PERSPEKTIVE Friedrich-Ebert-Stiftung 2025 Wie funktioniert die Europäische Union? Das Europäische Parlament im Fokus Impressum Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn info@fes.de Herausgebende Abteilung Friedrich-Ebert-Stiftung Europäische Union und Globaler Dialog| Büro Brüssel Rue du Taciturne 38 1000 Brüssel Belgien https://brussels.fes.de/ Inhaltliche Verantwortung und Redaktion Agnes Mach, Referentin im FES EU-Büro Ingmar Naumann, Leiter des Verbindungsbüros der FES in Straßburg Inhaltliche Ausarbeitung: Henry Gerlach, Ines Grau, Sven Wachowiak Kontakt brussels@fes.de Design/Layout pertext| corporate publishing www.pertext.de Bildnachweise Titelbild: Europäische Union 2021| S. 7: socialistsanddemocrats.eu| S. 10/11: Europäische Union 2021; Philippe Samyn and Partners, architects& engineers – lead and design partner, Studio Valle Progettazioni architects, Buro Happold engineers; Court of Justice of the European Union; Europäische Union 2021| S. 13: Europäische Union 2020/2021; Twitter(@JytteGuteland); Ministry of the Environment and Spatial Planning(Primož Predalič)| S. 16: SPD MV / Susie Knoll Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES heraus­gegebenen ­Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ­Publikationen der FES dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. September 2025 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ISBN 978-3-98628-757-3 Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen Friedrich-Ebert-Stiftung September 2025 Wie funktioniert die Europäische Union? Das Europäische Parlament im Fokus Inhalt Vorwort .......................................................... 3 Zahlen und Fakten zum Europäischen Parlament ...................... 4 Fraktionen......................................................  4 Deutsche Abgeordnete(MdEPs)....................................  5 Ausschüsse ..................................................... 6 Übersicht der SPD-Abgeordneten...................................  7 Anteil der neu gewählten Abgeordneten.............................  8 Altersdurchschnitt...............................................  8 Frauenanteil....................................................  9 Terminkalender 2025/2026 .......................................  9 Kurzporträts der EU-Institutionen ................................... 10 Europäisches Parlament .........................................  10 Europäische Kommission ........................................  10 Rat der EU(Ministerrat) und Europäischer Rat .......................  11 Europäischer Gerichtshof(EuGH) ..................................  11 Wie entsteht ein Gesetz auf EU-Ebene? ............................... 12 Europäisches Klimagesetz .......................................  12 Ein Spaziergang durch das Europaviertel in Straßburg ................. 14 Interview mit der Europaabgeordneten Sabrina Repp .................. 16 Übersicht von Angeboten zur europapolitischen Bildung ............... 19 Vorwort Liebe Leserin, lieber Leser, die Europäische Union steht für ein Versprechen mit vielen Facetten: für europaweiten Frieden, für Teilhabe am Wohlstand durch gemeinsame Märkte, aber auch für Kooperation und gemeinsame Lösungen in einer Welt, die zunehmend aus den Fugen zu geraten droht. Die Herausforderungen sind gewaltig: Kriege, Klimakrise, Aufstieg von autoritären ­Regimen und Angriffe auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Migration, Wettbewerbsfähigkeit und digitale Trans­for­ mation, technologische Souveränität, ungleiche Lebensbedingungen – alles Probleme, die wir gemeinsam als Europäische Union besser adressieren können als aus den Nationalstaaten heraus. »In Vielfalt geeint« – so bringt die Europäische Union ihr Selbstverständnis auf den Punkt. Das Europäische Parlament, das sowohl im französischen Straßburg wie auch im belgischen Brüssel tagt, ist der Ort, an dem diese Devise tagtäglich in konkrete Politik umgesetzt wird. Seit 1979 wird es von den Bürgerinnen und Bürgern der EU direkt gewählt. Hier wird debattiert, gestritten und entschieden – im Namen von über 450 Millionen Menschen. In meiner Zeit als Präsident des Europäischen Parlaments habe ich besonderen Wert darauf gelegt, das Parlament gegenüber den anderen Institutionen zu stärken, um Europas Demokratisierung und Bürgernähe zu festigen. In Straßburg wird die Wirklichkeit europäischer Demokratie greifbar, jenseits aller abstrakten Diskurse: Im vielsprachigen Echo, das im Innenhof des Louise-Weiss-Gebäudes widerhallt, und in den lebendigen Debatten unter der markanten Kuppel des Plenarsaals. Hier wird entschieden, wie das Europa von morgen aussehen soll. Straßburg ist Symbol und gelebte Wirklichkeit zugleich: eine Stadt im Herzen Europas, die für die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland steht – und damit exemplarisch für den europäischen Frieden. Diese Broschüre möchte Ihnen nahebringen, welche Rolle das Europäische Parlament im Konzert der EU-Institutionen spielt. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre! Martin Schulz Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung Vorwort 3 Zahlen und Fakten zum Europäischen Parlament 10. Legislaturperiode, 2024–2029 Fraktionen Das Europäische Parlament hat aktuell 720 Abgeordnete(auch MdEPs, Mitglieder des Europäischen Parlaments, genannt). Deutschland ist das EU-Land mit der größten Bevölkerung und hat deshalb die meisten Abgeordneten, derzeit sind es 96. Um die Arbeit zu erleichtern, werden Fraktionen gebildet, in denen sich die MdEPs für gemeinsame Werte und Positionen einsetzen. Während der Legislaturperiode kann sich die Größe der Fraktion immer wieder leicht verändern, zum Beispiel weil MdEPs einen Posten in ihrer nationalen Regierung übernehmen, oder aus ihrer Partei austreten und zu einer anderen Fraktion wechseln. Manchmal haben solche Wechsel zur Folge, dass die Mindestanforderungen(23 MdEPs aus 7 EU-Ländern) nicht mehr erfüllt werden und der Fraktionsstatus verloren geht. Einige MdEPs schließen sich auch gar keiner Fraktion an und gelten dann als»fraktionslos«(NI, franz. Abk. für»nicht eingeschrieben«). 