Ladies First – Jahrzehnt der Frauen Factsheet MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG KARRIEREHEMMNISSE UND DIE FRAGE NACH„VEREINBARKEIT“ Autorinnen: Gitta Egbers, Nora Sophie Griefahn, Eva Kreienkamp, Petra Rossbrey, Andrea Schumann-Gregorius und Sabine Smentek In einer Zeit, in der längere Arbeitszeiten und weniger Work-Life-Balance gefordert wird, lohnt ein Blick auf die Zahlen. Die tatsächliche Erwerbsstundenzahl in Deutschland ist aufgrund einer Teilzeitquote von fast 50% relativ gering im europäischen Vergleich. Dabei muss berücksichtigt werden, dass Deutschland eine hohe Erwerbstätigenquote von Frauen hat. Sind Kinder ein Faktor im Leben dieser Frauen, sinkt ihre Erwerbsarbeitszeit oft, im Gegensatz zu Männern. Diese Unterschiede in der Arbeitszeit, auch Gender Time Gap genannt, waren 2020 der dritthöchste Wert im europäischen Vergleich. Trotzdem arbeiten Frauen auch in Teilzeit nicht weniger als Männer – sie übernehmen lediglich mehr unbezahlte Arbeit, wie die sogenannte Care-Arbeit. Frauen leisten im Schnitt über 50% mehr Care-Arbeit am Tag als Männer in Deutschland. Dabei muss es sich nicht nur um körperliche Arbeit handeln, sondern auch kognitive, emotionale und mentale Arbeit ist hier mit einbezogen und belastet vor allem Frauen. Ursachen liegen u. a. im Steuersystem, das mit dem Ehegattensplitting weiterhin das traditionelle Rollenbild der Alleinverdiener-Ehe fördert, oft unterstützt durch die geringfügige Beschäftigung der Ehefrau in einem Minijob. Auch die schlechte Betreuungsquote von Kindern ist eine Hürde für Frauen. So fehlten 2023 deutschlandweit etwa 383.600 Kita-Plätze. Eine fehlende oder zu kurze Betreuung bedeutet oftmals, dass Frauen die Betreuung ihrer Kinder übernehmen und entweder stark verkürzt arbeiten oder ganz zu Hause bleiben. Fehlende Infrastruktur auch im Bereich Pflege sorgt für weitere Hindernisse. Diese Karrierehemmnisse führen oft zu schlechterer Bezahlung von Frauen. Der sogenannte Gender Pay Gap lag 2023 in Deutschland bei 18 Prozent(bereinigt bei sechs Prozent). Frauen verdienten damit durchschnittlich 4,46 €  weniger als Männer. Ein weiterer Grund für den Gender Pay Gap ist, dass Berufe mit einem hohen Frauenanteil, wie im Gesundheitswesen oder bei Kindererziehung und-betreuung, vergleichsweise niedrige Löhne zahlen(vor allem gemessen an der Bedeutung für den Erhalt der Gesellschaft) und oftmals schlechte Arbeitsbedingungen bieten. All dies kann dazu führen, dass Frauen in Teilzeit gehen oder ganz aus dem Berufsleben ausscheiden. Kinder können so die finanzielle Situation von Frauen noch weiter belasten. Mütter erhalten im Schnitt 40 Prozent weniger Lohn als kinderlose Frauen, besonders da sie oft in Minijobs arbeiten. Damit sind auch die Karrieremöglichkeiten erheblich eingeschränkt. Dies hat Auswirkungen bis ins Alter, der Unterschied bei Alterseinkünften liegt bei fast 30 Prozent. Sind Frauen alleinerziehend, steigt ihr Armutsrisiko. So sind 41% der Alleinerziehenden von Armut gefährdet, wobei 80 Prozent der Alleinerziehenden Frauen sind. Als letzter Grund müssen noch traditionelle Rollenbilder und fehlende Vorbilder genannt werden, die Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit von Frauen haben. Die Politik kann auf verschiedene Weisen dazu beitragen, die Hemmnisse für Frauen zu beseitigen, indem sie die im Koalitionsvertrag genannten Maßnahmen umsetzt und weiter ausbaut: 1. VEREINBARKEIT VON FAMILIE UND BERUF VERBESSERN: Ausbau der Kinderbetreuung: Das Festhalten am Ausbauziel für Ganztagsbetreuung, mehr Investitionen in Krippen und Kitas sowie die Schaffung eines übergreifenden digitalen Portals für alle Familienleistungen sind entscheidend. Dies entlastet