A N A LYS E Sylwia Andralojc-Bodych Oktober 2025 Chancen für eine deutsch-polnische Zusammenarbeit bei der Energiewende? Aus der Serie„Im Kräftefeld deutsch-polnischer Interessen“ Impressum © 2025 FES(Friedrich-Ebert-Stiftung) Herausgeberin: Friedrich-Ebert-Stiftung Warschau ul. Poznańska 3/4, 00–680 Warszawa https://polska.fes.de/ Inhaltliche Verantwortung und Redaktion: Dr. Max Brändle, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung Warschau Kontakt: polska@fes.de Design/Layout: Katarzyna Błahuta Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.(FES). Eine gewerbliche Nutzung der von der FES her-ausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. ISBN 978-83-64062-83-4 Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen Sylwia Andralojc-Bodych Oktober 2025 Chancen für eine deutsch-polnische Zusammenarbeit bei der Energiewende? Aus der Serie„Im Kräftefeld deutsch-polnischer Interessen“ Inhalt 1. Einleitung ...................................................... 3 2. Auf dem Weg zur Klimaneutralität .................................. 4 Der Wärmesektor: Zwischen Dekarbonisierung und Versorgungssicherheit.. 5 Der Verkehrssektor: Elektrifizierung vs. Infrastrukturdefizite............... 7 3. Klimapolitik im öffentlichen Diskurs ................................ 7 Deutschland: Zwischen Ambition und Akzeptanzkrise................... 7 Polen: Energiewende ohne Narrativ................................... 8 Streitpunkte im deutsch-polnischen klima- und energiepolitischen Diskurs.. 8 4. Klimapolitik mit sozialem Kompass: Die Rolle der Sozialdemokratie ...... 9 5. Potenziale gemeinsamer Projektetrotz politischer Divergenzen .........  10 6. Ausblick ...................................................... 13 A N A LYS E Sylwia Andralojc-Bodych Chancen für eine deutsch-polnische Zusammenarbeit bei der Energiewende? 1. Einleitung Am 1. Dezember 2025 finden die nächsten deutsch-polni schen Regierungskonsultationen statt – ein wichtiger Mo ment für die bilaterale Zusammenarbeit in der Klima- und Energiepolitik. Schon im gemeinsamen Aktionsplan von 2024 wurde vereinbart, eine deutsch-polnische Arbeitsgruppe für Klima und Energie einzurichten. 1 Nun ist es an der Zeit, dieser Struktur Leben einzuhauchen – mit kon kreten Inhalten, Projekten und Perspektiven. Es gibt viele Gründe zu handeln: Die sozialgerechte Transformation, die Umsetzung des ETS2 sowie der Ausbau grenzüberschrei tender Infrastruktur stellen beide Länder vor große Aufga ben. Außerdem sind Deutschland und Polen als einwohner starke Industrieländer zwei zentrale Akteure in der europäi schen Klima- und Energiepolitik. Diese Analyse befasst sich mit der Energiewende in Deutschland und Polen(dem Thema ETS2 ist eine zweite Analyse in dieser Reihe gewidmet). Während die ökologische 1 Deutsche Vertretungen in Polen(2024): https://polen.diplo.de/pl-de/02-the men/2667488-2667488. Transformation in beiden Ländern bereits im Gange ist, gibt es besonders in den Bereichen Wärme und Verkehr noch deutlichen Handlungsbedarf. Beide Länder stehen vor der Aufgabe, fossile Abhängigkeiten zu reduzieren, die gesell schaftliche Akzeptanz für die Energietransformation zu sichern und europäische Klimaziele zu erfüllen. Gleichzeitig vollzieht sich die Energiewende in Zeiten innenpolitischer Spannungen und geopolitischer Konflikte, die das Vorhaben zu einer noch größeren Herausforderung machen. Zudem verfolgen beide Länder unterschiedliche Pfade und Strate gien auf dem Weg zur Klimaneutralität, die von den jeweili gen politischen Rahmenbedingungen, wirtschaftlichen Aus gangslagen und gesellschaftlichen Prioritäten geprägt sind. Trotzdem finden sich einige Bereiche, in denen eine Koope ration sinnvoll oder sogar notwendig ist. In dieser Analyse werden zunächst die wichtigsten Ent wicklungen in beiden Ländern gegenübergestellt. Dann wird ein Blick auf den politischen und gesellschaftlichen Diskurs rund um Thema geworfen. Zuletzt werden konkre te Bereiche herausgearbeitet, in denen es Potenzial für eine bilaterale Zusammenarbeit gibt. Im Kräftefeld deutsch-polnischer Interessen 3 2. Auf dem Weg zur Klimaneutralität Polen und Deutschland sind bevölkerungsreiche EU-Staaten und Industrieländer und gehören zu den fünf größten CO₂Emittenten in der Europäischen Union(EU). Aus diesem Grund tragen beide Länder in der EU eine besondere Verant wortung für die Intensivierung der Klimaschutzanstrengun gen, auf nationaler Ebene wie auch auf der Ebene der EU. Die Umsetzung von effektiveren Maßnahmen zur Dekarbo nisierung, insbesondere im Verkehrs- und im Gebäudesektor, muss in beiden Ländern zügig vorangetrieben werden. Dem novellierten Klimaschutzgesetz zufolge soll Deutschland bis zum Jahr 2045 klimaneutral werden. Deutschland hat sich im novellierten Klimaschutzgesetz zur Senkung der Treibhausgasemissionen um mindestens 65 Prozent bis 2030 und um mindestens 88 Prozent bis 2040(im Vergleich zu 1990) verpflichtet. Im Jahr 2045 soll das Land dem Gesetz zufolge klimaneutral sein. Die deut sche Klimastrategie zur Erreichung der Klimaneutralität basiert auf dem Zusammenspiel verschiedener Instrumente, die gezielt verschiedene Sektoren adressieren. Ein zentrales Element ist die sektorübergreifende Zielvorgabe zur Emis sionsminderung. Ergänzt wird dies durch ein CO₂Bepreisungssystem, das über das Brennstoffemissionshan delsgesetz(BEHG) bereits etabliert ist und künftig durch das europäische ETS2 erweitert wird. Zur Unterstützung der Transformation kommen Förderprogramme wie die Bundesförderung für effiziente Gebäude(BEG) zum Ein satz, die Investitionen in energetische Sanierung und kli mafreundliche Heiztechnologien erleichtern. Darüber hinaus setzt die Bundesregierung auf ordnungsrechtliche Maßnahmen, etwa durch verschärfte Effizienzstandards und gesetzliche Vorgaben für den Einbau klimafreundlicher Heizsysteme. Ein strategischer Schwerpunkt liegt auf der Elektrifizierung zentraler Bereiche wie Industrie, Verkehr oder Wärmeversorgung. Ziel ist es, den Anteil erneuerbarer Energien im Strommix bis 2030 auf 80 Prozent zu steigern. Parallel dazu soll der Einsatz von Wärmepumpen massiv ausgebaut werden, um fossile Heizsysteme zu ersetzen. Die energetische Sanierung des Gebäudebestands wird als Schlüssel zur Verbrauchsreduktion betrachtet. Im Verkehrs sektor setzt die Strategie auf eine Ausweitung der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und den Ausbau der Elektromo bilität. Gleichzeitig wird der Kohleausstieg bis spätestens 2038 angestrebt, idealerweise sogar schon früher. 2 Der Plan zur Erreichung der Klimaneutralität wurde bereits im Jahr 2016 im Klimaschutzplan 2050 festgehalten. 3 Das Dokument bedarf jedoch mittlerweile einer Aktualisierung, da 2 Bundesnetzagentur: https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/Elektri zitaetundGas/Kohleausstieg/start.html. 3  Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: https://www.bundeswirtschafts ministerium.de/Redaktion/DE/Artikel/Industrie/klimaschutz-klimaschutzplan-2050. html. sich politischen Rahmenbedingungen, die gesetzlichen Vorgaben – etwa durch das Klimaschutzgesetz von 2019 und dessen Novelle 2021 – sowie die technologischen Mög lichkeiten seitdem deutlich weiterentwickelt haben. Deutschland strebt den Kohleausstieg bis spätestens 2038 an, idealerweise sogar schon früher. Polen hingegen strebt die eigene Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 an – allerdings ohne gesetzliche Verankerung auf nationaler Ebene. Der Weg dorthin folgt keinem linearen Masterplan, sondern einem dynamischen, oft reaktiven Prozess, der bisher nur begrenzt koordiniert erscheint. Eine nationale, langfristige Strategie, die gemäß EU-Vorgaben bereits 2020 hätte vorgelegt werden sollen, wurde von der polnischen Regierung bislang nicht eingereicht. 