4 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Deutsche Abgeordnete(MdEPs) Anders als z. B. bei den Bundestagswahlen hat Deutschland bei der Europawahl keine 5%-Hürde. Deshalb können viele kleine Parteien ins Europäische Parlament gewählt werden. Bei der Europawahl im Juni 2024 zogen 15 deutsche Parteien ins Parlament ein und traten sechs europäischen Fraktionen bei. Nur in den Fraktionen EKR(Europäische Konservative und Reformer) und PfE(Patrioten für Europa) sind keine deutschen Abgeordneten vertreten. Fraktionen Europäische Volkspartei(EVP) Deutsche MdEPs Aus folgenden Parteien 31 von 188 CDU(23 Sitze) CSU(6 Sitze) Ökologisch-Demokratische Partei(1 Sitz) Familien-Partei Deutschlands(1 Sitz) Die Grünen /  Freie Europäische Allianz 15 von 53 Bündnis 90/Die Grünen(12 Sitze) Volt(3 Sitze) Progressive Allianz der Sozialdemokraten(S&D) 14 von 136 SPD(14 Sitze) Europa der Souveränen Nationen(ESN) 15 von 27 AfD(15 Sitze) Renew Europe 8 von 75 FDP(5 Sitze) Freie Wähler(3 Sitze) Die Linke – GUE/NGL Fraktionslos(NI) 4 von 46 DIE LINKE(3 Sitze) Partei Mensch Umwelt Tierschutz(1 Sitz) 9 von 30 Bündnis Sahra Wagenknecht(5 Sitze) DIE PARTEI(2 Sitze) Partei des Fortschritts(1 Sitz) parteilos(1 Sitz) Zahlen und Fakten zum Europäischen Parlament 5 Ausschüsse Das Europäische Parlament ist – wie auch der Deutsche Bundestag – ein klassisches Arbeitsparlament. Hier wie dort dient die Plenardebatte vor allem der Herstellung von Öffentlichkeit. Die inhaltliche Arbeit konzentriert sich jedoch auf die Ausschüsse, wo Gesetzesentwürfe bearbeitet und politische Stellungnahmen vorbereitet werden. Die Abgeordneten arbeiten fraktionsübergreifend in 22 ständigen Ausschüssen und zwei Unterausschüssen zusammen. Die Vorsitzenden werden von den Mitgliedern für zweieinhalb Jahre gewählt. Sie leiten Sitzungen und koordinieren die Arbeit. Hier geht’s zum Webstream Ausschuss AFCO – Konstitutionelle Fragen AFET – Auswärtige Angelegenheiten → DROI – Unterausschuss für Menschenrechte AGRI – Landwirtschaft und ländliche Entwicklung BUDG – Haushalt CONT – Haushaltskontrolle CULT – Kultur und Bildung DEVE – Entwicklung ECON – Wirtschaft und Währung → FISC – Unterausschuss für Steuerfragen EMPL – Beschäftigung und soziale Angelegenheiten ENVI – Umwelt, Klima und Lebensmittelsicherheit FEMM – Rechte der Frauen und Gleichstellung der Geschlechter IMCO – Binnenmarkt und Verbraucherschutz INTA – Internationaler Handel ITRE – Industrie, Forschung und Energie JURI – Recht LIBE – Bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres PECH – Fischerei PETI – Petitionen REGI – Regionale Entwicklung SANT – Öffentliche Gesundheit SEDE – Sicherheit und Verteidigung TRAN – Verkehr und Tourismus Mitglieder* 30(+2) 79 30 49(+1) 40(–1) 30 30(–1) 25(–1) 60(–1) 30 60(+5) 90(+2) Vorsitz Sven Simon(EVP) David McAllister(EVP) Mounir Satouri(Grüne/EFA) Veronika Vrecionová(EKR) Johan Van Overtveldt(EKR) Niclas Herbst(EVP) Nela Riehl(Grüne/EFA) Barry Andrews(Renew) Aurore Lalucq(S&D) Pasquale Tridico(Die Linke) Li Andersson(Die Linke) Antonio Decaro(S&D) 40(+3) Lina Gálvez(S&D) 52(+7) 43 90(+12) 25 75(+6) 27(–1) 35 41(–2) 30 30 46(–3) Anna Cavazzini(Grüne/EFA) Bernd Lange(S&D) Borys Budka(EVP) Ilhan Kyuchyuk(Renew) Javier Zarzalejos(EVP) Carmen Crespo Díaz(EVP) Bogdan Rzońca(EKR) Adrian-Dragoș Benea(S&D) Adam Jarubas(EVP) Marie-Agnes Strack-Zimmermann(Renew) Elissavet Vozemberg-Vrionidi(EVP) * Veränderungen gegenüber der letzten Legislaturperiode in Klammern 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Übersicht der SPD-Abgeordneten Es folgt ein Überblick der deutschen Delegation in der S&D-Fraktion. Aufgeführt sind die Ausschüsse, in denen die Abgeordneten Mitglied oder Stellvertreter_in(Stv.) sind, sowie weitere wichtige Funktionen. Hier kann man nachschauen, welchen Delegationen sie darüber hinaus angehören: Katarina Barley Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments IMCO-Ausschuss (Mitglied) LIBE-Ausschuss(Stv.) Gaby Bischoff Vizevorsitzende der S&D-Fraktion AFCO-Ausschuss (Vizevorsitzende) EMPL-Ausschuss(Mitglied) René Repasi Leiter der SPD-Gruppe im Europäischen Parlament JURI-Ausschuss (Sprecher der S&D-Fraktion) ECON-Ausschuss(Mitglied) Udo Bullmann DEVE-Ausschuss(Sprecher der S&D-Fraktion) INTA-Ausschuss(Mitglied) Vorsitzender der Delegation für die Beziehungen zu Südafrika Birgit Sippel LIBE-Ausschuss(Sprecherin der S&D-Fraktion) EMPL-Ausschuss (Stv.) Tiemo Wölken ENVI-Ausschuss(Sprecher der S&D-Fraktion) SANT-Unterausschuss (Mitglied) JURI-Ausschuss(Stv.) Delara Burkhardt ENVI-Ausschuss(Mitglied) ITRE-Ausschuss(Stv.) IMCO-Ausschuss (Stv.) Vivien Costanzo TRAN-Ausschuss (Mitglied) EMPL-Ausschuss (Stv.) Tobias Cremer AFET-Ausschuss(Mitglied) SEDE-Unterausschuss(Mitglied) Matthias Ecke FISC-Unterausschuss (Vizevorsitzender) ITRE-Ausschuss (Mitglied) ECON-Ausschuss(Stv.) REGI-Ausschuss(Stv.) Jens Geier BUDG-Ausschuss(Mitglied) ITRE-Ausschuss(Mitglied) Bernd Lange Konferenz der Ausschussvorsitzenden (Vorsitzender) INTA-Ausschuss(Vorsitzender) Maria Noichl AGRI-Ausschuss(Mitglied) FEMM-Ausschuss(Mitglied) DROI-Unterausschuss (Stv.) ENVI-Ausschuss(Stv.) Sabrina Repp REGI-Ausschuss(Mitglied) CULT-Ausschuss(Mitglied) FEMM-Ausschuss (Stv.) Zahlen und Fakten zum Europäischen Parlament 7 Anteil der neu gewählten Abgeordneten Bei der Europawahl wurden 720 Abgeordnete in das Europäische Parlament gewählt, 15 mehr als bei der vorherigen Wahl. 21 der gewählten Abgeordneten gehörten dem Europäischen Parlament in der letzten Wahlperiode zwar nicht an, sind