Linus Westheuser und Thomas Lux Klassenbewusstsein und Wahlentscheidung Klasse als politischer Kompass? FES diskurs September 2024 Die Friedrich-Ebert-Stiftung Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) wurde 1925 gegründet und ist die traditionsreichste politische Stiftung Deutschlands. Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflichtet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demokratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften verbunden. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch: – politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft; – Politikberatung; – internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern; – Begabtenförderung; – das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit u. a. Archiv und Bibliothek. Die Abteilung Analyse, Planung und Beratung der Friedrich-Ebert-Stiftung Die Abteilung Analyse, Planung und Beratung der Friedrich-Ebert-Stiftung versteht sich als Zukunftsradar und Ideenschmiede der Sozialen Demokratie. Sie verknüpft Analyse und Diskussion. Die Abteilung bringt Expertise aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik zusammen. Ihr Ziel ist es, politische und gewerkschaftliche Entscheidungsträger:innen zu aktuellen und zukünftigen Herausforderungen zu beraten und progressive Impulse in die gesellschaftspolitische Debatte einzubringen. FES diskurs FES diskurse sind umfangreiche Analysen zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Auf Grundlage von empirischen Erkenntnissen sprechen sie wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen für die Politik aus. Über die Autoren Linus Westheuser ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin und forscht zu politischen Konfliktstrukturen, Klassen und Moral. Thomas Lux lehrt am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschung zur politischen Soziologie der Ungleichheit wurde unter anderem mit dem Preis der Fritz Thyssen Stiftung ausgezeichnet. Linus Westheuser und Thomas Lux veröffentlichten zusammen mit Steffen Mau im Jahr 2023 das viel diskutierte und mehrfach ausgezeichnete Buch„Triggerpunkte: Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft“. Für diese Publikation ist in der FES verantwortlich Jan Niklas Engels ist Referent für Empirische Sozial- und Trendforschung im Referat Analyse und Planung. Linus Westheuser und Thomas Lux Klassenbewusstsein und Wahlentscheidung Klasse als politischer Kompass? 4 1 EINLEITUNG 6 2 KLASSENFORMIERUNG ALS LERNPROZESS 7 3 IDENTITÄT, INTERESSE, STATUS: DREI DIMENSIONEN DES KLASSENBEWUSSTSEINS 9 4 KLASSENBEWUSSTSEIN UND POLITISCHE LAGER 12 5 DATEN UND OPERATIONALISIERUNG 14 6 ERGEBNISSE: KLASSEN UND POLITISCHE LAGER 16 7 LINKES KLASSENBEWUSSTSEIN, RECHTES KLASSENBEWUSSTSEIN? 18 8 WELCHES BEWUSSTSEIN HAT DIE ARBEITERKLASSE „FÜR SICH“? 21 9 FAZIT: RECHTE IDENTITÄT, LINKES INTERESSE? 24 10 ANHANG 28 Abbildungsverzeichnis 28 Literaturverzeichnis FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 3 1 EINLEITUNG Welche Partei ist der„natürliche“ Anlaufpunkt für Arbeiter:innen? Wem wird zugetraut, die Interessen von Lohnabhängigen politisch zu vertreten? Und wer spricht für jene„Kämpferinnen und Kämpfer“(Rehbein et al. 2015) am unteren Ende sozialer Hierarchien? Diese Fragen gehören zum klassischen Kanon der politischen Soziologie, sind aber auch für die Selbstverständigung sozialdemokratischer Parteien zentral. In unseren Tagen erlangen sie eine neue politische Virulenz. Denn was wir in jüngsten Wahlen und Umfragen beobachten, ist eine Legitimationskrise des Parteiensystems, die ihr soziales Epizentrum in der Arbeiterklasse hat. Noch deutlich mehr als im Rest der Gesellschaft erodiert hier der Rückhalt der etablierten Parteien, inklusive der Parteien links der Mitte. Es ist vor allem die AfD, die in diese Lücke stößt. Bei Wahlbefragungen zur Europawahl 2024 in Deutschland kam die AfD unter Befragten, die als Berufsbezeichnung„Arbeiter“ angaben, auf 33 Prozent. Alle vier Parteien, die man links der Mitte verorten könnte(SPD, Grüne, BSW und Linke), konnten in dieser Klasse dagegen zusammen nur 27 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Auch die klassischen Volksparteien CDU und SPD errangen zusammen nur knapp mehr Arbeiterstimmen als die AfD allein – die Regierungsparteien der Ampel lagen mit 21 Prozent weit abgeschlagen dahinter. Damit setzt sich ein Trend fort, der schon seit Jahrzehnten beobachtet wird. Als Teil einer Demobilisierung demokratischer Klassenkonflikte brach unter Arbeiter:innen spätestens seit den 1990er Jahren die Bindung an Parteien noch viel stärker ein als im Rest der Bevölkerung (Dörre 2020; Beck/Westheuser 2022). Jüngere Generationen von Arbeiter:innen verloren den Bezug zu jenen linken Parteien, die aus dem historischen Prozess der demokratischen Mobilisierung der Arbeiterklasse entstanden waren(siehe Evans/Tilley 2017 und Abbildung 1). An die Stelle dieser angestammten politischen Bindung traten Privatismus, Rückzug, politisches Misstrauen und steigende Wahlenthaltung(Rennwald 2020: Kap. 4). Zunehmend gelingt es aber auch rechtsradikalen Parteien, eine nennenswerte und wachsende Minderheit der Arbeiterklasse für sich zu gewinnen. Bei Europawahlen hat sich der Wähleranteil der AfD in der Arbeiterklasse seit 2014 mehr als verdreifacht, jener der SPD halbierte sich im selben Zeitraum von 26 auf 12 Prozent. Zudem zeigte sich ein Rechtsdrift nicht nur unter denen, die aufgrund ihrer beruflichen Stellung als Arbeiter:in klassifiziert wurden, sondern auch unter jenen, die – laut ihrer eigenen subjektiven Einschätzung –„einen niedrigen Lebensstandard“ genießen(siehe auch Braband 2024). Was damit deutlich wird: Nicht nur die objektive Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse scheint mit rechten Tendenzen zu korrelieren, sondern auch die subjektiv empfundene Deprivation. Das Gefühl, materiell oder im Sinne der sozialen Anerkennung am unteren Rand der Gesellschaft zu stehen, scheint sich zunehmend mit einem politischen Drall zur radikalen Rechten zu verbinden. Wahlverhalten der Arbeiterklasse in Europa 1978– 2 2 0 0 1 1 4 4 Abb. 1 Wähleranteil linker Parteien(Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten, Grüne, Linksparteien) und rechtsradikaler Parteien Angaben in Prozent 60 linke Parteien 40 20 0 1960 Rechtsradikale 1980 2000 2020 Quelle: Gingrich 2017: 48. Heterogene politische Tendenzen in der Arbeiterschaft sind dabei keineswegs neu. Obwohl es in der Geschichte vorwiegend sozialdemokratische und sozialistische Parteien waren, die die Arbeiterklasse mobilisierten, zerfiel diese Klasse immer schon in vielfältige ideologische Fraktionen und„sozialmoralische Milieus“(Lepsius 1993; Bartolini 2000). Auch konservative und christdemokratische Parteien arbeiteten an einer spezifisch konservativen Arbeiteridentität, die beispielsweise über eine religiös gerahmte Würde der Arbeit, die Rolle des arbeitenden Mannes als Familienversorger oder einen paternalistischen Pakt mit Arbeitgeber:innen definiert war(Stjerno 2010: Kap. 6; Arndt/Rennwald 2017). Ebenso gab es immer auch autoritäre und rechtsextreme Neigungen, wie sie sich etwa im Rückhalt des Faschismus unter Teilen der Arbeiterschaft zeigten(siehe z. B. Jünger 1932; Lipset 1959; Vester et al. 2001). Blieben diese Strömungen historisch meist minoritär, wird heute beispielsweise in Österreich oder der Schweiz ersichtlich, wie eine Krise linker politischer Repräsentation in der Arbeiterklasse zu einer gefestigten Hegemonie der radikalen Rechten in dieser Klasse führen kann. In den genannten Ländern sind es teils bereits absolute Mehrheiten der wählenden Arbeiter:innen, die rechtspopulistisch stimmen. Das ist ein Niveau, auf dem sich im alltäglichen Bewusstsein eine gefühlte Assoziation von Klassenzugehörigkeit und Politik verfestigt. Es gilt dann zunehmend als„normal“,„natürlich“ oder gar„selbstverständlich“, dass rechts wählt, wer sich selbst als Arbeiter:in versteht oder sich am unteren Pol gesellschaftlicher Hier4 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs archien verortet; oder dass es Rechtspopulisten sind, die die Interessen der(einheimischen) Arbeiter:innen vertreten. Es kommt zu einem nicht einmaligen, aber historisch doch eher seltenen Phänomen: Das Klassenbewusstsein von Arbeiter:innen wird von rechts außen gekapert. Wie weit ist dieser Prozess in Deutschland vorangeschritten? Wie stark bleibt in der postindustriellen Gesellschaft die Assoziation von Klassenbewusstsein und linken politischen Orientierungen? Immunisiert ein waches Klassenbewusstsein gegen Rechtsextremismus? Und inwiefern gelingt es auch Parteien der rechten Mitte, eine Form des Arbeiterbewusstseins zu mobilisieren? Diesen Fragen wollen wir im Folgenden anhand von Umfragedaten empirisch nachgehen. Wir loten aus, inwiefern die Identifikation mit der Arbeiterklasse und ihren Interessen als politischer Kompass fungiert, also mit spezifischen Wahlpräferenzen einhergeht. Genauer unterscheiden wir dabei drei Dimensionen des Klassenbewusstseins: Klasseninteresse, Klassenidentität und eine Form der subjektiven Positionierung in sozialen Statushierarchien, die wir„Unten-Bewusstsein“ nennen. Für alle drei zeichnen wir nach, wie sie mit objektiven Klassenpositionen und unterschiedlichen politischen Neigungen zusammenhängen. Dabei folgen wir neueren Forschungen, die den politischen Raum nicht bloß durch die einfache Links-rechts-Unterscheidung strukturiert sehen, sondern durch die Konstellation dreier politischer Pole(Oesch/Rennwald 2018): ein Mitte-links-Lager aus SPD, Grünen und Linken, ein Mitte-rechts-Lager aus CDU und FDP und dem radikal rechten Lager, das durch die AfD vertreten wird. 1 Wir zeichnen den Zusammenhang von Klassenbewusstsein und Wahlabsicht zunächst für die Gesamtbevölkerung nach und schauen dann genauer auf die Klasse der Arbeiter:innen. 1  Die BSW-Wahl ist in unseren Daten noch nicht erfasst. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 5 2 KLASSENFORMIERUNG ALS LERNPROZESS Wie eingangs erwähnt, sind Probleme des Klassenbewusstseins, seiner Formierung und politischen Mobilisierung ein klassischer und traditionsreicher Gegenstand der Soziologie(siehe z. B. Marx(1852) 2009; Weber(1922) 1985: Kap. 4; Mannheim 1929). Der Begriff erwuchs im Wesentlichen aus dem Versuch, die historische Erfahrung der Arbeiterbewegung sozialwissenschaftlich zu theoretisieren. Im Zuge eines historischen Lernprozesses hatte diese Bewegung Millionen einfache Menschen rund um den Globus ermächtigt, die Ursprünge ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen zu hinterfragen und sich zu kollektivem Handeln für gemeinsame Interessen zusammenzuschließen (Vester 1970). Aus einer Vielzahl lokaler, sektoraler und berufsständischer Selbstverständnisse war unter dem Signum der„Arbeiterklasse“ oder des„Proletariats“ eine der wichtigsten politischen Großidentitäten der Moderne erwachsen. In der Soziologie stand Klassenbewusstsein deshalb meist für den sozialen Sinn der Arbeiterklasse für ihre kollektiven Interessen wie auch für eine Form der Identifikation und Gruppenformierung, im Zuge derer die Mitglieder dieser Klasse lernten, sich untereinander solidaristisch zu verhalten, anderen Klassen gegenüber aber antagonistisch(Mann 1973; Wright 1997: 379). Die komplexe Mechanik der Übersetzung von geteilten objektiven Verhältnissen in ein kollektives und politisch artikuliertes Klassenbewusstsein stand lange unter dem Stichwort der Klassenformierung im Zentrum der soziologischen und sozialhistorischen Forschung(Butler/Savage 2013; Fantasia 1995). Der britische Historiker E. P. Thompson beschrieb diese Formierung als ein„Ereignis“: „Eine Klasse formiert sich, wenn Menschen aufgrund gemeinsamer Erfahrungen[...] die Identität ihrer Interessen empfinden und artikulieren, und zwar sowohl untereinander als auch gegenüber anderen, deren Interessen von ihren eigenen verschieden(und diesen gewöhnlich entgegengesetzt) sind.[...] Klassenbewusstsein ist die Art und Weise, wie man diese Erfahrungen kulturell interpretiert.