Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage der pollytix strategic research gmbh Leonie Schulz, Lutz Ickstadt und Rainer Faus Julius-Leber-Forum 2 Friedrich-Ebert-Stiftung Die Friedrich-Ebert-Stiftung Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) wurde 1925 gegründet und ist die traditionsreichste politische Stiftung Deutschlands. Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflichtet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demokratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften verbunden. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch: – politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft; – Politikberatung; – internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern; – Begabtenförderung; – kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit u. a. Archiv und Bibliothek. Das Julius-Leber-Forum ist das Regionalbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung für die Bundesländer Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Seit 1995 bieten wir in diesen drei Ländern Veranstaltungen zur politischen Bildung an: von öffentlichen Diskussionsformaten, Fachtagungen, Dialogforen, Workshops über Ausstellungen bis hin zu Seminaren und Kompetenztrainings. Für diese Publikation ist in der FES verantwortlich: Petra Wilke Leiterin des Julius-Leber-Forums der Friedrich-Ebert-Stiftung Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 3 Inhalt Vorwort 1. Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 2. Weltoffenes Hamburg 3. Stimmung in der Hansestadt 4. Die wichtigsten Zukunftsthemen in Hamburg 18 5. Fazit Literaturverzeichnis Die Autor*innen Impressum 4 Vorwort Friedrich-Ebert-Stiftung Es gibt gute Nachrichten: Hamburg ist aus Sicht seiner Bürger*innen besser als andere Städte durch die Krisen der vergangenen Jahre gekommen. Großstädte und Metropolen wie die Freie Hansestadt Hamburg sind immer ein Brennglas gesellschaftlicher Entwicklungen, die die Herausforderungen verdeutlichen, die für einen gelingenden gesellschaftlichen Zusammenhalt und für eine solidarische Gesellschaft stehen und erfüllt sein müssen. Die multiplen Konflikte und die vielen ungelösten Krisen verunsichern die Menschen und beschleunigen die Fliehkräfte, die die Gesellschaft auseinanderzutreiben drohen. In einer immer polarisierteren Gesellschaft wird eine politische Konsensfindung zunehmend schwierig. Die Gefahr besteht, dass der soziale Zusammenhalt verloren geht und das Gemeinwohl aus dem Blick gerät. Wie sieht die Stimmung in Deutschlands zweitgrößter Stadt im Jahr 2024 aus? Wie ist Hamburg durch die vergangenen Krisen gekommen? Welche Themen sind den Hamburger*innen wichtig, und welche Wünsche haben sie an die Politik? Besonders interessant und aufschlussreich sind die Ergebnisse der hier vorliegenden Studie auch deshalb, weil sie die Möglichkeit eines Vergleichs mit den Resultaten einer bereits im Jahr 2019 durchgeführten Umfrage zu„Hamburgs Themen – Hamburgs Zukunft“(Faus/Schulz 2019) ermöglicht. Es gibt gute Nachrichten: Hamburg ist aus Sicht seiner Bürger*innen besser als andere Städte durch die Krisen der vergangenen Jahre gekommen. Die Lebensqualität ist weiterhin auf einem hohen Niveau: 78 Prozent finden, dass man in Hamburg gut alt werden kann, und 66 Prozent sind der Auffassung, dass man in Hamburg gut eine Familie gründen und Kinder großziehen kann. Das Selbstbild der Hamburger*innen von ihrer Stadt als weltoffene Hansestadt hat sich über die letzten fünf Jahre und alle Krisen hinweg weiter verfestigt. Toleranz und Offenheit sind die wichtigsten identitätsstiftenden Merkmale. Dass die Weltoffenheit in der Stadt auch gelebt und verteidigt wird, zeigt unter anderem der breite Zuspruch zu den Demonstrationen gegen Rechtsextremismus zu Beginn des Jahres. Insgesamt unterstützen 80 Prozent der Hamburger*innen die bundesweite Demonstrationsbewegung gegen Rechtsextremismus – und das über alle Alters- und Bildungsgruppen hinweg. Diese Studie wurde durchgeführt mit dem Ziel, genauere Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche politischen Themen für die Hamburger*innen in ihrem Alltag und für Hamburgs Zukunft von besonderer Wichtigkeit sind, was sie über die aktuellen und bevorstehenden Transformationsprozesse und über die politischen Institutionen in ihrer Stadt denken. Der Fokus lag u. a. auf der Frage, ob sich daraus gesamtgesellschaftliche Aufgaben ergeben und/oder sich ähnlich denkende Gruppen identifizieren lassen. Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 5 Für uns als Träger der politischen Bildung ist es von besonderem Interesse zu erfahren, welche politischen Themen die Hamburger*innen in ihrem Alltag und mit Blick auf Hamburgs Zukunft umtreiben und wie sie über die politischen Institutionen in ihrer Stadt denken. Politische Bildung unterliegt – nicht zuletzt wegen der starken Wechselwirkung mit der Weiterentwicklung der Demokratie, der Fragmentierung der Gesellschaft und den umfassenden Transformationsprozessen – einem ständigen Modernisierungsbedarf. Dieser macht es dringend erforderlich, das inhaltliche Agenda-Setting, die methodischen Formate und Kommunikationskanäle kontinuierlich zu überprüfen, neu zu bewerten und zu optimieren. Denn um erfolgreich zu sein, muss sich politische Bildungsarbeit in Hamburg innovativ, kreativ, relevant und passgenau präsentieren: Format, Themensetzung, Zielgruppen und die regionale Dimension müssen synchron laufen. Das Julius-Leber-Forum kann mit dieser Studie seine beiden zentralen Aufgaben erfüllen: Die Ergebnisse eröffnen die Möglichkeit, darauf mit Bildungsformaten zu reagieren, die evidenzbasiert entwickelt und mit einer zielgruppenspezifischen Diversifizierung umgesetzt werden können. Damit leistet die Studie einen wichtigen Beitrag zur gemeinwohlorientierten Politikberatung. Zugleich helfen die vorliegenden Daten, ein politisches Bildungsangebot zu erarbeiten, das den Interessen der Bürger*innen der Freien Hansestadt Hamburg entspricht, deren demokratisches Bewusstsein weiter stärkt und eine lebendige partizipationsorientierte Demokratie mit einer engagierten Zivilgesellschaft fördert. Diese Studie wurde im Juni 2024 von Petra Wilke, zu der Zeit Leiterin des Julius-Leber-Forums, fertiggestellt. Da nur im kontinuierlichen gemeinsamen konstruktiven Dialog eine soziale und demokratische Zukunft entwickelt werden kann, sollen die vorliegenden Ergebnisse zu einem engagierten Austausch beitragen. Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre! Petra Wilke und Stine Klapper Friedrich-Ebert-Stiftung Leiterinnen des Julius-Leber-Forums Bis 30. Juni respektive ab 1. September 2024 6 Friedrich-Ebert-Stiftung Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 7 1. Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? Coronapandemie, Klimawandel, russischer Angriffskrieg auf die Ukraine, Energieengpässe, Inflation, ungelöste Konflikte in der Migrationspolitik – die vergangenen Jahre sind von multiplen Krisen geprägt und hinterlassen viele Bürger*innen in Deutschland verunsichert. Auch 2024 scheint wie die Vorjahre bislang eher neue Herausforderungen statt Entspannung für Politik und Bürger*innen im Land bereitzuhalten. Mit Blick auf die Europawahl sowie drei Landtagswahlen im Jahr 2024 ist eine intensive Debatte um zunehmende Politik- und Demokratieverdrossenheit von besonderer Bedeutung. Was passiert, wenn bundesweite und globale Herausforderungen auf regionale Herausforderungen einer wachsenden Stadt treffen? Wie sieht die Stimmung in Deutschlands zweitgrößter Stadt im Jahr 2024 aus? Wie ist Hamburg durch die vergangenen Krisen gekommen? Welche Themen sind den Hamburger*innen wichtig, und welche Wünsche haben sie an die Politik? Welche Herausforderungen müssen für einen gelingenden gesellschaftlichen Zusammenhalt angegangen, welche Weichen jetzt gestellt werden, damit Zukunft in Hamburg gelingen kann? Diesen Fragen widmet sich die vorliegende Studie des Julius-Leber-Forums der Friedrich-EbertStiftung. Grundlage ist eine repräsentative quantitative Bevölkerungsbefragung, die zwischen dem 7. und 18. März 2024 durchgeführt wurde. Die Grundgesamtheit der Stichprobe von n= 1.518 Befragten bildet die bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg wahlberechtigte Bevölkerung ab 16 Jahren. Die Befragung setzt sich aus einer Telefonstichprobe(n= 1.000, CATI-Methode, ADM-Festnetzstichprobe) und einer Onlinestichprobe(n= 518, CAWI-Methode, quotierte Stichprobenziehung aus Online-Access-Panel) zusammen. Die durchschnittliche Befragungsdauer lag bei 15 Minuten. Zur Gewährleistung der Repräsentativität wurden die Daten nach amtlicher Statistik gewichtet. Bereits 2019 erschien eine Studie zu Hamburgs Zukunft(Faus/Schulz 2019), deren Ergebnisse Vergleiche zwischen den Zeitpunkten ermöglichen. Was passiert, wenn bundesweite und globale Herausforderungen auf regionale Herausforderungen einer wachsenden Stadt treffen? 8 Friedrich-Ebert-Stiftung 2. Weltoffenes Hamburg Gerade in Zeiten zunehmenden Rechtspopulismus ist Weltoffenheit ein identitätsstiftendes, abgrenzendes Merkmal, auf das man in Hamburg stolz ist. Wie prägen aktuelle Ereignisse, Stimmung und gesellschaftliche Entwicklungen das Selbstbild der Hamburger*innen? Im Rahmen der Studie wurde nach identitätsstiftenden Charakteristiken gefragt. Beantworten lässt sich die Frage am besten im Vergleich und in Abgrenzung zum Rest der Bundesrepublik. Die Befragten wurden daher gebeten, den folgenden Satz mit einem Wort zu vervollständigen:„Im Vergleich zum Rest von Deutschland sind wir in Hamburg viel …“ Die häufigsten Nennungen sind „weltoffener“,„toleranter“ und„offener“. Bereits in der Studie von 2019 wurde den Hamburger*innen dieselbe Frage gestellt(Faus/ Schulz 2019). Auch hier waren diese drei Schlagworte die häufigsten Nennungen. Das Selbstbild der weltoffenen Hansestadt scheint demnach stabil zu sein und sich über die vergangenen fünf Jahre und alle Krisen hinweg weiter verfestigt zu haben. Gerade in Zeiten zunehmenden Rechtspopulismus ist Weltoffenheit ein identitätsstiftendes, abgrenzendes Merkmal, auf das man in Hamburg stolz ist. Was ebenfalls im Selbstbild betont wird, ist die gute wirtschaftliche Lage Hamburgs:„besser“, „besser dran“,„wohlhabender“,„reicher“ sind Begriffe, mit denen ein Teil der Hamburger*innen sich vom Rest der Bundesrepublik abgrenzt. Auch diese Aspekte wurden bereits 2019 im Selbstbild betont und sind trotz Krisen und Inflation weiterhin relevante Definitions- und Abgrenzungsmerkmale für die Bürger*innen der Stadt. Negative Selbstzuschreibungen fallen erst auf den zweiten oder dritten Blick ins Auge und sind zum größten Teil Einzelnennungen und keine geteilten identitätsstiftenden Charakteristiken.(Abb. 1) Im Rahmen der Studie wurde zudem eine Segmentierung der Bevölkerung entlang der Einstellung im Themenbereich Migration und Multilateralismus vorgenommen. Das Segmentierungsmodell basiert auf vorangegangener Forschung(Faus/Storks 2019) und wurde bereits in mehreren Studien erfolgreich repliziert(siehe z. B. Hartl/Faus 2020; Faus/Ickstadt 2020; Faus et al. 2021). Die Segmentierung hat sich dabei als effektives Instrument erwiesen, um die Bevölkerung im Hinblick auf gesellschaftliche Fragmentierung in verschiedene Gruppen zu unterteilen. 1 Segmentierung wurden vier Items genutzt, die zur Bildung einer Skala in Form eines Mittelwertindex verwendet wurden. Auf einer Elf-Punkt-Skala wurde dabei die Zustimmung zu den folgenden Aussagen abgefragt: (1)„Deutschland und die anderen EU-Länder sollten wieder mehr Entscheidungen alleine treffen dürfen.“ (2)„Die Mitgliedschaft in der EU bringt Deutschland mehr Vorteile als Nachteile.“(umgepolt) (3)„Statt auf das große Ganze zu schauen, wird sich in Deutschland zu viel um Minderheiten gekümmert.“ (4)„Durch die vielen Ausländer fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.“ Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 9 Abb. 1 Hamburgische Identität Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz mit einem Wort: Im Vergleich zum Rest von Deutschland sind wir in Hamburg viel … Basis: alle Wahlberechtigten. Nur online abgefragt. Datengrundlage: März 2024. Neben einer eher weltoffen-pluralistischen Gruppe, die Zuwanderung weitgehend befürwortet, und einer eher national-traditionellen Gruppe, die Zuwanderung weitgehend ablehnt, gibt es eine breite Mitte, welche die verschiedenen Facetten von Zuwanderung differenziert bewertet und sich weniger deutlich positioniert. Zu dieser„beweglichen Mitte“ gehören in Hamburg 42 Prozent der Bevölkerung, auf die Gruppe mit einer gefestigt weltoffenen Orientierung entfallen 40 Prozent, national Orientierte stellen in Hamburg mit 18 Prozent den deutlich geringsten Anteil der Wahlberechtigten. Im Vergleich zu bundesweiten, aber auch Erhebungen in Sachsen oder Brandenburg(Faus/Bernhard 2023; Faus et al. 2024) zeigt sich in Hamburg damit eine überdurchschnittlich weltoffene Bevölkerung. Eine ähnliche Verteilung mit deutlichem Überhang weltoffen orientierter Bürger*innen findet sich ansonsten nur in Berlin(Faus et al. 2021). 2 Faus/Bernhard 2023 für Vergleichswerte zu Sachsen für 2023:„weltoffen Orientierte“(19 Prozent), „bewegliche Mitte“(41 Prozent),„national Orientierte“(40 Prozent); siehe Faus et al. 2024 für Vergleichswerte zu Brandenburg für 2023:„weltoffen Orientierte“(19 Prozent),„bewegliche Mitte“(41 Prozent),„national Orientierte“(40 Prozent). 10 Friedrich-Ebert-Stiftung Die Segmente unterscheiden sich in ihrer demografischen Zusammensetzung: Während das weltoffene Segment eher weiblich, jünger, formal hochgebildet und nach eigener Einschätzung häufiger in einer finanziell guten Lage ist, sind Hamburger*innen mit nationaler Orientierung eher männlich, mittelalt, mit niedriger formaler Bildung und geben seltener an, finanziell gut zurechtzukommen. Die bewegliche Mitte entspricht in jeglicher Hinsicht dem Hamburger Durchschnitt.