aber vor 2019 bereits einmal MdEPs gewesen. Unter den nationalen Delegationen stellen die portugiesischen Abgeordneten prozentual die meisten neu gewählten Mitglieder, während unter den Fraktionen das Europa der Sou­ veränen Nationen(ESN) prozentual die meisten neu gewählten Mitglieder verzeichnet. Altersdurchschnitt Während sich der Deutsche Bundestag 2025 leicht verjüngen konnte, ist das Europäische Parlament nach der letzten Wahl etwas älter geworden. Die MdEPs waren bei der Wahl im Schnitt 49,6 Jahre alt, im Bundestag lag der Durchschnitt bei 47,1 Jahren. In beiden Parlamenten liegt die zahlenmäßig stärkste Altersgruppe zwischen 51 und 60 Jahren bzw. zwischen 50 und 59 Jahren(31,2% im EU-Parlament, 29,5% im Bundestag). Die Zahl der Abgeordneten, die 30 Jahre und jünger sind, ist in beiden Parlamenten nach wie vor deutlich unterrepräsentiert und hat im Deutschen Bundestag sogar noch einmal deutlich abgenommen, während sie im Europäischen Parlament leicht gestiegen ist. 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Frauenanteil Der Frauenanteil im Europäischen Parlament ist nach der letzten Wahl leicht gesunken, liegt jedoch mit aktuell 38,5 % immer noch deutlich über dem Frauenanteil in den nationalen Parlamenten der EU-Länder(im Durchschnitt 33,4 %). Viele progressive Parteien wie die SPD und die Grünen treten mit paritätisch besetzten Listen für die Europawahl an. Tatsächlich vorgeschrieben ist das für die Europawahlen nur in Frankreich, Belgien und Luxemburg, einige andere Länder schreiben eine Frauenquote von 33–40 % vor. Deutschland hat keine Vorgaben. Terminkalender 2025/2026 Der Arbeitskalender der Abgeordneten setzt sich aus vier verschiedenen Blöcken zusammen: Die inhaltliche Arbeit in den Ausschüssen, Sitzungen mit der Fraktion und der eigenen Partei, die Sitzungswochen in Straßburg und Reisen im Wahlkreis und in Partnerländern. Diese Wochen sind für die Ausschusssitzungen reserviert. In den Ausschüssen erarbeiten die Abgeordneten ihre Positionen zu neuen Gesetzen oder nehmen Änderungen vor. Außerdem erarbeiten sie hier Initiativberichte oder Resolutionen für Themen, zu denen das Parlament Position beziehen möchte. Diese Wochen sind für die Fraktionssitzungen reserviert. Hier berichten die Abgeordneten, was in ihren Ausschüssen verhandelt wird. Auf dieser Basis diskutiert die Fraktion, wie sie sich bei den Abstimmungen in der Plenarwoche verhalten will. Auch wenn es keinen Fraktionszwang gibt, versucht man als Fraktion, eine gemeinsame Position zu allen Themen zu finden. Auch die nationalen Parteien treffen sich in Gruppensitzungen, um ihre Position zu diskutieren. Am Anfang einer Plenarwoche finden ebenfalls Fraktions- und Gruppensitzungen statt. Das sind die Plenarwochen. Bis auf kleinere Sitzungen finden sie alle in Straßburg statt. Hier finden jeden Mittag die Abstimmungen statt, bei denen das gesamte Parlament über die in den Ausschüssen erarbeiteten Berichte und Änderungen abstimmt. Dafür finden im Plenarsaal von morgens bis abends öffentliche Debatten zu den aktuellen Themen statt, bei denen sich die Abgeordneten vor der Abstimmung ein letztes Mal austauschen können. Parallel finden auch in der Sitzungswoche weitere Ausschusssitzungen statt, und vor allem am Anfang der Woche treffen sich die Fraktionen und Gruppen auch hier noch einmal, um ihr Verhalten bei den Abstimmungen festzulegen. Diese Wochen sind für den Wahlkreis und für Delegationsreisen reserviert. Alle Abgeordneten sind Mitglied einer Delegation, um die Beziehung zu Ländern außerhalb der EU zu pflegen. Ihre Reisen nutzen sie, um sich zum Beispiel über die Einhaltung der Menschenrechte in einem Land zu informieren. Außerdem sind die grünen Wochen die einzige Gelegenheit für längere Besuche im Wahlkreis. Normalerweise haben die Abgeordneten dafür nur freitags bis sonntags Zeit und müssen spätestens am Montagvormittag zurück nach Brüssel oder Straßburg reisen. Zahlen und Fakten zum Europäischen Parlament 9 Kurzporträts der EU-Institutionen Europäisches Parlament Seit 1979 werden die Europaabgeordneten direkt von den EU-Bürger_ innen gewählt. Damit ist das Parlament die einzige Institution, bei der wir selbst darüber entscheiden können, wer unsere Interessen auf der EU-Ebene vertritt. Das Parlament ist zusammen mit dem Ministerrat dafür zuständig, über EU-Gesetze zu verhandeln und sie zu verabschieden. Anders als der Bundestag hat es kein Initiativrecht, darf also nicht selbst Gesetze vorschlagen. Es kann lediglich mit einem Initiativbericht Druck auf die Kommission ausüben, dass diese ihm Gesetze vorlegt. Zusammen mit dem Rat ist es auch für den EU-Haushalt zuständig und verfügt damit über ein wichtiges Machtinstrument. Das Parlament kontrolliert außerdem die Kommission: Es wählt die Kommissar_innen ins Amt und kann sie mit einem Misstrauensvotum wieder absetzen. 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Europäische Kommission Die Kommission ist die einzige EU-­ Institution mit einem Initiativrecht, darf also allein EU-Gesetze vorschlagen. An ihrer Spitze stehen die Präsidentin Ursula von der Leyen, sowie ­ 26 Kommissar_innen, die so wie Minister_innen einer Regierung jeweils für einen Politikbereich zuständig sind. Die Kommissar_innen werden von ihrer nationalen Regierung nominiert und anschließend nach einer Anhörung durchs Europäische Parlament ins Amt gewählt. Die Kommission ist außerdem die»Hüterin der Verträge« und achtet auf die Einhaltung aller Verträge und Vereinbarungen. Verstößt eine nationale Regierung gegen EU-Recht, leitet die Kommission ein Strafverfahren ein, das nach Ablauf mehrerer Fristen zu einer Klage beim Europäischen Gerichtshof und Geldstrafen führen kann. Gegen Deutschland liefen im September 2025 61 solcher Verfahren, vor allem aufgrund von Verstößen in den Bereichen Justiz und Verbraucher, Umwelt