ANALYSE RUSSISCHE MEDIEN AUSSERHALB RUSSLANDS: WER LIEST SIE, UND WOZU BENÖTIGT MAN SIE? Ksenia Luchenko Juli 2024 Eine der grundlegenden Herausforderungen für russischsprachige Medien ist die Diversifizierung ihrer Nutzer:innen. Die größte und bedeutendste Zielgruppe bleiben die Leser:innen, Zuschauer:innen und Zuhörer:innen in Russland. Die Medien sind darauf ausgerichtet, sensible Informationen in Russland zu beschaffen, diese zu verifizieren und zurück nach Russland zu übermitteln. Den unabhängigen russischen Medien fehlen die Ressourcen, um über alles zu berichten, was mit dem Krieg zu tun hat, zu berichten, d. h. Verbrechen zu untersuchen, Geschichten aus dem Leben zu erzählen, die Ereignisse in den russischen Regionen zu zeigen, Statistiken zu analysieren usw. Die zweite große Zielgruppe bilden die neuen russischen Auswanderer:innen. Für sie fungieren die Medien als ein gemeinsamer Nenner, als sozialer Klebstoff, sie schaffen ein gemeinsames Umfeld. FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE MEDIEN AUSSERHALB RUSSLANDS: WER LIEST SIE, UND WOZU BENÖTIGT MAN SIE? INHALT Russische Medien außerhalb Russlands: Wer liest sie, und wozu benötigt man sie? Ksenia Luchenko.................................................. 3 Innerhalb Russlands.................................................. 4 Leserschaft außerhalb Russlands......................................... 6 Leserschaft, die seit langem außerhalb Russlands lebt......................... 7 Fachexpert:innen ohne Russischkenntnisse................................. 7 Sicherheit und Rechtlosigkeit........................................... 8 Quo vadis?......................................................... 9 Über die Autorin................................................... 10 2 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE MEDIEN AUSSERHALB RUSSLANDS: WER LIEST SIE, UND WOZU BENÖTIGT MAN SIE? RUSSISCHE MEDIEN AUSSERHALB RUSSLANDS: WER LIEST SIE, UND WOZU BENÖTIGT MAN SIE? Ksenia Luchenko Juli 2024 Der Krieg in der Ukraine hat zu Transformationen in fast allen Bereichen der russischen Gesellschaft geführt. Die Medienlandschaft, die ja besonders empfindlich ist, hat dies als einer der ersten Bereiche zu spüren bekommen. Der russische Journalismus versucht immer noch, die Schockstarre zu überwinden, in die sie der russisch-ukrainische Krieg seit Februar 2022 gestürzt hat, dabei bemüht, sich den neuen Bedingungen anzupassen und sich zu entwickeln. Unabhängige, aus Russland stammende Medien sind für ein breites Publikum im In- und Ausland nach wie vor die wichtigste Informationsquelle darüber, was in Russland geschieht. Kurz nach Beginn des Einmarsches russischer Truppen in die Ukraine wurden journalistische Tätigkeit und professionelle Expertise in Russland kriminalisiert. Jegliche Verbreitung von Informationen über militärische Kampfhandlungen und ihre direkten und indirekten Folgen, außer den Mitteilungen der russischen Behörden(in erster Linie des Verteidigungsministeriums) fällt unter das„Föderale Gesetz Nr. 32-FZ“ vom 4. März 2022. Dieses Gesetz kriminalisiert die„öffentliche Verbreitung von Falschinformationen über die Handlungen des russischen Militärs im Rahmen von Spezialoperationen und Aufrufe zu antirussischen Sanktionen“ sowie die„Diskreditierung der Streitkräfte der Russischen Föderation“ und trägt den inoffiziellen Titel„Fake-News-Gesetz“. Seit seiner Verabschiedung wurden 273 Strafverfahren zu Verbreitung von Falschinformationen und 81 Strafverfahren zur Diskreditierung der Armee eingeleitet. Gleichzeitig begann Roskomnadsor, die oberste staatliche Aufsichtsbehörde im Bereich der Medien und Informationstechnologien, unabhängige Medien zu sperren: den Fernsehsender Doschd, die Website von Radio Svoboda, den Hörfunksender Echo Moskwy und andere. Die sozialen Netzwerke von Meta(Instagram und Facebook) wurden als extremistisch eingestuft und auf russischem Staatsgebiet gesperrt; theoretisch gilt ihre Nutzung als Straftat. Dutzende Medienredaktionen und unabhängige Blogger:innen beendeten ihre Arbeit von sich aus und hörten auf, über den Krieg zu schreiben, oder wurden gesperrt. Große westliche Medien, z. B. Bloomberg, BBC, CNN, stellten ihre Arbeit in Russland ein. Dies bedeutete eine vollständige Zerschlagung des unabhängigen Journalismus. Laut Reporter ohne Grenzen 1 befinden sich derzeit 28 Journalist:innen in russischen Untersuchungsgefängnissen und Strafkolonien, und Russland ist in der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 155 herabgestuft worden. 