“ (Thompson 1987: 7f.) Dem Bewusstsein wurde dabei eine wichtige Vermittlungsrolle zwischen objektiven Verhältnissen und gemeinsamem Handeln zugewiesen. So sprach Pierre Bourdieu(1987) von den Klassen der soziologischen Analyse als„Klassen auf dem Papier“, die leer von Wirklichkeit blieben, wenn sie nicht durch die subjektiven Prozesse der Identitätsbildung mit Leben gefüllt würden und durch politische Organisierung Handlungsfähigkeit errängen. Calhoun(1982) argumentierte gar, dass materielle Klassenpositionen überhaupt nur dann politische Auswirkungen haben können, wenn sich die objektiven Mitglieder von Klassen auch selbst als solche wahrnehmen(siehe auch Steinberg 1994). Zugleich traten von Beginn an auch jene Fälle in den Blick, in denen objektive Klassenposition und Identität nicht übereinstimmen(siehe Achterberg/Houtman 2006), etwa wenn Mitglieder beherrschter Klassen entgegen ihrer eigentlichen Interessen handeln oder sich mit herrschenden Klassen identifizieren(siehe z. B. Gramsci 1971; Jackman/Jackman 1983; in neuerer Zeit Sosnaud et al. 2013; D’Hooghe et al. 2018). Dieses Thema erlangte besonders im Marxismus große Prominenz. Entgegen einer Verballhornung der Marxschen politischen Analysen, derzufolge sich das politische Klassenbewusstsein von Proletariat und Bourgeoisie gleichsam„automatisch“ aus ihren sozialen Positionen ergebe, analysierte Marx – und nach ihm viele marxistische Untersuchungen – auch die Prozesse scheiternder Bewusstseinsformierung, als misslingender Übersetzung von objektivem Klasseninteresse in politisches Klassenhandeln, oder die Überlagerung von Klassendurch andere Identitäten, etwa religiöser, ethnischer oder nationaler Art. In einer paradigmatischen Formulierung schrieb Marx bereits im„Achtzehnten Brumaire“ über die französischen Parzellbauern des mittleren 19. Jahrhunderts:„…[weil] die Diesselbigkeit ihrer Interessen keine Gemeinsamkeit, keine nationale Verbindung und keine politische Organisation unter ihnen erzeugt, bilden sie keine Klasse. Sind sie daher unfähig, ihre Klasseninteressen im eigenen Namen[…] geltend zu machen“ und bildeten deshalb nur insofern ein Kollektiv,„wie etwa ein Sack von Kartoffeln einen Kartoffelsack bildet“(Marx(1852) 1961: 198). Dieser Zustand der Demobilisierung von Klassen durch ein unzureichend organisiertes Bewusstsein der eigenen Interessen und Handlungsmacht wurde in der anschließenden Forschung durchaus als historischer Normalfall identifiziert, die Entwicklung von Klassenbewusstsein dagegen als äußerst voraussetzungsreiche politische und organisationale Errungenschaft(Dörre i. E.). 6 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs 3 IDENTITÄT, INTERESSE, STATUS: DREI DIMENSIONEN DES KLASSENBEWUSSTSEINS Was genau aber heißt es, sich als Mitglied einer Klasse wahrzunehmen? Dazu wird in der Forschung eine Reihe von Bedeutungsdimensionen unterschieden(Mann 1973; Pérez-Ahumada 2014; Stubager/Harrits 2022), die jeweils auf andere Aspekte zielen. Wir fokussieren uns hier auf die drei schon genannten Dimensionen: Klassenidentität, Klasseninteresse und das Unten-Bewusstsein als sozialem Sinn für eine abgewertete Statusposition. ȣ Klassenidentität bezieht sich auf ein Gefühl sozialer Verortung und Gruppenzugehörigkeit auf Basis der eigenen wirtschaftlichen Stellung. Auf der basalsten Ebene geht es erst einmal darum, ob man sich im eigenen Selbstverständnis überhaupt auf wirtschaftliche Verhältnisse bezieht – seien es die Produktionsverhältnisse, seien es die Einkommensverteilung oder Berufsstruktur –, oder man diese Logik der Selbstverortung grundsätzlich ablehnt(Mann 1973: 13). In einem expansiveren Sinne geht es dann darum, inwiefern man eine Affinität zu anderen empfindet, die in ähnlicher Stellung leben und arbeiten, etwa weil man davon ausgeht, dass diese entscheidende Erfahrungen, Werte und Interessen teilen. Klassenidentität kann die Form eines tiefempfundenen Zusammengehörigkeitsgefühls annehmen, das Stolz und Solidarität weckt und kollektives Handeln ermöglicht. Sie kann aber auch eine eher lose Form der Selbstkategorisierung bezeichnen. Ebenso variiert, wie zentral die Identifikation mit einer Klasse für das Selbstverständnis ist. Eine Kategorie wie die der „Arbeiterklasse“ kann der Dreh- und Angelpunkt der eigenen Identität sein. Sie kann aber auch ein Begriff sein, der nur in bestimmten Situationen für die eigene Identität relevant wird – etwa in der Selbstbehauptung gegenüber Arbeitgeber:innen auf einer 1.-Mai-Demonstration oder in der Abgrenzung gegenüber vermeintlichen Faulenzern –, den Rest der Zeit aber unbenutzt im Schrank hängt. Neuere Forschung zeigt, dass Menschen durchaus auch heute noch Klassenkategorien verwenden, um sich und andere zu beschreiben. Einkommen und Beruf, aber auch die soziale Position der Herkunftsfamilie sind entscheidende Ankerpunkte solcher Beschreibungen(Stubager et al. 2018; Evans et al. 2022; Friedman et al. 2021; Surridge 2007). Zugleich beschreiben interviewbasierte Studien die heutige Klassenidentität als eher lose, ambivalent und defensiv(Savage 2005). Die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse wird nicht nur mit der beruflichen Stellung assoziiert, sondern auch mit Formen der Lebensführung und anderen kulturellen Bezügen, etwa dem eines„ganz gewöhnlichen Lebens“(Savage 2005; Savage et al. 2001; Sachweh/Lenz 2018). ȣ Klasseninteresse (präziser eigentlich das Bewusstsein über Klasseninteressen oder, in den Worten Erik Olin Wrights,„class interest consciousness“(Wright 1997: 507)) bezieht sich darauf, inwiefern Lohnabhängige einen Gegensatz zwischen ihren Interessen und den Interessen von Arbeitgeber:innen und Unternehmen 2 wahrnehmen und für ihre Seite Partei ergreifen. Anders gesagt bezeichnet der Begriff,„wie Menschen definieren, wer im Wirtschaftssystem ihre Freunde und wer ihre Feinde sind“(Wright 1997: 396, unsere Übersetzung). Geht es bei der Frage der Klassenidentität eher darum, wie die erfahrene Position in Klassenverhältnissen kulturelle Selbstverständnisse und Gruppenzugehörigkeiten prägt, zielt das Klasseninteresse eher auf das kollektive Bewusstsein der Mitglieder einer Klasse über gemeinsame ökonomische Interessen und die antagonistischen Beziehungen dieser Interessen zu denen anderer Klassen. So bestimmt Michael Mann das Interessenbewusstsein von Arbeiter:innen als„the perception that the capitalist and his agents constitute an enduring opponent to oneself“(Mann 1973: 13). Wie hier schon im Begriff„agents“ angelegt, werden Klasseninteressen im Alltag meist in Gestalt von Organisationen wahrgenommen, die Klasseninteressen artikulieren und organisieren. Für Lohnabhängige kann ein positives Verhältnis zur Macht von Gewerkschaften und ein kritischer Blick auf organisierte Macht von Arbeitgeber:innen und Konzernen so als Zeichen von Interessenbewusstsein gelesen werden. Klassenspezifische Interessenlagen spielen eine zentrale Rolle in der Forschung zu Umverteilungseinstellungen (siehe unten und Eidheim 2024). Allerdings wird Interesse hier oft einfach aus objektiven Faktoren wie dem Einkommen abgeleitet, statt eigens zu erforschen, ob Menschen sich tatsächlich über die eigenen Klasseninteressen und ihren Gegensatz zu den Interessen anderer Klassen bewusst sind. Eine wichtige Ausnahme sind die ländervergleichenden Studien Erik Olin Wrights(1997: Kap. 13–16). Für die USA, Schweden und Japan zeigt Wright, dass das Bewusstsein über Klasseninteressen unter jenen Lohnabhängigen am stärksten ausgeprägt 2  Bzw. allgemeiner der Kapitalseite des Lohnverhältnisses. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 7 ist, die am meisten von Ausbeutung betroffen sind. In den USA kommt zudem eine ethnische Komponente hinzu, im Zuge derer schwarze Arbeiter:innen ein deutlich stärkeres Klasseninteresse aufweisen als weiße. Zugleich zeigt er, dass auch bestimmte Mitglieder der Mittelklasse, die zwar hohe Bildungsqualifikationen, aber kein Betriebseigentum besitzen, über ein ausgeprägtes Interessenbewusstsein verfügen. Diese Befunde replizierten Holtmann et al.(1988) auch für das Westdeutschland der 1980er Jahre. ȣ Unten-Bewusstsein nennen wir eine dritte Dimension des Klassenbewusstseins, die dem nahekommt, was gewöhnlich auch mit den Begriffen„Status“ und „subjektive Schichteinstufung“ beschrieben wird. Wir isolieren dabei einen spezifischen Aspekt der Selbstverortung in der gesellschaftlichen Hierarchie: das Gefühl, eher dem gesellschaftlichen Unten zuzugehören. Diese Engführung schließt an zwei wissenschaftliche Debatten an: einerseits die neuere Diskussion zu Statusverlusten als Erklärung des Populismus(siehe Gidron/Hall 2017); andererseits die immer wiederkehrende Beobachtung eines„dichotomischen“ Arbeiterbewusstseins, also von Gesellschaftsbildern, die sehr stark auf die Unterscheidung von„(denen da) oben“ und„(denen hier) unten“ abstellen(Popitz et al.(1957) 2018; Kudera et al. 1979). Während ersterer Aspekt auf gesamtgesellschaftliche Anerkennungsverhältnisse zielt, in denen für die vergangenen Jahrzehnte ein Statusverlust manueller und nichtakademisch qualifizierter Arbeit verzeichnet wird(siehe Nolan/Weisstanner 2022; anders Oesch/ Vigna 2022), geht es bei letzterem Aspekt oft um eine Übertragung der Befehlshierarchie am Arbeitsplatz auf die Gesellschaft: Wer am Arbeitsplatz nichts zu sagen hat, nimmt sich auch gesamtgesellschaftlich als eher machtlos wahr. Beide Herangehensweisen fokussieren eine hierarchische Grammatik der sozialen Selbstverortung, die Bourdieu den„sozialen Sinn“ nennt. Diese Dimension des Klassenbewusstseins ist analytisch unterschieden von der Frage der Identität und des Interesses, auch wenn alle drei in der Realität oft miteinander verschlungen auftreten. Mehr als„wer man ist“ oder„was man will“, dreht sich diese Dimension des Klassenbewusstseins darum,„wo man steht“. Wie diese Stellung wahrgenommen wird, bestimmt sich daraus, wer sich in der eigenen mentalen Karte der Gesellschaftshierarchie über und wer unter einem selbst befindet(Geißler/ Weber-Menges 2006; Schult­heis 1996). 8 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs 4 KLASSENBEWUSSTSEIN UND POLITISCHE LAGER Wir wissen nur wenig darüber, welche politische Bedeutung dem Klassenbewusstsein in Deutschland zukommt. Und das obwohl eine ganze Reihe einschlägiger Fallstudien klar machen, wie wichtig subjektive Bewusstseins- und Verarbeitungsformen für den Zusammenhang von Klassenposition und Wahlverhalten im Allgemeinen – und das Verhältnis von Arbeiterklasse und Rechtspopulismus im Besonderen – sind(siehe etwa Dörre et al. 2013, 2024). Wohlbekannt ist, dass Einstellungsmuster, die für die Wahl rechtsextremer Parteien ausschlaggebend sind – allen vo­ ran Nativismus, Autoritarismus und Populismus –, in der Arbeiterklasse stärker vorzufinden sind als in anderen Klassen(Rydgren 2012; Arzheimer 2018) und dass in dieser Klasse vergleichsweise stark verbreitet ist(Lindh/ McCall 2020). Zugleich zeigt sich aber auch, dass in der Arbeiterklasse tendenziell ein stärkerer Rückhalt für soziale Umverteilungspolitik besteht. Insgesamt findet sich hier eine besonders große Bandbreite an politischen Haltungen, auch in Fragen der Migration(Teney/Dochow-Sondershaus 2024; Mau et al. 2023). Arbeiter:innen sind eher wenig in den politischen Betrieb eingebunden, ihre Einstellungen lassen sich deshalb oft kaum in die ideologisch kohärenten Schubladen der Parteipolitik einordnen(Dam­ huis/Westheuser 2024). Die wahlpolitischen Konsequenzen von Einstellungen hängen entscheidend von der wechselnden Zentralität verschiedener Themen im Bewusstsein der Wählenden ab. So zeigen Abou Chadi et al.(i. E.), dass Arbeiter:innen sozialdemokratische Parteien bevorzugen, wenn diese ökonomisch linke Positionen beziehen – auch, wenn diese sich zugleich offen für Migration zeigen. Klasseninteresse schlägt Migrationsskepsis, zumindest in diesem Fall. Was die widersprüchlichen Zugkräfte von verteilungsund migrationspolitischen Einstellungen auch illustrieren, ist, dass die postindustrielle Konstellation von Klassen und Politik nur noch schwer entlang einer eindimensionalen Rechts-links-Unterscheidung rekonstruiert werden kann. In der neueren Politikwissenschaft hat sich stattdessen eine Betrachtungsweise etabliert, die Parteipositionen und Einstellungen entlang von zwei unterschiedlichen Dimensionen rekonstruiert: Die erste ist die„klassische“ verteilungspolitische Rechts-links-Achse, die eher umverteilungsaffine Orientierungen von umverteilungsskeptischen trennt. Die zweite ist eine neuere Achse, die oft mit dem Grad der kulturellen Liberalisierung assoziiert wird und progressive Haltungen(beispielsweise zu Inklusions- und Migrationsthemen) von konservativen trennt. In der Kombination ergeben beide Achsen einen zweidimensionalen politischen Raum, der in Abbildung 2 dargestellt ist. Abb. 1 Schematische Darstellung des politischen Raums Schematische Darstellung des politischen Raums mit politischen Lagern und Klassen mit politischen Lagern und Klassen kulturell progressiv verteilungspolitisch links kulturelle Expert:innen MITTE-LINKS-LAGER Produktionsarbeitende Management MITTE-RECHTS-LAGER Kleinunternehmer:innen Abb. 2 Abb. 2 verteilungspolitisch rechts RADIKAL RECHTES LAGER kulturell konservativ Quelle: eigene Darstellung, adaptiert von Oesch/Rennwald 2018. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 9 Wie von Oesch und Rennwald(2018) vorgeschlagen, lassen sich in diesem Raum die drei entscheidenden parteipolitischen Lager der Bundesrepublik verorten: Am eher umverteilungsaffinen und kulturell progressiveren Pol findet sich das Mitte-links-Lager aus SPD, Grünen und Linken, am umverteilungsskeptischen, kulturell mittigen Pol das Mitte-rechts-Lager aus CDU und FDP sowie am kulturell stark konservativen Pol das von der AfD vertretene radikal rechte Lager. Gestützt auf eigene Untersuchungen und eine Vielzahl von Studien zum neueren Klassenwahlverhalten verorten Oesch und Rennwald(2018) in diesem Raum zudem auch einige Klassen und Klassenfraktionen anhand ihrer idealtypischen Einstellungsprofile(siehe auch Achterberg 2006). Das Kulturbürgertum der sogenannten soziokulturellen Expertenberufe(man denke an Lehrer:innen oder Sozialarbeiter:innen) steht demnach in den Einstellungen dem progressiv-linken Pol sowie wahlpolitisch dem Mitte-links-Lager nahe. Das Wirtschaftsbürgertum der Managementangestellten, Eigentümer:innen und freien Berufe(z. B. Anwält:innen und niedergelassene Ärzt:innen) dagegen steht aufgrund seiner eher marktliberalen Ausrichtung tendenziell dem Mitte-rechts-Lager näher. Auf der kulturell konservativeren Hälfte des Raumes finden sich die Klassen der Arbeiter:innen sowie der Kleinunternehmer:innen. Beide sitzen nach diesem Modell wahlpolitisch zwischen den Stühlen: Unter Kleinunternehmer:innen gibt es sowohl Tendenzen zur radikalen Rechten als auch ins Mitte-rechts-Lager. Die Arbeiter:innen schließlich stehen zwischen ihrer traditionellen politischen Heimat im Mitte-links-Lager und der radikalen Rechten. Oesch und Rennwalds Modell, das eine lange Forschungstradition griffig zusammenfasst, ist eine vereinfachende Schematik, die allgemeine Tendenzen von Klassen und Parteien darstellt, eine genauere Klassenanalyse aber nicht ersetzt. Die oben genannten Befunde zur Bandbreite politischer Haltungen in der Arbeiterklasse etwa machen bereits klar, dass es falsch wäre, Arbeiter:innen allzu einfach dem einen oder anderen politischen Lager zuzuordnen. Dennoch kann das Modell sehr ergiebig dafür sein, politische Positionen von Klassen und Parteien miteinander ins Verhältnis zu setzen. Aiko Wagner(2024) hat dieses Bild auch mit den hier verwendeten Daten bestätigt (siehe außerdem Bornschier et al. 2021; Zollinger 2022). Allerdings berücksichtigt dieses Modell der klassenpolitischen Konstellation, in den oben zitierten Worten Bourdieus, ausschließlich„Klassen auf dem Papier“, indem es die durchschnittlichen Einstellungen und Wahlabsichten von objektiven Berufsklassen abträgt. Ausgespart bleibt die Frage des Klassen bewusstseins, also die Frage, welcher Klasse sich die Befragten selbst zugehörig fühlen und inwiefern dies formt, was sie als ihr Interesse wahrnehmen. Im Folgenden ergänzen wir diesen Aspekt und fragen nach der Bedeutung des Klassenbewusstseins für Positionen im politischen Raum. Wie hängen Klassenidentität, Klasseninteresse und Unten-Bewusstsein mit der Wahl für Mittelinks, Mitte-rechts und radikal rechts zusammen? Die Befundlage zu dieser Frage ist eher dünn, es gibt aber eine Reihe von teils recht widersprüchlichen Annahmen und Anhaltspunkten. So nimmt eine lange Diskurstradition an, dass ein waches Klassenbewusstsein linke politische Haltungen begünstigt und gegen rechtsextreme Versuchungen immunisiert. Etwa weil der Bezug auf gemeinsame Klasseninteressen solidarisierend wirkt oder eine starke Klassenidentität nationalistischen oder ethnozentristischen Spaltungsversuchen entgegenläuft(siehe etwa Sohn-Rethel 1973; Bithymitris 2020). Dies ließe uns annehmen, dass Befragte, die über ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein verfügen, eher seltener rechtsextrem wählen. Entlang der verteilungspolitischen Achse sollte das Bewusstsein über gemeinsame Klasseninteressen von Lohnabhängigen sich in einer Abwendung von Mitte-rechtsParteien und einer Zuwendung zu linken Parteien ausdrücken, weil diese den Anspruch erheben, Arbeitnehmerinteressen zu vertreten. Laut Studien zu klassenspezifischen Umverteilungseinstellungen sind Interessen unter Arbeiter:innen tatsächlich der wichtigste Faktor für egalitär-umverteilungsaffine Einstellungen(während unter Mitgliedern der Mittelklasse politische Ideologien und Werte stärker durchschlagen; Armingeon/Weisstanner 2022). Zugleich zeigt diese Forschungsrichtung auch, dass das „objektive“ Interesse der Arbeiter:innen an umverteilender Politik in der Realität oft durch entsolidarisierende Bewusstseinsformen konterkariert wird(Cavaillé 2023; Langsæther/Evans 2020). Gerade dort, wo der Weg für offensive Interessenpolitik gegen die Reichen und Mächtigen verstellt scheint, bestimmt sich der Gehalt des„ArbeiterSeins“ häufiger durch Abgrenzungen nach unten(gegen Transferempfänger:innen) und außen(gegen Migrant:innen): Politisch rechte Logiken der Anspruchskonkurrenz und exkludierenden Solidarität sind dann gegenüber einem auf Oben-Unten-Konflikte gepolten Interessenbewusstsein dominant(siehe Mau et al. 2023: Kap. 3; Engler/ Weisstanner 2020). Zu ähnlich ambivalenten Befunden kommen auch Studien zu politischen Konsequenzen der Klassenidentität. McDermott et al.(2019) zeigen, dass unter jenen weißen US-Arbeiter:innen, deren Klassenidentität stark durch den Gegensatz zu den Interessen der Reichen und Mächtigen strukturiert ist, offenere Haltungen zu Migrant:innen und ethnischen Minderheiten vorherrschen(siehe auch Prasad et al. 2009): Wer sich in seiner Arbeiteridentität nach oben abgrenzt, hat weniger nötig, nach unten zu treten. In ähnliche Richtung weist eine Studie zu Ostdeutschland, die nachzeichnet, dass die Teilnahme an gewerkschaftlicher Interessenvertretung und die Fähigkeit von Arbeitenden, eigene Interessen durchzusetzen, rechtsextreme Haltungen deutlich verringert(Kiess et al. 2023). Uneinheitlicher ist der Befund einer Studie, die die Identifikation mit der Arbeiterklasse in Dänemark und Großbritannien vergleicht(Evans et al. 2022): In Dänemark ist eine solche Arbeiteridentität mit der Befürwortung von Umverteilung korreliert und schlägt sich deshalb tendenziell in linkem Wahlverhalten nieder. Für Großbritannien zeigt sich dagegen ein starker Zusammenhang zwischen Arbeiteridentität und Migrationsskepsis: Klassenidentität geht hier mit rechten Wahlabsichten einher. Auch in anderen Kontexten zeigt sich, dass soziale Identitätskategorien wie die der„Bodenständigkeit“ und Leistungsbe10 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs reitschaft, die in der Arbeiterklasse prominent vertreten sind, zunehmend von rechtsradikalen politischen Projekten politisiert werden(Zollinger 2022; Bornschier et al. 2021). Für das Unten-Bewusstsein von Arbeiter:innen fanden klassische Studien der Nachkriegszeit zwar eine enge Verknüpfung mit sozialdemokratischen Vertretungsansprüchen(Popitz et al. 1957). Spätere Studien beschrieben jedoch bereits ab den 1970er Jahren eine Erosion dieser Verknüpfung(Kudera et al. 1979; Kern/Schumann 1985). Laut neuerer Studien scheint sich das Unten-Bewusstsein heute eher im regressiven Treten nach„noch weiter unten“ auszudrücken(Dörre et al. 2018) oder aber in Apathie und politischem Rückzug(Wimmer 2023). Besonders unter Männern mit niedrigem subjektiven Status – wie er sich in der Verortung im gesellschaftlichen„Unten“ widerspiegelt – gibt es eine stärkere Zustimmung zum Rechtspopulismus (Gidron/Hall 2017). Zugleich gibt es auch Hinweise, dass das Unten-Bewusstsein in Richtung einer Selbstbehauptung von Arbeiter:innen und sozialer Forderungen umgewertet werden kann. 3 3  Eine Illustration ist die Aussage eines Berliner Maurers, die Beck und Westheuser(2022: 300) dokumentieren:„Die, die unten sind, ist das Fundament in der Gesellschaft. Ganz einfach. Und das sind die mit den normalen Berufen.[...] Sei es nun der Bäcker, sei es der Friseur, die Müllabfuhr, die Straßenreinigung, der Busfahrer, der Lkw-Fahrer. Ohne die geht es nicht.“ Andere Studien beschreiben ähnliche Umwertungen der Unteren als„Kämpfer“(Rehbein et al. 2015) oder„verkannte Leistungsträger:innen“(Mayer-Ahuja/Nachtwey 2021; siehe auch Plenter 2024). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 11 5 DATEN UND OPERATIONALISIERUNG Im Folgenden nutzen wir eigens erhobene Daten, um systematisch zu erkunden, in welchem Verhältnis Klassenidentität, Klasseninteresse und Unten-Bewusstsein zum Wahlverhalten in der Bevölkerung als ganzer und unter Arbeiter:innen im Speziellen stehen. Für unsere Analysen nutzen wir die Daten des Surveys„Kartographie der Arbeiter:innen­ klasse“, einer von Kantar Public im Auftrag der FriedrichEbert-Stiftung in Deutschland im Sommer 2023 durchgeführten Erhebung im Mixed-Mode-Design, bei der ca. 5.000 volljährige, deutschsprachige Personen zu ihren Arbeitsund Lebensbedingungen, Einstellungen und politischen Orientierungen befragt wurden(Engels et al. 2024). Alle nachfolgenden Befunde beruhen auf gewichteten Analysen. Die objektive Klassenlage operationalisieren wir über das Oesch-Klassenschema(Oesch 2006). Damit werden Berufspositionen nicht nur nach ihrer Stellung zu den Produktionsmitteln und ihrer Verfügung über Expertise und Humankapital unterschieden, sondern auch danach, welche spezifischen Arbeitsinhalte(Arbeitslogiken) mit diesen Berufen verbunden sind(siehe Abbildung 3). Eine solche Differenzierung hat sich insbesondere für die Erforschung politischer Orientierungen als fruchtbar erwiesen (Oesch/Rennwald 2018), denn solche Einstellungen ergeben sich auch daraus, inwieweit die spezifischen Arbeitsinhalte auf Unternehmensgewinn(Berufe in Verwaltung und Management), technische Expertise(Berufe in der Produktion) oder Klient:innen(soziale und kulturelle Berufe) ausgerichtet sind. Zur objektiven Arbeiterklasse zählen für uns – qualifizierte und unqualifizierte – Produktions- und Dienstleistungsarbeiter:innen. Dies sind beispielsweise Industriebeschäftigte, Zimmermänner oder Maurerinnen, aber auch Verkäuferinnen, Altenpfleger und Reinigungskräfte. Befragte werden auf Basis ihrer aktuellen Beschäftigung einer Klasse zugeordnet. Für Personen im Ruhestand ziehen wir den letzten Beruf als Klassifikationsgrundlage heran. Etwa 30 Prozent der Befragten gehören damit zur„objektiven“ Arbeiterklasse. Klassenbewusstsein messen wir in drei Dimensionen: Für die Arbeiterklassen identität stützen wir uns auf die Frage„Es wird heute viel über die sogenannte Arbeiterklasse gesprochen. Fühlen Sie sich der Arbeiterklasse selbst zugehörig?“(Antwortmöglichkeiten:„eher ja“ und„eher nein“). Dies ist eine recht grobe Operationalisierung. Dennoch ermöglicht sie eine Annäherung an die uns interessierenden subjektiven Dispositionen. Allerdings dürfte sie zu einer recht optimistischen Schätzung der Verbreitung einer Arbeiterklassenidentität führen, denn auch Befragte mit einem eher vagen Zugehörigkeitsgefühl könnten hier zustimmen. In unseren Daten bejahen ganze 53 Prozent der Befragten diese Frage. Das Unten-Bewusstsein wird über die subjektive Schichtzugehörigkeit gemessen. Die Frage hierzu lautet: „In unserer Gesellschaft gibt es verschiedene Schichten. Manche verorten sich eher oben in der Gesellschaft, andere eher unten. Wo ordnen Sie sich selbst auf einer Skala von 1–7 ein, wobei 1 ,Unten‘, 4 ,Mitte‘ und 7 ,Oben‘ bedeutet.