Ausgabe 5/2024 Diskussionspapier des Landesbüros NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung WEITER DENKEN Fair, demokratisch, zukunftsorientiert: Impulse für eine bessere Schule Haben alle Kinder in NRW die gleichen Chancen? Haben alle Kinder dieselben Möglichkeiten, ihre Potenziale auszuschöpfen, und stehen ihnen hierfür die gleichen Ressourcen zur Verfügung? Oder sind Kinder aus einkommensschwachen Haushalten benachteiligt? Müssen Kinder mit Migrationshintergrund mehr leisten – oder werden gar bei gleicher Leistung schlechter bewertet? Diese Fragen stellen sich nicht nur Wissenschaftler*innen an Universitäten und Hochschulen oder Politiker*innen in Parlamenten, sondern auch wir: Wir, die jeden Tag selbst zur Schule gehen oder unsere Schullaufbahn kürzlich beendet haben. Klar ist: Schule, wie wir sie heute kennen und viele Jahre erlebt haben, ist kein faires System. Im Gegenteil: Schule produziert, reproduziert und verstärkt Ungerechtigkeiten. Das wollen wir nicht hinnehmen. Gerade in unserer Heimat NRW – so bevölkerungsreich und vielfältig, wie sie ist – muss Bildung für alle Kinder gerecht sein. Schule sollte niemanden benachteiligen, sondern allen Kindern und Jugendlichen gleichermaßen Chancen und Möglichkeiten bieten, ihre Potenziale zu entfalten. Das politische Moment nutzen! Über viele Jahre hinweg konnten wir in unseren Klassenverbänden feststellen, dass wir nicht nur als Personen unterschiedlich sind, sondern auch unterschiedliche Voraussetzungen hatten und haben, unseren Bildungsweg erfolgreich zu beschreiten. Autor_innen Wir wollen uns nicht mit bloßer Kritik begnügen, sondern aktiv Vorschläge aus unserer Perspektive einbringen. Deswegen haben wir uns als Gruppe zusammengefunden, mit Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen gesprochen und ihre Befunde mit unseren Erfahrungen abgeglichen. In diesem Impulspapier wollen wir unsere Ergebnisse zusammenfassen und konkrete Vorschläge zur Verbesserung der aktuellen Situation unterbreiten. • Jana Sophie Lukaschik, ehm. Schiller Gymnasium, Witten • Klara Meyer, Gymnasium Nepomucenum, Coesfeld • Daniel Burik, ehm. Gymnasium Hochdahl, Erkrath • Isabell Müller, ehm. Gesamtschule Nord, Essen • Melissa Aydin, ehm. Gesamtschule Holsterhausen, Essen • Sebastian Laubenstein, Gymnasium Heepen • Roni Ali, Fliedner Fachhochschule, Düsseldorf • Eliot Jansen, Gesamtschule Niederzier, Merzenich • Sophia Scuderi, Collegium Augustinianum, Goch Wie dringlich und parteiübergreifend das Thema mittlerweile diskutiert wird, zeigt uns, dass 2023 vom Landtag eine Enquetekommission ‚Chancengleichheit in der Bildung‘ eingesetzt wurde. Wir hoffen darum, dass unser Papier in den Diskussionen innerhalb und außerhalb des Parlamentes Gehör findet und wir als Schüler*innen und Betroffene ernst genommen werden. Wir wollen, dass es für den Bildungserfolg egal ist, in welchem Land man geboren wurde, wie hoch das Familieneinkommen ist oder welchen Bildungsabschluss die eigenen Eltern erreicht haben. Das Impulspapier ist Ergebnis einer mehrteiligen Seminarreihe, die sich im Frühjahr 2024 theoretisch und praktisch mit den Notwendigkeiten eines bildungsgerechten Schulsystems befasste. Methodisch wurden die Teilnehmenden von Niclas Uebels angeleitet. Inhaltliche Impulse verdanken wir Prof. Michaela Vogt (Universität Bielefeld), Dr. Markus Gamper(Universität zu Köln), Andreas Niessen(Schulleiter der Helios Schule in Köln) und Lisa Marie Dziobaka(arbeiterkind.de). 3 »Klassismus beginnt bereits bei der räumlichen Verteilung von Schulen.