Achim Goerres, Sabrina J. Mayer, Philipp Hoffmann, Manuel Diaz Garcia Politische Einstellungen und Präferenzen von Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte in Deutschland FES diskurs September 2024 Die Friedrich-Ebert-Stiftung Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) wurde 1925 gegründet und ist die traditionsreichste politische Stiftung Deutschlands. Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflich tet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demokratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften verbunden. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch: – politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft; – Politikberatung; – internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern; – Begabtenförderung; – das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit u. a. Archiv und Bibliothek. Die Abteilung Analyse, Planung und Beratung der Friedrich-Ebert-Stiftung Die Abteilung Analyse, Planung und Beratung der Friedrich-Ebert-Stiftung versteht sich als Zukunftsradar und Ideenschmiede der Sozialen Demokratie. Sie verknüpft Analyse und Diskussion. Die Abteilung bringt Expertise aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik zusammen. Ihr Ziel ist es, politische und gewerkschaftliche Entscheidungsträger_innen zu aktuellen und zukünftigen Herausforderungen zu beraten und progressive Impulse in die gesellschaftspolitische Debatte einzubringen. FES diskurs FES diskurse sind umfangreiche Analysen zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Auf Grundlage von empirischen Erkenntnissen sprechen sie wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen für die Politik aus. Über die Autor_innen Achim Goerres ist Professor für Empirische Politikwissenschaft und Mitglied des Interdisziplinären Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung(InZentIM) an der Universität Duisburg-Essen. Er leitet die Immigrant German Election Study mit Dennis C. Spies(bis 2021) und Sabrina J. Mayer. Sabrina J. Mayer ist Professorin für Politische Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und Senior Research Fellow am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung(DeZIM). Von 2019 bis 2022 hat sie dort leitend das DeZIM.panel konzipiert. Seit 2021 leitet sie mit Achim Goerres die Immigrant German Election Study II. Philipp Hoffmann ist Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Soziologie der Otto-FriedrichUniversität Bamberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die politische Involvierung von Immigrant_innen und der Vergleich politischer Einstellungen von Immigrant_innen und der Mehrheitsbevölkerung. Manuel Diaz Garcia ist Mitarbeiter an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Universität Duisburg-Essen. Er forscht zu politischen Einstellungen, politischem Verhalten und der Repräsentation von Menschen mit Migrationsgeschichte. Für diese Publikation ist in der FES verantwortlich Annika Arnold, Referentin für Empirische Sozial- und Trendforschung im Referat Analyse und Planung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Achim Goerres, Sabrina J. Mayer, Philipp Hoffmann, Manuel Diaz Garcia Politische Einstellungen und Präferenzen von Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte in Deutschland INHALT 1 WARUM SIND DIE POLITISCHEN EINSTELLUNGEN VON MENSCHEN MIT 2 FAMILIÄRER MIGRATIONSGESCHICHTE WICHTIG? 2 METHODISCHES VORGEHEN 4 3 WIE STARK SIND POPULISTISCHE EINSTELLUNGEN UNTER MENSCHEN 6 MIT FAMILIÄRER MIGRATIONSGESCHICHTE? 4 SIND MENSCHEN MIT FAMILIÄRER MIGRATIONSGESCHICHTE BESONDERS 9 AFFEKTIV POLARISIERT? 5 WIE STEHEN MENSCHEN MIT FAMILIÄRER MIGRATIONSGESCHICHTE 12 ZU DEN POLITISCHEN INSTITUTIONEN IN DEUTSCHLAND? 6 WELCHE PARTEIEN HABEN DAS GRÖSSTE WAHLPOTENZIAL BEI 14 MENSCHEN MIT FAMILIÄRER MIGRATIONSGESCHICHTE? 7 HANDLUNGS- UND FORSCHUNGSEMPFEHLUNGEN 16 ANHANG 17 ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS 21 LITERATURVERZEICHNIS 21 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 1 1 WARUM SIND DIE POLITISCHEN EINSTELLUNGEN VON MENSCHEN MIT FAMILIÄRER MIGRATIONSGESCHICHTE WICHTIG? Kaum eine Entwicklung hat die deutsche Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten so sehr verändert wie die Zunahme der Zahl von Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte. 1 Im Jahr 2022 lebten in Deutschland rund 20,2 Millionen Menschen, die entweder selbst zugewandert waren oder mindestens einen Elternteil besaßen, der zugewandert war(Destatis 2023). Im Jahr 2005 waren es noch ungefähr 14 Millionen Menschen mit einer familiären Migrationsgeschichte in Deutschland gewesen(Bundeszentrale für politische Bildung 2021). Vor allem ausgelöst durch den Bürgerkrieg in Syrien sowie den Krieg in der Ukraine und die gezielte Anwerbung von Arbeitnehmer_innen wird die Zahl von Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte in den nächsten Jahren weiter steigen. Dieser Anstieg wird, zusammen mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, bedeutende Auswirkungen auf die politische Landschaft Deutschlands haben. Am 27.6.2024 trat das Gesetz zur Modernisierung des Staatsangehörigkeitsrechts in Kraft, das die Hürden zur Einbürgerung senkt und Menschen eine Naturalisierung schon nach einer kürzeren Aufenthaltsdauer von fünf beziehungsweise drei Jahren erlaubt. Außerdem soll generell eine doppelte Staatsbürgerschaft möglich sein, um viele Menschen nicht mehr zur Aufgabe eines zentralen Teils ihrer Identität zu zwingen. Demnach wird die Anzahl der Wahlberechtigten mit familiärer Migrationsgeschichte weiter zunehmen und ihre Einstellungen und Präferenzen werden bei der Auswertung von Wahlergebnissen immer wichtiger. Bei der letzten Bundestagswahl 2021 waren bereits 7,9 Millionen Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte wahlberechtigt. Das entspricht rund 13 Prozent aller Wahlberechtigten(Destatis 2021). Wir beobachten einen stetigen Aufwärtstrend: Durften 2005 noch knapp 4,8 Millionen Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte wählen, wuchs diese Zahl bis zur Bundestagswahl 2017 auf ungefähr 6,1 Millionen an(Mayer et al. 2021). Nie zuvor war der Anteil an Wähler_innen mit Migrationsgeschichte so groß wie heute. Dadurch wird diese Gruppe auch für politische Parteien immer relevanter, da sie sich mit ihren Mobilisierungspotenzialen unter Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte auseinandersetzen müssen. Dennoch ist bei der Betrachtung ihrer politischen Einstellungen und ihres Verhaltens große Vorsicht geboten. Glossar zentraler Begriffe •  Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte: erste, zweite oder dritte Einwanderungsgeneration •  Erste Einwanderungsgeneration: Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland migriert sind = Einwander_innen •  Zweite Einwanderungsgeneration: Menschen, die in Deutschland geboren sind und mindestens einen Elternteil haben, der nach Deutschland migriert ist = die Kinder von Einwander_innen •  Dritte