Dorothee Beck und Barbara Stiegler CHEN Das Märchen von der GenderVerschwörung Argumente für eine geschlechtergerechte und vielfältige Gesellschaft Impressum Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn info@fes.de Herausgebende Abteilung Referat Demokratie, Gesellschaft& Innovation Autorinnen: Dorothee Beck und Barbara Stiegler Redaktion: Stefanie Elies, Friedrich-Ebert-Stiftung Redaktionelle Betreuung: Laura Brandt und Dorina Spahn, Friedrich-Ebert-Stiftung Design/Layout: Andrea Schmidt• Typografie/im/Kontext Illustrationen: Shutterstock.com Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht ­notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES heraus­gegebenen ­Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ­Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. März 2025 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ISBN 978-3-98628-448-0 1. Überarbeitete Neuauflage Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen Dorothee Beck und Barbara Stiegler Das Märchen von der GenderVerschwörung Argumente für eine geschlechtergerechte und vielfältige Gesellschaft Inhalt Die Konstruktion der„Gender-Ideologie“: Antifeminismus als politische Strategie...............................  3 1. Eins, zwei, drei, viele Geschlechter? .................................  7 2. Die Kleinfamilie: Soll abgeschafft werden? ..........................  13 3. Sexualerziehung in Kita und Schule: Indoktrination? ..................  17 4. Sexuelle Selbstbestimmung: Emanzen-Gehabe? Reproduktive Rechte: Gegen das Leben? ............................  23 5. Geschlechterforschung: Überflüssige Produktion von Ideologie? ........  28 6. Geschlechterpolitische Strategien: Schnee von gestern? ...............  33 ÜBER DIE AUTORINNEN Dorothee Beck , Dr. phil. Politikwissenschaftlerin, forscht an der Uni Marburg zu Antifeminismus/Anti-Gender sowie zu politischer Partizipation und Geschlecht, insbesondere zu geschlechtsbasierter Gewalt in der Politik. https://www.uni-marburg.de/de/fb03/politikwissenschaft/fachgebiete/politikund-geschlechterverhaeltnisse-mit-schwerpunkt-sozial-und-arbeitspolitik-1/ team-1/dr-dorothee-beck Barbara Stiegler , Dr. phil., Diplompsychologin, Diplompädagogin, arbeitete ab 1975 als Frauen- und Geschlechterforscherin im Forschungsinstitut der FriedrichEbert-Stiftung, später war sie bis 2011 Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Geschlechterforschung in der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung. https://www.stiegler-barbara.de Die Konstruktion der„Gender-Ideologie“: Antifeminismus als politische Strategie Sofort nach seiner Amtseinführung im Januar 2025 erließ der neu vereidigte Präsident der USA Donald Trump ein Dekret, wonach es nur noch zwei Geschlechter in den USA – männlich oder weiblich – geben kann.„Diese Geschlechter sind nicht veränderbar und basieren auf einer grundlegenden und unumstöß lichen Realität“, heißt es in der Anordnung. Das Konzept der ‚Geschlechts identität‘ sowie alle behördlichen Diversitätsmaßnahmen wurde im gleichen Zuge abgeschafft. Nur wenige Wochen zuvor wurde in Deutschland nach vielen Jahren politischen Ringens das Selbstbestimmungsgesetz erstritten: eine grundlegende Reform des sogenannten Transsexuellengesetzes, das dringend benötigte Beratungsangebote für queere Menschen sichert, Hürden abbaut und Rechte stärkt. Diese fast zeitgleichen Beispiele in USA und Deutschland zeigen, wie widersprüchlich sich Geschlechterpolitik derzeit entwickelt. Die Konstruktion der„Gender-Ideologie“: Antifeminismus als politische Strategie 3 Dank des Einsatzes einer vielfältigen Zivilgesellschaft und feministischer Politiker*innen aus allen demokratischen Parteien konnten dieses und weitere wichtige Gesetze umgesetzt werden, wie das Gewaltschutzhilfegesetz, das Recht auf Mutterschutz nach Fehlgeburten – wichtige feministische Errungenschaften auf dem Weg zur geschlechtergerechten Gesellschaft. Weltweit werden Feministinnen sichtbar, prägen Debatten und erzielen Erfolge. In Argentinien wurde das Recht auf Abtreibung legalisiert, und in Chile ebnete die feministische Bewegung den Wahlerfolg des progressiven Präsidenten Gabriel Boric. Trotz struktureller Benachteiligung, Entgeltungleichheit, mangelnder Infrastruktur bei Pflege und Erziehung oder finanzieller Fehlanreize – Frauen reklamieren das ganze Leben. Auf der Straße und durch Hashtags werden feministische Werte und Solidaritäten gebildet, die weltweit in progressiver Gesetzgebung kondensieren. Aber angesichts dieser feministischen Erfolge formiert sich auch eine Gegenbewegung, die in vielen Ländern der Welt bereits prominent Fuß fassen konnte: Ultrakonservative Gruppen, Kirchenverbände, Männerrechtler, rechtspopulistische und neu-rechte Kreise polemisieren aggressiv gegen alles, was mit einem liberalen Verständnis von geschlechtlicher Identität, sexueller Orientierung oder mit Gleichstellungspolitik zu tun hat. Unterschiedliche Themen wie Geschlechterforschung, politische Gleichstellungsstrategien, geschlechtergerechte Sprache, Sexualaufklärung und Schwangerschaftsabbruch werden in einen Topf geworfen und verteufelt. Die Selbstbestimmung von Frauen und queeren Menschen läuft in vielen Teilen der Welt Gefahr, beschnitten zu werden: In Russland wurde häusliche Gewalt mit einer Gesetzesänderung weitgehend entkriminalisiert. In Polen wurden bereits ganze Gemeinden zu ‚LGBT-freien Zonen‘ erklärt und ge gen die Verschärfung des Abtreibungsrechtes gingen tausende Frauen aus Protest auf die Straßen. In Deutschland wendet sich z. B. die AfD in ihrem Wahlprogramm gegen eine staatliche Förderung von Gender Studies, Quotenregelungen, gendergerechte Sprache und gegen Sexualkunde an Schulen, die als„Frühsexualisierung“ diffamiert wird. Organisationen, die sich„Besorgte Eltern“ und„Demo für alle“ nennen, laufen gegen Lehrpläne Sturm, welche die Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt zum Ziel haben. 4 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Laut dem AfD-Wahlprogramm 2025 zerstöre Gendergerechtigkeit„die soziale und kulturelle Zukunft unseres Volkes, unsere Wirtschaft und damit unseren Wohlstand“. Die Frau werde in ihrer Rolle als Mutter abgewertet und der Zusammenhalt der Familie gefährdet. Die traditionelle Kleinfamilie(mit möglichst mehreren Kindern) wird im Grundsatzprogramm der AfD als„Keimzelle der Gesellschaft“ einer„volkswirtschaftlich nicht tragfähige(n) und konfliktträchtige(n) Masseneinwanderung“ gegenübergestellt. Beschworen werden nicht nur ein traditionelles, sondern ein völkisches Verständnis von Familie und die Vorstellung einer homogenen Nation, die an die Stelle individueller Freiheitsrechte tritt. Gender Studies und Gender MainDer Begriff völkisch, der sich von streaming widersprächen„den Ergeb„Volk“ ableitet, bezeichnet ein nissen der Naturwissenschaft, der ethnisches bis rassistisches VerEntwicklungspsychologie und der ständnis von Nation als erbbioLebenserfahrung“. Dabei wird jedoch logische Blutsgemeinschaft. ignoriert, dass es die Ergebnisse der Zum deutschen Volk gehören Naturwissenschaft und Entwicklungsdanach nur Menschen, die deutpsychologie gar nicht gibt. Als„wissenschen Blutes sind. Der Begriff schaftlich“ werden in dieser Vorstelsteht in enger Verbindung mit lungswelt jedoch nur Denkrichtungen dem Nationalsozialismus. Er anerkannt, welche die eigene Ideolowiderspricht einem humanistigie stützen. Mit dem Verweis auf die schen Verständnis, das auf Bür„Lebenserfahrung“ wird dies mit dem ger- und Menschenrechten sowie „gesunden Menschenverstand“ verauf gemeinsamen Grundwerten knüpft. Jeder könne doch sehen, beruht. dass es Männer und Frauen gibt. Und jeder wisse doch, dass sich Frauen mütterlicher um kleine Kinder und Pflegebedürftige kümmern könnten als Männer. Doch Wissenschaft hat die Aufgabe, das scheinbar Offensichtliche zu hinterfragen, und nicht, Alltagswissen zu bestätigen. Die Debatte um ‚Gender-Ideologie‘ ist hochgradig emotional aufgeladen. Angst wird geschürt vor dem Anderen, vor Geschlechtsidentitäten jenseits der zweigeschlechtlichen Norm und vor anderen Ethnien, vor dem Verlust(scheinbarer) Sicherheiten, vor Zerstörung vermeintlich traditioneller Werte und davor, Kinder angesichts einer als bedrohlich wahrgenommenen Modernisierung der Gesellschaft nicht schützen zu können. Versprochen wird Sicherheit in einer Die Konstruktion der„Gender-Ideologie“: Antifeminismus als politische Strategie 5 homogenen Volksgemeinschaft: durch den Schutz der(ungeborenen) Kinder, der Familie und Ehe. Besorgniserregend ist dabei vor allem, dass diese Argumentation bis in die bürgerliche Mitte anschlussfähig ist. Viele Menschen sind durch Geschlechtsidentitäten jenseits der Polarität von Mann und Frau und die Gleichwertigkeit verschiedenster Lebensentwürfe erst einmal verunsichert. Christlich-konservative Menschen finden sich in den traditionellen Ehe- und Familienkonzepten wieder.(Neo)liberale Milieus, denen eine aktive Gleichstellungspolitik schon immer ein Dorn im Auge war, sehen sich bestätigt. Und wer sich durch die Förderung der weiblichen Konkurrenz auf den oberen Stufen der Karriereleiter benachteiligt fühlt, kann in diesen Positionen ebenfalls Bestätigung finden. Wenn Denkfiguren der Rechten auf der Straße, in Veranstaltungen oder am Stammtisch übernommen werden, müssen politisch aktive Menschen dem entgegentreten. Dabei ist es wichtig, Fragen, Ängste und Unsicherheiten nicht einfach als unbegründet abzutun, sondern deutlich zu machen, dass diese Ängste von Rechten bewusst geschürt werden, um sie für ihre politischen Ziele zu instrumentalisieren. Unsere Botschaft lautet: Wir verteidigen eine demokratische, soziale und freiheitliche Gesellschaft, in der verschiedenste Menschen ihren Platz finden! Wir treten für Geschlechtergerechtigkeit ein! Die eigenen Positionen müssen klar und entschieden formuliert sowie verständlich und überzeugend begründet werden. Die vorliegende Broschüre liefert dazu Argumente und Erklärungen. Dazu werden rechtspopulistische Behauptungen zu den Themenbereichen Geschlecht, Familie, Sexualerziehung, sexuelle Selbstbestimmung, Geschlechterforschung und gleichstellungspolitische Strategien hinterfragt und entkräftet. 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 1. Eins, zwei, drei, viele Geschlechter? Adam und Eva, Mann und Frau, Yin und Yang – die meisten Menschen wachsen mit dem Verständnis auf, es gebe genau zwei Geschlechter. Doch stimmt das eigentlich? Es gibt Menschen, die sich nicht in das einfache Schema von Mann und Frau einordnen lassen(wollen). Im Alltag mögen sie die Ausnahme sein. In den Medien sind sie immer wieder präsent. Nemo Mettler gewann als erste non-binäre Person 2024 den European Song Contest für die Schweiz. Als die Whistleblowerin Chelsea Manning US-amerikanische Kriegsverbrechen im Irakkrieg an Wikileaks weitergab, hieß sie noch Bradley und war ein männlicher Soldat. Vorstellungen von Geschlecht sind immer an eine bestimmte Zeit oder Kultur gebunden und können sich daher auch wandeln. Im antiken Griechenland herrschte die Auffassung vor, dass Frauen und Männer das gleiche Geschlecht hätten; beim Mann sei es nach außen, bei der Frau nach innen gestülpt. Da der Mann als vollkommener galt, blieb die Hierarchie zwischen den Geschlechtern gewahrt. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts setzte sich das Modell zweier Ge schlechter durch. Männer und Frauen galten als grundverschieden, jedoch mit sich ergänzenden Charakteren. Viele indigene Völker Nordamerikas kannten hingegen vier Geschlechter: Mann und Frau, daneben Männer, die sich eher als Frau sahen, und umgekehrt. 1. Eins, zwei, drei, viele Geschlechter? 7 Der Begriff Geschlecht umfasst mehr als die der Fortpflanzung dienenden Geschlechtsorgane. Auf der körperlichen Ebene gehören dazu die Genitalien, Chromosomen, Gene, Hormone und Keimdrüsen(Hoden, Eierstöcke, Mischgewebe). Und selbst hier gibt es kein einfaches ‚hier Frau – da Mann‘. Vielmehr trägt jeder Mensch seine eigene Mischung aus mehr oder minder männlichen sowie mehr oder minder weiblichen körperlichen Merkmalen. Am sichtbarsten wird das bei intersexuellen Menschen, deren Genitalien nicht eindeutig zuzuordnen sind. Schätzungen zufolge kommt eines von 1.000 Babys intersexuell zur Welt. Bis in unsere Tage empfehlen viele Ärzt_innen den Eltern, diesen ‚Makel‘ wegoperieren zu lassen – ein Eingriff, der sich für die Betroffenen oftmals als traumatisch erweist. Neben den geschlechtlich zugeordneten Körpermerkmalen steht die Geschlechtsidentität, also die Freiheit, sich geschlechtlich selbst zu definieren. Die meisten Menschen fühlen sich im Einklang mit dem Geschlecht, dem sie nach den körperlichen Merkmalen zugeordnet werden. Aber auch hier ist unsere Gesellschaft vielfältig. Manche haben – oft bereits als Kind – das sichere Gefühl, dass das zugeschriebene Geschlecht nicht zu ihnen passt(transidente Menschen). Manche lassen ihren Körper operativ an ihre Identität anpassen. Andere fordern, auch ohne operative Eingriffe, in ihrer Selbstdeutung anerkannt zu werden. Und wieder andere wollen als intersexuelle Menschen weder Männern noch Frauen zugeordnet werden. Ein weiterer Aspekt geschlechtlicher und sexueller Vielfalt liegt in der Frage, auf wen sich sexuelles Begehren richtet – auf das andere Geschlecht(heterosexuell), auf das eigene(homosexuell), auf beide(bisexuell)? Wenn das Geschlecht der begehrten Person keine Rolle spielt, wird das als Pansexualität bezeichnet. Menschen ohne sexuelles Begehren sind asexuell. Auch gesellschaftliche und politische Faktoren beeinflussen die Definition von Geschlecht. Der Begriff Gender macht deutlich, dass gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse keiner biologischen oder göttlichen Ordnung folgen, sondern sozial, kulturell und politisch geformt sind. Gesellschaftliche Normen und die darauf basierenden staatlichen Politiken prägen maßgeblich die konkrete Ausgestaltung der Geschlechterverhältnisse: Was versteht eine Gesellschaft als männlich oder weiblich? Welche Partnerschaft wird rechtlich, finanziell oder steuerlich vom Staat gefördert? Wer darf Kinder adoptieren? Für welche(bezahlten oder unbezahlten) Arbeiten gelten Männer oder Frauen als ‚besser‘ geeignet? Wer profitiert in welcher Weise von öffentlicher Infrastruktur(z. B. öffentlichem Nahverkehr)? All das ist so vielfältig wie die Gesellschaften selbst. Nicht immer und nicht überall gelten die gleichen Eigenschaften und Arbeiten als ‚weiblich‘ oder 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Warum eigentlich Gender?! Im Englischen bezeichnet der Begriff sex das biologische Geschlecht. Gender bezieht sich auf das soziale Geschlecht. In der deutschen Sprache gibt es diese Unterscheidung nicht. Deswegen wurde der englische Begriff für das soziale Geschlecht als wichtige Kategorie gesellschaftlicher Differenzierung übernommen. ‚männlich‘. Zum Beispiel werden MINT-Fächer(Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) bei