(Abb. 2) Ansonsten ist auffällig, wie unterschiedlich die Segmente ihre politische Selbstwirksamkeit einschätzen. Der Aussage„Menschen wie ich haben keinen Einfluss darauf, was die Politik macht“ stimmen 70 Prozent der national Orientierten und 52 Prozent der beweglichen Mitte zu. Lediglich unter den weltoffen Orientierten fällt die Zustimmung mit 26 Prozent gering aus, und eine Mehrheit von 60 Prozent lehnt die Aussage ab, geht folglich eher davon aus, Einfluss auf die Politik zu haben. Rechnerisch war somit jede*r zehnte Hamburger*in an diesem Tag auf der Straße. Dass die Weltoffenheit in der Stadt auch gelebt und verteidigt wird, zeigen unter anderem die Demonstrationen gegen Rechtsextremismus, die seit Januar 2024 auch in Hamburg breiten Zuspruch finden. Bei einer Großdemo am 19. Januar 2024 wurde die Teilnehmer*innenzahl offiziell auf 180.000 Personen geschätzt(NDR 2024). Rechnerisch war somit jede*r zehnte Hamburger*in an diesem Tag auf der Straße. Insgesamt unterstützen 80 Prozent der Hamburger*innen die bundesweite Demonstrationsbewegung gegen Rechtsextremismus – und das über alle Alters- und Bildungsgruppen hinweg, zugezogene genauso wie alteingesessene Hamburger*innen.(Abb. 3) Lediglich zwischen den Segmenten zeigen sich einige Unterschiede. So bewerten die weltoffen Orientierten die Proteste gegen Rechtsextremismus zu 95 Prozent positiv, in der Mitte zu 80 Prozent und nur die national Orientierten zeigen sich mit 48 Prozent Zustimmung und 43 Prozent Ablehnung der Aussage eher ambivalent. Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 11 Abb. 2 Segmentierung weltoffen Orientierte 40 bewegliche Mitte 42 national Orientierte 18 2 6 8 11 15 15 16 11 8 5 3 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Basis: alle Wahlberechtigten. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. Abb. 3 Bewertung der Demonstrationsbewegung gegen Rechtsextremismus Die seit Anfang 2024 zu sehende Demonstrationsbewegung gegen Rechtsextremismus in vielen deutschen Städten finde ich gut. Alle 16 7 9 21 59 80 Alter 16-39 13 2 11 21 61 82 40-59 18 9 9 23 56 79 60+ 17 10 7 19 61 80 Bildung niedrig 20 9 11 23 54 77 mittel 18 9 9 21 56 77 hoch 13 5 8 21 63 84 Segmentierung weltoffen Orientierte 3 11 84 95 bewegliche Mitte 16 6 10 28 52 80 national Orientierte 43 21 22 25 23 48 Basis: alle Wahlberechtigten. Fehlende Werte: weiß nicht/ keine Angabe. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. Stimme überhaupt nicht zu Stimme eher nicht zu Stimme eher zu Stimme voll und ganz zu 12 Friedrich-Ebert-Stiftung 3. Stimmung in der Hansestadt Es zeigt sich eine Kontinuität in der Selbstdefinition Hamburgs als weltoffene, tolerante Stadt, in der es vielen Menschen wichtig ist, ein Zeichen gegen Rechts und für Demokratie zu setzen. Wie aber steht es um andere, bundesweite Phänomene in Hamburg wie zunehmende Politikverdrossenheit, ein zunehmend pessimistischer Blick in die Zukunft und schwindendes Vertrauen in die Politik(Hagemeyer et al. 2024)? Sind die Hamburger*innen krisenresilienter als der Rest Deutschlands? Und wie blicken sie aktuell auf ihre Stadt? In der Studie von 2019 zeigte sich ein sehr positives Bild mit Blick auf die wahrgenommene Lebensqualität in der Hansestadt: Hier könne man gut alt werden, Kinder großziehen und auch Freizeitangebote sowie berufliche Perspektiven stimmten(Faus/Schulz 2019). Auch 2024 setzt sich diese positive Wahrnehmung fort. 78 Prozent finden, dass man in Hamburg gut alt werden kann(2019: 76 Prozent), und 66 Prozent sind der Auffassung, dass man in Hamburg gut eine Familie gründen und Kinder großziehen kann(2019: 68 Prozent). Unter Hamburger*innen mit Kindern unter 18 Jahren im Haushalt fällt die Zustimmung zu dieser Aussage mit 78 Prozent noch größer aus. Auch der gesellschaftliche Zusammenhalt unter den Menschen in der Stadt wird von fast zwei Dritteln der Hamburger*innen positiv bewertet(64 Prozent). Ein Grund für die Kontinuität dieser Wahrnehmungen im Fünfjahresvergleich ist sicherlich der Aspekt, dass ein Großteil der Hamburger*innen(64 Prozent) das Gefühl hat, dass Hamburg besser als andere Städte durch die Krisen der vergangenen Jahre gekommen ist.(Abb. 4) Rund jede*r zweite Hamburger*in (48 Prozent) macht sich weiterhin Sorgen, sich das Leben in Hamburg zukünftig nicht mehr leisten zu können. Das Gefühl, das Leben in Hamburg werde immer hektischer, bleibt jedoch auch 2024 bestehen und liegt im Vergleich zu 2019 auf konstant hohem Niveau. Zwei Drittel(66 Prozent) der Hamburger*innen stimmen dieser Einschätzung zu(2019: 68 Prozent). Es zeigt sich außerdem, dass eine Sorge, die bereits 2019 bestand, nicht abgebaut werden konnte – trotz Krisen und Inflation aber auch nicht gestiegen ist: Rund jede*r zweite Hamburger*in(48 Prozent) macht sich weiterhin Sorgen, sich das Leben in Hamburg zukünftig nicht mehr leisten zu können(2019: 51 Prozent Zustimmung). Häufiger von dieser Sorge betroffen sind nach wie vor dieselben Gruppen: Mieter*innen, Jüngere und Menschen, die subjektiv in einer schlechten finanziellen Lage sind. Insgesamt geben 46 Prozent der Hamburger*innen an, eher mit Sorgen in die eigene Zukunft zu blicken, bei 53 Prozent überwiegt eher Zuversicht. Am stärksten korreliert der Blick in die eigene Zukunft dabei mit der subjektiven finanziellen Lage. Der Blick in die Zukunft der Stadt ist für mehr Hamburger*innen eher positiv als negativ. (Abb. 5) 48 Prozent der Hamburger*innen finden, dass sich die Dinge in ihrer Stadt ganz allgemein eher in die richtige Richtung entwickeln, 40 Prozent sehen eher eine Entwicklung in die falsche Richtung, zwölf Prozent trauen sich keine Einschätzung zu. Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 13 Abb. 4 Stimmung in Hamburg Bitte sagen Sie mir für jede dieser Aussagen, ob Sie voll und ganz zustimmen, eher zustimmen, eher nicht zustimmen oder überhaupt nicht zustimmen. Im Hamburg kann man gut alt werden. 20 4 16 44 34 78 In Hamburg kann man gut eine Familie gründen und Kinder großziehen. 26 5 21 43 23 66 Das Leben in Hamburg wird immer hektischer. 32 5 27 39 27 66 Hamburg ist besser als andere Städte durch die Krisen der letzten Jahre gekommen. 25 6 19 47 17 64 In Hamburg halten die Menschen zusammen. 31 6 25 47 17 64 Ich habe Angst, mir das Leben in Hamburg in Zukunft nicht mehr leisten zu können. 50 17 33 30 18 48 Basis: alle Wahlberechtigten. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. Stimme überhaupt nicht zu Stimme eher nicht zu Stimme eher zu Stimme voll und ganz zu Abb. 5 Entwicklung Hamburgs Würden Sie sagen, dass sich die Dinge in Hamburg ganz allgemein eher in die richtige Richtung oder eher in die falsche Richtung entwickeln? Frauen 47 Männer 49 Frauen 39 Männer 41 Alter 16-39 51 40-59 43 48 60+ 50 Alter 40 16-39 38 40-59 47 60+ 35 Subjektive schlecht 24 finanzielle Lage mittel 36 gut 54 12 in die richtige Richtung in die falsche Richtung weiß nicht/ keine Angabe Subjektive finanzielle Lage schlecht 65 mittel 55 gut 33 Basis: alle Wahlberechtigten. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. 14 Friedrich-Ebert-Stiftung Des Weiteren wird die positive Erwartung der zukünftigen Entwicklung der Stadt auch der Hamburger Politik zugeschrieben. Im Vergleich zu 2019 ist die Stimmung damit etwas getrübter, damals gaben noch 57 Prozent der Hamburger*innen an, dass sich Hamburg in die richtige Richtung bewege. Vergleicht man die aktuelle Stimmung in Hamburg allerdings mit der in anderen Bundesländern, zeigt sich, dass Hamburg hier weiterhin positiv hervorsticht. 