2 Nach Berechnungen der Online-Publikation Verstka entfallen 40 Prozent der vom russischen Justizministerium als ausländische Agent:innen geführten Personen auf Journalist:innen; die nächstgrößere und nur halb so große Gruppe umfasst politische Aktivist:innen. Mit anderen Worten stellen unabhängige Journalist:innen für den russischen Staat eine ernsthafte Bedrohung dar, er bekämpft sie sowohl als individuelle Bürger:innen als auch als Berufsgemeinschaft – und somit bekämpft der Staat den Journalismus als Institution und die Möglichkeit, Informationen zu verbreiten und zu erhalten. Gleich zu Beginn des Krieges wurden russische Journalist:innen vor die Wahl gestellt, das Land zu verlassen, um frei zu arbeiten und wichtige, öffentlich relevante Informationen uneingeschränkt zu veröffentlichen, oder im Land zu bleiben, dort„dieselbe Luft“ zu atmen und„vor Ort“ arbeiten zu können, dafür aber die Zensurgesetze einzuhalten oder ernsthafte Risiken in Kauf zu nehmen, falls sie Informationen zur Veröffentlichung außerhalb der Russischen Föderation übergäben. Die Mehrheit entschied sich für Sicherheit 1 Reporters Without Borders(2023). Round-up of Journalists Killed, Detained, Held Hostages, and Missing in 2023. https://rsf.org/sites/default/ files/medias/file/2023/12/Round-up_2023_EN.pdf 2 Reporters Without Borders(2022). Index 2022. https://rsf.org/en/index?year=2022 3 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE MEDIEN AUSSERHALB RUSSLANDS: WER LIEST SIE, UND WOZU BENÖTIGT MAN SIE? und Freiheit, zumal die technischen Mittel es erlauben, einen Großteil der Arbeit ohne Qualitätsverlust aus der Ferne zu verrichten. Hunderte Journalist:innen und ganze Redaktionen verließen Russland unmittelbar nach Beginn des Krieges im März 2022. Zu ihren wichtigsten Zielen wurden Tiflis, Eriwan und Belgrad. Journalist:innen, die über ein Schengen-Visum verfügten oder die Möglichkeit hatten, diese rasch zu erhalten, zogen nach Riga, Vilnius und Prag. Sechs Monate später führte Deutschland ein Eilverfahren für die Erteilung humanitärer Visa ein, so wurde Berlin zu einem der wichtigsten Schmelztiegel für russische Journalist:innen in Europa. Nicht immer konnten Journalist:innen, die aus Russland flohen, ihre Familie mitnehmen; sie waren psychisch überfordert und geplagt von Panik und Scham, verursacht durch den Krieg. Russische Bankkarten waren gesperrt. Die Redaktionen verfügten nicht über die organisatorischen Kapazitäten, um all ihren Mitarbeiter:innen bei der Bewältigung ihrer Flucht zu helfen. Dennoch arbeiteten alle weiter und versuchten, das Chaos der ersten Kriegswochen zu überwinden. Kein einziges Medium im Exil stellte seine Arbeit ein oder wurde geschlossen. Anstelle von Echo Moskwy wurde Echo gegründet, auch die Novaya Gazeta Europe und der Fernsehsender Doschd usw. stellten sich neu auf. Ende 2023 veröffentlichte die Organisation JX Fund, die Medien und aus Krisengebieten geflohene Journalist:innen unterstützt, die Ergebnisse 3 einer quantitativen Studie über russische Medien außerhalb Russlands. Demnach besteht die russische Mediengemeinschaft im Exil aus etwa 1.500 bis 1.800 Personen, die für 93 Medien tätig sind, von denen ein Drittel nach Kriegsbeginn außerhalb Russlands gegründet wurde. INNERHALB RUSSLANDS Eine der grundlegenden Herausforderungen für die russischsprachigen Medien ist die Diversifizierung ihrer Nutzer:innen. Die größte und bedeutendste Zielgruppe der unabhängigen russischsprachigen Medien sind zweifelsohne die Leser:innen, Zuschauer:innen und Zuhörer:innen in Russland.„Meine Zielgruppe sind vor allem die Menschen innerhalb Russlands“, so Lola Tagaeva 4 , Chefredakteurin von Verstka, einem der erfolgreichsten unabhängigen Medienprojekte. Die meisten Journalist:innen stimmen ihr zu: Ihr Ziel ist es, Informationen in Russland zu beschaffen – einschließlich solcher über den Krieg und die damit zusammenhängenden Vorgänge in der russischen Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft –, diese zu verifizieren und zurück nach Russland zu übermitteln, um sie so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen. Nach Untersuchungen von JX Fund beläuft sich das inländische Publikum aller Exilmedien auf 5,8 bis 7,8 Millionen Menschen, d. h. sie erreichen regelmäßig sechs bis neun Prozent der erwachsenen Bevölkerung Russlands. Dies wird auch von Medienmanager:innen bestätigt. So sagt Tichon Dsjadko, Chefredakteur des Fernsehsenders Doschd 5 , dass sich 65 bis 75 Prozent seiner Zuschauer:innen in Russland befinden und der Sender bis zu 10 Millionen Menschen pro Monat erreichen kann. Das ist viel, wenn man die zensurbedingten Einschränkungen und Sperren bedenkt, welche die Verbreitung von Inhalten und die Erhebung von Statistiken deutlich erschweren. Laut Jelisaweta Ossetinskaja, Chefredakteuerin des Online-Mediums The Bell 6 , ist nach der Sperrung der Website in Russland die Leserschaft im Land stark geschrumpft. Fast alle unabhängigen Medien in Russland können nur mit einem VPN gelesen werden. Es muss verstärkt auf Telegram-Kanäle, Apps und Newsletter gesetzt werden. Kurzum: Was früher zur Content-Promotion genutzt wurde, wird jetzt zum Hauptmedium. Doch allmählich rückt auch das Abonnieren der Telegram-Kanäle unabhängiger