sowie Mobilität und Verkehr. Rat der EU(Ministerrat) und Europäischer Rat Gemeinsam mit dem Parlament verhandelt der Ministerrat über die von der Kommission vorgeschlagenen Gesetze. Je nachdem, um welchen Politikbereich es sich handelt, kommen dafür die jeweils zuständigen Minister_innen der nationalen Regierungen zusammen, etwa alle Justizminister_innen. Alle sechs Monate wechselt dabei der Vorsitz im Ministerrat zwischen den EU-Mitgliedsländern gemäß einer festgelegten Reihenfolge. Zusätzlich gibt es den Europäischen Rat, der sich aus den Staats- und Regierungschefs der EUMitgliedsländer zusammensetzt. Mindestens vier Mal im Jahr legen sie bei sogenannten Gipfeltreffen die europapolitische Agenda fest. Häufig»beauftragen« sie die Kommission damit, Gesetzesvorschläge zur Lösung bestimmter Problemstellungen zu erarbeiten, und ermöglichen damit eine weitere Integration auf EU-Ebene. In diesem Zusammenhang spricht man häufig von einem»inoffiziellen Initiativrecht« des Europäischen Rats. Europäischer Gerichtshof (EuGH) Der Europäische Gerichtshof besteht aus 27 Richter_innen, jeweils 1 pro Mitgliedsland. Er ist für die Interpretation des EU-Rechts verantwortlich und stellt damit sicher, dass das EURecht in allen Mitgliedsländern einheitlich angewendet wird. Häufig findet eine solche Überprüfung oder Einschätzung dann statt, wenn nationale Gerichte bei einer Klage zum EU-Recht Fragen haben und für die Klärung den EuGH kontaktieren. Unter bestimmten Voraussetzungen können auch Bürger_innen und Unternehmen direkt am EuGH eine Klage einreichen. Zudem passiert ­es häufig, dass die Kommission im Rahmen ihrer Funktion als Hüterin der Verträge eine Klage gegen nationale Regierungen einreicht. Kurzporträts der EU-Institutionen 11 Wie ent steht ein Gesetz auf EU-Ebene? Beispiel Europäisches Klimagesetz Auf EU-Ebene gibt es zwei zentrale Arten von Regelungen: Richtlinien und Verordnungen. Im Alltag ist oft pauscha l von »EU-Gesetzen« die Rede, rechtlich bestehen aber klare Unterschiede: Richtlinien geben einen Rahmen und setzen Min deststandards für die EU fest. Damit diese Mindeststandards in allen EU-Ländern gelten, müssen die nationalen Regie rungen eigene Gesetze verabschieden, die diese Mindeststandards gesetzlich vorschreiben. Dafür bekommen sie eine Frist, die sich in der Regel auf zwei Jahre beläuft. Verordnungen dagegen sind Gesetze, die sofort für alle EU-Länder gelten, also nicht erst in nationales Recht umgesetzt werden müssen. Sie haben zudem Vorrang vor national em Recht: Verstößt ein nationales Gesetz gegen die Regeln aus einer EU-Verordnung, muss es angepasst werden. Für die Erarbeitung von Gesetzen auf EU-Ebene sind drei Institutionen zuständig, die unterschiedliche Rollen einnehmen: Europäische Kommission Schlägt Gesetze vor (Initiativrecht) Europäisches Parlament Bearbeiten das Gesetz und stimmen dann darüber ab. Rat der EU (Ministerrat) Europäisches Klimagesetz Die Verordnung(EU) 2021/1119, besser bekannt als Europäisches Klimagesetz, ist seit Juli 2021 in Kraft. Damit hat sich die EU gesetzlich verpflichtet, ihre CO 2 -Emiss ­ ionen bis 2030 um 5 5  %(im Vergleich zu den Werten von 1990) zu reduzie ren, und 2050 CO 2 -Neutralität zu erreichen. Jetzt geht es darum, wie diese Ziele erreicht werden können. Dafür hat der damalige EU-Kommissar Frans Timmermans am 1 ­ 4. Juli 2021 das Gesetzespaket»Fit for 55« vorgestellt, das aus ver schiedenen Maßnahmen und Strategien besteht, etwa im Bereich Energie, Bauen und Sanieren, dem Schutz von Wäldern oder einem höheren CO 2 -Preis. Mit Stand S ­ eptember 2025 haben der Rat und das Europäische Parlament einen Großteil der Regelwerke des»Fit for 55« ent­weder formell angenommen – und damit in Kraft gesetzt – oder zumindest vorläufige Einigungen darüber erzielt. 12 Friedrich-Eber tStiftung e.V. Auf EU-Ebene werden Gesetze in der Regel im sogenannten ordentlichen Gesetzgebungsverfahren erarbeitet. Hier werden am Beispiel der Verordnung(EU) 2021/1119 – besser bekannt als Europäisches Klimagesetz – die Abläufe erklärt. 1. Die Kommission präsentiert einen Gesetzesentwurf Nur die Kommission darf auf EU-Ebene neue Gesetze vorschlagen. Der Entwurf für das Klimagesetz wurde am 4. März 2020 in einer Pressekonferenz von Frans Timmermans präsentiert. Timmermans, ein Sozialdemokrat aus den Niederlanden, ist zu diesem Zeitpunkt Vize­präsident der Kommission und EU-Kommissar für Klimaschutz. 5. Der Ministerrat bearbeitet den Vorschlag des Parlaments 2. Lesung im Parlament Im Europäischen Parlament kommt der Gesetzesvorschlag in den zuständigen Ausschuss, in diesem Fall der Umweltausschuss. Hier wird zuerst eine Berichterstatterin ernannt, also eine Abgeordnete, die die Bearbeitung des Gesetzentwurfs beaufsichtigt und leitet. Für das Klimagesetz wird Jytte Guteland zur Berichterstatterin gewählt, eine Sozialdemokratin aus Schweden. Alle anderen Fraktionen ernennen zudem »Schattenberichterstatter_innen«, die in den Verhandlungen die Position ihrer jeweiligen Fraktion vertreten. 3. Der Ausschuss bearbeitet das Gesetz Nach der Ernennung der Berichterstatter_innen findet die eigentliche Arbeit statt, die Bearbeitung des Gesetzesentwurfs. In dieser Phase lädt der Ausschuss Expert_innen ein, um ihre Einschätzung zu hören, außerdem finden Treffen mit Interessenvertreter_innen statt. Vor allem aber tauschen sich die Abgeordneten untereinander und mit anderen involvierten Ausschüssen aus, zum Beispiel mit dem Energieausschuss, um sicherzugehen, dass es eine Mehrheit für die Änderungsvorschläge gibt. Sobald das Parlament über seine Position abgestimmt hat, ist der Ministerrat an der Reihe: In diesem Fall bearbeiten die Umweltminister_innen der nationalen Regierungen den Entwurf des Parlaments. Da es Änderungswünsche gibt, kann das Gesetz nicht sofort in Kraft treten. Normalerweise würde es nun eine 2. Lesung geben, in der das Parlament die Änderungen des Rats bearbeitet und eine neue Fassung vorschlägt. 