im puls e MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG EIN STARKER EURO FÜR DIE SOUVERÄNITÄT EUROPAS Ein starker Euro ist entscheidend für die Souveränität Europas, insbesondere nach Trumps Rückkehr in die Weltpolitik: Ein starker Euro fungiert als Schutzschild. Ein europäischer Finanzmarkt hilft, den hohen Investitionsbedarf zu decken und Kapital in heimische Zukunftsprojekte zu lenken. Deshalb sollten wir eine aktive Finanzdiplomatie betreiben: Clearingstellen und Börsen innerhalb der EU nutzen, wichtige Rohstoffe in Euro fakturieren; eigene Referenzindizes, etwa für Energiepreise, entwickeln; strategische Transaktionen in Euro abwickeln; den digitalen Euro einführen; eine eigene Fiskalkapazität und mehr gemeinsame europäische Anleihen bereitstellen. FLORIAN WITT UND DR. SEBASTIAN CAMARERO JUNI 2025 Executive Summary • Ein starker Euro ist entscheidend für die Souveränität Europas. Präsident Macron betonte 2017 in seiner Rede an der Sorbonne die Bedeutung der europäischen Souveränität. Mit Trumps Rückkehr in die Weltpolitik steht die Souveränität Europas nun im Fokus politischer und wirtschaftlicher Akteure. • Europäische Souveränität: Europäische Souveränität bedeutet, dass Europa seine Entscheidungen unabhängig trifft und seine Interessen durchsetzt. Die Währung spielt dabei eine zentrale Rolle. Eine gemeinsame Währung schafft einen einheitlichen Wirtschaftsraum und reduziert Abhängigkeiten, wie z.B. durch die Unterstützung eines De-Risking in der Außenhandels- und Investitionspolitik mit China. • Wirtschaftliche Stabilität: Ein starker Euro fördert die wirtschaftliche Stabilität in Europa. Er eliminiert Wechselkursschwankungen und erleichtert Handel und Investitionen. Stabilität und Vertrauen in die Währung sorgen für niedrige Finanzierungskosten und schützen vor importierter Inflation. Ein funktionsfähiger europäischer Kapitalmarkt ist unerlässlich, um den hohen Investitionsbedarf zu decken und Kapital in heimische Zukunftsprojekte zu lenken. • Geopolitische Resilienz: Die Stärke des Euro beeinflusst Europas geopolitische Resilienz und Einfluss. Ein stärkerer Euro und eine eigenständige Finanzinfrastruktur ermöglichen es Europa, unabhängiger zu agieren und seine außenpolitischen Ziele durchzusetzen. Ein international gefestigter Euro schützt Europa vor externem finanziellem Druck und verschafft der EU mehr Gewicht in internationalen Institutionen. • Innere Stärkung: Die innere Stärkung ist notwendig, um auf dem globalen Finanzmarkt attraktiv zu sein. Europäische Unternehmen, Banken und Staaten sollten nicht übermäßig auf Finanzierung aus Drittstaaten angewiesen sein. Die Kapitalmarktunion und Bankenunion sollen einen starken, einheitlichen Finanzraum schaffen, der Europas Wirtschaft repräsentiert und internationale Investoren anzieht. • Äußere Anerkennung: Die weltweite Anerkennung des Euro ist entscheidend für die finanzielle Souveränität Europas. Europa sollte seine Währung durch eine aktive Finanzdiplomatie und flankierende Außenhandelsabkommen fördern. Der Ausbau des Währungsraums und die Unterstützung multinationaler finanzwirtschaftlicher Organisationen stärken die Position des Euro. • Fazit: Ein starker Euro ist die Grundlage für ein souveränes Europa. Europa muss entschlossen mehrere Hebel der inneren und äußeren Stärkung ansetzen, um den Euro zu festigen und seine Souveränität zu sichern. stimmen die öffentliche Diskussion. Ein zentrales Element europäischer Souveränität ist jedoch die Währung. Eine gemeinsame Währung konstituiert einen einheitlichen Wirtschaftsraum, in dem eine politische Zusammenarbeit unabdingbar ist. Zur europäischen Souveränität gehört, nicht auf fremde Kapitalmärkte und Investoren angewiesen zu sein. Dazu gehört auch, Abhängigkeiten aktiv zu managen, wie es beispielsweise in Bezug auf die Außenhandels- und Investitionspolitik mit China durch ein sektorspezifisches De-Risking bereits eingeleitet wird. Die Stärke des Euro und die Souveränität Europas Ein starker Euro ist von elementarer Bedeutung für die Souveränität Europas. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat bereits 2017 in seiner in Deutschland zu wenig beachteten Rede an der Pariser Universität Sorbonne die Souveränität Europas ins Zentrum der europapolitischen Ambitionen Frankreichs gestellt. Spätestens mit Trumps Rückkehr in die Weltpolitik und seiner nun klaren, wenngleich für Europa verstörenden Haltung, steht die Frage der Souveränität Europas ganz oben auf der politischen Agenda diverser politischer und wirtschaftlicher Akteure. Europäische Souveränität bedeutet, dass Europa seine politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen unabhängig und selbstbestimmt treffen und seine Interessen in der Welt durchsetzen kann. Derzeit steht die äußere Sicherheit im Vordergrund der Souveränitätsdebatten: Verteidigung und Migration beDie Währung eines Landes bzw. Wirtschaftsraums, wie es bei dem Euro der Fall ist, stellt volkswirtschaftlich die außenwirtschaftliche Seite der drei Geldfunktionen dar: 1. Die Währung, im europäischen Fall der EUR, ist Zahlungsmittel, also Tauschmittel im Außenhandel. 2. Sie ist Recheneinheit für einen weltweiten Tauschvergleich, wie es sich z.B. im sogenannten BigMac-Index zeigt. 3. Die Währung ist Wertspeicher, der den Kaufkrafterhalt über gewisse Zeiträume ermöglicht. Im weltweiten Vergleich der Währungen gibt es Währungen, die diese drei Funktionen sowohl außenwirtschaftlich als auch nach innen gerichtet, ganz, teilweise oder kaum erfüllen. Je nach Erfüllungsgrad entstehen dadurch Hartwährungen(hohe Erfüllung) oder Weichwährungen(geringe Erfüllung), die sich im Wesentlichen im Wechselkurs zueinander ausdrücken. Der Euro kann eindeutig als Hartwährung identifiziert werden. Er hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gegenüber den meisten relevanten Währungen gut behauptet und ist eine große Weltreservewährung(globale Geldspeicherfunktion) geworden. Abbildung 1 Entwicklung des EUR seit Gründung gegenüber USD, CNY, GBP indexiert auf 100 140 130 120 110 100 90 80 EUR / USD EUR / GBP EUR / CNY Indexierter Wechselkurs (1999 = 100) 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 Jahr Die Erfahrungen der letzten Jahre – von globalen Finanzkrisen über Handelskonflikte bis hin zu geopolitischen Spannungen – haben deutlich gemacht, dass der Euro dabei weit mehr als nur ein global anerkanntes Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungsmittel(Reservewährung) ist. Er ist ein strategisches Instrument, das Europas wirtschaftliche Stärke, politische Managerkreis Impulse – Juni 2025 S 2 Handlungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit nach außen maßgeblich beeinflusst. Im Folgenden wird analysiert, warum ein starker Euro essenziell für die Souveränität Europas ist: Von der wirtschaftlichen Stabilität über die geopolitische Resilienz und die Unabhängigkeit von externen Einflüssen bis hin zur strategischen Handlungsfähigkeit. Welche Maßnahmen können zu seiner Stärkung beitragen? Ein starker Euro fungiert als Schutzschild: Er minimiert das Risiko, dass externe Finanzmarktturbulenzen oder fremde politische Entscheidungen die europäische Wirtschaft destabilisieren. Ein starker Euro verhindert auch, dass sich der Handlungsspielraum für die in Europa fest verankerte Sozialpolitik reduziert. Im Impulspapier ‚Ein moderner europäischer Finanzmarkt für ein souveränes Europa‘ entwarf der Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung bereits im Dezember 2024 sechs konkrete Aspekte zur Stärkung der Souveränität Europas durch eine aktive Finanzmarktpolitik. Dort wurde auch die Währungspolitik als einer der sechs Aspekte herausgestellt und soll hier im Rahmen einer ersten von mehreren ‚Auskopplungen’ thematisch vertieft werden. Wirtschaftliche Stabilität mit klarem Blick auf Wachstum und Fortschritt Ein starker Euro bildet das Fundament für die wirtschaftliche Stabilität in Europa. Als gemeinsame Währung eliminiert er Wechselkursschwankungen innerhalb des Binnenmarktes und erleichtert Handel und Investitionen zwischen den Mitgliedstaaten. Stabilität und Vertrauen in die Währung sorgen für niedrige Finanzierungskosten und schützen vor importierter Inflation. So profitieren europäische Unternehmen und Staaten von tiefen Zinsen und geringer Wechselkursvolatilität, was langfristige Planungen erleichtert. Gerade angesichts enormer Zukunftsinvestitionen – die EUKommission beziffert den zusätzlichen Investitionsbedarf ohne Verteidigungspolitik auf rund 650 Mrd.€ pro Jahr bis 2030 – ist ein funktionsfähiger europäischer Kapitalmarkt in Euro unerlässlich. Dieses Kapital muss größtenteils von privaten Investoren kommen. Ein verlässlicher Euro schafft die Voraussetzung, dass die hohen Ersparnisse in Europa in heimische Zukunftsprojekte fließen und nicht ins Ausland abwandern. Tatsächlich verlassen Schätzungen zufolge jährlich etwa 250 Mrd.