A N A LYS E Clemens Striebing, Sabine Loos und Jonas Breitfeld Juni 2025 Energiearmut in Europa Wer sind die Verlierer unseres Energiesystems? Competence Centre Climate and Social Justice Impressum Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn Deutschland info@fes.de Herausgebende Abteilung Friedrich-Ebert-Stiftung| Competence Centre Climate and Social Justice Cours Saint Michel 30e| 1040 Brüssel| Belgien Inhaltliche Verantwortung und Redaktion Claudia Detsch, Leiterin des FES-Kompetenzzentrums Climate and Social Justice Kontakt justclimate@fes.de Design/Layout pertext| corporate publishing www.pertext.de Coverbild picture alliance/ Shotshop/ Monkey Business 2 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES heraus­gegebenen ­Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ­Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Juni 2025 © Friedrich-Ebert-Stiftung e. V. ISBN 978-3-98628-739-9 Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen Clemens Striebing, Sabine Loos und Jonas Breitfeld Juni 2025 Energiearmut in Europa Wer sind die Verlierer unseres Energiesystems? Inhalt Ein Tag im Leben von Claire........................................  3 Energie für alle? Nicht überall selbstverständlich. ........................  4 Wer ist besonders betroffen?........................................  4 Wer ist besonders gefährdet?........................................  6 Was sind die wiederkehrenden Muster? ................................  6 Fokus: Wie fair sind unsere Energiesysteme für Männer und Frauen? ..........................................  8 Fokus: Wie fair sind unsere Energies­ ysteme zwischen Stadt und Land? ........................................  9 Was die Muster hinter Energiea­ rmut für eine gerechte Energiewende ­bedeuten ..............................  9 Ein Tag im Leben von Claire Nordfrankreich. Ein Wintertag. Claire ist 33 Jahre alt und lebt mit ihren vier Kindern, die zwischen vier und 15 Jahren alt sind, in einer Mietwohnung auf dem Land. Sie arbeitet in einem regulären Angestelltenverhältnis in Teilzeit und beschreibt ihr Einkommen, weniger als eintausend Euro im Monat, als ausreichend. Ihr Alltag ist eng getaktet – Haushalt, Kinderbetreuung, Job. Unterstützung durch einen Partner gibt es nicht. Die Wohnung wird in den kalten Monaten elektrisch beheizt – für drei Monate im Jahr. Doch Claire schaltet den Heizkörper nur gezielt ein, wenn es gar nicht anders geht. Das Heizen, Kochen und selbst die Beleuchtung erfolgen mit Strom. Zum Lichtmachen verwendet Claire in der Regel aber Kerzen. Der Strom, den sie in ihrem Haushalt nutzt, kommt im Wesentlichen aus wiederaufladbaren Batterien, sagt sie. Ein Elektroherd wird genutzt – aber sparsam, um die wenigen gespeicherten Kilowattstunden zu schonen. Claire hat keine chronischen oder psychischen Erkrankungen. Aber das tägliche Jonglieren mit Energie, Geld und Verantwortung zehrt an ihr. Sie hat einen Ausbildungsabschluss, für den Arbeitsmarkt reicht das aus – aber nicht für Sicherheit. Trotz Arbeit und Einsatz reicht das Einkommen nicht, um die notwendige Energieversorgung durchgehend zu gewährleisten. Sie stimmt der Aussage, dass sie sich die Energie leisten kann, die sie braucht, überhaupt nicht zu. Sie gibt an, dass ihre Energiearmut ihre Fähigkeit beeinträchtigt, Besuch zu Hause zu empfangen oder das Internet zu nutzen. Claire glaubt nicht, dass sich Politikerinnen und Politiker für ihre Anliegen interessieren. Claires Fall zeigt: Energiearmut ist kein Randphänomen. Sie kann selbst Menschen