Rainer Hering/Meik Woyke(Hrsg.) Perspektiven auf Helmut Schmidt BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE | HEFT 23 Rainer Hering / Meik Woyke(Hrsg.) Perspektiven auf Helmut Schmidt Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie Heft 23 Friedrich-Ebert-Stiftung Archiv der sozialen Demokratie IMPRESSUM Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie herausgegeben von Anja Kruke und Stefan Müller Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149 53175 Bonn Kostenloser Bezug beim Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung public.history@fes.de https://www.fes.de/bibliothek/fes-publikationen Der Text dieser Publikation unterliegt der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-ND 4.0. Unter Nennung des Urhebervermerks darf dieser für nicht-kommerzielle Zwecke verwendet und unter gleichen Bedingungen weitergegeben werden. 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Über die schwierige Partnerschaft der SPD zur Volks­ republik Polen 19 Meik Woyke Ungleiche Partner: Die Neue Ostpolitik als Thema des Briefwechsels zwischen Willy Brandt und Helmut Schmidt 55 Rainer Hering Helmut Schmidts christlicher Glaube 67 Volker Berghahn Helmut Schmidt und die Vereinigten Staaten von Amerika 81 Jennifer L. Rodgers Averting Oblivion? Archival Access and the International Tracing Service in the 1970s 99 Zu den Autorinnen und Autoren 117 Perspektiven auf Helmut Schmidt 5 Rainer Hering/Meik Woyke Einleitung Über Helmut Schmidt reden und forschen Forschungsstand und historische Kontextualisierung An Biografien über Helmut Schmidt herrscht kein Mangel. Besonders hervor sticht das zweibändige Werk von Hartmut Soell, dass 2003 und 2008 noch zu Leb­ zeiten des Sozialdemokraten und ehemaligen Bundeskanzlers erschienen ist. 1 Da­ neben gibt es Bücher von Journalisten wie Gunter Hofmann(2015) 2 , die sich – auf Basis von historischen Quellen geschrieben und in Kenntnis ausgewählter Sekun­ därliteratur – vornehmlich an ein breiteres Publikum richten. Auch kompakte Ein­ führungen in die Biografie und das politische Wirken Schmidts 3 zielen auf diese Leserschaft. Daneben existieren Analysen zu bestimmten thematischen Schwerpunkten, etwa zu Helmut Schmidts politischer Sozialisation nach dem Zweiten Weltkrieg im So­ zialistischen Deutschen Studentenbund 4 , seinem philosophischen, soziologischen und religiösen Wertekanon 5 , zu seinem Handeln als Fraktionsvorsitzender der SPD während der ersten Großen Koalition(1966/67–1969) im Deutschen Bun­ destag 6 , zu seinen verteidigungs- und sicherheitspolitischen Grundüberzeugen 7 , Hartmut Soell, Helmut Schmidt 1918–1969. Vernunft und Leidenschaft, München 2003; ders., ­Helmut Schmidt 1969 bis heute. Macht und Verantwortung, München 2008. Gunter Hofmann, Helmut Schmidt. Soldat, Kanzler, Ikone, München 2015. Meik Woyke, Helmut Schmidt. 100 Seiten, Ditzingen 2018. Uwe Rohwedder, Helmut Schmidt und der SDS. Die Anfänge des Sozialistischen Deutschen Stu­ dentenbundes nach dem Zweiten Weltkrieg, Bremen 2007. Henning Albrecht,»Pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken«. Helmut Schmidt und die Phi­ losophie, Bremen 2008; Rainer Hering,»Aber ich brauche die Gebote…«. Helmut Schmidt, die Kir­ chen und die Religion, Bremen 2012; Karl-Josef Kuschel,»Dass wir alle Kinder Abrahams sind…«. Helmut Schmidt begegnet Anwar as-Sadat. Ein Religionsgespräch auf dem Nil, Ostfildern 2018. Andrea H. Schneider, Die Kunst des Kompromisses: Helmut Schmidt und die Große Koalition 19661969, Paderborn 1999. Detlef Bald, Politik der Verantwortung. Das Beispiel Helmut Schmidt. Der Primat des Politischen über das Militärische 1965-1975, Berlin 2008. 6 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 seinem Verhältnis zu und geschicktem Spiel mit den Medien 8 sowie zur Etablie­ rung der Weltwirtschaftsgipfel in den 1970er-Jahren als ökonomische Dialogplatt­ form auf höchster Ebene 9 – um nur einige Beispiele aus der Fülle der Literatur zu nennen. Hier setzt diese Publikation an – auch die beiden Herausgeber des vorliegenden Bandes sind mit Arbeiten über Helmut Schmidt hervorgetreten –, führt aber da­ rüber hinaus, indem sie neue Akzente auf bisher wenig bearbeiteten Politikerfel­ dern in der Schmidt-Forschung setzt. Hervorzuheben sind in diesem Zusammen­ hang die Neue Ostpolitik mit besonderem Augenmerk auf Schmidts Verhältnis zur DDR und zu Polen sowie die Längsschnittanalyse des USA-Bilds von Helmut Schmidt und dessen anhaltende Wirkung auf seine Politik als Bundesminister und fünfter Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Schmidt war anglophon geprägt, bereits 1932 führte ihn ein Schüleraustausch ins britische Manchester 10 , und fraglos ein überzeugter Transatlantiker, was sein dezidiertes Eintreten für den NATO-Doppelbeschluss untermauerte. Frankreich – um eine aussagekräfti­ ges Bonmot Von Hélène Miard-Delacroix zu paraphrasieren 11 – hat er im Grun­ de nicht richtig verstanden, wohl aber habe die Europäische Gemeinschaft und der Rat von seiner politischen Freundschaft mit dem französischen Staatspräsi­ denten Valéry Giscard d’Estaing ungemein profitiert. Die in dieser Publikation versammelten Beiträge gehen auf Vorträge zurück, die in den USA gehalten wur­ den, und sollen diese nun in die deutsche Diskussion einspeisen. Astrid Zipfel, Der Macher und die Medien. Helmut Schmidts politische Öffentlichkeitsarbeit, Tü­ bingen/Stuttgart etc. 2005; Thomas Birkner, Mann des gedruckten Wortes. Helmut Schmidt und die Medien, Bremen 2014. Johannes von Karczewski,»Weltwirtschaft ist unser Schicksal«. Helmut Schmidt und die Schaf­ fung der Weltwirtschaftsgipfel, Bonn 2008. Evening Chronicle, 18.7.1932. 11  H élène Miard-Delacroix, Willy Brandt, Helmut Schmidt und François Mitterrand. Vom Komitee gegen»Berufsverbote« 1976 bis zum Streit um die Mittelstreckenwaffen 1983, in: Horst Möller/ Maurice Vaïsse(Hrsg.), Willy Brandt und Frankreich, München 2005, S. 231–245; vgl. auch M ­ ichael Wirth, Die Deutsch-Französischen Beziehungen während der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt (1974-1982).»Bonne Entente« oder öffentlichkeitswirksame Zweckbeziehung?, Berlin 2007. Perspektiven auf Helmut Schmidt 7 Abstracts der einzelnen Beiträge Angesichts der internationalen Bedeutung Helmut Schmidts wird über ihn auch im Ausland geforscht. Gerade in den USA und Kanada kommt der interdiszipli­ nären Zusammenarbeit eine große Bedeutung zu. Deutlich wird das im Feld der German Studies, das alle zum deutschsprachigen Raum arbeitenden Disziplinen, die in Deutschland akademisch getrennt sind, zusammenfasst: Germanistik, Ge­ schichtswissenschaft, Politikwissenschaft, Soziologie, Archivwissenschaft, histori­ sche Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Kirchengeschichte, ­Medizingeschichte und Wirtschaft. Geographisch liegt der Schwerpunkt auf Deutschland, Österreich und der Schweiz, zeitlich auf dem 20. Jahrhundert. Die wichtigste Organisation im Bereich der German Studies in Nordamerika ist die German Studies Association(GSA). Gegründet 1976 als Western ­Association for German Studies(WAGS), wurde sie 1984 in German Studies Association um­ benannt. Auf zwei Jahrestagungen 2013 in Denver/Colorado und 2016 in San Diego wurden Sektionen zu Helmut Schmidt angeboten, deren Beiträge hier pu­ bliziert werden, um sie in die deutsche Diskussion einzuspeisen. Rainer Hering untersucht die DDR-Reisen Helmut Schmidts zwischen 1983 und 1989. Nur wenig bekannt ist, dass er nach dem Ausscheiden aus dem Amt des Bun­ deskanzlers kontinuierlich zu öffentlichen Vorträgen und Gesprächen im kirchli­ chen Kontext in der DDR gewesen ist. Über den institutionalisierten Katholizis­ mus und Protestantismus liefen viele Kontakte zwischen der Bundesrepublik und der DDR, wurden Informationen über die Lage vor Ort ausgetauscht und politi­ sche Signale gesendet, die auf offiziellen Kanälen nicht hätten kommuniziert wer­ den können. Die kirchliche Ebene bot die Möglichkeit, das Terrain für politische Schritte im Vorwege zu sondieren und Reaktionen einzuholen, ohne dass sich eine Seite offiziell festlegen musste. Außerdem wurde letztlich vielen Menschen in der DDR über den kirchlichen Kontakt geholfen bzw. ihnen die Ausreise in den Wes­ ten ermöglicht. Unbefangener als während seiner Zeit in hohen Staatsämtern konnte Helmut Schmidt nunmehr Gespräche führen und zugleich den Bürgerin­ nen und Bürgern in der DDR durch seine Präsenz zeigen, dass die ­bundesdeutsche Politik sie nicht vergessen habe, sondern sich weiterhin konkret für sie einsetzen werde. Diese Signale wurden von der Bevölkerung gehört. Zugleich bot der kirch­ liche Kontext Gesprächsmöglichkeiten, die nur in diesem Raum möglich waren. 8 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Małgorzata Swider analysiert die außergewöhnlich schwierigen deutsch-polni­ schen Beziehungen, die ja aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der daraus folgenden Grenzverschiebungen resultieren. Die ersten Versuche, die deutsch-pol­ nischen Beziehungen zu normalisieren, sind untrennbar mit der»neuen Ostpo­ litik« verbunden, die von der deutschen Sozialdemokratie geschaffen wurde. Dank der Umorientierung in der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland kam es zur Unterzeichnung der Ostverträge. Das Abkommen vom Dezember 1970 und die symbolische Geste von Willy Brandt in Warschau eröffneten ein neues Kapi­ tel der politischen Beziehungen zwischen beiden Staaten. Die SPD als Partei, die mitregierte und die Ostpolitik schuf, wurde zum geforderten politischen Partner Warschaus. Zu Beginn der 1980er Jahre kam es gleichzeitig mit der Entstehung des Unabhängigen Selbstverwaltungs-Gewerkschaftsbunds Solidarność zu Kom­ plikationen in den Beziehungen der SPD zur Volksrepublik Polen. Neben Part­ nern aus Partei- und Regierungskreisen tauchte der Bedarf an Kontakten und Ge­ sprächen mit der Opposition auf, die sich in der breiten Bewegung Solidarność konzentrierte. Die Furcht, dass die Spannungen eskalieren könnten, dominierten das Verhältnis der Sozialdemokratie zur Volksrepublik Polen, wodurch zwei pa­ rallele Politiken entstanden: eine Politik der ausgebauten Kontakte zur Regierung und eine weniger hervorgehobene Politik der Hilfe für die Solidarność. Nachdem die SPD im Oktober 1982 ihre Macht verloren hatte, wurden weiterhin ausgebau­ te Beziehungen zur Regierungs- und Parteikreisen in Warschau aufrechterhalten. Gleichzeitig wurde die Taktik der Distanz in Bezug auf die Opposition angenom­ men, indem z.B. Treffen mit ihren Funktionären vermieden wurden, wofür die Haltung Willy Brandts im Dezember 1985 ein Beispiel sein kann. Dies bewirkte, dass viele ungünstige Meinungen zum Thema SPD und ihrer Verbindungen zu den kommunistischen Mächten aufkamen. Diese Meinungen haben für lange Zeit das vielschichtige Bild der Beziehungen der SPD zur Regierung und Opposition in Polen verdeckt, wobei es grundlegend auf die Wahrnehmung der Sozialdemo­ kratie durch die Bevölkerung an der Weichsel Einfluss genommen hat. Das Verhältnis von Willy Brandt und Helmut Schmidt gilt als kompliziert und schwierig, weil ihre Sozialisation, ihr Politikverständnis und ihr Führungsstil sich deutlich voneinander unterschieden. Dennoch verband die beiden führenden So­ zialdemokraten neben ihrer Rivalität eine jahrzehntelange Partnerschaft, deren Perspektiven auf Helmut Schmidt 9 Höhen und Tiefen in ihrem Briefwechsel facettenreich zum Ausdruck kommen, wie Meik Woyke herausgearbeitet hat. Die wechselseitige Korrespondenz von Brandt und Schmidt bietet tiefe Einblicke in die persönliche Beziehung der bei­ den Staatsmänner. Waren sie zunächst enge Weggefährten bei ihrem Aufstieg zu sozialdemokratischen Spitzenpolitikern, vertraten sie während der Großen Koa­ lition(1966–1969) und später als Bundeskanzler in der sozial-liberalen Ära nicht selten gegenläufige Positionen. Trotz aller Meinungsverschiedenheiten und Riva­ litäten arbeiteten Brandt und Schmidt jedoch immer wieder vertrauensvoll zu­ sammen. Ihre politischen Differenzen und Kontroversen über die eigene Partei und deren Regierungspolitik, über die Nachrüstungsfrage sowie den Umgang mit der Ökologie- und Friedensbewegung machen den besonderen Reiz der Briefe aus. Einen weiteren sehr persönlichen Aspekt Helmut Schmidts zeigt Rainer Hering auf. Er analysiert dessen Verhältnis zur Religion. Helmut Schmidt wird als pro­ testantischer Christ geschildert, dessen Distanz zum Christentum im Laufe sei­ nes Lebens deutlich zunahm. Zugleich waren ihm Kirchen wichtig als Vermittler von ethischen Werten. Angesichts der Tagungsorte lag die Frage nach Helmut Schmidts Verhältnis zu den Vereinigten Staaten von Amerika nahe. Während seines langen Lebens in der Politik besuchte Schmidt nach eigener Aussage die Vereinigten Staaten mehr als ein hundert Mal. Volker Berghahn untersucht Schmidts Einstellungen von der Zeit des»Dritten Reiches« bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts und arbeitet da­ bei die erheblichen Wandlungen in dessen Amerikabild in einem Zeitraum von mehr als 70 Jahren heraus. Der Beitrag von Jennifer L. Rodgers fällt auf dem ersten Blick aus dem Rahmen, bietet aber doch wertvolle Perspektiven zur inhaltlichen Erweiterung dieser Pu­ blikation. Sie beleuchtet, tief aus den Quellen schöpfend, die Arbeit des Interna­ tionalen Suchdiensts in Bad Arolsen und stellt deren Wert für die historische For­ schung und erinnerungskulturelle Bedeutung heraus. Einen wichtigen Hintergrund der Analyse bildet(neben der fragwürdigen Politik des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz) die Neue Ostpolitik, die – von Willy Brandt und Egon Bahr unter dem Leitbild»Wandel durch Annäherung« initiiert – von Helmut Schmidt 10 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 als Bundeskanzler fortgesetzt wurde, bis der NATO-Doppelbeschluss den Beginn des zweiten Kalten Kriegs 12 markierte. Forschungsperspektiven Am Ende bleibt die Frage nach den Forschungsperspektiven. Weitere b­ iografische Darstellungen über Helmut Schmidt, zumal nach der Arbeit seines langjährigen Lektors Thomas Karlauf über die»späten Jahre« 13 , sind kein Desiderat. Auch Un­ tersuchungen zu Schwerpunkten und Einzelaspekten von Schmidts Leben und politischen Wirken dürften nicht mehr in großer Zahl erscheinen, obwohl man­ che Themengebiete durchaus lohnenswert wären, nicht zuletzt ein Blick auf sei­ ne Erfahrungen und Prägungen unter dem NS-Regime, die bisher wesentlich ge­ stützt auf Ego-Dokumenten von Schmidt betrachtet worden sind. 14 Wesentlich tiefergehende Erkenntnisse verspricht es jedoch, die Politik von Helmut Schmidt in diachrone Analysen der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte zu betrachten und dabei einen besonderen Akzent auf ihre deutsch-deutschen Verflechtungen und internationalen Beziehungen zu setzen. den Begriff vgl. Philipp Gassert/Tim Geiger/Hermann Wentker(Hrsg.), Zweiter Kalter Krieg und Friedensbewegung. Der NATO-Doppelbeschluss in deutsch-deutscher und internationaler Perspektive, München 2011. 13  T homas Karlauf, Helmut Schmidt. Die späten Jahre, München 2016. immer wieder zitierten und nacherzählten Bausteine lieferte Schmidt selbst durch seinen Bei­ trag in: Kindheit und Jugend unter Hitler. Helmut Schmidt, Willi und Willfriede Berkhan, Ruth Loah, Ursula Philipp, Dietrich Strothmann, Hannelore Schmidt, Berlin 1992. Die Verfasserin der einzigen Monografie, die bisher dazu erschienen ist, kann zwar damit punkten, die Wehrmachtsak­ te von Helmut Schmidt ausgewertet zu haben, neigt aber zu polemisch-einseitigen und damit zu wenig ausgewogenen Darstellungen. Vgl. Sabine Pamperrien, Helmut Schmidt und der Scheiß­ krieg. Die Biografie 1918 bis 1945, München/Zürich 2014. Perspektiven auf Helmut Schmidt 11 Rainer Hering Brücken in den Osten. Die DDR-Reisen Helmut Schmidts 1983 bis 1989 1 Nur wenig bekannt ist, dass Helmut Schmidt(1918–2015) nach dem Ausschei­ den aus dem Amt des Bundeskanzlers 1982 noch bis wenige Tage vor dem Fall der Mauer im November 1989 kontinuierlich zu öffentlichen Vorträgen und Ge­ sprächen im kirchlichen Kontext in der DDR gewesen ist. Über den institutiona­ lisierten Katholizismus und Protestantismus liefen viele Kontakte zwischen der Bundesrepublik und der DDR, wurden Informationen über die Lage vor Ort aus­ getauscht und politische Signale gesendet, die auf offiziellen Kanälen nicht hät­ ten kommuniziert werden können. Die kirchliche Ebene bot die Möglichkeit, das Terrain für politische Schritte im Vorwege zu sondieren und Reaktionen einzu­ holen, ohne dass sich eine Seite offiziell festlegen musste. Außerdem wurde letzt­ lich vielen Menschen in der DDR über den kirchlichen Kontakt geholfen bezie­ hungsweise ihnen die Ausreise in den Westen ermöglicht. Unbefangener als während seiner Zeit in hohen Staatsämtern konnte Helmut Schmidt nunmehr Gespräche führen und zugleich den Bürgerinnen und Bürgern in der DDR durch seine Präsenz zeigen, dass die bundesdeutsche Politik sie nicht vergessen habe, sondern sich weiterhin konkret für sie einsetzen werde. Diese Si­ gnale wurden von der Bevölkerung gehört. Zugleich bot der kirchliche Kontext Gesprächsmöglichkeiten, die nur in diesem Raum möglich waren. Helmut Schmidt sprach zwischen 1983 und 1989 zweimal in Potsdam sowie je einmal in Rostock sowie in Meißen. Im Folgenden werde ich exemplarisch auf seine beiden Reisen nach Potsdam eingehen. Quellengrundlage meiner Ausführungen sind die umfangreichen A­ ktenbestände im Archiv der sozialen Demokratie in Bonn sowie im Privatarchiv Helmut Schmidts gehalten in der Sektion»Die SPD und der Osten. Sozialdemokratische Ostpolitik in den siebziger und achtziger Jahren« am 5. Oktober 2013 auf der 37. Jahrestagung der German Studies Association in Denver/Colorado. Die Vortragsform wurde beibehalten, der Text um Anmerkun­ gen ergänzt. 12 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 in Hamburg-Langenhorn sowie zahlreiche Zeitzeugeninterviews, unter anderem mit Helmut und Loki Schmidt(1919–2010), Egon Bahr(1922–2015), Schmidts langjährigem Mitarbeiter Jens Fischer(1943–2020), Landesbischof i.R. Heinrich Rathke(1928–2024), Landesbischof Eduard Lohse(1924–2015), Prälat Heinz ­Georg Binder(1929–2009), Ministerpräsident a.D. Manfred Stolpe(1936–2020), dem Direktor des Oberlin-Hauses in Potsdam, Friedrich-Wilhelm Pape(*1941). 2 Potsdam 1983 Schmidts erster DDR-Besuch im kirchlichen Kontext führte ihn vom 3. bis 6. Sep­ tember 1983 nach Potsdam. Die Einladung ging von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg aus. Schmidt traf sich mit der Konferenz der Kirchenleitun­ gen der DDR, mit dem Kreiskirchenrat Potsdam und hielt einen Vortrag vor dem Konvent der Generalsuperintendentur Potsdam. Das Ehepaar Schmidt übernach­ tete in Potsdam nicht in einem staatlichen Hotel, sondern in einer diakonischen Einrichtung, dem Oberlinhaus. Dort sprach Helmut Schmidt vor dem Konvent der Generalsuperintendentur Potsdam über»Verantwortung der Christen für die Lebensfragen unserer Zeit«. Er und seine Frau empfänden den Aufenthalt»be­ sonders lebhaft[als] ein Moment der Gemeinsamkeit, wenn Sie so wollen der Einheit…«. Durch das Luther-Jubiläum in diesem Jahr, in dem der 500. Geburts­ tag des Reformators in beiden deutschen Staaten gefeiert wurde, sei das Verbin­ dende besonders hervorgehoben worden. Die Betonung der deutschen Einheit blieb in den folgenden Jahren das Leitmotiv Schmidts bei seinen DDR-Besuchen. Helmut Schmidt ging kurz auf die nach der Reformation folgende Kirchenspal­ tung und konfessionell motivierte Konflikte bis in die Gegenwart ein. Er leitete über zu einem 50. Jubiläum im folgenden Jahr, der Barmer Theologischen Erklä­ rung von 1934, die nach wie vor ihre Bedeutung habe. Besonders auf die fünfte These verwies er immer wieder, in der es um das Verhältnis von Kirche und Staat ging. In Grenzsituationen könne der Konflikt auftreten, für den diese These eine zum Kontext mit weiterführenden Literaturhinweisen Rainer Hering,»Aber ich brauche die Gebote...«. Helmut Schmidt, die Kirchen und die Religion, Bremen 2012; ders.: Im Dienst ohne Amt: Helmut Schmidt, in: Michael Epkenhans/Ewald Frie(Hrsg.), Politiker ohne Amt. Von Met­ ternich bis Helmut Schmidt, Paderborn 2020, S. 183–202. Für die wichtige Unterstützung bei der Quellenarbeit danke ich Heike Lemke(Hamburg) und Dr. Christoph Stamm(Bonn) herzlich. Perspektiven auf Helmut Schmidt 13 »Grundorientierung« liefere, da»sie für beide Seiten einen Totalitätsanspruch« zurückweise:»Weder kann der Staat für sich in Anspruch nehmen, durch seine Ordnung eine letztgültige Antwort auf das zu geben, was nach biblischem Sprach­ gebrauch Erlösung der Welt heißt, noch kann die Kirche sich anmaßen, in allen Fragen der politischen Existenz ein ausschlaggebendes Mandat zu besitzen.« Der Staat könne keine weltanschauliche Orientierung als verbindlich vorschreiben, »aber seine eigenen Grundlagen in der Würde des Menschen« begründen. Damit akzeptiere er, dass»die Kirchen hier ein orientierendes Mitspracherecht haben«. Wichtig war Schmidt, dass»die Regierenden und die Regierten verantwortlich sind«, wie es schon Gustav Heinemann(1899–1976) formuliert habe. 3 Die gegenwärtige politische Gesamtlage des Weltfriedens sei durch die Konfron­ tation von Ost und West gefährdet, welche die Deutschen an der Schnittstelle der Machtblöcke besonders treffe. Darüber hinaus dürfe aber die Situation der circa drei Milliarden Menschen nicht vergessen werden, die nicht in industrialisierten Ländern lebten. Es ist interessant, dass Helmut Schmidt hier auf Probleme des Globalen Südens eingeht, die er sonst nicht primär im Blick hatte. Vielmehr scheint es so, dass ihm der Wohlstand des Westens wichtiger war. Schmidt betonte die Bedeutung der wirtschaftlichen Situation für die Sicherung des Friedens:»Es ist also deutlich, daß es sowohl christliches Gebot ist als auch ein Gebot der Vernunft, der friedenspolitischen Vernunft, der ökonomischen Ver­ nunft, ein Gefühl der wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen auf der Welt zu erarbeiten, in dem alle diese Staaten und Völker einen Platz oder die Hoffnung auf einen Platz finden können.« Er selbst habe sich immer dafür eingesetzt und werde das weiter tun, dass der lebensgefährliche Zustand der fehlenden Kommu­ nikation beendet werde. Daher sei er trotz des Boykotts der Olympischen Spiele 1980 nach Moskau gefahren und habe trotz der Lage in Polen 1981 Erich H­ onecker der Rede am 4.9.1983 basierend auf einem Tonbandmitschnitt, Archiv Helmut Schmidt, Hamburg-Langenhorn(AHS), Eigene Arbeiten, Ordner 372 07-10.1983, Nummer 6, Bl. 2, 7–9. Schmidt griff hier auf seine Grundwerterede von 1976 zurück. Bereits 1978 hatte er in einem In­ terview auf die Bedeutung der fünften These der Barmer Theologischen Erklärung hingewiesen (Herder-Korrespondenz 1978, S. 338–344, hier: S. 342). Hingewiesen habe ihn darauf Gustav Heine­ mann( Helmut Schmidt/Egon Bahr, Die Erinnerung an Willy Brandt und ein Rückblick auf die ge­ meinsame Zeit. Gespräch zwischen Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt und Bundesminister a.D. Professor Egon Bahr am 25.11.2008 im Willy-Brandt-Haus Lübeck, Berlin 2009, S. 31). 14 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 (1912–1994) in der DDR besucht. 4 »Wer mit dem anderen nicht redet, der kann den anderen nicht verstehen. Wer ihn nichts fragt, der kann ihn nicht verstehen. Wer auf seine Fragen nicht antwortet, der kann auch nicht erwarten, daß er ihn versteht.« Gemeinsame Gespräche seien»viel wichtiger als Resolutionen über Notwendigkeiten nuklearer Abrüstung.« Nur eine Partnerschaft zwischen West und Ost könne Sicherheit und Frieden schaffen. Dafür seien Kompromisse erfor­ derlich. Das»Wesen des Kompromisses und das Wesen des Friedens liegen nahe beieinander. Frieden kann nur halten der, der den Kompromiß will und ihn nach­ her auch einhält.« 5 Potsdam 1986 Nach diesem Besuch in Potsdam wurde Helmut Schmidt umgehend erneut von Manfred Stolpe für einen Vortrag in der DDR aus Anlass des 300. Jahrestags des Edikts von Potsdam im Oktober 1985 angefragt, den er allerdings absagte. Ein Jahr später jedoch sprach er am 25. Oktober 1986 in der vollbesetzten Nikolai-­Kirche vor 1.400 Menschen über»Dialog und Toleranz als Elemente der Friedenssiche­ rung in Europa und der Welt«. In seiner Rede ging Schmidt vom Toleranzedikt von Potsdam(29. Oktober 1685) aus, durch das der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm I.(1620–1688) die aus Frankreich aus religiösen Gründen vertriebenen Hugenotten zur Einwanderung bewegte. Dadurch stärkte er die Wirtschaftskraft Brandenburg-Preußens, beeinflusste aber auch die Toleranzpolitik anderer regio­ naler Herrscher. In einem kurzen historischen Überblick zeigte Schmidt die Ge­ schichte religiöser Toleranz beziehungsweise Intoleranz auf und betonte die Bedeu­ tung der Trennung von Staat und Kirche. Mit Bezug auf den für ihn so wich­tigen Philosophen Marc Aurel(121–180) sprach er über die Notwendigkeit von Tole­ ranz, die ihre Grenzen an der Intoleranz des anderen finde. Wie schon drei Jahre zuvor, hob Schmidt erneut die Notwendigkeit des Dialogs hervor, um den a­ nderen kennenzulernen, und bezog das auf die damaligen Abrüstungsverhandlungen. 4  H ering, Gebote(wie Anm. 2), bes. S. 160–169; Detlev Brunner,»Nicht rufen: Auf Wiedersehen!«. Adventliche Stunden in Güstrow – wie Erich Honecker und die Stasi Bundeskanzler Helmut Schmidt im Dezember 1981 die DDR vorführten, in: Die ZEIT, 30.11.2006; ders.,»… eine große Herzlich­ keit«? Helmut Schmidt und Erich Honecker im Dezember 1981, in: Deutschland Archiv 44(2011), S. 508–517. der Rede am 4.9.1983 basierend auf einem Tonbandmitschnitt, AHS, Eigene Arbeiten, Ordner 372 07-10.1983, Nummer 6, Bl. 10–24, die Zitate Bl. 14, 16, 18, 24. Perspektiven auf Helmut Schmidt 15 Zudem verwies Helmut Schmidt auf die Bedeutung Immanuel Kants(1724–1804), den er in einer Reihe mit Martin Luther(1483–1546) und Friedrich den Großen (1712–1786) stellte. Kants Schrift»Vom ewigen Frieden« empfahl er als Lektüre und erinnerte daran, dass der Frieden immer wieder gestiftet werden müsse, wozu politische Vernunft erforderlich sei:»Ohne vernunftgemäßes Verstehen der Be­ weggründe des anderen, ohne ein gewisses Maß an Vertrauen in die Vernunft auch des anderen, ohne sie wäre der Frieden nicht immer wieder neu zu stiften.« Dabei würde ein Gleichgewicht der Waffen noch keinen Frieden sichern, viel­ mehr benötige man Verträge und dafür den Willen zum Kompromiss. Wie bei seiner ersten Potsdamer Rede 1983 bezog Schmidt sich erneut auf die fünfte The­ se der Barmer Theologischen Erklärung und unterstrich die Verantwortung von Regierenden und Regierten. Ein Staat oder eine Regierung könne einen Krieg be­ ginnen,»den Krieg zu verhindern, das können wir nur noch gemeinsam!« Dabei komme den Deutschen eine besondere Verantwortung zu:»Wir Deutschen, alle Deutschen müssen wissen: Zum Frieden in Europa ist der Dialog zwischen den Menschen auf beiden Seiten Deutschlands notwendig, nicht nur zwischen den Regierenden, auch zwischen den Regierten. Die Regierten auf beiden Seiten Deutschlands tragen Mitverantwortung für das, was geschieht oder was nicht ge­ schieht.« Diese Sätze sowie seine Aussagen über die deutsche Teilung wurden in Potsdam mit besonderer Sensibilität gehört:»Wir müssen lernen mit der Teilung zu leben. Niemand weiß, wie lange sie dauern wird. Wir müssen zugleich am mo­ ralischen Imperativ der Gewissensfreiheit der einzelnen Person festhalten, aber dabei das Ziel einer schrittweisen Überbrückung der Grenzen, einer ­schrittweisen Herstellung eines gemeinsamen Daches nicht aus den Augen verlieren.« Schmidt plädierte für den Dialog zwischen den Regierenden und den Regierten auf bei­ den Seiten und zwischen ihnen, der das Machbare im Blick behalte.»Keiner soll­ te sich dem Nachdenken über alle Folgen seiner Forderungen, seines Handelns oder seines Nichthandelns entziehen.« Gerade im»Dritten Reich« und besonders im Zweiten Weltkrieg hätten viele auf »Gott als den Herrn der Geschichte« vertraut. Dieses Vertrauen gebe»uns auch den Mut, Ängste auszuhalten. Daran liegt mir sehr: daß wir Deutschen lernen, Ängste auszuhalten statt vor uns selber oder vor andern dauernd zu bejammern, daß wir Angst haben. Gott gab uns den Mut, Ängste auszuhalten und die Welt, 16 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 so wie sie wirklich ist, als Heimat anzunehmen«. Zum Abschluss wurde Schmidt persönlich, ging auf seine Erfahrungen im nationalsozialistischen Deutschland ein und ließ die Bedeutung des Vaterunsers durch das indirekte Zitat deutlich werden:»Für mich war es ein großes Glück, daß ich während der Nazi-Zeit und während des ganzen Krieges und während des ganzen Lebens seither immer ge­ wußt habe, daß Er der Herr ist, daß es sein Reich ist, seine Kraft und sein Wille. Ich wünsche Ihnen Gottes Segen als Ihr Nachbar, als ein Deutscher gegenüber seinen deutschen Landsleuten und als ein Christ gegenüber seinen Brüdern.« 6 Schmidt verband mit seinen Ausführungen zum Christentum ein politisches State­ ment, denn seine Worte konnten auch als Plädoyer für sittlich-religiös motivier­ ten Widerstand gegen ein Unrechtsregime verstanden werden. Daher überrascht es nicht, dass bei dieser Ansprache Schmidts»das gefährliche Knistern in der Kir­ che« spürbar gewesen sei, vor allem für seine Frau und Manfred Stolpe, die sich damals gegenseitig beruhigt hätten,»im Vertrauen darauf, daß ich die Grenze des aus Vernunftgründen Gebotenen erkennen und beachten würde. Sie haben auch gemeinsam aufgeatmet, als ich, die Gefahr spürend, den Ton meiner Rede ge­ dämpft habe«, erinnerte sich Helmut Schmidt an diesen Auftritt. Ingrid Stolpe (*1938) bezeichnete dessen Worte als flammend, engagiert und emotional. Der Redetext wurde als Sonderdruck der ZEIT in 10.000 Exemplaren von der Kirche innerhalb der DDR verbreitet und fand große Resonanz. Schmidt argumentierte hier nicht konsistent in Bezug auf die von ihm nachdrücklich herausgestellte Tren­ nung von Kirche und Politik. 7 Dialog und Toleranz als Elemente der Friedenssicherung in Europa und der Welt vom 25.10.1986, AHS, Eigene Arbeiten, Ordner 382 09-10.1986, Nummer 14; Material zur Vorbe­ reitung der Rede, AHS, Ordner Reisen 25.10.1986 Potsdam DDR, gekürzt publiziert als Helmut Schmidt, Das gemeinsame Dach bleibt das Ziel, in: Die ZEIT, 31.10.1986; ders., Religion in der Ver­ antwortung. Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung, Berlin 2011, S. 102–114. Herangezogen wird hier das Redemanuskript, dort die Zitate Bl. 10, 19f. und 26f. Die Zahl der Zu­ hörenden wird angegeben nach Schmidt, Das gemeinsame Dach; die Titelangabe erfolgt nach Gerhard Besier, Der SED-Staat und die Kirche 1983–1991. Höhenflug und Absturz, Berlin/Frankfurt am Main 1995, S. 183f., der 650 geladenen Gästen und 350 weitere Wartende als Zuhörer nennt. 7  H elmut Schmidt, Weggefährten. Erinnerungen und Reflexionen, Berlin 1996, S. 371, dort das ­Zitat; Ingrid Stolpe/Manfred Stolpe mit Silke Amthor,»Wir haben noch so viel vor«. Unser gemeinsamer Kampf gegen den Krebs, Berlin 2010, S. 165; Gespräche mit Manfred Stolpe am 26.3.2007 und Friedrich-Wilhelm Pape am 23.10.2008; Rückblicke – Ausblicke. Gespräch Helmut Schmidt und Manfred Stolpe mit Jens Fischer im Oberlinhaus in Potsdam(ORB, 12.10.1996). Perspektiven auf Helmut Schmidt 17 Manfred Stolpe berichtete – vermittelt durch den Bevollmächtigten der EKD bei der Bundesregierung Prälat Heinz-Georg Binder(1929–2009) – Schmidt über die Resonanz seines Vortrags und ordnete ihn in einen größeren Kontext ein:»1. Mei­ ne Freunde und ich sehen den eigentlichen Wert Ihrer Reise zu uns in der tiefen und breitwirkenden Ermutigung zum Glauben und zum Deutschsein, die Sie un­ seren Menschen gebracht haben; über die Verbreitung des Redetextes laufen ge­ sonderte Bemühungen. 2. Der Popularitätsgrad von Helmut Schmidt in der DDR ist ungebrochen hoch, jetzt blüht in Potsdam wieder der Handel mit Schmidt-­ Fotos. 3. Alle Leute ›unabhängig von ihrer Weltanschauung oder Religion‹, die mit Ihnen Kontakt haben konnten, sind dankbar.« Die»Spitzen des Bezirkes Pots­ dam« hätten Schmidts Auftritt als einen»große[n] Tag für Potsdam« bezeichnet. Darüber hinaus hob Stolpe den Wert der internen Gespräche mit SED-Vertretern hervor. Das Mitglied des Politbüros des Zentralkomitee der SED und zuständige Sekretär für Handel sowie Kirchenfragen, Werner Jarowinsky(1927–1990), habe den Kontakt mit Schmidt als wichtig und diesen als eindrucksvollen Gesprächs­ partner bezeichnet. 8 Aber auch aus dem bundesdeutschen Protestantismus wurde Schmidt für seinen Vortrag in Potsdam ausdrücklich gelobt: Der Hannoversche Landesbischof ­Eduard Lohse schrieb:»Ihre Ausführungen haben mich mit großer Dankbarkeit erfüllt, die ich doch gern in einige Worte fassen möchte.« Er sei glücklich ­darüber, dass»Sie unseren Brüdern und Freunden in der DDR den schlichten und doch so wirksamen Dienst Ihres abermaligen Besuches erwiesen haben. So selbstver­ ständlich es erscheinen mag, daß Deutsche zu Deutschen kommen und Christen einander besuchen, so schwer ist es doch in unserer durcheinandergeratenen Welt, diese Selbstverständlichkeit überzeugend zu bewähren. Ihnen ist dieses gelungen, und Sie haben im wahren Sinne des Wortes eine Brücke gebaut, beziehungswei­ se die bestehende Brücke befestigt. Daß Sie sich dabei abermals in schlichter und überzeugender Weise als Christ und Glied unserer Kirche bekannt haben, hat uns bei mancher Verworrenheit, mit der wir auch in der Kirche leider zu tun haben, Stärkung und Ermutigung vermittelt.« 9 an Schmidt, 12.11.1986, AHS, Eigene Arbeiten, Sonderordner 391 Evangelischer Kirchen­ tag Rostock Marienkirche 18.06.1988. an Schmidt, 31.10.1986, AHS, Ordner Korrespondenz Inland G-M II 1986. 18 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Ausblick/Fazit Mit dem Oberlinhaus blieb Schmidt nach der»Wende« verbunden. Am 12. Ok­ tober 1996 kam er aus Anlass des 125-jährigen Bestehens des Oberlinvereins er­ neut nach Potsdam. Dort wurde eine Fernsehsendung aufgezeichnet, in der sich Schmidt und Manfred Stolpe von Schmidts langjährigem Mitarbeiter Jens Fischer interviewen ließen. Am 28. August 1999 trat er wieder auf einem ­Podiumsgespräch über»Soziale Verantwortung und soziale Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert – eine französisch-deutsche Initiative« im Kontext des 125-jährigen Jubiläums des Ober­ linhauses auf. Bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Potsdam ging Schmidt kurz auf seine Potsdam-Reisen ein. 10 Helmut Schmidt konnte mit seinen öffentlichen Auftritten im kirchlichen Rah­ men in der DDR den Bürgerinnen und Bürgern dort durch seine Präsenz zeigen, dass die bundesdeutsche Politik sie nicht vergessen habe, sondern sich weiterhin konkret für sie einsetzen werde. Zugleich wurden seine sorgfältig gewählten Wor­ te als Ermutigung von der Bevölkerung aufgefasst, im Rahmen der Möglichkei­ ten selbst zu handeln und Verantwortung im Alltag zu übernehmen. Diese Sig­ nale wurden gehört und dankbar aufgegriffen. Die Gespräche mit politischen und kirchlichen Vertretern im Kontext dieser Besuche ermöglichten einen hilfreichen Informationsaustausch und schufen die Grundlage für weiter humanitäre Hilfen. Für Helmut Schmidt nahmen die Kirchen auch unter deutschlandpolitischen Ge­ sichtspunkten während und nach seiner Amtszeit als Bundeskanzler eine wich­ tige Funktion ein. Seine Reisen bildeten eine wichtige Brücke in den Osten, von der Bundesrepublik in die DDR. Manfred Stolpe(Vorsitzender des Zentralvorstandes des Oberlinvereins) und Fried­ rich-Wilhelm Pape(Direktor des Oberlinhauses) an das Ehepaar Schmidt, 24.10.1995, AHS, Ord­ ner Private Korrespondenz P-St 1996, Pape an Schmidt, 2.1.1996, ebd.; Liste von Friedrich-­Wilhelm Pape, Besuche von Helmut Schmidt im Oberlinhaus vom 23.10.2008, Privatbesitz des Verfassers; Rückblicke – Ausblicke. Gespräch Helmut Schmidt und Manfred Stolpe(wie Anm. 7); Helmut Schmidt, Weltprobleme des 21. Jahrhunderts. Wie können die Völker Europas sich selbst behaup­ ten?, in: Universität Potsdam, Potsdamer Reden, WiSo-Fakultät, Nr. 4, Potsdam 2000, S. 33–50, hier: S. 33. Perspektiven auf Helmut Schmidt 19 Małgorzata Świder »Kumpelbeziehungen zu den Kommunisten« oder eine verantwortungsvolle Politik? Über die schwierige Partnerschaft der SPD zur Volksrepublik Polen Seit dem Warschauer Abkommen von 1970 und dem symbolischen Kniefall von Willy Brandt wurde die SPD zu einem wichtigen und gefragten Partner ­Warschaus. 