« Deswegen fordern wir eine starke finanzielle Ausstattung der Kommunen für den Ausbau und eine bessere Ausstattung von Schulen in infrastrukturell benachteiligten Regionen.. Da insbesondere die bereits existierenden Schulen in einkommensschwachen Gegenden unterfinanziert sind 2 , halten wir zudem eine verstärkte Förderung derselben für notwendig. Ressourcen& Unterstützung für Schüler*innen Sobald Kinder in das System Schule eintreten, liegt es in der Verantwortung des Bundeslandes, dass alle dieselben Startchancen haben. Utopisch? Nein, längst überfällig! Klassismus macht Schule Die Diskriminierung oder Benachteiligung von Schüler*innen aufgrund ihrer sozioökonomischen Herkunft oder ihres finanziellen Status wird mit dem Ausdruck ‚Klassismus in Schulen‘ bzw. ‚Klassismus im Bildungssystem‘ bezeichnet. Der Umgang mit dem Begriff ‚Klassismus‘ erfordert jedoch besondere Vorsicht, da er komplexe soziale Ungleichheiten mit vielfältigen Ursachen beschreibt. Zudem kann seine Verwendung Widerstände hervorrufen und ideologische Konflikte schüren, die sachliche Diskussionen behindern. Trotz der genannten Risiken kann der Begriff ‚Klassismus‘ in Bezug auf das Bildungssystem verwendet werden, weil er zugleich wichtige soziale Ungleichheiten sichtbar macht und Diskussionen über strukturelle Benachteiligungen anregt. Durch die gezielte Nutzung des Begriffs können systemische Probleme adressiert und Veränderungen angestoßen werden, die zu einer gerechteren Bildungslandschaft führen. Viele Kinder und Jugendliche haben privat nicht die Ressourcen, um ihre schulischen Leistungen zu steigern, oder verfügen nur über begrenzte Zugänge zu Informationen, zum Beispiel über das Bildungssystem generell oder Fördermöglichkeiten wie Stipendien, da ihre Eltern beispielsweise einen niedrigeren Bildungsabschluss aufweisen oder das Schulsystem in NRW nicht selbst durchlaufen haben. Außerschulische Nachhilfe können sich viele Familien nicht leisten. 3 Wir fordern deswegen eine verstärkte Förderung von außerschulischen Organisationen und Vereinen, die sich für Chancengleichheit in der Bildung einsetzen. Organisationen wie z. B. das Zentrum für Talentförderung NRW oder das TalentKolleg Ruhr bieten kostenlos außerschulische Kurse in verschiedenen Fächern an und bilden sogenannte ‚Talentscouts‘ aus, die Schüler*innen verschiedene Berufs- und Bildungsmöglichkeiten aufzeigen und ihnen beratend zur Seite stehen. Schulen sollten ihre Schülerschaft auf solche Angebote verstärkt aufmerksam machen und nach vorheriger Begutachtung Kooperationen mit außerschulischen Organisationen eingehen. All eyes on Grundschule Ungleichheit von Nord nach Süd Klassismus beginnt bereits bei der räumlichen Verteilung von Schulen. Die Stadt Essen dient im Folgenden als Beispiel: Im finanziell stark aufgestellten Essener Süden gibt es mehr Gymnasien als im Norden. Im Norden hingegen finden sich fast alle Gesamtschulen der Stadt. Bestimmte sozialräumliche Bedingungen führen zu ‚regionalen Bildungsdisparitäten‘, die wiederum Einfluss darauf haben, wer auf welche Schule geht und welchen Abschluss macht. In Essen spricht man auch vom ‚Sozialäquator A40‘. 