uns als spezielle Männerdomäne angesehen. Nach Angaben der EU sind hingegen in Bulgarien, Dänemark, Irland, Lettland, Litauen, Mazedonien und Ungarn die meisten Ingenieur_innen und Naturwissenschaftler_innen am Arbeitsmarkt weiblich. Auch in der Türkei gibt es anteilig mehr Frauen als hierzulande. Doch trotz dieser Vielfalt verfügen Männer in den meisten Kulturen über den Großteil der Macht und Ressourcen. Viele Menschen wenden sich mittlerweile von stereotypen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit ab. Sie bestimmen je nach ihrer Geschlechtsidentität ihren Geschlechtsausdruck. Dieser Ausdruck ist fluide und kann sich über die Zeit hinweg verschieben. Geschlecht kann somit mehr bedeuten als Männlichkeit oder Weiblichkeit: Personen identifizieren sich als eher männlich oder eher weiblich – oder außerhalb dieser beiden Pole. In einer demokratischen Gesellschaft, die sich zu Menschenrechten und Humanismus bekennt, sollte jeder Mensch einen Anspruch darauf haben, die eigene, geschlechtliche Identität zu definieren, ohne diskriminiert zu werden. Der Grad der Freiheit einer Gesellschaft lässt sich auch an dieser Akzeptanz ablesen. In fast allen Gesellschaften ist es von großer Bedeutung, ob jemand als Frau oder als Mann gelesen wird, da Männer Privilegien genießen und mehr Macht haben. Um diese Machtverhältnisse zu stärken, beharren konservative und rechte Kräfte auf der binären Geschlechtervorstellung: Privilegien werden als naturgegeben vom Geschlecht abgeleitet und die bestehenden Verhältnisse zementiert. 1. Eins, zwei, drei, viele Geschlechter? 9 Die Genderbreadperson bringt alles, was zu Geschlecht gehört, auf den Punkt: Ausdruck Identität Attraktion Sex Das englische Original: http://bit.ly/ipmgbqr 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ?! Fragen und Argumente Sind Mann und Frau nicht von Natur aus verschieden? Der Mensch ist ein soziales Wesen. Babys bekommen bereits ab der Geburt vorgelebt, wie ein Mädchen oder ein Junge sein soll. Es gibt zwar biologische Geschlechtsmerkmale, deren Unterscheidung in ‚weiblich‘ und ‚männlich‘ für die Fortpflanzung von Bedeutung ist. Es sind jedoch nicht Hormone und Gene, die persönliche Eigenschaften und Verhaltensweisen festlegen. Vielmehr wachsen Kinder in Auseinandersetzung mit Normen und Erwartungen an ihr Verhalten ‚als Junge‘ oder ‚als Mädchen‘ auf. Auch das Gehirn, das sich in Bezug auf die eigenen Erfahrungen entwickelt, unterliegt diesem Einfluss. Vom ersten Tag an werden bei Mädchen andere Gehirnregionen stimuliert als bei Jungen. Viele Menschen haben Probleme mit den Erwartungen, die an sie ‚als Mann‘ oder ‚als Frau‘ gestellt werden: Ein Junge weint nicht! Ein Mädchen ist nicht aggressiv! Frauen eignen sich besser für Pflegeberufe, Männer eher für technische Berufe... Je weniger wirkmächtig solche Setzungen ausfallen, desto einfacher ist es, die eigene Persönlichkeit abseits vorgegebener Geschlechterrollen zu erkunden und die eigene Geschlechtsidentität zu leben. Geschlecht ist obendrein ein sozialer Platzanweiser: bei der Berufswahl, auf der Karriereleiter, bei der Arbeitsteilung in der Familie, in der Politik, in den Medien, in der Wirtschaft, im Sport... Überall werden Menschen in die Schublade ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ einsortiert. Doch das hat nichts mit biologisch bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen zu tun, sondern vielmehr mit gesellschaftlichen Geschlechternormen. 1. Eins, zwei, drei, viele Geschlechter? 11 ?! Fragen und Argumente Ist Gender nicht ‚Gleichmacherei‘? Soll eine Frau nicht mehr Frau, ein Mann nicht mehr Mann sein können? Das Entscheidende ist: Niemand soll zu einer bestimmten Geschlechtsidentität, sexuellen Orientierung oder bestimmten Lebensform gezwungen werden. Es gibt nicht nur eine Art, ‚als Frau‘ oder ‚als Mann‘ zu leben. Es eröff nen sich vielmehr viele Varianten des Frau-Seins, des Mann-Seins oder auch des Ganz-anders-Seins. Die Vorstellung von Geschlecht als Möglichkeit, sich selbst an beliebiger Stelle zwischen den Polen ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ oder auch ganz außerhalb dieser zu positionieren, gibt jeder Person die Freiheit, sich als männlich oder weiblich zu definieren, ohne sich gesellschaftlichen Normen und Geschlechterklischees unterwerfen zu müssen. Andere können die Etikettierung als ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ für sich ablehnen und sich als beides oder etwas anderes definieren. Die Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung oder Lebensweise des Gegenübers zu akzeptieren ist ein wichtiger Pfeiler liberaler Gesellschaften. Es ist übergriffig, einer Person die ideologische Zwangsjacke eines spezifisch männlichen oder weiblichen Verhaltens überzustülpen. Denn: die freie Entfaltung der eigenen, individuellen Persönlichkeit ist unabdingbare Grundlage für unsere psychische und physische Gesundheit. Noch Fragen? Intersexualität: Warum es mehr als zwei Geschlechter gibt. Quarks. 29.05.2021. https://www.youtube.com/watch?v=j5LQi5qiF7k Sommer, Angela. Intersexualität – es gibt mehr als zwei Geschlechter. 2018. https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/sexualitaet/intersexualitaet/index.html Ainsworth, Claire. Die Neudefinition des Geschlechts. www.spektrum.de, 05.03.2015. http://www.spektrum.de/news/die-neudefinition-des-geschlechts/1335086 12 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 2. Die Kleinfamilie: Soll abgeschafft werden? Vater, Mutter, Kind – so stellen sich viele Menschen eine Familie vor. Auch wenn sich die meisten jungen Paare eine andere Arbeitsteilung wünschen, trägt der Vater vielfach noch immer die Hauptverantwortung für den Lebensunterhalt, während sich die Mutter hauptsächlich um die Familie kümmert und ‚zuverdient‘. Doch Familie kann ganz unterschiedlich aussehen: homosexuelle Paare mit Kindern, Ein-Eltern-Familien, größere Lebensgemeinschaften oder KleeblattFamilien, also je ein lesbisches und schwules Paar, die gemeinsam Kinder bekommen und aufziehen. Auch transidente oder intersexuelle Menschen gründen eine Familie. Jede Gemeinschaft, in der Menschen auf Dauer Verantwortung für andere und füreinander übernehmen, sollte als Familie mit allen Rechten und Pflichten anerkannt werden. In Deutschland ist die Institution der Ehe noch immer mit besonderem rechtlichen Schutz und Privilegien verbunden. Deswegen muss sie allen Menschen geöffnet werden, egal welchen Geschlechts und welcher sexuellen Orientierung. In einer offenen Gesellschaft hat jeder Mensch das Recht, den oder die Partner_in frei zu wählen und das Zusammenleben gleichberechtigt nach individuellen Bedürfnissen zu gestalten. Das gilt auch für die Erziehung von Kindern. Aufgabe des Staates 2. Die Kleinfamilie: Soll abgeschafft werden? 13 Familie in Deutschland ist vielfältig: Die Eltern minderjähriger Kinder sind immer seltener miteinander verheiratet. Waren es nach Zahlen des Statistischen Amtes BerlinBrandenburg 1996 noch 83,9 Pro zent, so sank der Anteil 2022 auf 69 Prozent. Im gleichen Zeitraum verdreifachte sich die Zahl der Kinder, deren Eltern ohne Trauschein zusammenleben: von 4,2 auf 12 Prozent. Immer mehr min derjährige Kinder wachsen bei Alleinerziehenden auf. Fast jede vierte Familie in Deutschland ist heute eine Ein-Eltern-Familie. ist es, diese Freiheit zu garantieren und allen Kindern die gleichen Chancen zu sichern, egal in welcher Familie sie leben. Auch Regenbogenfamilien, die nicht dem traditionellen Modell entsprechen, brauchen den Schutz und die Unterstützung des Staates. Voraussetzung für staatlichen Schutz muss die dauerhafte Übernahme von Verantwortung für andere sein und nicht eine bestimmte Paarkonstellation. Noch Fragen? Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Familienreport 2024. https://www.bmfsfj.de/resource/blob/239468/a09d21ecd295be59a9aced5b10d7c5b7/familienreport-2024-data.pdf 14 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ?! Fragen und Argumente Wird die Familie durch die Gleichstellung verschiedener Lebensformen zerstört? Jede Gemeinschaft, in der Menschen auf Dauer Verantwortung für andere und füreinander übernehmen, sollte als Familie anerkannt werden. Die Gleichstellung verschiedener Familienformen schafft die Kleinfamilie nicht ab, sondern gewährt allen Formen familiärer Verantwortung die gleichen Rechte. Wie die Vorstellung von Geschlecht wandelt sich auch die von Familie mit der Zeit und in unterschiedlichen Kulturen. Das Ideal der Kleinfamilie mit einem männlichen Oberhaupt und Ernährer sowie einer Hausfrau und Mutter entstand mit der Herausbildung des Bürgertums im 19. Jahr hundert und wurde im westlichen Nachkriegsdeutschland rechtlich zunächst zementiert. Auch in der DDR herrschte die traditionelle familiäre Arbeitsteilung vor, jedoch verbunden mit der Vollzeiterwerbstätigkeit der Frau und einer flächendeckenden öffentlichen Betreuung der Kinder. Blickt man aber in die deutsche Geschichte, so war diese Familienform eher Ausnahme als Regel. Im Adel wurden die Kinder nicht von den Eltern, sondern von einer Kinderfrau großgezogen. In bäuerlichen Ge meinschaften liefen Kinder im Alltag irgendwie mit. Und in den Arbeiterfamilien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war die Frau erwerbstätig, weil ein Lohn nicht für eine ganze Familie reichte. Von Zerstörung kann also nicht die Rede sein, wohl aber von Wandel. 2. Die Kleinfamilie: Soll abgeschafft werden? 15 ?! Fragen und Argumente Leiden die Kinder unter alternativen Familienformen, weil sie Vater und Mutter brauchen? Ein Kind benötigt mindestens eine erwachsene Person, die es liebt, für es sorgt und es beschützt. Kinder aus Regenbogenfamilien empfinden zwei Mamas, zwei Papas oder eine Mama, die früher ein Papa war, als normal. Das ist wissenschaftlich gesichert. Viele Kinder leben mit ihren biologischen Eltern zusammen und sind glücklich. Aber auch soziale Väter und Mütter oder andere Personen können empathische Beziehungen aufbauen – die biologische Abstammung garantiert keine harmonische Familie. Kinder benötigen eine Vielzahl an Vorbildern für Geschlechterrollen, damit sie ihre eigene Identität frei von starren Normen entfalten können. Insbesondere Kinder aus alternativen Familienformen profitieren von dieser Vielfalt. Dennoch sind sie oftmals Diskriminierungen in der Schule oder im sozialen Umfeld ausgesetzt. Ursache sind queerfeindliche Strukturen und Haltungen im Umfeld, welche adressiert und abgebaut werden müssen. Nicht also die Familienform, sondern andere Faktoren bestimmen die emotionale Stabilität von Kindern. Dazu gehört unter anderem ein tolerantes Umfeld, aber auch die Fähigkeit der jeweiligen Bezugsperson eine stabile und vertrauensvolle Beziehung mit dem Kind aufzubauen. Noch Fragen? Lisa de Vries. Regenbogenfamilien in Deutschland. Deutsches Jugendinstitut. 2021. https://www.dji.de/ fileadmin/user_upload/bibs2021/SoDr_01_de_Vries_Regenbogenfamilien.pdf Pia Bergold/Andrea Bauschner. Regenbogenfamilien in Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung. 2018. https://www.bpb.de/themen/gender-diversitaet/homosexualitaet/269064/regenbogenfamilien-in-deutschland/ Marina Rupp. Ergebnisse der ersten repräsentativen wissenschaftlichen Studie in Deutschland über Kinder in Regenbogenfamilien. LSVD. 2009. http://lsvd.de/fileadmin/pics/Dokumente/Adoption/LSVD_Essentiels-BMJ-Studie.pdf 16 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 3. Sexualerziehung in Kita und Schule: Indoktrination? Pädagogische Fachkräfte in KindertaSexualität ist... geseinrichtungen(Kita) und der Schule die Gesamtheit der Lebensäuße‚bringen‘ Kindern und Jugendlichen rungen, Verhaltensweisen, Emonicht nur etwas ‚bei‘. Sie begleiten diese tionen und Interaktionen von vielmehr bei ihrer persönlichen EntwickMenschen in Bezug auf ihr Gelung. Das gilt auch für die Entwicklung schlecht. Sie bezeichnet nicht der Sexualität. In der Kita heißt das nur Geschlechtsverkehr unter Erzunächst einmal, Fragen der Kinder wachsenen, sondern zählt vielzu beantworten. Erzieher_ innen und mehr zu den Grundbedürfnissen Lehrer_innen haben ihren Auftrag dabei wie Essen, Trinken und Schlafen. nicht in erster Linie von den Eltern, sondern von der Gesellschaft. Das Leitbild sollte eine an den Menschenrechten orientierte, humanistische und demokratische Bildung sein, die Menschen dazu befähigt, sich in einer immer komplexeren Gesellschaft zurechtzufinden. 3. Sexualerziehung in Kita und Schule: Indoktrination? 17 Die gelebte Vielfalt in unserer GesellSexualpädagogik ist... schaft muss auch in der Schule Platz die pädagogische Arbeit, die sich finden. Das betrifft nicht nur Gemit Fragen zu Liebe, Gefühlen, schlecht und sexuelle Orientierung, Fortpflanzung, körperlicher sondern ebenso den ethnischen, Entwicklung, Körper, Geschlecht, sozialen oder kulturellen Hintergrund, Erotik und allen Formen der SexuReligion oder Behinderung. Das Leitalität, sexueller Lust, Selbstbebild einer Pädagogik der Vielfalt hat friedigung sowie zum Erwachsensich das auf die Fahnen geschrieben. werden beschäftigt. Eine Sexualpädagogik der Vielfalt behandelt altersangemessen und sensibel vielfältige Aspekte von Geschlecht, sexuellem Begehren und Formen des Zusammenlebens. Frage-Tabus sollte es dabei nicht geben. Im Zentrum stehen vielmehr Respekt und Akzeptanz für unterschiedlichste Lebensentwürfe. 18 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ?! Fragen und Argumente Werden Kinder durch Sexualpädagogik in der Kita oder Schule ‚frühsexualisiert‘? Kinder haben Fragen zur Sexualität. Und sie haben ein Recht darauf, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Umso besser, wenn Pädagog_innen dafür ausgebildet sind. Wie kam das Baby in Mamas Bauch? Warum wollen Mama und Papa manchmal im Bett allein sein? Muss ich mich von Tante Ilse abküssen lassen? Warum hat Ronja zwei Papas?... Viele Eltern fühlen sich angesichts solcher Fragen beschämt und überfordert. Für die meisten Kinder und Jugendlichen ist die Schule daher der erste Ort, an dem sie über Sexualität aufgeklärt werden. Wir Menschen interessieren uns bereits in der Kindheit für den eigenen Körper und den Körper anderer. Mit zunehmendem Alter finden wir einen Umgang mit Grundbedürfnissen wie körperlicher Nähe und sexuellen Wünschen. Auch Kinder sind bereits vielen körperbezogenen Reizen ausgesetzt, wobei vor allem die(sozialen) Medien einen großen Raum einnehmen. Kinder werden im Alltag permanent mit sexualisierten Bildern konfrontiert – auf Werbeplakaten, in den sozialen Medien oder im Fernsehen. Das kann man kritisch sehen, es ist allerdings eine gesellschaftliche Realität. Es ist nicht möglich, Kinder davor gänzlich zu schützen. Vielmehr müssen sie lernen, solche Bilder einzuordnen. Viele Kinder und Jugendliche bekommen im Netz oder in sozialen Netzwerken sogar Pornografie zu sehen, und zwar selbst dann, wenn sie das gar nicht wollen. Umso dringender benötigen sie Pädagog_innen, mit denen sie solche Erfahrungen thematisieren können. Die Begriffe ‚Frühsexualisierung‘, die von Gegner_innen moderner sexual pädagogischer Ansätze ins Feld geführt werden, suggerieren, Sexualität werde ‚von außen‘ an ‚unschuldige Kinder‘ herangetragen. Faktisch sind Kinder aber schon früh mit Sexualität konfrontiert, es geht darum, sie im Umgang damit zu begleiten. 