisher überstan- sen dienen, etwa bei der Terrorismusbekämpfung oder dem den haben, ist damit zu rechnen, dass die Wiederaufnahme Ausbau der Handelswege. kooperativer Wirtschaftsprojekte im Jahr 2024 nur zögerlich voranschreiten wird. Der Krieg in Gaza hat seit Modis erstem Tweet eine geKabir Taneja ist Leiter der Westasien-Initiative des Strategic wisse Kurskorrektur der indischen Haltung erzwungen. Im Studies Programme beim indischen Thinktank Observer ReOktober 2023 enthielt sich Indien bei der Abstimmung der search Foundation. 100 DOSSIER Erdoğan und Netanyahu im September 2023 in New York – nur wenige Wochen vor dem 7. Oktober Zwei wie Pech und Schwefel Kaum ein Staat in der Region unterhält so lange so gute Beziehungen zu Israel – und nimmt zugleich die Hamas in Schutz. Über die türkischen Befindlichkeiten im Nahostkonflikt und was das mit der Kurdenfrage zu tun hat VON DILEK GÜRSEL W bekräftigten, hat die Türkei ährend viele westliche Staaten schon zu Beginn des Gaza-Kriegs klare pro-israelische Positionen Israel unter der Regierung Netanyahu nicht nur aufs Schärfste verurteilt, Präsident Recep Tayyip Erdoğan ging sogar so weit, geradezu Hamas verherrlichende Argumentationen offiziell zu verlautbaren. Doch ein genauerer Blick zeigt, wie ambivalent und mitunter unklar die türkische Positionierung im Nahostkonflikt eigentlich ist. Die Türkei hat Israel als erstes mehrheitlich muslimisches Land schon sehr früh, und zwar im Jahr 1949, offiziell anerkannt. Sogar noch 1988 gewährte man diese diplomatische Aufwertung als eines der ersten Länder weltweit dem im Exil gegründeten palästinensischen Staat. Die Folgen eines Vorfalls schlagen im Verhältnis zwischen Israel und der Türkei bis heute Wellen: Das türkische Schiff»Mavi Marmara« versuchte 2010 schon während der damaligen Blockade Gazas, Hilfsgüter in die eingekesselte Enklave zu liefern: Im Zuge der Stürmung tötete die israelische Marine damals neun türkische Staatsbürger. Erdoğan brach die diplomatischen Beziehungen ab, und obwohl ab 2013 nach einer offiziellen Entschuldigung Netanyahus und Kompensationszahlungen eine Phase der Entspannung folgte, blieben die politischen Beziehungen weitestgehend unterkühlt und geprägt von weiteren diplomatischen Vorfällen. Im September 2023 posierten beide Regierungschefs am Rande der UN-Generalversammlung in New York zusammen vor der Kamera und zeigten sich freundschaftlich verbunden. Unvorstellbar seit dem 7. Oktober und Erdoğans klarer Kritik an Netanyahu und teils offener Unterstützung für die Hamas. Aller Rhetorik zum Trotz: Die Wirtschafts- und Handlungsbeziehungen erlebten seitdem keine nennenswerten Veränderungen. Und das zieht sich als Konstante durch die türkische Israel-Politik: Obwohl Erdoğan die israelische Regierung und Armee heftig angeht, zeigen verschiedene Daten zu Exporten, dass die Türkei Güter im Wert von fast 295 Millionen Euro nach Israel exportiert – und darunter sind nicht nur Lebensmittel, sondern auch Rüstungsgüter. Die Türkei versucht, ihre regionale Dominanz vor allem über religiöse Führung aufzubauen. Aktive Bestrebungen, als führende regionale und sogar globale muslimische Macht aufzutreten, sind auch bei diesem Konflikt unübersehbar. Die Unterstützung der palästinensischen Bevölkerung aus Sicht einer muslimischen Solidarität ist ebenso Teil des türkischen Nahostkonflikt-Diskurses wie die latente Judenfeindlichkeit. Foto: Avi Ohayon / GPO ZENITH 1/2024 101 Und obwohl Israel und die Türkei so weit auseinanderliegen, Die politischen Positionen der Türkei und Israels zu der zeigt sich nurmehr, wie ähnlich religionsbegründete staatlials disruptiv wahrgenommenen Gruppe des jeweils anderen che Macht sich im Kern sein kann. Landes nimmt oft taktische Züge an und führt zu ansonsten Eine weitere Kontinuität türkischer Außenpolitik: die schwer erklärbaren Positionen: Israel erkannte als einziges lautstarke anti-westliche Positionierung. Über die letzten Land das Unabhängigkeitsreferendum im Nordirak 2017 Jahre ist es schon fast ein Merkmal von Erdoğans Regiean – viele Kurden in Erbil schwenkten daraufhin israelische rungsstil geworden, westliche Regierungschefs direkt als Flaggen. Irakisch-Kurdistan ist aber auch gar nicht so»reinkompetent, als Imperialisten oder Unterdrücker zu bevolutionär« in seiner Struktur, wie es oft mit der kurdischen schimpfen. Dahinter steckt nicht zuletzt der verletzte Stolz Freiheitsbewegung in Verbindung gebracht wird. einer Nation, die so lange versucht hat, als Teil der westliInteressant ist nun auch die neueste Entwicklung im chen Welt anerkennt zu werden, und sich immer wieder auIrak selbst. Im März einigten sich Vertreter der Regierungen ßen vor gelassen fühlt. in Ankara, Erbil und Bagdad auf ein PKK-Verbot sowie eine Auf dem Papier hat die Türkei lange das überwiegend Einstufung der Miliz als Terrororganisation. Die türkische säkulare Nationalstaatmodell Europas forciert. Und das, obArmee hat ein robusteres Mandat gegen die PKK und ihre wohl es doch nicht ganz in die regionalen Gegebenheiten Ableger, der Irak erhofft sich eine Verbesserung der(wirtpasst. Die kurdische Bevölkerung im Land, aber auch in den schaftlichen) Beziehungen mit der Türkei. Wieder zeigt sich: Nachbarländern Syrien, Irak und Iran, musste sich diesem Die unterschiedlich begründete(Nicht-)Solidarität mit verNationalstaat nicht nur fügen, er hat sie gar über die Jahrschiedenen Gruppen in der Region führt dazu, dass Solidazehnte mehr und mehr assimiliert. Die Türkei geht sogar ritätsstränge zwischen ähnlich begründeten Freiheits- und noch weiter damit und versucht, ihr Nationenideal über ihre Befreiungskämpfen brechen. Grenzen hinweg in Syrien und im Irak zu untermauern. Interessant, weil die Terrordefinition in der Türkei selbst In der Sache ähneln sich die palästinensischen und kureher schwammig bleibt und ihr dadurch noch eher ermögdischen Freiheitsbestrebungen auf licht, all diejenigen Kräfte, die mehreren Ebenen. Historisch gesestaatliche Strukturen kritisieren, hen überlappt sich die Solidarität: In den 1970er- und 1980er-Jahren absolvierten PKK-Kämpfer zusammen mit der marxistisch-leIn der Sache ähneln sich die palästinensischen und kurdischen Freiheitsbestrebungen auf als PKK-Anhänger abzustempeln und unter einen Generalverdacht zu stellen. Interessanter, weil Erdoğan auch ganz klar deutlich ninistisch orientierten»Volksfront zur Befreiung Palästinas«(PLFP) mehreren Ebenen macht: Die Hamas ist in seinen Augen trotz der klaren Parallelen sowie der»Demokratischen Front keine Terrororganisation. zur Befreiung Palästinas«(PFLP) paramilitärische AusbilDie Türkei unterhält insgesamt gute Beziehungen zur dungen in der Bekaa-Ebene im Libanon. Diese Übungen Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, was ihr vor allem bereiteten den militärischen Konflikt gegen den türkischen wirtschaftliche Vorteile verschafft. Zahlreiche weitere AmStaat ab 1984 vor. Zudem fanden sich unter den ausländibivalenzen prägen den türkischen Blick auf die Region: etwa schen Kontingenten, die gegen Israels Besetzung des Libadie negative Sicht auf die arabische Welt, welche Israel und non im Jahr 1982 kämpften, auch PKK-Mitglieder. die Türkei mitunter zu teilen scheinen. Jedoch gehen in verschiedenen palästinensischen FrakDie Türkei sieht die arabische Welt doch noch eher als tionen sowie in verschiedenen kurdischen Fraktionen die rückständig und sich selbst ihr überlegen an und begründet Positionen zu der Situation des jeweils anderen weit auseidiese negative Haltung oft damit, dass sich die arabischen nander. Hamas-Anhänger haben in der Vergangenheit die Nationen vom europäischen Imperialismus und NationalBrutalität türkischer Truppen gegenüber kurdischen Grupgedanken haben treiben lassen und somit zum Untergang pierungen begrüßt, so etwa bei der Einnahme der norddes Osmanischen Reiches beigetragen haben. Dabei hat die westsyrischen Provinz Afrin: aus Hamas-Sicht ein Triumph türkische Nationalbewegung den wohl nationalistischsten der islamischen Ummah . Nationalstaat begründet. Zugleich steht die Türkei nur mit Diese Instrumentalisierung des islamischen Glaubens einem Bein im westlichen Lager. hat wiederum bei Kurden, die eigentlich selbst mehrheitlich Dadurch eröffnen sich ihr immer wieder Fenster, sich muslimisch und auch konservativ sind, dazu geführt, Frakals relevant auf verschiedenen Schauplätzen zu positionietionen der palästinensischen Widerstandsbewegung veheren: mal als islamische Führungsmacht, mal als gewichtiges ment abzulehnen. NATO-Mitglied, mal als Aufnahmekandidat und Anrainer der Aus ihrer Sicht fallen die sunnitisch geprägten Milizen in Europäischen Union. Der Gaza-Krieg bot der von der AKP die gleiche Kategorie wie der sogenannte Islamische Staat, geführten Regierung auch die Gelegenheit, innenpolitisch der Kurden und vor allem Jesiden in Syrien und im Irak auf zu punkten.»Wenn die AKP an die Macht kommt, können menschenverachtende Weise verfolgt hat und ermorden die Kinder in Gaza wieder aufatmen«, plakatierte die AKP im ließ. Es gibt aber auch die palästinensischen Kräfte, die die Vorfeld der Kommunalwahlen Ende März 2024. türkische Besatzungsmentalität aufs Schärfste verurteilen und einen Vergleich zur Situation Palästinas unter BesatDilek Gürsel ist Programm-Managerin im Auslandsbüro der zung ziehen. Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut. 102 DOSSIER Wolodomyr Zelensky empfing kurz nach Amtsantritt 2019 Benjamin Netanyahu im Kiewer Marienpalast. Gefunkt hat es nie Die Kriege in der Ukraine und in Gaza hängen miteinander zusammen. Aber nicht so, wie es oft behauptet wird VON IHOR SEMYVOLOS D er arabisch-israelische Konflikt und die russische Aggression gegen die Ukraine fanden schon vor den Ereignissen vom 7. Oktober 2023 wiederholt im gleichen Zusammenhang Erwähnung – und werden dabei unterschiedlich gedeutet. Die heroische Verteidigung Kiews zu Beginn des Krieges und die ukrainische Gegenoffensive im Herbst 2022 nahmen viele Palästinenser als Szenario dafür, wie ein militärisch schwächeres Land einen stärkeren Feind besiegen kann. Allerdings wurde das ukrainische Beispiel häufiger in der politischen Polemik arabischer Staaten gegenüber dem Westen herangezogen: Dabei steht die ihrer Ansicht nach unfaire und ambivalente Haltung westlicher Politiker gegenüber dem Leiden der Araber im Gegensatz zum Umgang mit dem Krieg in der Ukraine. Diese Beobachtung ist mittlerweile eine weitverbreitete Binsenweisheit. Der Krieg in Gaza hat der Diskussion neuen Schwung verliehen und dabei auch grundlegende Fragen aufgeworfen. Das wurde besonders deutlich, nachdem die Regierung von US-Präsident Joe Biden die Waffenanfragen der Ukraine, Israels und Taiwans in einem Verteidigungspaket zusamFoto: Präsidialamt Ukraine ZENITH 1/2024 103 mengefasst hatte. Orientiert sich die US-Politik entlang alter der Seite von Diktators Baschar Al-Assad am Bürgerkrieg Konfliktlinien aus der Vergangenheit? in Syrien. Der arabisch-israelische Konflikt im Allgemeinen und Die sowjetische Propaganda hat schon in der Vergander palästinensisch-israelische Konflikt im engeren Sinne genheit Ukrainer als von Natur aus antisemitisch dargestellt. sind ein Produkt der Zeit des Kalten Krieges. Die heiße Phase Gleichzeitig aber setzte man ukrainische Nationalisten, die dieses Konflikts begann 1947/48 vor dem Hintergrund des die Unabhängigkeit der Ukraine anstrebten, mit Zionisten Zusammenbruchs des britischen Empire und dem Beginns gleich. Typisch waren politische Karikaturen, bei denen ein einer neuen Konfrontation zwischen westlichen Ländern und Karren mit der Aufschrift»antisowjetische Propaganda« von der kommunistischen Sowjetunion und ihren Satelliten. Die zwei entsprechend gekleideten Männern gezogen wurde, in Rhetorik des Kalten Krieges auf beiden Seiten ließ praktisch denen man leicht die Zerrbilder eines Ukrainers und eines keine Zwischentöne zu. Im Kern handelte es sich um einen Juden erkennen konnte. systemischen Konflikt mit stabilen ideologischen TeilnehNachdem die Ukraine Anfang der 1990er-Jahre ihre Unmergruppen, die die eine oder andere Seite unterstützten. abhängigkeit erklärt hatte, veränderte sich der Blick auf IsraUm diejenigen, die schwankten, wurde ein aktiver Propagel nochmal grundlegend. Viele Ukrainer sehen vor allem ein andakrieg geführt. erfolgreiches und wohlhabendes Land, Teil jener westlichen Im Gegensatz zu vielen anderen dieser Zeit blieb der Welt, der sie sich auch zugehörig fühlen. Kiew nahm diplopalästinensisch-israelische Konflikt auch nach dem Zusammatische Beziehungen zu Tel Aviv auf, das Handelsvolumen menbruch des kommunistischen Systems und der Auflösung wuchs beträchtlich und auch auf kultureller und politischer der Sowjetunion im Jahr 1991 aktiv. Der Wandel des poliEbene tauschte man sich enger aus. Alle Versuche Kiews, tischen Klimas in den 1990er-Jahren wirkte sich auch auf eine militärische und technische Zusammenarbeit mit dem seine Dynamik aus und weckte Hoffnungen auf ein Ende jüdischen Staat aufzubauen, stießen auf aktiven Widerstand durch den Nahost-Friedensprozess auf der Grundlage der Moskaus, das solche Verträge genau überwachte. Israel und Zwei-Staaten-Lösungsformel. Doch nach fast zwei Jahrdie Vereinigten Staaten übten zudem aktiven Druck auf die zehnten der Verhandlungen, Rabin-ErUkraine aus, sich Ende der 1990er-Jahmordung und Intifada, liegen diese Be- re aus der Baubeteiligung des Atommühungen am Boden. Die Rückkehr des Hauptgegners des Oslo-Prozesses in den 1990er-JahDer palästinensisch-israelische Konflikt im engeren kraftwerks in Buschehr in Iran zurückzuziehen. Die damals in Aussicht gestellte Ausfallentschädigungszahren, Benjamin Netanyahu, an die Macht in Israel Anfang 2010 fiel mit mehreren anderen geopolitischen Prozessen Sinne ist ein Produkt der Zeit des Kalten Krieges lung an Kiew blieb Washington in der Folge allerdings schuldig. Nach der Besetzung und Annexizusammen: dem Niedergang pseuon der Krim verlagerte sich die Frage dorepublikanischer Regime in einer der Einhaltung des Völkerrechts für Reihe arabischer Länder nach dem Arabischen Frühling, die Ukraine von der theoretischen auf eine praktische Ebedem Bürgerkrieg in Syrien und der