PERSPEKTIVE Ernst Hillebrand Juni 2025 15 Jahre Orbán Eine Bewertung durch die ungarische Bevölkerung , Illustration, Titelfoto arbfläche Icon oder F Impressum Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn info@fes.de Herausgebende Abteilung Abteilung Internationale Zusammenarbeit| Referat Europäische Union und Nordamerika Inhaltliche Verantwortung und Redaktion Stefan Pantekoek, Referent Ungarn Kontakt Julia Schartz julia.schartz@fes.de Design/Layout pertext| corporate publishing www.pertext.de Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES heraus­gegebenen ­Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ­Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Juni 2025 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ISBN 978-3-98628-722-1 Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen Ernst Hillebrand Juni 2025 15 Jahre Orbán Eine Bewertung durch die ungarische Bevölkerung Inhalt Einleitung ........................................................  3 Was die Ungarn schätzen ...........................................  3 Was halten die Ungarn für gescheitert? ................................  4 Gesamteindruck der Regierungszeit ...................................  6 Zukunft ohne Orbán? Blick auf die Wahl 2026 ..........................  8 Einleitung Vor etwas mehr als 15 Jahren, bei den Wahlen im April 2010, gewann die Fidesz-Partei unter der Führung Viktor Orbáns eine Zwei-Drittel-Mehrheit im ungarischen Parlament. Seither regiert sie das Land ohne Unterbrechung: Bei insgesamt vier Parlamentswahlen hat die Partei eine absolute Mehrheit der Stimmen erhalten – und drei Mal s­ ogar eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Abgeordnetenmandate. Ein solch starkes und stabiles demokratisches Mandat ist in der heutigen europäischen Politik absolut einzigartig. Diese Mehrheitsverhältnisse ermöglichten es der Partei, das gesamte politische und administrative System Ungarns – einschließlich der Verfassung selbst – in den vergangenen fünfzehn Jahren nach ihren Vorstellungen zu formen und immer breitere Bereiche des gesellschaftlichen Raumes zu durchdringen. Mit dieser Entwicklung hat sich Ungarn zum ­einen als ein Vorbild für populistische Bewegungen weltweit – bis hin zur Trump’schen MAGABewegung – etabliert. Zum anderen positioniert sich Ungarn zunehmend in zentralen Fragen gemeinsamer EU-Politiken – nicht zuletzt beim Ukraine-Krieg und der Politik gegenüber Russland – als Verhinderer europäischer Konsense. Vor diesem Hintergrund hat die Friedrich-EbertStiftung eine empirische Studie des Think tanks »Policy Solutions« unterstützt. Diese analysiert, wie die ungarische Bevölkerung ein Jahr vor den nächsten Wahlen die Bilanz der Fidesz-Machtausübung bewertet und worin sie deren Stärken und Schwächen sieht. 1 Was die Ungarn schätzen Betrachtet man die politischen Maßnahmen, die von der Bevölkerung als positive»Errungenschaften« der letzten fünfzehn Jahre eingestuft werden, so dominieren klar drei sozialpolitische Maßnahmen mit unmittelbarer finanzieller Auswirkung für viele Menschen: Die Wiedereinführung einer 13. Rentenauszahlung(Platz 1), die Unterstützung für Familien mit Kindern(Platz 2) und die staatliche Bezuschussung der Wohn­nebenkosten(Strom, Gas, Wasser, Fernwärme, Schornsteinfeger). An vierter Stelle wird parteiübergreifend die restriktive Migrationspolitik als Erfolg bewertet. 