A N A LYS I S Ronald Meinardus September 2025 Griechenland mit deutschen Augen: Jenseits der Stereotypen in den deutsch-griechischen Beziehungen Athens Office Impressum Herausgeberin Friedrich-Ebert-Stiftung Büro Athen Neofytou Vamva 4 10674 Athen Griechenland Verantwortlich Regine Schubert| Direktorin Kontakt Regine Schubert Tel.:+30 210 72 44 670 https://athens.fes.de Email: info.athens@fes.de Design/Layout Erifili Arapoglou- enArte Cover Design Bild von esfera/ Shutterstock Die in dieser Studie vorgestellte Meinungsumfrage wurde ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung folgender Institutionen: Deutsch-Griechischer Club Bamberg e.V. Deutsch-Hellenische Wirtschaftsvereinigung(DHW), Köln Deutsch-Griechischer Philadelphia Verein, Athen Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e. V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. September 2025 © Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ISBN 978-618-5779-25-2 Weitere Veröffentlichungen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier ↗ www.fes.de/publikationen Ronald Meinardus September 2025 Griechenland mit deutschen Augen: Jenseits der Stereotypen in den deutsch-griechischen Beziehungen Inhaltsverzeichnis Einleitung ........................................................  3 1. Durch die Brille des Urlaubers: Griechenland als Ferienparadies .........  4 2. Reiseerfahrungen bestimmen das Bild ...............................  6 3. Historische Verantwortung ja, Entschädigung nein ....................  7 4. Gute Bewertungen für Berichterstattung in deutschen Medien ...........  8 5. Die Leidenschaft reicht weit zurück .................................  9 6. Wenig Platz für aktuelle Probleme .................................  10 7. Unterschiedliche Perspektiven und demoskopische Bruchlinien .........  11 8. Griechenland in Deutschland: Die positive Rolle der Diaspora..........  12 2 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Einleitung In Griechenland sind in den zurückliegenden zwanzig Jahren zahlreiche Umfragen zum Bild Deutschlands in der griechischen Öffentlichkeit durchgeführt worden. Die Umfragen liefern ein demoskopisches Abbild der Höhen und Tiefen der politisch-diplomatischen Beziehungen zwischen Berlin und Athen. Der zuletzt gemessene Anstieg Deutschlands in der Gunst der Griechen 1 passt zum angestrebten Ziel beider Regierungen, die bilateralen Beziehungen zu verbessern. Bei der Erforschung der öffentlichen Meinungen zum deutsch-griechischen Thema herrscht ein krasses Missverhältnis. Während wir ziemlich genau wissen, was die Griechinnen und Griechen in den zurückliegenden zwei Dekaden von Deutschland halten, war bis zuletzt so gut wie gar nichts darüber bekannt, wie die Deutschen über Griechenland und die Griechen denken – sehen wir einmal von anekdotenhaften Berichten mit überwiegend negativen, teils rassistischen Klischees in Teilen der deutschen Medien zu Hochzeiten der Finanzkrise ab. Diese Lücke will die vorliegende Studie, die auf einer repräsentativen Umfrage in Deutschland zum Bild Griechenlands vom März 2025 basiert, schließen 2 . Ein flüchtiger Blick auf das Zahlenmaterial mag den Eindruck erwecken, bei den Einstellungen der Deutschen zu Griechenland herrsche nur eitler Sonnenschein. Die Wirklichkeit ist komplexer. Nach wie vor trennen tiefe Gräben die deutschen und griechischen Wahrnehmungen bei Themen, die vor allem der griechischen Seite am Herzen liegen. Meinardus: Evolving Perceptions: The Gradual Transformation of Germany’s Image in Greece, September 2024. Policy Brief, Friedrich Ebert Stiftung Athen. Research: The Image of Greece in Germany. How Do Germans Perceive Greece in 2025? Athen 2025. Die Umfrage wurde im Zeitraum vom 6. bis 17. März 2025 durchgeführt. Die Stichprobengröße umfasste 1.002 Befragte und ist repräsentativ für die Gesamtbevölkerung Deutschlands. Die Umfrage wurde durch die großzügige Un terstützung der folgenden