4 Informelle Hinweise deuten darauf hin, dass die aktuelle Regierung an einer entsprechenden Strategie arbeitet. Der Nationale Energie- und Klimaplan(NECP) sieht eine schrittweise De karbonisierung vor. Im Mittelpunkt stehen hier der Ausbau erneuerbarer Energien mit einem Ziel von 50,1 Prozent im Strommix und die Modernisierung des Fernwärmesektors. 5 Der aktualisierte polnische NECP wurde zwar vom Ministe rium für Klima und Umwelt angenommen, jedoch bislang nicht formell von der Regierung beschlossen. 6 Im Oktober 2025 wurde Polen von der Europäischen Kommission im Rahmen eines Vertragsverletzungsverfahrens gerügt, da der überarbeitete NECP nicht fristgerecht eingereicht wur de. 7 Die Zielsetzungen der polnischen Energiepolitik bis 2040(PEP2040) gelten in Teilen als überholt und bedürfen einer Überarbeitung. Sowohl PEP2040 als auch der NECP weisen dadurch strategische Inkonsistenzen auf. Der voll ständige Kohleausstieg ist derzeit für 2049 vorgesehen. 8 Doch eine Reihe von Faktoren deuten darauf hin, dass Po len den Kohleausstieg früher vollziehen könnte – mögli cherweise schon bis Mitte der 2030er Jahre. 9 Im Jahr 2024 sank der Kohleanteil im Strommix auf 56,2 Prozent. 10 Gleichzeitig nimmt die wirtschaftliche Rentabilität von Kohlekraftwerken ab, da sie zunehmend durch günstigere und flexiblere Technologien verdrängt werden. Zusätzlich belasten die steigenden Preise für CO₂-Zertifikate im 4  Europäische Kommission: https://climate.ec.europa.eu/eu-action/climate-strate gies-targets/2050-long-term-strategy_de. 5 e-magazyny.pl: https://e-magazyny.pl/aktualnosci/ministerstwo-klimatu-i-sro dowiska-oglosilo-finalna-wersje-aktualizacji-krajowego-planu-w-dziedzinie-energi i-i-klimatu/. 6  Energetyka24: https://energetyka24.com/elektroenergetyka/wiadomosci/kpeik -zatwierdzony-przez-resort-klimatu-prace-nad-dokumentem-przejmuje-ministerstwo -energii. 7  Europäische Kommission(2025): Commission decides to refer POLAND to the Court of Justice of the European Union: https://ec.europa.eu/commission/presscorn er/detail/ 8  energiezukunft.eu: https://www.energiezukunft.eu/politik/polen-beschliesst-ver spaeteten-kohleausstieg/. 9  FOCUS Online(2025): https://www.focus.de/earth/analyse/polen-europasgroesster-kohle-schmutzfink-steigt-aus-kohle-aus-noch-vor-deutschland_ id_260640938.html. 10 Forum Energii(2025): https://www.forum-energii.eu/transformacja-energetyc zna-polski-edycja-2025. 4 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Rahmen des EU-Emissionshandelssystems(EU ETS) den Betrieb fossiler Kraftwerke erheblich. Ein Bericht von McKinsey Polen aus dem Jahr 2025 prognostiziert, dass der Anteil erneuerbarer Energien bis 2035 auf 70 Prozent stei gen könnte, 11 was den Kohlebedarf drastisch senken würde. Auch auf politischer Ebene gab es bereits frühere Überlegungen zu einem beschleunigten Ausstieg: So berichteten Medien im Jahr 2020, dass die damalige Regierung unter der Partei Prawo i Sprawiedliwość(Recht und Gerechtigkeit, PiS) einen Plan zum Kohleausstieg bis 2036 erwogen habe. Dieser Vorstoß wurde jedoch unter dem Druck der Bergar beitergewerkschaften rasch wieder verworfen. 12 Polens Weg zur Klimaneutralität folgt bisher keinem linearen Master plan, sondern einem dynamischen, oft reaktiven Prozess. Als Ersatz für die Kohle im Energiemix treibt Polen den Einstieg in die Atomenergie mit mehreren Großprojekten vor an, der von hoher Zustimmung in der Bevölkerung getra gen ist. Derzeit plant die Regierung u.a. den Bau von drei großen Kernreaktoren amerikanischer Bauart mit einer ins tallierten Gesamtleistung von etwa 6 bis 9 GW in der Regi on Lubiatowo-Kopalino an der Ostseeküste. 13 Die erste Anlage soll bis 2036 ans Netz gehen, wobei sich der Zeitplan aufgrund finanzieller und technischer Herausforderungen weiter verzögern kann. 14 Parallel dazu setzt das Land auf Small Modular Reactors(SMRs), etwa in Włocławek, wo Europas erstes kleines Kernkraftwerk vom Typ BWRX-300 entstehen soll. 15 Die Offshore-Windenergie gilt in Polen als strategischer Pfeiler der Energietransformation. Im NECPEntwurf ist ein Ausbau der installierten Leistung auf 5,9 GW bis 2030 und auf 18 GW bis 2040 vorgesehen. 16 Im Rahmen des polnischen Förderprogramms„Czyste Powie trze“(Saubere Luft) werden Haushalte gezielt bei der Re duktion von Emissionen unterstützt – etwa durch Zuschüs se für den Austausch alter Heizsysteme, energetische Sa nierungen und den Umstieg auf emissionsärmere Technologien wie beispielsweise Solarthermieanlagen. 17 So soll die Dekarbonisierung des Gebäudesektors schneller vorangetrieben werden. Der vollständige Kohleausstieg Polens ist derzeit für 2049 vorgesehen, könnte aber möglicherweise auch schon bis Mitte der 2030er Jahre vollzogen werden. Die größten Fortschritte in der polnischen Energiepolitik wurden dort erzielt, wo sicherheitspolitische Notwendigkei ten und wirtschaftliche Chancen zusammenfielen. Der Aus bau der LNG-Infrastruktur sowie der Bau der Baltic Pipe zwischen Norwegen und Polen erfolgten als Reaktion auf geopolitische Risiken und dienen der Diversifizierung der Gasversorgung. Gleichzeitig löste das Prosumentenpro gramm„Moj Prąd“(Mein Strom) einen wahren PhotovoltaikBoom aus 18 : Zwischen 2019 und 2024 stieg die installierte PV-Leistung von unter 1 GW auf über 20 GW. 19 Die kommenden Jahre werden entscheidend dafür sein, ob Polen seine klimapolitischen Ziele konsolidieren und in eine kohärente, sozial gerechte und technologisch zukunftsfähige Strategie überführen kann. Als Ersatz für die Kohle im Energiemix treibt Polen den Einstieg in die Atomenergie voran. Der Wärmesektor: Zwischen Dekarbonisierung und Versorgungssicherheit Die energetische Sanierung von Gebäuden zählt in Deutschland und Polen zu den zentralen Hebeln der Klimapolitik. Sie wird jedoch durch hohe Investitionskosten und soziale Hürden ausgebremst. Der Wärmesektor bleibt strukturell zersplittert: Während Neubauten zunehmend auf klimafreundliche Systeme setzen, stagniert die Sanie rungsquote im Altbestand. 20 Im Wärmebereich dominiert in Deutschland weiterhin die Gasheizung, während Fernwärme und Wärmepumpen an Bedeutung gewinnen. 21 Der Anteil erneuerbarer Energien zur Deckung des Wärmebedarfs lag im Jahr 2024 bei 18,1 Prozent. 22 Hinzu kommt der besondere Umstand, dass in Deutschland mit 52,8 Prozent besonders viele Men schen zur Miete wohnen und daher aufgrund geltender Vorschriften selbst keine notwendigen Investitionen zur 11 McKinsey& Company(2025): https://www.mckinsey.com/pl/our-insights/pols ka-energetyka-2050-czas-odwaznych-decyzji. 12 energiezukunft.eu: https://www.energiezukunft.eu/politik/polen-beschliesst-ver spaeteten-kohleausstieg/. 13  Deutsche Welle(2025): https://www.dw.com/de/neue-atomkraftwerkean-po lens-kueste-atomeinstieg-als-zukunftsidee-fokus-europa/video-71903042. 14  Business Insider(2025): https://businessinsider.com.pl/gospodarka/jest-nowyplan-na-energetyke-jadrowa-w-polsce-dwie-elektrownie/3gt3591; taz(2025): https:// taz.de/Atomkraft-muss-warten/!6076739/. 