3. Sexualerziehung in Kita und Schule: Indoktrination? 19 ?! Fragen und Argumente Schränkt staatliche Sexualerziehung das Elternrecht ein? Werden Kinder gegen den Willen der Eltern ‚umerzogen‘? Kita, Schule und Eltern sorgen gemeinsam dafür, dass Kinder ihre Persönlichkeit frei entfalten sowie entsprechend ihrer geschlechtlichen Identität und ihrer sexuellen Orientierung leben können. Der öffentliche Bildungsauftrag ergänzt das Elternrecht, er ersetzt es nicht. Die Leitlinie für pädagogische Institutionen in Deutschland ergeben sich aus den Normen und Werten einer demokratischen Gesellschaft. In Einzelfällen kann dies zum Konflikt mit den Eltern führen. Maßstab sind dann die Persönlichkeitsrechte des Kindes. Lehrpläne, auch die zur Sexualkunde, werden von den Bildungsministerien in transparenten Verfahren erlassen. Neben pädagogischen Expert_innen kommen in diesem Prozess auch Elternbeiräte zu Wort. Gerade in der Sexualkunde wird großer Wert darauf gelegt, dass Eltern informiert und eingebunden sind. Hinter dem Vorwurf staatlicher ‚Umerziehung‘ steckt meist die Angst, Kinder könnten eine den moralischen Vorstellungen der Eltern entgegenstehende geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung entwickeln. Geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung lassen sich aber nicht an- oder aberziehen. Vielmehr haben queere Menschen meist schon sehr früh ein deutliches Bewusstsein für ihre geschlechtliche Identität. Die Erfahrung, einen so wichtigen Teil der Persönlichkeit nicht ausleben zu ‚dürfen‘ oder dafür gemobbt zu werden, ist traumatisierend. Schule und Kita sollen Kinder und Jugendliche dazu ermutigen, ihren eigenen Weg jenseits von repressiven Moralvorstellungen zu gehen. 20 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ?! Fragen und Argumente Werden Kinder und Jugendliche durch eine Sexualpädagogik der Vielfalt in ihrer geschlechtlichen Identität verwirrt? Ein Verständnis von Geschlecht, das sich nicht auf die Binarität von ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ beschränkt, stellt eine Herausforderung dar. Es begegnet jedoch allen Heranwachsenden mit Wertschätzung und unterstützt sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Die Vorstellung von Geschlecht als Möglichkeit, sich zwischen den Polen ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ – oder auch jenseits davon – selbst zu positio nieren, wie auch ein eigenes ‚unklares‘ sexuelles Begehren können zu nächst verwirren. Mit pädagogischer Unterstützung können Kinder und Jugendliche diese Verunsicherung durchleben und einen eigenen Weg finden. Damit erweitert Sexualerziehung die individuellen Freiheiten von Kindern und Jugendlichen. Der Vorwurf der Verwirrung von Jugendlichen wird häufig im Zusammenhang mit deren Suizidrate geäußert. Jugendliche, die sich nicht in der zweigeschlechtlichen Norm wiederfinden, versuchen häufiger als andere, sich das Leben zu nehmen. Es besteht ein großer Anpassungsdruck von außen, der zu emotionalem Leid führt. Dies bestätigt auch eine Studie des Deutschen Jugendinstituts, wonach acht von zehn homosexuellen, trans- oder interidenten Jugendlichen von Diskriminierungen in der Familie oder dem Umfeld betroffen sind. Um die Jugendlichen zu schützen, müssen wir uns daher gesamtgesellschaftlich zum Ziel setzen, ihnen den Rücken zu stärken und Diskriminierungen entgegentreten. Ein besonderes Augenmerk muss hierbei auf der Förderung eines toleranten und respektvollen Miteinanders in schulischen Kontexten liegen. Noch Fragen? Lisa de Vries. Regenbogenfamilien in Deutschland. Deutsches Jugendinstitut. 2021. https://www.dji.de/ fileadmin/user_upload/bibs2021/SoDr_01_de_Vries_Regenbogenfamilien.pdf 3. Sexualerziehung in Kita und Schule: Indoktrination? 21 ?! Fragen und Argumente Fördert eine Sexualpädagogik der Vielfalt sexuellen Missbrauch von Kindern? In der Sexualerziehung in der Kita und Schule lernen Kinder zu bestimmen, wer ihnen körperlich nahe sein darf und wer nicht. Eigene Grenzen setzen und die Grenzen anderer zu respektieren ist ein wichtiges sexualpädagogisches Ziel. Kinder und Jugendliche werden dann besonders leicht Opfer von sexuellem Missbrauch, wenn sie nicht gelernt haben, selbstbewusst ‚Nein‘ zu sagen, wenn sie nicht wissen, ob eine andere Person ‚das darf‘. Der be kannt gewordene Missbrauch in reformpädagogischen Kontexten soll hier nicht kleingeredet werden. Gleichwohl findet sexueller Missbrauch häufig in gesellschaftlichen Räumen statt, in denen Sexualität besonders stark tabuisiert ist. Noch Fragen? GEW Hauptvorstand. Für eine Pädagogik der Vielfalt. Argumente gegen ultrakonservative, neu-rechte und christlich-fundamentalistische Behauptungen. 2016. https://www.gew.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=42408&token=3efe1cc4d6ce573be713a312 0c1ad4093ca65ac3&sdownload=&n=201602_Fuer_ eine_Paedagogik_der_Vielfalt.pdf Krell, Claudia/Oldemeier, Kerstin. Coming-out – und dann...?! Ein DJI-Forschungsprojekt zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Deutsches Jugendinstitut. 2015. http://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2015/DJI_Coming-out_Broschuere_ barrierefrei.pdf 22 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 4. Sexuelle Selbstbestimmung: Emanzen-Gehabe? Reproduktive Rechte: Gegen das Leben? Sexuelle Selbstbestimmung meint das Recht, über das eigene Begehren und die eigene Sexualität frei zu bestimmen und vor Übergriffen und sexualisierter Gewalt geschützt zu sein. Sexuelle Übergriffe sind Handlungen, die nicht einvernehmlich stattfinden, sondern durch körperliche oder psychische Gewalt erzwungen werden. Mit der Änderung des Sexualstrafrechts im Jahr 2016 wurde die sexuelle Selbstbestimmung gestärkt. Wenn es um sexuelle Belästigung und Übergriffe geht, heißt ‚Nein‘ jetzt auch vor Gericht eindeutig ‚Nein‘ und muss nicht mehr durch aktive Gegenwehr ‚nachgewiesen‘ werden. In Deutschland werden Frauen nicht mehr unbedingt dazu gezwungen, eine ungewollte Schwangerschaft auszutragen. Wenn die körperliche oder psychische Gesundheit der Frau in Gefahr ist, kann die Schwangerschaft 4. Sexuelle Selbstbestimmung: Emanzen-Gehabe? … 23 legal abgebrochen werden. In anderen Bei reproduktiven Rechten Fällen ist dies„rechtswidrig, aber geht es um Geburtenplanung straffrei“. Damit wird der moralische und selbstbestimmte SchwangerZeigefinger gehoben. Verstärkt wird schaft. das durch die Zwangsberatung, die Frauen die Fähigkeit zur verantwortlichen Entscheidung abspricht. Ein selbstverständliches Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch gibt es also auch bei uns noch nicht. Die Durchsetzung der Straffreiheit beim Schwangeschaftsabbruch durch Abschaffung des§218 bleibt ein wichtiges politisches Anliegen. Obendrein werden Frauen und Ärzt_innen zunehmend von militanten Abtreibungsgegner_innen bedrängt und unter Druck gesetzt. Auch wenn das Gesetz gegen Gehsteigbelästigungen seit September 2024 den schlimmsten Auswüchsen einen Riegel vorgeschoben hat: solange eine Frau nicht über ihren Körper bestimmen kann, sobald sie schwanger wird, wird es keine Geschlechtergerechtigkeit geben. Für sexuelle Selbstbestimmung und reproduktive Rechte haben Frauenbewegungen in vielen Jahren hart gekämpft. Und sie sind noch längst nicht in allen Ländern Realität geworden. 