treffen, die arbeiten und körperlich gesund sind – wenn Versorgungslücken, Verantwortungslasten und finanzielle Grenzen zusammentreffen. Claires Geschichte ist real. Sie basiert auf Daten aus einer von unserem Forschungsteam des Fraunhofer IAO Ende des Jahres 2024 durchgeführten Online-Befragung. Der Name wurde erfunden. Wie dieses Policy Paper zeigt, haben unter anderem alleinerziehende ­Frauen mit Kindern in Frankreich ein besonders hohes Risiko, in Energiearmut zu geraten. Claire ist eine davon. Ein Tag im Leben von Claire 3 Energie für alle? Nicht überall selbstverständlich. Die Energiewende soll gerecht sein: Wer viel verbraucht und Alternativen hat, soll mehr ­Lasten tragen. Wer wenig hat, soll unterstützt werden. Klingt logisch – doch wer fällt eigentlich unter »die Schwachen« im Energiesystem? Im EU-Projekt gEneSys haben wir über 18.000 Menschen aus Deutschland, Frankreich, Polen, Portugal, Schweden und Italien gefragt: Können Sie sich die Energie leisten, die Sie für Ihren ­Haushalt brauchen? Die Antworten zeigen: Energiearmut ist kein Randphänomen. Sie trifft bestimmte Gruppen systematisch – und sie unterscheidet sich von Land zu Land. In diesem Fact Sheet erfahren Sie: → Wer besonders oft mit Nein antwortet → Welche sozialen Muster dahinterstehen → Ob es Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie Frauen und Männern gibt → Was das für eine gerechte Energiepolitik ­bedeutet Wer ist besonders betroffen? Ein Vergleich ausgewählter EU-Länder Nicht überall in Europa ist Energiearmut gleich ausgeprägt. Ein Vergleich sechs ausgewählter EU-Staaten zeigt deutliche Unterschiede im Ausmaß wahrgenommener Energiearmut (vgl. Abbildung 1). Besonders hoch ist der Anteil derjenigen, die sich die notwendige Energie für ihren Haushalt nicht leisten können, in Frankreich – dort betrifft dies jede vierte befragte Person. In Portugal, Polen und Italien gab jede fünfte Person an, sich die von ihr benötigte Energie eher nicht leisten zu können. In Deutschland(12,5 %) und Schweden (10,4 %) ist der Anteil zwar geringer, aber keines wegs vernachlässigbar: Auch hier berichten viele Menschen von Einschränkungen im Zugang zu grundlegender Energieversorgung. Diese Unterschiede sind mehr als nur Zahlen: Sie weisen auf strukturelle Unterschiede in ­Einkommen, Wohnverhältnissen und Energiepreisen hin – und auf den Handlungsbedarf für eine wirklich gerechte Energiewende. ​ 4 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Anteil von Nein-Antworten Ländervergleich Anteil der Haushalte, die sich notwendige Energie(eher) nicht leisten können 30% Abbildung 1 25% 20% 19% 18% 18% 13% 10% 10% 0% Frankreich Deutschland Italien Polen Portugal Schweden Anmerkung: Anteil von Personen, welche die Aussage»Ich kann mir die Energiemenge und die Energieressourcen, die zur Versorgung aller Bereiche meines Haushalts erforderlich sind, finanziell leisten.«verneint haben(Als»Nein« wurden alle Antworten von 1 bis 3 auf einer Skala von 1 bis 7 ­gewertet.). Antworten von 17.889 Personen. Repräsentativ gewichtet Energie für alle? Nicht überall selbstverständlich. 