6. Letzte Chance: Die Trilog-Verhandlungen Um schneller zu einer Einigung zu kommen, wird dieser Schritt beim Klimagesetz übersprungen. Stattdessen beginnen im Frühjahr 2021 die TrilogVerhandlungen. Dieses Format wird gewählt, wenn es zu viele Unterschiede zwischen den Positionen des Parlaments und des Rates gibt. In solchen Fällen verhandeln die Institutionen direkt miteinander, die Kommission dient dabei als Vermittlerin zwischen Rat und Parlament. Für das Parlament kommen neben Jytte Guteland auch die Schattenberichterstatter_innen der anderen Fraktionen zu den Verhandlungen über das Klimagesetz. Die nationalen Regierungen werden von dem portugiesischen Umweltminister vertreten, da Portugal im 1. Halbjahr 2021 die Ratspräsidentschaft innehat. 4. Abstimmung in der Plenarwoche Nachdem alle Änderungen in das Gesetz eingearbeitet wurden und eine Mehrheit im Ausschuss für diese neue Fassung gestimmt hat, wird das Gesetz in der Plenarwoche dem gesamten Parlament zur Abstimmung vorgelegt. In den Fraktionssitzungen wird festgelegt, ob man den einzelnen Änderungsvorschlägen des Ausschusses zustimmen oder dagegen stimmen will. Damit alle Abgeordneten über die wichtigsten Punkte informiert sind, haben die Berichterstatter_innen bereits während der Arbeit im Ausschuss regelmäßig ihre Kolleg_innen in der Fraktion über die Fortschritte informiert. Die Abstimmung über das Europäische Klimagesetz findet in der Plenarwoche im Oktober 2020 statt. Dafür findet zunächst am 6. Oktober eine Plenardebatte statt, an der auch Frans Timmermans teilnimmt. Am 7. Oktober schließlich stimmt eine Mehrheit dem Entwurf des Umweltausschusses zu. 7. Das Gesetz wird verabschiedet und tritt in Kraft Bereits im April 2021 einigen sich die Trilog-Partner auf eine gemeinsame Position. Damit das ­Gesetz tatsächlich wirksam wird, muss nun in beiden Institutionen eine Mehrheit für den Kompromiss stimmen, den die Chefverhändler_innen erreicht haben. Im Parlament findet diese Abstimmung am 24. Juni 2021 statt: Die Verordnung(EU) 2021/1119 – das Europäische Klimagesetz – ist nun offiziell in Kraft getreten. Mehr Infos zu»Fit for 55« Wie entsteht ein Gesetz auf EU-Ebene? 13 Ein Spaziergang durch das Europaviertel in Straßburg Das Straßburger Europaviertel liegt im Nordosten der historischen Altstadt und lässt sich von dort aus mit der Tram in knapp 20 Minuten errei chen. Die Bezeichnung»Europaviertel« ist dazu angetan, Uneingeweihte zu verwirren. Zum einen sind die dort beheimateten Institutionen – im Gegensatz etwa zum Brüsseler Europaviertel – nicht samt und sonders der Europäischen Union zuzurechnen, zum anderen entspricht dieses Viertel keiner eigentlichen Verwaltungseinheit, sondern erstreckt sich über mehrere Stadtteile (Orangerie, Robertsau und Wacken). Unser Spaziergang beginnt an der Tramhaltestelle»Parlement Européen« . Von hier blickt man direkt auf den Hauptsitz des Europäischen Parlaments. Besonders auffällig ist der Abgeordnetenturm des LouiseWeiss-Gebäudes. Auf der rechten Seite sieht der Turm nur halb fertig gebaut aus – eine bewusste Entscheidung der Architekten, um auf die noch nicht vollendete Entwicklung der EU hinzuweisen. Auch im Gebäude selbst finden sich viele Anspielungen auf Straßburg und den deutsch-französischen Frieden, welcher für die europäische Integration maßgeblich war. Unmittelbar neben dem Parlament erstreckt sich über 12 Hektar die aus 140 pastellfarbenen Einfamilien häuschen bestehende Gartenstadt Cité-Jardin Ungemach . Gestiftet wurde die 1928 fertiggestellte Arbei tersiedlung von dem elsässischen Industriellen Charles Léon Ungemach, der als Konservenfabrikant im Ersten Weltkrieg zu Reichtum gelangt war. Übrigens nicht nur ein Akt des Philanthropismus: Niederlassen durften sich dort lediglich junge, gesunde Familien mit Kinderwunsch. Beim Durchqueren dieser Siedlung gelangt man zur Uferstraße Quai du Chanoine Winterer. Hier befindet sich direkt am Kanal gelegen der deutsch-französische Kulturfernsehsender ARTE . Über die dahinterliegende Brücke gelangt man zur gegenüberliegenden Uferseite, die von weiteren EU-Gebäuden gesäumt wird ( Winston-Churchill-Gebäude ). Hier befindet sich etwa der Amtssitz der Europäischen Bürgerbeauftragten, wo jede_r EU-Bürger_in Beschwerden über Missstände in der Verwaltungstätigkeit der EU einreichen kann. Weit mehr als die Hälfte der Beschwerden richtet sich übrigens gegen die Kommission, nur etwa ein Zehntel betrifft das Parlament. Es ist aber nicht alles EU, was azurblau glänzt im Straßburger Europaviertel. So wurde die allgemein bekannte Europaflagge mit den zwölf Sternen ursprünglich 1955 vom Euro parat eingeführt und erst Jahrzehnte später von den neu gegründeten EUInstitutionen übernommen. Hauptsitz des Europarats ist der P ­ alais de l’Europe , der Europapalast. Vor dem Haupteingang des großen quaderförmigen Gebäudes sind 46 Fahnen masten aufgereiht: der Europarat hat deutlich mehr Mitgliedsländer als die EU, unter anderem gehören auch die Türkei und die Westbalkan-Staaten dazu. In dem ovalen Sitzungssaal des Europapalasts wurden bis 1999 auch die Sitzungen des Europäischen Parlaments abgehalten, als dieses noch kein eigenes Gebäude hatte. Eine architektonische Verbindung zwischen den beiden Institutionen besteht im Übrigen nach wie vor. Vom Plenargebäude des Europaparlaments führt eine gläserne Brücke über das Flussbecken zum WinstonChurchill-Gebäude, das von Europarat und Europaparlament gemeinsam genutzt wird. Spaziert man am Stadtpark Orangerie entlang die Avenue de l’Europe hinauf, trifft man auf mehrere Einrichtungen, die institutionell an den Europarat angebunden sind. Dazu gehören das Agora-Gebäude und die Villa Schutzenberger . In der Jugendstilvilla sind die Europäische