Institutionen möglich gemacht: Deutsch-Griechischer Club Bamberg e.V.; Deutsch-Hellenische Wirtschaftsvereinigung DHW, Köln; Deutsch-Griechischer Verein Philadelphia, Athen. Griechenland mit deutschen Augen: Jenseits der Stereotypen in den deutsch-griechischen Beziehungen 3 1. Durch die Brille des Urlaubers: Griechenland als Ferienparadies Die Assoziationen decken sich in hohem Maße mit den Botschaften in den Hochglanzbroschüren der Reiseveranstalter. Wenn Deutsche an Griechenland denken, haben sie vor allem ein schönes Urlaubsland vor Augen: Meer, Sonne, gutes Wetter, so lauten die Begriffe, die am häufigsten fallen, wenn in Deutschland danach gefragt wird, was einem spontan zu Griechenland in den Sinn kommt. Auf knapp die Hälfte der Befragten unserer Umfrage trifft diese Zuordnung zu. In der Liste der Top-Assoziationen folgt an zweiter Stelle das griechische Essen: Speisen wie Souvlaki, Tzatziki und Feta-Käse erfreuen sich in Deutschland hoher Bekanntheit und Beliebtheit. Sodann assoziieren die Deutschen Griechenland mit den Begriffen„Gastfreundschaft“ und „Urlaub“. Dahinter folgen mit deutlichem Abstand „Geschichte, Kultur, Mythologie“ sowie die weltbekannten historischen Stätten und archäologischen Denkmäler Griechenlands. Erst auf einem hinteren Platz erscheinen in dieser Liste politische Begriffe, die – so eine zentrale Erkenntnis der Analyse – nur in Ausnahmefällen die Erlebniswelt der Griechenland-Touristen betreffen:„Krise, Armut, Pleite“. Die große Mehrheit der Deutschen beurteilt Griechenland durch die Brille des Urlaubers: Hellas als Ferienparadies mit ganzjährig warmen Temperaturen und viel Sonne, gutem Essen und gastfreundlichen Menschen, einer faszinierenden Geschichte und bedeutsamen kulturhistorischen Denkmälern, die zu kennen und gesehen zu haben durchaus in den Bereich der Allgemeinbildung gehört. Griechenland ist, das zeigen die demoskopischen Daten in großer Klarheit, vor allem ein Sehnsuchtsort, wo der oder die Deutsche gerne„die wertvollsten Tage des Jahres“ – sprich: den Urlaub – verbringen möchte. In dieser Vorstellungswelt spielen negative Verbindungen allenfalls eine untergeordnete Rolle. Die Schatten der Vergangenheit, auch jener dunklen Geschichte mit deutschen Bezügen – sei es die Besatzung im Zweiten Weltkrieg oder die Finanzkrise der 10er Jahre- belasten das Griechenland-Bild der Mehrheit der Befragten nicht. Assoziationen mit Griechenland Was sind die ersten drei Begriffe, die Ihnen in den Sinn kommen, wenn Sie an Griechenland denken? Offene Frage mit bis zu 3 Nennungen Tab. 1 OPEN QUESTION UP TO 3 CHOICES Meer, Sonne, warmes Wetter Essen(Souvlaki, Tzatziki, Feta) Schönes Land – gastfreundliche Menschen Urlaub Geschichte – Kultur – Mythologie Eine Insel Getränke(Ouzo, Wein, Metaxa) Sehenswürdigkeiten(Akropolis, Olympia, Tempel) Krise – Armut – Staatspleite Eine Stadt oder Region Sonstiges Keine Angabe 0 18 15 12 10 10 9 7 21 9 10 20 31 27 30 48 40 50 Quelle: kaparesearch.com 4 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Entsprechend positiv fällt dieses Bild aus: Zwei Drittel der Befragten in Deutschland(66%) geben an, sie haben ein „sehr positives“ oder„positives“ Bild von Griechenland. Jeder vierte Deutsche(25%) hat sogar ein„sehr positives“ Bild von Hellas. Lediglich eine Minderheit von 8% teilt diese gute Bewertung nicht. Die Sympathien für Griechenland liegen bei deutschen Männern leicht über dem entsprechenden Wert für Frauen(68% zu 63%); jüngere Menschen in Deutschland denken noch positiver über Griechenland als Menschen im Rentenalter. Passend zu diesem kollektiven Wohlwollen fällt das Ergebnis in Bezug auf die Qualität der deutschgriechischen Beziehungen aus: Sechzig Prozent der Befragten sind der Meinung, diese seien entweder„gut“ oder„sehr gut“; lediglich sieben Prozent halten das deutsch-griechische Verhältnis für schlecht. Meinung über Griechenland Wie würden Sie Ihr Gesamtbild von Griechenland beschreiben? 