5 Wer ist besonders gefährdet? Mit unserem Datensatz haben wir länderspezifische Machine-Learning-Analysen durchgeführt, um besser zu verstehen, wer besonders häufig – und wer besonders selten – von Energiearmut betroffen ist. Getestet wurden dabei der Einfluss von Geschlecht und Alter, Bildungsniveau, Beziehungsstatus und Wohnsituation, urbane oder ländliche Lage, Betreuungsverantwortung, sexuelle Orientierung, Religionszugehörigkeit, Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit, körperliche und psychische Gesundheit sowie chronische Erkrankungen. Abbildung 2 zeigt die jeweils betroffenen Grup pen pro Land und gibt an, wie hoch dort der Anteil der Menschen ist, die sich die benötigte Energie nicht leisten können. Es handelt sich um explorative Analysen – sie zeigen Muster, die über klassische Vergleiche hinausgehen. Was fällt auf? Europaweit am stärksten betroffen sind alleinerziehende Frauen in Frankreich. Die geringste Betroffenheit zeigen dagegen zwei Gruppen: allein oder in Partnerschaft lebende Menschen in städtischen Gebieten in Schweden sowie verheiratete Menschen mit hohem Bildungsniveau in Deutschland. Was sind die wiederkehrenden Muster? → Bildung zählt. Höhere Bildungsabschlüsse erhöhen die Einkommenschancen – und senken damit das Risiko von Energiearmut. → Gesundheit spielt eine Rolle. In Italien, Portugal und Frankreich zeigen sich besonders klare Zusammenhänge: Menschen mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen sind hier deutlich häufiger betroffen. Teilweise haben sie einen höheren Energiebedarf – etwa für medizinische Geräte oder Wärme – teilweise leiden sie stärker unter den Folgen schlechter Wohnverhältnisse. → Ehe schützt – manchmal. Partnerschaften können Ressourcen bündeln – das senkt das Risiko, auch wenn der Energiebedarf steigt. → Städtisches Wohnen wirkt entlastend. In ­urbanen Gebieten profitieren Menschen offenbar unter anderem von einer effizienteren Energieinfrastruktur. → Überraschend: ethnische Zugehörigkeit in Deutschland. Personen, die sich selbst einer ethnischen Minderheit zuordnen, sind in Deutschland deutlich häufiger energiearm. Eine mögliche Deutung: Soziale Zugehörigkeit beeinflusst Chancen auf dem Arbeitsmarkt – und damit auch die Energieversorgung im Alltag. Diese Ergebnisse sind keine abschließenden ­Urteile, aber wertvolle Hinweise: Wer gerechte Energiepolitik machen will, sollte diese sozialen Muster kennen. 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Erkundung von Extremgruppen Anteil der Haushalte, die sich notwendige Energie(eher) nicht leisten können Abbildung 2 Deutschland: niedriges oder mittleres Bildungs­ – 27% niveau& Mitglied einer ethnischen Minderheit Deutschland: hohes Bildungsniveau, verheiratet& – 3% ohne chronische Erkrankungen Frankreich: alleinerziehende Frauen mit niedrigem – 53% oder mittlerem Bildungsniveau Frankreich: Männer mit hohem Bildungsniveau& – 12% ohne Einschränkungen der psychischen Gesundheit Italien: unverheiratete Menschen mit Behinderung – 38% Italien: Männer mit hohem Bildungsniveau& – 9% ohne chronische Erkrankungen Polen: Menschen mit niedrigem Bildungsniveau – 34% Polen: Menschen mit hohem Bildungsniveau – 14% Portugal: Frauen mit psychischen gesundheitlichen – Einschränkungen auf Land und in Mittelstädten Portugal: Menschen ohne psychische gesundheitliche Einschränkungen, mit hohem Bildungsniveau& – 7% in größeren Städten lebend Schweden: alleinerziehende Menschen – 33% 26% Schweden: allein oder in Partnerschaft – 4% lebende Menschen in urbanen Gebieten Anmerkung: Anteil von Personen, welche die Aussage»Ich kann mir die Energiemenge und die Energieressourcen, die zur Versorgung aller Bereiche meines Haushalts erforderlich sind, finanziell leisten.« besonders oft oder besonders selten verneint haben(Als»Nein« wurden alle Antworten von 1 bis 3 auf einer Skala von 1 bis 7 gewertet.). Ausgewählte Ergebnisse von länderweisen Entscheidungsbaum-Analysen. Wer ist besonders gefährdet? 