2 Dies gilt interessanterweise sogar in einem besonderen Maße auch für parteilich ungebundene Wähler_innen und für Anhänger der wichtigsten Oppositionspartei Tisza. Dort landet die Migrationspolitik sogar auf Platz drei der Nennung gelungener Politiken. Die Tisza-Partei wurde 2024 von dem früheren Fidesz-Insider Péter Magyar ­gegründet und hat seither rasch an Popularität gewonnen. In Umfragen liegt sie zur Zeit stabil vor der Fidesz. Im Europaparlament hat sich die Tisza-Partei der EVP-Fraktion angeschlossen. An fünfter Stelle gelungener Politiken rangiert die Tatsache, dass es der ungarischen Regierung gelungen ist, nicht in den ukrainisch-russischen Krieg hineingezogen zu werden. Auch bei ­diesem Thema ist die Zustimmung parteiübergreifend hoch. Dagegen verfehlen andere vermeintliche Mobilisierungsthemen der Fidesz klar eine größere gesellschaftliche Wertschätzung. Dies gilt für die Gender- und Identitätspolitik, die in der Regierungspropaganda eine wichtige Rolle spielt – im Sinne der Verteidigung traditioneller Familienwerte und gesellschaftlicher Normen. Der Kampf gegen»LGBTQ-Propaganda« wird von lediglich 8 % der Bevölkerung als gelungene Politik ge wertet. Ähnlich mau ist die Zustimmung zur konfrontativen Haltung gegenüber den Brüsseler EU-Institutionen. Lediglich 11 % der Befragten 1  Policy Solutions, Orbán 15 – Fifteen Years through the Eyes of the Hungarian Society, Budapest, 2025. Im Rahmen der Umfrage wurden persönliche Interviews mit einer Stichprobe von 1.000 Personen durchgeführt, die für die ungarische erwachsene Bevölkerung in Bezug auf Alter, ­Geschlecht, Bildungsstand und Art der Gemeinde, in der sie wohnen, repräsentativ waren. Zur ungarischen Version hier: https://library.fes.de/ pdf-files/bueros/budapest/22088.pdf. Eine englische Zusammenfassung hier: https://budapest.fes.de/fileadmin/user_upload/dokumente/pdf2/ Policy_Solutions_Orban15_EN_summary.pdf 2  Die Befragten wurden gebeten, bis zu drei Themen aus einer Liste von zwanzig Themen auszuwählen. Was die Ungarn schätzen 3 halten die»Verteidigung der ungarischen Sou­ veränität gegen fremden Einfluss« für eine Errungenschaft der letzten fünfzehn Jahre. Noch schwächer ist die Zustimmung, wenn es darum geht, die Entwicklung im ländlichen Raum als positiv zu bewerten. Lediglich 6 % halten diese für gelungen – während 9 % der Meinung sind, dass das Leben auf dem Land schwieriger geworden ist. Dies sind sehr schlechte Zahlen für eine Partei, deren Wählerbastionen ganz eindeutig in den Dörfern und Kleinstädten des ländlichen Ungarns liegen und die den Ausgleich der Lebensverhältnisse als wichtiges Ziel ihrer Politik formuliert hat. Was halten die Ungarn für gescheitert? Alltagsrelevante Themen dominieren auch die Liste der wichtigsten Versagen der Fidesz. Auf den Plätzen 1–5 stehen der Zustand des Gesundheits systems, der Anstieg der Lebenshaltungskosten, die Korruption, die soziale Ungleichheit und zu geringe Löhne. Unterschiede zwischen den Wählergruppen – die Studie unterscheidet hauptsächlich zwischen Fidesz-Anhängern, unentschiedenen Wähler_innen und Anhängern der wichtigsten Op positionspartei Tisza – existieren, sind aber nicht sehr groß. Allerdings ist für Oppositionsanhänger_ innen das Problem der Korruption weit wichtiger Welches sind Ihrer Meinung nach die drei größten Erfolge der Orbán-Regierungen aus den vergangenen 15 Jahren? (Alle Befragten,%) Wiedereinführung einer 13. Rentenauszahlung – Unterstützung von Familien mit Kindern – Staatliche Bezuschussung von Wohnnebenkosten – Restriktive Migrationspolitik – Verhinderung, in den Russland-Ukraine-Krieg hineingezogen zu werden – Steigende Beschäftigungsquote – Sportentwicklung – Wohnförderungsprogramm – Verbesserung der öffentlichen Verwaltung – Verteidigung nationaler Souveränität gegen fremden Einfluss – Auslaufen von Fremdwährungskrediten – Höhere Löhne, verbesserte Lebensstandards – Unterstützung ungarischer Communities außerhalb Ungarns – Sich multinationalen Unternehmen entgegenstellen – Maßnahmen gegen»LGBTQ propaganda« – Entwicklung des ländlichen Ungarns – Stärkung der nationalen Kapitalistenklasse – 21 % 18 % 17 % 14 % 14 % 12 % 12 % 11 % 11 % 10 % 9 % 8 % 8 % 6 % 5 % Abb. 1 33 % 31 % 4 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. als für Fidesz-Wähler_innen: Für Anhänger_innen der Tisza-­Partei ist die Korruption mit 36 % der Nennungen das wichtigste Versagen der Fidesz (und damit vermutlich auch einer der Hauptfaktoren für die Hinwendung zur Opposition). Der insgesamt hohe Rang dieses Themas deutet darauf hin, dass die Fidesz im Bereich der Korruption ein massives und wachsendes Problem in der Wahrnehmung durch die Bevölkerung hat, dem eine wahlentscheidende Bedeutung zukommen könnte. 3 Unter den zwanzig negativen Themen halten sich auch die Frage der Verschlechterung der Qualität der Demokratie(11 %, Platz 13) und die sich verschlechternden Beziehungen zu anderen europäischen Ländern(9 %, Platz 16). Sie zählen allerdings nicht wirklich zu den Top-Beunruhigungen der großen Mehrheit der ungarischen Bürger_innen, genauso wenig wie eine zu große Nähe zu Russland(8 %, Platz 17). Interessanter weise sind in den letzten zwei Jahren zwei neue 3 Tölgyessy Péter: Dübörög alattunk a történelem, hvg.hu, 5.6.2025, https://m.hvg.hu/360/20250605_Tolgyessy-Peter-essze-Duborog-alattunk-atortenelem-Orban-rendszer-Magyar-Peter-valasztas-2026 Welches sind Ihrer Meinung nach die drei größten Probleme Abb. 2 aus den letzten 15 Jahren der Regierungszeit? (Alle Befragten,%) Zustand der Gesundheitsversorgung – Anstieg der Lebenshaltungskosten – Korruption – Soziale Ungleichheit – Geringe Löhne – Abwanderung qualifizierter Fachkräfte – Wohnungskosten – Zustand der Bildung – Zu viel für den Bau von Stadien ausgegeben – Bau von Batteriefabriken – Anwerbung von Gastarbeiter_innen – Verletzlichkeit am Arbeitsplatz – Qualität der Demokratie verschlechtert sich – Niedrige Renten – Lebensbedingungen in ländlichen Regionen verschlechtern sich – Schlechter werdende Beziehungen zu den europäischen Partnern – Ungarns Annäherung an Russland – Ambitionslose Umwelt- und Klimapolitik – Öffentliche Sicherheit verschlechtert sich – Zustand des öffentlichen Nahverkehrs – 17 % 16 % 16 % 14 % 13 % 13 % 12 % 12 % 11 % 10 % 9 % 9 % 9 % 8 % 7 % 6 % 5 % 35 % 27 % 26 % Was halten die Ungarn für gescheitert? 5 und eher überraschende Themen bei der Frage nach Misserfolgen bzw. politischen Missmanagement stärker in den Fokus gerückt: Der starke Ausbau von Batterie-Fabriken(Ungarn fördert diesen Sektor massiv) und die Politik der Anwerbung von Gastarbeiter_innen, um die Knappheit von Arbeitskräften zu lindern(jeweils 12 %). Sehr stark an Bedeutung gewonnen hat auch das Wohnraumproblem, das bei früheren Umf­ragen noch keine größere Rolle gespielt hatte. Gesamteindruck der Regierungszeit Wie bewertet die ungarische Gesellschaft die lange Zeit der Orbán-Regierung insgesamt? Das Ergebnis überrascht zunächst, da die Fidesz seit 2010 alle Wahlen deutlich gewonnen hat, zuletzt die Europawahlen 2024, mit fast 45 % der Stimmen: Die Hälfte der ungarischen Bevölkerung(50 %) gibt an, dass sich die Regierungszeit von Viktor Orbán negativ auf die Entwicklung des Landes ausgewirkt hat, während nur 39 % sagten, dass sich die letzten 15 Jahre positiv auf Ungarn ausgewirkt haben. We nig überraschend ist eine klare Mehrheit der Fidesz-Wähler_innen(88 %) der Meinung, dass die aufeinanderfolgenden Regierungen unter Orbán seit 2010 einen positiven Einfluss auf die Entwick lung Ungarns gehabt haben. Im Gegensatz dazu glauben 87 % der Wähler_innen der oppositionel len Tisza-Partei, dass die Orbán-Regierung Ungarn eher zurückgeworfen hat. Die Wähler_innen ohne Parteipräferenz waren in dieser Frage ­erwartungsgemäß ausgewogener: 41 % meinen, dass sich die Periode insgesamt negativ ausgewirkt hat, während 39 % die Regierungszeit von Viktor Orbán ins gesamt als vorteilhaft ansehen. Das Bild wird auch nicht positiver, wenn einzelne Politikfelder in den Blick genommen werden. In lediglich zwei von einundzwanzig Politikfeldern sehen die Ungarn mehrheitlich eine klare Verbesserung über die vergangenen fünfzehn Jahre: Bei der Unterstützung von Familien und bei der Förderung des Sports. Daneben gibt es sechs Bereiche(Kultur, öffentliche Verwaltung, öffentliche Sicherheit, Schaffung von Arbeitsplätzen, Startchancen für Jugendliche und die Situation der Roma-Minderheit), in denen die Befragten insg­ esamt eher eine Verbesserung bzw. ein Gleichbleiben erkennen als Denken Sie, dass die Regierungen unter Viktor Orbán seit 2010 Abb. 3 grundsätzlich einen positiven oder negativen Einfluss auf die Entwicklung Ungarns gehabt haben? (Alle Befragten,%) Sehr positiv 10% 2% Weiß ich nicht/ keine Antwort 25% Sehr negativ Eher positiv 29% Gesamte Bevölkerung Neutral 9% 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 25% Eher negativ Würden Sie sagen, dass sich die Situation in den folgenden Abb. 4 Themen in den vergangenen 15 Jahren in Ungarn verbessert hat, verschlechtert hat oder gleich geblieben ist? (Alle Befragten,%) 42% 17% 38% Unterstützung von Familien – 41% Der Zustand des Sports in Ungarn – 28% 32% 20% Startchancen von jungen Menschen – 46% 31% 26% Öffentliche Verwaltung – 41% 30% 22% Schaffung von Arbeitsplätzen – 46% 25% 32% Der Zustand der Kultur in Ungarn – 40% 22% 23% Der Zustand von ungarischen Dörfern – 52% 22% 23% Verteidigung ungarischer Interessen in der Welt – 52% 20% 21% Lebensstandards in Ungarn – 57% 20% 33% Öffentliche Sicherheit – 46% 20% 31% Die Situation der Roma-Minderheit – 45% 20% 22% Der Zustand der ungarischen Wirtschaft – 57% 19% 18% Der Realwert von Löhnen – 61% 19% 30% Der Zustand der Umwelt und Natur – 49% 18% 22% Ungarns internationale Reputation – 58% 17% 24% Soziale Mobilität – 57% 17% 29% Unabhängigkeit der Justiz – 49% 16% 28% Zustand der Demokratie – 54% 15% 21% Korruption – 60% 15% 29% Pressefreiheit – 52% 15% 25% Zustand der Bildung – 59% 14% 20% Soziale Ungleichheit – 63% 12% 19% Zustand der Gesundheitsversorgung – 67% verbessert gleich geblieben verschlechtert weiß nicht/ keine Antwort Gesamteindruck der Regierungszeit 7 eine Verschlechterung der Lage. In zwei weiteren Bereichen – dem Zustand der Umwelt und der Unabhängigkeit der Justiz – halten sich die negativen oder neutralen und die positiven Ansichten in etwa die Waage. Aber in allen anderen Fragen überwiegt klar eine negative Einschätzung. Eine deutliche Mehrheit sieht eine Verschlechterung des Gesundheitssystems(67 %), der sozialen Ungleichheit (63 %), der Kaufkraft der Löhne(61 %), des Ausma ßes der Korruption(60 %), des Zustands des öf fentlichen Bildungswesens(59 %), des internatio nalen Ansehens Ungarns(58 %), des Zustands der Wirtschaft(57 %), der Möglichkeiten der sozialen Mobilität für Menschen in Armut(57 %), des Le bensstandards(57 %), des Funktionierens der De mokratie(54 %), der Lage der ländlichen Gemein den(52 %), der Durchsetzung der nationalen Inter essen Ungarns(52 %) und der Pressefreiheit(52 %). Auch halten eine klare Mehrheit der Ungar_innen die Fidesz-Regierungen für die Hauptverantwortlichen für die Verschlechterung der Beziehungen zur EU und zur Aussetzung von Auszahlungen von EU-Mitteln. Auch bei dieser Frage scheint das Regierungsnarrativ – das die Verantwortung für diese Entwicklungen nach Brüssel schiebt – nicht wirklich zu verfangen. Insgesamt deuten diese Zahlen an, dass der Blick der Ungarn auf die Fidesz deutlich ernüchtert ist. Falls die Fidesz weiterhin Wahlen gewinnen kann (was keineswegs ausgeschlossen ist), dann weniger auf der Basis einer Zustimmung zu ihrer zunehmend als problematisch bzw. nicht sehr erfolgreich wahrgenommenen Regierungspraxis, sondern vielmehr auf der Basis eines Misstrauens gegenüber der Leistungsfähigkeit, der Konzepte und des Personalangebots ihrer politischen Opponenten. 4 Zukunft ohne Orbán? Blick auf die Wahl 2026 Im Mai 2026 stehen erneut Parlamentswahlen in Ungarn an. Umfragen deuten darauf hin, dass die Opposition diesmal das Rennen machen könnte: Im Moment hat die erst 2024 gegründe te Tisza-Partei einen klaren Vorsprung vor der Partei Viktor Orbáns(32 % zu 28 % bei der Ge samtheit der Wähler_innen; 39 % zu 35 % bei den entschlossenen Wähler_innen). Die Ergebnisse der Policy-Solutions-Studie bestätigen diesen Trend: Eine Mehrheit der Ungarn hält aktuell die Tisza-Partei für kompetenter als die Fidesz wenn es um das Management der Probleme des Landes geht. Allerdings gilt dies nicht für drei zentrale»Großthemen«, um die die Fidesz in den vergangenen Jahren ihre Wahlkämpfe aufgebaut hat: die Frage der Unterstützung von Familien, die Frage des Managements des Migrationsdrucks und die Frage des Managements internationaler Konflikte, bzw. der Positionierung Ungarns im Kontext des Ukraine-Kriegs. Wichtig erscheint hier auch noch ein anderer ­Aspekt: Die Haltung der unentschiedenen Wähler_innen. Diese machen in der Policy-SolutionsUmfrage ca. ein Viertel der Befragten aus. Es sind diese Wähler und Wählerinnen, die in einem entlang der Achse Fidesz-Anti-Fidesz politisch gespal­tenen Land letztendlich den Ausschlag geben werden. Bei diesen Wähler_innen hat die Fidesz immer noch einen deutlichen Vorsprung vor der Opposition, wenn es um die Frage geht, wer in den meisten Politikfeldern über die größeren Kompetenzen verfügt(siehe Abb. 5). In der Studie wird auch deutlich, dass die wirtschaftliche und soziale Entwicklung – lange Zeit ein wichtiges Positivelement in der Wahrnehmung vieler Ungarn – ihre Rolle als Zugpferd für die Fidesz verloren hat. Solange das Wirtschaftswachstum gleichsam alle Boote gehoben hatte, war die Gesellschaft auch weniger empfindlich gegenüber der ungleichen sozialen Entwicklung und einer als teilweise korrupt wahrgenommenen Vetternwirtschaft des FideszEstablishments. Mit der schwächeren ökonomischen Entwicklung treten diese pathologischen Entwicklungen stärker in das Zentrum der politischen Wahrnehmung. 4  Bei einer politischen Interpretation sollte man den Kontext nicht aus den Augen verlieren: Wenige Regierungen in Europa werden im gegenwärtigen Klima der permanenten Krisen, der sinkenden Kaufkraft und eines schwachen Wachstums als erfolgreich wahrgenommen. 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Denken Sie, dass die Fidesz-KDNP unter Viktor Orbán oder die Tisza-Partei unter Péter Magyar folgende Themen besser bewältigen würde? (Untentschiedene Wähler_innen,%) 46% 13% 31% Migration begrenzen – 45% 11% 31% Aus bewaffneten Konflikten heraushalten – 44% Familien unterstützen – 14% 30% Nationale Interessen international wirksam vertreten – Förderung einer Wohnungspolitik, die den Armen hilft – Wirtschaftliche Entwicklung – 38% 35% 35% 19% 12% 19% 30% 39% 35% Stellt sich auf die Seite der Arbeiter_in35% 11% nen im Konflikt mit Arbeitgebern – 35% 15% Würde die Löhne erhöhen – 39% 38% Würde die Lebensbedingungen im 34% ländlichen Raum verbessern – 33% Würde die EU-Mittel für Ungarn sichern – 17% 23% 37% 32% Würde die Qualität der Gesundheits­ 33% versorgung verbessern – 32% Maßnahmen gegen den Klimawandel – 17% 17% 39% 38% Vertritt die Interessen der 32% einfachen Menschen – 32% Verbessert die Qualität der Bildung – 17% 19% 39% 37% 32% 17% 41% Senkt die Inflation – 31% 17% 41% Reduziert soziale Ungleichheit – 31% 16% 40% Umweltschutz – 28% 15% 46% Reduziert Korruption – Abb. 5 Fidesz-KDNP unter Viktor Orbán Tisza-Partei unter Péter Magyar Keiner von beiden Weiß nicht/ keine Antwort Zukunft ohne Orbán? Blick auf die Wahl 2026 9 Bei der skeptischer werdenden Bewertung der wirtschaftlichen Bilanz der Orbán-Regierungen sind zwei Faktoren entscheidend: Eine hohe Inflation, die in den letzten Jahren erhebliche negative Auswirkungen auf die Kaufkraft hatte und eine deutliche Abschwächung des Wachstums im selben Zeitraum. Letzteres ist nicht zuletzt eine Folge der Stagnation der deutschen Volkswirtschaft, mit der die ungarische eng verknüpft ist. Es erscheint äußerst unwahrscheinlich, dass sich die wirtschaftliche Lage bis zu den Wahlen entscheidend verbessern wird. Allerdings trauen auch bei wirtschaftlichen Themen die Wechselwähler_innen der Fidesz immer noch mehr zu als der wichtigsten Oppositionskraft Tisza. Und die Regierung hat immer noch die Möglichkeit, vor den Wahlen kurzfristig für eine Steigerung der Realeinkommen zu sorgen. Insgesamt zeigt die Umfrage drei Dinge: → Es ist erkennbar, dass sich nach fünfzehn Jahren der ununterbrochenen Machtausübung eine starke Fidesz-Müdigkeit und Wechselstimmung in der ungarischen Gesellschaft breit machen. Die Performance der Partei wird zunehmend als nicht zufriedenstellend empfunden, zum Teil sogar negativer bewertet als die realen wirtschaftlichen und sozialen Daten nahelegen. → Gleichzeitig erscheint dieses Match aber noch nicht entschieden: Bei einigen wichtigen Themen hat die Fidesz in den Augen der Bürger_ innen durchaus geliefert. Die unentschiedenen Wähler_innen halten den Fidesz(immer noch) für insgesamt kompetenter als den aktuell wichtigsten Herausforderer Tisza. → Es sind nicht die Themen, die das Feuilleton und die politischen Apparate bewegen, die von den Wähler_innen als entscheidend wahrge nommen werden. Die Hebelwirkung der erkennbaren Defizite der»illiberalen« Regierungspraxis der Fidesz im Bereich Demokratie und Pluralismus scheint zumindest bisher eher gering zu sein. Alltagsthemen mit konkreten wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen sind für die Bürger_innen nach wie vor wichtiger. Auch wenn es nächstes Jahr zu einem Regierungswechsel kommen sollte, sollte man sich bei einer Reihe von Themen keine großen Veränderungen erwarten. Über die Hälfte der Tisza-Sympathisanten wünschen eine Fortführung der Fidesz-Familienpolitik, 42 % eine Beibehaltung der Nebenkosten-Deckelung und immerhin 30 % eine Fortführung der restriktiven Migrationspolitik. Veränderungen wären eher im Bereich europäischer Politik und der Aufgabe der konfrontativen Haltung gegenüber Brüssel zu erwarten. Es ist wahrscheinlich, dass dies auch diese Frage des EU-Beitritts der Ukraine und die Haltung zu Russland-Sanktionen betrifft. Mit Sicherheit sagen lässt sich das im Moment aber nicht, da Péter Magyar sich im Vorfeld der Wahlen vorsichtig positioniert und seine persönliche Meinung faktisch nicht kommuniziert. Viel lieber verspricht der Tisza-Parteigründer den Wählern»Fidesz-­ Politik ohne Orbán«. Möglicherweise ist dies genau das Angebot, das es braucht, um die Fidesz tatsächlich von der Macht zu verdrängen. 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Über den Autor Dr. Ernst Hillebrand ist Leiter des Budapester Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung. 15 Jahre Orbán Die Fidesz-Partei Viktor Orbáns regiert Ungarn seit mittlerweile fünfzehn Jahren mit großen parlamentarischen Mehrheiten. Sie hat das Land in dieser Zeit tief geprägt. Wie bewertet die Bevölkerung die Bilanz dieser Regierungszeit? Eine aktuelle Umfrage zeigt ein eher ernüchterndes Bild: Die Bevölkerung sieht zwar positive Errungenschaften in einigen Bereichen, insgesamt aber eher Rückschritt und Stagnation. Entscheidend sind hier weniger politische Fragen als vielmehr soziale und wirtschaftliche Themen. Insgesamt, so der Eindruck, macht sich im Land eine politische Wechselstimmung breit. Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie hier: ↗ fes.de , Illustration, Titelfoto arbfläche Icon oder F