Parlamentarische Gesellschaft und die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle des Europarates untergebracht. Ebenfalls fußläufig liegt das Europäische Jugendzentrum (Centre Européen de la Jeunesse), das für Seminare und Aufenthalte genutzt wird. Architektonisch am auffälligsten ­ ist das direkt an die Tramhaltestelle »Droits de l’Homme« angrenzende Gebäude. Hier befindet man sich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), dessen zylindrische, stahlblechum­man­ telte Sitzungssäle an die Waag­schalen der Justiz erinnern sollen. Die Richter_innen werden von der Parlamentarischen Versammlung des Europarats gewählt(je eine_r für jeden Mitgliedstaat) und überwachen die Einhaltung demokra­ tischer Standards und Menschenrechte in den Mitgliedstaaten. Wendet man sich nun vom Europäischen Gerichtshof ab, blickt man direkt auf das Ill-Becken ­ Bassin de l’Ill . Hier im Herzen des Europaviertels fließen der Fluss Ill und der Rhein-Marne-Kanal zusammen. Und hier wollen wir un­ seren Spaziergang beenden: Mit Blick auf das Plenargebäude des Europäischen Parlaments, das sich mit seiner ca. 500 Meter langen Spiegelfassade an den Uferbogen schmiegt. Ein Spaziergang durch das Europäische Viertel in Straßburg 15 Aus dem Osten ins Europäische Parlament: »Ich kämpfe für ein Europa, das niemanden zurücklässt und bei den Menschen vor Ort beginnt.« 16 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Die SPD-Abgeordnete Sabrina Repp wurde 2024 im Alter von 25 Jahren ins Europäische Parlament gewählt. Damit ist sie in der aktuellen Legislaturperiode die jüngste deutsche Abgeordnete. Uns erzählt sie, wie ihr politisches Engagement begonnen hat, wie ihr Alltag als Abgeordnete aussieht und was sie in Europa bewegen möchte. Das Interview wurde im Sommer 2025 geführt. → Mehr über den Arbeitsalltag von Sabrina erfährt man übrigens auf Instagram oder TikTok: @sabrina.repp → Weitere Details zu den Priori­ täten der SPD im EU-Parlament und den Schwerpunkten der einzelnen Abgeordneten gibt es unter: www.spd-europa.de Interview mit der Europaabgeordneten Sabrina Repp Wie hat Dein politisches Engagement begonnen? Mein politisches Engagement begann schon in der Schulzeit, als ich mich in der Schülervertretung für die Interessen meiner Mitschüler_innen stark gemacht habe. Später habe ich mich bei den Jusos, der Jugendorganisation der SPD, engagiert, weil mir soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und ein solidarisches Miteinander am Herzen liegen. Diese Dinge passieren nicht von allein – man muss sie aktiv angehen. Der Wunsch, etwas zu verändern, treibt mich bis heute an. Auch die Erfahrungen meiner Eltern nach der Wende haben mich geprägt. Arbeitslosigkeit und Armut waren für sie eine große Herausforderung und haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, für diejenigen einzutreten, die es schwerer haben. Mein Ziel ist es, ihnen mehr Chancen und die Möglichkeit zur Teilhabe zu eröffnen – und dafür muss Politik die Menschen mitnehmen und ihre Sorgen ernst nehmen. Wie kam es, dass Du als Kandidatin für die Europawahl 2024 nominiert wurdest? Die Nominierung war für mich ein unglaublich spannender Prozess. Meine Partei suchte eine Stimme, die nicht nur junge Perspektiven vertritt, sondern auch die Verbindung zwischen ländlichen Regionen und europäischen Themen herstellt. Ich habe mich dafür beworben, weil ich sicher bin, dass Europa vor Ort beginnt – ob in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder anderswo. Die Unterstützung, die ich während des Prozesses erfahren habe, hat mich sehr ermutigt, und letztlich war es eine große Ehre, als Kandidatin ins Rennen zu gehen. Als Du nach der Europawahl nach Brüssel kamst, wie waren da Deine ersten Eindrücke? Was war vielleicht anders als erwartet? Brüssel ist beeindruckend und manchmal auch überwältigend – eine Stadt voller Dynamik, Geschichte und natürlich Politik. Besonders die Vielfalt der Menschen und Themen war beeindruckend. Was mich überrascht hat, war, wie viel Arbeit hinter den Kulissen stattfindet: Sitzungen, Verhandlungen, Koordination – es ist eine komplexe Maschinerie. Gleichzeitig fand ich es motivierend, wie viele Menschen wirklich daran arbeiten, Europa voranzubringen. Wie»lernt« man eigentlich Europa­abgeordnete? Bestimmt nicht aus Büchern und YouTubeTutorials, oder? Nein, auf diesen Job kann man sich nicht aus Büchern oder mit der Serie »Das Parlament« vorbereiten. Man lernt vor allem durch praktische Erfahrung, viel Austausch mit Kolleg_innen und ein starkes Team, das einem den Rücken stärkt. Es ist eine steile Lernkurve, aber auch unglaublich spannend – man wächst immer wieder über sich hinaus. Ein wichtiger Teil des Lernens ist auch, zuzuhören – den Menschen, den Expert_innen und den politischen Mitstreiter_innen. Bleibt Dir überhaupt noch Freizeit und wenn ja, was machst Du dann am liebsten? Freizeit ist knapp, aber ich achte darauf, mir bewusst Pausen zu nehmen. In meiner freien Zeit bin ich am liebsten draußen – beim Spazierengehen an der Ostsee oder einfach in der Natur beim Rennradfahren oder Wandern. Familie und Freunde zu sehen, ist für mich auch ein wichtiger Ausgleich. In welchen Ausschüssen und an welchen Themen arbeitest Du? Ich bin Mitglied im Ausschuss für Regionale Entwicklung(REGI) und im Ausschuss für Bildung und Kultur(CULT). Weiterhin bringe ich mich auch im Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter(FEMM) ein. Ich freue mich sehr, in diesen Ausschüssen Themen zu bearbeiten, die mir am Herzen liegen: gleichwertige Lebensverhältnisse in der Europäischen Union, gemeinsame Investitionen in Infrastruktur und Wirtschaft, Zusammenarbeit in Grenzregionen, Förderung junger Menschen in Bildung und Kultur, Jugendaustausche und natürlich Geschlechtergerechtigkeit auf allen Ebenen. Du gehörst zu einer neuen