7 Anteil von Nein-Antworten Gender gap bei Energiearmut 40% 30% 31% 20% 18% 10% Abbildung 3 22% 15% 0% Frankreich Deutschland Italien Polen Portugal Schweden Männer Frauen Anmerkung: Nach Geschlecht differenzierter Anteil der Befragten, welche die Aussage»Ich kann mir die Energiemenge und die Energieressourcen, die zur Versorgung aller Bereiche meines Haushalts erforderlich sind, finanziell leisten.« verneint haben(Als»Nein« wurden alle Antworten von 1 bis 3 auf einer Skala von 1 bis 7 gewertet.). Antworten von 17.889 Personen. Repräsentativ gewichtet. Fokus: Wie fair sind unsere Energiesysteme für Männer und Frauen? Die Beobachtung, dass in Frankreich insbesondere alleinerziehende Frauen mit niedrigem oder mittlerem Bildungsniveau überdurchschnittlich häufig von Energiearmut betroffen sind, wirft eine grundsätzliche Frage auf: Diskriminieren unsere Energiesysteme – bewusst oder unbewusst – nach Geschlecht? Studien legen diesen Schluss nahe. Frauen sind in lokalen Energieinitiativen und energiepolitischen Entscheidungsprozessen deutlich unterrepräsentiert und weisen zugleich ein höheres Risiko auf, von Energiearmut betroffen zu sein. Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele Indikatoren für Energiearmut an Einkommen und Eigentum orientiert sind – und Frauen im Durchschnitt über weniger beides verfügen. Doch wie verhält es sich mit der subjektiv empfundenen Energiearmut – also dem Gefühl, sich die benötigte Energie schlicht nicht leisten zu können? Genau das haben wir in unserer Befragung erfasst. Abbildung 3 zeigt den Anteil energiearmer Haushalte in Abhängigkeit vom Geschlecht der befragten Person. Besonders deutlich wird der Gender Gap in Frankreich und Portugal: Entsprechend unseren Analysen sind es in beiden Ländern vor allem Frauen mit niedrigem oder mittlerem Bildungsabschluss und aktueller oder früherer Betreuungsverantwortung, die ein erhöhtes Risiko aufweisen, von Energiearmut betroffen zu sein. In den übrigen Ländern hingegen zeigt sich kein genereller Zusammenhang zwischen Geschlecht und Energiearmut – hier scheint das Risiko geschlechtsunabhängiger verteilt zu sein. 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Warum ist die Energiearmut auf dem Land in den sechs untersuchten Ländern tendenziell höher? Abbildung 4 → Einkommen In Städten sind Vollzeittätigkeit und höhere Bildungsabschlüsse ­häufiger – das sorgt für stabilere Einkommen. → Gesundheitliche Beeinträchtigungen Auf dem Land leben mehr Menschen mit gesundheitlichen Beein­ trächtigungen, was ihre Erwerbschancen reduziert. → Weniger Energieeffizienz Ländliche Haushalte wohnen eher in freistehenden, weniger energie­ effizienten Gebäuden und sind stärker auf das Auto angewiesen. ­Städter:innen profitieren eher von Passivwärme und kompakter ­Infrastruktur. Anmerkung: Wesentliche Faktoren für die stärkere Verbreitung von Energiearmut auf dem Land. Die Faktoren wurden im Rahmen einer Reihe explorativer Korrelations- und Regressionsanalysen ermittelt. Fokus: Wie fair sind unsere Energie­ systeme zwischen Stadt und Land? Unsere Befragung vermittelt, dass Menschen in ländlichen Gebieten häufiger von Energiearmut betroffen sind. Das ist tatsächlich in allen sechs untersuchten Ländern der Fall: in urbanen Gebieten geben 14 Prozent der Personen in den befragten EU-Ländern an, von Energiearmut betroffen zu sein. In ländlichen Gebieten sind es 22 Prozent . Woran liegt das? Ist es die Energieinfrastruktur auf dem Land, die schlechter ausgebaut ist? Oder wohnen auf dem Land schlichtweg tendenziell weniger wohlhabende Menschen, weil