Einwanderungsgeneration: Menschen, die selbst und deren Eltern in Deutschland geboren sind und mindestens einen Großelternteil haben, der nach Deutschland migriert ist= die Enkel kinder von Einwander_innen Einwander_innen und ihre Nachkommen sind eine sehr heterogene Gruppe. Unter den Wahlberechtigten machen selbst die großen und medial viel diskutierten Gruppen der Russlanddeutschen und türkeistämmigen Deutschen weniger als die Hälfte aller Wähler_innen mit familiärer Migrationsgeschichte aus. Und auch innerhalb der Gruppen gibt es große Unterschiede bezüglich politischer Einstellungen. Wir versuchen uns dem Verständnis dieser Heterogenität anzunähern, warnen allerdings vor zu pauschalen Aussagen. Schlussendlich sprechen wir über Individuen, deren politische Einstellungen von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst werden, und die Erfahrung einer familiären Migrationsgeschichte ist nur einer davon. Trotz langfristig zu erwartender Assimilationsprozesse wissen wir aus bisherigen Studien, dass sich die politischen Präferenzen und Einstellungen von Menschen mit und solchen ohne Migrationsgeschichte teils erheblich unterscheiden(Bird et al. 2011; Heath et al. 2013; Mayer et al. 2021). Bei genauerer Betrachtung scheint es vor allem Unterschiede je nach Einwanderungsgeneration zu geben: Menschen, die selbst migriert sind, unterscheiden sich am stärksten von der Mehrheitsbevölkerung, das heißt den Menschen ohne familiäre Migrationsgeschichte. Die nachfolgenden Generationen, deren Eltern oder Großeltern mi1  Wir verwenden den Begriff„Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte“, da er die Bedeutung der Migrationserfahrung innerhalb einer Familie auch für die Nachkommen von Einwander_innen berücksichtigt. 2 EINSTELLUNGEN VON MENSCHEN MIT MIGRATIONSGESCHICHTE IN DEUTSCHLAND  SEPTEMBER  2024  FES diskurs griert sind, gleichen sich hingegen immer mehr der Mehrheitsbevölkerung an(Heckmann 2015; Schmidt-Catran/ Careja 2017) – wir können von einer„Normalisierung“ sprechen. Wichtig ist hier, dass eine Einwanderungsgeneration kein beeinflussendes Merkmal sein muss. Unterschiede zwischen Einwanderungsgenerationen können sich auf unterschiedliche Erfahrungen und Lebensrealitäten zurückführen lassen, die ausschlaggebend für die Entwicklung politischer Einstellungen sind. Beispiele hierfür können sein: ein unterschiedliches Interesse an der Politik in Deutschland, das Aufwachsen im politischen System der Bundesrepublik und das damit einhergehende Verständnis von Zusammenhängen oder die zunehmende Identifikation mit Deutschland. Vor diesem Hintergrund beschäftigen wir uns mit den politischen Einstellungen und Präferenzen von Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte in Deutschland. Wir konzentrieren uns dabei sowohl auf einen Vergleich mit der Mehrheitsbevölkerung als auch auf mögliche Anpassungen der nachfolgenden Generationen an die Mehrheitsbevölkerung und Unterschiede zwischen den Einwanderungsgenerationen. Vier konkrete Themenbereiche stehen im Vordergrund und strukturieren den Bericht: •  Populistische Einstellungen: Bewertungen eines Ge gensatzes zwischen dem„reinen Volk und den korru pten Eliten“ •  Affektive politische Polarisierung: das Ausmaß, in dem Menschen große Unterschiede zwischen Personen anderer politischer Meinungen machen •  Beziehung zwischen Individuum und Staat: das Aus maß, in dem Menschen verschiedenen Institutionen des politischen Systems vertrauen •  Parteipräferenzen: Bereitschaft, in Zukunft eine be stimmte Partei zu wählen FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 3 2 METHODISCHES VORGEHEN Für diesen Bericht nutzen wir Umfragedaten des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung(DeZIM). Dabei greifen wir auf die erste Welle des DeZIM.panels zurück(Dollmann et al. 2023). Das DeZIM. panel ist ein offline und nach dem Zufallsprinzip rekrutiertes Online-Access-Panel für die deutsche Wohnbevölkerung im Alter von 18 bis 70 Jahren. Der Datensatz enthält sowohl befragte Personen mit als auch solche ohne familiäre Migrationsgeschichte. Dabei ist die Gruppe der Menschen mit familiärer Einwanderungsgeschichte überrepräsentiert, sodass für statistische Analysen mehr Fälle zur Verfügung stehen als bei anderen Standardbefragungen der Wahlforschung. Überrepräsentiert sind insbesondere Menschen aus der Türkei, aus anderen mehrheitlich muslimischen Ländern, aus Staaten, mit denen Westdeutschland zwischen 1955 und 1973 Anwerbeabkommen geschlossen hatte(sogenannte Gastarbeiter_innen), aus der ehemaligen UdSSR und Rumänien(sogenannte Spätaussiedler_innen) sowie jeweils die Nachkommen dieser Menschen. Verteilung der Bevölkerungsgruppen, Einwanderungsgenerationen und Herkunftsländer im Datensatz Abb. 1 Bevölkerungsgruppe (n=3.677) Einwanderungsgeneration (n=1.541) 14 Dritte Generation 57 Mehrheitsbevölkerung % 43 Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte 53 Erste Generation % Herkunftsland (n=3.677) 5 Andere 9 Restliches Europa 32 Zweite Generation 57 Deutschland QUELLE: eigene Darstellung. % 15 Osteuropa 7 Mehrheitlich muslimisch 7 Türkei 4 EINSTELLUNGEN VON MENSCHEN MIT MIGRATIONSGESCHICHTE IN DEUTSCHLAND  SEPTEMBER  2024  FES diskurs Die von uns ausgewertete Befragung fand zwischen November 2021 und März 2022 online statt und stellt uns Informationen über 3.677 befragte Personen zur Verfügung. Abbildung 1 zeigt die Verteilung der Mehrheitsbevölkerung, von Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte sowie den einzelnen Einwanderungsgenerationen im Datensatz. Insgesamt sind im Datensatz 2.083 Personen der Mehrheitsbevölkerung und 1.594 mit familiärer Migrationsgeschichte vertreten. Von 1.541 Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte können wir die Einwanderungsgeneration bestimmen. Den größten Anteil hat dabei die erste Generation, die rund 53 Prozent aller befragten Personen mit Migrationsgeschichte ausmacht. Die zweite (32 Prozent) und dritte(14 Prozent) Generation sind dagegen in geringerem Ausmaß im Datensatz vertreten. In der Gruppe der Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte sind sowohl Individuen mit als auch solche ohne deutsche Staatsbürgerschaft vertreten. Darüber hinaus lassen sich die Personen im DeZIM.panel nach Herkunftsländern gruppieren. Neben den 57 Prozent der Individuen, die der Mehrheitsbevölkerung angehören, sind außerdem Menschen mit Wurzeln in der Türkei(7 Prozent), anderen mehrheitlich muslimischen Ländern(7 Prozent), Osteuropa (15 Prozent), anderen europäischen Ländern(9 Prozent) und anderen Ländern außerhalb Europas(5 Prozent) vertreten. Für unsere Analysen gehen wir in drei Schritten vor. Erstens weisen wir für die vier Themenschwerpunkte jeweils einfache Verteilungen nach Migrations- und Generationenstatus mittels Boxplots 2 aus. Zweitens analysieren wir in einfachen Regressionen, ob Migrations- und Generationenstatus einen statistisch signifikanten Zusammenhang mit den zugrunde liegenden Themenbereichen aufweisen. Als Letztes interpretieren wir für ausgewählte Fragestellungen multivariate Regressionen, um für mögliche weitere Einflussfaktoren zu kontrollieren. In allen Analysen gewichten wir mithilfe des im Datensatz enthaltenen adjustierten Designgewichts, das unterschiedliche Auswahlwahrscheinlichkeiten aufgrund des Stichprobendesigns berücksichtigt. 