€ an Kapital die EU – größtenteils in Richtung USA. Die Gründe dafür sind fragmentierte Finanzmärkte und höhere Attraktivität. Eine stabile Eurozone mit integrierten Finanzmärkten kann diesen Trend umkehren. Solide, investive öffentliche Finanzen sowie eine koordinierte Wirtschaftspolitik stärken das Vertrauen in den Euro. Dazu gehört ein klarer Blick auf Produktivitätserhöhung durch digitale Fortschritte statt der lähmenden Regulierung in Europa. Nur so und durch konsequente Arbeit an den europäischen Standortbedingungen lässt sich die Wettbewerbsfähigkeit Europas erhöhen. Die Faktoren dafür liegen auf der Hand: ein attraktives Bildungsniveau, die technische und soziale Infrastruktur, ein verlässlicher, aber nicht überbordender Rechtsrahmen, soziale Stabilität, Kultureinrichtungen und eine gleichermaßen offene, aber auch selektive Einwanderungspolitik. Kurz: Die wirtschaftliche Stabilität und das Wachstum in der EU sind eng an einen starken Euro geknüpft. Sie bilden die Grundlage dafür, dass Europa souverän über seine wirtschaftliche Zukunft und auch die sozialpolitische Ausrichtung bestimmen kann. Geopolitische Resilienz durch eine aktive internationale Finanzdiplomatie Die wahrgenommene Stärke des Euro entscheidet mit darüber, wie geopolitisch resilient und einflussreich Europa in der Welt auftritt und seine Interessen vertreten kann. In einer zunehmend multipolaren Weltordnung können Währungen zu geopolitischen Hebeln werden. Die derzeitige Dominanz des US-Dollars verleiht den Vereinigten Staaten erhebliche Einflussmöglichkeiten – etwa durch die Durchsetzung extraterritorialer Sanktionen. Ein stärkerer Euro und eine eigenständige Finanzinfrastruktur würden es Europa ermöglichen, in solchen Fällen unabhängiger zu agieren und seine außenpolitischen Ziele durchzusetzen – ohne von Drittstaaten blockiert zu werden. Diese Idee war bereits in den Ursprüngen des Europäischen Währungssystems angelegt, welches von Helmut Schmidt und Valérie Giscard d’Estaing vorangetrieben wurde. Ein international gefestigter Euro ermöglicht strategische Autonomie, indem er Europa vor externem finanziellem Druck schützt. Darüber hinaus verschafft eine globale Rolle des Euro der EU mehr Gewicht in internationalen Institutionen und bei der Standardsetzung in der internationalen Finanzarchitektur. Im Zuge der Zeitenwende zeigt sich, dass zentrale Zukunftsfragen auch globale Dimensionen haben: von der Energiewende über nachhaltige und soziale Lieferketten, bis zur digitalen Transformation. Ein starker Euro erhöht Europas Fähigkeit, mit Partnerländern in Euro zu handeln oder Kredite bereitzustellen, und stärkt damit die europäische Gestaltungsmacht. Nicht zuletzt trägt der Euro als zweitwichtigste Währung weltweit(mit etwa 20% Anteil an internationalen Währungsreserven) bereits jetzt dazu bei, die Abhängigkeit vom Dollar zu verringern. Diese Position gilt es durch eine offensive und auf Multilateralismus bauende Finanzdiplomatie der EZB, des Eurosystems und der EU Kommission auszubauen, immer in Verbindung mit klaren außenhandelspolitischen Zielen. Der Handlungsdruck erhöht sich auch dadurch, dass China seine Währung offensiv internationalisiert, dabei multinationale Organisation nutzt oder, wie bei der New Development Bank, Managerkreis Impulse – Juni 2025 S 3 neu aufbaut und einige Staaten erwägen, Handelsströme verstärkt in alternativen Währungen abzuwickeln. systeme(etwa das europäische Zahlungssystem TARGET oder perspektivisch ein digitaler Euro) erhöht die Unabhängigkeit. Für die EU bedeutet das: Nur mit einem souveränen Auftreten der eigenen Währung kann sie in einer fragmentierten Finanzwelt geopolitisch resilient bleiben und ihre Interessen wahren. Die innere Stärkung der finanziellen Unabhängigkeit Europas Die innere Stärkung ist die notwendige Bedingung, um auf dem globalen Finanzmarkt attraktiv zu sein. Hier geht es um Pull-Faktoren, die dazu führen, dass wir selbst auf die Stärke unserer Währung und unseres Währungsraums vertrauen können und damit dies in einem weiteren Schritt auch nach außen vertreten können. Europäische Unternehmen, Banken und Staaten sollten nicht übermäßig auf Finanzierung aus oder über Drittstaaten angewiesen sein. Noch ist die EU in vielen Bereichen auf ausländische Finanzplätze und-akteure angewiesen – ein Erbe historischer Fragmentierung und mangelnder eigener Kapazitäten. Etliche europäische Wachstumsunternehmen zieht es mangels eines attraktiven Kapitalmarkts an die US-Börsen, was nicht nur einen Know-how-Abfluss bedeutet, sondern auch eine Verlagerung von Einflusssphären. Großbanken und Investoren außerhalb der EU haben aktuell erheblichen Einfluss auf die Finanzierungslage