Frauen bei der Care-Arbeit und ermöglicht ihnen, erwerbstätig zu sein oder ihre Arbeitszeit auszuweiten. Qualifizierung und Anwerbung von Fachkräften: Vgl. KoaV 2025: 98 Die Einführung eines dualen Ausbildungssystems im Bereich der Kinderbetreuung und die Anwerbung internationaler Fachkräfte sichern die Qualität und Verfügbarkeit von Betreuungsplätzen. Frühe Hilfen und Sprachförderung: Vgl. KoaV 2025: 98 Die Aufstockung der Frühen Hilfen und die verpflichtende Teilnahme aller Vierjährigen an einer Diagnostik des Sprach- und Entwicklungsstandards unterstützen die Entwicklung der Kinder und können indirekt auch die Eltern entlasten. Steuerliche Anreize und Familienbudget: Vgl. KoaV 2025: 99: Frühe Hilfen Vgl. KoaV 2025: 98: Sprachförderung Die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen durch steuerliche Anreize für die Ausweitung der Arbeitszeit und die Einführung eines jährlichen Familienbudgets können finanzielle Anreize schaffen, die die Rückkehr in den Beruf oder die Ausweitung der Arbeitszeit attraktiver machen. Mutterschutz für Selbstständige: Vgl. KoaV 2025: 14:„Deshalb prüfen wir ein jährliches Familienbudget für Alltagshelfer für Familien mit kleinen Kindern und/oder pflegebedürftigen Angehörigen mit kleinen und mittleren Einkommen, das wir digital zugänglich machen“ Dies dient zur Förderung sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung bei haushaltsnahen Dienstleistungen+ Kampf gegen Schwarzarbeit(vgl. ebd.) + mehr Quereinstiege ermöglichen Diese Maßnahme ist essenziell, um selbstständigen Frauen die gleiche Absicherung wie Angestellten zu bieten und sie nicht wegen einer Mutterschaft beruflich zu benachteiligen. Pendlerpauschale und Weiterbildung: Vgl. KoaV 2025: 102 Ergänzung: Prüfung geeigneter Finanzierungsmodelle+ Initiierung einer entsprechenden Aufklärungskampagne Die Erhöhung der Pendlerpauschale kann die finanzielle Belastung für berufstätige Frauen reduzieren. Die Ausweitung von Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen sowie der Einstieg in die Gebührenfreiheit der Aufstiegsfortbildung fördern die berufliche Entwicklung von Frauen und ihre Chancen auf höherqualifizierte und besser bezahlte Stellen. Vgl. KoaV 2025: 46 2. FRAUEN IN FÜHRUNGSPOSITIONEN UND WISSENSCHAFTLICHEN BEREICHEN STÄRKEN: Zielgrößen und flexible Arbeitszeitmodelle: Die bessere Vereinbarkeit von Führungspositionen und Care-Arbeit, unter anderem durch Zielgrößen für mehr Frauen in Führungspositionen und flexible Arbeitszeitmodelle, ist entscheidend, um Frauen den Aufstieg in Führungsebenen zu erleichtern. Siehe KoaV 2025: 101 Ergänzung unter der Thematik der„Beseitigung struktureller Benachteiligung für Frauen im Alltag“: unbezahlte Arbeit, Kinderbetreuung und Pflege soll fairer verteilt werden Erhöhung des Frauenan- Die Erhöhung des Frauenanteils in wissenschaftlichen Führungspositionen ist wichtig, um teils in der Wissenschaft: Rollenbilder zu durchbrechen und weibliche Karrieren in diesem Bereich zu fördern. Prüfung der Parität im Parlament: Vgl. KoaV 2025: 101f.„(…) Ziel ist die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Medien, in Politik und Parlamenten. Die Prüfung der Parität im Parlament durch ein entsprechendes Gesetzgebungsverfahren adressiert die politische Repräsentation von Frauen und kann zu einer ausgewogeneren Gesetzgebung führen, die die Bedürfnisse von Frauen besser berücksichtigt. Vgl. ebd. 3. FRAUENGESUNDHEIT UND GEWALTSCHUTZ STÄRKEN: Forschung zur Frauengesundheit: Die Förderung von Forschung zur Frauengesundheit ist wichtig, um genderspezifische Unterschiede in der Medizin besser zu verstehen und die Versorgung von Frauen zu verbessern. Mutter-Kind-Kliniken: Vgl. KoaV 2025: 