A N A LYS E März 2025 Die Heimat im Krieg Identität und Passivität Impressum Der_Die Autor_in dieser Publikation bleibt anonym aufgrund der repressiven Maßnahmen der russischen Regierung gegen Dissidenten. Seine_Ihre Identität ist dem Russlandprogramm der Friedrich-EbertStiftung bekannt. Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn Germany www.russia.fes.de alexey.yusupov@fes.de Herausgebende Abteilung International Cooperation Department, Russia Program of the FES Inhaltliche Verantwortung und Redaktion Alexey Yusupov Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES heraus­gegebenen ­Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ­Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. März 2025 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen März 2025 Die Heimat im Krieg Identität und Passivität Inhalt Heimat als Areal der Zugehörigkeit....................................  5 Heimat als„Gemeinschaft der Unseren“................................  8 Heimat als Staat................................................... 11 Die Heimat im Krieg Identität und Passivität Seit drei Jahren läuft der russisch-ukrainische Krieg, und während dieser ganzen Zeit wird im öffentlichen Raum diskutiert, wie passiv die Mehrheit der russischen Bevölkerung bleibt – als würde man die Kriegshandlungen einfach übersehen. Dabei stammt die Kritik sowohl von der sogenannten„Z-Gemeinschaft“ 1 als auch von den Vertretern der russischen Opposition 2 , die das Land verlassen haben. Der Vorstoß der ukrainischen Streitkräfte in die Oblast Kursk hätte die Situation ändern und die russische Gesellschaft zur Verteidigung der Heimat mobilisieren sollen; die Meinungsumfragen zeugen aber davon, dass die Übertragung der Kriegshandlungen auf das russische Gebiet zwar die Zahl der Menschen erhöht hat, die für den Beginn der Friedensverhandlungen plädieren 3 , ihr Verhalten aber nicht grundsätzlich veränderte. Wie ist diese Passivität der russischen Bürgerinnen und Bürger zu erklären? Man bringt sie in Verbindung mit den Auswirkungen der Propaganda, der Entpolitisierung und Atomisierung der Gesellschaft sowie der zunehmend repressiven Gesetzgebung. Eine vergleichbar große Rolle spielt aber auch die Analyse dessen, was genau die Russen und Russinen unter ihrer Heimat verstehen, die sie bereit wären zu verteidigen, für die sie bereit wären, aktiv zu handeln. Womit und/oder mit wem zeigen sie sich solidarisch? Ich werde in diesem Text versuchen, diese Fragen anhand von Daten aus 32 soziologischen Tiefeninterviews mit Russ_innen zu beantworten, die im Winter und Frühjahr 2024 von einem Team unabhängiger Forscher_innen durchgeführt wurden. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die Menschen mit russischem Pass ihre Zugehörigkeit zu Russland während des Krieges wahrnehmen und wie sie sich damit auseinandersetzen. Wir haben mit Menschen im Alter von 18 bis 72 Jahren aus verschiede nen Regionen Russlands und unterschiedlichen sozialen Gruppen gesprochen(von der Region Archangelsk und Republik Karelien bis hin zu Orenburg und Tjumen, von Arbeitslosen bis hin zu Akademikern). Obwohl wir den Befragten nur in Einzelfällen eine direkte Frage nach dem Begriff„Heimat“ gestellt haben, haben fast alle Bezug auf diesen Begriff genommen, um ihre Zugehörigkeit zu einem Raum oder einer Gemeinschaft zu betonen, die sie für wichtig halten. Unsere Studie hat gezeigt: Wenn Russ_innen über ihre Heimat sprechen, betrachten sie diesen Begriff aus verschiedenen semantischen Perspektiven heraus und deuten die Heimat als ein Areal der Zugehörigkeit, als eine Gemeinschaft von Menschen oder als einen Staat. Auf diese drei Aspekte werde ich näher eingehen. 