3 Für die unterschiedlichen thematischen Bereiche analysieren wir vier abhängige Variablen, die im Folgenden beschrieben werden. Mit Blick auf populistische Einstellungen und affektive politische Polarisierung erstellen wir Mittelwertindizes auf Basis von sechs beziehungsweise drei Aussagen 4 (genaue Fragetexte siehe Anhang). Der Wertebereich der Indizes geht jeweils von 1„keine populistischen Einstellungen“ beziehungsweise„schwache affektive politische Polarisierung“ bis 5„starke populistische Einstellungen“ beziehungsweise„starke affektive politische Polarisierung“. Bei der Beziehung zwischen Individuum und Staat konzentrieren wir uns auf das Vertrauen in die Bundesregierung und den Bundestag(jeweils von 1„vertraue ich überhaupt nicht“ bis 11„vertraue ich voll und ganz“) und erstellen hieraus einen Mittelwertindex als Maßzahl für das politische Vertrauen. Die Parteipräferenzen beziehen sich auf die Wahrscheinlichkeit, jemals eine der im Bundestag vertretenen Parteien zu wählen(1„würde ich niemals wählen“ bis 11„würde ich immer wählen“). 2  Boxplots stellen eine kurze visuelle Zusammenfassung der Variabilität von Werten im Datensatz bereit. Sie zeigen den Mittelwert(Karo), den Medianwert(durchgezogene schwarze Linie), die oberen und unteren Quartile(jeweils die Enden der Boxen), Minimal- und Maximalwerte sowie die Ausreißer(Punkte außerhalb des Boxplots). 3  Für weitere Details zur Gewichtung der DeZIM.panel-Daten empfehlen wir den Methoden- und Datenbericht zur ersten Befragungswelle (Lietz et al. 2023). 4  Cronbachs α für populistische Einstellungen liegt bei 0,8, für affektive politische Polarisierung bei 0,7. Für politisches Vertrauen liegt Cronbachs α bei 0,9. Dies bedeutet, dass wir davon ausgehen können, dass die unterschiedlichen Fragen ein gemeinsames unterliegendes Konstrukt messen. Die Skala von Cronbachs α geht von 0 bis 1 und Werte ab 0,7 können nach wissenschaftlichen Standards so interpretiert werden, dass das Konstrukt misst, was es messen soll. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 5 3 WIE STARK SIND POPULISTISCHE EINSTELLUNGEN UNTER MENSCHEN MIT FAMILIÄRER MIGRATIONSGESCHICHTE? Populismus und die bei Individuen zugrunde liegenden populistischen Einstellungen haben in den letzten Jahren insbesondere aufgrund der Erfolge populistischer Parteien bei Wahlen in westlichen Demokratien auf allen Ebenen an Bedeutung gewonnen. Ein gängiges Verständnis von Populismus definiert ihn als Ideologie, die die Gesellschaft in zwei homogene Gruppen spaltet:„das reine Volk“ und„die korrupte Elite“. Dabei sei es Aufgabe der Politik, den Willen des Volkes zu vertreten(Mudde 2004: 543). Unter einer korrupten Elite können unter anderem Politiker_innen und ihre Parteien oder die Medien verstanden werden(Canovan 1981; Akkerman et al. 2014). Populistische Einstellungen vereinen diese Dimensionen und betonen die Souveränität des Volkes sowie einen radikalen Dualismus zwischen Eliten und Volk(Akkerman et al. 2014). These 1.1: Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte weisen im Schnitt stärkere populistische Einstellungen als die Mehrheitsbevölkerung auf. Individuen mit einer familiären Migrationsgeschichte haben oftmals andere Erwartungen an die Politik als die Mehrheitsbevölkerung. Allerdings sind diese Erwartungen im politischen Betrieb häufig unterrepräsentiert(Agarin 2013). Darüber hinaus sind Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte oftmals das Ziel negativer Äußerungen und negativen Verhaltens von Politiker_innen. Andere Faktoren wie Diskriminierungserfahrungen können zusätzlich zu einer größeren politischen Unzufriedenheit innerhalb der Gruppe führen(Heath et al. 2013). Da Populismus insbesondere politisch unzufriedene Menschen anspricht(Canovan 1981; Mudde 2004), ist es denkbar, dass Menschen mit einer familiären Migrationsgeschichte stärkere populistische Einstellungen aufweisen. Abbildung 2 zeigt die Verteilung populistischer Einstellungen unter den befragten Personen. Wir sehen auf der linken Seite, dass Menschen mit einer familiären Migrationsgeschichte stärkere populistische Einstellungen aufweisen als die Mehrheitsbevölkerung(circa 3,4 gegenüber 3,2). 5 Diese Differenz zeigt sich auch bei einer einfachen Regression in Abbildung 3. Der positive Koeffizient für Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte bedeutet, dass diese Menschen im Durchschnitt 0,2 Punkte höher auf unserer Populismusskala angesiedelt sind als die Mehrheitsbevölkerung. Dieser Unterschied ist statistisch signifikant, das heißt, es ist sehr unwahrscheinlich, ihn allein aufgrund von Zufall vorzufinden. 6 These 1.2: Die nachfolgenden Einwanderungsgenerationen(zweite und dritte Generation) weisen im Schnitt stärkere populistische Einstellungen als die erste Generation auf. Für die Unterschiede zwischen den Einwanderungsgenerationen können vielfältige Ursachen vorliegen. Zum einen haben Menschen der ersten Einwanderungsgeneration aufgrund ihrer expliziten Migrationserfahrung häufig andere – meist niedrigere – Erwartungen an das politische System des Aufnahmelands. Daher hat diese Generation oftmals mehr politisches Vertrauen und ist mit der Demokratie zufriedener(Maxwell 2010). Das könnte sie für populistische Einstellungen weniger empfänglich machen. Zum anderen gleichen sich die nachfolgenden Generationen, unter anderem aufgrund von Assimilationstendenzen, an die Mehrheitsbevölkerung an(Alba/Nee 1997; Gordon 1964; Portes/Zhou 1993). Dies bedeutet, dass sie unzufriedener sein könnten, was wiederum durch eine stärkere Wahrnehmung von unter anderem Diskriminierungserfahrungen intensiviert wird(Goerres et al. 2022). Einen solchen Zusammenhang können wir in den Daten allerdings nicht beobachten. Die untere Hälfte von Abbildung 2 verdeutlicht, dass die dritte Generation im Mittel die geringsten populistischen Einstellungen besitzt(3,2 gegenüber knapp 3,4 bei den anderen beiden Generationen). Damit liegt die dritte Generation auf Augenhöhe mit Menschen ohne familiäre Migrationsgeschichte. Abbildung 3 unterstützt diese Beobachtung. Im Vergleich zur ersten Einwanderungsgeneration finden wir unter Menschen der dritten Generation schwächere populistische Einstellungen. Im Schnitt liegen Menschen der dritten Generation auf der Populismusskala 0,2 Skalenpunkte niedriger als die erste Generation. Auch die zweite Generation weist schwächere 5  Bei den Vergleichen von Mittelwerten ist zu beachten, dass die Aussagekraft beschränkt ist, da hier nur vermittelt werden kann, wie hoch oder niedrig ein Messwert ist. Zusammenhänge oder Einflüsse können damit nicht abgebildet werden. Geringe Unterschiede in den Mittelwer ten lassen eine inhaltliche Interpretation