Medien und die Nutzung ihrer Apps von der Grauzone ins Illegale. Bei Verhaftungen überprüft die Polizei Smartphones, und auch beim Überqueren der russischen Grenze werden stichprobenartig solche Kontrollen durchgeführt, selbst wenn der Ausreisegrund ein Urlaub in der Türkei ist. Eine strafrechtliche Verfolgung des Besitzers droht, wenn auf seinem Handy Apps von Medien installiert sind, die als unerwünschte Organisationen gelten(wie der Fernsehsender Doschd oder Meduza, das größte russischsprachige Medium außerhalb Russlands); auch ein Abonnement der Telegram-Kanäle und Newsletter dieser Apps ist mit Strafverfolgung bewehrt. Mit anderen Worten: Die Nutzung solcher Inhalte kann als Zivilcourage ausgelegt werden, auch wenn sich viele dieser Risiken gar nicht bewusst sind. 3 JX-Fund(2023). Sustaining Independence: Current State of Russian Media in Exile. https://jx-fund.org/newsroom/news/sustaining-independence-the-current-state-of-exiled-media-from-russia 4 Luchenko, K.(2023). Redaktsiya stala v kakoy-to stepeni zamenyat’ gosudarstvo. Interview mit L.Tagaeva. Colta.ru. https://www.colta.ru/articles/ revision/29722-lola-tagaeva-redaktsiya-stala-zamenyat-gosudarstvo 5 Luchenko, K.(2023). Gde by my ni nachodilis’, my vosprinimaem Dozhd’ kak rossiyskiy telekanal. Interview mit T.Dzyadko. Colta.ru. https://www. colta.ru/articles/revision/29721-tihon-dzyadko-gde-by-my-ni-nahodilis 6 Luchenko, K.(2023). My privykli platit’ malen’kiye den’gi i nichego khoroshego v etom net. Interview mit E. Ossetinskaja. Colta.ru. https:// www.colta.ru/articles/revision/29741-elizaveta-osetinskaya-my-privykliplatit-malenkie-dengi 4 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE MEDIEN AUSSERHALB RUSSLANDS: WER LIEST SIE, UND WOZU BENÖTIGT MAN SIE? YouTube ist in Russland noch nicht gesperrt, aber seine Geschwindigkeit wird bereits regelmäßig erheblich gedrosselt, und Experten wissen nicht, ob dies auf die Auswirkungen der Sanktionen und Schwierigkeiten bei der Serverwartung oder auf restriktive Maßnahmen von Roskomnadsor zurückzuführen ist. Aus diesem Grund versuchen fast alle Medien, auch diejenigen, die ursprünglich als Textausgaben entstanden sind, Video-Content zu entwickeln und ihre Materialien an das YouTube-Publikum anzupassen. Laut Jelisaweta Ossetinskaja, die ihren eigenen YouTube-Kanal betreibt, beträgt das Verhältnis ihrer Zuschauer:innen aus Russland zu denen aus anderen Ländern durchschnittlich 55 Prozent zu 45 Prozent. Erschwert wird eine quantitative Analyse der Benutzer:innen und ihrer demografischen Merkmale durch die Vielfalt der Informationskanäle, die meist externe Medien sind und von Redaktionen nicht kontrolliert werden können: Die Algorithmen der sozialen Netzwerke und ihre Regulierung funktionieren nach eigenen, meist gewinnorientierten Modellen. Ein:e Benutzer:in kann denselben Inhalt über VPN auf der Website der Publikation konsumieren(in diesem Fall ist er bzw. sie statistisch irrelevant, da die Seite durch ein„vorgeschobenes“ Land besucht wird), auf Mirror-Seiten und Diensten wie Substack, oder er/sie kann eine Zusammenfassung auf Telegram, Instagram oder Twitter lesen. Wie soll man diese:n Nutzer:in verzeichnen? Der Content ist angekommen, die Botschaft der Journalist:innen hat eine in Russland lebende Person erreicht, aber es ist fast unmöglich, diese Person statistisch zu erfassen. Noch schwieriger ist es, diese Leserschaft qualitativ mit Feedback zu analysieren. Die meisten russischen Medien im Exil finanzieren sich aus Fördermitteln und Spenden, in der Regel europäischer und amerikanischer Stiftungen. Der Medienanalytiker Wassilij Gatow erklärt:„Tatsächlich agieren alle russischen Medien im Exil natürlich als Non-Profit-Organisationen. Vielleicht nicht nach ihrer Form, nicht nach ihrem Rechtsstatus, aber ihrem Wesen nach. Ihre Aufgabe ist der Impact, nicht der Profit“. 7 Dementsprechend erwarten die Geldgeber:innen neben der allgemeinen Förderung der Meinungs- und Pressefreiheit eine – wenn auch indirekte – Einflussnahme auf das Publikum. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Geldgeber:innen die von ihnen finanzierten Projekte nicht verwalten – es besteht immer eine Distanz, die eine 7 Luchenko, K.(2023). Journalist ne mozhet„zabit’ bol’shoy zheleznyy“ na svyaz’ so stranoy. Interview mit W. Gatow. Colta.ru. https://www.colta. ru/articles/revision/29720-vasiliy-gatov redaktionelle Autonomie impliziert.