1 Diese Ereignisse leiteten ein neues Kapitel der deutsch-polnischen Beziehungen ein, vor allem im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich. Dieser Teil der Ost­ politik, von 1969 bis zum Anfang der 1980er-Jahre, ruft grundsätzlich keine Dif­ ferenzen, weder in Polen noch in der Bundesrepublik, hervor. 2 Jedoch war der interessanteste Zeitraum in den Beziehungen der SPD zur Volksrepublik Polen der Anfang der 1980er-Jahre, als in der Volksrepublik soziale Unruhen ausbra­ chen und die Sozialdemokraten als Koalitionspartei über die Form und Richtung symbolischen Geste von Willy Brandt: Friedrich Kießling, Täter repräsentieren. Willy Brandts Kniefall in Warschau. Überlegungen zum Zusammenhang von bundesdeutscher Außenpräsenta­ tion und der Erinnerung an den Nationalsozialismus, in: Johannes Paulmann(Hrsg.), Auswärtige Repräsentationen. Deutsche Kulturdiplomatie nach 1945, Köln 2005, S. 205–224; Bernard Giesen/ Christoph Schneider(Hrsg.), Tätertrauma. Nationale Erinnerungen im öffentlichen Diskurs, Kon­ stanz 2004; Dieter Bingen, Die Deutschland- und Ostpolitik Willy Brandts im Spiegel der polni­ schen Publizistik 1966–1974, in: Carsten Tessmer(Hrsg.), Das Willy-Brandt-Bild in Deutschland und Polen, Berlin 2000, S. 95–110. die Neue Ostpolitik haben viele Autoren geschrieben, hier beispielsweise: Senoo Tetsuji, Ein Irrweg zur deutschen Einheit? Egon Bahrs Konzeptionen, die Ostpolitik und die KSZE 1963–1975, Frankfurt am Main/Berlin etc. 2011; Alexander Behrens(Hrsg.),»Durfte Brandt knien?«. Der Knie­ fall in Warschau und der deutsch-polnische Vertrag. Eine Dokumentation der Meinungen, Bonn 2010; Gottfried Niedhart, Deeskalation durch Kommunikation. Zur Ostpolitik der Bundesrepublik Deutschland in der Ära Brandt, in: Corinna Hauswedell(Hrsg.), Deeskalation von Gewaltkonflik­ ten seit 1945, Essen 2006, S. 99–114; Helmut Wagner, Die»deutsche Ostpolitik«. Ihre Genese und spätere Interpretation, in: Deutschland-Archiv. Zeitschrift für das vereinigte Deutschland 39(2006), S. 85–92; Erhard Cziomer, Historia Niemiec współczesnych 1945–2005, Warszawa 2006; Józef M. Fiszer/Jerzy Holzer(Hrsg.), Recepcja ›Ostpolitik‹ w RFN i w krajach bloku komunistycznego, ­Warszawa 2004; Wolfgang Schmidt, Die Wurzeln der Entspannung. Der konzeptionelle Ursprung der Ost- und Deutschlandpolitik Willy Brandts in den fünfziger Jahren, in: VfZ 51(2003), S. 521–563; Heinrich, Potthoff, Im Schatten der Mauer. Deutschlandpolitik 1961 bis 1990, Berlin 1999. 20 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 der Außenpolitik der Bundesrepublik mitentschieden. Bis Oktober 1982 war die Politik der SPD gegenüber Polen untrennbarer Teil der Außenpolitik der Regie­ rung Schmidt/Genscher. Dieser Zeitraum der Beziehungen der Sozialdemokra­ ten zu Polen muss also durch das Prisma der Außenpolitik der Bundesrepublik und deren wichtigsten Akteure wahrgenommen werden: den Bundeskanzler, den Außenminister und die führenden Politiker der größten mitregierenden Partei, die für die Maßnahmen, die von Westdeutschland gegenüber Polen ergriffen wur­ den, die Antriebskraft war. Eine sehr wesentliche Rolle spielte die Tatsache, dass es zwischen dem Bundeskanzler und dem Außenminister keine grundsätzlichen Unterschiede in den Ansichten zu Fragen der Außenpolitik der Bundesrepublik gab, das betraf insbesondere polnische Fragen. Der Kanzler spielte die Hauptrol­ le dabei, die entsprechende Richtung vorzugeben. Sein Erkennungszeichen war die»Realpolitik«, die darauf basierte, mit offensichtlichen Fakten zu rechnen und den geopolitischen Status quo anzuerkennen. 3 Nachdem die SPD in die Opposition gewechselt war, änderte sich ihr Verständ­ nis ihrer Funktion in der Gestaltung der auswärtigen Politik der Bundesrepublik, insbesondere in östlicher Dimension, nicht grundsätzlich. Die Sozialdemokraten sahen sich in der Rolle einer kooperierenden Opposition, die Bündnisse schafft und in bestimmten Fragen politische Vereinbarungen mit der Bundesregierung schließt. 4 Die SPD wollte mit ihren Vorschlägen die Politik verändern und das Staatswesen aktiv beeinflussen, gemäß dem Gedanken von Carlo Schmid:»Op­ position ist der andere Beweger der Politik«. 5 Nachdem die Koalition auseinan­ dergebrochen war, veränderten sich allerdings die realen Möglichkeiten für die SPD, Einfluss auf die deutsche Außenpolitik zu nehmen. Ihre Beziehungen zur Volksrepublik Polen und zur Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei(PVAP) bil­ deten eine spezifische, von einigen Autoren alternativ genannte Außenpolitik, die darüber: Małgorzata Świder, Stanowisko Socjaldemokratycznej Partii Niemiec wobec Polski w latach 1980–1989, Opole 2015. 4  T omasz Krawczyk, Stosunki między rządem i opozycją w wybranych państwach Europy, Toruń 2005, S. 128. Sozialdemokratie im Kampf um Deutschland und Europa, Rede Prof. Carlo Schmids, Vizeprä­ sident des Deutschen Bundestages auf dem Parteitag der Landesorganisation Hamburg der SPD am 1. April 1950 im Gewerkschaftshaus, URL: [19.11.2023]. Perspektiven auf Helmut Schmidt 21 zweite Phase der Ostpolitik. 6 Die Hauptlast, diese Politik zu betreiben, fiel der SPD-Bundestagsfraktion zu, die in diesem Bereich eng mit der Parteiführung zu­ sammenarbeitete. Das wurde von dem besonderen Interesse von Willy Brandt an Fragen der internationalen Politik begünstigt. Aus Sicht der polnischen Politik und der Beziehungen zur Opposition kann man die 1980er-Jahre in zwei grundlegende Abschnitte aufteilen: den ersten, der ge­ rade mal 15 Monate umfasste(von August 1980 bis Dezember 1981), das ist der Zeitraum, der»Karneval der Solidarność« genannt wird. Neben den Strukturen der Regierung und der Partei tauchte eine neue, innerlich sehr diversifizierte und nicht vollständig ausgeprägte politische Kraft auf – die Solidarność. Sowohl die regierende SPD/FDP-Koalition als auch die SPD mussten diese Tatsache in ihrer Politik berücksichtigen und auf die Entstehung der Bewegung Solidarność mit »den neuen Leuten an der Spitze« und die sozialen und politischen Veränderun­ gen in der Volksrepublik Polen reagieren. Ab dem Sommer 1980 beobachtete die SPD die Funktionäre der Solidarność, darunter vor allem Lech Wałęsa und seine Berater. Bei der Meinungsbildung halfen nicht nur befreundete Organisationen, in erster Linie Gewerkschaften und die Friedrich-Ebert-Stiftung, sondern auch die katholische Kirche. 7 Die SPD-Führung, hier besonders Kanzler Helmut Schmidt, schätzte die Rolle, die die Kirche in Polen spielte. 8 Gleichzeitig war die Bundes­ republik sehr engagiert bei der Gewährung von Wirtschaftshilfen an den polni­ schen Staat, indem sie neue Kredite gewährt und die Tilgung ausstehender Kre­ dite aussetzt. Angesichts der vielen Unbekannten in Verbindung mit der Entwicklung der Lage in Polen, lautete die wichtigste Frage, die damals sowohl in der Bundesrepublik als auch auf internationaler Ebene gestellt wurde: Wie wird das Schicksal von Po­ len sein? Das Problem war nicht nur die Einschätzung der auftretenden Ereignis­ se, sondern auch deren potenzieller Einfluss auf die internationale Lage. Man fürchtete, dass die Lage in der Volksrepublik Polen die»komplizierte Ostpolitik 6  F rank Fischer,»Im deutschen Interesse«. Die Ostpolitik der SPD von 1969 bis 1989, Husum 2001. 7  M ałgorzata Świder(Hrsg.), Solidarność związkowa. Niemiecka Federacja Związków Zawodowych (DGB) wobec NSZZ»Solidarność«, Wybór, wstęp i opracowanie M. Świder, Kraków 2017, S. 49ff. darüber: Rainer Hering,»Aber ich brauche die Gebote...«. Helmut Schmidt, die Kirchen und die Religion, Bremen 2012; Małgorzata Świder, Die katholische Kirche in Polen und die SPD in den 1980er Jahren, Bonn 2012. 22 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 und Deutschlandpolitik« der Bundesrepublik sowie die europäische Entspan­ nungspolitik beeinflusste. 9 Der zweite Zeitraum(der etwas mehr als sieben Jahre umfasste) war eine Zeit vie­ ler Maßnahmen und Reformen, die zwischen zwei für die Geschichte Polens grundlegenden Ereignissen liegt: der Verhängung des Kriegszustands vom 13. Dezember 1981 und dem Konsens, der am Runden Tisch und bei der Wahl im Juni 1989 erzielt wurde. In dieser Zeit waren am wichtigsten die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft auf Ereignisse in der Volksrepublik Polen und die Hilfe für die polnische Bevölkerung. Die SPD pflegte in dieser Zeit Kontakte mit der Zentralregierung in Warschau und der PVAP sowie mit der katholischen Kir­ che in Polen, die zum wichtigsten Bollwerk der Opposition wurde und zur Kraft, die die Solidarność repräsentierte. Dabei hatten die Beziehungen der SPD zur polnischen Zentralregierung und zur Partei einen stärkeren Einfluss auf das Han­ deln und die Haltung der SPD, als deren Kontakte zur polnischen Opposition. Das betraf sowohl die Zeit, in der die SPD Regierungsmitverantwortung hatte, als auch die Zeit, in der sie sich in der Opposition befand. Es war auch eine Zeit vieler Maßnahmen, bei denen die Bundesrepublik und die Sozialdemokraten eine umfangreiche humanitäre Hilfe für die polnische Bevölkerung gewährten. Bereits ab August 1980 war eine gewisse Distanz zu den Ereignissen in Polen sicht­ bar, die nach Meinung der SPD die bestehende politische Ordnung gefährdete, vor allem aber die Ostpolitik. Die SPD hielt sich lange zurück, offiziell zu ihnen Stellung zu nehmen. Eine Erklärung des SPD-Vorstands wurde erst am 20. A­ ugust 1980 veröffentlicht. 10 Die Strategie, sich zurückzuhalten, eine arbeiterfreundliche Haltung einzunehmen, wurde im Kontext der Ereignisse in der Volksrepublik Po­ len auch von Diplomaten, die in Moskau arbeiteten, befürwortet. Der ­Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Hans-Georg Wieck, ging unter Berücksichti­ gung der Entwicklung der Lage und der Atmosphäre in Moskauer Regierungs­ kreisen davon aus, dass private Nichtregierungsinitiativen als spektakuläre Aktio­ nen oder auch humanitäre Hilfe, die aus Kreisen der Politik beziehungsweise von offiziellen Gewerkschaftsgruppen stammten, größere Handlungsmöglichkeiten in Dieter Bingen, Polityka republiki bońskiej wobec Polski. Od Adenauera do Kohla. 1949–1997, Kraków 1997, S. 194. Service, Presse, Funk TV, Mitteilung über die Sitzung des Präsidiums der So­ zialdemokratischen Partei Deutschlands am 20. August 1980 in Bonn, 21.8.1980, Nr. 559/80. Perspektiven auf Helmut Schmidt 23 Polen und für Polen hätten. 11 Darum entschied man sich auch in Bonn dazu, die Vorgehensweise zu ändern, und für die Taktik der sogenannten»Stillen Hilfe«, die jegliche Beschuldigungen von polnischer Seite über die Einmischung in in­ nere Angelegenheiten der Volksrepublik Polen ausschließen konnte. 12 Politische Kreise in der Bundesrepublik, in diesem Fall die Sozialdemokraten und die Ge­ werkschaften, wollten in Polen Hilfe leisten, trotz der hiermit verbundenen Ge­ fahr. Offiziell sollten sich Parteimitglieder mit Maßnahmen und Deklarationen zur Polen und Solidarność zurückhalten. 13 Die Sozialdemokraten fürchteten, dass die polnischen Geheimdienste gemeinsam mit anderen sozialistischen Staaten eine Dokumentation von Beispielen der Einmischung des Westens in polnische Angelegenheiten vorbereiteten. Ähnlicher Meinung war der Deutsche Gewerk­ schaftsbund(DGB). 14 Diese Befürchtungen waren nicht unbegründet: Wie der neue deutsche Botschaf­ ter in Moskau, Andreas Meyer-Landrut, nach Bonn rapportierte. Die sowjetische Regierung sammelte Informationen, die als Vorwand für eine Intervention in Po­ len dienen könnten. Ende Oktober 1980 schrieb der Botschafter: »Sollte es zu einer sowjetischen Intervention in Polen kommen, so wird sie aller Vor­ aussicht nach als Antwort auf eine westliche ›Einmischung‹ gerechtfertigt werden. Diese Apologie ist bereits in Ansätzen aufgebaut. Angesichts der nun einmal nicht zu leugnenden Zurückhaltung, ja Kooperationsbereitschaft westlicher Regierungen (wirtschaftliche Stützung Polens) liegt der politischer Kern der sowjetischen Einmi­ schungstheorie in dem Versuch, Meinungsäußerungen und faktisches Verhalten au­ tonomer gesellschaftlicher Institutionen(Presse) und Organisationen(Gewerkschaf­ ten, Parteien) im Westen als ›Einmischung‹ zu deklarieren und damit den westlichen zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland(AAPD) 1980, Dok. 268, Bot­ schafter Wieck, Moskau, an das Auswärtige Amt, S. 1385–1386. den sehr kontroversen und gefährlichen Maßnahmen zählte Bonn die Finanzierung der un­ abhängigen Gewerkschaften. Zwar lehnte der Bundesvorstand des DGB ab, die Rolle eines»Geld­ briefträgers« zu übernehmen, aber dennoch floss Geld auf Gewerkschaftskanälen, wobei halblega­ le Transferwege genutzt wurden. der sozialen Demokratie(AdsD), NL Walter Polkehn, 208, Ernst Waltemathe, MdB, an Herrn Heino Berg, Bonn, 26.11.1980; AdsD, Bundestagsfraktion(BTgFr), IX. Wahlperiode(Wp.), 21393, An den SPD-Parteivorstand, z. Hd. Klaus Suchanek, Bonn, 3.12.1980. Befürchtungen waren zutreffend, wie die Archivrecherchen zeigen. Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen(BStU), Ministeriums für Staatssicherheit der DDR(MfS), Hauptverwaltung Aufklärung(HVA) 4, Information über die Haltung führender BR Deutschland-Regierungs- und SPD-Kreise zur Entwicklung in der VR Polen, Berlin, 23.10.1980. Streng geheim! 24 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Konzeptionellen Unterschied zwischen staatlichem und nicht-staatlichem Verhalten propagandistisch so weit einzuebnen, dass im Eventualfall eine staatliche sowjetische Intervention als Antwort auf nicht-staatliches Verhalten im Westen legitimiert wird.« 15 Solche Ängste, von der Sowjetunion instrumentalisiert zu werden und als Vor­ wand für radikale Maßnahmen zu dienen(insbesondere der sowjetischen Inter­ vention), begleiteten die SPD praktisch die ganzen 1980er-Jahre über. Sie wurden von Politikern aus Moskau und Warschau angefacht, die selbst das minimalste Engagement für die polnische Opposition kritisierten, weil sie dieses als Einmi­ schung der Bundesrepublik in polnische Angelegenheiten ansahen. Bereits An­ fang September 1980 warnten Diplomaten der UdSSR und Polens die SPD davor, sich in polnischen Fragen zu engagieren. Beispielsweise klagte der Botschafter der UdSSR in Bonn, Juli Kwizinski, im Gespräch mit dem Sekretär für internatio­ nale Angelegenheiten des Parteivorstands, Hans-Eberhard Dingels, den Westen an(konkreter die Sozialistische Internationale, an deren Spitze Willy Brandt stand), einige Streikformen in Polen zu unterstützen. Der Botschafter warnte, dass jede, selbst die unschuldigste Initiative politischer Organisationen für die soge­ nannten freien Gewerkschaften in Polen Folgen hätte, die gegensätzlich zu den beabsichtigten Folgen wären. Diese Feststellung wurde in Bonn als offene War­ nung aufgefasst. Eine noch unmissverständlichere und klarere Warnung auf die­ ser Etappe der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR hätte es im Kontext der Ereignisse in Polen nicht geben können. 16 Diese Taktik sollte einerseits das Ausland davon abbringen, der Solidarność Hilfe zu leisten, ande­ rerseits war sie Teil von Maßnahmen zur Diskreditierung der Solidarność. Sie sollte die These beweisen, dass die Solidarność aus dem Ausland gesteuert wer­ den würde(die USA und die Bundesrepublik wurden als Staaten genannt, die sich am stärksten reaktionär betätigten). Es wurden selbst freundschaftliche Gesten gegenüber der polnischen Opposition kritisiert, besonders nach Verhängung des Kriegszustands. Praktisch jede Maßnahme, an der Sozialdemokraten beteiligt wa­ ren, wurde von der polnischen Botschaft in Köln bemängelt. Sie hatte auch dip­ lomatischen Protest und eine Intervention beim SPD-Vorsitzenden Willy Brandt 1980, Dok. 312, Botschafter Meyer-Landrut, Moskau, an das Auswärtige Amt, 31.10.1980, S. 1612–1614. SPD-PV, 10919, Hans-Eberhard Dingels, Vermerk an Willy Brandt, Hans-Jürgen ­Wischnewski, Egon Bahr, Betr.: Gespräch mit dem sowjetischen Gesandten Kwizinski am 10. September 1980, persönlich, vertraulich. Perspektiven auf Helmut Schmidt 25 zur Folge. 17 Damit verhinderte die polnische Regierung erfolgreich SPD-Initiati­ ven zugunsten der Solidarność. Das war umso einfacher, als die Parteifunktionäre selbst, hauptsächlich Herbert Wehner, Willy Brandt, Hans-Jürgen Wischnewski versuchten, die Aktivitäten der unteren Parteiebenen zu verhindern. Oder sie versuchten, darauf hinzuwirken, dass sie sich bei Projekten engagierten, die nicht unter der Flagge der SPD liefen. Maßnahmen dieser Art waren besonders im Kontext der von der SPD gewähr­ ten humanitären Hilfe für die polnische Bevölkerung sichtbar, oder auch in In­ terventionsmaßnahmen, zum Beispiel dem Kauf von Medikamenten für Kran­ kenhäuser und soziale Einrichtungen in Polen. 18 Die Kritik an der SPD im Kontext ihrer Beziehungen zur Opposition kam auch aus Kreisen der Solidarność. Die Solidarność äußerte sich nicht nur über die Zu­ sammenarbeit und die engen Kontakte der SPD zur polnischen Regierung nega­ tiv. Sie kritisierte auch, dass ein deutliches Engagement zugunsten der Solidar­ ność fehle, es fehlten Deklarationen und freundschaftliche Gesten. Oft wurde die kühle Haltung der SPD mit den emotionalen Auftritten von Franzosen oder auch Amerikanern verglichen. 19 wurde protestiert, selbst dann, wenn am Treffen mit der Delegation der Solidarność die Ehe­ frau eines SPD-Vorstandsmitglieds teilnahm(hier ein Beispiel aus Bremen). Bei der Intervention der Botschaft der Volksrepublik Polen in Köln ging es um ein Treffen mit einer Delegation der Solidarność aus Danzig, die am 12. Dezember 1981 in Bremen ankam. Nach Verhängung des Kriegszustands blieben die Gewerkschafter in der Bundesrepublik und richten das Koordinie­ rungsbüro der Solidarność in Bremen ein. Mehr dazu siehe Małgorzata Świder, Das Informati­ onsbüro der Solidarność in Bremen im Spiegel von Archivmaterialien des Deutschen Gewerk­ schaftsbundes, in: Isabel Röskau-Rydel/Sabine Stekel/Peter Fischer/Basil Kerski/Krzysztof Ruchniewicz(Hrsg.), Inter Finitimos. Jahrbuch zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte 7 (2009), S. 203–216, Themenschwerpunkt: Deutschlandforschung in Polen. über die humanitäre Hilfe der deutschen Gesellschaft für Polen: Małgorzata Świder, ­Sąsiedztwo zobowiązuje. O pomocy humanitarnej społeczeństwa zachodnioniemieckiego dla społeczeństwa polskiego na początku lat osiemdziesiątych, in: Robert Łoś/Jacek Regina-Zacharski(Hrsg.), ­Sąsiedztwo i pogranicze – między konfliktem a współpracą, Bd. 1, Lodz 2012, S. 297–314; Friedhelm Boll/ Małgorzata Świder, The FEG: Humanitarian Support without Big Publicity, in: Idesbald Goddeeris (Hrsg.), Solidarity with Solidarity, Western European Trade Unions and the Polish Crisis, 1980– 1982, New York/Toronto etc. 2010, S. 159–189; Małgorzata Świder,»Humanitaryzm polityczny«? Niemiecka Federacja Związków Zawodowych(DGB) i pomoc dla Solidarności, in: Małgorzata Świder(Hrsg.), Polityka i humanitaryzm, 1980–1989, Opole/Toruń 2010, S. 125–152. 19  G erhard Besier, Deutsche Sozialdemokratie und polnische Opposition(1966–1990). Ein Bericht aus den Quellen, in: Mike Schmeitzner/Katarzyna Stokłosa(Hrsg.), Partner oder Kontrahenten? Deutsch-polnische Nachbarschaft im Jahrhundert der Diktaturen, Berlin 2008, S. 155–178. 26 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Ein wahrheitsgemäßes Bild der Beziehungen der SPD zu Polen in der Zeit des »Karnevals der Solidarność« ist nicht eindeutig. Es enthält Elemente des Unwil­ lens, aber auch deutliche Unterstützung und Engagement zugunsten der Oppo­ sition. Sicherlich hatten Gesten, die SPD-Politiker machten, einen Einfluss auf die Wahrnehmung der SPD in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutsch­ land und in Polen. Meistens jedoch Gesten, die sie nicht machten. Einerseits wa­ ren da die freundschaftliche Beziehungen zu Edward Gierek, den Ersten Sekretär der PVAP in den 1970er-Jahren, Treffen mit Mieczysław Rakowski und General Jaruzelski, aber auch die ungeschickte Äußerung Helmut Schmidts vom 13. De­ zember 1981 über die Verhängung des Kriegszustands:»Ich bedaure, dass dies nun notwendig war«. 20 Andererseits wurde die Einstellung zu den Ereignissen in Polen von der einstimmig erlassenden Bundestagsresolution vom 18. Dezember 1981 definiert, in der Folgendes von der Regierung der Volksrepublik Polen ge­ fordert wurde: den Dialog mit der Kirche und der Solidarność-Führung wieder aufzunehmen, die Inhaftierten freizulassen und den Kriegszustand aufzuheben. 21 Die Resolution wurde von Genscher an den polnischen Chargé d’Affaires übermit­ telt, der sich weigerte, sie anzunehmen, denn sie war angeblich der Ausdruck der Einmischung in innere Angelegenheiten Polens und stellte die Glaubwürdigkeit der Erklärungen von General Jaruzelski in Frage. 22 Am 21. Dezember 1981 legt­e die polnische Regierung eine Demarche gegen den Botschafter Georg N­ egwer ein, die die»antipolnischen Vorgehensweisen in der Bundesrepublik Deutschland« verurteilte. Besonders negativ nahm man Bezug auf die Bundestagsresolution und nannte sie eine»Mischung aus Pharisäertum, Druck und Einmischung in innere Angelegenheiten unseres Landes«. 23 von dieser unglücklichen Formulierung verfolgte der Bundeskanzler eine Taktik der Zurückhaltung, die mit der Strategie der übrigen Verbündeten identisch war. Selbst die USA äu­ ßerten sich am 13. Dezember 1981 euphemistisch. Haig überzeugte Präsident Ronald Reagan in einem Telefongespräch, in dem er ihn über die Vorfälle in Polen informierte, davon, Vorsicht zu bewahren, um die Russen nicht unnötig zu reizen. Małgorzata Świder,»Ich bedaure, dass dies nun notwendig war«. Helmut Schmidt, die SPD und der Kriegszustand in Polen, in: Auskunft. Zeit­ schrift für Bibliothek, Archiv und Information in Norddeutschland 31(2011), H. 1, S. 73–96. des Bundestags vom 18.12.1981 zur Entwicklung in Polen nach der Verhängung des Kriegsrechts, in: Europa-Archiv 36(1981), H. 6, S. D160–D161. Ministerstwa Spraw Zagranicznych(AMSZ), Dep. IV 46/84, w-3, Bl. 6, Szyfrogram nr 4156/IV z 22.12.1981. Dep. IV 45/84, w-8, Pilna notatka démarche wobec ambasadora RFN Georga Negwera w związku z ostatnimi antypolskimi wystąpieniami w RFN, Warszawa 22 grudnia 1981. Perspektiven auf Helmut Schmidt 27 Grundlegendes Ziel der SPD-Politik gegenüber Polen während des Kriegszustands war es, diplomatische Kontakte zur Militärregierung in Warschau aufzunehmen. Diese Taktik war die Fortsetzung der Prinzipien, denen man bereits früher ­gefolgt war, und die eine Kontinuität der Gespräche zwischen den Großmächten vorsah. Zu dieser Vorgehensweise der Bundesregierung und der SPD gegenüber Polen während des Kriegszustands passte der Brief, den Helmut Schmidt am 25. De­ zember 1981 zu Händen von General Wojciech Jaruzelski schickte. 24 Über die Ini­ tiative des Bundeskanzlers wurde in einer Bundestagssitzung im Januar 1982 ge­ sprochen, aber auch in London, Paris und Washington, wo der Brief positiv aufgenommen wurde. 25 In einigen Kreisen hingegen wurde er nicht als Reaktion auf den Kriegszustand interpretiert, sondern als Beweis dafür, dass Bundeskanz­ ler Schmidt trotz der Verhängung des Kriegszustands die Beziehungen zur Re­ gierung in Polen ununterbrochen aufrechterhielt. Diese Meinung wird selbst von einigen zeitgenössischen polnischen Historikern vertreten. 26 Einfluss auf das Bild vom Verhältnis der SPD zu Polen in der Zeit des Kriegszu­ stands hatte auch der Empfang des Sondergesandten Mieczysław Rakowski aus Warschau in Bonn. Über die Notwendigkeit, einen solchen Besuch zu organisie­ ren, sprach bereits am 18. Dezember 1981 Wischnewski bei einem Treffen mit Mitarbeitern der polnischen Botschaft in Köln. Der Hauptzweck sollte sein, den Westen über die Lage an der Weichsel und eventuellen Bedarf der Wirtschaft der Volksrepublik Polen zu informieren.»Aus optischen Gründen« sollte darauf ge­ achtet werden, dass die Gesandten keine Personen seien, die zuvor an der Unter­ zeichnung der Kreditverträge beteiligt waren. 27 Der Suggestion von deutscher Sei­ te entsprechend kam Ende Dezember 1981 Rakowski nach Berlin, der sich mit führenden Bundespolitikern traf. 28 zweite Brief wurde an den Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew, geschickt. 1981, Dok. 386, Staatssekretär von Staden an Botschafter Meyer-Landrut, Moskau, 25.12.1981, S. 2051–2053. 26  K atarzyna Stokłosa, Polen und die deutsche Ostpolitik 1945–1990, Göttingen 2011, S. 468. Dep. IV 46/84, w-3, Bl. 1, Szyfrogram nr 3362/IV z 19 grudnia 1981 r. 1981, Dok. 395, Gespräch des Bundesministers Genscher mit dem polnischen Stellvertre­ tenden Ministerpräsidenten Rakowski, 30.12.1981, S. 2079–2092; andere Gesprächspartner von Rakowski in Bonn waren: Wolfgang Mischnik(Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion), ­Alois Mertes(Vorsitzender der Arbeitsgruppe für Auswärtige Politik der CDU/CSU-Bundestagsfrak­ tion), Wolf von Amerongen(Vorsitzender der westdeutschen Industrie- und Handelskammer), Gerd Deumlich(Mitglied des Politbüros der Deutschen Kommunistischen Partei). Archiwum 28 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Mit Sicherheit trug dieser Besuch einerseits zum besseren Verständnis der Lage in Polen bei, andererseits zeigte er die Bundesrepublik als offen für die Suggestio­ nen der polnischen Regierung, insbesondere als Warschau, wie aus Informatio­ nen aus Paris hervorging, in mehreren europäischen Hauptstädten die Regierungs­ version der Ereignisse in der Volksrepublik Polen darstellen wollte. Zu die­sen Besuchen kam es allerdings nicht. Wie es in französischen diplomatischen Krei­ sen hieß,»klopfte die Regierung in Warschau an viele Türen«, auch in Paris, aber nur in Bonn wurde ihr geöffnet. 29 Die Mission von Rakowski wurde in Warschau sehr positiv bewertet. Wie aus der Dokumentation des polnischen Außenminis­ teriums hervorgeht, traf er bei den Sozialdemokraten auf Verständnis für die ein­ getretene Lage und erhielt außerdem die Zusicherung, dass die SPD weiterhin eine zurückhaltende Haltung gegenüber der Solidarność bewahren werde. 30 Eine solche Deklaration war nicht leicht, wie der Stellvertretende SPD-Vorsitzende Hans-Jürgen Wischnewski anmerkte, sie harmonisierte nicht mit der Haltung der »Parteiniederungen«, die lautstark eine entschiedenere Unterstützung für die So­ lidarność forderten. 31 Ebenfalls negativ nahm die westdeutsche Öffentlichkeit den Besuch des Sozial­ demokraten Herbert Wehner in Polen vom 19. bis 22. Februar 1982 auf. Über die Reise wurde viel geschrieben, wobei sie meist kritisiert beziehungsweise als Bei­ spiel für die Unterstützung der Jaruzelski-Regierung durch die Sozialdemokratie respektive zur Illustration der inneren Spaltung in der SPD dargestellt wurde. Wehner traf sich in Warschau vor allem mit General Jaruzelski und Bischof ­Bronisław Dąbrowski als Repräsentanten der katholischen Kirche, wobei das Gespräch als besonders offen und vertrauensvoll bezeichnet wurde.(In diesem Kontext war die Deklaration interessant, bereit zu sein, eine inoffizielle Vereinbarung der Kir­ che mit der Regierung abzuschließen.) Die polnische Seite(sowohl der Bischof als auch die Regierungsseite) bat Wehner um höchste Vertraulichkeit. Über die Gespräche des SPD-Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag wurde eine spezielle Notiz ausgefertigt, die für Schmidt und Außenminister Genscher b­ estimmt Akt Nowych(AAN), KC PZPR, Wydz. Zagr. 1083(950/19), Dok. 1, Notatka z pobytu w R­ epublice Federalnej Niemiec w dniach 30–31 grudnia br.[1981], tajne. 1982, Dok. 8, Botschafter Herbst, Paris, an das Auswärtige Amt, 6.1.1982, S. 30–33. KC PZPR, Wydz. Zagr. 1083(950/19), Dok. 1, Notatka z pobytu. Perspektiven auf Helmut Schmidt 29 war, 32 außerdem sprach Wehner über die Besuche in Warschau mit dem Kanzler vor seiner Abfahrt zu den deutsch-französischen Konsultationen in Paris, 33 bei denen auch die polnische Problematik besprochen werden sollte. 34 Unabhängig davon wie günstig der Besuch von Rakowski in Bonn oder der von Wehner in Warschau für die Verifizierung von Informationen waren, die aus War­ schau hereinkamen, haben sie mit Sicherheit dazu beigetragen, dass sich der po­ litische Kampf in der Bundesrepublik weiter verschärfte. Die Presse schrieb viel zu den Zielen und Ergebnissen dieser Besuche. Besonders scharf wurden ­Wehner und Schmidt angegriffen, indem man ihnen Kontakte zur»Militärjunta« in Po­ len beziehungsweise die Unterstützung der sowjetischen Machtpolitik vorwarf, und auch, den Kriegszustand in die»politischen Salons« zu verlegen. 35 Die CDU/ CSU beschuldigte die SPD, politisch leichtfertig zu handeln und die Militärmacht in Warschau zu unterstützen. In der Presse erschienen außerordentlich heftige Kommentare und Artikel, die für lange Zeit die Wahrnehmung der Beziehungen der SPD zu Polen prägten. Vor allem wurden die zu engen Kontakte der SPD zum »Regime von General Jaruzelski« betont. Es ist wahr, dass die persönliche Be­ kanntschaft einiger Regierungsmitglieder, der gute Eindruck, den General W­ ojciech Jaruzelski auf westdeutsche Diplomaten machte, zweifellos eine positive Rolle bei der Beurteilung der Ereignisse in Polen spielte. Sehr viel positiver wurden die Kontakte zu Warschau in der Stille der ­Amtsräume und während der Gespräche auf höchster Ebene interpretiert. Sowohl der Brief von Bundeskanzler Schmidt an Jaruzelski(und Breschnew), der Inhalt der Ge­ spräche von Rakowski in Bonn Ende 1981, als auch die Korrespondenz, die aus Warschau eintraf(das waren Antworten auf den Brief von Schmidt) wurden vom bundesrepublikanischen Außenminister in Brüssel vorgestellt. Am 4. Januar 1982 fand eine außerordentliche Sitzung von neun Außenministern der EWG-Staaten im Rahmen der Europäischen Politischen Zusammenarbeit(EPZ) statt. Bei die­ Dep. IV 7/86, w-3, Szyfrogram nr 3457/I z 3 marca 1982. Wehner/Polen; Wehner beim Kanzler, 24.2.1982. und Informationsamt der Bundesregierung, Pressemitteilung Nr. 82/82, 1.3.1982, Deutsch-französische Erklärung anlässlich der 39. Gipfelkonsultationen in Paris am 24./25.2.1982. den Anklagen führend war Hans Graf Huyn, außenpolitischer Sprecher der CSU-Bundestags­ fraktion und außenpolitischer Berater von Franz Josef Strauß. Mehr zu diesem Thema: Union kri­ tisiert Polen-Reise Wehners, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.2.1982; M. Schell, Reise nach Warschau, in: Die Welt, 18.2.1982. 30 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 ser Sitzung gelang es, die Haltung der Mitgliedsstaaten zu den Ereignissen in Po­ len abzustimmen(obwohl wesentliche Divergenzen bestanden), aber auch eine Reihe gemeinsamer Maßnahmen festzulegen. 36 Auf das Ergebnis des Treffens in Brüssel hatte die westdeutsche Erklärung Einfluss, 37 die es ermöglichte, die Hal­ tung der»Neun« zu vereinheitlichen und eine gemeinsame Erklärung vorzube­ reiten. 38 Die nachgebende Politik der Bundesregierung, aber auch die Taktik, die von der SPD eingeschlagen wurde, wurden vonseiten der USA stark kritisiert. Am 5. Ja­ nuar 1982 traf sich Bundeskanzler Schmidt mit US-Präsident Ronald Reagan in New York. Die Atmosphäre, die bei den amerikanisch-westdeutschen Konsulta­ tionen vorherrschte, kann mit dem ersten Satz charakterisiert werden, mit dem US-Außenminister Alexander Haig das Gespräch mit Schmidt begann. Er sagte, dass»in der Einschätzung der Lage in Polen größere Meinungsverschiedenhei­ ten zwischen Bonn und Washington als zwischen Bonn und Moskau bestehen«. 39 Wahrscheinlich irritierte die Zurückhaltung von Schmidt und der Bundesregie­ rung angesichts der Ereignisse in Polen, aber auch sein Einfluss auf das V­ erhalten der Verbündeten in Westeuropa die Verwaltung in Washington. 40 Die Atmosphä­ re wurde von der dortigen Presse angeheizt. Der radikalste Kommentar erschien im»Wall Street Journal«, in dem die Haltung Schmidts»ein Beispiel für demo­ ralisiertes politisches Führertum, das in der Zukunft den Status eines finnlandi­ sierten Industrievasallen eines totalitären Imperiums erlangt«, genannt wurde. 41 Dep. IV 8/86, w-12, bp., ebd., w-3, bp., Notatka informacyjna, spotkanie ministrów spraw zagranicznych EWG w sprawie Polski(Bruksela 4 stycznia 1982 r.), poufne. Haltung der Bundesrepublik hätte zu der folgenden These führen können: sowjetischer Druck, sowjetischer Einfluss, aber Jaruzelski war kein sowjetisches Werkzeug. AAPD 1982, Dok. 7, Rund­ erlaß des Ministerialdirektors Pfeffer, 5.1.1982, S. 27–29. końcowy o spotkaniu ministrów spraw zagranicznych krajów EWG dotyczącym P­ olski, Bruksela, 4 stycznia 1982 r., in: J. Zając, Polska w stosunkach międzynarodowych. 1945–1989. Wybór dokumentów, wybór i oprac, Warszawa 2005, S. 180–181; die Einheitlichkeit der Ziele der EWG-Staaten war von großer Bedeutung angesichts der bevorstehenden Konsultation auf der Sondersitzung der Minister der NATO-Staaten(11. Januar 1982). 1982, Dok. 9, Gesandter Dannenbring, Washington, an das Auswärtige Amt, 6.1.1982, S. 34–41. MfS, HVA 13, Bl. 3, Außenpolitische Informationsübersicht, Weitere westliche Reaktionen und die Haltung Chinas zur Entwicklung nach der Verhängung des Ausnahmezustandes in der VRP. nach Mainhardt Graf von Nayhauß, Helmut Schmidt. Mensch und Macher, 2. Aufl., Bergisch Gladbach 1988, S. 436. Siehe auch: Helmut Schmidt, Menschen und Mächte, Berlin 1987, S. 304. Perspektiven auf Helmut Schmidt 31 Trotz der unterschiedlichen Wahrnehmung der Ostproblematik und unterschied­ licher Taktiken gelang es in New York, zu einer Einigung zu gelangen und die Be­ rührungspunkte zu erarbeiten, die eine eigene»Road Map« für die Ost-West-Be­ ziehungen im Kontext der polnischen Krise bildeten. 42 Ein unbestreitbarer Erfolg der Konsultationen war, wie sich in der Abschlusserklärung widerspiegelte, 43 die Festlegung sowohl einer gemeinsamen Taktik als auch der Ziele für die Gesprä­ che mit Warschau: Aufhebung des Kriegszustands, Freilassung aller Inhaftierten und Wiederaufnahme der Gespräche mit der Solidarność und der Kirche(erstaun­ lich war die Ähnlichkeit dieser Ziele mit dem Inhalt der Bundestagsresolution vom 18. Dezember 1981). Der Besuch wurde in den westdeutschen Regierungs­ kreisen positiv bewertet, wobei die gemeinsamen Elemente hervorgehoben und die Meinungsverschiedenheiten verschwiegen wurden. 44 Die Kritik an der liberalen Haltung der Bundesregierung und der SPD gegenüber der Lage in Polen kam auch vom wichtigsten europäischen Partner der Bundes­ republik. Sehr negativ zur Haltung der Sozialdemokraten äußerte sich die franzö­ sische Presse. Öffentlich wurden Brandt und die Polen-Politik der Bundesregie­ rung kritisiert. 45 Das machten sogar Zeitungen, die Bonn gegenüber wohlgeson­ nen waren. 46 Publizisten mieden keine plumpen Beschimpfungen wie:»deutsche Schuhputzer des Kremls«. 47 Sichtbar war, wie die französische und die deutsche Polen-Politik auseinanderdrifteten. 48 1982, Dok. 9, Gesandter Dannenbring, Washington, an das Auswärtige Amt, 6.1.1982, S. 34–41. Erklärung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Ronald Reagan, und des Bun­ deskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Schmidt, vom 5. Januar 1982 anlässlich des Besuchs des Bundeskanzlers, in: Europa-Archiv 37(1982), H. 6, S. D165–D167. der Sozialdemokratischen Bundestagsfraktion, 8.1.1982, Betr.: Polen/Deutsch-ame­ rikanischen Verhältnis, Karsten D. Voigt. 45  E berhard Schulz, Die deutschen Frage und die Nachbarn im Osten. Beiträge zu einer Politik der Verständigung, München 1989, S. 164–179. 