1 https://holod.media/2024/07/15/chto-volnuet-voenkorov-iv/ 2 https://thebell.io/obshchestvo-izo-vsekh-sil-staraetsya-ne-menyatsya-aleksey-le vinson--o-reaktsii-rossiyan-na-sobytiya-v-kurskoy-oblasti-i-o-tom-chto-s-nimi-proizoshlo-za-dva-goda 3 https://www.levada.ru/2024/08/30/konflikt-s-ukrainoj-i-napadenie-na-kurskuyuoblast-osnovnye-pokazateli-v-avguste-2024-goda/ Die Heimat im Krieg – Identität und Passivität 5 Heimat als Areal der Zugehörigkeit Der Begriff„Areal“ kann sowohl einen bestimmten geographischen Raum umfassen als auch ein territorial fragmentiertes Verbreitungsgebiet eines bestimmten Phänomens oder einer bestimmten Erscheinung, z. B. Sprache und Kultur. Dabei stimmen die Grenzen dieses„Heimatareals“ nicht immer mit den offiziell festgelegten Grenzen eines Staates oder einer Region überein; die Vorstellung dieses Areals ist eine Art kognitive Karte, d. h. eine von Menschen geschaffene mentale Repräsentation eines Teils ihrer Umgebung 4 . Die Zugehörigkeit zu diesem Areal spürt man, ohne dass man dafür etwas Besonderes tut; dabei erzeugt es das Gefühl der Verbundenheit und des Verwurzeltseins. Einige Befragte verbinden den Begriff„Heimat“ mit dem Gesamtterritorium Russlands: „Die Heimat ist für mich das ganze Land, von Kaliningrad bis Wladiwostok.“ (Weiblich, 49 Jahre, Tjumen) „Ich war schon im Alter von ca. zehn Jahren immer ratlos, wenn jemand über die Heimat sprach. Man behauptete, dass zu meiner Heimat Kamtschatka, Baikalsee, Karelien, Kaukasus, die Halbwüste von Astrachan gehörten. Ich hätte all das lieben sollen, weil es eben meine Heimat sei. Ich habe Sümpfe gesehen, ich habe Täler gesehen. Es fiel mir aber schwer zu verstehen, warum ich das Ganze lieben sollte. Ich könnte es schon lieben, aber warum musste ich es tun? Ich war in verschiedenen Teilen Russlands unterwegs. Und was ich gesehen habe, wovon ich beseelt war … Die Wahrnehmung meines Heimatlandes richtet sich nicht nach nationalen Grenzen, sondern danach, was ich gesehen habe und was mir gut gefallen hat.“ (Männlich, 38 Jahre, Tjumen) Dabei wird das Land mit der seit der Kindheit vertrauten Natur, mit der Landschaft assoziiert: „Meine Assoziation bewegt sich im Zusammenhang mit der Natur. Eine gewisse positive Zugehörigkeit, die wohl mit einer Landschaftskomponente der Natur verbunden ist.“ (Weiblich, 48 Jahre, Tscheljabinsk) Für andere Befragte ist eher das wichtig, womit sie selber in Berührung gekommen sind, und nicht ein allgemeines, imaginäres Bild des Landes oder seiner Natur: „Ich kenne Russland sehr gut, ich habe viel in Russland gesehen.“ (Weiblich, 44 Jahre, St. Petersburg) Gleichzeitig ist es eine sehr schwierige Aufgabe, solch ein großes und vielfältiges Land umfassend zu erkunden. In ihren Aussagen über die Heimat beziehen sich die Befragten auf ihre Erfahrungen bei der Erkundung des geographischen Raums: 4  Schenk F. Mental Maps. Die Konstruktion von geographischen Räumen in Europa (https://cyberleninka.ru/article/n/mentalnye-karty-konstruirovanie-geograficheskogoprostranstva-v-evrope/viewer) Die Unmöglichkeit, ein großes Land zu erkunden, führt dazu, dass viele Befragte das Areal der Zugehörigkeit mit ihrer„kleinen Heimat“ gleichsetzen, mit der sie sich direkt verbunden fühlen: „Nach dem Zerfall der Sowjetunion habe ich mich mit Karelien identifiziert und mich als Bewohner Kareliens positioniert. 2022 wurde ich oft gefragt, warum ich Russland nicht verlasse. Meine Antwort darauf war immer: ‚Ich bleibe nicht in Russland, ich bleibe in Karelien.