Gemeinsam guten Ganztag gestalten Friedrich Ebert@ Stiftung Impressum Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn info@fes.de Herausgebende Abteilung Politische Bildung und Dialog, Landesbüro Baden-Württemberg Inhaltliche Verantwortung und Redaktion Nicola Roth Kontakt/Bestellung: bawue@fes.de Design/Layout Röger& Röttenbacher| Büro für Gestaltung, Leonberg Druck und Herstellung Brandt GmbH, Rathausgasse 13, 53111 Bonn Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. 2025 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Bildnachweise Titel: FES/evgenyatamanenko/iStock, Seite 2: FES/Nicola Roth, Seite 3: FES/Nicola Roth, Seite 6: FES/Nicola Roth Diese Publikation wurde in Kooperation mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg erstellt. Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen " . Gemeinsam guten Ganztag gestalten Vorwort Ab dem Jahr 2026 tritt das Ganztagsförderungsgesetz(GaFöG) in Kraft. Damit wird allen Grundschulkindern in Deutschland ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung garantiert. Die Umsetzung erfolgt schrittweise: Ab dem Schuljahr 2026/2027 gilt der Anspruch zunächst für die Kinder der ersten Klasse und wird bis 2029 auf alle Grundschuljahrgänge ausgeweitet. Die Umsetzung der ganztägigen Förderung verändert den Lern- und Sozialraum Schule nachhaltig. Dabei ist es umso wichtiger, Ansätze für mehr Chancen gleichheit und Bildungsgerechtigkeit mitzudenken und in den Vordergrund der Betrachtung zu rücken, um für alle eine zeitgemäße Bildung zu ermöglichen – insbesondere deshalb, da in Deutschland weiterhin ein starker Zusammenhang zwischen familiärer Herkunft und Bildungserfolg besteht. Die Reduzierung von Ungleichheiten im Bereich Bildung ist eine der entscheidenden gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft. Die Veranstaltung im Hofgartensaal in Aulendorf zog Vertreter_innen aus der Region an, darunter Mitglieder des Schulverwaltungsamts, Gemeinderäte, Mitarbeitende der Kinder- und Jugendhilfe sowie Schulleitungen, Lehrkräfte und Fachkräfte aus Sport- und Musikvereinen. Linke Seite: Volles Haus in Freiburg: Rund 50 Personen, die an der Umsetzung des Ganztages beteiligt sind, diskutierten mit. Gemeinsam guten Ganztag gestalten 3 Wie sind Schulen und Kommunen in Baden-Württemberg darauf vorbereitet und was braucht es für einen guten Ganztag? Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft(GEW) Baden-Württemberg hat in Kooperation mit dem Landesbüro Baden-Württemberg der Friedrich-EbertStiftung(FES) eine Veranstaltungsreihe„ Guten Ganztag gemeinsam gestalten“ durchgeführt. Ziel dabei war es, ein Beteiligungsforum für die unterschiedlichen Akteuer_innen zu schaffen. Die Herausforderungen sind je nach Standort sehr unterschiedlich und wurden daher bei der Auswahl der Veranstaltungsorte (Pforzheim, Aulendorf, Freiburg) miteinbezogen. Vor allem die unterschiedlichen Startbedingungen werfen in Hinblick auf die Umsetzung vorab Fragen auf: Wie steht die Kommune finanziell da? Welche räumliche und personelle Situa tion besteht derzeit an den Schulen? Welche Unterschiede gibt es zwischen ländlich geprägten Regionen und eher städtischen Gebieten und wie kann dies bei der Umsetzung gerecht bedacht und ausgeglichen werden? Schulleitungen, Lehrkräfte, pädagogisches Fachpersonal aus dem Bereich Ganz tag(z.B. Erzieher_innen, Sozialpädagog_innen, Schulkindbetreuer_innen, Schul sozialarbeiter_innen) sowie Eltern, Kooperationspartner_innen, Vereine, Mitglieder aus Gemeinderäten und Mitarbeiter_innen aus der Kommunalverwaltung haben ihre Sichtweisen und teils unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen miteinander diskutiert. Auch wenn es kein Konzept geben wird, das für alle passt, gibt es in der Zusammenführung der Ergebnisse viel Einigkeit über die Gemeinsamkeiten bei „Stolpersteinen“ und„Gelingensfaktoren“ auf dem Weg zu einem guten Ganztag an den Grundschulen. Diese sollen auf Grundlage der Ergebnisse der Veranstaltungen in Pforzheim (24. 09. 2024), Aulendorf(22. 10. 2024) und Freiburg(26. 11. 2026) hier vorgestellt werden. Wir hoffen, dass sie als hilfreicher Impuls für politische Entscheidungen – auf Landesebene und in den Kommunen vor Ort – dienen. 