“ Wir fassen diese Skala zu drei Kategorien zusammen: unten(1–3), Mitte(4) und oben(5–7). Befragte, die mit Klassenschema nach Daniel Oesch mit Beispielberufen Abb. 3 Selbstständige abhängig Beschäftigte höhere Qualifikation niedrigere Qualifikation unabhängige Arbeitslogik Arbeitgeber:innen und freie Berufe z. B. Notarin, Unternehmer, Zahnärztin Kleinunter­ nehmer:innen z. B. Kioskbesitzer, Soloselbstständige technische Arbeitslogik organisationale Arbeitslogik technische Expert:innen z. B. Architekt, Ingenieurin, Programmierer mittleres/oberes Management z. B. Controller, CEO, Unternehmensberater Produktions­ arbeitende z. B. Industriemechanikerin, Tischler, Maurer einfache Bürokraft z. B. Sekretärin, Sachbearbeiter, Rezeptionistin interpersonelle Arbeitslogik soziokulturelle Expert:innen z. B. Lehrerin, Klinikärztin, Sozialarbeiter Dienstleistungs­ arbeitende z. B. Verkäufer, Altenpflegerin, Reinigungskraft Quelle: eigene Darstellung nach Oesch 2006. 12 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs den Werten 1, 2 oder 3 antworteten, klassifizieren wir als Personen mit Unten-Bewusstsein. Insgesamt sind das 13 Prozent der Befragten. Für das Arbeiterklassen interesse nutzen wir schließlich einen an Wright(1997) und Erbslöh et al.(1987) angelehnten Index. Dieser bezieht die Zustimmung zu zwei Items ein:„Arbeitnehmer in unserer Gesellschaft brauchen Gewerkschaften, um ihre Interessen durchzusetzen“, und „Große Konzerne haben bei Weitem zu viel Macht in Deutschland“(Antwortmöglichkeiten:„stimme voll und ganz zu“,„stimme eher zu“,„teils/teils“,„stimme eher nicht zu“,„stimme überhaupt nicht zu“). Zudem geht in diesen Index ein, wie die Befragungsperson folgende fiktive Situation beurteilt:„Stellen Sie sich einen langen Streik vor, in dem um Löhne und Arbeitsbedingungen gekämpft wird und der sich massiv auf das tägliche Leben in Deutschland auswirkt. Welches Ergebnis würden Sie sich wünschen?“ (Antwortmöglichkeiten:„Die Arbeitnehmer erreichen einen Großteil ihrer Forderungen“;„Die Arbeitnehmer erreichen einige ihrer Forderungen, machen aber auch große Zugeständnisse“;„Die Arbeitnehmer erreichen nur wenige ihrer Forderungen“ und„Die Arbeitnehmer gehen wieder an die Arbeit, ohne ihre Forderungen zu erreichen“). Auf Basis dieser Items und Frage wurde ein KlasseninteressenIndex konstruiert(vgl. Engels et al. 2024). Dieser Index hat in unserer Nutzung drei Ausprägungen: geringes, mittleres und starkes Klasseninteresse. Starkes Klasseninteresse bedeutet, dass der/die Befragte beiden Items ganz oder teilweise zustimmt und im Hinblick auf den fiktiven Arbeitskampf für die Streikenden optiert. Ca. 33 Prozent der Befragten zeigen ein auf diese Art gemessenes starkes Arbeiterklasseninteresse. Um das Wahlverhalten zu analysieren, ziehen wir die Sonntagsfrage heran(„Welche Partei würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?“). Die Antworten der Befragten fassen wir entsprechend der zuvor dargestellten Logik Oesch und Rennwalds zu drei Lagern zusammen:„Mitte-links“(SPD, Grüne, Die Linke), „Mitte-rechts“(CDU/CSU, FDP) und„radikal rechts“ (AfD), zu denen Wähler:innen anderer Parteien und Nichtwähler:innen(„würde nicht wählen“) hinzukommen. 4 Wie oben beschrieben, schließen wir mit diesem Vorgehen direkt an aktuelle politikwissenschaftliche Debatten an. Insbesondere für das Mitte-links-Lager ist aber zu beachten, dass dieses Parteien mit teils sehr unterschiedlichen Klassenprofilen in ihren Wählerschaften umfasst: Während die Grünen sehr stark unterdurchschnittlich von Arbeiter:innen gewählt werden, ist das für SPD und Linke nicht der Fall(Abou Chadi/Hix 2021; Braband 2024). Eine separate Analyse der Wahlabsicht für die einzelnen Parteien ist leider aufgrund zu geringer Fallzahlen nicht belastbar möglich. 5 4  Befragte, die angeben, dass sie noch nicht wissen, welche Partei sie wählen, oder die angeben, dass sie ungültig wählen, wurden aus den Analysen ausgeschlossen. 5  Zugleich ist es in unseren Augen bereits ein informativer Befund, dass die Parteien links der Mitte eine uneinheitliche Klassenspezifik in ihren Wählerschaften aufweisen. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 13 6 ERGEBNISSE: KLASSEN UND POLITISCHE LAGER Die Darstellung unserer Ergebnisse ist in zwei Abschnitte geteilt: ȣ Im ersten Schritt bestätigen wir mit unseren Daten das oben dargestellte Modell des politischen Raums: Die politischen Lager der linken Mitte, der rechten Mitte und der radikalen Rechten haben ihre sozialen Hochburgen in je anderen Klassen. Zudem zeichnen wir nach, dass Klassenidentität, Klasseninteresse und Unten-Bewusstsein auf unterschiedliche Weise mit der Wahl dieser politischen Lager in Verbindung stehen: Alle Formen des Klassenbewusstseins gehen mit einer deutlich verringerten Wahrscheinlichkeit einher, Mitterechts zu wählen. Aber während sich bei Menschen mit Arbeiterklassenidentität und Unten-Bewusstsein die Tendenz verstärkt, rechtsradikal zu wählen, neigen jene mit ausgeprägtem Bewusstsein für Arbeiterklasseninteressen stärker zur Mitte-links-Wahl. ȣ In einem zweiten Schritt blicken wir genauer auf die Arbeiterklasse. Wir zeigen, dass alle Formen des Klassenbewusstseins in der Arbeiterklasse besonders häufig zu finden sind und dass das Bewusstsein über gemeinsame Klasseninteressen Potenziale für Koalitionen zwischen Arbeiter:innen und akademischer Mittelklasse eröffnet. Auf einem anderen Grundniveau zeigt sich unter Arbeiter:innen ein ähnlicher Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Wahlabsicht wie im Rest der Bevölkerung. Das Unten-Bewusstsein und die Arbeiteridentität sind mit einer stärkeren rechtsradikalen Präferenz verbunden, das Klasseninteresse mit einer stärkeren Präferenz für Mitte-links-Parteien. Abb. 4 W W o o h h a a b b e e n n d d i i e e p p o o l l i i t t i i s s c c h h e e n n L L a a g g e e r r i i h h r r e e K K l l a a s s s s e e n n b b a a s s e e n n ? ? W W a a h h l l a a b b s s i i c c h h t t f f ü ü r r d d i i e e B B e e r r u u f f s s k k l l a a s s s s e e n n WAHL NACH OBJEKTIVER KLASSENLAGE 60 Abb. 3 Abb. 4 Angaben in Prozent 40 20 0 Arbeitge- Kleinunter- kulturelle technische ber:innen nehmer:innen Expert:innen Expert:innen Management Bürokräfte Produktionsarbeitende Dienstleistungsarbeitende Mitte-links Mitte-rechts radikal rechts Nichtwahl Lesebeispiel: 43 Prozent der Arbeitgeber:innen geben an, eine Partei des Mitte-rechts-Lagers wählen zu wollen, 27 Prozent würden eine Mitte-links-Partei wählen, 23 Prozent die AfD und 5 Prozent gar nicht. Quelle: eigene Darstellung(fehlend zu 100%: andere Partei). Abb. X 14 Wahl nach objektiver Klassenlage KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 202 A 4  bb F . E X S diskurs Angaben in Prozent Wir beginnen mit der Frage, in welche Richtung verschiedene Klassenzugehörigkeiten und Formen des Klassenbewusstseins den politischen Kompass in der Gesamtbevölkerung ausschlagen lassen. Abbildung 4 zeigt die Wahlabsicht für die drei politischen Lager nach objektiver Klassenlage. Hier zeigen sich für einige Klassen relativ klare Parteipräferenzen. Ganz entsprechend der Gegenüberstellung von Wirtschafts- und Kulturbürgertum im oben dargestellten Modell setzen Arbeitgeber:innen, Kleinunternehmer:innen und Angehörige der freien Berufe, wie Anwälte oder Privatärztinnen, ihr Kreuz am häufigsten bei den Mitte-rechts-Parteien. Auch Managementangestellte weisen hier einen vergleichsweise hohen Wert auf. Dagegen wählen Lehrer:innen, Journalist:innen und Sozialarbeiter:innen – also Angehörige der Berufsklasse der soziokulturellen Expert:innen – mit deutlicher Mehrheit Mittelinks-Parteien. Auch unter technischen Expert:innen, wie Architektinnen und Ingenieuren, sind diese Parteien sehr beliebt. Ebenso entsprechen die Befunde für Arbeitende in Produktion und Dienstleistung der von Oesch und Rennwald beschriebenen Position„zwischen den Stühlen“ von Mittelinks und rechts außen. Hier zeigt sich im Vergleich eine besonders starke Neigung zur radikal rechten Wahl. AfD und Mitte-links-Parteien liegen fast gleichauf. Mit unseren Daten können wir also im Wesentlichen die Befunde der bisherigen Forschung bestätigen. Die gegenwärtige klassenpolitische Konstellation spannt sich zwischen drei sozialen und politischen Polen auf. Wähler:innen von Mittelinks-, Mitte-rechts- und Rechtsaußen-Parteien sind in allen Klassen vertreten, die politischen Lager haben aber jeweils klar bestimmbare soziale Hochburgen: Kulturbürgertum (Mitte-links), Wirtschaftsbürgertum(Mitte-rechts) und Arbeiterklasse(rechts außen). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 15 7 LINKES KLASSENBEWUSSTSEIN, RECHTES KLASSENBEWUSSTSEIN? Blicken wir nun über die bestehende Forschung hinaus auf den Zusammenhang zwischen Klassenbewusstsein und Wahlverhalten(Abbildung 5). Zunächst fällt auf, dass alle Formen des Klassenbewusstseins mit einer verminderten Wahlabsicht für die Mitte-rechts-Parteien einhergehen. Der Tendenz nach gilt: Je stärker sich Menschen mit der Arbeiterklasse identifizieren, je weiter unten sie sich gesellschaftlich verorten und je ausgeprägter ihr Bewusstsein für antagonistische Klasseninteressen ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie CDU oder FDP wählen. Hier zeigt sich, dass eine zentrale politische Spaltungslinie des 20. Jahrhunderts auf der Bewusstseinsebene durchaus fortdauert. Der Inhalt dieser Spaltungslinie wird von einem W W a a h h l l a a b b s s i i c c h h t t f f ü ü r r d d i i e e p p o o l l i i t t i i s s c c h h e e n n L L a a g g e e r r n n a a c c h h K K l l a a s s s s e e n n i i d d e e n n t t i i t t ä ä t t , , s s o o z z i i a a l l e e r r S S e e l l b b s s t t v v e e r r o o r r t t u u n n g g u u n n d d K K l l a a s s s s e e n n i i n n t t e e r r e e s s s s e e Abb. 5 Abb. Wahl nach Arbeiterklassenidentität 60 Angaben in Prozent Wahl nach sozialer Selbstverortung 60 40 40 20 20 0 ohne Arbeiterklassenidentität mit Arbeiterklassenidentität 0 oben Mitte unten Wahl nach Arbeiterklasseninteresse 60 40 20 0 gering mittel stark Mitte-links Mitte-rechts radikal rechts Nichtwahl Lesebeispiel: Von den Befragten, die sich selbst eher nicht der Arbeiterklasse zugehörig fühlen („ohne Arbeiterklassenidentität“), gaben 40 Prozent an, für eine Mitte-links-Partei stimmen zu wollen, 35 für Mitte-rechts und 12 Prozent für die AfD. Unter denen, die sich der Arbeiterklasse eher zugehörig fühlen, wählen 35 Prozent Mitte-links, 26 Prozent Mitte-rechts und 23 Prozent AfD. Quelle: eigene Darstellung(fehlend zu 100%: andere Partei). 16 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs Arbeiter in den – hier nicht ausgewerteten – Fokusgruppen der zugrundeliegenden Studie so zusammengefasst: „Die SPD war immer für die Otto Normalverbraucher. Die CDU war immer für die Hohen, Reichen.“ Zugleich zeigen unsere Analysen für zwei Formen des Klassenbewusstseins – Klassenidentität und Unten-Bewusstsein –, dass die verminderte Mitte-rechts-Wahl unter den Klassenbewussten nicht durch Linkswahl substituiert wird, sondern durch eine deutlich verstärkte Tendenz, die rechtsradikale AfD zu wählen. 6 Ein ähnliches Bild zeigt sich für die Selbstverortung im sozialen Raum: Hier ist der Anteil der AfD-Wählenden umso größer, je weiter unten sich Befragte verorten. Der Anteil für Mitte-rechts-Parteien sinkt spiegelbildlich dazu, während der Mitte-links-Anteil unverändert bleibt. Anders gesagt: Menschen mit und ohne Unten-Bewusstsein und Arbeiteridentität machen mit etwa gleicher Wahrscheinlichkeit ihr Kreuz bei Mittelinks-Parteien(angesichts der Geschichte der politischen Linken ist auch das kein trivialer Befund). Auf der rechten Seite des politischen Spektrums dagegen zeigen sich bedeutsame Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Klassenbewusstsein: Wer sich in der oberen Mitte verortet und rechts wählt, wählt mehrheitlich CDU und FDP. Wer aber im gefühlten Unten und in der selbstidentifizierten Arbei­terklasse rechts wählt, landet oft auch bei der AfD. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die moderate Rechte dort tonangebend bleibt, wo die Legitimität des Parteiensystems intakt ist, während die AfD sich anschickt, dort zur hegemonialen rechten Kraft zu werden, wo die etablierte Politik an Legitimität verloren hat. Interessant ist allerdings auch, dass bei Menschen mit Unten-Bewusstsein nicht nur die Rechtsaußen-Tendenzen in die Höhe schnellen, sondern auch die erklärte Absicht zur Nichtwahl. Dies deckt sich mit Studien, die einen engen Zusammenhang zwischen niedrigem Status und politischem Ausschluss dokumentieren(Elsässer/Schäfer 2023). Die Abkehr von demokratischer Einflussnahme ist unter jenen, die das Gefühl haben, am unteren Ende der Hackordnung zu stehen, besonders stark verbreitet. Diese Gruppe könnte für linke Parteien ein bisher vergleichsweise wenig beachtetes politisches Reservoir darstellen. In jedem Fall müssen sich diese Parteien wohl die Frage stellen, warum Arbeiteridentität und Unten-Bewusstsein nicht mehr – wie seit Beginn des modernen Parteiensystems – klar links verortete Bewusstseinsformen darstellen und warum es Rechtsradikalen gelingt, diese Bewusstseinsformen zumindest in Teilen zu repräsentieren(siehe auch unten). Sind diese Befunde für Linke eher ernüchternd, verweisen die Werte für das Arbeiterklassen interesse auf einen Aspekt des Klassenbewusstseins, der sehr klar mit der politischen Linken verbunden bleibt. Hier sehen wir, dass mit einem Bewusstsein für antagonistische Klasseninteressen auch die Neigung zur Mitte-links-Wahl stark ansteigt. Befragte, die sich in Oben-Unten-Konflikten zwischen Arbeitgeber:innen und Arbeiternehmer:innen, Gewerkschaften und Konzernen klar mit der Seite der Beschäftigten solidarisieren, wählen deutlich häufiger linke Parteien. Weder die rechte Mitte noch die Rechtsradikalen können bei dieser Frage punkten. 6  CDU, FDP und AfD kommen zusammen auf fast genau den gleichen Wähleranteil unter Befragten mit Arbeiteridentität und unter Befragten ohne Arbeiteridentität. Doch bei denen, die sich mit der Arbeiterklasse identifizieren, verschiebt sich der Schwerpunkt deutlich, weg vom Mitte-rechts- und hin zum Rechtsaußen-Pol. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 17 8 WELCHES BEWUSSTSEIN HAT DIE ARBEITERKLASSE„FÜR SICH“? In einem zweiten Analyseschritt blicken wir nun genauer auf die Arbeiterklasse. Ist das Klassenbewusstsein immer noch – wie in den oben zitierten Worten E. P. Thompsons – in objektiven Klassenerfahrungen verankert? Oder handelt es sich um ein freischwebendes ideologisches Kons­ trukt, das stärker von persönlichen Meinungen abhängt als von der eigenen sozialen Position? Diese Frage ist aus zwei Gründen entscheidend: Erstens wird so klarer, welche Bedeutung dem Klassenbewusstsein heute zukommt und in welchen Gruppen sich durch eine Ansprache des Klassenbewusstseins womöglich politische Potenziale bergen lassen. Zweitens können wir so sogenannten Kompositionseffekten auf die Spur kommen, also der Möglichkeit, dass es gar nicht die identifizierten Bewusstseinsformen sind, die politisch den Unterschied machen, sondern nur die Zusammensetzung der dahinterstehenden sozialen Gruppen. Um diese Bedenken auszuräumen, blicken wir abschließend auf die politischen Effekte des Klassenbewusstseins nur unter jenen Befragten, die objektiv zur Arbeiterklasse zählen. Schauen wir zunächst auf die Passung von Klassenposition und Klassenbewusstsein(Abbildung 6), so zeigt sich, dass Befragte aus der Arbeiterklasse tatsächlich auch besonders häufig das Gefühl haben, zur Arbeiterklasse zu gehören: 83 Prozent der Produktionsarbeitenden und 70 Prozent der Dienstleistungsarbeitenden geben diese Form der Identifikation an – beides Werte, die weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegen. Nur 29 Prozent sind es dagegen am anderen Ende der Klassenstruktur, unter Arbeitgeber:innen und selbstständigen Professionen. Objektive und subjektive Klassenlage fallen also weitgehend zusammen; die soziale Bedeutung des Begriffs„Arbeiterklasse“ wird auch heute noch mit großer Präzision verstanden. Das ist relevant, weil es mit Befunden zusammenpasst, die zeigen, dass Angehörige der Arbeiterklasse politisch stärker mobilisiert werden, wenn man sie auch als solche anspricht(Robison et al. 2021; Ares 2021). Auch das UntenBewusstsein ist bei Arbeiter:innen vergleichsweise stark ausgeprägt, obwohl sich hier – wie in allen Klassen – nur eine Minderheit auf den unteren Stufen der Statusskala verortet. Dies spricht für eine starke Mittelschichts- bzw. Mitteorientierung auch unter den Arbeiter:innen: Man mag zwar ein Mitglied der Arbeiterklasse sein und sich dieser zugehörig fühlen, aber wenn es um die Platzierung in einer Statusordnung geht, die man auch als eine Ordnung der Wertigkeit und Verdientheit begreifen kann, sieht man sich dennoch in der Mitte. 7 Das Arbeiter-Sein wird nicht zwangsläufig mit einer niedrigen sozialen Position assoziiert, wie dies in einem älteren Verständnis der proletarischen Lebensform der Fall war. Dennoch zeigt sich auch mit Blick auf das Unten-Bewusstsein eine Passung zwischen objektiven und subjektiven Lagen: zwischen dem selbsterklärten Oben und Unten besteht ein klares Einkommensgefälle. 8 Besonders interessant ist schließlich das Klasseninteresse: Hier finden wir ebenfalls hohe Werte für Produktions- und Dienstleistungsarbeiter:innen, diese werden jedoch noch von der Mittelklassegruppe der soziokulturellen Expert:innen übertroffen. Geht es um Auseinandersetzungen zwischen Beschäftigten und Unternehmen oder die Kritik an der Übermacht großer Konzerne, dann finden sich interessenbewusste Arbeiter:innen auf einer Seite mit vielen Angehörigen der kulturellen Mittelklasse. Wie wir aus anderen Studien wissen, sind soziale Gerechtigkeitsorientierungen in diesem Teil der Mittelklasse oft sehr zentral für das eigene Selbstverständnis(Damhuis/Westheuser 2024). Dieses Muster verweist somit auf wichtige Unterstützungs- und Koalitionspotenziale zwischen zwei Klassen, die die Kernwählerschaften linker Parteien bilden (siehe auch Wagner 2024). Diese Muster werfen die Frage auf, ob die beobachteten Unterschiede für Klassenidentität(eher rechtsdrehend) und Klasseninteresse(eher linksdrehend) einfach nur daher rühren, dass es jeweils andere soziale Gruppen sind, die eine starke Arbeiterklassenidentität oder ein starkes Arbeiterklasseninteresse haben. Könnte es sein, dass der politische Effekt des Klasseninteresses nur von den Mittelklasseangehörigen der soziokulturellen Berufe getragen wird? In diesem Fall würde es sich um sogenannte Kompositionseffekte handeln. Um diese Möglichkeit auszuschließen, beschränken wir unsere Analysen in einem letzten Schritt nun auf Produktions- und Dienstleistungsarbeiter:innen. 9 Beruhen die oben gezeigten Ergebnisse auf Kompositionseffekten, müssten sich hier andere Ergebnisse zeigen als für die Bevölkerung insgesamt. Wie in Abbildungen 7 dargestellt, ist dies aber nicht der Fall. Auch unter Arbeiter:innen geht eine Identifizierung mit der Arbeiterklasse und ein Unten-Bewusstsein mit einer stärkeren AfD-Präferenz einher, während ein ausgeprägtes Interessenbewusstsein die Wahl von Mitte-links-Parteien befördert. Auch unter Arbeiter:innen schwächt Klassenbewusstsein die Wahl 7  So wählen ca. 60 Prozent der Produktionsarbeiter:innen und der Dienstleistungsarbeiter:innen die mittlere von sieben Antwortkategorien. 8  Das durchschnittliche Haushaltseinkommen variiert zwischen 2.300 Euro(Selbstverortung eher unten), 3.000 Euro(Mitte) und 3.500 Euro (eher oben). 9  Wir dichotomisieren unsere Indikatoren des Klassenbewusstseins(siehe„Daten und Operationalisierung“). Eine Darstellung mit Konfidenzintervallen findet sich im Anhang. 18 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs Verteilung der Formen des Klassenbewusstseins über die BerufsB kl e a r s u s f e s n kl ( a O ss e e s n ch ( ) O : e K s la ch ss ): en K i l d a e ss n e t n it i ä d t e , n K t l i a tä ss t, en K i l n a t s e se re n s i s n e te u r n e d ss U e n u t n e d nU Be n w te u n s s B t e s w ei u n sstsein A A b b b b . . 6 Arbeiterklassenidentität Anteil der Personen mit Arbeiterklassenidentität in der jeweiligen Klasse Angaben in Prozent Produktionsarbeitende Dienstleistungsarbeitende technische Expert:innen Bürokräfte Kleinunternehmer:innen kulturelle Expert:innen Management Arbeitgeber:innen 52 49 46 46 41 29 83 70 Arbeiterklasseninteresse Anteil der Personen mit starkem Arbeiterklasseninteresse in der jeweiligen Klasse kulturelle Expert:innen Dienstleistungsarbeitende Produktionsarbeitende technische Expert:innen Bürokräfte Kleinunternehmer:innen Arbeitgeber:innen Management 43 39 37 35 30 30 29 25 Unten-Bewusstsein Anteil der Personen mit Unten-Bewusstsein in der jeweiligen Klasse Dienstleistungsarbeitende Produktionsarbeitende Bürokräfte Arbeitgeber:innen kulturelle Expert:innen Management Kleinunternehmer:innen technische Expert:innen 17 15 11 9 8 7 7 6 Lesebeispiel: 83 Prozent der Produktionsarbeitenden, aber nur 29 Prozent der Arbeitgeber:innen fühlen sich der Arbeiterklasse zugehörig; 43 Prozent der soziokulturellen Expert:innen weisen ein starkes Interessenbewusstsein auf, 17 Prozent der Dienstleistungsarbeiter:innen verorten sich selbst in der gesellschaftlichen Hierarchie eher unten. Quelle: eigene Darstellung. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 19 von Mitte-rechts-Parteien deutlich. Die Verbindungen von Politik und Klassenbewusstsein, die sich für die Gesamtbevölkerung ergeben, zeigen sich also auch unter Arbeiter:innen. Ein politisch äußerst relevanter Unterschied ist allein das unterschiedliche Grundniveau in der Zustimmung für die drei politischen Lager. Da die AfD, wie oben gezeigt, in der Arbeiterklasse insgesamt ungewöhnlich stark ist, liegt sie auch unter Arbeitenden mit Klassenidentität gleichauf mit den drei Parteien des linken Lagers. Auch die Arbeiterklasse„an und für sich“ sitzt also politisch zwischen den Stühlen. Sie wählt zu gleichen Teilen links wie rechts außen. Unter Arbeitenden, die sich sozial eher unten verorten, steht die AfD sogar deutlich an erster Stelle. Fast 40 Prozent geben in dieser Gruppe an, die Partei wählen zu wollen. Rechtsradikale, so scheint es, geben dem Groll jenes Teils der Arbeiterklasse eine politische Heimat, die sich in der gesellschaftlichen Statusordnung abgewertet fühlt(oder schüren unter ihren Anhänger:innen dieses Gefühl). Nur unter Arbeitenden mit ausgeprägtem Interessenbewusstsein liegt das linke Lager vorn. Wie in der Gesamtbevölkerung zeigt sich hier ein spiegelbildlicher Trend für die rechte und linke Mitte: Während der Wähleranteil von CDU und FDP unter interessenbewussten Arbeitenden ins Bodenlose fällt, steigt der Anteil der Linkswähler:innen signifikant an. Die AfD-Präferenz scheint dagegen vom Interessenbewusstsein unberührt zu bleiben. Wahlabsicht von Arbeiter:innen(Produktion und Dienstleistung) nach Klassenidentität, Unten-Bewusstsein und Klasseninteresse A A b b b b . . 7 Arbeiterklassenidentität 60 Angaben in Prozent Unten-Bewusstsein 60 40 40 20 20 0 ohne Arbeiterklassenidentität mit Arbeiterklassenidentität Arbeiterklasseninteresse 60 40 20 0 ohne Arbeiterklasseninteresse mit Arbeiterklasseninteresse Quelle: eigene Darstellung(fehlend zu 100%: andere Partei). 0 ohne Unten-Bewusstsein mit Unten-Bewusstsein Mitte-links Mitte-rechts radikal rechts Nichtwahl Lesebeispiel: Arbeiter:innen, die sich selbst eher nicht der Arbeiterklasse zugehörig fühlen, gaben zu 36 Prozent an, für eine Mitte-links-Partei stimmen zu wollen, 19 Prozent wollten die AfD wählen. Unter denen, die sich der Arbeiterklasse eher zugehörig fühlen, wählten dagegen 31 Prozent Mittelinks, und 32 Prozent die AfD. 20 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs 9 FAZIT: RECHTE IDENTITÄT, LINKES INTERESSE? Unsere Studie liefert neue Befunde zu einem traditionsreichen, aber zuletzt eher vernachlässigten Thema der politischen Soziologie: dem Zusammenhang von Klassenbewusstsein und politischen Orientierungen. Wir unterschieden Identität, Interesse und soziale Selbstverortung als drei Dimensionen von Klassenbewusstsein. Alle drei sind je spezifische Weisen, geteilte objektive Lagen in subjektive Selbstverständnisse umzumünzen. Für jede dieser Bewusstseinsformen untersuchten wir, wie stark sie in verschiedenen Klassen verbreitet und inwiefern sie mit je eigenen Mustern des Wahlverhaltens verknüpft sind. Auf Basis neuer Umfragedaten zeigte unsere Analyse zunächst grundlegend, dass das Klassenbewusstsein auch in der postindustriellen deutschen Gesellschaft weitverbreitet ist und eine klare Verankerung in der realen Klassenstruktur hat. Menschen, die in niedrig- bis mittelqualifizierten Arbeiterberufen beschäftigt sind, weisen auch eine deutlich erhöhte Identifikation mit der Arbeiterklasse und ihren Interessen auf. Obwohl der Begriff der Arbeiterklasse heute in der Öffentlichkeit eher wenig Verwendung findet, wird seine soziale Bedeutung also weiterhin präzise verstanden und angewandt, und zwar sowohl in der„alten“, eher männlichen Arbeiterklasse der Produktionsarbeitenden als auch im„neuen“, eher weiblichen Dienstleistungsproletariat. 