nur bedingt zu. 6  Technische Erläuterung: Wenn wir von statistisch signifikanten Ergebnissen sprechen, dann legen wir eine Irrtumswahrscheinlichkeit von 5 Prozent zugrunde. Dies ist eine konventionelle, in der Politikwissenschaft übliche Grenze. Sie beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass die Nullhypothese fälschlicherweise abgelehnt wird. Sie ist ein Ergebnis daraus, dass wir mit Stichproben aus einer Bevölkerung arbeiten und nicht alle Menschen in Deutschland befragen können. In unserem Fall bedeutet dies, dass eine fünfprozentige Wahrscheinlichkeit bestehen bleibt, dass wir glauben, dass Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte stärkere populistische Einstellungen aufweisen, obwohl sie dies in der tatsächlichen Bevölkerung gar nicht tun. 6 EINSTELLUNGEN VON MENSCHEN MIT MIGRATIONSGESCHICHTE IN DEUTSCHLAND  SEPTEMBER  2024  FES diskurs Verteilung des Index für populistische Einstellungen nach Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration Populistische Einstellungen nach Bevölkerungsgruppe Mehrheitsbevölkerung Median Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte 1 2 3 4 Populistische Einstellungen nach Einwanderungsgeneration inklusive gestrichelter Linie für den Vergleichsmittelwert der Mehrheitsbevölkerung Median Erste Generation Zweite Generation Dritte Generation 1 2 3 4 QUELLE: eigene Darstellung. populistische Einstellungen als die erste auf. Allerdings ist dieser Unterschied geringer und auch nicht statistisch signifikant. Es ist sehr gut möglich, dass hier sogenannte Kompositionseffekte vorliegen, das heißt, die zugrunde liegenden Merkmale der Generationsgruppen fallen sehr unterschiedlich aus. Die Zusammensetzung der dritten Generation könnte bezüglich anderer entscheidender Variablen, wie zum Beispiel des Alters, sehr heterogen sein. Der beobachtete Zusammenhang käme dann aufgrund der besonderen Komposition der Gruppe zustande. Bezieht man die Herkunft in die Betrachtung mit ein, so besitzen Individuen aus der Türkei, anderen mehrheitlich muslimischen Ländern sowie Osteuropa geringfügig stärkere populistische Einstellungen als Personen mit dem Herkunftsland Deutschland(Abbildungen 10 und 11 im Anhang). Eine erste Erklärung für diese Unterschiede mag sein, dass die populistischen Einstellungen mit den dort oftmals weniger demokratischen politischen Regimen zusammenhängen. Genaue Aussagen zu diesen Zusammenhängen sind auf Basis der aktuellen Daten allerdings nicht möglich. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Abb. 2 5 5 7 Einfache Regressionen für den Einfluss von Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration auf populistische Einstellungen Koeffizient Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte(Referenz: Mehrheitsbevölkerung) Zweite Generation (Referenz: erste Generation) Dritte Generation (Referenz: erste Generation) –0,5 –0,3 –0,1 0,1 0,2 QUELLE: eigene Darstellung. Abb. 3 0,5 8 EINSTELLUNGEN VON MENSCHEN MIT MIGRATIONSGESCHICHTE IN DEUTSCHLAND  SEPTEMBER  2024  FES diskurs 4 SIND MENSCHEN MIT FAMILIÄRER MIGRATIONSGESCHICHTE BESONDERS AFFEKTIV POLARISIERT? Mit affektiver politischer Polarisierung bezeichnet die politikwissenschaftliche Forschung das Ausmaß an Zuneigung zu Anhänger_innen der eigenen oder anderen politischen Parteien oder zu Personen mit denselben oder anderen Meinungen beziehungsweise das Ausmaß der Abneigung gegen sie(Iyengar et al. 2019; Wagner 2024). Das aus den USA stammende Konzept hat seinen Ursprung in der Beobachtung von immer stärker emotional negativ aufgeladenen politischen Diskussionen sowohl in der politischen Elite als auch in der Bevölkerung(Iyengar/Westwood 2015). Obwohl die affektive Polarisierung der Gesellschaft immer mehr in den Mittelpunkt der öffentlichen und politikwissenschaftlichen Debatte rückt, ist sie für Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte bisher kaum untersucht. These 2.1: Die affektive politische Polarisierung fällt bei Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte im Schnitt schwächer aus als bei der Mehrheitsbevölkerung. Zunächst betrachten wir die Unterschiede in der affektiven politischen Polarisierung zwischen der Mehrheitsbevölkerung und Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte. Wir können erwarten, dass die affektive Polarisierung bei der Mehrheitsbevölkerung stärker ausgeprägt ist, da Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte zum einen seltener parteipolitisch gebunden sind und zum anderen in ihren Alltagserfahrungen durch Diskriminierung bereits häufiger mit der Unterscheidung von der Mehrheitsbevölkerung konfrontiert sind. Sie sollten daher eine geringere Wahrscheinlichkeit haben, die politische Sphäre als Anker für die soziale Unterscheidung zu nutzen. In der oberen Hälfte von Abbildung 4 ist die Verteilung affektiver politischer Polarisierung abgebildet. Der Befund entspricht der oben formulierten These: Der Mittelwert in der Gruppe der Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte(2,7) ist geringer als in der Mehrheitsbevölkerung (2,8). Dies scheint ein erstes Indiz zu sein, dass die politische Sphäre für die Mehrheitsbevölkerung eine wichtigere Rolle für die soziale Unterscheidung von anderen darstellt. These 2.2: Die affektive politische Polarisierung fällt bei der zweiten und dritten Einwanderungsgeneration im Schnitt stärker aus als bei der ersten Generation. Es gibt zwei Gründe für die Annahme, dass es Unterschiede zwischen den Einwanderungsgenerationen bezüglich der affektiven politischen Polarisierung gibt. Erstens können wir davon ausgehen, dass vor allem die erste Generation in ihrem Alltag mit der Unterscheidung von der Mehrheitsbevölkerung konfrontiert wird. Kulturelle und sprachliche Unterschiede können hier beispielsweise eine größere Rolle spielen als bei späteren Generationen, die bereits in Deutschland geboren sind. Die zweite und dritte Migrationsgeneration werden bereits in das politische System Deutschlands sozialisiert und können daher eher geneigt sein, die politische Sphäre zur Unterscheidung zu nutzen. Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit von Parteibindungen in diesen Generationen. Wir können also erwarten, dass die erste Generation eine geringere affektive politische Polarisierung aufweist, während sich die zweite und dritte Generation stärker der Mehrheitsbevölkerung annähern und sich bei ihnen eine Normalisierung auf dem Niveau der Mehrheitsbevölkerung einstellt. Die untere Hälfte von Abbildung 4 zeigt, dass die erste Generation(2,6) eine geringere affektive politische Polarisierung als die Mehrheitsbevölkerung(2,8) aufweist, die mit der gestrichelten grauen Linie dargestellt ist. Interessant ist darüber hinaus, dass die Mittelwerte der zweiten und dritten Generation(jeweils 2,9) leicht über dem Mittelwert der Mehrheitsbevölkerung liegen. Die Unterschiede zwischen der ersten Generation und den späteren Generationen sind dabei statistisch signifikant. Die zweite und dritte Generation scheinen sich in ihrer affektiven Polarisierung nicht voneinander zu unterscheiden. Einfache lineare Regressionen(siehe Abbildung 5) unterstützen die Beobachtung aus den Boxplots. Bezieht man die Herkunftsländer in die Betrachtung mit ein, gibt es kaum Unterschiede in der affektiven politischen Polarisierung(Abbildungen 12 und 13 im Anhang). Dennoch bleibt die Frage, ob sich dieser Unterschied zwischen der ersten und den späteren Generationen wirklich mit Unterschieden in den Generationen erklären lässt oder nicht doch mit unbeobachteten soziodemografischen Faktoren wie Alter oder Einkommen. In Abbildung 6 sind die Unterschiede zwischen den Einwanderungsgenerationen in ihrer affektiven politischen Polarisierung unter Berücksichtigung potenzieller Zusammenhänge mit anderen soziodemografischen Merkmalen abgebildet. Es ist denkbar, dass sich die Einwanderungsgenerationen stark danach unterscheiden, wie viele Menschen in dieser Gruppe die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Sollte nun der Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft ausschlaggebend für die affektive Polarisierung sein, wären wir auf der falschen Fährte, wenn wir diese nicht berücksichtigen. In Abbildung 6 wird für die Einflussfaktoren Geschlecht, Alter, Einkommen, Aufenthaltsdauer in Deutschland und Staatsbürgerschaft kontrolliert. Aus Gründen der FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 9 Verteilung des Index für affektive politische Polarisierung nach Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration Affektive Polarisierung nach Bevölkerungsgruppe Mehrheitsbevölkerung Median Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte 1 2 3 4 Affektive Polarisierung nach Einwanderungsgeneration inklusive gestrichelter Linie für den Vergleichsmittelwert der Mehrheitsbevölkerung Median Erste Generation Zweite Generation Dritte Generation 1 2 3 4 QUELLE: eigene Darstellung. Abb. 4 5 5 Einfache Regressionen für den Einfluss von Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration auf affektive politische Polarisierung Koeffizient Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte(Referenz: Mehrheitsbevölkerung) Abb. 5 Zweite Generation (Referenz: erste Generation) Dritte Generation (Referenz: erste Generation) –0,5 –0,3 –0,1 0,1 QUELLE: eigene Darstellung. 0,2 0,5 10 EINSTELLUNGEN VON MENSCHEN MIT MIGRATIONSGESCHICHTE IN DEUTSCHLAND  SEPTEMBER  2024  FES diskurs Multivariate Regression für den Einfluss der Einwanderungsgeneration auf affektive politische Polarisierung, mit Darstellung der wichtigsten Kontrollvariablen Koeffizient Zweite Generation (Referenz: erste Generation) Dritte Generation (Referenz: erste Generation) Geschlecht: Mann (Referenz: Frau) Aufenthaltsdauer 42–66 Jahre (Referenz 0 –11 Jahre) Aufenthaltsdauer 32–41 Jahre (Referenz 0 –11 Jahre) Aufenthaltsdauer 22–31 Jahre (Referenz 0 –11 Jahre) Aufenthaltsdauer 12–21 Jahre (Referenz 0 –11 Jahre) Deutsche Staatsbürgerschaft (Referenz: nein) –0,5 –0,3 –0,1 0,1 0,2 QUELLE: eigene Darstellung. Abb. 6 0,5 Übersichtlichkeit stellen wir ausschließlich die Effekte der Einwanderungsgeneration, des Geschlechts, der Aufenthaltsdauer in Deutschland und des Besitzes der deutschen Staatsbürgerschaft dar. Die Ergebnisse halten auch diesem strengeren Test stand. Beide Koeffizienten für die Einwanderungsgenerationen sind signifikant von null verschieden und deuten damit auf eine höhere affektive Polarisierung in der zweiten und dritten Generation hin. Für die anderen Einflussfaktoren finden wir keine statistisch signifikanten Zusammenhänge. Wie bereits erwähnt, lässt sich dieses Ergebnis vor allem durch zwei Mechanismen erklären. Zum einen haben nachfolgende Generationen eine höhere Wahrscheinlichkeit,(stärkere) Parteibindungen herauszubilden. Zum anderen sind Menschen der ersten Generation noch stärker von Diskriminierungserfahrungen und der Unterscheidung von der Mehrheitsbevölkerung betroffen. Das kann die Wahrscheinlichkeit verringern, dass sie die politische Sphäre als Kategorie sozialer Unterscheidung nutzen. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 11 5 WIE STEHEN MENSCHEN MIT FAMILIÄRER MIGRATIONSGESCHICHTE ZU DEN POLITISCHEN INSTITUTIONEN IN DEUTSCHLAND? Wir wenden den Blick zu politischem Vertrauen. Dem politischen Vertrauen unter Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte und ethnischen Minderheiten wurde in den vergangenen Jahren eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, da es eine wichtige Verbindung zwischen Bürger_ innen und Staat darstellt. Für Menschen mit familiärer Migrationserfahrung wurde lange eine höhere Wahrscheinlichkeit vermutet, sich vom politischen System und den etablierten Parteien abzuwenden. Eine Abkehr von etablierter Politik könnte eine Gefahr für die demokratische Ordnung darstellen, da unzufriedene Menschen und Menschen mit geringerem politischem Vertrauen eher zu Verhalten neigen, das die Demokratie gefährdet(Maxwell 2013). Wir wissen bereits aus der bisherigen Forschung, dass Menschen der ersten Generation politischen Institutionen mehr Vertrauen entgegenbringen, während spätere Generationen sich den Einstellungen der Mehrheitsbevölkerung anpassen(Maxwell 2010; Röder/Mühlau 2012). Erklärt wird dies mit geringeren Erwartungen an das politische System bei selbst Zugewanderten, die zuvor weniger positive Erfahrungen mit politischen Institutionen im Herkunftsland gemacht haben. Mit längerer Aufenthaltsdauer Verteilung des Index für politisches Vertrauen nach Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration Politisches Vertrauen nach Bevölkerungsgruppe Mehrheitsbevölkerung Median Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte 1 3 5 7 Politisches Vertrauen nach Einwanderungsgeneration inklusive gestrichelter Linie für den Vergleichsmittelwert der Mehrheitsbevölkerung Erste Generation 9 Median Zweite Generation Dritte Generation 1 3 5 7 9 QUELLE: eigene Darstellung. Abb. 7 11 11 12 EINSTELLUNGEN VON MENSCHEN MIT MIGRATIONSGESCHICHTE IN DEUTSCHLAND  SEPTEMBER  2024  FES diskurs und bei späteren Generationen nähern sich diese Erwartungen denen der Mehrheitsbevölkerung an, da die Erfahrungen aus dem Herkunftsland als Referenzrahmen für die politischen Einstellungen an Prägekraft verlieren. These 3.1: Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte und die Mehrheitsbevölkerung zeigen keine nennenswerten Unterschiede im politischen Vertrauen. Abbildung 7 zeigt in der oberen Hälfte zwei Boxplots für die Verteilung von politischem Vertrauen in der Mehrheitsbevölkerung und in der Gruppe der Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte. Ein Blick auf die Mittelwerte verrät, dass es einen Unterschied zwischen der Mehrheitsbevölkerung(7,5) und der Bevölkerung mit familiärer Migrationsgeschichte(7,6) gibt. Nach der Betrachtung einer einfachen linearen Regression in Abbildung 8 bleibt dieser ursprüngliche Unterschied allerdings nicht bestehen. Zwar ist der Zusammenhang weiterhin positiv, doch der Unterschied ist zu gering, um statistisch