Aufstieg islamistischer ne. Mit der Resolution 2334 des UN-Sicherheitsrats über die Bewegungen in diesem Zusammenhang. Auf der Münchner Illegalität jüdischer Siedlungen in den von Israel besetzten Sicherheitskonferenz 2007 stellte der russische Präsident palästinensischen Gebieten erreichten dann Ende 2016 die Wladimir Putin die unipolare Welt sowie insbesondere die bilateralen Beziehungen einen Tiefpunkt. Denn als nichtUS-Außenpolitik in Frage. Sieben Jahre später – als Russland ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates hatte die Ukraibereits die Krim annektiert hatte – untermauerte Putin im ne für die Annahme der Resolution gestimmt. Das Votum Rahmen seiner Rede bei der Waldai-Konferenz diesen Gespiegelte die offizielle Position zu diesem Aspekt des Nahgensatz nochmals. ostkonflikts wider. Allerdings war das AbstimmungsverhalSomit ist der palästinensisch-israelische Konflikt ein ten auch Ausdruck eines neu gewonnen Verständnis für das Erbe des Kalten Krieges, während der russisch-ukrainische Thema, schließlich waren die Russen eifrig dabei, die DeKrieg das Ergebnis des Versuchs Moskaus ist, seine Niedermografie der Krim durch Ansiedlung linientreuer Russen zu lage in der Auseinandersetzung mit dem Westen wettzumaverändern. chen. Russlands neuer Kurs der Konfrontation mit den VerNach dem Ausbruch des Krieges mit Russland im Jahr einigten Staaten schürte die Ressentiments jener politischen 2022 dominierte in der Ukraine das Bild von Israel als einem Kräfte, die mit der Weltordnung, die aus den Ruinen der Land, das seinen vielen Feinden erfolgreich entgegentritt. kommunistischen Welt hervorgegangen war, weiterhin unIn der Folge wuchs auch die Hoffnung, dass Israel als westzufrieden waren. Dazu trug auch die US-Politik nach dem 11. liches Land der Ukraine im Kampf gegen den Aggressor zur September 2001 bei. Die Invasion des Irak im Jahr 2003 und Seite stehen würde. Im Rahmen einer umfassenden Kampadie anhaltende Besetzung des Landes verstärkten die Krigne zur Konsolidierung der militärischen, politischen und ditik an den Vereinigten Staaten, auch bei Washingtons ara- plomatischen Unterstützung in allen Ecken der Welt klopfte bischen Verbündeten in der Region. Vor dem Hintergrund die ukrainische Führung beharrlich bei Israel an. Meistens dieser Besatzung ist im Irak die Terrororganisation»Islamiohne Erfolg. scher Staat« herangewachsen. Im Jahr 2015 kehrte Russland Die zwischen Moskau und Tel Aviv zu Syrien getroffephysisch in den Nahen Osten zurück und beteiligte sich an nen Vereinbarungen machten jegliche militärische Unter- 104 DOSSIER Die ukrainische First Lady, Olena Zelenska(Mitte), mit Israels Staatspräsident Jitzchak Herzog und dessen Gattin Michal im Sommer 2023. stützung Israels praktisch unmöglich. Das vielbeschworene israelische Projekt, die Ukraine mit einem Frühwarnsystem für die Raketenabwehr auszustatten, bleibt weiter in der Schublade. Diese Zurückhaltung Israels sorgte in den vergangenen zwei Jahren für viel Frust auf ukrainischer Seite. Eine Reihe von Zwischenfällen beeinträchtigte das Verhältnis weiter, etwa die faktische Wiedereinführung des Visaregimes zwischen den beiden Ländern. Nachdem Netanyahu in einem Interview Rüstungslieferungen mit dem Verweis eine Absage erteilt hatte, dass die Waffen in iranischen Händen landen könnten, warf die ukrainische Botschaft in Tel Aviv im Sommer 2023 der israelischen Regierung prorussische Sympathien vor. Die Ukraine wiederum drohte damit, die Visa-Pflicht für Israelis wieder einzuführen – und das kurz vor Beginn der Wallfahrtsaison zum Grab von Rabbi Nachman von Brazlaw im ukrainischen Uman am Vorabend des jüdischen Neujahrs. Im Fall der hassidischen Pilger fanden beide Seiten schließlich eine Lösung. Dennoch war das bilaterale Verhältnis am Vorabend des 7. Oktober belastet. Wolodomyr Zelensky hielt unmittelbar nach der Nachricht vom Hamas-Angriff eine emotionale Rede zur Unterstützung Israels. Dafür erntete der ukrainische Präsident auch Kritik, weil in seiner Ansprache etwa von einer Zwei-Staaten-Lösung keine Rede war. Allerdings ging es Zelensky wohl in erster Linie um ein Zeichen der Solidarität – und möglicherweise darum auszuloten, inwiefern Israel bereit war, seine Haltung gegenüber der Ukraine zu ändern. Große Wirkung in Israel entfalteten Zelenskys Worte ohnehin nicht. Und so veröffentlichte das ukrainische Außenministerium zehn Tage nach Ausbruch des Konflikts eine ausgewogenere Erklärung, in der die Ukraine ihr Engagement für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts bekräftigte. Der Krieg in Gaza hat zweifellos die globale Aufmerksamkeit für die Ereignisse in der Ukraine verringert, die beteiligten Parteien polarisiert und zusätzliche Spannungsquellen in den Beziehungen zwischen der Ukraine und den arabischen Ländern des Nahen Ostens geschaffen. Die Bündelung der Ukraine, Israels und Taiwans in einem Hilfspaket gab der russischen Propaganda einen Anlass, diesen Umstand zur Diskreditierung der Ukraine zu nutzen. Das Kalkül einiger US-Abgeordneter, dass die Militärhilfen in dieser Form schneller durch den Kongress gehen würden, ist nicht aufgegangen. Der Krieg in Gaza und der russisch-ukrainische Krieg haben unterschiedliche Ursachen, sind aber indirekt durch die Anwesenheit derselben Akteure – der Vereinigten Staaten, Russlands und Iran – miteinander verbunden. Dennoch: Ein Krieg unter Einsatz von Luftstreitkräften, Raketen und allen Arten von Waffen außer bislang Atomsprengköpfen lässt sich in militärischer Hinsicht kaum mit einem Krieg gegen eine paramilitärische Gruppe vergleichen, so gut diese auch organisiert ist. Die Ukraine führt buchstäblich einen Krieg um ihre Existenz, für Israel besteht keine solche Bedrohung. Vergleiche zwischen der Ukraine und Palästina oder der Ukraine und Israel sind eher eine polemische Technik, die dazu dient, die Position arabischer Experten in Diskussionen mit ihren westlichen Kollegen zu stärken. Ihor Semyvolos ist Direktor des Zentrum für Nahoststudien in Kiew. Foto: Präsidialamt Ukraine ZENITH 1/2024 105 Deutschlands Ansehen steht auf dem Spiel Mit ihrer Gaza-Politik hat sich die Bundesrepublik in eine Sackgasse manövriert. Höchste Zeit, sich wieder auf das zu besinnen, was ihre Soft Power einst ausgemacht hat VON MARCUS SCHNEIDER UND HANNA VOSS E ine der denkwürdigsten Erfahrungen, die man als junger Mitarbeiter oder Leiter deutscher Organisationen im Ausland macht: mitzubekommen, wie positiv der Ruf des eigenen Landes ist. Fast schon befremdlich positiv möchte man anfügen, denn junge Deutsche wachsen vielfach mit einem sehr kritischen Selbstbild auf – was aus Sicht des Auslands oft völlig ungerechtfertigt erscheint. 65 Jahre bundesdeutscher Außenpolitik, zu der nicht nur offizielle diplomatische Vertretungen gehören, sondern auch das mannigfaltige Netzwerk der sogenannten Mittler – offizielle Entwicklungszusammenarbeit, Kulturinstitutionen, Kirchen, politische Stiftungen – haben es vermocht, die Bundesrepublik seit 1949 vom Paria der Weltgemeinschaft in eines ihrer meistgeachteten und verehrten Mitglieder zu verwandeln. Klar gibt es Klischees, und auch den ein oder anderen peinlichen Moment, wenn einem für Dinge gratuliert wird, auf die man lieber nicht stolz wäre. Im Großen und Ganzen beruft sich das Fremdbild aber auf positive Errungenschaften und zeichnet ein wohlhabendes, politisch stabiles, sozial gerechtes Land, das bei aller außenpolitischen Zurückhaltung auch Kultur und Zivilgesellschaft in den Blick nimmt, überdies gerade im Sozialen und Humanitären viel selbstlose Hilfe leistet und für das Menschenrechte und internationales Recht nicht nur lästiges Beiwerk sind. Was für den globalen Süden galt, traf im Besonderen für die arabische Welt und den erweiterten Nahen Osten zu. Auch hier war das Deutschlandbild exzellent. In einer Region also, in der dem politischen Westen insgesamt, gerade in Gestalt der Weltmacht USA und der ehemaligen Kolonialmächte Frankeich und Großbritannien, nicht unerhebliche Ressentiments entgegenschlagen. Es wurde der Bundesrepublik hoch angerechnet, dass sie internationales Recht und eine langfristig orientierte Einschätzung der Lage über das kulturkämpferische Pathos stellte (Nein zum Irak-Krieg, Nein zur Libyen-Intervention), mit dem andere Demokratie und Fortschritt herbeibomben wollten. Selbst die engen Beziehungen zu Israel wirkten sich in der Vergangenheit keinesfalls automatisch nachteilig auf Deutschlands Position in der arabischen Welt aus. 106 DOSSIER Möglicherweise auch, weil Berlin darauf verzichtete, als sie auch die Bedürfnisse besonders vulnerabler Gruppen Oberlehrer aufzutreten und Ambivalenzen zuließ, die sich in den Blick nimmt. Angesichts von fast 15.000 toten Kinaus anderen geografischen und historischen Erfahrungen dern in Gaza, fast 90 Prozent Binnenvertriebenen und einer ergaben. Und nicht zuletzt, weil das deutsche Engagement menschengemachten, gezielt herbeigeführten Hungersnot für einen gerechten Frieden und die bedeutende Unterstüt(Red.: Stand Ende März 2024) drängt sich die Frage wie der zung für die palästinensischen Institutionen als aufrichtig berühmte Elefant in den Raum, inwiefern dieser Anspruch wahrgenommen wurden. Womöglich aber auch, weil die auch für die komplizierteste unter den Partnerbeziehungen deutsche Staatsräson lange mehr Rhetorik war, in Zeiten des gilt. Gaza-Krieges dagegen in Waffen messbar ist. Überhaupt geschah die Verkündung unverbrüchlicher Der Gaza-Krieg und die von Anfang an eindeutige PoSolidarität in seltsamer Verkennung des politischen Chasitionierung Berlins, die auch sechs Monate und mehr als rakters mancher, die dort in Israel Regierungsverantwor3.000 Tote später noch so gut wie keine Zwischentöne zutung tragen. Im vorherrschenden deutschen Diskurs wurde ließ, setzt Deutschland nun einer globalen Kritik aus, die für das Ganze als Haltungsfrage behandelt. Durch Realitäten die deutsche Softpower womöglich der tiefsten Zäsur seit der vor Ort, Äußerungen führender Politiker oder der Art der Wiedervereinigung gleichkommt. Mit seiner Metapher von Kriegsführung wollte man sich da lieber nicht stören lassen. »den Kindern des Lichts gegen die Kinder der Dunkelheit« Und so glauben große Teile des globalen Südens wie unsetzte der israelische Premiermiter einem Brennglas in der nahezu nister Benjamin Netanyahu den bedingungslosen Unterstützung Ton für ein Zivilisation-hier-Barfür Israels Kriegsführung das ganbarei-und-Terror-dort-Narrativ, ze Elend deutscher Doppelmoral das Deutschland damit genauso erkannt zu haben. bereitwillig abnickte wie den früh- Vor allem in der arabischen zeitigen Plan von VerteidigungsWelt wurde die deutsche Einseiminister Yoav Gallant, den Ga- tigkeit frühzeitig als Heuchelei zastreifen vollständig abzuriegeln. beklagt, die sich vor dem HinTrotz derlei finsterster Kolonialrhetorik aus dem Land des vermeintlich werteverwandten Die deutsche Staatsräson war lange mehr Rhetorik, tergrund des andauernden Ukraine-Krieges freilich besonders entlarvend ausnimmt. Dessen Partners stellte Berlin Tel Aviv sehr früh eine carte blanche für das unerbittliche Vorgehen in heute dagegen ist sie in Waffen messbar bewusst sehr moralistische Aufladung als eine Art Weltordnungskrieg stieß außerhalb des Westens Gaza aus. Der Bundeskanzler ervon Anfang an auf Widerstände. klärte fast schon apodiktisch, dass Heute lässt sich konstatieren, das Land als Demokratie nahezu die angestrebte Isolation des Agnicht anders könne, als den Prinzigressors Russlands ist global gepien des Völkerrechts zu genügen scheitert. Skepsis und Zweifel an – jahrzehntelanger völkerrechts- der Aufrichtigkeit des westlichen widriger Annexion, SiedlungspoNarrativs spielten Moskau in die litik und bereits vor dem 7. OktoHände. Afghanistan, Irak, Libyen ber Tausender toter Palästinenser und ja, immer wieder Palästina – zum Trotz. das hörte man als Vertreter deutBerlin war damit nicht eine Stimme unter vielen in eischer Organisationen, wenn man die Frustration heimischer nem pan-westlichen Chor, sondern fand sich plötzlich unPolitiker übermittelte, dass die arabische Welt sich weigere, freiwillig exponiert wieder. Wenige spürten das stärker und Russland klar zu isolieren. direkter als die Vertreter deutscher Organisationen im AusHinzu kommt, dass die Bilder aus Gaza die aus der land. Sie sahen sich einer Infragestellung des eigenen Landes Ukraine in Sachen Grausamkeit und Elend in den Schatten ausgesetzt, die auch für langjährig Aktive beispiellos gewestellen. Und weil auch die bloßen Zahlen darauf hindeuten, sen sein dürfte. Schon diskursiv bewegte man sich in Paraldass das menschliche Leid in Gaza Ausmaße erreicht hat, leluniversen – die Begrifflichkeiten zu beschreiben, was in die nicht mehr hinnehmbar sind – und eben nicht, wie es Gaza geschieht, waren nicht mehr dieselben. (nur) in Deutschland immer noch manche sehen möchten, Doch zumindest diejenigen, die ihr Herz weltanschauZeugnis dafür, wie Israel versucht, die Zivilisten in Gaza lich noch nicht völlig verschlossen haben, kommen nicht bestmöglich zu schützen. Entsprechend eindeutig sind auch umhin festzustellen, dass hier womöglich die vielbeschworedie globalen Mehrheitsverhältnisse. ne Staatsräson kollidiert mit jenen Werten, die gerade diese Nun ist es nicht so, dass man die Herausforderung in Bundesregierung mit ihrem Anspruch einer wertegeleiteten, Berlin nicht erkannte. Der Bundeskanzler verband seine gar feministischen Außenpolitik durchzusetzen gedenkt. Ausrufung einer Zeitenwende mit der Notwendigkeit von Feministisch ist eine Außenpolitik übrigens dann, wenn »Partnerschaften auf Augenhöhe« mit den Ländern des gloZENITH 1/2024 107 balen Südens und warb unermüdlich für eine regelbasierte nes projiziert wird, wirkt der wiederauferstandene NahostWeltordnung, die auch einem multipolaren Setting Rechkonflikt wie eine Massenpolitisierung. nung trägt. Die Unfähigkeit breiter medialer und politischer KreiDoch Gaza wirkt nun für die Skeptiker westlicher se in Deutschland selbst, eine Differenzierung zuzulassen Aufrichtigkeit wie eine umfassende Bestätigung all ihrer zwischen einem Engagement für die palästinensische ZivilZweifel. Wo ist sie