3 Ein großer Anteil derjenigen, die eine Entwicklung in die richtige Richtung sehen, begründet dies bei offen gestellter Nachfrage mit der Wahrnehmung von Hamburg als einer fortschrittlichen Stadt, in der vieles(zeitnah) umgesetzt wird. Zum Teil wird hier der Bereich Infrastruktur als Positivbeispiel herangezogen. Eine aktive Zivilgesellschaft und ein Zusammenhalt, der unter anderem bei Demonstrationen deutlich wurde, tragen ebenfalls dazu bei, dass viele davon ausgehen, Hamburg befinde sich auf dem richtigen Weg. Des Weiteren wird die positive Erwartung der zukünftigen Entwicklung der Stadt auch der Hamburger Politik zugeschrieben. Sowohl der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher als auch der rot-grüne Senat werden positiv hervorgehoben. Beiden wird eine solide Regierungsarbeit atttesiert. Eine Entwicklung in die falsche Richtung, wie sie 40 Prozent der Hamburger*innen eher sehen, wird vor allem mit einer allgemeinen themenunspezifischen Unzufriedenheit mit Politik an sich begründet. Insgesamt wird hier eine klare Tendenz zur Politikverdrossenheit erkennbar. Es finden sich selten Bezüge zu landespolitischen Themen. Vielmehr wird auf„die Politik“, konkret gegen„die Grünen“ oder auch sehr unspezifisch gegen„die da Oben“ geschimpft. Auch in Hamburg finden diese bundespolitischen Themen also bei einem Teil der Einwohner*innen Widerklang. An konkreten Themen, die zu dieser Unzufriedenheit führen, findet sich, wie bereits 2019, die Kehrseite zur positiv wahrgenommenen wachsenden Stadt: die Bebauung von Grün- und Naturflächen. Der dritte Aspekt, der für einige die Entwicklung in die falsche Richtung aufzeigt, ist das Themenfeld Migration. Dies wird von einem Teil der unzufriedenen Hamburger*innen mit negativen Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt und die Sicherheit bzw. Kriminalität in der Stadt verbunden. In den offenen Nennungen zur Entwicklung der Stadt zeigt sich somit einerseits Zufriedenheit mit der Landesregierung, andererseits wird auch eine eher allgemeine, teils diffuse Unzufriedenheit mit Politik an sich sichtbar. Welche allgemeine Bilanz ziehen die Bürger*innen also mehrheitlich für die Arbeit des Senats? z. B. Faus et al. 2024 für Vergleichswerte zu Brandenburg:„in die richtige Richtung“(39 Prozent), „in die falsche Richtung“(47 Prozent),„weiß nicht/keine Angabe“(14 Prozent). Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 15 Warum entwickeln sich die Dinge in Hamburg eher in die richtige Richtung? Positive Nennungen Stadtentwicklung – Fortschritt Weil viele Themen angepackt und nach und nach umgesetzt werden. Weil viel an der Infrastruktur gearbeitet wird: Es werden neue U-Bahn-Linien hochgezogen und bestehende erweitert, die hunderttausende Menschen an ihren Arbeitsplatz bringen. Alle Aspekte der Stadt bewegen sich mit hoher Geschwindigkeit. Positive Nennungen Stadtentwicklung – aktive Zivilgesellschaft Die Menschen halten zusammen und gehen gegen Rechts auf die Straße. In Hamburg passiert etwas. Und wenn Menschen das nicht gut finden, protestieren sie. Die Hamburger kümmern sich um ihre Stadt. Positive Nennungen Stadtentwicklung – Politik/Regierung Weil wir als Bürgermeister Peter Tschentscher haben, und ich diesem vertraue. Die Regierung in Hamburg konzentriert sich auf das Wesentliche und Wichtige. Warum entwickeln sich die Dinge in Hamburg eher in die falsche Richtung? Negative Nennungen Stadtentwicklung Viele Entscheidungen sind für den einfachen Bürger einfach nicht mehr nachvollziehbar. Hamburg hat nur begrenzt Fläche, und die wird nach und nach zugebaut. Die verbleibenden Naturflächen werden immer weniger! Die unkontrollierte Zuwanderung in die Stadt hat verheerende Auswirkung auf den Wohnungsmarkt. Wir haben zu hohe Einwanderungszahlen und dadurch zu hohe Kriminalität. Basis: Wahlberechtigte, die angeben, Hamburg entwickle sich eher in die richtige/falsche Richtung.(Offene Nennungen) Datengrundlage: März 2024. 16 Friedrich-Ebert-Stiftung In Zahlen ausgedrückt zeigt sich, dass eine Mehrheit von 52 Prozent der Hamburger*innen eher oder sehr zufrieden mit der Arbeit des Hamburger Senats ist. Rund ein Viertel(26 Prozent) zeigt sich hingegen eher oder völlig unzufrieden. Die Zufriedenheitswerte variieren geringfügig nach Geschlecht und Alter. Bei den Altersgruppen zeigen sich ältere Befragte etwas zufriedener als Jüngere. Auch nach subjektiver Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage variieren die Werte: 38 Prozent der Personen, die ihre wirtschaftliche Lage als schlecht beurteilen, sind mit der Arbeit des Senats unzufrieden, während es bei denjenigen, die ihre Lage als gut bezeichnen, 58 Prozent sind, die sich zufrieden zeigen. Auch die Einstellungen zum Thema Migration haben Einfluss auf die Wahrnehmung der Regierungsarbeit, wie die Auswertung nach Segmenten zeigt. 68 Prozent der weltoffen Orientierten, 47 Prozent der beweglichen Mitte, aber nur 30 Prozent der national Orientierten zeigen sich zufrieden mit der Arbeit des Senats.(Abb.10) Grundsätzlich trauen die Hamburger*innen ihrer Politik zu, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen – auf Bundesebene ist dies seltener der Fall. Grundsätzlich trauen die Hamburger*innen ihrer Politik zu, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen – auf Bundesebene ist dies seltener der Fall. Mit Blick auf Hamburg stimmen 57 Prozent der Aussage, die Politik sei in der Lage, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, zu, mit Blick auf die Politik in Deutschland tun dies nur noch 50 Prozent.(Abb.11) Doch selbst der etwas pessimistischere Blick auf Bundespolitik kann im Vergleich mit anderen Bundesländern als positiv gedeutet werden. In Bayern ist es beispielsweise gerade einmal jede*r Dritte, der*die hier noch zustimmt(Schulz/Ickstadt 2023). Aber auch bundesweit zeigt sich im Verlauf eine Abnahme der wahrgenommenen Problemlösungskompetenz der deutschen Politik(Hagemeyer et al. 2024), die sich so in Hamburg nicht feststellen lässt. Die Hamburger*innen weisen demnach ein überdurchschnittlich intaktes Vertrauen in die Zukunfts- und Problemlösungsfähigkeit der Politik auf – insbesondere mit Blick auf die eigene Landesregierung. Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 17 Abb. 10 Zufriedenheit mit der Arbeit des Hamburger Senats Auf einer Skala von 0 für völlig unzufrieden bis 10 für völlig zufrieden, wie zufrieden sind Sie ganz allgemein mit der Arbeit des Hamburger Senats? Alle Geschlecht Alter Subjektive finanzielle Lage Segmentierung Frauen Männer 16-39 40-59 60+ schlecht mittel gut weltoffen Orientierte bewegliche Mitte national Orientierte 26 9 17 44 8 52 22 6 16 44 9 53 30 11 19 44 7 51 27 10 17 41 28 9 19 44 22 7 15 49 9 50 7 51 9 58 38 21 17 28 5 33 31 15 16 40 4 44 23 5 18 48 10 58 15 3 12 58 10 68 24 8 16 41 6 47 51 22 29 20 10 30 Basis: alle Wahlberechtigten. Fehlende Werte: neutral(5)/weiß nicht/keine Angabe. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. völlig unzufrieden(0–1) eher unzufrieden(2–4) eher zufrieden(6–8) sehr zufrieden(9–10) Abb. 11 Glaube an politische Lösungskompetenz Bitte sagen Sie mir jeweils, inwiefern Sie den folgenden Aussagen zustimmen. Die Politik in Hamburg ist in der Lage, die 22 Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. 