15 Euronews Green(2025): https://www.euronews.com/green/2025/08/28/polandto-build-europes-first-of-its-kind-small-scale-nuclear-power-plant-in-wloclawek. 16  Ministerium für Klima und Umwelt der Republik Polen(2025): https://www.gov. pl/web/klimat/nowe-przepisy-dla-morskiej-energetyki-wiatrowej-wejda-w-zycie. 17  Program Czyste Powietrze: https://czystepowietrze.gov.pl/. 18  Teraz Środowisko(2022): https://www.teraz-srodowisko.pl/aktualnosci/rynek-fo towoltaiki-w-polsce-2022-ieo-11951.html. 19  Solar Professionell: https://www.solar-professionell.de/2025/02/18/polen-hat21-gigawatt-marke-ueberschritten. 20 Bundesverband energieeffiziente Gebäudehülle(BuVEG): https://buveg.de/sa nierungsquote/. 21 Statista. Fernwärme in Deutschland – Statistiken und Fakten(2025): https://de. statista.com/themen/13686/fernwaerme-in-deutschland/. 22 Umweltbundesamt(2025): https://www.umweltbundesamt.de/daten/privatehaushalte-konsum/wohnen/energieverbrauch-privater-haushalte#direkte-treibhaus gas-emissionen-privater-haushalte-sinken. Im Kräftefeld deutsch-polnischer Interessen 5 Beheizungsarten in Polen und Deutschland Polen 3,66  Wärmepumpen 0,78 Solar-/Geothermie 1,12  Strom 21,74 Fernwärme Deutschland 0,03  Sonstiges 0,51 Heizöl 26,85 Biomasse 17,3 Heizöl 0,2  Sonstiges 4,3  Wärmepumpen 4,3 Solar-/Geothermie 2,5  Strom Wykres 1 4,1 Biomasse 25,30  Steinkohle Gas  20,30 15,5 Fernwärme Gas  56,2 Quellen: BDEW 2025, Forum Energii 2025 energetischen Sanierung vornehmen können. 23 Diese sogenannte„Mieterproblematik“ ist in anderen Teilen Europas weit weniger stark ausgeprägt. Zum Vergleich: In Polen liegt der Anteil an Menschen, die zur Miete wohnen, nur bei 12,9 Prozent. 24 In Polen hingegen verfügen – insbesondere in ländlichen Regionen – noch über drei Millionen Haushalte über einen Kohleofen, andererseits sind Biomasseheizungen als klima freundlichere Alternative ebenfalls weit verbreitet. 25 Circa 42 Prozent der polnischen Haushalte sind an das Fernwär menetz angeschlossen, wobei etwa 80% der Fernwärme aus fossilen Brennstoffen stammen. 26 Damit spielt dieser Sektor eine zentrale Rolle für die Wärmewende und bietet großes Potenzial zur Dekarbonisierung – etwa durch den verstärkten Einsatz von Geothermie oder Wärmepumpen. Allerdings ist die Infrastruktur vielerorts veraltet und stammt häufig noch aus der Zeit vor 1990. Ineffiziente Net ze und kohlebetriebene Heizwerke erschweren die Umstel lung auf klimafreundliche Technologien und erfordern 23  BUND& Deutscher Mieterbund(2024): https://www.bund.net/themen/aktuel les/detail-aktuelles/news/neue-studie-zeigt-so-kann-energetische-modernisierungvon-mietwohnungen-sozialvertraeglich-gelingen/; ZDFheute(2023): https://www. zdfheute.de/ratgeber/energetische-sanierung-gebaeudeenergiegesetz-mieter-100. html. 24  Statistisches Bundesamt(Destatis)(2025): https://www.destatis.de/Europa/DE/ Thema/Bevoelkerung-Arbeit-Soziales/Soziales-Lebensbedingungen/Mieteranteil. html. 25 Forum Energii(2025): https://www.forum-energii.eu/download/pobierz/transfor macja-w-domach. 26  Gram w Zielone(2024): https://www.gramwzielone.pl/trendy/20204041/nisko temperaturowe-sieci-cieplownicze-baza-modernizacji-sektora-ciepla. erhebliche Investitionen in Modernisierung und Umstruktu rierung. 27 Gleichzeitig steigt in Polen die Zahl der installierten Wärmepumpen rasant: Bis zum Jahr 2023 wurden rund 560.000 neue Anlagen registriert. 28 Nach einem schwieri gen Jahr 2024, das von einem deutlichen Marktrückgang geprägt war, befindet sich der polnische Wärmepumpen markt nun wieder im Aufwind. 29 Dennoch bleibt der Absatz in beiden Ländern im europäi schen Vergleich deutlich hinter den Spitzenreitern zurück. Im Jahr 2024 wurden in Deutschland und in Polen lediglich fünf Wärmepumpen pro 1.000 Haushalte verkauft – ein Wert, der weit unter dem europäischen Spitzenfeld liegt. Zum Ver gleich: In Norwegen wurden 2024 48 und in Finnland 33 Wärmepumpen pro 1.000 Haushalte installiert. 30 Um diese Lücke zu schließen, sind nicht nur finanzielle Anreize erfor derlich, sondern auch eine klare strategische Kommunikati on zur Wärmewende sowie eine konsequente politische Steuerung durch konkrete Gesetze und Vorgaben. Das zweite EU-Emissionshandelssystem für Gebäude und Verkehr(ETS2) sowie der daraus gespeiste Klima-Sozial fonds bieten die Chance, klimafreundliche Heizlösungen 27  Forum Energii(2025): https://www.forum-energii.eu/news/pobierz-zalacznik/ plik-do-pobrania-30. 28  SmogLab(2024): https://smoglab.pl/polacy-rzucili-sie-na-te-urzadzenia-to-sle pa-uliczka/. 29  PORT PC(2025): https://portpc.pl/polski-rynek-pomp-ciepla-wraca-do-wzros tow-pozytywne-sygnaly-w-i-polroczu-2025. 30  European Heat Pump Association(EHPA)(2025): https://ehpa.org/news-and-re sources/press-releases/heat-pump-sales-14-times-greater-in-lead-countries/. 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. wie Wärmepumpen für breite Bevölkerungsschichten finan ziell erschwinglich zu machen und die soziale Dimension der Wärmewende zu stärken. Der Verkehrssektor: Elektrifizierung vs. Infrastrukturdefizite Auch im Verkehrssektor sind parallele Herausforderungen sichtbar: Deutschland setzt auf Elektromobilität und den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, mit insgesamt circa 1,65 Millionen zugelassenen E-Autos und einer gut ausgebauten Ladeinfrastruktur in urbanen Räumen. 31 Mit der Einführung des Deutschlandtickets im Mai 2023 stieg die Zahl der ÖPNV-Abonnent:innen um 62 Prozent, was einen wichtigen Beitrag zur Verkehrswende und zur Reduzierung des Indivi dualverkehrs leistet. 32 Dennoch bleibt der Verkehrssektor ein Sorgenkind der Klimabilanz: 2023 entfielen 97,8 Pro zent des Endenergieverbrauchs im deutschen Verkehrssek tor auf flüssige und gasförmige Kraftstoffe, während Strom nur 2,2 Prozent ausmachte. Diesel dominierte mit 48 Pro zent, Benzin lag bei 28 Prozent, Flugkraftstoffe machten 16 Prozent aus und Biokraftstoffe 5,2 Prozent. Der Modal Shift zugunsten von Bahn und öffentlichem Nahverkehr verläuft eher schleppend und Maßnahmen zur Einschrän kung des Pkw-Gebrauchs stoßen auf begrenzte gesell schaftliche Akzeptanz. In Polen bleibt der Verkehrssektor ebenfalls stark fossil ge prägt. 2023 entfielen etwa 95 Prozent des Endenergiever brauchs auf Diesel, Benzin und Flüssiggas. 33 Der Anteil von Strom ist marginal und konzentriert sich auf den Schienenverkehr sowie einen kleinen, aber wachsenden Anteil an Elektrofahrzeugen – insgesamt sind knapp 100.000 E-Autos zugelassen. 34 Die Ladeinfrastruktur ist bisher nicht flächen deckend ausgebaut. 35 Im öffentlichen Nahverkehr sind pol nische Großstädte mit einem Anteil von 10 Prozent emissi onsfreier Fahrzeuge an der gesamten Busflotte bereits gut aufgestellt. 36 Dennoch sind in Polen durchschnittlich mehr ältere Fahrzeuge unterwegs. 37 Beide Länder stehen vor ähnlichen strukturellen Proble men: Der hohe Pkw-Anteil bleibt insbesondere in ländli chen Regionen bestehen, wo es an verlässlichen 31  Deutschlandatlas: https://www.deutschlandatlas.bund.de/DE/Karten/Wie-wiruns-bewegen/111-Elektroautos-Pkw-Bestand.html. 32  Verband Deutscher Verkehrsunternehmen(VDV): https://www.vdv.de/deutsch landticket.aspx. 33  Teraz Środowisko(2024): https://www.teraz-srodowisko.pl/aktualnosci/udzial-o ze-w-calkowitym-zuzyciu-energii-w-ue-2023-dane-eurostat-16108.html. 34  Wybór Kierowców. Samochody elektryczne w Polsce(2025): https://www.wybor kierowcow.pl/samochody-elektryczne-w-polsce/. 