„Die Geldgeber:innen regulieren keine Wertemodelle, sie moderieren bzw. zensieren nicht. Die Menschen[Journalist:innen] informieren das russische Publikum freiwillig gemäß ihrer Interessen, ihrer Ansichten und ihrer Einschätzungen“, so Gatow. Dennoch weisen einige Medienmanager:innen anonym darauf hin, dass„die mit der Finanzierung einhergehenden inhaltlichen Verpflichtungen nicht immer mit der eigenen Agenda des Mediums und den Interessen des Publikums übereinstimmen“. Diese Verpflichtungen sind oft eine implizite, nicht explizit geäußerte Erwartung eines Feedbacks bzw. einer Veränderung der öffentlichen Meinung in Russland. Alle aktuellen Umfragen, die noch möglich sind(in erster Linie die soziologischen Umfragen des LewadaZentrums), zeigen jedoch, dass sich die Stimmung in Russland in den letzten zwei Jahren nicht wesentlich verändert hat: Es dominieren weiterhin die Unterstützung Putins, die Anerkennung der Notwendigkeit des Krieges und die antiwestliche Einstellung trotz der zunehmenden Ermüdung. Den unabhängigen russischen Medien fehlen die Ressourcen, um über alles zu berichten, was mit dem Krieg zu tun hat, zu berichten, d. h. Verbrechen zu untersuchen, Geschichten aus dem Leben zu erzählen, die Ereignisse in den russischen Regionen zu zeigen, Statistiken zu analysieren usw. Die Redakteur:innen geben zu, dass, um all diese Themen behandeln zu können, viel mehr professionelle Journalist:innen benötigt werden. Gleichzeitig ist man sich einig, dass das Publikum der„schlechten Nachrichten“ überdrüssig ist, während Journalist:innen es tendenziell für unmoralisch halten, sich Unterhaltungsthemen zu widmen. Also muss konstant ein Gleichgewicht gefunden werden zwischen gesellschaftlich wichtigen Themen, der journalistischen Verantwortung und der Attraktivität der Themen für die Leserschaft im Land. Die Medien können Putins Propaganda nicht vollständig Kontra bieten, und Gegenpropaganda geht über die klassischen Aufgaben von Journalismus hinaus. Hinzu kommt, dass eine ausländische Finanzierung oder eine unzureichende finanzielle Transparenz das Vertrauen in unabhängige Medien innerhalb Russlands reduziert, zumindest unter den kritischen Leser:innen bzw. Zuschauer:innen. Das Wichtigste, was unabhängige russische Medien machen können, ist, das in Russland verbliebene und kritisch denkende Publikum zu unterstützen. 5 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE MEDIEN AUSSERHALB RUSSLANDS: WER LIEST SIE, UND WOZU BENÖTIGT MAN SIE? Diese Menschen brauchen unabhängige Informationen, für deren Beschaffung sie bereit sind, Risiken einzugehen und nach technischen Lösungen zu suchen. Tichon Dsjadko schreibt, dass„russische Medien dazu da sind, den in Russland verbliebenen Menschen mit einer Antikriegshaltung zu zeigen, dass sie nicht allein sind“. Lola Tagaeva pflichtet ihm bei:„Wir unterstützen weiterhin die Menschen, die dort sind und Zweifel haben, die versuchen, die Ereignisse angemessener wahrzunehmen und der Propaganda nicht zu verfallen. Was für eine neue Zukunft kann man aufbauen, wenn man keine Menschen hat, die ihren Verstand behalten haben?“ Die Medien informieren nicht nur, sie geben diesen Menschen auch eine Stimme, sie repräsentieren sie, insbesondere jene Gruppen, die in der russischen Öffentlichkeit traditionell unterrepräsentiert waren, also regionale und ethnische Minderheiten bzw. sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Die Relevanz für das Publikum zu behalten, wenn man selbst nicht mehr Teil davon ist, zumindest die Illusion eines gemeinsamen Raums zu schaffen, ist wie eine hinabfahrende Rolltreppe ständig hinaufzurennen. LESERSCHAFT AUSSERHALB RUSSLANDS Die zweite große Zielgruppe bilden die Auswanderer:innen, die Russland nach Beginn des umfassenden Einmarsches in die Ukraine und der Ankündigung der Mobilmachung verließen. Dieses Publikum wird von mehreren Soziologenteams quantitativ und qualitativ untersucht. Die Soziologin Ljubow Borussjak, die in mehreren Stufen tiefgreifende Interviews mit russischen Bürger:innen geführt hat, die das Land wegen des Krieges verlassen hatten, stellt fest, dass„bei vielen Ausgereisten das Entsetzen über die Geschehnisse dazu geführt hat, so schnell wie möglich zu fliehen, auch ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie es weitergehen soll“. 8 Diese erzwungene, notgedrungene und ungewollte Auswanderung ist eine Erfahrung, die mehrere hunderttausend Menschen vereint, die über die ganze Welt verstreut wurden(unterschiedlichen Schätzungen zufolge verließen bis zu einer Million Menschen Russland im Jahr 2022). Für sie fungieren die Medien als ein gemeinsamer Nenner, als sozialer Klebstoff, sie schaffen ein gemeinsames Umfeld. Wie Maxim Trudoljubow, Chefredakteur von The Russia File am Kennan Institute bemerkte,„trägt dieses Medium eine enorme Last. Es schafft ein allgemeines Eigenbewusstsein, erhält den Sprachgebrauch, präsentiert die Ereignisse dem russischspra8 Borussjak, L.(2023). God iskhoda: uyezzhayushchiye, ostayushchiyesya i slozhnosti kommunikatsii. Re: Russia. https://re-russia.net/expertise/064/ chigen Publikum buchstäblich in der ganzen Welt – von Thailand bis Argentinien“. 