LEITFADEN Zukunft braucht Pnina Katsir Richard Fagot Erinnerung Charlotte Knobloch Dita Kraus Ruth Melcer Leitfaden für die Arbeit mit Zeitzeug_innenvideos im Unterricht Liebe Lehrkräfte, liebe Interessierte, vor 80 Jahren, am 27. Januar 1945, befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Die meisten Zeitzeug_innen, die die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten überstanden haben, leben nicht mehr. Nur noch wenige können davon berichten. Zeitzeug_innengespräche 1 mit Holocaust-Überlebenden sind aus mehreren Gründen von großer Bedeutung: 1. Bewahrung des Gedächtnisses Zeitzeug_innengespräche helfen dabei, die Erinnerung an die Verbrechen des Holocaust lebendig zu halten. Sie tragen dazu bei, dass die Grausamkeiten nicht in Vergessenheit geraten und die Opfer sowie ihre Geschichten gehört werden. 2. Persönlicher Zugang zur Geschichte Im Gegensatz zu Sachbüchern oder Dokumentarfilmen über die NS-Zeit ermöglichen Gespräche mit Überlebendeneinen direkten und emotionalen Zugang zur Geschichte. Die Erzählungen machen historische Ereignisse greifbar und nachvollziehbar, da sie von individuellen Erfahrungen und Schicksalen geprägt sind. 3. Aufklärung und Prävention Durch das Verständnis der Ereignisse und Mechanismen, die zum Holocaust geführt haben, können Menschen dafür sensibilisiert werden, ähnliche Entwicklungen in Gegenwart und Zukunft zu erkennen und zu verhindern. 4. Widerlegung von Leugnung und Verharmlosung Zeitzeug_innenberichte sind ein kraftvolles Mittel gegen Holocaust-Leugnung und Geschichtsverfälschung. Die persönliche Authentizität der Überlebenden gibt den historischen Fakten ein zusätzliches Gewicht. 5. Förderung von Empathie Der direkte Kontakt mit Überlebenden fördert Mitgefühl und Verständnis für die Opfer sowie ihre Nachfahr_innen. Er hilft, die Auswirkungen von Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus tiefgehend zu begreifen. 1  Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) organisiert regelmäßig Zeitzeug_innengespräche – in Präsenz wie online. Angebote in Ihrer Region können Sie auf den Internetseiten unseres jeweiligen Landes- und Regionalbüros einsehen. Für Auskünfte und individuelle Anfragen wenden Sie sich direkt an die zuständigen Kolleg_innen vor Ort. Eine vollständige Übersicht über unsere Landes- und Regionalbüros finden Sie ↗ hier. Leitfaden für die Arbeit mit Zeitzeug_innenvideos im Unterricht 1 6. Weitergabe von Menschlichkeit und Hoffnung Viele Überlebende erzählen nicht nur von ihrem Leid, sondern auch von ihrem Überlebenswillen, ihrer Hoffnung und ihrem Glauben an die Menschheit. Diese Botschaften können inspirieren und positive Werte vermitteln. Dieser Leitfaden soll Lehrkräfte dabei unterstützen, Videos von Zeitzeug_innengesprächen im Unterricht einzusetzen. Er bietet eine strukturierte Vorgehensweise in drei Phasen: Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung. Die Methoden und Aufgaben im Leitfaden sollen Schüler_ innen anregen, kritisch zu reflektieren, Fragen zu stellen und ihre eigene Perspektive auf die Geschichte zu erweitern. Für weitere Informationen zu den Zeitzeug_innen oder zur Methodik 2 sprechen Sie uns gerne an. Mit freundlichen Grüßen Ina Koopmann Abteilung Politische Bildung und Dialog Jugend und Politik Leitfaden-Übersicht: → Vorbereitung → Durchführung → Nachbereitung → Aufgaben und Tipps Vorbereitung Historischer Kontext: Geben Sie eine kurze Einführung in den historischen Kontext und die Geschichte des Zeitzeugen oder der Zeitzeugin. Mögliche Leitfragen sind: → Wer ist die Person? (biografische Hintergrundinformationen) → Welche historischen Ereignisse und Persönlichkeiten sind zu berücksichtigen?(zeitlicher Rahmen, Schlüsselereignisse, Informationen z. B. aus Lehrbüchern) → Was lässt sich über Zeitzeug_innengespräche als Quelle der Geschichtsschreibung sagen? → Anhand welcher aktuellen Fakten zu Antisemitismus, Rassismus und weiteren Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit(z. B. aus der ↗ FES-Mitte-Studie) lassen sich Bezüge zur heutigen Zeit herzustellen? Fragen: Lassen Sie die Schüler_innen Fragen notieren, die entweder vor oder nach der Videoeinheit geklärt werden können. Schwerpunkte: Überlegen Sie, ob Sie bestimmte Aspekte hervorheben möchten und, falls ja, welche(z. B. persönliche Schicksale, historische Ereignisse, Auswirkungen auf die heutige Zeit, Zustand der Demokratie heute). Verhalten: Besprechen Sie mit der Klasse, wie mit den Erzählungen