FESHISTORY IMPULS Raphael Utz 80 Jahre Kriegsende – europäische Perspektiven auf den 8. Mai Der 8. Mai ist ein symbolisch bis zum Bersten aufgelade nes Datum, an dem sich wie kaum sonst die deutsche Gesellschaft in Lager teilt: in diejenigen, die den 8. Mai als Niederlage empfinden, oder die anderen, die ihn als Befreiung betrachten. Einerseits wird von der„Stunde Null“ und vom Neubeginn gesprochen, andererseits gilt es, auch die lang wirkenden gesellschaftlichen Kontinuitäten zu betrachten. Eines eint diese Diskussionen aber: Sie drehen sich nur um die Deutschen selbst. Zum Ersten fehlen hier die Folgen eines Krieges, in dessen Verlauf etwa 230 Millio nen Menschen in heute 27 europäischen Staaten unter deutscher Besatzung gelebt haben und die übergroße Mehrheit der wahrscheinlich 60 Millionen Toten Zivilist:in nen waren. Zum Zweiten ist aus der Perspektive der ehemals von Deutschland ganz oder in Teilen besetzten Länder der 8. Mai meist gar nicht das entscheidende Datum. „Katastrophe“ oder Befreiung? Die Debatte in Westdeutschland Die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft war sich nicht sicher, wie sie mit den deutschen Verbrechen in ganz Europa umgehen sollte, und vermied meist die öffentliche Diskussion darüber. Einfacher war es in der Regel, über das zu sprechen, was man selbst erlitten hatte – die Luftangriffe zum Beispiel, oder die Vertreibung aus den Ostgebieten. Über eigene Täterschaft oder auch nur Kenntnis deutscher Verbrechen wurde lieber geschwiegen. Aber auch sehr bekannte deutsche Historiker, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden, sprachen von der„deutschen Katastrophe“(Friedrich Meinecke) – und meinten damit eher den staatlichen Zusammenbruch 1945 als die Machtübertragung an die NSDAP 1933. Gerhard Ritter, der erste Vorsitzende des Deutschen Historikerverbands nach 1945, ging in privaten Briefen sogar so weit, dass er die französische Besatzung in Freiburg als drückender und schwerer bezeichnete als die NS-Diktatur. Vor diesem Hintergrund ist die Rede des damaligen Bundespräsident en Richard von Weizsäcker 1985 so bedeutend. Zwar hatten sich Walter Scheel und auch Helmut Kohl bereits zuvor ganz ähnlich geäußert, aber diese Ansprache zum 40. Jahrestag entfaltete eine viel tiefere Wirkung. Sie machte die Möglichkeit, dass es eben auch eine Befreiung war, sozusagen amtlich und wurde wohl auch deswegen als Befreiung empfunden. Der Vorstellung einer Befreiung der Deutschen vom Nationalsozialismus wohnen allerdings auch gewisse Gefahren inne, weil sie suggeriert, dass die NSDAP gegen den Willen der deutschen Bevölkerung an die Macht gekommen sei. FEShistory Impuls Nr. 4: 80 Jahre Kriegsende – europäische Perspektiven auf den 8. Mai 1 Verbrennungsöfen im KZ Majdanek nach der Befreiung durch die Rote Armee, 1944 Europäische Perspektiven in Ost und West Die bekannteste chronologische Perspektivverschiebung ist sicher die Doppelung der deutschen Kapitulation am 8. Mai in Reims und am 9. Mai in Berlin. Entstanden aus dem Bedürfnis der Sowjetunion, dass es ihr gegenüber eine eigene deutsche Kapitulation geben sollte, kam es zur Wiederholung der Zeremonie in Karlshorst. Dieser 9. Mai war insofern immer ein sowjetischer Tag und er wurde nach dem Ende der Sowjetunion schrittweise von Russland für sich in Anspruch genommen. Er steht damit heute im Zentrum russischer Geschichtspolitik. Aber in gewisser Weise begann die Nachkriegszeit in einem Großteil Europas bereits im Sommer 1944: Rom wurde am 4. Juni von amerika nischen und britischen Truppen erreicht, die Alliierten landeten am 6. Juni in der Normandie, im Osten zerschlug die Rote Armee die deutsche Heeresgruppe Mitte und erreichte am 22. Juli 1944 Lublin und damit auch den Lagerkomplex Majdanek. Am 25. August war Paris wieder frei. Diese chronologischen Unterschiede prägen das Gedenken und zum Teil auch die geschichtspolitischen Strategien in Europa bis heute. Wie so oft ist das polnische Beispiel auch hier besonders instruktiv. Nicht nur Majdanek war seit Juli 1944 unter sowjetischer Kontrolle, sondern auch die Gelän de der deutschen Vernichtungslager in Bełżec und Sobibór. Wir wissen, dass bereits im August Ermittler des sowjetischen Geheimdienstes NKWD Fotos und Aussagen von Überlebenden aus Sobibór nach Moskau übermittelten. Wir wissen auch, dass zahlreiche Fotos über Majdanek weltweit