50 41 40 Tab. 2 30 25 25 20 10 0 Sehr positiv Eher positiv Neutral 4 Eher negativ 4 1 1 Sehr negativ Weiß nicht/ Keine Angabe Quelle: kaparesearch.com Griechenland mit deutschen Augen: Jenseits der Stereotypen in den deutsch-griechischen Beziehungen 5 2. Reiseerfahrungen bestimmen das Bild Der entscheidende Faktor, der die Urteilsbildung bestimmt – in diesem Punkt sind sich die Befragten weitgehend einig - ist ein Besuch in Griechenland selbst. Die direkte persönliche Begegnung mit dem „Untersuchungsgegenstand“ halten 88% für ausschlaggebend für die Meinungsbildung. Knapp die Hälfte(46%) der in dieser repräsentativen Umfrage interviewten Menschen haben Griechenland persönlich bereist. Die überwältigende Mehrheit dieser Menschen ist mit einer„sehr positiven“(51%) oder„positiven“(38%) Meinung zurückgekehrt. Was sind die Motive für die Reise nach Griechenland? Bei den Antworten sehen wir eine Überschneidung mit den zuvor abgefragten Assoziationen. Die Hauptgründe für den Hellas-Besuch sind demnach in dieser Reihenfolge: das Wetter(75%), die Gastfreundschaft(61%), die griechische Küche(53%) und das Preis-Leistungs-Verhältnis. Für die ältere Generation in Deutschland ist vor allem das warme Wetter in Griechenland der Reisegrund; jüngere Menschen denken mehr ans Geld und das vergleichsweise günstige Preisniveau in Griechenland. Der Philhellenismus ist eine kulturelle und politische Bewegung, die sich im 18. und 19. Jahrhundert in Europa und maßgeblich auch in Deutschland etablierte. Deutsche Philhellenen spielten vor zweihundert Jahren eine unterstützende Rolle im Freiheitskampf der Griechen gegen die Osmanen. Auf die Frage, ob sie sich mit dem „Philhellenismus“ identifizieren, antworten 36% der deutschen Befragten mit„Ja“. Nicht festlegen wollen sich 32%, eher ablehnend äußeren sich 12%. Auffällig ist, dass der Philhellenismus in Deutschland bei jüngeren Menschen ausgeprägter ist als bei älteren: 44% der Befragten im Alter von unter 34 Jahren bezeichnen sich als entweder „völlig“ oder„teilweise“ philhellenisch. Bei den über 55-Jährigen liegt dieser Anteil bei 31%. 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 3. Historische Verantwortung ja, Entschädigung nein Die Besatzung Griechenlands durch Hitler-Deutschland überschattet bis heute die zwischenstaatlichen Beziehungen in vielfacher Hinsicht. Welche Bedeutung hat die Okkupation der Nazis für die heutige Wahrnehmung Griechenlands bei den Deutschen? Für ein knappes Drittel der Befragten spielt die Geschichte eine„sehr wichtige“(13%) oder„wichtige“(14 %) Rolle. Ein weiteres Drittel gibt an, zu diesem Thema keine Meinung zu haben, weitere 31% sagen, das Thema der NSOkkupation sei für ihre heutige Einstellung zu Griechenland kein oder kaum ein Thema. Auch hier spielt das Alter eine Rolle: Fast jeder zweite Deutsche(44%) im Alter von unter 34 Jahren meint, die Besatzung sei für die persönliche Einstellung zu Griechenland relevant. Bei den über 55-Jährigen fällt dieser Anteil auf 17%. Eng hiermit verbunden ist die Frage nach dem Umgang der deutschen Politik mit der historischen Verantwortung Deutschlands gegenüber Griechenland. Hier geht es auch um die Diskussionen über deutsche Wiedergutmachungsleistungen. Vier von zehn Befragten halten es für„wichtig“(24%) oder„sehr wichtig“(16%), dass Deutschland gegenüber Griechenland historische Verantwortung übernimmt. Für ein Viertel der Befragten (23%) ist dies nicht so wichtig; ein knappes Drittel(32%) hat zu dieser Frage keine Meinung. Und wie beurteilen die Deutschen die Politik Berlins in der Reparationsfrage? Bekanntlich vertreten die deutschen Regierungen die Position, das Thema sei„abgeschlossen“. Zustimmung findet diese Position bei 37% der Befragten, 17% bewerten die Ablehnung von Reparationszahlungen an Griechenland„negativ“(11%) oder„sehr negativ“(6%). Ein gutes Drittel ist in dieser Frage ohne Meinung. Von Interesse ist, dass unter jüngeren Deutschen die Berliner Zurückweisung der