1982, Dok. 8, Botschafter Herbst, Paris, an das Auswärtige Amt, 6.1.1982, S. 30–33. »L’Express« wurde eine Karikatur von Schmidt als Schuhputzer von Breschnew publiziert, wo­ rüber die Opposition in der Bundesrepublik viel schrieb: H. Klein, Wohin steuert Schmidt? – Op­ fer der Entspannungsillusionen, in: Deutschland-Union-Dienst, Nr. 5, 8.1.1982, S. 5. französische Öffentlichkeit reagierte sehr emotional auf die Ereignisse in Polen, während Prä­ sident Mitterrand ein pragmatisches Verhältnis sowohl zur Volksrepublik Polen als auch zur Stra­ tegie, die die Bundesrepublik eingeschlagen hatte, entwickelte. Das brachte er im Vier-Augen-Ge­ spräch mit Schmidt im Januar 1982 eindeutig zum Ausdruck, als er davon sprach, dass die Politik Deutschlands am realistischsten sei, aber auch von 55 Millionen französischen Helden, die sich 32 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Auf die Form der polnischen Politik, aber auch das Verhältnis der SPD zu Polen hatten Informationen Einfluss, die aus kirchlichen Kreisen stammten. Die Ein­ schätzungen und Meinungen der Kirche wurden insbesondere bei Umbruch­ situationen in Betracht gezogen. Nach Verhängung des Kriegszustands berief sich die SPD gern auf Meinungen aus kirchlichen Kreisen in Polen und aus dem Va­ tikan. Die Informationsquellen wurden verwendet, um die Politiker der Volksre­ publik und deren Maßnahmen einzuschätzen. Beispielweise kam es aus Anlass des Besuchs des Primas von Polen, Józef Glemp, in Rom vom 4. bis 11. Februar 1982 49 zu einem Treffen zwischen ihm und dem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Rom, Walter Gehlhoff, bei dem die Haltung Glemps angesichts der Lage in Polen besprochen wurde. 50 Besonders interessant für die deutsche Sei­ te war seine Einschätzung von Jaruzelski und den Maßnahmen der polnischen Regierung unter dem Kriegszustand. Der Primas war der Meinung, der General stelle die letzte Chance dar, dass»Polen von Polen regiert werde«. Wenn ­Jaruzelski gestürzt werden würde, wäre mit allgemeinem Chaos zu rechnen, vielleicht mit einer Intervention von außen beziehungsweise mindestens mit Regierungen, die fremden Willen umsetzen würden. 51 Nach Glemps Ansicht war es das Ziel Jaru­ für Polen engagierten, insbesondere, da sie dafür kein Blut vergießen mussten. AAPD 1982, Dok. 20, Gespräch des Bundeskanzlers Schmidt mit Staatspräsident Mitterrand in Paris, 13.1.1982, S. 88–96. sucht Rat in einer ausweglos erscheinenden Situation, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.2.1982; Glemp: Die polnische Kirche fordert die Rückkehr zum Dialog, in: Frankfurter Allge­ meine Zeitung, 8.2.1982; ›Unser Vaterland ist krank‹, in. Die ZEIT, 12.2.1982. 1982, Dok. 45, Botschafter Gehlhoff, Rom(Vatikan), an das Auswärtige Amt, 6.2.1982, S. 218–221. Jaruzelski, der am 11. Februar 1981 zum Ministerpräsidenten der Volksrepublik Polen ernannt wurde, fand – nicht zuletzt wegen seiner Regierungserklärung – Anerkennung in den Augen der Sozialdemokraten, wovon bereits im Februar 1981 Koschnick in einem Interview für das ZDF(BPA-Nachrichtenabteilung, Rundf.-Ausw. Deutschland, ZDF/25.2.81/19.00/hjs – Heu­ te) und auf der Sitzung des Parteivorstands sprach(AdsD, NL Helmut Schmidt, 6323, Präsident des Senats, Bericht über meine Gespräche in der Volksrepublik Polen in der Zeit vom 21.2. bis 26.2.1981, Bremen, 28.2.1981). Auch Genscher, der Polen einen Monat später besuchte, war vom neuen Ministerpräsidenten sichtbar beeindruckt. Vor allem schien das, was er sagte, sehr ehrlich und überzeugend zu sein. Davon, dass Jaruzelski als Mensch wahrgenommen wurde, dem es in erster Linie um das Wohl des Landes ging, war auch auf internationaler Ebene die Rede, zum Bei­ spiel beim Treffen Genschers mit dem italienischen Außenminister Emilio Colombo oder bei bi­ lateralen Gesprächen in Washington. Von einer positiven Haltung Jaruzelskis war angeblich s­ ogar Primas Stefan Wyszyński überzeugt, wovon ein westdeutscher Diplomat sprach:»Jaruzelski ist in erster Linie Pole, ein polnischer Patriot. Das war auch die Meinung von Kardinal Wyszyński«. Perspektiven auf Helmut Schmidt 33 zelskis, eine stabile Lage im Lande zu schaffen, ohne gegen zwei polnische Dog­ men zu verstoßen: die Zugehörigkeit der Volksrepublik Polen zum Warschauer Pakt und die führende Rolle der Partei. Bei der Gelegenheit nahm Glemp auch Stellung zur Solidarność, die vom Westen als geschlossene und einheitliche Be­ wegung wahrgenommen wurde, die für die gesamte Bevölkerung repräsentativ sei. Jedoch bildeten sich in der Solidarność, und insbesondere in ihrer Führung, sehr unterschiedliche Gruppen: neben Syndikalisten gab es Opportunisten, es gab Funktionäre der PVAP, aber auch Trotzkisten, die vor allem gegen die ­UdSSR kämpfen wollten. Die Regierung war bereit, mit Wałęsa zu sprechen, der»da er seine eigenen[intellektuellen] Beschränkungen kannte«, Gespräche ohne Teil­ nahme seiner Berater und der übrigen Mitglieder des Präsidiums zu führen, nicht zustimmen wollte. 52 Die Bundesregierung und die SPD waren von der Bereit­ schaft der polnischen Kirchenhierarchie überzeugt, eine langfristige Zusammen­ arbeit mit Jaruzelski aufzunehmen und die Ereignisse vom 13. Dezember 1981 als ›kleineres Übel‹ zu betrachten. 53 Die Kirchenleitung war von seinen guten Absich­ ten überzeugt. Auch die Maßnahmen Jaruzelskis im Bereich der Gewerkschaften wurden von Kirchenkreisen positiv bewertet. Für die Kirche war das entschei­ dende Problem die Frage der Solidarność und ihrer Haltung zum Kriegszustand. Im Episkopat wurde damit gerechnet, dass die Mehrheit der Funktionäre zum gemäßigten Kurs überwechseln würde, der von Wałęsa vertreten wurde. 54 In die­ ser Zeit weckte die Tätigkeit des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter und ei­ niger anderer Funktionäre der Solidarność Vorbehalte in Kirchenkreisen. Einige Bischöfe versteckten ihren Unwillen ihnen gegenüber nicht, indem sie betonten, dass»viele von ihnen ›nicht aus polnischer Erde gewachsen sind‹«. 55 Die Meinung AAPD 1981, Dok. 253, Gespräch des Bundesministers Genscher mit dem italienischen Außen­ minister Colombo in Rom, 11.9.1981, S. 1337–1347. 1982, Dok. 45, Botschafter Gehlhoff, Rom(Vatikan), an das Auswärtige Amt, 6.2.1982, S. 218–221. beim BND analysiert wurde, würden die Gewerkschaften in Polen trotz der Beschränkungen mehr Rechte und Handlungsmöglichkeiten haben als alle anderen Gewerkschaften in den Staa­ ten des Ostblocks. AdsD, NL Herbert Wehner, 1699, Der Präsident des Bundesnachrichtendiens­ tes(Dr. Klaus Kinkel) an Vorsitzenden der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Herrn H­ erbert Wehner, MdB, 17.3.1982, Betr.: Informationen zu Polen(vertraulich). MfS, HVA 17, Information über Einschätzungen der Lage in der VR Polen durch die Krei­ se der BRD-Regierung und des Vatikans, Nr. 422/82, Berlin, 8.10.1982, Bl. 55–58. Dep. IV, 7/86, w-1, Bl. 19, Chiffretelegramm aus Rom, Nr. 2281/I/973, 11.2.1982, geheim. Besonders ungern äußerte man sich damals in Kirchenkreisen über Karol Modzelewski. Beispiels­ 34 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 und das Verhalten des Episkopats bewirkten, dass die SPD vielfach eine milde Hal­ tung gegenüber den Ereignissen in Polen zeigte. Gleichzeitig nahmen die Sozial­ demokraten eine kritische Haltung gegenüber den Funktionären und der Bewe­ gung Solidarność ein. 56 Einen gewissen Einfluss darauf, dass eine solche Haltung eingenommen wurde, hatte die Tatsache, dass die Personen, zu denen die Sozialdemokraten in Kontakt standen, nicht immer ihren Vorstellungen und politischen Standards e­ ntsprachen. Gegenüber einigen Oppositionellen war man sehr reserviert. Hier konnte die Tat­ sache von Bedeutung sein, dass in Polen aufgrund des Massencharakters der Be­ wegung die Oppositionellen unterschiedlichen Berufsgruppen und sozialen Grup­ pen angehörten. Unter ihnen waren Intellektuelle und Personen mit geringer Bildung. In der Regel befanden sich unter den Oppositionellen, zu denen die SPD gute Beziehungen unterhielt, Menschen, die zur intellektuellen Avantgarde des Landes gehörten, etwa Václav Havel in der Tschechoslowakei oder Felipe Gonzáles von der spanischen Sozialistischen Arbeiterpartei oder Mário Soares von der por­ tugiesischen Sozialistischen Partei. Diese Kriterien erfüllte Wałęsa als Arbeiter­ führer und Oppositioneller nicht. Die Opposition wurde sowohl im Hinblick auf ihre Stärke als auch auf die Persönlichkeit unterschätzt. Mit einer gewissen Irri­ tation nahmen die Sozialdemokraten wahr, dass die polnische Opposition pro­ vozierend von religiösen Symbolen Gebrauch machte und mit Religiosität Ein­ druck machen wollte. Gleichzeitig zollten sie der katholischen Kirche und der Rolle, die sich in der polnischen Bevölkerung und Politik spielte, Respekt. Dieser Widerspruch resultierte vor allem aus der Tatsache, dass die Kirche von den füh­ renden SPD-Politikern als politischer und intellektueller Partner wahrgenommen wurde, und nicht als Quelle des Glaubens, das betraf vor allem Helmut Schmidt weise berichtete Primas Glemp auf der Sitzung des Hauptrats der Polnischen Bischofskonferenz über den Verlauf eines Treffens zwischen ihm und einer Gruppe der Solidarność am 9. Dezember 1981.(Am Treffen nahmen von kirchlicher Seite teil: Primas Glemp, Pfarrer Orszulik und ­Pfarrer Piasecki. Die Solidarność vertraten: Wałęsa, Jastrzębski, Wądołowski, Modzelewski, Mazowiecki und Wielowieyski). Damals waren die Vertreter der Solidarność sehr selbstsicher, sie meinten, »die Macht liegt auf der Straße, man muss sie nur aufheben«. Bei diesen Meinungen war, gemäß dem Bericht Glemps, Modzelewski führend. Marlena Kindziuk, Kardynał Józef Glemp, Ostatni taki prymas, Warszawa 2010, S. 197–198. 56  M ałgorzata Świder, Wałęsa i inni. Opozycja solidarnościowa w ocenach polityków zachodnionie­ mieckich w latach 1980–1989, in: Krzysztof Łabędź/Małgorzata Świder(Hrsg.), Opozycja w Euro­ pie Środkowo-Wschodniej. 1945–1989, Kraków 2014, S. 303–328. Perspektiven auf Helmut Schmidt 35 und Willy Brandt, später auch Hans-Jochen Vogel. Gemäß westlichen Standards wurde die Politik von religiösen Fragen getrennt. 57 Unabhängig von der Argumentation und den Maßnahmen, die von der sozial-­ liberalen Regierung getroffen wurden, kritisierte die Weltöffentlichkeit die Hal­ tung der Regierung Westdeutschlands scharf. Man sah und beurteilte vor allem die Zurückhaltung der Sozialdemokraten und stellte sie den emotionalen Auftrit­ ten in Frankreich gegenüber, die Brandt»Phrasendrescherei über Polen« nann­ te. 58 Dies bewirkte, dass die SPD als regimefreundliche Partei eingeschätzt wur­ de, die an einem Fortbestand des kommunistischen Systems in Polen interessiert war. Eine solche Einschätzung begleitete die Sozialdemokraten praktisch bis zum Ende ihrer Regierungsverantwortung(Oktober 1982). Nachdem sie in die Op­ position gewechselt hatte, wurden Meinungen dieser Art über die SPD-Politik nicht marginalisiert, sondern noch verstärkt. Maßnahmen, die das negative SPD-Bild hätten ändern können, wurden weitab von den Reportern ergriffen. Sie liefen oft unter Nutzung von diplomatischen Möglichkeiten und der internationalen Stellung der Partei. So wurden zum Bei­ spiel von Willy Brandt Maßnahmen zugunsten der Solidarność und der Funktio­ näre des»Komitees zur Verteidigung der Arbeiter«(KOR) während des Prozes­ ses gegen die»Elf« eingeleitet. Die»Sache« in der SPD leitete bereits im Mai 1983 die Korrespondenz zwischen Heinrich Böll und Brandt ein. Der Schriftsteller Böll erhielt von Adam Michnik aus Polen Nachricht über die Inhaftierung von Oppo­ sitionellen – vier Mitgliedern des KOR(Adam Michnik, Jacek Kuroń, Zbigniew Romaszewski und Henryk Wujec) und sieben Mitgliedern der Solidarność. Es ging um eine Intervention der SPD, am besten auf diplomatischen Kanälen, und eine Mobilisierung der Staatsmänner: François Mitterrand, Felipe Gonzáles, Olof Palme und anderer Politiker der Sozialistischen Internationale, damit die polni­ sche Regierung einen geheimen Prozess unterlassen würde. 59 Das Problem der Inhaftierten wurde von SPD-Politikern mehrfach angesprochen. So traf sich Hans Koschnick, der sozialdemokratische Bürgermeister von Bremen, auf einer Polen-­ Reise(Mai 1983) mit Vertretern der Opposition in Polen, dabei wurde von den »Elf« gesprochen, aber auch davon, den Kriegszustand aus Anlass des 22. Juli auf­ 57  Ś wider, Die katholische Kirche in Polen und die SPD. rügt»unerträgliche Phrasendrescherei über Polen«, in: Frankfurter Rundschau, 24.12.1981. NL Hans-Jürgen Wischnewski ,989, Heinrich Böll an Willy Brandt, 5.3.1983. 36 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 zuheben. 60 Zum Thema der Inhaftierten wurde auch beim ersten offiziellen Be­ such einer Delegation der PVAP-Parlamentsfraktion unter Leitung von Kazimierz Barcikowski in Bonn weiter»gebohrt«. Da kam es zu einem Gespräch von Bar­ cikowski mit Hans-Jochen Vogel(26. Oktober 1983), 61 aber auch mit Brandt, den die polnische Seite über den sich verlängernden»Prozess der Elf« informierte. 62 Die Fortsetzung der Intervention in der Sache Michnik und andere stammte von Ende Januar/Anfang Februar 1984, das heißt aus der Zeit der Warschau-Reise von Wischnewski vom 31. Januar bis 5. Februar 1984. 63 Aufgrund der Maßnahmen der Kirche»hinter den Kulissen« stand die SPD auf dem Standpunkt, sich von eindeutigen Maßnahmen zurückzuhalten, bis das Einverständnis der Kirche ein­ geholt wurde. Die Botschafter der westlichen Staaten schlugen diskrete Maßnah­ men für die Inhaftierten vor, aber den Umfang dieser Maßnahmen wollte man vom Einverständnis der Kirche abhängig machen. 64 Für die SPD waren zwei As­ pekte wichtig: erstens die eventuellen Konsequenzen des Prozesses der Opposi­ tionellen. Das waren mit Sicherheit Erschwernisse bei der Normalisierung der diplomatischen Kontakte zur Volksrepublik Polen, 65 und genau auf diese Aspek­ te machte Wischnewski in den Gesprächen mit den polnischen Politikern auf­ merksam. Zweitens, die Meinung und die Maßnahmen der katholischen Kirche »hinter den Kulissen«. Die SPD kooperierte mit ihr in dieser Frage vollständig. Das Problem der»Elf« war für die Sozialdemokraten im Juli 1984 nicht mehr ak­ tuell, aufgrund der Amnestie, die entgegen den Erwartungen des Westens auch vier Mitglieder des KOR umfasste(Michnik, Kuroń, Romaszewski und Wujec). 66 NL Walter Polkehn, 202, Freie Hansestadt Bremen, Der Präsident des Senats an den Vor­ sitzenden der Bundestagsfraktion der SPD, Herrn Dr. Hans-Jochen Vogel, MdB, Bremen, 19.5.1983. NL Eugen Selbmann, 89, Aufzeichnung, Gespräch am 26. Oktober 1983. Gesprächsteilneh­ mer: Dr. Hans-Jochen Vogel, Dr. Barcikowski, Botschafter Olechowski, Frau Michalowska(Dol­ metscherin). NL Hans-Jürgen Wischnewski, 431, Aufzeichnung über die Begegnung des SPD-Vorsit­ zenden Brandt mit der polnischen Delegation unter Führung des PVAP-Fraktionsvorsitzenden Barcikowski, Bonn, den 25. Oktober 1983. NL Hans-Jürgen Wischnewski, 431, Sachstand, Betr.: Prozess gegen sieben führende Soli­ daritäts- und vier KOR-Mitglieder. NL Hans-Jürgen Wischnewski ,431, Gesprächsführungsvorschlag für die Reise MdB Wisch­ newski nach Polen am 31. Januar 1984, Bonn, den 26. Januar 1984. Instytutu Pamiêci Narodowej, BU 1585/3894, Bl. 39, Załącznik do informacji d­ ziennej z dnia 28 lipca 1984 r. Perspektiven auf Helmut Schmidt 37 Es gab auch Hilfe der Sozialdemokraten für die Berater der Solidarność, zum Bei­ spiel für Bronisław Geremek, der sich in der SPD großen Respekts erfreute, ähn­ lich wie Tadeusz Mazowiecki, der 1989 Ministerpräsident von Polen wurde. Es gab aber auch Unterstützung für andere Oppositionsfunktionäre. 67 Ein charakte­ ristisches Element für die SPD-Unterstützung war, dass sie Personen gewährt wurde, und das unabhängig davon, ob Parteimitglieder oder Oppositionelle, die­ se als gemäßigt in ihren Ansichten und politisch der Sozialdemokratie naheste­ hend angesehen wurden. In der Konsequenz dessen wurde im Jahr 1989 organi­ satorische und materielle Unterstützung nur einem Teil der Opposition gewährt, von der man wusste, dass sie sozialdemokratische Ansichten hatte, wobei man sich gleichzeitig von jenen Gruppen in der PVAP distanzierte, die bisher als fort­ schrittlichste und mit der Sozialdemokratie sympathisierende Gruppen von der SPD unterstützt worden waren. Ein Beispiel für ein solches Verhalten, das eigent­ lich ein Bruch mit dem zuvor geltenden Grundsatz der Kontinuität guter Bezie­ hungen war, war das Verhältnis der SPD zu Mieczysław Rakowski in der zweiten Hälfte des Jahres 1989. 68 Ein zweites Kriterium, um Hilfe für Oppositionelle zu leisten, war Diskretion zu bewahren. Leider garantierten die Funktionäre der Solidarność keine Diskretion, wovon Pressemeldungen aus dem Jahr 1984 zeugten. Es ging um einen vom Si­ cherheitsdienst abgefangenen angeblichen Brief von Jerzy Milewski an Bogdan Lis. In ihm war die Rede von finanzieller Unterstützung des Westens im Gegen­ zug für den Boykott der Wahl zur Selbstverwaltung, die für den 17. Juni 1984 ge­ plant war. Zwar war die SPD nicht die»Hauptangeklagte« in der Pressekampag­ ne, die vom damaligen Regierungssprecher Jerzy Urban geführt wurde, jedoch fielen die Namen sowohl von Wischnewski als auch von Erwin Kristoffersen vom DGB in den»Sensationsmeldungen« der»Trybuna Ludu« vom 13. Juni 1984. Das SPD ergriff auch Maßnahmen bei der Inhaftierung von Edmund Bałuka(1933–2015). Um eine Milderung seines Schicksals bemühten sich vier Bundestagsabgeordnete aus Köln, worüber der Sekretär für internationale Angelegenheiten des SPD-Vorstands, Hans-Eberhard Dingels, den Fraktionsvorsitzenden informierte. AdsD, NL Eugen Selbmann, 170, Internationaler Sekretär Hans-Eberhard Dingels, Vermerk an Hans-Jochen Vogel, Betr.: Dein Gespräch mit dem polni­ schen Geschäftsträger Witold Sędziwy am 7. Juni 1983, Bonn, 6.6.1983. 68  M ałgorzata Świder, 1989 – rok przełomu i relacje polsko-niemieckie. Wsparcie SPD dla ­Komitetu Obywatelskiego»Solidarność«, in: Jerzy Karnaś/Łukasz Danela(Hrsg.), 25 lat polskiej transfor­ macji systemowej. Dokonania i wyzwania, Kraków 2014, S. 289–300. 38 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 reichte, um in Bonn in den Gewerkschafts- und Parteikreisen Bestürzung her­ vorzurufen. 69 Während der Gespräche von Stephan Thomas mit Geremek(im Au­gust 1984) konzentrierte man sich auf die Haltung der SPD zur Solidarność. 70 Da wurde die Bestürzung, die in Bonn aufgrund der Missverständnisse zwischen SPD und Solidarność herrschte, nach Warschau übermittelt. Es ging vor allem um die Kritik an einigen Maßnahmen und Gesten der Sozialdemokraten. Die Kritik, die von der Solidarność vorgebracht wurde, resultierte wahrscheinlich da­ raus, dass sie die spezifischen Beziehungen zwischen der Volksrepublik Polen und der Bundesrepublik Deutschland nicht verstanden und die jeweiligen Ereignisse und Treffen nicht richtig einschätzen konnten. In diesem Fall ging es um die Be­ suche von Wehner und Wischnewski und die von ihnen geführten Gespräche auf der höchsten Ebene von Partei und Staat. Bei der Gelegenheit wurde der Brief von Milewski an Lis eine»geschwätzige Nachricht« und»ein dilettantischer Ver­ such, Einfluss auf die Haltung von SPD und DGB zu nehmen«, genannt. 71 Mit Si­ cherheit negativ wurden in Warschau die Äußerungen einiger SPD-Politiker auf­ genommen, die kritisch über die Lage in Polen und die Position der Solidarność sprachen. Unter anderem forderte Wischnewski nach Gesprächen mit der Regie­ rung und Erzbischof Dąbrowski die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen Polen und sprach von seiner Enttäuschung über die Haltung und Tätigkeit der Solidarność, die mit überzogenen gesellschaftlich-politischen Forderungen auf­ trat. 72 Trotz vieler Vorbehalte gegenüber der Solidarność kam es zu Treffen von SPD-Po­ litikern mit Funktionären der Opposition. Sie fanden in der Botschaft der Bun­ desrepublik Deutschland statt. Zu den dort organisierten Cocktail-Partys für die Presse wurden die entsprechenden Personen eingeladen. 73 Die Sozialdemokraten vermieden bei den Kontakten zur Opposition Aufsehen und bevorzugten die stil­ le Diplomatie. Außerdem richtete sich die SPD nach den Meinungen und Rat­ NL Eugen Selbmann, 171, Szenario einer politischen Affäre zwischen Ost und West. Per­ sönlich/Vertraulich. NL Horst Ehmke, 454, Gespräch mit Prof. Geremek. NL Walter Polkehn, 204, AP-120 4, Wischnewski fordert Aufhebung der Sanktionen gegen Polen. Ernüchterung über Arbeit der Gewerkschaft»Solidarität«. NL Eugen Selbmann, 151, Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, Warschau, Herrn Eugen Selbmann, SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Warszawa, 24.10.1984. Perspektiven auf Helmut Schmidt 39 schlägen, die sie diskret von der katholischen Kirche erhielt. Das kann man als Beispiel für die Kontinuität der Haltung der Sozialdemokraten ansehen. Ein Bei­ spiel dafür, sich derart den Ratschlägen der Kirche»unterzuordnen«, war die Ent­ scheidung, dass der SPD-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Hans-­ Jochen Vogel, bei seinem Warschau-Besuch im November 1984 das Grab von Pfarrer Jerzy Popiełuszko nicht aufsuchte. 74 In der Vorbereitungsphase des Be­ suchs wurde geplant, das Grab des ermordeten Priesters zu besuchen und das entgegen der Haltung der polnischen Regierung. Erst nach einem Gespräch mit Erzbischof Dąbrowski wurden diese Pläne aufgegeben. 75 Vogel würdigte die sym­ bolische Bedeutung des Todes von Pfarrer Popiełuszko, was er bei der Sitzung der SPD-Fraktion am 12. November 1984 zum Ausdruck brachte. Da sprach er da­ von, dass dieser Mord dazu beigetragen habe, die»politisch absterbende Solidar­ ność wieder zu beleben«, sagte aber gleichzeitig auch, dass dies den Impuls zur weiteren Destabilisierung der Lage in Polen gegeben habe. Persönlich sah er kei­ ne vernünftige Alternative zum politischen Kurs von Jaruzelski. 76 Die Haltung Vogels traf auf große Kritik vonseiten der Opposition, insbesondere da es damals nicht zu einem Treffen mit Führern der Solidarność kam. 77 Leopold Unger schrieb in der in Paris herausgegebenen»Kultura«: »Er wurde empfangen und drückte die Hand von General Jaruzelski und einiger an­ derer Würdenträger. Er drückte weder die Hand polnischer Arbeiter noch des No­ belpreisträgers, des Führers der authentischsten Massen- und Arbeitergewerkschaft in Europa noch irgendeines seiner Berater. Er begab sich nicht an das Grab von Pfar­ rer Popiełuszko, dem Märtyrer für die Sache der Arbeiter.[...] Vogel hat das Bild von Brandt auf Knien im Ghetto aus der Erinnerung der Polen gelöscht. Oder anders ge­ sagt: Die Juden vergessen Brandt seinen Besuch im Ghetto nicht, die Polen verges­ sen Vogel die Nichtanwesenheit am Grab von Popiełuszko nicht. Das ist ein großer Schaden für die Atmosphäre der Beziehungen nicht zwischen der SPD und der PVAP, sondern der Beziehungen zwischen Deutschen und Polen«. KC PZPR, Wydz. Zagr. 1104, Notatka nt. przebiegu wizyty Przewodniczącego Frakcji SPD w Bundestagu, Hansa-Jochena Vogla. 75 » mir auch der Episkopat von einem Grabbesuch abriet, habe ich schließlich darauf verzich­ tet«. AdsD, NL Horst Ehmke, 622, Hans-Jochen Vogel an Herrn Thomas Meyer, Gustav-Heine­ mann-Akademie, Bonn, den 14. Januar 1986. Dep. IV 38/87 w-4, MSZ, Szyfrogram nr 2625/IV/5489 z Kolonii, dn. 14 listopada 1984, tajne. 77  L eopold Unger, Widziane z Brukseli, in: Kultura 1985, 1/448, S. 148–149. 40 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Enttäuschung über die Haltung von Vogel brachte auch Mazowiecki beim Tref­ fen mit Brandt im Klub der Katholischen Intelligenz im Dezember 1985 zum Aus­ druck. Erst im Jahr 1987 legte der neue SPD-Vorsitzende Vogel bei einem offiziel­ len Besuch in Warschau Blumen am Grab von Pfarrer Jerzy Popiełuszko nieder. 78 Ein zweites Ereignis, das wesentlichen Einfluss auf die Wahrnehmung der SPD durch die Solidarność-Opposition hatte, war der Verlauf des Besuchs von Willy Brandt im Jahr 1985 in Warschau, und vor allem die Weigerung des SPD-Vorsit­ zenden, sich mit Wałęsa zu treffen. 79 Wie die Agentur dpa meldete, lehnte Brandt es ab, mit Wałęsa in Danzig zusammenzukommen, wobei er mit dem straffen Zeitplan des Besuchs argumentierte. Zugleich schloss er ein Treffen nicht aus, es sollte allerdings in Warschau stattfinden. 80 Eine solche zweideutige Haltung zeug­ te davon, dass die SPD versuchte, mediale Kritik in der Bundesrepublik 81 und Imageschäden zu beschränken. 82 Das war jedoch außerordentlich schwierig, auf­ grund der scharfen Kritik der Opposition, die ankreidete, dass Brandt keinen di­ rekten Kontakt zu Wałęsa hatte, aber auch, dass ein Treffen des SPD-Vorsitzen­ den mit dem General geplant war. Die Oppositionellen schrieben einen offenen Brief an Brandt, der sowohl in der bundesrepublikanischen Presse 83 als auch in KC PZPR LXXVII-58, Bl. 52–73, Informacja o wizycie Przewodniczącego Socjaldemokra­ tycznej Partii Niemiec. 79  M ałgorzata Świder, Die Kontakte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands(SPD) zur Pol­ nischen Vereinigten Arbeiterpartei(PZPR). Der Besuch Willy Brandts in Warschau im Dezem­ ber 1985, in: Auskunft. Zeitschrift für Bibliothek, Archiv und Information in Norddeutschland 33 (2013), H. 1, S. 91–123. Brandt: Würde Walesa in Warschau treffen, 19.11.1985. trifft nicht Walesa, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.1985; dpa, Walesa bleibt bei seiner Einladung an Brandt nach Danzig, 9.11.1985. erschienen auch offene Briefe deutscher Persönlichkeiten, etwa»Ins Kartell eingereiht« – ein offener Brief, der die Haltung Brandts kritisierte, der von Hans Christoph Buch, einem Autor und Journalisten, geschrieben und am 27. November in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht wur­ de. erste war ein Brief der»Regionale Exekutivkommission der NSZZ Solidarność Mazowsze«, unterschrieben von Zbigniew Bujak, Konrad Bieliński, Wiktor Kulerski und Jan Lityński, in dem Brandt vorgeworfen wurde, seine Politik rufe eine Stimmung des Misstrauens hervor. Indem er mit der PVAP kooperiere, missachte er die Unabhängigkeitsbestrebungen des polnischen Volks. Der zweite war der offene Brief von Professor Edward Lipiński, Gründungsmitglied des KOR, und der dritte ein Brief von Kornel Morawiecki, dem Vorsitzenden der»Kämpfenden Solidarność«. dpa, Polnische Opposition kritisiert Politik der SPD, 28.11.1985; H.[erbert] Kremp, Polnische Brie­ fe, in: Die Welt, 29.11.1985; Aus der»Solidarität« Kritik an Brandt und seiner Partei, in: Die Welt, 29.11.1985. Perspektiven auf Helmut Schmidt 41 der polnischen Exilpresse veröffentlicht wurde, in der sie ihn beschuldigten,»kei­ ne authentischen Vertreter der polnischen Bevölkerung zu kennen«, aber auch, »seine Verdienste um den deutsch-polnischen Dialog zunichte zu machen«. 84 Die Kritik der Solidarność und der Oppositionsgruppen traf auf Unverständnis bei der SPD und auf eine scharfe Reaktion Brandts. Der Opposition warf er man­ gelnde Professionalität vor, worüber er sowohl mit Primas Glemp als auch beim Treffen mit Oppositionellen sprach, die im Klub der Katholischen Intelligenz ak­ tiv waren(8. Dezember 1985). 85 Brandt sah zwar keinen Bedarf, Wałęsa zu kontaktieren, verstand aber das T­ reffen mit Glemp, neben den Gesprächen mit Jaruzelski, als Höhepunkt seines Warschau-­ Besuchs. In der SPD herrschte die Überzeugung vor, dass es, um seine Autorität zu bewahren, sowohl in Oppositionskreisen in Polen als auch auf internationaler Ebene, zu einem Treffen mit Würdenträgern der katholischen Kirche in Polen kommen musste. 86 Höchstwahrscheinlich waren Brandt und sein Umfeld über­ zeugt, dass sie sehr viel für die Solidarność-Opposition getan hätten. Brandt war vermutlich der Ansicht, dass sein Treffen mit Glemp und Mitgliedern des Klubs der Katholischen Intelligenz, das heißt, mit bedeutenden Personen und Kräften der Opposition, ein tatsächliches Treffen mit der Opposition gewesen sei, und nicht nur eine Propagandageste. In den SPD-Dokumenten gab es keine kritischen Worte gegenüber der Opposition. Während des Besuchs der Delegation wurde sogar die Frage von Hilfe für diese Gruppe vorgebracht. Es wurde unter anderem über eine Unterstützung für Professor Geremek gesprochen, der aus seiner Ar­ beit in der Polnischen Akademie der Wissenschaften entlassen wurde. 87 84  A ndrzej J. Chilecki, Kronika niemiecka, in: Kultura 1986, 1/460–2/461, S. 191–192. DGB-Archiv, Internationale Abteilung, 344, Betr.: Besuch SPD-Vors. BK a.D. Brandt. SPD-PV, 3.1 Länder, Hans Koschnick an Karl-Heinz Klär, Büro des Vorsitzenden der SPD, 10.9.1985. der Pariser»Kultura« erschien eine Notiz darüber, dass an die Botschaft der Volksrepublik Po­ len in Köln ein Protestschreiben von mehr als hundert deutschen Wissenschaftlern gegen die Ent­ lassung von Bronisław Geremek aus der Polnischen Akademie der Wissenschaften geschickt wor­ den war. Andrzej J. Chilecki, Kronika niemiecka, in:»Kultura« 1985, 7/454–8/455, S. 135; darüber, dass Brandt in der Sache polnischer Wissenschaftler intervenieren werde, informierte Vogel die bundesrepublikanische Presse, wobei er sich gegen Vorwürfe wehrte, der Opposition in Polen ge­ genüber unwillig eingestellt zu sein. Humanitäre Anliegen Brandts in Warschau, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.12.1985; ein anderer Wissenschaftler, der sich um Unterstützung in der Bundesrepublik bemühte, war Janusz Onyszkiewicz, der als Mathematiker und wissenschaftlicher Assistent der Universität Warschau bereits im Jahr 1984 über Klaus Reiff und die Friedrich-Ebert-­ 42 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Die kritische Einschätzung des Polen-Besuchs von Brandt im Jahr 1985 vertiefte Timothy Garton Ash, der außerordentlich negativ von den Umständen dieses Be­ suchs sprach und die Vorgehensweise des Vorsitzenden sehr scharf bewertete. 88 Seine Bewertung ist nicht völlig begründet, insbesondere, wenn man Brandts Ak­ tivitäten hinter den Kulissen für die Opposition und die politischen Häftlinge be­ rücksichtigt, aber auch die realen Möglichkeiten, für einen Führer einer politi­ schen Partei aus dem Westen, in Polen tätig zu werden. 89 Die Regierung der Volksrepublik Polen war zufrieden, dass es nicht zu einem Treffen mit Wałęsa kam. Nach Einschätzung der Auslandsabteilung des ZK der PVAP»gab Brandt dem Druck antisozialistischer Kräfte in Polen und antikom­ munistischer Zentren im Westen nicht nach. Er konnte allerdings die Worte der Kritik und das Durcheinander rund um seine Person und den geplanten Besuch nicht völlig auf die leichte Schulter nehmen. Er führte also ein paar Gesten aus, die ihm ein politisches Alibi verschafften, z.B. die Korrespondenz mit Wałęsa oder das Treffen mit dem KIK«. 90 Bei der Bewertung des Verhaltens von Brandt und der Haltung der Sozialdemo­ kraten gegenüber der Solidarność und Polen im Dezember 1985 sind die Verän­ derungen in der UdSSR zu beachten, die nach der Machtübernahme von Michail Gorbatschow eintraten. Sie waren für die SPD insofern interessant, als man be­ schloss, sie zu unterstützen. Das bedeutete – ähnlich wie zu früheren Zeiten – eine Unterstützung für den»Reformflügel« in der PVAP, der gewährleistete, dass das Land auf den Weg von Reformen und politischem Pluralismus gebracht wur­ de. 91 Ruhe in Polen, Unterstützung für die»Mannschaft« von Jaruzelski und sei­ ne Pläne für Veränderungen waren eine Sicherung für Gorbatschow, der nicht nur Stiftung um ein Stipendium in der Bundesrepublik bat. Diese Frage übernahm die DGB-nahe Stif­ tung – die Hans-Böckler-Stiftung. AdsD, DGB-Archiv, 292, Betr.: Stipendium für Herrn Janusz Onyszkiewicz, Warszawa, 26. Juni 1985. 88  T imothy Garton Ash, Im Namen Europas. Deutschland und der geteilte Kontinent, München/ Wien 1993, S. 484. 89  M ałgorzata Świder, Willy Brandt w Warszawie- grudzień 1985 r., in: Śląski Kwartalnik History­ czny Sobótka 2010, Nr. 2, S. 245–267. KC PZPR, Wydz. Zagr. 950/50(1114), Informacja o rozmowach I Sekretarza KC PZPR tow. W. Jaruzelskiego z Przewodniczącym SPD W. Brandtem, hier: Uwagi końcowe i wnioski. 91  E rhard Cziomer, ZSRR wobec przemian politycznych w Europie Środkowo-Wschodniej, in: Jerzy Hausner/Tadeusz Klementowicz(Hrsg.), Łagodna agonia realnego socjalizmu. Mechanizmy poli­ tyczne życia społecznego w Polsce w latach osiemdziesiątych, Warszawa 1991, S. 274–282. Perspektiven auf Helmut Schmidt 43 von Perestroika und Beschleunigung sprach, sondern auch Gespräche an der Spit­ ze führte, wodurch er die Ausweglosigkeit bei den Abrüstungsbemühungen, die weiterhin bestand, überwand(im November 1985 kam es zum ersten Treffen von Gorbatschow mit US-Präsident Ronald Reagan in Genf). 92 Dies war – aus Sicht der damaligen SPD – überaus interessant und unterstützenswert. Ein weiteres wichtiges Element der Beziehungen der SPD zu Polen waren wirt­ schaftliche Fragen. Nach Meinung der Sozialdemokraten waren sie das Schlüssel­ element bei der Lösung des polnischen Problems in den ersten Monaten des Pro­ tests. Das betraf den Abbau sozialer Spannungen genauso wie die Verhinderung der drohenden sowjetischen Intervention. 93 Ab Dezember 1980 arbeiteten die NATO-Staaten einen Handlungsplan aus, der unter anderem die Anwendung von Wirtschaftssanktionen vorsah, falls Warschauer-Pakt-Truppen militärisch in Po­ len eingreifen würden(Contingency Planning – Eventualfallplan). 94 Damit die Spannungen nicht eskalierten und disziplinierende Maßnahmen eingeleitet wür­ den, wurde versucht, die Wirtschaft der Volksrepublik vor dem völligen Zusam­ menbruch zu bewahren. Die Wirtschaftshilfe wurde als Beispiel der sogenannten »positiven Abschreckung« angesehen. Ab Mitte Januar 1981 hatte diese Taktik Priorität bei den Maßnahmen der sozial-liberalen Regierung. Manchmal vermit­ telten die Sozialdemokraten bei den Kontakten von Vertretern polnischer politi­ scher Kreise zu Banken. Ein solches Beispiel sind die Maßnahmen, die im Juni 1981 auf Initiative von Wehner ergriffen wurden, die mit Bundeskanzler Schmidt besprochen und abgestimmt wurden. Dabei kam es zu einem Treffen der polni­ schen Delegation mit dem Vorsitzenden der Bank für Gemeinwirtschaft über wei­ tere Kredite zum Kauf von Rohstoffen. 95 Das bedeutete konkrete Schritte nicht nur gegenüber deutschen Banken. Es gab auch Maßnahmen zugunsten Polens im Rahmen der EWG, NATO sowie bei bilateralen Treffen und Konsultationen. Dieses Engagement führte in vielen Fällen dazu, dass Polen neue Kredite und 92  E rhard Cziomer, Przesłanki konfliktu Wschód–Zachód na przełomie lat 80. i 90. oraz skutki jego przezwyciężenia, in: Międzynarodowe stosunki polityczne, Kraków 2008, S. 239–258. Patrizia Hey, Die sowjetische Polenpolitik Anfang der 1980er Jahre und die Verhängung des Kriegsrechts in der Volksrepublik Polen. Tatsächliche sowjetische Bedrohung oder erfolgreicher Bluff?, Berlin 2010. 1980, Dok. 367, Aufzeichnung des Ministerialdirektors Fischer, S. 1899–1904. Dep. IV 46/83, w-3, Chiffretelegramm 3349/II vom 28.6.1981. 44 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Bürgschaften gewährt wurden. 96 Dies fand deutliche Anerkennung in Regierungs­ kreisen in Warschau und scharfe Kritik von der parlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik und von der Solidarność in Polen. Die Christdemokraten beschuldigten, ähnlich wie die Solidarność, die SPD, den Kommunismus zu un­ terstützen. Die Opposition in Polen war dagegen, dass der Regierung Kredite ein­ geräumt wurden, die das kommunistische System in der Volksrepublik Polen »künstlich am Leben hielten«. 