signifikant zu sein. These 3.2: Die zweite und dritte Einwanderungsgeneration haben im Schnitt ein geringeres politisches Vertrauen als die erste. Nachfolgend betrachten wir die Unterschiede zwischen den Einwanderungsgenerationen in ihrem politischen Vertrauen. In Abbildung 7 sehen wir, dass die erste Generation ein höheres politisches Vertrauen aufweist als die späteren. Sie kommt auf einen Mittelwert von 8,0. In der zweiten Generation ist dieser deutlich geringer bei 7,2. Bei den Menschen der dritten Generation zeigt sich ein leichter Anstieg im politischen Vertrauen verglichen mit der zweiten Generation und der Mittelwert liegt bei 7,4. Im Kontrast zur Mehrheitsbevölkerung mit einem Mittelwert von 7,5 finden wir Unterstützung für die Erwartung einer Normalisierung des Vertrauens. Die erste Generation besitzt die größte positive Abweichung von der Mehrheitsbevölkerung, während die zweite eine geringere, negative Abweichung von der Mehrheitsbevölkerung aufweist. Die dritte Generation hingegen besitzt fast dasselbe Niveau an politischem Vertrauen wie die Mehrheitsbevölkerung. Diese Zusammenhänge finden sich auch in Abbildung 8 wieder. In einer einfacheren Regression weisen die zweite und dritte Generation ein geringeres politisches Vertrauen auf als die erste. Wir finden also auch im aktuellen deutschen Kontext einen Zusammenhang, der in der sozialwissenschaftlichen Forschung bereits gut dokumentiert ist. Vor allem die erste Generation scheint mehr Vertrauen in politische Institutionen zu haben. Dieser Befund wird in der Regel auf die geringeren Erwartungen an die Politik des Landes zurückgeführt. Darüber hinaus erkennen wir, dass es Prozesse der Annäherung des politischen Vertrauens an das Niveau der Mehrheitsbevölkerung in den späteren Generationen gibt. Diese lassen sich möglicherweise unter anderem durch politische Sozialisationsprozesse erklären. Außerdem weisen Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern ein höheres politisches Vertrauen auf, wenngleich Personen aus der(ebenfalls mehrheitlich muslimischen) Türkei ein geringeres politisches Vertrauen haben(Abbildungen 14 und 15 im Anhang). Möglicherweise besitzen Menschen aus der Türkei ein geringeres politisches Vertrauen, weil ihre Aufenthaltsdauer länger ist und sie sich daher der Mehrheitsbevölkerung mehr angeglichen haben. Einfache Regressionen für den Einfluss von Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration auf politisches Vertrauen Koeffizient Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte(Referenz: Mehrheitsbevölkerung) Zweite Generation (Referenz: erste Generation) Abb. 8 Dritte Generation (Referenz: erste Generation) QUELLE: eigene Darstellung. –1,2 –1,0 –0,8 –0,6 –0,4 –0,2 0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0 1,2 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 13 6 WELCHE PARTEIEN HABEN DAS GRÖSSTE WAHLPOTENZIAL BEI MENSCHEN MIT FAMILIÄRER MIGRATIONSGESCHICHTE? Die politische Integration von Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte ist eine zentrale Dimension von Integration im Allgemeinen(Heckmann 2015). Aufgrund der weiterhin wachsenden wahlberechtigten Bevölkerung mit Migrationsgeschichte werden die politischen Präferenzen dieser Individuen immer wichtiger. Dabei schlagen sie sich in einem der zentralen demokratischen Vorgänge nieder: der Parteienwahl. Welche Parteien Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte bevorzugen, ist zum einen ausschlaggebend für die Sitzverteilung in Parlamenten, die Entscheidungen für die gesamte Bevölkerung treffen. Zum anderen ist es für Parteien von Bedeutung, um Wahlpotenziale in dieser Gruppe zu erkennen. These 4.1: Linke Parteien haben im Schnitt ein größeres Wahlpotenzial unter Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte. Bisherige Studien zeigen, dass Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte überdurchschnittlich häufig Parteien links der politischen Mitte bevorzugen(zum Beispiel Bergh/Bjørklund 2010; Bird et al. 2011; Goerres et al. 2022; Heath et al. 2013; Lubbers et al. 2023; Mayer et al. 2021; Wüst 2004, 2011). Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen unter anderem in einem Zusammenhang zwischen den politischen Angeboten linker Parteien, den sozioökonomischen Hintergründen, der Sozialisierung im Aufnahmeland innerhalb von Gewerkschaften, kohärentem ethnischem Gruppenwählen oder diskriminierenden politischen Handlungen konservativer und rechter Parteien(Bergh/ Bjørklund 2010; Bird et al. 2011; Heath et al. 2013). Tabelle 1 unterscheidet erneut nach Mehrheitsbevölkerung und Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte. Die beiden Mitte-links-Parteien SPD und Grüne werden von Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte am stärksten präferiert mit einem Schnitt von 7,4 und 7,0. Dahinter landen die Unionsparteien mit durchschnittlichen Werten von 5,8 und die FDP mit 5,4, während die Linkspartei(4,9) und die AfD(1,9) am schlechtesten abschneiden. Allerdings bestehen für die Mittelwerte nur geringfügige Unterschiede zur Mehrheitsbevölkerung. Deutliche Unterschiede beobachten wir nur für die Linkspartei: Hier besitzen Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte einen um durchschnittlich 0,5 Punkte höheren Wert(siehe Abbildung 9). Möglich ist, dass das Angebot der Linkspartei vor allem mit Blick auf sozioökonomische politische Inhalte auf mehr Resonanz bei Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte stößt. These 4.2: Konservative Parteien haben im Schnitt ein größeres Wahlpotenzial unter der ersten Einwanderungsgeneration als unter der zweiten und dritten Generation. Mit Bezug auf die Wahlpotenziale ist ein Vergleich zwischen den Einwanderungsgenerationen vor allem deshalb spannend, weil wir in der ersten Generation von abweichenden Präferenzen ausgehen können. Dies hat insbesondere zwei Ursachen. Erstens kamen vor allem in den 1960er Jahren unter einer konservativen Bundesregierung Gastarbeiter_innen aus der Türkei. Zweitens erhielten Spätaussiedler_innen in den frühen 1990er Jahren eine Vorzugsbehandlung durch eine beschleunigte Einbürgerung und finanzielle Unterstützung seitens der konservativen Kohl-Regierung(Wüst 2004). Mit entsprechender Dankbarkeit ließe sich daher vor allem für die Gruppe der Russlanddeutschen eine weiterhin bestehende Präferenz für die Unionsparteien in der ersten Generation erklären. Von allen Parteien werden sowohl die SPD als auch die Grünen am stärksten von allen drei Generationen präferiert(siehe Tabelle 1). Unterschiede zwischen den Generationen sehen wir kaum. Dahinter folgen wiederum die Unionsparteien, die FDP sowie die Linkspartei und AfD. Der auffälligste Generationenunterschied besteht bei den Unionsparteien: Die erste Generation ist am ehesten gewillt, die CDU/CSU zu wählen. Diese Ergebnisse spiegeln sich auch in der einfachen Regression wider(Abbildung 9). Erkennbar ist, dass die erste Generation die Unionsparteien eher wählen würde als die zweite(die Differenz beträgt 1,1 Skalenpunkte). Gleichzeitig zeigt sich aber, dass die erste Generation die AfD statistisch signifikant stärker präferiert als die zweite. Man kann spekulieren, dass dies möglicherweise an den Russlanddeutschen innerhalb der ersten Generation liegt, die in der Vergangenheit eine stärkere Präferenz als andere Herkunftsgruppen für die AfD gezeigt haben(Spies et al. 2023). Ohne eine Untersuchung der genauen Zusammensetzung der ersten Generation (Anteile der Herkunftsländer) lässt sich dazu aber keine Aussage treffen. 