7 15 44 13 57 Die Politik in Deutschland ist in der Lage, die 31 10 21 41 9 50 Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Basis: alle Wahlberechtigten. Fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. stimme überhaupt nicht zu stimme eher nicht zu stimme eher zu stimme voll und ganz zu 18 Friedrich-Ebert-Stiftung 4. Die wichtigsten Zukunftsthemen in Hamburg Für jüngere Hamburger*innen zwischen 16 und 39 Jahren stehen ebenfalls soziale Themen mit 30 Prozent aller Nennungen auf dem ersten Rang. In einer Zeit, in der auf Bundesebene immer wieder die Einhaltung der Schuldenbremse diskutiert wird, sehen die Hamburger*innen Investitionen mehrheitlich als notwendig an, um gut für die Zukunft aufgestellt zu sein. Drei Viertel der Hamburger*innen wünschen sich von ihrer Stadt einen Investitions- statt Sparkurs, um die richtigen Weichen zu stellen. Investitionen werden dabei in ähnlichem Ausmaß von jüngeren wie älteren Hamburger*innen sowie geschlechtsunabhängig bevorzugt.(Abb. 12) In welchen Bereichen wird am ehesten Handlungsbedarf und somit zum Teil auch Investitionsbedarf gesehen? Welche Herausforderungen sind es, die die Politik – aus Perspektive der Bürger*innen – jetzt angehen muss, um die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen? (Abb. 13) Auf Rang 1 der Bereiche, in dem sich die Stadt in den nächsten zehn Jahren stärker engagieren sollte, landet das Themencluster Mobilität. 31 Prozent der Hamburger*innen sehen hier Handlungsbedarf. Mit 27 Prozent aller Nennungen folgt der Themenbereich Soziales an zweiter Stelle. Hier nennen die Befragten neben einem allgemeinen Wunsch, soziale Gerechtigkeit zu verbessern und die Schere zwischen Arm und Reich zu verkleinern, auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Der dritthäufigst benannte Aspekt ist die Bekämpfung des Klimawandels (21 Prozent), gefolgt vom Themenbereich Bildung/Schulen mit 20 Prozent. Bezahlbares Wohnen und Wirtschaft landen bei 17 bzw. 15 Prozent im Ranking der wichtigsten Zukunftsthemen. Etwas seltener werden mit zwölf bzw. elf Prozent die Bereiche Migration und Sicherheit genannt. Beim Blick auf die Zukunftsthemen zeigen sich Geschlechterunterschiede: Unter Hamburgerinnen landet das Thema soziale Gerechtigkeit mit 32 Prozent auf dem ersten Rang, und auch dem Thema Bildung/Schulen wird mit 23 Prozent mehr Relevanz zugeschrieben. Männer nennen hingegen häufiger als Frauen die Themen Mobilität(37 Prozent), Wirtschaft(20 Prozent) und Migration(14 Prozent) als relevante Zukunftsthemen. Für jüngere Hamburger*innen zwischen 16 und 39 Jahren stehen ebenfalls soziale Themen mit 30 Prozent aller Nennungen auf dem ersten Rang. Der Altersgruppe ist zudem das Thema Klimawandel/Klimaschutz deutlich wichtiger(26 Prozent) als älteren Mitbürger*innen. Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 19 Abb. 12 Sparen vs. Investieren Wie sehen Sie das: Um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein, sollte Hamburg eher …? Frauen 73 Männer 77 Alter 16–39 77 75 40–59 73 60+ 75 18 Alter Frauen 19 Mäner 17 16–39 18 40–59 20 60+ 18 … mehr Geld ausgeben und investieren … weniger Geld ausgeben und sparen Basis: alle Wahlberechtigten. Abweichungen rundungsbedingt. Fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. Abb. 13 Wichtigste Themenbereiche der nächsten zehn Jahre Wenn Sie mal an die nächsten zehn Jahre in Hamburg denken, was ist für Sie der wichtigste Bereich, in dem sich die Stadt stärker engagieren sollte? Und was ist der zweitwichtigste Bereich? Mobilität: Verkehr, ÖPNV, Baustellen,(Verkehrs-)Infrastruktur 31 Soziales: Gerechtigkeit, Familienpolitik, Renten 27 Klimawandel: Klimaschutz, Energiewende 21 Bildung: Schulen, Hochschulen 20 Wohnen: Mietpreise und Wohnungsbau 17 Wirtschaft: Wirtschaftsförderung, Wirtschaftswachstum, Hafen 15 Migration: Flucht, Flüchtlinge, Ausländer*innen, Asyl 12 Sicherheit: Kriminalität, Terror 11 Gesundheitsversorgung: Krankenhäuser, Pflege 6 Arbeitsmarkt: Jobs, Löhne, Ausbildungsplätze, Arbeitsbedingungen 5 Basis: alle Wahlberechtigten. Top 10 Themen(erste und zweite Nennung). Fehlende Werte:<=4%/sehe kein Problem/weiß nicht/keine Angabe. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. 20 Friedrich-Ebert-Stiftung Unter Autofahrer*innen wünscht sich sogar jede*r Dritte am dringendsten Verbesserungen im ÖPNV. Mobilität Was genau wünschen sich die Hamburger*innen im Bereich Mobilität? Für einen Großteil der Hamburger*innen ist der öffentliche Nahverkehr das Verkehrsmittel der Wahl, wenn es um den Arbeitsweg geht. 41 Prozent geben an, mit dem ÖPNV den Weg zur Arbeit, Schule oder Universität zu bestreiten, 33 Prozent nutzen überwiegend das Auto, 15 Prozent das Fahrrad. Hamburger*innen unter 40 Jahren nutzen den ÖPNV dabei deutlich häufiger(51 Prozent). Mit Blick auf diese Nutzungsmuster verwundert es kaum, dass 92 Prozent der Hamburger*innen einen weiteren Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs befürworten, darunter nicht nur diejenigen, die ihn bereits als Hauptverkehrsmittel nutzen(96 Prozent), sondern auch diejenigen, die(bislang) vorwiegend auf das Auto(90 Prozent) oder das Fahrrad(92 Prozent) setzen. (Abb. 14) Der Ausbau des ÖPNV geschieht nicht geräusch- und spurlos. In der Studie 2019 zeigte sich, dass die Baustellen auf Hamburgs Straßen vielen ein Ärgernis waren und als nicht gut koordiniert galten. Auch wenn an diese Ärgernisse in der Fragestellung erinnert wird, spricht sich ein Großteil der Hamburger*innen(48 Prozent) dafür aus, dass bei der zukünftigen Verkehrsplanung der öffentliche Nahverkehr Priorität haben sollte, auch wenn dies zunächst mehr Baustellen bedeutet. Ein knappes Drittel(32 Prozent) wünscht sich einen Fokus auf den fließenden Autoverkehr und bessere Baustellenkoordination, während 17 Prozent vordergründig Priorität für Fahrradfahrer*innen wünschen.(Abb. 15) Bei der Frage nach der Priorität in der Verkehrsplanung zeigt sich eine starke Fokussierung auf das eigene Hauptverkehrsmittel. ÖPNV-Nutzer*innen wollen hauptsächlich den öffentlichen Nahverkehr verbessert sehen, Autofahrer*innen vor allem den fließenden Autoverkehr, und Fahrradfahrer*innen wünschen sich mehrheitlich, dass mehr für sie getan wird. Allerdings hat die Verbesserung des Nahverkehrs auch unter Auto- und Fahrradfahrer*innen eine hohe Priorität. Unter Autofahrer*innen wünscht sich sogar jede*r Dritte am dringendsten Verbesserungen im ÖPNV. Möglicherweise ist das Ausdruck einer Wechselbereitschaft – wenn das Angebot stimmt. Zusammenfassend zeigt sich, dass beim Zukunftsthema Mobilität der Ausbau des ÖPNV für die Hamburger*innen wichtiger gemeinsamer Nenner und ein zentraler Bestandteil für hohe Lebensqualität und zukunftsfähige städtische Mobilität ist. Familienpolitik 66 Prozent geben an, dass man in Hamburg gut Familie gründen und Kinder aufziehen könne – unter Eltern sogar 78 Prozent. Allerdings gibt es einen Aspekt, mit dem im Vergleich zu 2019 weiterhin Unzufriedenheit herrscht und der dieses Gefühl trüben kann: Lediglich jede*r Vierte stimmt zu, dass es in Hamburg genügend Kitaplätze gibt. Unter Eltern sind es jedoch mehr: 40 Prozent von ihnen stimmen dieser Aussage zu. Dass es um die Kinderbetreuung nicht gut steht, ist für viele Befragte – auch wenn sie nicht unmittelbar damit konfrontiert sind – inzwischen ein allgemeingültiger Fakt. Studien, wie der Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme (Bock-Famulla et al. 2023), zeigen immer wieder, dass es an Kitaplätzen und an ausgebildetem Fachpersonal fehlt. Dass unter denjenigen, die unmittelbar betroffen sind, ein etwas besseres Stimmungsbild herrscht, ist zunächst ein gutes Zeichen. Letztlich ist aber auch unter den Eltern eine Mehrheit von 54 Prozent der Meinung, dass es nicht genügend Kitaplätze gibt. Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 21 Abb. 14 Bewertung ÖPNV-Ausbau Es ist gut, den öffentlichen Nahverkehr in Hamburg stark auszubauen. Alle Hauptverkehrsmittel 7 5 34 58 92 ÖPNV 4 3 31 65 96 Fahrrad 7 6 30 62 92 Auto 8 6 44 46 90 Basis: alle Wahlberechtigten. Fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. stimme überhaupt nicht zu stimme eher nicht zu stimme eher zu stimme voll und ganz zu Abb. 15 Prioritäten im Bereich Mobilität Wenn Sie an das Thema Mobilität in Hamburg denken. Wenn Sie sich für einen Bereich entscheiden müssten, sollte die Stadt … Den öffentlichen Nahverkehr verbessern, auch wenn 48 das erst mal mehr Baustellen bedeutet. Mehr für einen fließenden Autoverkehr machen und 32 Baustellen besser koordinieren. Mehr für Fahrradfahrer*innen machen, auch wenn das auf 17 Kosten von Parkplätzen oder Autospuren geht. Basis: alle Wahlberechtigten. Fehlende Werte: kein Bereich davon. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent 22 Friedrich-Ebert-Stiftung Hier besteht also weiterhin Nachholbedarf, damit die Akzeptanz für weiteres Wachstum der Stadt geschaffen wird und Familien sich nicht von Hamburg abwenden, wie bereits während der Pandemiejahre stärker geschehen. 4 (Abb. 16) Gerade in Zeiten von Polykrisen verwundert es nicht, dass in der Wahrnehmung Umwelt- und Klimaschutz bei einigen in den Hintergrund treten. Klimaschutz Der Klimawandel ist für die Hamburger*innen das drittwichtigste Thema, um das sich die Stadt in den nächsten zehn Jahren kümmern soll. Das Thema nimmt in der Priorität der Hamburger*innen gegenüber 2019 sogar etwas an Relevanz zu. Der Trend ist damit deutlich gegenläufig zu dem, was bundesweit, aber auch in einzelnen Bundesländern beobachtet wird, wo Umwelt- und Klimaschutz eine deutlich unwichtigere Rolle spielen(Faus/Bernhard 2023; Hagemeyer et al. 2024). Gerade in Zeiten von Polykrisen verwundert es nicht, dass in der Wahrnehmung Umwelt- und Klimaschutz bei einigen in den Hintergrund treten(Faus/Bernhard 2023; Hagemeyer et al. 2024). Unternimmt Hamburg aber aus Sicht seiner Bürger*innen bisher genug, um das Klima zu schützen? Hier zeigt sich ein gespaltenes Bild. 50 Prozent stimmen zu, dass Hamburg genug unternimmt, 42 Prozent vertreten die gegenteilige Position.(Abb. 17) Etwas zufriedener mit dem Status quo beim Thema Klimaschutz sind Männer(54 Prozent Zustimmung) sowie Autofahrer*innen(63 Prozent Zustimmung). Hamburger*innen, die überwiegend mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs sind, lehnen die Aussage hingegen mehrheitlich ab(57 Prozent) und wünschen sich dementsprechend tendenziell mehr Aktivität Hamburgs, um das Klima zu schützen. Mit Blick auf die eingangs vorgestellten Segmente zeigt sich, dass es vorwiegend die weltoffen Orientierten sind, die der Aussage mehrheitlich nicht zustimmen (54 Prozent), während die bewegliche Mitte und auch die national Orientierten mehrheitlich zustimmen, dass genug getan werde. Das verdeutlicht, dass es auch eher ungeduldige Hamburger*innen gibt, die sich noch mehr Aufmerksamkeit für den Klimaschutz wünschen. Schulen/Bildung Auf Rang vier der wichtigsten Themen nennen die Hamburger*innen das Thema Bildung bzw. Schulen und Hochschulen. Bereits 2019 war die Zufriedenheit mit Hamburgs Schulen im Ländervergleich eher hoch. Damals stimmten 60 Prozent zu, dass Hamburg gute Schulen hat. Fünf Jahre später hat sich daran wenig geändert. 61 Prozent der Hamburger*innen stimmen aktuell zu, dass Hamburg gute Schulen hat. Unter Eltern mit Kindern unter 18 Jahren im Haushalt sind es sogar 64 Prozent – und damit neun Prozentpunkte mehr als noch 2019. Dass es gut um Hamburgs Schulen bestellt ist, zeigte zuletzt auch eine PISA-Nachfolgestudie, in der sich Hamburg im Bundesvergleich deutlich verbessert hatte(Hamburg 2022). Dies kommt anscheinend auch in der Wahrnehmung der Hamburger*innen und insbesondere der Eltern an. (Abb. 18) 4  Wanderungsstatistiken zeigen, dass während der Coronapandemie insbesondere Familien aus Hamburg weggezogen sind, da sie mehr Platz für ihre Kinder brauchten(Bauer et al. 2023). Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 23 Abb. 16 Bewertung Kitaplätze In Hamburg gibt es genug Kitaplätze. 51 16 35 22 5 27 Abb. 17 Bewertung Klimaschutz Hamburg unternimmt genug, um das Klima zu schützen. 42 8 34 37 13 50 Abb. 18 Bewertung Schulen Hamburg hat gute Schulen. 29 6 23 45 16 61 Basis: alle Wahlberechtigten. Fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. stimme überhaupt nicht zu stimme eher nicht zu stimme eher zu stimme voll und ganz zu 24 Friedrich-Ebert-Stiftung Wohnen Der Themenbereich Wohnen ist für 17 Prozent der Hamburger*innen das wichtigste oder zweitwichtigste Thema für die nächsten zehn Jahre. 2019 landete der Themenbereich noch auf dem ersten Rang der wichtigsten Zukunftsthemen. Aktuell scheint er zumindest teilweise von anderen Bereichen überlagert. Aufgrund der Wachstumsprognosen für die Stadt ist jedoch klar, dass der Bereich relevant und entscheidend für Lebensqualität in der Stadt bleiben wird. Positive Entwicklungen sind hier maßgeblich, um der weiterhin verbreiteten Sorge entgegenzuwirken, man könne sich das Leben in der wachsenden Stadt in Zukunft nicht mehr leisten. Neue Wohnungen zu bauen ist dabei ein wichtiges Element und erfährt breite Unterstützung in der Bevölkerung. 86 Prozent stimmen der Aussage zu, dass es gut sei, dass die Stadt auch in Krisenzeiten den Neubau von Wohnungen weiter fördert. Diese Perspektive wird sowohl von kürzlich Zugezogenen als auch unter denjenigen geteilt, die seit zehn Jahren und länger in der Stadt leben.(Abb. 19) Wirtschaft/Jobs/Transformation Jedes vierte Unternehmen befinde sich aktuell in einer schlechten wirtschaftlichen Lage. Das Thema Wirtschaft hat in den vergangenen fünf Jahren deutlich an Priorität unter den Hamburger*innen hinzugewonnen. 2019 war es nur für sechs Prozent unter den wichtigsten Themen für die nächsten zehn Jahre. Inzwischen ist es bei 15 Prozent auf die Agenda gerückt. Vor dem Hintergrund der Diagnose des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts(HWWI), dass sich die deutsche Wirtschaft seit vier Jahren im Krisenmodus bewegt, verwundert diese gesteigerte Relevanz kaum. Auch für die Jahre 2024 und 2025 rechnen die Expert*innen nur mit geringem Erholungspotenzial(Berlemann/Hinze 2024). Ähnlich verhalten fallen die Prognosen und Bilanzen mit Blick auf die Hamburger Wirtschaft aus. Die Handelskammer Hamburg bilanziert in ihrem Konjunkturbarometer, für das im Frühjahr 2024 mehr als 500 Hamburger Unternehmen befragt wurden, dass die Lage der Hamburger Wirtschaft angespannt bleibt. Jedes vierte Unternehmen befinde sich aktuell in einer schlechten wirtschaftlichen Lage, bei jedem zweiten Unternehmen sei die Geschäftslage befriedigend bzw. saisonüblich, ebenfalls jedes vierte Unternehmen bewerte die aktuelle Lage als gut(Handelskammer Hamburg 2024). Optimistischer blicken die Bürger*innen zumindest auf den Status quo der Hamburger Wirtschaft. 