10 Der Hauptfokus unserer Analyse lag dann auf der wahlpolitischen Bedeutung der Identifikation mit der Arbeiterklasse und ihren Interessen sowie der gesellschaftlichen Selbstverortung. In Anlehnung an jüngere Forschung zeichneten wir die Effekte des Klassenbewusstseins auf die Wahl dreier politischer Lager nach: Mitte-links(SPD, Grüne, Linke), Mitte-rechts(CDU, FDP) und radikal rechts (AfD). Wir zeigten zunächst, dass die sozialen Hochburgen der drei Lager in je anderen Klassen liegen: der Kulturmittelklasse(Mitte-links), Wirtschaftsmittelklasse(Mitterechts) und Arbeiterklasse(rechts außen). Weiterhin lieferten unsere Analysen starke Hinweise auf eine fortdauernde Relevanz des Klassenbewusstseins für das Wahlverhalten. Alle Arten von Klassenbewusstsein gehen mit einer deutlich reduzierten Neigung einher, Mitte-rechts-Parteien zu wählen. Konservativen und rechtsliberalen Kräften scheint es in Deutschland derzeit nicht zu gelingen, ihr politisches Projekt mit Formen des Klassenbewusstseins zu verbinden. Im Gegenteil scheint es gerade die Abwesenheit von Klassenbewusstsein zu sein, die die Wahl für die rechte Mitte begünstigt. Darüber hinaus weisen unsere Befunde in zwei Richtungen: Arbeiterklassenidentität und Unten-Bewusstsein sind mit einer teils deutlich erhöhten Tendenz zur AfD-Wahl verknüpft. Ein Bewusstsein für antagonistische Klasseninteressen geht dagegen mit einer klaren Präferenz für Mitte-links-Parteien einher. Dasselbe Muster zeigt sich auch unter Menschen in Arbeiterberufen: Arbeiter:innen, die sich in Oben-Unten-Konflikten zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeber:innen solidarisch mit der Beschäftigtenseite positionieren, wählen deutlich häufiger linke Parteien. Entgegen der oben zitierten Hoffnung einiger Beobachter:innen lässt sich also sagen, dass eine Klassenidentität an sich noch nicht gegen Rechtsextremismus immunisiert. Im Gegenteil scheint auch die AfD zumindest in Teilen jenen eine politische Heimat zu bieten, die sich selbst als Teil der Arbeiterklasse verstehen und sich gesellschaftlich eher unten verorten. Wir interpretieren dies als Hinweis darauf, dass die Arbeiteridentität unter verschiedenen politischen Vorzeichen politisiert werden kann: als inklusiv-solidarische vertikale Abgrenzung gegenüber den Reichen, Chefs und Eigentümer:innen; oder aber als exkludierende Abgrenzung gegenüber anderen Lohnabhängigengruppen (etwa Migrant:innen, Transferempfänger:innen oder gesellschaftlichen Außenseiter:innen). In Form der von rechts propagierten Unterscheidung hartarbeitender(und inländischer)„makers“ und der parasitär auf Kosten anderer lebenden„takers“(Rathgeb 2024), kann der Begriff der Arbeiterklasse auch von rechts gefüllt werden. Dass dies im Falle der noch relativ jungen AfD bereits in dem hier beschriebenen hohen Ausmaß zu gelingen scheint, sollte für linke Kräfte ein Alarmsignal sein. Denn die Fähigkeit der radikalen Rechten, ihre Deutung des Arbeiter-Seins hegemonial zu machen, hängt in allererster Linie von der Stärke oder Schwäche linker Alternativdeutungen ab. Für das Selbstverständnis linker Parteien war es lange Zeit zentral, die Identität, Interessen und Beschwerden von Arbeiter:innen zu vertreten und diese in eine solidarische Politik für die Gesamtgesellschaft zu kanalisieren. In unseren Befunden zeigen sich die Symptome einer Vernachlässigung dieser politischen Verankerung. Eine linke Ansprache des Klassenbewusstseins – sowohl in der Arbeiterklasse als auch in der Bevölkerung als Ganzer – scheint derzeit vor allem auf Basis gemeinsamer Arbeitnehmerinteressen zu gelingen. Dieser Zugang erweist sich auch insofern als strategisch vielversprechend, als sich für diese Bewusstseinsform eine Klassenallianz von interessenbewussten Arbeiter:innen und gerechtigkeitsorientierten Mittelklasseangehörigen zeigt. Eine Vielzahl öffentlicher Kommentare wies in den letzten Jahren auf eine zunehmende kulturelle und politische Entfremdung von Arbeiter- und Mittelklasse hin, die für hitzige politische Konflikte in der Migrations-, Anerkennungs- und Klimapolitik 10  Das Arbeiter-Sein ist dabei eher weniger mit einer Selbstverortung im gesellschaftlichen Unten assoziiert; viele verstehen sich zugleich als Arbeiterklasse und als Angehörige der gesellschaftlichen Mitte. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 21 verantwortlich gemacht wurde. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass diese Entfremdung durch eine Politik revidiert werden kann, die die gemeinsamen Interessen von Beschäftigten und ihren Gegensatz zu den Interessen von Arbeitgeber:innen und Konzernen in den Vordergrund stellt. Hier kommen Gruppen mit teils sehr unterschiedlichen Lebensstilen politisch auf einen gemeinsamen Nenner. Auch zum generellen Stand der Klassenformierung enthalten unsere Daten eine Reihe interessanter Befunde. Der grundlegendste ist der, dass das Phänomen des Klassenbewusstseins auch in einer postindustriellen Klassenstruktur mit stark angewachsenem Dienstleistungssektor und erhöhtem Qualifikationsniveau politische Signifikanz behält. Obwohl Klassenfragen in der Bundesrepublik schon seit Jahrzehnten marginalisiert wurden und die Klassenidentität – gerade im Gegensatz etwa zu nationalen Identitätsangeboten – politisch unbearbeitet blieb, lebt ein sozialer Sinn für die Position in der Klassenstruktur mit erstaunlicher Deutlichkeit fort. Wie dieser Sinn sich politisch niederschlägt, ist allerdings alles andere als geradlinig. Sichtbar wird dies auch im überraschenden Befund, dass Klassenidentität und Klasseninteresse heute mit je ganz unterschiedlichen politischen Dynamiken einhergehen. Waren beide traditionell eng mit der politischen Linken verbunden – in der Hinsicht, dass eine Identifikation mit der Arbeiterklasse auch eine Identifikation mit ihren Interessen und ihrer politischen Vertretung bedeutete –, ergeben sich heute ganz disparate Logiken. Die Arbeiteridentität wird von vielen Menschen anders bestimmt als über die Interessen der Arbeitnehmer:innen in gesellschaftlichen ObenUnten-Konflikten. 11 Ebenso zeigt sich, dass linke Kräfte das Deutungsmonopol über Fragen der Klassenidentität verloren haben. Stattdessen reüssiert die radikale Rechte, die Verteilungskonflikte als Nullsummenspiel zwischen Etablierten- und Außenseitergruppen inszeniert. Damit befinden wir uns in einer neuen, politisch hochgefährlichen Phase des gesellschaftlichen Deutungskampfes um die Bedeutung von Arbeit, Klasse und das Selbstverständnis einfacher Lohnabhängiger. Wie Philipp Rathgeb(2024) zeigt, ist diese Phase davon geprägt, dass die radikale Rechte – in Deutschland wie im Rest Europas und in den USA – ein durchaus kohärentes politisches Projekt entwickelt, mit dem sie Arbeiter:innen adressiert: Einem inländischen, etablierten und durch Leistungswillen besonders„verdienten“ Teil jener Arbeiterschaft, die vom Übergang in die postindustrielle Wissensökonomie verunsichert ist, wird Aufwertung und Schutz versprochen, während Migrant:innen, vermeintliche Nichtstuer und Außenseiter abgewertet und entrechtet werden. Dieses Projekt operiert mit rhetorischen Versatzstücken des Arbeiterstolzes, greift Anerkennungsdefizite auf und schließt immer wieder auch an ältere sozialdemokratische Diskurse an. Weil die Spaltung und Disziplinierung der Lohnabhängigen im Endeffekt aber zu einer Erosion sozialer Solidarität führt, wird das Projekt vielerorts auch von Kapitaleliten unterstützt. Rechte können so ein doppeltes Spiel spielen, in dem sie sich als Repräsentanten der einfachen Leute geben, während sie zugleich Politik im Sinne der ökonomischen Eliten machen und Organisationsmacht, Absicherung und Sozialeigentum der Arbeitenden schwächen. Wollen linke Kräfte diesem doppelten Spiel etwas entgegensetzen, reicht es nicht, die radikale Rechte als„Populisten“ zu verschreien und sich selbst als moderate, staatstragende Stimme der Vernunft zu präsentieren. Dies überlässt den Rechten den Nimbus des Populären, die wertvolle Ressource der politischen Emotionen und die Repräsentation von Anti-Establishment-Haltungen, wie sie gerade unter Arbeiter:innen allgegenwärtig sind(Beck/Westheuser 2022). Ebenso kann man den politischen Gegner nicht schlagen, indem man seine Problemdefinition übernimmt. Wenn etwa Sozialdemokrat:innen aus Angst vor schlechter Presse in die Rufe nach Härte gegenüber vermeintlich leistungsunwilligen Transferempfänger:innen einstimmen, Migration zum gesellschaftlichen Übel erklären, gesellschaftliche Probleme ethnisieren und Anspruchskonkurrenzen zwischen Gruppen von Lohnabhängigen schüren, dann propagieren sie ein Politikverständnis, das sie selbst überflüssig macht. Um selbst nicht schwach zu erscheinen, stärken sie den politischen Gegner. Wie eine Vielzahl von Studien erwiesen hat, ist diese Art der Politik außerordentlich kontraproduktiv; sie zahlt nie bei Kräften links der Mitte ein, sondern ausschließlich auf dem rechten Spek­ trum(siehe z. B. Abou-Chadi et al. i. E.). Will die linke Mitte gewinnen, muss sie stattdessen dafür sorgen, dass der Interessengegensatz von Oben und Unten und die legitimen Forderungen der weniger betuchten Mehrheit im Zentrum der gesellschaftlichen Debatte stehen. Hier liegt die spezifische Stärke linker Programmatik, ihre Verankerung im Alltagsbewusstsein sowie, wie wir zeigen konnten, ein einendes Moment für ihre soziale Konstellation aus Arbeiterschaft und kultureller Mittelklasse. Dieses Potenzial zu bergen erfordert allerdings, Konflikte in Kauf zu nehmen und noch viel klarer als bislang zu benennen, in wessen Namen und für wessen Interessen man kämpft und auch gegen welche konkurrierenden Interessen das eigene Programm durchgesetzt werden soll. „Wer es allen recht machen will, wird von niemandem gewählt“, brachte der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez es einmal auf den Punkt. Eine klare Gegnerbestimmung ist dabei wichtig, weil menschengemachte Probleme viel eher als von Menschen lösbar wahrgenommen werden als scheinbar automatische Prozesse ohne Akteur:innen, wie die„Zunahme der Armut“ oder das„Aufklappen der Schere zwischen Arm und Reich“. Derlei Abstrakta bleiben farblos im Gegensatz zur durchaus packenden rechten Erzählung einer von außen überrannten und innen von gierigen Politiker:innen heruntergewirtschafteten Nation. Das Oben als Gegner zu benennen muss dabei nicht heißen, alle Reichen über einen Kamm zu scheren. Die übergroße Mehrheit der Wohlha11  Immerhin ein Viertel derer, die angeben, sich der Arbeiterklasse zugehörig zu fühlen, weist nur ein geringes Interessenbewusstsein auf. Umgekehrt werden die Interessen von Arbeitskämpfenden und Gewerkschaften auch von einem Drittel derer stark unterstützt, die sich selbst nicht zur Arbeiterklasse zählen. 22 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs benden und Unternehmen sind ehrlich, zahlen Steuern und tragen ihren Teil bei, ließe sich stattdessen etwa argumentieren, doch eine kleine Gruppe an Reichen vermeidet Steuern und hortet ihren Reichtum, statt sich um das Wohl der Gesellschaft zu kümmern. Eine kleine Zahl von Aktionär:innen fährt Rekordgewinne ein, während die Arbeitenden, die diese Gewinne tagtäglich mit ihren Händen erschaffen, ihre mickrigen Löhne mit Bürgergeld aufstocken müssen. Das darf nicht sein. Die hohen Zustimungsraten zur Frage der Konzernmacht und Arbeitnehmerinteressen, die unsere Studie verzeichnet, deuten an, dass eine solche politische Ansprache gerade unter Mitte-links-Wähler:innen populär wäre. Auf der anderen Seite braucht es gerade für Arbeiter:innen und Angehörige der unteren Mittelschicht einen inklusiven und positiven Bezug auf die eigene Gruppe, der überzeugender ist, als das exkludierende Identitätsangebot von rechts. Auch hier hilft es nicht, ins Allgemeine zu flüchten und Gruppenbezüge zu vermeiden, um alle mitzunehmen. Wie erwähnt, zeigen Studien etwa, dass Arbeiter:innen deutlich wahrscheinlicher für Parteien mobilisierbar sind, die sie explizit als Arbeiter:innen adressieren (Robison et al. 2021; Ares 2021). Will Mitte-links-Politik die Arbeiterklasse mit der progressiven Mittelklasse zusammenbringen, bietet es sich an, wieder klarzumachen, dass die öffentliche Infrastruktur des Gemeinwohls, die Regulierung des Profitstrebens zum Wohle der Beschäftigten wie auch wohlfahrtsstaatliche Errungenschaften von Rente bis zum Wohngeld Ergebnis einer historischen Mobilisierung einfacher Leute sind und dass dieser Kampf um sozialen Fortschritt ein unabgeschlossener ist. Anders gesagt, gilt es also, das Vokabular einer demokratischen Klassenpolitik wiederzugewinnen, die das Herz der sozialdemokratischen und linken Tradition ausmacht. Gerade für die Sozialdemokratie bedeutet dies eine schwierige, aber notwendige Neuorientierung. Ihr in der Vergangenheit erfolgreiches Politikmodell, Verteilungskonflikte durch hohe Wachstumsraten zu umgehen, liegt heute in Scherben, zusammen mit der Erzählung, wir befänden uns bereits in einer Gesellschaft„jenseits von Klasse und Stand“. Verteilungs- und Anerkennungskämpfe zwischen sozialen Gruppen werden in der Zukunft eher zu- als abnehmen – und sich in hitzigen politischen Konflikten niederschlagen. Um zu verhindern, dass von dieser Situation weiterhin vor allem Rechte profitieren, müssen linke Parteien das weithin bestehende, aber politisch demobilisierte Bewusstsein über gesellschaftliche Ungleichheit und widerstreitende Interessen aufgreifen, schärfen und zum Kompass ihrer Politik machen. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 23 20 0 10 Arbeitge- Kleinunter- kulturelle technische ber:innen nehmer:innen Expert:innen Expert:innen ANHANG Mitte-links Mitte-rechts Management Bürokräfte radikal rechts Produktionsarbeitende Dienstleistungsarbeitende Nichtwahl Darge L s e te se ll b t e s i i s n p d ie d l: i 4 e 3 A P n ro te z i e ls n w t e d r e t r e A m rb it e d it e g m eb 8 e 3 r: i P nn ro e z n e g n e tb K e o n n a n, ei w ne ei P li a g r e te P i a d r e te s i M au it f te d e re m ch F t ü sn La fg P e r r o s z w en äh tl N en iv z e u au wo n l i l c e h n t , signififidenz 2 i 7 nt P e r r o v z a e l n l t (P w a ü y r t d o e n n e e t i a n l e . 2 M 0 i 0 tt 3 e ) . li Ü nk b s e -P rs a c r h te n i e w id ä e h n le s n ic , h 23 Proze k n a t n d t i . e F A ü f r D d u e n n d V 5 er P g ro le z i e c n h t d g e a r r Z n u ic s h ti t m . mungswerte zu unterdie Intervalle von zwei Klassen nicht, ist der Klassenunterschiedlichen Parteien innerhalb einer bestimmten Klasse schied in Bezug auf die jeweiligen Parteien signifikant auf gilt: Die Zustimmungswerte unterscheiden sich signifikant, dem Fünf-Prozent-Niveau. Überschneiden sich die beiden wenn die Konfidenzintervalle für die jeweiligen Parteien Intervalle, ist der Klassenunterschied in Bezug auf die jerelativ weit auseinanderliegen. Abb. X W W a a h h l la n b a s c i h ch o t b n je a k ch tiv o e b r je K k la ti s v s e e r n K la la g s e senlage 60 A A b b b b . . X 8 Angaben in Prozent 40 20 0 Arbeitge- Kleinunter- kulturelle technische ber:innen nehmer:innen Expert:innen Expert:innen Management Bürokräfte Produktionsarbeitende Dienstleistungsarbeitende Mitte-links Mitte-rechts radikal rechts Nichtwahl Quelle: eigene Darstellung(fehlend zu 100%: andere Partei). 24 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs Wahlabsicht für die politischen Lager nach Klassenidentität, sozialer Selbstverortung und Klasseninteresse A A b b b b . . 9 Wahl nach Arbeiterklassenidentität 60 Angaben in Prozent Wahl nach sozialer Selbstverortung 60 40 40 20 20 0 ohne Arbeiterklassenidentität mit Arbeiterklassenidentität Wahl nach Arbeiterklasseninteresse 60 40 20 0 oben Mitte unten Mitte-links Mitte-rechts radikal rechts Nichtwahl 0 gering mittel stark Quelle: eigene Darstellung(fehlend zu 100%: andere Partei). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 25 V V e e r r t t e e i i l l u u n n g g d d e e r r F F o o r r m m e e n n d d e e s s K K l l a a s s s s e e n n b b e e w w u u s s s s t t s s e e i i n n s s ü ü b b e e r r d d i i e e BerufsB kl e a r s u s f e s n kl ( a O ss e e s n ch ( ) O : e K s la ch ss ): en K i l d a e ss n e t n it i ä d t e , n K t l i a tä ss t, en K i l n a t s e se re n s i s n e te u r n e d ss U e n u t n e d nU Be n w te u n s s B t e s w ei u n sstsein A A bb b . b 1 . 0 Arbeiterklassenidentität Anteil der Personen mit Arbeiterklassenidentität in der jeweiligen Klasse Angaben in Prozent Produktionsarbeitende Dienstleistungsarbeitende technische Expert:innen Bürokräfte Kleinunternehmer:innen kulturelle Expert:innen Management Arbeitgeber:innen 52 49 46 46 41 29 83 70 Arbeiterklasseninteresse Anteil der Personen mit starkem Arbeiterklasseninteresse in der jeweiligen Klasse kulturelle Expert:innen Dienstleistungsarbeitende Produktionsarbeitende technische Expert:innen Bürokräfte Kleinunternehmer:innen Arbeitgeber:innen Management 43 39 37 35 30 30 29 25 Unten-Bewusstsein Anteil der Personen mit Unten-Bewusstsein in der jeweiligen Klasse Dienstleistungsarbeitende Produktionsarbeitende Bürokräfte Arbeitgeber:innen kulturelle Expert:innen Management Kleinunternehmer:innen technische Expert:innen 17 15 11 9 8 7 7 6 Quelle: eigene Darstellung. 26 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs W W a a h h l l a a b b s s i i c c h h t t v v o o n n A A r r b b e e i i t t e e r r : : i i n n n n e e n n ( ( P P r r o o d d u u k k t t i i o o n n u u n n d d D D i i e e n n s s t t l l e e i i s s t t u u n n g g ) ) n n a a c c h h K K l l a a s s s s e e n n i i d d e e n n t t i i t t ä ä t t , , U U n n t t e e n n B B e e w w u u s s s s t t s s e e i i n n u u n n d d K K l l a a s s s s e e n n i i n n t t e e r r e e s s s s e e A A bb b . b 1 . 1 Arbeiterklassenidentität 60 Angaben in Prozent Unten-Bewusstsein 60 40 20 0 ohne Arbeiterklassenidentität mit Arbeiterklassenidentität Arbeiterklasseninteresse 60 40 20 0 ohne Arbeiterklasseninteresse mit Arbeiterklasseninteresse 40 20 0 ohne Unten-Bewusstsein mit Unten-Bewusstsein Mitte-links Mitte-rechts radikal rechts Nichtwahl Quelle: eigene Darstellung(fehlend zu 100%: andere Partei). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 27 ABBILDUNGSVERZEICHNIS 4 Abbildung 1 Wahlverhalten der Arbeiterklasse in Europa 1978–2014 9 Abbildung 2 Schematische Darstellung des politischen Raums mit politischen Lagern und Klassen 12 Abbildung 3 Klassenschema nach Daniel Oesch mit Beispielberufen 14 Abbildung 4 Wo haben die politischen Lager ihre Klassenbasen? Wahlabsicht für die Berufsklassen 16 Abbildung 5 Wahlabsicht für die politischen Lager nach Klassenidentität, sozialer Selbstverortung und Klasseninteresse 19 Abbildung 6 Verteilung der Formen des Klassenbewusstseins über die Berufsklassen(Oesch): Klassenidentität, Klasseninteresse und Unten-Bewusstsein 20 Abbildung 7 Wahlabsicht von Arbeiter:innen(Produktion und Dienstleistung) nach Klassenidentität, Unten-Bewusstsein und Klasseninteresse 24 Abbildung 8 Wahlabsicht nach objektiver Klassenlage 25 Abbildung 9 Wahlabsicht für die politischen Lager nach Klassenidentität, sozialer Selbstverortung und Klasseninteresse 26 Abbildung 10 Verteilung der Formen des Klassenbewusstseins über die Berufsklassen(Oesch): Klassenidentität, Klasseninteresse und Unten-Bewusstsein 27 Abbildung 11 Wahlabsicht von Arbeiter:innen(Produktion und Dienstleistung) nach Klassenidentität, Unten-Bewusstsein und Klasseninteresse LITERATURVERZEICHNIS Abou-Chadi, Tarik; Häusermann, Silja; Mitteregger, Reto; Mosimann, Nadja; Wagner, Markus i. E.: Trade-offs of Social Democratic Party Strategies in a Pluralized Issue Space: A Conjoint Analysis, in: World Politics 77(3). Abou-Chadi Tarik; Hix, Simon 2021: Brahmin Left versus Merchant Right? Education, Class, Multiparty Competition, and Redistribution in Western Europe, in: British Journal of Sociology 72, S. 79–92, https://doi.org/10.1111/1468-4446.12834(26.8.2024). Abou-Chadi, Tarik; Mudde, Cas; Mitteregger, Reto 2021: Left Behind by the Working Class? Friedrich-Ebert-Stiftung, https://library. fes.de/pdf-files/a-p-b/18074.pdf(31.7.2024). Achterberg, Peter 2006: Class Voting in the New Political Culture: Economic, Cultural and Environmental Voting in 20 Western Countries, in: International Sociology 21(2), S. 237–261. Achterberg, Peter; Houtman, Dick 2006: Why Do So Many People Vote„Unnaturally“? A Cultural Explanation for Voting Behaviour, in: European Journal of Political Research 45(1), S. 75–92. Ares, Macarena 2021: Issue Politicization and Social Class: How the Electoral Supply Activates Class Divides in Political Preferences, in: European Journal of Political Research 61(2), S. 503–523, https://doi. org/10.1111/1475-6765.12469(26.8.2024). Armingeon, Klaus; Weisstanner, David 2022: Objective Condi­ tions Count, Political Beliefs Decide: The Conditional Effects of SelfInterest and Ideology on Redistribution Preferences, in: Political Studies 70(4), S. 887–900, https://doi.org/10.1177/0032321721993652 (26.8.2024). Arndt, Christoph; Rennwald, Line 2017: Workplace Characteristics and Working Class Vote for the Old and New Right, in: British Journal of Industrial Relations 55(1), S. 137–164. Arzheimer, Kai 2018: Explaining Electoral Support for the Radical Right, in: Jens Rydgren(Hrsg.): The Oxford Handbook of the Radical Right, Oxford, S. 143–165. Bartolini, Stefano 2000: The Political Mobilization of the European Left, 1860–1980: The Class Cleavage, Cambridge. Beck, Linda; Westheuser, Linus 2022: Verletzte Ansprüche: Zur Grammatik des politischen Bewusstseins von ArbeiterInnen, in: Berliner Journal für Soziologie 32, S. 279–316. Berelson, Bernard R.; Lazarsfeld, Paul F.; McPhee, William N. 1954: Voting: A Study of Opinion Formation in a Presidential Campaign, Chicago. Bithymitris, Giorgos 2021: The(Im)possibility of Class Identity: Reflections on a Case of Failed Right-Wing Hegemony, in: Critical Sociology 47(3), S. 475–490. Bornschier, Simon; Häusermann, Silja; Zollinger, Delia; Colombo, Céline 2021: How„Us“ and„Them“ Relates to Voting Behavior: Social Structure, Social Identities, and Electoral Choice, in: Comparative Political Studies 54(12), S. 2.087–2.122. Bourdieu, Pierre 1987: What Makes a Social Class? On the Theoretical and Practical Existence of Groups, in: Berkeley Journal of Sociology 3, S. 1–17. Braband, Carsten 2024: Auf der Suche nach den Linken-WählerInnen, Luxemburg Gesellschaftsanalyse und linke Praxis Online, https:// zeitschrift-luxemburg.de/artikel/linke-waehler-innen-potenzial/ (31.7.2024). Butler, Tim; Savage, Mike 2013: Social Change and the Middle Classes, London. Calhoun, Craig 1982: The Question of Class Struggle: Social Foundations of Popular Radicalism During the Industrial Revolution, Chicago. Cavaillé, Charlotte 2023: Fair Enough? Support for Redistribution in the Age of Inequality, Cambridge. 28 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs Damhuis, Koen; Westheuser, Linus 2024: Cleavage Politics in Ordinary Reasoning: How Common Sense Divides, in: European Societies 26(2024), S. 1.194–1.231. D’Hooge, Lorenzo; Achterberg, Peter; Reeskens, Tim 2018: Imagining Class: A Study into Material Social Class Position, Subjective Identification, and Voting Behavior Across Europe, in: Social Science Research 70, S. 71–89. Dörre, Klaus 2020: In der Warteschlange: Arbeiter*innen und die radikale Rechte, Münster. Dörre, Klaus; Happ, Anja; Matuschek, Ingo(Hrsg.) 2013: Gesellschaftsbild der Lohnarbeiter:innen: Soziologische Untersuchungen in ost- und westdeutschen Industriebetrieben, Hamburg. Dörre, Klaus; Liebig, Steffen; Lucht, Kim Johanna 2024: Klasse gegen Klima? Transformationskonflikte in der Autoindustrie, in: Berliner Journal für Soziologie 34, S. 9–46. Dörre, Klaus i. E.: Demobilisierte Klassengesellschaft: Begriffe, Theorie, Analysen, Politik, Frankfurt/New York. Elsässer, Lea; Schäfer, Armin 2023: Political Inequality in Rich Democracies, in: Annual Review of Political Science 26, S. 469-487, https://doi.org/https://doi.org/10.1146/annurev-polisci-052521-094617(26.8.2024). Engels, Jan N.; Arnold, Annika; Schläger, Catrina 2024: Wie viel Klasse steckt in der Mitte? Erwerbsklassen und ihr Blick auf Arbeit, Gesellschaft und Politik, Friedrich-Ebert-Stiftung, https://library.fes. de/pdf-files/a-p-b/21171-20240527.pdf(31.7.2024). Engler, Sarah; Weisstanner, David 2020: The Threat of Social Decline: Income Inequality and Radical Right Support, in: Journal of European Public Policy 28(2), S. 153–173, https://doi.org/10.1080/135 01763.2020.1733636(26.8.2024). Eidheim, Marta 2024: Aligning Working-Class Interests and Preferences: The Case of Inheritance Tax, in: Scandinavian Political Studies, https://doi.org/10.1111/1467-9477.12288(26.8.2024). Evans, Geoffrey; Stubager, Rune; Langsæther, Peter Egge 2022: The Conditional Politics of Class Identity: Class Origins, Identity and Political Attitudes in Comparative Perspective, in: West European Politics 45(6), S. 1.178–1.205. Evans, Geoffrey; Tilley, James 2017: The New Politics of Class: The Political Exclusion of the British Working Class, Oxford. Erbslöh, Barbara; Hagelstange, Thomas; Holtmann, Dieter; Singelmann, Joachim; Strasser, Hermann 1987: Klassenstruktur und Klassenbewusstsein in der Bundesrepublik Deutschland, Endbericht eins DFG-Forschungsprojekts, Universität Duisburg Gesamthochschule. Fantasia, Rick 1995: From Class Consciousness to Culture, Action, and Social Organization, in: Annual Review of Sociology 21(1), S. 269–287. Friedman, Sam; O’Brien, David; McDonald, Ian 2021: Deflecting Privilege: Class Identity and the Intergenerational Self, in: Sociology 55(4), S. 716–733. Geißler, Rainer; Weber-Menges, Sonja 2006:„Natürlich gibt es heute noch Schichten!