veröffentlicht wurden – zum Beispiel in der Illustrierten„Life“. Es waren die ersten Bilder, die Holzbaracken, Schuhberge und zahllose Leichen zeigten. Interessanterweise aber hinterließen diese Bilder keinen besonders starken Eindruck im Westen. Dies änderte sich erst im Frühjahr 1945, als britische Truppen Bergen-Belsen erreichten und amerikanische Verbände Buchenwald. Bis dahin hatte das britische Informationsministerium zum Beispiel entsprechendes Bildmaterial zurückgehalten, weil man nicht die Propagandafehler des Ersten Weltkrieg s wiederholen wollte. Damals waren der Armee des Kaiserreich s Kriegsverbrechen vor allem in Belgien vorgeworfen worden, die sich später nicht bestätigen sollten. Nun aber, im Frühjahr 1945, war der Schock für die britische Öffentlichkeit so gewaltig, dass Bergen-Belsen bis heute einen besonderen Platz in der britischen Erinnerung an den Krieg einnimmt. Es war kein Zufall, dass die britische Königin Elisabeth II. 2015 die Gedenkstätte Bergen-Belsen besuchte – als einzi gen solchen Ort jemals. Dass man den sowjetischen Bildern aus Majdanek 1944 nicht traute, hatte allerdings noch andere und damals sehr aktuelle Gründe. Lublin im Juli 1944 war nicht nur die Ent deckung von Majdanek, sondern auch der Ort, an dem die sowjetische Armee die erste provisorische kommunistische Regierung für Polen einsetzte, während in London noch die polnische Exilregierung amtierte. Der Sommer 1944 und damit das Kriegsende stehen in vielen Ländern Osteuropas für diese ganz fundamentale Ambivalenz, nämlich dass die Befreiung von deutscher Besatzung keineswegs die Freiheit brachte. Ein Kontinuum der Besatzung Dies zeigt sich bis heute in der Virulenz der Erzählung vom Kontinuum der Besatzung in vielen Ländern Osteuropas, auch in Polen. Gemeint ist damit eine Fortdauer der Fremdherrschaft nicht mehr unter deutschen, sondern unter sowjetischen Vorzeichen. In Verbindung mit der maßgeblich aus Osteuropa heraus betriebenen Renaissance der Totalitarismustheorie, mit der die Unterschiede zwischen der nationalsozialistischen Diktatur einerseits und der sowjetisch-kommunistischen Herrschaft andererseits verwischt werden sollen, ist hier in den letzten 20 Jahren ein sehr starkes Opfernarrativ entstanden, das sich beliebig gegen Deutschland, Russland oder auch die EU wenden lässt. Die Abwehrreaktionen in Osteuropa gegen eine intensive Auseinandersetzung mit Fragen der Mitwirkung und Mittäterschaft im Rahmen der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs sind unter anderem deshalb so massiv, weil man dann auch einen genaueren Blick auf die Mitwirkung an den kommunistischen Diktaturen nach 1945 richten müsste. Insofern ist die sehr ungleiche Nach kriegsgeschichte von Ost- und Westeuropa wahrscheinlich eine der wichtigsten Ursachen für die deutlichen Unter2 FEShistory Impuls Nr. 4: 80 Jahre Kriegsende – europäische Perspektiven auf den 8. Mai Königin Elisabeth II. und Prinz Philip mit Jens-Christian Wagner(Mitte), Direktor der Gedenkstätte Bergen-Belsen, am Jüdischen Mahnmal und am Gedenkstein für Anne Frank in der Gedenkstätte Bergen-Belsen, 26.6.2015 schiede in der Gedenkkultur und der öffentlichen Verständigung über den Zweiten Weltkrieg heute. Zu diesen Faktoren gehört vermutlich auch der Umstand, dass in sozialistischen Staaten immer auch der Geheimdienst bei deutschen Besatzungsverbrechen und dem Holocaust ermittelt hat. Dieser war aber zugleich ein zentrales Unterdrückungsinstrument. In der Sowjetunion waren das der NKWD und später der KGB, in der DDR die Stasi. Es ist nicht auszuschließen, dass die Vermischung strafrechtlicher Ahndung unabweisbarer Verbrechen mit kommunistischer Unterdrückungspraxis bis heute nachwirkt und zu einer Ablehnung einer intensiveren Beschäftigung mit der Shoah geführt hat. Deutsche Schuldabwehr Diese Unterschiede zwischen Ost und West und deren Verstärkung im Kalten Krieg haben allerdings auch ihren Beitrag dazu geleistet, bestimmte Aspekte in den Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung treten zu lassen: → Zum Beispiel die Tatsache, dass die meisten Opfer des Zweiten Weltkriegs nicht im Zusammenhang mit Kampfhandlungen ums Leben kamen. → Zum Beispiel die Tatsache, dass die Shoah kein Kriegsverbrechen, sondern ein Besatzungsverbrechen war. → Zum Beispiel die Tatsache, dass allein die Begriffe„im Krieg“ oder„unter deutscher Besatzung“ ganz unterschiedliche Erzählungen nach sich ziehen können. Auch deswegen wird in Teilen der deutschen Öffentlichkeit nicht gesehen, dass der Krieg für die besetzten Länder bis heute nicht abgeschlossen und vorbei ist. Auf polnische oder griechische Reparationsforderungen wird inzwischen nicht mehr mit blankem Unverständnis über die historischen Hintergründe oder mit kühlem Verweis auf das Völkerrecht reagiert, sondern immer öfter geht es zum Beispiel in der konservativen Presse schnurstracks zurück in die 1950er-Jahre: Flucht und Vertreibung der Deutschen und der Luftkrieg werden wieder in Stellung gebracht gegen die Shoah und die brennenden Dörfer in Belarus, alles miteinander verrechnet und am Ende durch europäische Rhetorik verbrämt. Bis heute erinnert der deutsche Umgang mit dem 8. Mai auch daran, dass sich viele ehemals besetzte Länder von Deutschland nach wie vor nicht verstanden und gesehen fühlen. FEShistory Impuls Nr. 4: 80 Jahre Kriegsende – europäische Perspektiven auf den 8. Mai 3 Die Neuinterpretation der Vergangenheit und die Zukunft Europas Der russische Krieg gegen die Ukraine und Europa macht Vorhersagen über die Zukunft der Erinnerung naturgemäß noch schwieriger, als sie es ohnehin wären. Es ist aber wohl damit zu rechnen, dass sich in Ostmitteleuropa die Erzählung vom Besatzungskontinuum weiter verfestigt und auch von ostmitteleuropäischer Seite eine weitgehende Gleichsetzung von„sowjetisch“ mit„russisch“ vorgenommen wird. Hier wäre also eine gewisse Ironie zu beobachten, weil es ja eines der zentralen geschichtspolitischen Ziele des Kreml seit 1991 ist, die militärischen Erfolge im Zweiten Weltkrieg nachträglich allein für Russland in Anspruch zu nehmen. Auf der russischen Seite wird es bei diesem geschichtspolitischen Imperialismus vor allem zulasten der Ukraine bleiben, auch um die absurde Erzählung aufrechterhalten zu können, die ukrainische Bevölkerung habe ausschließlich aus„Nazis“ bestanden. Weiterhin vollkommen ausgeblendet werden in der russischen Erzählung der Hitler-Stalin-Pakt und die Kollaboration in den besetzten Gebieten Westrusslands. Der Seitenwechsel der Vereinigten Staaten, also die aktive Unterstützung der US-Regierung von Donald Trump für die russische Kriegsführung gegen den Westen im Allgemeinen und die Ukraine im Besonderen, macht sich in ersten kleinen Veränderungen von Fokus und Reichweite des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg auch im Westen bemerkbar. Zum Beispiel: Der britische König hebt in einer Botschaft an das Commonwealth zum 80. Jahrestag des Kriegsendes genau den Beitrag und die Opfer dieser Staaten hervor – in diesem Fall Kanada. Es ist auch kein Zufall, dass die PiSPartei in Polen durch die amerikanische Politik zwar vollkommen durcheinander ist, eine neue europäische Verteidigungsarchitektur gemeinsam mit Deutschland aber rigoros ablehnt – hier spielen die historischen Erfahrungen und deren beständig neue Instrumentalisierung nach wie vor eine Rolle und könnten die Präsidentschaftswahlen im Mai zugunsten der PiS entscheiden. Auch der Blick nach Frankreich ist keineswegs beruhigend in diesem Zusammenhang, wo die äußersten Rechten bereits klargestellt haben, dass der nukleare Schutzschirm Frankreichs keinesfalls auf andere Staaten ausgedehnt werden würde, sollten sie 2027 die Präsidentschaftswahlen ge winnen. Die Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Kriegs endes 2025 werden uns durch deren Interpretationen der Vergangenheit wahrscheinlich auch Hinweise auf die Zukunft Europas in der neuen Weltordnung geben. Über den Autoren Dr. Raphael Utz ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für europäischen Diktaturenvergleich der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Impressum FEShistory Impuls Nr. 4, Mai 2025 Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149 53175 Bonn ↗ www.fes.de Herausgebende Abteilung Archiv der sozialen Demokratie Inhaltliche Verantwortung und Redaktion PD Dr. Stefan Müller stefan.mueller@fes.de ISBN 978-3-98628-714-6 ISSN 2942-5956 Bestellungen/Kontakt: public.history@fes.de Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der FES. Eine gewerbliche Nutzung ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Der Text dieser Publikation steht unter der Creative-Commons-Lizenz„CC BY-NC-ND“. 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