europäischer Staaten. Der europäische Finanzmarkt repräsentiert in seiner Größe bereits heute nicht die Größe des Binnenmarkts und der europäischen Wirtschaft. Diesen Mangel und die daraus folgende Abhängigkeit möchte und muss Europa durch die Kapitalmarktunion und Bankenunion reduzieren und damit einen großen, starken einheitlichen Finanzraum schaffen, der in seiner Größe Europas Wirtschaft repräsentiert und damit auch attraktiver für internationale Investoren wird. Doch das ist einfacher gesagt als getan, denn hier muss an verschiedenen Themen gearbeitet werden: Die Europäische Kommission hat bereits 2021 die Devise ausgegeben, die internationale Rolle des Euro zu stärken und die finanzielle Infrastruktur in der EU auszubauen, um die Dominanz des US-Dollars und ausländischer Finanzzentren zu verringern. Konkret bedeutet das z.B., Clearingstellen und Börsen innerhalb der EU zu nutzen statt in London oder New York. Es bedeutet auch, wichtige Rohstoffe in Euro zu fakturieren und eigene Referenzindizes(etwa für Energiepreise) zu entwickeln. Je mehr strategische Transaktionen – vom Kauf von Erdgas bis zur Schuldenaufnahme – in Euro abgewickelt werden, desto weniger angreifbar ist Europa durch Wechselkursschwankungen oder politische Entscheidungen außerhalb der EU. Auch die Schaffung alternativer ZahlungsAls nächster Schritt wäre der digitale Euro zu implementieren. Die Welt digitalisiert auch ihre Währungen, da muss es unser Anspruch sein, mit dem Euro auch ein digitales Angebot anzubieten. Hier gilt ‚Made in Europe‘ über die gesamte Wertschöpfungskette, d.h. von den Rechenzentren über das Coding, den Sicherheitsprotokollen bis zur Applikation. Die Gestaltung und Vollendung der Bankenunion und eine Konsolidierung des europäischen Bankensektors, um Größenvorteile global ausspielen zu können, sind dabei wichtige Komponenten, die beherzt angegangen werden müssen. Schließlich muss auch regulatorisch eine Balance gefunden werden, die weiterhin Stabilität gewährleistet, ohne Innovation, Kapitalmobilisierung und Wettbewerbsfähigkeit zu hemmen. Damit können Abwanderungstendenzen europäischer Ersparnisse gestoppt und attraktiver für außereuropäische Finanzmarktakteure gemacht werden. Mit diesen Maßnahmen werden europäische Akteure im Krisenfall handlungsfähig bleiben, selbst wenn z.B. amerikanische Technologien oder der USD, z.B. in Finanzkrisen, nicht verfügbar sind. Ein Europa, das seine Finanzierung auf eigener Grundlage sicherstellen kann, bewahrt sich somit seinen politischen und damit auch sozialpolitischen Handlungsspielraum. Die äußere Anerkennung des Euros Die hinreichende Bedingung zur Vollendung der finanziellen Souveränität Europas ist die weltweite Anerkennung der Währung. Europa ist eine Soft Power, seine wirtschaftliche Größe, sozial- und kulturpolitische Stärkung sind bereits global anerkannt. Und der Euro zeigt auch in seiner Entwicklung zu anderen Währungen, wie z.B. auch dem USD, dass er diese Attraktivität Europas in den vergangenen 25 Jahren auch gut transportiert hat. In der äußeren Stärkung des EUR geht es um sogenannte Push-Faktoren. Derzeit wird an der verteidungspolitischen Stärke gearbeitet, aber es ist genauso wichtig, die finanzwirtschaftliche Attraktivität zur Steigerung der Souveränität Europas weiterzuentwickeln. Denn: Beide bedingen einander. Derzeit werden 63% der Verteidigungsinvestitionsgüter aus den USA bezogen. Innovation und Produktion europäischer Verteidigungsindustrie benötigen zwangsläufig europäisches Kapital, um auch Liefer- und Finanzabhängigkeiten gegenüber den USA zu reduzieren. Der Euro spielt dabei eine entscheidende Rolle als strategisches Instrument. Dies hat der Managerkreis der FriedrichEbert-Stiftung in seinem Impulspapier* betont und fordert, den europäischen Finanzmarkt als strategisches Instrument der europäischen Souveränität auch mit multilateraler FinanzManagerkreis Impulse – Juni 2025 S 4 diplomatie zu etablieren. Konkret bedeutet dies, dass Europa imstande sein muss, etwa eine gemeinsame Verteidigungspolitik, eine industrielle Innovationsförderung oder Klimainvestitionen aus eigener finanzieller Kraft zu stemmen. So hat die EU während der COVID-19-Krise mit gemeinschaftlichen Anleihen(NextGenerationEU) einen historischen Schritt getan, um massive Investitionen in Wiederaufbau und Transformation in Euro zu ermöglichen. Diese gemeinsame Fiskalkapazität sollte weiterentwickelt werden, da sie nicht nur konjunkturelle Stabilisierung erlaubt, sondern auch dringend benötigte sichere Anlageinstrumente