9 Nach den Ergebnissen einer Studie des unabhängigen akademischen Projekts OutRush unterscheiden sich diese Zielgruppen deutlich vom Durchschnittspublikum in Russland. Es sind junge Menschen(durchschnittlich 34 Jahre alt) mit Hochschulabschluss(77 Prozent der neuen Auswander:innen haben einen Hochschulabschluss, während der innerrussische Durchschnitt bei 27 Prozent liegt). In erster Linie handelt es sich um eine„politische Auswanderung“: Primäre Gründe für die Ausreise aus Russland sind„die politische und moralische Ablehnung der Handlungen der russischen Regierung“ sowie die Risiken eines Protestes gegen diese Handlungen, die seit Beginn des Krieges mehrfach gestiegen sind. Parallel dazu stellen Forscher:innen ein ungewöhnlich hohes Maß an sozialem Vertrauen innerhalb dieser neuen politischen russischen Diaspora fest: 59 Prozent der Emigrant:innen vertrauen den anderen – der Durchschnitt in der innerrussischen Gesellschaft beträgt 23 Prozent. Den Soziolog:innen zufolge„spiegelt dieses hohe Maß an Vertrauen ein starkes Solidaritätsgefühl wider, das sich auch in verschiedenen Formen gegenseitiger Unterstützung manifestiert“. 10 Die Mischung aus einem hohen Grad an Politisierung und Solidarität lässt ein hohes Potenzial bei der Diaspora vermuten, mit dem sie Einfluss ausüben kann auf innerrussische Verhältnisse – direkt oder indirekt: direkt durch ein Engagement in Aktivismus, Ehrenamt, Aufklärungsarbeit und in der Entwicklung von Antikriegsinitiativen; indirekt durch Kontakte zu Verwandten, Freund:innen und Kolleg:innen, die im Land geblieben sind. Die Medien sind als eines der wichtigsten Instrumente zur Aufrechterhaltung der Solidarität und Schaffung einer neuen Öffentlichkeit gefragt. Da unabhängige Journalist:innen selbst Teil dieser Gemeinschaft sind, wird es aber immer schwieriger, das innerrussische Publikum zu erreichen, die Resonanz lässt nach, es steigt das Risiko, sich zu klassischen„Emigrant:innen“-Medien zu verwandeln, deren Agenda, Stimmen und Interessen vom Herkunftsland losgelöst sind. In den letzten Monaten entstanden neue Medien, die sich gezielt an Emigrant:innen richten. Noch handelt es sich dabei meistens um Telegram-Kanäle wie Wolna, der über Nachrichten in den Ländern mit der höchsten Konzentration russischsprachiger Bevölkerung – den balti9 Luchenko, K.(2023). Polyarizatsiya budet tol’ko uglublyat’sya. Interview mit M. Trudoljubow. Colta.ru. https://www.colta.ru/articles/revision/29738-maksim-trudolyubov-polyarizatsiya-budet-tolko-uglublyatsya 10 Sergeeva, I., Kamalov, E.(2024). A Year and a Half in Exile: Progress and Obstacles in the Integration of Russian Migrants. OutRush. https://cadmus.eui.eu/bitstream/handle/1814/76676/Year_half_2024.pdf 6 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE MEDIEN AUSSERHALB RUSSLANDS: WER LIEST SIE, UND WOZU BENÖTIGT MAN SIE? schen Staaten und Deutschland – informiert. Vor kurzem wurde Schön gegründet, ein russischsprachiges Portal über das Leben in Berlin. Diese Medien, die besonders auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten sind, haben das Potenzial, wirtschaftlich nachhaltiger zu sein als Medien von allgemeinem Interesse, und können mit lokalen Werbeeinnahmen rechnen. LESERSCHAFT, DIE SEIT LANGEM AUSSERHALB RUSSLANDS LEBT Die dritte Zielgruppe sind russischsprachige Europäer:innen, die seit langem oder von Geburt an in der Europäischen Union leben, aber nicht vollständig integriert sind und viel Wert auf die Verbindung zu ihrem Heimatland legen. Medien in Russland spielten beim Aufrechterhalten dieser Identität eine wichtige Rolle. In Deutschland leben mehr als zwei Millionen Menschen mit Russisch als Muttersprache, Lettland zählt 450.000 ethnische Russ:innen, in Estland sind es 315.000, also fast ein Viertel der Landesbevölkerung. Staatsmedien zu füllen, zumal diese über VPN immer noch konsumiert werden können. Paradoxerweise nutzen Kriegsgegner:innen innerhalb Russlands VPN, um die Websites unabhängiger Medien mit europäischen Werten zu lesen, während russischsprachige Europäer:innen VPN nutzen, um auf russische Propaganda-Webseiten zuzugreifen. In Deutschland versuchen der russische Dienst der Deutschen Welle, BILD auf Russisch und der Fernsehsender OstWest dieses Publikum zu bedienen. Die Fernsehsender Doschd und Current Time TV strahlen für die Diaspora in verschiedenen Ländern aus. Doch bisher agieren die russischen Medien nicht so sicher, wenn sie versuchen, sich nicht auf die„einheimische“ Anti-Kriegs-Emigration zu konzentrieren, sondern die gesamte russischsprachige Diaspora in ihrer Komplexität anzusprechen, die teilweise mental in der Zeit vor zwanzig oder dreißig Jahren in Russland hängen geblieben ist. Den Recherchen der Novaya Gazeta zufolge suchen die Medien jedoch nach entsprechenden Ansätzen. Viele von ihnen beherrschen die Landessprache nicht oder nur schlecht. Der Krieg wurde für sie zu einer harten Probe: Sie waren es gewohnt, ihre Informationen aus staatlichen und staatsnahen russischen Fernsehsendern zu beziehen, die auf einmal nicht mehr zugänglich waren, nachdem sie auf die Sanktionslisten der Europäischen Union gesetzt wurden(wie z. B. die orthodoxen Fernsehsender Spas und Zargrad). Die Novaya Gazeta Europe) führte eine umfangreiche Studie zum Medienkonsum unter russischsprachigen Europäer:innen durch. Einige der Befragten gaben an, dass„der Grad ihrer Integration in die europäische Gesellschaft, den sie aktuell aufweisen und der früher dafür ausreichte, um bequem in ihren Ländern zu leben, sich plötzlich als zu niedrig erwies[…]. Ihre aufrechterhaltene Verbindung zu Russland und dem russischsprachigen Raum, auch über die russischen Staatsmedien, führte dazu, dass ihre politischen Ansichten und bestimmte soziale Praktiken im Gastland als inakzeptabel betrachtet werden“. 