“: Bilder der modernen Sozialstruktur in den Köpfen der Menschen, in: Bremer, Helmut; Lange-Vester, Andrea (Hrsg.): Soziale Milieus und Wandel der Sozialstruktur, Wiesbaden. Gidron, Noam; Hall, Peter A. 2017: The Politics of Social Status: Economic and Cultural Roots of the Populist Right, in: British Journal of Sociology 68(1), S. 57–84. Gingrich, Jane 2017: A New Progressive Coalition? The European Left in a Time of Change, in: The Political Quarterly 88, S. 39-51, https://doi.org/10.1111/1467-923X.12332(26.8.2024). Gramsci, Antonio 1971: Selections from the Prison Notebooks, New York. Holtmann, Dieter; Erbslöh, Barbara; Hagelstange, Thomas; Singelmann, Joachim; Strasser, Hermann 1988: Klassenstruktur und Klassenbewusstsein in der Bundesrepublik: Erste empirische Ergebnisse, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 40, S. 245–261. Jünger, Ernst 1932: Der Arbeiter: Herrschaft und Gestalt, Hamburg. Jackman, Mary R.; Jackman, Robert W. 1983: Class Awareness in the United States, Berkeley. Kern, Horst; Schumann, Michael 1985: Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein: Eine empirische Untersuchung über den Einfluß der aktuellen technischen Entwicklung auf die industrielle Arbeit und das Arbeiterbewußtsein, Frankfurt am Main. Kiess, Johannes; Wesser-Saalfrank, Alina; Bose, Sophie; Schmidt, Andre; Brähler, Elmar; Decker, Oliver 2023: Demokratie und Arbeitswelt in Ostdeutschland: Erlebte Handlungsfähigkeit im Betrieb und(anti)demokratische Einstellungen, Otto Brenner Stiftung, https://www.otto-brenner-stiftung.de/arbeitswelt-und-demokratie-inostdeutschland/(31.7.2024). Kudera, Werner; Mangold, Werner; Ruff, Konrad; Schmidt, Rudi; Wentzke, Theodor 1979: Gesellschaftliches und politisches Bewußtsein von Arbeitern: Eine empirische Untersuchung, Frankfurt am Main. Langsæther, Peter Egge; Evans, Geoffrey 2020: More than SelfInterest: Why Different Classes Have Different Attitudes to Income Inequality, in: British Journal of Sociology 71, S. 594–607. Lepsius, M. Rainer 1993: Demokratie in Deutschland: Soziologischhistorische Konstellationsanalysen, Göttingen. Lindh, Arvid; McCall, Leslie 2020: Class Position and Political Opinion in Rich Democracies, in: Annual Review of Sociology 46, S. 419–441. Lipset, Seymour M. 1959: Democracy and Working-Class Authoritarianism, in: American Sociological Review 24(4), S. 482–501. Lipset, Seymour M. 1960: Political Man: The Social Bases of Politics, New York. Mann, Michael 1973: Consciousness and Action among the Western Working Class, London. Mannheim, Karl 1929: Ideologie und Utopie, Schriften zur Philosophie und Soziologie 3, Bonn. Marx, Karl(1852) 1961: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte, in: Marx-Engels-Werke Band 8, Berlin, S. 111–207. Mayer-Ahuja, Nicole; Nachtwey, Oliver 2021: Verkannte Leistungsträger: Berichte aus der Klassengesellschaft, Berlin. McDermott, Monica; Knowles, Eric D.; Richeson, Jennifer A. 2019: Class Perceptions and Attitudes Toward Immigration and Race Among Working-Class Whites, in: Analyses of Social Issues and Public Policy 19(1), S. 349–380. Mau, Steffen; Lux, Thomas; Westheuser, Linus 2023: Triggerpunkte: Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin. Nolan, Brian; Weisstanner, David 2022: Rising Income Inequality and the Relative Decline in Subjective Social Status of the Working Class, in: West European Politics 45(6), S. 1.206–1.230. Oesch, Daniel 2006: Redrawing the Class Map: Stratification and Institutions in Britain, Germany, Sweden and Switzerland, London. Oesch, Daniel; Rennwald, Line 2018: Electoral Competition in Europe’s New Tripolar Political Space: Class Voting for the Left, CentreRight and Radical Right, in: European Journal of Political Research 57 (4), S. 783–807. Oesch, Daniel; Vigna, Nathalie 2022: A Decline in the Social Status of the Working Class? Conflicting Evidence for 8 Western Countries, 1987–2017, in: Comparative Political Studies 55(7), S. 1.130–1.157. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 29 Payton, Mark E.; Greenstone, Matthew H.; Schenker, Nathaniel 2003: Overlapping Confidence Intervalls or Standard Error Intervals: What Do They Mean in Terms of Statistical Significance? In: Journal of Insect Science 3(34), S. 1–6. Perez-Ahumada, Pablo 2014: Class Consciousness in a Mature Neoliberal Society: Evidence from Chile, in: Research in Social Stratification and Mobility 38, S. 57–75. Plenter, Johanna 2024: Ein Teil der Arbeiter? Analyse des Klassenbewusstseins prekär und atypisch Beschäftigter in Deutschland, Friederich-Ebert-Stiftung, https://www.fes.de/abteilung-analyse-planungund-beratung/artikelseite-apb/ein-teil-der-arbeiterinnenklasse (31.7.2024). Popitz, Heinrich; Bahrdt, Hans P.; Jüres, Ernst A.; Kesting, Hanno(1957) 2018: Das Gesellschaftsbild des Arbeiters: Soziologische Untersuchungen in der Hüttenindustrie, Wiesbaden. Prasad, Monica; Perrin, Andrew J.; Bezila, Kieran; Hoffman, Steve G.; Kindleberger, Kate; Manturuk, Kim; Smith Powers, Ashleigh; Payton, Andrew R. 2009: The Undeserving Rich:„Moral Values“ and the White Working Class, in: Sociological Forum 24, S. 225–253. Rathgeb, Philipp 2024: How the Radical Right Has Changed Capitalism and Welfare in Europe and the USA, Oxford. Rennwald, Line 2020: Social Democratic Parties and the Working Class – New Voting Patterns, London. Rehbein, Boike; Baumann, Benjamin; Costa, Luzia; Fadaee, Simin; Kleinod, Michael; Kühn, Thomas; Maciel, Fabrício; Maldonado, Karina; Myrczik, Janina; Schneickert, Christian; Schwark, Eva; Silva, Andrea; Silva, Emanuelle; Sommer, Ilka; Souza, Jessé; Visser, Ricardo 2015: Reproduktion sozialer Ungleichheit in Deutschland, Konstanz. Robison, Joshua; Stubager, Rune; Thau, Mads; Tilley, James 2021: Does Class-Based Campaigning Work? How Working Class Appeals Attract and Polarize Voters, in: Comparative Political Studies 54(5), S. 723–752, https://doi.org/10.1177/0010414020957684 (26.8.2024). Sachweh, Patrick; Lenz, Susanne 2018:„Maß und Mitte“ – Symbolische Grenzziehungen in der unteren Mittelschicht, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 70, S. 361–389. Savage, Mike; Bagnall, Gaynor; Longhurst, Brian 2001: Ordinary, Ambivalent and Defensive: Class Identities in the Northwest of England, in: Sociology 35(4), S. 875–892. Savage, Mike 2005: Working-Class Identities in the 1960s, in: Sociology 39(5), S. 929–946. Schultheis, Franz; Bitting, Barbara; Bührer, Sabine; Kändler, Patrick; Mau, Kristina; Nensel, Markus; Pfeuffer, Andreas; Scheib, Elke; Voggel, Winfried 1996: Repräsentationen des sozialen Raums im interkulturellen Vergleich: Zur Kritik der soziologischen Urteilskraft, in: Berliner Journal für Soziologie 6(1), S. 43–68. Sohn-Rethel, Alfred 1973: Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus, Frankfurt am Main. Steinberg, Marc W. 1994: The Dialogue of Struggle: The Contest over Ideological Boundaries in the Case of London Silk Weavers in the Early Nineteenth Century, in: Social Science History 18(4), S. 505–542. Stjernø, Steinar 2005: Solidarity in Europe: The History of an Idea, Cambridge. Sosnaud, Benjamin; Brady, David; Frenk, Steven M. 2013: Class in Name Only: Subjective Class Identity, Objective Class Position, and Vote Choice in American Presidential Elections, in: Social Problems 60 (1), S. 81–99. Teney, Céline; Dochow-Sondershaus, Stephan 2024: Opinion Polarization of Immigration and EU Attitudes Between Social Classes: The Limiting Role of Working Class Dissensus, in: European Societies, S. 1–32. Thompson, Edward P. 1987: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, Frankfurt am Main. Vester, Michael 1970: Die Entstehung des Proletariats als Lernprozess: Die Entstehung antikapitalistischer Theorie und Praxis in England 1792–1848, Frankfurt am Main. Vester, Michael; von Oertzen, Peter; Geiling, Heiko; Hermann, Thomas; Müller, Dagmar 2001: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel: Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt am Main. Wagner, Aiko 2024: Eine Frage der Klasse? Analyse des Parteienwettbewerbs nach Berufsklassen und politischen Präferenzen, FES diskurs, https://www.fes.de/cgi-bin/gbv.cgi?id=21327&ty=pdf (26.8.2024). Weber, Max(1922) 1985: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen. Wimmer, Christopher 2023: Die Marginalisierten:(Über-)Leben zwischen Mangel und Notwendigkeit, Weinheim und München. Wright, Erik Olin 1997: Class Counts: Comparative Studies on Class Analysis, New York. Zollinger, Delia 2022: Cleavage Identities in Voters’ Own Words: Harnessing Open‐Ended Survey Responses, in: American Journal of Political Science 68(1), S. 1–21. 30 KLASSENBEWUSSTSEIN UND WAHLENTSCHEIDUNG  SEPTEMBER 2024  FES diskurs WEITERE INFORMATIONEN ZUM FES-PROJEKT Kartographie der Arbeiter:innenklasse www.fes.de/arbeiterklasse WEITERE VERÖFFENTLICHUNGEN ZUM THEMA Verlassen von der Arbeiterklasse? Die elektorale Krise der Sozialdemokratie und der Aufstieg der radikalen Rechten FES Studie 2021 Lechts oder rinks? Das Bündnis Sahra Wagenknecht im Parteienwettbewerb FES impuls Dezember 2023 Krisenerwachsen: Wie blicken junge Wähler:innen auf Politik, Parteien und Gesellschaft? FES diskurs Mai 2023 Analyse der Europawahl 2024 in Deutschland: Mehrheit für die stabile Mitte trotz starkem rechten Rand FES diskurs Juni 2024 Vertrauensfrage Klimaschutz: Mehrheiten für eine ambitionierte Klimapolitik gewinnen FES diskurs Januar 2024 Wer fehlt an der Wahlurne? Sozialräumliche Muster der Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen FES diskurs September 2023 Volltexte und weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung unter www.fes.de/publikationen Impressum © 2024 Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeberin: Abteilung Analyse, Planung und Beratung Godesberger Allee 149, 53175 Bonn Fax 0228 883 9205 www.fes.de/apb apb-publikation@fes.de Titelbildillustration: Anne Lehmann, www.annelehmann.de Gestaltungskonzept: www.leitwerk.com Umsetzung / Satz: Bergsee, blau Lektorat: Sönke Hallmann Druck: Hausdruckerei Bonn, FES ISBN: 978-3-98628-593-7 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-S­ tiftung. Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht ­gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Der dieser Studie zu Grunde liegende Datensatz wird nach Abschluss der Auswertungen, sofern vertragliche Regelungen oder interne Richtlinien der Friedrich-Ebert-Stiftung dem nicht entgegenstehen, im Archiv der sozialen Demokratie veröffentlicht. Forschungsdaten veröffentlichen wir unter https://collections.fes.de. Welche Parteien vertreten heutzutage das Interesse der Arbeiterklasse? Wie stark bleibt in der postindustriellen Gesellschaft die Assoziation von Klassenbewusstsein und linken politischen Orientierungen? Immunisiert ein waches Klassenbewusstsein gegen Rechtsextremismus? Und inwiefern gelingt es auch Parteien der rechten Mitte, eine Form des Arbeiterbewusstseins zu mobilisieren? Diesen Fragen gehen Linus Westheuser und Thomas Lux anhand von Umfragedaten empirisch nach. Die beiden Autoren loten aus, inwiefern Klassenbewusstsein heute mit spezifischen Wahlpräferenzen einhergeht. Sie unterscheiden dabei drei Dimensionen des Klassenbewusstseins: Klasseninteresse, Klassenidentität und das„Unten-Bewusstsein“, eine Form der subjektiven Positionierung in sozialen Statushierarchien. ISBN: 978-3-98628-593-7