griechischen Forderungen mehr Zuspruch findet als bei älteren Menschen – hier ist das entsprechende Verhältnis 47% bei den unter 34-jährigen zu 29% bei Befragten, die älter sind als 55 Jahre. Jüngeren Datums sind die griechische Finanzkrise und die entsprechende deutsche Politik, die in Griechenland auf teilweise scharfe Kritik gestoßen ist. Eine knappe Mehrheit der Deutschen(44%) hat eine„sehr positive“(15%) oder „positive“(29%) Meinung von der deutschen Politik, die in Griechenland mit dem Namen des seinerzeitigen Finanzministers Wolfgang Schäuble in Verbindung gebracht wird. Nur 17% der Deutschen haben heute eine schlechte Meinung von der damaligen Politik Berlins. Knapp jeder Dritte(29%) ist in dieser Frage„neutral“. Tab. 3 Bewertung der deutschen Reparationspolitik Wie bewerten Sie die Reparationspolitik Deutschlands in Bezug auf die Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg? 50 40 30 22 20 15 10 0 Sehr positiv Eher positiv 34 11 11 6 Neutral Eher negativ Sehr negativ Weiß nicht/ Keine Angabe Quelle: kaparesearch.com Griechenland mit deutschen Augen: Jenseits der Stereotypen in den deutsch-griechischen Beziehungen 7 4. Gute Bewertungen für Berichterstattung in deutschen Medien In den Jahren der Krise fiel das Augenmerk auf die Berichterstattung der Medien. Studien haben nachgewiesen, dass in beiden Ländern die Medien zur Verbreitung von Klischees und negativen Stereotypen beigetragen haben. Wie beurteilt die deutsche Bevölkerung heute die Berichterstattung über Griechenland in den deutschen Medien? Zehn Prozent der Befragten geben an, sie stoßen „sehr häufig“ oder„häufig“(13%) auf Berichte über Griechenland in deutschen Medien. 37% sagen, sie finden Beiträge mit einem Griechenland-Bezug selten oder überhaupt nicht. Die Qualität der Griechenland-Berichterstattung bewerten die Deutschen wohlwollend: Vier von zehn(40%) sagen, diese sei„sehr positiv“(13%) oder positiv(27%). Lediglich sieben Prozent sind der Meinung, die Journalisten in Deutschland berichten schlecht über das Partnerland in Südosteuropa. Eine knappe Mehrheit(44%) ist in dieser Frage unentschlossen. Ein ähnliches Bild zeigen die Antworten auf die Frage nach dem Einfluss der Medien auf das Griechenland-Bild der Deutschen. Auf die Frage„Wie hat die Berichterstattung in den Medien Ihre Perzeption von Griechenland beeinflusst?“, antworten 36% mit„sehr positiv“(13%) oder„positiv“(23%). Lediglich sieben Prozent sind der Meinung, der Einfluss sei „negativ“ oder„sehr negativ“ – und 46% zeigen sich„neutral“, geben somit zu verstehen, dass die Medien ihre Meinung über Griechenland und die Griechen nicht beeinflusst. Der Beitritt Griechenlands zur Europäische Gemeinschaft (1981) hatte auch Auswirkungen auf das deutschgriechische Verhältnis. Zwei Drittel der Menschen in Deutschland sind der Ansicht, Griechenland sei für die EU „sehr wichtig“(26%) oder„wichtig(38%). Ähnlich positiv fallen die Antworten aus, wenn es um die Bedeutung Griechenlands als strategischer Partner in der NATO geht. Knapp zwei Drittel der Deutschen meinen, Griechenland sei ein„sehr wichtiger“(27%) oder wichtiger(35%) Verbündeter in der Allianz. Sodann wollten wir wissen, wie sich Deutschland in Bezug auf die griechisch-türkischen Streitfragen verhalten soll: Eine knappe Mehrheit der Befragten(47%) ist der Ansicht, Berlin solle neutral bleiben, sich also aus dem Streit der ägäischen Nachbarn heraushalten. Jeder Dritte ist der Meinung, Berlin solle auf der Seite Griechenlands stehen; 14% meinen, die Deutschen sollen sich hinter die Türkei stellen. Bevorzugte Haltung Deutschlands in den griechisch-türkischen Beziehungen Griechenland nimmt die Türkei als Bedrohung wahr. Wie sollte sich Deutschland in den griechisch-türkischen Beziehungen positionieren? Tab. 4 Neutral bleiben 47 Griechenland unterstützen 33 Die Türkei unterstützen 14 Weiß nicht/ Keine Angabe 7 0 10 20 30 40 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 50 Quelle: kaparesearch.com 5. Die Leidenschaft reicht weit zurück Als Urlaubsziel liegt Griechenland bei den Deutschen im Trend: Im Jahre 2024 haben deutsche Touristen ihren eigenen Rekord gebrochen, über 5, 2 Millionen Deutsche besuchten das Land- im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg von knapp 15 Prozent. Hellas liegt bei Besuchern aus Deutschland zwar hinter Spanien und Italien, die Wachstumsdaten weisen hingegen seit Jahren nach oben. „Die griechische Fremdenverkehrszentrale EOT kommuniziert in ihrer Werbung ein Image von Griechenland, das sich auf die Schönheit der Natur, die reiche Geschichte und Kultur sowie die Gastfreundschaft der Griechen konzentriert. Ziel ist es, Griechenland als erstklassiges Reiseziel zu präsentieren und die Touristenzahlen zu steigern“, heißt es auf Nachfrage seitens des EOT-Büros in Frankfurt 3 . Die griechischen Marketingstrategen haben allen Grund zur Freude: Ihr Zielimage für das„Produkt“ Griechenland deckt sich in sehr hohem Maße mit dem Bild, das eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung von Griechenland hat.„Griechenland ist das Postkartenidyll und das Bild von Urlaub, das man im Sinne hat, wenn man sich bei bestem Wetter und Essen erholen möchte“, sagt Andreas Höffken, Deutsch-Grieche der vierten Generation und leitender Mitarbeiter des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA, der sich seit vielen Jahren für die Förderung der deutsch-griechischen Beziehungen einsetzt 4 . Griechenland ist auch ein Sehnsuchtsort für viele Deutsche der älteren Generation: Seit Jahren steigt die Zahl der Ruheständler aus Deutschland, die in Griechenland ihren Lebensabend verbringen. Viele von ihnen haben ihr Erspartes in eine Immobilie investiert. Laut einer Studie aus dem Jahre 2022 spielen über 250 000 deutsche Rentner mit dem Gedanken, in Hellas ein Haus oder eine Wohnung zu erwerben 5 . Die Leidenschaft für Griechenland reicht in Deutschland weit zurück. Schon Johann Wolfgang Goethe, Deutschlands Dichterfürst, der das Land der Griechen mit der Seele suchte, dem es aber – anders als dem Millionenheer der Touristen heute – bis zuletzt verwehrt blieb, das verklärte Ziel zu erreichen, gilt als Hellas-Fan. In der heutigen Realität ist das verklärte Bild der Klassik vielfach den Botschaften des kommerzialisierten Massentourismus gewichen. Ungeachtet der Kritik an dessen Auswüchsen schafft der Fremdenverkehr - millionenfach- die Grundlage für interkulturelle Begegnungen. Es ist ein Phänomen, das beschönigend als „people-to-people-diplomacy“ bezeichnet werden kann. Für das Denken der Beteiligten bleiben die – millionenfachen- Begegnungen, wie diese Studie empirisch belegt, nicht ohne nachhaltige Wirkung: Für das Bild Griechenlands in Deutschland ist der Massentourismus der mit Abstand wichtigste Faktor. Fast neun von zehn Befragten der vorliegenden Umfrage geben an, dass für sie eine Reise nach Griechenland(sehr) wichtig ist bei der Urteilsbildung über das Land. Und noch mehr Deutsche (nämlich 89%) geben an, sie haben bei ihrem Besuch Griechenlands eine(sehr) gute Erfahrung gemacht. Für Griechenland ist der Massentourismus die wichtigste „soft power“. Dabei handelt es sich um jene Fähigkeit eines Staates, andere ohne Zwang oder militärische Gewalt zu beeinflussen. Für die Deutschen wiederum sind die vielen Reisen nach Griechenland der entscheidende Grund, wieso sie – heute! – eine so gute Meinung von Land und Leuten haben. 3 Mitteilung an den Verfasser. 4 Mitteilung an den Verfasser. 