11 Ein erheblicher Teil der russischsprachigen Europäer:innen neigt dazu, rechtspopulistische Kräfte zu unterstützen, und verfügt über ein geringeres Maß an kritischem Denken, weil sie jahrzehntelang der russischen Propaganda ausgesetzt waren und immer noch dafür empfänglich sind. Unabhängigen Exil-Medien aus Russland gelang es nicht, die Lücke nach der Sperrung der russischen 11 Wlassowa, E., Sablina, L., Sokolowa, A. Vyvesti na chastoty. Novaya Gazeta. https://diaspora.novayagazeta.eu/ FACHEXPERT:INNEN OHNE RUSSISCH­KENNTNISSE Die vierte und kleinste, aber wichtigste Zielgruppe schließlich bilden die Menschen, die Informationen über das Geschehen in Russland benötigen, diese aber nicht auf Russisch konsumieren können. Dabei handelt es sich um einen bedeutenden Teil der westlichen Experten:innen und Akademiker:innen bzw. um Entscheidungsträger:innen aus verschiedenen Bereichen. Einerseits ist und bleibt Russland eine Bedrohung für die europäische Sicherheit, darin sind sich Politiker:innen und Analytiker:innen einig; 12 andererseits ist es ein 140-Millionen-Land mit einer bedeutenden Wirtschaft und voller Ressourcen, das sich in einem gesellschaftlichen Wandel befindet. Egal, wie sich die Geschichte entwickelt – Russland stehen seine größten Veränderungen erst noch bevor. Heutzutage gefragt sind deshalb qualitativ hochwertige Expertise zu russischen Realien wie auch Untersuchungen und Berichte, kurzum journalistische Genres, die helfen zu verstehen, was im Land wirklich passiert – sie werden es in den kommenden Jahren auch bleiben. 12 Liik, K.(2022). The old is dying and the new cannot be born: A power audit of EU-Russia relations. European Council on Foreign Relations. https://ecfr.eu/publication/the-old-is-dying-and-the-new-cannot-be-borna-power-audit-of-eu-russia-relations/ 7 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE MEDIEN AUSSERHALB RUSSLANDS: WER LIEST SIE, UND WOZU BENÖTIGT MAN SIE? Redakteur:innen, Medienmanager:innen und Expert:innen sind sich einig, dass viele Journalist:innen in bestimmten Themenbereichen(russische Wirtschaft, militärische Angelegenheiten, internationale Beziehungen und Kirche) über ein sehr hohes Maß an Expertise verfügen. Obwohl sich Russland allmählich in eine„Blackbox“ verwandelt, in der sachkundige Quellen und Insider:innen immer weniger bereit sind, mit den Medien zu sprechen, sind es die Journalist:innen, die immer noch über direkte Kontakte verfügen, welche die Daten zumindest indirekt bestätigen oder widerlegen können. Unabhängige russische Medien verfügen über einzigartige Informationsnetzwerke innerhalb Russlands in Form von freien Journalist:innen aus den in Russland gebliebenen, unter der Zensur befindlichen, aber nicht propagandistischen Medien, zahlreichen Bekannten und Protagonist:innen. Jedoch sind sich die Medienmanager:innen bewusst, dass es nicht reicht, die Inhalte einfach zu übersetzen, um Nicht-Russisch-Muttersprachler:innen zu erreichen. Die Kultur des Informationskonsums unterscheidet sich erheblich. Andere Sprachräume haben andere Erzähllogiken und Lesegewohnheiten. Vergleicht man das überwiegend englischsprachige Twitter(jene Accounts und Nutzer:innen, die sich systematisch dem Geschehen in Russland und im Zusammenhang mit Russland widmen) und das überwiegend russischsprachige Telegram, so stellt man fest, dass sie unterschiedliche Ziele verfolgen sowie unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen an dieselben Ereignisse und Informationsanlässe aufweisen. Es ist notwendig zu erläutern, wie genau das, worüber russische unabhängige Journalist:innen berichten, die Leserschaft in Deutschland oder Amerika betrifft. Nicht immer handelt es sich um praktische und pragmatische Sorgen oder um wirtschaftliche oder militärische Bedrohungen. Menschliche Schicksale und moralische Dilemmas sind universell. Sie interessieren auch die Leser:innen außerhalb Russlands, aber die Story muss besonders aufgebaut sein. Daher ist es notwendig, separate Inhalte für englischsprachige, deutschsprachige und französischsprachige Zielgruppen zu produzieren, die auf deren spezifische Informationswahrnehmung ausgelegt sind. So gibt beispielsweise Meduza den