35 PSPA& PZPM(2024): https://www.auto-swiat.pl/ev/wiadomosci/ile-samochodow -elektrycznych-i-stacji-ladowania-jest-juz-w-polsce-mamy-najnowsze-dane/17pg9ct. 36  electrive.net(2025): https://www.electrive.net/2025/02/04/warschau-bes tellt-50-e-gelenkbusse-bei-solaris/; T&E Polska(2025): https://www.transportenvi ronment.org/te-polska/articles/jak-idzie-elektryfikacja-miejskich-autobusow-polskaw-polowie-stawki. 37  Forum Energii(2023): https://www.forum-energii.eu/polska-neutralna-klimatyc znie-2050-elektryfikacja-i-integracja-sektorow. Alternativen wie ÖPNV oder Sharing-Angeboten mangelt. 38 Die soziale Akzeptanz für Einschränkungen des Individual verkehrs ist in beiden Ländern begrenzt, was politische Maßnahmen wie Tempolimit von 30 km/h, Parkraumbe preisung oder Null-Emissions-Zonen erschwert. 39 Darüber hinaus führt die Elektrifizierung des Verkehrs in beiden Staaten zu einem steigenden Strombedarf, der die Netzsta bilität belastet und Investitionen in Netzausbau sowie Spei chertechnologien erfordert. Auch die Integration von Lade infrastruktur in bestehende Stadt- und Verkehrsplanung bleibt eine Herausforderung. Und zuletzt ist da noch die starke Abhängigkeit beider Länder vom fossilen Energie mix im Verkehrsbereich: Trotz wachsender Elektromobilität dominieren Diesel und Benzin weiterhin den Kraftstoffver brauch und der Anteil an Biokraftstoffen bleibt hinter den EU-Durchschnittswerten zurück. 40 In beiden Ländern mangelt es vor allem auf dem Land an verlässlichen Alternativen zum Pkw 3. Klimapolitik im öffentlichen Diskurs Die Klimapolitik unterliegt in Deutschland und Polen jeweils eigenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Während Deutschland lange als Vorreiter bei der ökologi schen Transformation galt, hat sich die öffentliche Debatte dort zunehmend polarisiert. Polen hingegen vollzieht eine faktische Energiewende, allerdings oft ohne kohärente Strategie und konsistente Kommunikation. Der Diskurs in beiden Ländern ist geprägt von sozialen Zielkonflikten, den Auswirkungen der gegenwärtigen geopolitischen Spannun gen und stark divergierenden parteipolitischen Narrativen. Im deutsch-polnischen Diskurs rund um die Energiewende offenbaren sich neben Bereichen, in denen bereits erfolg reich kooperiert wird, auch Reibungsflächen, die die konst ruktive Zusammenarbeit beider Staaten behindern könnten. Deutschland: Zwischen Ambition und Akzeptanzkrise Über Jahre hinweg war Klimapolitik in Deutschland ein zentrales gesellschaftliches Anliegen – getragen von breiter Zustimmung und ambitionierten Maßnahmen wie dem Klimaschutzgesetz und dem Europäischen Green Deal. Die Bundesrepublik galt als Vorreiterin einer ökologischen Transformation, die sowohl technologisch als auch 38  Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat(2025): https:// www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/laendliche-mobilitaet-ver stehen.pdf?__blob=publicationFile&v=11. 39  Tröger, J.; Dütschke, E.; Helferich, M.; Scherf, C.(2025): Verkehrspolitische Maß nahmen für den Klimaschutz im Fokus: Akzeptanz und Aktivierungspotenzial in der Bevölkerung. Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI: https:// www.isi.fraunhofer.de/de/blog/2025/verkehrsp. 40  Forum Energii(2024): https://www.forum-energii.eu/en/transformacja-edyc ja-2024; https://stat.gov.pl/en/topics/environment-energy/energy/consumption-offuels-and-energy-carriers-in-2023,8,19.html. Im Kräftefeld deutsch-polnischer Interessen 7 normativ Maßstäbe setzte. Seit 2022 jedoch hat sich der öffentliche Diskurs spürbar gewandelt. Der russische An griffskrieg gegen die Ukraine, explodierende Energiepreise und anhaltende Inflation haben die Prioritäten vieler Bür ger:innen neu geordnet. Klimaschutz wird zunehmend von akuten Fragen der Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und des Wohlstands überlagert. Maßnahmen wie das Gebäude energiegesetz oder die Protestaktionen der„Letzten Gene ration“ haben die Debatte zusätzlich emotionalisiert und polarisiert. Es besteht ein Spannungsfeld zwischen der ökologischen Notwendigkeit des Klimaschutzes, der Frage nach seiner wirtschaftlichen und sozialen Tragfähigkeit und der individuellen Betroffenheit durch neue Vorgaben. Und dennoch: Laut dem aktuellen Eurobarometer sprechen sich 84 Prozent der Deutschen dafür aus, den Kampf ge gen den Klimawandel als politische Priorität zu behandeln – insbesondere im Hinblick auf Gesundheit und Lebensqua lität. 80 Prozent unterstützen das Ziel der EU, bis 2050 kli maneutral zu werden. 41 Diese Zahlen zeigen: Die gesellschaftliche Zustimmung ist nicht verschwunden, sie braucht jedoch eine neue, an die aktuelle Situation ange passte politische Übersetzung – in eine effektive Klimapoli tik, die aber gleichzeitig auch die wachsende soziale Un gleichheit und die geopolitischen Entwicklungen der letz ten Jahre berücksichtigt. In Deutschland wird das Thema Klimaschutz zunehmend von akuten Fragen der Sicherheit, Wettbewerbsfä higkeit und des Wohlstands überlagert – trotzdem liegt die Zustimmung für das EU-Klimaziel bei 80 Prozent. Die parteipolitischen Positionen spiegeln diese Spannungen wider: Bündnis 90/Die Grünen treibt die Debatte mit klarer Ambition voran und setzt auf eine sozial-ökologi sche Transformation, die europäisch eingebettet ist und auf Tempo, Verbindlichkeit und Gerechtigkeit zielt. Die CDU/ CSU positioniert sich technologieoffen und marktwirt schaftlich und befürwortet die CO₂-Bepreisung als zentra les Instrument, bleibt jedoch skeptisch gegenüber regulato rischen Eingriffen. Die AfD hingegen lehnt die EU-Klimaziele ab und verbreitet klimaskeptische Narrative. Die SPD versteht Klimaschutz als Teil sozialer Gerechtigkeit und versucht, ökologische Maßnahmen mit sozialer Ausgleichs politik zu verbinden. Priorität und wird vor allem im Zusammenhang mit Ener gieunabhängigkeit und sozialer Gerechtigkeit verhandelt. Über die ambitionierten Ziele der EU dominieren in der Debatte Fragen der Umsetzbarkeit auf einzelstaatlicher Ebene. Dennoch ist die gesellschaftliche Zustimmung für eine ambitionierte Klimapolitik in Polen hoch: Laut dem aktuel len Eurobarometer sprechen sich 79 Prozent der Polinnen und Polen dafür aus, den Kampf gegen den Klimawandel als Priorität zu behandeln – insbesondere im Hinblick auf Gesundheit und Lebensqualität. 74 Prozent unterstützen das Ziel der EU, bis 2050 klimaneutral zu werden. 42 Laut dem aktuellen Eurobarometer sprechen sich 79 Prozent der Polinnen und Polen dafür aus, den Kampf gegen den Klimawandel als Priorität zu behandeln, 74% unterstützen das EU-Klimaziel. Trotz der voranschreitenden Umsetzung der Energiewende und einer grundsätzlichen Zustimmung für die Transformation in der Gesellschaft bleibt die politische Steuerung wei terhin fragmentiert. Viele Maßnahmen konzentrieren sich auf technische Aspekte, während eine übergeordnete Visi on und eine verständliche politische Vermittlung fehlen. Das erschwert die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit und führt dazu, dass das Thema Klimaschutz in der öffentli chen Debatte überwiegend technokratisch geprägt ist. Zu sätzlich verschärft wird das Problem durch einen in vielen Bereichen polarisierten parteipolitischen Diskurs. Die Koalicja Obywatelska(Bürgerkoalition, KO) agiert pro-europä isch, sicherheitsorientiert und pragmatisch, weist jedoch eine begrenzte klimapolitische Sichtbarkeit und Ambition auf. Nowa Lewica(Neue Linke) und Zieloni(Grüne) vertre ten ambitionierte und sozial gerechte Ansätze, bleiben da bei jedoch medial marginalisiert. Polska 2050(Polen 2050) setzt auf Modernisierung und Dialog. Die Partei hat es ver säumt, in den Regierungsreihen eine vermittelnde Rolle zu übernehmen. Die PiS verfolgt eine souveränitätsbetonte Li nie und zeigt sich auch in Hinblick auf die Klimapolitik skeptisch gegenüber EU-Vorgaben. Die Konfederacja(Kon föderation) lehnt Klimaregulierungen grundsätzlich ab und repräsentiert ein marktliberales, klimaskeptisches Profil. 