78:„Wir fördern Forschung zu Frauengesundheit und postinfektiösen Erkrankungen(Long COVID, ME/CFS und PostVac)“ Einziger Satz dazu in KoaV. Der Ausbau, Neubau und die Sanierung von Mutter-Kind-Kliniken tragen zur Verbesserung der medizinischen Versorgung von Müttern und Kindern bei. Gewaltschutzstrategie: Vgl. KoaV 2025: 102 Die Ausweitung der Gewaltschutzstrategie zum Schutz von Frauen ist von grundlegender Bedeutung, um Frauen vor Gewalt zu schützen und ihnen ein sicheres Leben zu ermöglichen. Vgl. KoaV 2025: 103 Ergänzung:„Gewaltfreiheit ist ein Menschenrecht“. Ausweitung der Gewaltschutzstrategie zu einem„Nationalen Aktionsplan“ + dabei auch: Stärkung der„Koordinierungsstelle Geschlechtsspezifische Gewalt“(ebd.) + Ergänzung: Verbesserung des Prostituiertenschutzgesetzes(vgl. ebd.) Siehe dazu letzter Kommentar bei Auskunftspflicht: neue Regelung der härteren Sanktionierung von Unterhaltsschuldnern kann zu mehr(finanzieller) Sicherheit für Frauen im Alltag beitragen. 4. DIGITALISIERUNG NUTZEN: Teilhabe-App und digitales Portal: Die Einführung einer Teilhabe-App und die Schaffung eines übergreifenden digitalen Portals für alle Familienleistungen können den Zugang zu Informationen und Leistungen erleichtern und bürokratische Hürden abbauen, was besonders für Frauen mit komplexeren Lebenssituationen von Vorteil sein kann. Unterjährige Auskunftspflicht: Vgl. KoaV 2025: 99 Ergänzung:+ unbürokratischerer und somit vereinfachter Zugang kann helfen, mehr Sport-, Musik-, Kultur-, und sonstige Freizeitangebote wahrzunehmen und so mehr Teilhabe am gesellschaftlichen und sozialen Zusammenleben zu ermöglichen. Die Einführung der unterjährigen Auskunftspflicht kann Transparenz schaffen und die Kommunikation zwischen Behörden und Bürgerinnen verbessern. Vgl. KoaV 2025: 100 Ergänzung: Neben vereinfachter Kommunikation auch bessere Gewährleistung finanzieller Sicherheit durch neue Regelung der Anrechnung des Kindergeldes, welches nur hälftig auf den Unterhaltvorschuss angerechnet wird(vgl. ebd.). Ergänzung: Stärkung des Sicherheitsgefühls durch stärkere Sanktionierung von Unterhaltsschuldnern(vgl. ebd.) Die Politik kann durch die konsequente Umsetzung dieser im Koalitionsvertrag festgehaltenen Punkte maßgeblich dazu beitragen kann, die strukturellen, finanziellen und gesellschaftlichen Hemmnisse für Frauen in Deutschland abzubauen und ihre gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen zu fördern. QUELLEN: https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/Bevoelkerung-Arbeit-Soziales/Arbeitsmarkt/ArbeitsmarktFrauen.html https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-1/teilhabe-frauen-erwerbsleben.html https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Frauen-und-Maenner/generische-Publikationen/Frauen-Maenner-Arbeitsmarkt.pdf?__blob=publicationFile&v=14 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/fachkraeftemangel-2024/548772/erwerbsbeteiligung-von-frauen/ https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BiW/BSt_Factsheet_Gleichstellung_Arbeitsmarkt.pdf MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG © Friedrich-Ebert-Stiftung| Herausgeberin: Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.| Godesberger Allee 149| 53175 Bonn| Deutschland Verantwortlich: Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung| Hiroshimastraße 17| 10785 Berlin www.managerkreis.de| ISBN 978-3-98628-753-5| Juli 2025 Titelmotiv: picture alliance/ Caro| Amruth Inhaltliche Verantwortung: Susanne Fischer| Redaktion: Susanne Fischer und Agnieszka Schauff| Kontakt: managerkreis@fes.de, 030 26 935 7051 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 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