5 13. Oktober 2022. Griechenland mit deutschen Augen: Jenseits der Stereotypen in den deutsch-griechischen Beziehungen 9 6. Wenig Platz für aktuelle Probleme In dem Bild der Deutschen von Griechenland bleibt wenig Platz für Differenzierungen. Das Griechenland-Image wird geprägt von pauschalen, überwiegend positiven Motiven; negative Bezüge bleiben weitgehend ausgeklammert. Politische Probleme, wirtschaftliche Krisen, soziale Konflikte, oder die dunklen Flecken der Vergangenheit- all dies passt nicht zu den Klischees über ein Land, das für die große Mehrheit der Deutschen ein Urlaubsparadies ist. Und nicht viel mehr. Zu den interessanten Ergebnissen der vorliegenden Studie zählt, dass zehn Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise, die wie kein anderes Ereignis nach der Rückkehr Griechenlands zur Demokratie vor fünfzig Jahren die deutsch-griechischen Beziehungen erschüttert hat, nur jeder zehnte Deutsche Griechenland mit Begriffen wie„Krise“, „Armut“,„Pleite“ in Verbindung bringt. Jüngere Deutsche denken noch weniger an diese dunkle Episode, wenn die Rede von Griechenland ist als ihre älteren Landsleute. Diesem demoskopischen Befund kann man bei gutem Willen etwas Positives abgewinnen: negative Stereotype müssen nicht von Dauer sein! Über weite Strecken der 2010er Jahre prägten negative(Vor-) Urteile das Griechenland-Bild in Deutschland. Berichte in den Medien über Misswirtschaft, Korruption und angebliche Faulheit der Menschen waren an der Tagesordnung. Anders als im Falle des Deutschland-Bildes in Griechenland, das wie gesagt in den zurückliegenden Jahren regelmäßig unter die Lupe genommen wurde, fehlen entsprechende zeitlich versetzte Studien zu den Einstellungen der Deutschen zu Griechenland. Insofern sind wir über die möglichen Wirkungen der weitverbreiteten(und gut dokumentierten) Negativ-Berichterstattung der deutschen Medien auf die Einstellungen der Deutschen zu Griechenland auf Vermutungen und anekdotische Hinweise angewiesen. Mit der schrittweisen wirtschaftlichen Gesundung in Griechenland, die mit dem Regierungsantritt der Nea Dimokratia im Jahre 2019 einsetzt, ist das negative Vokabular weitgehend aus den deutschen Medien verschwunden. Wir können vermuten, dass der Stimmungswandel in Presse, Funk und Fernsehen zu dem heute durchweg positiven Bild Griechenlands in der deutschen Bevölkerung beigetragen hat. Was gestern war zwischen Deutschland und Griechenland spielt allenfalls eine untergeordnete Rolle in den Köpfen der Menschen und interessiert die große Mehrheit der Bevölkerung nicht. Man kann dies auch als eine Bereitschaft zum Vergessen oder Verdrängen nennen, die für die Einstellungen der Deutschen zu Griechenland prägend ist. Auf der griechischen Seite ist die Bereitschaft, die Erfahrungen der Vergangenheit hinter sich zu lassen, weniger ausgeprägt. Unsere Untersuchungen zum Deutschland-Bild in Griechenland belegen, dass hier die teils traumatischen Erfahrungen mit einem deutschen Bezug von vielen Menschen keinesfalls abschließend verarbeitet sind. 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 7. Unterschiedliche Perspektiven und demoskopische Bruchlinien Trotz der unterschiedlichen Datenlage lohnt es sich, das Bild der Deutschen von Griechenland und das Bild der Griechen von Deutschland in einem Zusammenhang zu betrachten. Am Ende liefert eine Gesamtschau einen Eindruck von der Qualität des bilateralen Verhältnisses. Eine erste Beobachtung betrifft das Ungleichgewicht der Sympathien: Die Deutschen haben ein bei weitem besseres Bild von Griechenland als umgekehrt die Griechen von Deutschland. Während ausweislich der vorliegenden Studie 66 Prozent der Deutschen eine gute bzw. sehr gute Meinung von Griechenland haben, lag der entsprechende Wert in der jüngsten Umfrage zum DeutschlandBild in Griechenland bei lediglich 31 Prozent 6 . Schon damals bedeutete dieser Wert eine deutliche Besserung im Vergleich zur Umfrage von Oktober 2022, als die Popularität bei bescheidenen 16 Prozent lag 7 . Eine zweite Auffälligkeit ist, dass in den Augen der Deutschen Griechenland sehr gute Noten in jenen Bereichen bekommt, die als politisch unkontrovers bezeichnet werden können. Es sind die Wohlfühlthemen, die mit meist angenehmen Urlaubserfahrungen im Zusammenhang stehen. Problematischer wird es bei Themen, die zwischen den Regierungen der beiden Länder kontrovers sind – und in den