24 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ?! Fragen und Argumente Sind Frauen selbst schuld an sexuellen Belästigungen, wenn sie sich aufreizend kleiden oder benehmen? Der Mann ist den eigenen Trieben nicht ausgeliefert. Er kann sich beim Anblick sexueller Reize beherrschen, wenn er das will. Diese Argumentation weist Frauen, also den Opfern, auch noch die Verantwortung für übergriffiges Verhalten von Männern zu. Frauenkörper werden idealisiert und sexualisiert. Die erotische Projektion männlicher Bedürfnisse auf den weiblichen Körper entspricht jedoch nicht der Lebensrealität von Frauen. Frauen gehen aus und wollen Spaß haben – wie Männer auch. Dabei können sie sich kleiden, wie sie wollen. Ein kurzer Rock oder ein Top sind keine Einladung, eine Frau sexuell zu bedrängen oder zu belästigen. Auch hier ist ein ‚Nein‘ eindeutig ein ‚Nein‘! Übrigens diskriminiert diese Argumentation auch die Männer – als seien sie triebgesteuerte Tiere. 4. Sexuelle Selbstbestimmung: Emanzen-Gehabe? … 25 ?! Fragen und Argumente Müssen wir das Leben der Ungeborenen vor den Selbstbestimmungswünschen der Frau schützen? Frauen, die keine Verantwortung für ein Kind übernehmen können oder wollen, treiben in ihrer Not auch illegal ab. Das ist mit gesundheitlichen Risiken und/oder hohen Kosten verbunden. Diese Erfahrung zeigt die Geschichte, sowie die Lebensrealität von Frauen in Ländern mit restriktiveren Abtreibungsrechten. Einer Schwangerschaftsunterbrechung geht eine eingehende Abwägung der eigenen Lebenslage voraus. Erwachsenen Frauen die Kompetenz abzusprechen für sich selbst die richtige Entscheidung treffen zu können, ist bevormundend. Ab welchem Zeitpunkt ein Fetus ein von der Mutter unabhängiges Lebensrecht besitzt, ist ständig in der Diskussion. Ethische Fragen und religiöse Überzeugungen müssen dabei mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau abgewogen werden. Wenn so fundamentale Rechtsgüter gegeneinanderstehen, ist Sensibilität gefragt. 26 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ?! Fragen und Argumente Muss der Staat etwas gegen die Schrumpfung der Bevölkerung tun? Wer mit Kindern leben will, soll Kinder bekommen können, ohne dadurch berufliche oder materielle Nachteile zu erleiden. Dafür muss der Staat sorgen. Er darf Menschen aber nicht in ihrer Lebensgestaltung bevormunden. Die Zahl der Menschen, die in Deutschland leben, steigt seit einigen Jahren. Zwar werden wieder etwas mehr Kinder geboren, jedoch ausgehend von einem niedrigen Niveau. Damit wird die Gesellschaft insgesamt älter. Diese demografische Entwicklung stellt vor allem für die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt, das Renten- und das Gesundheitssystem eine politische Herausforderung dar. Diese Systeme müssen ‚demografiefest‘ umgebaut werden. Die Grenzen zu schließen und stattdessen herkunfts deutsche Paare dazu zu animieren, mehr Kinder zu bekommen, ist hingegen so unrealistisch wie rassistisch. Vielmehr kann Einwanderung in diesem Zusammenhang als Chance betrachtet werden. Der Gedanke an eigene Kinder ist für viele Frauen sorgenbehaftet. Vor allem für kinderreiche und Ein-Eltern-Familien sind Kinder in Deutschland ein Armutsrisiko. Die Bildungschancen der Kinder hängen stärker als in den meisten anderen Industrienationen von der sozialen Position der Eltern ab. Und trotz des verstärkten Ausbaus öffentlicher Betreuungsangebote bleibt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für viele Mütter ein Drahtseilakt. Familien müssen durch öffentliche Angebote und Veränderungen in der Erwerbsarbeit zeitlich und finanziell so entlastet werden, dass sich Kinderwünsche leichter realisieren lassen – denn die Zahl der gewünschten Kinder ist größer als die der tatsächlichen Geburten. 4. Sexuelle Selbstbestimmung: Emanzen-Gehabe? … 27 5. Geschlechterforschung: Überflüssige Produktion von Ideologie? Geschlechterforschung, englisch Gender Studies, betrachtet Geschlecht nicht primär als individuelle Eigenschaft, sondern als soziales Verhältnis in einer politisch gestalteten und historisch gewachsenen Gesellschaft. Dazu gehören im Wesentlichen folgende Fragestellungen: Wie formen Geschlecht, Geschlechterverhältnisse und Sexualität die Welt, in der wir leben? Wie werden die Gesellschaft und deren einzelne Bereiche durch die Einteilung in ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ sortiert und kategorisiert? Und welche Bedeutung hat diese Sortierung? Wie ‚entsteht‘ Geschlecht überhaupt? Wie kommt es, dass wir persönlichen Eigenschaften und vielen anderen Aspekten des Lebens das Etikett ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ ankleben? Und wie funktioniert diese Zweigeschlechtlichkeit als gesellschaftliche Norm? 28 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Fragen nach der Bedeutung von Geschlecht betreffen alle wissenschaftlichen Disziplinen. So untersuchen z. B. Sozialwissenschaftler_innen die Altersarmut von Frauen oder analysieren die Entgeltlücke zwischen den Geschlechtern. Die Geschichtswissenschaft erforscht den Einfluss von Frauen in einzelnen Epochen und Kulturen sowie Konstruktionen von Geschlecht in bestimmten historischen Kontexten. In der Medizin wurde z. B. vor einigen Jahren herausgefunden, dass Frauen bei einem Herzinfarkt andere Symptome zeigen als Männer. Da bis zu diesem Zeitpunkt nur die ‚männlichen‘ Symptome in der medizinischen Ausbil dung unterrichtet wurden, wurde bei vielen Frauen ein Herzinfarkt zu spät oder gar nicht diagnostiziert. Neue Perspektiven dieser Art können nur durch medizinischen Geschlechterforschung integriert werden. Kurz: Das Wissen um Geschlechterverhältnisse hilft dabei, Diskriminierungen, Ungleichheiten und Ausschlussmechanismen aufzudecken, zu verstehen und abzubauen. 5. Geschlechterforschung: Überflüssige Produktion von Ideologie? 29 ?! Fragen und Argumente Warum muss über etwas geforscht werden, das doch völlig klar ist? Ist Geschlechterforschung nicht eine Spielwiese, die viel Geld verschlingt und nichts bringt? In der Geschlechterforschung geht es darum, Ungleichheit, Diskriminierung und Ausgrenzungen aufgrund des Geschlechts in der Gesellschaft zu untersuchen und abzubauen. Geschlecht ist bei weitem nicht nur von biologischen Eigenschaften abhängig. Die Situation ist daher nicht so einfach, wie sie scheint. Obwohl die meisten Menschen selbstverständlich als Mann und Frau aufwachsen, hat die Wissenschaft bereits zweifelsfrei bewiesen, dass es bereits in der biologischen Ausstattung des Körpers mehr als zwei Geschlechter gibt und dass geschlechtstypische Eigenschaften sozial konstruiert sind – also von kulturellen und politischen Faktoren abhängen. Deswegen ist es sinnvoll, Fragen nach Konzepten von Geschlecht und deren Bedeutung für die Gesellschaft zu untersuchen. Die Geschlechterforschung setzt sich zum Ziel, die Gegebenheiten, die wir für normal oder für selbstverständlich halten, zu hinterfragen und genauer zu untersuchen. Sie ist eine international etablierte wissenschaftliche Disziplin und durch die Wissenschaftsfreiheit nach Artikel 5(3) des Grundgesetzes geschützt. Der Vorwurf, durch Geschlechterforschung werde Geld verschwendet, spricht einerseits der Disziplin ihren gesamtgesellschaftlichen Nutzen ab, andererseits ist er aber auch haltlos. Von den 51.873 Professuren an allen deutschen Hochschulen sind nur 173 für Geschlechterforschung zuständig(Stand 2023). Das sind gerade einmal 0,33 Prozent. 