4 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Stolpersteine Zeitdruck und fehlende Informationen Der Zeitraum seit dem Beschluss der Bundesregierung 2021 bis zum Beginn der klassenstufenweisen Umsetzung im Jahr 2026 ist vor allem für die kommunalen Vertreter_innen eng gefasst. Viele Kommunen stehen unter Druck, die notwendigen Betreuungsplätze rechtzeitig zu schaffen. Dabei fehlen oft klare Informationen und Leitlinien, wie die Umsetzung(u.a. pädagogische Konzep tion, Personalgewinnung) in der Praxis gelingen kann. Besonders herausfordernd ist es, alle Beteiligten – von Schulen über Kommunen bis hin zu Eltern und Kooperationspartner_innen – rechtzeitig und umfassend einzubinden. Auch bürokratische Hürden und Verzögerungen bei der Genehmigung neuer Einrichtungen erschweren den Prozess. Finanzierung und unterschiedliche Voraussetzungen in den Kommunen Der Bund stellt bis 2027 über 3,5 Milliarden Euro für Investitionen bereit, doch die Kosten für den laufenden Betrieb müssen vor allem von den Ländern und Kommunen getragen werden. Dabei zeigen sich regionale Unterschiede: Während einige Kommunen bereits gut ausgebaute Betreuungsstrukturen haben, stehen andere vor großen finanziellen und organisatorischen Herausfor derungen. Insbesondere in ländlichen Regionen fehlt es oft an geeigneten Räumlichkeiten und Infrastruktur. Ein fairer Verteilungsschlüssel der Mittel sowie flexible Fördermodelle sind entscheidend, um die unterschiedlichen Ausgangslagen zu berücksichtigen und allen Kindern einen gleichberechtigten Zugang zu ermöglichen. Bürokratische Hürden Die Umsetzung des Ganztagsanspruchs wird vielerorts durch bürokratische Hürden erschwert. Dazu gehören langwierige Genehmigungsverfahren für den Bau oder die Erweiterung von Betreuungseinrichtungen, komplexe Förderanträ ge sowie uneinheitliche Vorgaben auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene. Gemeinsam guten Ganztag gestalten 5 Auftakt in Pforzheim. Die Beteiligung und Diskussionsfreudigkeit unter den Teilnehmenden ist groß. Insbesondere kleinere Kommunen stehen vor der Herausforderung, die bürokratischen Anforderungen mit begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen zu bewältigen. Auch Abstimmungsprozesse zwischen den verschiedenen Akteur_innen – Schulen, Trägern, Verwaltung und Politik – gestalten sich oft zeitaufwändig. Personal und Qualifizierung Der Bedarf an qualifiziertem Fachpersonal ist eine der zentralen Herausforderungen bei der Umsetzung des Ganztagsanspruchs. Studien zeigen, dass bis 2030 mehrere zehntausend zusätzliche Fachkräfte benötigt werden. Doch bereits jetzt gibt es in vielen Regionen einen akuten Fachkräftemangel. Um dem entgegenzuwirken, werden umfangreiche Maßnahmen zur Personalgewinnung und-qualifizierung umgesetzt. Dazu gehören der Ausbau von Ausbildungsplät zen, Umschulungsprogramme für Quereinsteiger_innen sowie finanzielle Anreize wie bessere Vergütung und attraktivere Arbeitsbedingungen. Gleichzeitig ist die kontinuierliche Fort- und Weiterbildung des bestehenden Personals wichtig, um die Qualität der Betreuung zu sichern. Nur mit einem langfristigen und nachhaltigen Personalentwicklungskonzept kann der Ganztagsanspruch erfolgreich umgesetzt werden. 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Gelingensfaktoren Koordination Schule-Kommune-Träger Eine zentrale Koordinationsstelle ist ein Schlüssel für die erfolgreiche Umsetzung des Ganztagsanspruchs. Sie fungiert als Schnittstelle zwischen Schulen, Kommunen und Trägern und sorgt für eine effektive Zusammenarbeit aller Be teiligten. Die Koordinationsstelle kann Prozesse steuern, Zuständigkeiten klären, Verantwortungsbereiche koordinieren und den Informationsfluss verbessern. Gleichzeitig dient sie als Ansprechpartner_in für Eltern und externe Partner_innen. Durch eine enge Verzahnung von pädagogischen und organisatorischen Aufgaben wird gewährleistet, dass Ganztagsangebote bedarfsgerecht und nach haltig entwickelt werden können. Pädagogische Qualitätsstandards Einheitliche und verbindliche pädagogische Qualitätsstandards sind essenziell um sicherzustellen, dass die Ganztagsbetreuung nicht nur Betreuung, sondern auch Bildungsförderung bietet. Diese Standards sollten klare Leitlinien für die Gestaltung der Angebote, die Qualifikation des Personals, Gruppengröße und die Zusammenarbeit mit Eltern und externen Partnern enthalten. Dabei ist wichtig, dass die individuellen Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt stehen. Durch regelmäßige Evaluationen und Fortbildungen kann die Qualität kontinuierlich gesichert und weiterentwickelt werden. Lern- und