1 Die Bereitstellung von Infrastruktur beeinflusst die Bildungschancen und derzeit hängt die Infrastruktur in großen Teilen von dem sozioökonomischen Status der Elternhäuser ab. Schulpolitik ist demnach auch Stadt-und Wohnbaupolitik – und umgekehrt. Bellenberg, Möller, S. 23, https://www.gew-nrw.de/fileadmin/user_upload/ Kampagne_Bildung-weiter-denken/GEW-NRW-Moeller-Bellenberg-Studie-Sozialindexgesamt-Ungleiches-ungleich-behandeln.pdf und Stadt Essen, https://media.essen.de/ media/wwwessende/aemter/40/40_4/schulverzeichnis/Schulen_Schulformen.pdf und https://www.fluter.de/autobahn-teilung-arm-reich Obwohl die Bedeutung von Grundschulen für Bildungsgerechtigkeit wissenschaftlich belegt ist und auch öffentlich diskutiert wird, ist die Grundschule die Schulform, in die am wenigsten investiert wird. Dabei ist die Grundschule nicht nur die Schulform, in der sich Schüler*innen aus allen ökonomischen Schichten begegnen, sondern zugleich der Ort, an dem es am besten gelingt, früh und gezielt zu fördern. 4 Die im Verhältnis geringere Investition in die Grundschule, die sich u. a. am Gehalt der dortigen Lehrkräfte im Gegensatz zu Gymnasiallehrer*innen zeigen, hat zur Folge, dass ausgerechnet an Grundschulen der Lehrkräftemangel groß ist 5 . Landeselternkonferenz zur IQB-Studie: Schulsystem ist seit Jahrzehnten unterfinanziert- News4teachers. Vgl. https://www.staedtetag-nrw.de/presse/pressemeldungen/2023/reform-schulfinanzierung-draengt https://www.iwd.de/artikel/arme-eltern-schlechte-schueler298680/#:~:text=Ein%20Hauptschulabschluss%20sollte%20die%20Ausbildungsreife https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/509295/ungleiche-grundschulen-und-das-versprechen-der-leistungsgerechtigkeit-im-schulsystem/#:~:text=In%20diesem%20Beitrag%20geht%20es%20um%20die%20 Ungleichheiten%20zwischen 5 Vgl. ZDFheute: Lehrermangel an Grundschulen bald vorbei. Die Folge? Insbesondere den Kindern aus sozioökonomisch schwächeren Haushalten wird die Chance genommen, frühzeitig Rückstände aufzuholen und gezielt gefördert zu werden. 6 Der Lehrkräftemangel an Grundschulen führt also sehr früh dazu, dass diese Defizite zementiert werden. Wir fordern: Grundschule first! Es braucht Lernbegleiter*innen und Sonderpädagog*innen insbesondere in den Grundschulen, sodass alle Schüler*innen ihren Bildungsweg auf einem soliden Fundament aufbauen können. Um Koordinations- und Kommunikationsschwierigkeiten mit unterschiedlichen Trägern zu vermeiden, fordern wir, dass den Grundschulen ermöglicht wird, nur mit einem ausgewählten Träger zusammenzuarbeiten. Dieses Konzept wird bereits erfolgreich in der Heliosschule in Köln umgesetzt. 7 Benotung und ihre Auswirkungen Neben der Finanzierung ist auch das Bewertungs- und Benotungssystem ein Faktor, der Ungleichheit reproduziert und verstetigt. Ein Beispiel: Offiziell informiert die Lehrkraft zu Beginn eines Kurses darüber, welche Anforderungen im Bereich ‚Sonstige Mitarbeit‘ gestellt werden und worauf sich die Bewertung stützt. Neben mündlichen Unterrichtsbeiträgen können dies beispielsweise Protokolle, Referate, praktische Arbeiten, schriftliche Übungen oder – im Fach Sport – auch praktische Übungen sein. 8 Die Praxis unserer Erfahrung zeigt aber, dass verschiedene Lehrkräfte an derselben Schule aufgrund der vielen individuell entwickelten Unterrichtsformen in ihrem Unterricht sehr unterschiedliche Gewichtungen der Beitragsmöglichkeiten neben den mündlichen Unterrichtsbeiträgen haben, die im Vorfeld der zu bewertenden Leistungen nicht klar kommuniziert wurden und werden. 