englischsprachigen Newsletter The Beet 13 heraus, der russische Dienst von BBC News nutzt den Dienst Substack 14 , mit dem er Zusammen13 The beet: A new email dispatch from Meduza. Meduza. https://meduza. io/en/pages/beet 14 Substack: https://bbcrussian.substack.com/ fassungen und Kompilationen der wichtigsten Erkenntnisse seiner Redaktion veröffentlicht. Das Wirtschaftsmagazin The Bell bietet mehrere englischsprachige Newsletter an. 15 Auch andere Medien werden sich in diese Richtung bewegen, denn die russischsprachige „Blase“ wird für Journalist:innen von außerhalb Russlands allmählich zu eng. Sie wollen weltweit gelesen, gehört und verstanden werden, damit ihre Publikationen einen echten politischen Einfluss erreichen. Im Gespräch sind interredaktionelle Kooperationsprojekte zur Übersetzung und Zusammenfassung der Hauptinhalte von unabhängigen russischen Journalist:innen und ihre Adaptation an das fremdsprachige Publikum. SICHERHEIT UND RECHTLOSIGKEIT Fragen der Sicherheit zählen zu den größten Sorgen der Journalist:innen im Exil– neben der Befürchtung, nach langer Zeit im Ausland an Relevanz für das einheimische Publikum zu verlieren, sowie der Suche nach stabilen Finanzierungsmodellen und einer wirtschaftlichen Nachhaltigkeit der Redaktionen. Dazu gehören die Datensicherheit, der Schutz von Quellen und der freien Mitarbeiter:innen in Russland sowie die Sicherheit für Leib und Leben. Im Jahr 2023 wurden die bekannten Journalist:innen Jelena Kostjutschenko und Irina Bablojan mutmaßlich vergiftet – die eine in Berlin, die andere in Tiflis. Die Herausgeberin von Meduza, Galina Timtschenko, und ein paar weitere Journalist:innen stellten fest, dass auf ihren Mobilgeräten die Spyware Pegasus installiert worden war. Noch ist nicht bekannt, wer hinter den Vergiftungen und der Überwachung steckt(und ob sie miteinander in Verbindung stehen bzw. ob es sich wirklich um Vergiftungen handelte), aber diese Vorfälle sorgen für zusätzliche Spannungen innerhalb der Community. Paranoia indes fördert effiziente Arbeit nicht. In Russland werden Journalist:innen, die das Land verlassen haben, strafrechtlich verfolgt und zur Fahndung ausgeschrieben, daher ist es für sie nicht ungefährlich, die EU oder die USA zu verlassen. Doch selbst in den„sicheren“ Staaten fühlen sie sich vor den russischen Geheimdiensten und anderen potenziell gefährlichen Strukturen nicht geschützt. So wurden Strafverfahren gegen den Chefredakteur des Mediums Republic Dmitrij Kolesew und die Journalistin Ekaterina Fomina eingeleitet. Fomina hatte einen Soldaten ausfindig gemacht, der an Plünderung und an der Ermordung von Zivilisten in Kiewer Gebiet im Frühjahr 2022 beteiligt gewesen war. Dieser Beitrag mit dem Geständnis des Mörders wurde zum Grund für die strafrechtliche Verfolgung der Journalistin. 15 The Bell: https://en.thebell.io/tag/newsletters/ 8 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE MEDIEN AUSSERHALB RUSSLANDS: WER LIEST SIE, UND WOZU BENÖTIGT MAN SIE? Ilja Krassiltschik, Herausgeber von Helpdesk Media, wurde in Abwesenheit zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, der Dienst Helpdesk Media selbst wurde zu einer„unerwünschten Organisation“ erklärt. Diese Liste ist bei Weitem nicht vollständig. Solange die Journalist:innen sich mit russischen Realien befassen(wobei die meisten von ihnen nur die russische Staatsangehörigkeit besitzen), werden sie in ihrem Leben das Gefühl einer Bedrohung nicht los. Im Herbst 2023 führte der„Verband unabhängiger russischer Journalist:innen“ eine kleine Studie innerhalb der Mediengemeinschaft durch. Der Verband wurde gegründet von Taisia Bekbulatova, Chefredakteurin des Magazins Holod; sowohl Taisia selbst als auch die Publikation gelten in Russland als„ausländische Agenten“. Die Studie ergab, dass die meisten Journalist:innen, die Russland verlassen haben, in so genannten„Drittländern“ festsitzen – Georgien, Serbien, Zentralasien –, wo sie sich nicht sicher fühlen. 65 Prozent der Befragten würden das Land, in dem sie sich derzeit aufhalten, gerne verlassen, weil sie um ihr Leben und ihre Gesundheit fürchten und sich aufgrund von Legalisierungsproblemen machtlos fühlen. Trotz der Bemühungen internationaler Menschenrechtsorganisationen, unterschiedlicher Stiftungen zur Unterstützung von Journalist:innen in Risikogebieten und der EU-Visumpolitik(vor allem in Deutschland) verbessert sich die Situation nur langsam. len wichtigen Regionen der Welt bemerkbar macht. Die klassischen Medien verlieren im Kampf um die Leserschaft und das öffentliche Vertrauen gegen die sozialen Medien, außerdem funktionieren die alten Finanzierungsmodelle nicht mehr. Diesen beruflichen Kontext dürfen die russischen Medien im Exil nicht außer Acht lassen. Ihre in vielerlei Hinsicht einzigartigen Erfahrungen werden wohl einen wichtigen Beitrag zum Überdenken der beruflichen Standards und der Rolle der