jetzt, die Rhetorik schierer Empörung bevölkerung einerseits und Hamas-Sympathie andererseits, angesichts mutmaßlicher israelischer Kriegsverbrechen? hat als Konsequenz, dass die Mauer dazwischen stückweise Vernichtungskrieg und Völkermord sind zwei historisch in fällt. Wenn jegliches pro-palästinensische Engagement kriDeutschland ja eindeutig belastete Begriffe, die aber sehr minalisiert wird, erscheinen die wirklich Radikalen auch schnell ihren Eingang in den Mainstream gefunden hatten, weniger abstoßend. als es darum ging, die Putin ՚ sche Aggression gegen die UkWenn sowieso jeder, der sich für ein Ende des Krieges raine zu beschreiben. Verfemt dagegen diejenigen, die es und der Besatzung einsetzt, unter Antisemitismusverdacht wagen, dieselben Begrifflichkeiten auch nur in die Nähe des gestellt wird, welcher Begriff bleibt dann noch, die echten Juisraelischen Vorgehens in Gaza zu rücken. denhasser zu bezeichnen? Auch in Sachen Völkermordanklage vor dem InternatiUnd so erzielt man nicht nur bei den sonst so wohlgeonalen Gerichtshof(IGH) ist Deutschland der weltweit ein- sonnenen und lange sogar verständigen Partnern des globazige Staat, der Israel juristisch zur len Südens Reaktionen von resigSeite springt – während mehrere niertem Kopfschütteln bis hin zu Dutzend Staaten und große Staablanker Wut, sondern stößt auch tenverbünde ihre Sympathie für gerade diejenigen progressiven die südafrikanische Seite haben Kräfte in der arabischen Welt und erkennen lassen. Stoisch bis hin in Israel und Palästina vor den zur Arroganz beharrt DeutschKopf, die für Deutschland eigentland darauf, Israel handele nach lich Partner beim Streben nach wie vor im Namen der SelbstverFrieden im Heiligen Land sein teidigung, der Genozid-Vorwurf sollten. Es sind längst die liberaentbehre jeder Grundlage – ganz so, als brauche man trotz der 15Wenige spürten das stärker und len und westlich gesinnten Eliten, die Deutschland von der Stange zu 2-Mehrheit der Richter-Stimmen, die Südafrikas Klage im Vorverfahren als»plausibel« eindirekter als die Vertreter deutscher Organisationen im Ausland gehen, während man sich selbst einreiht in die Parade rechtspopulistischer und-radikaler Kräfstufte, gar kein IGH-Urteil abzute – von Trump über Orbán, von warten. Bolsonaro zur AfD und Milei bis Und längst ist die StaatsräWilders – die Israel so verehren. son keine reine Prosa mehr. Nach Die unverbrüchliche Solidariden USA ist Berlin Israels größter tät, die zum Glaubensbekenntnis Waffenlieferant. Das Ausmaß der nicht nur des Staates, sondern der Rüstungskooperation übersteigt gesamtem polit-medialen Elite vermutlich die Vorstellung, die geworden ist, gilt einer Israel-Prosich die deutsche Öffentlichkeit jektion, die weit mehr mit deutdavon macht. Indes stoppte die schen Befindlichkeiten als mit Bundesrepublik wegen der mutdem real existierenden Staat am maßlichen Beteiligung einiger Beschäftigter des UN-Paläsöstlichen Mittelmeer zu tun hat. Da weigert man sich auch tinenserhilfswerks UNRWA am Massaker der Hamas vom mit Blick auf die hegemonialen Kräfte in Israel zu sehen 7. Oktober ihre Zahlungen für den Gazastreifen. und zu hören, was nicht sein darf: die de facto koloniale Und weder Deutschland noch die USA haben die DruckRealität im Westjordanland, klare Ablehnung und systemamittel, die gegenüber Israel bestehen, bisher auch nur annä- tische Verhinderung eines palästinensischen Staates, offehernd genutzt, um auf eine veränderte Kriegsführung und ner Rassismus gegen Palästinenser. Den Deutschen geht es ein Ende der humanitären Katastrophe hinzuwirken. Das um Absolution vor dem Hintergrund der eigenen Verganmacht Deutschland in den Augen vieler im globalen Süden genheit, darum(endlich) einmal auf der richtigen Seite der gar mit zur Kriegspartei. Geschichte zu stehen. Die Ausmaße dieses Reputationsschadens und GlaubDoch die Welt hört längst mit bei den Debatten, die wir würdigkeitsverlusts für Deutschland sind derzeit noch nicht in Deutschland eigentlich mit uns selbst führen. Bei einem absehbar. Vor allem Vertreter deutscher Organisationen, als global rezipierten Ereignis wie der Berlinale offenbarte Antennen des Landes im Ausland, merken jedoch längst, wie sich das auf eklatante Weise: Während in Deutschland der massiv sie ausfallen könnten. Gerade in der arabisch-musliSkandal die Reden der Prämierten waren, war es überall mischen Welt, wo das Gaza-Elend nonstop auf die Smartphosonst die Tatsache, dass selbst ein jüdischer Nachfahre von 108 DOSSIER Holocaust-Überlebenden, der gemeinsam mit seinem palästinensischen Filmkollegen für ein würdevolles, friedliches Leben in direkter Nachbarschaft eintritt, mittlerweile als Antisemit beschimpft werden kann, wenn nur genügend deutsche Trigger-Begriffe(Apartheid, Genozid) fallen und reichweitenstarke Medienhäuser wie auch medienaffine Ex-Politiker ihre Kampagnen lostreten. Doch wer Jüdinnen und Juden, die einen rechtsextrem regierten Staat, seine Besatzung und Kriegsführung kritisieren, als Antisemiten beschimpft und Israelis, wenn sie mehr Frieden und Gerechtigkeit in ihrem Land fordern, als Israelhasser verunglimpft, ist eben auch Teil des Problems – Teil der globalen Rufschädigung, die Mittler im Ausland seit Oktober fortlaufend beobachten. So provinziell und selbstbezogen das deutsche Agieren sich ausnimmt, so ratlos bis verstört lässt es viele zurück, die Deutschland einst bewunderten. Etwa ist die Art der Kriegsführung, die Israel im globalen Süden so viel Empörung entgegenschlagen lässt, eben keineswegs so alternativlos wie hierzulande häufig dargestellt. Vielmehr ist sie in ihrer extremen Brutalität Ausdruck einer systematischen Entmenschlichung der Palästinenser durch israelische Politiker und Parteien, die nach dem Scheitern des»Managens« der Palästinenserfrage nun ganz offen radikalere Lösungen diskutieren. Wie der laufende Krieg ausgeht, ist weiterhin offen. Dass er mit einer dieser radikaleren Lösungen endet, ist womöglich wahrscheinlicher als die durch die deutsche Außenpolitik wie eine Monstranz vor sich hergetragene»gerechte Zweistaatenlösung«. Unbemerkt vom deutschen Mainstream wird so in Gaza jene regelbasierte, dem internationalen Recht verpflichtete Weltordnung begraben, für die gerade Deutschland stand – mehr als fast jedes andere Land weltweit. Und damit auch die Grundlage der deutschen Softpower, die sich neben der Wirtschaftskraft auf jene Kombination aus Humanität und Recht stützte, die das breite deutsche Es sind längst die liberalen und westlich gesinnten Eliten, die Deutschland von der Stange gehen Berlin stellte Tel Aviv sehr früh eine carte blanche zur Durchsetzung jeglichen Vorgehens in Gaza aus Engagement in Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft erst möglich machte. Es ist um Deutschlands Stellung in der Welt schlecht bestellt, sollte sich Berlin weiterhin zu eng an ein Land ketten, das ideologisch derart abdriftet. Für die Feinde des Westens ist dies eine Einladung, Deutschland Doppelmoral und Heuchelei vorzuhalten. Für die Freunde kommt es einer weltanschaulichen Selbstaufgabe gleich, die die wertebasierte Außenpolitik beerdigt. Kann man optimistisch sein, dass Berlin hier noch die Kurve kriegt und die eigene Reputation wiederherstellt? Hoffen darf man sicherlich. Auf eine Ausnüchterung und De-Ideologisierung des Diskurses. Auf mehr Ambiguitätstoleranz und ein Ende des identitären Schwarz-WeißDenkens. Auf eine Außenpolitik, die hochtrabende Sonntagsreden und die diplomatische Realität wieder zusammenbringt. Auf eine Staatsräson, die weniger Glaubensbekenntnis, sondern wertegeleitet und damit an Bedingungen geknüpft ist. Die Debatten in Deutschland zeigen allerdings: Realistisch ist das nicht. Eine außenpolitische Kernfrage wird hier innenpolitisch verhandelt, als reine Nabelschau. Selbst die zunehmende rhetorische Schärfe, die ab Ende Februar Einzug in den deutschen Diskurs erhielt, dürfte kaum ausreichen, die eigene Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, wenn hintenrum die Waffenlieferungen weiterlaufen. Nach Gaza erwartet uns eine andere Welt. Es ist eine Welt, für die ein dann an Einflussmöglichkeiten ärmeres Deutschland einen Preis zahlen wird. Marcus Schneider leitet das FES-Regionalprojekt für Frieden und Sicherheit im Mittleren Osten mit Sitz in Beirut. Hanna Voß war Redakteurin für die taz am Wochenende und ist nun als Programm-Managerin im Auslandsbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut tätig. ZENITH 1/2024 109 Der Krieg in Gaza hat konkrete Folgen für die Arbeit deutscher Organisationen und deren Angestellte und Partner im Nahen Osten VON LYDIA BOTH Kein und Aber E teren Umfeld in libanesischer Kollege in der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) brachte es vor Kurzem in einem internen Austausch pointiert auf den Punkt:»Während ihr in Deutschland über abstrakte Definitionen von Selbstverteidigungsrecht und Völkermord diskutiert, sind unsere Familien vertrieben und sterben Angehörige.« Im direkder Geschehnisse haben die Toten, Verletzten und Vertriebenen aber Namen, Geschichten und Gesichter. Und nicht nur Kälte wird Deutschland vorgeworfen, sondern auch Einseitigkeit in der Beurteilung und Rechtfertigung von Israels Selbstverteidigungsrecht nach dem brutalen Anschlag der Hamas. Deutsche Organisationen, die im Nahen Osten und Nordafrika tätig sind, werden zu direkten Adressaten dieser Vorwürfe. Politische Stiftungen, wie die Friedrich-Ebert-Stiftung, wurden lange Zeit in ihrem Partnerumfeld, vor allem der progressiven Zivilgesellschaft, sehr geschätzt – als Partner mit klaren politischen Werten wie Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität, die die Zusammenarbeit geprägt haben. Gleichzeitig sind es aber auch genau diese Stiftungen, die eindeutig mit politischen Entscheidungsträgern in Deutschland verbunden sind und damit für die Diskurslage dort mit in Verantwortung gezogen werden. Wie kann eine Organisation für Gerechtigkeit stehen und nicht das Unrecht, das der palästinensischen Zivilgesellschaft widerfährt, öffentlich verurteilen? Warum wird nicht klarer Solidarität mit ihr geübt und von deutscher Politik eingefordert? Warum wird nicht mehr Druck ausgeübt, um diesen Krieg zu beenden? Oder viel simpler: Warum sagt und macht ihr nichts? Einigen deutschen Organisationen wurden Partnerschaften aufgekündigt. So hat die FES einen ihrer wichtigsten Gewerkschaftspartner in der Region verloren – aus Protest der fehlenden Positionierung und Solidarisierung der Stiftung. Aus gleichen Gründen reichten einige Mitarbeitende vor Ort Kündigungen ein – angesichts der zum Teil verzweifelten Wirtschaftslage in den Ländern der Region muss dies als wirklich drastischer Schritt gewertet werden. In der Erfahrung der FES identifizieren sich die lokalen Mitarbeitenden sehr mit ihrer Arbeit und der politischen Ausrichtung der Stiftung – und empfinden damit umso mehr, dass die Werte wie Solidarität und Gerechtigkeit von ihrem Arbeitgeber und den dahinterstehenden Ministerien eben nur für manche Gruppen gelten. Neben diesen politischen Identifikationsfragen geht es aber auch um ganz nüchterne Sicherheitsabwägungen in der Umsetzung der derzeitigen Projektarbeit. Die Sichtbarkeit muss deutlich zurückgefahren werden – Logos von Publikationen genommen, Veranstaltungen weniger öffentlich und an nicht einsehbaren Orten abgehalten und Kontaktdaten von Webseiten genommen werden – um Partnerorganisationen, aber auch eigene Mitarbeitende in der aktuell aufgeheizten Stimmung in vielen Ländern der Region Schutz zu gewähren. Denn Proteste von studentischen und zivilgesellschaftlichen Gruppen gab es bei Veranstaltungen mit deutschen Organisationen schon häufiger. Während ein Austausch dort noch möglich ist, besteht die Gefahr, dass radikalere Gruppen in Einzelfällen Mitarbeitende bedrohen. Wir müssen uns bewusst werden, inwieweit deutsche Organisationen möglicherweise noch in die Schusslinie bestimmter Gruppen wie der Hizbullah geraten könnten – ganz abgesehen davon, dass dies schon in der Vergangenheit in weitaus weniger polarisierten Situationen geschehen ist. Die langfristigen Auswirkungen sollten zudem nicht unterschätzt werden: Das Ansehen und vor allem das Vertrauen in die wertebasierte Arbeit ist, wenn nicht verloren, langfristig beschädigt. Dies mag dazu führen, dass zwar nach wie vor deutsche Gelder angenommen werden, die Zusammenarbeit aber viel weniger kooperativ gestaltet wird. Die Befürchtung steht im Raum, dass Stiftungen zu bloßen Geldgebern verkommen und damit weniger strategisch mit Partnerorganisationen vor Ort an der Umsetzung gemeinsamer Werte und der gemeinsamen Gestaltung gerechterer Gesellschaften arbeiten können. Es ist gut, dass der Glaubwürdigkeitsverlust Deutschlands in der Region sowie im gesamten globalen Süden zunehmend auch von deutschen Politikern thematisiert und in der Berichterstattung aufgegriffen wird. Die Vorwürfe sollten ernst genommen werden – und sich in Entscheidungen und Handlungen schnellstmöglich widerspiegeln. Lydia Both ist Leiterin des Regionalprojekts Politischer Feminismus und Gender der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut. 110 GESELLSCHAFT ZENITH 1/2024 111 Links: Ein einziger Duft kann im Jemen eine ganze Reihe von Emotionen auslösen. Der reichhaltige Geruch von Weihrauch beispielsweise, vermischt mit Jasmin, ist nicht nur ein Genuss für die Sinne – er verbindet auch die Menschen miteinander. Düfte sind aber auch auf tragische Weise mit der Brutalität des Krieges im Jemen verbunden. Parfum, das Aroma einer frisch zubereiteten Mahlzeit, die Brise vom Roten Meer: All das erinnert an ein Leben, das der Konflikt für immer verändert hat. Für viele Jemeniten existiert ihr Land nur noch in der Erinnerung. Eine persönliche Reise durch die Gerüche des Jemen DÜFTE, DIE NIE VERGEHEN TEXT UND FOTOS: YOUSRA ISHAQ »Machst du Feuer?«, frage ich meine Cousine.»Nein, ich muss mich noch schminken.