43 Streitpunkte im deutsch-polnischen klima- und energiepolitischen Diskurs Polen: Energiewende ohne Narrativ Während die Energiewende in Polen sich faktisch vollzieht, bleibt die politische Vermittlung der ökologischen Transfor mation hinter den realen Entwicklungen zurück. Klima schutz hat im politischen Diskurs bislang eine geringere 41  Europäische Kommission(2025): https://europa.eu/eurobarometer/surveys/de tail/3472. Ein besonders sensibler Punkt im deutsch-polnischen Diskurs ist die frühere Abhängigkeit Deutschlands von russi schen Gasimporten – ein Thema, das in Polen teils als si cherheitspolitische Schwäche wahrgenommen wurde. 42  Europäische Kommission(2025): https://europa.eu/eurobarometer/surveys/de tail/3472. 43  Noizz.pl: https://noizz.pl/ekologia/program-pis-ko-lewicy-psl-i-konfederacji-co -partie-proponuja-w-kwestii-ekologii/tbb9981; WWF Polska(2024): https://www.wwf. pl/polskie-partie-w-sprawie-zmiany-klimatu. 8 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Während Deutschland lange auf kostengünstige Energie aus Russland setzte, verfolgte Polen aus sicherheitspolitischen Gründen eine deutlich kritischere Haltung gegenüber russischen Lieferungen und investierte frühzeitig in alternative Bezugsquellen wie die bereits oben erwähnte Baltic Pipe oder den Ausbau von LNG-Terminals in Świnoujście(Swine münde). Inzwischen unterstützen beide Länder die EU-Initia tive RePowerEU, die ein vollständige Beendigung der russi schen Energieimporte bis spätestens 2027 vorsieht. 44 Sollte es in absehbarer Zeit zu einer politischen Diskussion über eine mögliche Wiederaufnahme von Nord Stream oder vergleichbare Infrastrukturprojekte kommen, droht eine erneute Belastung der deutsch-polnischen Beziehungen. Bereits die Ermittlungen zur Nord-Stream-Explosion haben gezeigt, wie sensibel das Thema ist – sie führten zu diplomatischen Spannungen und offenbarten unterschiedliche sicherheitspolitische Perspektiven beider Länder. Ein weiteres Konfliktfeld ist die unterschiedliche Bewer tung der Atomenergie: Während Polen den Bau neuer Kernkraftwerke als strategische Antwort auf die Dekarboni sierung und Versorgungssicherheit vorantreibt, bleibt Deutschland nach dem Atomausstieg skeptisch und setzt stattdessen auf den Ausbau erneuerbarer Energien. 45 Diese Divergenz spiegelt sich auch in EU-Debatten wider, etwa bei der Einstufung von Atomkraft als nachhaltige Investiti on im Rahmen der Taxonomie-Verordnung. 46 Auch das unterschiedliche Tempo der Dekarbonisierung stellt einen potenziellen Streitpunkt im deutsch-polnischen Verhältnis dar – insbesondere im Hinblick auf die gemein samen EU-Klimaziele. Während Deutschland auf eine rasche Reduktion der Treibhausgasemissionen drängt, setzt Polen auf einen graduellen Übergang, bei dem Energiesi cherheit und soziale Stabilität im Vordergrund stehen. Die se Differenz in der strategischen Ausrichtung wurde zuletzt in der Debatte um das EU-Klimaziel für 2040 besonders deutlich: Die Europäische Kommission schlug eine Emissionsminderung von 90 % gegenüber 1990 vor, was von Deutschland unterstützt, von Polen jedoch kritisch be trachtet wurde. 47 4. Klimapolitik mit sozialem Kompass: Die Rolle der Sozialdemokratie In der aktuellen Regierungskoalition in Deutschland wird von der SPD erwartet, als Regierungsfraktion mit dem stär keren klimapolitischen Mandat eine zentrale Rolle in der Ausgestaltung der deutschen Klimapolitik zu übernehmen. 44  Europäische Kommission(2025): https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/ TXT/?uri=CELEX%3A52025DC0440R(01). 45  DW(2021): https://www.dw.com/de/polens-akw-pl%C3%A4ne-machen-deut schland-sorgen/a-56588806. 46  Clean Energy Wire(2025): https://www.cleanenergywire.org/news/econo my-minister-confirms-end-germanys-resistance-nuclear-power-eu-level. 47  Politico(2025): https://www.politico.eu/article/eu-countries-agree-weakened2040-climate-goal-and-target-for-cop30/. Insbesondere richtet sich die Hoffnung darauf, dass sich die Partei klar hinter die Einführung des Emissionshandels (ETS2) stellt – vor allem dann, wenn die Position der CDU/ CSU ins Wanken gerät. In diesem Zusammenhang wird der SPD auch die Aufgabe zugeschrieben, die Union an ihre ei genen klimapolitischen Zusagen zu erinnern und sie zur Einhaltung ordnungspolitischer Prinzipien zu bewegen – ein Unterfangen, das angesichts der grundsätzlichen Skep sis der Union gegenüber regulatorischen Eingriffen als herausfordernd gilt. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung gilt die SPD als staatstragende und ausgleichende Kraft, jedoch nicht als treibende Instanz der Klimatransformation. Ihre Rolle er scheint eher moderierend als impulsgebend. Laut einem Strategiepapier des SPD-Landesverbands Berlin mangelt es an konsistenten Narrativen, wodurch rechte und populis tische Kräfte zunehmend Deutungshoheit über klimapolitische Diskurse gewinnen. 48 Die in dem Dokument der Berliner SPD entwickelten Narrative verdeutlichen den Versuch, ein klimapolitisches Profil zu schärfen, das ökologische Ambition mit sozialer Ausgewogenheit verbindet. 49 Dabei stehen drei Leitmotive im Vordergrund: Klimaschutz als Freiheitsgewährleistung und Beschäftigungsmotor, gesetz liche Regulierung als Instrument zur Vermeidung von Ver teilungskonflikten sowie das Bekenntnis zu ökonomischer Vernunft und langfristiger Verantwortung. 50 Insgesamt zeigt sich, dass die SPD in einer zunehmend polarisierten politischen Landschaft bemüht ist, eine vermittelnde Posi tion einzunehmen. Ihr klimapolitisches Profil zielt auf breite gesellschaftliche Akzeptanz, bleibt jedoch in der öffentli chen Wahrnehmung hinter den Erwartungen an eine füh rende Kraft der ökologischen Transformation zurück. Die SPD Berlin will sich an drei Leitmotiven orientieren: Klimaschutz als Freiheitsgewährleistung und Beschäftigungsmotor, gesetzliche Regulierung als Instrument zur Vermeidung von Verteilungskonflikten sowie das Bekenntnis zu ökonomischer Vernunft und langfristiger Verantwortung. Nach dem Regierungswechsel in Polen im Dezember 2023 sind im Rahmen der Lewica-Fraktion mit der Partei Nowa Lewica sozialdemokratische Akteure Teil der Regierungsko alition. Die Parteiversteht sich als Sammelbewegung sozi aldemokratischer und progressiver Kräfte und steht für so ziale Gerechtigkeit, Klimaschutz, queere Rechte und eine vertiefte europäische Integration. In der Klimapolitik setzt die Nowa Lewica auf eine ambitionierte Dekarbonisierung, 48  SPD Berlin(2025): https://spd.berlin/media/2025/04/FK_Klima_Narrative_v02.pdf. 49  SPD Berlin(2025): https://spd.berlin/media/2025/04/FK_Klima_Narrative_v02.pdf. 50 SPD Berlin(2025): https://spd.berlin/media/2025/04/FK_Klima_Narrative_v02.pdf. Im Kräftefeld deutsch-polnischer Interessen 9 die mit sozialer Absicherung einhergeht. 