öffentlichen Diskussionen entsprechend kommuniziert werden. In den zurückliegenden Jahren haben vor allem drei Themen die politisch-diplomatische Harmonie zwischen Berlin und Athen gestört – und in Griechenland die unvorteilhafte Stimmung gegen Deutschland begründet. Dabei geht es(1) um die Verbrechen während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg sowie ihre politische und juristische Aufarbeitung,(2) die Haltung der deutschen Bundesregierung in der Finanzkrise und(3) die Rolle Berlins in den griechisch-türkischen Streitfragen. In allen drei Themenfeldern trennen Welten die Meinungen und Perspektiven der Griechen und der Deutschen, wie die Analyse der Umfrageergebnisse belegt. Zwar sind- wie wir weiter oben gesehen haben- vier von zehn Deutschen der Meinung, Deutschland trage historische Verantwortung gegenüber Griechenland; gleichzeitig lehnt nur eine Minderheit von 17% die offizielle – und restriktive – Berliner Haltung in der Reparationsfrage ab. Die Bruchlinien zwischen Deutschen und Griechen in dieser für das Verhältnis so wichtigen Frage werden demoskopisch sichtbar, wenn wir die Ergebnisse der Umfrage in Griechenland hinzuziehen: Demnach begründen 77% der Griechen ihre negative Haltung zu Deutschland mit Berlins Politik in der Reparationsfrage. Deutliche Differenzen zeigen sich auch in Bezug auf die Bewertung der deutschen Haltung in der Finanzkrise: Während für 83% der Griechen die damalige Berliner Politik dazu beigetragen hat, dass sie heute(also eine Dekade später) ein schlechtes Bild von Deutschland haben, finden ausweislich der aktuellen Umfrage 44% der Deutschen die seinerzeitige deutsche Politik gut. Jeder zweite Deutsche im Alter unter 34 Jahren ist sogar der Meinung, die griechische Finanzkrise habe sich positiv auf das bilaterale Verhältnis ausgewirkt. Schließlich einige Worte zum Thema Türkei, das sämtliche Bereiche der Athener Außenpolitik überlagert. Unsere früheren Umfragen haben ergeben, dass etwa drei Viertel der Griechen Berlin in den griechisch-türkischen Konflikten eine einseitige Parteinahme für Ankara vorwerfen. Anders ausgedrückt: Weitverbreitet ist in Griechenland die Erwartung nach mehr deutscher Solidarität in der Frontstellung mit Ankara – sei es in der Ägäis, im östlichen Mittelmeer oder in Bezug auf Zypern. In Deutschland – so zeigt die aktuelle Umfrage – befürworten aber lediglich 33 % eine Parteinahme Berlins für die Griechen. Knapp die Hälfte(47%) sind der Ansicht, Deutschland sollte sich im griechisch-türkischen Konflikt neutral verhalten 6 Fußnote 1. 7 Meinardus: Partners, Not Friends. Greek Public Opinion(s) on Germany. Analysis. Friedrich Ebert Stiftung, Athens 2022. Griechenland mit deutschen Augen: Jenseits der Stereotypen in den deutsch-griechischen Beziehungen 11 8. Griechenland in Deutschland: Die positive Rolle der Diaspora Ein Urlaub in Griechenland ist für die große Mehrheit der Deutschen der wichtigste Förderer eines positiven Bildes von Land und Leuten. Doch auch jenseits der zeitlich befristeten Aufenthalte in dem„Sehnsuchtsland“ unterhalten die Deutschen in Deutschland eine Vielzahl von Verbindungen mit Griechenland-Bezug. Die wichtigsten Orte der deutsch-griechischen Begegnungen sind ausweislich der Umfrage griechische Restaurants in Deutschland. Für knapp zwei Drittel(58%) der Befragten ist der Besuch eines griechischen Speiselokals in Deutschland die wichtigste Verbindung. Auf den folgenden Plätzen folgen: Kontakte mit griechischen Menschen, Kultur und Musik. Elf Prozent der Befragten geben an, längerfristige Beziehungen zu griechischen Menschen zu haben. „Liebe geht durch den Magen“, lautet ein bekanntes deutsches Stichwort. Dass die griechische Küche ein Sympathieträger sein kann, hat auch der staatliche Tourismusverband EOT erkannt:„Das Essen spielt eine wichtige Rolle in der griechischen Kultur und wird auch in der Werbung der EOT als ein wichtiger Aspekt des griechischen Tourismus hervorgehoben“, heißt es in einer Stellungnahme. Andreas Höffken vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA schätzt die Zahl der griechischen Restaurants in Deutschland heute auf 3300, genaue Angaben, geschweige denn wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema gebe es nicht. Gleichwohl kommt den von Griechen betriebenen Lokalen eine zentrale,„nationale“ Rolle zu, so der Experte:„Natürlich spielen griechische Lokale bei der Prägung des Griechenland-Bildes eine maßgebliche Rolle. Ein Besuch in einem Restaurant kann im besten Fall wie ein Kurzurlaub auf den Gast wirken.