« Sekunden der Anspannung vergehen. Es ist halb vier und die Vorbereitungen für das Fest des Fastenbrechens, Eid Al-Fitr, sind in vollem Gange. Doch meine Tante Fathia lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Während sie den Adani-Tee mit Milch zubereitet, summt sie in ihrem eigenen Rhythmus. Mein Zimmer ist mein Rückzugsort. Aber heute herrscht dort ein buntes Treiben. Meine jüngeren Cousinen und Cousins Aya, Hanin, Shahd und Waad, toben ausgelassen herum und lassen mir kaum die Ruhe, mich vor dem Spiegel festlich zu schminken. Ich flüchte ins Zimmer meiner Mutter. Meine ältere Cousine Rasha flechtet den anderen Frauen mit geübter Leichtigkeit die Haare und hält die Gruppe mit Klatsch und Tratsch bei Laune. In unserem kleinen Haus herrscht reges Treiben. »Yousra, die Kohle! Fang im Diwan an«, ruft meine Mutter. Noch schnell den Blumenkranz geflochten, Lippenstift aufgetragen. Ich bin bereit. »Lass uns mit dem Zuckerfest beginnen«, sagt meine Tante Huda mit sanfter Stimme. Die Bamkhara, ein kleines Gefäß mit perforiertem Deckel, oft aus Ton oder Metall, liegt schwer in meinen Händen. Doch sobald sich Weihrauch, Adlerholz und Jasmin zu einer betörenden Wolke vermischen, löst sich meine Anspannung. Die Kakofonie um mich herum vereint sich zu einem festlichen Chor. Im Chaos des Zusammenseins finden wir Freude und genießen Momente des Friedens. Der Duft des Weihrauchs hat diese bittersüße Kraft. Er weckt Erinnerungen in mir. Es ist ein Kaleidoskop der Lebensfreude – in unserem Haus, in ganz Sanaa. Erinnerungen, die heute getrübt sind. Mit jedem Jahr, vor allem seit Beginn des Krieges 2015, verlieren die Bilder in meiner Erinnerung an Schärfe und Farbe. Unser einst so lebendiges Haus steht heute leer. 112 GESELLSCHAFT ZENITH 1/2024 113 Die Straßen im Jemen sind oft erfüllt vom zarten Duft des Jasmins. Junge Verkäufer bieten am Straßenrand Halsketten feil, die aus den winzigen weißen Blüten geflochten und mit roten oder violetten Blüten durchsetzt sind. Ein Accessoire für Damen und Herren. Ein Blumenkranz schmückt auch mein Auto, eine Erinnerung an bessere Zeiten. Ein Morgen im Herbst 2014, nur zwei Tage, nachdem die Vereinten Nationen den humanitären Notstand ausgerufen hatten: Die Huthis haben Sanaa am 21. September eingenommen und alle UN-Büros geschlossen. Auf den Straßen errichten sie Checkpoints. Ich spüre: Nichts wird mehr so sein wie früher. Es herrscht eine trügerische Ruhe in der Stadt. Die jungen Männer, die ihre Jasminkränze flechten, scheinen die wachsende Unruhe kaum wahrzunehmen. Doch der unbeschwerte Duft der Blüten steht im Gegensatz zu der Anspannung, die ich spüre. Ich halte inne: Die zarten Blüten wirken fehl am Platz, wie ein Flüstern der Unschuld inmitten des aufziehenden Sturms. Ich kaufe eine Halskette. Als ich den Huthis zum ersten Mal begegnete, fand ich sie nicht besonders auffällig. Alles an ihnen war gewöhnlich, sie wirkten nicht wie die Architekten einer neuen Ära in der Geschichte des Jemen. Doch dann sehe ich sie an einem Checkpoint: zwei Männer, wettergegerbt und grimmig, und einen Jungen, nicht älter als fünfzehn, der ein Gewehr umklammert, das viel zu groß für seine Hände ist. Die Rekrutierung von Kindersoldaten im Jemen ist eine der schlimmsten Entwicklungen in dem Konflikt. Kinder, die Schreckliches erlebt haben. Was sagt das über die Zukunft von Staat und Gesellschaft? Der Duft des Jasmins wird für mich immer mit dieser furchtbaren Erkenntnis verbunden bleiben. Ein neugeborenes Kind löst einen emotionalen Wirbelsturm in uns Menschen aus. Grenzenlose Freude, der Nervenkitzel des Unbekannten und vielleicht auch einen Hauch von Angst vor dem, was die Zukunft bringt. Als meine Freundin Hanan im Juli 2017 ihre Tochter zur Welt bringt, ist mein Herz voll mit all diesen Gefühlen. Meine Freundin Warda und ich eilen ins Krankenhaus, die Vorfreude auf das erste Baby in unserem Freundeskreis ist groß. Die kleine Hatun ist nur wenige Minuten alt und strahlt eine fast überirdische Gelassenheit aus. Tage später feiern wir ihre Ankunft mit einem jemenitischen Welad. Die Frauen füllen das Haus mit Geschenken, Glückwünschen und dem berauschenden Duft von Basilikum – Symbol der Hoffnung und des Neuanfangs. Inmitten des fröhlichen Treibens scheint Hatun mit dem Basilikumzweig, der ihre winzige Kappe ziert, diese Hoffnung zu verkörpern. Ich habe ihre ersten zaghaften Schritte bestaunt, die Mischung aus Nervosität und Aufregung am ersten Schultag und die Freude, die sie bei der Hochzeit ihrer Tante Warda in ihrem ersten eigenen weißen Kleidchen ausstrahlte. Doch in den Teppich ihres jungen Lebens ist ein Faden tiefer Trauer eingewoben: der Verlust ihrer Mutter, meiner besten Freundin. Obwohl sie erst acht Jahre alt ist, hat sie eine Last auf sich genommen, die nur wenige je kennen werden. Dennoch ist ihr Geist ungebrochen. Die zärtliche Art, mit der sie sich um den kleinen Bruder kümmert, erinnert mich an ihre Mutter. Ihre Unverwüstlichkeit erfüllt mich mit Stolz, aber auch Sorge. Denn sie wächst im Jemen der Huthis auf. Die repressive Agenda dieses Regimes in Form strenger Kleidervorschriften und häuslicher Enge durchdringt genau jene Mauern, in denen wir leben: eine zutiefst regressive Vision, getarnt als Sorge um das Wohlergehen der Frauen. Die Kampagne der Huthis gegen die Träume von Mädchen wie Hatun schreitet unvermindert voran. Kein noch so feierlicher Basilikumzweig vermag diese düstere Wahrheit verbergen. 114 GESELLSCHAFT Dem Freitag kommt in der islamischen Tradition eine große Bedeutung zu. Schon sein arabischer Name, Jumaa, bedeutet Versammlung und deutet sowohl auf die wöchentliche Zusammenkunft der Familie als auch auf die spirituelle Verbundenheit innerhalb der Gemeinschaft hin. Für Muslime ist dieser Tag mit wichtigen Ereignissen der islamischen Geschichte verknüpft: der Tag, an dem Gott die Erschaffung der Welt vollendete. Auch die Vertreibung Adams aus dem Paradies fiel auf einen Freitag, ebenso das»Ende der Zeiten«. Im Mittelpunkt steht die Freitagspredigt vor dem gemeinsamen Gebet. Traditionell holen die Männer dafür ihre besten Kleider aus dem Schrank – oft einen weißen Thaub und einen Mantel, der Respekt und Ehrfurcht signalisiert. Der süße, tiefe Duft von Adlerholz und mit ätherischen Ölen getränkten Holzspänen liegt in der Luft, wenn sie die Moschee betreten. Seit der Machtübernahme der Huthis liegt ein Schatten über den Freitagsgebeten in den Städten des Nordjemen. Die Predigten haben einen aggressiven Ton angenommen und konzentrieren sich auf ideologische Themen, den Dschihad und hasserfüllte Rhetorik. Auch wenn diese Botschaften nicht den Überzeugungen aller Gläubigen entsprechen, dringen sie doch in den Gemeinschaftsraum ein und stören den harmonischen Geist des Gebets. Es ist verständlich, dass einige Familien beschlossen haben, ihre Kinder vor dieser Indoktrinierung zu schützen, während andere sich selbst von der Moschee fernhalten. Die Gläubigen tragen eine schwerere Last als früher. Nach jedem Gebet ertönt die Huthi-Parole»Gott ist groß! Tod Amerika! Tod Israel! Verflucht seien die Juden! Sieg dem Islam!« durch den Gebetsraum. Dieser schrille Ausbruch von Hass steht in krassem Widerspruch zu den Prinzipien von spirituellem Trost und Besinnung, auf denen das Freitagsgebet beruht. Und so erzählt der Duft des Adlerholzes, einst Symbol des Glaubens und der Gemeinschaft, heute auch von diesem Hass. ZENITH 1/2024 115 116 GESELLSCHAFT ZENITH 1/2024 117 Wenn ich auf Reisen gehe, nehme ich normalerweise mehr mit als nur Kleidung. Fünf Stück Kohle, fünf Stück Weihrauch. Sie dienen nicht nur als Raumduft, sondern sind Symbole der Erinnerung, die ich überallhin einpacke. Sie repräsentieren für mich die Treffen mit meiner Familie, die Hochzeiten meiner besten Freunde, die Wärme der Donnerstage mit meinen Cousins. Diese Erinnerungen sind meine Begleiter. Ich kehre nach Hause zurück und schaffe neue. Aber dieses Mal fühlt sich die Kiste, die ich trage, schwerer an. Ich nehme viel mit und lasse gleichzeitig viel zurück. Es ist, als wäre der Duft allein nicht genug. Ich muss auch Teile meines Wesens in diesem Koffer mit mir tragen. Die Freude von gestern ist geblieben, aber sie ist zerbrechlich, durchwoben von der Last des Verlustes von Familienmitgliedern und Freunden. Der Schmerz, meine Mutter zurückzulassen, bleibt der Preis, den ich zahle, um der Unterdrückung als Journalistin, Filmemacherin und vor allem als Frau zu entkommen. Der Krieg im Jemen ist in jedem Moment spürbar. Gesetze verwandeln Worte in Waffen und machen abweichende Meinungen zur Gefahr. Das war meine Wirklichkeit. Der Boden, aus dem ich mich entwurzelt habe. Es ist kein sauberer Bruch. Mein Herz schlägt weiterhin im Jemen. Auch wenn ich mir ein neues Leben aufbaue, spüre ich den Puls der Heimat, die Schreie derer, die im Konflikt gefangen sind. Familien sind zerbrochen, Träume ausgewandert. Wenn ich eines Tages zurückkehre, werden neue Gerüche in der Luft liegen. Sie werden sich mit meinen alten Erinnerungen mischen. Wenn die dunklen Wolken sich verzogen haben und unser Land freigeben: Ein Jemen, der nicht mehr vom Krieg zerrissen ist. Ist das zu viel der Hoffnung? Yousra Ishaq ist Investigativ-Journalistin und Dokumentarfilmerin. Sie wurde in Saudi-Arabien geboren und wuchs in Jemen und Ägypten auf. Yousra Ishaq hat mit Medien wie der Washington Post , der New York Times, BBC, Channel 4 und PBS zusammengearbeitet und ist Mitbegründerin der jemenitischen Filmproduktionsfirma Comra Films. Sie hat über US-Drohnenangriffe im Jemen, Luftschläge der von Saudi-Arabien geführten Koalition sowie über Entführungen und willkürliche Festnahmen durch Huthi-Milizen im Jemen berichtet. 118 ZENITH 1/2024 BILANZ TUNESIEN GEHT ANS EINGEMACHTE DIE WÄHRUNGSRESERVEN DER ZENTRALBANK HABEN DIE TUNESISCHE WIRTSCHAFT AUCH IN KRISENZEITEN HANDLUNGSFÄHIG GEHALTEN. NUN SOLLEN SIE DAS HAUSHALTSLOCH STOPFEN. K ANN DAS GUTGEHEN? Wie lange halten die Vorräte? Währungsreserven(in Mrd. Euro) 8 6,1 6,9 7,4 6,9 6,8 7 6 4,7 4 4,3 3,7 4,8 5 4 3 2 1 0 Jahr 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 Mit 92 von 133 Stimmen hat das tunesische Parlament im Februar eine Gesetzesänderung verabschiedet, die den Haushalt retten soll. Nachdem Präsident Kais Saied einen Milliardenkredit des Internationalen Währungsfonds(IWF) öffentlichkeitswirksam abgelehnt hatte, soll nun die Zentralbank einspringen. Mit umgerechnet zwei Milliarden Euro in Form eines zinslosen Darlehens soll das Haushaltsloch 2024 gestopft werden. Nicht nur der wenige Tage nach der Entscheidung zurückgetretene Zentralbankchef Marouane Abassi sieht damit die Unabhängigkeit der Institution in Gefahr. Führende Ökonomen warnen davor, die Devisenreserven aufzubrauchen. Denn diese braucht das Land, um die im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent gestiegenen Auslandsschulden zu begleichen und Importe zu bezahlen. Ebenfalls im Februar gab die Zentralbank bekannt, dass die eigenen Reserven nach der Bedienung einer Anleihe am Euromarkt auf umgerechnet 6,8 Milliarden Euro geschrumpft seien. Quelle: Zentralbank Tunesien Foto: Country Gardens ZENITH 1/2024 119 GRÜNE ZAHLEN 294 . Tonnen wurden im ersten Jahr nach der Legalisierung von Cannabis in Marokko geerntet. In den Projektgebieten im Rif-Gebirge arbeiten nach Angaben der Behörden 32 Kooperativen nach den Vorgaben der staatlichen Anbaulizenzen. Diese schreiben niedrige THC-Werte und die ausschließliche Verwendung für medizinische und kosmetische Zwecke vor. Exportlizenzen für lokale Produzenten zielen vor allem auf den lukrativen CBD-Markt in Europa. LUFTSCHLOSS DES QUARTALS SCHWARZE PUMPE 118 Terawattstunden Strom haben türkische Kraftwerke im vergangenen Jahr produziert – ein Rekord. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Zahlen aber auch einen Rückschritt bei der Abkehr von fossilen Brennstoffen. Innerhalb eines Jahrzehnts ist der Anteil von Kohlestrom am türkischen Energiemix von 25 auf 36 Prozent gestiegen. 73 Prozent der Rohstoffe dafür importiert Ankara inzwischen aus Russland. Im Jahr 2024 könnte die Türkei Deutschland als größten Kohlestromproduzenten Europas ablösen. GOLDENE PREISE 90 Prozent Importrückgang im Vergleich zum Vormonat – einen Einbruch der Goldimporte wie im März hat Indien seit der Corona-Pandemie nicht erlebt. Indien ist weltweit der zweitgrößte Absatzmarkt für das Edelmetall. Doch seine Beliebtheit in allen sozialen Schichten schadet langfristig der eigenen Währung. Erhöhte Importsteuern seit Jahresbeginn sollten dem entgegenwirken, haben aber die Preise nach oben getrieben und die Nachfrage einbrechen lassen. Eigentlich genießt Malaysia den Ruf eines vente chinesische Expats auf den 30 QuadRentierstaates, der seine Petrodollars nicht ratkilometern unter sich bleiben. Eine risin luftige Bauprojekte investiert. Doch das kante Wette, die schon andere chinesische südasiatische Land kann auch anders:»FoImmobilienkonzerne in Turbulenzen gerest City« liegt di- bracht hat. Von den errekt gegenüber von hofften 700.000 EinSingapur und soll dem wohlhabenden Inselstaat KonkurSO SCHÖN wohnern bis 2035 sind bis heute gerade einmal 9.000 in die Waldrenz machen. Der chinesische EntRUHIG HIER stadt gezogen – und selbst das ist noch eine wickler Country sehr optimistische Garden«überraschSchätzung. Immerhin: te schon zu BaubeZumindest bei der einginn 2015 mit seiner Käuferstrategie: Da die heimischen Jugend scheinen die verlassenen Luxuswohnungen für die meisten Malaien Neubauruinen der Geisterstadt deshalb als ohnehin unerschwinglich seien, könnten solTreffpunkt beliebt zu sein. ☝ ☝ ☝ TOP ☝ FLOP KONTOAUSZUG DAUERAUFTRAG Lange Zeit nutzte Russland die laxe Regulierung am Golf, um Sanktionen zu umgehen. Ende 2023 zog Washington die Zügel an und weitete mögliche Sanktionen auf ausländische Banken aus. In den Vereinigten Arabischen Emiraten(VAE) trennen sich nun immer mehr Geldhäuser von russischen Kunden, um US-Sanktionen zu entgehen: zuletzt nach Informationen des Wall Street Journal auch Dubais größte Staatsbank Emirates NBD. Gegen den langjährigen Chef der libanesischen Zentralbank läuft auch in der Schweiz ein Geldwäscheverfahren. Den Zusammenhang mit den Ermittlungen im Fall Riad Salameh bestätigte nun die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht, als sie Ende März die Schweizer Tochter der libanesischen Bank Audi zur Gewinnabtretung von umgerechnet vier Millionen Euro verurteilte. Der Vorwurf: Das Geldhaus habe verdächtige Kontobewegungen nicht den Behörden gemeldet. Redaktion: Robert Chatterjee 120 WIRTSCHAFT DAS STECKT HINTER DER FASSADE Allein 2023 sind über 100.000 Menschen nach Dubai gezogen. Die Stadt ist eine permanente Baustelle, und Bauen ist der Klimakiller schlechthin. ZENITH 1/2024 121 Dubai wäre gerne die glücklichste Stadt auf Erden. Aber die Metropole wächst und die Temperaturen steigen. Kann das Emirat sein Versprechen halten? TEXT UND FOTOS: JONAS MAYER V on 456 Metern über dem Meeresspiegel aus sind die Grenzen der Stadt nicht mehr zu sehen. Die Autobahnen, die Baukräne, die Hochhaussiedlungen aus Glas und Stahlbeton verlieren sich im Dunst der Wüste, der über der Stadt liegt. Willkommen in Dubai, auf Etage 125 des Burj Khalifa, dem höchsten Bauwerk der Welt. Dubai ist eine der Städte mit dem größten ökologischen Fußabdruck überhaupt. Sie liegt in der Wüste, im Sommer zeigt das Thermometer 49 Grad Celsius. Die Klimaanlagen laufen permanent. Und Dubai wächst stetig – allein 2023 sind über 100.000 Menschen zugezogen. Die Stadt ist eine permanente Baustelle, und Bauen ist der Klimakiller schlechthin. Das ist in Dubai nicht anders als im Rest der Welt. Was hingegen einen großen Unterschied macht: die kühne Zukunftsvision, der sich das Emirat verschrieben hat. 2050 soll Dubai die grünste und»glücklichste Stadt der Welt« sein und gleichzeitig die Stadt mit dem kleinsten ökologischen Fußabdruck und der höchsten Lebensqualität. Hält die Realität mit den vollmundigen Ankündigungen Schritt? Ein Teil der Antwort ist vom Burj Khalifa aus gut zu erkennen. Der Wasl Tower misst 302 Meter, 64 Stockwerke, die obersten sind noch Rohbau. Drei Baukräne drehen sich über dem Dach. Es ist Mitte November, in drei Wochen trägt Dubai die Klimakonferenz COP28 aus. Im Radio läuft ein Werbespot, der für nachhaltiges Bauen wirbt. Eine Lokalzeitung titelt:»Wasl Tower: ein Leuchtfeuer der Nachhaltigkeit.