‘“ (Männlich, 53 Jahre, Petrosawodsk) Interessanterweise gab es keine Korrelation zwischen dem innigen Verhältnis zum bestimmten Ort und dem Alter der Befragten, d. h. mit der Zeitspanne, die sie hätten nutzen können, um Russland durch Reisen ausführlicher und besser zu erkunden. Sowohl junge als auch ältere Befragte haben ihr in niges Verhältnis zu bestimmten Orten(Städte, Regionen), aber nicht zum gesamten Territorium des Landes erwähnt: „Wenn ich einen„Respawnpunkt“ nennen sollte, dann … wäre es das Gebiet Samara, irgendeine Wohnung von mir, mein Elternhaus.“ (Männlich, 24 Jahre, Samara) 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. „Ich empfinde mich … eher … als Moskauerin, denn Moskau und Russland sind ganz unterschiedliche Dinge.“ (Weiblich, 20 Jahre, Moskau) „Die Liebe ist doch kein besonders abstraktes Gefühl. Deshalb liebe ich Nowotscherkassk … Wenn man irgendwas liebt, dann muss man dafür auch was tun – man liebt doch nicht einfach so, generell. Und für Kaliningrad kann ich zum Beispiel nichts tun.“ (Weiblich, 72 Jahre, Nowotscherkassk) „Ich halte mich in drei Regionen für einheimisch. Einmal in Karelien, einmal in Leningrad, wo ich geboren bin … und noch … in Kursk. Dementsprechend nehme ich diese drei Regionen als meine Heimatregionen wahr.“ (Männlich, 62 Jahre, Petrosawodsk) Für andere Befragte ist die Heimat nicht so sehr mit dem geographischen Raum verbunden, sondern vielmehr mit dem kulturellen und sprachlichen Raum. Die Befragten, die diese Einsicht vertreten, betonen im Gespräch über die Heimat ihre Verbindung zur Kultur: „Ich komponiere Lieder und schreibe Liedertexte auf Russisch, ich denke auf Russisch – und diese Zugehörigkeit zur Sprache ist für mich wohl … am stärksten. Da gehöre ich eindeutig hin: zu den Russischsprachigen, und es würde mir schwerfallen, dieses Gefühl zu verlieren.“ (Weiblich, 33 Jahre, Moskau) Dasselbe Gefühl beschreiben die Befragten nicht nur in Bezug auf die russische Sprache, sondern auch auf die Sprachen anderer ethnischer Gruppen Russlands: „Wir haben unsere eigene Sprache, die wir bewahren, unsere eigenen Traditionen, wir ehren sie. Erinnerung … Wir sprechen in unserer eigenen Sprache mit unseren Eltern, das heißt, zu Hause sprechen wir immer Tschuwaschisch mit unseren Eltern.“ (Weiblich, 27 Jahre, Tjumen) Einige Befragte griffen für die Beschreibung ihrer Verbundenheit mit der Heimat auch auf den Begriff„Mentalität“ zurück: „Mir … ist die russischsprachige Kultur sehr nahe. Von der Mentalität der Arbeiter, Nachtpförtner und älteren Frauen in der Kirche bis hin zu unserer klassischen Literatur. Ich kann mir kaum ein Leben vorstellen, in dem all dies fehlen würde.“ (Weiblich, 33 Jahre, Moskau) Einige Befragte verbinden den Begriff„Heimat“ nicht nur mit einem geographischen und/oder kulturellen Raum, sondern auch mit der Geschichte des Landes, mit ihren Verwandten und Vorfahren: „Das ist dein Zuhause, deine Heimatmentalität, deine Kultur, deine Vorfahren, deine Familie. Du kennst ja diese Ecke hier, diese Bank hier, diese Birke hier. Du bist hier aufgewachsen, du bist in dieser Kultur aufgewachsen.“ (Weiblich, 46 Jahre, Woronesch) „Es sind die weiten Felder, die Natur, die Dörfer, unsere Großeltern, Tanten und so.“ (Weiblich, 44 Jahre, Rostow am Don) „Meine Assoziation mit Russland ist das Zuhause … Familie, Stadt, Freunde, Bekannte – das ganze soziale Umfeld also.“ (Männlich, 27 Jahre, St. Petersburg) „Ich nehme mich zweifelsohne als Teil Russlands wahr, weil es mein Zuhause ist. Ich bin hier geboren, ich bin hier aufgewachsen, hier wohnen die Menschen, die mich mein ganzes Leben lang begleitet haben, die mich großgezogen haben, mit denen ich zusammen aufgewachsen bin. Da ist die Stadt Orenburg, in der ich geboren und aufgewachsen bin, da ist unser Dorf in der Region Samara, der Geburtsort meiner Großeltern mütterlicherseits, in dem ich als Kind fast jeden Sommer verbracht habe … Und es geht dabei nicht nur um irgendein Territorium, es geht wohl vor allem um die Menschen um mich herum.