Journalist:innen in modernen sozialen und politischen Prozessen leisten und einen Weg aus der Medienkrise weisen. QUO VADIS? Der Krieg in der Ukraine, die faktische Einführung der Zensur in Russland und die beispiellose Evakuierung eines bedeutenden Teils der Medien-Community, die Tatsache, unter extrem unplanbaren Bedingungen an den für die heutige Journalist:innen-Generation schwierigsten Themen zu arbeiten – all dies scheint alle anderen Prozesse zum Stillstand gebracht zu haben. Unabhängiger russischer Journalismus ist Teil der Weltmedien, obwohl er aktuell mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert ist. Die Krise, in die die globalen Medien vor einigen Jahren geraten sind, hält weiter an. 16 Die Polarisierung nimmt zu, was sich besonders im Kontext der politischen Ereignisse des Jahres 2023 und dem bevorstehenden Wahljahr in al16 Nielsen, R.K.& Selva, M.(2023). More Important, But Less Robust? Five Things Everybody Needs to Know about the Future of Journalism. Reuters Institute for the Study of Journalism. https://reutersinstitute.politics. ox.ac.uk/our-research/more-important-less-robust-five-things-everybodyneeds-know-about-future-journalism. 9 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE MEDIEN AUSSERHALB RUSSLANDS: WER LIEST SIE, UND WOZU BENÖTIGT MAN SIE? ÜBER DIE AUTORIN Ksenia Luchenko— promovierte Philologin (MSU), Visiting Fellow beim Europäischen Rat für Auswärtige Beziehungen(ECFR), Journalistin, Expertin für Medienerziehung und Medienkompetenz sowie für Wechselbeziehungen zwischen Kirche, Staat und Gesellschaft in Russland. Vor ihrer Auswanderung war sie Dekanin an der Fakultät für Medienkommunikation der Moskauer Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften(The Moscow School of Social and Economic Sciences) und Fachleiterin am von der EU-geförderten Projekt des Goethe-Instituts„How to Read Media“. E-Mail: ksenialuchenko@proton.me IMPRESSUM Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn Deutschland www.russia.fes.de E-mail: info@fes-russia.org Herausgebende Abteilung: Department/division Internationale Zusammenarbeit, Russlandprogramm der FES Inhaltliche Verantwortung und Redaktion: Alexey Yusupov Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. © 2024 10 ZUSAMMENFASSUNG Fragen der Sicherheit zählen zu den größten Sorgen der Journalist:innen im Exil– neben der Befürchtung, nach langer Zeit im Ausland an Relevanz für das einheimische Publikum zu verlieren, sowie der Suche nach stabilen Finanzierungsmodellen und einer wirtschaftlichen Nachhaltigkeit der Redaktionen. Dazu gehören die Datensicherheit, der Schutz von Quellen und der freien Mitarbeiter:innen in Russland sowie die Sicherheit für Leib und Leben. In Russland werden Journalist:innen, die das Land verlassen haben, strafrechtlich verfolgt und zur Fahndung ausgeschrieben. Aber auch in den „sicheren“ Staaten fühlen sie sich vor den russischen Geheimdiensten und anderen potenziell gefährlichen Strukturen nicht geschützt. Solange die Journalist:innen sich mit russischen Realien befassen(wobei die meisten von ihnen nur die russische Staatsangehörigkeit besitzen), werden sie das Gefühl einer Bedrohung nicht los. Obwohl sich Russland allmählich in eine„Blackbox“ verwandelt, in der sachkundige Quellen und Insider:innen immer weniger bereit sind, mit den Medien zu sprechen, sind es die Journalist:innen, die immer noch über direkte Kontakte verfügen, welche die Daten zumindest indirekt bestätigen oder widerlegen können. Unabhängige russische Medien verfügen über einzigartige Informationsnetzwerke innerhalb Russlands in Form von freien Journalist:innen aus den in Russland gebliebenen unter der Zensur befindlichen, aber nicht propagandistischen Medien, zahlreiche Bekannte und Protagonist:innen. Heutzutage gefragt sind eine qualitativ hochwertige Expertise zu russischen Realien und auch Untersuchungen bzw. Berichte, kurzum journalistische Genres, die zu verstehen helfen, was im Land wirklich passiert. Das wird auch in den kommenden Jahren so bleiben. Unabhängiger russischer Journalismus ist Teil der Weltmedien, obwohl er aktuell mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert ist. Die Krise, in die die globalen Medien vor einigen Jahren geraten sind, hält weiter an. Die Polarisierung nimmt zu, was sich besonders im Wahljahr in allen wichtigen Regionen der Welt bemerkbar macht. Die klassischen Medien verlieren gegen die sozialen Medien im Kampf um die Leserschaft und das öffentliche Vertrauen; zudem funktionieren die alten Finanzierungsmodelle nicht mehr. Diesen Kontext dürfen die russischen Medien im Exil nicht außer Acht lassen. Ihre in vielerlei Hinsicht einzigartigen Erfahrungen werden einen wichtigen Beitrag zum Überdenken der beruflichen Standards und der Rolle der Journalist:innen in modernen sozialen und politischen Prozessen leisten und einen Weg aus der Medienkrise weisen.