97 Diese Formulierungen trafen bei den Sozialdemo­ kraten auf kein Einverständnis. Für die Bundesrepublik, die ihren Wohlstand in bedeutendem Maße aus dem Export schöpfte, waren die wirtschaftlichen Bezie­ hungen zum Osten wichtig, was kein unwesentliches Argument war, die Kräfte zu unterstützen, die ihre Kontinuität und Weiterentwicklung garantierten. Darum schaute man in Bonn mit größerer Sympathie auf jene Kräfte in der PVAP, die von einer Wirtschaftsreform sprachen. Die Sozialdemokraten brauchten Handels­ partner für Deutschland(insbesondere zu Zeiten einer globalen Krise), die nicht nur Waren importierten, sondern auch für sie bezahlten. Die Solidarność wurde in erster Linie als Kraft wahrgenommen, die Streik als politische Waffe nutzte. Wenig schmeichelhaft äußerte man sich über die Wirtschaftsmaßnahmen der SPD und der sozial-liberalen Regierung, insbesondere nachdem der Kriegszustand in Polen verhängt wurde. Die Zurückhaltung bei Deklarationen bezüglich der Ver­ hängung von Wirtschaftssanktionen, aber auch die Entscheidung, die Finanzund Exportverbindlichkeiten gegenüber der UdSSR und Polen in Kraft zu l­assen, 98 wurden nicht nur von den USA und der Weltöffentlichkeit, sondern auch von der Opposition in der Bundesrepublik, 99 der polnischen Regierung und der Solidar­ 1981, Dok. 229, Aufzeichnung des Ministerialdirektors Fischer, 10.8.1981, S. 1216–1218; AADP 1981, Dok. 290, Gespräch des Bundeskanzlers Schmidt mit Staatspräsident Mitterrand in Latche, 8.10.1981, S. 1553–1565. solche Formulierung verwendete Zbigniew Bujak, Vorsitzender der NSZZ Solidarność, Re­ gion Mazowsze, der während seines offiziellen Besuchs in der Bundesrepublik im September 1981 Gespräche mit Vertretern von westdeutschen Banken führte. Regierung Schmidt/Genscher entschied sich, die Wirtschaftshilfe fortzusetzen, obwohl der Bundestag eine Resolution verabschiedet hatte, die dazu aufrief, die Hilfe für Polen einzustellen. Die SPD-Politiker gingen davon aus, dass die Wirtschaftsrestriktionen die Bevölkerung treffen, nicht jedoch die Machthabenden selbst. Opposition forderte von der Bundesregierung, jegliche Hilfe so lange einzustellen, wie das Re­ gime in Polen»Tausende Menschen in Konzentrationslagern einsperre« und»auf Arbeiter schie­ ßen lasse«. Perspektiven auf Helmut Schmidt 45 ność kritisiert. 100 Selbstverständlich interpretierte jede der beteiligten Parteien die Entscheidungen der sozial-liberalen Regierung und SPD auf ihre eigene Weise. • Die USA und die westliche Öffentlichkeit hielten die Haltung Deutschlands für zu milde und zu wohlwollend gegenüber der UdSSR. Es hieß, sie sei den An­ sichten des Vatikans näher als Washingtons. • Jaruzelski und seine Genossen hingegen sahen in den Deklarationen und Maß­ nahmen der Schmidt/Genscher-Regierung, dass diese sich zu sehr dem ame­ rikanischen Diktat beugten. • Die Opposition in Polen dagegen kritisierte die Maßnahmen und die»kühle Haltung« Bonns, indem sie diese in Kontrast zu den emotionalen Auftritten in den USA oder auch in Frankreich setzten. 101 Basierend auf den Weltprotesten gegen den Kriegszustand, den gegenüber der Volksrepublik und der UdSSR verhängten Sanktionen, aber auch auf der Kritik an der Jaruzelski-Regierung, kamen in Warschau alte Ängste aus dem Kalten Krieg wieder hoch. Das hatte zur Folge, dass in Kreisen der Diplomatie und der Regie­ rung die westdeutschen Maßnahmen sehr kritisch bewertet wurden. Oftmals wur­ den dabei ihr Sinn und ihre Aussage völlig entstellt. Ihnen zufolge waren die hu­ manitäre Hilfe und die Unterstützung für die Solidarność zweckgerichtet, um nicht nur die negative Bewertung der Deutschen zu verändern, aber vor allem, wie es im Jargon des Kalten Kriegs formuliert wurde,»um die polnische Wach­ samkeit zu mindern«. Die Verschuldung der Volksrepublik bei westdeutschen Banken wurde als Vorsatz der Bundesrepublik interpretiert, um Polen»in die deutsche Finanzfalle tappen zu lassen« und wirtschaftlich-finanziell von der Bun­ desrepublik abhängig zu machen. Die wachsenden Verbindlichkeiten gegenüber deutschen Banken nannte man»ein günstiges Mittel, um politischen Druck auf unser Land auszuüben«. 102 Reaktion der USA auf die Haltung des Bundeskanzlers angesichts der Ereignisse in Polen sie­ he: AAPD 1982, Dok. 2, Gespräch des Bundeskanzlers Schmidt mit dem amerikanischen Vize­ präsidenten Bush in Washington, 5.1.1982, S. 6–9. Vgl. Schmidt, Menschen und Mächte, S. 310. 101  B esier, Deutsche Sozialdemokratie und polnische Opposition. dep. IV, 7/86, w-3, Stan i perspektywy stosunków PRL-RFN w kontekście realizacji założeń polityki zagranicznej państwa. Załącznik do pisma D. IV RFN-0-22-4-82, Bl. 39–56. 46 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Die Haltung der SPD überzeugte und befriedigte praktisch keine der Parteien. Die Politik, die die SPD betrieb, rief nicht nur internationale Kritik hervor. Sie traf oftmals auch auf Unverständnis unter den eigenen Mitgliedern. Das distan­ zierte Verhältnis zu Polen wurde in den Reihen der Partei kritisiert und trug dazu bei, dass sich die Spaltung in der SPD vertiefte. Eine aktive Politik, die die Ost-­ West-Beziehungen gestaltete, der Wille, die Rolle eines»Vermittlers«,»Transmis­ sionsriemens« beziehungsweise»Dolmetschers« in den Beziehungen zwischen Moskau und Washington zu spielen, 103 vor allem aber, die Position des wichtigs­ ten europäischen Partners für die USA genauso wie für die UdSSR einzunehmen, reichte nicht aus, um den Zerfall der Koalition und den Verlust der Macht zu ver­ hindern. Zudem gab es in der Koalition wachsende Auseinandersetzungen über Haushalts- und Wirtschaftsfragen. 104 Die steigende internationale Bedeutung, das Engagement der SPD in den Bezie­ hungen zur DDR, aber vor allem, dass die Bundesrepublik in den Rang eines ›glaubwürdigen‹ und wichtigen Partners der USA und der UdSSR aufgerückt war, wurden im polnischen Außenministerium einer Analyse unterzogen. Die polni­ sche Diplomatie nahm einerseits ungern eine solche ›Wertschätzung‹ Deutsch­ lands hin, insbesondere dessen hervorgehobene Position in den Gesprächen der beiden Großmächte. Andererseits wandte man sich vielfach an sie, mit der Bitte, zu helfen und in den internationalen Beziehungen zu vermitteln. Gern bezog man sich auf die Position der SPD auf internationaler Ebene und in der Sozialistischen Internationale, aber auch auf deren gute Beziehungen zur französischen und ita­ lienischen Regierung. Grundlegende Ängste bezüglich der Grenzfragen und ei­ ner eventuellen Wiedervereinigung blieben jedoch bestehen. Man fürchtete, dass sich die Position der Bundesrepublik so weit stärken würde, dass Deutschland ei­ genständig über sich entscheiden könnte. Das würde eine Gefährdung für die Existenz des polnischen Staats und Volks darstellen. Im polnischen Außenminis­ terium schätzte man, dass die SPD Polen als Mittel zu ihrer Deutschlandpolitik instrumentalisieren würde. Die Normalisierung der deutsch-polnischen Bezie­ hungen war kein eigenständiger Wert, sondern Teil einer größeren Strategie, ­deren Ziele unverändert blieben. Man glaubte, dass die SPD ihre guten Beziehungen zur 103  S tefan Creuzberger, Westintegration und neue Ostpolitik. Die Außenpolitik der Bonner R­ epublik, Berlin/Brandenburg 2009, S. 128. 104  Ś wider, Die katholische Kirche in Polen und die SPD, S. 84ff. Perspektiven auf Helmut Schmidt 47 UdSSR ausnutzen wollte, um die»Infrastruktur der innerdeutschen Bande« zu stärken und ihnen dauerhaften Charakter zu verleihen, der von den Ost-West-­ Spannungen unabhängig wäre. Infolge der sozialen Spannungen, wirtschaftlichen Schwierigkeiten und insbeson­ dere nach Verhängung des Kriegszustands im Dezember 1981 schwanden die Be­ deutung und die Position der Volksrepublik auf internationaler Ebene. Das be­ traf sowohl die Beziehungen zu den westlichen Staaten als auch zu den Staaten des Ostblocks. Diese Situation führte dazu, dass manches Mal radikale Konzep­ tionen entstanden, die an längst vergangene Zeiten erinnerten. 105 Zum Beispiel kamen im polnischen Außenministerium Ängste auf, dass die Stellung Polens als zweiter Partner nach der UdSSR in den Ost-West-Beziehungen von der DDR ein­ genommen werden würde, und dass die DDR gemeinsam mit der Bundesrepu­ blik eine eigene Politik entwickeln würde, die auf die Wiedervereinigung abzie­ len würde. Darum war es, im Hinblick auf die geopolitischen Realverhältnisse, die wichtigste Aufgabe der polnischen Diplomatie und Politik, die Teilung Deutsch­ lands aufrechtzuerhalten und es wirtschaftlich an Polen und den»Rat für gegen­ seitige Wirtschaftshilfe«(RGW) zu binden. 106 Diese Ansichten erinnerten an Über­ legungen der 1960er-Jahre. Es fehlte auch nicht an radikaleren Meinungen. In einer Ausarbeitung von Mai 1982 findet sich sogar die Behauptung, dass für Po­ len der Sieg im Zweiten Weltkrieg nicht auf den 8. Mai 1945 datiert werden soll­ te. Stattdessen auf den 7. Oktober 1949, also mit der Gründung der DDR. Die Teilung Deutschland war für Polen lebenswichtig. 107 In den 1980er-Jahren änderte sich die Wahrnehmung Deutschlands und der Deut­ schen durch die Öffentlichkeit in Polen, insbesondere durch die junge Genera­ tion. Sie sah in der Bundesrepublik keine Gefahr. Das war nicht nur der Effekt eines Generationswechsels und fehlenden Kriegserfahrungen, sondern auch der Normalisierungspolitik, die in den 1970er-Jahren eingeleitet wurde. Kontakte zwi­ 105  D ieter Bingen, Kontinuität und Wandel. Die Bonner Polenpolitik von den Anfangsjahren bis zum Freundschaftsvertrag von 1991, in: Jan-Pieter Barbian/Marek Zybura(Hrsg.), Erlebte Nachbar­ schaft. Aspekte der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, Wiesbaden 1999, S. 35– 56. 106  J erzy Holzer/Józef Fiszer(Hrsg.), Stosunki polsko-niemieckie w latach 1970–1995. Próba bilansu i perspektywy rozwoju, Warszawa 1998, S. 137–155. dep. IV, 7/86, w-3, Stan i perspektywy stosunków PRL-RFN w kontekście realizacji założeń polityki zagranicznej państwa. Załącznik do pisma D. IV RFN-0-22-4-82, Bl. 39–56. 48 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 schen den Bürgern, Kulturaustausch, Städtepartnerschaften trugen dazu bei, dass die schlechte Meinung über die Bundesrepublik abgemildert wurde. 108 Ein wich­ tiges Element der Meinungsbildung über die Deutschen war die humanitäre Hil­ fe, die die deutsche Bevölkerung geleistet hatte. Auch das Vorhandensein einer sogenannten deutschen Lobby, zu der in der Analyse des Außenministeriums ei­ nige Journalisten, Kulturschaffende und sogar Politiker gezählt wurden(zum Bei­ spiel Mieczysław Rakowski und Ryszard Wojna), begünstigte, dass sich das Image von Deutschland veränderte. In dieser Zeit brach auch antisowjetische Stimmung aus und wurde offen artikuliert. Das bewirkte, dass das Hauptargument für die politische und militärische Annäherung an die UdSSR(die deutsche Gefahr) an Bedeutung verlor. In dieser Situation lässt sich leicht erklären, warum der Aus­ tausch von Kindern und Jugendlichen oder auch Städtepartnerschaften, die zu informellen und nicht institutionalisierten deutsch-polnischen Kontakten führen konnten, auf so viele Hindernisse stießen. Aber auch, warum die Regierung der Volksrepublik die individuelle humanitäre Hilfe, die aus der Bundesrepublik strömte, so ungern sah. Nachdem die SPD in die Opposition gewechselt war, wurden die Beziehungen der polnischen Regierung zur SPD nicht eingestellt, aber veränderten sich in gewis­ ser Weise. Die Kontakte wurden auf die Parteiebene und die Zusammenarbeit der SPD-Bundestagsfraktion und der PVAP-Fraktion im Sejm verlegt. 109 In Polen schätzte man sowohl die Bedeutung dieser Partei auf internationaler Ebene als auch deren Möglichkeit, die Innenpolitik der Bundesrepublik zu beeinflussen. Man wollte also die politischen Kontakte zur SPD ausnutzen, um Druck auf die christdemokratisch-liberale Regierung auszuüben, indem die Abweichung der Haltung der parlamentarischen Opposition hervorgehoben und auf diese Weise die Position Warschaus gestärkt wurde. Man sah auch den Bedarf, korrekte Be­ ziehungen zur SPD aufrechtzuerhalten. Es wurde langfristig gedacht und geplant. Im Hinblick auf personelle Veränderungen wollte man die Kontakte zu denjeni­ 108  J ohannes Grotzky, Fremde Nachbarn, Der Osten und Südosten Europas Ende des 20. Jahrhun­ derts, 2. Aufl., Norderstedt 2012, S. 177ff. Fraktionsvorsitzende der PVAP im Sejm, Kazimierz Barcikowski, machte vom 24. bis 28. Oktober 1983 den ersten offiziellen Besuch seit Verhängung des Kriegsrechts in Bonn, auf Ein­ ladung der SPD-Bundestagsfraktion. Informationen der Sozialdemokratischen Bundestagsfrak­ tion, 21.10.1983, SPD-Fraktion erwartet polnische Delegation. Perspektiven auf Helmut Schmidt 49 gen Parteimitgliedern ausbauen, die die Chance hatten, falls die SPD wieder an die Macht käme, wichtige Parteifunktionen oder Funktionen in der Regierung zu übernehmen. Die gegenseitigen Beziehungen zu instrumentalisieren war nicht nur eine Domä­ ne Warschaus. Auch die SPD war daran interessiert, die Kontakte zum Ostblock aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln, um Wähler leichter zurückzugewin­ nen. Im Jahr 1983 wurden, während an der zukünftigen SPD-Strategie gearbeitet wurde, die Fragen ausgegliedert, die der Partei helfen konnten, wieder an die Macht zu kommen. Dazu gehörten Fragen der Außenpolitik und der Friedens­ politik. Diese wollte man hervorheben und zusätzlich auf die Ost-West-Bezie­ hungen aufmerksam machen. 110 Man ging davon aus, dass diese Thematik nicht nur eindeutig mit der SPD identifiziert werden würde, sondern auch Anerken­ nung unter den Wählern finden würde. Diese Entscheidungen bildeten die Grund­ lage für die Beziehungen der SPD zur PVAP und die gemeinsamen Initiativen für die nächsten Jahre. Aufgrund dieser Maßnahmen der SPD und ihrer internatio­ nalen Aktivitäten wurde sie beschuldigt, eine Nebenaußenpolitik zu betreiben. 111 Die Beziehungen der SPD zu Polen waren schwierig. Mit Sicherheit kann man in Verbindung mit ihnen nicht von einer gleichberechtigten Partnerschaft sprechen. Diese Beziehungen waren Ausdruck einer Partnerschaft auf dem Grundsatz ge­ genseitiger Kontakte und Vorteile. Sie mussten zeitweise sich widersprechende Interessen miteinander vereinen: einerseits den echten Willen zur Normalisie­ rung der Ost-West-Beziehungen, andererseits Argwohn und Vorurteile, die aus der Vergangenheit resultierten. 112 Für die Sozialdemokratie war Polen ein Element der Beziehungen zu Moskau, deren Hauptziel es war, die deutsch-deutschen Beziehungen auszubauen. Zu die­ sem Zweck war die SPD bereit, eine Realpolitik zu führen, die voraussetzte, die­ Willy-Brand-Archiv, Verbindungen mit Mitgliedern des Präsidiums, 51, Egon Bahr am 28.3.1983 an Willy Brandt, Helmut Schmidt, Johannes Rau, Hans-Jochen Vogel; AdsD, NL Hans-Jochen Vogel, 01352, Sicherheitspolitik, Bündnispolitik, Friedensbewegung. Eine Unter­ suchung zur aktuellen politischen Stimmungslage im Spätherbst 1983. Im Auftrag der Friedrich-­ Ebert-Stiftung, Bonn/München 1983. 111  F rank Fischer,»Im deutschen Interesse«. Die Ostpolitik der SPD von 1969 bis 1989, Husum 2001, S. 12ff. darüber: Małgorzata Świder, Stanowisko Socjaldemokratycznej Partii Niemiec. 50 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 jenigen politischen Kräfte zu unterstützen und zu ihnen Kontakt zu halten, die die größte Chance boten, die sozialdemokratischen Ziele zu realisieren. In der Praxis der 1980er-Jahre bedeutete dies, reformerische Gruppe aus Regierungs­ kreisen offen zu unterstützen und der gemäßigten Opposition leise zu helfen. Mit ihnen verband man die Hoffnung auf dauerhafte Veränderungen in Polen, die auf dem Wege evolutionärer und keiner revolutionären Veränderungen eintreten soll­ ten. Für Polen weckten die positiven Beziehungen zur SPD nicht nur die Hoffnung auf eine endgültige Regelung der Frage der polnischen Westgrenze, sondern auch auf Finanzhilfe oder eine gewisse Kontrolle über die Maßnahmen der Bundesre­ publik für eine Wiedervereinigung Deutschlands. Nicht ohne Belang war die Wert­ schätzung der Bedeutung und Position Polens als Partner in den Ost-West-Bezie­ hungen. 113 Die bilateralen Kontakte wurden nicht nur durch die Irrungen und Wirrungen der laufenden Außen- und Innenpolitik erschwert, sondern wurden auch durch den Ballast der Kriegserlebnisse belastet. In Polen war das der Grund für eine be­ sondere Sensibilisierung in Bezug auf deutsche Fragen. Fazit Jede der Parteien war sich bewusst, dass ihre bilateralen Kontakte ­übergeordneten Zielen untergeordnet waren. Für Polen war dies die Sicherung der Westgrenze und für die SPD die deutsche Wiedervereinigung. In jenen Zeiten und in jenem geopolitischen System waren das Ziele, die unvereinbar waren. Erst im Jahr 1990, nach den politischen Veränderungen im Ostblock, kam es zur W­ iedervereinigung Deutschlands und der endgültigen Regelung der Frage der polnischen Westgren­ ze. Mit Sicherheit haben auch die Beziehungen der SPD zur Volksrepublik Polen dazu beigetragen, dieses Ziel zu erreichen. Auch wenn SPD und ihre Politiker ei­ nige wesentliche Fehler in den Beziehungen zu Polen in den 1980er-Jahren mach­ ten, ist dies am besten aus der Perspektive des Erfolgs der Jahre 1989/90 zu sehen. Vor allem die SPD, die sich in polnischen Fragen besser auskannte und mehr Kon­ takte hatte, als die Christdemokraten, unterschätzte, sowohl Anfang der 1980er-­ Perspektiven auf Helmut Schmidt 51 Jahre als auch in deren zweiten Hälfte, die wachsende Bedeutung und Rolle der politischen Opposition in Polen. Höchstwahrscheinlich waren persönliche Ani­ mositäten gegenüber der polnischen Opposition und deren führenden Vertretern von Bedeutung. Hinzu kamen Meinungen, die aus polnischen Kirchenkreisen übermittelt wurden, die ununterbrochen gute Beziehungen zur SPD pflegten und die für viele Oppositionsgruppierungen in Polen wenig schmeichelhaft waren. Vielleicht fehlte es in der SPD an einem Pluralismus beim Blick auf die polnische Frage. Ein Hindernis kann die Überzeugung der Sozialdemokraten von einer ein­ heitlichen Berichterstattung und Wahrnehmung der Ereignisse in Polen gewesen sein. Die Sozialdemokraten hörten nur wenigen zu, in der Überzeugung, dass sie alle hörten. Das betraf insbesondere Fragen der Opposition. Die Sozialdemokraten, die auf Basis der von ihnen betriebenen Ostpolitik agier­ ten, kannten sich im Osten sehr gut aus. Das würdigte die konservativ-liberale Koalition mehrfach, insbesondere Bundeskanzler Helmut Kohl, indem er um Kon­ sultation bat. Viele einzelne Schritte der Bundesregierung gegenüber der UdSSR, Polen und der DDR basierten höchstwahrscheinlich auf persönlichen Konsulta­ tionen des Bundeskanzlers mit dem sozialdemokratischen Außenpolitiker Egon Bahr, die von den offiziellen scharfen Kontroversen und Polemiken unabhängig waren. Trotzdem würdigten die Sozialdemokraten nicht vollständig das, was so­ wohl in Moskau als auch in Warschau passierte. Das, was sie in der zweiten Hälf­ te der 1980er-Jahre bemerkten, war vor allem mit der Außenpolitik Gorbatschows verbunden. Ihr wurde geglaubt und eine Erfolgschance gegeben, unter der Bedin­ gung, dass Gorbatschow an der Macht blieb. In der Praxis bedeutete das, dass die Sozialdemokraten alles taten, um die Position der Kräfte in Polen und der ­UdSSR zu stärken, die eine Weiterentwicklung der Perestroika und der Reformen von oben ermöglichten. Dieser Konzeption schlossen sich weder die Solidarność noch Wałęsa an. In diesem Kontext nahmen die Sozialdemokraten die Möglichkeit, die die Perestroika der Opposition gab, nicht vollständig war. Ein zweiter, grundsätzlicher Fehler der SPD, der im Kontext ihrer Beziehungen zu Polen und zur Opposition in der Volksrepublik gemacht wurde, insbesondere in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre, war die langsame Abschwächung ihrer Kontakte nach Warschau. Für die Parteileitung fanden sowohl die inneren als auch die internationalen Bedingungen, darunter auch die Änderungen in der SPD-­ 52 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Führung ab 1987, keine reale Umsetzung auf die breit verstandenen deutsch-pol­ nischen Beziehungen. Man könnte sogar versucht sein, festzustellen, dass die SPD freiwillig einen Großteil der deutsch-polnischen Beziehungen in die Hände der konservativ-liberalen Regierung und der mit ihnen verbundenen Stiftungen ab­ gegeben hat. Die Gründe dafür sind nicht nur darin zu suchen, dass die Partei ihre Regierungsposition verloren hatte und in die Opposition gegangen war, son­ dern auch in dem Mangel an jungen und dynamischen Politikern(Kategorie der sogenannten Brandt-Enkel), die, da sie nicht durch Kontakte zu den Kommunis­ ten belastet waren, die in der Lage gewesen wären, die Beziehungen der SPD zur Opposition in der Volksrepublik Polen zu führen. Der in diesem Kontext vielver­ sprechende Johannes Rau zeigte vielleicht damals zu wenig Engagement in pol­ nischen Fragen, was verständlich ist, aufgrund dessen, dass er sich der Arbeit in der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen widmete(und der dort erzielten Erfolge), und aufgrund seiner Enttäuschung über seine Niederlage bei der Bun­ destagswahl 1987. Das betraf auch die neue politische Troika der SPD: Gerhard Schröder, der höchstwahrscheinlich damals die deutsch-polnischen Beziehungen noch nicht ›fühlte‹, wovon die bescheidene Analyse zeugt, die nach der Rückkehr von einem Besuch in Warschau im April 1988 erstellt wurde. Ähnliches galt für Rudolf Scharping. Der Dritte aus der Troika der jungen Politiker hingegen, O­ skar Lafontaine, Ministerpräsident des Saarlands, tat alles, um nicht die Beziehungen zur DDR kaputt zu machen. Seine Ostpolitik, die auch im Besuch Honeckers in diesem Bundesland zum Ausdruck kam, war der Grund für diplomatische Ver­ stimmungen zwischen der SPD und der Volksrepublik Polen. Angesichts dessen war Lafontaine damals kein Politiker, der in Warschau mit offenen Armen aufge­ nommen wurde, weder in Parteikreisen noch in oppositionellen Kreisen. Höchstwahrscheinlich der schlimmste Fehler, den die SPD in den 1980er-Jahren in den Beziehungen zu Polen gemacht hat, waren die internen Beschränkungen und die Selbstzensur, die sich die Sozialdemokraten selbst auferlegten. Wenn man damals die Partei beobachtete, konnte man den Eindruck gewinnen, dass ihr größ­ ter Feind interne Widersprüche, Ängste und Beschränkungen waren. Aus Angst, von der Öffentlichkeit beschuldigt zu werden,»Kumpelbeziehungen zu den Kom­ munisten« zu pflegen und»demokratische Ideale zu verraten«(der Begriff»Kreml-­ Fraktion« tauchte in den Wahlkämpfen von 1980 und 1983 auf), versuchte sie ei­ Perspektiven auf Helmut Schmidt 53 nerseits, zu orthodoxen kommunistischen Gruppen auf Distanz zu bleiben und vereinzelte fortschrittliche Gruppierungen in PVAP und Reformpolitiker zu un­ terstützen. Andererseits wurden, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, staats­ feindliche Opposition zu fördern, Maßnahmen beschränkt, die irgendeinen Zu­ sammenhang damit hatten. Die von der SPD geführte Politik, die den Eindruck machte, dass die Partei zwischen allen Stühlen saß, bewirkte, dass sie in Polen oft schlecht verstanden und falsch interpretiert wurde. Viele Ursachen hatten Einfluss auf die Form der politischen Beziehungen der SPD zur Volksrepublik Polen in den 1980er-Jahren. Sie wurde sowohl von den logi­ schen und vorhersehbaren Verhaltensweisen ihrer führenden Politiker geprägt, die aus dem Maßnahmenprogramm resultierten, als auch von weniger logischen Verhaltensweisen, die aus der individuellen Wahrnehmung der Ereignisse resul­ tierten, die von subjektiven Elementen bestimmt wurden, die aus Emotionen re­ sultierten. Wenn man den Wissensstand zur Lage in Polen, die weltweit herrschen­ den Stimmungen, die Entschiedenheit mancher gesellschaftlicher und politischer Kräfte in der Volksrepublik Polen sowie die polnische Ängste in Verbindung mit Deutschland in Betracht zieht, deren Ursachen auf den Zweiten Weltkrieg zu­ rückgingen, wie war die reale und verantwortungsvolle Alternative für die SPD-­ Politik? Ich meine, dass die ausgewogene Politik des Westens(die emotionalen Franzosen und Amerikaner, die raffinierten, vorhersehbaren und selbstbeschränk­ ten Sozialdemokraten) eine der wesentlichsten Faktoren dafür war, dass die demo­ kratischen Veränderungen, die Anfang der 1980er-Jahre in Polen gefordert wur­ den, die Chance hatten, zu gewinnen und zu politischen Veränderungen und zum Zerfall des Ostblocks zu führen, und im Endeffekt auch zur Überwindung der deutschen Teilung als letztes Relikt des Kalten Kriegs beitrugen, und im Grunde zum politischen Sieg der SPD und ihrer Ostpolitik. Perspektiven auf Helmut Schmidt 55 Meik Woyke Ungleiche Partner: Die Neue Ostpolitik als Thema des Briefwechsels zwischen Willy Brandt und Helmut Schmidt Willy Brandt und Helmut Schmidt gehören zu den profiliertesten und einfluss­ reichsten Politikern der bundesrepublikanischen Geschichte. Beide haben als Bun­ deskanzler, als Minister und als SPD-Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion den westdeutschen Staat geprägt und seine internationale Anerkennung befördert. Dies zeigte sich bereits im Au­ gust 1961, als Brandt als Regierender Bürgermeister von Berlin nach dem inner­ deutschen Mauerbau im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit stand. Nur ein hal­ bes Jahr später machte sich Schmidt als Polizeisenator während der Hamburger Flutkatastrophe bundesweit einen Namen als Krisenmanager. Über den Charakter, das politische Zusammenwirken und das persönliche Ver­ hältnis dieser beiden prominenten Sozialdemokraten ist viel geschrieben und noch mehr spekuliert worden. Die Forschungsliteratur hierzu füllt mehrere Regalme­ ter, noch wesentlich größer ist die Zahl der journalistischen Stellungnahmen. 1 Ei­ nen pointierten, im Ganzen aber doch ziemlich schematischen Zugang bietet der Zeithistoriker und Politikwissenschaftler Hans-Peter Schwarz an. Er charakteri­ siert Helmut Schmidt als»Generaldirektor der Bundesrepublik Deutschland«, als »in der Wolle gefärbten rechten Sozialdemokraten« und als talentiertesten»Staats­ schauspieler aller Bundeskanzler« überhaupt. Zudem bescheinigt er ihm kosmo­ politisches Auftreten und ökonomischen Durchblick. 2 Willy Brandt ist für Schwarz demgegenüber eine»sozialdemokratische Jahrhundertgestalt« gewesen. Er habe mit seiner charismatischen Ausstrahlung im Sinne Max Webers ebenso auf ­großen dazu grundlegend und für zahlreiche Einzelnachweise: Willy Brandt/Helmut Schmidt, Partner und Rivalen. Der Briefwechsel(1958–1992), herausgegeben und eingeleitet von Meik Woyke, Bonn 2015. 2  H ans-Peter Schwarz, Generaldirektor der Bundesrepublik Deutschland. Helmut Schmid, in: ders., Das Gesicht des 20. Jahrhunderts. Monster, Retter, Mediokritäten, München 2010, S. 667–671, Zi­ tate S. 667 und 670. 56 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Wahlkundgebungen beeindrucken können wie im kleineren Kreis gewinnend wirken:»Viele haben ihn geliebt, manche gehaßt, gleichgültig gelassen hat er kei­ nen.« Seine fünf Jahre als Bundeskanzler von 1969 bis 1974 seien nicht unbedingt die wichtigsten in seiner an Kurskorrekturen und Wenden reichen Biografie ge­ wesen: Weil Brandt, der neue politische Herausforderungen stets offen angenom­ men habe,»zwar ein Kommunikator von hohen Graden, aber letztlich kein dauer­ haft zäh am operativen Detail interessierter Kanzler gewesen ist, hat er doch eher als eine Art faszinierender Zirkusdirektor fungiert, unter und neben dem die ver­ schiedensten Kabinettskünstler ihre Nummern aufführten oder in den Sand setz­ ten. Und 1974 war der Zirkus ziemlich pleite, woraus Helmut Schmidt jedenfalls intern keinen Hehl machte.« 3 Bundeskanzler habe dieser aber wiederum nur mit der Unterstützung seines Amtsvorgängers sein können, wie auch Brandt in sei­ nen 1989 veröffentlichten»Erinnerungen« bemerkte:»Keine vierzehn Tage wäre ein Sozialdemokrat Regierungschef geblieben, hätte ich als Parteivorsitzender ihn für untragbar gehalten.« 4 Dies mochte für die Stimmung und Unterstützungsbereitschaft für den Kanzler innerhalb der SPD während der 1970er-Jahre zutreffen, konnte jedoch nicht da­ rüber hinwegtäuschen, dass Schmidt bei der gesamten Bundesbevölkerung auf Respekt und Anerkennung traf. Im Jahr 1983, also im Zeichen der Proteste ge­ gen den NATO-Doppelbeschluss und kurz nach dem Beginn der Kanzlerschaft von Helmut Kohl(CDU), landete der aus dem Amt geschiedene Schmidt bei ei­ ner Allensbach-Umfrage des Instituts für Demoskopie bei der Frage nach dem »besten Bundeskanzler« mit immerhin 27 Prozent der Stimmen auf dem zweiten Platz. Bei dieser Einstufung dürfte seine kompromisslose Haltung gegenüber dem Terrorismus der Roten Armee Fraktion eine bedeutende Rolle gespielt haben. Rang 1 bekam nicht etwa Brandt zugesprochen, sondern Konrad Adenauer mit 55 Prozent. Weit abgeschlagen hinter dem Christdemokraten und ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland musste sich Brandt mit nur 7 Prozent und dem dritten Platz zufriedengeben. 5 3  S chwarz, Die sozialdemokratische Jahrhundertgestalt. Willy Brandt, in: ders., Das Gesicht des 20. Jahrhunderts, S. 672–683, Zitate S. 678 und 680. 4  W illy Brandt, Erinnerungen. Mit den»Notizen zum Fall G«, Hamburg 2006(zuerst 1989), S. 373. Elisabeth Noelle-Neumann/Edgar Piel, Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1978–1983, Bd. VIII, München 1983, S. 239ff. Perspektiven auf Helmut Schmidt 57 Auf den ersten Blick hätten Brandt und Schmidt kaum unterschiedlicher sein können, was nicht zuletzt in ihrer Sozialisation und ihren damit verbundenen frühen politischen Erfahrungen und Prägungen begründet lag: Brandt, der»an­ dere Deutsche«, hatte bereits vor 1933 zur Sozialdemokratie gefunden, die NS-Herr­ schaft im skandinavischen Exil verbracht und gegen die Hitlerdiktatur gekämpft, während Schmidt wie so viele Deutsche den Zweiten Weltkrieg an der Front er­ lebte sowie als Offizier der deutschen Wehrmacht einem verbrecherischen ­Regime diente. 6 Dieses Spannungsverhältnis, das sich nach 1945/49 in einem jeweils ei­ genem Politikverständnis niederschlug, führte wiederholt zu massiven Differen­ zen und Kontroversen zwischen den beiden Sozialdemokraten. Zunächst enge Weggenossen in der Phase ihres Aufstiegs innerhalb der SPD und zu Spitzenpo­ litikern auf Bundesebene, vertraten Brandt und Schmidt während der Großen Koalition(1966–1969) und dann als Kanzler in der sozial-liberalen Ära nicht sel­ ten gegensätzliche Auffassungen. Sie betrafen die gemeinsame Partei und deren Regierungspolitik, die Nachrüstungsfrage sowie den Umgang mit der Ökologieund Friedensbewegung. Ihr kompliziertes und schwieriges Verhältnis prägte sich auch in der öffentlichen Wahrnehmung und Bewertung ein. Zugleich trugen Me­ dienberichte und-kommentare über die beiden machtbewussten Politiker erheb­ lich dazu bei, sie zu unversöhnlichen Konkurrenten, wenn nicht sogar zu Intim­ feinden zu stilisieren. Brandt galt als Zauderer und damit als jemand, der Diskus­ sionen in der Regierung wie in der SPD lieber ausufern ließ, statt einen klaren politischen Kurs vorzugeben; der um fünf Jahre jüngere Schmidt wurde demge­ genüber als straffe Führungspersönlichkeit beschrieben, als pragmatischer»Ma­ cher«, der keinen Widerspruch duldete. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich diese Charakterisierungen jedoch als Zerrbilder, die an der Oberfläche ­verharrten und nicht erklären, warum die beiden Sozialdemokraten immer wieder vertrau­ ensvoll zusammenarbeiteten, auch indem sie ihre jeweiligen Stärken und Schwä­ chen einzuschätzen wussten und sich gegenseitig ergänzten. Bei aller Rivalität und trotz verschiedener Politikstile verband Brandt und Schmidt eine jahrzehnte­ lange Partnerschaft, deren Höhen und Tiefen ihr umfangreicher Briefwechsel fa­ cettenreich widerspiegelt. Gunter Hofmann, Willy Brandt und Helmut Schmidt. Geschichte einer schwierigen Freund­ schaft, München 2012. 58 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Genese und Struktur des Briefwechsels Nachdem sich Willy Brandt und Helmut Schmidt als junge Bundestagsabgeord­ nete und neu gewählte Mitglieder des SPD-Vorstands näher kennengelernt hat­ ten, tauschten sie von 1958 bis 1992 mehr als 700 Briefe aus. Ihre Korrespondenz entfaltete sich in unregelmäßigen Abständen und hing in erster Linie mit ihren wechselnden politischen Ämtern und Funktionen zusammen, bietet aber über 34 Jahre hinweg auch Einblicke in ihre persönlichen Beziehungen. 7 Die frühen Briefe zeigen Schmidt als Werbenden, der Brandts Politik als Regie­ render Bürgermeister von Berlin im Spannungsfeld des Kalten Kriegs hohe An­ erkennung zollte. Er lieferte ihm militär-strategische und verteidigungspolitische Papiere zu und begrüßte dessen Ernennung zum Kanzlerkandidaten für die Bun­ destagswahl 1961. Gleichzeitig trieb Schmidt, der von Brandt meistens eher knap­ pe Antwortschreiben erhielt, seine eigene Karriere voran. Je mehr er sein politi­ sches Profil als Senator in Hamburg und – nach dem Tod seines Mentors Fritz Erler – seit 1967 als Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion schärfte, desto selbstbewusster trat er auf. Zwar führte dies nicht zu grundsätzlichem Dissens mit dem in der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) zum Außenminister avancierten Brandt, wohl aber zu unterschiedlichen Einschätzungen in der Sache und immer wieder zu kleineren Reibereien. So fühl­ te sich Schmidt in der gesellschaftspolitisch wichtigen und emotional geführten Debatte über die Notstandsgesetze nicht genügend von Brandt unterstützt, was in der Korrespondenz der beiden zum Ausdruck kommt. Während Schmidt als Fraktionsvorsitzender bemüht war, die insbesondere bei der IG Metall und in der 68er-Bewegung bestehenden Vorbehalte gegen die angestrebte Grundgesetzände­ rung argumentativ zu entkräften und dabei auch innerparteilich Kritik hinneh­ men musste, hielt sich der auf die Deutschland- und Außenpolitik fokussierte Brandt merklich zurück, obwohl er im Jahr 1964 den SPD-Vorsitz übernommen hatte. Erst kurz vor der Verabschiedung der Notstandsgesetze durch den Deut­ schen Bundestag am 30. Mai 1968 machte er sich öffentlich für die von der CDU/ CSU und der SPD gemeinsam mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit getra­ gene Gesetzesvorlage stark. Brandt/Schmidt, Partner und Rivalen. Perspektiven auf Helmut Schmidt 59 Nach der Bildung der sozial-liberalen Koalition vertieften sich die Konflikte zwi­ schen Brandt und Schmidt, der den Bundeskanzler zunächst als Verteidigungs­ minister(1969–1972) vor der aus seiner Sicht chronischen Unterfinanzierung der Bundeswehr warnte, sogar ihre transatlantischen Bündnisverpflichtungen in Ge­ fahr sah, und wenig später als Bundesfinanzminister(1972–1974) gegen die Über­ beanspruchung der öffentlichen Haushalte zu Felde zog. In keiner Phase des po­ litischen Zusammenwirkens von Brandt und Schmidt war ihr Briefwechsel so intensiv wie in den ersten fünf Jahren der sozialdemokratischen Regierungsfüh­ rung. Zugleich verfestigte sich ihre Bereitschaft, akute Streitthemen offen und mit deutlichen Worten anzusprechen, besonders wenn es um die vom SPD-Vorsit­ zenden Brandt durchaus mit Sympathie, von Schmidt indessen mit Sorge beob­ achteten Jungsozialisten und die Öffnung der Partei für die mitunter neomarxis­ tisch inspirierte Friedens- und Ökologiebewegung ging. Mit dem Kanzlerwechsel 1974 wurde die Korrespondenz der beiden Sozialdemokraten kursorischer. Schmidt, der bisher häufiger und in der Summe die längeren Briefe geschrieben beziehungs­ weise vorzugsweise diktiert hatte, fand als Bundeskanzler offenbar weniger Zeit für den gedanklichen Austausch mit Brandt, während dieser – bislang ein Freund der kurzen handschriftlichen Antworten – nun ausführlichere Schreiben an den politischen Partner und Rivalen richtete, um seine Ziele und Interessen als Vor­ sitzender der Sozialistischen Internationale und später der Nord-Süd-Kommis­ sion vom Kanzler befördern zu lassen. Auch wenn diese knappe Skizze das Bild einer geschlossenen brieflichen Kommu­ nikation zu erzeugen vermag, ist doch bei der historischen Analyse in mehrfa­ cher Hinsicht große Vorsicht geboten. Vor allem fällt auf, dass manche Themen, obwohl sie von hoher politischer Bedeutung waren, keine Erwähnung in der Kor­ respondenz fanden oder nur am Rande vorkamen. Dies gilt nicht zuletzt für die Reise Herbert Wehners nach Moskau im September/Oktober 1973 und seine ab­ fälligen Bemerkungen über den Bundeskanzler sowie für die Guillaume-Affäre, die schließlich zum Rücktritt von Brandt führte. Auch der gleichzeitige UN-Beitritt von Bundesrepublik Deutschland und DDR(1973) wurde ausgespart. Keinesfalls sollte dieser Befund jedoch als Indiz für eine sich ausbreitende Sprachlosigkeit missdeutet werden. Die Terminkalender von Brandt und Schmidt eröffneten viel­ mehr trotz ihrer starken Auslastung zahlreiche Möglichkeiten, sich mündlich aus­ 60 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 zutauschen, entweder institutionalisiert jeweils direkt vor den wöchentlichen SPD-­ Präsidiumssitzungen oder sporadisch und eher zufällig am Rande öffentlicher Auftritte und bei gemeinsamen Kurzstreckenflügen. Zudem boten die regelmä­ ßigen Zusammenkünfte des Bundeskabinetts bisweilen Anknüpfungspunkte. Fan­ den Gespräche im privaten Rahmen statt, zumeist in Brandts Dienstvilla auf dem Venusberg in Bonn, handelte es sich häufig um den Versuch, eine sich zur Ver­ trauenskrise ausgewachsene Meinungsverschiedenheit der beiden Sozialdemo­ kraten aus der Welt zu schaffen. Hin und wieder, das lässt sich aus ihrem Brief­ wechsel ersehen, griffen sie auch zum Telefon, was mehr Schmidts als Brandts Arbeitsstil entsprochen haben dürfte. Die Neue Ostpolitik als Korrespondenzthema Ein Thema, das wiederholt in der Korrespondenz auftauchte, ist die Neue Ost­ politik. Anfang der 1960er-Jahre von Willy Brandt und seinem engen Vertrauten Egon Bahr konzipiert, zielte sie angesichts der Konfrontation der Weltmächte und der Verhärtungen des Kalten Kriegs auf einen friedlichen»Wandel durch Annä­ herung« zwischen West- und Osteuropa. Nach einer Vorlaufphase während der Großen Koalition, in der es Rücksicht auf die Unionsparteien zu nehmen galt, bot die Bildung des sozial-liberalen Regierungsbündnisses im Oktober 1969 ­neuen Gestaltungsspielraum für diese auf Entspannung und Abrüstung setzende P­ olitik. Wie mehrere Briefe zeigen, unterstützte Helmut Schmidt die Neue Ostpolitik aus voller Überzeugung. Nur zwei Monate nach dem Regierungswechsel in Bonn wa­ ren deutsch-sowjetische Gewaltverzichtsgespräche aufgenommen worden. Dabei bildete der Einmarsch der UdSSR in die Tschechoslowakei im August 1968, in dessen Folge der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew die eingeschränkte Souveränität der Warschauer-Pakt-Staaten verkündet hatte, einen zentralen Be­ zugspunkt. Als der außen- und verteidigungspolitisch erfahrene SPD-Bundes­ tagsabgeordnete Friedrich Beermann im Juli 1970 Schmidt gegenüber die Sorge äußerte, dass Brandt diese»Breschnew-Doktrin« möglicherweise»zu sehr auf die leichte Schulter« nehme und Bahr mit seiner»Mission in Moskau« überfordert sei, reagierte der Verteidigungsminister in seinem Antwortschreiben vermittelnd und setzte Brandt davon per Kopie in Kenntnis. 