“ (Weiblich, 24 Jahre, Orenburg) Die Heimat im Krieg – Identität und Passivität 7 Heimat als„Gemeinschaft der Unseren“ Im Gespräch über die Heimat erwähnten die Befragten häufig ihre Verwandten und Freunde. Die Verbindung zu den Verwandten erweist sich als ein wichtiger Bestandteil des Zugehörigkeitsgefühls zu Russland: „Es ist ja klar, dass wir Russen sind … denn von Kaliningrad bis Wladiwostok habe ich überall Bekannte, Freunde.“ (Weiblich, 27 Jahre, Tjumen) Der Krieg in der Ukraine hat jedoch tiefgreifende Auswir kungen darauf, wer als„Intimus“ wahrgenommen wird, d.≈h. als Mensch, der das Gefühl der Nähe und Zugehörig keit zu einer Gemeinschaft erweckt. In den Interviews wurde eine ganze Reihe von Konflikten und Widersprüchen in den Antworten deutlich, womit die Befragten sich selber und ihre Landsleute identifizieren. So sprachen einige der befragten Kriegsgegner_innen von einem inneren Konflikt. Einerseits fühlten sie sich weiterhin mit anderen Russ_innen verbunden, andererseits empfanden sie eine Dissonanz in der Haltung derjenigen, die das gegenwärtige Regime und den Krieg unterstützen: „Ich kann nicht sagen, dass ich die Liebe zu meinem Heimatland oder zu den Menschen um mich herum verloren habe. Dieses Gefühl wird nun aber vom Gefühl des allumfassenden Entsetzens, der Ungerechtigkeit, des Schmerzes, der Trauer begleitet … Ich habe auch früher Menschen gesehen, die die laufenden Ereignisse als sinnvoll betrachten, sie irgendwie gutheißen, sie unterstützen … Aber wenn sie es so offen tun, ist es sicherlich … na ja, schockierend ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber zur Verzweiflung bringend.“ (Weiblich, 24 Jahre, Orenburg) „Einerseits empfinde ich eine gewisse Zugehörigkeit, es ist schließlich mein Land. Hier wohnen ja meine Verwandten, und ich habe … eine russische Mentalität. Aber … wenn man sich die Kommentare unter den Online-Beiträgen anschaut, sieht man, wie tierisch wütend alle geworden sind. Und man kann es kaum akzeptieren, dass man irgendwie auch daran beteiligt ist, alleine weil man hier ist. Es entsteht somit eine Dissonanz: man sei zwar ein Teil davon, aber irgendwie sehr weit in der Peripherie … und vielleicht gehöre man gar nicht dazu.“ (Männlich, 25 Jahre, Samara) „Ich begegne ihnen – einer Verkäuferin im Supermarkt, einem Bankangestellten, einem Schaffner im Bus –, und es ist schlicht unmöglich, sich[mit ihnen] überhaupt nicht zu identifizieren. Sie wohnen in einer Stadt mit mir. Ich kann sie aber nicht als Mitbürger bezeichnen … Man kann sie nicht ausrangieren, ihre Existenz leugnen. Die Tatsache, dass ich ihre Position nicht akzeptiere, ändert ja nichts daran, dass wir im gleichen Raum leben.“ (Männlich, 38 Jahre, Tjumen) Gleichzeitig empfinden andere befragte Kriegsgegner_innen ihre Distanz zu den Kriegsbefürwortern als so groß, dass sie die Anhänger der„militärischen Sonderoperation“ und des Regimes als„andere“ oder sogar„Fremde“ bezeichnen: „Ich empfinde eine starke … Verbundenheit mit … den Menschen, die ähnliche Ansichten haben wie ich … Sie ist viel stärkr als mit vielen anderen quasi Russen … Ein„anderer“ ist für mich ein Mensch, der Putin unterstützt.“ (Weiblich, 20 Jahre, Moskau) „Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft entsteht bei mir nur dann, wenn ich mich mit Kriegsgegnern unterhalte. Leider habe ich keinerlei Mitgefühl mit den Zeitsoldaten, absolut keins. Mich verbindet mit diesen Menschen gar nichts.“ (Weiblich, 21 Jahre, Jekaterinburg) „Ich kann mich mit diesen Menschen nicht identifizieren … mit denen, die den Krieg unterstützen.