von Zeitzeug_innen respektvoll umgegangen werden sollte, insbesondere bei emotionalen oder schwierigen Themen. Atmosphäre: Vorab sollte im Klassenraum für eine entspannte, vertraute und ungestörte Atmosphäre gesorgt werden. Durchführung Einstieg: Stellen Sie das Video kurz vor und geben Sie Hinweise darauf, worauf die Schüler_innen achten sollen(z. B. emotionale Reaktionen des Zeitzeugen oder der Zeitzeugin, Abschnitte und Schlüsselmomente der Erzählung). Fokusfragen: Erinnern Sie die Schüler_innen ggf. an ihre Fragen und mögliche Schwerpunkte. Etwa: → Was sind die zentralen Erlebnisse des Zeitzeugen oder der Zeitzeugin? → Welche Emotionen werden bei der Schilderung deutlich? → Wie bewertet die Person die damaligen Ereignisse aus heutiger Sicht? Video ansehen Pausen: Das Video sollte möglichst ohne Unterbrechungen geschaut werden. Bei Bedarf können Pausen oder eine Unterteilung in Abschnitte sinnvoll sein, um Raum für Reflexion zu schaffen. Notizen: Ermutigen Sie die Klasse, sich während der Wiedergabe des Videos Gedanken und Fragen zu notieren, um später darauf zurückgreifen zu können. 2  Beachten Sie auch, dass es sich um die Methode Oral History handelt, also das mündliche Weitergeben von Erfahrungen und von erlebter Geschichte, die damit auch der ganz individuellen Sicht der Zeitzeug_innen unterliegen, s. auch: ↗ https://home.uni-leipzig.de/methodenportal/oral-history/. Leitfaden für die Arbeit mit Zeitzeug_innenvideos im Unterricht 2 Nachbereitung Spontane Eindrücke zulassen: Ermöglichen Sie den Schüler_innen das Äußern von ersten Eindrücken und Gefühlen. Gefühlen wie Trauer oder Betroffenheit sollte Raum gelassen werden. Pause: Es kann hilfreich sein, vor der weiteren Besprechung eine kurze Pause einzulegen, um die Eindrücke zu verarbeiten. Offene Fragen klären: Geben Sie den Schüler_innen Raum für Fragen, die während des Abspielens des Videos aufgekommen sind. Dies hilft, Missverständnisse oder Unklarheiten direkt auszuräumen. Reflexion: Für die Nachbesprechung können folgende Fragen hilfreich sein: → Was hat euch persönlich am meisten berührt oder beindruckt? → Welche Punkte waren schon bekannt? Was war neu? → Welche Relevanz haben die Aussagen für euch und die heutige Gesellschaft? Einordnung: Diskutieren Sie, ob und, falls ja, wie sich die Berichte von anderen historischen Quellen unterscheiden. Wichtige Fragen für die kritische Einordnung des Gesprächs sind: → Fehlen möglicherweise Perspektiven? → Gibt es Unterschiede zwischen den persönlichen Erinnerungen und historischen Fakten? Feedback: Halten Sie eine kurze Feedback-Runde zum Einsatz des Videos ab, um die Meinung der Klasse einzuholen. Verknüpfung: Knüpfen Sie die Inhalte an den Unterricht an (z. B. mit weiterführenden Aufgaben). Aufgaben und Tipps Technische Vorbereitung: Überprüfen Sie im Vorfeld, ob die Technik(Beamer, Lautsprecher, Internetverbindung) funktioniert, um Unterbrechungen während der Vorführung zu vermeiden. Kreative Aufgaben: Lassen Sie die Schüler_innen ein Plakat gestalten, welches das Zeitzeug_innengespräch mit Themen wie Erinnerungskultur, Empathie, Zivilcourage oder politischer Verantwortung in Schule und Alltag verknüpft. Rechercheaufgabe: Geben Sie eine Hausaufgabe, bei der die Schüler_innen weiterführende Informationen zum historischen Kontext recherchieren oder zusätzliche Quellen analysieren sollen. Unter Umständen gegebenenfalls kann es sinnvoll sein, Schüler_innen zu animieren, ihre eigene Familiengeschichte zu recherchieren bzw. bei Familienmitgliedern zu erfragen. Wo gibt es Parallelen zum Gehörten? Wo sind Unterschiede deutlich? Sensibler Umgang: Manche Berichte können emotional belastend sein. Seien Sie darauf vorbereitet, emotional schwierige Themen mit der Klasse einfühlsam zu besprechen, und bieten Sie Unterstützung an, falls einzelne Schüler_innen stark betroffen reagieren. Impressum Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn info@fes.de Herausgebende Abteilung Abteilung Politische Bildung und Dialog Jugend und Politik Kontakt Henning Knippelmeyer Henning.Knippelmeyer@fes.de Ina Koopmann Ina.Koopmann@fes.de Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES heraus­ gegebenen ­Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ­Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Januar 2025 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Abteilung Politische Bildung und Dialog Jugend und Politik Leitfaden für die Arbeit mit Zeitzeug_innenvideos im Unterricht 3