8 Zwar sprach Schmidt von»ver­ 8  B randt/Schmidt, Partner und Rivalen, Dokument Nr. 157, S. 294. Perspektiven auf Helmut Schmidt 61 schiedenen unerfreulichen Verfahrensvorkommnissen in Sachen unserer Ost­ politik« und von»Pannen«, womit die aufsehenerregende Veröffentlichung des sogenannten»Bahr-Papiers«, also der westdeutschen Verhandlungsstrategie, durch Zeitungen des Springer-Verlags gemeint war. Grundsätzlich hob er jedoch her­ vor, dass Brandt und seine Regierung im Erfolgsfall eine historische Leistung voll­ bringen könnten. Die Unterzeichnung des Moskauer Vertrags am 12. August 1970 begrüßte Schmidt dementsprechend mit einem überschwänglichen Brief an Brandt, hielt gleichzei­ tig jedoch zu große Euphorie für schädlich. Wörtlich hieß es: »Lieber Willy, es drängt mich, Dir herzlich zu gratulieren und danke zu sagen. Dies ist ein großer Schritt, der viele kleine Schlauheiten anderer zu überspielen vermag. Er wäre ohne Deine gelassene Beharrlichkeit nicht zustande gekommen. Wir haben gestern Abend Deine aus Moskau kommende kurze Fernsehrede an die Menschen zu Hause in Deutschland gesehen+ gehört[…] und waren alle der Mei­ nung: hervorragend. Laß’ uns dafür sorgen, daß diese Vermeidung jeglichen öffent­ lichen Überschwanges und ebenso die klare Betonung unserer Zugehörigkeit zu un­ seren westlichen Bündnispartnern nicht durch euphorische Propagandakrämer verwischt wird. Euphorie würde gegenüber Ost-Berlin schaden, gegenüber dem Wes­ ten und auch innenpolitisch.« 9 Mit dem Vertrag verständigten sich die Bundesrepublik Deutschland und die Sow­ jetunion auf die Unverletzlichkeit der deutsch-deutschen und der deutsch-pol­ nischen Grenzen. Während sich die UdSSR nunmehr stärker auf ihren Grenz­ konflikt mit China konzentrieren wollte, erhofften sich Brandt und Bahr getreu ihrer ost- und deutschlandpolitischen Konzeption, auf diese Weise die DDR un­ ter maßvollen Druck setzen zu können. Jedenfalls wurden der SED-Führung ei­ nige ihrer stets wiederkehrenden Argumente, um Verhandlungen abzublocken, mit dem Moskauer Vertrag genommen. Zu einer uneingeschränkten völkerrecht­ lichen Anerkennung des zweiten deutschen Staats war die Bundesregierung je­ doch nach wie vor nicht bereit. Brandt versicherte der westdeutschen Bevölke­ rung mit Blick auf die Kriegspolitik des NS-Regimes und den Zusammenbruch Deutschlands im Jahr 1945:»Mit diesem Vertrag geht nichts verloren, was nicht Dokument Nr. 160, S. 299–302, hier: S. 299f. 62 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 längst verspielt worden war.« Zudem warb er um»Mut, ein neues Blatt in der Ge­ schichte aufzuschlagen«. 10 Derweil bewies Schmidt in dem zitierten Schreiben seine Fähigkeit zum politisch-­ strategischen Denken, indem er Brandt erörterte, welche Klippen umschifft wer­ den müssten, um die Ratifizierung des Moskauer Vertrags gegen den Widerstand der CDU/CSU-Opposition im Deutschen Bundestag zu erreichen. Außerdem gab er dem aus der sowjetischen Hauptstadt direkt in den Norwegen-Urlaub zurück­ gekehrten Bundeskanzler – ungefragt – die nächsten diplomatischen Schritte auf: »Eine sorgfältige, sofortige Unterrichtung Washingtons durch einen, der in Moskau dabei war(Egon wäre am besten), wäre gewiß nützlich; nach meinem Eindruck in der letzten Woche hat das Tempo im White House möglicherweise ein Stirnrunzeln ausgelöst. Vielleicht schickt man v. Braun[,] und Frank außerdem+ gleichzeitig für einen halben Tag nach Paris und London.« 11 Sigismund Freiherr von Braun und Paul Frank waren unter dem Minister Walter Scheel(FDP) die beamteten Staatssekretäre im Auswärtigen Amt. Letztlich traf sich jedoch der ebenfalls benannte Egon Bahr als verantwortlicher Staatssekretär im Bundeskanzleramt am 17. August 1970 in Washington mit Henry Kissinger, dem nationalen Sicherheitsberater der USA, und unterrichtete ihn detailliert über den Verlauf der Moskauer Vertragsverhandlungen. Bereits in der Schlussphase der Verhandlungen hatte er die drei westlichen Siegermächte des Zweiten Welt­ kriegs quasi täglich informiert, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Frankreich be­ fürchtete, dass die Bundesrepublik Deutschland eine zu starke europäische Kraft werden könnte. Aus britischer Sicht hätten im Moskauer Vertrag die alliierten Vorbehaltsrechte in Bezug auf Berlin und Deutschland stärker betont werden müssen. Seit März 1970 verhandelten die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs über eine vertragliche Bekräftigung des Vier-Mächte-Status von Berlin. Auch dies fand sei­ nen Niederschlag in dem zugleich um innenpolitische Fragen kreisenden Brief­ wechsel zwischen Willy Brandt und Helmut Schmidt, wobei das von der Bundes­ regierung gegenüber der Sowjetunion formulierte Junktim zwischen der Ratifi­ Peter Merseburger, Willy Brandt 1913–1992. Visionär und Realist, Stuttgart/München 2002., S. 610(beide Zitate ebd.). 11  B randt/Schmidt, Partner und Rivalen, Dokument Nr. 160, S. 299–302, hier: S. 301. Perspektiven auf Helmut Schmidt 63 zierung des Moskauer Vertrags und dem Abschluss des Berlin-Abkommens her­ vortrat. Ein damit zusätzlich verknüpftes deutsch-deutsches Transitabkommen sollte Verbesserungen im Reise-, Besuchs- und Telefonverkehr erbringen. 12 Zu­ dem stand die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags am 7. Dezember 1970 an. Im Gegensatz zu den Verhandlungen mit der Sowjetunion tauschten sich der Bundeskanzler und der Verteidigungsminister schriftlich kaum über die Gewalt­ verzichtsvereinbarung mit Polen als weiteres zentrales Element der Neuen Ost­ politik aus. Selbst der im Kontext der Vertragsunterzeichnung spontan vollzoge­ ne Kniefall Brandts vor dem Mahnmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto wurde in der Korrespondenz mit keinem Wort erwähnt. Der Abschluss des Vier-Mächte-Abkommens über Berlin im September 1971 eb­ nete den Weg für den am 21. Dezember 1972 unterzeichneten Grundlagenver­ trag, mit dem die Bundesrepublik Deutschland und die DDR ihre besonderen Beziehungen regelten. Überdies unterstrichen sie ihre Kooperationsbereitschaft auf wirtschaftlichem Gebiet, wodurch der innerdeutsche Handel gestärkt ­wurde. 13 Im Zuge dieser Annäherung hatte Helmut Schmidt als Verteidigungsminister im Juni 1972 gegenüber dem Bundeskanzler in einem amtlichen Schreiben die po­ lemische Berichterstattung der DDR über die Bundeswehr und seine eigene Per­ son moniert. Sein Blick richtete sich zum einen auf»von Staats wegen betriebene Massenmedien« wie die ostdeutsche Nachrichtenagentur ADN und das SED-­ Organ»Neues Deutschland«, deren Kritik infolge der deutsch-deutschen Gesprä­ che bereits etwas schwächer geworden sei. Zum anderen hob Schmidt jedoch in­ terne Publikationen der Nationalen Volksarmee hervor, in denen er nach wie vor als»Kriegsminister« verunglimpft werde. Derartige Attacken, so seine selbst an­ gesichts des politischen Klimas der 1970er-Jahre überspitzte Bewertung, könnten im schlimmsten Fall auch Bundeswehrsoldaten negativ beeinflussen. 14 Während die Verhandlungen der Bundesregierung mit der Tschechoslowakei, die im Dezember 1973 schließlich zum Prager Vertrag führten, in dem Briefwechsel zwischen Brandt und Schmidt von dem Zusammenbruch des Weltwährungssys­ Dokument Nr. 176, S. 322–323, sowie Dokument Nr. 230, S. 386. Karl Dietrich Bracher/Wolfgang Jäger/Werner Link, Republik im Wandel 1969–1974. Die Ära Brandt, Stuttgart 1986., S. 214ff. 14  B randt/Schmidt, Partner und Rivalen, Dokument Nr. 284, S. 454. 64 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 tems von Bretton Woods und der Ölpreiskrise 1973/74 in den Hintergrund ge­ drängt wurden, korrespondierten die beiden Sozialdemokraten mehrfach über die Idee, eine Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa(KSZE) einzuberufen. Ursprünglich von der Sowjetunion in den 1950er-Jahren formu­ liert und nach der Niederschlagung des»Prager Frühlings« strategisch im März 1969 erneuert, um ihr lädiertes Image aufzupolieren und die USA in europäi­ schen Fragen an den Rand zu schieben, entwickelte sich die blockübergreifende Konferenzidee entgegen ihrer einstigen Intention zu einem wirkungsvollen ent­ spannungspolitischen Instrument. 15 Parallel und mitunter durchaus ergänzend dazu verfolgte Schmidt als Bundesver­ teidigungsminister zielstrebig seine über zwei Jahrzehnte konzipierte militärpo­ litische»Strategie des Gleichgewichts«, die er Willy Brandt in längeren Schreiben auseinandersetzte. 16 Im Mai 1970 beschlossen die NATO-Staaten auf ihrer Früh­ jahrskonferenz in Rom auf Schmidts Anregung hin das Abrüstungsprogramm »Mutual Balanced Forces Reductions«(MBFR). Bei der UdSSR und den übrigen Warschauer-Pakt-Staaten traf der Ansatz des gegenseitigen ausgewogenen Trup­ penabbaus nach anfänglichem Zögern durchaus auf Interesse, auch weil sich die Hochrüstungspolitik auf Dauer nur schwerlich finanzieren ließ, was die sowjeti­ sche Führung selbstverständlich nicht in den Vordergrund stellte. Eine austarier­ te Mischung aus nuklearer Abschreckung, Entspannungs- und Rüstungspolitik war schließlich im Jahr 1979 auch einer der leitenden Gedanken für den von Schmidt als international anerkannter Bundeskanzler initiierten NATO-Doppel­ beschluss, über den er mit seinem Parteivorsitzenden Brandt, der sich zunehmend als weltweit aktiver Friedens- und Entspannungspolitiker profilierte, in eine hef­ tige Auseinandersetzung geriet. Die intensive Korrespondenz aus jener Zeit, in der die Bundesrepublik Deutschland ihre bisher größten Friedensdemonstratio­ nen erlebte, stellt ein bemerkenswertes Zeugnis für das niemals freundschaftli­ che, aber eigentlich stets um politisches Zusammenwirken bemühte Verhältnis von Willy Brandt und Helmut Schmidt dar. Zu mehr als auf die knappe angelsäch­ sische Formel»agree to disagree« 17 konnten sich die beiden Sozialdemokraten Dokument Nr. 238, S. 397–400, hier: S. 398f. S. 397f. Vgl. Hartmut Soell, Helmut Schmidt 1918–1969. Vernunft und Leidenschaft, Mün­ chen 2003, S. 333ff. Dokument Nr. 653, S. 923–924. Perspektiven auf Helmut Schmidt 65 letztlich im Dezember 1982 nach dem Ende der sozial-liberalen Koalition nicht mehr verständigen, zumal sich ihre gegensätzlichen Auffassungen in der Nach­ rüstungskrise mit ihrem seit den späten 1960er-Jahren schwelenden Konflikt über die politische Ausrichtung der SPD und die Zusammensetzung ihrer Mitglied­ schaft vermengt hatte. 18 Fazit: Zum historischen Wert und zu den Grenzen eines Briefwechsels zweier Spitzenpolitiker Die Korrespondenz von Willy Brandt und Helmut Schmidt gehört zu einer be­ sonderen Quellengattung, indem sie deren Arbeitsverhältnis nachvollziehbar macht und punktuelle Einblicke in den politischen Meinungs- und Gedanken­ austausch zweier Spitzenpolitiker eröffnet, dessen kontinuierlichen Verlauf je­ doch aufgrund ihrer häufigen Kommunikation im direkten Gespräch nicht ab­ bilden kann. Einen Biografie-Ersatz kann der Briefwechsel folglich nicht bieten, ebenso wenig den Anspruch erheben, als Doppelbiografie gelesen werden zu kön­ nen. Gleichwohl zeigt er die ganze Spannbreite der zwischen Partnerschaft und Rivalität oszillierenden Beziehung von Brandt und Schmidt, der sich anfangs so­ gar um dessen, nur sehr wenigen zuteilwerdende Freundschaft bemühte. Phasen engster Zusammenarbeit wechselten sich mit Distanzierungen und dem Ausbre­ chen scharfer Gegensätze ab. Gelegentlich wurden selbst die ausdrücklich priva­ ten Briefe, die neben Brandt oder Schmidt keinen weiteren Empfänger in Partei, Regierung oder Fraktion hatten, in die öffentliche Auseinandersetzung getragen. Trotz dieser insbesondere für die 1970er-Jahre typischen Differenzen näherten sich die beiden Sozialdemokraten nach ihrer völligen Entfremdung infolge des NATO-Doppelbeschlusses und des Regierungswechsels 1982/83 allmählich wie­ der an. Ihre niemals ganz abgerissene Gewohnheit, mehr oder weniger indivi­ duelle Geburtstags- und Neujahrswünsche auszutauschen 19 , verbanden sie mit um Verständigung bemühte Rückschauen auf ihre gemeinsame politische Arbeit. Gänzlich kitten ließ sich der Bruch zwischen ihnen jedoch nicht. ebd. Dokumente Nr. 649 bis 653. ebd. , S. 59ff. Perspektiven auf Helmut Schmidt 67 Rainer Hering Helmut Schmidts christlicher Glaube Helmut Schmidt(1918–2015) hatte als Politiker zeitlebens intensiv den Kontakt zu den christlichen Kirchen gesucht und damit wesentlich zur Annäherung zwi­ schen Sozialdemokratie und Kirchen, vor allem zwischen SPD und römisch-ka­ tholischer Kirche, gesorgt. 1 Aber wie stand er persönlich zu Glaube und ­Religion? Setzt man sich mit Helmut Schmidts persönlichem Verhältnis zu Kirche und Glauben auseinander, so fällt zunächst auf, dass er zu seiner»kirchlichen Biogra­ fie« selbst kaum schriftlich Auskunft gab – er verstand sie als Privatangelegenheit. Die Daten von Taufe, Konfirmation und kirchlicher Trauung sowie von seiner Zeit als Synodaler in Hamburg finden sich zwar auf dem Rückumschlag seines Buchs»Als Christ in der politischen Entscheidung«. 2 Über seine Konfirmation und seine kirchliche Trauung äußerte er sich kurz inhaltlich, aber diese Aussagen blieben insgesamt recht blass. Viele Fakten, zum Beispiel die aus diesen Anlässen ausgewählten Bibelzitate oder die Namen der Taufpaten, sind unbekannt oder mussten aufwändig recherchiert werden. 3 Mit der Ausnahme seines Konfirma­ tors Walter Uhsadel(1900–1985) nannte Schmidt im persönlichen Kontext auch keine Pastorennamen. 4 Sicherlich spielte eine grundsätzliche Zurückhaltung des Politikers in Bezug auf sein Privatleben dabei eine Rolle. Doch kann auch der Ein­ druck entstehen, dass diese privaten kirchlichen Ereignisse keine tiefer gehende emotionale wie intellektuelle Bedeutung für ihn hatten. Gefühlsmäßig sprach ihn Fassung eines Vortrags, gehalten am 1. Oktober 2016 in der Sektion»Helmut Schmidt 1918–2015« auf der 40. Annual Conference of the German Studies Association in San Diego. Zum Kontext vgl. Rainer Hering,»Aber ich brauche die Gebote...«. Helmut Schmidt, die Kirchen und die Religion, Bremen 2012. 2  H elmut Schmidt, Als Christ in der politischen Entscheidung, Gütersloh 1976, 2.[erw.] Aufl. 1977. liegen viele Daten in den privaten Unterlagen Helmut Schmidts nicht vor beziehungsweise sind nicht erinnerlich(freundliche Mitteilung des Helmut Schmidt-Archivs Hamburg-Langenhorn (AHS) vom 29.4.2009). Für die Unterstützung dort danke ich Heike Lemke sehr. 4  R ainer Hering, Uhsadel Walter Franz, in: Friedrich Wilhelm Bautz(Hrsg.) und fortgeführt von ­ Traugott Bautz, Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. XII, Herzberg 1997, Sp. 841– 854; ders., Uhsadel Walter Franz, in: Franklin Kopitzsch/Dirk Brietzke, Hamburgische Biografie. Personenlexikon, Bd. 3, Göttingen 2006, S. 390. 68 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 seit seiner Jugend im religiösen Kontext vor allem die Kirchenmusik Johann ­Sebastian Bachs(1685–1750) an. Helmut Schmidts persönliches Verhältnis zu christlichem Glauben und kirchli­ cher Lehre war immer bestimmt von verantwortungsethischen Überzeugungen. Ein tiefer innerer Glaube an viele Elemente der christlichen Lehre, zum Beispiel die Vorstellung eines Lebens nach dem Tode, oder eigene frei formulierte Gebe­ te spielten für ihn keine Rolle. Er nahm Religion für sich privat offenbar eher als Wertesystem denn als Bekenntnisakt beziehungsweise Glaubenslehre oder – mit Ausnahme des Zweiten Weltkriegs – als persönlichen Trost wahr. In einem Fern­ sehgespräch im Jahr 2008 sagte er wörtlich:»Aber zum Glauben habe ich eigent­ lich nie ein enges Verhältnis gehabt. Ich habe ihn auch nie gesucht.« 5 Schmidt war, wie er 1998 schrieb,»von der Notwendigkeit der Moral überzeugt, die das Christentum im Laufe von Jahrhunderten entfaltet hat. Wir Deutschen können nicht im politischen und sozialen Frieden miteinander leben ohne die im Christentum entwickelten Pflichten und Tugenden. Die Kirchen müssen Ge­ gengewichte setzen gegen die Tendenz zum moralischen Verfall unserer Gesell­ schaft.[…] Deshalb müssen die Kirchenleute Beispiele geben, sie sollen uns L­ aien zu Beispielen ermutigen. Sie sollen uns als Volkskirche Seelsorge und Trost ge­ ben. Sie sollen uns Barmherzigkeit und Solidarität lehren gegenüber den Benach­ teiligten, den Schwachen, Kranken und Armen, desgleichen Toleranz und Res­ pekt vor der persönlichen Würde jedes anderen Menschen.[…] Auch im 21. Jahrhundert werden die Kirchen gebraucht.« 6 Helmut Schmidt schien – das wird immer wieder in seinen Aussagen deutlich – die Aufgabe von Kirche in der individuellen Seelsorge und in der Verbreitung ­ethischer Werte in der Gesellschaft zu sehen. Das Sakrale ordnete er der Ethik unter. Das Christentum war für Schmidt in erster Linie für die ethische Fundierung gesell­ schaftlichen und politischen Handelns der Einzelnen von Bedeutung. Seine ­Reden aus den Nachkriegsjahren waren geprägt von positiv besetzten Begriffen wie»per­ sönliche Verantwortung«,»selbständiges Urteil«,»Selbsterziehung« und»Zivil­ Schmidt in der ARD-Sendung»Beckmann« am 22.9.2008; vgl. Gespräch Helmut Schmidts mit Giovanni di Lorenzo, in: ZEIT-Magazin, 10.6.2010. 6  H elmut Schmidt, Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral. Deutschland vor dem neuen Jahr­ hundert, München 2000, S. 75. Perspektiven auf Helmut Schmidt 69 courage« – alles Eigenschaften eines selbstbewussten, reflektierenden I­ ndividuums. Bei der Entwicklung dieser Eigenschaften sah Schmidt die Kirchen in der Pflicht. Negativ besetzt waren dagegen Termini wie»Bürokratie«,»Obrigkeitsstaat«,»Mas­ se«, und»Bildungsmonopol« – Begriffe, bei denen die Einzelnen in der Masse ver­ schwinden. 7 Nach seinen Erfahrungen im»Dritten Reich« ging es Helmut Schmidt darum, die Eigenverantwortung und die Selbstständigkeit der Menschen zu stär­ ken. Dies erschien ihm als wesentliche Grundvoraussetzung für das ­Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft. Dabei lag ihm immer an intensiver ­Diskussion. Das Überzeugenwollen wie das Überzeugtwerdenwollen waren ihm schon frühzei­ tig wichtig und prägten sein Leben als Politiker. Gerade als Abgeordneter ­verstand er sich als jemand, der in der Öffentlichkeit andere durch seine Argumente überzeu­ gen und gegebenenfalls umstimmen könne. 8 1954 schrieb er in einem Zeitungs­ artikel:»Demokratisches Staatsklima ist eine Aufgabe der Erziehung, der E­ rziehung zum Selbstvertrauen des Staatsbürgers«, und forderte gerade die Lehrer und Erzie­ her auf:»Lehrt unsere Jugend den Willen zum eigenen Urteil, gebt ihr die ­Fähigkeit dazu, erzieht sie zu kritischem Mitdenken.« Den Beitrag der Kirchen sah Schmidt in der Vermittlung dieser Werte, die für sein Handeln als Politiker bedeutend w­ aren. 9 Helmut Schmidt ging es darum,»bewußt als Christ zu der einen oder anderen Frage öffentlich Stellung zu nehmen«, wie er 1976 in der Einführung zu seinem Buch»Als Christ in der politischen Entscheidung« angab. In einem Gespräch mit dem Leiter des Katholischen Büros Wilhelm Wöste(1911–1993) im folgenden Jahr erklärte Schmidt sich bewusst als Christ, wie das Protokoll festhielt. 10 Auch im Kontext der Debatten um die Friedens- und Sicherheitspolitik, während der ihm wie anderen Befürwortern des NATO-Doppelbeschlusses von manchen aus der Friedensbewegung das Christsein aberkannt wurde, bekannte Schmidt sich nachdrücklich als Christ, zum Beispiel in einem Brief an den Pastor und Politi­ ker Heinrich Albertz(1915–1993):»Auch ich versuche – wie Du – ein Christ zu Hartmut Soell, Helmut Schmidt 1918–1969. Vernunft und Leidenschaft, 2. Aufl., München 2004 [2003], S. 198. S. 215 und 257. Helmut Schmidt, Es fehlt das Staatsklima. Was sollen wir tun, was lassen? Vorschläge für die Po­ litiker, für Lehrer und Erzieher, in: Hamburger Echo, 30.12.1954. 10  S chmidt, Christ, S. 11; AHS, Korrespondenz Privat-politisch A-Z Band 18 1977/II, Niederschrift vom 23.2.1977 über den Besuch des Leiters des Kommissariats der deutschen Bischöfe – katholi­ sches Büro Bonn –, Weihbischof Wilhelm Wöste, beim Herrn Bundeskanzler am 22.2.1977. 70 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 sein, aus christlicher Verantwortung zu handeln und den Sinn der Kirchen für ge­ rade ihre öffentliche Verantwortung zu stärken. Darin trennt uns nichts.« 11 Deut­ lich wird hier der hohe ethisch-moralische Anspruch und eine sehr vorsichtige Rückkopplung an einen allerdings nicht näher bestimmten Gott, die Schmidts Handeln gerade als Politiker geprägt haben. Im August 1983 fasste Helmut Schmidt am Brahmsee sein Glaubensverständnis in einem Brief an den im Ruhestand befindlichen Berlin-Brandenburger Bischof Albrecht Schönherr(1911–2009) so zusammen:»In Sachen theologiae bin ich wahrscheinlich – auch später als Abgeordneter, Minister und Bundeskanzler – immer naiv geblieben: mir war, mir ist immer das Vertrauen in Gott als den Herrn der Geschichte der beherrschende Mittelpunkt geblieben, wie schon in der Nazi-­ Zeit: Nichts geschieht, das er nicht will. Das Vaterunser und Choral sind meine Eckpfeiler geblieben.« 12 Im Jahr 1985 definierte Helmut Schmidt im Gespräch mit dem Dirigenten ­Leonard Bernstein(1918–1990) mit einer von ihm selbst als»ziemlich naiven Formulie­ rung« bezeichneten Art den Begriff Glaube:»Glaube heißt zu wissen, daß man in der Hand Gottes ist, wie immer man Gott nennt.« 13 Auf dem 32. Evangelischen Kirchentag in Bremen nahm Helmut Schmidt am 21. Mai 2009 vor 6.000 Zu­ schauern an einer Podiumsdiskussion mit dem Präsidenten der Weltbank Robert Zoellick(Jahrgang 1953) teil. Dabei wünschte er, dass»der liebe Gott« dem ame­ rikanischen Präsidenten bei seiner Arbeit helfen möge. Ob diese Formulierung dem Kirchentag geschuldet war oder einer inneren Überzeugung Schmidts ent­ sprach, ist nicht zu entscheiden – zumal der Gottesbegriff unbestimmt bleibt, muss es sich nicht zwingend um den christlichen Gott gehandelt haben, sondern kann sich auf eine nicht näher bestimmte höhere Macht beziehen. 14 Selten bezeichnete sich Helmut Schmidt selbst in einer öffentlichen Rede als Christ oder rief zum Vertrauen auf Gott auf. Insofern nimmt sein Vortrag»Brücken ­bauen der sozialen Demokratie(AdsD), HSA, 10636, Schmidt an Albertz, 21.4.1981. Korrespondenz Inland und Ausland ab 03.06.1983–31.07.1983, Schmidt an Schönherr, 1.8.1983. diese bessere Welt finden Sie nur im Mythos«, in: Die ZEIT, 15.11.1985. Allgemeine Zeitung, 23.5.2009, dort das Zitat; Ellen Ueberschär/Silke Lechner(Hrsg.), Mensch, wo bist Du?(1. Mose 3,9), S. 32. Deutscher Evangelischer Kirchentag Bremen 20.–24. Mai 2009. Horizonte des Glaubens, Perspektiven für die Gesellschaft, Chancen für die Welt, Gü­ tersloh 2009, S. 124–143, das Zitat ebd., S. 142; vgl. zur Veranstaltung auch die TAZ, 23.5.2009. Perspektiven auf Helmut Schmidt 71 in Europa – meine Erwartungen an die Kirchen« auf dem Rostocker Kirchentag im Juni 1988 in der DDR hier eine ungewöhnliche Stellung ein. Schmidt beton­ te, dass er als einfacher Bürger und Christ gekommen sei und sich freue, als Bru­ der akzeptiert zu werden. Dabei blieb offen, ob der Terminus»Bruder« national­ staatlich oder kirchlich gemeint war. Am Ende dieser Ansprache bezog sich Helmut Schmidt im Blick auf die erforderliche deutsch-deutsche und die inter­ nationale Verständigung explizit auf Gott:»Was aus all diesen Mühen, was aus all unseren Sorgen wird, das steht bei Gott. Auf ihn habe ich selber immer dann ver­ traut, wenn ich Angst hatte, gerade auch als Soldat im Kriege. Liebe Rostocker, vielleicht darf ich Ihnen doch am Schluß eine Empfehlung mitgeben: Setzt Euer Vertrauen auf Gott den Herrn!« 15 Dies war im Kontext der DDR-Gesellschaft der Aufruf zu einer Distanzierung von der SED-Herrschaft. In einem in diesem Kontext geführten Interview bezeichnete Schmidt das Vater­ unser als den für sein Denken und Handeln wichtigsten biblischen Text:»Für mich hat immer das Vaterunser im Zentrum gestanden und insbesondere der Schluß: Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit – in Ewigkeit.« 16 Bei ihrer letzten Begegnung in Wien mahnte Franz Kardinal König(1905–2004) Helmut Schmidt:»Herr Schmidt, vergessen Sie nicht die Kraft des persönlichen Gebets!« Obwohl ihn König immer sehr beeindruckt hatte, befolgte Schmidt des­ sen Mahnung nach eigenen Angaben nicht. Auch früher habe er keinen inneren Bezug zu persönlichen Gebeten gehabt, mit zwei Ausnahmen:»Wenngleich ich in meinem Leben innerlich nicht gebetet habe, so haben mich doch zwei Gebete tief angerührt, nämlich das Vaterunser und das Gelassenheitsgebet des Ameri­ kaners Reinhold Niebuhr.« 17 Im Amt habe Schmidt niemals gebetet, allerdings Eigene Arbeiten Ordner 391 05–07.1988, Nummer 9: Rede auf dem Kirchentag der Evan­ gelischen Kirche von Mecklenburg in Rostock/Marienkirche 18.6.1988, zitiert wurde aus der End­ fassung. In der Druckausgabe Schmidt, Religion, S. 115–125, das Zitat S. 125. Eigene Arbeiten Ordner 391 05–07.1988, Nummer 15, Die eigene Sache im Auge behalten, in: Mecklenburgische Kirchenzeitung, 3.7.1988. 17  H elmut Schmidt, Außer Dienst. Eine Bilanz, München 2008, S. 294, dort das König-Zitat, S. 288 und 336, dort das Niebuhr-Zitat; Gespräch Helmut Schmidts mit Giovanni di Lorenzo, in: ZEIT-­ Magazin, 10.6.2010. Auch in einem Fernsehinterview im Jahr 2006 zu seinem Einsatz bei der Sturmflut in Hamburg 1962 verweist Schmidt auf dieses Gebet(Die Hamburger Sturmflut 1962 – Helmut Schmidt erzählt. NDR-Fernsehen von Raymond Lay). 72 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Seelsorge gefunden bei Franz Hengsbach(1910–1991), Eduard Lohse(1924–2015) und Oswald von Nell-Breuning(1890–1991). 18 Auch zum religiösen Zusatz»So wahr mir Gott helfe« zum Amtseid hatte ­Helmut Schmidt ein distanziertes Verhältnis. Ein besonderes Vertrauen, dass Gott ihm bei der Amtsführung helfen würde, habe er nicht, selbst wenn dieser Zusatz ein Bekenntnis zu Gott beinhalte. Dennoch sei es ihm immer selbstverständlich ge­ wesen, den Eid mit der religiösen Zusatzformel zu leisten. Die meisten Bürgerin­ nen und Bürger glaubten an Gott und hätten von ihm erwartet, dass er Gott im Amtseid anrufe. Dieser Erwartung zu entsprechen, war ihm»gänzlich unproble­ matisch«. Allerdings hätte er ohne diese Ergänzung sein»Gewissen immer ge­ nauso angestrengt, mein Versprechen einzuhalten, das ich in Gestalt des Amts­ eides gegeben habe.« Im Jahr 2008 jedoch hielt er»sowohl den Schwur an sich als auch die zusätzliche Anrufung Gottes für eine zweifelhafte Einrichtung«. 19 Die Kirchen waren für Helmut Schmidt als Vermittler von Werten bedeutsam. Besonders wichtig galten ihm die Tugenden des Verantwortungsbewusstseins, der Vernunft und der inneren Gelassenheit. Konkret nannte er neben den drei religiösen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung(1. Korinther 13, 13) die vier»Kar­ dinaltugenden« des Thomas von Aquin: Klugheit, Mäßigung, Gerechtigkeit und Tapferkeit – letztere bezeichnete er später als Zivilcourage. Die Kirchen sollten, wie bereits erwähnt, seiner Meinung nach die Menschen zum Befolgen dieser Tu­ genden anstiften und ermutigen. Daher hielt Schmidt am Christentum fest: »Gleichwohl nenne ich mich immer noch einen Christen und bleibe in der Kir­ che, weil sie Gegengewichte setzt gegen moralischen Verfall in unserer Gesell­ schaft und weil sie Halt bietet. Wir Deutschen können nicht in Frieden mitein­ ander leben ohne die auf dem Boden des Christentums entwickelten Pflichten und Tugenden.« 20 In seinen 1996 publizierten Erinnerungen betonte Schmidt seine Kirchenmitglied­ schaft»aus fester Überzeugung«.»Aber ich bezweifle häufiger als damals, ob un­ sere Kirchen uns heutigen Menschen am Ende des zweiten Jahrtausends das ge­ 18  H elmut Schmidt, Hand aufs Herz. Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, Mün­ chen 2003, S. 93f. 19  S chmidt, Dienst, S. 297. S. 295f. und 336, das Zitat S. 295. Perspektiven auf Helmut Schmidt 73 ben – und überhaupt geben können –, wonach so viele sich sehnen: die Gebor­ genheit im Glauben an Gott und an Gottes Allmacht.« Für ihn seien das Gewissen und die persönliche Verantwortung zentral.»Nichts kann geschehen gegen Got­ tes Willen, das glaube ich noch heute. Aber ich habe oft gedacht und gehofft: Mein Gott, laß mich das Richtige tun. In allen schwierigen Fragen habe ich meine Ver­ nunft angestrengt und ebenso mein Gewissen – und immer habe ich den Rat an­ derer gesucht, sowohl solcher, die älter waren, als auch solcher, die jünger waren als ich selbst. Aber jede vernünftige Risikoabwägung schließt eben auch das Ri­ siko eines Fehlschlages ein, manchmal sogar eines tödlichen Fehlschlages.« Ex­ plizit nannte Schmidt hier die Entführung Hanns Martin Schleyers(1915–1977) und den NATO-Doppelbeschluss. Trotz der Hingabe an den Willen Gottes kön­ ne ein Christ, so Schmidt, sich nicht der»persönlichen Verantwortung vor unse­ rem eigenen Gewissen und vor unseren Mitbürgern und Nachbarn« entziehen. »Auch die Kirchen können uns aus diesem Dilemma nicht befreien. Wohl aber können sie uns seelischen Beistand geben.« 21 1980 sagte er, dass er den Menschen Leitvorstellungen vermitteln wolle, dass das, was politisch zu regeln sei, aus zwei Gründen erfolgen solle:»erstens, aus dem Anstand, der Gerechtigkeit, der Moral, der Gesamtheit sittlicher Grundüberzeu­ gungen, Grundwerte heraus, die unserer Zeit gemeinsam sind. Und, zweitens, muß dies geschehen mit einem höchstmöglichen Maß an Vernunft. Das sind die beiden Hauptwurzeln meines politischen Denkens und Handelns, die ich auch gerne anderen Menschen plausibel und transparent mache, und dabei muß man dann immer noch wissen, daß ein Rest bleibt, mit dem man angewiesen ist auf Gnade, Gott, wie immer man es nennen will«. Für ihn blieb also immer noch ein Bereich, der vom Menschen nicht steuerbar war und den er hier mit»Gnade« be­ ziehungsweise»Gott« bezeichnet. 22 1997 bekannte Schmidt sich in einem Beitrag in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen zum ihm vorgegebenen Thema»Warum ich(k)ein Christ bin« als Christ. Sein Christentum habe sich in den letzten Jahrzehnten nicht verändert, auch nicht vertieft.»Sondern eher gehöre ich heute stärker noch als früher zu den 21  H elmut Schmidt, Weggefährten. Erinnerungen und Reflexionen, Berlin 1996, die Zitate S. 397– 399. nach: Sibylle Krause-Burger, Helmut Schmidt. Aus der Nähe gesehen, Düsseldorf/Wien 1980, S. 280. 74 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Distanzierten in der Kirche«. Wichtig war ihm der»Respekt gegen andere Reli­ gionen und andere Bekenntnisse«, da die moralischen Grundwerte zwischen ih­ nen näher beieinander liegen. Viele christliche Glaubensinhalte seien im fremd: »Ich glaube nicht, ich kann nicht an die Wunder in der Bibel glauben, nicht an das leere Grab. Ich glaube, Gott ist der Herr allen Geschehens. Aber mit der hei­ ligen Dreieinigkeit von Gott und Sohn und Heiligem Geist habe ich ganz große Schwierigkeiten.« Schmidt hinterfragte den Begriff der Definition des Christseins: »Aber muß ich als Christ, der zu sein ich behaupte, muß ich wirklich glauben, dass Eva aus der Rippe des Adam geschaffen wurde? Wo ich doch weiß – wie in­ zwischen alle Naturwissenschaftler der ganzen Welt wissen –, daß alle heute exis­ tierenden Lebewesen entstanden sind durch biologische Evolution, durch Muta­ tion und Selektion. Ich hätte persönlich gar keine Schwierigkeit zu sagen, die der biologischen Evolution zugrunde liegenden Prinzipien sind von Gott.« Schmidt betonte das moralische Potenzial des Christentums. Er bleibe in der Kirche,»weil die Kirche, auch wenn sie mich bisweilen enttäuscht,[…] Gegengewichte setzt gegen den moralischen Verfall unserer Gesellschaft, weil sie Halt bietet, den man sonst nicht besitzt.« 23 Gottvertrauen war für Helmut Schmidt ein wichtiges Element seines Glaubens, das für sein Leben herausragende Bedeutung hatte. In seiner Rede am 1. Juli 1986 in der Marktkirche Hannover sagte er wörtlich:»Wahr ist, Gott bleibt der Herr über die Geschichte der Menschen. Das Vertrauen auf Gott hat den allermeisten von uns, die wir überlebt haben im Krieg und in der Nazizeit, den Willen zum Leben bewahrt. Es hat mich in der langen Zeit der Abwehr terroristischer Mor­ de, Entführungen, Geiselnahmen, der vielfachen Drohung der Wiederholung und Fortsetzung der Gewalttaten davor bewahrt, den Weg der abwägenden, den Weg der an Moral und Recht sich orientierenden Vernunft zu verlassen. Ich glaube, Eigene Arbeiten, Ordner 293 10.1997, Nummer 4: Ms. Rede St. Katharinen: Warum ich (kein) Christ bin 6.10.1997, dort die Zitate Bl. 3, 18f., 40–44; Erstdruck: Helmut Schmidt, Vortrag vom 6. Oktober 1997, in: Axel Denecke(Hrsg.)»Warum ich(k)ein Christ bin…«. Vortragsreihe prominenter Zeitgenossen(Texte aus Katharinen 2), Hamburg 1997, S. 17–25, gekürzt wieder ge­ druckt als: Helmut Schmidt, Warum ich(kein) Christ bin, in: Johannes Röser(Hrsg.), Christsein 2001. Erwartungen und Hoffnungen an der Schwelle zum neuen Jahrtausend, 3. Aufl., Freiburg/ Basel/Wien 1998, S. 47–52. Vgl. zu seinem Vortrag das Gespräch mit Prof. Dr. Hans-Joachim ­Seeler am 21.9.2006. Auch im Jahr 2010 bezeichnete Schmidt sich als»ein[en] sehr distanzierte[n] Christ[en]«. Gespräch Helmut Schmidts mit Giovanni di Lorenzo, in: ZEIT-Magazin, 10.6.2010. Perspektiven auf Helmut Schmidt 75 Vertrauen auf den Herrn der Geschichte gibt uns auch den Mut dazu, Ängste auszuhalten; diese Welt, so wie sie wirklich ist, als Heimat anzunehmen, und diese Welt, wo sie noch nicht Heimat ist oder wo sie es nicht mehr ist, wieder zur Hei­ mat zu machen.« 24 Ein Wandel in Schmidts Glaubenseinstellung war, wie in obigen Äußerungen an­ gedeutet, in der wachsenden Distanz zum Christentum und in einer Öffnung für andere Religionen zu erkennen. Entscheidend waren hier die Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundeskanzlers, die ihm mehr Zeit für interreli­ giösen Austausch und Lektüre über andere Religionen boten. 25 In einem Gespräch im Jahr 2002 lehnte er den Glauben an einen gerechten Gott in einer explizit als vorläufig gekennzeichneten Aussage ab:»Der gerechte Gott, wenn es ihn denn gibt, hat immerhin Auschwitz zugelassen und andere entsetzliche Verbrechen.