“ (Weiblich, 48 Jahre, Tscheljabinsk) 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Gleichzeitig versuchen einige Kriegsgegner_innen, diejeni gen nicht völlig zu diskriditieren, die Kriegshandlungen nicht nur unterstützen, sondern daran teilnehmen. Einige versuchen, eine Erklärung dafür zu finden, warum ihre einstigen Nachbarn in den Krieg gezogen sind: „Ich verfolge alles rund um die Mobilmachung sehr aufmerksam … generell alles rund um die kriegsbezogenen Prozesse in meiner Heimatrepublik. Und ich kann aus verständlichen Gründen keine negative Haltung gegenüber den Menschen haben, die aus den Dörfern geholt und an die Front geschickt worden sind. Denn meistens sind es ja Menschen, die keinen ausreichenden Sozialstatus und keine ausreichenden politischen und rechtlichen Kenntnisse haben, um irgendeinen Weg zu finden, den laufenden Ereignissen zu entfliehen, sie zu vermeiden.“ (Männlich, 29 Jahre, Ufa) Eine große Rolle spielt für andere die Unterscheidung zwischen denen, die gegen den eigenen Willen an der Front gelandet sind, und denen, die sich freiwillig gemeldet haben: „Es gibt … Menschen, die … keine andere Wahl hatten: Sie haben einen Einberufungsbefehl erhalten, und sie waren verpflichtet, sich zu melden. Und sie hatten keine Mittel oder Möglichkeiten … das Land zu verlassen, sie hatten keine anderen Möglichkeiten, dieses Problem zu lösen, also mussten sie hin an die Front. In solchen Fällen ist es natürlich eine … Tragödie … Es gibt aber Menschen, die an die Front mit einem Vertrag gehen, um Geld zu verdienen. Sie gehen hin, um andere Menschen für Geld zu töten. Sie haben dabei keinerlei Bedenken, es entsteht kein moralisches Dilemma. Mit solchen Menschen verbindet mich definitiv nichts.“ (Weiblich, 24 Jahre, Orenburg) Wieder andere vertreten die Meinung, dass Frontkämpfer_ innen auch zur russischen Gesellschaft gehören, man dürfe also auf sie nicht verzichten: „Ich werde ja später mit ihnen gemeinsam in diesem Land leben müssen. Das heißt, wenn sie zurückkommen, wenn sie niemanden umbringen, wenn sie keine Kriegsverbrecher sind … Sie werden höchstwahrscheinlich behindert zurückkommen, verkrüppelt, mit psychischen Traumata. Und man wird ihnen irgendwie helfen müssen, wieder Teil unserer Gesellschaft zu werden. Ja, angenehm finde ich es nicht, aber es ist so. Ich werde mit ihnen zusammenleben müssen.“ (Männlich, 26 Jahre, Archangelsk) Da im Russland von heute die Unterstützung des Regimes und des Krieges sozial gebilligt und die Gegenposition als Straftat angesehen wird, geht es einigen Befragten gar nicht um das Gefühl der Gemeinschaft mit den Menschen in ihrer Umgebung – sie empfinden eher Angst vor den anderen: „Wenn man in der Stadt unterwegs ist, kann man keinem mehr was sagen. Es herrscht eine totale Verschlossenheit. Man fühlt sich einfach nirgendwo sicher … Man kann einfach keinem mehr trauen, vor allem neuen Bekannten nicht. Zu vielen alten Bekannten, die eine andere Position vertreten, ist der Kontakt weg.“ (Männlich, 24 Jahre, Samara) Dabei sind einige Befragte nicht bereit,„unsichtbar“ zu werden und ihr Heimatgefühl aufzugeben – trotz ihrer eindeutig„marginalen“ Position: „Ja, ich bin nicht einverstanden[mit dem Krieg], ich denke anders, aber ich würde trotzdem behaupten, Teil dieses Landes zu sein … Ich bin nicht damit einverstanden, mein Land und mein Heimatgefühl nur denjenigen zu überlassen, die jetzt mit dem Regime übereinstimmen.“ (Weiblich, 46 Jahre, St. Petersburg) Die Befragten, die das Regime und die Kriegshandlungen in der Ukraine unterstützen, haben eine andere Wahrnehmung davon, wer alles zu„den Unseren“ zählt. Erstens sind sie davon überzeugt, dass sie nicht bloß eine Mehrheit, sondern die absolute Mehrheit der russischen Gesellschaft ausmachen: „Das ist unsere[Position], ich glaube, dass die Mehrheit, 99 Prozent unserer Bevölkerung, diese Position teilt. Es mag einzelne Ausnahmen geben, die das anders sehen, aber sie wohnen alle Die Heimat im Krieg – Identität und Passivität 9 irgendwo nah an der Hauptstadt. Das sind Menschen, die schon lange mit einem Bein in Europa und mit dem anderen hier stehen, sie haben schon die Übersicht verloren. Eine verlorene Gesellschaft. In der Peripherie bleibt man noch gesund.