9 Unserer alltäglichen Erfahrung nach zählt beispielsweise ein sehr gelungenes Referat mit einem Stundenaufwand von 15 Stunden bei dem oder der einen Lehrer*in so viel wie die sonstige Mitarbeit in einer Stunde, während bei einem oder einer anderen Lehrer*in ein solches Referat wesentlich stärker gewichtet wird. So werden diejenigen benachteiligt, die in ihrem Umfeld keine Ansprechpartner*innen haben, die bereits vor ihnen eine gleichwertige schulische oder akademische Laufbahn eingeschlagen haben und sie bei der Vorbereitung ihrer Referate daheim beratend unterstützen können. Aus diesem Grund fordern wir allgemeingültige Bewertungskriterien für NRW, die definieren, wie sich die Bewertung der ‚Sonstigen Mitarbeit‘ genau zusammensetzt. Um bei den schulischen Gegebenheiten zu bleiben, wollen wir einen Blick auf die Lernatmosphäre und die Lehrpläne werfen. Lehrplänen liegt die Absicht zugrunde, alle Schüler*innen auf denselben Stand zu bringen. Aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen, die Schüler*innen bereits aus der Grundschule mitbringen, führen Lehrpläne aber derzeit dazu, dass viele Schüler*innen in erster Linie mit dem ‚Nichterreichen‘ von Lernzielen konfrontiert werden. 10 Das Defizitäre steht im Vordergrund. Individuell angepasste Lehrpläne könnten helfen, den Unterricht auf die Bedürfnisse und Hintergründe aller Schüler*innen individuell abzustimmen. Mit einer solchen Anpassung könnten Lehrer*innen besser auf die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen eingehen und sicherstellen, dass alle Schüler*innen die Chancen haben, mit ihren jeweils eigenen Rahmenbedingungen und unabhängig von ihrer sozioökonomischen Lage erfolgreich zu sein. Dies würde zudem eine inklusive Lernumgebung fördern, in der sich alle Schüler*innen wertgeschätzt und unterstützt fühlen. Auch der verstärkte Einsatz von Projektarbeit sollte in diesem Zusammenhang berücksichtigt werden. Kleine Gruppen fördern das gemeinschaftliche und inklusive Lernen und die Aussicht auf eine Gruppenbenotung kann den Zusammenhalt unter den Schüler*innen stärken. Wir fordern einen ausgewogenen Ansatz, der die individuellen Bedürfnisse der Schüler*innen berücksichtigt und damit nicht nur eine erfolgversprechende Lernatmosphäre herstellt, sondern auch die gemeinschaftliche Weiterentwicklung garantiert. Bildungsübergänge übergehen die Interessen der Schüler*innen? Unser derzeitiges Bildungssystem schafft zahlreiche Bildungsübergänge, die oft zu Brüchen führen. Besonders schwerwiegend sind die Übergänge von der KiTa in die Grundschule und von der Grundschule in die weiterführende Schule. Deutschland ist neben Österreich eines der wenigen EU-Länder, das auf ein gemeinsames Lernen von nur vier Jahren setzt. In Finnland, Estland und Schweden zum Beispiel gehen alle Schüler*innen neun Jahre lang gemeinsam in die Grundschule. In Deutschland erfolgen die Zuteilung und Einsortierung der Schüler*innen bereits nach vier Schuljahren 11 : Im Alter von 10 Jahren entscheiden die dann erbrachten schulischen Leistungen über die kommende Schulform und damit über einen ganzen Lebensweg. Das Problem? Kinder lernen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, was immer wieder zu großer Heterogenität bei Wissensständen und Lernerfolgen führt. Die Festsetzung einer künstlichen Altersgrenze als Grundlage der Entscheidung, auf welche Schule ein Kind gehen soll, ist willkürlich und benachteiligt Kinder, die bestimmte Lerninhalte langsamer oder einfach später erlernen. 6 Vgl. Roth: Bildung braucht Persönlichkeit, S. 38. 7 Vgl. Dreher/Peschke: Kooperation im Kollegium, S. 70. Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen: Leistungsnachweise und Leistungsbewertung. 9 Vgl. Gerhard Roth: Bildung braucht Persönlichkeit, S. 21. https://taz.de/Schulforscher-ueber-Bildungsgerechtigkeit/!5991581/ Berlin und Brandenburg haben eine je sechsjährige Grundschulzeit.