« Daher würde er, wie er sechs Jahre später, 2008, in einer Fernsehsendung sagte, sich»heute nicht mehr auf Gott verlassen«. Die ihn lange Zeit prägende Vorstel­ lung von Gott als dem Herren der Geschichte schien er aufgegeben zu haben. Nunmehr traten christliche Grundsatzfragen bei Schmidt in den Vordergrund und er setze sich intensiver mit Fragen der Theodizee auseinander. Im Dezember 2010 erklärte er, seinen persönlichen Glauben weitgehend verloren zu haben. Er teile die Auffassung seiner Frau, mit der er über das Sterben geredet habe, dass im Falle eines Todes die Moleküle, aus denen der Mensch bestand, erhalten blie­ ben und nicht verloren gingen, was tröstlich sei. Im April 2011 schrieb Helmut Schmidt über sich selbst:»Ich bin aber immer Skeptiker geblieben, das heißt ein sehr distanzierter Christ.« 26 Trotzdem blieb eine emotionale Komponente in seinem persönlichen Verhältnis zu Kirche und Christentum: Helmut Schmidt schätzte Kirchenmusik sehr, zumal Eigene Arbeiten, Ordner 381 06–08.1986, Nummer 4: Rede: Christliche Ethik und politi­ sche Verantwortung, Marktkirche Hannover 1.7.1986, Hervorhebung im Original. Schmidt ließ diese Rede hektografiert am 1. August 1986 an alle SPD-Abgeordneten verschicken. Publiziert wurde diese Rede 2011 in Helmut Schmidt, Religion in der Verantwortung. Gefährdungen des Frie­ dens im Zeitalter der Globalisierung, Berlin 2011, S. 79–101. mit Helmut Schmidt am 15.2.2007. 26  S chmidt, Hand aufs Herz, S. 93, dort die ersten Zitate; ders.: Religion, S. 175; AHS, Eigene Arbei­ ten, Ordner 350 01.2008, Nummer 19: Mitschrift ARD-Sendung: Menschen bei Maischberger 12.6.2007, Helmut Schmidt/Richard von Weizsäcker(Hrsg.), Innenansichten aus Europa(Die neue Mittwochsgesellschaft 4), München 2007; Helmut Schmidt in der ARD-Sendung»Menschen bei Maischberger« am 14.12.2010; Helmut Schmidt, Macht endlich Frieden, in: Die ZEIT, 14.4.2011. 76 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 sie für ihn auch eine konkrete Bedeutung hat, weil die Orgel neben dem Klavier sein bevorzugtes Instrument war.»Ist seiner Liebe zum Orgelspiel zwar auf meh­ reren Kirchenorgeln nachgegangen, jedoch nicht öffentlich«, heißt es in seinem Buch»Als Christ in der politischen Entscheidung«. In der Tat lehnte er die zahl­ reichen Angebote von Kirchen, dort ein Orgelkonzert zu geben, immer ab. 27 Sehr oft besuchte Schmidt, der sich bereits in seiner Schulzeit mit Kirchenmusik beschäftigt hatte, Veranstaltungen mit Kirchenchören oder Orgelkonzerte. Häu­ fig spendete er Geld für den Erhalt von Orgeln, unter anderem in Polen. Er unter­ stützte die Restaurierung der Arp-Schnitger-Orgel in der Hamburger H­ auptkirche St. Jacobi und spielte sie bei einem privaten Besuch selbst. 28 Mit dem Hamburger Kirchenmusikdirektor an der Hauptkirche St. Michaelis, Günter Jena(Jahrgang 1933), stand Schmidt in einem engen privaten Austausch und beteiligte sich aus Anlass des 300. Geburtstags an der»Geburtstags-Gesellschaft J. S. Bach«. Schmidt verehrte Johann Sebastian Bach sehr; für ihn sei Hamburg»eigentlich die Haupt­ stadt der deutschen Kirchenmusik«. 29 Mehrfach referierte Schmidt in Hamburg und Leipzig über Johann Sebastian Bach. 30 Schmidt wörtlich:»Musik sei zur Rekreation des Gemütes, so hat bekannt­ lich Bach einmal geschrieben. Und das ist wohl wahr. Rekreation – das bedeutet in unserer heutigen Sprache wohl Erholung. Heute würde Bach vielleicht sagen: Musik gilt als Erneuerung der Seele des Menschen.« Schon in der Schule habe ihn»immer die Klarheit, die Durchsichtigkeit und die Ordnung der polyphonen mit Helmut Schmidt am 15.2.2007; Schmidt, Christ, Buchumschlag Rückseite; vgl. die Korrespondenzen im AHS, beispielsweise Korrespondenz I/2 N-Z 1983–1986, Schmidt an Karin Opitz, Verein zur Wiederherstellung der Orgel von Poppenbüll, 13.12.1985. AdsD, HSA, 9527, Schmidt an Helmut Walcha, 18.6.1975; ebd., SPD-PV, 13710, Reitz an ­Erhard Eppler, 29.9.1976; AHS, Korrespondenz I/2 K-M 1983–1986, Hauptpastor Dr. Lutz M­ ohaupt an Schmidt, 28.2.1986. mit Helmut Schmidt am 15.2.2007. Ordner Inland ab 1.1.1983 I A-Z, Jena an Schmidt, 15.1.1983, Schmidt an Jena, 24.2.1983; ebd., Korrespondenz I/2 A-J 1983–1986(Schriftwechsel mit Jena); ebd., Termin im Hamburger Michel am 21.3.1985; ebd., Ordner 305 05–06.1999, Nummer 2: Rede zur Eröffnung des B­ achfestes in der Thomas-Kirche Leipzig 12.5.1999; ebd., Ordner 322 11–12.2001, Nummer 3; Helmut Schmidt, Musik»zur Recreation des Gemüths«, in: Friedemann Kluge(Hrsg.), Begegnungen mit Bach. Eine Anthologie zugunsten der Berliner Bach-Autographe, Kassel/Stuttgart/Weimar 2002, S. 8–12; ders.: Johann Sebastian Bach zu Ehren, in: Evangelische Kommentare 18, 1985, S. 345–347; ders., Vom deutschen Stolz. Bekenntnisse zur Erfahrung von Kunst, Berlin 1986, S. 43–55; ders., Reli­ gion, S. 70–78. Perspektiven auf Helmut Schmidt 77 Barockmusik mehr angezogen, als alle Klassik und Romantik. Schütz, Pachelbel, Buxtehude – das waren meine Komponisten. Vor allem aber Bach, Telemann, Vi­ valdi, Purcell. Die Bach-Söhne liebte ich auch, aber schon mit Abstrichen. Je durchsichtiger eine Musik war, umso mehr ging sie in mein Ohr.« Bachs Musik habe Folgendes zur Voraussetzung:»Zweck aller Musik solle nichts anderes sein, ›als nur zu Gottes Ehre‹ – und zur Rekreation des Gemütes zu dienen.« 31 Die Texte der Kirchenlieder seien ihm relativ gleichgültig gewesen, was ­überrascht: »Mir waren immer die lateinischen Texte am liebsten, denn die konnte ich nicht verstehen. Dann wirkte die Musik abstrakt. Die deutschen Kirchenlieder, meist von Paul Gerhardt, fand ich zum Teil nicht sonderlich attraktiv, zum Teil ge­ schmacklos, kitschig«. 32 An der Aufführung des Paulus-Oratoriums von Felix Mendelssohn-Bartholdy(1809–1947) 1993 im Hamburger Michel hob Schmidt jedoch gerade eine Textpassage als besonders eindringlich hervor:»Wachet auf, ruft uns die Stimme«. Dieser Choral ging auf das gleichnamige Kirchenlied ­Philipp Nicolais(1556–1608) aus dem Jahr 1599 zurück, das von Johann ­Sebastian Bach 1731 in einer Kantate aufgegriffen wurde. 33 In Helmut Schmidts Bach-Vorträgen finde sich, wie er selbst sagt,»ein bisschen von Schmidts Verhältnis zum Christentum wieder«. So stellte die Kirchenmusik für ihn eine emotionale Verbindung zu Kirche und Christentum dar. Dass er in den letzten Lebensjahren aufgrund seiner Hörbehinderung keine Musik mehr wahrnehmen konnte, war für Helmut Schmidt eine Tragödie. 34 In einem bilanzierenden Interview im Norddeutschen Rundfunk äußerte sich Helmut Schmidt im Jahr 2003 zu existenziellen Fragen. Die Erfahrung eines le­ bensbedrohlichen Herzinfarkts habe sich kaum auf ihn ausgewirkt. Angst vor dem Tode habe er nicht, eher vor langem Leiden. Ein plötzlicher Herztod sei ihm lieber als ein langer Krebstod. An ein Leben nach dem Tode habe er nie geglaubt, eine solche Vorstellung als Trost habe er nicht benötigt. Auf die Frage nach ­seiner 31  S chmidt, Stolz, S. 43–55, die Zitate S. 44f., Hervorhebung im Original. mit Helmut Schmidt am 15.2.2007, dort die Zitate; Schmidt, Stolz, S. 43–55; Hannelore Schmidt/Reiner Lehberger, Auf einen Kaffee mit Loki Schmidt, Hamburg 2010, S. 42. Eigene Arbeiten, Ordner 260 06–07.1993, Nummer 13: Rede zum Gedenken an die Opera­ tion Gomorrha am 23.7.1993 im Hamburger Rathaus, Bl. 15f. mit Helmut Schmidt am 15.2.2007, dort das Zitat; vgl. auch Gespräch mit Jens Fischer am 15.8.2008. 78 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Lieblingsstelle in der Bibel antwortete er:»Der 90. Psalm. Da heißt es: Das Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt sind es achtzig Jahre und wenn es köstlich gewesen ist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen.« 35 Der langjährige Mitarbeiter Schmidts Jens Fischer(1943–2020) sieht einen Kau­ salzusammenhang zwischen Schmidts in diesem Zitat deutlich werdendem be­ eindruckenden Arbeitsethos und dessen religiöser Einstellung. Dies sei»eigent­ lich eine urluthersche Fragestellung: ›Wie schaff ich mir einen gnädigen Gott, wie kann ich schuldlos sein?‹ Und der einzige Weg ist, bis an die Grenze meiner Be­ lastbarkeit mich um die Sachen kümmern, alles lesen, alle Kontakte haben, alles besprechen und dann zu sagen, wenn ich jetzt eine Entscheidung treffe und sie ist falsch, dann kann ich nur sagen, ich konnte es nicht besser.« 36 Hintergrund mag auch Schmidts recht harte Erziehung durch den Vater gewesen sein, die Ge­ fühle nicht zuließ und Selbstbeherrschung und das Zurücknehmen der eigenen Person zum Ziel hatte. 37 Im Gespräch im Februar 2007 berichtete Helmut Schmidt von seinem letzten Willen bezüglich der Trauerfeier für ihn, der viel über sein distanzierter gewor­ denes Verhältnis zur Kirche aussagt:»Ich möchte nicht im Hamburger Michel abgefeiert werden, wenn ich tot bin, sondern gefälligst im Rathaus. Es soll kein Theologe reden, es genügt mir, wenn einer das Vaterunser spricht.« 38 Dieses Zi­ tat autorisierte er auch für den Druck. Tatsächlich jedoch fand die Trauerfeier im »Michel« statt, und ein Theologe redete. 39 Die Frage nach der religiösen Überzeugung Helmut Schmidts ist eine unmittel­ bar-menschliche und kann daher nur bedingt mit den zur Verfügung stehenden Quellen erforscht werden. Auf jeden Fall ist im Laufe von Schmidts Lebens eine 35  H elmut Schmidt, Bilanz eines großen Staatsmannes. Gespräch mit Joachim Knuth und Volker Herres, NDR 2003, Audio CD, Hamburg 2004. Vgl.»Ich habe keine Angst vor dem Tod«. Ein Ge­ spräch mit Helmut Schmidt, in: Cicero, März 2007, S. 56–66, hier: S. 64; Helmut Schmidt in der ARD-Sendung»Menschen bei Maischberger« am 14.12.2010. mit Jens Fischer am 15.8.2008. 37  H enning Albrecht,»Pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken«. Helmut Schmidt und die Phi­ losophie, Bremen 2008, S. 22–25; Gespräch Helmut Schmidts mit Giovanni di Lorenzo, in: ZEIT-­ Magazin, 22.12.2010. mit Helmut Schmidt am 15.2.2007. 39  H ering, Gebote, S. 221; URL:[19.11.2023]; Thomas Karlauf, Helmut Schmidt. Die späten Jahre, München 2016, S. 480–482. Perspektiven auf Helmut Schmidt 79 Entwicklung zu erkennen, die bei schon immer vorhandener Distanz zu den Kir­ chen zu einer fortschreitenden Entfernung vom Christentum bei gleichzeitig fort­ bestehender Kirchenmitgliedschaft geführt hat. Ein Faktor war die intensivere Beschäftigung mit anderen Religionen. Helmut Schmidt äußerte sich nur selten konkret zu seinem Glauben oder zu seiner kirchlichen Biografie. Insgesamt ent­ steht der Eindruck, dass er wenig persönlichen Bezug zum Christentum hatte. Er betete nach eigenen Angaben kaum und als Politiker schon gar nicht und konn­ te viele konstitutive Elemente des Christentums, wie die Dreieinigkeit Gottes, nicht nachvollziehen. Der Gottesbegriff Schmidts war meist unbestimmt und meinte nicht immer zwingend den christlichen Gott, vielmehr eine höherstehende Macht. Es ist zu vermuten, dass diese Offenheit nicht zufällig ist. Sie ermöglichte es ihm, einen breiten Personenkreis anzusprechen und zugleich das eigene, phasenweise sicherlich nicht eindeutig geklärte Gottesbild offenzuhalten. Darin spiegelt sich der Pragmatismus Schmidts wider, dem es nicht um wissenschaftliche – seien es theologische, philosophische oder religionswissenschaftliche – Auseinanderset­ zungen ging. Zum Glauben habe er nie ein besonderes Verhältnis entwickelt, er habe es auch nicht gesucht, bilanzierte Helmut Schmidt im Jahr 2008. Das noch bis weit in die 1980er-Jahre vorhandene Vertrauen in Gott als Herren der Ge­ schichte schien danach nicht mehr gegeben zu sein. Ob man Helmut Schmidt als Christen bezeichnet, hängt von der jeweiligen Definition des Begriffes ab – mög­ liche Kriterien wären formale Kirchenmitgliedschaft, innere Überzeugung, regel­ mäßige Gottesdienstbesuche oder Gebete. Schmidt bezeichnete sich jedoch im­ mer wieder selbst als Christ. 40 Schmidts Zugang zur Religion war primär säkular, sein Gottesbild im besten Sin­ ne des Wortes naiv. Er glaubte nicht an die Trinität, nicht an die Gottessohnschaft Jesu oder die neutestamentlichen Wundergeschichten. Ebenso wenig hatten die Sündenvergebung durch den Tod am Kreuz und die Auferstehung Christi – ein zentrales Element des christlichen Glaubens – für ihn eine tiefere Bedeutung. An ein Leben nach dem Tode im christlichen Sinn glaubte Schmidt ebenfalls nicht. Für ihn bedeutete Christsein offensichtlich die Bejahung der gesellschaftlich prä­ genden Kraft der Kirchen und der Normen der christlichen Ethik. Gespräch Helmut Schmidts mit Giovanni di Lorenzo, in: ZEIT-Magazin, 10.6.2010. Perspektiven auf Helmut Schmidt 81 Volker Berghahn Helmut Schmidt und die Vereinigten Staaten von Amerika Dieser Beitrag analysiert die Einstellungen Helmut Schmidts zu Amerika von der frühen Nachkriegszeit bis ins 21. Jahrhundert. Angesichts dieses Zeitrahmens kann es sich indessen nur um eine Skizze handeln, geschrieben in der Hoffnung, dass andere Historiker den hier begonnenen Faden aufgreifen und umfassende­ re Studien zum Thema veröffentlichen werden. Gibt es doch bisher nur Bücher, die Informationen diesem Thema dazu entweder in eine umfassendere Analyse eingebettet haben oder nur in einem kürzeren Zeitrahmen untersuchen. Ersteres gilt vor allem für Hartmut Soells 950-seitige Biografie, die – 2003 als Band 1 erschien und Schmidts Leben und Wirken bis in die späten 1960er-Jahre behan­ delt. Im gleichen Jahr veröffentlichte auch Michael Schwelien seine knappere Stu­ die, die vor allem für das kleinbürgerliche Milieu, in dem Schmidt in Hamburg aufwuchs, sowie die Mordpolitik der Roten Armee Fraktion(RAF) und schließ­ lich für die Gipfeldiplomatie in den 1970er- und 1980er-Jahren interessant ist. Soell schob dann 2008 seinen zweiten Band von 1.082 Seiten mit dem Untertitel »Macht und Verantwortung« nach, wiederum im gleichen Jahr begleitet von ei­ ner Biografie von Hans-Joachim Noack, die ebenfalls etwa zehn Jahre vor Schmidts Tod endet. Außer Gunter Hofmann und Thomas Karlauf beschäftigt sich Meik Woykes Buch»Helmut Schmidt. 100 Seiten« aus dem Jahr 2018 abschließend noch mit Schmidt als»Elder Statesman und Ikone« bis zu seinem Tode 2015. Hinzukamen Studien, die einzelne Lebensabschnitte abdecken. In diesem Zu­ sammenhang ist vor allem das Buch von Barbara D. Heep zu nennen, die Schmidts Beziehungen zu Amerika unter den Präsidenten Jimmy Carter und Ronald ­Reagan genauer untersucht. Zu erwähnen ist auch die kurze Studie von Jochen Thies, der Schmidt als dessen Redenschreiber am Ende der Bundeskanzlerschaft»aus nächs­ ter Nähe« beobachten konnte. Wichtig sind auch Schmidts eigene Veröffentli­ chungen zu strategischen Fragen und zum westlichen Bündnis, mit denen er sich schon vor der Übernahme des Bundesverteidigungsministeriums unter Willy 82 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Brandt(1969) intensiver beschäftigte. Die von Meik Woyke edierte Korrespon­ denz mit Brandt enthält vor allem in den Fußnoten zahlreiche Hinweise auf die westdeutsche Politik gegenüber den USA. 1 Die folgenden Überlegungen gehen allerdings zeitlich über Schmidts Kanzler­ schaft hinaus und bemühen sich, seine sich wandelnden Positionen zu Amerika bis ins frühe 21. Jahrhundert nachzuzeichnen. Hier beziehe ich mich vor allem auf die eindrucksvolle Studie von Thomas Karlauf über»die späten Jahre« ab 1982 bis 2015 sowie auf die Artikel, die Schmidt als Herausgeber der Wochenzeitung »Die ZEIT« verfasste. Die Zwiegespräche mit dem Historiker Fritz Stern aus dem Jahr 2010 konnten ebenfalls herangezogen werden. Außer Karlauf ist für ein Ver­ ständnis von Schmidts Gedankenwelt als Intellektueller(und nicht als Politiker und»Macher«) die Studie von Henning Albrecht hilfreich. 2 Beschäftigte Schmidt sich doch nicht nur intensiv mit philosophischen, soziologischen und kulturel­ len Fragen, sondern suchte auch den Dialog mit Karl Popper sowie als Pianist und Musikliebhaber mit Leonard Bernstein. Unterlagen aus dem umfangreichen Archiv von Schmidt konnten für diese Skizze leider nicht herangezogen werden. Wie erwähnt veröffentlichte Soell seine sehr detaillierte Biografie der ersten 51 Lebensjahre Schmidts 2003, in der nach einem Prolog über die Geburtsstadt Ham­ burg ausführlich der Familienhintergrund, die Kindheit und Jugend sowie die Zeit von Helmut Schmidt auf der progressiven Lichtwarkschule geschildert wer­ den. 3 In diesen Jahren scheint Schmidt allenfalls nur sehr indirekt von Amerika Platz zu sparen, werden in dieser Anmerkung alle Studien aufgeführt, auf die sich dieser B­ eitrag in erster Linie stützt: Hartmut Soell, Helmut Schmidt 1918–1969. Vernunft und Leidenschaft, Bd. 1, München 2003; ders., Helmut Schmidt 1969 bis heute. Macht und Verantwortung, Bd. 2, München 2008; Barbara D. Heep, Helmut Schmidt und Amerika. Eine schwierige Partnerschaft, Bonn 1990; Jochen Thies, Helmut Schmidts Rückzug von der Macht. Das Ende der Ära Schmidt aus nächster Nähe, Stuttgart 1988; Gunter Hofmann, Willy Brandt und Helmut Schmidt. Geschichte einer schwieri­ gen Freundschaft, München 2012; ders., Helmut Schmidt. Soldat – Kanzler – Ikone, München 2015; Meik Woyke(Hrsg.), Willy Brandt – Helmut Schmidt. Partner und Rivalen. Der Briefwechsel(1958– 1992), Bonn 2015; ders., Helmut Schmidt. 100 Seiten, Ditzingen 2018; Michael Schwelien, Helmut Schmidt. Ein Leben für den Frieden, Hamburg 2003; Hans-Joachim Noack, Helmut Schmidt. Die Biographie, Berlin 2008; Thomas Karlauf, Helmut Schmidt. Die späten Jahre, München 2016. 2  H elmut Schmidt/Fritz Stern, Unser Jahrhundert. Ein Gespräch, München 2010; Henning Albrecht, »Pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken«. Helmut Schmidt und die Philosophie, Bremen 2008. Soell, Helmut Schmidt, Bd. 1, S. 47ff.; Schwelien, Helmut Schmidt, S. 26ff.(S. 35ff.: Exkurs zu Willy Brandts Hintergrund), 37ff. und 48ff. Perspektiven auf Helmut Schmidt 83 gehört zu haben. Das hing zum einen wohl mit dem Milieu zusammen, in dem er aufwuchs. Zum anderen war der am 23. Dezember 1918 Geborene noch zu jung, um den Jazz zu entdecken, der in den 1920er-Jahren zusammen mit dem Import von Hollywood-Filmen und anderen populär-kulturellen Produkten von einer älteren Weimarer Jugend zum Teil begeistert aufgenommen wurde. Allerdings hätte er sich wohl gern einer der linken jugendbewegten Gruppe angeschlossen, ehe diese bald nach NS-Machtübernahme konsequent aufgelöst oder gleichge­ schaltet wurden. Doch seine Mutter riet angesichts des wachsenden Antisemitis­ mus des NS-Regimes zur Vorsicht. Denn Schmidts Vater war aus einer kurzen Affäre hervorgegangen, die dessen Mutter mit dem jüdischen Geschäftsmann Ludwig Gumbel gehabt hatte. Auch sonst distanzierte sich die Familie von den Nationalsozialisten. Das spiegelte sich auch in seiner Konfirmation, die in Ham­ burg-Uhlenhorst im März 1934 von Pastor Walter Uhsadel vorgenommen wur­ de, der der Bekennenden Kirche angehörte. 4 Ganz konnte sich Helmut der NS-Bewegung allerdings nicht entziehen und so trat er bald darauf und möglicherweise auf Druck des neuen Direktors seiner Schule in die Marine-HJ ein. Sein Abitur schloss er schließlich mit sehr guten Noten ab, wonach er sich zum zweijährigen Militärdienst in der Wehrmacht mel­ dete, vielleicht auch, um den allgegenwärtigen Nationalsozialisten zu entgehen. Er wurde als erstes für ein halbes Jahr dem Reichsarbeitsdienst(RAD) zugewie­ sen, wo ihm ein wenig geschulter Feldmeister die kruden Schlagworte der NS-­ Propaganda einzutrichtern versuchte, auf die er sehr kritisch reagierte. Später meinte er allerdings, dass die Monate bis zum Sommer 1939 für ihn im Vergleich zu dem, was ihm noch bevorstand, eine relativ unbelastete Zeit gewesen seien. Bei Soell gibt es keine Hinweise darauf, dass Amerika in dieser Zeit in Schmidts Gedankenwelt eine Rolle spielte, obwohl US-Präsident Franklin D. Roosevelt schon im Oktober 1938 eine warnende»Quarantäne«-Rede gegen die aggressive Politik der Diktatoren gehalten hatte. Bald nach Kriegsbeginn wurde Schmidt in die Luftwaffe eingezogen und als Offizier der Luftwaffe scheint er – Soell zufolge – wie viele»Volksgenossen« 1940/41 von den»glänzenden Siegen« der Wehr­ macht mitgerissen worden zu sein. ausführlich: Rainer Hering,»Aber ich brauche die Gebote…«. Helmut Schmidt, die Kirchen und die Religion, Bremen 2012, insb. S. 16–23. Vgl. auch Karlauf, Helmut Schmidt, S. 270ff. 84 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Doch je länger er erst im Osten und dann nach einer kurzen Pause im Reichsluft­ fahrtministerium im Westen an Hitlers brutalen Kriegen teilnahm, desto stärker mehrten sich die Zweifel, dass der Konflikt von Deutschland zu gewinnen war, möglicherweise noch vertieft durch Amerikas Eintritt auf der Seite der Alliierten im Dezember 1941. Da er seine Desillusionierung gegenüber dem NS-Regime nicht verbarg, wurde er 1944 wegen defätistischer Äußerungen denunziert. Als ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet wurde, schickten ihn seine ihm wohl­ gesinnten Vorgesetzten an die Westfront in der richtigen Annahme, dass es lan­ ge dauern würde, bis die Gestapo ihn im Chaos der Ardennen-Offensive und des alliierten Gegenangriffs finden würde. Von den Engländern bei Kriegsende auf dem Weg nach Hamburg gefangengenommen, verbrachte Schmidt einige Mona­ te in einem Kriegsgefangenenlager in Belgien, bis er seine Verhörer überzeugen konnte, dass er kein Nationalsozialist war und nach Hause geschickt werden ­konnte. Obwohl die Amerikaner seit der bedingungslosen Kapitulation des»Dritten Reichs« eine der vier Besatzungsmächte waren, konzentrierten sich Schmidts Be­ mühungen darauf, mit seiner Frau Hannelore(Loki) Glaser, die aus einer Arbei­ terfamilie stammte und die er 1942 geheiratet hatte, wieder auf die Beine zu kom­ men. Hamburg lag in der britischen Zone, wo Schmidt sich alsbald der SPD anschloss, die in dieser frühen Zeit von Kurt Schumacher geleitet wurde. Aller­ dings hatten nicht nur dieser durch seine jahrelange KZ-Haft schwer ­gezeichnete Mann, sondern auch die Hamburger allgemein erhebliche Vorbehalte gegenüber den westlichen Besatzungsmächten. 5 Diese bestanden anfangs auf ihrer Politik der Demontagen und Entnazifizierung. Hinzukam, dass die SPD wie viele ande­ re linke Parteien in Europa in jener Zeit sowohl den Stalinismus als auch den ame­ rikanischen Kapitalismus ablehnte und nach einem»Dritten Weg« zwischen den USA und der Sowjetunion suchte. Doch mit dem einsetzenden Ost-West-Kon­ flikt wurde Schmidt bald klar, dass die Westdeutschen angesichts des Kalten Kriegs keine andere Wahl hatten, als Anschluss an Washington zu suchen. Von dorther kamen schließlich der militärische Schutz gegen die Rote Armee auf der anderen Loki Glaser und ihrer Familie vgl. Schwelien, Helmut Schmidt, S. 40ff. Zu Schumacher vgl. L ­ ewis Edinger, Kurt Schumacher. Persönlichkeit und politisches Verhalten, Wiesbaden 1967; Willy ­Albrecht, Kurt Schumacher. Ein Leben für den demokratischen Sozialismus, Bonn 1985. Perspektiven auf Helmut Schmidt 85 Seite des Eisernen Vorhangs sowie Lebensmittelhilfen für die hungernde Bevöl­ kerung und Investitionen für den Wiederaufbau der westdeutschen Industrie. Diese Entwicklungen machten Schmidt freilich nicht zu einem Befürworter ei­ nes amerikanischen Kapitalismus-Modells. Vielmehr begann er an der Hambur­ ger Universität Volkswirtschaft zu studieren. Dort belegte er Seminare bei Karl Schiller, einem Keynesianer in der Hamburger SPD, bei dem er ein Referat über Paul Serings Buch mit dem bezeichnenden Titel»Jenseits des Kapitalismus« ver­ fasste. Dessen Autor war in Wirklichkeit Richard Löwenthal, der als Emigrant in England ein einflussreicher Journalist geworden war. 6 Später beeinflussten ihn auch die Schriften von Eduard Heimann, der eine Synthese von sozialer Ethik und ökonomischer Rationalität propagierte. Inzwischen hatte er nicht nur die Schriften von Keynes und anderer britischer Ökonomen gelesen, sondern lernte auch die Wirtschaftspolitik der USA und den New Deal kennen, den Roosevelt in den 1930er-Jahren eingeführt hatte und der trotz mancher Modifikationen nach 1945 immer noch sehr viel sozialer war als der liberale Kapitalismus der Zeit vor 1914. Es ist wichtig, dies schon an dieser Stelle zu betonen. War es doch die­ ser Kapitalismus, der in den 1970er-Jahren in den USA als neoliberale Variante mit verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft wiedererstand und gegen den – wie zu zeigen – Schmidt bis zu seinem Tode Sturm lief. Nachdem er bis in die späten 1940er-Jahre viel über Amerika gelesen und gehört hatte, ergab sich im August 1950 für ihn eine Gelegenheit, das Land persönlich kennenzulernen, nachdem er begonnen hatte, in der Hamburger Wirtschaftsund Verkehrsbehörde als Referent zu arbeiten. 7 Damals fuhr Schiller zusammen mit dem Direktor des Hamburger Hafens zu einer internationalen Ausstellung in Chicago. Beide erhofften sich, in den USA Unterstützung für ihre Pläne zum Wie­ deraufbau und zur Erweiterung des Hafens zu bekommen. In Chicago angekom­ men, erkundete Schmidt sofort die Umgebung seines Hotels, las eifrig Zeitungen und – wie er es formulierte – betrachtete das Land mit Erstaunen. Selbst, so füg­ te er hinzu, die Informationen über die antikommunistische Hexenjagd des Mc­ Carthyismus konnten seine»Liebe zu Amerika« nicht beeinträchtigen. Ebenso 6  P aul Sering[= Richard Löwenthal], Jenseits des Kapitalismus. Ein Beitrag zur sozialistischen Neu­ orientierung, Nürnberg 1946. 7  S oell, Helmut Schmidt, Bd. 1, S. 220ff. 86 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 wenig ließ er sich durch die negativen Bemerkungen seiner Tante Marianne ab­ lenken, die als Künstlerin in Amerika nicht reüssieren konnte und in die Bundes­ republik Deutschland zurückgekehrt war. Zudem hatte er schon vorher Kontakt zu weiteren Verwandten gewonnen, die in Duluth am westlichen Ende von Lake Superior wohnten und in den Vorjahren gelegentlich Care-Pakete in die britische Zone geschickt hatten. Schmidt staunte noch mehr, als er bei seinem Abstecher dorthin das hektische Treiben in der Stadt miterlebte. Für ihn übertraf es selbst Hamburgs Geschäftigkeit, an das er sich aus der Vorkriegszeit erinnerte. Sein On­ kel August Hanft betrieb in Duluth eine kleine Eisenschmelze mit nicht mehr als 20 Arbeitern, deren Autos Schmidt auf dem Platzplatz vor der Fabrik entdeckte. Von solchen Wohlstandssymbolen, so bemerkte er, wage man in Deutschland noch nicht einmal zu träumen. Offenbar gewann Schmidt schnell seines Onkels Zuneigung, denn dieser bot ihm an, für seine Firma zu arbeiten. Loki und die 1947 geborene Tochter Susanne Schmidt könnten nachkommen. Doch so sehr Schmidt von Amerika und der Offenheit seiner Bewohner fasziniert war, am Ende entschloss er sich doch, in die Bundesrepublik zurückzukehren. Dort begann er nun eine eindrucksvolle Karriere, in der er über die Jahre zuerst zum Innensenator der Hansestadt, dann zum Fraktionsvorsitzenden der SPD im Bundestag und schließlich zu Ministerposten in der Brandt-Regierung aufstieg. Als Brandt wegen der Guillaume-Affäre 1974 zurücktrat, wurde Schmidt zum Bundeskanzler gewählt. Hatte Schmidt zuvor als Verteidigungsminister über die NATO schon viel mit der westlichen Hegemonialmacht USA zu tun gehabt, konn­ te er als Kanzler nun die Richtlinien der Politik bestimmen. Seine ersten ameri­ kanischen Gesprächspartner saßen jetzt im Weißen Haus. Liest man seine Ver­ öffentlichungen aus jenen Jahren, so gab er sich staatsmännisch und diplomatisch. Rückblickend schrieb er in seinem Buch»Menschen und Mächte«, das etwas spä­ ter auch ins Englische übersetzt wurde, dass die Westdeutschen mit den Ameri­ kanern durch die gemeinsamen Werte von individueller Freiheit, einer offenen Gesellschaft und durch die demokratische Regierungsform verbunden seien. 8 8  S oell, Helmut Schmidt, Bd. 2, S. 191ff., über seine Zeit als Verteidigungsminister. Dazu auch seine eigene Schrift: Helmut Schmidt, Strategie des Gleichgewichts. Deutsche Friedenspolitik und die Weltmächte, Stuttgart 1968; ders., Menschen und Mächte, Berlin 1987(engl.: Men and Powers. A Political Retrospective, New York 1989). Vgl. zu Schmidts Politik in diesen Jahren auch Volker Berghahns Biografie über den BDI-Präsidenten Hans-Günther Sohl, Göttingen 2020, insb. S. 379ff. Perspektiven auf Helmut Schmidt 87 Dieses Bündnis kontrastierte er mit dem sowjetischen System, das eine doktrinä­ re Ideologie verbreite, totalitär herrsche und die Menschen enthumanisiere. Schließlich erinnerte er noch an die großzügige Hilfe durch den Marshallplan und erwähnte, dass nicht nur Thornton Wilder und Ernest Hemingway, sondern auch Jazz Teil einer gesamteuropäischen Kultur geworden seien. Das waren wohl auch Schmidts Überzeugungen, als er in den frühen 1970er-Jah­ ren Verteidigungs- und dann auch Wirtschafts- und Finanzminister war. Doch in der praktischen Politik gab es damals viele transatlantische Probleme, die in erster Linie durch die USA verursacht worden waren. Denn inzwischen hatte der teure Vietnamkrieg die amerikanische Wirtschaft und militärische Macht so ge­ schwächt, dass das 1944 in Bretton Woods und anderen Orten errichtete inter­ nationale Währungs- und Handelssystem zusammenbrach. Brachte allein dies schon riesige Veränderungen auch für die Bundesrepublik, so wurde die damals einsetzende Krise des Westens noch verschärft, da es nicht gelang die durch Viet­ nam ausgelöste Inflation in den Griff zu bekommen und die Wirtschaft durch Konjunkturmaßnahmen wiederaufzurichten. Stattdessen grassierte die»Stagfla­ tion«, die durch die zweimalige, plötzliche und drastische Erhöhung der Energie­ preise seitens Saudi-Arabiens und anderer Öl fördernder Staaten lediglich ver­ schärft wurde. Schmidt hatte indessen nicht nur diese Probleme auf seinem Schreibtisch, son­ dern musste sich zugleich um die innenpolitische Unruhe kümmern, die durch die Studentenproteste damals immer gefährlicher, weil immer gewaltsamer wur­ de. Soweit es die deutsch-amerikanischen Beziehungen betraf, waren diese eben­ falls nicht in der besten Verfassung, weil US-Präsident Richard Nixon und sein Sicherheitsberater und späterer Außenminister Henry Kissinger Brandts Ostpo­ litik mit Misstrauen betrachteten. Vor allem bei Kissinger, der mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten fliehen musste und die deutsche Geschichte gut kann­ te, wurden durch Brandts Verständigung mit der Sowjetunion und ihren Satelli­ ten Erinnerungen an den deutsch-russischen Rapallo-Vertrag von 1922 geweckt. Doch dann strauchelte Nixon am Watergate-Skandal und Gerald Ford trat an sei­ ne Stelle. So kam es 1974 zu einer relativ kurzen Verständigung und gar – wie Schmidt es bezeichnete –»Freundschaft« zwischen den beiden. Da er sich für die NATO einsetzte und warnte, dass deren Stärkung nur möglich sei, wenn es den 88 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Mitgliedstaaten gelänge, ihren Ökonomien wiederaufzurichten, veranlasste dies seinen Biografen Hartmut Soell zu der Frage, ob der Minister inzwischen»ame­ rikanischer[geworden sei] als die Amerikaner.« 9 Doch dann verschlechterten sich die Beziehungen sehr schnell, als Ford die Prä­ sidentschaftswahl 1976 gegen Jimmy Carter verlor. Bereits unter Ford hatte schon ein Umschwung eingesetzt, was Schmidt, kaum Bundeskanzler, sehr beunruhig­ te: Der Amerikaner hatte sich im Dezember 1974 mit Leonid Breschnew in Wla­ diwostok getroffen, um über ein sowjetisch-amerikanisches Abkommen zur Re­ duzierung der interkontinentalen Raketen zu sprechen, die den amerikanischen Kontinent direkt bedrohten. Dieses Treffen veranlasste Schmidt, Washington da­ rauf aufmerksam zu machen, dass der Kreml auch die SS-20-Mittelstreckenrake­ ten besäße. Er meinte, dadurch hätten die Sowjets ein Instrument in der Hand, mit dem sie Westeuropa bedrohen könnten. Er sah darin einen machtpolitischen Hebel, der vom Kreml unabhängig von den Verhandlungen über die interkonti­ nentalen Raketen eingesetzt werden könnte. Da Carter sich in dieser Frage zunächst taub stellte, kam es schnell zu Spannun­ gen zwischen Bonn und Washington. Diese wurden noch durch Carters Sicher­ heitsberater Zbigniew Brzezinski verschärft, der mit seinem polnischen Familien­ hintergrund vielleicht verständlicherweise gegenüber den Westdeutschen noch misstrauischer war als Kissinger. Wie schlecht das Verhältnis damals war, kam Jahre später erneut an die Oberfläche, als Schmidt 2010 ein Gespräch mit dem amerikanischen Historiker Fritz Stern von der Columbia University führte, in dem er Brzezinski als einen»polnischen Romantiker« bezeichnete. 10 Als Stern darauf antwortete, dass der Sicherheitsberater auch realpolitisch dächte, nannte Schmidt ihn etwas unwirsch einen»romantischen Realpolitiker«. Das Verhältnis wurde noch schwieriger, als Carter bald darauf die Idee einer»Neutronenbom­ be« in die öffentliche Debatte warf. Das war eine inzwischen entwickelte Höllen­ Heep, Helmut Schmidt und Amerika, S. 31ff.; Klaus Wiegrefe, Das Zerwürfnis. Helmut Schmidt, Jimmy Carter und die Krise der deutsch-amerikanischen Beziehungen, Berlin 2005. Vgl. auch ­ Soell, Helmut Schmidt, Bd. 2, passim, mit vielen Details. Das Zitat zu Schmidt als»Amerika­ ner« ebd., S. 401. 10  S chmidt/Stern, Unser Jahrhundert, S. 24ff. Bezeichnend Schmidts gegen Carter gerichtete, wenn auch nicht genau belegbare, bissige Bemerkung:»Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.« Zit. in: Edzard Reuter, Eingemischt. Zwischenrufe eines älteren Herrn, Tübingen 2016, S. 168. Perspektiven auf Helmut Schmidt 89 maschine, die – einmal abgeworfen – alles menschliche Leben durch eine inten­ sive Strahlung auslöschte, aber Gebäude anders als bei der herkömmlichen Atom­ bombe nicht dem Erdboden gleichmachte. Wie Barbara Heep in ihrer Studie über Ford, Carter und Reagan meinte, wirkte Carters»Neutronenbombe« für Schmidt wie ein rotes Tuch, weil dadurch die für ihn so entscheidende Kalkulierbarkeit der Politik zwischen den Mächten verlo­ ren ging. Hier sollte daher auch auf Henning Albrechts Studie hingewiesen wer­ den. Denn wie er zeigt, bemühte sich Schmidt zeit seines Lebens um eine an Ver­ nunft orientierte Politik. Vor dem Hintergrund des zerstörerischen Irrationalismus und Dogmatismus der Hitler-Diktatur verstand er seinen Ansatz als»pragmati­ sches Handeln zu sittlichen Zwecken«. 11 Carter erschien ihm dagegen als Mora­ list, dessen Politik nicht auf rationalen Fundamenten ruhte. Der beste Beweis für diese philosophische Differenz zwischen dem Südstaaten-­ Baptisten und dem allenfalls im Privaten religiösen Sozialdemokraten Schmidt lag für Letzteren in einer weiteren Wende der carterschen Politik: die Initiative in der Menschenrechtsfrage, von der der US-Präsident wusste, dass sie die Autokra­ ten im Kreml verärgern würde. So beobachtete der Bundeskanzler auch ­Carters Proklamationen, die schließlich zu den Helsinki-Beschlüssen und der Charta 77 führten, von vornherein mit Skepsis. 12 Das war auch seine Einstellung zur sow­ jetischen Invasion in Afghanistan, die Carter mit einer Verhängung scharfer Sank­ tionen beantwortete. Schmidt bestand darauf, dass die Bundesrepublik mit»ruhi­ gem Blick« ihre eigenen Interessen prüfen müsse, anstatt den Amerikanern wider­ spruchslos zu folgen. 13 Irritierend wirkte es auf ihn daher auch, dass Washington darauf bestand, Schmidt solle eine geplante Reise nach Moskau aufgeben. Schließ­ lich einigte man sich darauf, dass Schmidt erst nach dem Ende der NATO-Kon­ ferenz in die Sowjetunion fliegen würde, die für den Juni 1979 in Venedig ange­ setzt war. Spannungen entstanden schließlich, als die Bundesrepublik in Handels­ gespräche mit Brasilien eintrat. Im Gegenzug für die Lieferung von Rohstoffen, wollte Bonn Technologien für die friedliche Nutzung von Nuklearenergie liefern. Albrecht,»Pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken«. Helsinki und KSZE vgl. Soell, Helmut Schmidt, Bd. 2, S. 484ff. und 709ff. in: Heep, Helmut Schmidt und Amerika, S. 158. 