“ (Weiblich, 41 Jahre, Rostow am Don) Zweitens betrachten sie die Antikriegshaltung als eine Art Verrat an der Heimat; das gilt vor allem für diejenigen, die ausgereist sind: „Na ja, sie sind geflohen … es ist ein Verrat. Deine Familie gerät in Not – und du haust einfach ab … Solche Menschen hätte ich nicht zurück ins Land einreisen lassen. Sie sollen bitte dort bleiben. Denn ich bezweifle sehr, dass es ihnen dort schön und gut geht. Ich würde sie nicht wieder reinlassen. Ich sehe das als Verrat. Man darf die eigene Familie nicht im Stich lassen, wenn sie in Not geraten ist.“ (Weiblich, 46 Jahre, Woronesch) „Ich denke, dass alle, die ausgereist sind, nie wieder zurückkehren sollten. Und all die Immobilien, die ihnen noch hier gehören, müssen einfach für die gute Sache verteilt werden. Einfach die Tür schließen und sie ohne weiteres als ausländische Agenten bezeichnen … Sie sind weg, pfeif drauf! Schlicht und einfach – tschüss! Wir haben genug begabte, intelligente, schöne Menschen in den Regionen.“ (Weiblich, 41 Jahre, Rostow am Don) Die Grenze der Heimat als„Gemeinschaft der Unseren“ hängt also weitgehend von der Einstellung zum Krieg und zum Regime ab – sowie von der Bereitschaft einer Person, in einem Menschen„mit anderen Ansichten“ einen Landsmann zu sehen. Diese Grenze hätte flexibler sein können, wenn die Wahrnehmung von Heimat als Areal der Zugehörigkeit dicht bei der Wahrnehmung der Heimat als Staat liegen würde. Aber auch in diesem Punkt gibt es gravierende Unterschiede, so die Studie. 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Heimat als Staat Die Beschreibung der Heimat als Vaterland, für das man weniger töten als vielmehr freiwillig sterben darf 5 , ist typisch für alle Studien über die Nation und den Nationalismus. Die Nation wird in erster Linie als eine politische Gemeinschaft verstanden. Die Staatsangehörigkeit stellt eine enge Verbindung zwischen Individuum und Staat her, indem sie den Austausch von Rechten und Pflichten, einschließlich der Wehrpflicht, vorsieht. Die Frage der Bildung einer politischen Gemeinschaft wurde in Russland lange vor dem Ausbruch des Krieges im Jahr 2022 diskutiert 6 . Die von Wladimir Putin verfolgte Politik führte zur Entpolitisierung und Atomisierung der Gesellschaft. Dadurch konnte weder ein starkes Gefühl der Landeszugehörigkeit vollständig etabliert werden, noch die Fähigkeit der Bürger, staatliche Entscheidungen zu beeinflussen und Verantwortung dafür zu übernehmen. 7 Unsere Studie hat gezeigt, dass es vor allem die Befürworter des derzeitigen Regimes und des Angriffskriegs gegen die Ukraine sind, die das Heimatland mit dem Staat gleichsetzen. Die Befragten aus dieser Kategorie bedienen sich der Rhetorik der Bürgerpflicht, die in der gegenwärtigen Situation oft mit der„Verteidigung des Vaterlandes“ verbunden wird: „Jeder Mensch, der eine Staatsangehörigkeit besitzt, hat neben den Rechten, die er aufgrund dieser Staatsangehörigkeit genießt, auch einige Pflichten. Die Pflicht zur Verteidigung des Landes ist in der Verfassung verankert.