Generation im Europäischen Parlament. Macht das die Arbeit leichter – oder rennst Du manchmal auch gegen Wände an? Interview mit der Europaabgeordneten Sabrina Repp 17 Beides. Es ist großartig, Teil ei­ ner neuen Generation zu sein, die mutig und progressiv an Themen herangeht. Aber natürlich gibt es auch Widerstände, insbesondere bei Themen wie Generationengerechtigkeit oder der grünen Transformation. Doch das gehört dazu, und es motiviert mich nur umso mehr, hartnäckig zu bleiben. Ich bin davon überzeugt, dass nur, wenn alle Generationen gut zusammenarbeiten, wir tatsächlich etwas bewegen können. Dazu müssen sich alle ernst nehmen und mit Respekt begegnen. Das ist mir wichtig. Arbeitest Du auch mit Kolleg_innen zusammen, die anderen Fraktionen angehören? Ja, unbedingt. Gerade bei europäischen Themen kommt man ohne Zusammenarbeit nicht weiter. Ich schätze den Austausch mit Kolleg_innen anderer Fraktionen sehr, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Oft kann man in gemeinsamen Projekten viel erreichen, wenn man sich auf gemeinsame Ziele fokussiert. Für mich bleibt dennoch zugleich klar, dass es keine Zusammenarbeit mit demokratiefeindlichen und den rechten Fraktionen(EKR, PfE und ESN) gibt. Stell Dir vor, Du könntest die Verträge der Europäischen Union nach Deinen Wünschen ändern. Welche Verbesserungen wären am dringendsten notwendig und warum? Ich würde die EU sozialer und demokratischer gestalten. Dazu gehört eine stärkere Rolle für das Europäische Parlament, beispielsweise durch ein Initiativrecht für Gesetze. Außerdem wäre es mir wichtig, soziale Mindeststandards in der EU zu stärken – sei es durch einen europäischen Mindestlohn oder verbindliche Regelungen für bezahlbaren Wohnraum und Bildung. Die EU muss den Menschen näherkommen und greifbarer werden. Was sind so die wichtigsten Bau­stellen, an denen Du in den nächsten Monaten arbeitest? Aktuell arbeite ich daran, Programme wie Erasmus+ und den Europäischen Solidaritätskorps weiter auszubauen, insbesondere für Menschen in ländlichen Regionen. Zudem setze ich mich für eine stärkere Verbindung zwischen Bildung, Digitalisierung und regionaler Entwicklung ein. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Umsetzung von Maßnahmen zur Generationengerechtigkeit – wir dürfen Jung und Alt nicht gegeneinander ausspielen, sondern müssen gemeinsam Lösungen für die großen Herausforderungen wie Klimawandel, soziale Gerechtigkeit und Digitalisierung finden. Besonders wichtig ist mir die Begleitung von Transformationspro zessen, damit niemand bei den tiefgreifenden Veränderungen unserer Zeit zurückgelassen wird. Dazu gehört das Konzept des »Right to Stay«, das jungen Menschen – und allen Generationen – ermöglicht, in ihren Heimatregionen zu bleiben, selbst wenn sich Arbeitsmärkte und Strukturen verändern. Wir müssen sicherstellen, dass sowohl die Chancen als auch die Unterstützung vor Ort verfügbar sind, sei es durch Bildung, bezahlbaren Wohnraum, oder zukunftsfähige Arbeitsplätze. Zudem setze ich mich dafür ein, die Regionen stärker in die Verteilung von Fördermitteln einzubinden, besonders im nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen der EU. Nur so können wir sicherstellen, dass die Transformation gerecht verläuft und die Bedürfnisse vor Ort berücksichtigt werden. Mein Ziel ist es, alle Menschen mitzunehmen und ihnen die Möglichkeit zu geben, aktiv an der Gestaltung dieser Veränderungen teilzuhaben. Rechtsruck im Europäischen Parlament Seit der Finanz- und Schuldenkrise in der EU haben rech te Parteien auch im EU-Parlament immer mehr Sitze ge wonnen. Die 2009 gegründete Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer(EKR) stellt inzwischen die viertgrößte Gruppe im Parlament. Die größten Parteien in der EKR sind Recht und Gerechtigkeit(PiS) aus Polen und die Fratelli d’Italia aus Italien. Überflügelt wird die EKR von der Fraktion Patrio ten für Europa(PfE), die nach der Europawahl 2024 die Nachfolgerin der Fraktion Identität und Demokratie(ID) wurde. Sie ist mittlerweile die drittgrößte Kraft im Parla ment. In dieser Fraktion sind viele Parteien vereint, die in ihren jeweiligen Ländern dem äußersten rechten Spekt rum angehören – zum Beispiel der französische Rassem Info blement National, die österreichische FPÖ und die unga rische Fidesz-Partei. Die deutsche AfD hingegen wurde gegen Ende der letzten Wahlperiode aus der ID-Fraktion ausgeschlossen. Sie gründete danach eine eigene kleine Fraktion namens Europa der Souveränen Nationen(ESN). Der politische Rechtsruck zeigt sich auch in der Zu sammensetzung der aktuellen EU-Kommission unter Ur sula von der Leyen(Kommission von der Leyen II). Ein Großteil des Kollegiums gehört konservativen oder libera len Parteien an – vor allem der EVP(15 Mitglieder) und der ALDE(5 Mitglieder). Der progressive Gegenpol ist un terdessen auf vier sozialdemokratische Kommissar_innen zusammengeschrumpft. 18 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Übersicht von Angeboten zur europapolitischen Bildung Mein Job als EU-Abgeordnete_r Angebote der Friedrich-Ebert-Stiftung Verbindungsbüro Straßburg Kurzfilm anlässlich der Europawahl 2019 mit jungen Europaabgeordneten der SPD, Grünen und CDU(9min13): https://www.fes.de/jugend-und-politik/artikelseite-­ jugend-und-politik/rettetdiewahlen-der-alltag-von-­ europaabgeordneten Sie möchten über aktuelle politische Themen oder die Funktionsweise der EU und ihrer Institutionen diskutieren? Das Verbindungsbüro der FES in Straßburg lädt Sie ein, das Europäische Parlament und den Europarat zu besuchen. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an: ingmar.naumann@fes.de e-Bert Politische Bildung im Chat. In einem interaktiven Spiel erlernen Sie Argumentationsstrategien gegen populistische Stimmungsmache in den sozialen Medien. Aktuell verfügbar für die Themen Europa und Klimawandel: https://www.fes.de/politische-akademie/e-bert Der rote Faden Unter dem Motto»Täglich.Kompakt.Politisch« bekommt man täglich Kurznachrichten mit Informationen zu politischen Themen oder Jahrestagen. Verfügbar für Telegram, Signal und Threema: https://www.fes.de/der-rote-faden Team Jugend und Politik Junge Menschen für Demokratie zu gewinnen und ihre demokratische Teilhabe zu stärken ist Ziel unserer Arbeit im Team»Jugend und Politik« der FES. Eine Übersicht aller Angebote wie Planspiele oder Kurzfilme zu politischen Prozessen finden Sie nach Themen und Formaten sortiert hier: https://www.fes.de/forum-­jugendund-politik/europa #InsideEU: Einblicke in Berichterstattung und Politik aus der EU-Hauptstadt Brüssel Während des siebentägigen Hospitanzprogramms der Journalist_innen-Akademie der FES lernen die teilnehmenden Journalist_innen nicht nur die EU-Institutionen kennen, sondern nehmen an Redaktionsbesuchen und Hintergrundgesprächen mit Abgeordneten teil. Die Teilnehmer_innen haben die Möglichkeit, während der Hospitanz eigene Themen aus dem EU-Kontext zu recherchieren und für die Berichterstattung in ihren Medien aufzubereiten: www.fes.de/journalistenakademie Niedersächsische Publikationsreihe »Vision Europa« Politische Entscheidungen auf europäischer Ebene haben unmittelbare Auswirkungen auf die Situation der Menschen vor Ort in Niedersachsen. Egal, ob es um den Wolf, die Handelsbeziehungen nach dem Brexit oder die Besetzung der EU-Kommission geht. Die enge Verzahnung der regionalen Landesentwicklung mit der EU-Förderpolitik bildet ein weiteres Politikfeld, das das Landesbüro in der in unregelmäßigen Abständen erscheinenden Publikation»Vision Europa« abbildet: https://www.fes.de/landesbuero-niedersachsen/­ publikationen/publikationen-vision-europa Alle Links online abrufen Angebote zur europapolitischen Bildung 19 Europa-Seminare in NRW Wie denken die Menschen in NRW über Europa und welches Europa der Zukunft wünschen sie sich? Das Landesbüro NRW bietet eine Reihe von Seminaren zu verschiedenen Themen zur Vertiefung des Wissens über Europa an: https://www.fes.de/landesbuero-nrw/ themen-reihen-gespraechskreise/nrw-in-europa-undder-welt Klima am Mittag Hitzetote, Extremwetterereignisse, Rekorde bei erneuerbarer Energiegewinnung etc. – längst sind Themen rund ums Klima mediale Fixpunkte. Gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Just Climate in Brüssel wirft das Landesbüro BaWü einen Blick auf aktuelle politische Entwicklungen und geht der Frage nach, wie der klimaneutrale Umbau unserer Gesellschaft und Wirtschaft erfolgreich gestaltet werden kann. Mehr Informationen unter: https://www.fes.de/landesbuero-bawue Europapolitische Mittagspause mit Udo Bullmann »Europapolitik findet in Brüssel und Straßburg statt – weit weg von unserem Alltag«: Was ist dran an diesem Vorurteil? Dem will die FES Hessen in ihren»digitalen europapolitischen Mittagspausen« mit Udo Bullmann, MdEP, auf den Grund gehen: https://www.fes.de/­ landesbuero-hessen/themen-reihen-angebote/­ veranstaltungsreihen Digitale Bildungsangebote der FES Lassen Sie sich von den vielfältigen digitalen Angeboten der Friedrich-Ebert-Stiftung zu verschiedenen politischen Themen inspirieren und erfahren Sie im Blog, worauf es bei der politischen Bildungsarbeit im Zeitalter der Digitalisierung ankommt: https://www.fes.de/ digitales-lernen/ Angebote der EU-Institutionen Die EU& Ich Infobroschüre der Europäischen Kommission zur Funktionsweise der EU und ausgewählten EU-Politikbereichen für Schüler_innen: https://op.europa.eu/webpub/ com/eu-and-me/de/ »Schauen Sie zu: Was ist das Europäische Parlament?« Verschiedene Mitarbeiter_innen im Europäischen Parlament, z. B. Dolmetscher_innen und Saaldiener_innen, stellen ihre Rolle während einer Plenarwoche vor(Dauer des Videos: 16min48): https:// www.youtube.com/watch?v=hkzGCMKMjTI »Das tut die EU für mich« Webseite für Bürger_innen, auf der gezeigt wird, was die EU für die Bürger_innen tut, aufgeteilt nach Regionen, Lebensbereichen und Themenfeldern: https://what-europe-does-for-me.eu/de/portal Fakten und Zahlen Der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments stellt hier stets aktuelle Statistiken und Grafiken rund um das Europäische Parlament zur Verfügung: https://facts-and-figures.europarl.europa.eu/ Weitere Empfehlungen Jung& in der Politik FUNK-Beitrag zum Arbeitsalltag der Europaabgeordneten Delara Burkhardt(16min51): https://www.funk.net/ channel/follow-mereports-1332/jung-in-der-politikso-stressig-ist-die-arbeit-im-euparlament-1665951 »Parlament«(Fernsehserie) Die Serie»Parlament« erzählt in vier Staffeln à zehn Folgen(jeweils 26 Minuten) die Abenteuer eines jun gen französischen MdEP-Assistenten im Europäischen Parlament. Ein lehrreicher, wenn auch fiktiver Blick hinter die Kulissen: https://www.ardmediathek.de/ serie/­parlament/staffel-1/Y3JpZDovL3dkci5kZS9vbmUvcGFybGFtZW50bmV1/1 »Verstecken im EU Parlament« Im YouTube-Format»Das schaffst du nie!«(DSDN), pro­ duziert vom Bayerischen Rundfunk, dreht sich alles um Challenges. Eine Folge der Reihe»Verstecken« führt hinter die Kulissen des Europäischen Parlaments in Straßburg: https://www.youtube.com/watch?v=DBogyHOWzk4 20 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Wie funktioniert die Europäische Union? Das Europäische Parlament in Straßburg ist das Herzstück der europäischen Demokratie. Doch wie hat es sich in seiner 10. Legislaturperiode entwickelt? Und wie begegnet es den Herausforderungen unserer Zeit? Antworten ­darauf liefert diese Broschüre – mit spannenden Zahlen und Fakten, Kurzporträts der EU-Institutionen, einer anschaulichen Darstellung des Gesetzgebungsprozesses in der EU sowie einem Interview mit der Europaabgeordneten Sabrina Repp. Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie hier: ↗ fes.de