90 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Das wiederum war den Amerikanern nicht recht, die zudem eigene Handelsinte­ ressen in ihrem»Hinterhof« Südamerika verfolgten. Bei der Raketenfrage kam es zwischen den Amerikanern und ihren NATO-Part­ ner am Ende dann doch zu einen an der Vernunft orientierten Kompromiss: Am 12. Dezember 1979 fasste die NATO jenen Doppelbeschluss, den Schmidt von vornherein angestrebt hatte: die Verhandlungen über eine Beschränkung der Ra­ keten sollten fortgesetzt werden und zwar unter Einschluss der SS-20-Mittelstre­ ckenraketen. Zugleich wollte man die westlichen Rüstungen gegen den Ostblock insgesamt verstärken. Als dann im Januar 1980 Ronald Reagan Carter ersetzte, trat auch am Ende von Schmidts Kanzlerschaft 1982 keine Beruhigung in den deutsch-amerikanischen Beziehungen ein. Der eine Grund dafür war, dass Reagan mit seiner Star-Wars-­ Initiative das west-östliche Wettrüsten erneut anheizte. Washington entwickelte jetzt die Idee, den eigenen Kontinent durch den Bau eines Raketenabwehrschirms im Weltall zu schützen und den Kreml damit zu weiteren horrenden Rüstungs­ ausgaben zu zwingen. Dabei spielte offenbar die kühle Kalkulation eine Rolle, dass die Sowjets nicht die finanziellen Ressourcen besäßen, einen solchen Wett­ bewerb durchzuhalten und zugleich das Versprechen gegenüber ihrer Bevölke­ rung zu erfüllen, deren Lebensstandard zu erhöhen und dem Konsumkapitalis­ mus im Western wenigstens annähernd das Wasser reichen zu können. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks war in Washington das triumphierende Ar­ gument zu hören, dass Reagan mit seiner Mobilisierung der amerikanischen Rüs­ tungen den Kreml in die Knie gezwungen habe. Diese Interpretation von 1989/90 ist nur zum Teil richtig, denn man sollte nicht unterschätzen, wie stark die Re­ gime im Osten auch durch die Desillusionierung der Bevölkerungen mit dem »real existierenden Sozialismus« sowie durch die wachsende Kritik sowohl der Dissidenten als auch der eigenen Bürokratie an den nie enden wollenden Proble­ men der Wirtschaft unterminiert wurde. Indessen brauchte Schmidt sich in den frühen 1980er-Jahren nicht mehr allzu lange mit all diesen schwerwiegenden außenpolitischen Fragen herumzuschla­ gen. Aus hier nicht näher zu untersuchenden Gründen verlor er 1982 die Kanz­ lerschaft an seinen CDU-Rivalen Helmut Kohl. Obwohl er auch innenpolitisch infolge der terroristischen Aktivitäten der Roten-Armee-Fraktion(RAF) und auch Perspektiven auf Helmut Schmidt 91 der Kritik in der eigenen Partei unter einem ungeheuren Druck gestanden hatte, fühlte er sich zu jung, um aufs Altenteil zu gehen. Vielmehr ließ er sich bald da­ rauf von Marion Gräfin Dönhoff und Gerd Bucerius überreden, nicht nur für»Die ZEIT« Artikel zu schreiben, sondern zusammen mit Dönhoff auch Herausgeber der Wochenzeitung zu werden. Schon immer hatte er sich für die großen Wirt­ schaftsfragen interessiert, und während der Sowjetblock in die Krise geriet und schließlich zusammenbrach, beobachtete er auch die von Reagan sowie der bri­ tischen Premierministerin Margaret Thatcher eingeleitete Wende zum Neolibe­ ralismus mit Skepsis. Es ist bei seinen Beobachtungen der Weltwirtschaft und des Aufstiegs der Neolibe­ ralen in England und Amerika zuerst daran zu erinnern, dass er bald nach 1945 mit seiner anfänglichen Sympathie für einen demokratischen Sozialismus als Vor­ sitzender des damaligen Sozialistischen Deutschen Studentenbunds(SDS) auch für Verstaatlichungen war. Als ihn dann Schiller unter die Fittiche nahm, neigte er eher dessen Keynesianismus zu. Das heißt, er war bereit, die bundesrepublika­ nische Marktwirtschaft, die sich mit dem»Wirtschaftswunder« der 1950er-­Jahre konsolidierte, als die neue Wirtschaftsverfassung anzuerkennen und sie mithilfe eines parlamentarisch-demokratischen Systems, das sich gleichfalls festigte, al­ lenfalls sozialstaatlich zu reformieren. Statt einer Revolutionierung ging es bei ei­ ner jüngeren Generation in der SPD jetzt um ein verbessertes Management von Wirtschaft und Politik mit dem Ziel, den sozialen Rechtsstaat, als den das Bon­ ner Grundgesetz Westdeutschland definiert hatte, zu festigen und auszubauen. Schmidt gehörte daher zu denen, die auf die Verabschiedung des Godesberger Programms im Jahre 1959 hinarbeiteten. Das bedeutete auch, dass er die Über­ nahme der politischen Macht aufgrund parlamentarischer Wahlen und die Len­ kung der Politik durch eine Exekutive befürwortete, die die bisherige Vorherr­ schaft der CDU/CSU auf demokratischem Wege ablösen sollte. Diese Ideen waren in Hamburg schon früh aufgetaucht und verwirklicht worden. Insofern war die Annahme eines Regierungsamts in der Hansestadt für Schmidt eine Selbstverständlichkeit, mit der er auch Regierungserfahrung erwarb. ­Kurzum, Schmidt hielt eine Zusammenarbeit im Dreieck von Regierung, Unternehmer­ schaft und Gewerkschaften für notwendig sowie den Ersatz der alten Konfronta­ tion zwischen»Kapital und Arbeit« durch ein partnerschaftliches Aushandeln von 92 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Kompromissen für den Weg zu allgemeinem Wohlstand und zur Herstellung grö­ ßerer sozialer Gerechtigkeit und Freiheit. Es sollte dabei nicht vergessen werden, dass auch in den USA damals weiterhin die Prinzipien des New Deal galten, mit dem Roosevelt in den 1930er-Jahren die Vereinigten Staaten unter Beibehaltung eines reformierten Kapitalismus aus der großen Depression herausgeführt hatte. Mit dem Aufstieg von John F. Kennedy setzte sich die keynesianische Politik fort und kulminierte sodann nach dessen Ermordung 1963 in dem Plan seines Nach­ folgers Lyndon Johnson, eine»Great Society« zu schaffen, in die auch die bis da­ hin diskriminierten Afro-Amerikaner und andere Minderheiten integriert sein würden. Diese Konzeption war dann durch den Vietnamkrieg und die Schocks der 1970er-Jahre ins Schleudern geraten. Es kam die Stunde von Reagan und Thatcher und der neoliberalen Ökonomen, die eine ganz andere Konzeption von moder­ ner Wirtschaftspolitik vertraten. Für sie stand nicht das Management von Wirt­ schaft und Politik durch die Regierung, Unternehmerschaft und Gewerkschaften im Mittelpunkt, sondern der»Markt«, der von staatlichen Behinderungen befreit seine angeblich größere Dynamik entwickeln und alle Schichten zu einer Verbes­ serung ihres Lebensstandards führen würde. Diese Konzeption erhielt durch den Zusammenbruch des Ostblocks einen enormen Impuls. Es entstand der Eindruck, dass nicht nur der Kalte Krieg vom Westen gewonnen worden war, sondern auch dessen Wirtschaftssystem seine Überlegenheit erwiesen habe. Und so ging dann das Zurückdrängen des Staats, die Deregulierung der Wirtschaft und die Priva­ tisierung öffentlicher Unternehmen vor allem in den USA und Großbritannien energisch weiter. Damit einher verwirklichte man die Forderung, den unter dem Keynesianismus entstandenen Sozialstaat abzubauen und die Sozialempfänger anzuhalten, sich Arbeit zu suchen, anstatt sich auf den Staat zu verlassen und sich von den Wohlhabenden alimentieren zu lassen, denen freilich erhebliche Steuer­ geschenke gemacht wurden, die Letztere angeblich investitionsfreudiger machen würden. Doch der»trickle-down«, den Arthur Laffer und andere neoliberale Öko­ nomen verkündeten, erwies sich als irrig. Denn nur die Reichen wurden reicher, während die Einkommen der Unter- und Mittelschichten stagnierten. Es scheint, dass Schmidt schon bald nach dem Verlust des Kanzleramts die Entwick­ lungen in der angelsächsischen Welt mit Unruhe betrachtete. Mit anderen Wor­ Perspektiven auf Helmut Schmidt 93 ten, es war nicht nur, dass der Stachel seiner schlechten Beziehungen zu C­ arter und dann zu Reagan in der Weltpolitik bei ihm tief saß, wie Jochen Thies es nach 1982 aus der Nähe beobachtet hat. Ihm zufolge benutzte Schmidt seitdem auch in der ZEIT jede Gelegenheit, um die Amerikaner zu kritisieren. 14 Als sich der Neoliberalismus dann in den 1990er-Jahren entfaltete und seine negativen Seiten in der immer ungerechteren Einkommens- und Vermögenverteilung und in der die Reichen einseitig bevorzugenden Steuerpolitik deutlich zum Vorschein ­kamen, setzte sich Schmidt hin und schrieb – außer Artikeln zu diesem Thema – 1998 auch ein Buch mit dem vielsagenden Titel»Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral. Deutschland vor dem neuen Jahrhundert«. 15 Denn in der Zwischenzeit war der Neoliberalismus auch in die Bundesrepublik hineingeschwappt. Aller­ dings muss sofort auch betont werden, dass man dort die Privatisierung und den Abbau des Sozialstaats nie soweit trieb wie in Amerika. Dem standen nicht nur die Sozialdemokraten, sondern auch der linke, sozial-katholische Flügel der CDU vor allem im Rheinland und im Ruhrgebiet entgegen. Das hinderte Schmidt nicht, in seinem Buch gegen den Egoismus und die Hab­ gier der politischen und wirtschaftlichen Eliten zu wettern. Noch nie, so fügte er hinzu, seien Skandale so weit verbreitet gewesen. Dies sah er nicht nur als eine juristische Frage, sondern auch als ein Problem der moralischen Verantwortung der Eliten gegenüber der Gesamtgesellschaft. Nach weiteren negativen Bemer­ kungen über den amerikanischen neoliberalen Kapitalismus und auch über die Folgen der Globalisierung appellierte er am Ende an das Verantwortungsbewusst­ sein der»Funktionseliten«. Er ermunterte diese, moralische Stärke zu zeigen, und wies dann einen Weg in ein ganz anderes 21. Jahrhundert. Dessen Merkmale fass­ te er sodann in einem Anhang zusammen, in dem er einen Entwurf zu einer»Er­ klärung menschlicher Pflichten« vorlegte. 16 Offenbar war dieses Dokument von Schmidt als Pendant zur Erklärung der Menschenrechte nach dem Zweiten Welt­ krieg gedacht. 14  T hies, Helmut Schmidts Rückzug von der Macht, S. 11ff. 15  H elmut Schmidt, Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral. Deutschland vor dem neuen Jahr­ hundert, Stuttgart 1998. S. 259ff. Engl. Titel:»Universal Declaration of Human Responsibilities«. Dieser Text wurde dem UN-Generalsekretär Kofi Annan am 1. September 1997 übergeben. Vgl. Hering,»Aber ich brauche die Gebote…«, insb. S. 202–212. 94 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Bis August 2002 war Schmidts Enttäuschung und Verärgerung über den Neolibe­ ralismus so groß geworden, dass er einen weiteren Artikel für»Die ZEIT« schrieb. 17 Er meinte jetzt und noch vor der Invasion in den Irak, dass die USA nie so»im­ perial« gewesen seien wie heute. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks sei das Land unilateralistisch vorgegangen in dem Glauben, anderen seine Lösun­ gen oktroyieren zu können. Zwar, so fuhr er fort, müsse Europa mit diesen Ver­ hältnissen leben, aber es dürfe sich nicht unterwerfen. Auch gebe es Einsichten, vor denen Washington nicht die Augen schließen sollte. Unter Bezugnahme auf Gerüchte, dass US-Präsident George W. Bush eine Irak-Invasion plane, warnte Schmidt, dass, selbst wenn ein Sieg über Saddam Hussein möglich sei, ein solcher Erfolg aber nicht den vielgesichtigen Islamistischen Terrorismus vernichten wer­ de. Unter Hinweis auf die pessimistischen Prognosen des amerikanischen Poli­ tologen Samuel Huntington riet er dringend, einen»globalen Clash of Civilizations« zu vermeiden. 18 Auch die Teilnahme an der illegalen Invasion in den Irak lehnte er ab zusammen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder ab. Dies nicht nur – wie er hinzufügte –, weil Europa sehr nahe an der mittelöstlichen Krisenregion liege, sondern auch, weil ein starker Druck von den überbevölkerten Gebieten Asiens und Afrikas ausgehe. Für die Europäer lägen die dringendsten Aufgaben daher auf dem europäischen Kontinent und nicht in der übrigen Welt. Damals, wenn nicht schon Mitte der 1990er-Jahre mit seiner Kritik am Neoliberalismus, begann Schmidts graduelle Abwendung von dem transatlantischen Gemein­ schaftsideologie und seine zunehmende Betonung der inzwischen zur Europäi­ schen Union(EU) mit einer gemeinsamen Währung erweiterten Region als ein eigenständiger Faktor der internationalen Politik und Wirtschaft. Dennoch litt Schmidt unter einer merkwürdigen Bewusstseinsspaltung. Auf der einen Seite warnte er in der ZEIT vom 1. Februar 2007 vor dem verbreiteten»Raub­ tierkapitalismus« und der Selbstbereicherung der Manager. 19 Er verdammte die ungezähmte Aktienspekulation und den»Verlust an Anstand und Sitten«. Das war eine Position, die er mit seiner inzwischen verstorbenen Mitherausgeberin Marion Dönhoff teilte. Sie hatte bereits Mitte der 1990er-Jahre eine Zivilisierung 17  H elmut Schmidt, Europa braucht keinen Vormund, in: Die ZEIT, 1.8.2002. 18  S amuel Huntington, The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York 1997. 19  H elmut Schmidt, Beaufsichtigt die neuen Großspekulanten, in: Die ZEIT, 1.2.2007. Perspektiven auf Helmut Schmidt 95 des Kapitalismus gefordert. 20 Fritz Stern äußerte eine ähnliche Kritik, als er sich im Februar 2006 mit Schmidt traf. Doch dann gab sich der renommierte Histo­ riker als patriotischer Amerikaner und wies darauf hin, dass sich die amerikani­ sche Gesellschaft wiederholt als fähig erwiesen habe, sich zu reformieren. 21 Im Jahr darauf bekannte sich Schmidt dann andererseits ebenfalls zu der westlichen Hegemonialmacht, indem er seinen Artikel mit der Überschrift»Long live Ame­ rica« versah. 22 Er lobte die Großzügigkeit seiner Bewohner, die er zuerst 1950 im Mittelwesten erlebt habe. Was Schmidt bis auf Weiteres zu Sterns positiver Sicht verholfen haben mag, ist seine Bekanntschaft und Freundschaft mit prominenten Amerikanern. Dazu ge­ hörte auch Leonard Bernstein, mit dem er vierhändig Klavier spielte. Die Musik schaffte hier wohl kulturelle Affinitäten, die beide Männer trotz ihrer ganz ande­ ren Biografien verspürten. 23 Schmidts offenbar unverminderte Freundschaft zu Kissinger ist schwerer zu verstehen, da ihm dessen desaströse Entscheidungen in Vietnam, Kambodscha und Chile bekannt gewesen sein dürften. Bei ihm spielte wohl eine Rolle, dass Kissinger Schmidt mehr als einmal während seiner Zeit in der Brandt-Regierung und wohl auch später als Bundeskanzler geholfen hat. 24 Mochte Schmidt bei solchen Gelegenheiten an die politischen und ­wirtschaftlichen Krisen denken, in denen sie in den 1970er-Jahren zusammengearbeitet hatten, seine nostalgischen Erinnerungen verleiteten ihn nicht dazu, zu den amerikani­ schen Fehlentscheidungen der Jahrhundertwende im Mittelosten und schließlich zu der gefährlichen Bankenkrise von 2007/8 mit seiner eigenen Analyse hintan­ zuhalten. 20  M arion Dönhoff, Zivilisiert den Kapitalismus, in: Irene Brauer/Friedrich Dönhoff(Hrsg.), Marion Gräfin Dönhoff. Ein Leben in Briefen, Hamburg 2009, S. 478–484. 21  F ritz Stern, Freiheit ist meine Leidenschaft, in: Die ZEIT, 2.2.2006. Zu Stern ausführlicher: Volker Berghahn, Fritz Stern(1926–2016), in: Central European History 49(2016), S. 308–321. Die Fra­ ge, wie sich Schmidt und Stern nach diesen Äußerungen – wenn sie noch lebten – zu dem Mo­ dernisierungsprogramm von US-Präsident Joseph Biden stellen würden, führt ins rein Mutmaß­ liche. 22  H elmut Schmidt, Long Live America. Ein Bekenntnis zu den Vereinigten Staaten, in: Die ZEIT, 17.12.2008; Helmut Schmidt. Würdigungen, Essays und Glückwünsche zum 90. Geburtstag. Zwei­ ter Teil: Der Publizist und Staatsmann(ebd.). etwa Sven Oliver Müller, Leonard Bernstein. Der Charismatiker, Ditzingen 2018, S. 197 und 211ff. 24  S oell, Helmut Schmidt, Bd. 2, S. 416. 96 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Thomas Karlauf hat berichtet 25 , wie Schmidt nach dem Zusammenbruch von Leh­ man Brothers und der Beinahe-Katastrophe»die Menschheit in drei Kategorien« einteilte, nämlich»normale Menschen«,»Menschen mit einer kriminellen Ader, die ins Gefängnis gehörten« und»Investmentbanker«. Dann zitierte Karlauf den Bundeskanzler a.D., der eine Vorliebe für deftige Worte hatte, rückblickend wört­ lich:»Dabei ist das Wort Investmentbanker nur ein Synonym für den Typus Fi­ nanzmanager, der uns alle, fast die ganze Welt, in die Scheiße geritten hat und jetzt[im Juli 2011] dabei ist, alles wieder genauso zu machen, wie er es bis zum Jahre 2007 gemacht hat.« Diese Worte – obwohl allgemeiner gemeint – erschie­ nen im Zusammenhang mit den Aktivitäten der Deutschen Bank und der Beru­ fung von Anshu Jain in den Frankfurter Vorstand. Dieser alerte Finanzmanager war zuvor nach London geschickt worden, um die Bank neben den dortigen, welt­ weit operierenden britischen und amerikanischen Instituten auf eine neue Rolle vorzubereiten. 26 Die Hauptmission sollte nicht mehr die herkömmliche sein, mit einem langfristigen Kreditengagement in der deutschen Industrie deren laufen­ de Modernisierung und Wettbewerbsfähigkeit auf den europäischen und inter­ nationalen Märkten zu erhalten. Vielmehr wollte Jain jetzt auch die um die Welt zirkulierenden großen Vermögen der Araber und russischen Oligarchen kurz­ fristig mit höchsten Gewinnen über die Deutsche Bank investieren. Kurzum, er sollte und wollte das Aufspringen auf das von der City und der Wall Street seit Thatcher und Reagan gebaute große Karussell der Investmentbanken ermögli­ chen. Das war eine Entwicklung, mit der – wie Friederike Sattler in ihrer Biogra­ fie von Alfred Herrhausen gezeigt hat – die Deutsche Bank sich bereits in den späten 1980er-Jahren konfrontiert sah. Doch während der 1989 von der RAF er­ mordete Herrhausen zögerte, dem internationalen Druck nachzugeben, leiteten dessen Nachfolger in den 1990er-Jahren die große Wende ein. 27 Auf welch unsau­ bere Geschäfte man sich einließ, zeigte sich schließlich an den riskanten K­ rediten, die man Donald Trump schon vor seiner Wahl zum US-Präsidenten einräumte. 25  K arlauf, Helmut Schmidt, S. 441, auch für das Folgende. Jain kam 1995 von Merrill Lynch zur Deutschen Bank, um die Londoner Filiale auszu­bauen. Er fuhr dort mit seinem globalen Investmentbanking bald hohe Gewinnen ein, sodass man ihn 2009 in den Frankfurter Vorstand holte. Allerdings hatte er durch die Übernahme von ganz un­ soliden Paketen vor allem im amerikanischen Hypothekenmarkt um 2011 als einer der Vorstands­ sprecher hohe Verluste zu verantworten. 27  F riederike Sattler, Herrhausen. Banker, Querdenker, Global Player, München 2019, S. 537ff. Perspektiven auf Helmut Schmidt 97 Gegen diese über 2007/8 hinausgehende Kontinuität wandte sich Schmidt erneut in seinen letzten Lebensjahren. Er sah in der Transformation der Deutschen Bank einen»unheilvollen Mentalitätswandel«. 28 Sie belohne das»Prinzip des ›Moral Hazard‹, das riesige Gewinne in die Taschen weniger schleuse und[die] Verluste auf die Gemeinschaft abwälze.« Das war in Schmidts Augen»schlicht unanstän­ dig«. Was hier erneut zum Vorschein kam, war nicht einfach seine Einstellung gegenüber den deutscher Investmentbankern, sondern jene schon wiederholt ver­ merkte Kritik des langjährigen Sozialdemokraten(und auch seiner aus Hamburg-­ Hammerbrook stammenden Frau Loki Glaser), dass weder ein»schrankenloser Kapitalismus« noch ein Kommunismus akzeptabel sei, sondern nur ein dritter Weg infrage komme, der Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität für alle Bürger und letztlich damit für alle Erdenbürger sichere. 29 Abschließend ist daher festzuhalten, dass Schmidts Einstellung zu Amerika viele faszinierende Aspekte enthält. Es lohnt sich, diese weiter zu erforschen und aus­ zuloten und sie zugleich in den breiteren Kontext der deutschen Geschichte und des Auf und Ab seiner Beziehungen zu den USA jenseits des Atlantiks zu stellen. Doch wird man zugleich sagen müssen, dass hinter den sich wandelnden Einstel­ lungen Schmidts eine zunehmende Desillusionierung über die Entwicklung der USA seit den 1970er-Jahren stand. In seinen Augen, so scheint es, hatte der Neo­ liberalismus seit Reagan und Thatcher die beiden Länder auf ein falsches Gleis geschoben und der Gefahr des Niedergangs aus mangelnder Solidarität und der Vernachlässigung der dank des Neoliberalismus nunmehr abwärtsmobilen Schich­ ten ausgesetzt. Die von Stern in den 1990er-Jahren hervorgehobene Fähigkeit zur Selbstreform war inzwischen verloren gegangen. Diese Enttäuschung führte Schmidt noch tiefer nach Europa hinein 30 , wo er die Chancen für den langfristi­ gen Bau einer demokratischeren und weniger egozentrischen Gesellschaft größer sah. War dies doch eine Hoffnung, mit der er 1945 den Trümmern der Hitler-Dik­ in: Karlauf, Helmut Schmidt, S. 441. Offenbar bezog sich Schmidts Kritik gerade auch auf Jains riskante Investmentpolitik. Schmidt schon 1976, zit. in: Soell, Helmut Schmidt, Bd.2, S. 589. auch den in Anm. 17 zitierten Titel seines ZEIT-Artikels von 2002. Siehe zudem eher skep­ tisch und auf Schmidts historische bedingter Sorge vor deutschen Machtambitionen abhebend: Matthias Schulz, Vom ›Atlantiker‹ zum ›Europäer‹? Helmut Schmidt, deutsche Interessen und die europäische Vereinigung, in: Mareike König/Matthias Schulz(Hrsg.), Die Bundesrepublik Deutsch­ land und die europäische Einigung, Stuttgart 2004, S. 167–220. 98 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 tatur entstiegen war und weswegen er sodann in die Politik ging, die für ihn im­ mer»pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken« beinhaltete. 31 Diese Ver­ pflichtung hatte er auch 2015 nicht aufgegeben, als er mit 96 Jahren starb. das Schmidt-Zitat, das Albrecht(wie Anm. 2) als Titel seiner Studie über»Helmut Schmidt und die Philosophie« verwandte. Perspektiven auf Helmut Schmidt 99 Jennifer L. Rodgers Averting Oblivion? Archival Access and the International Tracing Service in the 1970s Marc Hillel first set foot in the International Tracing Service(ITS) in 1973. In contrast to earlier visitors, often members of the ITS’s governing body, the Inter­ national Commission(ICITS), or interest groups such as the Fédération Internationale Libré des Deportées et Internés de la Résistance(FILDIR), Hillel was there solely to conduct historical research. The ITS’s management had long rejected ac­ ademic research in its files because of broader political considerations. Hillel sub­ sequently published one of the first scholarly works using the massive trove of documents and further paved the way for other scholars to consult the archive, which is located in the Hessian town of Bad Arolsen. 1 More significantly, Hillel’s monograph hinted at revised access policies that benefitted not only scholars, but also thousands of Nazi victims whose inquiries went unanswered because of what one ITS director called»the legacies of political humanitarianism«. 2 The unofficial amendment to the ITS’s restrictive guidelines represented a defin­ itive break from earlier decisions to limit access. Yet, it ultimately precipitated a radical backlash which effectively closed the so-called»archives of hope«, in turn realising the West German government’s fears about Nazi victims»falling into oblivion« because of the ITS’s ever-evolving interpretation of humanitarian ser­ vices. 3 This essay is a preliminary examination of how a tangled nexus of political and personal agendas related to data access during the Cold War and the legacies of World War II influenced the ways in which the ITS operated during the 1970s. It explores how expanded information access, especially towards East Europeans, Marc Hillel, Au Nom de la Race, Paris 1974. Archives, Bad Arolsen, Gesamtinventar 2012, IKRK 1978–2007/Ordner 48, 23.8.1985;»Les deux aspects de l’avenir du SIR«. The citations in this article all refer to paper copies of documents that had not been digitised at the time of my research. Marc Hillel, Les Archives de L’Espoir, Paris 1977. Also, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes (PA-AA), B85/1552, Hans-Dietrich Genscher to Alexandre Hay, 9.6.1980. 100 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 became an important aspect of Ostpolitik and spurred conflict between West Ger­ many and the International Committee of the Red Cross(ICRC) that was ulti­ mately detrimental to the victims of Nazism whom the ITS served. Yet, it also ex­ poses how political anxieties concerning the availability and dissemination of information, including to scholars, defined and were influenced by international involvement in the ITS. Not only did these political agendas reframe concepts of humanitarianism, but they also revealed deeper tensions that were connected in­ timately to Germany’s recent past and the Cold War. Originally established by the Allies in 1943 in conjunction with their humanitar­ ian efforts to aid and control millions of Europeans displaced by World War II, the ITS was transferred to the administration of the ICRC in 1955 under the Bonn Accords. The ITS archive, at twenty-six running kilometres, is the world’s largest centralised repository of records on the victims of National Socialism. It consists of biographical information often in the form of lists of names generated by Nazi persecution authorities and incarceration sites as well as by the postwar Western Allies. Its temporal parameters span the period 1933 to 1955. It is also important to note, however, that a considerable number of files involve victims of Stalinist communism. 4 The ITS holds four general collections in original and photostatic format, and be­ ginning in 1998, as digitised content. The categories of documents were original­ ly organised for tracing purposes as: incarceration files; so-called wartime docu­ ments, from civil registry records in German localities; postwar documents, large­ ly created by Allied relief and rehabilitation programmes; and»topical documents«, that include files on the Lebensborn programmes, death marches, and mass graves. Truman Administration began the President’s Escapee Program(PEP) in 1952 to provide as­ sistance to escapees from Stalinist Communism and culled the records of the ITS in pursuit of this project’s myriad aims. National Archives and Records Administration(NARA), RG 59 Central Re­ cords of State Department, Bureau of Security and Consular Affairs, Lot File 62-D-146, Decimal Files, 1953-60, Files 1-D/2.1 to 1-D/3, Box 10, Secret Non-Regional Program US Escapee Program, General Narrative Statement, undated. See also: Swope to Elbot, 1.10.1953, on US Interest in the ITS in General Records/Alliierte, Ordner 52, ITS Archive. See also Arthur Max/Randy Herschaft, Archive Catalogs Use of Cold War Refugees, San Francisco Gate, 4.1.2009. Perspektiven auf Helmut Schmidt 101 The United States maintains de jure ownership of a considerable portion of the ITS’s documents under legal conventions pertaining to war booty. 5 From its cre­ ation, American dominion was consistently reinforced not only by the reluctance of the ICITS to render a final decision on the archive’s ownership and fate, but also the political agendas of commission members and the ICRC. 6 Not only does this suggest why the ITS has endured, but also the influential role of archives and information control in the post-World War II world. Most records held by the ITS concern East Europeans, who had virtually no access to its services or files between 1948 and 1970 because of strict information control policies enacted by the Western Allies and continued by the ICRC. This was despite public avowals of the ITS’s universal and neutral service mandate as well as a violation of Article 19 of the 1948 Universal Declaration of Human Rights, which stipulates that any individual has the right to»seek, receive, and impart information[…] regardless of frontiers«. 7 There are two additional collections in the ITS that warrant mentioning. The Cen­ tral Names Index, which is the key to finding documents on individuals, and the Tracing and Documentation files, which hold information on inquiries made to the ITS. Finally, the institutional archive holds material on the history of the ITS and served as the basis for this study. Spurred by German debates on the Berlin Memorial to the Murdered Jews of Eu­ rope in the late 1990s as well as diplomatic and public efforts to reopen the ar­ chive after three decades, the ITS has received significant media attention in the 5  E rnst Posner, Effects of Changes of Sovereignty on Archives, in: The American Archivist 5, July 1941, No. 3, p. 141–155; and Linda Tashbook, Releasing Captured Documents, Proceedings of the Annual Meeting(American Society of International Law) 1, March 24–27, 2010, p. 584–587. Kingdom National Archives(PRO), FO 371/101560, Scopes to Logan-Grey, February 1952; and Bundesarchiv Koblenz(BAK), B106/24446(Microfilm(MF) 1), from Werner, West German Foreign Office, to Burckhardt, ITS, 30.5.1964. Archives, Bad Arolsen, Ablage Direktion B 5/2 an IKRK 0.1, Note 33/From Headquarters Eu­ ropean Command, 26.9.1949. The ICRC confirmed in an internal document that they continued the same policy of withholding information from East Europeans. ITS Archives, Bad Arolsen, Ge­ samtinventar 2012, Ordner 114, an IKRK 1955, Noten 1-207 B5/2-1, from Borsinger to Gallopin et al. ICRC headquarters Geneva, Subject: Handling of Inquiries from EE Countries by ITS, 24.6.1945. See also, PA-AA, B85/455, undated Vermerk; PA-AA, B85/460, Aufzeichnung, 23.12.1960. Univer­ sal Declaration of Human Rights, URL:[19.11.2023]. 102 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 past 15 years. 8 Yet, scholarship is only slowly emerging about the organisation’s history. Bernd Zimmer’s chronicled the ITS’s early operations and Jean Marc Drey­ fus’s published an essay that frames the organisation within the history of the Ho­ locaust. 9 In addition, historian Dan Stone has written an exceptional monograph on the history of tracing that was published in 2021. Finally, I have a recent arti­ cle, unpublished dissertation, and forthcoming monograph that examine the ITS within its 70-year historical context. 10 The extended inaccessibility provoked con­ siderable speculation about what the ITS was and held. As a result, historical and popular perceptions usually situate the ITS only within the context of the Holo­ caust and Holocaust memory. But these incomplete snapshots obfuscate how the ITS developed historically and fail to explain the ITS’s role in the post-World War II world. The ITS’s operations in the 1970s show the continued role of archives in helping to maintain postwar order and controlling historical narratives about World War II and the Holocaust. This case also challenges theories West German attempts to mediate the Nazi past and reveals unexplored battlegrounds of the Cold War. Drawing upon the»new international history«, this essay incorporates institu­ tional and governmental files, media coverage of the ITS, and records from oth­ er organisations. 11 These sources reveal the triangular interdependence between countries, the ITS management, and individuals and how they mutually i­nfluenced and complicated one another, thereby highlighting what was at stake in the ITS. James Young, The Texture of Memory, New Haven 1993, p. 27–49. Bernd Joachim Zimmer, International Tracing Service Arolsen. Von der Vermisstensuche zur Haft­ bescheinigung. Die Organisationsgeschichte eines»ungewollten Kindes« während der Besatzungs­ zeit, Bad Arolsen 2011; Jean Marc Dreyfus, À Bad Arolsen dans la forêt des archives nazies, La Vie des Idées, 2008, URL:[19.11.2023]. 10  D an Stone, Fate Unknown: Tracing the Missing after the Holocaust and World War II, Oxford 2021; Jennifer L. Rodgers, From the ›Archive of Horrors‹ to the ›Shop Window of Democracy‹. The International Tracing Service, 1942–2013(unpublished dissertation, University of Pennsylvania, 2014); eadem, The Archives of Humanity: The International Tracing Service, The Holocaust and Postwar Order(in preparation); and eadem, Archive of Horrors, Archive of Hope. The Internati­ onal Tracing Service in the Postwar Era, in: Jahrbuch des International Tracing Service 2015, p. 17– 34. 11  A kira Iriye, Cultural Internationalism and World Order, Baltimore 2000, p. 1–4; Jeremy Suri, Con­ flict and Co-operation in the Cold War: New Directions in Contemporary Historical Research, in: Journal of Contemporary History 46, 2011, p. 5–9. Perspektiven auf Helmut Schmidt 103 The ITS abruptly began allowing researchers into its collections in the 1970s. Al­ though the ITS’s management previously considered historical research outside of its humanitarian mandate, staff no longer hindered access to the files. This sup­ ported scholars and, most importantly, East Europeans who access policies had previously excluded from the ITS’s services. What factors prompted the ITS and its advisory bodies previously so opposed to access to alter their position? Changes within the European political landscape during the late 1960s, notably the abrogation of the Hallstein Doctrine and Ostpolitik, sparked improved rela­ tions between West Germany and the East. This alleviated anxieties about the So­ viets and their allies gaining access to information in the ITS’s files in pursuit of their own political agendas. 12 Developments at the ICRC in Geneva and the ITS headquarters in Bad Arolsen also played a role in the newfound openness. First, internal crises within the ICRC that arose as a result of its operations in Africa spilled over into the activities of its external missions, of which the ITS was one. 13 Second, longtime ITS director and ICRC employee Nicolas Burckhardt retired. His deputy, Albert de Cocatrix, took the helm and was the driving force behind the operational changes. De ­Cocatrix demonstrated the considerable authority each director had to shape the ITS’s humanitarian mandate, something West German authorities acknowledged already in the late 1950s. 14 Yet, de Cocatrix’s progressive interpretation of the ITS’s access policies ultimately spurred questions among his colleagues in Geneva not only about the continued existence of the ITS, but also stoked fears that the ICRC’s wartime narrative would be challenged. 12  C arole Fink/Bernd Schaefer(eds.), Ostpolitik 1969–1974. European and Global Responses, New York 2008, p. 1–14. 13  M arie-Luce Desgrandchamps, The Biafra Aftermath:(Re)thinking the modern ICRC. Paper pre­ sented at the conference»Non-State Humanitarianism: From Colonialism to Human Rights«, held at the Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, Germany, 28–29 November 2013. 106/90470, letter dated 2 July 1980; PA-AA, B 85/1552, letter from Red Cross President Haye to Foreign Minister Genscher, 10.7.1980; letter from Züger to Baum, 10.6.1980; letter from Baum to Züger, 9.6.1980; and letter from Meissner to Genscher, 2.6.1980. 104 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 »Eine Einmalige Institution« The ITS in 1970 only vaguely resembled the agency created by the Allies in 1943. 15 Strong politicisation of the ITS by the Western Allies in the immediate postwar gave way to relative apathy by the ICITS as their governments shifted focus to conflicts outside of Europe. Commission members nevertheless observed the ITS’s 25 th anniversary at their annual meeting and headquarters in Bad Arolsen. Cor­ respondence between ICRC President Marcel Naville and West German Foreign Minister Walter Scheel on the occasion discussed the importance of the ITS as a »unique institution in the world«, which had been a cornerstone of Bonn’s socalled Vergangenheitspolitik since the 1950s. 16 To understand Scheel’s position and the significance of expanded access, it is important to understand how the ITS had hitherto operated. The original mandate of the ITS evolved from repatriation and relief assistance to supplying information for American Cold War programmes and assisting West German Wiedergutmachung, in addition to clarifying the fates of individual vic­ tims of Nazism. After the administrative transfer to the ICRC under the Bonn Accords in 1955, the ITS’s activities grew to aid legal proceedings against accused Nazi war criminals and collaborators. At the same time, the ITS publically pro­ claimed that it provided universal and neutral service to victims of Nazism. The ITS’s invocation demonstrated the malleability of humanitarian principles, which were dictated overwhelmingly by political considerations. Yet, by 1970,»humani­ tarianism« had all but disappeared in the ITS’s internal correspondence and ex­ ternal publications, further revealing the extent to which the ITS used humani­ tarian services toward its own ends and how far the ITS’s arguably anachronistic operations had drifted from its original objective. Furthermore, it underscores the delicate balancing act of serving the victims of National Socialism and pro­ moting political agendas. This is particularly evident when juxtaposed with the ITS’s activities in Eastern Europe within the context of Ostpolitik. The ITS’s operation under an amended humanitarian mandate was evident, at the latest, by 1949 when the Western Allies and International Refugee Organization terminated all active adult tracing. There were, nonetheless, remaining tracing cas­ B 85/1386, Report from de Cocatrix to the Foreign Office, 26.5.1976. B85/1029, Aufzeichnung, 6.7.1970. Perspektiven auf Helmut Schmidt 105 es that lingered into the 1970s(and beyond) that required further processing. Yet, even through the 1960s, tracing inquiries arrived from the Soviet Union and Po­ land, in part to certify Nazi incarceration for state pension claims. The ITS annu­ al report of 1970, however, mentioned 5,600 open tracing cases, mostly from the Soviet Union, which statistically represented only four percent of the total work. 17 Although insignificant in terms of the agency’s overall operations, the renewed need for tracing and not merely information is nonetheless important. It e­ xposes the protracted aftermath of World War II, particularly in Eastern Europe, an area to which the ITS previously sent only select information, mostly cases of death. 