51 In ihrem Wahlprogramm und in öffentlichen Stellungnahmen fordert sie umfangreiche Investitionen in erneuerbare Energien – ins besondere Windkraft und Geothermie – sowie eine sozial gerechte Wärmewende. 52 Während die Nowa Lewica für ihre klimapolitischen Forderungen Anerkennung erhält, wird ihre mediale Sichtbarkeit durch die dominierende Prä senz der größeren Koalitionspartner eingeschränkt. Ihre Rolle erscheint impulsgebend, aber nicht hegemonial – sie wirkt als ideengebende Kraft, deren Einfluss sich vor allem in programmatischen Impulsen und parlamentarischen Initiativen zeigt. Die Rolle der Nowa Lewica erscheint impulsgebend, aber nicht hegemonial. Eine weitere Position am linken Rand des Parteienspektrums wird durch die Partei Razem(Zusammen) vertreten, die al lerdings seit einem Mitgliederentscheid im vergangenen Jahr nicht mehr als Teil der Lewica-Fraktion im Sejm agiert. 53 Ra zem strebt nun eine eigenständige parlamentarische Rolle an. 54 So setzt sich die Partei beispielsweise für den Bau von Atomkraftwerken in Polen ein, fordert eine noch deutlichere Abkehr von fossilen Energien und kritisiert marktbasierte Instrumente wie den Emissionshandel als sozial unausgewo gen. 55 Diese innerlinke Pluralität trägt auch zur Differenzierung der klimapolitischen Debatte in Polen bei. Sowohl in Deutschland als auch in Polen stehen sozialde mokratische Parteien vor ähnlichen Herausforderungen: Klimaschutz muss überzeugend als soziale Frage vermittelt werden und dadurch gesellschaftlich anschlussfähig blei ben. In Deutschland bemüht sich die SPD um kommunikative Klarheit und eine stärkere klimapolitische Profilierung. Obwohl sie sich als Vermittlerin zwischen ökologischer Transformation und sozialer Gerechtigkeit versteht, fehlt ihr häufig die klare Abgrenzung gegenüber anderen Parteien. Auch in Polen ringt die sozialdemokratische Linke darum, im sicherheitsorientierten Diskurs mit ihrer Agenda einer sozial abgefederten Energiewende politisch relevant zu bleiben. Gemeinsam ist beiden Parteien, dass Klimapolitik in ihrer Wählerschaft bislang eine untergeordnete Rolle bei Wahlen spielt. Widerstände gegen ambitionierte Maßnah men resultieren aus Marktlogik, populistischen Strömun gen und technokratischer Politik. Diese Situation verlangt nicht nur politisches Geschick, sondern auch die Fähigkeit, nachhaltige und sozial ausgewogene Lösungen glaubwür dig und verständlich zu kommunizieren – in einer Debatte, die zunehmend emotionalisiert und polarisiert ist. 5. Potenziale gemeinsamer Projekte trotz politischer Divergenzen Eine enge Kooperation zwischen älteren und neueren EUMitgliedstaaten ist zentral für die klimaneutrale Transformation Europas, aber gegenüber den lang bestehenden Partnerschaften zwischen den älteren Mitgliedern noch nicht immer selbstverständlich. Durch eine gute grenz übergreifende Zusammenarbeit können regionale Bedürf nisse besser berücksichtigt und neue Trennlinien in Europa vermieden werden. Darüber hinaus können unkonven tionelle Konstellationen zwischen EU-Mitgliedstaaten mit unterschiedlichen Strategien und Ausgangspunkten den Dekarbonisierungsprozess beschleunigen, indem sie ge genseitiges Verständnis für die jeweiligen Herausforderun gen fördern und ihre komplementären Potenziale nutzen, z.B. durch technologische Expertise auf der einen und kosteneffiziente Lösungen auf der anderen Seite. Trotz unterschiedlicher politischer Herangehensweisen an die Energiewende und Divergenzen in anderen politischen Bereichen verfügen Deutschland und Polen über großes Potenzial für gemeinsame Projekte im Energiesektor und Klimaschutz. Durch grenzübergreifende klimaund energiepolitische Projekte können regionale Bedürfnisse besser berück sichtigt und neue Trennlinien in Europa vermieden werden. 1. Erneuerbare Energien Im Bereich der erneuerbaren Energien stellt die OffshoreWindenergie einen wichtigen Anknüpfungspunkt für die Regierungen in Berlin und Warschau dar. Im Einklang mit der Offshore-Strategie der Europäischen Kommission muss der Bereich in den nächsten Jahren massiv ausgebaut wer den, um das Ziel von 300 Gigawatt installierter Leistung bis 2050 zu erreichen. 56 Ohne ein abgestimmtes Zusammenspiel zwischen Deutschland und Polen wird das Erzeugungspotenzial in der Ostsee , das von der Europäischen Kommission auf 93 Gigawatt geschätzt wird, kaum ausge schöpft werden können. Bereits 2020 und erneut 2022 ha ben sich beide Länder mit weiteren Anrainerstaaten der Ostsee zur Stärkung der Kooperation im Bereich OffshoreWindenergie bekannt – unter anderen im Rahmen der„Bal tic Sea Offshore Wind Joint Declaration of Intent“, 57 der „Marienborg Declaration“ 58 und der„Vilnius Declaration“ zur 51 WWF Polen: https://www.wwf.pl/polskie-partie-w-sprawie-europejskiego-zielo nego-ladu. 52 Nowa Lewica. https://lewica.org.pl/program/program-wyborczy-kw-nowa-lewica. 53  OKO.press(2024): https://oko.press/na-zywo/na-zywo-relacja/partia-razemopuszcza-klub-lewicy-zalozy-wlasne-kolo-w-sejmie. 54  TVP Info(2024): https://www.tvp.info/83350495/partia-razem-powolalismy-ko lo-parlamentarne. 55 WWF Polska(2024): https://www.wwf.pl/polskie-partie-w-sprawie-zmiany-klimatu. 56  Europäische Union(2020): https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri =COM:2020:741:FIN&qid=1605792629666. 57  Europäische Kommission(2020): https://commission.europa.eu/news-and-me dia/news/baltic-ministers-endorse-commitment-closer-cooperation-offshore-ener gy-2020-09-30_en. 58  BalticWind.eu(2022): https://balticwind.eu/the-marienborg-declaration-balticsea-countries-declare-more-cooperation-in-offshore-wind. 10 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Sicherung kritischer Offshore-Energieinfrastruktur. 59 Damit dieses Vorhaben nicht nur auf dem Papier bestehen bleibt, sollten Warschau und Berlin die Umsetzung im Rahmen der deutsch-polnischen Arbeitsgruppe für Klima und Energie zügig vorantreiben. Zur Umsetzung der EU-Offshore-Strategie in der Ostsee ist ein abgestimmtes Zusammenspiel zwischen Deutsch land und Polen dringend erforderlich. 2. Nachhaltige Mobilität Im Bereich nachhaltiger Mobilität bietet der grenzüberschreitenden Bahnverkehr erhebliches Potenzial. Beide Län der könnten gemeinsam mit Frankreich und unter aktiver Einbindung der EU-Kommission eine Initiative im Rahmen des„Grünen Weimarer Dreiecks“ ins Leben rufen. Diese könnte als Impulsgeber für einen europäischen Taktfahrplan dienen und die strategische Weiterentwicklung des transeu ropäischen Bahnnetzes als Alternative zu Kurz- und Mittel streckenflügen vorantreiben. Erste Signale in diese Richtung sind bereits erkennbar: Die jüngsten Ankündigungen der Deutschen Bahn für eine engere Taktung und zusätzliche Verbindungen zwischen Deutschland und Polen ab Dezem ber 2025 zeigen Bewegung, 60 doch zentrale Verbindungen – etwa zwischen Berlin und Warschau – sind weiterhin zu langsam und damit zu wenig attraktiv für Reisende. Hier be steht konkreter Handlungsbedarf, um die Wettbewerbsfähig keit der Schiene gegenüber dem Flugverkehr zu stärken. Op timistische Prognosen gehen davon aus, dass der Anteil der Schiene am Personenverkehr bis 2050 auf bis zu 60 % stei gen könnte. 