« Im 15. Stock des so gepriesenen Turms gibt es derweil ein Problem.»Ich will einen Bericht dazu, wie das passiert ist und wie wir das besser hinbekommen«, fordert Nick Marks von den beiden Installateuren. Entlang der Fenster nach Süden haben sie Solarpanels für Warmwasseraufbereitung angebracht. Aber die sind so hoch montiert, dass sie maximal zwei Stunden Sonnenlicht am Tag abbekommen. Marks ist der leitende Architekt auf der Baustelle. Seit neun Jahren arbeitet der Niederländer vom niederländischen Büro UNStudio am Wasl Tower, zusammen mit den Ingenieuren des Stuttgarter Architekten Werner Sobek. Im 15. Stock läuft die Technik für den Betrieb des Gebäudes zusammen. Am liebsten hätte Marks hier einige Fenster komplett mit Solarpanels ersetzt. Aber dann hätte man diagonale Paneele ordern müssen, das wäre teuer geworden. Der Wolkenkratzer kostet ohnehin schon etwa 411 Millionen Euro. Im Herbst 2024 soll er eröffnet werden. Ein Schatten fällt auf das Fenster, geworfen von einer der Tausenden Lamellen aus Keramik, die neben den meisten Fenstern aus der Fassade ragen. Sie reflektieren und streuen exakt so viel Sonnenlicht, dass sowohl an der Klimaanlage als auch am künstlichen Licht gespart werden kann. »Passives Design« werden solche Bauelemente genannt, die zusätzliche Technologie teils überflüssig machen. Man könnte auch sagen: Sie bauen so wie vor 200 Jahren entlang des Khor Dubai. Am Meeresarm des Persischen Golfs ließen sich einst Händler nieder und gründeten 1833 Dubai. Die damals entstandenen Häuser dienen heute als Vorbilder für moderne Architektur in der Wüste. Die Viertel Al-Fahidi und Al-Shindagha sind in Anlehnung an dieses Erbe restauriert worden. Touristen flanieren durch die schmalen Gassen und kaufen Tücher, Gewürze oder arabische Kalligrafie, zwei Männer steuern auf die Moschee zu. Trotz der Mittagssonne liegen viele der engen Wege im Schatten der Häuser. Die sind zwei Stockwerke hoch, ausgestattet mit Innenhöfen, über die zur Mittagszeit Sonnensegel gespannt sind. Die Wände bestehen aus Lehm und Korallengestein. Das fühlt sich rau und warm an. Die winzigen Öffnungen der Steine speichern die Wärme des Tages für die Nacht. Fenster nach außen sind klein und selten. Fast jedes Haus hat dafür einen Windturm, oder auch Windfänger, mit Öffnungen in alle Himmelsrichtungen. Die Türme ragen einige Meter über die Häuser hinaus. Sie leiten kühle Luft hinab in die Wohnräume, warme Luft entweicht durch die anderen Öffnungen der Türme. Solche Bauten, angepasst an das Leben in der Hitze, prägten Dubai und die sechs anderen Emirate bis in die 122 WIRTSCHAFT 1950er-Jahre hinein. Mit dem Öl kam der Reichtum und mit »Das Interesse für Nachhaltigkeit kommt in Dubai in dem Reichtum die Zuwanderung und der Bedarf und das Schüben«, sagt sie,»und der erste Schub entstand aus eiGeld, moderne Großstädte aus dem Boden zu stampfen. nem Schock heraus.« In seinem»Living Planet Report« vom 1960 hatte Dubai 33.000 Einwohner, heute sind es 3,6 MilliOktober 2006 listete der World Wildlife Fund(WWF) die onen. Der größte Teil von ihnen, etwa 3,3 Millionen, ist nach Vereinigten Arabischen Emirate als das Land mit dem größDubai zum Arbeiten gezogen. Weitere Millionen werden ihten ökologischen Fußabdruck pro Einwohner, gerade auch nen wohl folgen. wegen der Bauindustrie. »Ein Land für Talente« und»Wir sind die Business-HauptZu der Zeit baute Dubai schon am Burj Khalifa als stadt« sind zwei der acht Prinzipien, die Herrscher Scheich höchstem Turm der Welt sowie an der Dubai Mall, dem Muhammad bin Raschid Al Maktum für das Emirat formuliert größtem Einkaufszentrum. Die ersten der Tausenden Villen hat. Dubai soll die Innovationsmaschine der Welt werden, ein auf der künstlich aufgeschütteten Inselgruppe Palm Jumeiglobales Drehkreuz, krisenfest und nicht abhängig von einer rah waren gerade an ihre wohlhabenden Käufer übergeeinzelnen Industrie. Im Radio läuft eine Meldung. Dubai sei ben worden, noch sehr viel umfangreichere Inseln waren in nun die weltweit beliebteste Stadt für Zuwanderer.»Genießt Planung.»Dubai stand in der Weltöffentlichkeit als ökolodie freie Fahrt, solange die Straßen noch gischer Sünder da«, erinnert sich Huda leer sind«, sagt der Moderator. Shaka. Die Highways der Stadt ziehen sich über mehrere Spuren und führen entlang und über Viertel, die auf verschiedenen Kontinenten stehen könnDubai ist eine der Städte mit dem größten ökologischen 2008 erließ das Emirat deshalb Standards für ökologisches Bauen. Die Vorschriften sehen heute vor, dass ein besonders nachhaltiges Gebäude etwa ten. Downtown erinnert an Manhattan. Andere Straßenzüge lassen an Mumbai Fußabdruck überhaupt ein begrüntes Dach und Solarpanels für Warmwasser besitzen muss oder mit denken, und einige schmale bunte BauCO₂-armen Beton gebaut werden soll. ten ähneln den Kanalhäusern in Amster»In Dubai liegt der Fokus auf Enerdam. Ein bisschen Beverly Hills gehört dazu, ein bisschen gieeffizienz beim Kühlen – so wie in Deutschland beim HeiSingapur, ein bisschen London, dazu viele Golfplätze. Wenig zen«, sagt Thomas Kraubitz. Er ist Architekt, Stadtplaner erinnert an die angeblich bald nachhaltigste Stadt der Welt. und Mitgründer der Deutschen Gesellschaft für NachhaltiHuda Shaka ist in Dubai aufgewachsen. 1999 zog sie ges Bauen(DGNB), deren Zertifizierungssystem er mitentzum Studium in den Libanon, dann nach Kalifornien.»In Duworfen hat. Weltweit hat er schon mit rund 20 verschiedebai sah ich wenig Aussicht auf Karriere«, erinnert sie sich. nen Zertifizierungswerken für nachhaltige Gebäude und Doch Shaka kam zurück und wurde Planerin für nachhaltiStädte gearbeitet, auch in Dubai.»Zertifikate machen noch gen Städtebau. Erst beim Berliner Unternehmen Arup und keine nachhaltigen Gebäude und Stadtviertel«, gibt Krauseit diesem Jahr bei der US-Firma Gehl. Sie hat Masterpläne bitz zu bedenken.»Sie stellen aber eine belastbare Qualität für die Zukunft von Dubai, Abu Dhabi und anderen Emirasicher – und natürlich helfen sie auch beim Marketing.« ten mitentworfen. Auf Konferenzen spricht sie häufig über Am Stadtrand von Dubai liegt»The Sustainable City«, nachhaltige Stadtentwicklung in der Golfregion, auch bei die»nachhaltige Stadt«. Das Konzept steckt im Namen: der COP28. ein Wohngebiet für 3.700 Menschen, mit Radwegen und Trotz der Mittagssonne liegen viele der engen Wege im Schatten der Häuser. Die sind zwei Stockwerke hoch, ausgestattet mit Innenhöfen. Die Wände bestehen aus Lehm und Korallengestein. Das fühlt sich rau und warm an. ZENITH 1/2024 123 Ahmed Bukhash ist einer von wenigen bekannten einheimischen Architekten. 2009 hat er sein Büro Archidentity gegründet, um traditionell-nachhaltige Architektur mit moderner Bauweise zu verbinden. Huda Shaka ist in Dubai aufgewachsen. 1999 zog sie zum Studium in den Libanon, dann nach Kalifornien. Doch Shaka kam zurück und wurde Planerin für nachhaltigen Städtebau. Erst beim Berliner Unternehmen Arup und seit diesem Jahr bei der US-Firma Gehl. Gewächshäusern, Eseln, Enten und den Riesenschildkröten me nicht nur gut aussehen, sondern auch das Haus kühlen«, Sonny und Shelly. Auf dem zentralen Platz döst eine Frau auf erzählt er.»Die Lockdowns während der Covid-Pandemie einer Bank unter einem Windturm. Solarpanels auf Hausdä- haben uns neu über das Leben in Dubai nachdenken lassen, chern und Carports produzieren sämtlichen Strom für das über den vielen Platz für Autoverkehr«, sagt Bukhash.»Jetzt Viertel. wollen wir mehr für Fußgänger, Radfahrer und öffentlich zuWestliche Kommentatoren haben»The Sustainable gängliche Plätze tun.« City« teils als grüne»Gated Community« kritisiert. Huda Neben seinem Beruf als Architekt ist Bukhash auch Shaka und andere Stadtplaner und Architekten in Dubai finDirektor für Stadtplanung bei der Dubaier Entwicklungsden, dass sie ein Zwischenschritt zu Größerem ist.»Sie ist agentur. Er hat den Masterplan für die Stadt für das Jahr das bisher beste Beispiel dafür, wie ein nachhaltiges Viertel 2040 mitentworfen. Darin steht etwa, dass die Grünflächen in Dubai aussehen kann«, sagt sie.»The Sustainable City« ist verdoppelt werden und alle Einwohner Dubais maximal 800 ein rein kommerzielles Projekt. Hört man sich in der Szene Meter von einer Metro-Station entfernt wohnen sollen. Dader Architekten und Planer um, ist das mit Dubai bald»die beste Stadt zum aber nicht verpönt, sondern gut so. So Leben« wird. So lautet der Slogan und laufe das in Dubai: Was Investitionen andie offizielle Vorgabe. Ahmed Bukhash zieht, wird gebaut. Ahmed Bukhash kommt eine Drei1960 hatte Dubai 33.000 behauptet:»Wir sind zu hundert Prozent auf dem richtigen Weg.« viertelstunde zu spät ins Büro. In der Nacht hat es gewittert, Straßen und Parkplätze stehen unter Wasser. Zwei, Einwohner, heute sind es 3,6 Millionen 2050 will Dubai 75 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen.»Unser Ziel ist es, bis dahin die drei Mal im Jahr passiere das, sagt er. Stadt mit dem kleinsten ökologischen Bukhash zeigt aus dem Fenster.»SchauFußabdruck weltweit zu sein«, verkünen Sie, wie klar die Skyline heute ist.« dete Scheich Muhammad Al Maktum vor Die Konturen des Burj Khalifa zeichnen sich scharf vor dem acht Jahren. Dieses Ziel findet Thomas Kraubitz sehr amstrahlend blauen Himmel ab. Davor, dahinter, daneben: Dutbitioniert.»Ein Unternehmen kann das schaffen, aber eine zende andere Wolkenkratzer, auch der Wasl Tower mit den Metropole, noch dazu in der Wüste?« drei Baukränen. Damit das Ziel der»glücklichsten« und nachhaltigsAhmed Bukhash trägt Kandura und Ghutra, das tradititen Stadt auf Erden machbar sei, reichen die offensichtlionelle weiße Gewand und ein weißes Tuch auf seinem Kopf. che Energiewende hin zu Solar jedenfalls nicht aus. Dafür Er ist einer von wenigen bekannten einheimischen Archi- bräuchte es lokale Baumaterialien, mehr öffentlichen Nahtekten. 2009 hat er sein Büro Archidentity gegründet, um verkehr, mehr multifunktionale Stadtviertel statt isolierter traditionell-nachhaltige Architektur mit moderner Bauweise grüner Prestigeprojekte.»The Sustainable City« oder der zu verbinden. Wasl Tower würden aber zumindest als Vorbilder taugen, Wie das aussieht, zeigen zwei Pappmodelle auf seinem findet Huda Shaka. Für den Nahen Osten und alle heißen Tisch: zwei weiß-graue Wohnhäuser mit klaren Linien, we- Orte auf der Erde.»Und das werden ja immer mehr.« nigen, großen Fenstern und schmalen, hohen Innenhöfen. Seine Kunden fragten ihn mittlerweile oft nach traditionellen Die Recherche wurde unterstützt durch ein Stipendium des Designs, sagt er.»Aber sie wissen oft nicht, dass WindtürGoethe-Instituts. 124 GESELLSCHAFT DER GEISTERJÄGER VON R AWA LPIN DI Ein verlassener Tempel in der Altstadt von Rawalpindi. Nach der indischen Teilung 1947 verließen Sikhs und Hindus die Stadt. ZENITH 1/2024 125 Die alte Handelsstadt im pakistanischen Punjab gilt selbst ihren Bewohnern als uncool. Auch Touristen machen hier so gut wie niemals Halt. Sie wissen nicht, was sie verpassen TEXT UND FOTOS: LEO WIGGER W Islamabad: die er etwas auf sich hält in der punjabischen Metropole Rawalpindi, der hat genau einen Traum, so heißt es: Rawalpindi zu verlassen und schnellstmöglich ins benachbarte Islamabad zu ziehen. So ist es seit Jahrzehnten. Und so wird es vielleicht noch lange sein. Knapp 15 Kilometer sind die Stadtzentren der beiden Schwesterstädte voneinander entfernt. erst in den 1960er-Jahren vom griechischen Stararchitekten Constantinos Doxiadis ersonnene moderne Planstadt. Pakistanische Vorstadtidylle in autofreundliche Raster unterteilt, sauber, grün und steril. Rawalpindi: die alte Handelsstadt dagegen: heruntergekommen, chaotisch, spröde und dazu noch Sitz des Militärs. Hassaan Tauseef kann mit den Vorurteilen wenig anfangen. Er ist hier aufgewachsen, nicht weit entfernt von der Altstadt. Sein Blick auf seine Heimatstadt hat sich verändert. »Ich habe gelernt, sie mit all ihren Feinheiten und verfallenen Baudenkmälern als das zu sehen und wertzuschätzen, was sie heute ist«, erzählt er im Gespräch mit zenith .»Es gibt hier so viel zu entdecken.