14 EINSTELLUNGEN VON MENSCHEN MIT MIGRATIONSGESCHICHTE IN DEUTSCHLAND  SEPTEMBER  2024  FES diskurs Deskriptive Statistiken für die Wahlwahrscheinlichkeit nach Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration Abb. 6 Tab. 1 BEVÖLKERUNGSGRUPPE EINWANDERUNGSGENERATION Mehrheitsbevölkerung Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte Erste Generation Zweite Generation Dritte Generation Mittelwert Mittelwert Mittelwert Mittelwert Mittelwert (Standardabweichung)(Standardabweichung)(Standardabweichung)(Standardabweichung)(Standardabweichung) PTV: SPD 7,3(2,8) PTV: Grüne 7,2(3,4) 7,4(2,7) 7,0(3,4) 7,4(2,7) 6,8(3,2) 7,5(2,8) 7,0(3,4) 7,1(2,9) 7,4(3,5) PTV: 4,4(3,3) Linkspartei 4,9(3,3) 4,9(3,0) 4,9(3,3) 4,5(3,5) PTV: Union PTV: FDP PTV: AfD 5,8(3,4) 5,6(3,1) 1,7(2,1) 5,8(3,3) 5,4(3,0) 1,9(2,2) 6,5(3,0) 5,6(2,8) 2,1(2,5) 5,3(3,3) 5,3(3,0) 1,7(2,0) 5,5(3,3) 5,3(3,1) 1,8(2,2) QUELLE: eigene Darstellung. Gewichtete einfache Regressionen für den Einfluss von Bevölkerungs gruppe und Einwanderungsgeneration auf Parteipräferenzen Koeffizient Abb. 9 Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte(Referenz: Mehrheitsbevölkerung) Erste Generation (Referenz: zweite Generation) Dritte Generation (Referenz: zweite Generation) CDU/CSU QUELLE: eigene Darstellung. –1,6 –1,2 –0,8 –0,4 0,0 0,4 0,8 1,2 1,6 SPD Grüne FDP Die Linke AfD FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 15 7 HANDLUNGS- UND FORSCHUNGSEMPFEHLUNGEN Diese Analyse des DeZIM.panels konnte aufgrund zu kleiner Fallzahlen nicht für einzelne Gruppen in die Tiefe gehen. Der Wissensstand zu einzelnen Herkunftsgruppen in Deutschland ist sehr unterschiedlich und hängt maßgeblich mit deren Bedeutung und Größe zusammen. Über die traditionell großen Gruppen wie die der Russlanddeutschen und die der Türkeistämmigen gibt es eine ganze Reihe an Erkenntnissen(siehe beispielhaft Goerres et al. 2022; Spies et al. 2023). Über kleinere Gruppen mit familiärer Migrationsgeschichte ist unser Wissen jedoch sehr begrenzt. In den nächsten zehn Jahren wird es viele neue deutsche Staatsbürger_innen aus Herkunftsländern geben, aus denen in den vergangenen Jahren Menschen aus unterschiedlichen Gründen in großer Zahl nach Deutschland gekommen sind. Man denke beispielsweise an die, die vor dem Krieg in Syrien oder der Ukraine flüchten mussten. Anhand der Teilnehmendenzahlen von Einbürgerungskursen und anhand von Einbürgerungsstatistiken lässt sich sehr gut erahnen, dass es in naher Zukunft mehrere Hunderttausend syrienstämmige Deutsche geben wird. Über diese Gruppe wissen wir bisher nichts. Unterscheidet sie sich aufgrund ihrer besonderen Einwanderungsgeschichte von anderen Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte? Wie groß sind die Unterschiede zur Mehrheitsbevölkerung? Und wird sich wie für viele andere Gruppen auch ein Effekt der„Normalisierung“ politischer Einstellungen und politischen Verhaltens einstellen? All das sind Fragen, die in Zukunft sowohl auf der politischen als auch der wissenschaftlichen Agenda stehen werden. Darüber hinaus wirft diese Analyse einige weitere interessante Fragen auf. Menschen der ersten Einwanderungsgeneration weisen in unseren Berechnungen stärkere populistische Einstellungen als die nachfolgenden Generationen auf. Dabei ist bisher unklar, welche Aspekte von Populismus bei Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte besonderen Anklang finden. Auch bezüglich der affektiven politischen Polarisierung bleiben Fragen offen. Zwar scheint die erste Einwanderungsgeneration affektiv weniger politisch polarisiert zu sein als nachfolgende Generationen – die zugrunde liegenden Motive bleiben allerdings verborgen. Bei der Interpretation der Beliebtheit der CDU unter der ersten Einwanderungsgeneration ist zusätzliche Vorsicht geboten. Wir wissen nicht, ob dies ein tatsächliches Merkmal der ersten Generation ist oder ob es sich dabei um einen Kompositionseffekt handelt. Das Ergebnis könnte beispielsweise allein dadurch zustande kommen, dass Russlanddeutsche – die in Summe konservativere Einstellungen als viele andere Gruppen besitzen – innerhalb der ersten Generation überrepräsentiert sind. Abschließend halten wir fest, dass politische Parteien in Zukunft vor allem zwei Dinge brauchen. Zum einen benötigen sie ein übergreifendes Narrativ, eine Erzählung, die Neubürger_innen unabhängig von ihrer Herkunft anspricht. Zum anderen, und dies ist auch Aufgabe politikwissenschaftlicher Forschung, sind Parteien in der immer heterogener werdenden Gruppe der Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte auf Wissen über diese Gruppen angewiesen: Wissen um die Heterogenität innerhalb der Herkunftsgruppen, Wissen um die Unterschiede zwischen den Herkunftsgruppen, Wissen um die Eigenheiten der Herkunftsgruppen. Nur so können Parteien Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte besser verstehen und Strategien zur Mobilisierung eines immer größeren Wahlpotenzials entwickeln.  16 EINSTELLUNGEN VON MENSCHEN MIT MIGRATIONSGESCHICHTE IN DEUTSCHLAND  SEPTEMBER  2024  FES diskurs ANHANG AUSSAGE- UND FRAGEFORMULIERUNGEN DER ABHÄNGIGEN VARIABLEN 1.  Populistische Einstellungen •  Was in der Politik Kompromiss genannt wird, ist in Wirklichkeit nur ein Verrat von Prinzipien. •  Das Volk, und nicht die Politikerinnen und Politiker, sollte die wichtigsten politischen Entscheidungen treffen. •  Die Abgeordneten des Deutschen Bundestags müssen dem Willen des Volkes Folge leisten. •  Die politischen Unterschiede zwischen Eliten und dem Volk sind größer als die Unterschiede innerhalb des Volkes. •  Bürgerinnen und Bürger würden besser meine Interes sen vertreten als Berufspolitikerinnen und-politiker. •  Die Politikerinnen und Politiker reden zu viel und machen zu wenig. 2.  Affektive politische Polarisierung •  Es gibt Menschen, die ich nicht mehr mag, weil mir ihre politischen Ansichten nicht gefallen. •  Wenn man die politischen Ansichten einer Person kennt, kann man bereits sagen, ob sie ein guter oder schlechter Mensch ist. •  Manche Menschen meide ich aufgrund ihrer politischen Meinungen. Verteilung des Index für populistische Einstellungen nach Herkunftsländern Populistische Einstellungen nach Herkunftsländern Median Deutschland Türkei Mehrheitlich muslimisch Osteuropa Restliches Europa Andere 1 2 3 4 QUELLE: eigene Darstellung. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Abb. 10 5 17 3.  Vertrauen Bundesregierung Wie sehr vertrauen Sie der Bundesregierung? 4.  