61 Um dieses Ziel zu erreichen, sind zwei zentrale Schritte erforderlich: Zum einen muss das transeuropäische Schienennetz umfassend modernisiert und ausgebaut wer den. Zum anderen lässt sich auch auf dem bestehenden Netz durch verbesserte Taktung, vereinfachte Buchungssys teme und koordinierte Fahrpläne ein relevanter Beitrag zur Verkehrswende leisten – insbesondere im grenzüberschrei tenden Verkehr zwischen den Mitgliedstaaten. Solche Initia tiven können nicht nur klimapolitische Nutzen bringen, son dern sie tragen auch eine symbolische Kraft im Sinne der europäischen Verbundenheit. Ab Dezember 2025 soll es eine engere Taktung der Bahnlinien zwischen Deutschland und Polen geben, doch zentrale Verbindungen – etwa zwischen Berlin und Warschau – sind weiterhin zu langsam 3. Kohleausstieg und Strukturwandel Vor ähnliche Herausforderungen stellt beide Länder der Ausstieg aus dem Kohleabbau. In Polen und Deutschland, den EU-Ländern mit einem der höchsten Risiken von Arbeitsplatzverlusten in Kohleregionen 62 , kommt der Frage nach der sozial verträglichen und gerechten Energie wende eine besonders große Bedeutung zu. Allein in Schlesien könnten nach Schätzungen circa 40.000 Arbeits plätze im direkten Kohlebergbau wegfallen. 63 Das entspricht etwa der Hälfte der Gesamtbeschäftigung in die sem Wirtschaftssektor in der Region. In Deutschland ist das Lausitzer Revier mit 8.300 Beschäftigten im Braunkohlebergbau vom Ausstieg aus dem Kohleabbau und dem strukturellen Übergang am stärksten betroffen. 64 Diese parallelen Herausforderungen bieten die Chance, aus gemein samen Erfahrungen im Strukturwandel zu lernen – etwa wie Mittel aus dem Just Transition Fund effektiv abgerufen und gezielt eingesetzt werden können oder wie der Dialog mit betroffenen Regionen und Beschäftigten aktiv und glaubwürdig gestaltet wird. In Schlesien würden durch den Kohleausstieg circa 40.000 Arbeits plätze im direkten Kohlebergbau wegfallen, in der Lausitz 8.300. 4. Grenzüberschreitende Initiativen für nachhaltige Wärmeversorgung und Industrie Der Kohleausstieg bietet Chancen für weitere grenzüber schreitende regionale Initiativen. Ein Beispiel dafür ist das Fernwärmeprojekt Görlitz–Zgorzelec, bei dem die deutsche Stadt Görlitz und die polnische Nachbarstadt Zgorzelec ge meinsam an einer nachhaltigen Wärmeversorgung arbei ten. 65 Darüber hinaus bieten regionale Innovationscluster für saubere Technologien, wie z.B. im Rheinischen Revier, ein übertragbares Modell. Dort entstehen aus ehemaligen 59  WindEurope(2023): https://windeurope.org/news/baltic-sea-countries-pledgecloser-collaboration-to-secure-critical-offshore-energy-infrastructure/. 60  Deutsche Bahn(2025): https://www.deutschebahn.com/de/presse/pressestart_ zentrales_uebersicht/Mehr-Zuege-zwischen-Deutschland-und-Polen-DB-und-PKPbauen-Angebot-um-ueber-50-Prozent-aus-13498998. 61  Der Spiegel(2024): https://www.spiegel.de/auto/verkehrsprognose-2040-eswird-voller-auf-strassen-und-schienen-aber-der-pkw-verliert-an-bedeutung-a-ba 5beafd-4545-4672-b9e7-2e53dfe6b70f. 62  Europäischer Rechnungshof(2022): https://www.eca.europa.eu/Lists/ECADocu ments/SR22_22/SR_coal_regions_DE.pdf. Sonderbericht Nr. 22/2022. 63  Nettg.pl(2023): https://nettg.pl/gornictwo/204498/zmniejszenie-zatrudnieniana-powierzchni-bedzie-nieuniknione. 64  Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Energie des Landes Brandenburg(2022): https://efre.brandenburg.de/sixcms/media.php/9/2022_10_14_TJTP_Lausitz.pdf; Sächsische Agentur für Strukturentwicklung(SAS): https://sas-sachsen.de/de/revie re/lausitzer-revier. 65  Energiezukunft(2025): https://www.energiezukunft.eu/erneuerbare-energien/ waermewende/waerme-verbindet. Im Kräftefeld deutsch-polnischer Interessen 11 Braunkohlestandorten Zentren für Wasserstoffwirtschaft und nachhaltige Industrie. Ähnliche Ansätze könnten auch in der Lausitz, in Schlesien oder in der Woiwodschaft Le bus entwickelt werden, um klimafreundliche Lösungen vor anzutreiben und neue Arbeitsplätze zu schaffen. In Lebus existieren bereits mindestens vier Cluster mit Relevanz für die Energiewende, die zu einem grenzüberschreitenden Netzwerk ausgebaut werden könnten. 66 5. Kooperationsmöglichkeiten für die energetische Gebäudesanierung Ein weiterer zentraler Baustein sind gemeinsame Program me zur energetischen Gebäudesanierung. In grenznahen Regionen wie der Spree-Neiße-Bober-Region wird bereits mit dem Projekt„Green Energy“ daran gearbeitet, Wohnund Gewerbegebäude effizienter zu machen und den Ener gieverbrauch zu senken. 67 Auch die grenzüberschreitende Initiative„GO Altbau“ zwischen Bayern und Österreich zeigt, wie moderne Energieberatung über nationale Gren zen hinweg organisiert werden kann. 68 Elemente der Just Transition im Rahmen des Clean Industrial Deal 69 – wie die Förderung hochwertiger Arbeitsplätze(„Quality Jobs Road map“) oder„Union der Kompetenzen“ 70 – müssen jedoch noch konkretisiert und auf ihre Umsetzung in bilateralen Projekten geprüft werden. Weiterhin stellt sich die Frage, wo ein Austausch von Fachkräften sinnvoll ist und wie ge meinsames Lernen über Ländergrenzen hinweg organisiert werden kann. Die Qualifizierung der Arbeitskräfte spielt dabei eine Schlüsselrolle. Duale Ausbildungsprogramme mit internationaler Ausrichtung zwischen Deutschland und Polen würden jungen Menschen den Einstieg in zukunfts fähige Berufe im Bereich Energie, Bau und Umwelttechnik ermöglichen und zugleich die Resilienz der betroffenen Re gionen stärken. Für die Gebäudesanierung wäre grenzübergreifende Expertise von großem Vorteil, beispielsweise im Bereich der Energieberatung oder durch eine Internationalisierung dualer Ausbildungsprogramme. 6. Austausch bei der sozialen Abfederung von ETS2 Ein weiteres Handlungsfeld für die deutsch-polnische Ko operation ergibt sich aus der Einführung des neuen Emissionshandelssystems für Gebäude und Straßenverkehr (ETS2). Für eine wirkungsvolle und sozial gerechte Umset zung des Green Deal wird ETS2 in den kommenden Jahren eine zentrale Herausforderung darstellen. Deutschland und Polen könnten gemeinsam eine Strategie für einen sozial verträglichen„Elektrifizierungsturbo“ entwickeln, um den klimafreundlichen Umbau von Gebäuden und Verkehr deutlich zu beschleunigen. Eine zügige Umsetzung würde nicht nur zur Erreichung der Klimaziele beitragen, sondern auch die Preisentwicklung im ETS2 bis 2030 spürbar dämp fen. Gleichzeitig wirft das neue Instrument in beiden Län dern zahlreiche soziale Fragen auf. Steigende Energiepreise, ungleiche Belastungen zwischen Einkommensgruppen, strukturelle Nachteile für ohnehin abgehängte Regionen sowie höhere Lebenshaltungskosten können soziale Span nungen verschärfen und die Akzeptanz klimapolitischer Maßnahmen gefährden. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, sind gezielte sozialpolitische Begleitmaßnah men erforderlich – etwa durch Rückverteilung der Einnah men, Investitionen in Infrastruktur und Unterstützung für besonders betroffene Haushalte und Regionen. Ein struktu rierter Austausch über mögliche Maßnahmen im Rahmen nationaler Klima-Sozialpläne wäre hier ein wichtiger Schritt, um voneinander zu lernen. Generell bietet das zen trale Prinzip des Europäischen Green Deal –„kein Ort und kein Mensch soll im Stich gelassen werden“ – eine passen de Grundlage für Warschau und Berlin, sich gemeinsam auf EU-Ebene für eine sozial gerechte Ausgestaltung der Energie- und Klimapolitik, auch im nächsten EU-Klimage setzespaket, einzusetzen. Bei der Einführung von ETS2 können Polen und Deutschland sich gezielt darüber austauschen, wie sozial unverträgliche Belastungen abgefedert werden können. 