“ https://www. tagesspiegel.de/berlin/vorteile-der-sechsjahrigen-grundschulzeit-bildungschancensind-in-berlin-und-brandenburg-etwas-besser-11651807.html Zudem zeigen Studien, dass sich mit dem Übergang auf die weiterführende Schule auch die bestehende Chancenungleichheit verfestigt: Ob ein Kind später eine größere Chance hat, das Abitur zu absolvieren und anschließend zu studieren, hängt maßgeblich davon ab, welches Bildungsniveau die Eltern aufweisen. 12 Ist das Abitur dann absolviert, stehen viele Schulabgänger*innen vor der Frage, wie es für sie weitergeht. Auch hier zeigt sich, dass nicht der schulische Erfolg Grundlage für die Entscheidung zur Aufnahme eines Studiums ist, sondern vielmehr die Frage, ob Absolvent*innen Erstakademiker*innen sind oder eben aus Akademikerhaushalten kommen, in denen die Aufnahme eines Studiums absolut selbstverständlich ist. Zudem sind viele Schulabsolvent*innen nicht ausreichend auf die Ausbildungs- und Berufswelt vorbereitet und deswegen so abhängig von ihrem familiären Umfeld. Für beide Bildungsübergänge, den von der KiTa in die Grundschule und den von der Grundschule in die weiterführende Schule, gibt es gute Alternativen, die wir im Folgenden aufzeigen werden. Einführung von Kompetenzanalysen in den Kindertagesstätten Um einen reibungslosen Übergang vom Kindergarten in die Grundschule zu gewährleisten, sollten frühzeitig die Kompetenzen der Kinder überprüft und Fördermöglichkeiten bewertet werden. Dies ermöglicht es den Erziehungsberechtigten gemeinsam mit Kindergärten und Grundschulen, eventuelle Defizite bereits vor der Einschulung auszugleichen. Besonders die Sprachkompetenz sollte dabei im Fokus stehen, da sich im Alter von zwei bis fünf Jahren eine entscheidende Phase im Spracherwerb der Kinder abspielt. Eine gute Beherrschung der deutschen Sprache ist entscheidend für die Teilnahme an und den Erfolg in vielen Unterrichtsfächern und am sozialen Leben in der Schule. Wir fordern, dass bereits im Kindergarten die Sprachkompetenz beobachtet und nach Bedarf gefördert wird. Verlängerung der Grundschulzeit In Bezug auf den zweiten Bildungsübergang schlagen wir vor, die Aufteilung auf die unterschiedlichen weiterführenden Schulen frühestens nach der 6. Klasse vorzunehmen. Ein Übergang nach der 6. Klasse gibt den Kindern mehr Zeit, wichtige Lerninhalte zu erlernen und ihr Leistungspotential stärker auszuschöpfen. Des Weiteren bietet die verlängerte Grundschulzeit den Lehrkräften die Möglichkeit, besser auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler*innen einzugehen und sicherzustellen, dass alle die gleichen Bildungschancen erhalten. Die Statistiken zeigen: Gerechtere Bildungschancen funktionieren nicht nur in Finnland, Estland und Schweden – sondern auch in Berlin und Brandenburg, wo bereits längere Grundschulzeiten bestehen. »Da Noten häufig nicht hinreichend begründet werden müssen, bleibt viel Raum für Diskriminierung.« Einführung weiterer Praktika und Koordinierungs- bzw. Beratungsstellen Um den Übergang vom Schulabschluss in die Berufswelt gerechter zu gestalten, sollten während der Schulzeit vermehrt Praktikumsund Beratungsmöglichkeiten angeboten werden. Neben dem Schülerpflichtpraktikum könnte beispielsweise die Inanspruchnahme eines weiteren freiwilligen Praktikums erleichtert werden. Um Schüler*innen bei der Findung eines solchen Praktikums zu unterstützen, sprechen wir uns für die Zusammenarbeit mit Beratungsstellen bzw. die Einrichtung von Koordinierungsstellen aus. Es könnte beispielsweise ein freiwilliges Praktikum in der 11. Jahrgangsstufe eingebaut werden, das zu mehr Praxiserfahrung führt und damit auch das Wissen um