schafft. Solche sogenannte ‚Safe Assets‘ in Euro werden weltweit nachgefragt. Ein breiterer Markt für Euro-Staatsanleihen erhöht die Attraktivität des Euro als Reservewährung und Finanzierungsquelle und damit Europas strategische Finanzautonomie. Darüber hinaus stärkt ein durchsetzungsfähiger Euro Europas Einfluss in der Nachbarschaft: Einige europäische und zentralasiatische Länder binden ihre Währungen an den Euro oder nutzen ihn faktisch mit(z.B. in Westafrika), was Europa zusätzliche Hebelwirkung in diesen Regionen verleiht und seine multilaterale Finanzdiplomatie stärkt. Es braucht hier ein klares Bekenntnis zu diesen erweiterten EUR-Währungsräumen und einen Willen, weitere in Verbindung mit einer kohärenten Außenhandelspolitik zu gewinnen. Es wäre z.B. ratsam, den beiden afrikanischen Regionalwährungen, die zwar an den Euro gebunden sind, aber immer noch abhängig von der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich sind, eine europäische Perspektive zu bieten. Dies wäre z.B. durch Swap-Vereinbarungen in Finanzkrisen möglich. Die Stärkung erfolgt ebenso durch die Mitwirkung und die Unterstützung in multinationalen finanzwirtschaftlichen Organisationen wie z.B. IWF, BIZ, das SWIFT-System oder die für die Außenhandelsfinanzierung wichtige Globale Bankenkommission der Internationalen Handelskammer ICC in Paris. Hilfreich wäre auch eine aktive Unterstützung der globalen und regionalen Entwicklungsbanken durch Kapital und aktive Personalpolitik. Es könnten auch neue Kapazitäten geschafft werden: In der EBRD und in der EIB durch eine weitere Stärkung der Finanzbeziehungen mit den mediterranen Anrainerstaaten. Möglich wäre auch eine europäisch-afrikanische Infrastrukturbank oder eine Klima- und Energiebank mit den Golfstaaten. China hat es vor zehn Jahren vorgemacht mit der Asian Infrastructure Investment Bank, an der sich dann auch europäische Staaten beteiligt haben. In Summe vergrößert der Euro in dem Maße Europas strategische Souveränität, wie er als weltweit anerkannte Währung Vertrauen genießt. Er gibt der EU die Freiheitsgrade, ihre Politik – sei es in der Wirtschafts-, Außen- oder Sicherheitspolitik – nach eigenen Vorstellungen zu gestalten und globale Standards mitzubestimmen. Fazit Ein starker Euro ist kein Selbstzweck, sondern die Grundlage für ein souveränes Europa, das wirtschaftliche und politische Entwicklungen aus eigener Kraft steuern kann. Um den Euro zu stärken, muss Europa entschlossen mehrere Hebel der inneren und äußeren Stärkung ansetzen. Zur inneren Stärke empfiehlt sich deshalb erstens, die wirtschaftliche und finanzielle Basis zu festigen: Solide, aber gleichermaßen zukunftsorientierte und mobilisierende Fiskalpolitik in den Mitgliedstaaten und auf EU-Ebene schafft Vertrauen in die Stabilität des Euro. Zweitens bedarf es eines robusten Wirtschaftswachstums, das insbesondere das Produktionspotential digitaler Innovationen heben muss. Drittens muss die europäische Finanzarchitektur konsolidiert werden: Dazu gehört, die Bankenunion und Kapitalmarktunion endlich umzusetzen, um einen tiefen, integrierten Finanzmarkt zu schaffen, der europäisches Kapital im Binnenmarkt hält und effizient verteilt. Ergänzend sollte die EU eine eigene Fiskalkapazität und mehr gemeinsame europäische Anleihen bereitstellen, um einen größeren Pool sicherer Euro-Anlagen (‚Safe Assets’) zu bieten und damit auch die europäische Verteidigungsindustrie besser unterstützen zu können. Die Einführung eines digitalen Euros ist ebenso wichtig wie der Ausbau von eigenen europäischen Zahlungsanbietungsverfahren. Zur äußeren Stärkung sollte Europa viertens seine Währung nach außen aktiver fördern durch eine aktive Finanzdiplomatie und die Einbringung von finanzpolitischem Commitment: Dazu gehören flankierende Außenhandelsabkommen, um die Nutzung des Euro zu begünstigen, die Fakturierung von Energieimporten in Euro und Partnerschaften mit Drittstaaten, die den Euro als Ankerwährung verwenden. Der Ausbau des Währungsraums sollte fortgesetzt werden, indem die sich an den Euro bindenden Länder in Europa, Asien und Afrika währungspolitisch anerkannt werden. Nicht zuletzt sind eine aktive multilateral ausgerichtete Mitwirkung in internationalen Finanzorganisationen und deren Weiterentwicklung unerlässlich. All diese Maßnahmen greifen ineinander. Sie zielen darauf ab, den Euro in seiner Doppelrolle zu stärken: intern als Garant für Stabilität und Wohlstand und extern als Machtfaktor und Schutzschild Europas. Gelingt dies, so wird der Euro seiner