83 Prozent stimmen zu, dass Hamburg eine starke Wirtschaft hat. Dies sind zwar acht Prozentpunkte weniger Zustimmung als noch 2019, angesichts der massiven Einbrüche und Schlagzeilen rund um gedämpfte Wachstumsprognosen und Geschäftsrisiken aber immernoch ein erstaunlich robuster Wert. Die Perspektive der starken Hamburger Wirtschaft variiert dabei kaum zwischen den verschiedenen Altersgruppen und Geschlechtern. Lediglich Bürger*innen, die mit der eigenen finanziellen Situation hadern, blicken negativer auf Hamburgs Wirtschaft. Unter denjenigen, die ihre finanzielle Lage als schlecht bewerten, stimmen nur 59 Prozent der Aussage zu. Unter denjenigen, die die eigene Situation als gut bewerten, sind es hingegen 87 Prozent.(Abb. 20) Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 25 Abb. 19 Bewertung Neubau von Wohnungen Es ist gut, dass Hamburg trotz aller Krisen weiterhin den Neubau von Wohnungen fördert. 12 3 9 34 52 86 Abb. 20 Bewertung Wirtschaft Hamburg hat eine starke Wirtschaft. 15 2 13 54 29 83 Basis: alle Wahlberechtigten. Fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. stimme überhaupt nicht zu stimme eher nicht zu stimme eher zu stimme voll und ganz zu 26 Friedrich-Ebert-Stiftung Ein ähnlich positives Bild zeigt sich beim Blick auf Arbeitsplätze in Hamburg. 78 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Hamburg gute Jobs bietet, von denen man auch leben kann. Dies macht nur zwei Prozentpunkte weniger als noch 2019 aus. So kann auch mit Blick auf die Arbeitsplätze in der Stadt aus Bevölkerungsperspektive kaum von einer negativen Entwicklung im Vergleich zur Vorkrisenwahrnehmung gesprochen werden. Auch hier zeigen sich in der Bewertung erneut keine Alters- oder Geschlechtsunterschiede, jedoch erneut unterschiedliche Bewertungen entlang des subjektiven Empfindens der eigenen finanziellen Situation. Bei subjektiv schwieriger finanzieller Lage halten sich Zustimmung (47 Prozent) und Ablehnung(45 Prozent) der Aussage die Waagschale. Wer finanziell gut zurechtkommt, bezieht die eigene Situation tendenziell auch häufiger auf die Gesamtsituation Hamburgs und bestätigt häufiger, dass Hamburg gute Jobs hat, von denen man auch leben kann(87 Prozent Zustimmung).(Abb. 21) Sowohl Frauen als auch Männer, jüngere wie ältere Hamburger*innen sehen mehrheitlich Chancen im klimafreundlichen Umbau des Standorts. Damit die Hamburger Wirtschaft auch weiterhin so erfolgreich sein kann und den Hamburger*innen gute Jobs bietet, wird ein klimafreundlicher Umbau des Industrie- und Wirtschaftsstandorts nötig sein. Die Hamburger*innen sehen in diesem mehrheitlich eher Chancen (62 Prozent) als Risiken(19 Prozent). Diese Perspektive unterscheidet sich kaum nach soziodemografischen Merkmalen: Sowohl Frauen als auch Männer, jüngere wie ältere Hamburger*innen sehen mehrheitlich Chancen im klimafreundlichen Umbau des Standorts. Lediglich Befragte, die ihre eigene finanzielle Situation als eher schlecht einschätzen, sind etwas weniger optimistisch. 30 Prozent von ihnen sehen eher Risiken für Hamburg. Diese Perspektive wird gegebenenfalls durch Sorgen vor einer Verteuerung des eigenen alltäglichen Lebens durch mehr Klimaschutz befördert. Zudem besteht möglicherweise auch die Befürchtung, dass in Konkurrenz zum Thema klimafreundliche Transformation andere Investitionsbereiche vernachlässigt werden.(Abb. 22) Im Vergleich zu anderen Bundesländern fällt jedoch auf, dass die Hamburger*innen der klimafreundlichen Transformation der Wirtschaft deutlich positiver gegenüberstehen. So sehen in Sachsen nur 44 Prozent und in Brandenburg nur 47 Prozent eher Chancen durch einen klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft(Faus/Bernhard 2023; Faus et al. 2024). Migration/Asyl Migration und Zuwanderung haben eine lange Geschichte in der Hafenstadt und ihre Spuren in der hamburgischen Identität hinterlassen(vgl. Kapitel 1). Die Wahrnehmung Hamburgs als multikulturelle, weltoffene Stadt ist fest im Selbstbild vieler Bewohner*innen verankert und trägt bei vielen zum positiven Lebensgefühl bei. Stand 2022 haben rund 39 Prozent aller Hamburger*innen einen Migrationshintergrund(Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein 2023) – ein höherer Anteil als in den Jahren zuvor. In der wachsenden Stadt, deren Bevölkerungszahl bis zum Jahr 2030 auf über 2 Millionen prognostiziert wird(Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein 2024), ist das Wachstum auch auf Zuzüge aus dem Ausland und durch Geflüchtete und Asylsuchende zurückzuführen. Laut einer Statistik der Innenbehörde leben aktuell rund 95.000 geflüchtete Menschen in Hamburg. Im Vergleich zu 2016 habe sich die Zahl fast verdoppelt(Heinemann et al. 2023). Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 27 Abb. 21 Bewertung Jobs Hamburg bietet gute Jobs, von denen man auch leben kann. 16 2 14 50 28 78 Basis: alle Wahlberechtigten. Fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. stimme überhaupt nicht zu stimme eher nicht zu stimme eher zu stimme voll und ganz zu Abb. 22 Klimaneutraler Umbau des Industrie- und Wirtschaftsstandorts Ergeben sich Ihrer Meinung nach durch den klimafreundlichen Umbau des Industrie- und Wirtschaftsstandorts für Hamburg …? Alter Frauen 62 Männer 61 16–39 64 40–59 58 60+ 63 14 62 19 Alter … eher Chancen … ungefähr gleich … eher Risiken Basis: alle Wahlberechtigten. Abweichungen rundungsbedingt. Fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. Frauen 16 Männer 23 16–39 18 40–59 22 60+ 19 28 Friedrich-Ebert-Stiftung In Presse und Politik werden die Stimmen lauter, die davor warnen, dass die bisherige Zuwanderung Hamburg an den Rand des Machbaren bringe – sowohl mit Blick auf die Unterbringung als auch die Integrationsmöglichkeiten(NDR 2023; Heinemann et al. 2023). Auch in der Hamburger Bevölkerung wird diese Sichtweise aktuell mehrheitlich geteilt. Etwa zwei Drittel(62 Prozent) stimmen der Aussage zu, dass Hamburg an der Belastungsgrenze sei, was die Aufnahme von Migrant*innen und Geflüchteten betrifft. Rund ein Drittel(32 Prozent) widerspricht dieser Aussage.(Abb. 23) Die Perspektive, dass eine Belastungsgrenze erreicht sei, wird häufiger von Hamburger*innen über 60 Jahren geteilt(70 Prozent Zustimmung), seltener von unter 40-Jährigen(54 Prozent). Zu diesem Bild passt, dass vor allem Alteingesessene, die seit mehr als 20 Jahren in Hamburg wohnen, häufiger Hamburg an der Kapazitätsgrenze sehen(65 Prozent) als Bürger*innen, die in den vergangenen fünf Jahren in die Stadt gezogen sind(52 Prozent). Die Perspektive einer Belastungsgrenze wird demnach nicht nur von generell migrationsfeindlich eingestellten Bürger*innen geteilt. Die deutlichsten Unterschiede zwischen den Bürger*innen zeigen sich entlang der vorgestellten Segmenteinteilung. Nahezu alle national Orientierten sehen Hamburg an der Belastungsgrenze(95 Prozent Zustimmung) – während 59 Prozent der weltoffen Orientierten die Aussage ablehnen. Die bewegliche Mitte tendiert mit 74 Prozent Zustimmung deutlicher zur Perspektive der national Orientierten. Die Perspektive einer Belastungsgrenze wird demnach nicht nur von generell migrationsfeindlich eingestellten Bürger*innen geteilt, sondern ist auch in der weltoffenen Hansestadt, für die Migration selbstverständlich zum Stadtbild dazugehört, ein verbreitetes Gefühl, dem die Politik begegnen und Handlungsfähigkeit und gute Planung präsentieren muss. Gleichzeitig zeigt sich mit Blick auf die Themenagenda, dass das Thema Migration und Asyl in Hamburg trotz wachsenden Zuzugs und der Themendominanz auf Bundesebene, im Vergleich zu anderen Themen wie Mobilität, Soziales, Bildung und Klimaschutz aktuell eine untergeordnete Rolle spielt. Sicherheit Das Thema Sicherheit gehört für elf Prozent der Hamburger*innen zu den wichtigsten Herausforderungen der nächsten zehn Jahre und landet damit auf Rang 8, hinter dem Themenbereich Migration/Asyl.