“ Einen praktischen Einblick in die verbreitete Praxis griechischer Gastronomen in Deutschland, als patriotischer Botschafter für das Heimatland zu agieren, gibt Argyris Papazoglou, der ein erfolgreiches Restaurant in einer westdeutschen Kleinstadt betreibt:„Gib dem Griechen einen Ouzo und ein Meze und schon hast Du sein Herz gewonnen. Das versuchen wir alltäglich zu präsentieren und bei einem guten Schluck griechischen Wein ist es leichter, einen Gast für Griechenland zu gewinnen.“ Die hier beispielhaft dokumentierte, von staatlicher Seite nicht koordinierte„Gastrodiplomatie“ ist ein wichtiger Teil des vielfältigen Wirkens der griechisch-stämmigen Diaspora in Deutschland. Die Ursprünge der heute auf 500 000 Menschen geschätzten griechischen Gemeinde gehen auf die sechziger Jahre zurück, als viele Menschen vor allem aus dem Norden Griechenlands als„Gastarbeiter“ nach Deutschland kamen. Wegen des hohen Grades der Integration werden Deutschlands Griechen auch als „unauffällige Minderheit“ bezeichnet. In der Gesamtbevölkerung genießen diese Menschen ein überwiegend gutes Ansehen: Über zwei Drittel(72%) der Befragten geben an, die griechische Diaspora sei gut bzw. sehr gut integriert. Eine breite Mehrheit der Deutschen wünscht sich ein stärkeres politisches Engagement dieser Menschen, die in Deutschland eine zweite Heimat gefunden haben. Eine stärkere Teilnahme der Griechen in Deutschland am politischen Geschehen würde nicht nur die vorangeschrittene Integration weiterbefördern. Mehr Engagement der Diaspora in Deutschlands Parteien und Parlamenten ist auch eine Voraussetzung, dass die griechischen Belange in der deutschen Politik mehr Gehör finden. 12 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Über den Verfasser Dr. Ronald Meinardus ist Senior Research Fellow und Koordinator für Forschungsarbeiten zu den griechischdeutschen Beziehungen bei der Hellenischen Stiftung für Europäische und Auswärtige Politik(ELIAMEP). Griechenland mit deutschen Augen: Jenseits der Stereotypen in den deutsch-griechischen Beziehungen Dieser Bericht präsentiert die erste Umfrage ihrer Art zur Wahrnehmung Griechenlands in der deutschen Öffentlichkeit. Basierend auf repräsentativen Erhebungsdaten aus dem Jahr 2025 zeigt sich ein überwiegend positives Bild, das vor allem durch Tourismus, kulturelles Interesse und persönliche Begegnungen geprägt ist – politische Konflikte und historische Belastungen treten demgegenüber weitgehend in den Hintergrund. Griechenland wird von den Deutschen überwiegend mit Erholung assoziiert, nicht mit Krise. Die Studie macht zudem eine asymmetrische Wahrnehmung sichtbar: Während Deutsche Griechenland überwiegend positiv sehen, fällt das Bild Deutschlands in der griechischen Öffentlichkeit deutlich kritischer aus. Diese Wahrnehmung ist durch fortbestehende Ressentiments geprägt – insbesondere hinsichtlich der deutschen Haltung zu Reparationsforderungen aus dem Zweiten Weltkrieg, der Rolle Deutschlands während der Finanzkrise sowie einer als einseitig empfundenen Positionierung gegenüber der Türkei. Darüber hinaus wird die Rolle der griechischen Diaspora in Deutschland thematisiert, die – vor allem durch ihre Sichtbarkeit im Alltag – eine nicht zu unterschätzende Funktion in der informellen Außenwahrnehmung Griechenlands erfüllt. Weitere Informationen zu diesem Thema finden sich unter: ↗ fes.de