die Einkommen und Lebenshaltungskosten niedriger sind? Unsere Daten deuten darauf hin, dass sich ein wesentlicher Teil des Stadt-Land-Gefälles bei Energiearmut durch eine Kombination mehrerer Risikofaktoren erklären lässt – etwa Bildungsniveau, Haushaltstyp, Gesundheitsstatus oder Versorgungsinfrastruktur. Abbildung 4 vermittelt hierzu einen ersten Eindruck. Für eine belastbare Einschätzung der Zusammenhänge wären jedoch weiterführende Analysen notwendig. Was die Muster hinter Energiea­ rmut für eine gerechte Energiewende ­bedeuten Ob Gesundheitsprobleme, Alleinerziehung oder niedriger Bildungsstand – wer mit strukturellen Belastungen lebt, spürt Energiearmut besonders stark. Sie kommt selten allein, sondern verschärft bestehende Unsicherheiten: Sie macht krank, macht einsam, macht das Zuhause zum Stressfaktor. Dabei lässt sich genau analysieren, wer betroffen ist – zum Beispiel mithilfe kombinierter Daten wie sie in unserer Befragung im Rahmen des Projekts gEneSys erhoben wurden. Was die Muster hinter Energie­armut für eine gerechte Energiewende ­bedeuten 9 Politik kann und sollte diese Daten nutzen, um sichtbar zu machen, wer durchs Raster fällt – und um konkrete, zielgerichtete Maßnahmen zu entwickeln. Intersektionale Energiearmut ist allerdings nicht allein eine Frage der Verteilung. Deshalb braucht es einen umfassenden Ansatz: ökonomische Maßnahmen, wie etwa gezielte Unterstützungsprogramme oder tarifliche Entlastungen, müssen mit Strategien verknüpft werden, die marginalisierte Gruppen aktiv einbeziehen und ihre Perspektiven stärken. Eine gerechte Energiepolitik berücksichtigt, wie Energie verteilt wird, wer dabei mitreden darf und wessen Bedürfnisse wie wichtig ­er­achtet werden: 1. Wer bekommt was – und warum? → Gezielte Förderprogramme für besonders betroffene Gruppen: Ausbau einkommensund wohnsituationsabhängiger Zuschüsse für laufende Energiekosten. → Sozial gerechte Gebäudesanierung: Fördermittel für energetische Modernisierungen in Mietwohnungen, um finanzielle Belastungen für Mieter:innen zu reduzieren. → Einführung und Ausbau von Sozialtarifen: Preisermäßigte Tarife für Strom und Wärme, um Grundversorgung für einkommensschwache Haushalte sicherzustellen – und um soziale Teilhabe zu ermöglichen. 2. Wer darf mitreden – und wie wird ­entschieden? → Partizipation marginalisierter Gruppen: ­ Aufbau lokaler Energiebeiräte mit Beteiligung sozial benachteiligter Gruppen. → Energieberatung aufsuchend gestalten: ­ Lokale Energieberater:innen-Teams, die in prekarisierte Quartiere gehen, barrierearme und mehrsprachige Informationen bereit­ stellen. 3. Wessen Bedürfnisse und Perspektiven ­werden anerkannt? → Kulturell sensible Kommunikation: Entwicklung von Kommunikationskampagnen, die sprachlich, kulturell und visuell marginalisierte Gruppen erreichen. → Berücksichtigung besonderer Lebenslagen: Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen haben gegebenenfalls einen besonderen Energiebedarf – etwa durch den Betrieb medizinischer Geräte, höheren Wärmebedarf oder eingeschränkte Mobilität. Diese Bedarfe müssen bei der Ausgestaltung von ­Zuschüssen und Sozialtarifen ausdrücklich ­berücksichtigt werden. Energiearmut ist ein vielschichtiges Querschnitts­ problem – sozial, gesundheitlich, infrastrukturell. Sie lässt sich nicht mit pauschalen Maßnahmen bekämpfen, sondern erfordert gezielte Antworten dort, wo die Belastung am stärksten ist. Wer die Energiewende gerecht gestalten will, muss anerkennen: Energiearmut entsteht nicht zufällig, sondern folgt sozialen Mustern. Diese sichtbar zu machen – und politisch zu adressieren – ist der erste Schritt hin zu einer wirklich inklusiven Energiepolitik. Die Handlungsempfehlungen beruhen insbesondere auf folgenden Arbeitspapieren: Info 1 → Wuppertal Institut(2024): Wie die Wärme­ wende sozial gestaltet werden kann → Öko-Institut e. V.(2020): Soziale Aspekte der Gebäudeenergiewende 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Sie wollen mehr erfahren? Info 2 In unserem gEneSys-Projektbericht haben wir umfangreiche Analysen zur Teilhabe am Energiesystem als Konsument:in, Wähler:in und Prosument:in in der EU sowie Sub-Sahara-Afrika durchgeführt. Wie wurde untersucht? 30.000 Menschen in zehn Ländern wurden befragt – mithilfe von Machine-LearningVerfahren wie Entscheidungsbäumen und Random Forests wurden strukturelle Muster der Energiearmut und Energiebeteiligung sichtbar gemacht. Dabei wurden sozio-demografische Daten mit technischen Energiefragen verbunden, um intersektionale Ungleichheiten besser zu verstehen. Im Bericht erläutern wir detailliert die ­Methodik unserer Untersuchung. Bei Rückfragen freuen wir uns über Ihre Nachricht an: Dr. Clemens Striebing Fraunhofer IAO clemens.striebing@iao.fraunhofer.de Was die Muster hinter Energie­armut für eine gerechte Energiewende ­bedeuten 11 Über die Autor_innen Dr. Clemens Striebing ist Senior Researcher am Center for Responsible Research and Innovation des Fraunhofer IAO. Hier leitet er nationale und internationale Projekte zu Organisationskultur und-klima sowie zu Gleichstellung und Diversität im Forschungs- und Innovationssystem. Er studierte Politikwissenschaft an der FU Berlin und promovierte in Soziologie an der Universität Heidelberg. Er lehrt diversitätssensible Innovationsentwicklung an der TU Berlin. Sabine Loos ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Center for Responsible Research and Innovation(CeRRI) des Fraunhofer IAO und leitet Projekte an der Schnittstelle von(Energie)Technologien und Gesellschaft. Als Doktorandin zum Thema feministische Energiewende erforscht sie wahrhaft gerechte und zugleich nachhaltige Energiesysteme unter Berücksichtigung feministischer Perspektiven und der planetaren Grenzen. Sabine hat einen Masterabschluss in Responsibility in Science, Engineering and Technology von der Technischen Universität München. Jonas Breitfeld ist als studentische wissenschaftliche Hilfskraft am Center for Responsible Research and Innovation des Fraunhofer IAO tätig. Hier arbeitet er an verschiedenen Projekten mit den Teams»Gesellschaftliche Trends und Technologien« sowie»Unternehmenskultur und Transformation«. Er studierte im Bachelor Psychologie und absolviert aktuell seinen Master in der Arbeits und Organisationspsychologie an der Medicalschool Berlin. Förderung Dieses Projekt wurde von Horizont Europa der Europäischen Union – Kultur, Kreativität und integrative Gesellschaft – unter der Finanzhilfevereinbarung Nr. 101094326 finanziert. gE ne S y s Energiearmut in Europa Wie gerecht ist Europas Energiesystem? In Deutschland ist Energiearmut zum Beispiel besonders unter Menschen verbreitet, die einer ethnischen Minderheit angehören und einen niedrigen Bildungsabschluss haben. Auf Basis einer großangelegten Befragung in sechs EU-Ländern zeigt dieses Policy Paper, wie vergleichbare Bruchlinien verlaufen, diskutiert die sozialen, gesundheitlichen und räumlichen Muster von Energiearmut – und lädt dazu ein, tragfähige Hebel für eine faire Energiewende zu erkunden. Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie hier: ↗ fes.de