« Als Jugendlicher habe er die Straßen und ihre Geschichten für sich erschlossen, auf langen Touren verwunschene Stadthäuser, Schreine und verlassene Tempel entdeckt. Über diese Fundstücke berichtete er in seinem Blog. Später begann Tauseef, über Instagram Kulturerbe-Touren anzubieten. Ehrliches Storytelling nennt Tauseef das Konzept. Und es kommt an. Hunderte Touren habe er schon durchgeführt, schätzt der 23-jährige Architekturstudent. Im äußersten Norden des Punjabs gelegen, wo von Pinien bewaldete Hügel, die letzten sanften Ausläufer des Himalaya, auf das fruchtbare Pothohar-Plateau treffen, kreuzten sich schon seit jeher die Handelswege. Das antike Taxila, Hauptstadt des sagenumwobenen antiken Gandhara-Reiches, liegt gleich in der Umgebung. Bis in die Mogulzeit blieb die Siedlung recht unbedeutend. Unter den Sikh-Herrschern im 18. Jahrhundert erlebte die Grenzgarnison Rawalpindi dann aber einen steilen Aufschwung. Neben den Sikh siedelten sich viele hinduistische und muslimische Händler in der Stadt an, später auch Parsen und iranische Juden. Ein florierender Handelsplatz am Fuße der Bergwelten Kaschmirs und Afghanistans. 126 GESELLSCHAFT Auf die Sikhs folgten die Briten, die die Stadt wegen Die Teilung veränderte die Stadt für immer. Rawalpindi ihres vergleichsweisen milden Klimas schätzten, und noch wurde von einer mehrheitlich Sikh-hinduistischen Stadt zu mehr ihre Nähe zu den Bergen. 70 Kilometer entfernt erbaueiner mehrheitlich muslimischen. Die Sikhs und die Hindus ten sie auf über 2.000 Metern Höhe die»Hill Station« Murree. flohen vor marodierenden Horden nach Indien. Die EinIm Frühjahr zog die Kolonialadministration mit Sack und schussspuren finden sich noch heute an den verlasseneren Pack hoch in die Berge, um der Hitze des Pothohar-Plateaus Tempeln. Während ihrerseits von einem enthemmten Mob zu entfliehen, und kehrte im Herbst ins Tal nach Rawalpindi aus ihren Heimatstädten in Indien vertriebene Muslime ihren zurück. Platz einnahmen. Auch Tauseefs Großeltern kamen so aus Das klare Quellwasser eignete sich zudem bestens Delhi und der Stadt Firozpur nach Rawalpindi. Diese Menzum Bierbrauen. Die gleichnamige Murree-Brauerei produschen suchten eine sichere Zuflucht, die Feinheiten ihrer ziert seit 1860 bis heute. Das pakistanische Lager besitzt neuen Heimat waren erst mal zweitrangig. in Künstlerkreisen von New York bis Melbourne Kultstatus. »Einige Geschichten nimmt man sofort als seine eigeDie Dyer-Familie trat die Brauerei in den 1940er-Jahren an nen wahr, andere nicht«, glaubt Tauseef. Weil Rawalpindi so die parsische Bhandara-Dynastie ab. Der Name Dyer ist bis offensichtlich eine Stadt der Sikhs und Hindus war, haben heute eng mit einer der dunkelsten Stunden des britischen die heutigen Bewohner dieses Erbe nicht als Teil der eigenen Raj verbunden. Brauersohn und Colonel Reginald Dyer gab Vergangenheit anerkannt. Sie zogen zwar in die Hüllen der am 13. April 1919 den Befehl, das Feuer auf eine Menschenprächtigen Stadtpalais der Händlerfamilien, der Tempel und menge im Jallianwala Bagh, einem Park unweit des goldeGeschäfte. Die Seele der Stadt blieb aber auf der Strecke. nen Tempels in der ostpunjabischen Stadt Amritsar, zu erKein Wunder also, dass die neuen Bewohner voll auf die öffnen. Mindestens 300 friedliche Demonstranten starben. futuristische Vision von Constantinos Doxiades(1913–1975) Wahrscheinlich weit mehr. ansprangen, die nur wenige Kilometer Dabei war Rawalpindi beileibe entfernt in Islamabad entstehen sollte. keine imperiale Metropole. So wie die Hauptstädter eines großen Reiches mit entsprechendem Selbst- und SendungsNeben den Sikh siedelten sich viele hinduistische Eine moderne Planstadt, sauber und geordnet, ein neues Leben, sicher vielleicht auch vor den Erinnerungen an die bewusstsein, etwa die Einwohner von Lahore oder Delhi, ticken die Bewohner Rawalpindis nicht. Das britische Empire und muslimische Händler in der Stadt an, später Vergangenheit. Vielleicht kam hinzu, dass Doxiades selbst Flüchtling war. Als Kind musste schätzte die Stadt zwar als wichtigen Militärposten. Aber die Briten machten den Ort nie zu einer kolonialen Metroauch Parsen und iranische Juden er in den langen Wirren der Auflösung des Osmanischen Reiches seine Heimatstadt Stanimaka in Süden des heutigen pole im Rang von Kalkutta, Madras oder Bulgarien verlassen und wie HundertBombay. tausende Griechen aus dem Balkan und Stattdessen waren es stolze Händler, die den Stadtethos Anatolien nach Griechenland umsiedeln, während ihrerseits prägten. Ein merkantiler und kosmopolitischer Geist der BaBulgaren aus Griechenland die verwaisten Ortschaften an sargilden und religiösen Prozessionen der unterschiedlichen der Schwarzmeerküste und den Rhodopen besiedelten. Die Konfessionen.»Es wurde mit viel Liebe gebaut, das zeigt Flucht in die Zukunft brachte freilich ihre eigenen Probleme. sich in den Details der alten Gebäude«, erzählt Tauseef. Die urbanen Visionen des Zeitalters des Autoverkehres, die »Und auch daran, wie die Menschen über die Stadt reden, Doxiades auch in Riad und Sadr City in Bagdad erträumte die sie vor der Teilung erlebt haben. Sie erzählen mit so viel und umsetzte, haben sich anderswo längst zu realen stadtHerzblut und Begeisterung. Ein irrer Gegensatz zu heute.« planerischen Albträumen der Gegenwart entwickelt. Die Teilung teilt auch die Erinnerung an Rawalpindi. In Die Geister der Vergangenheit leben dagegen im Interein Rawalpindi der Vergangenheit, einen geliebten Sehnnet weiter. Eine junge Generation von Anthropologen, Histosuchtsort auf vergilbten Schwarz-Weiß-Bildern im Exil. Und rikern und Denkmalpflegern hat sich über die Nationengrenein Rawalpindi der Gegenwart, in der die Bewohner mit dem zen des Subkontinents hinweg vernetzt. Tauseef tauscht Erbe der Stadt nie so richtig warm wurden. sich fast täglich mit Kollegen aus, teilt alte Fotos und neue, Die Teilung bezieht sich auf die Aufteilung des indischen hat viele Freunde gewonnen. Immer wieder melden sich aus Subkontinents in zwei unabhängige Staaten im Jahr 1947, den Exil Nachfahren von Familien bei ihm, die 1947 die Stadt das mehrheitlich hinduistische Indien und Pakistan, gedacht verlassen mussten. Er hilft dann dabei, bruchstückhafte Faals sichere Heimstätte der Muslime des Subkontinents. Das milienerinnerungen zusammenzusetzen. letzte Erbe des britischen Vizekönigs Lord Mountbatten, In Lahore und Peschawar hat sich eine aktive Denkmalbevor das Königreich seine Lieblingskolonie in die Unabpflegeszene entwickelt. Viele Häuser in der Altstadt konnten hängigkeit entließ. Ausgearbeitet von dem britischen Kolovor dem Verfall bewahrt werden. Auch in Rawalpindi stehen nialbeamten Cyril Radcliffe, der nie einen Fuß nach Indien jetzt Renovierungen von Stadtdenkmälern in der Altstadt gesetzt hatte. Und dessen Grenzziehung quer durch die Proauf der Agenda. Hassaan Tauseef sieht der Zukunft positiv vinzen Bengalen und Punjab Millionen Familien zu Flüchtentgegen und will sich als nächstes mit einem Masterstulingen machte. Hundertausende kamen in den Wirren der dium fortbilden. Und ist ziemlich zufrieden.»Meine Arbeit Teilung ums Leben. lässt mich wirklich gut fühlen«, sagt er und lächelt. ZENITH 1/2024 127 Oben: Hassaan Tauseef auf einer Stadttour. Er hat schon mehr als 100 Gruppen durch die Altstadt von Rawalpindi geführt. Unten: Betende in einer Moschee in Rawalpindi. In der Altstadt wimmelt es vor alten Schreinen und Tempeln. 128 ZENITH 1/2024 BASAR FUNDSTÜCK SHOPPEN UND FASTEN Dass sich im und mit dem Ramadan gutes Geld verdienen lässt, hat sich in der Modewelt mittlerweile rumgesprochen. In diesem Frühjahr machte sich die Münchener Luxusmarke MCM den Fastenmonat als Verkaufssaison zunutze. Für die knapp ein Dutzend Kreationen, die in Kooperation mit der emiratischen Mode-Influencerin Hanan Houachmi entstanden sind, werden durchaus stolze Preise aufgerufen. Der günstigste Schal aus Seidentwill etwa ist ab 490 Euro zu haben. ZUTATEN: 1kg Rhabarber 250g Zucker 5 Nelken 1 Zimtstange 2l Wasser 1 Zitrone REZEPT RHABARBER-ŞERBET Von China über die Mongolei, bis Afghanistan und Syrien erreichte Rhabarber erst im 19. Jahrhundert Bekanntheit und Popularität in Europa – meist auf Kuchen oder im Tee. Dabei verleiht er dem im gesamten Nahen Osten, besonders aber in der Türkei populären Sommer-Drink Şerbet eine ganz eigene Note. SO GEHT ’ S: Rhabarber waschen und in kleine Stücke schneiden. Dann in einen großen Topf geben und den Zucker, die Nelken, die Zimtstange und das Wasser hinzufügen. Auf mittlerer Hitze etwa 25 Minuten aufkochen lassen, bis der Rhabarber weichgekocht ist. Danach den Inhalt des Topfes durch ein feinmaschiges Sieb in einen Behälter umfüllen. Den Saft einer Zitrone hinzugeben und verrühren. Abkühlen lassen und auf Eis servieren. Foto: privat Foto: Screenshot Youtube Foto: MCM Foto: Netflix ZENITH 1/2024 129 AUFGESCHNAPPT »Wir Araber müssen ansprechbar sein, statt unter uns zu bleiben« Er war der beliebteste Satiriker des Nahen Ostens während des Arabischen Frühlings. Heute lebt Bassem Youssef in den USA und versucht sich dort als Stand-up-Comedian, für einige Tausend Zuschauer, nicht wie damals für Millionen. Die Aufmerksamkeit, die der heute 50-Jährige Anfang 2024 wieder erfährt, hängt dann auch eher mit seinen Medienauftritten zum Gaza-Krieg zusammen. Trotzdem ist Bassem Youssef zufrieden mit seinem Karrierewechsel. In seinem Programm»The Middle Beast« verarbeitet er vor allem seine Erfahrungen in der arabischen Diaspora in den USA und ist ab dem Frühjahr auf Tour in Europa. ☝ TOP FORTSETZUNG FOLGT ☝ Redaktion: Robert Chatterjee, Philipp Peksaglam, Meryem-Lyn Oral An einer renommierten Mädchenschule in Amman wird die junge Mariam von einer Gruppe Mitschülerinnen schikaniert. Entschlossen, sich zu behaupten, schließt sich die 17-Jährige mit ihren Außenseiter-Freundinnen zusammen, um Rache zu üben. Doch schnell geraten die Vergeltungspläne außer Kontrolle und enden in einem tragischen Ehrenmord. Wie groß das Bedürfnis ist, sich mit heiklen Themen wie Mobbing, Sexualität und Bodyshaming auseinanderzusetzen, zeigt der Überraschungserfolg der ersten Staffel von»AlRawabi School for Girls«. Im Februar 2024 folgte nun eine zweite Staffel, die den Blick auf die Perspektive männlicher Schüler ausweitet. ☝ FLOP ☝ LETZTER VORHANG Wohl ein Kurzschluss löste im März einen Großbrand aus, dem eines der ältesten Filmstudios Ägyptens zum Opfer fiel. In den»Ahram-Studios« sind seit der Gründung 1944 über 500 Filme und Serien gedreht worden. In einigen Arealen lagerten noch Kulissen aus jener Zeit. Das Gelände im Kairoer Stadtteil Giza war eine der Produktionsstätten für Ägyptens»goldene Ära« des Kinos in den 1950er-Jahren und diente bis zuletzt als Drehort für ägyptische TV-Produktionen zum Ramadan. Unklar bleibt, ob das Studiogelände wieder aufgebaut wird. 130 K U LT U R »Ich möchte nicht, dass sich mein Publikum wohlfühlt« Als Fotojournalist lernte Karim Ben Khelifa, sich seinen Traumata zu stellen. Heute konfrontiert er als Künstler sein Publikum mit der Realität des Krieges VON YOUSRA ISHAQ UND PASCAL BERNHARD Foto: Yousra Ishaq ZENITH 1/2024 131 K arim Ben Khelifa steht inmitten von Splittern und zerstör- 1998/1999, die Zweite Intifada in Israel und Palästina 2000– ter Munition. An der Wand hängen Bilder von rostfarbenen 2005 bis zur von den USA angeführten Invasion im Irak Metallsplittern – sie stehen in übergroßen Ausmaßen an der 2003–2011. Der Fotojournalist dokumentierte den Kampf Wand und blicken in den Raum. Seit einigen Wochen läuft gegen die Taliban in Afghanistan und die Bürgerkriege im in der Berliner Galerie Anahita Sadighi seine Ausstellung Jemen und in Somalia. »In 36,000 Ways«. Einige abgefeuerte Projektile hängen an Im Irak berichtete Karim Ben Khelifa 2004 über die seidenen Fäden von der Decke. Die tödlichen Geschosse er- ersten Aschura-Feierlichkeiten nach dem Sturz des Regimes scheinen durchlässig, transparent, geradezu harmlos. von Saddam Hussein. Dann gingen Granaten und AutobomDer Künstler sammelte Überreste des Krieges in der ben hoch. Mehr als 100 Menschen töteten dschihadistische Südukraine – auf den Schlachtfeldern von Kherson. Warum? Attentäter damals.»Mitten im Chaos hielt ich eine Kamera Bin Khalifas Hauptziel, so formu- in der Hand, konnte sie aber nicht liert er es, sei»keine Geschichte zu benutzen«, erinnert er sich.»Ich erzählen«. war wie gelähmt. Ich sagte mir Karim Ben Khelifa wurde selber: Atme, und du bist sicher. 1972 in Brüssel geboren. Seine Eltern verdienten ihren Lebensun»Ein Sinnbild für unsere In Extremsituationen kommt es auf grundlegende Instinkte an«, terhalt als Besitzer eines Restaurants, und obwohl sie in Belgien aufgewachsen waren, besuchten Fähigkeit, uns gegenseitig zu vernichten« erzählt er. Kurz nach der Explosion brachten Einheimische den Fotosie häufig die Familie des Vaters journalisten in Sicherheit. Zutiefst in Tunesien.»Die Reise an die tu- traumatisiert kehrte Karim Ben nesische Mittelmeerküste war wie Khelifa nach Paris zurück.»Trauein Tor in eine andere Welt.« Schon ma ist etwas, das versucht, einen früh erlebte er, so beschreibt er zu töten, bis es genau das nicht weiter, in jeder Umgebung unter- mehr schafft«, glaubt er.»Wie ein schiedlich wahrgenommen zu werden, und lernte, mit den Monster im Inneren, das man überwinden muss.« Heute Nuancen kultureller Identität umzugehen. Im Alter von 25 ist sich Karim Ben Khelifa sicher: Das Berichten über die Jahren, als er gerade angefangen hatte, für die Zeitungen Schrecken des Krieges hat ihn nicht nur zu einem besseren Le Matin und Le Monde zu arbeiten, veränderte der 11. Sep- Geschichtenerzähler, sondern auch zu einem besseren Vater tember 2001 alles – auch sein journalistisches Selbstver- gemacht. ständnis:»Als Fotograf wollte ich mehr als nur fesselnde 2008 wurden Karim Ben Khelifa und seine Frau Eltern. Bilder einfangen: Ich wollte Brücken schlagen zwischen den Während der frühen Kindheit ihrer Tochter begann er, über Welten.« seinen Beruf als Kriegsjournalist nachzudenken. Nicht nur Über zwei Jahrzehnte berichtete Karim Ben Khelifa wegen der neuen familiären Verantwortung. Die jahrelange von unzähligen Schlachtfeldern: über den Kosovo-Krieg Arbeit sei mit Enttäuschungen einhergegangen:»Ich war 132 K U LT U R ZENITH 1/2024 133 Foto: xAxnxaxhixtxaxxSxaxdixgxhxixxxxxxxxx Seit dem Frühjahr läuft in der Berliner Galerie Anahita Sadighi Ben Khelifas Ausstellung»In 36,000 Ways«. Einige abgefeuerte Projektile hängen an seidenen Fäden von der Decke. 