30 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ?! Fragen und Argumente Ist Geschlechterforschung eine Ideologie, die sich als Wissenschaft tarnt? Geschlechterforschung unterliegt wie alle anderen Disziplinen wissenschaftlichen Kriterien. Zudem ist sie ihrem Selbstverständnis nach eine außerordentlich selbstkritische Disziplin. → Geschlechterforschung kritisiert gesellschaftliche Verhältnisse und Missstände mit dem Ziel, Ungerechtigkeiten und Hierarchien aufzudecken. → Geschlechterforschung betreibt Wissenschaftskritik, weil der Blick der Wissenschaft von einer männlichen und weißen Perspektive ausgeht und damit zumeist blind bleibt für Geschlecht und andere Perspektiven. → Geschlechterforschung ist selbstkritisch. So begegnet sie dem Risiko, dass durch die ‚Geschlechterbrille‘ andere Differenzierungen, zum Bei spiel ethnische Herkunft, kultureller oder sozialer Hintergrund, übersehen werden. Deswegen wird unter dem Begriff Intersektionalität nach der Verschränkung unterschiedlicher Aspekte von Ungleichheit gefragt. Die Geschlechterforschung verfolgt keine ideologische Agenda, sondern stellt unvoreingenommene Fragen an den Ist-Zustand der Geschlechterverhältnisse. Dabei werden empirische Methoden angewandt, sodass sich die gewonnenen Erkenntnisse über die Geschlechterverhältnisse auf überprüfte Daten stützt. Im Gegensatz dazu setzen konservative Ansätze(Mann und Frau sind natürlich/gottgegeben) den Ist-Zustand absolut und schließen somit Raum für kritische Auseinandersetzung aus. Andere Konzepte von Geschlecht werden dann im schlimmsten Fall als ‚abartig‘ oder ‚krank‘ ausgegrenzt. Diese Perspek tive muss sich ihrerseits den Vorwurf der Ideologie gefallen lassen. Unter Ideologie wird ein geschlossenes Weltbild verstanden, das nicht hinterfragt wird. 5. Geschlechterforschung: Überflüssige Produktion von Ideologie? 31 ?! Fragen und Argumente Geschlechterforschung wird überwiegend von Frauen betrieben, fehlt es da nicht an Objektivität? Objektivität hängt nicht vom Geschlecht der Forschenden ab, sondern von deren Fähigkeit zur(Selbst-)Reflexion. Die Polemik einmal umgedreht: Die gesamte Wissenschaft wurde über Jahrhunderte nur von Männern betrieben. Fehlt es da nicht dem gesamten wissenschaftlichen Fundament unserer Zeit an Objektivität? Noch Fragen? Evangeline Adler-Klausen/Daniela Jauk/Stefanie Mayer/Elli Scambor: Gleichberechtigte Wissenschaft. Fundiert argumentieren für Gender Studies. Koordinationsstelle für Geschlechterstudien und Gleichstellung, Universität Graz. 2017. https://static.uni-graz.at/fileadmin/Koordination-Gender/Allgemeines/Broschuere_ Gender_Studies_Online.pdf 32 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 6. Geschlechterpolitische Strategien: Schnee von gestern? Mädchen und junge Frauen wachsen in dem Bewusstsein auf, alles erreichen zu können, wenn sie sich nur tüchtig anstrengen. Doch spätestens beim ersten Kind merken sie: Das stimmt nicht! Es ist die immer gleiche Litanei: Die Entgeltlücke zwischen Männern und Frauen verharrt seit Jahren bei um die 18 Prozent. Bei der Rente summiert sich die Differenz auf 43,8 Prozent in West- und 18,6 Prozent in Ostdeutschland. Frauen leisten 44,3 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer und tragen damit die Hauptverantwortung für die Erziehung von Kindern und Pflege von Angehörigen. Sie sitzen auf weniger Chefsesseln in der Wirtschaft und verfügen über weniger politische Macht. Auch nach sechzehn Jahren einer Kanzlerin stagniert der Frauenanteil in den Parlamenten von Bund und Ländern bei rund einem Drittel. 6. Geschlechterpolitische Strategien: Schnee von gestern? 33 Artikel 3(2) des Grundgesetzes besagt: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Damit hat der Staat eine gestaltende Aufgabe, er darf nicht einfach abwarten, wie sich die Geschlechterverhältnisse entwickeln. Im Laufe der Jahre wurden verschiedene geschlechterpolitische Strategien und Instrumente ausgestaltet, um Benachteiligungen und Ausschlüsse aufgrund des Geschlechts zu beheben, vor allem Frauenförderung, Quotierungen, Gender Mainstreaming und Gender Budgeting sowie Diversity-Management. → Frauenförderung und Gleichstellungsstrategien sind vor allem im öffentlichen Dienst etabliert: Dabei werden Frauen, soweit sie unterrepräsentiert sind, bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt oder befördert. Gleichstellungsbeauftragte kontrollieren die Einhaltung von Gleichstellungsplänen. → Quoten in den meisten Parteien und jüngst auch in Aufsichtsräten: Damit werden(Mindest-)Anteile für Frauen oder für beide Geschlechter festgelegt. So soll der Einfluss von Vorurteilen und Geschlechterstereotypen, aber auch von männlichen Seilschaften begrenzt werden. → Gender Mainstreaming und Gender Budgeting: Dabei wird überprüft, welche (unterschiedlichen) Wirkungen politische Konzepte, Maßnahmen und(finan zielle) Entscheidungen auf die Gleichstellung von Frauen und Männer haben. → Diversity-Management: Hierbei wird die personelle Vielfalt – vor allem bezogen auf ethnische Herkunft, kulturellen oder religiösen Hintergrund, geschlechtliche Identität, sexuelle Orientierung und Behinderung – in Unternehmen und Teams gefördert. Grundlage ist die Einschätzung, dass sich dies positiv auf das wirtschaftliche Ergebnis auswirkt. Junge Frauen beanspruchen selbstbewusst die Hälfte des Kuchens – Geld, Zeit, Arbeit und Macht. Doch sie stoßen immer wieder auf Strukturen, die sie behindern, oder Personen, die sie ausschließen. Nur mit politischem Gestaltungswillen ist daran etwas zu ändern. 34 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ?! Fragen und Argumente Werden durch Paritätsgesetze nicht letztlich die Männer diskriminiert? Frauen könnten sich ja um ein Mandat bewerben, wenn sie wollen. Eine gesetzlich festgeschriebene Parität in Gremien wie dem Deutschen Bundestag würde bedeuten, dass alle Parteien und politischen Gruppierungen ihre Wahllisten zur Hälfte und in abwechselnder Reihenfolge mit Frauen und Männern besetzen. Bis heute gibt es keine verpflichtende Parität im Deutschen Bundestag, was klare Konsequenzen hat: der durchschnittliche Kandidat für die Bundestagswahl 2025 heißt Michael, ist 52 Jahre alt und Berufspolitiker.(Junge) Frauen hingegen haben es sehr viel schwerer. Aktuell sind nur 31,4% der Abgeordneten weiblich und bei konservativen und rechten Parteien fällt der Anteil noch geringer aus. So kommen in der CDU auf eine Frau drei männliche Kollegen, bei der AfD gleich 9. Mit diesem Ungleichgewicht geht auch eine ungleiche Interessensvertretung einher. Historisch betrachtet ist die Politik eine Männer-Domäne, was lange Zeit dazu führte, dass männliche Interessen gesamtgesellschaftlich privilegiert waren. Erst durch den Einzug von Frauen in die Parlamente änderte sich die Perspektive und teils überlebenswichtige Themen wie Gewalt in der Ehe, weibliche Altersarmut oder Prekarität alleinerziehender Mütter landeten auf der politischen Agenda. Jedoch auch unabhängig von der politischen Haltung der jeweiligen Politikerin: für eine Demokratie ist es essenziell, dass sich die Zusammensetzung in der Gesellschaft auch in den politischen Gremien niederschlägt. Die Forderung nach einem Paritätsgesetz lässt sich also leicht aus dem demokratischen Grundprinzip ableiten – sowie auch aus unserem Grundgesetz. Denn gemäß Art. 3 II 2 muss der Staat die tatsächliche Durchsetzung der Gleichstellung von Frau und Mann fördern und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinwirken. Wenn das kein Aufruf zur Parität ist… Noch Fragen? Dr. Silke Laskowski. 