“ (Männlich, 35 Jahre, Moskau) Einige Befragte erklärten sich bereit, diese Pflicht gegebenenfalls zu erfüllen: „Hätte man uns gesagt, dass das Vaterland uns brauche … würde ich meine Kinder in Sicherheit bringen und selbst[an die Front] gehen … Mein Mann würde schießen, und ich würde ihm die Munition reichen … Ich werde meine Heimat verteidigen, meine Großväter haben im Krieg gekämpft … jetzt sind zwei Brüder an der Front, mein 5  Benedict Anderson,„Imagined Communities“(„Die Erfindung der Nation“ in der deutschen Übersetzung)(https://publications.hse.ru/pubs/share/folder/xj2zha g7ov/195147667.pdf) 6 http://cogita.ru/analitka/mneniya-i-kommentarii/s-chego-nachinaetsya-rodina 7 https://www.levada.ru/2024/08/22/chuvstvo-otvetstvennosti-i-vozmozhnosti-vli yat-na-situatsiyu-iyul-2024/ Schwiegersohn ist in Perwomajsk gefallen. Wie kann man sich denn in die Büsche schlagen?“ (Weiblich, 41 Jahre, Rostow am Don) Gleichzeitig kann das Pflichtbewusstsein gegenüber dem Heimatstaat auch friedlicher Natur sein. Dennoch betonen die Befragten, dass sie dem Staat etwas schulden, und halten es für notwendig, ihre„Schuld zu tilgen“: „Meine Heimat hat mir … meine schöne Kindheit geschenkt, in der es mir an nichts mangelte … Möglichkeiten für meine berufliche Entwicklung und so weiter. Was kann ich tun? Ich kann nur mit meinem Wissen … dem Heimatland helfen … Also bin ich hier, an dieser Stelle … und tue das, was ich tun kann.“ (Weiblich, 49 Jahre, Tjumen) Diejenigen, die das derzeitige Regime und die Kriegshand lungen in der Ukraine nicht unterstützen, haben eine viel breiter gefächerte Ansicht, was die Vorstellung über den Staat angeht. Die Befragten aus dieser Kategorie stellen sich die Heimat als einen Raum und einen Kreis von nahestehenden Menschen vor – typischerweise distanzieren sie sich vom Staat: „Russland ist mit dem russischen Staat nicht gleichzusetzen. Das heißt, ich würde es mir wünschen, dass die Behörden, Putin und seine Freunde nicht dasselbe sind wie alle Menschen, die in Russland leben.“ (Weiblich, 20 Jahre, Moskau) „Im Prinzip ist es so: Ich liebe das Land, aber ich hasse den Staat. Klingt nach einem Klischee.“ (Männlich, 24 Jahre, Samara) Für die meisten befragten Kriegsgegner_innen ist die Beziehung zwischen der Heimat und dem Staat jedoch komplexer. So würden einige Befragte diese Begriffe gerne vollständig getrennt voneinander betrachten, können dies aber nicht: Die Heimat im Krieg – Identität und Passivität 11 „Manchmal fühle ich mich hier zu Hause, aber nicht immer … Wenn es mir hier gut geht und ich von Menschen umgeben bin, die mir nahestehen, die mir lieb sind, dann gelingt es mir, mich in diese Atmosphäre zu versenken, als gäbe es den ganzen politischen Kontext plötzlich für eine Sekunde gar nicht – dann fühle ich mich zu Hause, auf eine heimatliche Art. Kommt man aber … wieder in die Realität zurück, so fühlt es sich nicht mehr wie zu Hause an.“ (Weiblich, 21 Jahre, Jekaterinburg) Für andere Befragte ist die Staatsbürgerschaft zwar ein Teil ihrer Vorstellungen über die Heimat, aber sie versuchen, sich von den politischen Entscheidungen des derzeitigen Regimes und seiner Institutionen zu distanzieren: „Ich versuche die Formulierung: ‚Wir haben angegriffen‘ zu vermeiden. Das heißt, ja, ich … verstehe, dass ich auch mitverantwortlich bin, einfach weil ich … Staatsbürgerin dieses Staates bin, aber ich will mich damit nicht identifizieren … Ich sage: ‚Russland oder die russische Armee.‘“ (Weiblich, 72 Jahre, Nowotscherkassk) Während für die Regierungs- und Kriegsbefürworter das Konzept der Pflicht im Mittelpunkt steht, rückt für die Anhänger der gegensätzlichen Position oft die Verantwortung in den Vordergrund. Solche Befragte fühlen, als russische Staatsbürger am Geschehen mitbeteiligt zu sein: „Ich würde gerne diese Verbundenheit mit Russland nicht empfinden. Das wäre sehr bequem … denn man hätte somit … die Verantwortung dafür, was in meinem Namen gerade in der Ukraine, in anderen Ländern sowie innerhalb Russlands getan wird, nicht tragen können. Aber das ist nicht möglich. Ich empfinde mich doch als Staatsbürgerin, die eine Verantwortung hat.