18 These new inquiries contributed to the Central Names Index’s exponential growth and a widespread reexamination by ITS staff of the case files. In addition to grant­ ing access for East European inquirers, the ITS continued its other primary task of providing information to the victims of Nazism and their families and to gov­ ernments for legal and compensation cases, or for other purposes such as vetting immigrants for the President’s Escapee Program. 19 Yet, in the early 1970s the ITS also reopened earlier»negative« inquiries – cases for which staff found no documents, many of which originated from the Eastern Bloc. 20 The informational lacunae stemmed, in most cases, from sources on Nazi incarceration and extermination in the East that Nazi troops either destroyed during their retreat across Europe or the Red Army captured in its advance to Berlin. Moreover, the stifled exchange of ITS documents between the Soviets and Western Allies after the war directly impacted these cases. The ITS thus hoped that documents acquired during a flurry of collection, especially in Eastern Eu­ rope, between the mid-1960s and late 1970s would shed light on unclarified ­cases. Among them were a man named Max Neumann’s requests. 21 B 85/1386, International Commission annual meeting minutes, 23.4.1974. is increasingly clear that the ICRC, through back channels with its national mission in Moscow, was able to furnish some information for select cases. The circumstances of these cases are not clear and warrant further examination. ITS, Bad Arolsen, Ablage Direktion B 0/2 Allgemein 0.21/letter from Albert de Cocatrix to Escapee Program Division, United States Embassy, Bonn, 15.4.1970. is no indication in any of the sources about why the ITS reopened old cases. Neumann is a pseudonym used to protect the identity of the inquirer and his family. ITS, United States Holocaust Memorial Museum(USHMM), Tracing and Documents Files, Case File of Julia Neumann. 106 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 In the two decades since his first inquiry, Max Neumann had corresponded ex­ tensively with the ITS about his missing family members. He wrote the agency not only regarding compensation claims and the certification of their deaths in the 1950s, but also to determine if its archival accessions could provide any fur­ ther information. 22 In 1970, he submitted another inquiry to the ITS regarding family members and friends. 23 The inquiry fell under the agency’s new policy of revisiting cases as information­ al borders between the Soviet Union, its allies, and the Western governments re­ laxed. In January 1971, Neumann received the answer to his October 1970 query. Four months was a standard response time, though as operations expanded, the waiting period became increasingly protracted. 24 The situation created significant tension internally but also between the ITS and individuals who urgently wanted and needed information from the archive. Nonetheless, considerable efforts by the ITS to collect additional archival materials for cases proved fruitful. After two decades of receiving limited, at times erroneous, information from the ITS, Max Neumann finally had concrete answers on the fate of his family mem­ bers and a school friend. According to the ITS’s response, with one exception, each person was»evacuated« to Auschwitz in separate transports by the Gestapo. 25 It further stated that no additional information was found, though the description of the documents implicitly inferred that the victims were deported to their deaths. The response concretely confirmed the information Neumann and his surviving family members discovered in their own investigations through other sources. 26 The willingness to provide Max Neumann information on his friends is also im­ portant, especially as discussions of the so-called Gläserner Mensch, a metaphor for individual data privacy, and human rights coalesced in the 1970s. 27 The ITS PA-AA, B85/1386, International Commission Annual Meeting Report, May 1977; and B85/1551, International Commission Annual Meeting Report, 8.5.1978. United States Holocaust Memorial Museum(USHMM), Tracing and Documents Files, Case File of Julia Neumann. is a notable lacuna in scholarly literature on the international and comparative aspects of the rise data privacy debates and legislation in and after the 1970s. See Samuel D. Warren/Louis D. Brandeis, The Right to Privacy, in: Harvard Law Review 4, December 1890, No. 5, p. 193–220. Perspektiven auf Helmut Schmidt 107 long denied providing information to third parties without the approval of the requested individual. Yet, the ITS’s response clearly affirmed that the Gestapo de­ ported Max’s friend to Auschwitz and stands in direct contrasts with a similar re­ quest by Mel Mermelstein of Los Angeles a decade later, whose request for infor­ mation on the fate of his fellow victims in Auschwitz was denied. 28 Neumann’s case hints at the authority ITS directors had to interpret the humanitarian man­ date. Moreover, it shows the ways in which de Cocatrix relaxed regulations and expanded the ITS’s operations, which fostered hope in victims and scholars for more accessibility. Neumann’s request would also not have been possible without Ostpolitik, which helped rehabilitate and normalise relations between the Federal Republic of Ger­ many with Eastern Europe. It also benefitted the ITS, which accessioned millions of pages of Nazi era documents from archives in these countries. The majority of documents in the ITS concerned victims of Nazism from Eastern Europe and the Soviet Union. It was thus a logical step for West German officials to promote its new foreign policy in the East by drawing upon the ITS’s resources, including lump sum reparations payments to Poland, Czechoslovakia and Hungary. 29 No­ tably, the Federal Republic continued to reject individual payment schemes in these countries. 30 Nevertheless, Ostpolitik positively impacted the compensation cases the ITS reviewed. Menzi L. Behrnd-Klodt offers an archivist’s perspective on privacy. Menzi L. Behrnd-Klodt, Pri­ vacy and Confidentiality Perspectives. Archivists and Archival Records, Royersford 2009. On the rise of human rights in the 1970s, see Samuel Moyn, The Last Utopia: Human Rights in History, Cambridge 2010, p. 1–4. United States Holocaust Memorial Museum(USHMM), Tracing and Documents Files, Case File of Julia Neumann. PA-AA, B 85/1552, letter from the German Consulate General in Los An­ geles to the German Foreign Office, 3.1.1980. the late 2000’s a general figured suggested at the United States Holocaust Memorial Museum, where the author was working at the time on the USHMM’s ITS projects, was 75 percent of the documents were about East Europeans. PA-AA, AV Neues Amt, 9986: report dated 4 December 1967. See also Ulrich Herbert, Nicht entschädigungsfähig? Die Wiedergutmachungsansprüche der Ausländer, in: Ludolf Herbst/Constantin Goschler(eds.), Wiedergutmachung in der Bundesrepu­ blik Deutschland, p. 273–302, here: p. 277; Const antin Goschler, Die Bundesrepublik und die Ent­ schädigung von Ausländern seit 1966, in: Hans Günter Hockerts/Claudia Moisel/Tobias Winstel (eds.), Grenzen der Wiedergutmachung. Die Entschädigung für NS-Verfolgte in West- und Ost­ europa 1945–2000, Göttingen 2006, p. 94–146. Hans Günter Hockerts, Die Entschädigung für NS-Verfolgte in West- und Osteuropa. Eine einführende Skizze, in: Hockerts/Moisel/Winstel, Grenzen der Wiedergutmachung, p. 7–58, here: 108 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 The ITS began answering inquiries from the Soviet Union and its allies in 1970. Most cases were from Poland, the Soviet Union, and Czechoslovakia and request­ ed documents to certify incarceration by Nazi Germany for their respective na­ tional pension programmes. 31 As a result of the ITS’s work, West Germany ex­ tended the Bundesentschädigungsgesetz for a limited time. This allowed individual victims of Nazism and the Holocaust previously unable to prove their incarcera­ tion sites to reapply for compensation and have their cases certified by the ITS, including using the newly accessioned material from Eastern European archives that was once beyond the organisation’s reach. 32 Notably, this amendment to West German compensation laws even informed the Federal Republic’s decision to re­ ject overtures by the ICRC to terminate the ITS as of 1979, reinforcing German officials’ commitment to providing what they considered moral and fiscal Wiedergutmachung. 33 Certifying compensation cases, answering inquiries, clarifying fates, and collect­ ing documents fell within the scope of the ITS’s legally mandated operations. In­ deed, humanitarian services continued under director Albert de Cocatrix, but he also expanded their scope far beyond these established parameters. New pro­ grammes included supporting criminal litigation, facilitating historical research, and participating in academic conferences. Yet, while these developments tech­ nically remained within the broadly defined humanitarian framework of the man­ date, the additional work nonetheless taxed the ITS’s operational infrastructure. Work at the ITS only further intensified as historians began using the archives for their research. Growing awareness of the Holocaust in the 1970s led to interest in the ITS and what types of documents were tucked within its archive. This development fur­ p. 41; also Krzysztof Ruchniewicz, Deutschland und das Problem der Nachkriegsentschädigungen für Polen, p. 667–739; Kristián Ungváry, Ungarn und die deutsche Wiedergutmachung, p. 740– 775; and Tomáš Jelínek/ Jaroslav Kučera, Ohnmächtige Zaungäste. Die Entschädigung von tschechos­ lowakischen NS-Verfolgtem, p. 776–836, all in: Hockerts/Moisel/Winstel, Grenzen der Wiedergut­ machung. B85/1386, International Commission Annual Meeting Report, May 1977; and B85/1551, letter from Jestaedt, West German Permanent Representative to International Organization, to Interior Ministry and Foreign Office, 8.5.1978. B85/1552, letter from the Foreign Office to all diplomatic and consular offices, 7.2.1978. B 85/1551, letter from Jestaedt, permanent representative to international organisations in Geneva, to the Foreign Office, 8.5.1978. Perspektiven auf Helmut Schmidt 109 ther complicated the relationship between the anachronistic mandate and con­ temporary cultural and political realities. The desire to permit historical research, however, stemmed overwhelmingly from Albert de Cocatrix’s initiatives, and re­ mained a peculiarity of his tenure until 2007. Moreover, de Cocatrix’s actions un­ derscored earlier West German reports about the absolute ability of the director to decide on its operations, which caused tension between the International Com­ mission and ICRC over the ITS’s purpose. The ICRC named Albert de Cocatrix ITS deputy director in 1955, and director in 1970 following the retirement of Nicolas Burkhardt. The course de Cocatrix steered diverged considerably from Burkhardt’s and pushed the ITS to its opera­ tional limits. De Cocatrix’s decision to grant access to the archives was likely mo­ tivated by easing Cold War tensions. More significantly, however, his service as ICRC representative in wartime Berlin also informed his pursuit of ensuring ac­ cess. His reports on visits to, among others camps, Ravensbrück, demonstrate de Cocatrix’s knowledge of Nazi crimes. 34 In fact, his position parallels that of for­ mer director Hugh Elbot, whose own persecution at the hands of the Nazis con­ vinced him of the necessity for open access to the ITS’s archive in the early 1950s. 35 De Cocatrix shared Elbot’s views, but his ability to accord access to historians and participate in conferences proved much more successful. 36 It also eventually threat­ ened the agency’s existence. The expanded use of the ITS’s documents for compensation to Eastern Europe and the Soviet Union as well as historical research at this time mirrored not only geopolitical developments, but also social and cultural changes beginning in the 1970s. While the ITS and its management did not recode the meaning of the doc­ uments in the same ways it had beginning in the 1940s, shifts in operations to­ wards research and welcoming inquiries from Eastern Europe were nonetheless significant. Correspondence from the ICRC, West Germany, and even the Inter­ national Commission reveal that they were aware of the new activities. In fact, RG 19.044M, File G44/13-19.02, Report of visit to Ravensbrück by A. de Cocatrix, Ap­ ril 1945; and File G44/13-20.01, Report by W. Pfister, delegate of ICRC, on the evacuation of Ora­ nienburg-Sachsenhausen camp. with Charles Elbot, May 2011. B 85/1386, Report on Annual Meeting of the International Commission, May 1977. 110 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 letters between the ITS and the West German Foreign Office show support for expanded access to the archive. 37 How and when did the ICITS rescind its prohibitive access policies? Significant­ ly, there is no evidence of an explicit date or official amendment to the protocol or the mandate. However, there are clear indications that the ITS granted expand­ ed access to the collections by 1970, which further corresponds with the lack of resolution concerning ownership of the archive’s documents. 38 The ITS’s 25 th an­ niversary celebrations in 1970 also noted that the archive would remain accessi­ ble for research. 39 Beyond Hillel’s work, influential studies by Wolfgang Jacob­ meyer on forced labour and Rüdiger Lautmann on the persecution of gay men further revealed the importance of the archive for historical examination, the long shadow of Nazi era, and the continued relevance of the ITS. 40 The ITS was an anomaly compared to humanitarian organisations with origins in postwar relief. There are some parallels in how the ITS repurposed its archive with the evolving mandates of other organisations such as the United Nations High Commissioner for Refugees, which began its life as the successor organisa­ tion to the International Refugee Organization. Yet, in contrast, the ITS never le­ gally amended its directives to reflect geopolitical or operational realities, includ­ ing converting its archives into a research centre, a solution discussed beginning in 1952. Neither the ICITS nor the ICRC suggested any substantive changes, even though both acknowledged the general importance of the archive, further high­ lighting the interconnectedness of the ITS’s humanitarian services with broader political calculations. This became evident in growing trepidation over increased use of the archives, especially to scholars. Exhibiting earlier concerns, some IC­ B 85/1551, 1979 Annual Report of the ITS; letter from Foreign Office to Züger, 31.5.1979; B 85/1552, letter to Heide-Bloch, Foreign Office, 2.2.1980; and B 85/1029, letter from the Foreign Office to de Cocatrix, 8.11.1971. See also: B 85/1386, Report of the Annual Meeting of the Inter­ national Commission, May 1977. de la Shoah, CRIF documents, ITS Annual Report 1970. 40  W olfgang Jacobmeyer, Vom Zwangsarbeiter zum heimatlosen Ausländer. Die Displaced Persons in Westdeutschland 1945–1951, Göttingen 1985; Rüdiger Lautmann/Winfried Grikschat/Egbert Schmidt, Der rosa Winkel in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, in: Rüdiger Lautmann(ed.), Seminar: Gesellschaft und Homosexualität, Frankfurt am Main 1977, p. 325–365. Also see Lautmann’s comments to the forum of German memorial sites, in: GedenkstättenRund­ brief 81(1998), p. 37–41. Perspektiven auf Helmut Schmidt 111 ITS representatives felt that greater access translated into possible politicisation of the ITS. However, it also potentially exposed narratives that ran counter to es­ tablished social and collective memories and spurned a total reversal of the prog­ ress de Cocatrix forged. 41 »Humanity’s Ancestral Inheritance« The comparatively harmonious opening of the archives continued roughly until the ITS’s next milestone: 25 years of ICRC administration in 1980. Yet, the atmo­ sphere at the celebration was decidedly different from 1970. First, Albert de C­ ocatrix had been forced out of his position as director, likely a response to the growing operational issues within the ITS, but also to his open access policies. Indeed, the abandonment of détente by new conservative governments in the United States, United Kingdom and France was mirrored by a similar shift in the ITS manage­ ment and operations. New director Philipp Züger’s doctrinal interpretation of the humanitarian mandate gradually quelled any optimism de Cocatrix’s»archives of hope« had spawned. Instead, Züger embraced insulating»humanity’s ancestral inheritance«, as Belgian officials called the ITS, from any activity that he person­ ally, and not the ICITS, deemed non-humanitarian. 42 One would reasonably expect that the Second Cold War precipitated the ICITS to demand that the ITS reintroduce access and information control policies with the Eastern Bloc. Curiously, however, there is neither discussion about it, nor any visible effect on the more relaxed information availability initiated by de C­ ocatrix. In fact, the ITS’s complaints about the unwillingness of the Soviet Union and Czechoslovakia to supply documents in spite of their continued use of the archive indicate that the lines of communication between the director and Eastern Euro­ pean officials remained open. 43 In addition, the ICRC and West Germany planned more on memory in Europe, see Henry Rousso, The Vichy Syndrome. History and Memory in France since 1944, Cambridge 1994; Richard Ned Lebow/Wulf Kansteiner/Claudio Fogu(eds.), The Politics of Memory in Postwar Europe, Durham 2006; and Pieter Lagrou, The Legacy of Nazi Occupation. Patriotic Memory and National Recovery in Western Europe, 1945–1965, C­ ambridge 2000. Also, Wulf Kansteiner, In Pursuit of German Memory. History, Television, and Politics after Auschwitz, Athens 2006, p. 214–247. B 85/1552, letter to Heide-Bloch, Foreign Office, 2.4.1980. B 85/1552, Vermerk on the annual meeting of the International Commission, 28.2.1980. 112 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 to extend the ITS another 10 to 15 years in order to process pension claims cases from the East, which further contradicts any return to restricting requests from East Europeans. Moreover, it also reveals the complicated issues related to data privacy. More importantly, however, what de Cocatrix’s removal revealed was the fraught relationship the ICRC had to its wartime past and how access to the ITS’s archives could be used to control historical narratives. 44 The ICRC’s position on the ITS is best characterised as complicated. The organ­ isation tried to maintain the illusion of its neutrality and humanitarianism with­ in the ITS while clearly defying these principles behind the scenes. By the 1970s, the ICRC’s complex position on the ITS became increasingly exposed, yet the or­ ganisation nevertheless agreed to indefinitely administer the ITS. Why? The answers lay in part in internal crises at headquarters in Geneva. Allegations that the organisation had taken sides in the Cold War and was unable to effec­ tively manage humanitarian crises contributed to the ICRC’s predicament, and thereby affected administration of the ITS. The ICRC wanted to maintain its ap­ pearance as neutral, universal, and humanitarian, and the increasingly acute op­ erational crises at the ITS certainly influenced their position. In fact, later accu­ sations by the ICITS and the general public of malfeasance with the ITS by the ICRC look different when considered alongside internal developments during the 1970s. First, greater access invariably aroused concern at the ICRC. As the largest cen­ tralised repository on the individual victims of Nazi crimes, the ITS files con­ tained information that could not only aid these victims, but also inculpate those with a story to hide. The ICRC likely feared that use of the ITS’s files would cast further doubt on its governing principles and expose it to further public criticism. It also offers a partial explanation for the ambiguous removal of de Cocatrix and decision to pursue only»humanitarian« activities. The decision to focus strictly on aid-related operations was also arguably a frac­ tious response to West Germany’s condition that it would finance only mandated operations. However, the ICRC’s orthodox(re)-interpretation of mandate gov­ erned under the Bonn Accords is peculiar when juxtaposed with the progressive­ B 85/1551, Vermerk from Heide-Bloch, 24.8.1978. Perspektiven auf Helmut Schmidt 113 ly expanding parameters of humanitarian tracing. Not only the ICITS and West Germany, but also the ICRC, endorsed these redefinitions and therefore, the re­ purposing of the ITS’s archive and mandate. By framing its concerns under the aegis of humanitarianism, the ICRC radically reversed the course of the ITS set during the 1970s, in spite of its acknowledgement of the importance of access to the archive, especially for previously underserved victims in the Eastern Bloc. 45 The»humanitarian« regression manifested itself in several ways. In the aggregate, it effectively shut down the ITS and derailed West Germany’s foreign policy aims with the ITS, a reality that became increasingly evident in the 1980s. First, the re­ sponse time for cases increased again, in part because ITS personnel continued their review earlier inquiries. 46 This had a particularly negative impact on the grow­ ing number of pension related requests from Eastern Europe and added to a back­ log of cases that grew exponentially in the following two decades. Second, although the ITS’s directors had exercised considerable authority over the agency and its interpretations of humanitarianism, this power surged under Philipp Züger and his successor Charles-Claude Biedermann. They discontinued access for research and historical inquiries and stifled even governmental requests. Commission members assured Züger that the agency’s primary task was answer­ ing personal inquiries. Yet, even these personal inquiries, from East Europeans and other individuals alike, often went unanswered because of purported data privacy considerations. Even within the context of global data privacy laws, Züger’s resolution was surprising and revealed a further instrumentalisation of the ITS’s humanitarian principles. As a result, from the early 1980s until late 2007,(West) German fears were effectively realised. The ITS during these decades became what one journalist dubbed the»Bermuda triangle of the archival world«, which left the victims it was supposed to aid in de facto oblivion. 47 Fundamentally, the ITS is a story of an archive and its uses, particularly in pur­ suit of political agendas. Yet, when juxtaposed with similar document collections such as the Berlin Document Center or the German Foreign Office Archives, the ITS represents an archival anomaly. In fact, the ITS archives exhibit many features B 85/1552, letter to Heide-Bloch, Foreign Office, 2.4.1980. B 85/1551, ITS Annual Report 1979. 47  A nna Funder, Secret History, in: The Guardian, 16.6.2007. 114 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 seen in colonial archives, including the continual recoding of documents, and malleable conceptions of access. 48 Not only are the files of diverse provenance, but they remained a contested site long after World War II ended. The conflicts over who controlled the ITS archives and, moreover, had access to the files, were a re­ sult of their actual and symbolic value for aiding and memorialising the individ­ ual victims of Nazism, but also for the perceived political advantages the docu­ ments might offer. The ITS archives aided the reconstruction of western Europe’s families and soci­ ety, while also supporting relief projects, both of which fell under traditional con­ ceptions of humanitarianism as aid. Yet, as non-state humanitarianism gave way to state-sponsored relief, the institution and its documents also helped reinforce Cold War borders, often to the detriment of millions of East European victims of the World War II. By extension, the archives were important to the fate of Ger­ many and, in particular, the Federal Republic during the postwar era. The ways in which American, West German and even ICRC officials framed ITS programmes as humanitarian shine a light on the changing face of humanitari­ anism in the post-World War II era as well as the importance of archives to broad­ er political projects. The International Tracing Service is an excellent lens through which to ­investigate evolving interpretations of humanitarianism and information access in the postWorld War II world. The ITS’s policies showed the political expediency of refram­ ing humanitarianism to include the certification of indemnification cases for Nazi victims and their families which might well be considered humane in the sense of trying to compensate for some of the material losses brought by persecution, and, on the other hand, pursuing justice and accountability by supplying infor­ mation for the prosecution of alleged perpetrators of Nazi crimes. 48  A strid M. Eckert, Kampf um die Akten. Die Westalliierten und die Rückgabe von deutschem Ar­ chivgut nach dem Zweiten Weltkrieg, Munich 2004; Heinz Fehlauer, NS Unterlagen aus dem BDC und die Debatte um ehemalige NSDAP-Mitglieder, in: Historische Sozialforschung 35, 2010, No. 3, p. 25–30; Dieter Krüger, Archiv im Spannungsfeld von Politik, Wissenschaft und öffentlicher Meinung. Geschichte und Überlieferungsprofil des ehemaligen»BDC«, in: VfZ 45, 1997, No. 1, p. 49–74. On the repurposing of colonial archives, see Ann Laura Stoler, Along the Archival Grain: Epistemic Anxieties and Colonial Common Sense, Princeton 2008, p. 17–55. Perspektiven auf Helmut Schmidt 115 However, the extension of the parameters of humanitarianism, and thus the ar­ chive’s uses, was a double-edged sword. While they could be stretched to legiti­ mate political agendas, so too could they be contracted to exclude any party deemed at any particular juncture unsavoury, particularly when combined with data privacy legislation. The exclusion of East European victims of the Nazis and their collaborators from the basic human right of access to their or their relatives’ personal information until the 1970s and the effective closure of the ITS from the early 1980s to 2008 are examples of the ever-changing uses and abuses of humani­ tarianism and data privacy in the postwar era, especially as instruments of pow­ er by states and non-governmental organisations alike. But it also shows the long legacy of World War II, from Cold War tensions to even the development of an international collective memory of the Holocaust and the ways in which not only archives, but also humanitarianism, affected them. Perspektiven auf Helmut Schmidt 117 Zu den Autorinnen und Autoren Volker Berghahn Geboren 1938; Studium der Geschichte, Poli­ tik und Rechtswissenschaft an den Universi­ täten Göttingen und North Carolina at Cha­ pel Hill; 1964 PhD an der Universität London; 1970 Habilitation an der Universität Mann­ heim; 1969–1975 Lecturer, dann Reader an der University of East Anglia; 1975–1988 Pro­ fessor an der University of Warwick; Übersied­ lung zur Brown University, Providence, RI, in den USA, dort dann John P. Birke­ lund Professor of History bis 1998, hernach Seth Low Professor of History an der Columbia University, New York. Rainer Hering Geboren 1961; Studium der Geschichte, Evan­ gelischen Theologie und Erziehungswissen­ schaft an der Universität Hamburg; 1989 Pro­ motion zum Dr. phil.; 2011 Promotion zum Dr. theol.; 2002 Habilitation für Neuere Ge­ schichte, 2009 Erweiterung der Lehrbefugnis um das Fach Archivwissenschaft, lehrt seit 1992 am Historischen Seminar der Universi­ tät Hamburg, seit 2007 als Professor; seit 2010 Lehrbeauftragter für Neuere Geschichte und Archivwissenschaft an der Christian-Albrechts-­ Universität zu Kiel; 2015 Ernennung zum Ho­ norarprofessor; 1987–2006 am Staatsarchiv Hamburg tätig, seit 2006 Leiter des Landesarchivs Schleswig-Holstein und Vor­ sitzender des Archives Committees der German Studies Association. 118 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Jennifer L. Rodgers Geboren 1976; Studium der Geschichte und Germanistik an der American University(Wa­ shington, DC); 2014 Promotion(PhD) in Ge­ schichte an der University of Pennsylvania; 2013–2014 Fellow am Berlin Program for Ad­ vanced German and European Studies an der Freien Universität; 2015 Visiting Fellow am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam(ZZF); 2015–2017 President’s Post­ doctoral Fellow an der University of South Florida in Tampa; 2017–2018 Lecturer an der University of Pennsylvania; seit 2019 Research Assistant Professor of History und Associate Editor am Einstein Papers Project am Califor­ nia Institute of Technology(Caltech) in Pasa­ dena. Małgorzata Świder Geboren 1964; Studium der Geschichte, Pä­ dagogik und Ostmitteleuropäische Geschich­ te an der Universität in Opole, Universität zu Köln und Universität Dortmund; 2001 Pro­ motion zur Dr. phil. an der Universität Dort­ mund; 2015 Habilitation; 2001–2016 Lehrauf­ trag an der Universität Opole; 2016–2019 Professorin für Zeitgeschichte ebendort(Ex­ traordinaria); 2019–2023 Professorin an der Universität der Nationalen Bildung in Kraków (Extraordinaria); seit 2024 ordentliche Profes­ sorin für Geisteswissenschaften im Fachbe­ reich Geschichte ebendort; Chefredakteurin der historischen Zeitschrift»Res Ge­ stae«. Perspektiven auf Helmut Schmidt 119 Meik Woyke Geboren 1972; Studium der Geschichte, Ger­ manistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg; 2004 Promotion zum Dr. phil.; 2005–2007 PostDoc an der For­ schungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg; 2007–2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter und 2012-2019 Referatsleiter»Public History« im Historischen Forschungszentrum/Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stif­ tung; 2009–2016 Chefredakteur, seitdem Mit­ herausgeber der geschichtswissenschaftlichen Fachzeitschrift»Archiv für Sozialgeschichte«; 2006–2019 regelmäßig Lehraufträge an den Universitäten Hamburg, zu Köln und Bonn; seit 2019 Vorstandsvorsitzender und Geschäfts­ führer der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Perspektiven auf Helmut Schmidt 121 Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie Marc Buggeln: Ohne Steuern keine Demokratie? Vergangenheit und Zukunft ­eines engen Verhältnisses(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 22), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2023| http://library.fes.de/pdf-files/adsd/21060.pdf Peter Beule(Hrsg.): Krisenwahrnehmung und Krisenhandeln im 20. Jahrhun­ dert(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 21), Bonn: Fried­ rich-Ebert-Stiftung 2023| http://library.fes.de/pdf-files/adsd/20726.pdf Stefan Müller(Hrsg.): Konservativer und gewerkschaftlicher Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Neue Forschungen zu Carl F. Goerdeler und Wilhelm Leuschner(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 20), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung, Archiv der sozialen Demokratie 2023| http://library. fes.de/pdf-files/adsd/20572.pdf Michael Schwartz: Wenzel Jaksch(1896–1966). Biografische Schlaglichter auf ei­ nen Sozialdemokraten aus Mitteleuropa(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 19), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2023| http://library.fes.de/ pdf-files/adsd/20257.pdf Jacob Hirsch(Hrsg.): Jüdische Menschen in der Arbeiterbewegung. Porträts – De­ batten – Motive(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 18), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2023| http://library.fes.de/pdf-files/adsd/20398.pdf Annabel Walz / Andreas Marquet(Hrsg.): Sicher sichern? Social Media-Archivie­ rung aus rechtlicher Perspektive im Archiv der sozialen Demokratie(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 17), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2022| http://library.fes.de/pdf-files/adsd/19590.pdf Peter Beule / Stefan Müller(Hrsg.): Kohäsionskräfte in der deutschen Sozialde­ mokratie vor 1914(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 16), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2022| http://library.fes.de/pdf-files/adsd/19674. pdf 122 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 23 Anja Kruke / Ann Kathrine Maier(Hrsg.): Das Archiv der sozialen Demokratie in 50 Objekten, Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2022. Peter Beule(Hrsg.): Demokratie erlebbar machen – aber wie? Die Frankfurter Paulskirche und das»Haus der Demokratie« als Herausforderung und Chance (Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 14), Bonn: Friedrich-­ Ebert-Stiftung 2022| http://library.fes.de/pdf-files/adsd/18943.pdf Michael Schneider: Der Generalstreik gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch im März 1920, Bonn: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung 2021| http://library.fes.de/pdf-files/adsd/17568.pdf Peter Beule(Hrsg.): Gutes Klima – gute Gesellschaft! Die ökologische Frage in der Sozialen Demokratie(geschichte.macht.zukunft), Bonn: Friedrich-Ebert-Stif­ tung 2020| http://library.fes.de/pdf-files/historiker/17202.pdf Peter Beule(Hrsg.): Smart work!? Mitbestimmung im digitalen Zeitalter(ge­ schichte.macht.zukunft), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2020| http://library.fes. de/pdf-files/historiker/16466.pdf Nora Thorade: Vernetzte Produktion. Computer Integrated Manufacturing(CIM) als Vorgeschichte von Industrie 4.0, Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2020| http:// library.fes.de/pdf-files/adsd/17116.pdf Stefan Müller: Die Spanische Grippe. Wahrnehmung und Deutung einer Jahr­ hundertpandemie im Spiegel der sozialdemokratischen Presse(Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, Heft 12), Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung 2020| http://library.fes.de/pdf-files/adsd/17115.pdf Gedruckte Exemplare können Sie, soweit vorrätig, kostenlos bei uns bestellen: Friedrich-Ebert-Stiftung Archiv der sozialen Demokratie Godesberger Allee 149 52175 Bonn Tel.:+49 228 883 8026 E-Mail: public.history@fes.de BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE HEFT 23 Friedrich-Ebert-Stiftung Archiv der sozialen Demokratie ISBN 978-3-98628-530-2 ISSN 1431-6080