die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten fördert. Auch frühere Praktika, beispielsweise in der 10. Jahrgangsstufe, könnten insbesondere für Schüler*innen, die kein Abitur anstreben, von großem Nutzen sein. Noten und Konkurrenz: Ein Treiber sozialer Ungleichheit? Die Konkurrenz durch Benotung der Schüler*innen trägt zur sozialen Ungerechtigkeit im Bildungssystem bei. Es ist notwendig, Strategien zu entwickeln, um diesem Problem präventiv entgegenzuwirken und soziale Disparitäten auszugleichen, anstatt sie durch Bewertungsverfahren zu verstärken. Das Bewertungskonzept ist ein wesentlicher Faktor, der soziale Ungleichheit im Bildungssystem schürt. Die gängigen Ziffernnoten von Eins bis Sechs sind ein unwissenschaftliches System, das zahlreiche Teilleistungen in einem Fach zu einem einzigen Wert zusammenfasst. Beispielsweise werden im Fach Deutsch Aspekte wie Rechtschreibung, Sprache und Inhalt zu einer Note vereint, was viele wichtige Informationen über die Fähigkeiten der einzelnen Schüler*innen verschleiert. Dadurch ist die genaue Grundlage für eine bestimmte Note oft nicht nachvollziehbar, was Willkür und Beeinflussung durch Lehrkräfte ermöglicht. Da Noten häufig nicht hinreichend begründet werden müssen, bleibt viel Raum für Diskriminierung – und zwar für Diskriminierung bewusster und unbewusster Natur. 13 12 Vgl. Soziale Ungleichheiten in den einzelnen Bildungsbereichen, Abb. 9 Vgl. Maaz et al.: Herkunft zensiert?, S. 9. Forderungen und Vorschläge Forderung 1 Reform des Bewertungssystems Noten sind oft eine unzureichende und einseitige Methode, um die Kompetenzvielfalt der Lernenden abzubilden. Zudem fokussieren traditionelle Notensysteme hauptsächlich ganz bestimmte kognitive Leistungen und ignorieren soziale, kreative und praktische Fähigkeiten. Mit der fortschreitenden Digitalisierung und dem Einsatz von KI-basierten Lernplattformen können wir auf umfangreiche Daten zurückgreifen, die eine sachliche Bewertung ermöglichen. Dies würde den Raum für Diskriminierung durch Lehrkräfte und den Effekt des ‚Sympathiebonus‘ verringern. Daher fordern wir die Einführung eines umfassenden Bewertungssystems, das neben den klassischen Prüfungsleistungen auch kontinuierliche Lernfortschritte, Projektergebnisse, Teamarbeiten und kreative Beiträge berücksichtigt. Die Universitätsschule Dresden geht hier als Beispiel voran: Dort gibt es lediglich verbalisierte Zeugnisse und damit eine Notenbefreiung. Einer der pädagogischen Leitfäden der Schule beschreibt zudem das Lernen in Projekten. Dabei wird ein individualisiertes und kooperatives Lernen gefördert. Eine spezielle Software unterstützt und dokumentiert die digitalen Lernprozesse der Schüler*innen unter Anleitung der Lehrkräfte. Wir fordern übergreifend ein solches System, das Kooperation und gegenseitige Unterstützung statt Konkurrenz und Leistungsdruck in den Vordergrund stellt. Forderung 3 Demokratie macht Schule Gleichberechtigung und Teilhabe sind die Grundpfeiler unserer Demokratie. Dass Schule als wichtiges Teilsystem unserer Gesellschaft von demokratischen Prozessen ausgenommen ist, sollte dringend überdacht werden. Dieses System soll durch digitale Werkzeuge unterstützt werden, die die individuellen Lernprozesse und Fortschritte detailliert dokumentieren und auswerten. So könnten Schüler*innen und Lehrer*innen tiefere Einblicke in den individuellen Lernprozess erhalten. Der Raum für Diskriminierung würde eingedämmt und die Transparenz der Bewertung ermöglicht. Forderung 2 Neudefinition von Konkurrenz im Bildungssystem Die traditionelle Bewertung