134 K U LT U R ZENITH 1/2024 135 naiv. Oft sagte ich mir: Wenn ich für das beste Magazin der wie er es ausdrückt:»Die Taliban-Kämpfer können genauWelt arbeite, werde ich etwas bewirken.« Es dauerte Jahre, so sanft sein wie die amerikanischen Soldaten hinter den bis ihm klar wurde, dass er davon weit entfernt war.»Wenn Schützengraben vor ihnen.« Mit Hilfe einer App haben Kasich ein Publikum Reportagen und Kriegsfotografie widmet, rim Ben Khelifa und sein Team inzwischen mehr als 150.000 weckt das selten einen Willen zur Veränderung. Vielmehr virtuelle Begegnungen zwischen Zivilisten und Kämpfern ruft es bei den meisten ein Gefühl der Ohnmacht hervor«, ermöglicht. glaubt er. Karim Ben Khelifa ist überzeugt: Fantasie ist nicht nur Die Schrecken des Krieges wollte Karim Ben Khelifa eine Fähigkeit, die jedem Menschen innewohnt. Sondern nach wie vor dokumentieren, doch er war sich sicher, dass auch ein Privileg, das zu nutzen und zu pflegen es gilt. Mit Journalismus dazu nicht das richBlick auf die Splitter an der Wand tige Mittel war. So begann er, dem sagt er:»Als Künstler ist es meiKrieg mit Kunst zu begegnen. ne Aufgabe, Dinge aufzuzeigen, Als Gastkünstler am Bostodie für das Publikum unsichtbar ner Massachusetts Institute of sind.« Wie können diese kleinen Technology(MIT) kam er mit virtueller Realität in Berührung. Die Technologie, so erzählt er, habe ihn dazu inspiriert, das Publikum »Taliban-Kämpfer können genauso sanft sein wie die amerikanischen Soldaten hinter den SchütObjekte zu tödlichen Waffen werden? Was sagt das über uns als Menschen aus?»Eine Flinte ist eine der billigsten Waffen, die man zu zwingen, zu einem aktiven Entscheidungsträger zu werden, wenn zengraben vor ihnen« finden kann. Sie ist ein Sinnbild für unsere Fähigkeit, uns gegenseitig es mit der virtuellen Realität des zu vernichten«, kommentiert er. Krieges konfrontiert wird. So entBei diesem Projekt gehe es vor alstand die Idee seines Projekts»Der lem um die menschliche Fähigkeit, Feind«. Per VR-Brille konfrontier- solche Waffen herzustellen. te Karim Ben Khelifa die Zuschauer mit Kombattanten: von Bei der Eröffnungsfeier der Ausstellung»In 36,000 El Salvador über die Fronten zwischen Israel und Palästina Ways« erklärt der Künstler, was es mit den allgegenwärtigen bis hin zu den Schlachtfeldern der Demokratischen Republik Granatsplittern an den Wänden auf sich hat.»Viele Besucher Kongo. sagten mir, es sei seltsam, über Tod und Krieg zu reden, wähDurch Sehen und Zuhören verschiedener Soldaten sollrend man beiläufig an einem Glas Sekt nippt«, setzt er an und te dem Betrachter die Ähnlichkeit zwischen den Feinden erklärt trocken:»Ich möchte nicht, dass sich mein Publikum bewusst werden. Und etwas offenlegen, das der Fotojournawohlfühlt«, sagt er und wendet sich an die Zuhörer:»Wenn list schon seit Jahren beobachtet: die Entmenschlichung des Sie am nächsten Morgen in den Nachrichten von einem RaAnderen – und die gemeinsame Menschlichkeit aller. Oder keteneinschlag hören, denken Sie vielleicht anders darüber.« Foto: Anahita Sadighi An der Wand hängen Bilder von rostfarbenen Metallsplittern – sie stehen in übergroßen Ausmaßen an der Wand und blicken in den Raum. 136 GESELLSCHAFT In Najran brennt die Luft Wer jenseits von Ronaldo den Fußball Saudi-Arabiens kennenlernen will, muss tief in die Provinz reisen: zur Wiege der arabischen Zivilisation. Zwei zenith -Fußball-Experten haben sich auf den Weg gemacht TEXT UND FOTOS: ROBERT CHATTERJEE UND LEO WIGGER ZENITH 1/2024 137 Das Abbrennen von Pyrotechnik ist erlaubt und mittlerweile bei fast allen organisierten Fangruppen in Saudi-Arabien verbreitet – auch bei Al-Okhdood Najran. 138 GESELLSCHAFT M it seinem gelb-schwarz gestreiften Trikot, das um die Taille aber Sudanesen brachten den Fußball nach Dschidda und trugen so zur Entstehung einer Fankultur bei. Die Herausbildung einer organisierten Fanszene – inklusive Auswärtsfahrten, Choreografien und Gesängen – war in Dschidda auch deshalb möglich, weil der saudische Staat im Kleinen viel mehr gesellschaftliche Freiheiten gewährte. »Inzwischen feiern die Kids in Riad härter, als wir es je getan haben«, sagt Kamal und spielt damit auf den gesellschaftlichen Wandel an, der durch eine Vielzahl von Freizeit- und etwas spannt, fällt Kamal auf. Tagsüber arbeitet der IT-Tech- Konsumangeboten unter Kronprinz Muhammad Bin Salman niker nur wenige Gehminuten entfernt in Al-Balad, im Her(MBS) entstanden ist. Der Nachholbedarf sei in der konserzen der Altstadt von Dschidda. An diesem Spätnachmittag vativen Hauptstadt einfach größer gewesen, ob beim Feiern im Februar hat er sich die Zeit genommen, einen Einblick in oder Anfeuern. seinen unbezahlten Zweitjob und seine wahre Leidenschaft Die saudische Liga feiert 2024 ihr 50-jähriges Bestehen. zu geben: Al-Ittihad, seinen Fußballklub. Doch trotz vieler Zugeständnisse hat der saudische Staat Für uns ist dieser Termin die erste Station auf einer Ent- den einstigen Freiraum Fußball auch eingeschränkt.»Früher deckungsreise hinter die Schlagzeilen, die Saudi-Arabien in konnten wir uns mehr erlauben«, ist Kamal überzeugt. Auder Welt des Fußballs produziert. Von ebenso prestigeträchtokorsos oder unangemeldete Fanfeiern nach gewonnenen tigen wie teuren Transfers und dem BeDerbys habe es früher häufiger gegestreben, die größten Turniere der Welt ben. Dass die neuen gesellschaftlichen ins Land zu holen. In mancher Hinsicht Freiheiten in Saudi-Arabien mit einer also eine Fortsetzung der Themen, die immer stärkeren Überwachung des öfauch die umstrittene Fußball-Weltmeisfentlichen Raums einhergehen, hört terschaft im Nachbarland Katar begleiman in Saudi-Arabien oft, wenn auch tet haben. meist hinter vorgehaltener Hand. Wie dort wollen wir auch in Saudi-Arabien fragen: Wie sieht sie aus, die saudische Fußballkultur? Wie verändert Trotz vieler Zugeständnisse wurde »Dieser Raum ist unseren Legenden gewidmet«, sagt Kamal. Der Mittdreißiger ist seit frühester Kindheit Anhändas Vorzeigeprojekt Fußball die saudische Gesellschaft? Eine erste Antwort finden wir auf der einstige Freiraum Fußball auch ger der schwarz-gelben»Tiger«. Schon sein Vater habe Al-Ittihad die Daumen gedrückt, andere in der Familie dagenicht einmal zwanzig Quadratmetern: eingeschränkt gen dem 1937 gegründeten StadtrivaEinen offiziellen Namen trägt das Mulen Al-Ahli. Rivalität hin oder her:»Was seum für Kamals Herzensverein nicht. uns verbindet, ist die Liebe zu unserer Auch das Interieur könnte nicht weiter Heimatstadt – und die Geschichte des von der opulenten, aber sterilen GeFußballs in Dschidda.« Neben Pokastaltung staatlicher Museumsbauten len, Medaillen, Fanschals und anderen entfernt sein. 2017 eröffnete ein Ge- Erinnerungsstücken hängen vor allem schäftsmann und Ittihad-Fan das privaMannschaftsfotos und Spielerposter aus te Museum. Tatsächlich kümmert sich den vergangenen Jahrzehnten an den aber vor allem Kamal um die Besucher aus aller Welt, die Wänden. Zum Beispiel das Porträt von Kamals Lieblingsseit der Klub-WM im Dezember immer zahlreicher werden. spieler Muhammad Nur. Der Stürmer schnürte ab Mitte der »Wir waren die ersten«, sagt Kamal stolz und zeigt auf 1990er-Jahre über 20 Jahre lang in mehr als 500 Spielen die die verwitterten, akkurat gerahmten Schwarz-Weiß-MannSchuhe für Al-Ittihad. schaftsfotos an der Wand. Die ältesten Bilder stammen aus »Ich wünsche mir, dass Spieler wie er nicht in Vergesden 1950er-Jahren. Doch der erste Fußballklub des Lansenheit geraten«, sagt Kamal und hat dabei vor allem die des wurde bereits 1927 gegründet, wenige Jahre nach der Jugend im Blick.»Wenn wir uns Spiele anschauen, hängen Eroberung des Hedschas und noch vor der Gründung des die jungen Leute oft am Handy, statt auf den Fernseher zu Königreichs Saudi-Arabien.»Dschidda war dem Rest immer schauen.« Das Museum ist für Kamal und die Ittihad-Fans in einen Schritt voraus«, ist Kamal überzeugt. der Altstadt auch eine Art Fankneipe. Dass Fußball heute so Tatsächlich galt die zweitgrößte Stadt Saudi-Arabiens viel mehr Aufmerksamkeit bekommt und eine neue Generalange Zeit als liberaler und weltoffener als die Hauptstadt tion prägt, sieht Kamal mit gemischten Gefühlen.»Viele sind Riad. Nicht zuletzt, weil sie als»Tor zur Hadsch« einen eineher Fans eines bestimmten Spielers, dem sie dann auch in zigartigen multikulturellen Bevölkerungsmix hervorgebracht den sozialen Medien folgen«, meint er. Dabei schwingt auch hat. Besonders eng war der Austausch mit den Menschen Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation des eigenen auf der anderen Seite des Roten Meeres. Ägypter, vor allem Klubs mit: Al-Ittihad gehört zu den vier Vereinen, die der ZENITH 1/2024 139 saudische Staatsfonds PIF übernommen hat und die so mit Bleiben gesellschaftlicher Wandel, Fußball- und Fanviel Geld entsprechend spektakuläre Transfers landen konnkultur also auf Millionenstädte wie Dschidda und Riad beten. schränkt? Antworten auf diese Fragen suchen wir an einem Mit Stürmer Karim Benzema wechselte im Sommer Ort, der gleichermaßen abgelegen, geschichtsträchtig und 2023 nicht nur der damals amtierende Weltfußballer, son- konfliktbeladen ist: Najran gehört gerade einmal zu den dern auch einer der populärsten muslimischen Spieler nach zwanzig größten Städten des Landes. Doch kaum eine anDschidda. Wenige Monate später machte der Franzose jedere Stadt in Saudi-Arabien wächst schneller als die Hauptdoch vor allem Schlagzeilen, weil er das Training schwänzte stadt der gleichnamigen Provinz im äußersten Süden des und seine Rückkehr nach Europa zu forcieren schien. Dass Landes. Keine 50.000 Einwohner zählte Najran Mitte der der 36-jährige Stürmer auf dem Platz weit hinter den Erwar- 1970er-Jahre, heute sind es 400.000. Die namensgebende tungen zurückblieb, überrascht Kamal nicht:»Manche Stars Oase ist bis heute die Lebensader der Siedlung, entlang des werden vor allem wegen ihrer Werbewirkung geholt.« Wesaisonal gefüllten Wadis breitet sich die Stadt immer weiter der Benzema noch sein Landsmann N’Golo Kanté oder der aus. brasilianische Nationalspieler Fabinho sorgten dafür, dass Najran gehört zu jenen lange vernachlässigten Orten, der Verein mit dem höchsten Zuschauerschnitt der saudidie in den letzten Jahren zunehmend vom wachsenden schen Liga in den Titelkampf eingreifen konnte. In der VorWohlstand profitieren. Doch die Abschaffung der Sittenpolisaison war Al-Ittihad noch Meister geworden. zei, der Muttawa , macht sich in Najran vielleicht noch stärker Der von Kamal gemanagte Ort befindet sich in einer bemerkbar als in anderen Landesteilen. Denn bis weit in die ebenso unscheinbaren wie guten Lage: 2000er-Jahre hinein gerieten die lokalen Rund um das Al-Ittihad-Museum laufen ismailitischen Gemeinden immer wieder die Bauarbeiten auf Hochtouren. Al-Ba- mit den staatlichen(Religions-)Behörlad soll als touristisches Zentrum wie- den aneinander. Von solchen Konflikten der auferstehen. Die jahrhundertealten ist heute nichts mehr zu spüren, auch Wohnhäuser aus Korallengeröll. Lehmwenn die ismailitische Präsenz nur noch mörtel und verzierten Holzbalkonen indirekt auszumachen ist. So ist der allasind schließlich UNESCO-Weltkulturerbe. Doch an die Stelle der über die Jahre Jenseits der Derbys bendliche Gebetsruf über Lautsprecher in Najran, anders als in sunnitisch geverfallenen Stadtstruktur ist eine sterile Überrenovierung dessen getreten, was die Altstadt von Dschidda einst berühmt in Riad und Dschidda herrscht in den Stadien prägten Städten, in vielen Wohnvierteln kaum zu hören – öffentliche Gebetszeiten sind für Ismailiten nicht verbindlich. gemacht hat. Die Händler haben neue Lizenzen oft gähnende Leere Ein gefährlicher Konflikt hat dagegen in den letzten Jahren das Grenzfür den modernisierten Basar erhalten, gebiet erfasst: Jenseits der markanten viele Bewohner sollen nach und nach in schwarzbraunen Berge am Stadtrand ihre Häuser zurückkehren, auch Kamals beginnt der Jemen. Rund fünfzig KiloFamilie.»Ich weiß noch nicht, wann wir meter entfernt liegt Saada, die Hochburg wieder einziehen können«, sagt er, die der Huthis. Die exponierte Lage rückte Verfahren bei den saudischen Behörden Najran immer wieder ins Visier der Miliz, zögen sich in die Länge. Inzwischen hat die gerade wegen ihrer Fähigkeit, auch er ein Büro in der Altstadt gemietet, wo auf saudischem Territorium zuzuschlaer auch aufgewachsen ist. Zusätzliche Kosten, sagt Kamal, gen, den eigentlich überlegenen Kriegsgegner schließlich an die aufs Portemonnaie drücken. Obwohl er als IT-Techniker den Verhandlungstisch zwang. Denn inzwischen haben sich gut verdient, spürt er die steigenden Lebenshaltungs- und die Prioritäten in Riad verschoben: Statt den Krieg im Jemen Immobilienkosten.»Ich war seit fast zwei Jahren nicht mehr mit allen Mitteln zu gewinnen, will die Regierung vor allem im Stadion«, sagt er.»Die Karten sind auf Dauer einfach zu Ruhe und Stabilität, um das Wirtschaftswachstum nicht zu teuer.« gefährden. Tatsächlich sind Tickets meist erst wenige Tage vor dem Ein Balanceakt, schließlich ist die saudische Luftabwehr Spieltag erhältlich, Dauerkarten bietet bislang nur Al-Nasr seit Monaten damit beschäftigt, Huthi-Raketen auf ihrem aus Riad an. Wer eines der Spiele der vier großen Vereine Weg zum Roten Meer abzufangen. Ankommende Flüge aus Riad und Dschidda im Stadion sehen will, zahlt dann oft müssen deshalb einen Umweg über das Landesinnere nehdeutlich mehr als die offiziellen Preise. Dennoch genießen men, was die Reisezeit mitunter verdoppelt. Doch trotz der die Stadtderbys einen guten Ruf, die Atmosphäre stimmt, Flugabwehrbatterien außerhalb der Stadt ist der Konflikt im die Spiele sind stets ausverkauft. In den übrigen Arenen der städtischen Leben kaum zu spüren – ebenso wenig wie der Liga, so bemängeln Kritiker und neuerdings auch einige der Gaza-Krieg. Najran baut, arbeitet, wächst – und kümmert europäischen Legionäre, herrsche dagegen oft gähnende sich vor allem um sich selbst. Nicht nur der Wohlstand nährt Leere vor einer Zuschauerkulisse im dreistelligen Bereich. dieses Selbstbewusstsein, sondern auch die lokale Identität. 