Lebensräume(Raumkonzept, Mittagessen, Rhythmisierung) Ein gelungenes Raumkonzept verbindet Lernen und Leben und schafft eine Umgebung, in der Kinder sich wohlfühlen und entfalten können. Neben modernen und flexibel nutzbaren Lernräumen sind Bereiche für Entspannung, Bewegung und Kreativität notwendig. Auch ein gesundes, ausgewogenes Mittagessen trägt entscheidend zum Wohlbefinden der Kinder bei. Eine sinnvolle Rhythmisierung des Tages, in der Unterricht, Pausen, Freizeit und Förderangebote ausgewogen miteinander kombiniert werden können, ist zentral für die Gestaltung des GanzGemeinsam guten Ganztag gestalten 7 tags. So wird eine Balance zwischen Anspannung und Entspannung geschaffen, die den individuellen Bedürfnissen der Kinder gerecht wird. Bei der Ausgestaltung soll darauf geachtet werden, dass Kinder ein Mitspracherecht haben, um Kinderrechte und Demokratiebildung zu gewährleisten. Gemeinsamer Rahmen für die Arbeit in multiprofessionellen Teams Multiprofessionelle Teams aus Lehrkräften, pädagogischen Fachkräften und wei teren Spezialist_innen wie Sozialarbeitern_innen oder auch Therapeut_innen sind eine Stärke der Ganztagsbetreuung. Um diese Potenziale zu nutzen, braucht es einen gemeinsamen Rahmen, der klare Strukturen, Zuständigkeiten und Kommunikationswege definiert. Faire Arbeitsbedingungen, ausreichend Vorbereitungszeiten und Möglichkeiten für den fachlichen Austausch sind entscheidend für die Motivation und Leistungsfähigkeit der Teams. Eine wertschätzende Zusammenarbeit, die auf gemeinsamen Zielen und pädagogischen Konzepten basiert, ist der Schlüssel zu einem erfolgreichen Ganztagsangebot. Einbindung externer Kooperationspartner_innen Externe Kooperationspartner_innen wie Musikschulen, Sportvereine oder Kultureinrichtungen bereichern die Ganztagsbetreuung und eröffnen den Kindern Zugang zu neuen Erfahrungen und Fähigkeiten. Eine systematische Einbindung dieser Partner_innen fördert nicht nur die Vielfalt der Angebote, sondern stärkt auch die Verbindung zwischen Schule und Gemeinwesen. Um eine erfolgreiche Zusammenarbeit zu gewährleisten, sind klare Absprachen, eine langfristige Planung und eine gute Kommunikation notwendig. Auch die Qualität der An gebote sollte durch regelmäßige Abstimmungen und Feedbackprozesse ge sichert werden. Grundsätzlich ist auch denkbar lokale Firmen oder Unternehmen miteinzubeziehen. 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Fazit Die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung bis 2026 ist ein ambitioniertes Vorhaben, das mit zahlreichen Herausforderungen verbunden ist. Gleichzeitig bieten die identifizierten Gelingensfaktoren wertvolle Ansätze, um ein attraktives und qualitativ hochwertiges Ganztagsangebot zu schaffen. Für Eltern ist ein solches Angebot von entscheidender Bedeutung: Es ermöglicht eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bietet Kindern eine sichere Betreuung und schafft gleichzeitig vielfältige Bildungs- und Freizeitmöglichkeiten. Ein gut gestalteter Ganztag fördert nicht nur die schulische und persönliche Entwicklung der Kinder, sondern unterstützt auch die Chancengleichheit, soziale Teilhabe und den Bildungserfolg jedes einzelnen Kindes. Damit der Rechtsanspruch erfolgreich umgesetzt werden kann, sind jedoch klare politische Weichenstellungen erforderlich. Dazu gehören: 1. Investitionen in Infrastruktur und Personal – Ein massiver Ausbau der Betreuungsplätze sowie gezielte Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung und -qualifizierung müssen oberste Priorität haben. 2. Entbürokratisierung und klare Strukturen – Die Verwaltungsabläufe müssen vereinfacht und Fördermittel schneller und unbürokratischer bereitgestellt werden. 3. Verbindliche Qualitätsstandards – Einheitliche Vorgaben für pädagogische Inhalte, Raumkonzepte und Arbeitsbedingungen sichern die Attraktivität und Wirksamkeit der Angebote. 4. Förderung von Kooperationen – Um die Zusammenarbeit zwischen Schulen, Kommunen und externen Partnern sicherzustellen, sollte an jedem Ganztags-Standort eine verbindliche Koordinationsstelle geschaffen werden. 5. Langfristige Finanzierung – Eine nachhaltige Finanzierung des laufenden Betriebs ist notwendig, um die Qualität und Verlässlichkeit des Ganztags langfristig zu gewährleisten. Dazu müssen insbesondere finanzschwache Kommunen zusätzlich unterstützt werden. . cf, In Kooperation mit: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg