A N A LYS E März 2025 Wie hat sich der Krieg auf die nationale Identität in Russland ausgewirkt? Impressum Der_Die Autor_in dieser Publikation bleibt anonym aufgrund der repressiven Maßnahmen der russischen Regierung gegen Dissidenten. Seine_Ihre Identität ist dem Russlandprogramm der Friedrich-EbertStiftung bekannt. Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn Germany www.russia.fes.de alexey.yusupov@fes.de Herausgebende Abteilung International Cooperation Department, FES Russia Programme Inhaltliche Verantwortung und Redaktion Alexey Yusupov Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES heraus­gegebenen ­Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ­Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. März 2025 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen März 2025 Wie hat sich der Krieg auf die nationale Identität in Russland ausgewirkt? Inhalt Kapitel 1. Was bedeuten die Begriffe Nation und Identität?................  6 Kapitel 2. Die Erfindung der russischen Nation..........................  8 Kapitel 3. Was bedeutet es, russische_r Staatsbürger_in während des Krieges zu sein?.......................................  10 Wie hat sich der Krieg auf die nationale Identität in Russland ausgewirkt? Am 24. Februar 2025 jährt sich der Beginn der groß angelegten Invasion Russlands in die Ukraine zum dritten Mal. Diese Zeit ist durch viele Opfer, Zerstörung und Elend gekennzeichnet. Er hat auch die russischen Bürger und Bürgerinnen dazu gebracht, sich immer wieder zu fragen: „Wer sind wir? Und inwieweit sind wir mitverantwortlich für die so genannte‚ militärische Sonderoperation‘? Politiker und Politikerinnen, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Forscher_innen und Analysten haben bereits viel geschrieben und gesagt über die Schuld 1 und Verantwortung 2 , über die„richtigen“ und„falschen“ Verhaltensstrategien 3 , über die Argumente von Kriegsbefürwortern und-gegnern 4 sowie über die neue Welle der russischen Emigration 5 . In diesem Text spreche ich über die russische Nation und die nationale Identität während des Krieges. Im ersten Teil erörtere ich die Grundbegriffe der Theorien zu Nation und Nationalismus, im zweiten Teil beschreibe ich die Maßnahmen, die das postsowjeti sche Russland zur Bildung einer nationalen Identität ergriffen hat, und schließlich zeige ich im dritten Teil anhand von Interviews, die zwischen 2022 und 2024 geführt wurden, wie die Zugehörigkeitsgefühl zum russischen Staat im Alltag behandelt wird. 1 https://meduza.io/feature/2022/03/18/rossiyane-vinovny-v-voyne-protiv-ukrainy-ili-otvetstvenny-no-ne-vinovny 2 https://holod.media/2022/03/16/krasil/ 3 https://novayagazeta.ru/articles/2024/04/29/uekhat-nelzia-ostatsia 4 https://publicsociologylab.com/reports/far-war.html 5 https://outrush.io/report_january_2024 Wie hat sich der Krieg auf die nationale Identität in Russland ausgewirkt? 5 Kapitel 1. Was bedeuten die Begriffe Nation und Identität? In der wissenschaftlichen Literatur gibt es keinen Konsens über die Definition des Begriffes„Nation“. Einige Wissenschaftler betrachten die Nation als eine politisierte Ethnie, d. h. als eine Gruppe von Menschen, die durch eine gemeinsame Herkunft und Kultur verbunden sind und die politisch als Nationalstaat formalisiert wurden 6 . In den Arbeiten anderer Forscher wird die Nation sowohl als eine kulturelle als auch als eine politische Gemeinschaft definiert 7 – als kulturell, weil ihre Mitglieder durch eine Hochkultur vereint sind, als politisch, weil die Nation eng mit dem Staat verbunden ist: Entweder ist der Staat bereits gegründet worden, oder eine Gründung wird angestrebt. Der zweite Ansatz sieht die Nation und das Gefühl der Zugehörigkeit zu ihr als ein Produkt des Nationalismus(nationale Identität). Die ganze Vielfalt der Nationalismen lässt sich in zwei große Gruppen unterteilen: Nationalismen, die vom Staat gesteuert werden(offizieller Nationalismus), und Nationalismen, deren Ziel es ist, einen eigenen Staat zu gründen(oppositioneller Nationalismus). Der offizielle Nationalismus wird mit den Aktivitäten der politischen Elite in Verbindung gebracht und basiert weitgehend auf dem Patriotismus, den Eric Hobsbawm 8 als„Zivilreligion“ bezeichnete, die nicht nur„Gehorsam“, sondern auch„Loyalität“ der Bürger garantieren kann. Im Extremfall ist diese Loyalität mit der Bereitschaft verbunden, für das Vaterland zu sterben. Benedict Anderson folgend„sind in der modernen Kultur des Nationalismus keine faszinierenderen Symbole als die Kriegsdenkmäler und Gräber für die Unbekannten Soldaten zu finden“ 9 . Hauptziele des offiziellen Nationalismus sind die Gewährleistung der kulturellen Homogenität 10 und die Festlegung der Nation als Hauptobjekt der Identifizierung. Gewährleis tet wird die kulturelle Homogenität mit Hilfe der allgemeinen Bildung, der Symbol- und Geschichtspolitik und der Propaganda. Offizielle und inoffizielle Staatsymbole stützen die Bildung einer Identität, nationale gesetzliche Feiertage mit anerkannten Festritualen sind identitätsstiftende Zäsuren im Jahr. Laut einer anderen Auffassung stützt sich die nationale Identität auf das Konstrukt der Staatsbürgerschaft: Sie, die Staatsbürgerschaft, ist die Bindung zwischen Individuum und Staat und gewährt dem Individuum politische Rechte im Austausch gegen Pflichten – es sind dies„anerkannte Zwangsforderungen des Staates an die Bürger“ 11 . In diesem Fall ist das Wissen der Zugehörigkeit zur Nation nicht so sehr eine Folge von Ritualen und/oder Propaganda, sondern eher eine Folge davon, dass ein Individuum seine Pflichten wahrnimmt, die es im Gegenzug für politische Rechte erhalten hat. Oppositioneller Nationalismus wird oft als Reaktion auf den offiziellen Nationalismus gesehen. In diesem Fall strebt die Gruppe danach, sich den Vereinheitlichungsprozessen zu widersetzen und das Recht auf politische Unabhängigkeit zu verteidigen. In der Regel nimmt der oppositionelle Nationalismus die Form nationaler Bewegungen an, die ein„personifiziertes Bild der Nation“ formulieren, das die„Erinnerung“ an die gemeinsame Vergangenheit einschließt: Die„glorreiche Vergangenheit“ der Nation lebt im Gedächtnis eines jeden Bürgers, und ihre Niederlagen em pören ihn„als Fehler, die nicht vergessen werden können“ 12 . Dabei gibt es verschiedene Mechanismen des oppositionellen Nationalismus: Mal gilt es, unverbundene Gebiete zu einem Staat zu vereinen(Irredentismus), mal gilt es, einen Teil des Territoriums von einer größeren staatlichen Einheit abzutrennen(Sezession), mal gilt es, einen Staat(neu) zu schaffen. Mit anderen Worten: Die nationale Identität kann als Resultat der Identitätspolitik definiert werden, d. h. als Resultat von Handlungen politischer Akteure und staatlicher Institutionen, die darauf abzielen, das Bild der Nation und das Gefühl der Zugehörigkeit zu ihr zu erzeugen. Ein wichtiges Element der Identitätspolitik ist neben den oben beschriebenen Faktoren das Bild der„Wir-Gemeinschaft“, d. h. das„kollektive Selbstbildnis“ der Nation. Dieses Bild zeigt und festigt die„Wertgrundlagen ihrer Solidarität“, das gemeinsame Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Gemeinschaft sowie die Regeln der Zugehörigkeit. 6 https://files.znu.edu.ua/files/Bibliobooks/Inshi46/0037785.pdf 7 https://eupress.ru/books/index/item/id/81 8 https://www.ozon.ru/product/printed-book-scientific-literature-non-fiction-hobs bawn-eric-j-220937237/ 9 https://www.hse.ru/data/2016/10/23/1110949768/%D0%90%D0%BD%D0%B4% D0%B5%D1%80%D1%81%D0%BE%D0%BD.%D0%BA%D0%BD%D0%B8%D0%B3% D0%B0.pdf 10 https://biblio.school/pub/usloviya-svobody/ 11 https://socioline.ru/files/5/316/tilli_3.pdf 12 https://pawet.net/library/history/bel_history/_articles/hro/%D1%85%D1%80%D 0%BE%D1%85_%D0%BC%D0%B8%D1%80%D0%BE%D1%81%D0%BB%D0%B0%D0 %B2._%D0%BE%D1%82_%D0%BD%D0%B0%D1%86%D0%B8%D0%BE%D0%BD%D 0%B0%D0%BB%D1%8C%D0%BD%D1%8B%D1%85_%D0%B4%D0%B2%D0%B8%D 0%B6%D0%B5%D0%BD%D0%B8%D0%B9_%D0%BA_%D0%BF%D0%BE%D0%BB% D0%BD%D0%BE%D1%81%D1%82%D1%8C%D1%8E_%D1%81%D1%84%D0%BE%D 1%80%D0%BC%D0%B8%D1%80%D0%BE%D0%B2%D0%B0%D0%B2%D1%88%D0% B5%D0%B9%D1%81%D1%8F_%D0%BD%D0%B0%D1%86%D0%B8%D0%B8.html 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Gleichzeitig wäre es falsch, die Nation und die nationale Identität als Phänomene zu betrachten, die allein durch die Vertreter_innen der politischen und kulturellen Eliten geschaffen werden. Wie Studien zum alltäglichen Nationalismus 13 zeigen, wird eine Nation durch alltägliche Handlungen von„Normalmenschen“ gebildet und aufrechterhalten, die öffentliche Rituale und Narrative reproduzieren, auslegen und(neu) interpretieren. Diese Interpretationen können sowohl die offizielle Version des Nationalismus(der Identität) unterstützen als auch in Frage stellen oder sogar verneinen; äußern kann sich das in der(Nicht-)Teilnahme an nationalen Feiertagen, der(Nicht-)Verwendung offizieller Symbole, der Unterstützung oder Infragestellung offizieller Geschichtsinterpretationen u.v.m. 13 https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/23078/ssoar-ethnici ties-2008-4-fox_et_al-everyday_nationhood.pdf?sequence=1&isAllowed=y Wie hat sich der Krieg auf die nationale Identität in Russland ausgewirkt? 7 Kapitel 2. Die Erfindung der russischen Nation Zum Zeitpunkt des Zerfalls der Sowjetunion hatte Russ land keine positiven Erfahrungen der Nationsbildung. Weder das Russische Reich noch die RSFSR waren Nationalstaaten, obwohl es in beiden Perioden Versuche gab, eine nationale Gemeinschaft zu schaffen. Und das von den Bolschewiken errichtete einzigartige System des ethnischen Föderalismus hinterließ ein schwieriges Erbe, das Russland bis heute nicht vollständig aufgearbeitet hat. Die Sowjetunion basierte auf der Vorstellung von Bür gern als Träger einer bestimmten nationalen Zugehörigkeit, die ab den 1930er Jahren in offiziellen Papieren ver ankert wurde. Dabei hatten die Vertreter_innen der sogenannt„Titularnationalitäten“ 14 bestimmte Vorrechte gegenüber den Bürgern, die entweder keine„eigenen“ territorialen Einheiten hatten oder außerhalb dieser lebten(Unionsrepubliken, autonome Republiken, autonome Gebiete und Bezirke). Juri Slezkin 15 verglich die Sowjet union mit einer Gemeinschaftswohnung, in der jede Uni onsrepublik ein separates Zimmer darstellte, das nach den Traditionen der einen oder anderen Nationalität eingerichtet war. Dabei stellte eine der Republiken – die RSFSR – eher Gemeinschaftseinrichtungen dar(Eingangshalle, Korridor und Küche) als einen eigenen„nationalen“ Raum. Das dauerhafte Bestehen des Sowjetsystems hatte meh rere Folgen. Erstens hat sich fast überall im postsowjeti schen Raum eine biologische Vorstellung von der Nation durchgesetzt. Mit anderen Worten: Die Nation wurde als Erbe der Titularnationalität(Blutgemeinschaft) und nicht als Gemeinschaft von durch einen gemeinsamen Staat vereinten Mitbürgern wahrgenommen; zweitens empfanden viele ethnische Russ_innen aufgrund der Besonderheit der„Gemeinschaftswohnung“ die gesamte Sowjetuni on als„ihr eigenes Haus“. Das in der späten Sowjetunion populäre Lied„Meine Adresse ist kein Haus, keine Straße, meine Adresse ist die Sowjetunion“ brachte vor allem die Position dieses Teils der Bevölkerung zum Ausdruck. So war die RSFSR im Vergleich zu den restlichen vierzehn Sowjetrepubliken am wenigsten bereit, innerhalb ihrer Grenzen einen Nationalstaat zu bilden. 14 Als„Titularnationalität“ wurde in der Sowjetunion die Gemeinschaft bezeichnet, deren Namen die eine oder andere territorial Einheit trug – z. B., die Letten in der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik, die Tataren in der Tatarischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik u.s.w. 15 Slezkin, Ju. SSSR kak kommunalnaja kwartira, ili Kakim obrasom sozialistit scheskoje gosudarstwo pooschralo etnitscheskuju obosoblennost. In: Amerikanskaja rusistika: Wechi i istoriografii poslednich let. Sowetskij period: Antologija. Samara: Samarskij gosudarstwennij uniwersitet, 2001. S. 329–374. Plattencover für das in der späten Sowjetunion populäre Lied„Meine Adresse ist kein Haus, keine Straße, meine Adresse ist die Sowjetunion“ Die postsowjetischen Prozesse der Nationenbildung in Russland durchliefen mehrere Phasen und waren eng mit den Herausforderungen verknüpft, die die politischen Eliten zu überwinden hatten. Boris Jelzin, der mit einer Gefahr für die territoriale Integrität und einem Konflikt mit dem Parlament konfrontiert war, erklärte bereits in seiner ersten Rede vor der Föderationsversammlung die Notwendigkeit einer staatlichen Konsolidierung 16 . Die Mitbürgerschaft sollte als Fundament für einer einheitlichen Nation dienen. Ausgerechnet damals begann man in der politischen Rhetorik den Begriff„Russe“ aktiv zu verwenden, um die Mitglieder der neuen politischen Gemeinschaft zu bezeichnen. Hinter diesem Begriff verbarg sich jedoch kein sinnvoller Inhalt; der Staat bot den Russen keine klare Antwort auf die Fragen„Wer sind wir?“ und„Wo wollen wir hin?“ Versuche, diese Fragen zu beantworten, hat es während des Präsidentschaftswahlkampfes 1996 gegeben: Als Reak tion auf die Initiative des Vorsitzenden der KPRF Gennadi Sjuganow zu den sowjetischen Idealen zurückzukehren, setzte Jelzin eine Beratergruppe ein, deren Hauptaufgabe darin bestand, eine nationale Idee zu entwickeln. Gleichzei16 https://yeltsin.ru/archive/paperwork/12590/ 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. tig wurde in der Zeitung„Rossijskaja Gaseta“ ein Wettbe werb mit dem Titel„Idee für Russland“ 17 ausgeschrieben – jeder konnte seine Vorschläge in der Redaktion einreichen. Ende der 1990er Jahre wurden aber alle Bemühungen um die Bildung einer einheitlichen Nation storniert. Den Behörden ist es nicht gelungen, eine Zukunftsvision für Russland zu formulieren oder ein Fundament für die Solidarität der russischen Bürger_innen zu schaffen. Als Wladimir Putin an die Macht kam, erklärte er, es sei „nicht nötig, gezielt nach einer nationalen Idee zu suchen. Sie reift in unserer Gesellschaft bereits von selbst heran … die einzige … reale Wahl für Russland sei die Wahl eines starken Staates“ 18 . Ende 2000 wurden die Gesetze über die Staatssymbole verabschiedet, die das Staatswappen und die Staatsflagge aus der vorrevolutionären Zeit mit der Melodie der sowjetischen Hymne kombinierten. Wie W. Putin in seiner Ansprache an die Abgeordneten betonte,„ist es nicht nur erlaubt, alle wichtigen Symbole unseres Staates, der auf eine jahrhundertelange und ununterbrochene Ge schichte zurückblickt, heute zu nutzen, sondern sogar geboten.“ 19 Später fanden diese Ideen ihren Niederschlag in der Einführung des Tages der Einheit des Volkes 20 und im Konzept einer tausendjährigen Geschichte Russlands 21 . Mit anderen Worten, die Vergangenheit wurde Grundlage für die Konsolidierung der russischen Gesellschaft, und die Antwort auf die Frage„Wer sind wir?“ lautete:„Wir sind die Nachkommen unserer großen Vorfahren.“ Das Hauptereignis der Vergangenheit, um das herum die wichtigsten vereinenden Narrative und Praktiken aufgebaut wurden, war der so genannte Große Vaterländische Krieg, der die Rolle einer Art„Gründungsmythos“ 22 des russischen Staates spielt. Eine neue Runde der Identitätspolitik wurde 2012 eingeläu tet. Damals formulierte Putin die Idee von Russland als einem einzigartigen multinationalen Staat mit eigenständiger Zivilisation und einem russischen kulturellen Kern 23 . Diese Idee sah zunächst nicht vor, dass ein ethnisch russischer Staat geschaffen werden müsse, worauf russische Nationalisten eigentlich bestanden: Sie schlugen nämlich als Hauptidee des neuen Russlands die Bekämpfung der „Vorherrschaft der zugereisten Migranten“ vor und deuteten den Tag der Einheit des Volkes um – daraus ist der„Tag des Volkszorns“ geworden, der als Anlass für die Durchführung von„Russischen Märschen“ 24 diente. Der Staat fühlte sich gezwungen, auf die wachsende Popularität nationalistischer Ideen zu reagieren. Bereits 2009 versuchte die kremlnahe Bewegung„Naschi“, ihren eigenen„Russischen Marsch“ zu veranstalten – mit dem Akzent darauf, dass„je der Mensch mit russischem Pass ein Russe sei“ 25 . Und 2014 konnten die russischen Behörden durch die Annexion der Krim sogar nationalistischer werden als die eigentlichen nationalistischen Bewegungen. Die Ideen der russischen Welt(„Russkij Mir“) und der Wiederherstellung der histori schen Gerechtigkeit wurden für lange Zeit zu Schlüsselelementen des offiziellen Narrativs. Bei der Bildung der Nation stützte man sich immer noch auf die Vergangenheit, aber ihr Widerhall war in politischen Entscheidungen im Hier und Jetzt zu spüren. Laut Meinungsumfragen war diese Strategie recht erfolgreich, und der so genannte„KrimKonsens“ 26 sicherte die Konsolidierung der russischen Gesellschaft für die kommenden Jahre 27 . Das alles hat sich mit dem 24. Februar 2022 dramatisch ge ändert, als Putin den Beginn der so genannten„militärischen Sonderoperation“ ankündigte. Der angelegte Angriffskrieg in der Ukraine ist sowohl für das Regime als auch für die Bevölkerung zur Herausforderung geworden. Das Regime reagiert darauf mit verstärkten Repressionen 28 sowie mit einer umfassenden Ideologisierung von Schüler_ innen 29 und Student_innen 30 . Die russischen Bürger_innen greifen dabei auf verschiedene Strategien zurück, um ihre Zugehörigkeit zum russischen Staat(neu) zu definieren. 25 https://www.kommersant.ru/doc/1250286 26 https://www.levada.ru/2021/04/26/krym/ 27 https://kclpure.kcl.ac.uk/ws/portalfiles/portal/128581244/Affect_and_Autocra cy_Emotions_GREENE_Acc10May_GREEN_AAM.pdf 28 https://data.ovd.info/svodka-antivoennykh-repressiy-dva-goda-polnomasshtab nogo-vtorzheniya-rossii-v-ukrainu 29 https://razgovor.edsoo.ru/ 30 https://minobrnauki.gov.ru/press-center/news/novosti-ministerstva/72464/ 17 http://www.yeltsinmedia.com/events/july-30-1996/ 18 http://kremlin.ru/events/president/transcripts/21480 19 https://www.1tv.ru/news/2000-12-05/284163-vladimir_putin_obratilsya_k_de putatam_gosdumy_s_zayavleniem_o_gosudarstvennoy_simvolike 20  In seinem programmatischen Artikel von 2012 hat Wladimir Putin vorgeschlagen, den 4. November als„Geburtstag unserer bürgerlichen Nation“ anzusehen. https://www.ng.ru/politics/2012-01-23/1_national.html 21 http://kremlin.ru/events/president/transcripts/22931 22 https://meduza.io/feature/2017/05/09/kak-den-pobedy-stal-glavnym-prazdni kom-strany-video-meduzy 23 https://www.ng.ru/politics/2012-01-23/1_national.html 24 https://cyberleninka.ru/article/n/den-narodnogo-edinstva-izobretenie-prazdnika Wie hat sich der Krieg auf die nationale Identität in Russland ausgewirkt? 9 Kapitel 3. Was bedeutet es, russische_r Staatsbürger_in während des Krieges zu sein? Zwischen Ende 2022 und Sommer 2024 führte ein Team unabhängiger Forscher rund hundert Interviews mit russischen Bürger_innen, die entweder im Land geblieben waren oder es verlassen hatten. Das Team sprach mit Menschen unterschiedlichen Alters(der jüngste Befragte war 18, der älteste 72 Jahre alt), unterschiedlicher Berufe(von Arbeitslosen und ehemaligen Häftlingen bis hin zu Doktorand_innen und Topmanager_innen großer Unternehmen) und aus verschiedenen Regionen(von Kaliningrad bis Wladiwostok, von Archangelsk bis Rostow am Don). Die Befragten bewerteten den Krieg unterschiedlich: Rund 20% waren eindeutige Kriegsbefürworter_innen, einigen fiel es schwer, ihre Position zu formulieren, die überwiegende Mehrheit der Befragten gehörte zu den Kriegsgegner_innen. Sie alle nahmen den Krieg jedoch als ein bedeutendes Ereignis wahr, das sie veranlasste, sich(erneut) die Fragen zu stellen, wer sie seien und welches Verhältnis zum russischen Staat sie hätten. Wir haben die Strategien der Selbstbestimmung in vier Kategorien gegliedert. So sprachen einige Befragte über die Stärkung ihres Gefühls der Zugehörigkeit zum Staat durch den Ukrainekrieg und verglichen es mit dem„Rally-‘roundthe-flag-Effekt“ nach der Annexion der Krim. Diese Stärkung wurde mit dem Gefühl eines mächtigen Staates in Verbindung gebracht, auf den man stolz sein kann: „Es entstand ein gewisses Gefühl des Stolzes … Nach dem Motto, wie lange darf man uns denn wie letzten Dreck behandeln? Wie oft müssen wir noch beweisen, dass wir kein zitterndes Wesen sind? Wenn der Staat anfängt, den anderen die Faust zu zeigen ist es doch durchaus gut, wenn auch schmerzhaft und hart.“ (Weiblich, 46 Jahre alt, Woronesch) Diese Strategie ist in der Regel für jene Kriegsbefürworter _innen typisch, die in ihrer unmittelbaren Umgebung Personen aus den Sicherheitsbehörden haben(oder hatten). Sie fühlen sich wohl, ausgerechnet heute Teil Russlands zu sein. Allerdings löst das Gefühl der Zugehörigkeit zum russischen Staat nicht bei allen positiven Emotionen aus. Für einige ist das Nachdenken über die nationale Identität mit der Frage von Schuld und Verantwortung für den ausgebrochenen Krieg verbunden: „Ich würde gerne diese Verbundenheit mit Russland nicht empfinden. Das wäre sehr bequem … denn man hätte somit … die Verantwortung dafür, was in meinem Namen gerade getan wird, nicht tragen können. Aber das ist nicht möglich. Ich empfinde mich doch als Staatsbürgerin, die eine Verantwortung hat.“ (Weiblich, 21 Jahre alt, Jekaterinburg) Eine weitere Strategie – der nationale Agnostizismus – besteht darin, sich nicht über nationale Begriffe zu definieren, sondern eine engere Identitätsgrundlage zu wählen. Wenn die Zugehörigkeit zum Staat unangenehme Gefühle hervorruft, hat man die Möglichkeit, eine weniger problematische Gemeinschaft zu finden. In der Regel wird als solche entweder die Region, in der man wohnt, oder eine ethnische Gruppe betrachtet: „Mein Zuhause ist die Republik Karelien, weil dort meine Familie wohnt. Auf der höheren Ebene – auf der Ebene des Landes und seiner Handlungen der letzten Jahre – ist mir alles so fremd geworden, dass ich mich nicht damit identifizieren kann.“ (Weiblich, 24 Jahre alt, Karelien/Kaliningrad → Montenegro). „Ich mag vielleicht nicht die ganze Tragweite der Frage und einzelner Begriffe verstehen, wie z. B. Russen – aber im Moment bin ich eine Tschuwaschin.“ (Weiblich, 27 Jahre alt, Tjumen) Eine konträre Strategie haben wir als Ausweitung des Raums der Zugehörigkeit bezeichnet. Sie setzt ebenfalls die Weigerung voraus, sich über die Staatsbürgerschaft zu definieren, aber im Gegensatz zur vorherigen Strategie zielt sie nicht auf eine Einengung, sondern auf eine Erweiterung der Gemeinschaft der Zugehörigkeit ab. Die Befragten haben häufig die Bedeutung der Zugehörigkeit zur russischen Kultur und – noch breiter – zum russischsprachigen Raum hervorgehoben: 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. „Ich komponiere Lieder und schreibe Liedtexte auf Russisch, ich denke auf Russisch – und diese Zugehörigkeit zur Sprache ist für mich wohl … am stärksten. Da gehöre ich eindeutig hin – zu den Russischsprachigen, und es würde mir schwerfallen, dieses Gefühl zu verlieren.“ (Weiblich, 33 Jahre alt, Moskau) Gleichzeitig wird die Zugehörigkeit zur russischen Kultur dem offiziellen Narrativ der russischen Welt gegenübergestellt. Die Befragten brachten die kulturelle Gemeinschaft nicht in Verbindung mit staatlichen Institutionen und Grenzen. Daher werden Versuche des Staates, das Recht auf Kultur zu monopolisieren, äußerst negativ wahrgenommen. Einige Befragte haben letztendlich eine neue Identität erworben und sind Teil einer anderen politischen Gemeinschaft geworden. Dies ist allerdings eine eher selten vorkommende Strategie, weil nur wenige die Gelegenheit haben, innerhalb einer relativ kurzen Zeit eine andere Staatsbürgerschaft zu bekommen. Diejenigen, die eine sol che Entscheidung getroffen haben, lehnen jedoch häufig jegliche Verbindung zu Russland ab: habe: Hoppla! – und ich bin keine Russin mehr.