durch Noten fördert oft einen ungesunden Konkurrenzdruck, der das Lernen als Wettbewerb und nicht als gemeinschaftlichen Prozess ansieht. Zudem sind Kinder aus finanziell ärmeren Familien oft im Nachteil, da sie durch die fehlenden Ressourcen strukturelle Hürden zu überwinden haben. Beispielsweise können viele Eltern, die keinen hohen Bildungsabschluss haben, ihren Kindern bei Problemen mit dem Lernstoff aus der Schule selbst nicht helfen. Ebenso haben finanziell benachteiligte Familien meist Schwierigkeiten, Nachhilfe zu finanzieren. Durch die entstehende Konkurrenz während des Bewertungsverfahrens werden die sozialen Ungleichheiten verfestigt und nicht individuell angegangen. Schüler*innen, die anfangs Schwierigkeiten in der Schule haben, werden durch das Konkurrenzdenken eher entmutigt als motiviert. Sie geraten dadurch eher in eine Abwärtsspirale, die die soziale Ungleichheit verstärkt. 14 Dies kann zur Entwicklung von Schulangst oder Versagensängsten führen. Ein möglicher Lösungsansatz wären jahrgangsübergreifende Lerngruppen, die selbstständiges und kooperatives Lernen fördern und ohne das klassische Benotungsverfahren auskommen. Die niedrige Wahlbeteiligung bei der Landtagswahl 2022 verdeutlicht die zunehmende Politikverdrossenheit – insbesondere bei jungen Wähler*innen. 15 Dabei ist es wichtig, dass demokratische Prozesse schon früh eingeübt, gesellschaftliches Engagement gefördert und konstruktives Streiten geübt werden. Vertrauenslehrer*innen sind beispielsweise oft schwer zu finden und bei der Neugestaltung des Schulgebäudes werden Schüler*innen eher zum Bemalen von Wänden eingesetzt als aktiv in die Planung einbezogen. Eine stärkere Demokratie in den Schulen hätte eine entspannende Wirkung auf das Lehrer*in-Schüler*in-Verhältnis, führte zu einem Rückgang von Vandalismusschäden und würde die Bereitschaft fördern, sich auch im späteren Leben aktiv an der Politik zu beteiligen. Es ist wichtig, dass Schüler*innen schon früh und im kleinen Rahmen die Vorteile der Mitbestimmung erfahren, um langfristige positive Effekte zu erzielen und für unsere Gesellschaftsform zu begeistern. Wir fordern mehr Partizipation und Mitbestimmung! Die bekannteste Partizipationsmöglichkeit für Schüler*innen innerhalb der Schule ist die Schüler*innenvertretung. Die Strukturen der Vertretung existieren, um Schüler*innen den Raum und die Werkzeuge zu geben, für ihre Meinungen und ihre Rechte selbstständig einzustehen und Entscheidungsmacht auszuüben. Um das Schulsystem intern stärker zu demokratisieren, sollten Schüler*innen dauerhaft Ansprechpartner*innen, z. B. entsprechend fortgebildete Lehrkräfte, haben, um Bedenken und Sorgen anzusprechen, ohne dabei Klassensprecher*in zu sein. Wir sollten den Mut und das Zutrauen in Schüler*innen haben, Demokratie auch schon im jungen Alter zu praktizieren. Es gibt keinen geeigneteren Ort hierfür als die Schule. 14 Vgl. Hasselberg 2010: Leistungsangst in der Schule, S. 15-17 15 Vgl. Landesbetrieb IT.NRW: Rückläufige Wahlbeteiligung in allen Altersgruppen Literatur Bonefeld, Meike; Dickhäuser, Oliver:(Biased) Grading of Students’ Performance: Students’ Names, Performance Level, and Implicit Attitudes. In: Frontiers in Psychology 2018; 9: 481, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/ PMC5954233/(16.09.2024). Dierks, Hildegard: Die Angst vor dem Wettbewerb, https:// www.lernando.de/magazin/386/Die-Angst-vor-demWettbewerb(28.07.2024). Dreher, Nils; Peschke, Anna: Kooperation im Kollegium: Ein Praxisbericht. 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