“ (Weiblich, 21 Jahre, Jekaterinburg) „Wir sind von klein auf mit der Idee aufgewachsen, dass der Krieg um jeden Preis vermieden werden muss, damit er nie wieder passiert – das sollten wir nicht vergessen. Und jetzt ist es soweit, es geschieht vor deinen Augen, und dein Heimatland, dein Staat, hat’s angefangen.“ (Weiblich, 24 Jahre, Orenburg) Zugleich geht das Gefühl der Mitbeteiligung nicht immer Hand in Hand mit dem der Verantwortung. Manche Befragte brachten ihre Wut zum Ausdruck, dass der Angriffskrieg in der Ukraine auch in ihrem Namen gestartet wurde. Sie fühlten sich vom Staat verraten: „Das Schuldgefühl wurde nach einigen Monaten durch das Gefühl der Aggression gegenüber meinem Staat ersetzt – als hätte der Staat mich verraten … Es geschah ohne meine Zustimmung und durch eine Art unbegreifliche Pauschalentscheidung.“ (Weiblich, 36 Jahre, Ulan-Ude) „Ich bin russische Staatsbürgerin. In meinem Namen der russischen Staatsbürgerin … wurde dieser Horror organisiert. Darüber war ich wütend.“ (Weiblich, 46 Jahre, St. Petersburg) Somit zeigt unsere Studie, dass sich die Russ_innen, insbesondere die Kriegsgegner_innen, weder mit dem Staat noch mit der großen Gemeinschaft von Mitbürger_innen verbunden fühlen. Die von uns angewandten qualitativen Methoden erlauben es uns nicht, die Schlussfolgerungen auf alle Russ_innen zu extrapolieren; eine Studie des Allrussischen Zentrums für Meinungsforschung 8 zeigt jedoch auch, dass die Heimat überwiegend als Areal der Zugehörigkeit und „Gemeinschaft der Unseren“ wahrgenommen wird. Die Gesellschaft ist gespalten: Kriegsbefürworter_innen und Kriegsgegner_innen, Mobilisierte, freiwillige Soldaten, Zeitsoldaten und Zivilisten. Durch diese Spaltung können einige Befragte ihre Heimat nicht vollständig mit dem Staat oder gar dem gesamten Territorium des Landes identifizieren. Viele Befragte empfinden eine tiefere Verbundenheit mit der Sprache, Kultur und/oder einem bestimmten Wohnort(Stadt oder Region). Dieses Verständnis von Heimat mobilisiert die Menschen kaum zur„Verteidigung“ dessen, was sie nicht als das Ihre betrachten. Dies heißt nicht, dass es kein Mitleid oder Mitgefühl mit den von den Kriegshandlungen betroffenen Zivilisten gäbe – unabhängig von ihren politischen Ansichten oder ihrer Einstellung zum Krieg; aber damit lässt sich das Bestreben der Russ_innen erklären, sich vom laufenden Krieg zu distanzieren. 8 https://wciom.ru/analytical-reviews/ analiticheskii-obzor/o-sovremennom-rossiiskom-patriotizme 12 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Über die Autorinnen und Autoren Der_Die Autor_in dieser Publikation bleibt anonym aufgrund der repressiven Maßnahmen der russischen Regierung gegen Dissidenten und der damit verbundenen Sicherheitsrisiken. Seine_Ihre Identität ist dem Russlandprogramm der Friedrich-Ebert-Stiftung bekannt. Als anerkannte_r Experte_Expertin mit nachgewiesener fachlicher Expertise leistet er_sie weiterhin wertvolle Analysen, trotz der Risiken, denen er_sie ausgesetzt ist. Die Heimat im Krieg Identität und Passivität Der Text analysiert die passive Haltung großer Teile der russischen Gesellschaft gegenüber dem Krieg gegen die Ukraine und setzt diese in Beziehung zum Heimatsbegriff. Basierend auf 32 Tiefeninterviews zeigt die Studie, dass das Konzept der Heimat aus drei Perspektiven betrachtet wird: als geografischer Raum, als soziale Gemeinschaft oder als Staat. Viele Befragte identifizieren sich primär mit ihrer„kleinen Heimat“ – ihrer Stadt oder Region – anstatt mit dem russischen Gesamtstaat. Diese fragmentierte Zugehörigkeit trägt dazu bei, dass sich ein abstrakter Nationalstaat für viele nicht als mobilisierende Größe im Kriegskontext etabliert.