elementaren Bedeutung für die Souveränität Europas gerecht – als Fundament eines handlungsfähigen, resilienten und unabhängigen Europas in einer Welt im multipolaren Wandel. Quellenverzeichnis * „Ein moderner europäischer Finanzmarkt für ein souveränes Europa“, Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung, Dezember 2024 Managerkreis Impulse – Juni 2025 S 5 Über die Autoren: Dr. Sebastian Camarero Bundesbankdirektor, derzeit bei der Europäischen Kommission(DG FISMA). Dr. Sebastian Camarero hat das Impulspapier als Mitglied der AG Finanzen als Privatperson verfasst. Es spiegelt weder die Position oder Meinung der Deutschen Bundesbank noch der Europäischen Kommission wider, sondern lediglich die private Meinung des Autors. Florian Witt leitet den Bereich International& Corporate Banking bei ODDO BHF und ist Vorsitzender der ICC Bankenkommission. Er ist Sprecher der AG Finanzen. In der Reihe Managerkreis Impulse zuletzt erschienen: im puls e MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG EIN MODERNER EUROPÄISCHER FINANZMARKT FÜR EIN SOUVERÄNES EUROPA Solide und zukunftsorientierte öffentliche Finanzen EU-Binnenmarkt auch beim Kapitalmarkt und für die Banken Ein innovativer und technologieoffener Finanzmarkt für neue Geschäftsmodelle Einen starken Euro für die Welt Regulierung im neuen Gleichgewicht Mobilisierung privaten Kapitals national, europäisch und international vorantreiben AG FINANZEN DES MANAGERKREIS DEZEMBER 2024 Vor dem Hintergrund der aktuellen Trends, die sich z.B. im„Monitor Deutschland 2035“(www.createdbygermany.de) des Managerkreises zeigen, liefert dieses Impulspapier zentrale Thesen, um • den europäischen Finanzmarkt in seiner Architektur nachhaltig global wettbewerbsfähig und lieferfähig zu gestalten, • um dadurch die zentralen Transformationen(Dekarbonisierung, Demografie, Digitalisierung und Sicherheit) erfolgreich zu bewältigen, • den Finanzmarkt neu zu positionieren und als strategisches Instrument europäischer Souveränität zu etablieren, • dazu den Debattenraum für eine sinnvoll strukturierte europäische Fiskalkapazität zu öffnen und auch national durch eine Reform der Schuldenbremse Investitionen für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, • dabei das Verständnis und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, die hohe Ersparnisbildung in Europa gezielt zu mobilisieren, • um letztlich die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Europa im Dreiklang Finanzmarktstabilität – Verbraucherschutz – private und staatliche Investitionsbereitschaft neu zu gewichten. S= I So lernen es Erstsemester der Volks- oder Betriebswirtschaftslehre in ihrer ersten Vorlesung Makroökonomie an allen Universitäten weltweit: Sparen= Investitionen. Auch wenn die Gleichung in den Folgevorlesungen um weitere Parameter erweitert und damit komplexer wird, so dürfte zweifelsfrei feststehen, dass die Ersparnisbildung einer Volkswirtschaft ihre Investitionsmöglichkeiten determiniert. Wie genau, d.h. insbesondere in welchem Umfang und mit welcher Effektivität bzw. Effizienz, ist eine Frage der Architektur bzw. des Designs der Austauschbeziehungen zwischen den Sparern, also den Wirtschaftssubjekten mit Kapitalüberschüssen, und den Investitionen, also den Wirtschaftssubjekten mit Kapitaldefiziten. Ein moderner europäischer Finanzmarkt für ein souveränes Europa, AG Finanzen im Managerkreis, Dezember 2024. im puls e MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG DIGITALISIERUNG IM VERKEHRSSEKTOR Digitalisierung aktiver gestalten und endlich in die Breite bringen Damit Digitalisierung positiv aufgenommen und Risiken frühzeitig erkannt werden, muss der Mensch im Mittelpunkt der Digitalisierung stehen. Digitalisierung muss als umfassende Transformation begriffen und aktiv gestaltet werden, auch als Instrument gegen Fachkräftemangel und zur Stärkung der Resilienz. Dabei müssen die Digitalisierung und die ihr zugrundeliegenden Daten als Hebel der Verkehrswende genutzt werden: Sie darf nicht nur über Pilotprojekte laufen, sondern muss von der Politik in die Breite gebracht werden. AG VERKEHR UND MOBILITÄT DES MANAGERKREIS DEZEMBER 2024 Viel Luft nach oben und zu wenig Sozialdemokratie Wenn Digitalisierung ein Schlüsselelement für die Zukunft des Verkehrssektors ist, muss sie aktiv gestaltet und in die Breite gebracht werden. Darüber herrscht in der Politik und Wirtschaft weitgehend Konsens. Doch was Digitalisierung für den Sektor konkret bedeutet, bleibt häufig unklar. Bisher lebt die Digitalisierung