10 Argumente für Parität. Friedrich-Ebert-Stiftung. https://www.fes.de/index. php?eID=dumpFile&t=f&f=93225&token=ffa1c8baad852a05e7aca06b440095a2ef5bdcd7 Uta Kletzing. Pari…was? Fragen und Antworten zu Parität und Paritätsgesetz. Friedrich-Ebert-Stiftung. https://library.fes.de/pdf-files/dialog/15775.pdf 6. Geschlechterpolitische Strategien: Schnee von gestern? 35 ?! Fragen und Argumente Wozu brauchen wir Gender Mainstreaming oder Gender Budgeting? Das ist doch viel zu kompliziert. Diese Konzepte sind Methoden mit Hilfe derer sichergestellt wird, dass geschlechtsblinde Flecken bei der Planung und Umsetzung politischer Maßnahmen möglichst schon im Vorhinein thematisiert und bereinigt werden können. Und das ist eigentlich ganz einfach. Bei allen politischen Vorhaben wird gefragt: Wie wirkt es sich auf Männer aus? Und wie wirkt es sich auf Frauen aus? Unterstützt das Vorhaben die Gleichstellung der Geschlechter oder wirkt es diskriminierend? Letztlich geht es dabei auch um die Sicherung der Qualität politischer Maßnahmen. Gender Mainstreaming und Gender Budgeting als geschlechterpolitische Strategien sind für Organisationen geeignet, die im weitesten Sinne politisch handeln: Ministerien, Behörden, Kommunalverwaltungen, Verbände, Vereine oder Gewerkschaften, aber auch Schulen, Hochschulen und andere Bildungseinrichtungen. Da diese Organisationen demokratisch legitimiert und kontrollierbar sind, können sie am ehesten Schritte zur Gleichstellung der Geschlechter durchsetzen. 36 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ?! Fragen und Argumente Mädchen haben die besseren Schulabschlüsse. Sind jetzt nicht endlich mal die Jungen dran? Vor allem junge Menschen mit Migrationshintergrund, und hier insbesondere die jungen Männer, sind so genannte Bildungsverlierer. Und auch wenn Mädchen besser in der Schule abschneiden, zahlt sich das für sie auf dem Arbeitsmarkt noch nicht aus. Jungen werden seit einigen Jahren gern als die neuen Bildungsverlierer bezeichnet, weil Mädchen im Durchschnitt bessere Noten und höhere Schulabschlüsse erreichen. Dieser Unterschied besteht zwar, aber andere Merkmale spielen beim Bildungserfolg eine viel größere Rolle. Doppelt so viele Jungen ohne deutschen Pass als junge männliche Deutsche brechen die Schule ab. Beim Abitur ist der Unterschied noch extremer: Es gibt fast dreimal mehr Abiturienten mit deutscher Staatsangehörigkeit als ohne. Bei den Mädchen bestehen diese Unterschiede auch, sie fallen aber etwas weniger deutlich aus. Als Ursache wird angesichts des steigenden Anteils weiblicher Lehrkräfte häufig vermutet, es würden männliche Vorbilder für die Jungen fehlen. Allerdings kommen mehrere Studien zu dem Schluss, dass der Einfluss des Geschlechts der Lehrperson überschätzt wird. Und auf dem Arbeitsmarkt nutzt der bessere Schulabschluss den jungen Frauen nicht viel. Sie werden schlechter bezahlt, landen öfter in prekären Beschäftigungsverhältnissen, arbeiten häufiger in Teilzeit und stehen auf der Karriereleiter weiter unten als ihre Kollegen. 6. Geschlechterpolitische Strategien: Schnee von gestern? 37 ?! Fragen und Argumente Verhunzt das Gendern nicht unsere Sprache, macht sie schwer verständlich und ist überflüssig? Sprache strukturiert unser Verständnis der Welt. Was nicht benannt ist, wird nicht wahrgenommen. Nicht benannt werden ist daher eine Form der Diskriminierung. Beim Gebrauch von geschlechtergerechter oder-bewusster Sprache (manchmal Gendern genannt), werden Frauen und andere Geschlechter explizit benannt. Bei der Verwendung der männlichen Sprachform werden Frauen darauf reduziert„mitgemeint“ zu sein. Für geschlechtergerechte Sprache gibt es mehrere Strategien: → Das Verwenden von geschlechtsneutralen Bezeichnungen (z.B. Schreibende, Studierende) → das explizite Benennen der männlichen und weiblichen Form: Lehrerinnen und Lehrer, → die verschiedenen Sonderzeichen wie* Sternchen,: Doppelpunkt oder_Unterstrich/Gender Gap. → gute Beispiele finden sich u. a. auf geschicktgendern.de und genderleicht.de Natürlich irritieren ungewohnte Schreibweisen. Doch Sprache verändert sich kontinuierlich. Neue Wörter und Ausdrücke sickern ein, während veraltete Begriffe oder Formulierungen, etwa das Fräulein oder der Lehrling, abgelegt werden. Und geschlechtergerechte Sprache wirkt 38 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ?! Fragen und Argumente der verbreiteten Unsichtbarkeit von Frauen und Menschen mit anderen Geschlechtsidentitäten im Deutschen entgegen. An der eCard oder dem iPhone stört sich niemand, wohl aber an den Politiker:innen oder Ingenieur*innen. Das liegt daran, dass mit der Benennung aller Geschlechter auch das Männliche als unhinterfragte Norm zur Diskussion gestellt wird. Wichtiger als die Entscheidung für ein Zeichen, ob Unterstrich, Sternchen oder Doppelpunkt, ist vor allem, dass überhaupt gendersensibel gesprochen wird und das in jeder Art der Kommunikation: schriftlich und mündlich. Noch Fragen? Tanja Maier. Re:framing Gender. Geschlechtergerechte politische Kommunikation verstehen und umsetzen. Friedrich-Ebert-Stiftung. 2021. https://library.fes.de/pdf-files/pbud/18735.pdf ÜberzeuGENDERe Sprache. Leitfaden für eine geschlechtersensible und inklusive Sprache. Gleichstellungsbeauftragten der Universität zu Köln. 2017. Übersicht über verschiedene Leitfäden zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch: https://www.gew.de/ geschlechterbewusste-sprache/sprache/ 6. Geschlechterpolitische Strategien: Schnee von gestern? 39 ?! Fragen und Argumente Ist Frauenförderung nicht von gestern? Keine moderne Frau will ‚gefördert‘ werden. Ziel ist nicht, vermeintliche Defizite von Frauen zu beheben, sondern ihre Potenziale zu nutzen sowie Strukturen und Prozesse zu verändern, die Frauen behindern. Junge Frauen wollen in ihren Kompetenzen und Ansprüchen anerkannt werden. Sie sehen sich nicht als ‚Quotenfrau‘ oder förderbedürftiges Wesen. Grundlage von Frauenförderung ist jedoch die Erkenntnis, dass Frauen trotz gleicher oder sogar besserer Qualifikationen an gläserne Decken auf der Karriereleiter stoßen, an Vorurteilen und männlichen Seilschaften scheitern. Denn Unternehmen und Verwaltungen sind noch immer zu sehr auf den männlichen Normalerwerbstätigen zugeschnitten, dem die Frau zu Hause den Rücken freihält. Und Unternehmenskulturen sind noch immer von männlichen Codes, informellen Regeln und Verhaltensweisen geprägt. Das lässt sich nur aufbrechen, wenn Frauen mehr Einfluss bekommen. Noch Fragen? Erläuterungen zu verschiedenen gleichstellungspolitischen Strategien: http://www.genderkompetenz.info/ genderkompetenz-2003-2010/gendermainstreaming/ Strategie.html Barbara Stiegler: Gender Mainstreaming. In: Wiechmann, Elke(Hrsg.) Genderpolitik. 2016, S. 243-275. Thomas Viola Rieske: Bildung von Geschlecht: Vergeschlechtlichte Diskriminierung und Normalisierung in Kindertagesstätten, Schulen und im Übergang in Ausbildung, Studium und Beruf. Studie im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung. 2010. https://www.gew.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=25095&token=bdd1ede5c7704ccf26bb97503 41994f828dba35d&sdownload=&n=Bro_Bildung_von_Geschlecht_web.pdf 40 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. !!