Vertrauen Bundestag Wie sehr vertrauen Sie dem Bundestag? 5. Parteipräferenzen Es gibt eine Reihe von politischen Parteien in Deutschland. Jede davon hätte gerne bei der Bundestagswahl am 26. September Ihre Stimme bekommen. Geben Sie bitte für jede der folgenden Parteien anhand dieser Skala an, wie wahrscheinlich es ist, dass Sie diese Partei jemals wählen würden. • CDU/CSU • SPD •  Die Linke • Grüne • FDP • AFD Einfache Regressionen für den Einfluss des Herkunftslands auf populistische Einstellungen Koeffizient Türkei (Referenz: Deutschland) Restliches Europa Abb. 6 Abb. 11 Osteuropa Mehrheitlich muslimisch Andere QUELLE: eigene Darstellung. –0,8 –0,6 –0,4 –0,2 0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 18 EINSTELLUNGEN VON MENSCHEN MIT MIGRATIONSGESCHICHTE IN DEUTSCHLAND  SEPTEMBER  2024  FES diskurs Verteilung des Index für affektive politische Polarisierung nach Herkunftsländern Affektive politische Polarisierung nach Herkunftsländern Median Deutschland Abb. 12 Türkei Mehrheitlich muslimisch Osteuropa Restliches Europa Andere 1 2 3 4 5 QUELLE: eigene Darstellung. Einfache Regressionen für den Einfluss des Herkunftslands auf affektive politische Polarisierung Türkei (Referenz: Deutschland) Koeffizient Restliches Europa Abb. 6 Abb. 13 Osteuropa Mehrheitlich muslimisch Andere QUELLE: eigene Darstellung. –0,8 –0,6 –0,4 –0,2 0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 19 Verteilung des Index für politisches Vertrauen nach Herkunftsländern Politisches Vertrauen nach Herkunftsländern Deutschland Median Abb. 14 Türkei Mehrheitlich muslimisch Osteuropa Restliches Europa Andere 1 3 5 7 9 11 QUELLE: eigene Darstellung. Einfache Regressionen für den Einfluss des Herkunftslands auf politisches Vertrauen Türkei (Referenz: Deutschland) Koeffizient Restliches Europa Osteuropa Mehrheitlich muslimisch Andere Abb. 6 Abb. 15 QUELLE: eigene Darstellung. –1,4 –1,0 –0,6 –0,2 0,0 0,2 0,6 1,0 1,4 20 EINSTELLUNGEN VON MENSCHEN MIT MIGRATIONSGESCHICHTE IN DEUTSCHLAND  SEPTEMBER  2024  FES diskurs ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS 4 Abbildung 1 Verteilung der Bevölkerungsgruppen, Einwanderungsgenerationen und Herkunftsländer im Datensatz 7 Abbildung 2 Verteilung des Index für populistische Einstellungen nach Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration 8 Abbildung 3 Einfache Regressionen für den Einfluss von Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration auf populistische Einstellungen 10 Abbildung 4 Verteilung des Index für affektive politische Polarisierung nach Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration 10 Abbildung 5 Einfache Regressionen für den Einfluss von Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration auf affektive politische Polarisierung 11 Abbildung 6 Multivariate Regression für den Einfluss der Einwanderungsgene ration auf affektive politische Polarisierung, mit Darstellung der wichtigsten Kontrollvariablen 12 Abbildung 7 Verteilung des Index für politisches Vertrauen nach Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration 13 Abbildung 8 Einfache Regressionen für den Einfluss von Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration auf politisches Vertrauen 15 Abbildung 9 Gewichtete einfache Regressionen für den Einfluss von Bevölke rungsgruppe und Einwanderungsgeneration auf Parteipräferenzen 17 Abbildung 10 Verteilung des Index für populistische Einstellungen nach Herkunftsländern 18 Abbildung 11 Einfache Regressionen für den Einfluss des Herkunftslands auf populistische Einstellungen 19 Abbildung 12 Verteilung des Index für affektive politische Polarisierung nach Herkunftsländern 19 Abbildung 13 Einfache Regressionen für den Einfluss des Herkunftslands auf affektive politische Polarisierung 20 Abbildung 14 Verteilung des Index für politisches Vertrauen nach Herkunftsländern 20 Abbildung 15 Einfache Regressionen für den Einfluss des Herkunftslands auf politisches Vertrauen 15 Tabelle 1 Deskriptive Statistiken für die Wahlwahrscheinlichkeit nach Bevölkerungsgruppe und Einwanderungsgeneration LITERATURVERZEICHNIS Agarin, Timofey 2013: Resident Aliens? 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Analyse des Parteienwettbewerbs nach Berufsklassen und politischen Präferenzen FES impuls, Juni 2024 Ohne sie geht nichts mehr. Welchen Beitrag leisten Migrant_innen und Geflüchtete zur Sicherung der Arbeitskräftebedarfe in Fachkraftberufen in Deutschland? FES diskurs, Mai 2024 Milieuperspektiven. Eine kritische Diskussion der Erklärungskraft aktueller Milieustudien FES impuls, Oktober 2022 Progressive Migrations- und Flüchtlingspolitik FES Analyse, Februar 2022 Nur mit uns – Stimmen für eine vielfältige Politik Buch, 2021 Volltexte und weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung unter www.fes.de/publikationen Impressum © 2024 Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeberin: Abteilung Analyse, Planung und Beratung Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin, Deutschland www.fes.de Bestellungen / Kontakt: apb-publikation@fes.de ISBN: 978-3-98628-576-0 Titelbild: Volker Voigt, Visualisierungsfuchs, www.visualisierungs-fuchs.de/ Gestaltungskonzept: www.leitwerk.com Umsetzung / Satz: SCHUMACHER Brand+ Interaction Design GmbH, www.schumacher-design.de Lektorat: ad litteras| Christian Jerger Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-S­ tiftung. Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Zentrale Ergebnisse •  Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte weisen im Durchschnitt stärkere populistische Einstellungen als die Mehrheitsbevölkerung auf. Diese Einstellungen sind bei Mitgliedern der ersten und zweiten Generation durchschnittlich stärker als bei denen der dritten Generation, die sich nicht von den Menschen ohne Migrationsgeschichte unterscheidet. •  Die affektive politische Polarisierung fällt bei Menschen mit und ohne familiäre Migrationsgeschichte ähnlich aus. Einen Unterschied gibt es jedoch bei den Einwanderungsgenerationen: Die affektive politische Polarisierung scheint stärker bei der zweiten und dritten Generation als bei der ersten Generation zu sein. •  Zwischen Menschen mit und solchen ohne familiäre Migrationsgeschichte zeigen sich keine überzufälligen Unterschiede im Vertrauen in politische Institutionen. Allerdings passt sich das politische Vertrauen mit nachfolgenden Generationen dem Niveau der Mehrheitsbevölkerung an. Die zweite und dritte Generation weisen im Schnitt ein geringeres Vertrauen auf als die erste. •  Das Wahlpotenzial unter Wähler_innen mit familiärer Migrationsgeschichte fällt nur für die Linkspartei höher aus, nicht jedoch für die SPD und die Grünen. Bei den Mittelwerten liegt die SPD auf Platz 1, gefolgt von den Grünen und der Linkspartei. Anders als die zweite Generation präferiert die erste Generation die Unionsparteien, während es keine nennenswerten Unterschiede mehr zu Menschen ohne familiäre Migrationsgeschichte bei der dritten Generation gibt. ISBN 978-3-98628-576-0