7. Kommunikation der Energiewende und Bekämpfung von Desinformation 66  Portal Województwa Lubuskiego. Klastry energii w województwie lubuskim (2017): https://lubuskie.pl/wiadomosci/9803/klastry-energii-w-wojewodztwie-lubu skim. 67  CEBra e. V. – Centrum für Energietechnologie Brandenburg. Green Energy – Spree-Neiße-Bober-Region: https://cebra-cottbus.de/de/cebra-e-v/projekte_ev/aktu elle-projekte/artikel-green-energy-snb-region.html. 68  Energie- und Umweltzentrum Allgäu(eza!): https://www.eza-allgaeu.de/uebereza/projekte/go-altbau/. 69  Europäische Kommission: https://commission.europa.eu/topics/eu-competitive ness/clean-industrial-deal_en?prefLang=de. 70  Europäische Kommission(2025): https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/ TXT/?uri=CELEX%3A52025DC0085. Auch im Bereich der gesellschaftlichen Verständigung zur Energiewende gibt es vielversprechende Ansätze für eine deutsch-polnische Zusammenarbeit. Ein bilaterales Projekt zur Bekämpfung von Vorurteilen und Desinformation über erneuerbare Energien – etwa durch Bürgerdialoge, kommu nale Modellprojekte oder gemeinsame Medienkampagnen – könnte dazu beitragen, ein geteiltes Verständnis für die Chancen der Transformation zu schaffen und gesellschaft liche Akzeptanz zu stärken. Die Bekämpfung von Desinfor mation im Kontext der Energiewende wurde auch von der polnischen EU-Ratspräsidentschaft 2025 als strategisches Anliegen benannt. Ziel ist es, durch bessere 12 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Kommunikation und faktenbasierte Aufklärung die Resili enz der Gesellschaft gegenüber populistischen Narrativen zu erhöhen und die europäische Klimapolitik demokratisch zu verankern. 71 Energielieferketten sowie die Stärkung der Energiesicher heit, die Bekämpfung von Desinformation, die Sicherung gesellschaftlicher Akzeptanz und die Stärkung demokratischer Teilhabe. 8. Demokratieförderung und gesellschaftliche Beteiligung Ein weiteres Beispiel für grenzüberschreitende Zusammen arbeit liegt im Bereich der Demokratieförderung und ge sellschaftlichen Beteiligung. Um die Akzeptanz für Klimapolitik zu stärken, braucht es Räume für Mitsprache und Mitgestaltung. Aufbauend auf zivilgesellschaftlichen Erfah rungen – etwa aus der Fridays for Future-Bewegung – könnten kommunale Beteiligungsformate entwickelt wer den, in denen Bürger:innen beider Länder gemeinsam über lokale Klimamaßnahmen sowie über die Zukunft der EU diskutieren, priorisieren und evaluieren. Solche Formate fördern nicht nur demokratische Kompetenzen, sondern auch das gegenseitige Vertrauen über die Grenze hinweg. 9. Nachhaltigkeit in der Schule Vielversprechende Kooperationsmöglichkeiten bieten sich ebenfalls im Bildungsbereich. So könnte beispiels weise die Einführung von Bildung für nachhaltige Entwick lung(BNE) 72 als verbindliches Unterrichtsfach an Schulen in Grenzregionen ein weiteres gemeinsames Projekt dar stellen. Begleitend dazu wären grenzüberschreitende Aus tauschformate – etwa zwischen Schulen in Brandenburg und der Woiwodschaft Lebus – sowie digitale Lernplattfor men, die mehrsprachige Inhalte bereitstellen und europäi sche Perspektiven integrieren. Ziel wäre es, junge Men schen frühzeitig für die ökologischen, ökonomischen und sozialen Zusammenhänge der Klimakrise zu sensibilisieren und sie zu aktiven Gestalter:innen des Wandels zu befähigen. Gerade vor diesem Hintergrund ist eine gemeinsame europäische Energie- und Klimastrategie nicht nur ein ökologisches Gebot, sondern auch ein geopolitisches Projekt. Sie kann die Resilienz gegenüber externen Schocks erhöhen, die Versorgungssicherheit stärken und zugleich als Motor für politische Integration und Solidarität innerhalb der EU wirken. Die deutsch-polnische Zusammenarbeit spielt dabei eine Schlüsselrolle – sowohl als Brücke zwischen unterschiedli chen energiepolitischen Kulturen als auch als Impulsgeber für eine gemeinsame, resiliente Zukunft Europas. In ihr liegt ein enormes Potenzial, das – wenn es strategisch ge nutzt wird – maßgeblich zur Beschleunigung der Transfor mation auf europäischer Ebene beitragen kann. Die kommenden zwei Jahre bis zu den nächsten Parla mentswahlen in Polen werden entscheidend dafür sein, ob dieses Potenzial strategisch genutzt wird. Es ist daher höchste Zeit, dass die vor einem Jahr gegründete deutschpolnische Arbeitsgruppe für Klima und Energie als strategische Plattform für gemeinsame Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft etabliert wird. Die vorgestellten Beispiele zeigen eindrucksvoll: Gemeinsa me Projekte zwischen Deutschland und Polen sind möglich, wenn sie auf gegenseitigem Respekt, strategischer Offen heit und dem Willen zur sozialen und ökologischen Erneue rung beruhen. 6. Ausblick Zwar unterscheiden sich die klimapolitischen Strategien beider Länder in Tempo, Instrumenten und politischen Pri oritäten – doch die gemeinsamen Herausforderungen sind unübersehbar: die sozial gerechte Gestaltung der Energiewende, die strategische Diversifizierung der europäischen 71  Polnische EU-Ratspräsidentschaft(2025): https://polish-presidency.consilium. europa.eu/en/programme/programme-of-the-presidency/. 72  Bundesministerium für Bildung und Forschung(BMBF): https://www.bne-portal. de/bne/de/einstieg/bildungsbereiche/schule/schule.html. Im Kräftefeld deutsch-polnischer Interessen 13 Über die Autorin © Stefanie Loss Sylwia Andralojc-Bodych ist Referentin für EU-Klima politik sowie für die deutsch-polnische Klimazusam menarbeit und Advocacy-Koordinatorin bei German watch e.V. In dieser Funktion und als Expertin für Klimaund Energiepolitik fördert sie den Klimadialog zwischen politischen Akteuren und europäischen Partnerstaaten, insbesondere zwischen Deutschland, Polen und Frank reich im Format des Grünen Weimarer Dreiecks. Dabei setzt sie sich für die nachhaltige und strategische Umsetzung europäischer Klimaziele und eine sozial gerechte Energiewende ein. 14 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Chancen für eine deutsch-polnische Zusammenarbeit bei der Energiewende? Aus der Serie„Im Kräftefeld deutsch-polnischer Interessen“ Die deutsch-polnischen Regierungskonsultationen am 1. Dezember 2025 bieten eine zentrale Chance, die bilaterale Klima- und Energiepolitik durch Gespräche im Rahmen der gemeinsamen Arbeitsgruppe strategisch zu stärken. Trotz unterschiedlicher Wege zur Klimaneutralität stehen beide Länder als große CO₂-Emittenten vor vergleichbaren Herausforderungen – insbesondere in den Bereichen Wärme, Verkehr und bei der sozial gerechten Ausgestaltung der Transformation. Die breite gesellschaftliche Zustimmung für Klimaschutz steht einer oft fragmentierten politischen Kommunikation gegenüber. Sozialdemokratische Kräfte wie die SPD und die Nowa Lewica bemühen sich um ein klimapolitisches Profil, das Klimaziele mit sozialer Ausgewogenheit vereint. Trotz unterschiedlicher Herangehensweisen an die Energiewende verfügen Deutschland und Polen über großes Potenzial für gemeinsame klimapolitische Projekte, die soziale Gerechtigkeit, Wettbewerbsfähigkeit, Energiesicherheit und Klimaschutz miteinander verbinden. Ungeachtet politischer Differenzen zeigt sich, wie gemeinsame Initiativen den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa stärken können. Weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier: ↗ www.fes.de/publikationen