der Branche meist von„Pilotprojekten“, „Leuchttürmen“ und„Experimentierräumen“. Digitalisierung in Deutschland scheint eher die Ausnahme, nicht die Regel. Die Stärkung von Resilienz, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit mit Hilfe von Digitalisierung steht auch ganz oben auf der Agenda der aktuellen EU-Kommission. Dies betrifft alle Bereiche, in Deutschland besonders den Verkehrsbereich. Es braucht daher einen flächendeckenden Ausbau von digitaler Mobilität. Das erfordert ein stärkeres Umdenken bei Akteuren, die Digitalisierung mehr als Chance bewerten und die Nutzung und das Management von Daten als Kerngeschäft verstehen. So lässt sich Verkehr effizienter und nachhaltiger gestalten. Es braucht zudem ein stärkeres Voneinander lernen und Miteinander arbeiten, um aus den zahlreichen Pilotprojekten skalierbare und spürbare Effekte zu generieren und schon frühzeitig Kosten zu sparen. Den Rahmen dafür kann nur eine ganzheitliche, bundesweite Strategie setzen, die die Chancen, Risiken und insbesondere die praktische Umsetzung des digitalen Verkehrs berücksichtigt. Neben dem offensichtlichen Mehrwert der Digitalisierung ergibt sich weiterer Handlungsdruck: Es positionieren sich immer stärker internationale Techkonzerne auf dem Markt der Daseinsvorsorge. Sie bieten einerseits neue Angebote, andererseits verlagert sich dadurch die staatliche Aufgabe der Mobilität zunehmend in private, meist nicht-europäische Hände. Es ist daher dringend notwendig, einen strategischen sowie sozialdemokratischen Blick auf die Digitalisierung im Verkehrssektor zu werfen mit den Fragen: Welche sozialdemokratischen politischen Handlungen können die Digitalisierung im Verkehrssektor entscheidend prägen? Wie können wir Digitalisierung als zentraler Hebel einer zukünftigen klimaneutraleren, sicheren und menschfreundlichen Mobilität nutzen? Und wie schafft man auf diesem Weg einen Mehrwert und Akzeptanz in der Anwendung bei den Digitalisierung im Verkehrssektor – Digitalisierung aktiver gestalten und endlich in die Breite bringen, Marius Haardt, Stefan Heimlich, Ralf Resch, Dezember 2024. Impressum: © Friedrich-Ebert-Stiftung| Herausgeberin: FriedrichEbert-Stiftung e.V.| Godesberger Allee 149| 53175 Bonn| Deutschland Verantwortlich: Managerkreis der Friedrich-EbertStiftung| Hiroshimastraße 17| 10785 Berlin www.managerkreis.de| ISBN: 978-3-98628-440-4| Juni 2025 Titelmotiv: sharply_done – iStock Inhaltliche Verantwortung: Marei John-Ohnesorg| Redaktion: Marei John-Ohnesorg und Agnieszka Schauff| Kontakt: managerkreis@fes.de, 030 26 935 7051 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Eine gewerbliche Nutzung der von der FriedrichEbert-Stiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. im puls e MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG MEHR VORSORGEN STATT VERSORGEN ! Ein Impuls für mehr Früherkennung und Prävention in der Gesundheitsversorgung Reparaturbetrieb vermeiden durch mehr Früherkennung und Prävention. Behandlungen konsequent am Behandlungspfad ausrichten sowie interdisziplinär und interprofessionell organisieren. Von Spanien lernen: Patient_innen in den Mittelpunkt stellen und Verhältnisprävention mit Lebensstilberatung verknüpfen. Diagnosesicherheit ist Patientensicherheit: Integrierte Gesundheitszentren schaffen wohnortnahe Angebote. Engmaschige Betreuung durch digitale Versorgungsangebote sicherstellen. AG GESUNDHEIT IM MANAGERKREIS JUNI 2024 Warum wir mehr und besser vorsorgen müssen Im internationalen Vergleich leistet sich Deutschland pro Kopf gesehen nach den USA das teuerste Gesundheitssystem. Nur die Schweiz gibt pro Kopf etwa genau so viel aus, erzielt jedoch deutlich bessere Ergebnisse. Auch im weiteren europäischen Vergleich schneidet Deutschland zunehmend schlechter ab: Obwohl Italien, Frankreich und Spanien pro Kopf weit weniger Geld ausgeben, leben die Menschen dort deutlich länger und verbringen mehr Jahre ohne gravierende gesundheitliche Einschränkungen. 