140 GESELLSCHAFT Oben: Al-Ittihad-Fan Kamal kümmert sich um die Besucher aus aller Welt, die seit der Klub-WM im Dezember immer zahlreicher werden. Unten: Das restaurierte Fort in Najran: Die traditionelle Lehmbauweise ist auch in auch in Saudi-Arabiens Zentren an der Peripherie mittlerweile weitgehend touristische Kulisse. ZENITH 1/2024 141 Wie in anderen Teilen des riesigen Landes hat der saudische zwei Stars auf dem Rasen, die zuletzt in der Premier League Staat in der Toleranz der kulturellen(aber eben nicht poliund im Europapokal auf höchstem internationalem Niveau tischen) Vielfalt des Landes eine Möglichkeit erkannt, noch glänzten. Allein in der laufenden Saison hat der Verein mehr mehr potenzielle Zentren für Tourismus und Industrie zu als 180 Millionen Euro in den Kader investiert. An der Seitenschaffen und gleichzeitig soziale Konflikte zu befrieden. linie steht mit Matthias Jaissle ein Trainertalent, das bereits Als touristisches Ziel steckt Najran noch in den Kindermit Julian Nagelsmann verglichen wurde. Auf dem Platz ist schuhen. Die Petroglyphen mit Tierdarstellungen sind in den der Klassenunterschied kaum zu erkennen – Al-Ahlis TopFundamenten der antiken Stadtmauer verbaut und leicht verdiener bleiben blass, am Ende gewinnen die Underdogs zu übersehen. Ohnehin erinnert der riesige archäologische von Al-Okhdood mit 3:2. Park eher an einen wilden Acker. Dennoch sind die MenSchon bevor die Tore für die Heimmannschaft fallen, schen in Najran stolz auf ihr historisches Erbe: Es ist neben ist die Stimmung auf den Rängen erstklassig. Knapp 40 Kiden altsüdarabischen Felseninschriften vor allem verbunden lometer außerhalb der Stadt liegt das neu gebaute Rund, mit dem Namen, den auch die archäologische Stätte trägt: das der Verein 2020 bezogen hat. Offiziell fasst das Stadion Al-Okhdood. 12.000 Zuschauer – mit bloßem Auge wirkt es aber deutlich Im Koran taucht der Begriff ein einziges Mal auf: Sure kleiner. Laut Anzeigetafel verfolgen knapp 5.000 Zuschauer 85, Al-Burudsch (»Die Sternzeichen«) spricht von den»Leudas Spiel. Beim Anpfiff bleiben nur wenige Plätze frei. Auf ten des Grabens«( Ashab al-Okhdood ). Dabei handelt es beiden Seiten der Haupttribüne konzentrieren sich die orsich vermutlich um Christen, die sich ganisierten Fangruppen beider Vereine: nach koranischer Überlieferung weigerAus Dschidda hat sich ein beachtliches ten, ihrem Glauben abzuschwören, und Auswärtskontingent auf den Weg in den deshalb in den ausgehobenen Gräben Süden gemacht. Allerdings hat der Verden Feuertod fanden. Die Geschichte ein auch über die Hafenstadt hinaus eine spielt vor der Ankunft des Islam – ob große Anhängerzahl im Land. sich die Christen von Najran gegen einen jüdischen oder einen polytheistischen Politische Parolen, Überraschender ist, dass auch die Gastgeber mit einem veritablen Herrscher auflehnten, bleibt unklar. Jedenfalls ist die koranische Parabel über Glaubensfeste heute um eine Lesart reiAbzeichen und Transparente sind Ultra-Block von fast tausend Fans aufwarten. Während des gesamten Spiels verbinden sie Elemente der Ultrakultur, cher: Denn für die Fans des hier ansässigen Erstligisten steht ihr Vereinsname für ihre Rolle als Underdogs auf der Fußin saudischen Stadien verboten wie das vom Vorsänger angestimmte Wechselspiel von Gesang und Gegengesang, mit rhythmischem Trommeln ballbühne. und Choreografien, die deutlich an die Einen Titel hat Al-Okhdood Najran auf der arabischen Halbinsel verbreitenoch nie gewonnen. Der 1976 gegrünten Schreittänze erinnern. Nach etwa dete Verein ist im vergangenen Jahr einer Stunde erstrahlt der Block in einer erstmals in die höchste saudische Liga dichten roten Wolke: Politische Parolen, aufgestiegen. Der Klub wird von einem Abzeichen und Transparente – darauf Geschäftsmann aus Najran geführt, die achten die zahlreichen Ordner penibel – Investitionen reichen aber bei Weitem nicht an die der grosind in saudischen Stadien verboten. Doch das Abbrennen ßen Klubs aus Riad und Dschidda heran. Der Marktwert des von Pyrotechnik ist erlaubt und mittlerweile bei fast allen Kaders liegt bei umgerechnet 15 Millionen Euro und damit in organisierten Fangruppen im Land verbreitet. Ein Wideretwa auf dem Niveau des deutschen Zweitligisten Eintracht spruch, der die Grenzen des Sag- und Machbaren im neuen Braunschweig. Saudi-Arabien auf den Punkt bringt. Auch bei Al-Okhdood nehmen ausländische Spieler eiSeit Anfang des Jahres alle anderen potenziellen Mitbenen wichtigen Platz im Kader ein. Allerdings handelt es sich werber abgesprungen sind, steht so gut wie fest: Saudi-Aradabei nicht um Stars à la Neymar oder Cristiano Ronaldo. Zu bien wird die Fußball-Weltmeisterschaft 2034 ausrichten. den Leistungsträgern zählen mit dem Rumänen Florin TănaDie Notwendigkeit, mit reichweitenstarken Stars für den se oder dem Georgier Solomon Kvirkvelia eher unauffällige Austragungsort zu werben, ist damit eigentlich erst einmal Fußballarbeiter, gleiches gilt für den slowakischen Trainer hinfällig. Bereits für die Asienmeisterschaft 2027 sollen viele Martin Ševela. Im Sturm soll Leandre Tawamba für Tore sorStadien modernisiert werden. Doch angesichts der Aufstogen. Der Routinier aus Kamerun spielte bereits in der slowa- ckung der WM von 32 auf 48 Mannschaften werden wohl kischen, kasachischen und libyschen Liga. noch einige neue Spielstätten mit Kapazitäten von mindesAn einem Freitagabend Mitte Februar erweist sich diese tens 40.000 Plätzen aus dem Boden gestampft. Dann rückt Mischung als das richtige Rezept. Der Aufsteiger empfängt auch Najran als möglicher Spielort in den Fokus. Dabei reiAl-Ahli aus Dschidda, den Erzrivalen von Al-Ittihad. Mit Rochen an einem Freitagabend bei Flutlicht und Rauch schon berto Firminho und Riyad Mahrez stehen bei den Gästen ein paar Tausend Fans für eine tolle Atmosphäre. 142 Viele Partien sind kurz vor dem islamischen Abendgebet angesetzt. Deswegen sind rund um das Stadion in Najran und selbst hinter den Tribünen Teppiche ausgelegt. GESELLSCHAFT ZENITH 1/2024 143 144 BÜCHERBRIEF Neuerscheinungen Fatin Abbas Zeit der Geister Rowohl Berlin, Berlin 2024 367 Seiten. 26 Euro ROMAN Saraaya, ein Kaff im Sudan um die Jahrtausendwende. Viel passiert hier nicht, auch wenn plötzlich eine verkohlte Leiche auftaucht, als Vorbote düsterer Ereignisse. Der Roman der sudanesisch-amerikanischen Autorin Fatin Abbas nimmt nur langsam Fahrt auf und nimmt sich viel Zeit, um die Protagonisten einzuführen: den Dolmetscher William, die Köchin Leyla, den Entwicklungshelfer Alex, die Dokumentarfilmerin Dena und den minderjährigen Boten Mustafa. Mitunter etwas holzschnittartig stellt die Autorin die Kämpfe, Hoffnungen und Zwänge von fünf sehr unterschiedlichen Personen da, die unfreiwillig wie eine Familie unter einem Dach leben. Doch als Krieg ausbricht, gewinnt das Beziehungsgeflecht dieser Hausgemeinschaft an Dynamik – Liebe, Hoffnung und Verzweiflung liegen ganz nahe beieinander. Das Beste an diesem Roman ist eindeutig sein Schluss. MB ZENITH 2/2023 145 Shashi Tharoor Zeit der Finsternis Das Britische Empire in Indien Die Andere Bibliothek, 2024 480 Seiten, 48 Euro SACHBUCH Shashi Tharoors Geschichte des kolonialen Indiens möchte der Verklärung des Britischen Raj entgegnen. Mittels Beispielen wie der De-Industrialisierung Bengalens oder der Marginalisierung sexueller und religiöser Minderheiten durch britische Kolonialinstitutionen entkräftet Tharoor die Position des Historikers Niall Ferguson, der laut Tharoor das Empire als aufgeklärten Despotismus idealisiert. Geschickt untermauert der ehemalige UN-Untergeneralsekretär Tharoor fachwissenschaftliche Erkenntnisse mit Anekdoten aus dem Indien der Ära der Britischen Kolonialherrschaft. Zudem beleuchtet der Abgeordnete der oppositionellen Kongress-Partei die Hintergründe der Hindutva-Ideologie, die die Regierung Modi heute prägt. In Indien war das Buch ein Bestseller und erscheint nun auf Deutsch, übersetzt von Cornelius Reiber. Im Nachwort kontextualisiert die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal die Empire-Debatte für die deutsche Leserschaft. Philipp Peksaglam Asiye Müjgan Güvenli Sind immer wir schuldig? Lebensgeschichten aus dem Frauengefängnis Verlag auf dem Ruffel, 2024 103 Seiten, 17 Euro KURZGESCHICHTEN Als Serap ihrem Ehemann das Kissen ins Gesicht drückt weiß sie nicht, was sie tut. Sie hat Angst vor dem Mann, der sie erniedrigt und misshandelt, und nur sein Tod schützt sie vor ihrem eigenen. Dies ist eine der Geschichten, die Asiye Müjgan Güvenli erzählt und von der sie selbst Zeugin wurde, als sie in den 1980er-Jahren in einem türkischen Gefängnis inhaftiert war. Den Frauen, denen sie in dieser Zeit begegnete, möchte sie eine Stimme geben und zeigen, dass es sich bei den Täterinnen um Menschen handelt, die durch äußere Umstände in ausweglose Situationen getrieben wurden. Familiärer und gesellschaftlicher Druck, Tradition, männliche Dominanz, Gewalt, Armut und Ausgrenzung drängen die Frauen zu unfreiwilligen Handlungen, für die sie von Justiz und Gesellschaft aufs Härteste bestraft werden. Eine eindrucksvolle Sammlung von Geschichten, die daran erinnern, wie politisch das Private ist. Meryem-Lyn Oral 26.4.– 27.10.2024 #elephantineberlin www.smb.museum/jsg Gefördert durch: 146 SCHOLL-LATOURS ERBEN Foto: privat Wie halten Sie es mit Scholl-Latour? Ein halbes Jahrhundert lang berichtete der Fernsehjournalist Peter Scholl-Latour von Krisenherden in Afrika und Asien, erzählte vom islamischen Wesen und ärgerte damit Wissenschaftler. Im Sommer 2014 verstarb der Bestsellerautor mit 90 Jahren. Wer erklärt den Deutschen nun den Orient? zenith nimmt Kandidaten unter die Lupe Tilo Spanhel Wohnort Kairo Ausbildung Bachelor in Politik- und Islamwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, Master in Islamwissenschaft an der Freien Universität in Berlin. Viel zu viele Praktika und ein Volontariat beim Südwestrundfunk Karriere 2008–2013 Freier Mitarbeiter bei der Ostsee-Zeitung , den Lübecker Nachrichten und am Regiodesk der dpa , 2016–2018 Multimedia-Volontariat beim Südwestrundfunk , ab 2018 Radio- und TV-Reporter im SWR Studio Stuttgart, 2021 Chef vom Dienst DASDING -Regio, 2022 zusätzlich Multimedia-Redakteur bei SWR Ausland und Europa, seit Sommer 2022 Korrespondent im ARD -Studio Kairo WIE KAMEN SIE DAZU, NAHOSTJOURNALIST ZU WERDEN? In dem kleinen Dorf in Norddeutschland, wo ich aufgewachsen bin, hätte der Nahe Osten nicht entfernter sein können. Bis dahin habe ich nie jemanden so bewegt über den Nahostkonflikt erzählen hören wie meinen Politiklehrer in der 10. Klasse. Nach dem Abitur habe ich mir dann ein altes Motorrad gekauft und bin damit bis in die Türkei gefahren. Als ich mitten in der Nacht in Istanbul auf dem Platz vor der Blauen Moschee saß, wusste ich: In dieser Region will ich irgendwann einmal als Journalist arbeiten. WELCHE NAHÖSTLICHEN SPRACHEN BEHERRSCHEN SIE? Ich beherrsche das sogenannte Taxi-Arabisch, das einen auf dem Markt, im Café oder eben im Taxi weiterbringt. Und zwar sowohl in Bagdad und Beirut als auch in Kairo. DER ORIENT RIECHT NACH... An manchen Tagen duftet die Region nach frischem Fladenbrot, dem salzigen Meer und blühendem Hibiskus. An anderen Tagen aber auch nach Abgasen und altem Fisch. APROPOS: WO LIEGT ER EIGENTLICH, DIESER ORIENT? Man könnte sagen: Der Orient liegt im Okzident. Denn der Westen ist nur der Osten des Ostens. DREI NO-GOS FÜR WESTLICHE REPORTER IM NAHEN OSTEN. 1. Wasser predigen und Wein saufen. 2. Mit dem Taxi durch die Wüste fahren. 3. Den Muezzin beim Gebet unterbrechen. Aber im Ernst: Die größte Gefahr für westliche Reporter im Nahen Osten ist es, die politische und soziale Realität der Region zu ignorieren oder zu romantisieren. IHR GRÖSSTER JOURNALISTISCHER FAUXPAS? Bei einem Versprecher in einem Live-Talk habe ich Deutschland mal angedichtet, mehrere extremistische Gruppen in Syrien und im Irak zu unterstützen. Gemeint war natürlich die Unterstützung für den Kampf gegen eben diese Gruppierungen. AM MEISTEN ÜBER DEN ORIENT GELERNT HABE ICH... … auf einem wackeligen Holzboot bei den Fischern von Al-Faw im Südirak. Sie sind wirklich ein Spielball des Schicksals in der Region. Weil der Fluss die Grenze zwischen Iran und Irak markiert, geraten die Fischer immer wieder ins Kreuzfeuer. Und sie leiden unter einer korrupten irakischen Regierung und massiver Umweltverschmutzung. Trotzdem halten die verbliebenen Fischer tapfer fest an ihrer Tradition. EIN ROMAN ÜBER DIE REGION, DEN JEDER GELESEN HABEN SOLLTE. »Im Schatten des Granatapfelbaums« von Tariq Ali. Der Roman spielt in Spanien im Jahr 1499 und zeichnet nach, wie eine offene, arabische Welt damals der christlichen Intoleranz weichen muss. PETER SCHOLL-LATOUR WAR FÜR MICH... ... der Orient-Express in Person: immer unterwegs, immer auf der Suche nach der nächsten Geschichte, mit der er uns die Welt erklären wollte. DIE GESCHICHTE, DIE SIE SCHON IMMER MACHEN WOLLTEN, ZU DER SIE ABER NIE KAMEN. Immer wieder macht es mich sprachlos, wenn ich sehe, dass in manchen Jahren fast jeder fünfte Geflüchtete, der in Italien an Land geht, aus Ägypten kommt! Das Land, das den meisten Deutschen hauptsächlich als Urlaubsziel im Kopf ist, als Herkunftsland von Tausenden Geflüchteten? Um Armut, Perspektivlosigkeit und Autokratie hinter sich zu lassen, nehmen viele den gefährlichen Weg übers Mittelmeer auf sich. Schon lange will ich einen von ihnen begleiten. Zumindest ein Stück weit. 10 Jahre Als unabhängiger Think-and-Do-Tank engagiert sich die Candid Foundation seit 2014 für Dialog in und mit den Gesellschaften im Nahen Osten, Nordafrika, dem Kaukasus und Südasien. Von ihrem Sitz in Berlin und mit einem globalen Netzwerk setzt die Candid Foundation kreative und innovative Projekte um. Aktuelle Schwerpunkte unserer Arbeit sind zivile Konfliktbearbeitung und Mediation, die Aus- und Weiterbildung von Medienschaffenden und Akteuren des digitalen Wandels, politische Analysen, Programme gegen Extremismus und Desinformation und die Vernetzung zwischen jungen Menschen in Europa und seiner Nachbarschaft. Wir danken allen Förderern und Partnern, die das mit uns möglich machen! www.candid-foundation.org