(Abb. 24) Insgesamt kann festgestellt werden, dass das Sicherheitsgefühl in Hamburg intakt ist. 82 Prozent stimmen der Aussage zu, sich in Hamburg alles in allem sicher zu fühlen. Dies gilt für Frauen wie Männer(jeweils 82 Prozent Zustimmung) gleichermaßen. Auch mit Blick auf das Alter zeigen sich kaum Unterschiede. Sogar im migrationsskeptischen Segment der national Orientierten, in dem zunehmender Zuzug von Migrant*innen und Asylsuchenden oft mit steigender Kriminalität gleichgesetzt wird, fühlt sich eine Mehrheit von 54 Prozent alles in allem sicher in Hamburg. Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 29 Abb. 23 Bewertung Belastungsgrenze Hamburg ist an der Belastungsgrenze, was die Aufnahme von Migrant*innen& Flüchtlingen betrifft. 32 11 21 28 34 62 Abb. 24 Bewertung Sicherheit Alles in allem fühle ich mich in Hamburg sicher. 18 4 14 44 38 82 Basis: alle Wahlberechtigten. Fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe. Datengrundlage: März 2024. Angaben in Prozent. stimme überhaupt nicht zu stimme eher nicht zu stimme eher zu stimme voll und ganz zu 30 5. Fazit Friedrich-Ebert-Stiftung Hamburg ist aus Sicht seiner Bürger*innen besser als andere Städte durch die Krisen der vergangenen Jahre gekommen. Vier Jahre nach Beginn der Coronapandemie, zwei Jahre nach Beginn eines Krieges in Europa und daraus resultierender Inflation, Energiekrise und wirtschaftlicher Rezession sehen die Hamburger*innen die Lebensqualität in ihrer Stadt weiterhin auf hohem Niveau. Die Hamburger*innen zeichnet eine Krisenresilienz aus, die in anderen Teilen Deutschlands so nicht vorzufinden ist. Auch der Blick in die Zukunft der Stadt ist weiterhin überwiegend positiv. Gestützt wird die„Lust auf Zukunft“ durch die Wahrnehmung, dass Hamburg mit seiner starken Wirtschaft, einer besonnenen, gut arbeitenden Regierung, weltoffenen, toleranten und aktiven Bürger*innen die richtigen Voraussetzungen dafür mitbringt, dass Zukunft hier gelingen kann. Die von ihnen selbst betonte Offenheit der Bürger*innen spiegelt sich nicht nur im allgemeinen Lebensgefühl wider, sondern auch in der Bereitschaft, Chancen durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Transformation zu sehen. Trotz der guten Ausgangslage formulieren die Bürger*innen aber auch klare Aufgaben in Richtung Politik: Um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein, werden kluge Investitionen statt ein rigider Sparkurs erwartet. Um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein, werden kluge Investitionen statt ein rigider Sparkurs erwartet. Die wichtigsten Themen, die es aus Bürger*innenperspektive dabei in den nächsten zehn Jahren anzupacken gilt, sind die Bereiche Mobilität, Soziales, Klimawandel und Bildung. Eine zentrale Aufgabe, die viele Aspekte dabei verbinden kann, wird primär in der Verbesserungen des öffentlichen Nahverkehrs in der Stadt gesehen. Aber auch das Thema Wohnen bleibt in den nächsten Jahren zentral, und die Hamburger*innen sprechen sich dafür aus, den Neubau von Wohnungen weiterhin zu fördern. In allen Bereichen erwarten die Bürger*innen von der Politik Konzepte, die dafür sorgen, dass Hamburg für alle dort lebenden Menschen bezahlbar bleibt und allen weiterhin Platz bietet – sowohl Alteingesessenen als auch neu Zugezogenen. Trotz der bundesweit überdurchschnittlichen Offenheit beim Thema Migration und Asyl ist auch in Hamburg das Gefühl verbreitet, dass es Belastungsgrenzen gibt, an die die wachsende Stadt aktuell stößt. Politik muss auch hier die ihr generell zugetraute Handlungsfähigkeit beweisen und möglichen Konkurrenzängsten in einer wachsenden Stadt entgegenwirken. Es gilt also, die„Lust auf Zukunft“ der Bürger*innen zu stärken und die richtigen Weichen zu stellen, sodass die Metropole Hamburg auch in Zukunft Platz und ein gutes Leben für alle bieten kann. Wie kann Zukunft in Hamburg gelingen? 31 32 Literaturverzeichnis Friedrich-Ebert-Stiftung Bauer, J.; Blickle, P.; Daum, P.; Ehmann, A.; Faigle, P.; Peter, V.; Schach, D.; Stahnke, J.; Tröger, J.; Zehr, B. 2023: Wie Zugezogene Hamburg verändern, https://www.zeit.de/gesellschaft/grossstaedte/hamburg-bevoelkerungsentwicklung-zuwanderung-abwanderung(17.6.2024). 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Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein 2024: Bevölkerungsprognose für die Hamburger Stadtteile: 2030 erstmals über zwei Mio. Hamburgerinnen und Hamburger erwartet, https://www.statistik-nord.de/zahlen-fakten/hamburger-melderegister/dokumentenansicht/bevoelkerungsprognose-fuer-die-hamburger-stadtteile-65464(17.6.2024). 34 Die Autor*innen Friedrich-Ebert-Stiftung Leonie Schulz studierte Medien- und Politikwissenschaft sowie politische Kommunikation in Leipzig, Lyon und Berlin. Sie arbeitet als Senior-Beraterin bei der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research gmbh. Hier ist sie vor allem für quantitative Forschungsprojekte und Analysen verantwortlich und berät Kund*innen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zu gesellschaftlichen und politischen Fragen. Lutz Ickstadt studierte Politikwissenschaft und Öffentliches Recht sowie Empirische Demokratieforschung in Mainz, Gent und Lincoln. Er arbeitet seit 2020 als Berater bei der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research gmbh und ist dort vor allem für quantitative Forschungsprojekte sowie Analysen verantwortlich. Seine thematischen Schwerpunkte liegen im Bereich Wahl- und Medienforschung. Rainer Faus ist Diplom-Sozialwissenschaftler, Autor sowie Gründer und Geschäftsführer der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research gmbh. In den vergangenen zehn Jahren hat er zahlreiche Publikationen zu politischen und gesellschaftlichen Themen veröffentlicht. Mit pollytix berät er auf Basis qualitativer und quantitativer Forschung Kund*innen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft strategisch zu gesellschaftlichen und politischen Fragen. Impressum © Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber Julius-Leber-Forum, Petra Wilke(V. i. S. d. P.) Schauenburgerstr. 49, 20095 Hamburg Tel.: 040/325874-20 hamburg@fes.de Lektorat Sönke Hallmann Gestaltung Designbüro Petra Bähner Druck Friedrich-Ebert-Stiftung Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten und Schlussfolgerungen sind die der Autor*innen und nicht die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert- Stiftung herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung der Friedrich-Ebert-Stiftung nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. ISBN 978-3-98628-505-0 Juni 2024 Julius-Leber-Forum