1 Der medizinische Fortschritt mitsamt Digitalisierung ermöglicht bessere Behandlungsabläufe und eine patientennahe Versorgung, trotzdem nutzen wir die damit einhergehenden Möglichkeiten so gut wie nicht. Auch wenn es keine monokausale Erklärung dafür gibt, so ragen zwei Aspekte heraus, die einer näheren Betrachtung bedürfen: Erstens leistet sich Deutschland eine strikt sektorale Aufteilung in eine ambulante und stationäre Versorgung, die vergleichsweise in keinem anderen Land existiert. Dies führt zur doppelten Facharztschiene und zu strukturellen Fehlanreizen. Zweitens richten wir die Versorgung nicht konsequent am Bedarf der Patient_innen aus. Obwohl Deutschland zweifellos eines der besten Gesundheitssysteme der Welt hat, erhalten Patient_innen häufig erst dann eine adäquate Behandlung, wenn ihre Erkrankung akut verläuft oder bereits weit fortgeschritten ist. Im Ergebnis verkommt so das hoch entwickelte deutsche Gesundheitssystem zum Reparaturbetrieb, das zunehmend hohe Kosten verursacht. Selbst wenn wir Patient:innen adäquat behandeln, kümmern wir uns weder konsequent um die Vermeidung schwerer Krankheiten noch systematisch genug um eine qualitätsgesicherte Nachsorge, um das Behandlungsergebnis sicherzustellen. So verzeichnen wir beispielsweise stark steigende Infektionszahlen bei sexuell übertragbaren Krankheiten, ohne präventiv 1 Jasilionis, D., van Raalte, A.A., Klüsener, S. et al.(2023): The underwhelming German life expectancy. Eur J Epidemiol; https://doi.org/10.1007/s10654-023-00995-5. Mehr Vorsorgen statt Versorgen! Ein Impuls für mehr Früherkennung und Prävention in der Gesundheitsversorgung, Birgit Dziuk, Dr. Holger Friedrich, Juni 2024. im puls e MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG VORFAHRT FÜR DIE GÜTER! Wirtschaftsverkehr in urbanen Räumen neu denken Ein urbanes Konzept für den Güterund Lieferverkehr muss als Teil eines integrierten Verkehrskonzeptes die Raumplanung in urbanen Räumen einbeziehen. Auch wenn der Problemdruck durch städtischen Güter- und Lieferverkehr groß ist, gibt es keine universell gültigen Konzepte, ihm zu begegnen. Dem Güter- und Lieferverkehr muss in den Städten Vorrang vor dem motorisierten Individualverkehr eingeräumt werden. Der motorisierten Individualverkehr muss reduziert werden, um den begrenzten öffentlichen Raum stadtverträglicher und effektiver nutzen zu können. Die heutigen Nahverkehrspläne müssen zu einem kommunalen Verkehrsplan weiterentwickelt werden, der auch Teile der Stadtplanung enthält. Wirtschaftsverkehr 1 in urbanen Räumen Im Folgenden soll der Fokus auf den urbanen, gewerblichen Wirtschaftsverkehr(in diesem Falle Güterverkehr) in der Stadt gerichtet werden. Dieses Segment weist eine extrem hohe Dynamik auf. Die Dynamik macht sich sowohl im hohen Sendungsvolumen(insbesondere bei den Kurier- und Express-Diensten) bemerkbar als auch bei den Strukturveränderungen innerhalb dieses Marktes. Dazu gehören neue Akteure im Markt, neue Fahrzeuge, neue Antriebe, veränderte Konsumentenerwartungen etc. Die Ballungsräume sind in besonderem Maße von dieser Dynamik betroffen. Flächenkonkurrenz – Umverteilung von Fläche in der Stadt Der öffentliche Straßenraum wird nicht nur vom Verkehr in Anspruch genommen, sondern er ist gleichzeitig Aufenthaltsort für Menschen. Er dient der Begegnung und ist entscheidend für die urbane Lebensqualität. Die Flächen in den Städten und Agglomerationsräumen sind jedoch knapp: der Wirtschaftsverkehr konkurriert mit Zu-Fuß-Gehenden, dem motorisierten Individualverkehr, dem Radverkehr und E-Scootern um den vorhandenen Platz. Sie alle erheben Anspruch auf den nur begrenzt zur Verfügung stehenden Raum. Dabei rückt das Thema der Lebens- und Aufenthaltsqualität innerhalb der Städte zunehmend in den Blick der gesellschaftspolitischen Diskussion. Da der städtische Lieferverkehr in den vergangenen Jahren sichtbar zugenommen hat, gerät er verstärkt in die Diskussion und wird oft als störend wahrgenommen. STEFAN HEIMLICH UND JÜRGEN NIEMANN JANUAR 2024 1 Der Wirtschaftsverkehr in Deutschland lässt sich in drei unterschiedliche Segmente einteilen. 1. Güterverkehr. Dieser gliedert sich in den Gewerblichen Güterverkehr und in den Werkverkehr. Güterverkehr entsteht durch den Transport von Gütern oder Waren. Damit sind Versorgungstransporte von Unternehmen, Organisationen und Haushalten ebenso gemeint wie Entsorgungstransporte von Reststoffen und Abfällen. Dem urbanen Wirtschaftsverkehr steht der Long Haul- oder Fernverkehr gegenüber. 2. Personenwirtschaftsverkehr. Dieser wird in Service- und Dienstleistungsverkehr sowie Geschäfts- und Dienstverkehr untergliedert, beispielsweise Medien- und anderer Vertrieb, Ärzt_innen, Architekt_innen, Anwälte sowie Handwerkerverkehre. 3. Der Personenbeförderungsverkehr umfasst alle Leistungen des ÖPNVs und die der Taxiunternehmen. Vorfahrt für die Güter! Wirtschaftsverkehr in urbanen Räumen neu denken, Stefan Heimlich und Jürgen Niemann, Januar 2024. Alle Veröffentlichungen der Reihe Managerkreis Impulse finden Sie unter: https://www.fes.de/managerkreis/impulse