“ (Weiblich, 48 Jahre alt, Moskau) *** Im Jahr 2024 russische_r Bürger_in zu sein ist keine leichte Aufgabe. Der russische Staat ist einerseits bestrebt, die Gesellschaft angesichts von„Bedrohungen für die äußere Sicherheit“ zu konsolidieren und die Idee von Russland als einer einzigartigen Zivilisation zu vermarkten, andererseits tut er alles, um die Bürger so weit es geht von jeglicher nichtgenehmigten Teilhabe an der Politik auszuschließen. Es wird den Russ_innen vorgeschlagen, die gegenwärtige Lage als eine Gegebenheit zu akzeptieren. Gleichzeitig wird auf der Alltagsebene die Zugehörigkeit zum Staat erschwert und neu definiert: von der Stärkung der nationalen Identität bis zur völligen Ablehnung derselben. Die Frage der Nationenbildung in Russland bleibt offen. Es liegt auf der Hand, dass die Politiker_innen, die die Macht im Russland nach Putin beanspruchen, sich bereits jetzt Gedanken über die positiven Grundlagen der Solidarität der russischen Gesellschaft machen sollten. „Für mich ist es nun ein Territorium, das ich nicht als Heimat bezeichne. Es wird jetzt das Land des Exodus genannt. Meine Mitbürger sind nun die Israelis. Und nicht die Russen, Schluss.“ (Männlich, 47 Jahre alt, St. Petersburg → Israel). In anderen Fällen hatte die„neue“ Identität nichts mit dem Verlassen Russlands zu tun, vielmehr war es ein Weg, wie man das Schuldgefühl und das Unbehagen an der Zugehörigkeit zum russischen Staat loswerden konnte: „Ehrlich gesagt, verstand ich mich als Russin, bevor der Krieg begann. Und dann dachte ich: Vielleicht soll ich ab jetzt einfach Jüdin heißen? Vielleicht werde ich mir dadurch die ganze Quälerei ersparen: Ach, wir Russen sind an allem schuld, ach, wir Russen sind so schrecklich. Das war eine Art innere täuschende Finte, die ich ausgeführt Wie hat sich der Krieg auf die nationale Identität in Russland ausgewirkt? 11 Über die Autorinnen und Autoren Der_Die Autor_in dieser Publikation bleibt anonym aufgrund der repressiven Maßnahmen der russischen Regierung gegen Dissidenten und der damit verbundenen Sicherheitsrisiken. Seine_Ihre Identität ist dem Russlandprogramm der Friedrich-Ebert-Stiftung bekannt. Als anerkannte_r Experte_Expertin mit nachgewiesener fachlicher Expertise leistet er_sie weiterhin wertvolle Analysen, trotz der Risiken, denen er_sie ausgesetzt ist. 12 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Wie hat sich der Krieg auf die nationale Identität in Russland ausgewirkt? → Seit über tausend Tagen führt Russland einen umfassenden Krieg gegen die Ukraine. Diese Zeit hat unermessliches Leid, große Zerstörung und zahlreiche Opfer mit sich gebracht. Gleichzeitig hat sie die russischen Bürger_innen dazu gezwungen, sich grundlegenden Fragen zu stellen: Wer sind wir? Und welche Verantwortung tragen wir für diesen Krieg, der offiziell als„spezielle Militäroperation“ bezeichnet wird? → Die öffentliche Debatte hat Themen wie Schuld, Verantwortung, individuelle Verhaltensstrategien, Argumente für und gegen den Krieg sowie die neue Welle der russischen Emigration behandelt. Obwohl viele dieser Diskussionen Aspekte der nationalen Identität berühren, wurde sie nur selten als zentrales Thema betrachtet. → Diese Publikation untersucht die russische nationale Identität im Kontext des Krieges. Sie ist in drei Teile gegliedert: Der erste erläutert die grundlegenden Konzepte von Nation und Nationalismus, der zweite analysiert die Maßnahmen zur Konstruktion einer nationalen Identität im postsowjetischen Russland, und der dritte – basierend auf Interviews aus den Jahren 2022 bis 2024 – beleuchtet, wie russische Bürger_innen ihre Zugehörigkeit zum Staat im Alltag wahrnehmen.